Skript PI
Skript PI
Physik I
Mechanik und Wärmelehre
Wintersemester 2009/2010
Ruhr-Universität Bochum
Diese Notizen sind aus der Vorlesung ”Physik I für Physiker, Mechanik
und Wärmelehre” im Wintersemester 2006/07 entstanden. Als Grundlage
wurden die Bücher Halliday, Resnick, Walker Physik, Tipler, Mosca Physik
für Naturwissenschaftler und Ingenieure, Demtröder Experimentalphysik I,
Dransfeld, Kienle, Vonach Physik I, Magnus, Müller Grundlagen der Techni-
schen Mechanik, Reif Statistische Physik und Theorie der Wärme verwendet.
Diese Notizen sollen und können natürlich diese Bücher nicht ersetzen und
verstehen sich als Ergänzung.
Mein Dank gilt Lyudmyla Byelykh für das Anfertigen der Bilder.
2
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung 6
1.1 Was ist Physik? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6
1.2 Maßeinheiten der Physik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12
1.2.1 Längen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12
1.2.2 Zeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12
1.2.3 Masse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14
1.3 Messen physikalischer Größen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14
1.3.1 SI-System, Umrechnung von Einheiten . . . . . . . . . 15
1.3.2 Messgenauigkeit und Messfehler . . . . . . . . . . . . . 15
2 Mechanik 20
2.1 Mechanik eines Massenpunktes . . . . . . . . . . . . . . . . . 20
2.1.1 Bewegung eines Massenpunktes . . . . . . . . . . . . . 21
2.1.2 Kräfte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
2.1.3 Arbeit und Energie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51
2.1.4 Gravitation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
2.2 Systeme von Massenpunkten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68
2.2.1 Schwerpunkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68
2.2.2 Kraft und Impuls . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68
2.2.3 Stoßprozesse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72
2.2.4 Streuung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79
2.3 Bezugssysteme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87
2.3.1 Galilei-Transformation . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87
2.3.2 Beschleunigte Bezugssysteme . . . . . . . . . . . . . . 89
2.3.3 Spezielle Relativitätstheorie . . . . . . . . . . . . . . . 93
2.4 Ausgedehnte starre Körper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112
2.4.1 Translation und Rotation . . . . . . . . . . . . . . . . 112
2.4.2 Drehmoment und Drehimpuls . . . . . . . . . . . . . . 113
2.4.3 Die kinetische Energie der Rotation . . . . . . . . . . . 122
2.4.4 Kinematik der Rotation . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
2.5 Reale Körper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137
3
INHALTSVERZEICHNIS INHALTSVERZEICHNIS
3 Wärmelehre 228
3.1 Kinetische Gastheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 228
3.1.1 Mikroskopische Definition der Temperatur . . . . . . . 228
3.1.2 Verteilungsfunktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 231
3.1.3 Temperatureinheiten und ihre Messung . . . . . . . . . 234
3.2 Wärme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237
3.2.1 Wärmemenge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237
3.2.2 Die spezifische Wärmekapazität . . . . . . . . . . . . . 239
3.3 Wärmetransport . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 246
3.3.1 Wärmeleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 246
3.3.2 Wärmestrahlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 252
3.4 Hauptsätze der Wärmelehre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 255
3.4.1 Zustandsgrößen, Zustandsänderungen . . . . . . . . . . 255
3.4.2 Der erste Hauptsatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 257
3.4.3 Der zweite Hauptsatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 264
3.4.4 Die Entropie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 271
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INHALTSVERZEICHNIS INHALTSVERZEICHNIS
A Formelsammlung 321
B Konstanten 325
C Fragenkatalog 326
C.1 Kapitel 1: Was ist Physik ? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 326
C.2 Kapitel 2: Mechanik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 326
C.2.1 Bewegung eines Massenpunktes . . . . . . . . . . . . . 326
C.2.2 Systeme von Massenpunkten . . . . . . . . . . . . . . . 327
C.2.3 Bezugssysteme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 327
C.2.4 Ausgedehnte starre Körper . . . . . . . . . . . . . . . . 327
C.2.5 Reale Körper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 328
C.2.6 Transport . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 328
C.2.7 Schwingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 329
C.2.8 Wellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 329
C.3 Kapitel 3: Wärmelehre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 330
C.3.1 kinetische Gastheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 330
C.3.2 Wärme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 330
C.3.3 Wärmetransport . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 330
C.3.4 Hauptsätze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 331
C.3.5 Reale Gase . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 331
5 c
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Kapitel 1
Einleitung
6
KAPITEL 1. EINLEITUNG 1.1. WAS IST PHYSIK?
erforderlich machen. Ein berühmtes Beispiel dafür ist die Entwicklung der
Quantenmechanik zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Dieser Erkenntnisprozeß in der Physik soll an zwei Beispielen illustriert
werden.
Die Betrachtung der Sterne war schon seit Anbeginn Ansporn für die
Wissenschaftler Vorgänge in der Natur genauer zu verstehen und zu erfassen.
Der Fixsternhimmel zieht dabei gleichmäßig über das Firmament, wobei vor
diesem Hintergrund Sonne, Mond und Planeten ihre Bahnen ziehen. Bei der
direkten Beobachtung dieser Planetenbewegungen fielen den Menschen schon
früh zwei Besonderheiten auf:
• die Planeten Venus und Merkur sind nur am Abend und am Morgen
sichtbar, bzw. sie befinden sich immer in der Nähe der Sonne. Die
anderen Planeten, Mars, Jupiter und Saturn können je nach Stand der
Planeten während der ganzen Nacht beobachtet werden.
7 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
1.1. WAS IST PHYSIK? KAPITEL 1. EINLEITUNG
Jupiter
Venus
Erde Merkur
Saturn
Mars
zu sehen sind erfordert eine sehr genaue Überlagerung der Bewegung auf dem
Kreis und seinen Epizyklen. Das Modell von Ptolemäus hatte erstaunliche
Vorhersagekraft. So kann es den Verlauf der Planeten mehrere hundert Jahre
im Voraus im Rahmen der Beobachtungsgenauigkeit korrekt vorhersagen.
Nikolaus Kopernikus (1473-1543) hat wiederum die Sonne in den Mit-
telpunkt gestellt, beließ aber die Beschreibung der Bewegung mittels Kreis-
bahn und Epizyklus. Durch diese Änderung des Mittelpunktes ließ sich die
Tatsache, daß Venus und Merkur nur nahe der Sonne zu finden sind wieder
einfach erklären. Kopernikus benötigte aber die Epizyklen um die genaue
Bahn der Planeten beschreiben zu können. So ist zum Beispiel das Winter-
halbjahr etwas kürzer als das Sommerhalbjahr auf der Erde. Damit bewegt
sich die Erde nahe der Sonne schneller auf ihrer Umlaufbahn als weiter ent-
fernt.
Johannes Kepler (1571-1630) hat auf der Basis der Beobachtungsdaten
von Tycho Brahe (1546-1601) schließlich korrekt festgestellt, daß die Pla-
neten nicht auf Kreisbahnen, sondern auf Ellipsen die Sonne umkreisen. Die
Sonne befindet sich hierbei in einem der Brennpunkte dieser Ellipse (siehe
Abb. 1.1.3). Damit lassen sich die Schwankungen in den Umlaufgeschwindig-
keiten genau erklären. Dies machte die Einführung der Epizyklen überflüssig.
Durch die genaue Beobachtung der Planetenbewegung stellte Kepler mehre-
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 8
KAPITEL 1. EINLEITUNG 1.1. WAS IST PHYSIK?
Mars
Epizyklus
Erde
re Gesetze auf, die unter anderem die Umlaufzeiten der einzelnen Planeten
und den Durchmesser ihrer Umlaufbahn in Beziehung zueinander stellen.
Die Umlaufzeiten T von zwei Planeten 1 und 2 verhalten sich zu den Großen
Halbachsen a der Ellipsen ihrer Umlaufbahn wie:
T12 a31
= (1.1.1)
T22 a32
Dieses Gesetz besitzt universelle Gültigkeit für alle Planeten.
Isaac Newton (1643-1727) erkannte schließlich, dass die Massenanzie-
hung von zwei Körpern auf der Erde auch die Bewegung der Planeten um
die Sonne richtig beschreibt. Er konnte mehrere Phänomene (der freie Fall
und die Planetenbewegung) auf die Wirkung von ein und derselben Kraft
zurückführen, der Gravitation. Die Abhängigkeit der Stärke dieser Kraft vom
Abstand zweier Körper konnte Newton aus den Keplerschen Gesetzen für die
Planetenbewegung ableiten. Diese Gravitationskraft ergab:
mP lanet MSonne ~r
F~Gravitation = −G (1.1.2)
R2 R
wobei G die Gravitationskonstante (6.67×10−11 Nm2 kg−2 ) ist, mP lanet und
MSonne die Masse von Planet und von Sonne und R der Abstand Sonne
Planet ist. Wendet man die Newton’schen Axiome der Mechanik auf die
Planetenbahn an, die sich unter dem Einfluss der Gravitationskraft der Sonne
9 c
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1.1. WAS IST PHYSIK? KAPITEL 1. EINLEITUNG
befindet, so erhält man die Beziehung 1.1.1, wie weiter unten beschrieben
wird.
Erde
Sonne
c
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KAPITEL 1. EINLEITUNG 1.1. WAS IST PHYSIK?
war dafür die Beschreibung der Bahn von Flugkörpern im Schwerefeld der
Erde (Beispiel Kanonenkugel).
Um die Bewegung eines Körpers im Schwerefeld der Erde zu untersuchen
ist der freie Fall die denkbar einfachste Anordnung. Hierbei zeigt sich aller-
dings, daß die an sich so einfache Aufgabenstellung nicht einfach in einem
Experiment nachgebildet werden kann. Stellt man sich auf einen hohen Turm
und läßt mehrere unterschiedliche Körper zu Boden fallen, so wird man fest-
stellen, daß diese zu sehr unterschiedlichen Zeiten auf den Boden auftreffen.
So fällt ein Stein schneller als ein Blatt Papier.
Bei dieser Experimentanordnung wird die Luftreibung nicht ausgeschlos-
sen. Würde man den freien Fall im luftleeren Raum durchführen so beobach-
tet man, daß alle Körper zum selben Zeitpunkt den Erdboden erreichen. Die
Fallzeit ist unabhängig von der Masse des Körpers und von deren Form und
Beschaffenheit, wie es Galileo postuliert hatte.
x Galileo
Messwerte
Abbildung 1.1.4: Das Gesetz des freien Falls läßt sich nur im luftleeren
Raum eindeutig beobachten. Kommt die Luftreibung hinzu werden im Weg-
Zeit-Diagramm deutliche Abweichungen davon beobachtet.
Trägt man die zurückgelegte Entfernung gegenüber der Zeit auf, wie in
Abb. 1.1.4 dargestellt, so stellt man fest, daß bei einem Experiment unter
Luftreibung, also das Beispiel mit dem Turm, die Messwerte deutlich von der
Vorhersage Galileos abweichen. Nach dieser Vorhersage ist die zurückgelegte
Strecke x nach einer Zeit t:
1
x = gt2 (1.1.3)
2
11 c
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1.2. MASSEINHEITEN DER PHYSIK KAPITEL 1. EINLEITUNG
1.2.1 Längen
Die Einheit für die Länge hatte sich in der Historie immer an natürlichen
Größenskalen der menschlichen Erfahrung orientiert, wie der Elle, das Fuß
etc. 1875 wurde jedoch das Meter als Einheit definiert, wobei die ur-
sprüngliche Vorgabe war den 1/40.000.000 Teil des Erdumfangs zu nehmen.
Dieser Urmeter aus einer Metalllegierung wurde danach in Paris aufbewahrt
und zur Eichung entsprechender Maßstäbe herangezogen.
Ab 1983 ist allerdings die Möglichkeit Zeiten zu messen sehr weit fortge-
schritten (siehe unten), so daß die Längenmessung sehr viel genauer wurde,
wenn man sie auf eine Zeitmessung reduzierte. Da die Lichtgeschwindig-
keit eine feste Naturkonstante ist, wurde die Einheit Meter auf die Strecke
festgelegt, die ein Lichtblitz in 1/299792458 s durchläuft (siehe Abb. 1.2.5).
Größenskalen in der Natur reichen von 10−18 m, einem Attometer, für
die Ausdehnung eines Elektrons, bis zu 3 × 1025 m für die Ausdehnung des
Weltalls.
1.2.2 Zeiten
Die Messung von Zeiten hatte historisch große Bedeutung, da es für die Navi-
gation unerlässlich war eine genaue Zeitmessung durchführen zu können. Der
Längengrad war nur dann eindeutig definiert, wenn man den Höchststand der
Sonne zu Mittag mit der Zeit einer Uhr vergleicht. Reist man von Europa
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 12
KAPITEL 1. EINLEITUNG 1.2. MASSEINHEITEN DER PHYSIK
Lichtquelle Detektor
nach Amerika und stellt seine Uhr nicht nach, so ist der Zeitpunkt der Mit-
tagssonne nach dieser Uhr immer später, je weiter man nach Westen fährt.
Dieser Vergleich zeigt einem genau auf welchem Längengrad man sich befin-
det.
Nach den mechanischen Zeitmessern, waren elektronische Zeitmesser lan-
ge Zeit Standard. Hierbei wird ein Kristall in einem elektrischen Feld zu
Schwingungen angeregt. Seine Eigenfrequenz gilt als Taktgeber einer Uhr.
Die präzistesten Uhren sind allerdings Atomuhren, wie schematisch in Abb.
1.2.6 illustriert ist. Dies soll am Beispiel der Cäsiumuhr erläutert werden.
Ein Cäsiumatom besitzt ein magnetisches Moment, gleich einer Kom-
paßnadel. In einem inhomogenen Magnetfeld erfährt es je nach Orientierung
eine anziehende bzw. abstoßende Kraft. Damit läßt sich mittels eines speziell
gestalteten Magnetfeldes eine magnetische Linse erzeugen, ähnlich einer op-
tischen Linse für Lichtstrahlen. Der Brennpunkt dieser Linse hängt von dem
magnetischen Moment der Teilchen ab, die sie fokussieren soll. Dies ist ana-
log zur Optik bei der der Brennpunkt in der Regel auch von der Wellenlänge
oder Farbe des Lichts abhängt (chromatische Aberration).
In einem Ofen wird ein Atomstrahl aus Cäsiumatomen erzeugt, die eine
erste magnetische Linse durchlaufen. In dem Brennpunkt der ersten Linse be-
findet sich ein Resonator, der bei der Einstrahlung eines elektromagnetischen
Feldes passender Frequenz, das magnetische Moment dieser Cäsiumatome
ändern kann (Hyperfeinstrukturaufspaltung F = 3 → F = 4). Damit ändert
sich der Brennpunkt der zweiten magnetischen Linse und der Detektor, der
in dem Brennpunkt der zweiten Linse sitzt, wird erreicht. Stimmt die Fre-
quenz allerdings nicht, so bleibt das magnetische Moment des Cäsiumatoms
konstant und die Atome werden auf einen Ort vor bzw. hinter dem Detektor
fokussiert. D.h. das Detektorsignal bleibt klein. Koppelt man das Signal die-
ses Detektors mit dem Frequenzgenerator, der das elektromagnetische Feld
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1.3. MESSEN PHYSIKALISCHER GRÖSSEN KAPITEL 1. EINLEITUNG
im Resonator erzeugt, so erhält man ein Frequenznormal, das auf die Reso-
nanzfrequenz 9192,631770 MHz des Übergangs im Cäsiumatom abgestimmt
ist.
Frequenzgenerator
B B
Detektor
Cäsium-
quelle
1. magn. Resonator 2. magn.
Linse Lins
Die Einheit der Zeit ist die Sekunde entsprechend 1/9192631770 s der
Schwingungsperiode der Cäsiumuhr.
1.2.3 Masse
Bei der Bestimmung der Masse wird der Vergleich zu einer Referenzmasse
herangezogen. Die Einheit ist das Kilogramm, wobei ein Urkilogramm für
die Eichung anderer Massen mittels Balkenwaage verwendet wird.
Es wurde auch versucht, das Kilogramm über die Masse eines einzel-
nen Atoms zu definieren. Hierzu muß ein Körper gefertigt werden, der ei-
ne definierte Anzahl von Atomen enthält. Der Abstand von Atomen in ei-
nem Kristall läßt sich mittels Röntgenbeugung gut bestimmen. Fertigt man
einen Körper mit genau bekannter Ausdehnung, so kann man die Zahl der
darin enthaltenen Atome aus dessen makroskopischer Geometrie ermitteln.
Die Fertigungsmöglichkeiten für diesen Körper erreichen allerdings zur Zeit
noch nicht eine Güte, die die Genauigkeit gegenwärtiger Massestandards
überbietet.
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 14
KAPITEL 1. EINLEITUNG 1.3. MESSEN PHYSIKALISCHER GRÖSSEN
• systematische Fehler
Systematische Fehler entstehen zum Beispiel durch die Verwendung ei-
nes falschen Maßstabes, d.h. ein Metermaß ist in Wahrheit nicht genau
ein Meter lang. Somit ergeben alle Messungen einen Wert, der um einen
konstanten Faktor von der Wahrheit abweicht. Ein weiteres Beispiel ist
die Nicht-Berücksichtigung von Effekten wie Magnetfeldern, Fehlern in
der Experimentkonzeption etc.
Bei systematischen Fehlern sind alle Messungen in gleicher Weise be-
troffen, und die unendliche Wiederholung einer Messung verbessert
nicht die Güte der Vorhersage.
• statistische Fehler
Statistische Fehler entstehen durch Schwankungen in der Durchführung
einer Messung. Durch häufiges Wiederholen einer Messung läßt sich der
statistische Fehler reduzieren.
15 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
1.3. MESSEN PHYSIKALISCHER GRÖSSEN KAPITEL 1. EINLEITUNG
ei = xw − xi (1.3.7)
² = xw − x̄ (1.3.8)
Der Fehler der Einzelmessung und der des Mittelwerts sind verknüpft
durch:
N N N
1 X 1 X 1 X
² = xw − x̄ = xw − xi = (xw − xi ) = ei (1.3.9)
N i=1 N i=1 N i=1
Hierbei gilt zu beachten daß die Summation über die Elemente ei ej Null
ergibt, da die Fehler der Einzelmessung unkorreliert sind, d.h. ein Fehler der
Messung i ist unabhängig vom Fehler der Messung j. Damit heben sich die
Produkte ei ej im Mittel auf.
Die sogenannten Standardabweichung des Mittelwertes σm ist definiert
als:
v
u N
√ 1 uX
σ m = ²2 = t (xw − xi )2 (1.3.11)
N i=1
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 16
KAPITEL 1. EINLEITUNG 1.3. MESSEN PHYSIKALISCHER GRÖSSEN
1
σm = √ σ (1.3.13)
N
D.h. falls eine einzelne Messung 5% Fehler (σ) hat, so benötigt man 100
Messungen um den Fehler für den Mittelwert (σm ) auf 0.5% zu reduzieren.
Im allgemeinen ist allerdings der wahre Wert für x nicht bekannt, sondern
es läßt sich nur durch eine endliche Anzahl von Messungen ein Mittelwert
bilden. Wie ist dann die Standardabweichung zu ermitteln? Betrachten wir
zunächst die Abweichung ∆xi einer einzelnen Messung i vom Mittelwert x̄:
N N
1 X 1 X
2
h∆x i = 2
∆xi = (ei − ²)2 (1.3.15)
N i=1 N i=1
N N
1 X 2 1 X
= e − 2² ei +²2 =
N 1 i N i=1
i=
| {z }
=²
N
X
1
= e2 − ²2 = σ 2 − σm
2
N i=1 i |{z}
2
| {z } σm
σ2
N
X N
1 1 X
= (xw − xi )2 − (xw − xi )2 (1.3.16)
N i=1
N 2 i=1
Man bekommt:
N
1 X
2
h∆x i = (x̄ − xi )2 (1.3.17)
N i=1
17 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
1.3. MESSEN PHYSIKALISCHER GRÖSSEN KAPITEL 1. EINLEITUNG
µ ¶ N
1 1 X
= − 2 (xw − xi )2
N N
| {z } |i=1 {z }
N −1
= N σ2
N2
N −1 2
= σ
N
Setzt man für h∆x2 i
N
1 X
h∆x2 i = (x̄ − xi ) (1.3.18)
N i=1
ein, läßt sich dies wieder nach der Standardabweichungen σ und σm
auflösen via:
v
u
p u 1 X
N
σ = he2 i = t (x̄ − xi )2 (1.3.19)
N − 1 i=1
v
u
√ u 1 X N
σm = ²2 = t (x̄ − xi )2 (1.3.20)
N (N − 1) i=1
Bei diesen Ausdrücken wird alles von dem gemessenen Mittelwert x̄ ab-
geleitet. Für N → ∞ gehen die Gleichungen 1.3.11 und 1.3.12 in 1.3.19 und
1.3.20 über.
Fehlerfortpflanzung
Oftmals setzt sich das Ergebnis einer Messung aus einer Anzahl von einzel-
nen Größen zusammen. Wie groß ist jetzt der Fehler des Ergebnisses, wenn
man zunächst nur den Fehler der Eingangsgrößen kennt? Betrachten wir da-
zu eine Messung einer Größe y, die von den Eingangsgrößen xi abhängt;
y(x1 , x2 , x3 , ...). Der Fehler in der Größe y bestimmt sich dann aus den parti-
ellen Ableitungen und den Fehlern der Eingangsgrößen ∆x1 , ∆x2 etc., gemäß:
sµ ¶2 µ ¶2 µ ¶2
dy dy dy
∆y = ∆x1 + ∆x2 + ∆x3 + ... (1.3.21)
dx1 dx2 dx3
Grundsätzlich gibt man die Genauigkeit eines Ergebnisses immer auf die-
jenige Anzahl der Stellen nach dem Komma an, die dem ungenauesten Wert
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 18
KAPITEL 1. EINLEITUNG 1.3. MESSEN PHYSIKALISCHER GRÖSSEN
für eine Eingangsgröße entspricht. D.h. ist eine der Eingangsgrößen nur auf
eine Nachkommastelle bekannt, so ist das Ergebnis für ∆y auch nur auf eine
Nachkommastelle genau anzugeben.
19 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
Kapitel 2
Mechanik
Die Mechanik beschreibt die Bewegung von Körpern unter dem Einfluss von
Kräften. Das Verständnis dieser Zusammenhänge und die Vorhersage von
z.B. der Flugbahn eines Körpers auf der Erde, sei es ein Ball, Pfeil oder Ka-
nonenkugel war schon historisch von herausragender Bedeutung. Die Anfänge
der Mechanik wurden von Galileo (1564-1642) gelegt, der als der erste Expe-
rimentalphysiker gelten kann, da er durch Versuche herausgefunden hat, daß
alle Körper unter dem Einfluss der Schwerkraft eine Beschleunigung erfahren,
die unabhängig von Form und Masse des Körpers ist. Dies war entgegen der
Lehrmeinung, die auf der Idee von Aristoteles (384 - 322 v. Chr.) beruhte,
der die gleichförmige Bewegung eines Körpers als das Ergebnis des Gleich-
gewichts zwischen Antrieb und Widerstand auffasste. Nach diesem Bild war
erklärlich, warum z.B. ein Schiff, das schneller fahren sollte, eine Mannschaft
benötigt, die stärker rudert. Mit diesem Bild konnte Aristoteles allerdings
nicht den Fall eines Objektes eindeutig beschreiben, da unklar bleibt ob die
beobachtete Beschleunigung durch einen größeren Antrieb oder einen gerin-
geren Widerstand hervorgerufen wurde.
20
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES
∆x = x2 − x1 (2.1.1)
Die Bewegung entspricht der Verschiebung des Ortes um ∆x in einem
Zeitraum ∆t.
x1 x2
-2 -1 0 1 2 3 x
Aus der Art dieser Verschiebung lassen sich jetzt mehrere Größen ableiten.
• mittlere Geschwindigkeit
Die mittlere Geschwindigkeit ist definiert als die Änderung ∆x des
Ortes pro Zeitraum ∆t
∆x
vm = (2.1.2)
∆t
Diese Geschwindigkeit kann positiv oder negativ sein, je nachdem ob
∆x ein positives oder negatives Vorzeichen hat.
• momentane Geschwindigkeit
Die momentane Geschwindigkeit erhält man, wenn man den Grenzfall
kleiner Zeiträume ∆t betrachtet:
∆x dx
v = lim = (2.1.3)
∆t→0 ∆t dt
Diese momentane Geschwindigkeit entspricht der Ableitung des Ortes
nach der Zeit.
21 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK
x
x2
dx
x (t )
dt
x1
t0 t
t1
V
dx
v (t )
dv dt
dt
t0 t1 t
d 2x
a (t )
dt 2
t
t0 t1
• mittlere Beschleunigung
Nach demselben Muster läßt sich die mittlere Beschleunigung definieren
als der Unterschied in der Geschwindigkeit pro Zeitraum ∆t:
∆v
am = (2.1.4)
∆t
• momentane Beschleunigung
Auch hier entspricht der Grenzwert kleiner Zeiträume ∆t der momen-
tanen Beschleunigung:
∆v dv
a = lim = (2.1.5)
∆t→0 ∆t dt
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 22
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES
d2 x
a= (2.1.7)
dt2
Ein typischer Zusammenhang zwischen Ort, Geschwindigkeit und Be-
schleunigung ist in Abb. 2.1.2 gezeigt.
Im folgenden wollen wir den Sonderfall einer gleichmäßig beschleunigten
Bewegung auf zwei Arten betrachten:
v − v0 v − v0
a= = (2.1.8)
t − t0 t
Dies läßt sich auflösen zu:
v = v0 + at (2.1.9)
x − x0 x − x0
vm = = (2.1.10)
t − t0 t
Aufgelöst nach dem Ort x ergibt sich:
x = x0 + v m t (2.1.11)
1
vm = (v0 + v) (2.1.12)
2
ergibt sich schließlich der Ausdruck:
23 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK
1
x − x0 = v0 t + at2 (2.1.13)
2
d2 x
a= (2.1.14)
dt2
aus. Zunächst integrieren wir beide Seiten über die Zeit und erhalten.
Z t Z
d2 x
adt = dt (2.1.15)
0 dt2
dx
at = +c1 (2.1.16)
dt
|{z}
=v
dx
at = − v0 (2.1.17)
dt
Wir integrieren ein zweites mal
Z t Z Z t
dx
at = dt − v0 (2.1.18)
0 dt 0
und bekommen
1 2
at = x + c2 − v0 t (2.1.19)
2
mit der Integrationskonstanten c2 . Mit der Anfangsbedingung x(t =
0) = x0 ergibt sich c2 = −x0 . D.h. man bekommt schließlich:
1
x − x0 = at2 + v0 t (2.1.20)
2
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 24
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES
x, v, a
x(t )
v(t )
a (t )
Man erkennt, daß beide Wege zu dem identischen Ergebnis führen. Die
Variation von x, v und a nach Gl. 2.1.20 erfolgt wie in Abb. 2.1.3 veran-
schaulicht.
Die quadratische Abhängigkeit des Ortes von der Zeit läßt sich in einem
einfachen Experiment veranschaulichen, wie es schon Galilei durchgeführt
hat. Man hängt vier Kugeln in quadratischem Abstand an einer Schnur. Läßt
man diese Kugeln gleichzeitig zu Boden fallen, so kommen sie in regelmäßigen
Abständen am Boden an, wie in Abb. 2.1.4 veranschaulicht ist.
• Definition
Ein Vektor ist durch seine drei Komponenten x, y und z wie
in Abb. 2.1.5 definiert.
x
~r = y (2.1.21)
z
oder
25 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK
16 04
03
8
1 2 3 4 t
4 02
1 01
~a + ~b = ~c (2.1.24)
cx ax + bx
cy = ay + by (2.1.25)
cz a z + bz
Als Beispiel für die Addition von Vektoren sei ein Flugzeug
gegeben, das sich mit einer Geschwindigkeit bezüglich einer
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 26
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES
&
ez
y &
& e
ex y
x
~a − ~b = ~c (2.1.26)
cx ax − bx
cy = ay − by (2.1.27)
cz az − bz
• Skalarprodukt
Das Skalarprodukt entspricht der Projektion zweier Vekto-
ren aufeinander. Das Ergebnis des Skalarproduktes ist eine
Zahl.
27 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK
&
b
&
a &
c N
& & &
a b c VFlugzeug relativ
zum Boden
&
b 0
VWind
& &
c a VFlugzeug relativ
zum Wind
~a · ~b = ax bx + ay by + az bz (2.1.30)
Das Skalarprodukt ist kommutativ, d.h. es gilt:
~a · ~b = ~b · ~a (2.1.31)
Ein Skalarprodukt wird immer verwendet um einen Aus-
druck bezüglich einer Richtung zu erhalten. Ein Beispiel ist
die Arbeit als das Skalarprodukt aus Kraft mal Weg. Erfolgt
der Weg senkrecht zur wirkenden Kraft, so muß keine Arbeit
geleistet werden.
• Kreuzprodukt
Das Kreuzprodukt entspricht dem Flächeninhalt des durch
die Vektoren aufgespannten Parallelogramms. Das Ergebnis
ist ein Vektor ~c, der senkrecht auf der Ebene steht die die
Vektoren ~a und ~b aufspannen.
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 28
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES
~a × ~b = ~c (2.1.32)
&
& c &
a b
M M
& &
b a
& & & & & & & & &
a b M
a b cos a b a b sin M cu
&& &
c A a und b
ax bx ay bz − az by
ay × by = az bx − ax bz (2.1.34)
az bz ax by − ay bx
Es gilt zu beachten, daß das Kreuzprodukt nicht kommutativ
ist. D.h. es muß gelten:
~a × ~b = −~b × ~a (2.1.35)
29 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK
z
&
v
& a&
r0 Bahnkurve
~¨r = ~a (2.1.36)
Aufgelöst nach den einzelnen Koordinaten des Ortsvektors ist dies ẍ = ax ,
ÿ = ay und z̈ = az . Integriert man Gl. 2.1.36, so bekommt man
Z
~¨rdt = ~r˙ = ~v (2.1.37)
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 30
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES
Auch hierbei entsteht eine Integrationskonstante c, die sich aus der An-
fangsbedingung, dem Ort zum Zeitpunkt t = 0 ableiten läßt. Man bekommt
c = ~r0 und damit:
1
~r = ~at2 + ~v0 t + ~r0 (2.1.41)
2
Nach Komponenten aufgelöst ergibt sich:
1 2
x(t) = ax t + v0,x t + x0 (2.1.42)
2
1 2
y(t) = ay t + v0,y t + y0 (2.1.43)
2
1 2
z(t) = az t + v0,z t + z0 (2.1.44)
2
Wir wollen jetzt zwei Beispiele für eine beschleunigte Bewegung diskutie-
ren:
1
z(t) = − gt2 + h (2.1.45)
2
Der Ball trifft auf den Boden für z = 0. D.h. man bekommt für die
Fallzeit t
µ ¶1/2
2h
t= (2.1.46)
g
31 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK
z z
h h
&
g
y t
x 1 2
z gt h
2
z
&
v0
M v0z
v0x
h
xs xw x
Ein Werfer habe die Höhe h und wirft einen Ball unter einem Win-
kel φ zum Erdboden, mit der Geschwindigkeit v0 ab. Die Anfangs-
Geschwindigkeit entlang des Erdbodens ist v0x und entlang der z-
Koordinate v0z . Die Erdbeschleunigung wirke in z-Richtung. Sie zeigt
nach unten aErdbeschleunigung = −g. Mit diesen Anfangsbedingungen läßt
sich Gl. 2.1.41 für die drei Koordinaten schreiben als:
x = v0x t (2.1.47)
y = 0 (2.1.48)
1
z = − gt2 + v0z t + h (2.1.49)
2
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 32
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES
Diese Gleichungen beschreiben jetzt, wie sich der Ort ~r = (x, y, z) des
Balls mit der Zeit ändert. Aus diesen Gleichungen läßt sich t = vx0x
eliminieren und man bekommt einen Zusammenhang zwischen z und x
von:
1 g 2 v0z
z(x) = − 2
x + x+h (2.1.50)
2 v0x v0x
Man erkennt das die Höhe der Wurfbahn proportional zum Quadrat
des Ortes auf dem Erdboden ist. Man spricht deshalb von einer Wurf-
parabel. Mit dieser Gleichung lassen sich die Fragen von oben jetzt
beantworten.
dz g v0z
=0=− 2 x+ (2.1.51)
dx v0x v0x
Der Scheitelpunkt xs der Wurfparabel ist damit:
1 g 2 v0z
0=− 2
xW + xW + h (2.1.53)
2 v0x v0x
Dies läßt sich nach xW auflösen zu:
"µ ¶2 #1/2
v0x v0z v0x v0z 2v 2
xW = ± + 0x h (2.1.54)
g g g
Nur das ”+”-Zeichen ergibt hier eine sinnvolle Lösung. Ersetzt
man v0z v0x = 12 v02 sin φ so bekommt man schließlich:
33 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK
" µ ¶1/2 #
v02 2gh
xW = sin 2φ 1 + 1 + 2 2 (2.1.55)
2g v0 sin φ
Für h = 0 wird xw = 2xs . Für beliebige Werte von h muß man den
Ausdruck 2.1.55 für eine Variation von φ maximieren. Typische
Trajektorien sind in Abb. 2.1.11 gezeigt.
z
2
45 q
h
3
xs x
Abbildung 2.1.11: Der schräge Wurf. Ist die Abwurfhöhe die selbe wie
die Landehöhe, so ist der optimale Winkel 45 Grad. Wirft man von einem
erhöhten Punkt ab, so ist der optimale Winkel etwas kleiner.
Der schräge Wurf läßt sich gut als Überlagerung einer gleichförmigen
Bewegung und einer beschleunigten Bewegung veranschaulichen. Die
Bewegung nach Koordinaten aufgelöst war:
x = v0x t (2.1.56)
y = 0 (2.1.57)
1
z = − gt2 + v0z t + h (2.1.58)
2
Die Anteile in x und z mit v0x und v0z entsprechen der gradlinigen
Bewegung. D.h. wirkt keine Beschleunigung, so erfolgt eine gradlini-
ge Bewegung in der entsprechenden Richtung. Dem überlagert ist die
Beschleunigung gemäß g.
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 34
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES
v x
& &
v T v
y & v
& a
r y
T
&
r
x
v dy v dx
~a = − ~ex + ~ey (2.1.61)
r |{z}
dt r |{z}
dt
v cos Θ −v sin Θ
oder
v2 v2
~a = − cos Θ~ex − sin Θ~ey (2.1.62)
r r
35 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK
Die Richtung von ~a zeigt genau in -r-Richtung wegen der Anteile cos Θ
für die x- und sin Θ für die y-Richtung. Der Betrag von ~a ist:
qv2 p 2 v2
|~a| = cos Θ + sin2 Θ =
a2x + a2y = (2.1.63)
r r
Man bezeichnet ~a als Zentripetalbeschleunigung (”zum Zentrum stre-
bend”).
Alternativ zu dieser Ableitung der Zentripetalbeschleunigung, wollen
wir dasselbe noch einmal unter Verwendung der Winkelgeschwindigkeit
durchführen.
&
v
M ds
R
∆s
v= (2.1.64)
∆t
Die Wegstrecke ∆s auf der Kreisbahn, läßt sich für kleine Winkel ∆ϕ
ausdrücken als:
∆s = ∆ϕR (2.1.66)
damit wird die Geschwindigkeit:
∆s ∆ϕ
=R v= = Rω (2.1.67)
∆t ∆t
ω ist die sogenannte Winkelgeschwindigkeit. Die Bewegung eines
Punktes auf dem Kreis in der xy-Ebene läßt sich jetzt schreiben als:
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 36
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES
µ ¶
R cos ωt
~r = (2.1.68)
R sin ωt
Die Geschwindigkeit auf diesem Kreis ist die Ableitung des Ortes nach
der Zeit:
µ ¶
−Rω sin ωt
~v = (2.1.69)
Rω cos ωt
und schließlich die Ableitung der Geschwindigkeit nach der Zeit die Be-
schleunigung:
µ ¶
−Rω 2 cos ωt
~a = = −ω 2~r (2.1.70)
−Rω 2 sin ωt
d.h. die Beschleunigung zeigt immer entgegen des Radiusvektors, also
immer in Richtung Mittelpunkt. Dies ist die Zentripetalbeschleunigung.
Im allgemeinen Fall ist die Winkelgeschwindigkeit, die die Geschwindig-
keit auf der Bahn und der Radius verknüpft durch:
~v = ω
~ × ~r (2.1.71)
Hierbei wird die Winkelgeschwindigkeit als Vektor definiert, der immer
senkrecht auf der Bewegungsebene steht, wie in Abb. 2.1.14 verdeutlicht.
&
Z &
&
v Z &
& v
r
& & &
v Z u r &
D r
& &
v
r
&
Z
37 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK
~r × ~v = ω
~ (~r · ~r) − ~r (~r · ω
~) (2.1.73)
| {z }
=0,~
r⊥~
ω
für ~r ⊥ ω
~ . D.h.
1
ω
~ =
(~r × ~v ) (2.1.74)
r2
Falls ~r nicht senkrecht auf ω
~ steht, gilt diese Beziehung nicht.
Die Zentripetalbeschleunigung wird oftmals mit der Zentrifugalbe-
schleunigung verwechselt (siehe Abb. 2.1.15). Beide unterscheiden sich wie
folgt: Die Zentripetalbeschleunigung ist eine Beschleunigung die ein exter-
ner Beobachter wahrnimmt, da der Körper keiner geradlinigen Bewegung
folgt sondern einen Kreis beschreibt. Die Zentripetalbeschleunigung ist zum
Zentrum des Kreises gerichtet. Die Zentrifugalbeschleunigung sieht ein Be-
obachter, der sich mit dem Kreis mit bewegt. Für ihn wird eine Scheinkraft
spürbar, die ihn nach außen treibt. Die Zentrifugalbeschleunigung ist radial
nach außen gerichtet. Diese unterschiedlichen Sichtweisen werden noch im
Kapitel Bezugssysteme näher erläutert.
2.1.2 Kräfte
Die Newton’schen Axiome
Bislang haben wir immer die Beschleunigung eines Körpers als gegeben be-
trachtet. Die Ursache für die Beschleunigung sind Kräfte. Newton postu-
lierte das die Ursache für diese Kräfte die Wechselwirkung dieser Körper
untereinander ist. So ist die Schwerkraft eine Wechselwirkung zwischen der
Masse eines Körpers und der Masse der Erde. Neben dieser Gravitations-
kraft gibt es die elektrostatische Kraft und die starke Wechselwirkung, die
die Atomkerne zusammenhält.
Auch eine Kraft wird als Vektor beschrieben, da sie die Richtung der ent-
sprechenden Beschleunigung vorgibt. Am Beispiel der Schwerkraft soll dies
erläutert werden. Die Erde läßt sich als Massenpunkt mit Masse M beschrei-
ben, der im Zentrum eines Koordinatensystems sitzen soll. Am Ort ~r befindet
sich ein Körper der Masse m. Die Erde übt eine Schwerkraft entsprechend
einer Gravitationskonstante G aus mit:
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 38
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES
&
v
a z
Zentripetalbeschleunigung
x
Beobachter ruht
&
v
a F
Zentrifugalbeschleunigung
x
Beobachter bewegt sich mit
mM ~r
F~ = −G 2 (2.1.75)
|~r| r
D.h. in dem zentral-symmetrischen Problem des Schwerefeldes der Erde
zeigt die Schwerkraft auf einen Körper am Ort ~r immer entgegen der Rich-
tung des Ortsvektors ~r. Diese Schwerkraft kann man als kugelsymmetrisches
Kraftfeld auffassen, das die Erde umschließt und dessen Stärke quadratisch
mit dem Abstand abnimmt.
Die Verknüpfung zwischen Kraft und Beschleunigung hat Newton in sei-
nen drei Axiomen dokumentiert:
• 1. Axiom
Solange keine Kraft wirkt, verharrt ein Körper in Ruhe oder bei seiner
gleichförmigen gradlinigen Bewegung. Diese Bewegung sei durch die
Größe Impuls beschrieben als:
h mi
p~ = m~v kg (2.1.76)
s
• 2. Axiom
Die Ursache für eine Impulsänderung ist das Wirken einer Kraft. Diese
Kraft wird definiert als:
39 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK
m1a
m2 g
d~p h mi
F~ = kg 2 (2.1.77)
dt s
Die Einheit in der Kräfte gemessen werden ist Newton:
m
1N = kg (2.1.78)
s2
d d~v dm
~
F~ = mv = m + v (2.1.79)
dt dt dt
F~ = m~a (2.1.80)
Newton hatte bei der Verknüpfung von Kraft und Beschleunigung die
Masse als Proportionalitätskonstante identifiziert. D.h. möchte man die
gleichförmige gradlinige Bewegung eines Körpers ändern, so muß man
bei größerer Masse auch eine größere Kraft aufwenden. Die Eigenschaft
eines Körpers eine gleichförmige gradlinige Bewegung beizubehalten
bezeichnet man auch als Trägheit. Die Masse kann als Grund für die
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 40
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES
Trägheit angesehen werden und man bezeichnet sie deshalb auch als
träge Masse.
Kräfte sind vektorielle Größen für die das Superpositionsprinzip gilt.
Bei jedem Massenpunkt, der in Ruhe ist bzw. sich gleichförmig geradli-
nig bewegt, muß die Summe der Vektoren der angreifenden Kräfte Null
sein. Im folgenden wollen wir zwei Beispiele für das Superpositionsprin-
zip diskutieren:
– Kräftedreieck
Als Beispiel, sei ein Massenpunkt betrachtet auf den drei Kräfte
wirken, wie in Abb. 2.1.17 illustriert. Die drei Kräfte stehen in
einem Verhältnis von 5:4:3. Nachdem der Massenpunkt in Ruhe
ist, müssen sich die drei Kräfte zu Null addieren. Dies ist dann
der Fall, wenn der Winkel zwischen dem Vektor der Länge 3 und
dem der Länge 4 genau 90◦ beträgt, da 32 + 42 = 52 .
& & 4
F 3 F 4 5
3 & 3
F 5
32 4 2 5 2
5 4
41 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK
&
FN F y
Fy
T
Fx x
FG
Abbildung 2.1.18: Kräfte als Vektoren, Ziehen eines Schlittens.
In y-Richtung soll sich der Schlitten nicht bewegen, d.h. die Summe
der Kräfte muß Null ergeben. Dies läßt sich mit einem Kunstgriff
erzielen indem man eine neue Kraft einführt, die Normalkraft
Fnormal . Die Normalkraft ist eine Kraft, die die Unterlage auf den
Schlitten ausübt. Sie stellt sich so ein, daß die Summe der Kräfte
in y-Richtung immer Null ist.
• 3. Axiom
Falls nur zwei Körper 1 und 2 miteinander in Wechselwirkung treten,
so muß die Kraft auf den einen Körper 1 entgegengesetzt der Kraft auf
den anderen Körper 2 sein:
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 42
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES
– Die Gravitationskraft, als die Kraft, die durch Anziehung der Mas-
sen zweier Körper entsteht.
– Die elektrostatische Kraft, als die Kraft, die Ladungen aufeinander
ausüben.
– Die starke Kernkraft, die den Zusammenhalt von Nukleonen im
Atomkern vermittelt.
– Die schwache Kraft, die bei dem β-Zerfall von radioaktiven Kernen
sichtbar wird.
FN
FG FG
FG
43 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK
m1a1 m2 a 2
versagt und die Gondel zu Boden fällt. In welche Richtung geschieht das? In
Abb. 2.1.21 sind 4 mögliche Varianten illustriert, von denen nur eine zutrifft.
Die Gondel bewegt sich auf ihrer Kreisbahn mit einer Geschwindigkeit ~v .
Falls diese Gondel nicht durch die Kette an das Karussell gebunden wäre,
würde sie sich auf Grund ihrer Trägheit gradlinig in Richtung des momenta-
nen Geschwindigkeitsvektors bewegen. D.h. nur die Variante 4 in Abb. 2.1.21
ist korrekt.
F~ = m1~g (2.1.85)
−2
mit der Erdbeschleunigung ~g und |~g |=9.81 ms
Die Federkraft entsteht durch die elastischen Eigenschaften vieler
Festkörper. Dehnt oder staucht man ein Material, so wirkt eine rückstellende
Kraft, die in erster Näherung linear mit der Auslenkung größer wird, wie in
Abb 2.1.23 illustriert ist:
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 44
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES
1 2
3
F = −c∆x (2.1.86)
mit c der Federkonstanten.
Die Normalkraft ist eine Kraft, die eine Unterlage auf einen Körper
ausübt, damit dieser sich nur in der Ebene dieser Unterlage bewegen kann,
wie in Abb. 2.1.24 illustriert.
Bei der Reibungskraft kann man zwei Fälle unterscheiden: Haftreibung
und Gleitreibung. Reibung entsteht durch die Verzahnung zweier Oberflächen
untereinander. In erster Näherung ist die Kontaktfläche im mikroskopischen
Sinn proportional zur Kraft, die die beiden Körper aneinander presst. Diese
Kraft ist die Normalkraft. Bewegt man jetzt den Körper parallel zu der Un-
terlage, so entsteht eine bremsende Kraft, die proportional zur Normalkraft
ist, aber parallel zur Oberfläche zeigt, während die Normalkraft senkrecht zur
Oberfläche zeigt.
45 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK
r Erde
M Erde
x
x 0
Abb. 2.1.25 zeigt die Variation dieser Bremskraft für den Fall, daß wir
einen Körper mit einer kontinuierlich sich erhöhenden Kraft beginnen zu
ziehen. Im Bereich der Haftreibung erhöht sich die Bremskraft im gleichem
Maße wir die ziehende externe Kraft. D.h. der Körper bleibt in Ruhe. Ab
einer Kraft Fmax kann die mikroskopische Verzahnung des Körpers auf seiner
Unterlage die Zugkraft nicht mehr auffangen und der Übergang zur Gleitrei-
bung findet statt. Die Bremskraft bei Gleitreibung ist generell kleiner als bei
Haftreibung. Diese Bremskraft bei Gleitreibung ist auch unabhängig von der
Zugkraft und bleibt somit zeitlich konstant.
Gleitreibung und Haftreibung sind mit der Normalkraft über die Rei-
bungskoeffizienten µ verknüpft:
Fmax = µH FN (2.1.87)
FGleitreibung = µG FN (2.1.88)
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 46
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES
FN
FR F
FG
Haftreibung µH Gleitreibung µG
Stahl auf Stahl 0.7 0.6
Glas auf Glas 0.9 0.4
Teflon auf Stahl 0.04 0.04
Gummi auf Beton 1.0 0.8
FN + sin ΘF − mg = 0 (2.1.89)
in x-Richtung ergibt sich mit der Bremskraft FR
FR = −µG FN (2.1.90)
der Ausdruck:
47 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK
FR F max
Haftreibung Gleitreibung
achten, daß für das Losfahren zunächst die Haftreibung überwunden werden
muß. D.h. wir müssen zunächst µH einsetzen. Der notwendige Winkel bei
konstanter Kraft ergibt sich dann aus dem Gleichgewicht mit a = 0.
Im Unterschied zur gleichmäßigen Bewegung muß hier konstant eine Kraft
aufgebracht werden, um die ganze Zeit die Bremskraft auszugleichen.
Eine andere prominente Form von Reibung ist der Luftwiderstand. Die-
se Bremskraft ist der Bewegung entgegen gerichtet und skaliert quadratisch
mit der Geschwindigkeit v des Körpers.
1
F = CρAv 2 (2.1.92)
2
Mit einer Konstanten C für das Medium (0.4..1.0), ρ der Dichte des Me-
diums und A der Querschnittsfläche des Objektes. Betrachten wir einen fal-
lenden Körper, der durch die Luftreibung gebremst wird. Die Bewegungsglei-
chung ist:
dv 1
= mg − CρAv 2
m (2.1.93)
dt 2
Löst man diese Differentialgleichung, so erkennt man, daß für kleine Ge-
schwindigkeiten die Geschwindigkeit zunächst linear mit der Zeit ansteigt.
Für große Geschwindigkeiten nähert sich die Bewegung allerdings einer End-
geschwindigkeit, die sich aus:
1
0 = mg − CρAve2 (2.1.94)
2
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 48
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES
&
& F
& FN
FR T
&
FG
Abbildung 2.1.26: Schlitten mit Reibung.
zu
r
2mg
ve = (2.1.95)
CρA
ergibt.
49 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK
& &
g a
& &
F F
& &
ruhend im Schwerfeld v g t
beschleunigt
• Gedankenexperiment: Karussell
In dem zweiten Beispiel betrachten wir eine Gondel eines Kettenka-
russells. Auf die Gondel wirken zwei Kräfte, die ein Beobachter in die-
ser Gondel wahrnimmt: zum einen die Zentrifugalkraft, die durch die
Trägheit des Körpers auf seiner Kreisbewegung verursacht wird und
zweitens die Schwerkraft, die durch die Masse des Körpers verursacht
wird. Nachdem auch die Trägheit nach den Newton’schen Axiomen mit
der Masse verknüpft ist, könnte man hier zwischen träger und schwe-
rer Masse unterscheiden. Also eine Masse, die bei einer Beschleuni-
gung sichtbar wird und eine Masse, die bei der Gravitation sichtbar
wird. Bislang ist zwischen diesen beiden Massen noch kein Unterschied
festgestellt worden. Betrachtet man das Kräftegleichgewicht des Ket-
tenkarussells, so ist die Auslenkung der Gondel ϑ gegeben durch:
mtraege Rω 2
tan ϑ = (2.1.96)
mschwere g
Nachdem träge und schwere Masse identisch sind, kürzen sie sich her-
aus. Wäre dem nicht so, so würde das Verhältnis mtraege /mschwere von
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 50
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES
&
F Kette
& v2
Fz m
R
R
T
& &
F m g
∆W = F~ (~r)∆~r (2.1.97)
Die Arbeit ist positiv wenn die Energie des Massenpunktes zunimmt
und negativ wenn der Körper Energie abgibt. Beispiel ist die Bewegung mit
Rücken- bzw. Gegenwind. Im ersten Fall ist das Skalarprodukt aus F~ d~r po-
sitiv, während es im zweiten Fall negativ wird. Bei Rückenwind nimmt der
Körper Energie auf, seine Geschwindigkeit erhöht sich. Bei Gegenwind gibt
der Körper Energie ab, seine Geschwindigkeit erniedrigt sich.
Die Arbeit läßt sich für beliebige Wege vom Ort P1 zum Ort P2 in der
Integralform schreiben als:
51 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK
z
&
dr 2
& &
1 & F F
F x
y 1 2
x
d
Abbildung 2.1.29: Arbeit als Integral Kraft mal Weg.
Z P2
W = F~ d~r (2.1.98)
P1
a
2
b
c
1
Die Einheit der Arbeit ist Nm=J mit J, dem Joule. Die geleistete Arbeit
pro Zeit bezeichnet man als Leistung mit der Definition:
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 52
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES
dW
P = (2.1.99)
dt
Die Einheit der Leistung ist Js−1 =W mit W, der Einheit Watt. Leistung
und Kraft sind wie folgt verknüpft:
Z Z
d r~ d d~r
P = F d~r = F~ dt = F~~v (2.1.100)
dt 0 dt dt
Für die Beschreibung der Arbeit lassen sich sog. konservativen Kraft-
feldern und nicht-konservative Kraftfelder unterscheiden.
• konservative Kraftfelder
Bei konservativen Kraftfeldern hängt die Arbeit nicht vom Weg ab, der
zwischen den Punkten P1 und P2 genommen wird; im Beispiel ist es
egal welchen Weg der Wanderer nimmt, die Arbeit die er leisten muß
ist immer gleich.
• nicht-konservative Kraftfelder
Ein Kraftfeld muß nicht immer konservativ sein. Nimmt man zum Bei-
spiel an, daß die Kraft abhängt von der Geschwindigkeit, z.B. Luftwi-
derstand, so ändert sich die geleistete Arbeit zwischen den Punkten P1
und P2 je nach gewählter Route.
Auf dem Weg von P1 nach P2 bewegt sich der Körper durch ein Kraftfeld.
Nach den Newton’schen Axiomen ist damit eine Änderung der Geschwindig-
keit verbunden gemäß:
d~v
F =m (2.1.101)
dt
Durch eine mathematische Umformung läßt sich das Integral über den
Ortsraum in ein Integral über die Zeit und schließlich in ein Integral über die
Geschwindigkeit umformen:
Z P2
W = F~ d~r
P1
Z t2 Z t2
d~r
= F~ dt = ~ v dt
F~
t1 dt
|{z} t1
=~v
Z t2
d~v
= m ~v dt
t1 dt
53 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK
konservativ konservativ
&
y F y
x x
nicht konservativ
&
y F
Z v2
1 1
= m ~v d~v = mv22 − mv12 (2.1.102)
v1 2 2
D.h. die Arbeit, die in dem Kraftfeld geleistet wird, ist verknüpft mit
einer Änderung der Geschwindigkeit des Körpers. Wir nennen den Ausdruck
1
Ekin = mv 2 (2.1.103)
2
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 54
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES
&
F
x0 x1 x
Abbildung 2.1.32: Die Arbeit, die in einen Körper gesteckt wird entspricht
einer Zunahme der kinetischen Energie.
Z Z h
W = F~ d~r = − mgdz = −mgh = Epot (0) − Epot (h) (2.1.105)
0
Setzt man Epot (0) = 0, so bekommt man schließlich für die potentielle
Energie Epot (h) = mgh. Wie wird jetzt bei der Bewegung des Körpers diese
Arbeit aufgebracht? Wir hatten die geleistete Arbeit auf dem Weg von P1
nach P2 jetzt auf zwei Arten abgeleitet. Beide Formulierungen nach Glei-
chungen 2.1.105 und 2.1.102 lassen sich zusammenfassen zu:
1 1
Epot (P1 ) − Epot (P2 ) = mv22 − mv12 (2.1.106)
2 2
55 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK
oder
1 1
Epot (P1 ) + mv12 = Epot (P2 ) + mv22 = E (2.1.107)
2 2
D.h. die Summe aus potentieller Energie und kinetischer Energie ändert
sich nicht bei einer Bewegung von P1 nach P2 . Man bezeichnet diese Summe
als Gesamtenergie E, die eine Konstante der Bewegung in einem konserva-
tiven Kraftfeld ist. Diese Gesamtenergie ist eine Erhaltungsgröße. Auf dem
Weg von P1 nach P2 wandelt sich nur potentielle in kinetische Energie um
(bzw. umgekehrt).
Im folgenden wollen wir drei Beispiele für die potentielle Energie betrach-
ten. Für die Berechnung der potentiellen Energie definiert man zunächst
einen Punkt an dem diese gleich Null sein soll. Dann wird in geeigneter Wei-
se bis zu dem Punkt integriert an dem die potentielle Energie zu bestimmen
ist.
E p
Ep m g h
Ep 0
h
E p
1 2
Ep cx
2
x
x
m E p
r
mM
r Ep G
r 1
v
M r
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 56
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES
Z h
Epot = − −mgdz = mgh (2.1.108)
0
Als Beispiel für die Anwendung des Energiesatzes der Mechanik, betrach-
ten wir einen Looping, wie er in Abb. 2.1.34 gezeigt ist. Wir stellen die Frage,
bei welcher Höhe h die Kugel starten muß, damit sie den ganzen Looping
durchläuft und nicht von der Bahn fällt.
Am höchsten Punkt des Loopings muß die Kugel eine Minimalgeschwin-
digkeit haben, die ausreicht um auf Grund der Zentrifugalkraft die Schwer-
kraft auszugleichen. D.h. für den höchsten Punkt muß gelten:
v2
mg = m (2.1.111)
R
Die Geschwindigkeit an diesem höchsten Punkt läßt sich aus der Ener-
gieerhaltung ableiten. Es gilt:
1 2 1
mv1 + mgh = mv22 + mg2R (2.1.112)
2 2
Für die potentielle Energie haben wir als Nullpunkt die untersten Punkt
des Loopings gewählt. Bei der Bewegung der Kugel wird fortwährend kineti-
sche Energie in potentielle Energie umgewandelt und umgekehrt, die Summe
bleibt konstant. Am höchsten Punkt der Kurve, hat sich die potentielle Ener-
gie gemäß Abbildung 2.1.34 um mg(h − 2R) geändert. Diese Energie steckt
jetzt in der Bewegungsenergie. Falls die Kugel in Ruhe startet (v1 = 0) be-
kommen wir mit v2 = v:
57 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK
v2
m
R
h
m g
&
g
R
1
mg(h − 2R) = mv 2 (2.1.113)
2
Vergleichen wir die Gleichungen 2.1.111 und 2.1.113, so erhalten wir
schließlich als Bedingung für h1 :
5
h= R (2.1.114)
2
Welchen Vorteil hat die Verwendung der potentiellen Energie für die Be-
schreibung eines Kraftfeldes. Dies sei am Beispiel der Gravitation illustriert.
An jedem Punkt in einem beliebigen Gravitationsfeld wirkt eine Kraft de-
ren Richtung durch die Superposition der Gravitationswirkung der beteilig-
ten Körper bestimmt ist. D.h. für jeden Punkt im Raum brauchen wir drei
Komponenten des Kraftvektors. Die selbe Information läßt sich praktischer
in der Form eines skalaren Potentials speichern. Die Änderung der potenti-
ellen Energie bei einer Variation des Ortes um ∆~r = ∆x~ex + ∆y~ey + ∆z~ez
ist2 :
∂Ep ∂Ep ∂Ep
∆Ep = ∆x + ∆y + ∆z (2.1.115)
∂x ∂y ∂z
Gleichzeitig ist die Arbeit die auf dem Wegstück ∆r geleistet wird:
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 58
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES
Nach der Definition der Beziehung zwischen Arbeit und potentieller Ener-
gie gilt immer ∆W = −∆Ep . Das Skalarprodukt aus Kraft und Weg ist:
W = Fx ∆x + Fy ∆y + Fz ∆z (2.1.117)
Ein Vergleich der Gleichungen 2.1.115 und 2.1.117 zeigt:
∂Ep ∂Ep ∂Ep
Fx = − Fy = − Fz = − (2.1.118)
∂x ∂y ∂z
Dies läßt sich kompakt schreiben als :
F~ = −gradEp (2.1.119)
In dieser Schreibweise bezeichnet man die Kraft als den negativen Gra-
dienten der potentiellen Energie. Die Kraft ist die räumliche Ableitung der
potentiellen Energie. Dies läßt sich wieder am Beispiel der Gravitation ver-
anschaulichen. Betrachten wir dazu eine Variation der potentiellen Energie
entsprechend einem ”Berghang”. Die räumliche Ableitung an einem Ort ist
als die ”Hangneigung” gegeben. Entsprechend wirkt in dieser Richtung die
Kraft auf einen Körper.
2.1.4 Gravitation
Die Kepler’schen Gesetze
Diese Gesetze der Mechanik fanden ihre Bestätigung durch die Berechnung
der Bewegung der Planeten um die Sonne. Diese Bewegung wurde als erstes
quantitativ von Kepler erfasst, der die Beobachtungsdaten am genauesten
auswertete. Auf dieser Basis und dem Kopernikanischen Weltbild stellte er 3
Gesetze auf:
• 1. Gesetz
Die Planeten bewegen sich auf Ellipsen in deren einem Brennpunkt die
Sonne steht.
• 2. Gesetz
Der Radiusvektor von der Sonne zum Planeten überstreicht in gleichen
Zeiten gleiche Flächen, wie in Abb. 2.1.35 illustriert.
• 3. Gesetz
Die Quadrate der Umlaufzeiten der Planeten verhalten sich wie die
dritten Potenzen ihrer großen Halbachsen zueinander.
59 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK
A2 A1
V
T12 a31
= (2.1.120)
T22 a32
1 1
dA = |r||ds| sin α = |r||v|dt sin α (2.1.121)
2 2
dA
ds vdt
D
r
Abbildung 2.1.36: Ein Flächenelement dA wird in einer Zeit dt durchlau-
fen.
Auf der rechten Seite von Gl. 2.1.121 entsteht ein Ausdruck der dem
Kreuzprodukt der Vektoren ~r und ~v entspricht. Dies ist in Vektorschreibweise:
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 60
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES
~
dA 1
= (~r × ~v ) = const. (2.1.122)
dt 2
Nachdem die überstrichene Fläche dA pro Zeit dt zeitlich konstant bleibt
(dA/dt = const.), muß auch der Ausdruck (~r × ~v ) während eines Umlaufes
zeitlich konstant bleiben. Man definiert dazu eine neue Größe:
~ = m (~r × ~v )
L (2.1.123)
als den Drehimpuls, der in zentralsymmetrischen Problemen zeitlich
konstant bleibt und damit eine Erhaltungsgröße ist.
Newton hatte jetzt aus dem dritten Kepler’schen Gesetz sein Gravitati-
onsgesetz abgeleitet. Zunächst sagte er, daß die Kraft zwischen Sonne und
Planeten immer in Richtung der Verbindungsgeraden zwischen beiden wir-
ken müsse. Zusätzlich sollte sie proportional (Proportionalitätskonstante G)
zu den Massen m1 und m2 der beteiligten Körper sein, also
T 2 ∝ R3 (2.1.127)
1 1
Mit der Umlauffrequenz ω ∝ T
ist ω 2 ∝ R3
. Damit wird:
1
R
GmP lanet mSonne f (R) ∝ mP lanet (2.1.128)
R3
In dieser Gleichung befinden sich bis auf R nur noch Konstanten. D.h.
die Abhängigkeit f (R) auf der linken Seite muß durch die Abhängigkeit von
R auf der rechten Seite gegeben sein. Man bekommt somit als Lösung:
61 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK
1
f (R) = (2.1.129)
R2
Aus dieser Schlussfolgerung hat Newton schließlich sein Gravitations-
gesetz für die Bewegung der Planeten formuliert:
mMSonne ~r
F~ (~r) = −G (2.1.130)
r2 r
v FZentrifugal
R
FGravitation=FZentripetal
Dieses Gesetz gilt allerdings nicht nur für die Planetenbewegung sondern
ganz allgemein für die Gravitationswirkung zweier Massen untereinander.
Allgemein gilt somit für zwei Massen m1 und m2 im Abstand r:
m1 m2 ~r
F~ (~r) = −G 2 (2.1.131)
r r
Die Schwerkraft auf der Erde auf der Erdoberfläche läßt sich mit Hilfe
dieses Gesetztes verkürzt darstellen als:
mMErde ~r MErde ~r
F~ (~r) = −G 2 = −m G 2 = m~g (2.1.132)
rErde r rErde r
| {z }
=−~g
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 62
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES
Laser
Detektor
63 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK
mit dem Radius y und der Dicke dx heraus. Diese Dicke dx ergibt auf der
Kugeloberfläche einen Ring der Breite ds. Die Masse dM dieses Ringes ist:
dM = 2πyρdsda (2.1.133)
mit dx = ds sin ϑ und y = a sin ϑ (siehe Abb.2.1.39) kann man dies aus-
drücken als:
dM = 2πaρdxda (2.1.134)
Der Beitrag dEpot zur potentiellen Energie Epot einer kleiner Masse m am
Ort P im Abstand r von diesem Ring ist:
mdM
dEpot = −G (2.1.135)
r
Wir addieren die potentielle Energie aller ausgeschnitten Ringe durch
Integration über x und erhalten den Ausdruck:
Z a
dx
Epot = −2πρGmda (2.1.136)
x=−a r
• P außerhalb
Falls der Ort außerhalb der Kugelschale liegt, müssen wir von r = R+a
bis r = R − a integrieren und bekommen:
Z R−a
2πρadam
Epot = G dr (2.1.137)
R r=R+a
| {z }
−2a
mM
Epot = −G (2.1.138)
R
Man sieht, daß die potentielle Energie einer Masse m am Ort P im
Schwerefeld einer Kugelschale nur von der Masse M und dem Abstand
zum Kugelmittelpunkt R abhängt. D.h. die Gravitationswirkung ist
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 64
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES
90q -
ds
-
da
M ds
- dx
r
y
- m
x x
a 0 a p
dx
r
• P innerhalb
Betrachten wir jetzt einen Punkt P innerhalb der Kugelschale. Dadurch
ändern sich die Integrationsgrenzen und wir bekommen:
Z r=a−R
2πρadam
Epot = G dr (2.1.139)
R r=R+a
| {z }
−2R
mM
Epot = −G = const. (2.1.140)
a
Man sieht, daß die potentielle Energie im Innern der Kugel konstant
ist. Nachdem F~ = −gradEpot und Epot =const. gilt, ist ein Körper im
65 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK
F~ = −gradEp = 0 (2.1.141)
m R3
F~ = −G 2 M 3 r̂ (2.1.142)
R RE
Für die Berechnung der Kraft dürfen wir nur die Masse innerhalb einer
gedachten Kugel mit Radius R verwenden. D.h der Anteil der Gesamtmasse
3
ist dabei MKugel = M RR3 . Damit ergibt sich im Innern eine Kraft, die linear
E
vom Erdmittelpunkt aus zunimmt.
m
F~ = −G 3 M Rr̂ (2.1.143)
RE
Außerhalb der Erde ergibt sich das bekannte Gravitationsgesetz mit:
mM
F~ = −G 2 r̂ (2.1.144)
R
Integrieren wir diesen Verlauf der Kraft von ∞ bis zum Ort R, so erhalten
wir die potentielle Energie, wie in Abb. 2.1.40 veranschaulicht. D.h im Innern
nimmt die potentielle Energie quadratisch mit dem Abstand zum Mittelpunkt
zu.
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 66
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES
x
0 RE p R
&
F
RE
R
R
v 1
v 2
R
Ep RE
R
1
vR 2 v
R
67 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.2. SYSTEME VON MASSENPUNKTEN KAPITEL 2. MECHANIK
2.2.1 Schwerpunkt
Definieren wir zunächst den sog. Schwerpunkt eines Systems von Teilchen.
Dazu gewichten wir die einzelnen Orte mit den jeweiligen Massen und erhal-
ten bei zwei Teilchen den Schwerpunkt gemäß Abb. 2.2.1 bei:
m2
xs = d (2.2.1)
m1 + m2
m1 xs m2 x
m1 x1 + m2 x2 + m3 x3 + m4 x4 + ... 1 X
xs = = m i xi (2.2.2)
m1 + m2 + m4 + m4 + ... M i
P
mit M = i mi . Für eine beliebige Dichteverteilung im Ortsraum be-
kommen wir:
Z
1
xs = xdm (2.2.3)
M
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 68
KAPITEL 2. MECHANIK 2.2. SYSTEME VON MASSENPUNKTEN
besteht die Behauptung, daß die äußeren Kräfte Fef f einer Beschleunigung
der Gesamtmasse M, bzw. des Schwerpunktes entsprechen. Betrachten wir
zunächst zwei Körper. Der Ort des Schwerpunktes ist:
vs vs
m1 m2 m1 m2
Vor dem Stoß Nach dem Stoß
p~ = m~v (2.2.7)
69 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.2. SYSTEME VON MASSENPUNKTEN KAPITEL 2. MECHANIK
p~ = M~vs (2.2.9)
d.h. der Gesamtimpuls ist Gesamtmasse mal Schwerpunktsgeschwindig-
keit in unserem Teilchensystem. Die Änderung des Gesamtimpulses ist die
äußere Kraft:
d~p ~vs
= M = M~as = F~ef f (2.2.10)
dt dt
Auch hier gilt, falls keine äußere Kraft wirkt, daß die zeitliche Ableitung
des Gesamtimpulses gleich Null ist. Der Gesamtimpuls ist eine Konstante
der Teilchenbewegungen. Man spricht von Impulserhaltung. Diese Impul-
serhaltung wollen wir am Beispiel einer Rakete, wie in Abb. 2.2.3 illustriert.
Eine Rakete stößt Treibstoff aus, der Gesamtimpuls bleibt allerdings er-
halten. Vor dem Ausstoßen des Treibstoffs hat die Rakete eine Masse M und
eine Geschwindigkeit v. Nach dem Ausstoßen eines Massenelements dM hat
sich die Geschwindigkeit auf v + dv erhöht. Das ausgestoßene Massenelement
selbst bewegt sich mit der Geschwindigkeit u, die etwas langsamer als v + dv
ist. Die Impulsbilanz vor und nach dem Ausstoßen des Treibstoffs ist:
&
v
M dM M dM
& &
& v dv
u
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 70
KAPITEL 2. MECHANIK 2.2. SYSTEME VON MASSENPUNKTEN
Nachdem u kleiner ist als v + dv ist vrel hier zunächst eine negative Zahl.
Wir erhalten den Ausdruck:
M v = dM (vrel + v + dv) + (M − dM )(v + dv) (2.2.13)
der sich vereinfacht zu:
0 = dM vrel + M dv (2.2.14)
Wir teilen beide Seiten durch dt und bekommen FRakete . An dieser Stelle
gilt es allerdings zu beachten, daß wir als Massenelemente dM in gleichwerti-
ger Weise, die Änderung der Raketenmasse als auch die Änderung der ausge-
stoßenen Gasmasse benutzt haben. Dies ist zulässig, da dMGas = dMRakete .
Allerdings ist die zeitliche Änderung unterschiedlich, da die Masse des aus-
gestoßenen Gases zunimmt und die der Rakete abnimmt, d.h. dMdtGas =
− dMRakete
dt
. Demzufolge müssen wir bei der Division von Gl. 2.2.14 durch dt
die Vorzeichen genau beachten: falls wir als dM grundsätzlich die Masse der
Rakete definieren und vrel als positive Geschwindigkeit, bekommen wir für
FRakete :
dM dv
− vrel = M = FRakete (2.2.15)
dt dt
Die Gleichung
dM dv
− vrel = M (2.2.16)
dt dt
setzt den Treibstoffverbrauch dM dt
mal Ausströmgeschwindigkeit in Bezug
zur Beschleunigungskraft M dv dt
. Die Abhängigkeit der Geschwindigkeit von
der Massenänderung läßt sich aus der Differentialgleichung 2.2.14
dM
dv = −vrel (2.2.17)
M
lösen. Durch Integration bekommen wir
Z v2 Z M2
dM M2
dv = −vrel = −vrel ln (2.2.18)
v1 M1 M M1
als Endergebnis:
M2
v2 − v1 = −vrel ln (2.2.19)
M1
D.h. die Endgeschwindigkeit hängt logarithmisch von dem Verhältnis aus
Anfangsmasse M1 und Endmasse M2 ab (Nachdem gilt M2 < M1 ist der
Logarithmus negativ).
71 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.2. SYSTEME VON MASSENPUNKTEN KAPITEL 2. MECHANIK
2.2.3 Stoßprozesse
Im folgenden wollen wir Stoßprozesse näher untersuchen. Betrachten wir dazu
zwei Körper A und B, die miteinander stoßen und dabei Energie und Impuls
austauschen (siehe Abb. 2.2.4). Nach dem Stoß wird der Körper A um den
Winkel Θ abgelenkt, während der Körper B unter einem Winkel ϑ angestoßen
wird. Für diese Stoßprozesse gelten mehrere Erhaltungssätze:
Erhaltungssätze
Betrachten wir den Impuls vor (ungestrichene Größen) und nach dem Stoß-
prozeß (gestrichene Größen). Nachdem wir ein isoliertes System betrachten
und somit keine äußeren Kräfte wirken, ist die Summe der Impulse vor und
nach dem Stoß identisch. Die Impulserhaltung lautet:
&
m1v1 '
&
m1v1 T
A B &
m2 v2 '
Abbildung 2.2.4: Stoß zwischen zwei Teilchen. B ruht vor dem Stoß.
Für die kinetische Energie vor und nach dem Stoß können wir folgende
Bilanz aufstellen. Hierbei betrachten wir die Teilchen vor dem Stoß unendlich
voneinander entfernt, d.h. die potentielle Energie der Wechselwirkung sei
Null. Diese Energieerhaltung ergibt:
1 1 1 2 1 2
m1 v12 + m2 v22 = m1 v 0 1 + mv 0 2 − Q (2.2.21)
2 2 2 2
Der Wert für Q entscheidet unterschiedliche Arten von Stoßprozessen:
• Q = 0, elastische Stöße
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 72
KAPITEL 2. MECHANIK 2.2. SYSTEME VON MASSENPUNKTEN
Für diese Betrachtung von Stoßprozessen ist wichtig, daß die Impulser-
haltung immer gilt, während die Erhaltung der kinetischen Energie nur bei
elastischen Stößen gültig ist.
Schließlich haben wir noch die Drehimpulserhaltung in einem System,
in dem keine äußeren Kräfte wirken. Der Gesamtdrehimpuls bei zwei Teilchen
ist gegeben als (siehe Abb. 2.2.5):
~ µ ¶ µ ¶
dL dp~1 d~p2
= ~r1 × + ~r2 × (2.2.23)
dt dt dt
¡ ¢
Die Terme dt~r × p~ fallen weg, da das Kreuzprodukt aus Zeitableitung
von ~r und p~ Null ist (wegen d~
r
dt
= ~v k~p = m~v ). Dies läßt sich schreiben als:
dL~ ³ ´ ³ ´
= ~r1 × F~1 + ~r2 × F~2 (2.2.24)
dt
Die Ausdrücke auf der rechten Seite entsprechen einem Drehmoment.
Dieses Drehmoment ist definiert als:
73 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.2. SYSTEME VON MASSENPUNKTEN KAPITEL 2. MECHANIK
~ = ~r × F~
D (2.2.25)
& &
r1 v1
&
& F1
r2
&
F2
&
v2
Abbildung 2.2.5: Für die Bewegung eines Teilchens läßt sich immer ein
~ 1 = ~r1 × p~1 . In einem ab-
Drehimpuls bezüglich eines Punktes definieren: L
geschloßenen System ist der Gesamtdrehimpuls eine Erhaltungsgröße.
Hat man ein System aus zwei Körpern, die in Wechselwirkung zueinander
stehen muß gelten F~1 = −F~2 . Dadurch vereinfacht sich Gl. 2.2.24 zu:
dL~
= (~r2 − ~r1 ) × F~2 (2.2.26)
dt
Nachdem (~r2 − ~r1 ) gleich dem Verbindungsvektor zwischen den beiden
Massenpunkten entspricht ist der Vektor F~2 parallel zu (~r2 − ~r1 ) und das
Kreuzprodukt wird Null. D.h. in einem abgeschlossenen System muß gelten:
~
dL
=0 ~ const.
L= (2.2.27)
dt
D.h. der Gesamtdrehimpuls in einem Teilchensystem bleibt konstant und
ist Erhaltungsgröße. Während die Erhaltung des Gesamtimpulses ein Aus-
druck für die gleichförmige Translation des Schwerpunktes ist, ist die Er-
haltung des Drehimpulses ein Ausdruck für die gleichförmige Rotation eines
Systems von Massenpunkten um den Schwerpunkt.
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 74
KAPITEL 2. MECHANIK 2.2. SYSTEME VON MASSENPUNKTEN
die Geschwindigkeit v10 und der Wagen 2, v20 . Die Größen vor und nach dem
Stoß sind jeweils ungestrichen und gestrichen.
2 2 2 2
v12 = (v1 − v20 ) + v 0 2 = v12 − 2v1 v 0 2 + v 0 2 + v 0 2 (2.2.31)
bzw.
2
0 = −2v1 v20 + 2v 0 2 (2.2.32)
D.h. der erste Wagen bleibt stehen, während der zweite Wagen mit der
Geschwindigkeit des ersten Wagens weiterläuft.
75 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.2. SYSTEME VON MASSENPUNKTEN KAPITEL 2. MECHANIK
2 2 2 2
v12 = (v1 − 2v20 ) + 2v 0 2 = v12 − 4v1 v 0 2 + 4v 0 2 + 2v 0 2 (2.2.37)
bzw.
2
0 = −4v1 v20 + 6v 0 2 (2.2.38)
2 1
v20 = v1 v10 = − v1 (2.2.39)
3 3
D.h. der erste Wagen kommt mit einem Drittel der Geschwindigkeit
zurück, während der zweite Wagen mit zwei Drittel der Geschwindigkeit
des ersten Wagens weiterläuft.
µ ¶2 µ ¶
1 2 1 02 2
2v12 = 2 v1 − v20 + v02 =2 v12 − v1 v 2 + v 2 + v 0 2
0
(2.2.43)
2 4
bzw.
3 2
0 = −2v1 v20 + v 0 2 (2.2.44)
2
Als Endergebnis bekommt man die Geschwindigkeiten nach dem Stoß
zu:
4 1
v20 = v1 v10 = v1 (2.2.45)
3 3
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 76
KAPITEL 2. MECHANIK 2.2. SYSTEME VON MASSENPUNKTEN
D.h. der erste Wagen fährt mit einem Drittel der Geschwindigkeit wei-
ter, während der zweite leichtere Wagen mit vier Drittel der Geschwin-
digkeit des ersten Wagens davon läuft.
m1 v1 + m2 v2 = m1 v 0 1 + m2 v 0 2 (2.2.46)
1 1 1 2 1 2
m1 v12 + m2 v22 = m1 v 0 1 + m2 v 0 2 (2.2.47)
2 2 2 2
m1 − m2 2m2
v01 = v1 v02 = v1 (2.2.48)
m1 + m2 m1 + m2
Die übertragene Energie ∆E ist die Bewegung des Körpers 2 nach dem
Stoß. Man bekommt:
1 2 2m21 m2 m1 m2
∆Ekin = m2 v 0 2 = 2
2 v1 = 4 E1 (2.2.49)
2 (m1 + m2 ) (m1 + m2 )2
Dieser Energieübertrag wird maximal, wenn die Massen der beiden
Stoßpartner gleich ist!
m1 v1 + m2 v2
vs = (2.2.50)
m1 + m2
Die Differenz der kinetischen Energie nach dem Stoß und vor dem Stoß
ist gegeben als Q:
77 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.2. SYSTEME VON MASSENPUNKTEN KAPITEL 2. MECHANIK
1 1¡ ¢
Q= (m1 + m2 ) vs2 − m1 v12 + m2 v22 (2.2.51)
2 2
bzw.
1 m1 m2 1 2
Q=− (v1 − v2 )2 = − µv12 (2.2.52)
2 (m1 + m2 ) 2
Man erkennt, daß die Relativenergie als die kinetische Energie im
Schwerpunktsystem umgewandelt wird in innere Energie Q. Nach dem
Stoß ist die Relativgeschwindigkeit gleich Null.
m1v1 m2 v2 m1 m2 vs
Als Beispiel für die Anwendung des komplett inelastischen Stoßes sei
das ballistische Pendel genannt (siehe Abb. 2.2.7). Hier trifft ein Ge-
schoß der Masse m und Geschwindigkeit v auf eine schwere Masse M
und bleibt dort stecken. Diese schwere Masse ist als Pendel aufgehängt.
Die Bewegungsenergie des Geschosses überträgt sich nach der Impul-
serhaltung auf die Bewegungsenergie des schweren Körpers (Geschwin-
digkeit V ). D.h. die Impulsbilanz lautet:
mv = (m + M )V (2.2.53)
Die kinetische Energie des schweren Körpers führt zu einer Auslenkung
des Pendels, das gegen die Schwerkraft Arbeit verrichten kann. Die ki-
netische Energie des Körpers wird in potentielle Energie umgewandelt.
D.h. am Umkehrpunkt des Pendels muß gelten (siehe Abb. 2.2.7):
1
(m + M )V 2 = (m + M )gh (2.2.54)
2
wenn h die Höhe der Pendelauslenkung im Umkehrpunkt bezeichnet.
Aus dieser Impuls- und Energiebilanz läßt sich die Geschwindigkeit des
Geschosses v bestimmen zu:
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 78
KAPITEL 2. MECHANIK 2.2. SYSTEME VON MASSENPUNKTEN
m &
v h
M v
m+Mp
v= 2gh (2.2.55)
m
2.2.4 Streuung
Schwerpunkt- und Laborsystem
79 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.2. SYSTEME VON MASSENPUNKTEN KAPITEL 2. MECHANIK
&
vs v1 '
v1s '
& Ts
v1 v1 T v1s v2 s
x B
A A - A B
&
v2 ' v2s '
vs
Laborsystem SP-System
1¡ 2 2
¢ 1
Ekin = m1 v1s + m2 v2s + (m1~v1s + m2~v2s ) ~vs + (m1 + m2 ) vs2 (2.2.56)
2 | {z } 2
=0
d~v12 m1 + m2 ~
= F12 (2.2.60)
dt m1 m2
bzw.
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 80
KAPITEL 2. MECHANIK 2.2. SYSTEME VON MASSENPUNKTEN
m1 m2 d~v12
F~12 = (2.2.61)
m + m dt
| 1 {z 2}
µ
d~v12
F~12 = µ (2.2.62)
dt
D.h. die Bewegung zweier Körper läßt sich formal als die Bewegung eines
einzigen Körpers mit der reduzierten Masse µ und der Relativgeschwindigkeit
~v12 lösen. Die kinetische Energie in dieser Beschreibungsform ist
X1 1
2
Ekin |S = mi vis − M vs2 (2.2.63)
i
2 2
1
P
Mit vs = M i mi vis ergibt sich:
1 2
Ekin |S = µv12 (2.2.64)
2
D.h. die kinetische Energie im Schwerpunktsystem ist formal durch die
Bewegung der reduzierten Masse mit der Relativgeschwindigkeit charakteri-
siert.
81 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.2. SYSTEME VON MASSENPUNKTEN KAPITEL 2. MECHANIK
A Ts
b r1 r2
SP
B
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 82
KAPITEL 2. MECHANIK 2.2. SYSTEME VON MASSENPUNKTEN
b
Θ(b) = 2 arccos (2.2.66)
r1 + r2
v1 '
m1 D
v1 D
D
r1 D r2 m2 !! m1
m2
vk = ṙ (2.2.67)
dϕ
v⊥ = ωr = r = rϕ̇ (2.2.68)
dt
83 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.2. SYSTEME VON MASSENPUNKTEN KAPITEL 2. MECHANIK
vA &
v0 v12
v|| r
b
M T
Abbildung 2.2.12: Die Streuung an einem Potential läßt sich als die Bewe-
gung eines Teilchens der Masse µ im Abstand r zum Stoßpartner mit einer
Relativgeschwindigkeit v12 beschreiben. Es ist zweckmäßig dafür Polarkoor-
dinaten r und φ zu benutzen sowie die jeweiligen Geschwindigkeiten parallel
zu r vk und senkrecht zur r v⊥ .
1 2
E0 = µv12 + V (r) (2.2.69)
2
D.h. die Energie E0 teilt sich zwischen der kinetischen Energie im
Schwerpunktsystem und der potentiellen Energie V (r) (=zentralsym-
mertisches Potential) auf. Die Relativgeschwindigkeit v12 in Polarkoor-
dinaten ist v12 = vr + vt bzw. die Energie:
1 ¡ ¢
E0 = µ ṙ2 + r2 ϕ̇2 + V (r) (2.2.70)
2
Der Betrag des Drehimpulses im Unendlichen ist:
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 84
KAPITEL 2. MECHANIK 2.2. SYSTEME VON MASSENPUNKTEN
µr2 ϕ̇ = v0 b (2.2.73)
" µ ¶2 #1/2
V (r) b
ṙ = v0 1− − (2.2.74)
E0 r
Wir haben jetzt zwei Gleichungen 2.2.73 und 2.2.74, die die Bewegung
der beiden Teilchen als die Bewegung einer reduzierten Masse µ am
Ort r unter dem Winkel φ beschreiben. Die explizite Zeitableitung in-
teressiert nicht und mit
dϕ dϕ 1 1
= dr
= ϕ̇ (2.2.75)
dr dt dt ṙ
1 Θ
b= cot (2.2.76)
2 2
D.h. für einen Stoßparameter b = 0 bekommen wir wieder
Rückstreuung, d.h. Θ = π.
Typische Verläufe für die Abhängigkeit des Streuwinkels von dem Stoß-
parameter sind in Abb. 2.2.13 gezeigt. Für ein Experiment bedeutet dies, daß
unterschiedliche Stoßparameter zu unterschiedlichen Ablenkwinkel führen
und daß dieser Zusammenhang stark von der Art der Wechselwirkung
abhängt. Diese Abhängigkeit findet auch ihren Ausdruck in der Wahrschein-
lichkeit unterschiedlicher Streuereignisse. D.h. durch eine Messung dieser Ver-
teilung läßt sich auf die Natur der Wechselwirkung schließen.
Die Analyse von Streuereignissen ist eine ganz wesentliche Experimentier-
technik in der Physik. In jedem Streuprozeß ist ein streuendes Teilchen eine
Sonde, die das Wechselwirkungspotential vermisst. Durch ein Vergleich zwi-
schen Messung und Vorhersage kann aus einem Streuexperimente die Form
des Wechselwirkungspotentials bestimmt werden. Klassisches Beispiel ist die
Rutherfordstreuung als die Streuung sehr schneller Heliumkerne an Atomen.
85 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.2. SYSTEME VON MASSENPUNKTEN KAPITEL 2. MECHANIK
T T
S S harte Kugel
Potential
1
Potential
r
b 1 b r1 r2
Rutherford konnte zeigen, daß diese Streuereignisse durch ein einfaches absto-
ßendes Potential, das im Kern des Atoms lokalisiert ist, beschreibbar waren.
Er entdeckte den Atomkern (Wäre die Masse der Atome homogen auf das
Volumen eines Atoms verteilt, hätte sich eine andere Verteilung der Streuer-
eignisse ergeben).
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 86
KAPITEL 2. MECHANIK 2.3. BEZUGSSYSTEME
2.3 Bezugssysteme
Bezugssysteme spielen eine große Rolle in der Physik, da sie ein Koordinaten-
system für die Naturbeobachtung vorgeben. Im einfachsten Fall kann dieses
Bezugssystem ruhend sein oder sich gleichförmig bewegen. Führt man zum
Beispiel ein Experiment in Ruhe durch oder in einem sich gleichmäßig bewe-
genden Zug, so ist der Ausgang des Experimentes immer gleich. Wird dieses
Bezugssystem allerdings beschleunigt, so treten zusätzliche Kräfte auf, die
eben durch diese Beschleunigung des Koordinatensystems selbst hervorgeru-
fen werden.
Weiterhin treten in der Physik oft Fälle auf, in denen ein Beobachter au-
ßerhalb des Bezugssystem steht und ein sich bewegendes System beobachtet.
Auch dann ist es wichtig, daß der ruhende Beobachter die Physik in dem sich
bewegenden System richtig beschreiben kann. Dies soll an drei Beispielen
erläutert werden:
2.3.1 Galilei-Transformation
Stellen wir uns ein Bezugssystem vor, das sich mit konstanter Geschwindig-
keit ~u bewegt. Beispiel sei ein Zug. Ein Beobachter im ruhenden System des
Bahnsteiges sieht für den Ort ~r eines Gegenstandes im sich bewegenden Zug
wie:
z z´
&
r &
rc
x x´
Der Beobachter im Zug sieht den Ort ~r0 . Die Ableitung von Gl. 2.3.1 nach
der Zeit ergibt die Geschwindigkeit:
~v = v~0 + ~u (2.3.2)
87 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.3. BEZUGSSYSTEME KAPITEL 2. MECHANIK
~a = a~0 (2.3.3)
D.h. die Beschleunigung vom Bahnsteig aus gesehen (~a) wie auch für den
Beobachter im Zug (a~0 ) sind gleich. D.h ein Beobachter kann nicht entschei-
den, ob er sich in einem sich gleichförmig bewegenden System befindet oder
nicht. Diese Systeme bezeichnet man auch als Inertialsysteme.
Betrachten wir diese Galilei-Transformation am Beispiel des freien Falls
von einer Höhe h in negative z-Richtung in einem Zug, der mit Geschwin-
digkeit u in x-Richtung vorbeifährt (siehe Abb. 2.3.1). Ein Beobachter vom
Bahnsteig aus wird eine Wurfparabel beobachten. Für ihn überlagert sich die
gleichförmige Bewegung in x-Richtung mit der beschleunigten Bewegung in
z-Richtung. D.h. er beobachtet:
x = ut (2.3.4)
1
z = h − gt2 (2.3.5)
2
x0 = 0 (2.3.6)
1
z 0 = h − gt02 (2.3.7)
2
z x u t z´ xc { 0
1 1 2
z h gt 2 zc h gt
2 2
x x´
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 88
KAPITEL 2. MECHANIK 2.3. BEZUGSSYSTEME
1
~r = r~0 + ~ut + ~aSystem t2 (2.3.8)
2
Die Ableitung von Gl. 2.3.8 nach der Zeit ergibt die Geschwindigkeit:
rotierendes Bezugssystem
Das prominenteste rotierende Bezugssystem ist unsere Erde, die sich in 24
Stunden einmal um sich selbst dreht. Wie ändert sich jetzt die Beobachtung
eines physikalischen Phänomens, wenn wir ein Experiment im rotierenden
Koordinatensystem Erde oder im festen Koordinatensystem eines externen
Beobachters aus dem Weltall durchführen? Der Ort in einem festen Koor-
dinatensystem is gegeben aus den Achsenabschnitten x, y und z mit den
jeweiligen Einheitsvektoren:
dx dy dz
~v = ~ex + ~ey + ~ez (2.3.12)
dt dt dt
89 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.3. BEZUGSSYSTEME KAPITEL 2. MECHANIK
dx0 0 dy 0 0 dz 0 0
~v 0 =
~ex + ~ey + ~e (2.3.14)
dt dt dt z
Wie sind jetzt die Geschwindigkeiten im rotierenden und im festen Ko-
ordinatensystem miteinander verknüpft? Für die Geschwindigkeit des festen
Beobachters müssen wir die Geschwindigkeit des rotierenden Beobachter plus
die Bahngeschwindigkeit des rotierenden Koordinatensystems addieren. Wir
bekommen somit:
d~e0y
e0x
0 d~ d~e0
0
~v = ~v + x +y + z0 z
0
(2.3.15)
dt dt dt
bzw.
~v = ~v 0 + ω
~ × ~r (2.3.16)
Dieser Zusammenhang ist anschaulich in Abb. 2.3.3 verdeutlicht: betrach-
ten wir zunächst einen Körper, der sich mit einer Geschwindigkeit ~v 0 auf die-
ser Erde bewegt. Befinden wir uns im Bezugssystem der Oberfläche der Erde
werden wir genau diese Geschwindigkeit ~v 0 auch messen. Befinden wir uns
allerdings im Weltall und schauen auf die Bewegung herab, so beobachten wir
eine andere Geschwindigkeit, da sich die Erde ja dreht. Die Winkelgeschwin-
digkeit bei einer Umlauffrequenz ω ~ ist ω~ × ~r. Demnach sieht ein Beobachter
aus dem Weltraum (= ”Bahnsteig”) die Geschwindigkeit ~v .
Welche Beschleunigung sieht jetzt ein Beobachter im Bezugssystem der
Erde (=”im Zug”), wenn diese rotiert? Vom Weltall (=”Bahnsteig”) aus
gesehen ist die Beschleunigung ~a = d~ v
dt
. Mit Gl. 2.3.16 ergibt sich daraus:
µ ¶
d~v dv~0 d~r
a= = + ω× (2.3.17)
dt dt dt
Die Geschwindigkeit im rotierenden Bezugssystem ~v 0 war:
dx0 0 dy 0 0 dz 0 0
~v 0 =
~ex + ~ey + ~e (2.3.18)
dt dt dt z
Für die zeitliche Ableitung mit der Produktregel müssen wir einmal die
Variation in x0 , y 0 und z 0 aber auch in den Einheitsvektoren berücksichtigen:
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 90
KAPITEL 2. MECHANIK 2.3. BEZUGSSYSTEME
z
z´
v v' x´
& &
Zur
& x
& r
Z
Abbildung 2.3.3: Die Geschwindigkeit im Ruhesystem ist ~v und im rotie-
renden System ~v 0 .
d~e0z
~ × ~e0x
=ω (2.3.20)
dt
D.h. wir bekommen
dv~0
= ~a0 + ω
~ × ~v 0 (2.3.21)
dt
~a = ~a0 + ω × ~v 0 + ω × ~v (2.3.22)
Jetzt setzen wir ~v aus Gl. 2.3.16 ein, und erhalten damit:
~a0 = ~a + 2(~v 0 × ω
~) + ω
~ × (~r × ω
~) (2.3.23)
D.h. während ein Beobachter im ruhenden System (=”Bahnsteig” bzw.
Weltall) einfach die Beschleunigung ~a beobachtet, muß der Beobachter im ro-
tierenden System (=”im Zug” bzw. auf der Erdoberfläche) zwei zusätzliche
Beschleunigungen einführen um die Bewegung des Körpers auf dem Erd-
boden zu beschreiben. Diese zusätzliche Bewegungen werden durch zwei
zusätzliche Kräfte hervorgerufen:
91 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.3. BEZUGSSYSTEME KAPITEL 2. MECHANIK
z
z´ x´
v'
v v' v
Z u r2
Z u r1
& r1 x
Z
r2
Abbildung 2.3.4: Bewegt sich der Körper auf das Zentrum der Rotation
zu, so erscheint die Geschwindigkeit im rotierenden System sich zu erhöhen.
• Corioliskraft
Fc = 2m (~v 0 × ω
~) (2.3.24)
• Zentrifugalkraft
Fz = m~ω × (~r × ω
~) (2.3.25)
Beides sind Scheinkräfte, da sie nur wirken, wenn der Vorgang im ro-
tierenden Bezugssystem betrachtet wird.
Auf der Nordhalbkugel bewirkt die Corioliskraft immer eine Rechtsablen-
kung der beobachteten Geschwindigkeit, wie in Abb. 2.3.5 verdeutlicht ist.
Diese Rechtsablenkung spielt in vielen Bereichen des alltäglichen Lebens ei-
ne Rolle, so müssen Bahnschienen entsprechend erhöht werden, um die Co-
rioliskraft auf den fahrenden Zug ausgleichen zu können. Die Folgen dieser
Corioliskraft sollen an zwei weiteren Beispielen illustriert werden:
• Foucault’sches Pendel
Bei einem Foucault’schen Pendel beobachtet man die Änderung der
Schwingungsebene eines Pendels im Laufe der Erdrotation. Betrachtet
man eine schwingende Masse, so wird diese während ihrer Pendelbewe-
gung immer nach rechts hin abgelenkt. Aus Abb. 2.3.6 erkennt man,
daß die Ablenkung das Pendel in seiner Schwingungsebene einmal pro
Tag rotieren läßt.
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 92
KAPITEL 2. MECHANIK 2.3. BEZUGSSYSTEME
Nordpol
H T H
W O
Rotation
Erde
H
• Wirbelstürme
Bei Luftdruckunterschieden strömt Luft immer von einem Hochdruck-
gebiet in ein Tiefdruckgebiet. Durch die Corioliskraft werden die Luft-
strömung immer nach rechts abgelenkt. Durch dieses Einströmen auf
das Tiefdruckgebiet entsteht dort ein Linkswirbel, wie in Abb. 2.3.5
dargestellt.
~v = ~v 0 + ~u (2.3.26)
zueinander verhalten. Diese Galileo-Transformation ist allerdings nur
gültig für Geschwindigkeiten, die deutlich kleiner als die Lichtgeschwindig-
keit sind. Für beliebige Geschwindigkeiten muß eine neue Transformation
entwickelt werden, die berücksichtigt, daß unabhängig vom Beobachterstand-
punkt keine Geschwindigkeiten größer als die Lichtgeschwindigkeit beobacht-
bar sind.
Beobachten wir zum Beispiel die Geschwindigkeit eines Lichtpulses in
einem Zug, so legt er die Strecke ~r0 in einer Zeit t0 zurück, so daß die Ge-
schwindigkeit genau c die Lichtgeschwindigkeit ergibt: ~r0 = ct0 . Ein ruhender
93 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.3. BEZUGSSYSTEME KAPITEL 2. MECHANIK
z z´
x c t xc c t c
Licht
&
r &
rc
x x´
v
„Bahnsteig“ „im Zug“
Michelson-Morley-Experiment
Die Konstanz der Lichtgeschwindigkeit wurde zum ersten mal im Michelson-
Morely Experiment 1881 nachgewiesen. Sie betrachteten ein Interferometer
in dem ein Lichtstrahl über eine Glasplatte auf zwei Teilstrahlen aufgespal-
ten wurde (siehe Abb. 2.3.8). Diese Teilstrahlen wurden über Spiegel wieder
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 94
KAPITEL 2. MECHANIK 2.3. BEZUGSSYSTEME
zurück geworfen, zum Überlapp gebracht und auf einen Detektor fokussiert.
Beide Lichtstrahlen interferieren und können sich jetzt je nach Überlagerung
gegenseitig auslöschen oder verstärken. Ein Interferenzmuster wird sichtbar.
Bewegt man jetzt einen Spiegel so ändert sich die Wegstrecke in einem der
Teilstrahlen und dementsprechend ändert sich das Interferenzmuster. Bewegt
man das Spektrometer als ganzes so sollte auch hier die Geschwindigkeit der
Spiegel im Verhältnis zur Geschwindigkeit des Lichtstrahls zu einer entspre-
chenden Verzögerung der Wegstrecke und damit zu einer Verschiebung des
Interferenzmusters führen: Nehmen wir an, daß das Interferometer sich mit
knapp Lichtgeschwindigkeit in eine Richtung bewegt und wir dieses System
von außen betrachten. Die Laufzeit des Lichtstrahls auf dem Interferome-
terteil in einer Richtung senkrecht zu dieser Bewegungsrichtung ist unbeein-
flusst. Die Laufzeit des Lichtstrahls auf dem Interferometerteil, das parallel
zur Richtung der Bewegungsrichtung liegt, wäre allerdings sehr lang, da der
Spiegel dem Lichtstrahl ja fast mit Lichtgeschwindigkeit ”davon eilt”.
Spiegel
Erde
Glasplatte
Lichtquelle
Spiegel
Detektor
Michelson und Morley konnten ihr Interferometer nicht mit knapp Licht-
geschwindigkeit bewegen. Die größte zugängliche Geschwindigkeit war die
Bewegung der Erde selbst mit 30 km/s um die Sonne. D.h. hält man einen
bestimmten Inteferometerarm einmal in Richtung der Flugrichtung der Erde
und einmal senkrecht dazu sollte sich das Interferenzmuster dabei ändern.
Demnach montierten Michelson und Morley das Interferometer auf einem
95 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.3. BEZUGSSYSTEME KAPITEL 2. MECHANIK
Drehtisch und suchten nach einer Änderung des Interferenzmusters beim Dre-
hen des ganzen Aufbaus. Sie machten allerdings die zunächst überraschende
Beobachtung, daß die Orientierung des Interferometers keinen Einfluss auf
das Interferenzmuster hat. D.h. egal ob man sich bewegt oder nicht, ändert
sich die Laufzeit des Lichtes nicht. D.h. die Lichtgeschwindigkeit bleibt kon-
stant unabhängig von der Bewegung des Beobachters.
Wie müssen jetzt Ort und Geschwindigkeit zwischen sich bewegenden Be-
zugssystemen umgerechnet werden, wenn Gl. 2.3.26 bei hohen Geschwindig-
keiten anscheinend nicht mehr gilt? Der Schlüssel dazu liegt in der Tatsache,
dass die Zeit t wie sie ein ruhender Beobachter (=”Bahnsteig”) und wie sie
ein Beobachter im bewegten System t0 (=”im Zug”) erfährt nicht mehr gleich
sein müssen! Dies soll an zwei anschaulichen Beispielen erläutert werden.
Zeit-Dilatation
Einstein schlug folgendes Gedankenexperiment vor. Man betrachte eine
Lichtuhr, bei der ein Lichtblitz ausgesandt wird, der nach einer Strecke ∆l
von einem Spiegel reflektiert wird und wieder auf die Quelle zurückfällt und
dort detektiert wird. Die Wegstrecke pro abgelaufener Zeit ergibt die Licht-
geschwindigkeit. Jetzt bewegt sich diese Lichtuhr senkrecht zur Wegstrecke.
Was sieht der ruhende Beobachter (=”Bahnsteig”) von diesem System?
Betrachten wir dazu Abb.2.3.9: Bewegt sich der Beobachter mit (=”im
Zug”) so ruht die Lichtuhr und die Wegstrecke, die der Lichtstrahl zurücklegt,
ist 2∆l. Dementsprechend ist die Zeitspanne ∆t0 = 2∆l c
. Beobachtet man
dieselbe Uhr allerdings von außen (=”Bahnsteig”), so ändert sich die Weg-
strecke, die ein Beobachter sieht:
" µ ¶2 #1/2
∆t
AB + BC = 2 ∆l2 + v (2.3.27)
2
Aber obwohl sich die Lichtuhr jetzt bewegt, muß der ruhende Beobachter
(=”Bahnsteig”) wieder die Lichtgeschwindigkeit messen, d.h. AB + BC =
c∆t, wenn ∆t die Zeit ist die er selbst mißt. Damit bekommt man:
2∆l
∆t = (2.3.28)
(c2 − v 2 )1/2
Mit 2∆l = ∆t0 c ergibt sich:
∆t0
∆t = ¡ ¢ (2.3.29)
v 2 1/2
1− c2
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 96
KAPITEL 2. MECHANIK 2.3. BEZUGSSYSTEME
B B
Spiegel
'l
A C A C
't
v
2
„im Zug“ „Bahnsteig“
Abbildung 2.3.9: Lichtuhr einmal in Ruhe, und einmal wie man sie beob-
achten würde wenn sie sich bewegt.
D.h. die Zeitspanne ∆t, wenn man das bewegte System beobachtet (auf
dem ”Bahnsteig” zeigt die lokale Uhr, daß 10 Minuten abgelaufen sind), muß
länger sein als die Zeitspanne ∆t0 falls der Beobachter sich mit dem System
mit bewegt (im ”Zug” zeigt die Uhr, daß z.B. nur 8 Minuten abgelaufen sind).
Umgekehrt formuliert, bewege ich mich mit der Uhr mit, so schreitet die Zeit
langsamer voran, im Vergleich zu einer Uhr, die in Ruhe zurückbleibt. Dies
läßt sich knapper formulieren als: Bewegte Uhren gehen langsamer. Dieses
Phänomen wird als Zeit-Dilatation bezeichnet. Diesen Effekt kann man
auch beobachten, wenn man zwei Uhren vergleicht, wobei eine im Flugzeug
von Europa nach Amerika und zurück fliegt. Dabei wird man feststellen, daß
die bewegte Uhr etwas nachgeht.
Die Zeitdilatation wurde zum ersten Mal bei Mµonen, einer Sorte
von Elementarteilchen beobachtet. Die Lebensdauer eines Mµons in Ru-
he is ca. 10−6 s. Diese Mµonen werden auch in Kernreaktionen der kosmi-
schen Höhenstrahlung mit der oberen Atmosphäre gebildet. Dabei entstehen
Mµonen hoher Energie, die man auch noch auf der Erdoberfläche nachweisen
konnte. Benutzt man allerdings die Geschwindigkeit, wie sie in der Kernreak-
tion die Mµonen aufnehmen und die Entfernung der oberen Atmosphäre bis
zum Erdboden, ist die Zeit die ein Mµon zum Boden benötigt, länger als die
Lebensdauer von 10−6 s. Wie ist das möglich? Die Zeit, die wir beobachten
ist nicht die Zeit, die im Ruhesystem des sich bewegenden Mµons verstreicht.
Da das Mµon sich mit hoher Geschwindigkeit bewegt, ist die Zeit, die das
Mµon ”sieht” sehr viel kürzer als die, die wir auf dem Boden messen. Damit
kann das Mµon ohne weiteres den Erdboden in seiner eigenen Lebensdauer
erreichen.
Die Zeitdilatation ist mit einem weiteren bekannten Disput verknüpft,
97 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.3. BEZUGSSYSTEME KAPITEL 2. MECHANIK
dem Zwillingsparadoxon. Betrachten wir einen Zwilling A, der sich auf der
Erde befindet, und sein Zwilling B, der auf eine Reise mit hoher Geschwindig-
keit sich entfernt, umdreht und wieder zurück kehrt. Da sich B bewegt hat,
sollte sein Uhr langsamer laufen und er ist dementsprechend jünger, wenn er
sich nach seiner Reise mit seinem daheim gebliebenen Zwilling A wieder trifft
(B jünger als A). Wir können dieselbe Situation allerdings auch anders herum
betrachten. Für den Zwilling B, entfernt sich Zwilling A von ihm, er dreht
um und kommt zurück. D.h. wenn sie sich beider wieder treffen sollte jetzt A
jünger sein als B (A jünger als B). Dies ist das Paradoxon. Es klärt sich auf,
wenn wir berücksichtigen, daß wir in diesem Fall nicht zwei Inertialsysteme
betrachten. Das System des Zwillings A auf der Erde ist Inertialsystem. Das
System in dem sich B bewegt ist allerdings ein beschleunigtes System, da B
umkehren muß, um zu A zurück zu kehren. Damit sind beide Betrachtungs-
weisen nicht gleichwertig. Unter Berücksichtigung der Beschleunigung ist die
Zeit, die für den reisenden Zwilling B vergeht kürzer als die für den daheim
gebliebenen Zwilling A.
Längen-Kontraktion
Ein weiteres Phänomen der speziellen Relativitätstheorie ist die Tatsache,
dass bewegte Objekte in Flugrichtung kürzer erscheinen. Betrachten wir wie-
der unsere Lichtuhr, die sich aber diesmal in Richtung der Lichtausbreitung
mit der Geschwindigkeit v bewegen soll. Ist die Uhr in Ruhe so ergibt sich
wieder die Laufzeit:
∆l0
t02 − t00 = 2 (2.3.30)
c
falls die Distanz zwischen den Spiegeln l0 ist. Was passiert nun, wenn wir
diese Lichtuhr beobachten? Die Wegstrecke vom Spiegel 1 zum Spiegel 2 ist:
2∆l/c
t2 − t0 = 2 (2.3.33)
1 − vc2
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 98
KAPITEL 2. MECHANIK 2.3. BEZUGSSYSTEME
1
ct 2c t0c
2 „im Zug“
'l 0
'l vt1 t0
t0 ct1 t0 t1 „Bahnsteig“
ct 2 t1
t2 t1
'l
vt 2 t1
Die Zeitspanne, die wir vom Bahnsteig aus messen und die Zeit, die wir
im Zug messen sind nach Gl. 2.3.29 verknüpft via:
t0 − t00
t2 − t0 = q2 (2.3.34)
2
1 − vc2
Verknüpft man Gl. 2.3.33, Gl. 2.3.34 und Gl. 2.3.30, so bekommt man
schließlich:
r
v2
∆l = ∆l0 1− (2.3.35)
c2
D.h. die Länge ∆l vom ”Bahnsteig” aus gesehen ist kürzer als die Länge
∆l0 , die ein sich mit bewegender Beobachter (im ”Zug”) messen würde.
Die Längenkontraktion kann man auch aus der Betrachtung der Gleich-
zeitigkeit von Ereignissen ableiten. Betrachten wir noch einmal einen ruhen-
den Maßstab der Länge ∆l0 . Für den ruhenden Beobachter, der sich in der
Mitte des Maßstabes befindet, kommt das Licht vom Anfang des Maßstabes
99 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.3. BEZUGSSYSTEME KAPITEL 2. MECHANIK
und vom Ende des Maßstabes gleichzeitig beim ihm an; er mißt die Länge
∆l0 . Bewegt sich dieser Maßstab allerdings mit einer Geschwindigkeit v an
ihm vorbei, so kommt das Licht vom Anfang des Maßstabes etwas früher
und vom Ende etwas später an. Er sieht diese beiden Lichtblitze also nicht
gleichzeitig. Die Länge des vorbei fliegenden Maßstabes kann der ruhende
Beobachter allerdings nur aus Lichtblitzen ableiten, die zu gleicher Zeit bei
ihm eintreffen. Diese müssen allerdings nicht zu gleichen Zeiten gestartet
sein. Was heißt das? Falls wir den Lichtblitz vom Anfang des Maßstabes als
Referenz nehmen (der früher ankommt), muß der Lichtblitz vom Ende des
Maßstabes (der zu spät ankommt) zu einem früheren Zeitpunkt ausgesandt
werden, damit er zeitgleich mit dem ersten Lichtblitz bei dem ruhenden Be-
obachter ankommt. Diese frühere Aussendung des Lichtblitzes bedeutet, daß
der Maßstab sich noch nicht so weit gemäß v fortbewegt hat. Vergleichen
wir die Position vom Anfang des Maßstabes zum Ende des Maßstabes so
wie es der ruhende Beobachter gleichzeitig mißt, so erscheint er ihm deshalb
verkürzt.
3
Simulationen zu diesem Phänomen unter www.tempolimit-lichtgeschwindigkeit.de
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 100
KAPITEL 2. MECHANIK 2.3. BEZUGSSYSTEME
Lorentztransformation
Betrachten wir der Einfachheit halber ein Bezugssystem, das sich mit der
Geschwindigkeit v in x-Richtung bewegt. Als einfache Verknüpfung zwischen
den Orten, die der ruhende x und der sich mit bewegende Beobachter x0
sieht, hatten wir:
z z´
t tc
&
r &
rc
x x´
x = x0 + vt (2.3.36)
Diese Gleichung scheint für hohe Geschwindigkeiten nicht mehr zu gelten
und wir modifizieren sie zu:
101 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.3. BEZUGSSYSTEME KAPITEL 2. MECHANIK
~r = ct (2.3.39)
~r0 = ct0 (2.3.40)
¡ ¢ ¡ ¢
k 2 x2 − 2vxt + v 2 t2 + y 2 + z 2 = c2 a2 t2 − 2bxt + b2 x2 (2.3.41)
¡ ¢ ¡ ¢ ¡ ¢
k 2 − b2 a2 c2 x2 − 2 k 2 v − ba2 c2 xt + y 2 + z 2 = a2 − k 2 v 2 /c2 c2 t2 (2.3.42)
| {z } | {z } | {z }
=1 =0 =1
Nachdem diese Gleichung für beliebige Werte von x und t gelten soll,
müssen die Vorfaktoren jeweils eins und null ergeben. Dies ergibt drei Be-
stimmungsgleichungen für die unbekannten Koeffizienten k, a und b:
k 2 − b2 a2 c2 = 1 (2.3.43)
k 2 v − ba2 c2 = 0 (2.3.44)
a2 − k 2 v 2 /c2 = 1 (2.3.45)
x − vt
x0 = q (2.3.46)
2
1 − vc2
t − vx2
t0 = q c (2.3.47)
2
1 − vc2
1
γ=q (2.3.48)
v2
1− c2
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 102
KAPITEL 2. MECHANIK 2.3. BEZUGSSYSTEME
t = γt0 (2.3.57)
die Zeitdilatation. D.h. die Zeit im gestrichenen System t0 ist kürzer als
die Zeit t, die wir von diesem Ereignis im ungestrichenen System wahr-
nehmen. Gl. 2.3.52 wäre ungeeignet, da wir für das Ereignis zunächst
nur Eigenschaften im gestrichenen System kennen (wenn x0 = 0 gilt
muß nicht x = 0 gelten!).
103 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.3. BEZUGSSYSTEME KAPITEL 2. MECHANIK
l0 = γl (2.3.58)
die Längenkontraktion. D.h. die beobachtete Länge l ist kürzer als die
wahre Länge l0 im bewegten System.
³ vx ´
t0 = γ t − 2 (2.3.59)
µ c ¶
vx0
t = γ t0 + 2 (2.3.60)
c
Für die Zeitdilatation haben wir oben die Gleichung 2.3.60 benutzt und
mit x0 = 0
t = γt0 (2.3.61)
erhalten. Bei Gleichung haben natürlich t und t0 die gleiche Bedeutung,
aber wir hätten das Ereignis an zwei unterschiedlichen Orten x beobachtet, da
der externe Beobachter sich im Vergleich zur ruhenden Uhr am Ort x0 = 0
in der Zeit t bewegt. Wenn wir die zurückgelegte Strecke x = vt ansetzen
bekommen wir aus Gl. 2.3.3:
µ ¶ µ ¶
0 v2 v2 1
t = γ t − t 2 = γt 1 − 2 = t (2.3.62)
c c γ
| {z }
1
γ2
was identisch ist mit der Lösung unter Benutzung von Gl. 2.3.60.
Die Beziehungen zwischen den Zeiten t in t0 beschreiben die Relativität
der Zeit. Dies kann man an folgendem Beispiel illustrieren: zwei gleich alte
Raumfahrer 1 und 2 starten zu einem Zeitpunkt t = t0 = 0 gleichzeitig und
bewegen sich mit einer Geschwindigkeit v auseinander. Zu einem Zeitpunkt
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 104
KAPITEL 2. MECHANIK 2.3. BEZUGSSYSTEME
t, zum Beispiel nach 40 Jahren, blickt der Raumfahrer 1 auf den anderen
Raumfahrer 2. Da dieser sich mit v bewegt, erscheint dieser ihm jünger,
zum Beispiel 20 Jahre jünger. Allerdings zeigt sowohl die biologische Uhr
(=ruhende Uhr im jeweiligen Bezugssystem) von Raumfahrer 1 als auch die
von Raumfahrer 2 zu diesem Zeitpunkt jeweils 40 Jahre an. Dies ist kein
Widerspruch, da Raumfahrer 1 von seinem Bezugssystem auf das andere
sich bewegende Bezugssystem schaut, und nur deshalb ihm der Raumfahrer
als 20 Jahre jünger erscheint. Umgekehrt sieht auch der Raumfahrer 2, wenn
er zurück blickt, den Raumfahrer 1 um 20 Jahre verjüngt. Zusammenfassend
läßt sich sagen, daß jeder der beiden Raumfahrer den anderen als 20 Jahre
jünger sieht.
Nach der Transformation von Ort und Zeit, wollen wir im folgenden noch
eine Beziehung zwischen den Geschwindigkeiten ableiten. Zunächst gilt:
dx dx0
ux = u0x = (2.3.63)
dt dt0
Wir können dies erweitern zu:
dx0 dt
u0x = (2.3.64)
dt dt0
³ ´−1/2
v2
Mit γ = 1 − c2
und t = γ (t0 + vx0 /c) ergibt sich:
µ ¶ µ ¶
0 dx v dx0
ux = γ −v γ 1+ 2 0 (2.3.65)
dt c dt
dx dx0
Nachdem dt
= ux und dt0
= u0x gilt, bekommen wir:
ux − v
u0x = (2.3.66)
1 − ux cv2
auch u0y und u0z hängen von v und ux ab:
uy
u0y = (2.3.67)
1 − ux cv2
uz
u0z = (2.3.68)
1 − ux cv2
Die Transformation von Längen y, z senkrecht zur Richtung x die sich mit
Geschwindigkeit v bewegt ist nicht mehr einfach y = y 0 und z 0 = z weil für
die Bestimmung einer Geschwindigkeit eine Strecke pro Zeit gebildet wird.
D.h. während sich eine Länge y oder z zunächst nicht ändert so muss doch
die Zeit transformiert werden.
105 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.3. BEZUGSSYSTEME KAPITEL 2. MECHANIK
Relativistische Energie-Impuls-Beziehung
Auch für Teilchenstöße bei sehr hohen Geschwindigkeiten soll die Impulser-
haltung gelten. Wir betrachten dazu zwei Teilchen A und B, die miteinander
stoßen. Hierbei kann man zwei Beobachtungsstandpunkte wählen: zum einen
befindet sich der Beobachter am Ort des Teilchens B und beobachtet den
Stoß mit einem herankommenden Teilchen A; zum anderen befindet sich der
Beobachter am Ort des Teilchens A und beobachtet den Stoß mit dem heran-
kommenden Teilchen B. In beiden Fällen soll der Beobachter die Gültigkeit
der Impulserhaltung bestätigen können.
y v1
v y1 v1 '
A
v x1 B ruht in x-Richtung
B
v2 v2 '
x
y
v1
* v1 '*
A ruht in x-Richtung
v2 '* v2
*
v x1
x
Abbildung 2.3.12: Impulserhaltung bei relativistischen Geschwindigkei-
ten.
Nehmen wir an, daß der Impuls vor und nach dem Stoß in y-Richtung
gleich Null sei. D.h. für einen Beobachter, der auf B sitzt, muß gelten:
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 106
KAPITEL 2. MECHANIK 2.3. BEZUGSSYSTEME
vy /γ
vy∗ = (2.3.71)
1 − vx cv2
Dies läßt sich jetzt auf die Komponenten vy1 und vy2 anwenden. Betrach-
ten wir zunächst vy1 , d.h. die Geschwindigkeit wie sie von Beobachter bi
ruhendem B wahrgenommen wird. Der Körper A bewegt sich it einer Rela-
tivgeschwindigkeit vx1 = v, Deshalb bekommen wir:
vy1 /γ vy /γ
vy∗1 = v = 2 = γvy1 (2.3.72)
1 − vx1 c2 1 − vc2
Bei der Betrachtung von vy2 müssen wir allerdings vx2 = 0 setzten, da
wir die Geschwindigkeit im ruhendem System B in x-Richtung benötigen.
Dadurch erhält man:
vy2 /γ vy2
vy∗2 = v = (2.3.73)
1 − vx2 c2 γ
D.h. setzen wir diese Beziehungen in die Impulserhaltung ein, so erhalten
wir:
1
mA vy1 + mB vy2 = m∗A vy∗1 + m∗B vy∗2 = m∗A γvy1 + m∗B vy2 (2.3.74)
γ
Dies kann nicht erfüllt werden für mA = m∗A und mB = m∗B . Wir versu-
chen den Ansatz einer geschwindigkeitsabhängigen Masse:
107 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.3. BEZUGSSYSTEME KAPITEL 2. MECHANIK
m
m0
1 V
c
p~ = γm0~v (2.3.79)
Was bedeutet dies für die kinetische Energie, die ein ruhender Beobachter
sieht für ein Teilchen, daß sich nahe der Lichtgeschwindigkeit bewegt? Die
kinetische Energie ändert sich durch die Bewegung eines Teilchens in einem
Kraftfeld gemäß:
dp dp ds
dEkin = F~ d~s = ds = dt = vdp (2.3.80)
dt dt dt
Durch Integration ergibt sich Ekin zu
Z v Z v
dp
Ekin = vdp = v dv (2.3.81)
0 0 dv
mit
1
p(v) = q m0 v (2.3.82)
v2
1− c2
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 108
KAPITEL 2. MECHANIK 2.3. BEZUGSSYSTEME
ergibt sich:
E0 = m0 c2 (2.3.86)
und die relativistische Gesamtenergie als:
109 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.3. BEZUGSSYSTEME KAPITEL 2. MECHANIK
Diese Äquivalenz von Masse und Energie hat Einstein in einem Gedan-
kenexperiment demonstriert. Betrachten wir dazu einen geschlossenen Ka-
sten wie in Abb. 2.3.14 illustriert. Auf der linken Seite des Kasten soll ein
Lichtblitz ausgesandt werden. Dieser hat einen Impuls der Größe:
M
p E
'x
E
pLicht = (2.3.88)
c
Wegen der Impulserhaltung bekommt der Kasten der Masse M einen
entsprechenden Impuls übertragen (~pKasten = −~pLicht )und bekommt die Ge-
schwindigkeit:
pKasten
vKasten = (2.3.89)
M
Während der Zeit ∆t = Lc , kann der Kasten sich um eine Strecke ∆x
bewegen, bevor die Absorption des Lichtpulses auf der anderen Seite des
Kastens diese Bewegung wieder stoppt.
L p L E
=∆x = v =− L (2.3.90)
c M c M c2
Das negative Vorzeichen bringt zum Ausdruck, daß der Kasten sich in
negative x-Richtung bewegt hat. Nachdem der Kasten allerdings nach aussen
hin abgeschlossen ist, darf sich sein Schwerpunkt nicht ändern. D.h. wenn
der Kasten sich um eine Strecke ∆x nach links verschoben hat, muß eine
entsprechende Masse m mit dem Lichtblitz nach rechts gewandert sein.
M ∆x + mL = 0 (2.3.91)
Setzen wir dies in Gl. 2.3.90 ein, folgt daraus:
E = mc2 (2.3.92)
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 110
KAPITEL 2. MECHANIK 2.3. BEZUGSSYSTEME
111 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK
ri
mit ρ(~r) der Dichte des Körpers. Ein ausgedehnter Körper besitzt die
Möglichkeit zu rotieren. Man unterscheidet feste Achsen und freie Ach-
sen. Bei festen Achsen ist die Rotationsachse durch ein mechanisches La-
ger festgelegt. Bei einer freien Achse betrachtet man den Körper isoliert im
Raum. Die Bewegung dieses Körpers läßt sich als Überlagerung einer gradli-
nigen Bewegung, der Translation und einer Rotation darstellen. In einem
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 112
KAPITEL 2. MECHANIK 2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER
Bezugssystem, das sich mit dem Schwerpunkt mit bewegt, geht die Achse
der Rotation immer durch den Schwerpunkt.
Nehmen wir einen isolierten Körper, der sich um eine Achse durch den
Schwerpunkt dreht. Der Vektor, der einen Punkt i mit dem Schwerpunkt
verbindet ist:
d~ris
= ~vis = ~vi − ~vs (2.4.3)
dt
Der Abstand |~ris | = ist konstant bei einer Rotation des Körpers um eine
Achse durch den Schwerpunkt. Deshalb gilt:
d 2
~r = 0 (2.4.4)
dt is
2
Leitet man ~ris nach der Kettenregel ab, so bekommt man:
2~ris~vis = 0 (2.4.5)
D.h. der Vektor ~vis steht senkrecht auf ~ris . Diese Bahngeschwindigkeit
läßt sich somit einfach mit der Winkelgeschwindigkeit ω ~ ausdrücken zu:
~vis = ω
~ × ~ris (2.4.6)
Jedem Punkt auf dem Körper kann somit nach Gl. 2.4.2 eine Geschwindig-
keit ~vi zugeschrieben werden, die sich aus der Schwerpunktsgeschwindigkeit
~vs und der Bahngeschwindigkeit zusammensetzt:
113 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK
&
z
Z
&
vs &
& vis
ris
&
rs &
ri
y
Abbildung 2.4.2: Rotation eines Körpers um eine Achse durch den Schwer-
punkt.
führen sind die Kräfte F~1 und F~3 . Nachdem die Rotationsachse durch den
Schwerpunkt geht, erzeugt nur F~1 ein sogenanntes Drehmoment gemäß:
~ S = ~r⊥ × F~
D (2.4.8)
F2
F1
SP SP
F1
F3
Abbildung 2.4.3: Greift eine Kraft F~1 an einem Körper an, läßt sich durch
eine Hilfskonstruktion ein Kräftepaar F~2 und F~3 einführen, das am Schwer-
punkt angreift. F~2 führt zu einer beschleunigten Translation, F~1 und F~2
führen zu einer Rotation.
wobei r⊥ der senkrechte Abstand zwischen dem Punkt an dem die Kraft
angreift und der Rotationsachse ist. Das Drehmoment auf einem Körper im
Schwerefeld der Erde läßt sich auch ausnutzen um den Massenschwerpunkt
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 114
KAPITEL 2. MECHANIK 2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER
dm
& &
SP r g
FG
Abbildung 2.4.4: Wird ein Körper in einer Achse durch den Schwerpunkt
aufgehängt, so ist er in jeder Position im Gleichgewicht, d.h. es wirkt kein
Netto-Drehmoment.
X
F~i = 0 (2.4.11)
i
115 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK
X
~ri × F~i = 0 (2.4.12)
i
& FN &
D r1 r2 D
F1 F2
Drehimpuls
Analog zum Impuls kann man auch der Rotation eines Körpers einen Dre-
himpuls zuordnen. Das einzelnen Volumenelement gemäß Abb. 2.4.6 besitzt
einen Drehimpuls bezüglich der Rotationsachse von:
mit ~vi = ω
~ × ~ri ergibt sich
~ i = ~ri,⊥
L 2
ω
~ mi (2.4.16)
Integriert man über alle Volumenelemente mi so bekommt man den ge-
samten Drehimpuls zu:
X
~ =
L 2
~ri,⊥ mi ω
~ (2.4.17)
| i {z }
I
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 116
KAPITEL 2. MECHANIK 2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER
&
& Z
vi
riA
SP ri
~ = I~ω
L (2.4.18)
Den Ausdruck:
Z
2
I= r⊥ ρdV (2.4.19)
~ = mr2 ω
L ⊥~ (2.4.20)
Wenn er den Abstand ~r⊥ zu seiner Drehachse verkleinert, muß sich
ω ~ konstant bleibt. D.h. seine Winkelgeschwindigkeit
~ erhöhen, damit L
erhöht sich!
117 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK
• Versuch Drehstuhl
Eine Person sitzt auf einem Drehstuhl und bekommt ein rotierendes
Rad überreicht, dessen Drehachse parallel zur Drehachse des Dreh-
stuhls orientiert ist. Wenn diese Person die Drehachse des rotierenden
Rades um 180◦ dreht, so beginnt der Drehstuhl sich gegenläufig zu dre-
hen. Dies läßt sich wieder durch die Drehimpulserhaltung erklären, wie
in Abb. 2.4.7 verdeutlicht. Es gilt:
~ vorher = L
L ~ Rad (2.4.21)
~ nachher = −L
L ~ Rad + L
~ Drehstuhl (2.4.22)
(2.4.23)
& &
LVoher LNachher
&
& LStuhl
LRad
Für die Definition des Drehimpulses haben wir eine neue Größe, das
Trägheitsmoment, eingeführt. Betrachten wir den allgemeinen Fall eines
Körpers der um eine Achse B rotiert. Das Trägheitsmoment IB ist:
Z Z
IB = 2
r dm = (~rs + ~a)2 dm (2.4.24)
V V
Mit ~a dem senkrechten Abstand des Schwerpunktes von der Achse und ~rs
dem Ort des Massenpunktes bezüglich des Schwerpunktes. Beide Vektoren ~a
und ~rs befinden sich in einer Ebene senkrecht zur Drehachse. Wir bekommen:
Z Z Z
2 2
IB = ~rs dm + 2a ~rs dm +a dm (2.4.25)
V
| V{z } | V{z }
=0 =0
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 118
KAPITEL 2. MECHANIK 2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER
Man erkennt, daß sich das Trägheitsmoment aus zwei Anteilen zusam-
mensetzt:
IB = IS + a2 M (2.4.26)
&
Z
SP
&
rsA aA
• dünne Scheibe
Das Trägheitsmoment einer dünnen Scheibe der Höhe h und Radius R
ist gemäß Abb. 2.4.9:
Z Z R
¡ 2 2
¢ 1
Iz = x +y ρdV = 2πhρ rr2 dr = ρhπR4 (2.4.27)
V 0 2
1
I = M R2 (2.4.28)
2
119 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK
z
& z
&
Z Z R
d
R
h y
x
&
Z
• Hohlzylinder
Für das Trägheitsmoment eines Hohlzylinders mit Radius R und einer
Wandstärke d bekommt man:
Z Z R
2
Iz = ρ r dV = 2πhρ r3 dr ' 2πρhR3 d (2.4.29)
V R−d
Iz = M R2 (2.4.30)
• Vollzylinder
Für das Trägheitsmoment eines Vollzylinders mit Radius R bekommt
man:
1
Iz = M R2 (2.4.31)
2
• Kugel
Für das Trägheitsmoment einer Kugel mit Radius R erhalten wir:
2
I = M R2 (2.4.32)
5
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 120
KAPITEL 2. MECHANIK 2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER
121 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK
1
ERotation = Iω 2 (2.4.39)
2
~ = Iω, können wir die Rotationsenergie auch
Mit dem Drehimpuls L
darstellen als:
1 L2
ERotation = (2.4.40)
2 I
Die Rotationsenergie ist neben der kinetischen und der potentiellen Ener-
gie eine weitere Möglichkeit wie ein Körper Energie speichern kann. Der Ein-
fluss dieser Energie sei an zwei Beispielen illustriert:
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 122
KAPITEL 2. MECHANIK 2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER
&
mi Z
&
riA
SP
h
v
v
Abbildung 2.4.12: Abrollen eines Zylinders von einer Ebene. Bewegt sich
die Achse mit einer Geschwindigkeit ~v , so muß die Bahngeschwindigkeit eines
Punktes auf der Zylinderfläche am Kontaktpunkt −~v sein.
123 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK
1 1
Ekin = M vs2 + IS ω 2 (2.4.41)
2 2
D.h. bei Körpern mit einem großen Trägheitsmoment verbleibt ei-
ne kleinere Beitrag der zur Verfügung stehenden Energie, der in der
Schwerpunktsgeschwindigkeit steckt. D.h. Körper mit einem großen
Trägheitsmoment kommen später unten an. Vergleicht man somit einen
Vollzylinder (Is = 21 M r2 ) und einen Hohlzylinder (Is = M r2 ) gleicher
Masse, so erreicht der Vollzylinder den Fuß der schiefen Ebene als er-
stes. Die Winkelgeschwindigkeit ω läßt sich aus der Geschwindigkeit
des Schwerpunktes v ableiten. Nachdem der Kontaktpunkt der Rolle
zur Ebene in Ruhe ist, muß v des Schwerpunktes identisch mit der
Bahngeschwindigkeit eines Punktes auf dem Zylindermantel sein, d.h.
ω = Rv . Damit ergibt sich für die kinetische Energie mit IS = 12 M R2
3
Ekin = M v 2 (2.4.42)
4
Im Vergleich zu einer gleitenden Rolle, bei der die kinetische Energie
1 2
2
M vgleitend ist, kann die Geschwindigkeit der rollenden Kugel vrollend
nur kleiner als vgleitend sein, da in beiden Fällen die potentielle Energie
mgh umgewandelt wird.
• rotierende Kette
Betrachten wir jetzt eine bewegliche Kette, die an einem Faden auf-
gehängt ist, den ein Motor in Rotation versetzt. Die Rotation des
Motors gibt dem System ein konstanten Drehimpuls vor. Durch die
Änderung der Form der Kette, läßt sich aber die Rotationsenergie mi-
nimieren:
1
ERotation = I~ω (2.4.43)
2
Zu Beginn wird die Zentrifugalkraft dazu führen, daß sich die Kette
der Masse M zu einem Ring mit Radius R weitet, der zunächst um
die Achse des Fadens rotiert. Für eine solche Rotationsachse, die durch
den Durchmesser des Kreises führt bekommt man ein Trägheitsmoment
von I = 21 M R2 . D.h. bei gegebener Winkelgeschwindigkeit ω, die durch
den Motor vorgegeben ist, ist die Rotationsenergie minimal.
Bei höherer Drehgeschwindigkeit werden allerdings die Zentrifugal-
kräfte wichtiger und die Fliehkräfte führen zu einer Maximierung des
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 124
KAPITEL 2. MECHANIK 2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER
Z Z
Abbildung 2.4.13: Die Rotation eines Motors gibt einem System beste-
hend aus einem Faden, an dem eine bewegliche Kette aufgehängt ist einen
festen Drehimpuls vor. Durch die Änderung des Trägheitsmomentes läßt sich
die Rotationsenergie erniedrigen.
• wirbelndes Buch
Ähnlich zu dem Beispiel der rotierenden Kette, läßt sich auch die Ro-
tation eines Buches sehr schön erklären. Wie schon erwähnt ist ei-
ne Rotation um eine Achse mit dem geringsten Trägheitsmoment am
günstigsten für die Rotationsenergie. Allerdings führen die Zentrifu-
galkräfte dazu, daß eine Rotation um eine Achse mit dem größten
Trägheitsmoment angestrebt wird. Bei einem Buch mit seinen 6 Seiten-
flächen, kann man drei Trägheitsmomente unterscheiden. Die Rotation
um die Achsen mit dem kleinsten und größten Trägheitsmoment sind
stabil. Die Rotation um eine Achse mit dem mittleren Trägheitsmoment
ist instabil, das Buch taumelt.
125 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK
Translation Rotation
Geschwindigkeit ~v Winkelgeschwindigkeit ω
~
Masse m Trägheitsmoment I
Impuls p~ = m~v Drehimpuls ~ = Iω
L
Kraft F~ Drehmoment ~
D
2. Newton’sche Axiom F~ = d~ p ~ = dL~
D
dt dt
kinetische Energie 12 mv 2 1
2
Iω 2
µ ¶
~ i (∆mi ) d~r⊥
dL d∆m v
~
= ×(∆mi v~i )
i i
+ ~r⊥ × (2.4.44)
dt dt
|{z} dt
| {z }
v~i ~
F
~
dL ~
=D (2.4.45)
dt
mit L = Iω = I dφ
dt
ergibt sich:
2
~ = Id φ =
D (2.4.46)
d2 t
Man erkennt, daß man ähnlich zu den Gesetzen für die Translation einen
Zusammenhang zwischen dem Winkel und den wirkenden Drehmomenten be-
kommt, ähnlich zum zweiten Newton’schen Axiom. Diese Tatsache läßt sich
durch die Verknüpfung von Drehimpuls, Drehmoment und Trägheitsmoment
darstellen, die den Größen zur Beschreibung der Bewegung eines Massen-
punktes, Impuls, Kraft und Masse entsprechen. Dies ist in Tab. 2.2 ge-
genübergestellt:
Auch bei einer gleichmäßig beschleunigten Rotation können wir analog
zur Translation die Kraftgleichung
2
~ = Id φ
D (2.4.47)
dt2
integrieren und erhalten eine Funktion φ(t) von:
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 126
KAPITEL 2. MECHANIK 2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER
1D 2
φ= t + ω0 + φ0 (2.4.48)
2I
Der Ausdruck D/I entspricht einer Winkelbeschleunigung (= F/m bei
der Translation) und der Ausdruck ω0 ist die Winkelgeschwindigkeit zum
Zeitpunkt t = 0. Auf der Basis dieser Bewegungsgleichung wollen wir noch
einmal den Fall eines Zylinders betrachten, der eine Ebene mit Winkel α her-
unterrollt. Aus einem Kräftediagramm erkennen wir, daß das Drehmoment
um den Auflagepunkt gegeben ist als:
D = M g sin(α) · r (2.4.49)
Dieses Drehmoment versetzt den Zylinder in Rotation, der sich um seinen
Auflagepunkt abrollt. Das gültige Trägheitsmoment für diesen Fall läßt sich
mit dem Steiner’schen Satz ableiten zu:
D
r
&
m g
D
I = Is + M r 2 (2.4.50)
d
Mit D = dt
(Iω) ergibt sich:
¡ ¢ dω
M gr sin α = Is + M r2 (2.4.51)
dt
Die Geschwindigkeit der Achse des Zylinders muß gleich der Bahnge-
schwindigkeit eines Punktes auf dem Zylindermantel sein!. D.h. für die Ach-
sengeschwindigkeit gilt ds
dt
= rω. Somit ist der Bezug zwischen Beschleuni-
gung der Achse nach unten und der Änderung der Winkelgeschwindigkeit:
127 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK
d2 s dω
2
aAchse =
=r (2.4.52)
dt dt
D.h. wir bekommen als Beschleunigung:
g sin α
aAchse = (2.4.53)
1 + MIsr2
Die Beschleunigung ist am geringsten, je größer das Trägheitsmoment ist!
~ = I~
L ˜ω (2.4.57)
wobei allerdings I˜ ein Tensor ist, der Trägheitstensor:
Ixx Ixy Ixz
I˜ = Iyx Iyy Iyz (2.4.58)
Izx Izy Izz
Die einzelnen Komponenten dieses Tensors sind
Z Z
¡ 2 2
¢ ¡ 2 ¢
Ixx = r − x dm = y + z 2 dm (2.4.59)
bzw.
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 128
KAPITEL 2. MECHANIK 2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER
Z
Ixy = − xydm (2.4.60)
1 T˜
Erot = ω ~ I~ω (2.4.61)
2
bzw. aufgelöst nach den einzelnen Beiträgen.
1 T 1£ 2 ¤
Erot = ω ~ Iω ω
~ = ωx Ixx + ωy2 Iyy + ωz2 Izz + ωx ωy Ixy + ωx ωz Ixz + ωy ωz Iyz
2 2
(2.4.62)
Bislang haben wir die Rotation in einem willkürlichen Koordinatensy-
stem ~x, ~y und ~z betrachtet. Allerdings läßt sich durch eine Drehung des Ko-
ordinatensystems der Tensor des Trägheitsmomentes diagonalisieren. D.h.
in einem orthogonalen Koordinatensystem, das durch neue Einheitsvektoren
~a, ~b, ~c aufgespannt wird, ergibt sich:
Ia 0 0
I˜ = 0 Ib 0 (2.4.63)
0 0 Ic
In diesen neuen Koordinatensystem ist die Rotationsenergie einfach:
1£ 2 ¤
Erot = ωa Ia + ωb2 Ib + ωc2 Ic (2.4.64)
2
Man bezeichnet die Trägheitsmomente Ia , Ib und Ic als Haupt-
trägheitsmomente. Die Gleichung entspricht der Form nach einer drei-
dimensionalen Ellipsengleichung (x2 + y 2 + z 2 = 1). Man spricht von einem
Trägheitsellipsoid. Es zeigt sich bei einfachen Körpern, das die Achsen ~a, ~b
und ~c auch Symmetrieachsen des Körpers darstellen.
Wir können auch den Drehimpuls in diesen Achsen ausdrücken.
129 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK
&
a
&
Z
&
c
&
b
• Ia = Ib = Ic
~ ω . D.h. die
Falls alle Hauptträgheitsmomente gleich sind, so gilt Lk~
Drehachse kann beliebig sein, da der Körper komplett symmetrisch ist.
• Ia 6= Ib 6= Ic aber ω
~ beliebig
Falls alle Hauptträgheitsmomente unterschiedlich sind aber auch ω ~ be-
~
liebig ist, ist L nicht mehr parallel zu ω
~ . Dies läßt sich grafisch in Abb.
2.4.16 veranschaulichen. Betrachten wir den Fall daß Ia = Ib 6= Ic .
Die Rotation teilt sich auf in eine
p Rotation parallel zu ~c, ωc und eine
Rotation senkrecht dazu ω⊥ = ωa2 + ωb2 .
Was bedeutet dies für die Bewegung des Körpers? Wegen der Drehim-
pulserhaltung ist die Richtung von L~ ortsfest. Die Rotation um die
Achse ~c und um die Achse senkrecht dazu können sich aber nicht be-
~ = const. gelten muß. Es stellt sich eine
liebig überlagern, da immer L
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 130
KAPITEL 2. MECHANIK 2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER
Zc
&
Zc I c L
x
ZA
Zc
&
Z
ZA ZA I a
sogenannte Nutation4 ein, d.h. die Achse ~c und die Richtung ⊥ rotie-
ren gemeinsam um die Richtung von L.~
Dies läßt sich noch einmal veranschaulichen durch einen Vergleich der
Drehbewegung um eine feste und um eine freie Achse:
131 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK
Der Kreisel
Betrachten wir jetzt den Fall eines Kreisels. Gegeben sei ein Kreisel, der an
seinem unteren Ende unterstützt wird. Wird dieser Kreisel um einen Winkel
α aus seiner senkrechten Lage ausgelenkt, wirkt auf seinen Schwerpunkt ein
Drehmoment:
~ = ~r × m~g
D (2.4.66)
Ein Drehmoment führt immer zu einer Änderung des Drehimpulses:
~
dL
=D ~ (2.4.67)
dt
Nachdem dieses Drehmoment immer senkrecht zum Drehimpuls wirkt,
~ aber nicht dessen Betrag. Es entsteht eine
ändert sich die Richtung von L
Präzessionsbewegung (siehe Abb. 2.4.15). Die Frequenz der Präzession
ist:
dφ
ωp = (2.4.68)
dt
Die Änderung des Drehimpulses bei der Präzession ist gegeben als dL =
L sin αdφ, wie man aus Abb. 2.4.17 ablesen kann. Daraus läßt sich ableiten:
dφ dL 1 D
= = (2.4.69)
dt dt L sin α L sin α
Wenn wir für D = rmg sin α und für L = Iω einsetzen bekommt man:
D rmg sin α rmg
ωp = = = (2.4.70)
L sin α Iω sin α Iω
D.h. die Präzessionsfrequenz ωp ist unabhängig vom Winkel α.
Bei dieser Präzessionsbewegung ist der Gesamtdrehimpuls jetzt nicht
mehr nur durch die Rotation des Kreisels um seine Figurenachse gegeben,
sondern auch durch die Präzessionsbewegung selbst. D.h. die Figurenachse
und die Drehimpulsrichtung sind nicht mehr identisch. Dadurch überlagert
sich der Präzessionsbewegung eine Nutation.
Im folgenden seien drei Beispiele für die Anwendung der
Präzessionsbewegung und der Kreiselkräfte genannt:
• Der Kreiselkompass
Diese Präzessionsbewegung wird beim Kreiselkompass ausgenutzt
(siehe Abb. 2.4.16): Ein Kreisel wird in Rotation versetzt. Der Krei-
sel ist zusätzlich in einer Achse B senkrecht zu dieser Rotationsachse
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 132
KAPITEL 2. MECHANIK 2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER
& &
Z || L z M
&
L
D
&
r & D L sin D dM
mg
133 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK
&
F &
& x D
L
&
& & F
L Ost L
x
Achse || zu Erdboden
&
Z x N West
• Fahrradfahren
Die Kreiselkräfte können auch die Fahrstabilität eines Fahrrades er-
klären (siehe Abb. 2.4.20). Betrachten wir zunächst das Gleichgewicht
beim Fahrradfahren. Der Schwerpunkt muß immer auf der Verbin-
dungsachse zwischen den beiden Auflagepunkten der Räder liegen.
Kippt das Fahrrad nach links, muß man auch nach links lenken, um
den Schwerpunkt auf die Verbindungsachse zu bringen. Durch die
Kreiselkräfte geschieht dies auch beim freihändig fahren: Kippt das
Fahrrad nach links, wirkt ein Drehmoment durch die Schwerkraft auf
den Drehimpulsvektor des rotierenden Vorderrades. Dies erzeugt eine
Präzession, die das Rad nach links verdreht. Während dieser Links-
kurve wirkt die Zentrifugalkraft, die das Fahrrad wieder gerade stellt.
Es kommt allerdings noch ein zweiter Aspekt hinzu. Bei einem Fahrrad
ist die Lenkachse des Vorderrades schräg gestellt. Die Erfahrung zeigt,
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 134
KAPITEL 2. MECHANIK 2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER
Fz FG
&
F2 &
F1
Sonne
Fz FG
Erde
Abbildung 2.4.19: Die Erde ist durch die Rotation abgeplattet. Während
sich für eine ideale Kugelform die Zentrifugalkraft und die Gravitation auf-
heben, so ist auf der sonnen-abgewandten Seite der Abplattung, die Zentrifu-
galkraft größer als die Gravitation, während sie auf der sonnen zugewandten
Seite kleiner ist. D.h. ein Drehmoment entsteht, was zu einer Präzession der
Erdachse mit einer Periode von 26000 Jahren führt.
daß man mit einem solchen Fahrrad einfach freihändig fahren kann.
Ein Fahrrad dessen Lenkachse senkrecht steht ist dafür nicht geeignet.
Woran liegt das? Durch die schräge Lenkachse bekommt man einen
sogenannten Nachlauf, d.h. die Projektion der Lenkachse auf den Bo-
den liegt vor dem Punkt an dem das Vorderrad den Boden berührt.
Dadurch entsteht ein Nachlaufen, da das Rad immer der Lenkachse
folgt.
135 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK
& &
r
L &
L
& x &
mg
D
Nachlauf
„instabil“ „stabil“
Abbildung 2.4.20: Ein Fahrrad ist stabil, wenn sein Schwerpunkt auf der
Verbindungsgerade zwischen den Rädern liegt. Falls das Fahrrad nach links
kippt, entsteht eine Präzession, die auch das Rad nach links dreht, d.h. der
Schwerpunkt kommt wieder auf die Verbindungsachse. Die schräge Lenkach-
se erzeugt einen Nachlauf des Vorderrades.
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 136
KAPITEL 2. MECHANIK 2.5. REALE KÖRPER
d2 x
m = −cx (2.5.3)
dt2
bzw.
d2 x c
+ x=0 (2.5.4)
dt2 m
Dies ist eine Differentialgleichung für eine Schwingung mit x(t) als Lösung
der Form:
137 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.5. REALE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK
E pot
R
r0
R
EB
r
c
x(t) = sin ω0 t mit ω0 = (2.5.5)
m
Die Atome schwingen also um ihre Ruhelage, was eine direkte Fol-
ge der Parabelnäherung der potentiellen Energie ist. Man spricht auch
von der harmonischen Näherung. Dehnt man jetzt einen realen Körper
kann man den linearen Zusammenhang zwischen Zugspannung und relati-
ver Längenänderung für kleine Dehnungen gut beobachten: die Änderung
des mittleren Abstandes zwischen den Atomen wird als Dehnung oder Stau-
chung (siehe Abb. 2.5.2) sichtbar. Übt man eine Kraft auf einen Körper der
Länge L aus, der an einem Ende eingespannt ist, so dehnt er sich. Die Kraft
F , die man dabei aufwenden muß, ist in erster Näherung proportional zur
Längenänderung ∆L. Hier kann man entweder einen Körper betrachten, der
an zwei Enden mit der Kraft F gedehnt oder gestaucht wird, oder der einge-
spannt ist und an einem Ende mit F gedehnt wird. In letzterem PFall, sorgt
die Normalkraft FN am eingespannten Ende für die Bedingung F = 0 im
Gleichgewicht. Mit einem Querschnitt A dieses Festkörpers und einer Pro-
portionalitätskonstante E bekommt man:
F ∆L
=E (2.5.6)
A L
Die Proportionalitätskonstante E heißt Elastizitätsmodul. Zusätzlich
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 138
KAPITEL 2. MECHANIK 2.5. REALE KÖRPER
FN
F F F
L 'L L 'L
σ = E² (2.5.8)
Bei großen Dehnungen ist die potentielle Energie der Atombindung al-
lerdings nicht mehr durch eine Parabel anpassbar und die Dehnung da-
mit auch nicht mehr proportional zur Kraft, wie in Abb. 2.5.3 illustriert.
Die Abweichung der potentiellen Energie von der Parabelform wird sicht-
bar. Man spricht von der Anharmonizität des Bindungspotentials und die
Dehnung ist nicht mehr proportional zur wirkenden Zugspannung. In einem
Übergangsbereich ist diese Dehnung allerdings immer noch reversibel. Ab ei-
nem bestimmten Punkt kehrt der Körper nicht mehr in seine Ausgangslage
zurück, da sich in seinem Innern irreversible Änderungen durch die Dehnung
ergeben haben, der Körper fließt. Dies kann zum Beispiel das Abgleiten ein-
zelner Kristallite in einem polykristallinen Festkörper sein. Bei noch größerer
Dehnung wird schließlich ein Punkt erreicht an dem der Körper zerreißt (sie-
he Abb. 2.5.3).
Die Härte von Materialien gegenüber einer mechanischen Beanspruchung
kann mit zahlreichen Messverfahren untersucht werden. Die Härte selbst
ist keine physikalisch genau definierte Größe im Unterschied zum Elasti-
zitätsmodul. Die Härte ist also immer definiert bezüglich eines gewählten
Messverfahrens. Bei der Härtemessung wird ein Prüfkörper in ein Materi-
al hinein gedrückt und das Verhältnis aus aufgewendeter Kraft zur Quer-
schnittsfläche des Eindrucks ist als Härte definiert. Hierbei unterschieden sich
die einzelnen Messverfahren hinsichtlich der Wahl des Prüfkörpers (Kugel,
Diamant etc.)
139 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.5. REALE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK
V
H
Abbildung 2.5.3: Das Hook’sche Gesetz verknüpft Zugspannung σ = Fq
und relative Längenänderung ² = ∆l
l . Wegen der Anharmonizität des Bin-
dungspotentials kommt es zu einer Abweichung vom Hook’schen Gesetz für
große Zugspannungen bzw. Dehnungen.
σx
²y = ²z = −µ²x = −µ (2.5.9)
E
Das Minuszeichen drückt aus, daß eine Dehnung in einer Richtung
grundsätzlich eine Stauchung in die andere Richtung bedingt und umgekehrt.
Man kann einen allgemeinen Fall definieren, bei dem in alle drei Rich-
tungen Zug- bzw. Druckspannungen herrschen mögen. D.h. eine Dehnungen
in y- und z-Richtung kann seinerseits durch eine mögliche Druck- oder Zug-
spannung in y- und z-Richtung durch die Querkontraktion vergrößert oder
verringert werden. Man bekommt eine Dehnung in x-Richtung durch die
Spannungen σx , σy und σz von:
1
²x = [σx − µ (σy + σz )] (2.5.10)
E
Man erkennt hier zum Beispiel, daß eine Dehnung in x-Richtung reduziert
werden kann, wenn eine Dehnung in y-Richtung oder z-Richtung auftritt.
Die Änderung des Volumens ist gegeben als:
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 140
KAPITEL 2. MECHANIK 2.5. REALE KÖRPER
1
²V olumen = ²x + ²y + ²z = (1 − 2µ) (σx + σy + σz ) (2.5.11)
E
1
P H y
2
Hx
1 2H x
Man erkennt, daß eine Volumenänderung nur auftritt, falls die Poisson-
zahl µ 6= 0.5 ist.
Betrachten wir im folgenden das Beispiel eines gebogenen Balkens, wie in
Abb. 2.5.5 illustriert. Der Balken habe eine Länge L und sei an einem Ende
eingespannt. An seinem Ende wirke eine Kraft F0 . Welche Spannung wirkt
jetzt in dem Balken?
Wie aus der Zeichnung ersichtlich ist, entsteht ein Unterschied ∆l in der
Länge des Balkens an Ober- und Unterseite:
µ ¶ µ ¶
d d l
∆l = r + ϕ− r− ϕ = dϕ = d (2.5.12)
2 2 r
mit r dem Krümmungsradius und d der Dicke des Balkens. Wir be-
trachten kleine Dehnungen bzw. große Krümmungsradien r. D.h. bei kleinen
Winkeln ϕ, kann sin ϕ grundsätzlich durch ϕ = rl angenähert werden. Die
gestrichelte Linie in Abb. 2.5.5 bezeichnet man als neutrale Faser in der
aus Symmetriegründen keine Spannung auftreten kann. Die Längenänderung
an einem beliebigen Ort z im Balken ist demnach:
l
∆l(z) = z (2.5.13)
r
Mit dem Hook’schen Gesetz bekommen wir:
141 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.5. REALE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK
L
d 2
d l
z 0
F0 d 2
r
x M
∆l 1
=²=σ (2.5.14)
l E
bzw.
z
σ= E (2.5.15)
r
Die Spannung σ erzeugt eine Kraft dF auf eine Fläche b · dz am Ort z
innerhalb des Balkens der Breite b:
z
dF = σbdz = E · b · dz (2.5.16)
r
Diese Kraft erzeugt mit dem Hebelarm z ein Drehmoment dDBalken =
dF z (siehe Abb. 2.5.6):
E
z · b · dz
dDBalken = z (2.5.17)
r
Mit der Integration über die Dicke d des Balkens bekommen wir das
gesamte Drehmoment, daß durch das Spannungsfeld σ im Balken aufgebaut
wird.
Z d/2
E 2 Ed3 b
DBalken = z b dz = (2.5.18)
−d/2 r 12r
Dieses Drehmoment DBalken steht im Gleichgewicht mit dem von außen
angreifenden Drehmoment durch die Kraft F0 . An einem Ort x auf der Länge
des Balkens ist das Drehmoment gegeben als (siehe Abb. 2.5.5):
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 142
KAPITEL 2. MECHANIK 2.5. REALE KÖRPER
Daußen = F0 (L − x) (2.5.19)
V
V V x z 0
V x
1 12F0
= − 3 (L − x) (2.5.20)
r Ed b
Man erkennt, daß die Krümmung des Balkens 1/r mit der dritten Potenz
der Balkendicke abnimmt5 . Gleichzeitig ist die Krümmung am Ort x = 0,
dem Ort der Einspannung, am größten. An diesem Ort tritt auch die maxi-
male Zugspannung σmax auf:
1d
σmax = E (2.5.21)
r2
bzw.
12F0 L
σmax = (2.5.22)
2d2 b
D.h. der Balken bricht bei Überlastung genau dort ab.
Verscherung
Neben einer Dehnung und Stauchung kann ein elastischer Festkörper auch
verschert werden. Durch das Hook’schen Gesetz kann man die Scherspan-
nung τ mit dem Scherwinkel γ, gemäß Abb. 2.5.7 verknüpfen:
τ = Gγ (2.5.23)
143 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.5. REALE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK
y
'x
x F W yx
J x
a
a 1 H y
a x
Vy Vy
a 1 PH y
S
J
2
5
Große Krümmung entspricht einem kleinen Radius und umgekehrt.
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 144
KAPITEL 2. MECHANIK 2.5. REALE KÖRPER
µ ³ ´¶ 1 − µ²
1 π y
tan −γ = (2.5.24)
2 2 1 + ²y
Für sehr kleine Verscherungswinkel γ läßt sich dies annähern zu:
γ
1− 2 1 − µ²y
γ = (2.5.25)
1+ 2
1 + ²y
bzw.
γ = ²y (1 + µ) (2.5.26)
Wenn wir τ = Gγ und σ = ²E einsetzen bekommen wir:
σ
E= G(1 + µ) (2.5.27)
τ
Aus der Verscherung eines Körpers kann man zudem noch ableiten, daß
die Verscherung τ durch eine maximale uni-axiale Dehnung in y-Richtung
erzeugt werden kann, als 12 σ = τ 6 . Damit bekommt man als Verknüpfung
schließlich:
E = 2G(1 + µ) (2.5.28)
Diese Beziehung gilt streng nur für Materialien mit isotropen, d.h.
räumlich homogenen elastischen Eigenschaften. Anisotrope Körper mit be-
stimmten Vorzugsrichtung müssen aufwändiger beschrieben werden.
Im allgemeinen Fall, kann ein Spannungszustand eines Körpers durch eine
Matrix σ̃ beschrieben werden.
σx τxy τxz
σ̃ = τyx σy τyz (2.5.29)
τzx τzy σz
Nachdem bei einem ruhenden Körper sich die Drehmomente aufheben
müssen gilt immer τxy = τyx , d.h. die Matrix ist symmetrisch. Der Span-
nungszustand ist mit der Verformung verknüpft, die durch die Matrix
²xx ²xy ²xz
²̃ = ²yx ²yy ²yz (2.5.30)
²zx ²zy ²zz
gegeben ist. Man bekommt eine verallgemeinerte Form des Hook’schen
Gesetztes mit:
6
Dies läßt sich aus der Kräftebilanz eines kleinen rechtwinkligen Dreiecks ableiten. Bei
einem spitzen Winkel von 45◦ wird durch eine Scherspannung eine maximale Zugspannung
bzw. Druckspannung verursacht.
145 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.5. REALE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK
Vy
Vx W yx
W xy
σ̃ = E²̃ (2.5.31)
Bei einem isotropen Material ist E ein Skalar. Für Festkörper mit be-
stimmten Vorzugsrichtungen und einer Anisotropie in ihrem Verhalten ist
auch E wieder ein Tensor Ẽ.
2.5.2 Flüssigkeiten
Eine Flüssigkeit kann prinzipiell keine Kräfte parallel zur
Flüssigkeitsoberfläche (=Scherkräfte) aufnehmen. Die Flüssigkeitsoberfläche
verändert sich solange bis die wirkenden Kräfte immer senkrecht zur
Flüssigkeitsoberfläche sind. Dies läßt sich an einem rotierenden Gefäß
illustrieren. Die Oberfläche der Flüssigkeit in dem rotierenden Gefäß nimmt
die Kontur einer Parabel ein, da dann die Summe aus Zentrifugalkraft
und Schwerkraft genau senkrecht zur Oberfläche steht, wie Abb. 2.5.10
veranschaulicht.
Betrachten wir einen Ort auf der rotierenden Flüssigkeit, so muß sind die
Kräfte die Schwerkraft und die Zentrifugalkraft. Nachdem die Kraft senkrecht
zur Flüssigkeitsoberfläche wirkt (Querschnitt entspricht der Funktion z(r))
muß gelten:
dz mω 2 r
= (2.5.32)
dr mg
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 146
KAPITEL 2. MECHANIK 2.5. REALE KÖRPER
D.h. es gilt:
dz
∝r bzw. z(r) ∝ r2 (2.5.33)
dr
D.h. der Querschnitt der Flüssigkeit hat eine Parabelform. Diese
Abhängigkeit erzeugt auch eine perfekte asphärische Abbildung, falls man
die Oberfläche als Spiegel dienen soll. In der Tat werden große Glasspiegel
der Astronomie auf diese Art vorgeformt, wobei während der Erstarrung des
geschmolzenes Glas-Rohlings dieser rotiert und sich so automatisch die Pa-
rabelform einstellt.
v2 r
m
r
mg F mg
mg
Z
Abbildung 2.5.10: In einer Flüssigkeit können keine Scherkräfte auftreten.
Deshalb richtet sich die Kraftkomponente immer senkrecht zur Oberfläche
aus.
Hydrostatischer Druck
In einer ruhenden Flüssigkeit (siehe Abb. 2.5.10), darf sich kein
Flüssigkeitselement bewegen, d.h. die Kräfte auf die Oberflächen dieses
Flüssigkeitselementes müssen sich alle aufheben. Diese Kraft pro Fläche be-
zeichnet man als Druck:
F
p= [Pa] (2.5.34)
A
Die Einheit des Druckes sind Pascal, Pa. Dieser Druck ist innerhalb der
Flüssigkeit konstant (ohne Schwerkraft). Dies kann wie folgt gezeigt werden.
Betrachten wir ein Flüssigkeitselement bei dem der Druck in x-Richtung auf
beiden Seiten unterschiedlich sei. Auf der linken Fläche des Volumenelements
dydz herrsche ein Druck p:
147 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.5. REALE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK
F = pdzdy (2.5.35)
∂p
und auf der rechten Seite ein Druck p + ∂x dx. Die Kraftbilanz in x-
Richtung lautet demnach:
µ ¶
∂p ∂p
Fx = pdzdy − p + dx dzdy = − dV (2.5.36)
∂x ∂x
mit dxdydz = dV . Nachdem in einer Flüssigkeit das Volumenelement
konstant ist, sich aber in Ruhe die Kräfte aufheben, muß gelten: −gradp = 0.
D.h. der Druck ist konstant. Dies bezeichnet man als Pascal’sches Prinzip:
p = const. (2.5.37)
Ein Beispiel für die Anwendung der Gleichverteilung des Druckes in ei-
ner Flüssigkeit ist die hydraulische Hebebühne für schwere Lasten, wie
in Abb. 2.5.11 gezeigt. In einem System verbundener Röhren wird auf eine
Röhre mit kleinem Querschnitt A1 eine Kraft F1 ausgeübt. Nachdem der
Druck in der Flüssigkeit überall gleich ist, wirkt durch diesen Druck auf die
Fläche A2 die Kraft F2 . D.h. es muß gelten:
F1 F2
= p= (2.5.38)
A1 A2
Somit ist die Kraft, die man aufwenden muß, um einen Körper anzuheben,
der die Fläche A2 beschwert, gleich:
A1
F2 F1 = (2.5.39)
A2
Die Arbeit W , die geleistet werden muß ist Kraft mal Weg. D.h. die
Verschiebung der Fläche A1 um ∆z1 erzeugt eine Verschiebung der Fläche
A2 um ∆z2 .
A1
F2 ∆z1
W1 = F1 ∆z1 = (2.5.40)
A2
Nachdem die veränderten Volumina gleich bleiben, d.h. A1 ∆z1 = A2 ∆z2
bekommt man durch Einsetzen:
A1 A2
F2 ∆z2 = F2 ∆z2
W1 = F1 ∆z1 = (2.5.41)
A2 A1
D.h. die Kraft F1 kann sehr viel kleiner als die Kraft F2 gemacht werden.
Um die Last entsprechend F2 um ∆z2 anzuheben ist allerdings eine große
Verschiebung ∆z1 notwendig.
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 148
KAPITEL 2. MECHANIK 2.5. REALE KÖRPER
F1 F2
A2
A1
p
1 1
dp = ρV g = ρAdzg = ρg · dz (2.5.42)
A A
Der Druck an einem Ort z in einer Flüssigkeitssäule, durch die Gewichts-
kraft der darüber stehenden Wassersäule ist demnach gegeben als
Der Auftrieb
Die Druck-Variation mit der Höhe eines Wasserspiegels wird sichtbar beim
sog. Auftrieb. Betrachten wir einen Körper, der untergetaucht ist. Durch die
unterschiedlichen Höhen der Ober- wie der Unterseite ist der entsprechende
Druck auf der Ober- und Unterseite mit Querschnitt A unterschiedlich. Dies
führt netto zu einer Kraft nach oben, dem Auftrieb (siehe Abb. 2.5.12).
149 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.5. REALE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK
F1 = p1 A1 F2 = p2 A2 (2.5.44)
Mit A1 = A2 = A bekommen wir
F1 − F2
∆p = = p1 − p2 = ρg(h1 − h2 ) = ρF lüssigkeit g∆h (2.5.45)
A
&
F p1 A1
Mg
&
F p2 A2
Demnach verliert ein eingetauchter Körper soviel Gewicht, wie die ver-
drängte Wassermenge ∆V = A∆h wiegt. Dies bezeichnet man als das Ar-
chimedische Prinzip:
Dieser Auftrieb ist der Gewichtskraft entgegen gerichtet. Ein U-Boot kann
stabil im Wasser schweben, wenn es den Auftrieb genau mit seiner Gewichts-
kraft ausbalanciert. Durch eine Veränderung des verdrängten Volumens (Flu-
ten oder Ausblasen von Tanks) kann es entweder sinken der aufsteigen.
Welches Gleichgewicht stellt sich jetzt ein, wenn ein Körper schwimmt?
Im Gleichgewicht muß gelten:
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 150
KAPITEL 2. MECHANIK 2.5. REALE KÖRPER
Der Vergleich der Dichten des Körpers und des Mediums in dem der
Körper schwimmt, besagt zunächst, daß ein Schwimmen nur möglich ist,
wenn die mittlere Dichte7 des Körpers kleiner als die des Wassers ist. Bei ei-
nem schwimmenden Körper taucht dieser so weit in das Wasser ein, daß die
verdrängte Wassermenge genau seinem Gewicht entspricht! Dies wird auf ein-
drucksvolle Weise in einem Schiffshebewerk sichtbar. Hier fährt ein Schiff
in einen wassergefüllten Trog hinein, der auf eine andere Flußsohle gehoben
oder gesenkt wird. An dem Trog sind Gegengewichte, die das Gewicht der
Wassermenge in dem Trog ausbalancieren. Obwohl ein Schiff Tausende von
Tonnen wiegt, ändert sich das Gewicht des Troges nicht durch das hinein
fahrende Schiff: die verdrängte Wassermenge ist genau so schwer wie des
Schiffes selbst. D.h. der Motor zum Heben und Senken des Troges kann rela-
tiv schwach sein, da kein zusätzliches Schiffsgewicht mit angehoben werden
muß8
Bei der Konstruktion von Schiffen ist der Angriffspunkt der Auftriebs-
kraft wesentlich. Dieser Angriffspunkt ist der Schwerpunkt der verdrängten
Wassermenge. Der Angriffspunkt der Gravitation ist der Schwerpunkt des
gesamten Schiffes. Beide Angriffspunkte sind in der Regel nicht identisch.
Ein Schiff liegt dann stabil im Wasser, wenn das Drehmoment durch die Auf-
triebskraft zu einer senkrechten Ausrichtung des Schiffes führt. Dies ist in
Abb. 2.5.13 illustriert. Demnach ist ein Schiff dann besonders stabil, wenn
sein Schwerpunkt möglichst tief angeordnet ist.
FA FA
SP
SP
M g M g
7
Bei einem Schiff zum Beispiel, ergibt sich die mittlere Dichte aus dem Gewicht des
Schiffes durch das verdrängte Volumen
8
Dies ist im Unterschied zu einem traditionellen Fahrstuhl in Hochhäusern. Hier muß
der Motor das Gewicht der Passagiere heben können.
151 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.5. REALE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK
Grenzflächen
Reale Medien zeichnen sich durch eine Grenzfläche zu ihrer Umgebung aus.
Das Erzeugen einer Grenzfläche, zum Beispiel beim Spalten eines Kristalls
ist immer mit einer Energie verbunden, da die Bindungen zu den Nach-
baratomen aufgebrochen werden müssen. Man definiert eine sog. Ober-
flächenenergie EOberf läche als diejenige Proportionalitätskonstante, die die
aufgewendete Arbeit ∆W zur Oberflächenänderung ∆A in Bezug setzt:
F
F
F 'A
A
F
F
Abbildung 2.5.14: Die Oberflächenenergie beschreibt die Arbeit die gelei-
stet werden muß, um eine Fläche um ∆A zu vergrößern.
X F
∆W = F dR = 2πRdR = EOberf läche ∆A (2.5.49)
U mf ang
2πR
Man erkennt, daß die Einheit der Oberflächenenergie [Nm−1 ] ist. Oft-
mals wird Oberflächenenergie und Oberflächenspannung gleichwertig
verwendet. Bei genauer Definition ist die Oberflächenenergie diejenige Ener-
gie, die durch das Spalten der Atombindungen aufgebracht werden muß. Bei
der Oberflächenspannung wird zusätzlich noch berücksichtigt, daß durch das
Einbringen einer neuen Grenzfläche sich eine Atomsorte an der Oberfläche
ansammeln kann (die Phasen A und B entmischen sich bei einem Festkörper
AB, wobei sich zum Beispiel Atomsorte A an der Oberfläche ansammelt).
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 152
KAPITEL 2. MECHANIK 2.5. REALE KÖRPER
r
p p0
'r
De meisten Terme kürzen sich und wir erhalten als Zusammenhang zwi-
schen ∆p und r folgenden Ausdruck:
153 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.5. REALE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK
EOberf läche
∆p = 4 (2.5.54)
r
Man erkennt, daß der Druckunterschied bei sehr kleinen Seifenblasen sehr
groß wird. D.h. kleine Seifenblasen sind sehr ungünstig. Dies ist ein allgemei-
nes Phänomen: die Bilanz aus Grenzflächenenergie und Volumenenergie ist
günstiger bei Körpern mit größerem Volumen-zu-Oberfläche Verhältnis, d.h.
große Tropfen oder Seifenblasen wachsen auf Kosten der kleineren.
Diese Oberflächenspannung wird auch ganz praktisch für die Bewer-
tung der Benetzbarkeit von Oberflächen genutzt. Betrachten wir dazu
das Kräftegleichgewicht eines Tropfens auf einer Unterlage (Substrat),
wie in Abb. 2.5.16 illustriert. An der Grenzlinie lassen sich drei Ober-
flächenspannungen angeben für die jeweiligen Grenzflächen Luft-Substrat
(ELS ), Flüssigkeit-Substrat (EF S ) und Luft-Flüssigkeit (ELF ). Aus einer
Kraftbilanz am Ort der Grenzlinie an der sich alle drei Medien berühren
kann man ableiten:
ELS EFS F
S
T
Die Oberflächenenergie kann auch als einfache Erklärung für die Ka-
pillarwirkung von dünnen Hohlräumen dienen. Dies geschieht mit einer
einfachen Energiebilanz, wie am Beispiel einer Kapillare mit Radius r in
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 154
KAPITEL 2. MECHANIK 2.5. REALE KÖRPER
Abb. 2.5.16 illustriert ist. An der Oberfläche in der Höhe h haben wir fol-
gendes Gleichgewicht: eine Erhöhung um dh ändert die potentielle Energie
mg = ρr2 πhg der ganzen Flüssigkeitssäule um dh. Dies geschieht nur, wenn
in gleichem Maß Oberflächenenergie gewonnen wird. Es muß gelten:
dh
m g h
D.h. mit kleinem Radius r ist die Kapillarwirkung sehr viel stärker, da der
Energiegewinn bei Benetzung sehr groß wird im Vergleich zur potentiellen
Energie, die aufgebracht werden muß, um die Flüssigkeit um dh anzuheben.
Die Bilanz von Schwerkraft und Oberflächenenergie, kann auch zur nega-
tiven Kapillarität führen, falls es für eine Flüssigkeit ungünstig wird eine
Oberfläche zu benetzen. Fügt man eine Kapillare in eine solche Flüssigkeit
155 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.5. REALE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK
ein, so wird die Flüssigkeit verdrängt, bis der Druck in einer bestimmten Tie-
fe ausreicht, um im Gleichgewicht mit der Änderung der Oberflächenenergie
zu sein. Hier wird ∆EOberf läche negativ.
Mit der Gleichung 2.5.55 läßt sich auch direkt der Kontaktwinkel einset-
zen mit dem die Flüssigkeit im Innern der Kapillare anliegt. Man bekommt
mit:
2.5.3 Gase
Im Unterschied zu Flüssigkeiten können Gase ihr Volumen ändern und rea-
gieren damit auf Druckänderungen. Beim Komprimieren und Expandieren
eines Gasvolumens stellt man fest, das bei gegebener konstanter Tempera-
tur9 das Produkt aus Druck und Volumen konstant bleibt:
pV = const. (2.5.62)
Dies bezeichnet man als Boyle-Mariottsches Gesetz. Im Unterschied
zu einer Flüssigkeit ändert sich jetzt die Dichte ρ des Materials maßgeblich.
Nachdem die Masse M in dem Gasvolumen V erhalten bleibt (M = V ρ)
kann man äquivalent zu Gl. 2.5.62 auch schreiben:
p
= const. (2.5.63)
ρ
Auf der Basis dieses Zusammenhangs läßt sich die Variation des Druckes
mit der Höhe eines Volumenelements in der Atmosphäre beschreiben. Es sei
gesucht der Druck p und die Dichte der Atmosphäre ρ an einem beliebigen
Ort der Höhe h über dem Erdboden. Zunächst gilt:
p p0
= (2.5.64)
ρ ρ0
mit p0 und ρ0 dem Druck und der Dichte auf der Erdoberfläche. Betrach-
ten wir jetzt ein kleines Volumenelement in einer Höhe h. Der Druckun-
terschied zwischen Ober- und Unterseite des Volumenelements mit Quer-
9
Das Konzept der Temperatur wird später noch explizit behandelt
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 156
KAPITEL 2. MECHANIK 2.5. REALE KÖRPER
schnittsfläche A wird durch die Gewichtskraft pro Fläche der Luft innerhalb
dieses Volumenelements bestimmt. Der Anteil der Gewichtskraft ist
dF = −ρgdhA (2.5.65)
Der Druckunterschied ist Kraft pro Fläche. Damit bekommt man:
dF
dp = = −ρgdh (2.5.66)
A
mit Gl. 2.5.64 ergibt sich schließlich:
ρ0
dp = − pgdh (2.5.67)
p0
F1
p dp p, U
F2 dh
p
p0 , U 0
157 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.5. REALE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 158
KAPITEL 2. MECHANIK 2.6. TRANSPORT
2.6 Transport
Bislang hatten wir statische Körper betrachtet, seien es kompressible Medien
wie Gase oder inkompressible Medien wie Flüssigkeiten oder Festkörper. In
allen Medien kann zudem Transport von Teilchen stattfinden, wie es zum
Beispiel beim Strömen von Flüssigkeiten und Gasen sichtbar wird. Bei diesem
Transport gelten wieder Erhaltungssätze für die Teilchenzahl, den Impuls
und die Energie. Diese Grundgleichungen und deren Anwendungen werden
im folgenden diskutiert.
ρV = const. (2.6.1)
Betrachten wir jetzt ein Medium, das durch ein Rohr mit variablem Quer-
schnitt strömt (siehe Abb. 2.6.1). Die Menge, die durch den großen Quer-
schnitt A1 strömt und in einem Zeitintervall ∆t die Strecke ∆x1 zurück legt,
muß gleich derjenigen Menge sein, die durch den kleinen Querschnitt A2
strömt und in dem gleichen Zeitraum die Strecke ∆x2 zurück legt. Dies läßt
sich ausdrücken durch:
A1
A2
v1 v2
'x2
' x1
Abbildung 2.6.1: Eine Flüssigkeit ströme durch ein Rohr mit variablem
Querschnitt.
∆x1 ∆x2
ρ1 A1 = ρ2 A2 (2.6.2)
∆t ∆t
159 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.6. TRANSPORT KAPITEL 2. MECHANIK
∆x1
Die Ausdrücke ∆t
entsprechen Geschwindigkeiten. D.h. wir bekommen:
ρ1 A1 v1 = ρ2 A2 v2 (2.6.3)
Bei inkompressiblen Medien, wie zum Beispiel einer Flüssigkeit gilt ρ1 =
ρ2 und wir bekommen:
A1 v1 = A2 v2 (2.6.4)
Im allgemeinen kann sich jedoch die Dichte eines Mediums ändern. Wir
führen deshalb eine Massenflußdichte jM assen ein, die definiert ist als:
A1 j1 = A2 j2 (2.6.6)
Alternativ könnten wir auch die Teilchenflußdichte jT eilchen verwenden,
die einfach einer Anzahl von strömenden Teilchen pro Volumen n = N/V und
Zeit entspricht:
Im folgenden wollen wir einen etwas formaleren Ansatz wählen und be-
trachten Teilchen, die durch ein Volumenelement V = ∆x3 hindurch strömen
(siehe Abb. ). Die Teilchenzahl ∆N , die in ein Volumen pro Zeit ∆t hinein
oder hinaus strömen ist gegeben als:
∆N
= jT eilchen A (2.6.10)
∆t
Wir teilen beide Seiten durch das Volumen V und bekommen mit der
Teilchendichte n = NV
∆n A
= jT eilchen (2.6.11)
∆t V
mit mdn = dρ und mjT eilchen = j bekommen wir für die Strömung durch
ein Volumen in x-Richtung eine Bilanz von (A = ∆x2 und V = ∆x3 ):
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 160
KAPITEL 2. MECHANIK 2.6. TRANSPORT
dρ 1
=j (2.6.12)
dt ∆x
Wir betrachten nun die beiden Seiten des Volumens in x-Richtung. Auf
der linken Seite sei die Dichte ρ und die Geschwindigkeit v. Nachdem in
Dichte und Geschwindigkeit eine räumliche Variation vorliegen kann, ist der
allgemeine Ausdruck für Dichte und Geschwindigkeit auf der rechten Seite
∂ρ ∂v
ρ + ∂x ∆x bzw. v + ∂x ∆x. Um die Änderung der Dichte in dem Volumen
V zu bestimmen, müssen wir die Massenflussdichten, die durch die beiden
Seitenflächen treten bilanzieren. In x-Richtung bekommen wir den Ausdruck:
µ µ ¶µ ¶¶
dρ 1 ∂v ∂ρ
= vρ − v + ∆x ρ+ ∆x (2.6.13)
dt ∆x ∂x ∂x
1
∂v ∂ρ ∂v ∂ρ 2
= − ∆xρ + ∆xv + ∆x (2.6.14)
∆x |∂x {z ∂x } |∂x ∂x{z }
∂
(vρ)∆x ∆x2 ¿∆x
∂x
∂
= − (vρ) (2.6.15)
∂x
x
z
'x wV
V V 'x
wx
dρ ∂ ∂ ∂
+ (vx ρ) + (vy ρ) + (vz ρ) = 0 (2.6.16)
dt ∂x ∂y ∂z
161 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.6. TRANSPORT KAPITEL 2. MECHANIK
dρ
+ div (~v ρ) = 0 (2.6.17)
dt
oder
dn
+ div (~v n) = 0 (2.6.18)
dt
D.h. die Änderung der Dichte ist gegeben als sog. Divergenz10 der Teil-
chenflussdichte.
1
Ekin = ρ∆V v 2 (2.6.21)
2
Damit wird die Gesamtenergie, die erhalten bleiben muß, zu:
10
Die Divergenz ist die räumliche Ableitung einer vektoriellen Größe, die als Ergebnis
ein Skalar liefert, da die räumlichen Änderungen in alle drei Richtungen addiert werden.
Zum Vergleich ist der Gradient (grad) eine räumliche Ableitung eines Skalares, das als
Ergebnis einen Vektor liefert.
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 162
KAPITEL 2. MECHANIK 2.6. TRANSPORT
A1
A2
p1 v2 p
2
F1 v1
'x2
' x1
Abbildung 2.6.3: An einer Verengung ist der Druck geringer, da die
Flüssigkeit schneller strömt.
1 1
p1 ∆V1 + ρ1 v12 ∆V1 = p2 ∆V2 + ρ2 v22 ∆V2 (2.6.22)
2 2
Für eine inkompressible Flüssigkeit sind die Volumina gleich (∆V1 = ∆V2 )
und ρ1 = ρ2 = ρ und man bekommt die sog. Bernoulli-Gleichung
1 1
p1 + ρv12 = p2 + ρv22 (2.6.23)
2 2
Ein allgemeiner Fall für die Energieerhaltung läßt sich ableiten, wenn wir
berücksichtigen, daß die Arbeit auch gegen die Schwerkraft geleistet werden
muß, wie in Abb. 2.6.4 illustriert. Wir bekommen einen analogen Ausdruck
von:
1 1
p1 + ρv12 + ρgh1 = p2 + ρv22 + ρgh2 (2.6.24)
2 2
Obwohl die Bernoulli-Gleichung für inkompressible Medien (∆V1 = ∆V2 )
abgeleitet wurde, gilt sie auch für Gase bei nicht zu hohen Geschwindigkeiten.
Bei niedrigen Strömungsgeschwindigkeiten von Gasen ist die Änderung in
der Dichte und damit die Änderung der Volumina klein. Erst beim Erreichen
der Schallgeschwindigkeit wird die Beschreibung der Druckverhältnisse in
strömenden Gasen schwieriger. Für die Bernoulli-Gleichung existieren zahl-
reiche anschauliche Beispiele:
• Hydrodynamisches Paradoxon
Anhand dieser Gleichung läßt sich das hydrodynamische Parado-
xon erklären (siehe Abb. 2.6.5). Betrachten wir zwei gegenüberliegende
Blätter, wobei in den Spalt durch ein Rohr in einem der Blätter
163 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.6. TRANSPORT KAPITEL 2. MECHANIK
p2 A2
'x2
'h
h2
p1 A1
h1
' x1
Luft hinein strömt. Anstatt das untere Blatt fort zu blasen, wird es
angezogen. Woran liegt das? Die Luft die durch das Rohr strömt,
durchläuft einen großen Querschnitt, während sie durch den Spalt zwi-
schen den Blättern einen kleinen Querschnitt durchströmt. Dement-
sprechend steigt die Geschwindigkeit der Luftströmung zwischen den
Blättern und der Druck sinkt. Nachdem der Außendruck höher wird
als der Druck der zwischen den Blättern wirkt, werden dieses zusam-
mengedrückt.
Nach einem ähnlichen Prinzip arbeitet auch das Anpressen von Renn-
wagen bei hohen Geschwindigkeit. Hier wird das Strömungsverhalten
der Luft unterhalb des Rennwagens derartig beeinflusst, daß der An-
pressdruck bei hohen Geschwindigkeiten groß wird.
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 164
KAPITEL 2. MECHANIK 2.6. TRANSPORT
v1
v2
• Staurohr
165 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.6. TRANSPORT KAPITEL 2. MECHANIK
v1
v2
Abbildung 2.6.6: Der Auftrieb beim Flugzeug entsteht durch den Luft-
druckunterschied zwischen Ober- und Unterseite des Flügels.
y v x
A
x
z
wp x
p p 'x 'x
wx
Auch diese Gleichung kann man in drei Dimensionen ausdrücken und man
erhält:
F~ = −gradpdV (2.6.26)
mit A∆x = dV . Wenn wir die wirkenden Kräfte bilanzieren, die zu einer
Beschleunigung dv
dt
der Teilchen in einem Volumenelement führen, so erhalten
wir:
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 166
KAPITEL 2. MECHANIK 2.6. TRANSPORT
d~v
ρdV
= ρdV ~g − gradpdV (2.6.27)
dt
Der erste Term auf der rechten Seite beschreibt die Schwerkraft und der
zweite den Einfluss eines Gradienten im Druck. Die totale Zeitableitung auf
der linken Seite läßt sich umschreiben in partielle Ableitungen und man be-
kommt.
dv ∂v
0= = + (~v · ∇) · ~v (2.6.31)
dt ∂t
Für diesen gilt:
∂v
= − (~v · ∇) · ~v (2.6.32)
∂t
Er beobachtet sehr wohl eine Änderung der Geschwindigkeit in dem festen
Volumenelement, wobei die beobachtete Geschwindigkeit der Änderung ∂v ∂t
proportional zur Geschwindigkeit der Welle v und zur Steilheit der Welle
gradv ist.
167 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.6. TRANSPORT KAPITEL 2. MECHANIK
y
FR
x
Fläche A
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 168
KAPITEL 2. MECHANIK 2.6. TRANSPORT
p1 r p2
Fp R
FR
p1 − p2 ¡ 2 ¢
v(r) = R − r2 (2.6.35)
4ηL
Die Menge an Flüssigkeit, die pro Zeit durch das Rohr fließt, ist das be-
wegte Volumen V pro Zeit t. Das Teilvolumen dV eines kleinen Hohlzylinders
mit einem Innendurchmesser r und einem Aussendurchmesser r + dr bewegt
sich in einer Zeit ∆t um eine Strecke ∆x:
dV ∆x
= 2πrdr = 2πrdrv(r) (2.6.36)
∆t ∆t
Dieses Volumen wird über den Radius integriert (von v(r = R) = 0 bis
v(R − r)), und man bekommt schließlich das gesamte bewegte Volumen pro
Zeit t:
Z R
V πR4 (p1 − p2 )
= 2πrv(r)dr = (2.6.37)
t r=0 8ηL
Diesen Zusammenhang bezeichnet man als das Gesetz von Hagen-
Poiseuille. Man erkennt, daß die Durchflußmenge mit dem Radius zur vier-
ten Potenz ansteigt! D.h. eine sehr kleine Änderung des Radius eines Rohres
fuhrt zu einer drastischen Erhöhung bzw. Erniedrigung der Durchflußmenge.
Dies ist insbesondere wichtig für die Kontrolle des Blutstroms in unserem
Körper. Schon kleinste Ablagerungen in den Blutgefäßen können die Durch-
flußmenge stark reduzieren. Dies kann nur kompensiert werden, wenn der
Druckunterschied dementsprechend ansteigt, d.h. das Herz wird sehr stark
belastet.
Die Reibung der Flüssigkeit am Übergang zu einem Festkörper führt zu
einer Kraftwirkung. Auf der Basis von Gl. 2.6.33 für die Reibung zwischen
zwei Medien mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten, läßt sich die Reibung
169 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.6. TRANSPORT KAPITEL 2. MECHANIK
einer Kugel mit Radius RK , die sich mit der Geschwindigkeit v0 durch ein
Medium bewegt, berechnen (Viskosität η). Für dieses Problem erhält man
schließlich die Reibungskraft, die der Bewegungsrichtung ~v0 entgegen gerich-
tet ist:
R &
FR
& &
FR 6SK R k v 0
&
v0
v
3
v 1 2
1 3 2
p
p1 p2
1 3 2
v
3 2c
1 2
v 2c
1 3 2
171 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.6. TRANSPORT KAPITEL 2. MECHANIK
• Wirbelbildung
Durch die Reibung entstehen hinter dem Objekt zusätzlich ein
Strömungsprofil, das einen Wirbel erzeugen kann. In diesem Wirbel
bewegt sich die Luft mit einer endlichen Geschwindigkeit. Aus diesem
Grund ist, gemäß der Bernoulli-Gleichung, der Druck dort geringer.
Durch die auftretende Geschwindigkeiten vhinten des Mediums hinter
dem Objekt ergibt sich ein Druckunterschied (v1 = 0 am Ort 1):
1 2
p1 − p2 = ∆p = ρvhinten (2.6.41)
2
• Druckverlust durch Überwindung der Reibung
Potentielle Energie wird zur Überwindung der Reibung aufgewendet.
Deshalb sind die Drücke p02 und p2 hinter dem Objekt kleiner als p1 vor
dem Objekt. Es entsteht ein Druckunterschied gemäß:
p1 V = p2 V + WReibung (2.6.42)
bzw.
p1 − p2 = ∆pReibung (2.6.43)
D.h. wir bekommen insgesamt. Nach Gl. 2.6.41 ist dieser Druckunter-
schied auch proportional zu 12 ρvhinten
2
.
Der niedrigere Druck hinter dem Objekt erzeugt ein Kraft die der Bewe-
gung entgegen gerichtet ist.
F = ∆pA (2.6.44)
mit A dem Querschnitt des Objektes. Der genaue Betrag dieser Kraft
hängt allerdings in sehr komplizierter Weise von dem Strömungsprofil ab. Die
wichtigste Abhängigkeit ist die von der Geschwindigkeit des Mediums vhinten
hinter dem Objekt. In erster Näherung ist diese gleich der Geschwindigkeit
v des Objektes selbst. Dieser Strömungswiderstand durch die Bildung von
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 172
KAPITEL 2. MECHANIK 2.6. TRANSPORT
1
F = cW ρv 2 A (2.6.45)
2
Eine Tropfenform hat zum Beispiel einen cW -Wert von 0.06, während
eine Scheibe einen cW -Wert von 1.2 besitzt und eine Kugel von 0.4. Die
rücktreibende Kraft ist hier immer proportional zum Quadrat der Geschwin-
digkeit, während sie bei der Stokes’schen Reibung direkt proportional zur
Geschwindigkeit war. Letztere gilt allgemein für kleine Geschwindigkeiten
und laminare Strömungen, während die quadratische Abhängigkeit gut den
Strömungswiderstand durch Turbulenz beschreibt.
Die Entstehung von Wirbeln hinter einem umströmten Körper führt zu
ausgedehnten räumlichen Strukturen in dem Medium. Die einzelnen Wir-
bel lösen sich abwechselnd von dem Körper ab und verbleiben wegen der
Drehimpulserhaltung über lange Zeit stabil11 . Es entsteht eine sogenannte
Karmann’sche Wirbelstraße, wie in Abb. 2.6.13 illustriert. Jedes mal,
wenn sich ein Wirbel ablöst, entsteht wegen der Drehimpulserhaltung ein
rückstellendes Drehmoment auf das Objekt. Dies wird beim Flattern einer
Fahne sichtbar, bei der sich das Fahnentuch periodisch mit dem Ablösen der
einzelnen Wirbel hin und her bewegt; sie flattert.
Wann entsteht jetzt der Übergang von einer laminaren in eine turbulente
Strömung? Wie eingangs motiviert wurde, ist die Reibung ein entscheiden-
der Faktor. Betrachtet man die Teilchen-, Impuls- und Energiebilanz eines
strömenden Mediums, stellt man fest, daß die Strömungsmuster identisch
11
Das sich abwechselnde Ablösen von Wirbeln kann man aus einer Minimierung der
Energie verstehen, da das Volumen des rotierenden Mediums hinter dem Objekt bei einem
sequentiellen Ablösen klein bleibt.
173 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.6. TRANSPORT KAPITEL 2. MECHANIK
sind, wenn die sog. Reynoldszahl gleich ist. Diese Reynoldszahl Re ist de-
finiert als:
2Ekin
Re = (2.6.46)
WReibung
mit Ekin der kinetischen Energie in dem strömenden Flüssigkeitselement
und WReibung der Arbeit, die gegen die Reibung geleistet werden muß. Bei
sehr kleinen Werten von Re ist die Strömung laminar. D.h. die Reibung
dominiert und benachbarte Elemente im Medium können nicht einfach an-
einander vorbei strömen. Bei sehr großen Werten von Re können sich große
Geschwindigkeitsunterschiede ergeben. Der damit verbundene Unterschied in
den Druckverhältnissen führt zu der Bildung von Wirbeln. Eine typische kri-
tische Grenze für den Übergang von laminarer zu turbulenter Strömung ist
eine Reynoldszahl von ungefähr 2000.
v
Die geleistete Arbeit auf einer Wegstrecke ∆x gegen die Reibung ist:
¯ ¯
¯ ∆v ¯
WReibung = F ∆x = ηA ¯¯ ¯ ∆x (2.6.47)
∆y ¯
Die kinetische Energie, die sich über die Wegstrecke ∆x um ∆v in einem
Volumenelement ändert ist:
1 1
Ekin = m∆v 2 = ρ∆x2 ∆v 2 (2.6.48)
2 2
Daraus folgt für die Reynoldszahl mit ∆x = ∆y = ∆z:
ρ∆x2 ∆v 2 ρ∆y∆v
Re = ¯ ¯ = (2.6.49)
¯ ∆v ¯ η
ηA ¯ ∆y ¯ ∆x
D.h. für ein gegebenes Medium (ρ und η) können wir eine kritische Ge-
schwindigkeit ∆v = vc angeben, bei der die kritische Reynoldszahl Rec für
eine typische Abmessung des Objektes ∆y = L erreicht ist:
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 174
KAPITEL 2. MECHANIK 2.6. TRANSPORT
ρ
Rec = Lvc (2.6.50)
η
Bei kleinen Abmessungen L bleibt die Reynoldszahl klein und die Aus-
dehnung des Objektes reicht nicht für die Bildung von Wirbeln aus. Bei einer
großen Ausdehnung (z.B sehr breites Objekt) wird die Bildung von Wirbeln
begünstigt.
j x
N Teilchen
'x
Dichte n
Abbildung 2.6.15: Ein Strömung j wird durch Stöße an Teilchen der Dich-
te n verringert.
175 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.6. TRANSPORT KAPITEL 2. MECHANIK
∆N ∆x
= −N nσ (2.6.51)
∆t ∆t
σ bezeichnet den sog. Wirkungsquerschnitt als der ”Trefferfläche” ei-
nes einzelnen Gasmoleküls 12 . Daraus bekommen wir:
dN = −N nσdx (2.6.52)
Diese Integralgleichung läßt sich auflösen zu:
x
N (x) = N0 e−nσx = N0 e− λ (2.6.53)
mit N (x = 0) = N0 und mit λ der freien Weglänge:
1
λ= (2.6.54)
nσ
Für den mikroskopischen Transport betrachten wir jetzt ein Volumen mit
Gasteilchen, wobei sich in einer Richtung x die Dichte n ändern soll, d.h. dn
dx
6=
0. Wir betrachten eine gedachte Fläche A senkrecht zur x-Richtung, die einen
Bereich hoher Teilchendichte (n+ ) von einem Bereich kleiner Teilchenzahl
(n− ) trennt. Die Zahl der Teilchen, die pro Zeiteinheit durch diese Fläche
gemäß Abb. 2.6.16 von links nach rechts treten ist:
*
v y O
n
x x0 x x
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 176
KAPITEL 2. MECHANIK 2.6. TRANSPORT
Der Winkel ϑ soll ausdrücken, daß die Rate des Übertritts von der Ge-
schwindigkeit normal zu der gedachten Oberfläche A abhängt. v̄ ist der mitt-
lere Betrag der richtungs-unabhängigen Geschwindigkeit der Gasmoleküle.
Die Zahl der Teilchen, die pro Zeiteinheit durch diese Fläche von rechts nach
links treten ist:
dn
n+ = n0 − ∆x (2.6.58)
dx
dn
n− = n0 + ∆x (2.6.59)
dx
wobei n0 , die Teilchendichte am Ort der gedachten Grenzfläche A ist. Wir
bekommen:
dn
j = −2v̄ cos ϑ ∆x (2.6.60)
dx
Wir wollen nur Teilchen betrachten, die innerhalb ihrer freien Weglänge
diese Fläche durchtreten können, da der mikroskopische Transport nur Teil-
chen beschrieben soll, die sich frei bewegen können. D.h. das Volumen aus
dem Teilchen aus einer bestimmten Richtung ϑ mit der Geschwindigkeit v̄
durch diese Fläche treten ist A∆x. Die Dicke ∆x berechnet sich aus der Pro-
jektion der freien Weglänge auf die Normale der Fläche A: ∆x = λ cos ϑ.
Damit bekommen wir schließlich:
dn
j = −2v̄ cos2 ϑλ (2.6.61)
dx
Wir müssen jetzt über alle Raumrichtungen ϑ mitteln
Z
2 1 1
hcos ϑi = cos2 ϑ sin ϑdϑdφ = (2.6.62)
4π Raumwinkel 6
und erhalten schließlich das sog. Fick’sche Gesetz der Diffusion:
177 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.6. TRANSPORT KAPITEL 2. MECHANIK
1 dn
j = − v̄λ (2.6.63)
3 dx
D.h. es findet ein Teilchentransport statt, der durch einen räumlichen
Unterschied in den Teilchendichten getrieben wird. Dies bezeichnet man als
Diffusion.
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 178
KAPITEL 2. MECHANIK 2.7. SCHWINGUNGEN
2.7 Schwingungen
In vielen Systemen der Physik spielen Schwingungen eine große Rolle. Be-
trachtet man zum Beispiel die Atome in einem Molekül, so sind im Gleichge-
wicht die Länge der Bindungen und die Bindungswinkel vorgegeben. Lenkt
man diese Atome aus ihrer Gleichgewichtslage aus, so wirkt eine rückstellende
Kraft. Diese rückstellende Kraft führt zu einer Oszillation der Bindung um
die Gleichgewichtslage. Eine Schwingung tritt auf.
d2 x
m = −cx (2.7.1)
dt2
mit der Abkürzung
c
ω02 = (2.7.2)
m
x 0
d2 x
+ ω02 x = 0 (2.7.3)
dt2
179 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.7. SCHWINGUNGEN KAPITEL 2. MECHANIK
Wir wollen jetzt die Zeitabhängigkeit des Ortes x ermitteln. Dazu müssen
wir eine Funktion x(t) finden, die die Gleichung 2.7.3 erfüllt. Dies kann durch
zwei Funktionen erfüllt werden:
Man erkennt, daß der Ansatz die Gl. 2.7.3 erfüllt. Aus der Randbedingung
bekommen wir:
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 180
KAPITEL 2. MECHANIK 2.7. SCHWINGUNGEN
x
a
S 2S
Z0 t
x
aZ0
S 2S Z0 t
d2 x
m = − sin ϕmg (2.7.11)
dt2
mit x = l sin ϕ ergibt sich ähnlich zu Gleichung 2.7.3 wieder:
d2 x g
+ x=0 (2.7.12)
dt2 l
mit
g
ω02 = (2.7.13)
l
Man erkennt, daß die Frequenz eines Pendels nicht von der Masse des
Körpers abhängt, sondern nur von der Länge des Pendels.
Ein physikalisches Pendel bezeichnet den allgemeinen Fall eines beliebig
geformten Körpers, der eine Pendelbewegung vollführt. Das rückstellende
Drehmoment ist gegeben als:
181 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.7. SCHWINGUNGEN KAPITEL 2. MECHANIK
Z0 t
M S 2S
Aufhängung ist:
dϕ
L = Iω = I (2.7.15)
dt
Nach dem zweiten Newton’schen Axiom für die Rotation gilt:
dL d2 ϕ
D= =I 2 (2.7.16)
dt dt
Mit der Näherung sin ϕ → ϕ gilt für kleine Winkel ϕ, die Bewegungsglei-
chung:
d2 ϕ lmg
+ ϕ (2.7.17)
dt2 I
D.h. die Frequenz dieses physikalischen Pendels ist:
r
mgl
ω0 = (2.7.18)
I
Für den einfachsten Fall einer punktförmigen Masse m ist das
Trägheitsmoment I = l2 m. Wir bekommen somit mit
r r
mgl g
ω0 = = (2.7.19)
ml2 l
die Frequenz des einfachen Pendels.
Die Lösung der Schwingungsgleichung läßt sich auch eleganter ableiten
indem man zunächst einen komplexen Ansatz wählt:
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 182
KAPITEL 2. MECHANIK 2.7. SCHWINGUNGEN
m
x 0
&
mg
x
Abbildung 2.7.4: Ein Pendel führt eine harmonische Schwingung für kleine
Auslenkungen durch.
Umgekehrt lassen sich auch Cosinus und Sinus wiederum durch komplexe
Exponentialfunktionen ausdrücken:
1 ¡ ıϕ ¢
sin ϕ = e − e−ıϕ (2.7.22)
2ı
1 ¡ ıϕ ¢
cos ϕ = e + e−ıϕ (2.7.23)
2
183 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.7. SCHWINGUNGEN KAPITEL 2. MECHANIK
Im(z )
z
M
Re(z )
Re(z )
# cos(M )
M
Abbildung 2.7.5: Die Lösung einer Schwingungsgleichung kann man in der
komplexen Ebene darstellen.
dann für die reelle Funktionen Cosinus oder Sinus als entsprechenden Am-
plitude und Phase verwendet, um den Verlauf der Schwingung im Ortsraum
zu beschreiben.
Benutzen wir diesen Ansatz noch einmal für die Lösung der Schwingungs-
gleichung in der Form:
ẍ + ω02 x = 0 (2.7.24)
Wir verwenden zunächst wieder einen sehr allgemeinen Ansatz:
˙ = v0 = c1 ıω0 − c2 ıω0
x(0) (2.7.26)
Aus der Randbedingung x(t = 0) = 0 bekommen wir:
x(0) = 0 = c1 + c2 (2.7.27)
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 184
KAPITEL 2. MECHANIK 2.7. SCHWINGUNGEN
x1 = a cos ω1 t (2.7.30)
x2 = a cos ω2 t (2.7.31)
sin(20Zt)
sin(18Zt)
Summe
185 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.7. SCHWINGUNGEN KAPITEL 2. MECHANIK
wobei die Phasen gleich sind, sich aber die Frequenzen unterscheiden,
so ergibt sich folgender Ausdruck:
x = a cos ω1 t + a cos ω2 t
µ ¶ µ ¶
ω1 − ω2 ω1 + ω2
= 2a cos t cos t (2.7.32)
2 2
x1 = a cos(ωt + ϕ1 ) (2.7.33)
x2 = a cos(ωt + ϕ2 ) (2.7.34)
mit cos (ωt + ϕ1 ) = cos (ωt) cos ϕ1 − sin ωt sin ϕ1 ergibt sich:
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 186
KAPITEL 2. MECHANIK 2.7. SCHWINGUNGEN
· ¸
ϕ1 − ϕ2 ϕ1 + ϕ2 ϕ1 + ϕ2
x(t) = 2a cos cos ωt cos − sin ωt sin
2 2 2
(2.7.37)
Die maximale Amplitude der Schwingung ergibt für ϕ1 = ϕ2 gleich 2a,
d.h. die Schwingungen überlagern sich positiv, es tritt positive Inter-
ferenz auf. Falls die beiden Phasen um 180◦ bzw. um π gegeneinan-
der verschoben sind wird die Amplitude Null. D.h. die Schwingungen
löschen sich aus, es tritt negative Interferenz auf.
ẍ + 2γ ẋ + ω02 x = 0 (2.7.39)
Wir verwenden jetzt eine exponentiellen Ansatz wobei die unbekannten
Faktoren c und λ jeweils komplexe Zahlen sein können:
187 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.7. SCHWINGUNGEN KAPITEL 2. MECHANIK
h √ 2
√ 2 2i
2
x(t) = e−γt c1 e γ −ω0 t + c2 e− γ −ω0 t (2.7.43)
Wir erkennen, daß durch die Wahl des Ansatzes sofort ein Anteil einer
normalen Exponentialfunktion entsteht (e−γt ), der die Dämpfung der Schwin-
gungsamplitude wiedergibt. Die anderen Terme können je nach Verhältnis
zwischen γ und ω0 reell oder komplex werden. Hieran erkennt man den effizi-
enten Weg zu einer Lösung, die durch den formalen Ansatz einer komplexen
Exponentialfunktion gelingt.
Welche typische Lösungen ergeben sich jetzt für die Zeitabhängigkeit von
x(t). Wir können drei Fälle unterscheiden:
• γ ¿ ω0 schwache Dämpfung
Falls die Dämpfung γ sehr klein gegen die Frequenz ω0 ist, so ist ω eine
reelle Zahl:
ω 2 = ω02 − γ 2 (2.7.44)
√
λ1,2 = −γ ± −ω = −γ ± ıω (2.7.45)
£ ¤
x(t) = e−γt c1 eıωt + c2 e−ıωt (2.7.46)
• γ À ω0 starke Dämpfung
Falls die Dämpfung sehr stark ist, so können wir den Ausdruck
q
λ1,2 = −γ ± γ 2 − ω02 = −γ ± α (2.7.48)
p
mit α = γ 2 − ω02 einer reellen Zahl ausdrücken und erhalten:
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 188
KAPITEL 2. MECHANIK 2.7. SCHWINGUNGEN
£ ¤
x(t) = e−γt c1 eαt + c2 e−αt (2.7.49)
v0 −γt £ αt ¤
x(t) = e e − e−αt (2.7.50)
2α
Der Verlauf x(t) entspricht einem Kriechen der Feder, da die Amplitude
sehr langsam zurück geht.
• γ = ω0 aperiodischer Grenzfall
Falls die Dämpfung γ genau gleich der Frequenz ω0 ist, so bekommt
man die Lösung:
λ = −γ (2.7.51)
189 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.7. SCHWINGUNGEN KAPITEL 2. MECHANIK
J !! Z0
J Z0
Zt
J Z0
a (ω02 − ω 2 )
<A = 2 = |A| cos ϕ (2.7.58)
(ω02 − ω 2 ) + (2γω)2
und dem Imaginärteil
2aγω
=A = − 2 = |A| sin ϕ (2.7.59)
(ω02 − ω 2 ) + (2γω)2
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 190
KAPITEL 2. MECHANIK 2.7. SCHWINGUNGEN
F0 cosZt
x=0
F=-Dx
Die Amplitude und Phase sind Funktionen sowohl der Eigenfrequenz der
Feder ω0 als auch der externen Erregerfrequenz ω. Für den Betrag der Am-
plitude bekommt man:
F0 1
|A(ω)| = q (2.7.60)
m 2
(ω02 − ω2) + (2γω)2
und für die Phase bekommt man:
2γω
tan ϕ = − (2.7.61)
ω02 − ω2
D.h. die Amplitude der Feder wird maximal, wenn die Frequenz mit der
angeregt wird folgende Bedingung erfüllt:
q
ωR = ω02 − 2γ 2 (2.7.62)
Dies bezeichnet man als Resonanz. Amplitude und Phase sind in Abb.
2.7.9 gezeigt. Man kann drei Bereiche identifizieren:
• ω < ω0
Diese Phasenänderung läßt sich anschaulich verstehen: bei kleinen an-
regenden Frequenzen ω, folgt die Feder direkt der externen Erregung.
Nachdem die Eigenfrequenz ω0 sehr viel größer als ω ist, kann das Sy-
stem Feder beliebig schnell folgen. Die Feder läuft der externen Erre-
gung hinterher und der Ort des Exzenters und der Ort der schwingen-
191 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.7. SCHWINGUNGEN KAPITEL 2. MECHANIK
den Masse ändern sich jeweils in gleicher Weise, d.h. der Phasenwinkel
ϕ ist klein.
• ω ' ω0
Für ω ' ω0 ist die Phase ungefähr −π/2, d.h. Erregung und Schwin-
gung erfolgen um 90◦ phasen-verschoben. Die Amplitude im Bereich
der Erregerfrequenz ω ' ω0 ist sehr groß. Man spricht von einer reso-
nanten Erregung der Feder. Bei einer Phasenverschiebung von −π/2
ist am Umkehrpunkt der Feder, die Geschwindigkeit der Erregung ma-
ximal. D.h. die Feder wird an den Umkehrpunkten durch die externe
Kraft maximal beschleunigt. Dadurch schaukelt sich die Schwingung
auf. Dies ist ähnlich zu dem Beschleunigen einer Schaukel, bei der ein
optimaler Effekt erzielt wird, wenn diese Schaukel genau im Moment
des Umkehrpunktes stark angeschoben wird.
• ω > ω0
Für ω À ω0 kann die Feder der Bewegung nicht mehr folgen, sie hinkt
nach (negative Phase). Die Auslenkung der Feder erfolgt später als
die Auslenkung des Erregers. Bei sehr hohen Frequenzen erfolgt die
Bewegung genau gegenphasig. Die Amplitude der Anregung läuft gegen
Null, d.h. die Feder kann der externen Anregung nicht mehr folgen. Dies
wird eindrucksvoll bei Lichtwellen sichtbar: dort müssen die Elektronen,
den Schwingungen des elektrischen Feldes (=der Lichtwelle) folgen. Bei
sehr hohen Frequenzen ist das nicht mehr möglich. So werden viele
Materialien zum Beispiel für Licht mit Frequenzen im Röntgenbereich
durchsichtig.
Bei der erzwungenen Schwingung wird Energie durch die äußere Kraft in
die Bewegung der Schwingung hinein gepumpt. Man kann zwei charakteristi-
sche Amplituden definieren. Für ω → 0 ergibt sich die Schwingungsamplitude
zu:
a
|A|ω→0 = (2.7.63)
ω02
Im Maximum für schwache Dämpfung γ ¿ ω0 bekommt man eine Am-
plitude von:
a
|A|max. = (2.7.64)
2γω0
D.h. wenn die Dämpfung sehr klein wird läuft die Amplitude der Schwin-
gung gegen unendlich, da dem System durch die externe Kraft kontinuierlich
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 192
KAPITEL 2. MECHANIK 2.7. SCHWINGUNGEN
a
ZR
Z02
Z0 Z
M
Z0
Z
J !!
J
S
|A|max ω0
Q= = (2.7.65)
|A|ω→0 2γ
In vielen praktischen Fällen kann man die Schwingung selbst oft nicht
beobachten. Bei der Kernspinresonanz wird zum Beispiel der Drehimpuls der
Atomkerne durch ein äußere Radiofrequenzspule modifiziert. Die absorbierte
Leistung in dieser Spule ist ein Maß für die Dichte der Atomkerne. Aus
dieser Information wird dann das Bild rekonstruiert. D.h in der Regel wird
eine Resonanz an Hand des Auftretens einer erhöhten Leistungsabsorption
beobachtet.
Wie berechnet sich diese Leistungsabsorption? Eine Schwingung (Ort x)
absorbiert eine Leistung P , die durch die externe Kraft F aufgebracht wird:
dx
P =F (2.7.66)
dt
193 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.7. SCHWINGUNGEN KAPITEL 2. MECHANIK
Aus der Lösung der Schwingungsgleichung haben wir Amplitude und Pha-
se der erzwungenen Schwingung schon bestimmt. Die Kraft sei gegeben als
F = F0 sin ωt. Die Schwingung selbst habe die Form x = |A| sin(ωt + ϕ).
Damit ergibt sich:
dx
P =F
= F0 sin ωt|A|ω cos(ωt + ϕ) (2.7.67)
dt
Mit cos(ωt + ϕ) = cos ωt cos ϕ − sin ωt sin ϕ bekommen wir:
£ ¤
P = F0 |A|ω cos ϕ sin ωt cos ωt − sin ϕ sin2 ωt (2.7.68)
mit sin ωt cos ωt = 12 sin 2ωt und sin2 ωt = 1
2
− 12 cos 2ωt bekommen wir:
· ¸
1 1 1
P = F0 |A|ω cos ϕ sin 2ωt + sin ϕ cos 2ωt − F0 |A|ω sin ϕ (2.7.69)
2 2 2
Wenn wir über eine Periode mitteln, so fallen die Terme mit cos 2ωt und
sin 2ωt weg. Es verbleibt:
1
P̄ = −F0 |A|ω sin ϕ (2.7.70)
2
Wenn wir sin ϕ aus Gl. 2.7.59 einsetzen, so bekommen wir schließlich:
1 2 1
P̄ = F02 γω 2 (2.7.71)
m (ω0 − ω ) + (2γω)2
2 2
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 194
KAPITEL 2. MECHANIK 2.7. SCHWINGUNGEN
C m C m C
x1 0 x2 0
195 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.7. SCHWINGUNGEN KAPITEL 2. MECHANIK
Daraus läßt sich ursprüngliche Lösung wieder konstruieren, und wir be-
kommen:
1 1
x1 = (a + b) = A (cos (ω1 t + ϕ1 ) + cos (ω2 t + ϕ2 )) (2.7.81)
2 2
bzw.
µ ¶ µ ¶
ω1 − ω2 ϕ1 − ϕ2 ω1 + ω2 ϕ1 + ϕ2
x1 = A cos t+ t cos t+ t (2.7.82)
2 2 2 2
Man erkennt, daß man für die Auslenkung am Ort x1 eine Art Schwebung
bekommt. Die Amplitude der Schwingung bei ω = 21 (ω1 + ω2 ) schwillt an und
wieder ab. Gegenphasig dazu steigt die Amplitude x2 und sinkt wieder. D.h.
die Energie der Schwingung oszilliert zwischen der maximalen Amplitude x1
und der maximalen Amplitude x2
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 196
KAPITEL 2. MECHANIK 2.8. WELLEN
2.8 Wellen
Schwingungen beschreiben die zeitliche Entwicklung einer Oszillation. Hat
man allerdings eine lokale Quelle, die ein umgebendes Medium anregt, so
kann sich diese Schwingung auch räumlich ausbreiten. Eine Welle entsteht.
x
vPhase
Die Tatsache, daß diese Welle sich mit der Zeit t mit einer Geschwindigkeit
vphase ausbreitet, läßt sich durch den Ansatz
· µ ¶¸
z
x(z, t) = A sin ω t − (2.8.1)
vP hase
beschreiben. Wie erklärt sich diese Phasengeschwindigkeit? Betrachten
wir dazu einen Beobachter, der sich mit der Phasengeschwindigkeit mit der
Welle mit bewegt (wie ein Surfer auf einer Wasserwelle). Der Ort dieses
Surfers ändert sich somit wie:
197 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.8. WELLEN KAPITEL 2. MECHANIK
Die Gleichung 2.8.1 beschreibt die Amplitude x als eine Funktion von
Zeit und Ort. Den räumliche Abstand zwischen zwei Orten mit einem Pha-
senunterschied von 2π bezeichnet man als Wellenlänge λ:
µ ¶ µ ¶
z2 z1
ω t− −ω t− = 2π (2.8.3)
vP hase vP hase
mit z2 − z1 = λ erhält man somit:
2π
λ= vP hase (2.8.4)
ω
ω war die sog. Kreisfrequenz, d.h. die Änderung des Winkels pro Zeit.
Die Frequenz f ist die Zahl der Schwingungen pro Sekunde:
2πf = ω (2.8.5)
Nach Gl. 2.8.4 ergibt sich der Zusammenhang:
vP hase
f= (2.8.6)
λ
Gl. 2.8.1 läßt sich somit kompakt schreiben als:
2π
k= (2.8.8)
λ
Man unterscheidet longitudinale und transversale Wellen: bei longi-
tudinalen Wellen erfolgt die Auslenkung in Richtung der Wellenausbreitung,
während bei transversalen Wellen die Auslenkung senkrecht zur Ausbrei-
tungsrichtung erfolgt. Dies ist in Abb. 2.8.2 veranschaulicht.
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 198
KAPITEL 2. MECHANIK 2.8. WELLEN
d2 x d2 f du 2
2d f
= −v = v (2.8.11)
dt2 du2 dt du2
Analog zur zeitlichen Ableitung läßt sich auch die räumliche Ableitung
bilden:
dx df du df
= = (2.8.12)
dz du dz du
Die zweite Ableitung liefert.
d2 x d2 f du d2 f
= = (2.8.13)
dz 2 du2 dz du2
Vergleicht man jetzt Gl. 2.8.11 und Gl. 2.8.13, so erkennt man folgenden
Zusammenhang:
d2 x 2
2d x
= v (2.8.14)
dt2 dz 2
Diese Gleichung bezeichnet man als Wellengleichung, die sich anschau-
2
lich am Beispiel unserer Seilwelle beschreiben läßt. Die zweite Ableitung ddzx2
entspricht der Krümmung des Seils, wie zum Beispiel die Auslenkung x am
199 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.8. WELLEN KAPITEL 2. MECHANIK
Ort einer Seilschlaufe (siehe Abb. 2.8.3). Pflanzt sich diese Seilschlaufe mit
der Geschwindigkeit v nach rechts fort, so wird ein benachbarter Ort auf
2
dem Seil beschleunigt ( ddt2x ). Hierbei ist eine endliche Krümmung (zweite
Ableitung) wichtig. Eine endliche erste Ableitung dx dz
entspräche nur einer
gleichmäßigen Erhöhung der Amplitude an einem Ort z, aber keiner Be-
schleunigung. Die Beschleunigung an einem Ort z ist umso größer je schnel-
ler sich die Welle in z-Richtung bewegt. Dies erklärt die Proportionalität zur
Phasengeschwindigkeit vP hase .
vPhase
x
dx z
dz
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 200
KAPITEL 2. MECHANIK 2.8. WELLEN
Fz
'l
V V
1 T R 1
FSpannung v v
2 2
T T
Abbildung 2.8.4: Auslenkung eines Seilstückes einer Seilwelle, die sich mit
v ausbreitet.
∆l 1
= sin Θ (2.8.16)
2 R
D.h wir bekommen:
∆l
FZugspannung = σA (2.8.17)
R
Diese Kraft ist im Gleichgewicht mit der Zentrifugalkraft:
v2 v2
FZentrif ugal = ∆m = ρA∆l (2.8.18)
R R
mit ρ der Dichte des Seils. Wir bekommen somit aus dem Vergleich von
Gl. 2.8.17 und 2.8.18 die Phasengeschwindigkeit zu:
r
σ
v= (2.8.19)
ρ
201 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.8. WELLEN KAPITEL 2. MECHANIK
Eine longitudinalen Welle bei der sich die Dichte in dem Medium
periodisch ändert, bezeichnet man generell als Schallwelle. Es sei
ein Material gegeben, durch das eine ebene Dichtewelle in z-Richtung
läuft (siehe Abb. 2.8.5). In einem Volumenelement der Ausdehnung
dz herrscht links und rechts ein unterschiedliche Druckspannung σ,
die zu einer Auslenkung einer Schicht des Mediums um dx führt. Die
Änderung der Kraft dF über eine Länge dz ist
H H dH
V dz V dV
dσ d2 x
=E 2 (2.8.21)
dz dz
D.h. die Kraft dF ergibt sich aus:
d2 x
dF = AE dz (2.8.22)
dz 2
Diese Kraft führt zu einer Beschleunigung einer Masse dm im Volu-
menelement Adz:
d2 x d2 x d2 x
dF = dm = ρ dV = ρAdz (2.8.23)
dt2 dt2 dt2
Vergleichen wir Gl.2.8.22 und 2.8.23, so erkennen wir als Wellenglei-
chung wieder:
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 202
KAPITEL 2. MECHANIK 2.8. WELLEN
d2 x E d2 x
= (2.8.24)
dt2 ρ dz 2
|{z}
v2
Aus dem Vergleich mit Gl. 2.8.14, bekommt man als Phasengeschwin-
digkeit einer solchen Welle:
s
E
vP hase = (2.8.25)
ρ
r
p
vP hase = (2.8.27)
ρ
mit p dem Druck und ρ der Dichte des Gases. Reduziert man zum
Beispiel die Dichte des Mediums (Schallausbreitung in Helium statt in
Luft), so wird die Phasengeschwindigkeit höher, und die Dichteschwan-
kungen erreichen schneller unser Ohr. Dies nehmen wir als höhere Fre-
quenz wahr.
203 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.8. WELLEN KAPITEL 2. MECHANIK
• kinetische Energie
Die kinetische Energie, die durch die Geschwindigkeit ẋ festgelegt ist,
ist gegeben als:
1 1
Ekin = ∆mẋ2 = ∆mA2 ω 2 cos2 (ωt − kz) (2.8.29)
2 2
Für die Intensität ist die zeitlich gemittelte Energie maßgeblich. Die
zeitliche Mittelung über eine Periode von hcos2 (ωt − kz)i ergibt den
Faktor 1/2. Damit bekommt man:
1
hEkin i = ∆mA2 ω 2 (2.8.30)
4
• potentielle Energie
Die potentielle Energie, die in der Schwingung steckt ist gegeben durch
die Arbeit, dieR gegen die rückstellende Kraft geleistet wird (F = −cx).
Mit Epot = − F dx bekommt man für die potentielle Energie:
1 1
Epot = cx2 = cA2 sin2 (ωt − kz) (2.8.31)
2 2
Auch hier wird das zeitliche Mittel benötigt mit hsin2 (ωt − kz)i = 1/2.
c
Mit ω 2 = ∆m bekommen wir:
1
hEpot i = ∆mA2 ω 2 (2.8.32)
4
Man erhält somit für die Gesamtenergie der Welle:
1
hEi = hEpot i + hEkin i = ∆mA2 ω 2 (2.8.33)
2
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 204
KAPITEL 2. MECHANIK 2.8. WELLEN
Die Intensität pro Fläche ist die Energie, die sich in der Welle pro Volumen
mal der Phasengeschwindigkeit vphase ausbreitet. Damit bekommt man mit
∆m = ρ∆V :
E 1
I= vP hase = vP hase ρA2 ω 2 (2.8.34)
∆V 2
D.h. die Intensität nimmt mit dem Quadrat der Amplitude A und der
Frequenz ω zu. Diese Formel beschreibt zum Beispiel auch die Intensität von
Schallwellen. Diese wird in der Regel als Lautstärke in der Einheit Dezibel
dB angegeben:
I
Lautstärke = 10 log [dB] (2.8.35)
I0
Die Lautstärke ist per Definition normiert auf die Hörschwelle, die bei ei-
ner Intensität von I0 ∼ 10−12 Wm−2 liegt. Das menschliche Gehör kann Fre-
quenzen von 16 Hz bis zu 16 kHz wahrnehmen und wird von Lautstärken bis
100 dB gerade noch nicht dauerhaft geschädigt. Allerdings werden Geräusche
unterschiedlicher Frequenz unterschiedlich laut wahrgenommen. Diese emp-
fundene Lautstärke für einen Ton mit einer wahren Lautstärke von 20 dB
ist in Abbildung 2.8.6 gezeigt. Man erkennt, daß insbesondere im Bereich
um 1000 Hz, also der normalen Tonlage des Sprechens (Kammerton a ent-
spricht 440 Hz), die wahre Lautstärke und die empfundene ungefähr gleich
sind. Sehr tiefe und sehr hohe Töne müssen eine sehr viel größere wahre
Lautstärke besitzen um als gleich laut empfunden zu werden.
Eindimensional
Betrachten wir im eindimensionalen zwei Wellen, die mit unterschiedlicher
Frequenz ω und Wellenlänge bzw. Wellenzahl k sich in z-Richtung ausbreiten.
Die Phasen seien dabei identisch und zu Null gesetzt:
205 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.8. WELLEN KAPITEL 2. MECHANIK
>@dB
120
16 16 K, Hörbereich
0
10 100 1000 10000 f >Hz @
µ ¶
∆ω ∆k
x = x1 + x2 = 2A cos t− z cos (ωm t − km t) (2.8.38)
2 2
Es entsteht eine Art Schwebung wobei die Welle selbst sich mit der Pha-
sengeschwindigkeit vP hase = ωkm
m
mit der Frequenz ωm = (ω1 + ω2 ) 21 und der
Wellenlänge km = (k1 + k2 ) 12 ausbreitet. Dieser Wellenzug¡ wird ∆kaber¢ von
einer Einhüllenden begrenzt, die die Amplitude gemäß cos ∆ω 2
t − 2
z mo-
duliert. Die Maxima der Einhüllenden bewegen sich mit der sog. Gruppen-
geschwindigkeit vGruppe = ∆ω ∆k
in z-Richtung fort (siehe Abb. 2.8.7). Für
den allgemeinen Fall kleiner Unterschiede in Frequenz und Wellenzahl wird
aus ∆ω
∆k
→ dω
dk
. Demnach ist die Gruppengeschwindigkeit genau die Ableitung
der Frequenz nach der Wellenzahl:
dω
vGruppe = (2.8.39)
dk
Diese Gruppengeschwindigkeit kann sich grundsätzlich von der Phasen-
geschwindigkeit unterscheiden. Die Phasengeschwindigkeit war:
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 206
KAPITEL 2. MECHANIK 2.8. WELLEN
vPhase
vGruppe
ω
vP hase = (2.8.40)
k
Zwischen der Gruppen- und Phasengeschwindigkeit herrscht der Zusam-
menhang:
d dvP hase
vGruppe = (vP hase k) = vP hase + k (2.8.41)
dk dk
2π 2π
mit k = λ
und dk = − λ2 dλ ergibt sich:
dvP hase
vGruppe = vP hase − λ (2.8.42)
dλ
D.h. falls die Phasengeschwindigkeit sich mit der Wellenlänge ändert, so
unterscheiden sich Gruppen- und Phasengeschwindigkeit. Man spricht von
Dispersion (für lateinisch Abweichung). Diese Abhängigkeit der Phasenge-
schwindigkeit von der Wellenlänge tritt grundsätzlich bei Wellen in Medien
auf. Nur bei Lichtwellen im Vakuum tritt keine Dispersion auf, da hier die
Phasengeschwindigkeit immer die Lichtgeschwindigkeit ist.
Mehr-Dimensional
Die Überlagerung von Wellen gilt allerdings nicht nur im eindimensionalen.
Will man die räumliche Ausbreitung von Wellen beschreiben, läßt sich die
Richtung der Welle formal durch einen Wellenvektor darstellen, wie in Abb.
2.8.8 illustriert.
Wollen wir zum Beispiel die Amplitude einer Welle, die vom Koordina-
tenursprung in eine Richtung ~k ausgeht, an einem Ort ~r wissen, berechnet
sich die Phase aus:
207 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.8. WELLEN KAPITEL 2. MECHANIK
r cos D
&
k D &
r
Betrachten wir jetzt zwei Quellen von denen ebene Wellen, die die gleiche
Frequenz besitzen aber unterschiedliche Ausbreitungsrichtungen ~k und Pha-
sen ϕ besitzen. Wir suchen die Amplitude am Ort ~r gemäß Abb. 2.8.9. Die
beiden Amplituden sind.
mit A1 und ϕ01 der Amplitude und Phase von Quelle 1 zum Zeitpunkt
t0 = 0. Bzw. mit A2 und ϕ02 der Amplitude und Phase von Quelle 2 zum
Zeitpunkt t0 = 0. Die Vektoren ~r1 und ~r2 verbinden die Quellen mit dem Ort
~r. Die Phasen ϕ01 und ϕ02 stellen einen räumlichen und zeitlichen Bezug der
beiden Quellen untereinander dar. Der Einfachheit halber beziehen wir beide
Quellen auf den Koordinatenursprung:
mit (~r − ~r1 ) dem Abstand der Quelle 1 vom Ursprung und (~r − ~r2 ) dem
Abstand der Quelle 2 vom Ursprung. Wir verwenden folgende Ersetzung
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 208
KAPITEL 2. MECHANIK 2.8. WELLEN
&
& r2
k1 & & &
r1 r k2
1 0 2
Abbildung 2.8.9: Überlagerung von zwei ebenen Wellen, die vom Ort 1
und 2 ausgehen. Der Koordinatenursprung sei 0.
1 1
cos (ωt − ϕ1 ) cos (ωt − ϕ2 ) = cos (2ωt − (ϕ1 + ϕ2 )) + cos (ϕ2 − ϕ1 )
2 2
(2.8.53)
209 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.8. WELLEN KAPITEL 2. MECHANIK
Für die Bestimmung des Wellenmusters betrachten wir eine zeitliche Mit-
telung über eine Periode der Schwingung. Wir erhalten:
1
hcos2 (ωt − ϕ1 )i = (2.8.54)
2
hcos (2ωt − (ϕ1 + ϕ2 )i = 0 (2.8.55)
Somit ergibt sich die gemittelte Intensität hIi zu:
1¡ 2 ¢
A1 + A22 + A1 A2 cos(ϕ2 − ϕ1 )
hIi = (2.8.56)
2
mit dem Phasenunterschied ϕ2 − ϕ1 :
1¡ 2 ¢ ³³ ´ ´
hIi =A1 + A22 + A1 A2 cos ~k2 − ~k1 ~r (2.8.59)
2
Man erkennt, daß die Intensität nicht nur Terme gemäß A1 und A2 enthält
sondern auch gemischte Terme gemäß A1 A2 cos ∆ϕ. D.h. die Intensität am
Ort ~r hängt von dem Cosinus des Phasenunterschieds ∆ϕ ³ ab. Hat
´ man zum
Beispiel genau einen Phasenunterschied am Ort ~r von ~k2 − ~k1 ~r = π2 , so
ergibt der Cosinus -1 und man bekommt hIi = 0. Es tritt destruktive Inter-
ferenz auf. Im Fall eines Phasenunterschieds von 0 bzw. π (bzw. Vielfachen
davon), wird der Cosinus 1 und hIi = 2A (für A1 = A2 = A). Man spricht
von konstruktiver Interferenz.
Im Falle von Schallwellen kann man den Schalldruck sehr effektiv min-
dern indem man die Überlagerung von Wellen ausnutzt. Gelingt es einem
eine zweite Schallwelle zu überlagern, die genau um π/2 phasen verscho-
ben ist, so löschen sich Wellenberge und Wellentäler exakt aus und die
Lautstärke wird effizient verringert. Man spricht von Antischall. Für die
genaue Überlagerung von Schall und Antischall, kann man entweder eine
gegen-phasige Schallerzeugung am Ort der Lärmquelle realisieren, oder am
Ort des Empfängers entsprechend gegenphasig Antischall erzeugen. Dies ge-
schieht am besten innerhalb von Kopfhörern, wie sie zum Beispiel von Piloten
verwendet werden.
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 210
KAPITEL 2. MECHANIK 2.8. WELLEN
I ∝ xx∗ (2.8.62)
Addiert man nun eine große Anzahl N von Wellen erhält man:
N
X ~
x= an ei(ωn t−kn~r−φn ) (2.8.63)
n
211 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.8. WELLEN KAPITEL 2. MECHANIK
I ∝ vf (r)2 ω 2 ρ (2.8.67)
&
r
Abbildung 2.8.10: Eine Kugelwelle geht von einem Punkt radial aus.
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 212
KAPITEL 2. MECHANIK 2.8. WELLEN
A
x(r, t) = sin (ωt − kr) (2.8.69)
r
oder
A ı(ωt−kr)
x(r, t) = e (2.8.70)
r
Betrachten wir jetzt eine einfache ebene Welle auf der Basis des Huy-
gens’schen Prinzips. Auf einer Linie seien unendliche viele Punktquellen an-
geordnet, die alle in gleicher Phase und Frequenz Kugelwellen aussenden.
Aus Abb. 2.8.11 wird ersichtlich, daß sich an Orten parallel zu der Linie
der Punktquellen, Orte gleicher Phasen ergeben (gestrichelte Linien in Abb.
2.8.11). D.h. eine ebene Welle entsteht.
213 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.8. WELLEN KAPITEL 2. MECHANIK
Ͳ
N
X
x(α) = ae−ınk sin αδ eı(ωt−kr) (2.8.73)
n=1
| {z }
=A
Der Faktor A beschreibt eine Summe von n = 1..N . Dies ist eine geome-
trische Reihe mit dem Grenzwert:
N
X
−ın∆ϕ e−ıN ∆ϕ − 1
e =
n=1
e−ı∆ϕ − 1
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 214
KAPITEL 2. MECHANIK 2.8. WELLEN
rN
P
D
G
r1
D
D
G
G sin D
³ ´
−ı N ∆ϕ −ı N ∆ϕ ıN ∆ϕ
e 2 e −e2 2
= 1
³ 1 1
´
e−ı 2 ∆ϕ e−ı 2 ∆ϕ − eı 2 ∆ϕ
N
−ı N 2−1 ∆ϕ sin 2 ∆ϕ
= e (2.8.74)
sin ∆ ϕ2
215 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.8. WELLEN KAPITEL 2. MECHANIK
2
¡ ∆φ ¢
2 2 sin 2 sin2 x
I(α) ∝ a N ¡ ∆φ ¢2 ∝ (2.8.78)
x2
2
d
sin 2 x
x2
Abbildung 2.8.13: Die Beugung einer Welle an einem Spalt ergibt eine
2
Intensität proportional zu sinx2 x auf einem Schirm.
mit
∆φ 1 1 2π
x== dk sin α = d sin α (2.8.79)
2 2 2 λ
Aus Abb. 2.8.13 erkennt man, daß ein sog. Beugungsmuster entsteht.
Klassisches Beispiel für diesen Effekt sind Lichtwellen, die durch eine Blende
begrenzt werden, und ein Photopapier dahinter belichten. Die Breite des
entstehenden Beugungsmusters hängt empfindlich vom Verhältnis d/λ ab:
• d¿λ
Falls die Wellenlänge λ der ebenen Welle sehr viel größer als die Aus-
dehnung d der Blende ist, so bekommt man auch für große Werte von
α immer noch kleine Werte für x. D.h. gemäß Abb. 2.8.13 entsteht eine
große Intensität an Orten, die sich unter einem großen Winkel α befin-
den. D.h durch die Beugung können wir mit einer großen Wellenlänge
einen kleinen Spalt nicht scharf abbilden.
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 216
KAPITEL 2. MECHANIK 2.8. WELLEN
• dÀλ
Falls die Wellenlänge λ der ebenen Welle sehr viel kleiner als die Aus-
dehnung d der Blende ist, so bekommt man auch für große Werte von
α auch große Werte für x. Nachdem die Funktion sin2 x/x2 für große x
schnell abfällt wird die Intensität an Orten, die sich unter einem großen
Winkel α befinden, sehr klein. Nur für kleine Winkel α bekommt man
eine nennenswerte Intensität. D.h mit einer Wellenlänge die kleiner als
die Ausdehnung des Spaltes ist können wir diesen scharf abbilden.
217 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.8. WELLEN KAPITEL 2. MECHANIK
E
D
D
D
A B
die Punkte A und D in Abb. 2.8.15 erreicht. Danach beginnt ein Kugelwelle
sich über die Strecke AE im Medium 2 mit einer Geschwindigkeit v2 für einen
Zeitraum T auszubreiten. Um die Wellen gleicher Phasen zu überlagern, muß
in diesem Zeitraum T die Kugelwelle im Medium 1 die Strecke DB mit der
Geschwindigkeit v1 überwinden. D.h. es muß gelten:
v1
D
D
D B
A E
E
E v2
AE = v2 T DB = v1 T (2.8.80)
Man erkennt sofort, daß die Strecken in folgendem Bezug zueinander ste-
hen.
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 218
KAPITEL 2. MECHANIK 2.8. WELLEN
AE v2
= (2.8.81)
AE v1
Wenn man mit α den Einfallswinkel zu Oberflächennormalen im Medi-
um 1 und mit β den Ausfallswinkel zur Oberflächennormalen im Medium 2
bezeichnet und mit d den Abstand der Punkte A und B, so gilt gemäß Abb.
2.8.15:
Die Laufrichtung der Welle wird dabei durch das Vorzeichen der Wellen-
zahl k berücksichtigt. Der sog. Phasensprung ϕ hängt von den Reflexionsei-
genschaften am Ende ab. Dies läßt sich anschaulich wieder an der Seilwelle
verdeutlichen, wie in Abb. 2.8.17 illustriert: (i) bei einem festen Ende, schlägt
z.B. eine positive Amplitude nach der Reflexion in den negativen Wert um.
Vergleicht man die hin- und rücklaufende Welle an dem gleichen Ort z und
Zeit t, so muß die rücklaufende Welle um π verschoben werden. Dabei kehrt
sich das Vorzeichen der Amplitude um und ein Wellenberg wird zu einem Wel-
lental; (ii) bei einem freien Ende, bleibt das Vorzeichen der Amplitude nach
der Reflexion zunächst erhalten. Vergleicht man die hin- und rücklaufenden
Wellen an dem gleichen Ort z und Zeit t, so muß die Phase ϕ gleich Null
sein. Gl. 2.8.84 läßt sich zusammenfassen zu:
ϕ ϕ
x(z, t) = 2A cos(kz − ) cos(ωt + ) (2.8.85)
2 2
219 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.8. WELLEN KAPITEL 2. MECHANIK
Man erkennt wieder eine Welle der Form cos(ωt + ϕ2 ). Allerdings wird die
Amplitude dieser Welle räumlich moduliert, wobei der Ausdruck cos(kz − ϕ2 )
nicht von der Zeit abhängt! D.h. es entstehen an definierten Abständen Orte
an denen die Amplitude immer Null ist. Diese bezeichnet man als Wellenk-
noten. Diese Orte liegen an:
λ
z=
[(2n + 1)π + ϕ] (2.8.86)
4π
mit n einer natürlichen Zahl. Bei einer Variation der Wellenlänge ändern
sich kontinuierlich die Orte der Wellenknoten. Der erste Wellenknoten ist
dabei zum Beispiel immer die Einspannung dieses Seils an der Wand.
Wird dieses Seil allerdings an beiden Enden im Abstand L eingespannt,
so muß an beiden Orten z = 0 und z = L gleichzeitig ein Wellenknoten sein,
wie in Abb. 2.8.18 illustriert ist.
Mit diesen Randbedingungen bei z = 0 und z = L können jetzt aller-
dings nicht mehr beliebigen Frequenzen oder Wellenlängen angeregt werden.
Die zulässigen Wellenlängen bzw. zulässigen Frequenzen bezeichnet man als
Eigenfrequenzen des Systems. Es kann mit großer Amplitude schwingen,
wie in Abb. 2.8.18 illustriert ist. Als mögliche Wellenlängen bekommt man
bei beidseitig offenen Enden λ = 2L n
mit n einer natürlichen Zahl; bei einem
festen und einem offenen Ende λ = 4L n
mit n = 1, 3, 5... einer natürlichen
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 220
KAPITEL 2. MECHANIK 2.8. WELLEN
M S
M 0
Abbildung 2.8.17: Reflexion einer Welle an einem festen und einem offenen
Ende.
2L
Zahl; bei beidseitig festen Enden λ = n
mit n einer natürlichen Zahl.
221 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.8. WELLEN KAPITEL 2. MECHANIK
n 1 n 1 n 1
O 2L O 4L O 2L
n 2 n 2 n 2
4
O L O L O L
3
n 3 n 3 n 3
2 4 2
O L O L O L
3 5 3
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 222
KAPITEL 2. MECHANIK 2.8. WELLEN
'z
O0 O
Q B Q B z
vQuelle 0 vQuelle ! 0
Periode T bzw. 1/f0 hat sich die Quelle schon um ein Wegstück δz weiter
bewegt:
vQuelle
δz = (2.8.89)
f0
vQuelle
λ = λ0 − (2.8.90)
f0
Setzen wir Gl. 2.8.87 in 2.8.88 ein, ergibt sich die Frequenz, die ein
Beobachter wahrnimmt zu:
vP hase
f = f0 (2.8.91)
vP hase − vQuelle
bzw.:
1
f = f0 vQuelle (2.8.92)
1− vP hase
223 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.8. WELLEN KAPITEL 2. MECHANIK
1
Der Ausdruck v ist größer als 1 und die wahr genommene Fre-
1− vQuelle
P hase
quenz am Ort des Beobachters ist höher. Dies bezeichnet man als
Dopplereffekt.
vQuelle
λ = λ0 + (2.8.93)
f0
1
f = f0 vQuelle (2.8.94)
1+ vP hase
1
Der Ausdruck v ist kleiner 1 und die wahr genommene Frequenz
1+ vQuelle
P hase
am Ort des Beobachters ist kleiner als die der ruhenden Quelle.
1
λ = λ0 − vB (2.8.95)
f
Wie benutzen wieder Gls. 2.8.87 und 2.8.88 und erhalten:
µ ¶
vB
f = f0 1 + (2.8.96)
vP hase
³ ´
Der Ausdruck 1 + vPvhaseB
ist größer 1 und die wahr genommene Fre-
quenz am Ort des Beobachters ist höher. Bei anderer Bewegungsrichtung
dreht sich jeweils das Vorzeichen um.
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 224
KAPITEL 2. MECHANIK 2.8. WELLEN
Auf den ersten Blick erscheint es verwunderlich, dass bei der Bewegung
des Beobachters und der Bewegung der Quelle zwei unterschiedliche Aus-
drücke 2.8.92 und 2.8.96 resultieren. Dieser Widerspruch löst sich auf, wenn
man den Spezialfall betrachtet, dass die Geschwindigkeiten des Beobachters
vB bzw. der Quelle vQuelle gleich der Phasengeschwindigkeit vP hase werden.
Bei bewegter Quelle ergibt sich eine Frequenz unendlich.
1
f = f0 vP hase →∞ (2.8.97)
1− vP hase
D.h. die Wellenberge haben keine Möglichkeit sich von der Quelle zu
entfernen und die Wellenberge überlagern sich direkt. Dies entspricht der
Schallmauer.
Bei bewegtem Beobachter läuft der Betrachter mit derselben Geschwin-
digkeit der Welle entgegen, wie diese auf ihn zu läuft. D.h. sie treffen sich in
der Mitte und er nimmt somit einfach nur die doppelte Frequenz war:
µ ¶
vP hase
f = f0 1 + = 2f0 (2.8.98)
vP hase
Abschließend betrachten wir den Fall, daß sich Quelle Q und Beobachter B
aufeinander zu bewegen. In Analogie zu der obigen Beschreibung bekommen
wir eine Änderung der wahrgenommenen Wellenlänge von
1 1
λ = λ 0 − vB − vQuelle (2.8.99)
f f0
Hier gilt im Bezugssystem des Beobachter die Frequenz f , während gleich-
zeitig im Bezugssystem der Quelle die Frequenz f0 vorliegt. Mit
vP hase vP hase
λ= ; λ0 = (2.8.100)
f f0
bekommen wir schließlich aus Gl. 2.8.99:
vP hase + vB
f = f0 (2.8.101)
vP hase − vQuelle
225 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.8. WELLEN KAPITEL 2. MECHANIK
Stoßfront
vQuelle T
x x x
vPhase T
x
D
vP hase
sin α = (2.8.102)
vQuelle
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 226
KAPITEL 2. MECHANIK 2.8. WELLEN
227 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
Kapitel 3
Wärmelehre
Bislang hatten wir die Energie von Teilchen aus dem Energiesatz der Mecha-
nik abgeleitet. Betrachtet man sehr große Systeme zum Beispiel die Ener-
gie von Gasteilchen in einem gegebenen Volumen wird diese Einzelteilchen-
betrachtung sehr umständlich. Man benötigt daher Konzepte zur Beschrei-
bung von Vielteilchensystemen. Dies leistet die Wärmelehre in der Systeme
mit makroskopischen Variablen wie Temperatur, Druck, innere Energie und
Entropie beschrieben werden. Dies wird im folgenden erläutert.
Betrachten wir dazu einen gas-gefüllten Behälter bei dem die Gasteilchen
mit den Wänden stoßen, wie in Abb. 3.1.1 illustriert ist. Wird ein Teilchen
an einer Wand reflektiert, so übt es eine Kraft F auf, die einem Druck p
entspricht:
F 1 ∆p0
p= = (3.1.1)
A A ∆t
228
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.1. KINETISCHE GASTHEORIE
Mit ∆p0 der Änderung des Impulses bei dieser Reflexion. Diese Im-
pulsänderung beim Stoß geschieht nur in Richtung normal zur Oberfläche
(hier die x-Richtung). Vor dem Stoß ist der x-Anteil am Impuls +mvx . Bei
der Wand nehmen wir an, daß das Massenverhältnis sehr groß ist, so daß sich
der Impuls aber nicht die Energie des Teilchens beim Stoß ändert. Demnach
ist der x-Anteil des Impulses nach em elastischen Stoß −mvx . Damit wird
die Gesamtänderung des Impuls ∆p0x zu:
'x
Diese Beziehung betrachtet zunächst nur ein einzelnes Teilchen. Der Ge-
samtdruck p wird jedoch durch die Überlagerung der elastischen Stöße aller
N Teilchen in dem Behälter erzeugt. In dem Zeitintervall ∆t treffen nur
Teilchen innerhalb eines Volumens der Ausdehnung ∆x auf die Wand :
N
A∆x (3.1.3)
V
Der Druck den alle Teilchen ausüben wird somit:
1N 1 1
p= A∆x 2m|vx | (3.1.4)
AV ∆t 2
Der Faktor 1/2 am Ende berücksichtigt, daß nur Teilchen, die in positiver
x-Richtung fliegen, die Wand erreichen können. Mit ∆x/∆t = vx bekommt
man schließlich:
pV = N mvx2 (3.1.5)
Für diese Betrachtung war nur die Geschwindigkeit des Gases in eine
Richtung (hier die x-Richtung) maßgeblich. In einem Behälter mit N Teil-
chen kann jedes Teilchen jedoch eine andere Geschwindigkeit haben. Für die
229 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.1. KINETISCHE GASTHEORIE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
Ableitung des Druckes p wollen wir deshalb jetzt nur noch mit dem Mit-
telwert der Geschwindigkeit hvi bzw. dem Mittelwert dessen Quadrats hv 2 i
argumentieren. Dieser Mittelwert setzt sich aus drei Komponenten zusam-
men:
Man erkennt, daß der Druck in einem Gasvolumen von der mittleren kine-
tischen Energie des Gases abhängt. Per Definition ist diese mittlere kinetische
Energie proportional zu einer neuen Größe, der Temperatur.
1 3
Ekin = mv 2 = kB T (3.1.9)
2 2
Die Maßeinheit der Temperatur sind Kelvin K. Die Proportiona-
litätskonstante bezeichnet man als Boltzmannkonstante:
pV = N kB T (3.1.11)
Dies bezeichnet man als allgemeine Gasgleichung.
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 230
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.1. KINETISCHE GASTHEORIE
3.1.2 Verteilungsfunktionen
In dem Zusammenhang zwischen Druck, Temperatur und der kinetischen
Energie der Teilchen in einem gas-gefüllten Behälter haben wir den Vielteil-
chenaspekt des Problems durch die Einführung einer gemittelten Größe (hv 2 i)
berücksichtigt. D.h. die Angabe einer Temperatur setzte notwendigerweise ir-
gendeine Mittelung voraus! Wie würde man jedoch das Vielteilchenproblem
jetzt explizit genauer behandeln?
Die exakte Verteilung der Energie und Geschwindigkeiten auf die Teilchen
in einem Gasvolumen wir durch eine sog. Verteilungsfunktion angegeben:
f (~r, ~v ) (3.1.12)
231 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.1. KINETISCHE GASTHEORIE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
f (v x )
T
T !!
vx
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 232
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.1. KINETISCHE GASTHEORIE
µ ¶3/2
4 m −
1/2mv 2
f (|v|) = √ v2e kB T
(3.1.16)
π 2kB T
Diese Auftragung der Maxwell-Boltzmann-Verteilung ist in Abb. 3.1.3
gezeigt.
f (v)
2kT
m
v v2
vmax v
Z ∞
hvi = vf (v)d~v (3.1.17)
0
Z ∞ µ ¶3/2
2 m −
1/2mv 2
= 4πv v e kB T
dv (3.1.18)
0 2πkB T
r
8kB T
= (3.1.19)
πm
Im mikroskopischen Bild der kinetische Gastheorie bezeichnet die Tempe-
ratur denjenigen Zustand in dem durch unendliche viele Stöße ein Gleichge-
wicht erreicht wurde. Ein makroskopisches Analogon ist das Zusammenfügen
von zwei Körpern unterschiedlicher Temperatur. Es stellt sich ein Gleichge-
wicht ein, bei dem sich eine mittlere gleichförmige Temperatur einstellt, wie
in Abb. 3.1.4 illustriert. Dies bezeichnet man als 0-ten Hauptsatz der
Wärmelehre.
Die kinetische Gastheorie und die Thermodynamik standen lange als
unvereinbare Theorien gegenüber. Insbesondere Ludwig Boltzmann als Be-
gründer der kinetischen Gastheorie konnte sich mit der thermodynamischen
Beschreibung von Systemen mittels Energie, Entropie etc. nie anfreunden.
Erst Anfang des 20-ten Jahrhunderts gelang es beide Beschreibungen mit
233 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.1. KINETISCHE GASTHEORIE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
T1 T2
A B
A B
• Celsius
Die gebräuchlichste Einheit ist die Celsius-Skala, die durch den Gefrier-
punkt (0◦ C) und den Siedepunkt (100◦ C) von Wasser bei Normaldruck
definiert ist.
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 234
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.1. KINETISCHE GASTHEORIE
• Fahrenheit
Die Fahrenheit-Skala ist im Englisch-sprachigen Raum üblich. Ihr
Nullpunkt ist als Schmelzpunkt einer Eis-Wasser-Aluminiumchlorid-
Mischung definiert, der Punkt für 100◦ F sollte ursprünglich durch die
Körpertemperatur festgelegt sein. 100 ◦ entsprechen allerdings 37.7 ◦
C.
Die Temperatur in Celsius Tc läßt sich aus der Temperatur Fahrenheit
TF berechnen nach:
5
Tc = (TF [◦ F ] − 32) [◦ C] (3.1.20)
9
• Kelvin
Die Kelvin-Skala entspricht einer absoluten Temperatur-Skala. Gemäß
der allgemeinen Gasgleichung ist der Fall ”kinetische Energie gleich
Null”definiert. Nachdem es keine negativen Energien geben kann, wird
dieser Punkt als T=0 K definiert. Der Nullpunkt der Celsius-Skala
entspricht dann 273.15 K.
Die Messung von Temperaturen kann auf vielerlei Weise erfolgen. Im we-
sentlichen wird dabei die Änderung der Eigenschaften eines Festkörpers oder
Gases in Abhängigkeit von der Temperatur betrachtet.
E pot
T
x0 R
235 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.1. KINETISCHE GASTHEORIE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
ist dies nur eine Näherung. Bei großen Schwingungsamplituden wird die Ab-
weichung des Potentials von der Parabelform sichtbar. Der Mittelwert der
Atomabstände vergrößert sich. Für den makroskopischen Festkörper bedeu-
tet diese eine Ausdehnung. Die Ausdehnung selbst ist von der Form dieses
Potentials abhängig und damit für jeden Festkörper anders.
Die Längenänderung läßt sich schreiben als:
V (Tc ) = V0 (1 + γv Tc ) (3.1.22)
p(Tc ) = p0 (1 + γp Tc ) (3.1.23)
Die Temperaturskala wird durch fundamentale temperatur-abhängige Ei-
genschaften von Materialien geeicht. Hierbei wird oftmals der sog. Tripel-
punkt gewählt. Wählt man eine bestimmte Kombination von Druck und
Temperatur so ist am Tripelpunkt die Koexistenz von den drei Phasen fest,
flüssig und gasförmig eines Materials möglich.
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 236
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.2. WÄRME
3.2 Wärme
3.2.1 Wärmemenge
Bei Zufuhr von Energie in ein Medium erhöht sich dessen Temperatur um
einen Betrag ∆T . Die Energiemenge, die diese Temperaturerhöhung bewirkt
bezeichnet man als Wärme oder Wärmemenge ∆Q. Wärme- und Tempe-
raturänderung sind per Definition verknüpft wie:
∆Q = cM ∆T (3.2.1)
Die quantitative Temperaturerhöhung bei vorgegebener Energiezufuhr
und Masse des Körpers hängt von einer Proportionalitätskonstante c ab.
Diese bezeichnet man als spezifische Wärme. Bei Medien mit hoher spe-
zifischer Wärme führt eine hohe Energiezufuhr nur zu einer kleinen Tempe-
raturerhöhung. D.h. diese Medien können Energie gut speichern.
Die Maßeinheit für die Wärmemenge ist die Kalorie. Eine Kalorie ist da-
bei definiert als diejenige Energiemenge, die nötig ist, um ein Gramm Was-
ser von 14.5 ◦ C auf 15.5 ◦ C zu erwärmen (1 Kilokalorie entsprechen der
Erwärmung von 1 kg Wasser). Wie groß ist allerdings die Energie in J die
dafür notwendig ist. Dies läßt sich wie folgt bestimmen.
∆W = mg 2πrN
| {z } = ∆Q1 (3.2.2)
W eg
mit r dem Radius der Rolle. Diese Wärmemenge führt zu einer Tempe-
raturerhöhung des Systems, die gegeben ist aus der spezifischen Wärme
der Kupfer-Rolle cCu und des umgebenden Wassers cW .
237 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.2. WÄRME KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
FR
'T2
FG
'T1 &
mg
Die Wärmemenge, die nur vom Wasser aufgenommen wird ist demnach:
µ ¶
∆T1
∆Q = cW MW ∆T1 = 1− ∆W (3.2.5)
∆T2
Jetzt drehen wir die Rolle N Umdrehungen bis sich die Temperatur
um 1 Grad erhöht hat. Mit bekannter spezifischer Wärme von Wasser
und bekannter Masse des Wassers läßt sich aus der zugeführten Energie
dann die Umrechnung von Kalorie in Joule durchführen. Man bekommt
den Zusammenhang: 1 cal = 4.1868 J.
• Mischungskalorimeter
Falls die spezifische Wärme einer Substanz unbekannt ist, kann man sie
über einen Wärmeübertrag bestimmen. Hierzu verwendet man ein Mi-
schungskalorimeter (siehe Abb. 3.2.2): betrachten wir einen wasser-
gefüllten thermisch isolierten Behälter (Dewar). Erwärmen wir einen
Körper auf die Temperatur T2 und setzen wir ihn in ein Wasserbecken
der Temperatur T1 , so stellt sich eine Mischtemperatur TM ein. Die-
se Mischtemperatur hängt vom Wärmeausgleich zwischen Körper und
Wasser ab. Die abgegebene Wärmemenge des Körpers muß gleich der
aufgenommen Wärmemenge des Wassers sein:
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 238
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.2. WÄRME
T1 , cw , H w ck , M k ,T2
Dies läßt sich nach der spezifischen Wärme des Körpers auflösen zu:
MW cW (TM − T1 )
cK = (3.2.8)
MK (T2 − TM )
239 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.2. WÄRME KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
Diese Beziehungen gelten nicht nur für die Reaktion von Feststoffen mit-
einander, sondern auch für die Reaktion von Gasen untereinander. Hierbei
vergleicht man die Volumina, die bei einer Reaktion sich ändern. Man macht
die Beobachtung:
Hierbei entspricht bei einem idealen Gas bei 1 bar und T=0 ◦ :
pVM = NA kB T = RT (3.2.11)
Das Produkt aus Avogadro-Konstante und Boltzmannkonstante bezeich-
net mans als allgemeine Gaskonstante R:
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 240
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.2. WÄRME
∆Q = cMM ol ∆T (3.2.13)
| {z }
C molare W aermekapazitaet
241 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.2. WÄRME KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
zwei Achsen senkrecht zur Achse des Molekül rotieren kann. Die
Rotation um die Molekülachse selbst kann in obigem Sinne wegen
des kleinen Trägheitsmomentes wiederum keine Rotationsenergie
speichern.
1
U = f N kB T (3.2.14)
2
3 3
U = NA kB T = RT (3.2.16)
2 2
bzw.
¯
dU ¯¯ 3
CV = ¯ = R (3.2.17)
dT V 2
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 242
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.2. WÄRME
'V
'Q
∆Q = CV ∆T + p∆V (3.2.19)
pV = NA kB T (3.2.20)
p(V + ∆V ) = NA kB (T + ∆T ) (3.2.21)
Damit ist ∆Q
∆Q = (CV + NA kB ) ∆T (3.2.22)
| {z }
Cp
mit
243 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.2. WÄRME KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
Cp = CV + NA kB (3.2.23)
Cp f +2
γ= = (3.2.24)
CV f
Für ein ein-atomiges ideales Gas ergibt sich mit f = 3 ein Adiabaten-
koeffizient von γ = 53 .
1
CV = f NA kB = 3R (3.2.25)
2
Der Vergleich mit dem Experiment zeigt allerdings, daß dieses nicht
mehr für tiefe Temperaturen gilt. Bei tiefen Temperaturen kommt der
Quantisierungscharakter der Gitterschwingungen zum tragen und nicht
mehr alle Schwingungsmoden sind für die Energieerhöhung zugänglich.
Damit wird die Wärmekapazität bei niedrigen Temperaturen klein und
läuft für T → 0 nach CV → 0, wie in Abb. 3.2.4 veranschaulicht.
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 244
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.2. WÄRME
CV
x
z
T
sich wieder zu erhöhen. Ein Maß für diese Erhöhung ist allerdings jetzt
die Wärmekapazität der flüssigen Phase. Diese ist höher, da jetzt die
Moleküle noch zusätzlich rotieren können. Demnach ist der Tempe-
raturanstieg geringer. Am Siedepunkt, muß zunächst die Verdamp-
fungswärme aufgewendet werden, d.h. die Temperatur bleibt wieder
konstant bis die ganze Flüssigkeit verdampft ist. Erst danach erhöht
sich die Temperatur weiter. Auch hier ist die Steigung der Tempera-
turerhöhung wieder geringer, da für die Gasmoleküle jetzt zusätzlich
noch die Möglichkeit der freien Bewegung in den drei Raumrichtungen
(Translation) besteht. Dies ist in Abb. 3.2.5 veranschaulicht.
dT 1
100qC ~
dt CV , gas
0qC
dT 1
~
dT 1 dt CV , fl .
~
dt CV , fest
245 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.3. WÄRMETRANSPORT KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
3.3 Wärmetransport
Viele technische Anwendungen basieren auf dem Transport von Wärme. Hier-
bei unterscheidet man Wärmeleitung, als den direkten Transport von Ener-
gie, und der Konvektion als den Transport von Energie mittels Massentrans-
port. Hinzu kommt noch Transport von Wärme durch Wärmestrahlung.
3.3.1 Wärmeleitung
Bei der Wärmeleitung betrachten wir eine Wärmequelle, die an einem Ende
eines Mediums eine Temperatur T1 erzeugt, die über das Medium abgeleitet
wird und das andere Ende auf die Temperatur T2 bringt (siehe Abb. 3.3.1).
Die Energiemenge, die pro Zeit transportiert wird, ist dann per Definition:
dQ
'x
dt
T1 T2 dQ1 dQ2
dt dt
T dT
T 'x
dx
dQ dT
= −λA (3.3.1)
dt dx
mit A der Querschnittsfläche. λ bezeichnet man als Wärmeleitfähigkeit
[Jm−1 K−1 ].
Diese Gleichung 3.3.1 läßt sich umstellen und wir bekommen einen Aus-
druck für die Wärmeleitung λ von:
∆Q dx 1
λ= (3.3.2)
∆T dt A
Man erkennt, daß die Wärmeleitung im wesentlichen von zwei Größen
des Mediums abhängt. Der Term ∆Q/∆T entspricht der spezifischen
Wärmekapazität der Substanz. Der Term dx/dt entspricht der Geschwin-
digkeit in der sich diese Anregung in dem Medium ausbreiten kann.
Betrachtet man zum Beispiel ein Metall, so wird die Energie im wesentli-
chen durch den Transport von Elektronen realisiert. D.h. die Wärmeleitung
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 246
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.3. WÄRMETRANSPORT
dQ = cM dT (3.3.4)
Dies läßt sich auf beiden Seiten nach der Zeit ableiten und man bekommt
zunächst:
dQ dT dT
= cM = cρdV (3.3.5)
dt dt dt
Die Änderung der Wärme läßt sich aber alternativ dazu auch über die
Wärmeleitung definieren: Betrachten wir dazu ein Volumenelement wobei
auf der linken Seite ein Wärmemenge dQ1 pro Zeit dt zuströmt und auf der
rechten Seite eine Wärmemenge dQ2 pro Zeit dt abströmt. Zusammen ergibt
sich die Bilanz dQ
dt
für die Änderung der Wärmemenge im Volumenelement
zu:
dQ dQ1 dQ2
= − (3.3.6)
dt dt dt
2
Details dieser Ableitung finden sie im Skript zu Physik IV.
3
Die höchste Wärmeleitfähigkeit von allen Materialien besitzt allerdings ein Isolator:
Diamant.
247 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.3. WÄRMETRANSPORT KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
Falls die Temperatur auf der linken Seite T und auf der rechten Seite
T + dT
dx
dx ist, bekommt man mit Gl. 3.3.1:
µ ¶
dQ dT d dT d2 T
= −λA + λA T+ dx = λAdx 2 (3.3.7)
dt dx dx dx dx
bzw. mit dV = Adx:
dQ d2 T
= λdV 2 (3.3.8)
dt dx
Vergleichen wir Gl. 3.3.8 und 3.3.5, so bekommen wir:
dT d2 T
cρdV = λdV 2 (3.3.9)
dt dx
Man erhält eine Differentialgleichung für die räumliche und zeitliche
Änderung der Temperatur:
dT λ d2 T
= (3.3.10)
dt ρc dx2
Der Form nach ist dies eine Diffusionsgleichung für die Ausbreitung von
Wärme.
Der sog. Wärmestrom I ist die Energiemenge, die pro Zeit transportiert
wird. Dies ist direkt
dQ dT
I=
= −λA (3.3.11)
dt dx
Diese Gleichung läßt sich umstellen zu:
A
I=λ ∆T (3.3.12)
∆x
| {z }
1/R
∆x
R= (3.3.13)
λA
Betrachtet man jetzt den Wärmetransport durch eine gegebene Struk-
tur, z.B. die Isolation einer Hausmauer, so kann man unterschiedliche Fälle
diskutieren (siehe Abb. 3.3.2).
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 248
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.3. WÄRMETRANSPORT
T1 T2 TN
IN
I1
T1 T2
I1
I I2
I3
• Serienschaltung
In einer Serienschaltung muß der Wärmestrom eine Abfolge von un-
terschiedlichen Materialien nacheinander durchdringen. Jede dieser
Schichten n habe einen eigenen Wärmewiderstand Rn . Nachdem der
Wärmestrom in der Struktur erhalten sein muß, bekommt man:
1 1 1
I= ∆T1 = ∆T2 = ... = ∆TN (3.3.14)
R1 R2 RN
mit
1 1
I= (T1 − T2 ) = (T3 − T2 ) (3.3.15)
R1 R2
249 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.3. WÄRMETRANSPORT KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
R = R1 + R2 + R3 + R4 + R5 + ... + RN (3.3.17)
1
I= (T1 − TN ) (3.3.18)
R
D.h. bei der Serienschaltung addieren sich die einzelnen
Wärmewiderstände zu einem Gesamtwiderstand R.
• Parallelschaltung
Bei einer Parallelschaltung von Wärmewiderständen, d.h. Isolatio-
nen nebeneinander (Beispiel, Wand und Fenster) addieren sich die
Wärmeströme durch die einzelnen Schichten, die Temperaturdifferenz
bleibt allerdings gleich. Wir bekommen somit:
1 1 1
I = I1 +I2 +I3 +...+IN = (T1 − T2 )+ (T1 − T2 )+...+ (T1 − T2 )
R1 R2 RN
(3.3.19)
Auch dies läßt sich verkürzt darstellen als:
1
I= (T1 − T2 ) (3.3.20)
R
mit
1 1 1 1
= + + ... + (3.3.21)
R R1 R2 RN
Man erkennt, daß bei einer Parallelschaltung der Gesamtwiderstand
sich aus der Addition der Kehrwerte der einzelnen Wärmewiderstände
ergibt.
Oftmals wird für bestimmte Gegenstände auch der sog. k-Wert angege-
ben. Dieser beschreibt den Wärmetransport für ein Medium mit gegebener
Dicke d. Der k-Wert definiert sich als:
λ
k= (3.3.22)
d
Damit wird z.B. der Energietransport durch eine 3 mm starke Glas-
scheibe beschrieben. Hat man eine Abfolge von einzelnen Schichten, die den
Wärmetransport limitieren, so berechnet sich der gesamte k-Wert zu:
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 250
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.3. WÄRMETRANSPORT
1 1 1
= + + ... (3.3.23)
kges k1 k2
Bei der Wärmekonvektion findet zusätzlich noch ein Massentransport
statt. Diese Art des Wärmetransports ist in der Regel sehr viel effizienter als
der Transport durch Wärmeleitung. Klassische Beispiele sind hier die Kon-
vektion als wesentlicher Mechanismus um die Raumluft in einem Gebäude
umzuwälzen oder die Konvektion der geschmolzenen Gesteinsmassen im In-
nern der Erde.
Das Zusammenspiel aus Wärmeleitung und Konvektion läßt sich am
Beispiel der Fensterverglasung erläutern (siehe Abb. 3.3.3). Eine einfache
4 mm Glasscheibe hat einen k-Wert von 200 Wm−2 K−1 . Allerdings wer-
den die angrenzenden Luftschichten durch die Oberflächenreibung in ihrem
Strömungsverhalten behindert. Aus diesem Grund erhöhen sich die Isola-
tionseigenschaften durch zwei 1 cm starke Luftschichten auf den beiden
Seiten der Fensterscheiben, da deren Wärmeleitfähigkeit sehr viel geringer
als die von Glas sind. Nach Gl. 3.3.23, ergibt dies zusammen einen k-Wert
von 5..6 Wm−2 K−1 . Bei einer Doppelverglasung, verwendet man zwei plan-
parallele Glasscheiben, um eine isolierende Gasschicht (in der Regel Argon)
zu schaffen. Diese Gasschicht darf nicht zu dick sein, da sonst die Kon-
vektion im Inneren des Doppelfenster, die isolierende Wirkung zerstören
würde (siehe Abb. 3.3.3). D.h. ein Optimum der Gasschichtdicke liegt bei
ca. 1 cm. Damit reduziert sich bei einem Doppelfenster der k-Wert auf
3 Wm−2 K−1 . Ein wesentlicher Vorteil entsteht dann noch durch den Ein-
satz von Wärmeschutzbeschichtungen. Durch entsprechende Anti-Reflexions-
Beschichtungen für die Wärmestrahlung aus dem Innenraum, erniedrigt sich
der k-Wert auf 0.6 Wm−2 K−1 . Solch niedrige k-Werte sind identisch zu k-
Werten von isolierten Steinmauern.
dQ
Konvektion
dt
251 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.3. WÄRMETRANSPORT KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
3.3.2 Wärmestrahlung
Schließlich haben wir noch Wärmetransport durch Strahlung zu betrachten.
Ein Körper bei einer gegebenen Temperatur strahlt Energie ab entsprechend:
∆W
= EF dΩ (3.3.24)
∆t
mit E dem sog. Emissionsvermögen, F der Fläche und dΩ dem Raum-
winkel (d.h. in welche Richtungen kann der Körper abstrahlen). In umgekehr-
ter Weise kann der Körper auch Energie durch Strahlung aufnehmen gemäß
seinem sog. Absorptionsvermögen A. Es zeigt sich daß das Emissions- und
Absorptionsvermögen eines beliebigen Körpers nicht unabhängig voneinan-
der ist, sondern ein festes Verhältnis hat, das nur noch von der Temperatur
abhängt:
E
f (T ) = (3.3.25)
A
Wie läßt sich dies ableiten? Betrachten wir dazu die Anordnung wie in
Abb. 3.3.4 gezeigt. Ein Körper wird auf eine Temperatur T gebracht. Auf
einer Seite strahlt er über eine schwarze Fläche ab und auf der anderen Seite
über eine weiße Fläche. Ein Körper gleichen Materials wird den Oberflächen
gegenüber angebracht, dessen Oberfläche in jeweils gleicher Weise entweder
schwarz oder weiß ist.
Mißt man die Temperaturen der beiden Testkörper so erkennt man, daß
der schwarz mattierte Körper wärmer als der weiße wird. Die transportierte
Wärmemenge hängt von dem Produkt aus Emissionsvermögen und Absorp-
tionsvermögen ab. Die transportierte Wärmemengen Q1 auf der Seite auf
der sich die schwarzen Oberflächen gegenüberstehen und die Wärmemenge
Q2 auf der Seite auf der sich die weißen Oberflächen gegenüberstehen sind:
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 252
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.3. WÄRMETRANSPORT
Vergleicht man jetzt die Temperaturen, so erkennt man daß beide gleich
sind. D.h. die transportierten Wärmemengen sind identisch. Damit muß gel-
ten und mit Q1 = Q2 gilt dann:
schwarz weiß
T1 T T2 T1 ! T2
T1 T T2 T1 T2
Abbildung 3.3.4: Ein Körper bei einer Temperatur T besitzt eine weiße
und ein geschwärzte Oberfläche. Ihm Gegenüber befinden sich zwei Körper,
die durch die Wärmestrahlung auf T1 bzw. T2 erwärmt werden.
253 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.3. WÄRMETRANSPORT KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
Planck’sche Verteilung, wie sie in Abb. 3.3.5 gezeigt ist. Zu höheren Tem-
peraturen verschiebt sich das Maximum zu kürzeren Wellenlängen (z.B. rot
glühend zu blau glühend)
P ( O ) dO
1450 K
1200 K
1000 K
O
dQ
= σF T 4 (3.3.32)
dt
mit F der emittierenden Fläche und σ = 5.67051· 10−8 Wm−2 K−4 der
Stefan-Boltzmann-Konstante. Diese starke Temperaturabhängigkeit bedingt,
daß gerade bei hohen Temperaturen die Wärmeverluste durch Strahlung do-
minieren.
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 254
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE
• offene Systeme: bei einem offenen System kann ein Prozeß Wärme
und/oder Teilchen mit der Umgebung austauschen. Typischer Fall ist
ein Wärmebad, bei dem Energie in das System hinein- oder hinaus-
fliessen muß, damit eine konstante Temperatur herrscht, die durch das
Wärmebad vorgegeben ist.
255 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
isobar
T2 > T1
isotherm T2
isochor
T1
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 256
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE
• isochor, V=const.: bei einem isochoren Prozeß ändert sich das Vo-
lumen nicht. Dies in der Regel der Fall, wenn wir einen Druckbehälter
betrachten. Ein isochorer Prozeß kann auch gleichzeitig ein isothermer
Prozeß sein, wenn dieser Druckbehälter ein Wärmebad darstellt.
• adiabatisch, Q=const.: Bei einem adiabatischen Prozeß kann sich die
Wärmemenge in dem System nicht ändern. Dies ist in der Regel der
Fall für isolierte Systeme bei denen kein Temperaturausgleich stattfin-
den kann. Diese Isolation von der Umgebung kann auch durch schnelle
Zustandsänderungen realisiert sein, da auf kurzen Zeitskalen ein Sy-
stem auch keine Möglichkeit hat seine Temperatur mit der Umgebung
auszugleichen. Wenn sich die Wärmemenge nicht ändert ist der Prozeß
automatisch auch isentrop (S=const.).
dQ = dU + pdV (3.4.1)
abgeleitet, d.h. die zugeführte Wärme fließt in eine Erhöhung der inneren
Energie und eine Expansion des Gases. Mit der Arbeit ∆W = −p∆V können
wir dies schreiben zu:
∆Q = ∆U − ∆W (3.4.2)
Dies läßt sich umschrieben zu:
∆U = ∆Q + ∆W (3.4.3)
Dies bezeichnet man als ersten Hauptsatz. Die Erhöhung der inneren
Energie ∆U in einem System kann durch Zufuhr von Wärme ∆Q oder durch
von außen zugeführte Arbeit ∆W erfolgen (siehe Experiment von Joule Abb.
3.4.2). Dieser erste Hauptsatz ist eine Erfahrungstatsache und kann nicht aus
grundlegenderen Prinzipien abgeleitet werden.
Die zugeführte Arbeit für ein ideales Gas bei einer Volumenänderung ∆V
ist:
257 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
'T 'T
& &
'z mg z mg
∆U = ∆Q + ∆W = ∆Q − pdV (3.4.5)
Der erste Hauptsatz soll jetzt für einige Zustandsänderungen genauer
beschrieben werden, wie in Abb. 3.4.3 illustriert.
• V = const., isochor
Betrachten wir eine Zustandsänderung bei der das Volumen konstant
bleibt. Die Energieerhaltung war:
dU = dQ − pdV (3.4.6)
da V = const. und
dQ = dU = CV dT (3.4.7)
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 258
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE
p p
V2
W ³ pdV 2
V1
isotherm
2x 1 isobar 1
V V
• p = const., isobar
Betrachten wir eine Zustandsänderung bei der der Druck konstant
bleibt. Dies ist ein häufiger Fall bei Reaktionen der Chemie. Dort ist
der Umgebungsdruck konstant und ein Gas muß sich z.B. beim Ablau-
fen der chemischen Reaktion gegenüber dem Luftdruck der Umgebung
ausdehnen. Die Energieerhaltung war:
dU = dQ − pdV (3.4.9)
dQ = dU + pdV = Cp dT (3.4.10)
Zur einfacheren Beschreibung führen wir eine neue Größe H ein, die
Enthalpie:
H = U + pV (3.4.11)
Leitet man die Enthalpie nach der Produktregel ab, so ergibt sich:
259 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
dH = dQ + V dp (3.4.13)
• T = const., isotherm
Betrachten wir eine Zustandsänderung bei der die Temperatur konstant
bleibt. Die Energieerhaltung war:
dU = dQ − pdV (3.4.15)
Bei einem idealen Gas hängt die innere Energie nur von der Temperatur
ab:
1
U = f N A kB T (3.4.16)
2
Da somit bei isothermen Prozessen dU = 0 gelten muß, bekommen wir:
dQ = pdV (3.4.17)
pV = N kB T (3.4.18)
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 260
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE
pV = const. (3.4.19)
• dQ = 0, adiabatisch
Betrachten wir eine Zustandsänderung bei der keine Wärme ausge-
tauscht wird. Dieser Vorgang kommt häufig vor, da viele Systeme ihren
Zustand schnell ändern, so daß der Wärmetransport auf dieser Skala
sehr ineffizient erfolgt und damit eine Angleichung von Temperaturen
nicht stattfindet. Typisches Beispiel ist die adiabatische Kompression
eines Gases in einer Luftpumpe. Hier ist der Kontakt zur Umgebung
so gering, daß das expandierende/komprimierte Gas keine Möglichkeit
zum Temperaturausgleich hat. Die Energieerhaltung war:
dU = dQ − pdV (3.4.20)
dU = CV dT = −pdV (3.4.21)
dT dV
CV = −NA kB (3.4.22)
T V
Integriert man auf beiden Seiten bekommen wir:
bzw:
¡ ¢
ln T CV V NA kB = const. (3.4.24)
NA kB = Cp − CV (3.4.25)
Cp
mit dem Adiabatenkoeffizienten γ = CV
bekommen wir dadurch:
261 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
adiabatisch
T2 > T1
T2
isotherm 1
T1
bzw:
pV γ = const. (3.4.27)
Für ein ein-atomiges ideales Gas war γ = 5/3. D.h. die Zustands-
kurven für adiabatische Zustandsänderungen in Abb. 3.4.4 laufen wie
p ∝ V −5/3 . Damit laufen sie steiler als die isothermen Zustandskurven
(p ∝ V −1 )
Vergleicht man zwei Punkte im pV -Diagramm, so kann man zwei Glei-
chungen benutzen, um den bekannten Zustand p1 , T1 und V1 in einen
neuen Zustand bei p2 , T2 und V2 zu überführen. Es sei z.B. vorgegeben,
daß ein Gas von einem Volumen V1 zu einem Volumen V2 komprimiert
wird.
p1 V1 p2 V2
= (3.4.28)
T1 T2
γ
p1 V1 = p2 V2γ (3.4.29)
D.h. aus diesen zwei Gleichungen lassen sich die Unbekannten p2 und
T2 berechnen.
Der Adiabatenkoeffizient läßt sich in dem Experiment von Ruechard
bestimmen. Hierzu verwendet man ein Gasreservoir bei einem Druck
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 262
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE
p0
x
Z0 m
r
mg
p = p0 + (3.4.30)
πr2
d2 x
m 2
= πr2 dp (3.4.31)
dt
Diese Bewegung erfolgt so schnell, daß die Zustandsänderung adiaba-
tisch erfolgt. D.h. es gilt:
263 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
pγ
dp = − dV (3.4.33)
V
Mit der Volumenänderung dV = r2 πx ergibt sich schließlich:
d2 x 2 pγ 2
m = −πr r πx (3.4.34)
dt2 V
Dies ist der Form nach eine Schwingungsgleichung mit der Eigenfre-
quenz:
π 2 r4 p
ω02 = γ (3.4.35)
mV
Mit bekanntem r, m, p und V läßt sich somit aus der Messung der
Frequenz ω0 der Adiabatenkoeffizient γ ermitteln.
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 264
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE
Wärme Arbeit
Der Carnot-Prozeß
Um die Effizienz der Umwandlung von Wärme in Arbeit zu diskutieren, be-
trachten wir einen Kreisprozeß, der im pV-Diagramm eines idealen Gases
wieder zum Ausgangspunkt zurück führt. Solche Kreisprozeße sind in Abb.
3.4.7 veranschaulicht. Je nach ”Laufrichtung” kann man zwei Arten unter-
scheiden:
• ”Wärmepumpe”
Bei einer Wärmepumpe wird einer Maschine Arbeit zugeführt, die eine
Wärmemenge ∆Q einem kälteren Reservoir entnimmt und danach an
ein wärmeres Reservoir wieder abgibt (Beispiel Kühlschrank). Bei ei-
ner Wärmepumpe ist die Laufrichtung
R des Kreisprozesses links herum,
da das Integral ∆W = − pdV positiv wird. D.h. die Maschine muß
Arbeit aufnehmen.
• ”Wärmekraftmaschine”
Bei einer Wärmekraftmaschine wird einer Maschine Wärme zugeführt,
die diese in Arbeit umwandelt (Beispiel Dampfmaschine). Bei einer
Wärmekraftmaschine ist die Laufrichtung
R des Kreisprozesses rechts her-
um, da das Integral ∆W = − pdV negativ wird. D.h. die Maschine
gibt Arbeit ab.
265 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
'W
Abbildung 3.4.7: Kreisprozeß, der sich aus zwei Isothermen und zwei
Adiabaten zusammensetzt: Erfolgt der Prozeßablauf im Uhrzeigersinn erhält
man eine Wärmekraftmaschine; gegen den Uhrzeigersinn erhält man eine
Wärmepumpe.
• isotherme Expansion 1 → 2
Bei der isothermen Expansion gilt dU = 0. Dabei wird Wärme komplett
in Arbeit umgewandelt:
dQ = pdV (3.4.36)
1
mit p = V
RT (für 1 Mol) erhält man durch Integration von V1 nach
V2 :
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 266
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE
x1
'Q1 'W12 adiabatisch
'W41
isotherm
x
2
'W23 T1
4x
x3
'Q2 'W34 T2
µ ¶
V2
∆Q1 = −∆W12 = RT1 ln (3.4.37)
V1
da V2 > V1 ist ∆W12 < 0, d.h. durch die zugeführte Wärme ∆Q1 leistet
das System Arbeit gegen den Umgebungsdruck. Diese Arbeit ist:
µ ¶
V1
∆W12 = RT1 ln (3.4.38)
V2
• adiabatische Expansion 2 → 3
Bei der adiabatischen Expansion wird innere Energie in Arbeit umge-
wandelt.
Nachdem die innere Energie nur von der Temperatur abhängt, ist es
zulässig für die Berechnung von dU einfach, die absoluten Werte vor
(U (T1 )) und nach (U (T2 )) der Zustandsänderung zu vergleichen.
267 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
• isotherme Kompression 3 → 4
Bei der isothermen Kompression wird Wärme an die Umgebung abge-
geben:
µ ¶
V4
∆Q2 = −∆W34 = RT2 ln (3.4.40)
V3
da V4 > V3 ist ∆W34 > 0, d.h. durch die Kompression nimmt das
System von der Umgebung Arbeit auf und gibt diese als Wärme ∆Q2
wieder ab. Diese aufgenommene Arbeit ist:
µ ¶
V3
∆W12 = RT2 ln (3.4.41)
V4
• adiabatische Kompression 4 → 1
Bei der adiabatischen Kompression wird zugeführte Arbeit in innere
Energie umgewandelt. Analog zu oben können wir wieder die Differenz
der inneren Energien des Anfangs- und des Endzustandes benutzen:
µ ¶ µ ¶
V1 V3
∆W = ∆W12 + ∆W34 = RT1 ln + RT2 ln (3.4.43)
V2 V4
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 268
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE
∆W T1 − T2
η= = <1 (3.4.48)
∆Q1 T1
Man erkennt, daß die Umwandlung von Wärme in Arbeit nicht vollständig
erfolgt. Der Wirkungsgrad dieser Umwandlung ist kleiner als 1, da ein Teil der
hinein gesteckten Wärme als Wärmemenge ∆Q2 an die Umgebung abgegeben
wird und dabei die Arbeit ∆W34 verbraucht.
269 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
fes beim Durchgang durch die Turbine gegeben. Dies begrenzt den Wirkungs-
grad auf unter 50%. Dies kann kompensiert werden durch Fernwärmenutzung,
was einer Vermarktung der sonst verlorenen Wärmemenge ∆Q2 entspricht.
(ii) In einem Gaskraftwerk wird mit den heißen Gasen, die bei der Verbren-
nung von Erdgas entstehen, eine Turbine direkt abgetrieben. Die Verbren-
nungstemperaturen können dabei bis 1400◦ C erreichen was einen hohen Wir-
kungsgrad bedingt.
Läßt man den Prozeß in umgekehrter Reihenfolge ablaufen, so bekommt
man den inversen Carnot-Prozeß. Eine solche Maschine bezeichnet man
als Wärmepumpe, da sie einem Reservoir die Wärmemenge ∆Q2 bei T2
entzieht und sie an ein wärmeres Reservoir bei T1 als Wärmemenge ∆Q1
wieder abgibt. Dazu ist die Arbeit ∆W nötig wie zum Beispiel bei der adia-
batische Kompression des Mediums. Der Wirkungsgrad läßt sich analog zu
dem einer Wärmekraftmaschine ableiten. Man definiert hier allerdings eine
sog. Leistungszahl ²W P , die größer als eins ist, zu:
1 ∆Q1 T1
²W P = = = (3.4.49)
η ∆W T1 − T2
In folgendem Gedankenexperiment wollen wir eine Wärmepumpe und
einer Wärmekraftmaschine koppeln. Hierbei soll die Arbeit, die die
Wärmekraftmaschine abgibt, zum Antrieb der Wärmepumpe genutzt wer-
den. Für den gesamten Wirkungsgrad kann man niemals etwas größeres
als eins bekommen, wie in Abb. 2.4.9 veranschaulicht ist: eine optima-
le Wärmekraftmaschine erreicht einen Wirkungsgrad η, die ihrerseits eine
Wärmepumpe mit optimaler Leistungszahl 1/η antreibt. Somit kann eine
Wärmekraftmaschine nie mehr Arbeit produzieren als nötig wäre um netto
Wärme von dem kälteren Reservoir zum wärmeren Reservoir zu transportie-
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 270
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE
T1 'Q1
'W
'Q2 T2
dQ
dS = (3.4.51)
T
271 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
Betrachten wir noch einmal unseren Kreisprozeß. Bei den isothermen Zu-
standsänderungen bekommen wir die Entropieänderungen:
µ ¶
1 V2
∆S1→2 = RT1 ln (3.4.52)
T1 V
µ1 ¶
1 V2
∆S3→4 = − RT2 ln (3.4.53)
T2 V1
(3.4.54)
∆Sreversibel = 0 (3.4.56)
Wie ist das bei irreversiblen Prozessen? Betrachten wir dazu zwei gleiche
Körper (jeweils 1 Mol), die unterschiedliche Temperaturen T1 und T2 besit-
zen. Fügt man diese Körper zusammen, so gleicht sich die Temperatur aus
und eine Mischtemperatur Tm = T1 +T 2
2
stellt sich ein (siehe Abb. 3.4.17). Da-
bei fließt von dem wärmeren Körper eine Wärmemenge ∆Q zu dem kälteren
Körper, die diesen erwärmt. Die Entropieänderungen der beiden Körper sind
dabei wie folgt.
Die Entropieänderung bei der Erwärmung des kälteren Körpers ist:
Z Tm Z Tm
dQ dT Tm
∆S1 = = CV = CV ln (3.4.57)
T1 T T1 T T1
Analog dazu ist die Entropieänderung beim Abkühlen des wärmeren
Körpers:
Z Tm Z Tm
dQ dT Tm
∆S2 = = CV = CV ln (3.4.58)
T2 T T2 T T2
Insgesamt ergibt sich damit eine Entropieänderung von:
Tm2
∆S = ∆S1 + ∆S2 = CV ln (3.4.59)
T1 T2
T1 +T2
Setzt man hier Tm = 2
ein, so erkennt man, daß
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 272
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE
(T1 + T2 )2
∆S = CV ln >0 (3.4.60)
4T1 T2
gilt. D.h. bei diesem Prozeß nimmt die Entropie zu. Der Temperatur-
ausgleich von zwei Körpern ist ein irreversibler Prozeß, da es nicht vor-
kommt, daß beim Kontakt von zwei Körpern Wärme von dem kälteren zu
dem wärmeren fließt. In diesem Sinne kann man den zweiten Hauptsatz an-
ders formulieren als:
Wie ändert sich jetzt die Entropie eines idealen Gases bei der Änderung
von einem Ausgangszustand mit p0 , T0 und V0 zu einem Endzustand mit p,
T und V ? Beginnen wir zunächst mit dem ersten Hauptsatz:
dQ 1
dS = = (dU + pdV ) (3.4.61)
T T
1
Mit p = V NA kB T und dU = CV dT bekommen wir:
1 1
dS = CV dT + NA kB dV (3.4.62)
T V
Daraus ergibt sich
Z T Z V
1 1
∆S = CV dT + NA kB dV
T0 T V0 V
T V
= CV ln + NA kB ln (3.4.63)
T0 V0
mit CV = 32 NA kB und V ∝ T
V
für ein ein-atomiges ideales Gas bekommen
wir:
3 T V
∆S = NA kB ln + NA kB ln
2 T V
"µ 0 ¶ µ ¶#0
3/2
T V
= NA kB ln (3.4.64)
T0 V0
273 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
"µ ¶5/2 µ ¶#
T p0
∆S = NA kB ln (3.4.65)
T0 p
Mikroskopische Formulierung
Die Entropie läßt sich allerdings auch auf der Basis eines mikroskopischen
Bildes verstehen. Betrachten wir dazu zunächst ein Volumen das isotherm
expandiert. In einem Behälter befindet sich eine Trennwand. Im Anfangs-
zustand befinden sich nur auf einer Seite dieser Trennwand die Gasatome.
Entfernt man diese Trennwand, so verteilen sich die Atome im ganzen Hohl-
raum (siehe Abb. 3.4.10). Die Änderung der Entropie ist hierbei:
V1 V2
T1 T2 Tm
1 1
dS = dQ = (dU + pdV ) (3.4.66)
T T
Man bekommt:
1 1 RT
dS = CV dT + dV (3.4.67)
T T V
Integration liefert
T2 V2
∆S = CV ln + R ln (3.4.68)
T1 V1
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 274
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE
D.h. die Entropie ist ein Maß für Wahrscheinlichkeit−1 einer bestimmten
Konfiguration:
1
∆S = −kB ln w = kB ln (3.4.73)
w
bzw. proportional zu den Realisierungsmöglichkeiten Ω für eine be-
stimmte Konfiguration 1/w = Ω in einem System. Definiert man S = 0 für
Ω = 1, so kann man eine absolute Skala für die Entropie angeben als:
S = kB ln Ω (3.4.74)
Die Realisierungsmöglichkeiten für obiges Beispiel bedeuten, daß alle Teil-
³ ´NA
chen in V1 nur einer einzigen Möglichkeit entspricht, während es Ω = VV21
andere Möglichkeiten gibt die Teilchen beliebig auf der linken und rechten Sei-
te der Trennwand zu verteilen. Demnach steigt die Entropie um kB ln Ω an!
275 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
• Gibb’sches Paradoxon
Betrachten wir zunächst zwei getrennte Volumina, wie oben illustriert,
die jetzt allerdings jeweils mit einem Gas A und einem Gas B bei glei-
chem Druck und gleicher Temperatur gefüllt sind. Entfernt man die
Zwischenwand, so mischen sich beide Gase, Dabei wird die Mischuns-
gentropie erzeugt. Diese berechnet sich wie folgt:
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 276
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE
µ¶ µ ¶
VA + VB VA + VB
∆S = NA kB ln + NB kB ln
V0 V
µ ¶ µ ¶ 0
VA VB
−NA kB ln − NB kB ln (3.4.80)
V0 V0
schließlich
µ ¶ µ ¶
VA + VB VA + VB
∆S = NA kB ln + NB kB ln (3.4.81)
VA VB
277 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
µ ¶NA
VA
SA = kB ln − kB ln NA !
V0
µ ¶N
VA A
= kB ln − kB NA ln NA + kB NA
V0
µ ¶NA
VA
= NA kB ln + kB N A (3.4.83)
NA V 0
Auf der Basis dieser Ableitung können wir alle Terme in Gl.
V
3.4.81 analog zu V → N ersetzen und bekommen für die Entro-
pieänderung6 :
µ ¶ ¶ µ
VA + VB NA VA + VB NB
∆S = NA kB ln ·
+ NB kB ln ·
NA + NB VA NA + NB VB
(3.4.84)
Nachdem wir vorausgesetzt hatten, daß in beiden Teilvolumina
p und T gleich sind muß auch N/V konstant bleiben und wir
bekommen:
NA NB NA + NB
= = (3.4.85)
VA VB VA + VB
Dadurch gilt:
VA + VB NA
=1 (3.4.86)
NA + NB V A
Wenn wir dies in obige Gleichung einsetzen wird der Logarithmus
Null und man bekommt schließlich:
∆S = 0 (3.4.87)
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 278
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE
• Maxwell’s Dämon
Die mögliche Verletzung des zweiten Hauptsatzes wurde in einem
berühmten Gedankenexperiment von Maxwell formuliert. In einem
Behälter befinde sich eine Trennwand mit einem kleinen Loch. Zu An-
fang befindet sich auf beiden Seiten ein Gas der Temperatur T . Maxwell
postulierte einen Dämon, der die Teilchen beobachtet wie sie durch
dieses Loch treten und sie gemäß ihrer Geschwindigkeit sortiert: die
heißeren Teilchen läßt er nach links übertreten, während die kälteren
Teilchen rechts bleiben müssen. Nach einiger Zeit muß sich ein Tem-
peraturunterschied einstellen. Damit hätte sich die Entropie in dem
System verringert. Dies wäre eine Verletzung des zweiten Hauptsatzes.
T T T1
T2
T1 ! T2
Dieser Sachverhalt löst sich auf indem man postuliert, daß die Infor-
mation ob ein Teilchen heiß oder kalt ist, der Erzeugung von Entropie
durch den Maxwell’schen Dämon entspricht. Die Fallunterscheidung für
jedes Teilchen erzeugt einen Zuwachs von:
∆S = kB ln 2 (3.4.88)
279 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
Somit nimmt die Entropie in dem Behälter ab, aber gleichzeitig die
Entropie der Information zu. Diese Sichtweise begründet die sog. In-
formationstheorie
Man erkennt aus dieser Betrachtung der Entropie, daß irreversible
Änderungen in einem geschlossenen System immer zu einer Maximierung
der Entropie führen. In diesem Sinne ist auch die Maxwell-Boltzmann-
Geschwindigkeitsverteilung eine Verteilung maximaler Entropie, da sie die
meisten Realisierungsmöglichkeiten darstellt eine vorgegebene Energiemen-
ge auf N Teilchen zu verteilen. Dies läßt sich leicht illustrieren: nehmen wir
an, daß die gesamte Energie von 10 Teilchen 10 Joule betragen soll. Eine
Möglichkeit wäre es einem Teilchen genau 10 Joule zuzuweisen und den an-
deren 9 jeweils 0 Joule. Dies ist allerdings nur einige einzige Variante. Verteilt
man die Energie gleichmäßiger auf die Teilchen so existieren mehr Permu-
tationen, d.h. diese Möglichkeiten sind viel wahrscheinlicher und besitzen
deshalb eine größere Entropie.
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 280
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE
S
p1
isotherm
p2
adiabatisch p2 ! p1
"µ ¶5/2 µ ¶#
T p0
S ∝ ln (3.4.91)
T0 p
skaliert. Die Form dieser Kurven für unterschiedliche Drücke p1 und p2
ist in Abb. 3.4.12 gezeigt. Man erkennt, daß eine Kältemaschine in einer
Abfolge von einem isothermen und einem adiabatischen Schritten zwischen
den Drücken p1 und p2 nur eine endliche Temperaturerniedrigung realisieren
läßt. Koppelt man eine Reihe von Kältemaschinen hintereinander (das kältere
Reservoir der ersten bildet das warme Reservoir der nächsten), so läßt sich
nie die Temperatur T = 0K erreichen kann. Einige Methoden zur Erzeugung
tiefer Temperaturen
Kältemaschine
Bei einer Kältemaschine (bzw. Wärmepumpe) nimmt ein Medium bei ei-
ner tiefen Temperatur T2 eine Wärmemenge ∆Q auf (siehe Abb. 3.4.13). In
281 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
einem realen Kühlschrank ist dies oft latente Wärme, die durch das Ver-
dampfen eines Kühlmittels gegeben ist. Je größer die spezifische Wärme des
Kühlmittels ist, desto besser kann dieses die Wärmemenge mitnehmen. Ein
Kompressor verdichtet das Kühlmittel auf einen hohen Druck und Tempera-
tur T1 . In einem Wärmetauscher gibt es die Wärmemenge an die Umgebung
ab. Danach wird das Kühlmittel über eine Drossel entspannt, wobei es sich
wieder abkühlt und dabei verflüssigt. Damit ist der Kreislauf geschlossen.
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 282
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE
W
Kompressor
Erwärmung
Q T1 Q
Verdampfer Kondensor
T2
Abkühlung
Drossel
Wirkungsgrad bei einem Dieselmotor ist größer, da ein viel höherer Druck
als beim Ottomotor erreicht wird, und damit die Fläche, die der Kreisprozeß
einschließt auch größer wird.
Stirling-Motor
Eine weitere thermodynamische Maschine bei der der Wirkungsgrad den des
Carnot-Prozesses erreicht, ist der Stirling-Prozeß, der sich aus zwei Isother-
men und zwei Isochoren zusammen setzt. Abb. 3.4.15 zeigt den Ablauf. An
einem Rad sind über zwei Kurbeln zwei Kolben aufgehängt, die um 90◦ ge-
geneinander versetzt sind. Ein Kolben komprimiert und expandiert das Gas,
bei der isothermen Expansion und Kompression. Der zweite Kolben ist in
der Mitte durchlässig, wobei das Gas beim Durchströmen seine Wärme an
Kupferwolle abgibt, bzw. von dieser aufnimmt. Dieser durchlässige Kolben
macht die isochoren Zustandsänderungen.
• Im ersten Schritt wird das Gas isotherm expandiert und nimmt dabei
Wärme von einem heißen Reservoir auf.
• In dem zweiten Schritt findet eine isochore Abkühlung statt, bei der
die Wärme von der Cu-Wolle aufgenommen wird.
• In dem dritten Schritt findet eine isotherme Kompression statt, bei der
Wärme an ein kälteres Reservoir abgegeben wird.
283 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
p p
2 Einspitzung 3
3
Expansion
4 4
Zünden
Abgas
Abgas
2
Ansaugen 1 1
V V
Otto-Motor Diesel-Motor
• Im letzten Schritt findet wieder ein isochore Erwärmung statt bei der
die Cu-Wolle wieder Wärme an das Gas abgibt.
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 284
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE
1
T1
2
4
T2
3
V
T1
Cu-
Wolle
T2
dU = T dS − pdV (3.4.92)
Diese Gleichung besagt wie die innere Energie U von den unabhängigen
Variablen S und V abhängt. Damit diese Gleichung immer gelten kann,
müssen allerdings die intensiven Größen Druck und Temperatur einer Bezie-
hung genügen. Die Ableitung der inneren Energie nach den Variablen ergibt:
¯
∂U ¯¯
= T (3.4.93)
∂S ¯V
285 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
¯
∂U ¯¯
= −p (3.4.94)
∂V ¯S
Nachdem die innere Energie ein Potential ist muß die Reihenfolge der
Ableitungen egal sein und gelten:
∂ 2U ∂ 2U
= (3.4.95)
∂S∂V ∂V ∂S
Dies läßt sich anders formulieren als:
¯ ¯ ¯ ¯
∂ ¯¯ ∂U ¯¯ ∂ ¯¯ ∂U ¯¯
= (3.4.96)
∂S ¯V ∂V ¯S ∂V ¯S ∂S ¯V
| {z } | {z }
−p T
dU = T dS − pdV (3.4.98)
ergibt sich:
dU = T dS − d(pV ) + V dp (3.4.99)
Dies läßt sich umwandeln zu:
d(U + pV ) = T dS + V dp (3.4.100)
| {z }
=H
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 286
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE
dH = T dS + V dp (3.4.101)
Man erkennt, daß man bei isobaren Systemen im Gleichgewicht ein Mini-
mum der Enthalpie dH = 0 fordern muß! Das Minimum der inneren Energie
dU = 0 vernachlässigt, daß der Druck von außen an dem System zusätzlich
Arbeit leisten kann.
Damit die Enthalpie eine Erhaltungsgröße ist muß für die Variablen Tem-
peratur und Volumen ein Zusammenhang gelten. Die Abhängigkeit der Ent-
halpie von den Variablen ist:
¯
∂H ¯¯
= T (3.4.102)
∂S ¯p
¯
∂H ¯¯
= V (3.4.103)
∂p ¯ S
Nachdem die Enthalpie ein Potential ist, muß die Reihenfolge der Ablei-
tungen egal sein und gelten:
∂ 2H ∂2H
= (3.4.104)
∂S∂p ∂p∂S
Dies läßt sich anders formulieren als:
¯ ¯ ¯ ¯
∂ ¯¯ ∂H ¯¯ ∂ ¯¯ ∂H ¯¯
= (3.4.105)
∂S ¯p ∂p ¯S ∂p ¯S ∂S ¯p
| {z } | {z }
V T
dU = T dS − pdV (3.4.107)
Mit
287 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
F = U − TS (3.4.109)
und man bekommt
&
F
T T
T ,V
p, T
Abbildung 3.4.16: Freie Energie und freie Enthalpie bei isothermen Sy-
stemen.
dU = T dS − pdV (3.4.112)
Mit
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 288
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE
G = U − T S + pV (3.4.114)
und bekommen
dG = −SdT + V dp (3.4.115)
Die freie Enthalpie wird insbesondere bei isothermen Prozessen wie der
Kondensation von Gasen angewendet. Auch hier kann analog zu obigen Bei-
spielen ein Zusammenhang der Variablen gefordert werden von:
¯ ¯
∂S ¯¯ ∂V ¯¯
− = (3.4.116)
∂p ¯T ∂T ¯p
289 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
V F T
U G
S H p
V T V T V F T V T
U G
S H p S p S p S p
dH TdS Vdp dU TdS pdV dF SdT pdV dG Vdp SdT
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 290
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.5. REALE GASE
pV = N kB T (3.5.1)
Bei einem realen Gas, das wir uns als Atome/Moleküle mit endlichem
Radius r vorstellen, ist der Mindestabstand zwischen zwei Atomen 2r. D.h.
das Volumen das den Gasatomen zur Verfügung gestellt werden kann kann
nicht beliebig klein werden. Das Eigenvolumen eines Gasteilchens ist danach:
4π 3
VGasteilchen =r (3.5.2)
3
Nachdem der Abstand zwischen zwei Gasteilchen mindestens 2r beträgt
ist das verbotene Volumen, in dem sich kein zweites Atom aufhalten kann
(siehe Abb. 3.5.1):
A
r
&
F
B
L
Abbildung 3.5.1: In einem realen Gas, besetzen die Atome ein endliches
Volumen.
4π
Vverboten = (2r)3 = 8VGasteilchen (3.5.3)
3
Welches echte Volumen Vreales Gas steht nun N Gasteilchen in einem
Behälter mit Volumen V zur Verfügung:
291 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.5. REALE GASE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
Führt man diese Reihe zu Ende, so bekommt man als das Molvolumen
VM für NA Teilchen:
Bezieht man alles auf eine Anzahl von n Mol eines Gases in einem Volu-
men V , so bekommt man:
µ ¶µ ¶
an2 V
p+ 2 − b = RT (3.5.12)
V n
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 292
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.5. REALE GASE
Bei einem realen Gas ändert sich auch die innere Energie, die jetzt zum
Teil durch die Bewegungsenergie aber auch durch die potentielle Energie ge-
geben ist. Komprimiert man das Volumen eines realen Gases, so verringert
sich der Abstand der Gasteilchen. Dadurch verringert sich bei einer attrak-
tiven Wechselwirkung die potentielle Energie. Dieser Betrag läßt sich formal
aus einer Integration der Arbeit pdV ableiten zu:
Z V
a a
Epot = 2
dV = − (3.5.13)
∞ VM VM
Damit wird die gesamte innere Energie zu:
1 a
U = f RT − (3.5.14)
2 VM
Dies hat Folgen für die Expansion eines realen Gases im Vergleich zu
einem idealen Gas. Expandiert man ein ideales Gas in Vakuum (freie Expan-
sion) so ändert sich seine Temperatur nicht, da das Gas keine Arbeit leisten
muß. Expandiert man allerdings ein reales Gas in Vakuum (bzw. einem sehr
geringen Druck) so kann es gegen die innere Wechselwirkung Arbeit leisten
und dementsprechend abkühlen. Betrachten wir eine sog. adiabatische (kein
Ausgleich der Wärme mit der Umgebung) Expansion bei konstantem Druck.
Wir suchen zur Bestimmung des Gleichgewichts das Minimum der Enthalpie.
H = U + pV (3.5.15)
Für U setzen wir obigen Ausdruck ein. Die van der Waals-
Zustandsgleichung lösen wir auf zu:
RT a
p= − 2 (3.5.16)
VM − b VM
Damit bekommt man:
µ ¶
f VM 2a
H = RT + − (3.5.17)
2 VM − b VM
Nachdem dH = 0 gelten muß, stehen die Änderung der Enthalpie mit
dem Volumen und mit der Temperatur in folgendem Zusammenhang:
dH dH
dH = dV + dT = 0 (3.5.18)
dV dT
dH dH
Die Ableitungen dV
und dT
bestimmen wir aus Gl. 3.5.17 und bekommen:
293 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.5. REALE GASE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
dT bRT − 2a
' ¡f ¢ (3.5.19)
dV 2
+ 1 RVM2
Man erkennt daß für 2a > bRT die Temperatur bei Vergrößerung des
Volumens abnimmt. D.h. das Gas kühlt sich ab, da es gegen den Binnendruck
Arbeit leistet. Dies bezeichnet man als Joule-Thomson-Effekt. Dies gilt
allerdings nur unterhalb der sog. Inversionstemperatur TI :
2a
TI = (3.5.20)
bR
Bei höheren Temperaturen nimmt bei der Expansion sogar die Tempera-
tur zu!
3.5.2 Flüssigkeits-Dampf-Gleichgewicht
Die Zustandsgleichung eines realen Gases 3.5.11 läßt sich in einem pV-
Diagramm darstellen. Man erkennt, daß für sehr hohe Temperaturen die
Form der Kurven für konstante Temperatur ähnlich zu den Kurven eines
idealen Gases sind. Bei Temperaturen unterhalb einer kritischen Temperatur
TK durchlaufen die Kurven allerdings Minima und Maxima! Verfolgt man
dp
eine dieser Kurven so bekommt man Bereiche in denen dV > 0 ist. Dies be-
deutet, daß der Druck bei einer Vergrößerung des Volumens zunimmt. Dies
ist unphysikalisch!
Dieser Widerspruch löst sich auf, wenn man berücksichtigt, das bei einem
realen Gas Phasenübergänge auftreten können. Bei einem Phasenübergang
findet eine Umwandlung von fest nach flüssig nach gasförmig statt. Betrach-
ten wir dazu ein System, das sich bei einer Temperatur T < TK befindet. Bei
einem niedrigen Druck und einem großen Volumen verhält sich das System
wie ein ideales Gas. Wenn wir den Punkt A in Abb. 3.5.2 erreichen, folgt
das System nicht mehr der Kurve wie von Gl. 3.5.11 vorgegeben, sondern der
Geraden ABC. Auf dieser Geraden bleibt der Druck konstant und die Ver-
kleinerung des Volumens, führt zu einer Phasenumwandlung von gasförmig
nach flüssig. Am Punkt A bilden sich die ersten Tröpfchen und an Punkt C
ist fast das ganz Gas in eine Flüssigkeit umgewandelt worden. Nach Punkt C,
steigt der Druck bei einer weiteren Volumenverkleinerung sehr stark an, da
Flüssigkeiten kaum kompressibel sind, d.h. eine kleine Volumenverkleinerung
führt zu einer sehr starken Druckerhöhung.
Wie findet man jetzt die Gerade ABC? Dabei hilft folgende Überlegung:
die Fläche unter der Kurve p(V ) entspricht der geleisteten Arbeit bei
der Zustandsänderung (wegen ∆W = −pdV ). Bei den unterschiedlichen
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 294
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.5. REALE GASE
gas
T ! Tk
flüssig
Tk
flüssig / gas
T Tk
Möglichkeiten für eine Zustandsänderung von A nach C, soll jeweils die glei-
che Arbeit geleistet werden. D.h. die Flächen unter der Gerade ABC und der
Kurve nach Gl. 3.5.11 müssen gleich sein! Dies entspricht der graphischen
Auftragung in Abb. 3.5.2. Man bezeichnet dies als Maxwell-Konstruktion.
Betrachten wir jetzt ein System, das sich in dem Übergangsbereich zwi-
schen gasförmig und flüssig befindet. Betrachten wir das System bei kon-
stanter Temperatur, so stellt sich ein Gleichgewicht ein, bei der die Rate
der Moleküle, die verdampfen, und die Rate der Moleküle, die kondensieren,
gleich ist (siehe Abb. 3.5.3). Den Druck, der sich dann einstellt, bezeichnet
man als Sättigungsdampfdruck pS . Dieser Druck pS steigt mit der Tempe-
ratur an, da auch die Verdampfungsrate ansteigt. Durch den hohen Druck in
dem Behälter und erhöht sich wiederum auch die Rate mit der die Teilchen
wieder auf die Oberflächen treffen (∝ Teilchendichte × mittlere Geschwin-
digkeit) und kondensieren können. Ein neues Gleichgewicht entsteht.
Wie läßt sich jetzt diese Abhängigkeit des Sättigungsdampfdruckes von
der Temperatur ausrechnen? Dazu betrachten wir einen Kreisprozeß bei dem
Flüssigkeit verdampft und wieder kondensiert, wie in Abb. 3.5.4 illustriert.
Um eine Flüssigkeit mit Volumen Vf lüssig bei dem Sättigungsdampfdruck
ps zu verdampfen, muß die latente Wärme ∆Q1 (= Aktivierungsenergie Eact
in Abb. 3.5.4) dem System zugeführt werden. Diese wird in Arbeit umge-
wandelt, da sich der Druck ps + dps und das Volumen Vf lüssig → Vgasf örmig
ändert:
295 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.5. REALE GASE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
Dampfdruck 1 2
dp
∆Q = T (Vgasf örmig − Vf lüssig ) (3.5.25)
dT
Aus dieser Gleichung läßt sich jetzt der prinzipielle Verlauf von ps (T )
ausrechnen, wie in Abb. 3.5.5 skizziert. Nachdem das gasförmige Volumen
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 296
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.5. REALE GASE
E act
p dp
p T dT
V fl . VD V
Abbildung 3.5.4: Die latente Wärme, die aufgebracht werden muß für
einen Phasenübergang läßt sich aus einem Kreisprozeß ableiten.
sehr viel größer ist als das Volumen der Flüssigkeit, bekommt man mit
ps Vgasf örmig = RT , die Gleichung:
297 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.5. REALE GASE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
p
Tk , p k
Kondensation
Verdampfen
• Wettergeschehen
Fügt man zum Beispiel eine Flüssigkeit in einen evakuierten Behälter
ein, so wird diese solange verdampfen bis der Sättigungsdampfdruck
erreicht ist. Falls man im umgekehrten Sinne ein Gas in einen eva-
kuierten Behälter einfüllt, so wird das Gas solange nicht konden-
sieren, bis der Druck den Sättigungsdampfdruck erreicht hat. Der
Sättigungsdampfdruck von Wasser in der Atmosphäre entspricht 100%
Luftfeuchtigkeit. Dieser Wert wird allerdings selten erreicht, da ein Sy-
stem für diese Phasenumwandlung sehr lange benötigt, so daß man
beim Wettergeschehen auch Luftfeuchtigkeiten ungleich 100% beob-
achten kann. Erst falls die Luft steht und keine Durchmischung in der
Atmosphäre auftritt kommt man den 100% Luftfeuchte nahe (schwüle
Luft). Erniedrigt man zum Beispiel bei 100% Luftfeuchtigkeit die Tem-
peratur, so erniedrigt sich der Sättigungsdampfdruck und Kondensati-
on setzt ein. Es regnet!
• Geysire
Bei einem Geysir wird an dem unteren Ende eines wassergefüllten
Schlotes die Wassersäule erhitzt (siehe Abb. 3.5.7). Durch den hohen
Druck (p1 ) erwärmt sich das Wasser bis auf über 100◦ bis sich Gasblasen
bilden. Wenn diese Gasblasen in dem engen Schlot emporsteigen, kann
es passieren, daß sie den Druck am unteren Ende der Wassersäule et-
was verringern (p1 → p0 ). Durch die Druckerniedrigung kann nun mehr
Wasser den Phasenübergang schlagartig vollziehen und eine große Men-
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 298
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.5. REALE GASE
100 qC
1 2 3 p >bar @
p p0
Tk , p k
flüssig
p1
p0
gas p1
T
T
Abbildung 3.5.7: Bei einem Geysir führt die Blasenbildung in der Tiefe
zu einem spontanen Druckabfall und damit dem schlagartigen Verdampfen
der Flüssigkeit.
3.5.3 Phasendiagramme
Neben dem Phasenübergang gasförmig-flüssig, kann noch der Pha-
senübergang flüssig-fest stattfinden. In einem pT-Diagramm kann
mann wieder die einzelnen Bereiche unterscheiden. Die Kurve des
Sättigungsdampfdruckes ps wird beschrieben durch eine Lösung der
299 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.5. REALE GASE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
Gleichung:
dps
∆QV erdampf ung = T (Vgasf örmig − Vf lüssig ) (3.5.28)
dT
fest Tk , p k
2
flüssig 3
TT
gasförmig
1
Für den Phasenübergang fest-flüssig, dem Schmelzen läßt sich wieder die
Clausius-Clapeyron-Gleichung bemühen:
dpS
∆QSchmelzen = T (Vf lüssig − Vf est ) (3.5.29)
dT
Die latente Wärme und der Volumenunterschied bestimmen gemäß dieser
Gleichung die Steigung der Kurve pS (T ).
Überlagert man das Flüssigkeits-Dampf-Gleichgewicht und das Fest-
Flüssig-Gleichgewicht, so erkennt man drei Bereiche in einem Phasendia-
gramm (Abb. 3.5.8): fest, flüssig und gasförmig. Am sogenannten Tripel-
punkt ist die Koexistenz von drei Phasen möglich. Bei Wasser liegt dieser
Punkt bei einem Druck von pT =611.657 Pa und einer Temperatur TT =273.16
K. Dieser Tripelpunkt ist eindeutig für die jeweilige Substanz und eignet
sich zur Eichung von Temperaturmessmethoden. Den Übergang zwischen
den Phasen fest-flüssig (Weg 2 in Abb. 3.5.8) bezeichnet man als Schmel-
zen/Frieren; den Übergang zwischen den Phasen flüssig-gasförmig (Weg
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 300
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.5. REALE GASE
1. Ordnung S 2. Ordnung
S
latente Wärme
T0 T T0 T
301 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.5. REALE GASE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
sog. Gibbs’sche Phasenregel anwenden. Mit f der Zahl der freien Zu-
standsvariablen und q der Zahl der koexistenten Phasen bekommt man den
Zusammenhang:
f =3−q (3.5.30)
Bei einem Gas wäre q = 1 und f = 2, d.h. p und T lassen sich zum
Beispiel frei einstellen, und V ergibt sich aus der Zustandsgleichung. Bei
der Dampfdruckkurve ist q = 2, d.h. für gegebene Temperatur gibt es einen
Sättigungsdampfdruck ps , Das Volumen ergibt sich wieder aus der Zustands-
gleichung. Am Tripelpunkt selbst ist q = 3, d.h. f = 0 und alle Zustandsva-
riablen sind festgelegt.
Ein Phasendiagramm betrachtet immer ein System, das sich bei gegebe-
nen äußeren Parametern wie Druck, Temperatur, Volumen etc. im Gleichge-
wicht befindet. In der Realität erfolgt eine Änderung der äußeren Parameter
allerdings nicht beliebig langsam, so daß das Erreichen des Gleichgewichts ei-
ne endliche Zeit in Anspruch nehmen kann. Dies soll an folgenden Beispielen
erklärt werden:
• Kondensstreifen
Betrachten wir das Flüssigkeits-Dampf-Gleichgewicht. Verändert man
einen äußeren Parameter, der zum Beispiel den Anteil an der flüssigen
Phase erhöhen würde, so kann dieser Übergang in der Regel nicht in-
stantan erfolgen. Beispiel wäre die Unterkühlung von Wasserdampf:
kühlt man gesättigten Wasserdampf ab, so muß sich die flüssige Phase
bilden. Damit sich allerdings neue Flüssigkeitströpfchen bilden, müssen
sich freie Moleküle verbinden. Aus der Betrachtung von Stoßprozes-
sen unter Energie- und Impulserhaltung ist bekannt, daß eine einfache
Rekombination von zwei Wassermolekülen nicht möglich ist. Erst ein
Stoß von drei Stoßpartnern ermöglicht die gleichzeitige Erfüllung von
Energie- und Impulserhaltung. Diese Dreier-Stöße sind allerdings sehr
unwahrscheinlich, so daß die Bildung von Flüssigkeitströpfchen eine
lange Zeit in Anspruch nimmt. Die Rate kann sich allerdings stark
erhöhen werden, wenn sog. Kondensationskeime existieren wie z.B.
Staub. Dies erklärt die Bildung von Kondensstreifen hinter Flugzeu-
gen, die immer dann in großer Höhe auftreten, wenn sich feuchte, un-
terkühlte Luft in der Atmosphäre befindet. Die Rußpartikel in den
Flugzeugabgasen wirken dann wie Kondensationskeime.
• Blitzeis
Die endlichen Zeiträume für das Ablaufen eines Phasenübergangs wird
auch beim sog. Blitzeis sichtbar: in der Atmosphäre kann unterkühltes
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 302
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.5. REALE GASE
Wasser entstehen, das keine Zeit hatte, um zu Eis oder Hagel zu kon-
densieren. Trifft ein solch unterkühlter Wassertropfen auf den Boden, so
bildet sich sofort Eis, da die Bodenoberfläche genügend Kondensations-
keime zur Verfügung stellt. Der Boden muß dabei nicht gefroren sein,
da das Wasser selbst schon eine Temperatur unter Null Grad besitzt.
• Nebelkammer
In der Teilchenphysik verwendet man auch Detektoren, die nach die-
sem Prinzip funktionieren. Hierbei wird ein Volumen schnell variiert in
dem sich Alkoholdampf bei Sättigungsdampfdruck befindet. Bei Ver-
kleinerung des Volumens erhöht man den Anteil an flüssiger Phase.
Allerdings kann dieser Vorgang nicht beliebig schnell erfolgen. In dem
pV-Diagramm folgt man deshalb der Isothermen, wie in Abb. 3.5.10
gezeigt. Läuft nun ein Elementarteilchen durch dieses Gasvolumen, so
ionisiert es die Gasmoleküle und hinterlässt eine Spur an Ladungs-
trägern. Diese Ladungsträger wirken wie Kondensationskeime und die
Spur wird als Kondensstreifen sichtbar.
Kondensation
am kond. Keim
Abbildung 3.5.10: Bei schnellen Änderungen, kann das System einer Pha-
senänderung nicht mehr instantan folgen. Es entsteht z.B. übersättigter Was-
serdampf.
303 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.5. REALE GASE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
Lösungsmittel
Im folgenden wollen wir ein Medium als Lösungsmittel betrachten in das
eine andere Substanz (z.B. ein Salz) eingebracht wird. Dabei sinkt in der
Regel der Dampfdruck um einen Betrag ∆ps , da bei einer Desorption von
Flüssigkeitsteilchen auch die anziehende Wechselwirkung der gelösten Sub-
stanz überwunden werden muß. Für die Änderung des Dampfdrucks findet
sich ein empirisches Gesetz der Form:
∆ps n1 n1
=− ≈− (3.5.31)
ps n0 + n1 n0
für n1 ¿ n0 mit n1 der Molzahl der gelösten Substanz und n0 der Molzahl
des Lösungsmittels. Wie ändern sich nun die anderen Zustandsvariablen?
Betrachten wir dazu wieder die Clausius-Clapeyron -Gleichung.
dps
∆Q = T (VDampf − VF lüssigkeit ) (3.5.32)
dT
RT
mit VDampf À VF lüssigkeit und VM = ps
bekommen wir:
dps 1
∆Q = RT 2 (3.5.33)
dT ps
bzw.
∆Q 1
2
dT = dps (3.5.34)
RT ps
Wir integrieren über den Temperaturunterschied ∆T und den Druckun-
terschied ∆ps und bekommen:
Z T +∆T Z ps +∆ps
∆Q 1
dT = dps (3.5.35)
T RT 2 ps ps
· ¸ µ ¶
∆Q 1 1 ∆ps
− + = ln(ps + ∆ps ) − ln ps = ln 1 + (3.5.36)
R T + ∆T T ps
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 304
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.5. REALE GASE
RT 2 ∆ps
∆T = − (3.5.37)
∆Q ps
Mit dem empirischen Zusammenhang 3.5.31 zwischen ps und der Konzen-
tration der gelösten Substanz ergibt sich für n1 ¿ n0 das sog. Raoult’sche
Gesetz:
RT 2 n1
∆T = (3.5.38)
∆Q n0
p = p1 + p2 (3.5.39)
Nach dem Raoult’schen Gesetz gilt für die Änderung des Druckes in
Abhängigkeit von den Teilchendichten n1 und n2 der beiden Substanzen.
∆p1 n1 ∆p2 n2
=− = x1 =− = x2 (3.5.40)
p1,0 n1 + n2 p2,0 n1 + n2
305 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.5. REALE GASE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
p 20
p2
p10
p1
1 x1
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 306
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.5. REALE GASE
Wie ist jetzt die Abhängigkeit µj (T, pj )? Neben dem ersten Hauptsatz
gilt für die innere Energie als thermodynamischem Potential auch allgemein
(nur 1 Komponente mir Potential µ):
U = T S − pV + µN (3.5.46)
Bilden wir das totale Differential so bekommen wir:
0 = SdT − V dp + N dµ (3.5.48)
Dies bezeichnet man als Gibbs-Duhem-Gleichung. Sie beschreibt den
Zusammenhang zwischen den Zustandsgrößen T, p und µ einer Komponen-
te in dem System. Im folgenden wollen wir die Anwendung des chemische
Potentials an zwei Beispielen illustrieren:
G = U + pV − T S (3.5.49)
G = U + pV − T S = µN (3.5.50)
307 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.5. REALE GASE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
D.h. die freie Enthalpie ist identisch mit dem Produkt µN . Hat man
mehrere Phasen oder unterschiedliche Gasmoleküle in einem System
vorliegen, so besitzt jeder Bestandteil sein eigenes chemisches Potential
und man bekommt im allgemeinen für ein System mit n Komponenten
(Index j):
n
X
G= µ j Nj (3.5.51)
j=1
n
X
dG = µj dNj = 0 (3.5.52)
j=1
D.h. befindet sich ein System im Gleichgewicht, so haben sich die che-
mischen Potentiale der unterschiedlichen Phasen für eine bestimmte
Komponente aneinander angeglichen.
Bei der Nukleation betrachten wir jetzt eine Reaktion von N Gasteil-
chen, die als neues Flüssigkeitströpfchen kondensieren sollen. Für diesen
Übergang gilt:
Dieser Vorgang kann nur stattfinden, wenn sich das chemische Poten-
tial der Gasteilchen von dem der Flüssigkeit unterscheidet (∆µ = 0)!
Dies kann man erzielen, wenn man den Druck der Gasphase gegenüber
dem Sättigungsdampfdruck erhöht, wodurch sich das chemische Poten-
tial der Gasteilchen auch verschiebt. Jetzt ist das chemische Potential
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 308
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.5. REALE GASE
1
dµ = V dp (3.5.56)
N
D.h. wenn wir den Druck von p0 → p ändern, bekommen wir eine
Änderung des chemischen Potentials von:
Z p Z p
1 1 1 p
∆µ = V dp = N kB T dp = kB T ln (3.5.57)
p0 N p0 N p p0
D.h. mit steigendem Druck steigt auch das chemische Potential in einem
gegebenen Gasvolumen.
'G
v r2 (Oberfläche)
rkrit .
r
r
'G
p, T
v r 3 (Volumen)
'P
Bei der Bildung von Tröpfchen wird jedoch eine Flüssigkeit-Gas Grenz-
fläche geschaffen, wobei die Oberflächenenergie EOF aufgebracht wer-
den muß. Dies ist ein zusätzlicher Beitrag bei der Energiebilanz und
wir bekommen für die Bildung eines Tröpfchens eine Energieänderung:
309 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.5. REALE GASE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
Mit A der Oberfläche des Tröpfchens. Die Anzahl der Teilchen im Vo-
lumen skaliert mit dem Tröpfchenradius r3 , während die Oberfläche
des Tröpfchens mit r2 skaliert. Trägt man die Änderung der Enthalpie
∆G in Abhängigkeit vom Tröpfchenradius auf, so bekommt man eine
Abhängigkeit wie in Abb. 3.5.19 gezeigt.
Man erkennt, daß unterhalb eines kritischen Radius rkrit , die Enthal-
pie bei Vergrößerung des Tröpfchens zunimmt, d.h. die Reaktion der
Bildung eines Tröpfchens kann nicht ablaufen, weil der Endzustand
nicht energetisch günstiger ist. Erst bei größeren Tröpfchen wird die
Änderung der Enthalpie negativ und die Reaktion kann ablaufen. Der
kritische Radius ist klein und oftmals von der Größenordnung meh-
rerer Moleküldurchmesser. D.h. falls sich ein neues größeres Molekül
bei Dreier-Stoß-Rekombinationen bildet, kann das weitere Wachstum
dieses Tröpfchens ungehindert fortschreiten, da jetzt ∆G immer nega-
tiv bleibt. Nachdem Dreier-Stoß-Rekombinationen8 selten vorkommen
verstreicht eine gewisse Zeitspanne in dem übersättigten Dampf bevor
die Nukleation einsetzt.
Die absolute Größe des kritischen Radius rkrit. hängt von der Änderung
des chemischen Potentials ∆µ ab, wobei ein kleiner Wert für rkrit. eine
große Änderung von ∆µ bedingt. D.h. übersättigt man den Dampf
am Anfang sehr stark (p À p0 ), so sinkt der kritische Radius und die
Nukleation setzt schneller ein.
• Chemische Reaktionen
Bei der Ableitung des chemischen Potentials hatten wir die Enthalpie
definiert als:
n
X
G= µ i Ni (3.5.59)
i=1
Betrachten wir jetzt eine chemische Reaktion für eine Reihe von Eduk-
ten A zu einer Reihe von Produkten B. Diese liegen in entsprechen-
der Anzahl von Molen a und b vor. Für eine chemische Reaktion im
Gleichgewicht gilt gemäß der Stöchiometrie:
8
Nur bei Dreier-Stoß-Rekombinationen lassen sich gleichzeitig Energie- und Impulser-
haltung erfüllen.
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 310
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.5. REALE GASE
n
X
dG = µj dNj = 0 (3.5.61)
j=1
Läuft jetzt eine chemische Reaktion ab, so verringert sich die Anzahl der
Edukte und es erhöht sich die Anzahl der Produkte entsprechend ihrem
stöchiometrischem Gewicht. Die Änderungen der Teilchenzahlen dNj
können wir mir dNj = aj N alle auf eine gleiche Anzahl N beziehen und
bekommen für die Summe aller Reaktanden multipliziert mit derem
chemischem Potential:
n
X m
X
dG = − µi a i N + µj bj N = 0 (3.5.62)
i=1 j=1
D.h. es gilt:
n
X m
X
µi a i = µj bj (3.5.63)
i=1 j=1
Bei der chemischen Reaktion ändert sich der Partialdruck der einzelnen
Spezies und damit deren chemisches Potential. Uns interessiert jetzt die
Abhängigkeit des chemischen Potentials von der Temperatur und dem
Partialdruck pj . Für das chemische Potential hatten wir:
1 V
dµj = − Sj dT + dpj (3.5.64)
Nj Nj
Z T Z pj
1 kB T
∆µj (T, pj ) = − (S0 + ∆S) dT + dpj (3.5.65)
T0 N p0 pj
311 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.5. REALE GASE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
Für T = T0 ist dieser Ausdruck identisch zu Gl. 3.5.57. Wenn wir diesen
Ausdruck in Gl. 3.5.63 einsetzen, so bekommen wir
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 312
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.5. REALE GASE
3.5.4 Wasser
Wasser ist bestimmend für viele Vorgänge der Biologie und der Atmosphäre.
Dies begründet sich durch ein Reihe von außerordentlichen Eigenschaften,
wie ungewöhnlichen Schmelz- und Siedepunkten, der Dichte-Erniedrigung
beim Frieren und seinen guten Eigenschaften als Lösungsmittel. Dies sei im
folgenden erläutert.
Anomalien
Wasser besitzt insgesamt 63 Anomalien, die es von chemisch gleichwertigen
Flüssigkeiten wie H2 S, H2 Te, H2 Se und H2 Po abgrenzt. Im folgenden seien
einige der wichtigsten genannt:
313 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.5. REALE GASE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
T >@K
H2O
373
Sieden
H2O
273 Schmelzen
H2Te H2 Po
H2 Se
200
H2 S
Masse
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 314
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.5. REALE GASE
Cp
Mikroskopische Struktur
Alle Anomalien des Wassers lassen sich durch dessen mikroskopische Struktur
erklären. Ein Wassermolekül H2 O hat die Struktur eines Tetraeders, wobei
zwei Ecken durch die Wasserstoffatome und zwei Ecken durch die ungebunde-
nen Elektronenpaare des Sauerstoffatoms gegeben sind. Zwischen den Was-
serstoffatomen und den ungebundenen Elektronenpaaren eines benachbarten
Wassermoleküls kann eine Wasserstoff-Brückenbindung ausgebildet wer-
den. Quantenmechanische Rechnungen zeigen, daß der Abstand zwischen den
Sauerstoffatomen in einem Wasserdimer (zwei benachbarte H2 O-Moleküle)
ca. 2.9 Å ist (siehe Abb. 3.5.17). Dieser Abstand kann sich verkürzen, wenn
mehrere Wassermoleküle zusammen kommen und sich ein dreidimensionales
Netzwerk aus Tetraedern formt. Man kann folgende Strukturen unterschei-
den:
• Flüssiges Wasser
315 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.5. REALE GASE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
Frieren
6qC
Abbildung 3.5.15: Setzt man Wasser einem Kältebad von unter 0◦ Grad
aus, so gefriert warmes Wasser schneller als kaltes Wasser. Beim Vorgang
des Frierens wird kaltes Wasser stärker unterkühlt als warmes Wasser.
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 316
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.5. REALE GASE
Tk , pk
flüssig
fest
gasförmig
Bei kaltem Wasser hingegen haben sich in großer Zahl Icosaeder gebildet, die
zunächst aufgelöst werden müssen, bevor sich die hexagonale Struktur des
Wasserseises einstellen kann; (iv) je nach polarer Substanz können sich un-
terschiedliche Wasserstoff-Brücken-Netzwerk bilden, die das polare Molekül
umschließen und es so wasserlöslich machen.
Eine lange Debatte (seit 1850 bis heute) entspannte sich um die Tatsache,
daß man auf Eis Schlittschuhfahren kann. Die älteste These war diejenige,
daß durch die negative Steigung der Schmelzkurve (siehe Abb. 3.5.13) eine
Druckerhöhung zum Schmelzen von Eis führt. Ein Schlittschuhfahrer gleitet
dann nahezu reibungslos auf einem dünnen Wasserfilm.
Betrachtet man dieses Argument allerdings quantitativ, so kann ein
Schlittschuhfahrer wegen seiner sehr schmalen Schlittschuhkufen maximal
einen Druck von ca. 500 Atmosphären auf das Eis ausüben. Bei diesem Druck
schmilzt das Eis schon bei -3.5◦ C. Die Erfahrung zeigt jedoch, daß Schlitt-
schuhfahren bei sehr viel tieferen Temperaturen noch möglich ist. Bis ca. -
33◦ C kann man Schlittschuhfahren, und erst bei -46◦ C gleicht das Gleiten auf
Schnee und Eis eher dem Gleiten auf Sand wie man seit der Südpolexpedition
von Robert Scott weiß. Nach dem Phasendiagramm, kann Eis auch bei tiefe-
ren Temperaturen durch Druck schmelzen. Allerdings ist das Minimum bei
-22◦ C und man benötigt dann einen Druck von ca. 5000 Atmosphären!
317 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.5. REALE GASE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
H
G 57q
O O H O
H 0
H HG 2 , 97 A
H
H H
O HO
H
H
HO OH
H
H
OH O
H H
Dieses Rätsel hat sich erst in den letzten Jahren aufgelöst. Durch eine mi-
kroskopische Analyse hat man festgestellt, daß auf einer Eisoberfläche immer
ein Flüssigkeitsfilm existiert: an der Grenzfläche Eis-Luft bewirkt das Fehlen
von benachbarten Wassermolekülen, daß die vierfach koordinierte Struktur
des Eises instabil wird. Es findet eine sog. Rekonstruktion der Oberfläche
statt, die knapp unterhalb der Schmelztemperatur an der Bildung eines
dünnen Flüssigkeitsfilms sichtbar wird. Dieses Phänomen beobachtet man
generell bei vielen Festkörperoberflächen kurz unterhalb ihres Schmelzpunk-
tes.
Nahe unter dem Gefrierpunkt ist dieser Flüssigkeitsfilm ungefähr 100
nm dick, wird dann mit sinkender Temperatur schnell dünner bevor er bei
−33◦ C ganz verschwindet! Dieses Verhalten kann man in sog. Regelations-
Experimenten beobachten. Hierbei wird ein Draht um einen Eisblock gelegt
und dann mit einem Gewicht beschwert, wie in Abb. 3.5.17 illustriert. An der
Grenzfläche zwischen Draht und Eis bildet sich fortlaufend ein Wasserfilm,
durch den dieser langsam nach unten sinkt. Hinter dem Draht verschwindet
die Grenzfläche und das Eis friert wieder zusammen. Der Draht bewegt sich
also langsam durch den Eisblock, wobei dieser intakt bleibt. Die Geschwindig-
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 318
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.5. REALE GASE
keit des Drahtes hängt von der Dicke des Wasserfilms an der Grenzfläche ab.
Nahe bei Null Grad bewegt sich der Draht sehr viel schneller als bei sehr tie-
fen Temperaturen. Dies ist eine eindrucksvolle Bestätigung der Abhängigkeit
der Dicke des Wasserfilms von der Temperatur.
& &
mg mg &
mg
Abbildung 3.5.18: Regelation von Eis: Ein Draht schmilzt durch einen
Eisblock hindurch da sich an der Grenzfläche Draht-Eis immer ein
Flüssigkeitsfilm bildet.
319 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.5. REALE GASE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE
H2O
Schmelzpunkt-
ernidrigung
H2O+NaCl
Siedepunktserhöhung
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 320
Anhang A
Formelsammlung
Impuls p~ = m~v
Gravitationskraft, allgemein
F~G = −G m1r2m2 r̂
r̂ ist Einheitsvektor
potentielle Energie,
Epot = mgh
Gravitation Erdoberfläche
potentielle Energie,
Epot = −G m1rm2
Gravitation allgemein
dϕ
Winkelgeschwindigkeit ω= dt
Bahngeschwindigkeit ~v = ω
~ × ~r
2
Zentripetalbeschleunigung ~a = − vr r̂ = −ω 2 rr̂
321
ANHANG A. FORMELSAMMLUNG
0
Lorentztrafo Ort, v in x-Richtung x = γ(x − vt)
¡ vx
¢
Lorentztrafo Zeit, v in x-Richtung t0 = γ t − c2
Drehmoment ~ = ~r × F~
D
R
Trägheitsmoment, Dichte ρ I= r2 ρdV
V olumen ⊥
~ = ~
dL
2. Newton’sche Axiom, Rotation D dt
Teilchenerhaltung, Strömung j1 A1 = j2 A2
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 322
ANHANG A. FORMELSAMMLUNG
2Ekin
Reynoldszahl Re = WReibung
d2 x
Harmonischer Oszillator dt2
+ ω02 x = 0
Eigenfrequenz Feder pc
ω0 =
c Federkonstante, m Masse m
Eigenfrequenz Pendel pg
ω0 =
l Länge l
d2 x
Gedämpfter Oszillator dt2
+ 2γ dx
dt
+ ω02 x = 0
Wellenlänge 2π
λ= v
ω P hase
= f1 vP hase
f Frequenz, ω Kreisfrequenz
2π
Wellenzahl k= λ
Wellengleichung d2 x 2
dt2
= v 2 ddzx2
x Amplitude, z Ausbreitungsrichtung
ω
Phasengeschwindigkeit vP hase = k
dω
Gruppengeschwindigkeit vGruppe = dk
323 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
ANHANG A. FORMELSAMMLUNG
allgemeine Gasgleichung pV = N kB T
spezifische Wärme c
∆Q = cM ∆T
Masse des Körpers M
dQ
Wärmetransport dt
= −λA dT
dx
1. Hauptsatz dU = dQ + dW
Enthalpie H = U + pV
Adiabatengleichung pV γ =const.
Wirkungsgrad T1 −T2
η=
Carnot-Prozeß, T1 > T2 T1
dQ
Entropie dS = T
Entropie S = kB ln Ω
Clausius-Clapeyron-Gleichung ∆Q = T dp
dT
S
(VP hase1 − VP hase2 )
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 324
Anhang B
Konstanten
325
Anhang C
Fragenkatalog
• Welche Maßeinheiten der Physik gibt es und wie werden sie geeicht.
326
ANHANG C. FRAGENKATALOG C.2. KAPITEL 2: MECHANIK
• Was ist die reduzierte Masse und wofür wird sie verwendet?
C.2.3 Bezugssysteme
• Was ist ein Inertialsystem?
• Wie läßt sich mittels der Energieerhaltung das Abrollen eines Zylinders
beschreiben?
327 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
C.2. KAPITEL 2: MECHANIK ANHANG C. FRAGENKATALOG
• Was ist das Archimedische Prinzip? Wie entsteht der Auftrieb? Was
bedeutet Schwimmen?
C.2.6 Transport
• Was ist die Kontinuitätsgleichung?
• Beschreiben sie einige Effekte, die sich gut mit der Bernoulli-Gleichung
erklären lassen.
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 328
ANHANG C. FRAGENKATALOG C.2. KAPITEL 2: MECHANIK
C.2.7 Schwingungen
• Was ist eine typische Schwingungsgleichung?
• Wie hängt die Periode eines Pendels von der Länge und der Masse ab.
• Was ist eine Schwebung?
• Welche Arten der Dämpfung einer Feder existieren? Was ist der aperi-
odische Grenzfall?
• Wie ändern sich die Amplitude und Phase bei der erzwungenen Schwin-
gung?
• Was ist Resonanz?
• Was passiert bei gekoppelten Oszillatoren?
C.2.8 Wellen
• Was ist die Wellengleichung?
• Definieren sie Wellenlänge, Phasengeschwindigkeit und Amplitude ei-
ner Welle.
• Was sind longitudinale und transversale Wellen?
• Was sind Phasen- und Gruppengeschwindigkeit?
• Was ist das Huygens’sche Prinzip ?
• Was ist die Wellenzahl und der Wellenvektor ?
• Beschreiben sie Interferenz, Brechung und Beugung.
• Wann entstehen stehende Wellen?
• Was ist der Dopplereffekt?
329 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
C.3. KAPITEL 3: WÄRMELEHRE ANHANG C. FRAGENKATALOG
C.3.2 Wärme
• Wie werden Temperaturen gemessen?
• Was ist die spezifische Wärme und wie läßt sie sich messen?
C.3.3 Wärmetransport
• Wie ist die Wärmeleitfähigkeit definiert?
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 330
ANHANG C. FRAGENKATALOG C.3. KAPITEL 3: WÄRMELEHRE
C.3.4 Hauptsätze
• Was ist der Unterschied zwischen Arbeit und Wärme?
331 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
Index
332
INDEX INDEX
333 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
INDEX INDEX
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 334
INDEX INDEX
unterkühlen, 300
Urkilogramm, 14
Wärme, 234
Wärmeleitfähigkeit, 243
Wärmestrom, 245
Wärmewiderstand, 245
Wasserstoff-Brückenbindung, 312
Watt, 51
Wechselwirkung, 42
Wellen
longitudinal, 196
transversal, 196
Wellengleichung, 197
Wellenvektor, 206
Wellenzahl, 196
Wiedemann-Franz-Gesetz, 244
Winkelgeschwindigkeit, 35
Wirbel, 169
Wirkungsgrad, 266
Wirkungsquerschnitt, 174
Wurfparabel, 32
Zeit-Dilatation, 95
Zentrifugalbeschleunigung, 37
Zentrifugalkraft, 90
Zentripetalbeschleunigung, 34
Zentripetalkraft, 119
335 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum