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Vorlesungsskript

Physik I
Mechanik und Wärmelehre

Wintersemester 2009/2010

Ruhr-Universität Bochum

Prof. A. von Keudell

13. Januar 2010


Vorwort

Diese Notizen sind aus der Vorlesung ”Physik I für Physiker, Mechanik
und Wärmelehre” im Wintersemester 2006/07 entstanden. Als Grundlage
wurden die Bücher Halliday, Resnick, Walker Physik, Tipler, Mosca Physik
für Naturwissenschaftler und Ingenieure, Demtröder Experimentalphysik I,
Dransfeld, Kienle, Vonach Physik I, Magnus, Müller Grundlagen der Techni-
schen Mechanik, Reif Statistische Physik und Theorie der Wärme verwendet.
Diese Notizen sollen und können natürlich diese Bücher nicht ersetzen und
verstehen sich als Ergänzung.
Mein Dank gilt Lyudmyla Byelykh für das Anfertigen der Bilder.

2
Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung 6
1.1 Was ist Physik? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6
1.2 Maßeinheiten der Physik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12
1.2.1 Längen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12
1.2.2 Zeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12
1.2.3 Masse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14
1.3 Messen physikalischer Größen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14
1.3.1 SI-System, Umrechnung von Einheiten . . . . . . . . . 15
1.3.2 Messgenauigkeit und Messfehler . . . . . . . . . . . . . 15

2 Mechanik 20
2.1 Mechanik eines Massenpunktes . . . . . . . . . . . . . . . . . 20
2.1.1 Bewegung eines Massenpunktes . . . . . . . . . . . . . 21
2.1.2 Kräfte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
2.1.3 Arbeit und Energie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51
2.1.4 Gravitation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
2.2 Systeme von Massenpunkten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68
2.2.1 Schwerpunkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68
2.2.2 Kraft und Impuls . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68
2.2.3 Stoßprozesse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72
2.2.4 Streuung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79
2.3 Bezugssysteme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87
2.3.1 Galilei-Transformation . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87
2.3.2 Beschleunigte Bezugssysteme . . . . . . . . . . . . . . 89
2.3.3 Spezielle Relativitätstheorie . . . . . . . . . . . . . . . 93
2.4 Ausgedehnte starre Körper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112
2.4.1 Translation und Rotation . . . . . . . . . . . . . . . . 112
2.4.2 Drehmoment und Drehimpuls . . . . . . . . . . . . . . 113
2.4.3 Die kinetische Energie der Rotation . . . . . . . . . . . 122
2.4.4 Kinematik der Rotation . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
2.5 Reale Körper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137

3
INHALTSVERZEICHNIS INHALTSVERZEICHNIS

2.5.1 Elastische Festkörper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137


2.5.2 Flüssigkeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146
2.5.3 Gase . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156
2.6 Transport . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159
2.6.1 Teilchenerhaltung, Kontinuitätsgleichung . . . . . . . . 159
2.6.2 Energieerhaltung, Bernoulli-Gleichung . . . . . . . . . 162
2.6.3 Impulserhaltung, Euler-Gleichung . . . . . . . . . . . . 166
2.6.4 Strömung mit Reibung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 168
2.6.5 Laminare und turbulente Strömungen . . . . . . . . . . 170
2.6.6 Transport durch Diffusion (Vertiefung) . . . . . . . . . 175
2.7 Schwingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 179
2.7.1 Der harmonische Oszillator . . . . . . . . . . . . . . . . 179
2.7.2 Überlagerung von Schwingungen . . . . . . . . . . . . . 185
2.7.3 Die gedämpfte Schwingung . . . . . . . . . . . . . . . . 187
2.7.4 Die erzwungene Schwingung . . . . . . . . . . . . . . . 189
2.7.5 Gekoppelte Oszillatoren (Vertiefung) . . . . . . . . . . 195
2.8 Wellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 197
2.8.1 Ausbreitung von Wellen . . . . . . . . . . . . . . . . . 197
2.8.2 Die Wellengleichung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 198
2.8.3 Energiedichte einer Welle . . . . . . . . . . . . . . . . . 204
2.8.4 Überlagerung von Wellen . . . . . . . . . . . . . . . . . 205
2.8.5 Beugung, Brechung und Reflexion von Wellen . . . . . 212
2.8.6 Stehende Wellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 219
2.8.7 Wellen bei bewegten Quellen . . . . . . . . . . . . . . . 222

3 Wärmelehre 228
3.1 Kinetische Gastheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 228
3.1.1 Mikroskopische Definition der Temperatur . . . . . . . 228
3.1.2 Verteilungsfunktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 231
3.1.3 Temperatureinheiten und ihre Messung . . . . . . . . . 234
3.2 Wärme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237
3.2.1 Wärmemenge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237
3.2.2 Die spezifische Wärmekapazität . . . . . . . . . . . . . 239
3.3 Wärmetransport . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 246
3.3.1 Wärmeleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 246
3.3.2 Wärmestrahlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 252
3.4 Hauptsätze der Wärmelehre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 255
3.4.1 Zustandsgrößen, Zustandsänderungen . . . . . . . . . . 255
3.4.2 Der erste Hauptsatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 257
3.4.3 Der zweite Hauptsatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 264
3.4.4 Die Entropie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 271

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° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 4
INHALTSVERZEICHNIS INHALTSVERZEICHNIS

3.4.5 Der dritte Hauptsatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 280


3.4.6 Thermodynamische Maschinen . . . . . . . . . . . . . . 281
3.4.7 Thermodynamische Potentiale . . . . . . . . . . . . . . 284
3.5 Reale Gase . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 291
3.5.1 van der Waals Zustandsgleichung . . . . . . . . . . . . 291
3.5.2 Flüssigkeits-Dampf-Gleichgewicht . . . . . . . . . . . . 294
3.5.3 Phasendiagramme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 299
3.5.4 Wasser . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 313

A Formelsammlung 321

B Konstanten 325

C Fragenkatalog 326
C.1 Kapitel 1: Was ist Physik ? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 326
C.2 Kapitel 2: Mechanik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 326
C.2.1 Bewegung eines Massenpunktes . . . . . . . . . . . . . 326
C.2.2 Systeme von Massenpunkten . . . . . . . . . . . . . . . 327
C.2.3 Bezugssysteme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 327
C.2.4 Ausgedehnte starre Körper . . . . . . . . . . . . . . . . 327
C.2.5 Reale Körper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 328
C.2.6 Transport . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 328
C.2.7 Schwingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 329
C.2.8 Wellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 329
C.3 Kapitel 3: Wärmelehre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 330
C.3.1 kinetische Gastheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 330
C.3.2 Wärme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 330
C.3.3 Wärmetransport . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 330
C.3.4 Hauptsätze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 331
C.3.5 Reale Gase . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 331

5 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
Kapitel 1

Einleitung

1.1 Was ist Physik?


Physik ist die Wissenschaft, die sich mit der Erklärung der Natur beschäftigt.
Durch ein Verständnis der physikalischen Zusammenhänge und Hintergründe
sollen Ereignisse vorhersagbar gemacht werden, wie z.B. der Lauf der Gestir-
ne. Auf der Basis dieser Erkenntnisse werden neue Anwendungen erschlossen,
die Bestandteil moderner Technologien werden. Die Physik ist damit ein Mo-
tor des technischen Fortschritts.
Die Physik geht dabei oft von der Naturbeobachtung aus. Zunächst wird
ein Vorgang durch Messen von Größen wie Länge, Zeit, Gewicht, Geschwin-
digkeit quantitativ erfasst. Danach versucht man diese Größen zueinander
in Beziehung zu setzen um universelle Gesetzmäßigkeiten herauszufinden.
Diese Naturgesetze sind allerdings nur eine formale Beschreibung der Natur-
beobachtung, die fortlaufend durch weitere Experimente und Beobachtungen
überprüft wird. Hierbei gilt das Falsifizierungs-Prinzip. Gelingt es einem
Experiment ein Naturgesetz zweifelsfrei zu widerlegen, so ist dieses Naturge-
setz ab diesem Zeitpunkt obsolet. So erhebt die Physik nicht den Anspruch
Wahrheiten über die Natur zu produzieren, sondern bietet immer nur Theo-
rien an, die im Rahmen ihrer Gültigkeitsgrenzen eine gute Beschreibung der
Naturvorgänge darstellen.
Diese Aufklärung der Naturphänomene ist allerdings ein schwieriger Pro-
zeß, da die Beobachtung oftmals von mehreren Naturgesetzen gleichzeitig be-
stimmt wird, so daß man eine einzelne Gesetzmäßigkeit nicht isoliert von an-
deren beobachten kann. Weiterhin erlaubt es die Entwicklung immer feinerer
und genauerer Messaufbauten und Messinstrumente die Theorien der Physik
immer besser überprüfen zu können. Dabei werden irgendwann Abweichun-
gen zwischen Theorie und Experiment sichtbar, die neue Gedankengebäude

6
KAPITEL 1. EINLEITUNG 1.1. WAS IST PHYSIK?

erforderlich machen. Ein berühmtes Beispiel dafür ist die Entwicklung der
Quantenmechanik zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Dieser Erkenntnisprozeß in der Physik soll an zwei Beispielen illustriert
werden.
Die Betrachtung der Sterne war schon seit Anbeginn Ansporn für die
Wissenschaftler Vorgänge in der Natur genauer zu verstehen und zu erfassen.
Der Fixsternhimmel zieht dabei gleichmäßig über das Firmament, wobei vor
diesem Hintergrund Sonne, Mond und Planeten ihre Bahnen ziehen. Bei der
direkten Beobachtung dieser Planetenbewegungen fielen den Menschen schon
früh zwei Besonderheiten auf:

• die Planeten Venus und Merkur sind nur am Abend und am Morgen
sichtbar, bzw. sie befinden sich immer in der Nähe der Sonne. Die
anderen Planeten, Mars, Jupiter und Saturn können je nach Stand der
Planeten während der ganzen Nacht beobachtet werden.

• Verfolgt man die Planeten, so gibt es Phasen in denen die Planeten


zeitweise vor dem Hintergrund des Fixsternhimmels ihre Richtung um-
kehren und zurücklaufen.

Beide Beobachtungen verlangen natürlich eine möglichst einfache natur-


wissenschaftliche Erklärung.
Die erste und zugleich auch in erster Näherung richtige Erklärung die-
ser Beobachtungen wurde von Aristarch im vierten Jahrhundert v. Chr.
aufgestellt. Er postulierte, daß die Sonne im Mittelpunkt steht und die Pla-
neten um diese Sonne kreisen (siehe Abb. 1.1.1). Die Planeten Venus und
Merkur befinden sich innerhalb der Erdbahn und die Planeten Mars, Sa-
turn und Jupiter außerhalb. Demnach ist es auch nicht verwunderlich, daß
Venus und Merkur immer in der Nähe der Sonne sichtbar sind. Das schein-
bare Zurücklaufen der Planeten vor dem Fixsternhimmel wird damit auch
zwanglos erklärt, wie man sich an Abb. 1.1.1 veranschaulichen kann.
Leider ist diese erste zutreffende Beschreibung in Vergessenheit geraten.
Ptolemäus stellte um 160 n. Chr. die Erde in den Mittelpunkt und for-
derte, daß alle Planeten und die Sonne um diese Erde kreisen. Damit die
zwei Beobachtungen wie oben beschrieben erklärt werden können, stellte er
zusätzlich die Theorie auf, daß die Bewegung der Planeten nicht eine einfa-
che Kreisbahn sondern eine Überlagerung von zwei Kreisbewegungen ist: eine
auf einem einfachen Kreis, dem eine auf einem oder mehreren Sub-Kreisen
den Epizyklen überlagert ist, wie in Abb. 1.1.2 dargestellt ist. Dadurch kann
man das Rücklaufen der Planeten vor dem Fixsternhimmel relativ einfach er-
klären. Die Tatsache allerdings, daß Venus und Merkur nur nahe der Sonne

7 c
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1.1. WAS IST PHYSIK? KAPITEL 1. EINLEITUNG

Jupiter

Venus

Erde Merkur

Saturn

Mars

Abbildung 1.1.1: Heliozentrisches Weltbild von Aristarch. Der Winkel un-


ter dem Sonne und Venus bzw. Merkur zueinander am Fixsternhimmel ste-
hen ist immer klein.

zu sehen sind erfordert eine sehr genaue Überlagerung der Bewegung auf dem
Kreis und seinen Epizyklen. Das Modell von Ptolemäus hatte erstaunliche
Vorhersagekraft. So kann es den Verlauf der Planeten mehrere hundert Jahre
im Voraus im Rahmen der Beobachtungsgenauigkeit korrekt vorhersagen.
Nikolaus Kopernikus (1473-1543) hat wiederum die Sonne in den Mit-
telpunkt gestellt, beließ aber die Beschreibung der Bewegung mittels Kreis-
bahn und Epizyklus. Durch diese Änderung des Mittelpunktes ließ sich die
Tatsache, daß Venus und Merkur nur nahe der Sonne zu finden sind wieder
einfach erklären. Kopernikus benötigte aber die Epizyklen um die genaue
Bahn der Planeten beschreiben zu können. So ist zum Beispiel das Winter-
halbjahr etwas kürzer als das Sommerhalbjahr auf der Erde. Damit bewegt
sich die Erde nahe der Sonne schneller auf ihrer Umlaufbahn als weiter ent-
fernt.
Johannes Kepler (1571-1630) hat auf der Basis der Beobachtungsdaten
von Tycho Brahe (1546-1601) schließlich korrekt festgestellt, daß die Pla-
neten nicht auf Kreisbahnen, sondern auf Ellipsen die Sonne umkreisen. Die
Sonne befindet sich hierbei in einem der Brennpunkte dieser Ellipse (siehe
Abb. 1.1.3). Damit lassen sich die Schwankungen in den Umlaufgeschwindig-
keiten genau erklären. Dies machte die Einführung der Epizyklen überflüssig.
Durch die genaue Beobachtung der Planetenbewegung stellte Kepler mehre-

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KAPITEL 1. EINLEITUNG 1.1. WAS IST PHYSIK?

Mars
Epizyklus

Erde

Abbildung 1.1.2: Epizyklen im Ptolemäischen Weltbild

re Gesetze auf, die unter anderem die Umlaufzeiten der einzelnen Planeten
und den Durchmesser ihrer Umlaufbahn in Beziehung zueinander stellen.
Die Umlaufzeiten T von zwei Planeten 1 und 2 verhalten sich zu den Großen
Halbachsen a der Ellipsen ihrer Umlaufbahn wie:

T12 a31
= (1.1.1)
T22 a32
Dieses Gesetz besitzt universelle Gültigkeit für alle Planeten.
Isaac Newton (1643-1727) erkannte schließlich, dass die Massenanzie-
hung von zwei Körpern auf der Erde auch die Bewegung der Planeten um
die Sonne richtig beschreibt. Er konnte mehrere Phänomene (der freie Fall
und die Planetenbewegung) auf die Wirkung von ein und derselben Kraft
zurückführen, der Gravitation. Die Abhängigkeit der Stärke dieser Kraft vom
Abstand zweier Körper konnte Newton aus den Keplerschen Gesetzen für die
Planetenbewegung ableiten. Diese Gravitationskraft ergab:

mP lanet MSonne ~r
F~Gravitation = −G (1.1.2)
R2 R
wobei G die Gravitationskonstante (6.67×10−11 Nm2 kg−2 ) ist, mP lanet und
MSonne die Masse von Planet und von Sonne und R der Abstand Sonne
Planet ist. Wendet man die Newton’schen Axiome der Mechanik auf die
Planetenbahn an, die sich unter dem Einfluss der Gravitationskraft der Sonne

9 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
1.1. WAS IST PHYSIK? KAPITEL 1. EINLEITUNG

befindet, so erhält man die Beziehung 1.1.1, wie weiter unten beschrieben
wird.

Erde

Sonne

Abbildung 1.1.3: Nach Kepler laufen alle Planeten auf Ellipsenbahnen um


die Sonne.

Wie entwickelte sich jetzt der Erkenntnisprozeß der Physik? Zunächst


hatte Aristarch schon das richtige Modell aufgestellt. Es war allerdings ein
sehr grobes, da er keine Ellipsenbahnen sondern Kreisbahnen postulierte.
Die Einführung von einem geo-zentrischen Bild und den Epizyklen war ein
Irrweg, der allerdings zunächst die Planetenbewegung gut beschreiben konn-
te. Die viel genauere Beobachtung der Planetenbewegung mit besseren In-
strumenten führte wieder zum heliozentrischen Weltbild und zu Ellipsen als
Umlaufbahn. Diese lassen sich schließlich aus dem Gravitationsgesetz und
der Newtonschen Mechanik begründen. Somit lassen sich die komplizierten
Planetenbewegungen aus den einfachen Gesetzen der Mechanik und der Gra-
vitationskraft ableiten.
Ist damit das Problem im Sinne der Physik gelöst? Mitnichten. Die mikro-
skopische Natur der Gravitation ist noch immer eines der ungelösten Rätsel
der Physik. Bei anderen Wechselwirkungen, wie der elektrostatischen Wech-
selwirkung als Anziehungskraft zwischen Ladungen ist die mikroskopische
Natur gut verstanden. Bei der Gravitation ist diese Frage immer noch offen.
So wird derzeit durch immer genauere Messungen versucht Abweichungen
von dem Gravitationsgesetz zu entdecken, um damit Rückschlüsse ziehen zu
können ob es Aspekte an der Gravitationskraft gibt, die bislang noch nicht
beschrieben sind.
Eines der wichtigsten Naturphänomene, das auf die Menschen unmittel-
bar einwirkt ist die Erdanziehung. Die Physik versucht dieses Phänomen in
Zahlen zu fassen und damit beherrschbar zu machen. Besondere Motivation

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 10
KAPITEL 1. EINLEITUNG 1.1. WAS IST PHYSIK?

war dafür die Beschreibung der Bahn von Flugkörpern im Schwerefeld der
Erde (Beispiel Kanonenkugel).
Um die Bewegung eines Körpers im Schwerefeld der Erde zu untersuchen
ist der freie Fall die denkbar einfachste Anordnung. Hierbei zeigt sich aller-
dings, daß die an sich so einfache Aufgabenstellung nicht einfach in einem
Experiment nachgebildet werden kann. Stellt man sich auf einen hohen Turm
und läßt mehrere unterschiedliche Körper zu Boden fallen, so wird man fest-
stellen, daß diese zu sehr unterschiedlichen Zeiten auf den Boden auftreffen.
So fällt ein Stein schneller als ein Blatt Papier.
Bei dieser Experimentanordnung wird die Luftreibung nicht ausgeschlos-
sen. Würde man den freien Fall im luftleeren Raum durchführen so beobach-
tet man, daß alle Körper zum selben Zeitpunkt den Erdboden erreichen. Die
Fallzeit ist unabhängig von der Masse des Körpers und von deren Form und
Beschaffenheit, wie es Galileo postuliert hatte.

x Galileo

Messwerte

Abbildung 1.1.4: Das Gesetz des freien Falls läßt sich nur im luftleeren
Raum eindeutig beobachten. Kommt die Luftreibung hinzu werden im Weg-
Zeit-Diagramm deutliche Abweichungen davon beobachtet.

Trägt man die zurückgelegte Entfernung gegenüber der Zeit auf, wie in
Abb. 1.1.4 dargestellt, so stellt man fest, daß bei einem Experiment unter
Luftreibung, also das Beispiel mit dem Turm, die Messwerte deutlich von der
Vorhersage Galileos abweichen. Nach dieser Vorhersage ist die zurückgelegte
Strecke x nach einer Zeit t:

1
x = gt2 (1.1.3)
2

11 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
1.2. MASSEINHEITEN DER PHYSIK KAPITEL 1. EINLEITUNG

wobei g die Erdbeschleunigung ist. Im luftleeren Raum wird die Geschwin-


digkeit eines Körpers beim Fallen immer größer, während sie bei Luftreibung
gegen eine festen Wert läuft, der von der Form des Körpers abhängt, ent-
sprechend seinem Luftwiderstand.
Was bedeutet dies für den Erkenntnisprozeß? Hätte man nur das Expe-
riment mit dem Turm, so wäre es nahezu unmöglich das Gesetz des freien
Falls zweifelsfrei zu bestätigen. Dieses Gesetz bliebe damit nur gültig für
Körper die einen kleinen Luftwiderstand haben. Das illustriert, daß es für
die Aufklärung von Naturgesetzen wichtig ist möglichst reine Experimente
durchführen zu können, bei denen nur ein bzw. nur ein einziger Effekt isoliert
vermessen wird.

1.2 Maßeinheiten der Physik


Das Messen eines Naturphänomens erfolgt immer in entsprechenden Einhei-
ten.

1.2.1 Längen
Die Einheit für die Länge hatte sich in der Historie immer an natürlichen
Größenskalen der menschlichen Erfahrung orientiert, wie der Elle, das Fuß
etc. 1875 wurde jedoch das Meter als Einheit definiert, wobei die ur-
sprüngliche Vorgabe war den 1/40.000.000 Teil des Erdumfangs zu nehmen.
Dieser Urmeter aus einer Metalllegierung wurde danach in Paris aufbewahrt
und zur Eichung entsprechender Maßstäbe herangezogen.
Ab 1983 ist allerdings die Möglichkeit Zeiten zu messen sehr weit fortge-
schritten (siehe unten), so daß die Längenmessung sehr viel genauer wurde,
wenn man sie auf eine Zeitmessung reduzierte. Da die Lichtgeschwindig-
keit eine feste Naturkonstante ist, wurde die Einheit Meter auf die Strecke
festgelegt, die ein Lichtblitz in 1/299792458 s durchläuft (siehe Abb. 1.2.5).
Größenskalen in der Natur reichen von 10−18 m, einem Attometer, für
die Ausdehnung eines Elektrons, bis zu 3 × 1025 m für die Ausdehnung des
Weltalls.

1.2.2 Zeiten
Die Messung von Zeiten hatte historisch große Bedeutung, da es für die Navi-
gation unerlässlich war eine genaue Zeitmessung durchführen zu können. Der
Längengrad war nur dann eindeutig definiert, wenn man den Höchststand der
Sonne zu Mittag mit der Zeit einer Uhr vergleicht. Reist man von Europa

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° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 12
KAPITEL 1. EINLEITUNG 1.2. MASSEINHEITEN DER PHYSIK

Lichtquelle Detektor

Abbildung 1.2.5: Die Längenmessung wird auf eine Zeitmessung


zurückgeführt bei der ein Lichtblitz eine Strecke L durchläuft.

nach Amerika und stellt seine Uhr nicht nach, so ist der Zeitpunkt der Mit-
tagssonne nach dieser Uhr immer später, je weiter man nach Westen fährt.
Dieser Vergleich zeigt einem genau auf welchem Längengrad man sich befin-
det.
Nach den mechanischen Zeitmessern, waren elektronische Zeitmesser lan-
ge Zeit Standard. Hierbei wird ein Kristall in einem elektrischen Feld zu
Schwingungen angeregt. Seine Eigenfrequenz gilt als Taktgeber einer Uhr.
Die präzistesten Uhren sind allerdings Atomuhren, wie schematisch in Abb.
1.2.6 illustriert ist. Dies soll am Beispiel der Cäsiumuhr erläutert werden.
Ein Cäsiumatom besitzt ein magnetisches Moment, gleich einer Kom-
paßnadel. In einem inhomogenen Magnetfeld erfährt es je nach Orientierung
eine anziehende bzw. abstoßende Kraft. Damit läßt sich mittels eines speziell
gestalteten Magnetfeldes eine magnetische Linse erzeugen, ähnlich einer op-
tischen Linse für Lichtstrahlen. Der Brennpunkt dieser Linse hängt von dem
magnetischen Moment der Teilchen ab, die sie fokussieren soll. Dies ist ana-
log zur Optik bei der der Brennpunkt in der Regel auch von der Wellenlänge
oder Farbe des Lichts abhängt (chromatische Aberration).
In einem Ofen wird ein Atomstrahl aus Cäsiumatomen erzeugt, die eine
erste magnetische Linse durchlaufen. In dem Brennpunkt der ersten Linse be-
findet sich ein Resonator, der bei der Einstrahlung eines elektromagnetischen
Feldes passender Frequenz, das magnetische Moment dieser Cäsiumatome
ändern kann (Hyperfeinstrukturaufspaltung F = 3 → F = 4). Damit ändert
sich der Brennpunkt der zweiten magnetischen Linse und der Detektor, der
in dem Brennpunkt der zweiten Linse sitzt, wird erreicht. Stimmt die Fre-
quenz allerdings nicht, so bleibt das magnetische Moment des Cäsiumatoms
konstant und die Atome werden auf einen Ort vor bzw. hinter dem Detektor
fokussiert. D.h. das Detektorsignal bleibt klein. Koppelt man das Signal die-
ses Detektors mit dem Frequenzgenerator, der das elektromagnetische Feld

13 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
1.3. MESSEN PHYSIKALISCHER GRÖSSEN KAPITEL 1. EINLEITUNG

im Resonator erzeugt, so erhält man ein Frequenznormal, das auf die Reso-
nanzfrequenz 9192,631770 MHz des Übergangs im Cäsiumatom abgestimmt
ist.

Frequenzgenerator

’B ’B

Detektor
Cäsium-
quelle
1. magn. Resonator 2. magn.
Linse Lins

Abbildung 1.2.6: In einer Atomuhr dient ein Hyperfeinstrukturübergang


in einem Cäsiumatom als Frequenznormal.

Die Einheit der Zeit ist die Sekunde entsprechend 1/9192631770 s der
Schwingungsperiode der Cäsiumuhr.

1.2.3 Masse
Bei der Bestimmung der Masse wird der Vergleich zu einer Referenzmasse
herangezogen. Die Einheit ist das Kilogramm, wobei ein Urkilogramm für
die Eichung anderer Massen mittels Balkenwaage verwendet wird.
Es wurde auch versucht, das Kilogramm über die Masse eines einzel-
nen Atoms zu definieren. Hierzu muß ein Körper gefertigt werden, der ei-
ne definierte Anzahl von Atomen enthält. Der Abstand von Atomen in ei-
nem Kristall läßt sich mittels Röntgenbeugung gut bestimmen. Fertigt man
einen Körper mit genau bekannter Ausdehnung, so kann man die Zahl der
darin enthaltenen Atome aus dessen makroskopischer Geometrie ermitteln.
Die Fertigungsmöglichkeiten für diesen Körper erreichen allerdings zur Zeit
noch nicht eine Güte, die die Genauigkeit gegenwärtiger Massestandards
überbietet.

1.3 Messen physikalischer Größen


Das Messen physikalischer Größen ist ein Grundbestandteil der Physik, da
nur der Vergleich zwischen einer Vorhersage und einer genauen Messung die

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 14
KAPITEL 1. EINLEITUNG 1.3. MESSEN PHYSIKALISCHER GRÖSSEN

Überprüfung von Modellen erlaubt. Je genauer eine Messung durchgeführt


werden kann, desto kritischer lassen sich Hypothesen der Naturwissenschaf-
ten verifizieren oder falsifizieren.

1.3.1 SI-System, Umrechnung von Einheiten


Physikalische Größen werden in Einheiten gemessen. Das gültige Einheitensy-
stem ist das SI-System(SI...Systeme Internationale) mit den Basiseinheiten
kg, m, s für Massen, Längen und Zeiten.
Zehnerpotenzen können durch Wortzusätze ausgedrückt werden, um
praktische abgeleitete Einheiten zu bekommen. So sind Potenzen kleiner als
1: milli für 10−3 , micro für 10−6 , nano für 10−9 und pico für 10−12 . Potenzen
größer als 1 sind: kilo für 103 , Mega für 106 , Giga für 109 und Tera für 1012 .
Das Umrechnen von Einheiten geschieht indem man die Einheiten formal
mit in die Gleichung schreibt und sie dort durch den jeweiligen Umrechnungs-
faktor ersetzt:
km 1000m 1000m 10000 m m
10 = 10 = 10 = = 2.7 (1.3.4)
h 60min 60 · 60s 3600 s s

1.3.2 Messgenauigkeit und Messfehler


Messfehler
Jede Messung ist mit einem Fehler behaftet. Man unterscheidet prinzipiell
zwei Sorten von Fehlern:

• systematische Fehler
Systematische Fehler entstehen zum Beispiel durch die Verwendung ei-
nes falschen Maßstabes, d.h. ein Metermaß ist in Wahrheit nicht genau
ein Meter lang. Somit ergeben alle Messungen einen Wert, der um einen
konstanten Faktor von der Wahrheit abweicht. Ein weiteres Beispiel ist
die Nicht-Berücksichtigung von Effekten wie Magnetfeldern, Fehlern in
der Experimentkonzeption etc.
Bei systematischen Fehlern sind alle Messungen in gleicher Weise be-
troffen, und die unendliche Wiederholung einer Messung verbessert
nicht die Güte der Vorhersage.
• statistische Fehler
Statistische Fehler entstehen durch Schwankungen in der Durchführung
einer Messung. Durch häufiges Wiederholen einer Messung läßt sich der
statistische Fehler reduzieren.

15 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
1.3. MESSEN PHYSIKALISCHER GRÖSSEN KAPITEL 1. EINLEITUNG

Die Behandlung statistischer Fehler sei im folgenden diskutiert. Betrach-


ten wir zunächst N Messungen einer Größe x. Der Mittelwert hxi (alternative
Schreibweise x̄) dieser Messungen ergibt:
N
1 X
hxi = x̄ = xi (1.3.5)
N i=1
Falls wir unendlich viele Messungen durchführen können, so erhalten wir
im Grenzfall den wahren Wert xwahr für x.
N
1 X
xwahr = xw = lim xi (1.3.6)
N →∞ N
i=1
Jede einzelne Messung xi weicht um einen Fehler ei von dem wahren Wert
xw ab. Dies gilt ebenso für den Fehler ² des Mittelwertes.

ei = xw − xi (1.3.7)
² = xw − x̄ (1.3.8)
Der Fehler der Einzelmessung und der des Mittelwerts sind verknüpft
durch:

N N N
1 X 1 X 1 X
² = xw − x̄ = xw − xi = (xw − xi ) = ei (1.3.9)
N i=1 N i=1 N i=1

Der Betrag der Fehler ist gegeben durch:


à N !2 N N N
1 X 1 X 2 1 X X
²2 = 2 ei = 2 ei + 2 ei ej (1.3.10)
N i=1
N i=1
N i=1 j=1,j6=i
| {z }
=0,N →∞

Hierbei gilt zu beachten daß die Summation über die Elemente ei ej Null
ergibt, da die Fehler der Einzelmessung unkorreliert sind, d.h. ein Fehler der
Messung i ist unabhängig vom Fehler der Messung j. Damit heben sich die
Produkte ei ej im Mittel auf.
Die sogenannten Standardabweichung des Mittelwertes σm ist definiert
als:
v
u N
√ 1 uX
σ m = ²2 = t (xw − xi )2 (1.3.11)
N i=1

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 16
KAPITEL 1. EINLEITUNG 1.3. MESSEN PHYSIKALISCHER GRÖSSEN

bzw. einer Einzelmessung als:


v
u
p u1 X N
2
σ = he i = t (xw − xi )2 (1.3.12)
N i=1
Man erkennt, daß die Standardabweichung einer Einzelmessung σ mit der
Standardabweichung des Mittelwertes σm verknüpft ist durch:

1
σm = √ σ (1.3.13)
N
D.h. falls eine einzelne Messung 5% Fehler (σ) hat, so benötigt man 100
Messungen um den Fehler für den Mittelwert (σm ) auf 0.5% zu reduzieren.
Im allgemeinen ist allerdings der wahre Wert für x nicht bekannt, sondern
es läßt sich nur durch eine endliche Anzahl von Messungen ein Mittelwert
bilden. Wie ist dann die Standardabweichung zu ermitteln? Betrachten wir
zunächst die Abweichung ∆xi einer einzelnen Messung i vom Mittelwert x̄:

∆xi = x̄ − xi = xw − xi − (xw − x̄) (1.3.14)


| {z } | {z }
=ei =²

Die mittlere quadratische Abweichung ist gegeben als:

N N
1 X 1 X
2
h∆x i = 2
∆xi = (ei − ²)2 (1.3.15)
N i=1 N i=1
N N
1 X 2 1 X
= e − 2² ei +²2 =
N 1 i N i=1
i=
| {z }

N
X
1
= e2 − ²2 = σ 2 − σm
2
N i=1 i |{z}
2
| {z } σm
σ2
N
X N
1 1 X
= (xw − xi )2 − (xw − xi )2 (1.3.16)
N i=1
N 2 i=1

Man bekommt:

N
1 X
2
h∆x i = (x̄ − xi )2 (1.3.17)
N i=1

17 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
1.3. MESSEN PHYSIKALISCHER GRÖSSEN KAPITEL 1. EINLEITUNG

µ ¶ N
1 1 X
= − 2 (xw − xi )2
N N
| {z } |i=1 {z }
N −1
= N σ2
N2

N −1 2
= σ
N
Setzt man für h∆x2 i
N
1 X
h∆x2 i = (x̄ − xi ) (1.3.18)
N i=1
ein, läßt sich dies wieder nach der Standardabweichungen σ und σm
auflösen via:
v
u
p u 1 X
N
σ = he2 i = t (x̄ − xi )2 (1.3.19)
N − 1 i=1

v
u
√ u 1 X N
σm = ²2 = t (x̄ − xi )2 (1.3.20)
N (N − 1) i=1

Bei diesen Ausdrücken wird alles von dem gemessenen Mittelwert x̄ ab-
geleitet. Für N → ∞ gehen die Gleichungen 1.3.11 und 1.3.12 in 1.3.19 und
1.3.20 über.

Fehlerfortpflanzung
Oftmals setzt sich das Ergebnis einer Messung aus einer Anzahl von einzel-
nen Größen zusammen. Wie groß ist jetzt der Fehler des Ergebnisses, wenn
man zunächst nur den Fehler der Eingangsgrößen kennt? Betrachten wir da-
zu eine Messung einer Größe y, die von den Eingangsgrößen xi abhängt;
y(x1 , x2 , x3 , ...). Der Fehler in der Größe y bestimmt sich dann aus den parti-
ellen Ableitungen und den Fehlern der Eingangsgrößen ∆x1 , ∆x2 etc., gemäß:

sµ ¶2 µ ¶2 µ ¶2
dy dy dy
∆y = ∆x1 + ∆x2 + ∆x3 + ... (1.3.21)
dx1 dx2 dx3

Grundsätzlich gibt man die Genauigkeit eines Ergebnisses immer auf die-
jenige Anzahl der Stellen nach dem Komma an, die dem ungenauesten Wert

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 18
KAPITEL 1. EINLEITUNG 1.3. MESSEN PHYSIKALISCHER GRÖSSEN

für eine Eingangsgröße entspricht. D.h. ist eine der Eingangsgrößen nur auf
eine Nachkommastelle bekannt, so ist das Ergebnis für ∆y auch nur auf eine
Nachkommastelle genau anzugeben.

19 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
Kapitel 2

Mechanik

Die Mechanik beschreibt die Bewegung von Körpern unter dem Einfluss von
Kräften. Das Verständnis dieser Zusammenhänge und die Vorhersage von
z.B. der Flugbahn eines Körpers auf der Erde, sei es ein Ball, Pfeil oder Ka-
nonenkugel war schon historisch von herausragender Bedeutung. Die Anfänge
der Mechanik wurden von Galileo (1564-1642) gelegt, der als der erste Expe-
rimentalphysiker gelten kann, da er durch Versuche herausgefunden hat, daß
alle Körper unter dem Einfluss der Schwerkraft eine Beschleunigung erfahren,
die unabhängig von Form und Masse des Körpers ist. Dies war entgegen der
Lehrmeinung, die auf der Idee von Aristoteles (384 - 322 v. Chr.) beruhte,
der die gleichförmige Bewegung eines Körpers als das Ergebnis des Gleich-
gewichts zwischen Antrieb und Widerstand auffasste. Nach diesem Bild war
erklärlich, warum z.B. ein Schiff, das schneller fahren sollte, eine Mannschaft
benötigt, die stärker rudert. Mit diesem Bild konnte Aristoteles allerdings
nicht den Fall eines Objektes eindeutig beschreiben, da unklar bleibt ob die
beobachtete Beschleunigung durch einen größeren Antrieb oder einen gerin-
geren Widerstand hervorgerufen wurde.

2.1 Mechanik eines Massenpunktes


Im folgenden sollen die Grundzüge der Mechanik zur Beschreibung sich be-
wegender Objekte erläutert werden. Eine typische Problemstellung ist der
Wurf eines Objektes, bei dem man fragen könnte: Wie muß ich werfen, um
die größte Weite zu erzielen? Macht es einen Unterschied, ob ich den Körper
auf der Erde werfe oder auf dem Mond? Welches Ergebnis erhalte ich, wenn
ich den Körper aus einem fahrenden Zug werfe?

20
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES

2.1.1 Bewegung eines Massenpunktes


Bewegung in einer Dimension
Beschränken wir uns zunächst auf Bewegungen in einer Dimension x (siehe
Abb. 2.1.1).

∆x = x2 − x1 (2.1.1)
Die Bewegung entspricht der Verschiebung des Ortes um ∆x in einem
Zeitraum ∆t.

x1 x2

-2 -1 0 1 2 3 x

Abbildung 2.1.1: Ort x im Eindimensionalen.

Aus der Art dieser Verschiebung lassen sich jetzt mehrere Größen ableiten.

• mittlere Geschwindigkeit
Die mittlere Geschwindigkeit ist definiert als die Änderung ∆x des
Ortes pro Zeitraum ∆t

∆x
vm = (2.1.2)
∆t
Diese Geschwindigkeit kann positiv oder negativ sein, je nachdem ob
∆x ein positives oder negatives Vorzeichen hat.

• momentane Geschwindigkeit
Die momentane Geschwindigkeit erhält man, wenn man den Grenzfall
kleiner Zeiträume ∆t betrachtet:

∆x dx
v = lim = (2.1.3)
∆t→0 ∆t dt
Diese momentane Geschwindigkeit entspricht der Ableitung des Ortes
nach der Zeit.

21 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK

x
x2

dx
x (t )
dt

x1
t0 t
t1
V

dx
v (t )
dv dt
dt

t0 t1 t

d 2x
a (t )
dt 2

t
t0 t1

Abbildung 2.1.2: Ort, Geschwindigkeit und Beschleunigung.

• mittlere Beschleunigung
Nach demselben Muster läßt sich die mittlere Beschleunigung definieren
als der Unterschied in der Geschwindigkeit pro Zeitraum ∆t:

∆v
am = (2.1.4)
∆t
• momentane Beschleunigung
Auch hier entspricht der Grenzwert kleiner Zeiträume ∆t der momen-
tanen Beschleunigung:

∆v dv
a = lim = (2.1.5)
∆t→0 ∆t dt

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 22
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES

Der Zusammenhang zwischen Ort, Geschwindigkeit und Beschleunigung


läßt sich auch kompakter schreiben:
µ ¶
dv d dx d2 x
a= = = 2 (2.1.6)
dt dt dt dt
Die Beschleunigung ist somit die zweite Ableitung des Ortes nach der
Zeit:

d2 x
a= (2.1.7)
dt2
Ein typischer Zusammenhang zwischen Ort, Geschwindigkeit und Be-
schleunigung ist in Abb. 2.1.2 gezeigt.
Im folgenden wollen wir den Sonderfall einer gleichmäßig beschleunigten
Bewegung auf zwei Arten betrachten:

• Ableitung über mittlere Größen


Die Beschleunigung sei konstant. D.h. die Änderung der Geschwindig-
keit von v0 auf v in einem Zeitraum t (t0 = 0) ist:

v − v0 v − v0
a= = (2.1.8)
t − t0 t
Dies läßt sich auflösen zu:

v = v0 + at (2.1.9)

Die mittlere Geschwindigkeit ist:

x − x0 x − x0
vm = = (2.1.10)
t − t0 t
Aufgelöst nach dem Ort x ergibt sich:

x = x0 + v m t (2.1.11)

mit der mittleren Geschwindigkeit

1
vm = (v0 + v) (2.1.12)
2
ergibt sich schließlich der Ausdruck:

23 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK

1
x − x0 = v0 t + at2 (2.1.13)
2

• Ableitung über Integration


Als alternative Ableitung gehen wir von der allgemein gültigen Bezie-
hung

d2 x
a= (2.1.14)
dt2
aus. Zunächst integrieren wir beide Seiten über die Zeit und erhalten.
Z t Z
d2 x
adt = dt (2.1.15)
0 dt2

dx
at = +c1 (2.1.16)
dt
|{z}
=v

mit der Integrationskonstanten c1 . Mit der Anfangsbedingung v(t =


0) = v0 ergibt sich c1 = −v0 . D.h. man bekommt:

dx
at = − v0 (2.1.17)
dt
Wir integrieren ein zweites mal
Z t Z Z t
dx
at = dt − v0 (2.1.18)
0 dt 0

und bekommen

1 2
at = x + c2 − v0 t (2.1.19)
2
mit der Integrationskonstanten c2 . Mit der Anfangsbedingung x(t =
0) = x0 ergibt sich c2 = −x0 . D.h. man bekommt schließlich:

1
x − x0 = at2 + v0 t (2.1.20)
2

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 24
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES

x, v, a

x(t )

v(t )

a (t )

Abbildung 2.1.3: Variation von Ort, Geschwindigkeit und Beschleunigung


mit der Zeit.

Man erkennt, daß beide Wege zu dem identischen Ergebnis führen. Die
Variation von x, v und a nach Gl. 2.1.20 erfolgt wie in Abb. 2.1.3 veran-
schaulicht.
Die quadratische Abhängigkeit des Ortes von der Zeit läßt sich in einem
einfachen Experiment veranschaulichen, wie es schon Galilei durchgeführt
hat. Man hängt vier Kugeln in quadratischem Abstand an einer Schnur. Läßt
man diese Kugeln gleichzeitig zu Boden fallen, so kommen sie in regelmäßigen
Abständen am Boden an, wie in Abb. 2.1.4 veranschaulicht ist.

Bevor wir die Bewegung m drei-dimensionalen beschreiben, wol-


len wir kurz die Benutzung von Vektoren im kartesischen Koor-
dinatensystem einführen.

• Definition
Ein Vektor ist durch seine drei Komponenten x, y und z wie
in Abb. 2.1.5 definiert.
 
x
~r =  y  (2.1.21)
z
oder

25 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK

16 04

03
8
1 2 3 4 t

4 02

1 01

Abbildung 2.1.4: Freier Fall. Hängt man vier Kugeln in quadratischem


Abstand zum Boden auf und läßt diese dann fallen, so kommen sie in re-
gelmäßigen Zeitabständen am Boden an.

~r = x~ex + y~ey + z~ez (2.1.22)


• Länge eines Vektors
Die Länge oder Betrag eines Vektors berechnet sich zu:
p
|~r| = x2 + y 2 + z 2 (2.1.23)
• Addition zweier Vektoren
Zwei Vektoren werden addiert, indem beide Vektoren anein-
ander gesetzt werden, gemäß Abb. 2.1.6:

~a + ~b = ~c (2.1.24)
   
cx ax + bx
 cy  =  ay + by  (2.1.25)
cz a z + bz
Als Beispiel für die Addition von Vektoren sei ein Flugzeug
gegeben, das sich mit einer Geschwindigkeit bezüglich einer

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 26
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES

&
ez

y &
& e
ex y
x

Abbildung 2.1.5: Definition eines Vektors.

Luftströmung bewegen kann. Die resultierende Bewegungs-


richtung des Flugzeugs relativ zum Boden ist die Summe der
Vektoren der Windgeschwindigkeit und der Eigengeschwin-
digkeit des Flugzeugs (siehe Abb. 2.1.6).
• Subtraktion zweier Vektoren
Zwei Vektoren werden subtrahiert, indem die Spitzen anein-
ander gesetzt werden, gemäß:

~a − ~b = ~c (2.1.26)

   
cx ax − bx
 cy  =  ay − by  (2.1.27)
cz az − bz

• Vektor mit Zahl multiplizieren


Multipliziert man einen Vektor mit einer Zahl k so bekommt
man eine Streckung des Vektors:
   
x kx
~r = k  y  =  ky  (2.1.28)
z kz

• Skalarprodukt
Das Skalarprodukt entspricht der Projektion zweier Vekto-
ren aufeinander. Das Ergebnis des Skalarproduktes ist eine
Zahl.

27 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK

&
b
&
a &
c N
& & &
a b c VFlugzeug relativ
zum Boden

&
b 0
VWind
& &
c a VFlugzeug relativ
zum Wind

& & &


a b c
Abbildung 2.1.6: Addition und Subtraktion zweier Vektoren.

~a · ~b = |~a||~b| cos Φ (2.1.29)


oder

~a · ~b = ax bx + ay by + az bz (2.1.30)
Das Skalarprodukt ist kommutativ, d.h. es gilt:

~a · ~b = ~b · ~a (2.1.31)
Ein Skalarprodukt wird immer verwendet um einen Aus-
druck bezüglich einer Richtung zu erhalten. Ein Beispiel ist
die Arbeit als das Skalarprodukt aus Kraft mal Weg. Erfolgt
der Weg senkrecht zur wirkenden Kraft, so muß keine Arbeit
geleistet werden.
• Kreuzprodukt
Das Kreuzprodukt entspricht dem Flächeninhalt des durch
die Vektoren aufgespannten Parallelogramms. Das Ergebnis
ist ein Vektor ~c, der senkrecht auf der Ebene steht die die
Vektoren ~a und ~b aufspannen.

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 28
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES

~a × ~b = ~c (2.1.32)

Hierbei gilt die Rechte-Hand-Regel, d.h. Daumen, Zeige-


finger und Mittelfinger ergeben ein Dreibein entsprechend
den Richtungen von ~a, ~b und ~c.

&
& c &
a b
M M
& &
b a
& & & & & & & & &
a b ˜ M
a b ˜ cos a b a b sin M ˜ cu
&& &
c A a und b

Abbildung 2.1.7: Skalar- und Kreuzprodukt zweier Vektoren.

~a × ~b = |~a||~b| sin Φ (2.1.33)

     
ax bx ay bz − az by
 ay  ×  by  =  az bx − ax bz  (2.1.34)
az bz ax by − ay bx
Es gilt zu beachten, daß das Kreuzprodukt nicht kommutativ
ist. D.h. es muß gelten:

~a × ~b = −~b × ~a (2.1.35)

Ein Beispiel für das Kreuzprodukt sei das Drehmoment als


Kreuzprodukt aus Kraft und Hebelarm. Dieses Drehmoment
wird maximal wenn die Vektoren senkrecht aufeinander ste-
hen.

Bewegung in mehreren Dimension


Betrachten wir die beschleunigte Bewegung im dreidimensionalen (Abb.
2.1.9). Wir beginnen mit:

29 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK

z
&
v
& a&
r0 Bahnkurve

Abbildung 2.1.8: Ortsvektor ~r und Geschwindigkeitsvektor ~v beschreiben


die Bahn eines Körpers im dreidimensionalen Raum.

~¨r = ~a (2.1.36)
Aufgelöst nach den einzelnen Koordinaten des Ortsvektors ist dies ẍ = ax ,
ÿ = ay und z̈ = az . Integriert man Gl. 2.1.36, so bekommt man
Z
~¨rdt = ~r˙ = ~v (2.1.37)

Damit wird die Geschwindigkeit:


Z
~v (t) = ~r˙ (t) = ~adt = ~at + b (2.1.38)

b ist die Integrationskonstante, die man aus der Anfangsbedingung ablei-


tet: die Geschwindigkeit zum Zeitpunkt t = 0. Das Integral beschreibt die
zeitliche Entwicklung der Geschwindigkeit durch die Beschleunigung a über
einen Zeitraum t. Man bekommt b = ~v0 und damit:

~v (t) = ~at + v~0 (2.1.39)


Dieselbe Integration läßt sich nochmal durchführen
Z
1
~r = ~v dt = ~at2 + v~0 t + c (2.1.40)
2

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 30
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES

Auch hierbei entsteht eine Integrationskonstante c, die sich aus der An-
fangsbedingung, dem Ort zum Zeitpunkt t = 0 ableiten läßt. Man bekommt
c = ~r0 und damit:
1
~r = ~at2 + ~v0 t + ~r0 (2.1.41)
2
Nach Komponenten aufgelöst ergibt sich:

1 2
x(t) = ax t + v0,x t + x0 (2.1.42)
2
1 2
y(t) = ay t + v0,y t + y0 (2.1.43)
2
1 2
z(t) = az t + v0,z t + z0 (2.1.44)
2
Wir wollen jetzt zwei Beispiele für eine beschleunigte Bewegung diskutie-
ren:

• der freie Fall


Wir betrachten eine Kugel die in z-Richtung von einer Höhe h herun-
terfällt, wie in Abb. 2.1.9 illustriert. Die konstante Beschleunigung ist
az = −g und ax = 0, ay = 0. Die Anfangsgeschwindigkeit sei v0 = 0
und x0 = 0, y0 = 0 und z0 = h. Daraus bekommt man die Gleichung:

1
z(t) = − gt2 + h (2.1.45)
2
Der Ball trifft auf den Boden für z = 0. D.h. man bekommt für die
Fallzeit t
µ ¶1/2
2h
t= (2.1.46)
g

• der schräge Wurf


Betrachten wir den schrägen Wurf als die Trajektorie eines geworfenen
Balles. Hierbei läßt sich der Abwurfwinkel und die Geschwindigkeit des
Balles durch den Werfer kontrollieren. Doch bei welcher Einstellung
kommt er am weitesten? Oder unter welchem Winkel muß er den Ball
abwerfen, damit er bei gegebener Abwurfgeschwindigkeit ein Ziel er-
reicht? Das läßt sich jetzt berechnen und vorhersagen. Betrachten wir
dazu die Abb. 2.1.10.

31 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK

z z
h h

&
g

y t
x 1 2
z gt h
2

Abbildung 2.1.9: Freier Fall.

z
&
v0
M v0z
v0x
h

xs xw x

Abbildung 2.1.10: Der schräge Wurf von einer Höhe h.

Ein Werfer habe die Höhe h und wirft einen Ball unter einem Win-
kel φ zum Erdboden, mit der Geschwindigkeit v0 ab. Die Anfangs-
Geschwindigkeit entlang des Erdbodens ist v0x und entlang der z-
Koordinate v0z . Die Erdbeschleunigung wirke in z-Richtung. Sie zeigt
nach unten aErdbeschleunigung = −g. Mit diesen Anfangsbedingungen läßt
sich Gl. 2.1.41 für die drei Koordinaten schreiben als:

x = v0x t (2.1.47)
y = 0 (2.1.48)
1
z = − gt2 + v0z t + h (2.1.49)
2
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 32
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES

Diese Gleichungen beschreiben jetzt, wie sich der Ort ~r = (x, y, z) des
Balls mit der Zeit ändert. Aus diesen Gleichungen läßt sich t = vx0x
eliminieren und man bekommt einen Zusammenhang zwischen z und x
von:

1 g 2 v0z
z(x) = − 2
x + x+h (2.1.50)
2 v0x v0x
Man erkennt das die Höhe der Wurfbahn proportional zum Quadrat
des Ortes auf dem Erdboden ist. Man spricht deshalb von einer Wurf-
parabel. Mit dieser Gleichung lassen sich die Fragen von oben jetzt
beantworten.

– Unter welchem Winkel wirft man am weitesten?


Am höchsten Punkt der Wurfparabel fliegt der Körper waagerecht
zum Erdboden, d.h. die Steigung der Kurve z(x) auf Gl. 2.1.53 ist
0. Dies entspricht mathematisch der Bedingung:

dz g v0z
=0=− 2 x+ (2.1.51)
dx v0x v0x
Der Scheitelpunkt xs der Wurfparabel ist damit:

v0x v0z v 2 cos φ sin φ v2


xs = = 0 = 0 sin 2φ (2.1.52)
g g 2g
Die größte Weite für den Scheitelpunkt erhält man wenn man den
Ball unter 45◦ abwirft. Falls die Höhe h Null ist, erreicht man
unter 45◦ auch die größte Weite.
– Wie weit wirft man?
Der Auftreffpunkt ist definiert für den Ort z(x = xW ) = 0. Damit
ergibt sich aus Gl. 2.1.53:

1 g 2 v0z
0=− 2
xW + xW + h (2.1.53)
2 v0x v0x
Dies läßt sich nach xW auflösen zu:
"µ ¶2 #1/2
v0x v0z v0x v0z 2v 2
xW = ± + 0x h (2.1.54)
g g g
Nur das ”+”-Zeichen ergibt hier eine sinnvolle Lösung. Ersetzt
man v0z v0x = 12 v02 sin φ so bekommt man schließlich:

33 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK

" µ ¶1/2 #
v02 2gh
xW = sin 2φ 1 + 1 + 2 2 (2.1.55)
2g v0 sin φ
Für h = 0 wird xw = 2xs . Für beliebige Werte von h muß man den
Ausdruck 2.1.55 für eine Variation von φ maximieren. Typische
Trajektorien sind in Abb. 2.1.11 gezeigt.

z
2

45 q

h
3

xs x

Abbildung 2.1.11: Der schräge Wurf. Ist die Abwurfhöhe die selbe wie
die Landehöhe, so ist der optimale Winkel 45 Grad. Wirft man von einem
erhöhten Punkt ab, so ist der optimale Winkel etwas kleiner.

Der schräge Wurf läßt sich gut als Überlagerung einer gleichförmigen
Bewegung und einer beschleunigten Bewegung veranschaulichen. Die
Bewegung nach Koordinaten aufgelöst war:

x = v0x t (2.1.56)
y = 0 (2.1.57)
1
z = − gt2 + v0z t + h (2.1.58)
2

Die Anteile in x und z mit v0x und v0z entsprechen der gradlinigen
Bewegung. D.h. wirkt keine Beschleunigung, so erfolgt eine gradlini-
ge Bewegung in der entsprechenden Richtung. Dem überlagert ist die
Beschleunigung gemäß g.

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 34
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES

Die gleichförmige Kreisbewegung


Im folgenden wollen wir eine Bewegung betrachten bei der die Beschleunigung
nicht gleichmäßig ist. Stellt man sich einen Körper vor, der sich mit konstan-
ter Geschwindigkeit auf einer Kreisbahn bewegt, so muß fortwährend eine
Beschleunigung wirken, um diesen Körper auf seiner Kreisbahn zu halten,
da diese Bahn nicht einer gleichförmigen gradlinigen Bewegung entspricht.
Diese Beschleunigung bezeichnet man als Zentripetalbeschleunigung, al-
so der Beschleunigung, die zum Zentrum der Kreisbewegung gerichtet ist.
Wie ist diese Beschleunigung jetzt mit der Bewegung verknüpft?

v x
& &
v T v
y & v
& a
r y
T
&
r
x

Abbildung 2.1.12: Die gleichförmige Kreisbewegung.

Die Bahngeschwindigkeit sei:

~v = vx~ex + vy~ey = −v sin Θ~ex + v cos Θ~ey (2.1.59)


y x
mit sin Θ = r
und cos Θ = r
ergibt sich:
y x
~v = −v ~ex + v ~ey (2.1.60)
r r
Die Beschleunigung ist die zeitliche Ableitung der Geschwindigkeit nach
der Zeit. Man bekommt, nachdem v konstant ist:

v dy v dx
~a = − ~ex + ~ey (2.1.61)
r |{z}
dt r |{z}
dt
v cos Θ −v sin Θ

oder

v2 v2
~a = − cos Θ~ex − sin Θ~ey (2.1.62)
r r

35 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK

Die Richtung von ~a zeigt genau in -r-Richtung wegen der Anteile cos Θ
für die x- und sin Θ für die y-Richtung. Der Betrag von ~a ist:
qv2 p 2 v2
|~a| = cos Θ + sin2 Θ =
a2x + a2y = (2.1.63)
r r
Man bezeichnet ~a als Zentripetalbeschleunigung (”zum Zentrum stre-
bend”).
Alternativ zu dieser Ableitung der Zentripetalbeschleunigung, wollen
wir dasselbe noch einmal unter Verwendung der Winkelgeschwindigkeit
durchführen.

&
v
M ds
R

Abbildung 2.1.13: Ableitung Winkelgeschwindigkeit.

Die Geschwindigkeit auf einer Kreisbahn (siehe Abb. 2.1.13) ist:

∆s
v= (2.1.64)
∆t
Die Wegstrecke ∆s auf der Kreisbahn, läßt sich für kleine Winkel ∆ϕ
ausdrücken als:

∆s = sin ∆ϕR (2.1.65)


für kleine Winkel geht der Sinus in sein Argument über:

∆s = ∆ϕR (2.1.66)
damit wird die Geschwindigkeit:

∆s ∆ϕ
=R v= = Rω (2.1.67)
∆t ∆t
ω ist die sogenannte Winkelgeschwindigkeit. Die Bewegung eines
Punktes auf dem Kreis in der xy-Ebene läßt sich jetzt schreiben als:

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 36
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES

µ ¶
R cos ωt
~r = (2.1.68)
R sin ωt
Die Geschwindigkeit auf diesem Kreis ist die Ableitung des Ortes nach
der Zeit:
µ ¶
−Rω sin ωt
~v = (2.1.69)
Rω cos ωt
und schließlich die Ableitung der Geschwindigkeit nach der Zeit die Be-
schleunigung:
µ ¶
−Rω 2 cos ωt
~a = = −ω 2~r (2.1.70)
−Rω 2 sin ωt
d.h. die Beschleunigung zeigt immer entgegen des Radiusvektors, also
immer in Richtung Mittelpunkt. Dies ist die Zentripetalbeschleunigung.
Im allgemeinen Fall ist die Winkelgeschwindigkeit, die die Geschwindig-
keit auf der Bahn und der Radius verknüpft durch:

~v = ω
~ × ~r (2.1.71)
Hierbei wird die Winkelgeschwindigkeit als Vektor definiert, der immer
senkrecht auf der Bewegungsebene steht, wie in Abb. 2.1.14 verdeutlicht.

&
Z &
&
v Z &
& v
r
& & &
v Z u r &
D r
& &
v
r
&
Z

Abbildung 2.1.14: Definition des Vektors der Kreisfrequenz.

37 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK

Die Gleichung 2.1.71 gilt für beliebigen Ursprung des Koordinatensy-


stems. Die Gleichung läßt sich umformen via:

~r × ~v = ~r × (~ω × ~r) (2.1.72)


mit ~a × (~b × ~c) = ~b(~a · ~c) − ~c(~a · ~b) ergibt sich:

~r × ~v = ω
~ (~r · ~r) − ~r (~r · ω
~) (2.1.73)
| {z }
=0,~
r⊥~
ω

für ~r ⊥ ω
~ . D.h.
1
ω
~ =
(~r × ~v ) (2.1.74)
r2
Falls ~r nicht senkrecht auf ω
~ steht, gilt diese Beziehung nicht.
Die Zentripetalbeschleunigung wird oftmals mit der Zentrifugalbe-
schleunigung verwechselt (siehe Abb. 2.1.15). Beide unterscheiden sich wie
folgt: Die Zentripetalbeschleunigung ist eine Beschleunigung die ein exter-
ner Beobachter wahrnimmt, da der Körper keiner geradlinigen Bewegung
folgt sondern einen Kreis beschreibt. Die Zentripetalbeschleunigung ist zum
Zentrum des Kreises gerichtet. Die Zentrifugalbeschleunigung sieht ein Be-
obachter, der sich mit dem Kreis mit bewegt. Für ihn wird eine Scheinkraft
spürbar, die ihn nach außen treibt. Die Zentrifugalbeschleunigung ist radial
nach außen gerichtet. Diese unterschiedlichen Sichtweisen werden noch im
Kapitel Bezugssysteme näher erläutert.

2.1.2 Kräfte
Die Newton’schen Axiome
Bislang haben wir immer die Beschleunigung eines Körpers als gegeben be-
trachtet. Die Ursache für die Beschleunigung sind Kräfte. Newton postu-
lierte das die Ursache für diese Kräfte die Wechselwirkung dieser Körper
untereinander ist. So ist die Schwerkraft eine Wechselwirkung zwischen der
Masse eines Körpers und der Masse der Erde. Neben dieser Gravitations-
kraft gibt es die elektrostatische Kraft und die starke Wechselwirkung, die
die Atomkerne zusammenhält.
Auch eine Kraft wird als Vektor beschrieben, da sie die Richtung der ent-
sprechenden Beschleunigung vorgibt. Am Beispiel der Schwerkraft soll dies
erläutert werden. Die Erde läßt sich als Massenpunkt mit Masse M beschrei-
ben, der im Zentrum eines Koordinatensystems sitzen soll. Am Ort ~r befindet
sich ein Körper der Masse m. Die Erde übt eine Schwerkraft entsprechend
einer Gravitationskonstante G aus mit:

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 38
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES

&
v

a z
Zentripetalbeschleunigung
x
Beobachter ruht

&
v

a F
Zentrifugalbeschleunigung
x
Beobachter bewegt sich mit

Abbildung 2.1.15: Unterschied Zentripetal-, Zentrifugalbeschleunigung.

mM ~r
F~ = −G 2 (2.1.75)
|~r| r
D.h. in dem zentral-symmetrischen Problem des Schwerefeldes der Erde
zeigt die Schwerkraft auf einen Körper am Ort ~r immer entgegen der Rich-
tung des Ortsvektors ~r. Diese Schwerkraft kann man als kugelsymmetrisches
Kraftfeld auffassen, das die Erde umschließt und dessen Stärke quadratisch
mit dem Abstand abnimmt.
Die Verknüpfung zwischen Kraft und Beschleunigung hat Newton in sei-
nen drei Axiomen dokumentiert:

• 1. Axiom
Solange keine Kraft wirkt, verharrt ein Körper in Ruhe oder bei seiner
gleichförmigen gradlinigen Bewegung. Diese Bewegung sei durch die
Größe Impuls beschrieben als:
h mi
p~ = m~v kg (2.1.76)
s

• 2. Axiom
Die Ursache für eine Impulsänderung ist das Wirken einer Kraft. Diese
Kraft wird definiert als:

39 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK

m1a

m2 g

Abbildung 2.1.16: Beschleunigung eines Wagens der Masse m1 über ein


Gewicht der Masse m2 . Hierbei ist die Kraft die wirkt FG = m2 g. Die Masse
die beschleunigt wird ist m1 + m2 .

d~p h mi
F~ = kg 2 (2.1.77)
dt s
Die Einheit in der Kräfte gemessen werden ist Newton:

m
1N = kg (2.1.78)
s2

mit der Definition des Impulses bekommen wir:

d d~v dm
~
F~ = mv = m + v (2.1.79)
dt dt dt

In den meisten Fällen ist m=const. (Gegenbeispiel Rakete), so daß gilt:

F~ = m~a (2.1.80)

Newton hatte bei der Verknüpfung von Kraft und Beschleunigung die
Masse als Proportionalitätskonstante identifiziert. D.h. möchte man die
gleichförmige gradlinige Bewegung eines Körpers ändern, so muß man
bei größerer Masse auch eine größere Kraft aufwenden. Die Eigenschaft
eines Körpers eine gleichförmige gradlinige Bewegung beizubehalten
bezeichnet man auch als Trägheit. Die Masse kann als Grund für die

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 40
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES

Trägheit angesehen werden und man bezeichnet sie deshalb auch als
träge Masse.
Kräfte sind vektorielle Größen für die das Superpositionsprinzip gilt.
Bei jedem Massenpunkt, der in Ruhe ist bzw. sich gleichförmig geradli-
nig bewegt, muß die Summe der Vektoren der angreifenden Kräfte Null
sein. Im folgenden wollen wir zwei Beispiele für das Superpositionsprin-
zip diskutieren:

– Kräftedreieck
Als Beispiel, sei ein Massenpunkt betrachtet auf den drei Kräfte
wirken, wie in Abb. 2.1.17 illustriert. Die drei Kräfte stehen in
einem Verhältnis von 5:4:3. Nachdem der Massenpunkt in Ruhe
ist, müssen sich die drei Kräfte zu Null addieren. Dies ist dann
der Fall, wenn der Winkel zwischen dem Vektor der Länge 3 und
dem der Länge 4 genau 90◦ beträgt, da 32 + 42 = 52 .

& & 4
F 3 F 4 5
3 & 3
F 5

32 4 2 5 2
5 4

Abbildung 2.1.17: Kräfte als Vektoren.

– Ziehen eines Schlittens


In einem zweiten Beispiel betrachten wir einen Schlitten der Masse
m, der unter einem Winkel Θ mit einer Kraft F (F = |F~ |) über
eine Ebene gezogen wird, wie in Abb. 2.1.18 illustriert. Wir lösen
die Kräfte in die x- und y-Richtung auf.
Nachdem die Schwerkraft nur in y-Richtung wirkt haben wir in
x-Richtung:

F cos Θ = max (2.1.81)


in y-Richtung haben wir die Gravitationskraft FG :

41 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK

&
FN F y
Fy
T
Fx x

FG
Abbildung 2.1.18: Kräfte als Vektoren, Ziehen eines Schlittens.

−Fg + FN ormal + F sin Θ = 0 (2.1.82)

In y-Richtung soll sich der Schlitten nicht bewegen, d.h. die Summe
der Kräfte muß Null ergeben. Dies läßt sich mit einem Kunstgriff
erzielen indem man eine neue Kraft einführt, die Normalkraft
Fnormal . Die Normalkraft ist eine Kraft, die die Unterlage auf den
Schlitten ausübt. Sie stellt sich so ein, daß die Summe der Kräfte
in y-Richtung immer Null ist.

• 3. Axiom
Falls nur zwei Körper 1 und 2 miteinander in Wechselwirkung treten,
so muß die Kraft auf den einen Körper 1 entgegengesetzt der Kraft auf
den anderen Körper 2 sein:

F~1 = −F~2 (2.1.83)

Newton entwickelte dieses Gesetz aus der Vorstellung einer Wechsel-


wirkung, die alle Körper zueinander in Bezug setzt. Diese Wechsel-
wirkung ist zunächst eine Fernwirkung, die ohne scheinbaren Kontakt
der Körper untereinander zu einer Kraft führt. Dies war eine sehr weit-
reichende Vorhersage, die erst in der modernen Physik des 20ten Jahr-
hundert bestätigt wurde. Vier Arten von Wechselwirkung unterscheidet
man in der Natur:

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 42
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES

– Die Gravitationskraft, als die Kraft, die durch Anziehung der Mas-
sen zweier Körper entsteht.
– Die elektrostatische Kraft, als die Kraft, die Ladungen aufeinander
ausüben.
– Die starke Kernkraft, die den Zusammenhalt von Nukleonen im
Atomkern vermittelt.
– Die schwache Kraft, die bei dem β-Zerfall von radioaktiven Kernen
sichtbar wird.

Das 3. Newton’sche Axiome bezieht sich immer auf zwei Körper. Es


bildet sich immer ein Kraft-Gegenkraft-Paar. Die Normalkraft, die
auf den Schlitten in obigem Beispiel wirkt, ist kein Kraft-Gegenkraft-
Paar, da die Kräfte auf dasselbe Objekt wirken. Ein Kraft-Gegenkraft-
Paar wäre dagegen die Anziehungskraft, die die Erde auf den Schlitten
ausübt, aber auch die Anziehungskraft, die der Schlitten auf die Erde
ausübt. Dies ist in Abb. 2.1.19 illustriert.

FN

FG FG
FG

Abbildung 2.1.19: Kräfte-Gegenkraft-Paare.

Die Folgen des 3. Newton’schen Axioms lassen sich vielfach darstellen.


Betrachtet man zum Beispiel zwei, durch ein Seil verbundene Körper,
so führt das Ziehen an dem Seil zu einer Kraft und Gegenkraft auf beide
Körper. D.h. beide bewegen sich entsprechen m1 a1 = −m2 a2 . Dies ist
in Abb. 2.1.20 illustriert.

Die Newton’schen Axiome lassen sich am Beispiel des Kettenkarussells


illustrieren. Betrachten wir ein Kettenkarussell, an dem sich eine Gondel
mit der Masse M befindet und das sich mit einer bestimmten Frequenz im
Kreis bewegt. Nehmen wir an, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt die Kette

43 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK

m1a1 m2 a 2

Abbildung 2.1.20: Versuch Zugwagen.

versagt und die Gondel zu Boden fällt. In welche Richtung geschieht das? In
Abb. 2.1.21 sind 4 mögliche Varianten illustriert, von denen nur eine zutrifft.
Die Gondel bewegt sich auf ihrer Kreisbahn mit einer Geschwindigkeit ~v .
Falls diese Gondel nicht durch die Kette an das Karussell gebunden wäre,
würde sie sich auf Grund ihrer Trägheit gradlinig in Richtung des momenta-
nen Geschwindigkeitsvektors bewegen. D.h. nur die Variante 4 in Abb. 2.1.21
ist korrekt.

Beispiel für Kräfte


Im folgenden seien einige Beispiel für Kräfte illustriert. Die Gravitations-
kraft entsteht durch die Anziehung zweier Massen, wie in Abb. 2.1.22 illu-
striert. Sie skaliert mit den Massen m1 , m2 und dem Abstand r wie:
m1 m2
F~ = −G 2 r̂ (2.1.84)
r
mit r̂ dem Einheitsvektor, der die Massen m1 und m2 verbindet. G ist die
Gravitationskonstante mit G=6.67 10−11 Nm2 kg−2 . Für Phänomene an der
Erdoberfläche läßt sich das Gravitationsgesetz kompakter schreiben indem
man für m1 die Masse der Erde und für r den Radius der Erde einsetzt. Man
bekommt dann:

F~ = m1~g (2.1.85)
−2
mit der Erdbeschleunigung ~g und |~g |=9.81 ms
Die Federkraft entsteht durch die elastischen Eigenschaften vieler
Festkörper. Dehnt oder staucht man ein Material, so wirkt eine rückstellende
Kraft, die in erster Näherung linear mit der Auslenkung größer wird, wie in
Abb 2.1.23 illustriert ist:

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 44
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES

1 2
3

Abbildung 2.1.21: In welche Richtung fällt eine Gondel eines Kettenka-


russells, wenn die Kette versagt?

F = −c∆x (2.1.86)
mit c der Federkonstanten.
Die Normalkraft ist eine Kraft, die eine Unterlage auf einen Körper
ausübt, damit dieser sich nur in der Ebene dieser Unterlage bewegen kann,
wie in Abb. 2.1.24 illustriert.
Bei der Reibungskraft kann man zwei Fälle unterscheiden: Haftreibung
und Gleitreibung. Reibung entsteht durch die Verzahnung zweier Oberflächen
untereinander. In erster Näherung ist die Kontaktfläche im mikroskopischen
Sinn proportional zur Kraft, die die beiden Körper aneinander presst. Diese
Kraft ist die Normalkraft. Bewegt man jetzt den Körper parallel zu der Un-
terlage, so entsteht eine bremsende Kraft, die proportional zur Normalkraft
ist, aber parallel zur Oberfläche zeigt, während die Normalkraft senkrecht zur
Oberfläche zeigt.

45 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK

r Erde

M Erde

Abbildung 2.1.22: Die Gravitationskraft beschreibt die Anziehung zweier


Massen m und M .

x
x 0

Abbildung 2.1.23: Die Federkraft beschreibt die rückstellende Kraft bei


der Auslenkung einer Feder von der Ruhelage x = 0.

Abb. 2.1.25 zeigt die Variation dieser Bremskraft für den Fall, daß wir
einen Körper mit einer kontinuierlich sich erhöhenden Kraft beginnen zu
ziehen. Im Bereich der Haftreibung erhöht sich die Bremskraft im gleichem
Maße wir die ziehende externe Kraft. D.h. der Körper bleibt in Ruhe. Ab
einer Kraft Fmax kann die mikroskopische Verzahnung des Körpers auf seiner
Unterlage die Zugkraft nicht mehr auffangen und der Übergang zur Gleitrei-
bung findet statt. Die Bremskraft bei Gleitreibung ist generell kleiner als bei
Haftreibung. Diese Bremskraft bei Gleitreibung ist auch unabhängig von der
Zugkraft und bleibt somit zeitlich konstant.
Gleitreibung und Haftreibung sind mit der Normalkraft über die Rei-
bungskoeffizienten µ verknüpft:

Fmax = µH FN (2.1.87)
FGleitreibung = µG FN (2.1.88)

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 46
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES

FN
FR F

FG

Abbildung 2.1.24: Normalkraft.

Haftreibung µH Gleitreibung µG
Stahl auf Stahl 0.7 0.6
Glas auf Glas 0.9 0.4
Teflon auf Stahl 0.04 0.04
Gummi auf Beton 1.0 0.8

Tabelle 2.1: Einige Reibungskoeffizienten für Hatftreibung µH und Glei-


treibung µG

Typische Werte für die Reibungskoeffizienten sind in Tabelle 2.1 gezeigt.


Betrachten wir jetzt noch einmal das Beispiel von dem Schlitten, aber
jetzt mit Haft- bzw-. Gleitreibung, wie in Abb. 2.1.26 illustriert. In y-
Richtung haben wir die Bilanz der Kräfte zu:

FN + sin ΘF − mg = 0 (2.1.89)
in x-Richtung ergibt sich mit der Bremskraft FR

FR = −µG FN (2.1.90)
der Ausdruck:

−µG FN + cos ΘF = ma (2.1.91)


Aus diesen Gleichungen läßt sich jetzt die Beschleunigung des Schlittens
bei gegebener Kraft F und Zugwinkel Θ bestimmen. Es gilt allerdings zu be-

47 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK

FR F max

Haftreibung Gleitreibung

Abbildung 2.1.25: Wir betrachten die bremsende Reibungskraft, wenn wir


an einem Schlitten mit einer kontinuierlich sich erhöhenden Kraft ziehen. Ab
einer Kraft Fmax geht die Haftreibung plötzlich in Gleitreibung über.

achten, daß für das Losfahren zunächst die Haftreibung überwunden werden
muß. D.h. wir müssen zunächst µH einsetzen. Der notwendige Winkel bei
konstanter Kraft ergibt sich dann aus dem Gleichgewicht mit a = 0.
Im Unterschied zur gleichmäßigen Bewegung muß hier konstant eine Kraft
aufgebracht werden, um die ganze Zeit die Bremskraft auszugleichen.
Eine andere prominente Form von Reibung ist der Luftwiderstand. Die-
se Bremskraft ist der Bewegung entgegen gerichtet und skaliert quadratisch
mit der Geschwindigkeit v des Körpers.

1
F = CρAv 2 (2.1.92)
2
Mit einer Konstanten C für das Medium (0.4..1.0), ρ der Dichte des Me-
diums und A der Querschnittsfläche des Objektes. Betrachten wir einen fal-
lenden Körper, der durch die Luftreibung gebremst wird. Die Bewegungsglei-
chung ist:

dv 1
= mg − CρAv 2
m (2.1.93)
dt 2
Löst man diese Differentialgleichung, so erkennt man, daß für kleine Ge-
schwindigkeiten die Geschwindigkeit zunächst linear mit der Zeit ansteigt.
Für große Geschwindigkeiten nähert sich die Bewegung allerdings einer End-
geschwindigkeit, die sich aus:

1
0 = mg − CρAve2 (2.1.94)
2
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 48
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES

&
& F
& FN
FR T

&
FG
Abbildung 2.1.26: Schlitten mit Reibung.

zu
r
2mg
ve = (2.1.95)
CρA
ergibt.

Schwere und träge Masse


Bislang haben wir die Masse für zwei unterschiedliche Dinge verwendet.
Zum einen nach dem Newton’schen Axiom als Proportionalitätskonstante,
die die Kraft bestimmt, die zur Beschleunigung aufgewendet werden muß
(träge Masse) und zum anderen als die Größe, die in der Gravitationskraft
zum tragen kommt (schwere Masse). Diese beiden Massen, die träge und
die schwere Masse, mtrage und mschwer müssen nicht per se gleich sein. Al-
lerdings hat man bislang noch keinen Unterschied festgestellt. Nach neue-
sten Experimenten sind beide Massen bis zu einer Genauigkeit von 10−10
((mträge − mschwer )/(mträge + mschwer ))) gleich. Betrachten wir dazu zwei Ge-
dankenexperimente:
• Gedankenexperiment: Lift
Betrachten wir einen abgeschlossenen Kasten (=Lift) im Schwerefeld
der Erde in dem ein Gewicht an einer Feder hängt, wie in Abb. 2.1.27.
Wir beobachten eine Auslenkung ∆x. Über das Kräftegleichgewicht
mg = c∆x können wir die Beschleunigung g berechnen. In einem zwei-
ten Fall befindet sich der Kasten in der Schwerelosigkeit. Seine Ge-
schwindigkeit erhöht sich aber fortlaufend mit v = gt. D.h. nach dem

49 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK

zweiten Newton’schen Axiom wirkt auf das Federgewicht eine Beschleu-


nigung mg, die durch die Federkraft kompensiert wird. In beiden Fällen
beobachtet jemand in dem Kasten eine Beschleunigung g, kann aber
nicht entscheiden, ob diese Beschleunigung durch ein Schwerefeld oder
durch eine Beschleunigung des Kastens selber hervorgerufen wird. Für
diesen Beobachter erscheint die träge und die schwere Masse gleich.

& &
g a
& &
F F

& &
ruhend im Schwerfeld v g ˜ t
beschleunigt

Abbildung 2.1.27: Schwere und träge Masse, Beispiel Lift.

• Gedankenexperiment: Karussell
In dem zweiten Beispiel betrachten wir eine Gondel eines Kettenka-
russells. Auf die Gondel wirken zwei Kräfte, die ein Beobachter in die-
ser Gondel wahrnimmt: zum einen die Zentrifugalkraft, die durch die
Trägheit des Körpers auf seiner Kreisbewegung verursacht wird und
zweitens die Schwerkraft, die durch die Masse des Körpers verursacht
wird. Nachdem auch die Trägheit nach den Newton’schen Axiomen mit
der Masse verknüpft ist, könnte man hier zwischen träger und schwe-
rer Masse unterscheiden. Also eine Masse, die bei einer Beschleuni-
gung sichtbar wird und eine Masse, die bei der Gravitation sichtbar
wird. Bislang ist zwischen diesen beiden Massen noch kein Unterschied
festgestellt worden. Betrachtet man das Kräftegleichgewicht des Ket-
tenkarussells, so ist die Auslenkung der Gondel ϑ gegeben durch:

mtraege Rω 2
tan ϑ = (2.1.96)
mschwere g

Nachdem träge und schwere Masse identisch sind, kürzen sie sich her-
aus. Wäre dem nicht so, so würde das Verhältnis mtraege /mschwere von

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 50
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES

&
F Kette
& v2
Fz m˜
R
R
T
& &
F m˜ g

Abbildung 2.1.28: Schwere und träge Masse, Beispiel Kettenkarussell.

Körper zu Körper unterschiedlich sein. In diesem Fall wäre die Auslen-


kung der Gondeln des Kettenkarussells je nach Körper unterschiedlich.

2.1.3 Arbeit und Energie


Mit den Newton’schen Axiomen läßt sich jetzt die Bewegung von Körpern
unter dem Einfluss von äußeren Kräften beschreiben. Im folgenden wollen wir
zusätzlich die Begriffe Arbeit, kinetische und potentielle Energie definieren.

Arbeit und Leistung


Betrachten wir einen Körper, der einen Weg ∆~r in einem Kraftfeld F~ zurück
legt. Ein Beispiel sei ein Wanderer auf dem Weg zum Berggipfel. Dazu muß
Arbeit verrichtet werden.

∆W = F~ (~r)∆~r (2.1.97)
Die Arbeit ist positiv wenn die Energie des Massenpunktes zunimmt
und negativ wenn der Körper Energie abgibt. Beispiel ist die Bewegung mit
Rücken- bzw. Gegenwind. Im ersten Fall ist das Skalarprodukt aus F~ d~r po-
sitiv, während es im zweiten Fall negativ wird. Bei Rückenwind nimmt der
Körper Energie auf, seine Geschwindigkeit erhöht sich. Bei Gegenwind gibt
der Körper Energie ab, seine Geschwindigkeit erniedrigt sich.
Die Arbeit läßt sich für beliebige Wege vom Ort P1 zum Ort P2 in der
Integralform schreiben als:

51 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK

z
&
dr 2
& &
1 & F F
F x
y 1 2

x
d
Abbildung 2.1.29: Arbeit als Integral Kraft mal Weg.

Z P2
W = F~ d~r (2.1.98)
P1

Hierbei bezeichnen P1 und P2 Punkte in dem Kraftfeld (siehe Abb.


2.1.30); im Beispiel den Ausgangsort und den Gipfel unserer Wanderung.
Auf dem Weg zwischen diesen beiden Punkten (= Integral über eine Linie
zwischen P1 und P2 ) muß eine Arbeit W verrichtet werden.

a
2
b

c
1

Abbildung 2.1.30: Wegunabhängigkeit der Arbeit in konservativen Kraft-


feldern. Die Arbeit is auf den Wegen a,b und c gleich.

Die Einheit der Arbeit ist Nm=J mit J, dem Joule. Die geleistete Arbeit
pro Zeit bezeichnet man als Leistung mit der Definition:

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 52
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES

dW
P = (2.1.99)
dt
Die Einheit der Leistung ist Js−1 =W mit W, der Einheit Watt. Leistung
und Kraft sind wie folgt verknüpft:
Z Z
d r~ d d~r
P = F d~r = F~ dt = F~~v (2.1.100)
dt 0 dt dt
Für die Beschreibung der Arbeit lassen sich sog. konservativen Kraft-
feldern und nicht-konservative Kraftfelder unterscheiden.

• konservative Kraftfelder
Bei konservativen Kraftfeldern hängt die Arbeit nicht vom Weg ab, der
zwischen den Punkten P1 und P2 genommen wird; im Beispiel ist es
egal welchen Weg der Wanderer nimmt, die Arbeit die er leisten muß
ist immer gleich.
• nicht-konservative Kraftfelder
Ein Kraftfeld muß nicht immer konservativ sein. Nimmt man zum Bei-
spiel an, daß die Kraft abhängt von der Geschwindigkeit, z.B. Luftwi-
derstand, so ändert sich die geleistete Arbeit zwischen den Punkten P1
und P2 je nach gewählter Route.

Auf dem Weg von P1 nach P2 bewegt sich der Körper durch ein Kraftfeld.
Nach den Newton’schen Axiomen ist damit eine Änderung der Geschwindig-
keit verbunden gemäß:

d~v
F =m (2.1.101)
dt
Durch eine mathematische Umformung läßt sich das Integral über den
Ortsraum in ein Integral über die Zeit und schließlich in ein Integral über die
Geschwindigkeit umformen:

Z P2
W = F~ d~r
P1
Z t2 Z t2
d~r
= F~ dt = ~ v dt
F~
t1 dt
|{z} t1
=~v
Z t2
d~v
= m ~v dt
t1 dt

53 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK

konservativ konservativ
&
y F y

x x

nicht konservativ
&
y F

Abbildung 2.1.31: Wegunabhängigkeit der Arbeit in konservativen Kraft-


feldern. In nicht konservativen Kraftfeldern ist die geleistete Arbeit von der
Wahl des Weges abhängig.

Z v2
1 1
= m ~v d~v = mv22 − mv12 (2.1.102)
v1 2 2

D.h. die Arbeit, die in dem Kraftfeld geleistet wird, ist verknüpft mit
einer Änderung der Geschwindigkeit des Körpers. Wir nennen den Ausdruck

1
Ekin = mv 2 (2.1.103)
2

die kinetische Energie eines Körpers der Masse m und Geschwindigkeit


v.

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 54
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES

&
F

x0 x1 x

Abbildung 2.1.32: Die Arbeit, die in einen Körper gesteckt wird entspricht
einer Zunahme der kinetischen Energie.

Energiesatz der Mechanik


Nachdem in einem konservativen Kraftfeld die geleistete Arbeit unabhängig
vom Weg ist, kann sie nur noch abhängen von der Wahl des Ausgangsortes
P1 und des Endortes P2 . Damit kann man diese Arbeit als Differenz einer
neuen Funktion Epot darstellen:
Z P2
W = F~ d~r = Epot (P1 ) − Epot (P2 ) (2.1.104)
P1
Die Funktion Epot nennt man die potentielle Energie. Die Arbeit, die
zwischen den Orten P1 und P2 geleistet wird, ist die Differenz der potentiellen
Energien. Wie der Weg verläuft ist unerheblich. Um für die Integration von
Gl. 2.1.98 einen mathematisch günstigen Weg zu wählen (der ja beliebig war),
nehmen wir einen Weg von Höhe 0 zu dem Berggipfel der Höhe h parallel zur
Richtung der Kraft (F~ · ∆~r = |F ||r|, da F~ k~r) und dann auf gleicher Höhe h
von P1 zu P2 (F~ · ∆~r = 0, da F~ ⊥ ~r):

Z Z h
W = F~ d~r = − mgdz = −mgh = Epot (0) − Epot (h) (2.1.105)
0

Setzt man Epot (0) = 0, so bekommt man schließlich für die potentielle
Energie Epot (h) = mgh. Wie wird jetzt bei der Bewegung des Körpers diese
Arbeit aufgebracht? Wir hatten die geleistete Arbeit auf dem Weg von P1
nach P2 jetzt auf zwei Arten abgeleitet. Beide Formulierungen nach Glei-
chungen 2.1.105 und 2.1.102 lassen sich zusammenfassen zu:
1 1
Epot (P1 ) − Epot (P2 ) = mv22 − mv12 (2.1.106)
2 2

55 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK

oder

1 1
Epot (P1 ) + mv12 = Epot (P2 ) + mv22 = E (2.1.107)
2 2
D.h. die Summe aus potentieller Energie und kinetischer Energie ändert
sich nicht bei einer Bewegung von P1 nach P2 . Man bezeichnet diese Summe
als Gesamtenergie E, die eine Konstante der Bewegung in einem konserva-
tiven Kraftfeld ist. Diese Gesamtenergie ist eine Erhaltungsgröße. Auf dem
Weg von P1 nach P2 wandelt sich nur potentielle in kinetische Energie um
(bzw. umgekehrt).
Im folgenden wollen wir drei Beispiele für die potentielle Energie betrach-
ten. Für die Berechnung der potentiellen Energie definiert man zunächst
einen Punkt an dem diese gleich Null sein soll. Dann wird in geeigneter Wei-
se bis zu dem Punkt integriert an dem die potentielle Energie zu bestimmen
ist.

E p
Ep m˜ g ˜ h

Ep 0
h

E p

1 2
Ep cx
2

x
x
m E p
r
m˜M
r Ep G
r 1
v
M r

Abbildung 2.1.33: 3 Beispiele für potentielle Energie: Gravitation an der


Erdoberfläche, gespeicherte Energie einer Feder, Gravitation allgemein.

• potentielle Energie der Gravitation auf der Erdoberfläche


Wir integrieren von der Erdoberfläche zu einer Höhe h:

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 56
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES

Z h
Epot = − −mgdz = mgh (2.1.108)
0

• potentielle Energie einer gespannten Feder


Wir integrieren vom Ruhepunkt x = 0 bis zu einer Auslenkung x:
Z x
1
Epot = − −cxdx = cx2 (2.1.109)
0 2

• potentielle Energie der Gravitation, allgemein


Für das Gravitationsgesetz verwenden wir einen Punkt im Unendlichen,
an dem die Gravitation Null sein soll. Wir integrieren dann bis zu einem
Abstand r:
Z r
mM mM
Epot = − −G 2
dr = −G (2.1.110)
∞ r r

Als Beispiel für die Anwendung des Energiesatzes der Mechanik, betrach-
ten wir einen Looping, wie er in Abb. 2.1.34 gezeigt ist. Wir stellen die Frage,
bei welcher Höhe h die Kugel starten muß, damit sie den ganzen Looping
durchläuft und nicht von der Bahn fällt.
Am höchsten Punkt des Loopings muß die Kugel eine Minimalgeschwin-
digkeit haben, die ausreicht um auf Grund der Zentrifugalkraft die Schwer-
kraft auszugleichen. D.h. für den höchsten Punkt muß gelten:

v2
mg = m (2.1.111)
R
Die Geschwindigkeit an diesem höchsten Punkt läßt sich aus der Ener-
gieerhaltung ableiten. Es gilt:

1 2 1
mv1 + mgh = mv22 + mg2R (2.1.112)
2 2
Für die potentielle Energie haben wir als Nullpunkt die untersten Punkt
des Loopings gewählt. Bei der Bewegung der Kugel wird fortwährend kineti-
sche Energie in potentielle Energie umgewandelt und umgekehrt, die Summe
bleibt konstant. Am höchsten Punkt der Kurve, hat sich die potentielle Ener-
gie gemäß Abbildung 2.1.34 um mg(h − 2R) geändert. Diese Energie steckt
jetzt in der Bewegungsenergie. Falls die Kugel in Ruhe startet (v1 = 0) be-
kommen wir mit v2 = v:

57 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK

v2
m
R
h
m˜ g
&
g
R

Abbildung 2.1.34: Energieerhaltung am Beispiel Looping.

1
mg(h − 2R) = mv 2 (2.1.113)
2
Vergleichen wir die Gleichungen 2.1.111 und 2.1.113, so erhalten wir
schließlich als Bedingung für h1 :
5
h= R (2.1.114)
2
Welchen Vorteil hat die Verwendung der potentiellen Energie für die Be-
schreibung eines Kraftfeldes. Dies sei am Beispiel der Gravitation illustriert.
An jedem Punkt in einem beliebigen Gravitationsfeld wirkt eine Kraft de-
ren Richtung durch die Superposition der Gravitationswirkung der beteilig-
ten Körper bestimmt ist. D.h. für jeden Punkt im Raum brauchen wir drei
Komponenten des Kraftvektors. Die selbe Information läßt sich praktischer
in der Form eines skalaren Potentials speichern. Die Änderung der potenti-
ellen Energie bei einer Variation des Ortes um ∆~r = ∆x~ex + ∆y~ey + ∆z~ez
ist2 :
∂Ep ∂Ep ∂Ep
∆Ep = ∆x + ∆y + ∆z (2.1.115)
∂x ∂y ∂z
Gleichzeitig ist die Arbeit die auf dem Wegstück ∆r geleistet wird:

∆W = F~ ∆~r = −∆Ep (2.1.116)


1
In dem Beispiel einer rollenden Kugel gilt diese Beziehung allerdings nicht, da
zusätzlich noch Energie in die Rotation der Kugel gesteckt werden muß. Das Beispiel
gilt nur für ein reibungsfreies Gleiten eines Gegenstandes.
2
Die Schreibweise ∂ für die Ableitung wird als partielle Ableitung bezeichnet und
bringt zum Ausdruck, daß hier explizit nur nach x, y bzw z abgeleitet wird. Es wird
nicht berücksichtigt, daß x selber noch von y abhängen könnte.

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 58
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES

Nach der Definition der Beziehung zwischen Arbeit und potentieller Ener-
gie gilt immer ∆W = −∆Ep . Das Skalarprodukt aus Kraft und Weg ist:

W = Fx ∆x + Fy ∆y + Fz ∆z (2.1.117)
Ein Vergleich der Gleichungen 2.1.115 und 2.1.117 zeigt:
∂Ep ∂Ep ∂Ep
Fx = − Fy = − Fz = − (2.1.118)
∂x ∂y ∂z
Dies läßt sich kompakt schreiben als :

F~ = −gradEp (2.1.119)
In dieser Schreibweise bezeichnet man die Kraft als den negativen Gra-
dienten der potentiellen Energie. Die Kraft ist die räumliche Ableitung der
potentiellen Energie. Dies läßt sich wieder am Beispiel der Gravitation ver-
anschaulichen. Betrachten wir dazu eine Variation der potentiellen Energie
entsprechend einem ”Berghang”. Die räumliche Ableitung an einem Ort ist
als die ”Hangneigung” gegeben. Entsprechend wirkt in dieser Richtung die
Kraft auf einen Körper.

2.1.4 Gravitation
Die Kepler’schen Gesetze
Diese Gesetze der Mechanik fanden ihre Bestätigung durch die Berechnung
der Bewegung der Planeten um die Sonne. Diese Bewegung wurde als erstes
quantitativ von Kepler erfasst, der die Beobachtungsdaten am genauesten
auswertete. Auf dieser Basis und dem Kopernikanischen Weltbild stellte er 3
Gesetze auf:

• 1. Gesetz
Die Planeten bewegen sich auf Ellipsen in deren einem Brennpunkt die
Sonne steht.

• 2. Gesetz
Der Radiusvektor von der Sonne zum Planeten überstreicht in gleichen
Zeiten gleiche Flächen, wie in Abb. 2.1.35 illustriert.

• 3. Gesetz
Die Quadrate der Umlaufzeiten der Planeten verhalten sich wie die
dritten Potenzen ihrer großen Halbachsen zueinander.

59 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK

A2 A1
V

Abbildung 2.1.35: In gleichen Zeiten überfährt der Fahrstrahl die gleichen


Flächen.

T12 a31
= (2.1.120)
T22 a32

Aus dem zweiten Kepler’schen Gesetz läßt sich folgender Zusammenhang


ableiten. Betrachten wir dazu ein infinitesimales Dreieck der Fläche dA, das
der Fahrstrahl in einer Zeit dt überstreicht. Die zurückgelegte Strecke seit
ds = vdt Die Fläche des Dreieck dA ist gemäß Abb. 2.1.36:

1 1
dA = |r||ds| sin α = |r||v|dt sin α (2.1.121)
2 2

dA
ds vdt
D
r
Abbildung 2.1.36: Ein Flächenelement dA wird in einer Zeit dt durchlau-
fen.

Auf der rechten Seite von Gl. 2.1.121 entsteht ein Ausdruck der dem
Kreuzprodukt der Vektoren ~r und ~v entspricht. Dies ist in Vektorschreibweise:

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 60
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES

~
dA 1
= (~r × ~v ) = const. (2.1.122)
dt 2
Nachdem die überstrichene Fläche dA pro Zeit dt zeitlich konstant bleibt
(dA/dt = const.), muß auch der Ausdruck (~r × ~v ) während eines Umlaufes
zeitlich konstant bleiben. Man definiert dazu eine neue Größe:

~ = m (~r × ~v )
L (2.1.123)
als den Drehimpuls, der in zentralsymmetrischen Problemen zeitlich
konstant bleibt und damit eine Erhaltungsgröße ist.
Newton hatte jetzt aus dem dritten Kepler’schen Gesetz sein Gravitati-
onsgesetz abgeleitet. Zunächst sagte er, daß die Kraft zwischen Sonne und
Planeten immer in Richtung der Verbindungsgeraden zwischen beiden wir-
ken müsse. Zusätzlich sollte sie proportional (Proportionalitätskonstante G)
zu den Massen m1 und m2 der beteiligten Körper sein, also

F~Gravitation = GmP lanet mSonne f (r) (2.1.124)


wobei f (r) zunächst irgendeine Abhängigkeit von r darstellt. Nach dem 1.
Newton’schen Axiom muß auf die Planeten auf ihrer Umlaufbahn eine Kraft
wirken, da sie nicht einer gradlinige Bewegung folgen. Diese Zentripetalkraft
ist:

FZentripetal = mP lanet ω 2 R (2.1.125)


2
mit ω der Umlauffrequenz und R dem Abstand Planet Sonne. Diese
Zentripetalkraft ist im Bezugssystem des Planeten die nach außen gerichtete
Zentrifugalkraft, die im Gleichgewicht mit der Gravitationskraft der Sonne
(siehe Abb. 2.1.37) steht. Somit gilt:

GmP lanet mSonne f (r) = mP lanet ω 2 R (2.1.126)


Nach dem dritten Kepler’schen Gesetz gilt für die Umlaufzeit T :

T 2 ∝ R3 (2.1.127)
1 1
Mit der Umlauffrequenz ω ∝ T
ist ω 2 ∝ R3
. Damit wird:
1
R
GmP lanet mSonne f (R) ∝ mP lanet (2.1.128)
R3
In dieser Gleichung befinden sich bis auf R nur noch Konstanten. D.h.
die Abhängigkeit f (R) auf der linken Seite muß durch die Abhängigkeit von
R auf der rechten Seite gegeben sein. Man bekommt somit als Lösung:

61 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK

1
f (R) = (2.1.129)
R2
Aus dieser Schlussfolgerung hat Newton schließlich sein Gravitations-
gesetz für die Bewegung der Planeten formuliert:

mMSonne ~r
F~ (~r) = −G (2.1.130)
r2 r

v FZentrifugal

R
FGravitation=FZentripetal

Abbildung 2.1.37: Das Gleichgewicht zwischen Gravitationskraft und Zen-


trifugalkraft bestimmt die Umlaufbahn der Planeten.

Dieses Gesetz gilt allerdings nicht nur für die Planetenbewegung sondern
ganz allgemein für die Gravitationswirkung zweier Massen untereinander.
Allgemein gilt somit für zwei Massen m1 und m2 im Abstand r:

m1 m2 ~r
F~ (~r) = −G 2 (2.1.131)
r r
Die Schwerkraft auf der Erde auf der Erdoberfläche läßt sich mit Hilfe
dieses Gesetztes verkürzt darstellen als:

mMErde ~r MErde ~r
F~ (~r) = −G 2 = −m G 2 = m~g (2.1.132)
rErde r rErde r
| {z }
=−~g

D.h. die Erdbeschleunigung entspricht der Näherung des Gravitations-


gesetz am Ort der Erdoberfläche. Die Gravitationskonstante läßt sich auch
experimentell mit einer sog. Gravitationswaage messen. Hierbei werden

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 62
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES

zwei Testmassen an einem Torsionsfaden aufgehängt. Bringt man in die Nähe


dieser Massen weitere große Massen, so wird der Faden durch die Anziehung
der Massen verdrillt. Diese Verdrillung wird über einen Laser und ein klei-
nen Spiegel an dem Torsionsfaden sichtbar gemacht. Dies ist in Abb. 2.1.38
illustriert.

von vorne von oben

Laser

Detektor

Abbildung 2.1.38: Bei einer Gravitationswaage wird die Massenanziehung


über die Verdrillung eines dünnen Fadens sichtbar gemacht. An diesem Fa-
den ist ein Spiegel befestigt über den ein Laserstrahl abgelenkt wird. Dies
macht kleinste Änderungen sichtbar.

Gravitation bei ausgedehnten Körpern


Das Newton’sche Gravitationsgesetz betrachtet zwei Massen in einem Ab-
stand zueinander. Im Falle von zwei ausgedehnten Körpern muß man die
Massenanziehung aller Volumenelemente aufaddieren um die Gravitation die-
ser beiden Körper zu bestimmen. Allerdings kann die Berechnung stark ver-
einfacht werden, wenn man Newtons Kugelschalentheorem verwendet:

• Befindet sich ein Körper außerhalb einer Kugelschale mit


Masse M , so verspürt er eine Gravitationswirkung als sei
diese Masse M im Zentrum der Kugelschale lokalisiert.
• Befindet sich ein Körper innerhalb einer Kugelschale mit
Masse M , so mittelt sich die Gravitationswirkung der Ku-
gelschale heraus und er befindet sich im Inneren in einem
kräftefreien Zustand.

Dieses Theorem wollen wir im folgenden beweisen. Betrachten wir dazu


ein Koordinatensystem, wie es in Abb. 2.1.39 aufgespannt ist. Die Kugelscha-
le habe einen Radius a und eine Dicke da. Daraus schneiden wir eine Scheibe

63 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK

mit dem Radius y und der Dicke dx heraus. Diese Dicke dx ergibt auf der
Kugeloberfläche einen Ring der Breite ds. Die Masse dM dieses Ringes ist:

dM = 2πyρdsda (2.1.133)
mit dx = ds sin ϑ und y = a sin ϑ (siehe Abb.2.1.39) kann man dies aus-
drücken als:

dM = 2πaρdxda (2.1.134)
Der Beitrag dEpot zur potentiellen Energie Epot einer kleiner Masse m am
Ort P im Abstand r von diesem Ring ist:

mdM
dEpot = −G (2.1.135)
r
Wir addieren die potentielle Energie aller ausgeschnitten Ringe durch
Integration über x und erhalten den Ausdruck:
Z a
dx
Epot = −2πρGmda (2.1.136)
x=−a r

Die Integration in dx läßt sich in eine Integration über dr umwandeln


via r2 = y 2 + (R − x)2 und rdr = −Rdx mit R dem Abstand von P zum
Kugelmittelpunkt. Je nach Lage des Ortes P bekommen wir unterschiedliche
Ergebnisse für dieses Integral.

• P außerhalb
Falls der Ort außerhalb der Kugelschale liegt, müssen wir von r = R+a
bis r = R − a integrieren und bekommen:

Z R−a
2πρadam
Epot = G dr (2.1.137)
R r=R+a
| {z }
−2a

mit M = 4πa2 daρ ergibt sich:

mM
Epot = −G (2.1.138)
R
Man sieht, daß die potentielle Energie einer Masse m am Ort P im
Schwerefeld einer Kugelschale nur von der Masse M und dem Abstand
zum Kugelmittelpunkt R abhängt. D.h. die Gravitationswirkung ist

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 64
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES

90q  -
ds
-
da
M ds
- dx
r
y
- m
x x
a 0 a p
dx
r

Abbildung 2.1.39: Gravitationswirkung einer Kugelschale der Dicke da


und Radius a.

identisch mit einer punktförmigen Masse M die im Kugelmittelpunkt


lokalisiert ist!
Dies vereinfacht die Berechnung der Gravitation zwischen ausgedehnten
Körpern sehr stark. Für die Bewegung ist in der Tat ausreichend einfach
Massenpunkte mit unterschiedlichen Massen zu betrachten.

• P innerhalb
Betrachten wir jetzt einen Punkt P innerhalb der Kugelschale. Dadurch
ändern sich die Integrationsgrenzen und wir bekommen:

Z r=a−R
2πρadam
Epot = G dr (2.1.139)
R r=R+a
| {z }
−2R

mit M = 4πa2 daρ ergibt sich:

mM
Epot = −G = const. (2.1.140)
a
Man sieht, daß die potentielle Energie im Innern der Kugel konstant
ist. Nachdem F~ = −gradEpot und Epot =const. gilt, ist ein Körper im

65 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES KAPITEL 2. MECHANIK

Innern der Kugel kräftefrei. Dort heben sich alle Gravitationskräfte


aller Kugelschalenelemente untereinander weg.

F~ = −gradEp = 0 (2.1.141)

Im folgenden wollen wir das Kugelschalentheorem auf die Gravitation im


Innern der Erde anwenden. Betrachten wir dazu die Kraft auf eine Masse m
im Innern der Erde (Radius RE , Masse M ) mit Abstand R zum Zentrum:

m R3
F~ = −G 2 M 3 r̂ (2.1.142)
R RE
Für die Berechnung der Kraft dürfen wir nur die Masse innerhalb einer
gedachten Kugel mit Radius R verwenden. D.h der Anteil der Gesamtmasse
3
ist dabei MKugel = M RR3 . Damit ergibt sich im Innern eine Kraft, die linear
E
vom Erdmittelpunkt aus zunimmt.
m
F~ = −G 3 M Rr̂ (2.1.143)
RE
Außerhalb der Erde ergibt sich das bekannte Gravitationsgesetz mit:
mM
F~ = −G 2 r̂ (2.1.144)
R
Integrieren wir diesen Verlauf der Kraft von ∞ bis zum Ort R, so erhalten
wir die potentielle Energie, wie in Abb. 2.1.40 veranschaulicht. D.h im Innern
nimmt die potentielle Energie quadratisch mit dem Abstand zum Mittelpunkt
zu.

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 66
KAPITEL 2. MECHANIK 2.1. MECHANIK EINES MASSENPUNKTES

x
0 RE p R
&
F
RE
R
R
v 1
v 2
R

Ep RE
R
1
vR 2 v
R

Abbildung 2.1.40: Gravitationskraft auf und potentielle Energie von einer


Masse m im Abstand R vom Mittelpunkt der Erde.

67 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.2. SYSTEME VON MASSENPUNKTEN KAPITEL 2. MECHANIK

2.2 Systeme von Massenpunkten


Im folgenden wollen wir keinen isolierten Massenpunkt betrachten auf den
eine Kraft wirkt, sondern ein System von Teilchen, das in Wechselwirkung
zueinander tritt.

2.2.1 Schwerpunkt
Definieren wir zunächst den sog. Schwerpunkt eines Systems von Teilchen.
Dazu gewichten wir die einzelnen Orte mit den jeweiligen Massen und erhal-
ten bei zwei Teilchen den Schwerpunkt gemäß Abb. 2.2.1 bei:
m2
xs = d (2.2.1)
m1 + m2

m1 xs m2 x

Abbildung 2.2.1: Definition Schwerpunkt in einem Teilchensystem beste-


hend aus zwei Teilchen.

Im allgemeinen erhalten wir bei diskreten Massenpunkten den Ausdruck.

m1 x1 + m2 x2 + m3 x3 + m4 x4 + ... 1 X
xs = = m i xi (2.2.2)
m1 + m2 + m4 + m4 + ... M i
P
mit M = i mi . Für eine beliebige Dichteverteilung im Ortsraum be-
kommen wir:
Z
1
xs = xdm (2.2.3)
M

2.2.2 Kraft und Impuls


Wie verhält sich ein System von Teilchen unter dem Einfluss von äußeren
Kräften? Stellen wir uns zwei Teilchen vor, die untereinander in Wechsel-
wirkung stehen, wie zum Beispiel bei einem Stoßprozeß harter Kugeln. Es

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 68
KAPITEL 2. MECHANIK 2.2. SYSTEME VON MASSENPUNKTEN

besteht die Behauptung, daß die äußeren Kräfte Fef f einer Beschleunigung
der Gesamtmasse M, bzw. des Schwerpunktes entsprechen. Betrachten wir
zunächst zwei Körper. Der Ort des Schwerpunktes ist:

M~rs = m1~r1 + m2~r2 (2.2.4)


Die erste Ableitung liefert die Geschwindigkeit des Schwerpunktes zu:

M~vs = m1~v1 + m2~v2 (2.2.5)

vs vs

m1 m2 m1 m2
Vor dem Stoß Nach dem Stoß

Abbildung 2.2.2: Beim Stoß zweier Teilchen bleibt die Schwerpunktsge-


schwindigkeit gleich.

Noch eine weitere zeitliche Ableitung liefert die Beschleunigung des


Schwerpunktes. Auf der rechten Seite stehen die Kräfte die auf die beiden
Massenpunkte wirken.

M~as = m1~a1 + m2~a2 = F~1 + F~2 (2.2.6)


Falls es keine äußeren Kräfte gibt muß nach dem dritten Newton’schen
Axiom gelten F~1 = −F~2 . D.h. M~as = 0. D.h. in einem isolierten System
(ohne äußere Kräfte) ist die Beschleunigung des Schwerpunkte gleich Null.
Dies ist in Abb. 2.2.2 verdeutlicht, bei dem zwei Körper miteinander stoßen
und gemäß der Impuls- und Energieerhaltung ihre Geschwindigkeiten ändern.
Der Schwerpunkt selber bewegt sich allerdings gleichförmig weiter.
Mit einer äußeren Kraft, beobachtet man eine entsprechende Beschleuni-
gung des Schwerpunktes unseres Teilchensystems. Als Beispiel dient hier eine
Silvesterrakete. Durch die Explosion zerfällt diese in viele kleine Teile, für die
allerdings alle actio=reactio gilt. Die Rakete ist ein abgeschlossenes System
und die Bewegung des Schwerpunktes ändert sich nicht durch die Explosion!
Analog zu der äußeren Kraft betrachten wir den Impuls eines Teilchen-
systems. Für jedes Teilchen ist der Impuls definiert als:

p~ = m~v (2.2.7)

69 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.2. SYSTEME VON MASSENPUNKTEN KAPITEL 2. MECHANIK

bzw. für zwei Teilchen:

p~ = p~1 + p~2 (2.2.8)


mit M~vs = m1~v1 + m2~v2 ergibt sich

p~ = M~vs (2.2.9)
d.h. der Gesamtimpuls ist Gesamtmasse mal Schwerpunktsgeschwindig-
keit in unserem Teilchensystem. Die Änderung des Gesamtimpulses ist die
äußere Kraft:

d~p ~vs
= M = M~as = F~ef f (2.2.10)
dt dt
Auch hier gilt, falls keine äußere Kraft wirkt, daß die zeitliche Ableitung
des Gesamtimpulses gleich Null ist. Der Gesamtimpuls ist eine Konstante
der Teilchenbewegungen. Man spricht von Impulserhaltung. Diese Impul-
serhaltung wollen wir am Beispiel einer Rakete, wie in Abb. 2.2.3 illustriert.
Eine Rakete stößt Treibstoff aus, der Gesamtimpuls bleibt allerdings er-
halten. Vor dem Ausstoßen des Treibstoffs hat die Rakete eine Masse M und
eine Geschwindigkeit v. Nach dem Ausstoßen eines Massenelements dM hat
sich die Geschwindigkeit auf v + dv erhöht. Das ausgestoßene Massenelement
selbst bewegt sich mit der Geschwindigkeit u, die etwas langsamer als v + dv
ist. Die Impulsbilanz vor und nach dem Ausstoßen des Treibstoffs ist:

&
v
M dM M  dM

& &
& v  dv
u

Abbildung 2.2.3: Beispiel: Beschleunigung einer Rakete.

M v = dM u + (M − dM )(v + dv) (2.2.11)


Wir führen die Austoßgeschwindigkeit als die Relativgeschwindigkeit vrel
gegeben durch die Differenz von u und v + dv ein:

u − (v + dv) = vrel (2.2.12)

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 70
KAPITEL 2. MECHANIK 2.2. SYSTEME VON MASSENPUNKTEN

Nachdem u kleiner ist als v + dv ist vrel hier zunächst eine negative Zahl.
Wir erhalten den Ausdruck:
M v = dM (vrel + v + dv) + (M − dM )(v + dv) (2.2.13)
der sich vereinfacht zu:

0 = dM vrel + M dv (2.2.14)
Wir teilen beide Seiten durch dt und bekommen FRakete . An dieser Stelle
gilt es allerdings zu beachten, daß wir als Massenelemente dM in gleichwerti-
ger Weise, die Änderung der Raketenmasse als auch die Änderung der ausge-
stoßenen Gasmasse benutzt haben. Dies ist zulässig, da dMGas = dMRakete .
Allerdings ist die zeitliche Änderung unterschiedlich, da die Masse des aus-
gestoßenen Gases zunimmt und die der Rakete abnimmt, d.h. dMdtGas =
− dMRakete
dt
. Demzufolge müssen wir bei der Division von Gl. 2.2.14 durch dt
die Vorzeichen genau beachten: falls wir als dM grundsätzlich die Masse der
Rakete definieren und vrel als positive Geschwindigkeit, bekommen wir für
FRakete :
dM dv
− vrel = M = FRakete (2.2.15)
dt dt
Die Gleichung
dM dv
− vrel = M (2.2.16)
dt dt
setzt den Treibstoffverbrauch dM dt
mal Ausströmgeschwindigkeit in Bezug
zur Beschleunigungskraft M dv dt
. Die Abhängigkeit der Geschwindigkeit von
der Massenänderung läßt sich aus der Differentialgleichung 2.2.14
dM
dv = −vrel (2.2.17)
M
lösen. Durch Integration bekommen wir
Z v2 Z M2
dM M2
dv = −vrel = −vrel ln (2.2.18)
v1 M1 M M1
als Endergebnis:
M2
v2 − v1 = −vrel ln (2.2.19)
M1
D.h. die Endgeschwindigkeit hängt logarithmisch von dem Verhältnis aus
Anfangsmasse M1 und Endmasse M2 ab (Nachdem gilt M2 < M1 ist der
Logarithmus negativ).

71 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.2. SYSTEME VON MASSENPUNKTEN KAPITEL 2. MECHANIK

2.2.3 Stoßprozesse
Im folgenden wollen wir Stoßprozesse näher untersuchen. Betrachten wir dazu
zwei Körper A und B, die miteinander stoßen und dabei Energie und Impuls
austauschen (siehe Abb. 2.2.4). Nach dem Stoß wird der Körper A um den
Winkel Θ abgelenkt, während der Körper B unter einem Winkel ϑ angestoßen
wird. Für diese Stoßprozesse gelten mehrere Erhaltungssätze:

Erhaltungssätze
Betrachten wir den Impuls vor (ungestrichene Größen) und nach dem Stoß-
prozeß (gestrichene Größen). Nachdem wir ein isoliertes System betrachten
und somit keine äußeren Kräfte wirken, ist die Summe der Impulse vor und
nach dem Stoß identisch. Die Impulserhaltung lautet:

p~1 + p~2 = p~01 + p~02 (2.2.20)


Die Impulserhaltung in einem geschlossenen System gilt grundsätzlich.

&
m1v1 '
&
m1v1 T
A B &
m2 v2 '

Abbildung 2.2.4: Stoß zwischen zwei Teilchen. B ruht vor dem Stoß.

Für die kinetische Energie vor und nach dem Stoß können wir folgende
Bilanz aufstellen. Hierbei betrachten wir die Teilchen vor dem Stoß unendlich
voneinander entfernt, d.h. die potentielle Energie der Wechselwirkung sei
Null. Diese Energieerhaltung ergibt:

1 1 1 2 1 2
m1 v12 + m2 v22 = m1 v 0 1 + mv 0 2 − Q (2.2.21)
2 2 2 2
Der Wert für Q entscheidet unterschiedliche Arten von Stoßprozessen:

• Q = 0, elastische Stöße

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 72
KAPITEL 2. MECHANIK 2.2. SYSTEME VON MASSENPUNKTEN

Falls Q = 0 gilt, handelt es sich um elastische Stöße. D.h. die kinetische


Energie in dem Stoßprozeß ist eine Erhaltungsgröße.

• Q < 0, inelastische Stöße


Falls Q < 0 gilt, handelt es sich um inelastische Stöße. D.h. die ki-
netische Energie nach dem Stoßprozeß ist kleiner als vor dem Stoß.
Ein Teil der Bewegungsenergie wird bei einem inelastischen Stoß in in-
terne Anregung der Stoßpartner umgewandelt. Zum Beispiel können
bei einem Stoßprozeß von zwei Molekülen, diese in Schwingung oder
Rotation versetzt werden. Beides entspricht inneren Anregungen der
Stoßpartner.

• Q > 0, superelastische Stöße


Falls Q > 0 gilt, handelt es sich um superelastische Stöße. D.h. die ki-
netische Energie nach dem Stoßprozeß ist größer als vor dem Stoß. Ein
Teil der internen Anregung der Stoßpartner wird bei einem superela-
stischen Stoß in Bewegungsenergie umgewandelt. Zum Beispiel können
bei einem Stoßprozeß von zwei Molekülen, die sich in Schwingung oder
Rotation befinden, sich die Moleküle nach dem Stoß schneller bewegen.
Dafür schwingen bzw. rotieren sie dann nicht mehr.

Für diese Betrachtung von Stoßprozessen ist wichtig, daß die Impulser-
haltung immer gilt, während die Erhaltung der kinetischen Energie nur bei
elastischen Stößen gültig ist.
Schließlich haben wir noch die Drehimpulserhaltung in einem System,
in dem keine äußeren Kräfte wirken. Der Gesamtdrehimpuls bei zwei Teilchen
ist gegeben als (siehe Abb. 2.2.5):

~ = ~r1 × p~1 + ~r2 × p~2


L (2.2.22)
Die Änderung des Drehimpulses mit der Zeit ist:

~ µ ¶ µ ¶
dL dp~1 d~p2
= ~r1 × + ~r2 × (2.2.23)
dt dt dt
¡ ¢
Die Terme dt~r × p~ fallen weg, da das Kreuzprodukt aus Zeitableitung
von ~r und p~ Null ist (wegen d~
r
dt
= ~v k~p = m~v ). Dies läßt sich schreiben als:

dL~ ³ ´ ³ ´
= ~r1 × F~1 + ~r2 × F~2 (2.2.24)
dt
Die Ausdrücke auf der rechten Seite entsprechen einem Drehmoment.
Dieses Drehmoment ist definiert als:

73 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.2. SYSTEME VON MASSENPUNKTEN KAPITEL 2. MECHANIK

~ = ~r × F~
D (2.2.25)

& &
r1 v1
&
& F1
r2
&
F2
&
v2

Abbildung 2.2.5: Für die Bewegung eines Teilchens läßt sich immer ein
~ 1 = ~r1 × p~1 . In einem ab-
Drehimpuls bezüglich eines Punktes definieren: L
geschloßenen System ist der Gesamtdrehimpuls eine Erhaltungsgröße.

Hat man ein System aus zwei Körpern, die in Wechselwirkung zueinander
stehen muß gelten F~1 = −F~2 . Dadurch vereinfacht sich Gl. 2.2.24 zu:

dL~
= (~r2 − ~r1 ) × F~2 (2.2.26)
dt
Nachdem (~r2 − ~r1 ) gleich dem Verbindungsvektor zwischen den beiden
Massenpunkten entspricht ist der Vektor F~2 parallel zu (~r2 − ~r1 ) und das
Kreuzprodukt wird Null. D.h. in einem abgeschlossenen System muß gelten:

~
dL
=0 ~ const.
L= (2.2.27)
dt
D.h. der Gesamtdrehimpuls in einem Teilchensystem bleibt konstant und
ist Erhaltungsgröße. Während die Erhaltung des Gesamtimpulses ein Aus-
druck für die gleichförmige Translation des Schwerpunktes ist, ist die Er-
haltung des Drehimpulses ein Ausdruck für die gleichförmige Rotation eines
Systems von Massenpunkten um den Schwerpunkt.

Beispiele für Stoßprozesse


Betrachten wir als Illustration für die Anwendung der Erhaltungssätze das
eindimensionale Beispiel von zwei Wagen, wobei der Wagen 1 (Geschwindig-
keit v1 ) auf den ruhenden Wagen 2 auffährt. Wir wollen drei Fälle unter-
scheiden, die Stöße seien jeweils elastisch. Nach dem Stoß hat der Wagen 1

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 74
KAPITEL 2. MECHANIK 2.2. SYSTEME VON MASSENPUNKTEN

die Geschwindigkeit v10 und der Wagen 2, v20 . Die Größen vor und nach dem
Stoß sind jeweils ungestrichen und gestrichen.

• Beide Wagen gleich schwer


Zunächst gelten im eindimensionalen Impuls- und Energieerhaltung:

v1 = v10 + v20 (2.2.28)


2 2
v12 = v 0 1 + v 0 2 (2.2.29)
(2.2.30)

Aus der Impulserhaltung bekommen wir v10 = v1 − v20 . Eingesetzt in die


Energieerhaltung ergibt sich:

2 2 2 2
v12 = (v1 − v20 ) + v 0 2 = v12 − 2v1 v 0 2 + v 0 2 + v 0 2 (2.2.31)

bzw.

2
0 = −2v1 v20 + 2v 0 2 (2.2.32)

Als Endergebnis bekommt man die Geschwindigkeiten nach dem Stoß


zu:

v20 = v1 v10 = 0 (2.2.33)

D.h. der erste Wagen bleibt stehen, während der zweite Wagen mit der
Geschwindigkeit des ersten Wagens weiterläuft.

• Wagen 2 doppelt so schwer wie Wagen 1


Zunächst gelten im eindimensionalen Impuls- und Energieerhaltung:

v1 = v10 + 2v20 (2.2.34)


2 2
v12 = v 0 1 + 2v 0 2 (2.2.35)
(2.2.36)

Aus der Impulserhaltung bekommen wir v10 = v1 − 2v20 . Eingesetzt in


die Energieerhaltung ergibt sich:

75 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.2. SYSTEME VON MASSENPUNKTEN KAPITEL 2. MECHANIK

2 2 2 2
v12 = (v1 − 2v20 ) + 2v 0 2 = v12 − 4v1 v 0 2 + 4v 0 2 + 2v 0 2 (2.2.37)

bzw.

2
0 = −4v1 v20 + 6v 0 2 (2.2.38)

Als Endergebnis bekommt man die Geschwindigkeiten nach dem Stoß


zu:

2 1
v20 = v1 v10 = − v1 (2.2.39)
3 3
D.h. der erste Wagen kommt mit einem Drittel der Geschwindigkeit
zurück, während der zweite Wagen mit zwei Drittel der Geschwindigkeit
des ersten Wagens weiterläuft.

• Wagen 1 doppelt so schwer wie Wagen 2


Zunächst gelten im eindimensionalen Impuls- und Energieerhaltung:

2v1 = 2v10 + v20 (2.2.40)


2 2
2v12 = 2v 0 1 + v 0 2 (2.2.41)
(2.2.42)

Aus der Impulserhaltung bekommen wir v10 = v1 − 21 v20 . Eingesetzt in


die Energieerhaltung ergibt sich:

µ ¶2 µ ¶
1 2 1 02 2
2v12 = 2 v1 − v20 + v02 =2 v12 − v1 v 2 + v 2 + v 0 2
0
(2.2.43)
2 4

bzw.

3 2
0 = −2v1 v20 + v 0 2 (2.2.44)
2
Als Endergebnis bekommt man die Geschwindigkeiten nach dem Stoß
zu:

4 1
v20 = v1 v10 = v1 (2.2.45)
3 3
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 76
KAPITEL 2. MECHANIK 2.2. SYSTEME VON MASSENPUNKTEN

D.h. der erste Wagen fährt mit einem Drittel der Geschwindigkeit wei-
ter, während der zweite leichtere Wagen mit vier Drittel der Geschwin-
digkeit des ersten Wagens davon läuft.

• zentraler, elastischer Stoß


Betrachten wir einen zentralen Stoß im Laborsystem, bei dem der Stoß-
partner 2 sich zunächst in Ruhe befindet (v2 = 0). Für die Impuls- und
Energiebilanz bekommen wir:

m1 v1 + m2 v2 = m1 v 0 1 + m2 v 0 2 (2.2.46)
1 1 1 2 1 2
m1 v12 + m2 v22 = m1 v 0 1 + m2 v 0 2 (2.2.47)
2 2 2 2

Daraus lassen sich die Geschwindigkeiten nach dem Stoß ausrechnen


mit:

m1 − m2 2m2
v01 = v1 v02 = v1 (2.2.48)
m1 + m2 m1 + m2

Die übertragene Energie ∆E ist die Bewegung des Körpers 2 nach dem
Stoß. Man bekommt:

1 2 2m21 m2 m1 m2
∆Ekin = m2 v 0 2 = 2
2 v1 = 4 E1 (2.2.49)
2 (m1 + m2 ) (m1 + m2 )2
Dieser Energieübertrag wird maximal, wenn die Massen der beiden
Stoßpartner gleich ist!

• zentraler, inelastischer Stoß


Betrachten wir denselben Stoß, diesmal aber als komplett inelastischen
Fall, d.h. beide Stoßpartner verbinden sich beim Stoß und fliegen als
gemeinsamer Körper weiter (siehe Abb. 2.2.6). Die Schwerpunktsge-
schwindigkeit bleibt wegen der Allgemeingültigkeit der Impulserhal-
tung bestehen. D.h. man bekommt:

m1 v1 + m2 v2
vs = (2.2.50)
m1 + m2
Die Differenz der kinetischen Energie nach dem Stoß und vor dem Stoß
ist gegeben als Q:

77 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.2. SYSTEME VON MASSENPUNKTEN KAPITEL 2. MECHANIK

1 1¡ ¢
Q= (m1 + m2 ) vs2 − m1 v12 + m2 v22 (2.2.51)
2 2
bzw.

1 m1 m2 1 2
Q=− (v1 − v2 )2 = − µv12 (2.2.52)
2 (m1 + m2 ) 2
Man erkennt, daß die Relativenergie als die kinetische Energie im
Schwerpunktsystem umgewandelt wird in innere Energie Q. Nach dem
Stoß ist die Relativgeschwindigkeit gleich Null.

m1v1 m2 v2 m1  m2 ˜ vs

Abbildung 2.2.6: Komplett inelastischer Stoß.

Als Beispiel für die Anwendung des komplett inelastischen Stoßes sei
das ballistische Pendel genannt (siehe Abb. 2.2.7). Hier trifft ein Ge-
schoß der Masse m und Geschwindigkeit v auf eine schwere Masse M
und bleibt dort stecken. Diese schwere Masse ist als Pendel aufgehängt.
Die Bewegungsenergie des Geschosses überträgt sich nach der Impul-
serhaltung auf die Bewegungsenergie des schweren Körpers (Geschwin-
digkeit V ). D.h. die Impulsbilanz lautet:

mv = (m + M )V (2.2.53)
Die kinetische Energie des schweren Körpers führt zu einer Auslenkung
des Pendels, das gegen die Schwerkraft Arbeit verrichten kann. Die ki-
netische Energie des Körpers wird in potentielle Energie umgewandelt.
D.h. am Umkehrpunkt des Pendels muß gelten (siehe Abb. 2.2.7):

1
(m + M )V 2 = (m + M )gh (2.2.54)
2
wenn h die Höhe der Pendelauslenkung im Umkehrpunkt bezeichnet.
Aus dieser Impuls- und Energiebilanz läßt sich die Geschwindigkeit des
Geschosses v bestimmen zu:

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 78
KAPITEL 2. MECHANIK 2.2. SYSTEME VON MASSENPUNKTEN

m &
v h
M ˜v

Abbildung 2.2.7: Ballistisches Pendel.

m+Mp
v= 2gh (2.2.55)
m

Bevor es explizite Möglichkeiten gab die Geschwindigkeit schneller


Körper zu messen (z.B. Lichtschranken), war das ballistische Pendel ei-
ne sehr gebräuchliche Methode. Durch das Verhältnis der Massen wurde
eine sehr hohe Geschwindigkeit v in eine sehr langsame Geschwindigkeit
V herunter transformiert.

2.2.4 Streuung
Schwerpunkt- und Laborsystem

Für die Beschreibung von Streuung ist es zweckmäßig ein Bezugssystem zu


wählen, dessen Schwerpunkt in Ruhe bleibt. Nachdem Stoßprozesse in ei-
nem isolierten System die gleichförmige Bewegung des Schwerpunktes nicht
ändern verwendet man ein ausgezeichnetes Bezugssystem, das sich mit dem
Schwerpunkt gleichförmig mit bewegt, das Schwerpunktsystem. Dies läßt
sich aus einem Stoßprozeß im Laborsystem konstruieren indem man von je-
dem Geschwindigkeitsvektor den Vektor der Schwerpunktsgeschwindigkeit
abzieht, wie in Abb. 2.2.8 illustriert. Man erkennt, daß vor aber auch nach
dem Stoß, die Teilchen sich kollinear zueinander bewegen und nur ein einziger
Streuwinkel den Stoßprozeß beschreibt. Der Impuls vor und nach dem Stoß
im Schwerpunktsystem ist gleich 0, da der Schwerpunkt sich ja nicht bewegt!
Die kinetische Energie im Schwerpunktsystem läßt sich berechnen, wenn
man die Geschwindigkeiten durch den entsprechend verschobenen Vektor
~v1s = ~v1 − ~vs ersetzt:

79 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.2. SYSTEME VON MASSENPUNKTEN KAPITEL 2. MECHANIK

&
vs v1 '
v1s '
& Ts
v1 v1 T v1s v2 s
x B
A A - A B
&
v2 ' v2s '
vs

Laborsystem SP-System

Abbildung 2.2.8: Übergang vom Labor- ins Schwerpunktsystem.

1¡ 2 2
¢ 1
Ekin = m1 v1s + m2 v2s + (m1~v1s + m2~v2s ) ~vs + (m1 + m2 ) vs2 (2.2.56)
2 | {z } 2
=0

Wegen der Impulserhaltung im Schwerpunktsystem fällt der mittlere


Term weg und man bekommt schließlich zwei Anteile der kinetischen Energie:
die Bewegung der einzelnen Massenpunkte und die Bewegung des Schwer-
punktes selbst.
1
Ekin = Ekin,S + M vs2 (2.2.57)
2
Betrachten wir jetzt die Kräfte die in einem Stoßprozeß wirken.

d~v1 F~12 d~v2 F~21


= = (2.2.58)
dt m1 dt m2
mit dem dritten Newton’ schen Axiom gegeben als F~12 = −F~21 ergibt
sich:
µ ¶
d 1 1
(~v1 − ~v2 ) = + F~12 (2.2.59)
dt m1 m2
Wir definieren die Relativgeschwindigkeit der beiden Teilchen als ~v12 =
(~v1 − ~v2 ).

d~v12 m1 + m2 ~
= F12 (2.2.60)
dt m1 m2
bzw.

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 80
KAPITEL 2. MECHANIK 2.2. SYSTEME VON MASSENPUNKTEN

m1 m2 d~v12
F~12 = (2.2.61)
m + m dt
| 1 {z 2}
µ

Dies läßt sich als Bewegungsgleichung eines einzigen Teilchens darstellen,


wenn wir mit µ die sog. reduzierte Masse einführen. Man bekommt:

d~v12
F~12 = µ (2.2.62)
dt
D.h. die Bewegung zweier Körper läßt sich formal als die Bewegung eines
einzigen Körpers mit der reduzierten Masse µ und der Relativgeschwindigkeit
~v12 lösen. Die kinetische Energie in dieser Beschreibungsform ist
X1 1
2
Ekin |S = mi vis − M vs2 (2.2.63)
i
2 2
1
P
Mit vs = M i mi vis ergibt sich:
1 2
Ekin |S = µv12 (2.2.64)
2
D.h. die kinetische Energie im Schwerpunktsystem ist formal durch die
Bewegung der reduzierten Masse mit der Relativgeschwindigkeit charakteri-
siert.

Das Streuproblem (Vertiefung)


Was lernt man jetzt aus Experimenten an denen zwei Teilchen aneinander ge-
streut werden? Betrachten wir dazu noch einmal die Streuung zweier Teilchen
im Schwerpunktsystem. Es herrsche zum Beispiel eine abstoßende Wechsel-
wirkung und die Trajektorien der einzelnen Teilchen sehen wie in Abb. 2.2.9
aus.
Wie für jeden elastischen Streuprozeß gelten Energie- und Impulserhal-
tung. Diese Erhaltungssätze betrachten aber nur die Situation vor- und nach
dem Stoß, bei dem die Teilchen unendlich voneinander entfernt sind. Die
genaue Trajektorie bei dem Stoß selber entscheidet aber, wie groß die Wahr-
scheinlichkeit ist, daß ein Teilchen genau in eine bestimmte Richtung gestreut
wird. Die Größe nach der in dieser Situation die Trajektorien unterschieden
werden können ist der sogenannte Stoßparameter b (siehe Abb. 2.2.7).
Je kleiner der Stoßparameter, desto näher kommen sich die Teilchen, wie in
Abb. 2.2.10 illustriert. Für kleine Stoßparameter erfolgen in einem repulsiven
Potential große Ablenkwinkel.

81 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.2. SYSTEME VON MASSENPUNKTEN KAPITEL 2. MECHANIK

A Ts

b r1 r2
SP
B

Abbildung 2.2.9: Streuung im Schwerpunktsystem.

Abbildung 2.2.10: Typische Trajektorien in einem repulsiven Potential in


Abhängigkeit vom Stoßparameter.

Den Zusammenhang zwischen Stoßparameter und Ablenkwinkel wollen


wir an einem einfachen und einem komplizierten Beispiel analysieren:

• Stoß harter Kugeln


Betrachten wir zunächst den Stoß zweier harter Kugeln. Dazu betrach-
ten wir die Geometrie wie in Abb. 2.2.9 gezeigt. Aus der Zeichnung
können wir ablesen, daß für den Fall m2 À m1 gelten muß:

b = (r1 + r2 ) cos α (2.2.65)

Falls die Massen m1 und m2 vergleichbar sind, würde man zunächst in


das Schwerpunktsystem transformieren, dort den Zusammenhang zwi-
schen Stoßparameter und Ablenkwinkel bestimmen und danach diese
Abhängigkeit wieder in das Laborsystem zurück transformieren.

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 82
KAPITEL 2. MECHANIK 2.2. SYSTEME VON MASSENPUNKTEN

Für m2 À m1 ergibt sich der Streuwinkel Θ zu:

b
Θ(b) = 2 arccos (2.2.66)
r1 + r2

v1 '

m1 D
v1 D
D
r1 D r2 m2 !! m1

m2

Abbildung 2.2.11: Streuung zweier harter Kugeln aneinander. Hierbei sei


m2 À m1 , d.h. die Kugel mit Masse m2 nimmt nur sehr wenig Energie auf.

• Streuung in einem beliebigen Potential


Für die Streuung in einem beliebigen zentral-symmetrischen Potential
betrachten wir die Streuebene wie in Abb. 2.2.12 gezeigt. Ein Teilchen
solle in einem abstoßenden Potential mit einem Stoßparameter b auf
den Streupartner stoßen und wird dabei um einen Winkel Θ im Schwer-
punktsystem abgelenkt. Es ist zweckmäßig die Bewegung der Teilchen
in Polarkoordinaten anzuzeigen. D.h. der Ort eines Teilchens ist durch
den Abstand der beiden Teilchen r und einen Winkel ϕ charakterisiert.
Die Relativgeschwindigkeit ~v12 , kann dann in einen radialen Anteil vk
und einen Winkelanteil v⊥ aufgeteilt werden:

vk = ṙ (2.2.67)

v⊥ = ωr = r = rϕ̇ (2.2.68)
dt

Mit der kinetischen Energie im Unendlichen E0 benutzen wir den Ener-


giesatz der Mechanik im Schwerpunktsystem und bekommen:

83 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.2. SYSTEME VON MASSENPUNKTEN KAPITEL 2. MECHANIK

vA &
v0 v12
v|| r
b
M T

Abbildung 2.2.12: Die Streuung an einem Potential läßt sich als die Bewe-
gung eines Teilchens der Masse µ im Abstand r zum Stoßpartner mit einer
Relativgeschwindigkeit v12 beschreiben. Es ist zweckmäßig dafür Polarkoor-
dinaten r und φ zu benutzen sowie die jeweiligen Geschwindigkeiten parallel
zu r vk und senkrecht zur r v⊥ .

1 2
E0 = µv12 + V (r) (2.2.69)
2
D.h. die Energie E0 teilt sich zwischen der kinetischen Energie im
Schwerpunktsystem und der potentiellen Energie V (r) (=zentralsym-
mertisches Potential) auf. Die Relativgeschwindigkeit v12 in Polarkoor-
dinaten ist v12 = vr + vt bzw. die Energie:

1 ¡ ¢
E0 = µ ṙ2 + r2 ϕ̇2 + V (r) (2.2.70)
2
Der Betrag des Drehimpulses im Unendlichen ist:

L = µr sin ϕv0 = µv0 b (2.2.71)

Mit v0 der Relativgeschwindigkeit im Unendlichen. An einem beliebigen


Ort während der Streuung unter Verwendung der Geschwindigkeit v⊥
senkrecht zu r bekommt man:

L = µrv⊥ = µr2 ϕ̇ (2.2.72)

D.h. wegen der Drehimpulserhaltung muß gelten:

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 84
KAPITEL 2. MECHANIK 2.2. SYSTEME VON MASSENPUNKTEN

µr2 ϕ̇ = v0 b (2.2.73)

Wir können φ̇ in Gl. 2.2.70 einsetzen und bekommen:

" µ ¶2 #1/2
V (r) b
ṙ = v0 1− − (2.2.74)
E0 r

Wir haben jetzt zwei Gleichungen 2.2.73 und 2.2.74, die die Bewegung
der beiden Teilchen als die Bewegung einer reduzierten Masse µ am
Ort r unter dem Winkel φ beschreiben. Die explizite Zeitableitung in-
teressiert nicht und mit

dϕ dϕ 1 1
= dr
= ϕ̇ (2.2.75)
dr dt dt ṙ

bekommt man aus dϕ dr


eine Differentialgleichung für ϕ(r). Diese löst
man durch Integration mit den entsprechenden gültigen Grenzen für r
[rmin → ∞] und ϕ [0 → π − Θ]. Mit der Annahme, daß V (r) ∝ 1/r
und mit rmin als dem minimal möglichen Abstand der beiden Teilchen
erhält man schließlich:

1 Θ
b= cot (2.2.76)
2 2
D.h. für einen Stoßparameter b = 0 bekommen wir wieder
Rückstreuung, d.h. Θ = π.

Typische Verläufe für die Abhängigkeit des Streuwinkels von dem Stoß-
parameter sind in Abb. 2.2.13 gezeigt. Für ein Experiment bedeutet dies, daß
unterschiedliche Stoßparameter zu unterschiedlichen Ablenkwinkel führen
und daß dieser Zusammenhang stark von der Art der Wechselwirkung
abhängt. Diese Abhängigkeit findet auch ihren Ausdruck in der Wahrschein-
lichkeit unterschiedlicher Streuereignisse. D.h. durch eine Messung dieser Ver-
teilung läßt sich auf die Natur der Wechselwirkung schließen.
Die Analyse von Streuereignissen ist eine ganz wesentliche Experimentier-
technik in der Physik. In jedem Streuprozeß ist ein streuendes Teilchen eine
Sonde, die das Wechselwirkungspotential vermisst. Durch ein Vergleich zwi-
schen Messung und Vorhersage kann aus einem Streuexperimente die Form
des Wechselwirkungspotentials bestimmt werden. Klassisches Beispiel ist die
Rutherfordstreuung als die Streuung sehr schneller Heliumkerne an Atomen.

85 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.2. SYSTEME VON MASSENPUNKTEN KAPITEL 2. MECHANIK

T T
S S harte Kugel 
Potential
1
 Potential
r

b 1 b r1  r2

Abbildung 2.2.13: Abhängigkeit des Streuwinkels vom Stoßparameter für


den Stoß zweier Teilchen für die ein 1/r-Potential gilt und für den Stoß
zweier harter Kugeln.

Rutherford konnte zeigen, daß diese Streuereignisse durch ein einfaches absto-
ßendes Potential, das im Kern des Atoms lokalisiert ist, beschreibbar waren.
Er entdeckte den Atomkern (Wäre die Masse der Atome homogen auf das
Volumen eines Atoms verteilt, hätte sich eine andere Verteilung der Streuer-
eignisse ergeben).

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 86
KAPITEL 2. MECHANIK 2.3. BEZUGSSYSTEME

2.3 Bezugssysteme
Bezugssysteme spielen eine große Rolle in der Physik, da sie ein Koordinaten-
system für die Naturbeobachtung vorgeben. Im einfachsten Fall kann dieses
Bezugssystem ruhend sein oder sich gleichförmig bewegen. Führt man zum
Beispiel ein Experiment in Ruhe durch oder in einem sich gleichmäßig bewe-
genden Zug, so ist der Ausgang des Experimentes immer gleich. Wird dieses
Bezugssystem allerdings beschleunigt, so treten zusätzliche Kräfte auf, die
eben durch diese Beschleunigung des Koordinatensystems selbst hervorgeru-
fen werden.
Weiterhin treten in der Physik oft Fälle auf, in denen ein Beobachter au-
ßerhalb des Bezugssystem steht und ein sich bewegendes System beobachtet.
Auch dann ist es wichtig, daß der ruhende Beobachter die Physik in dem sich
bewegenden System richtig beschreiben kann. Dies soll an drei Beispielen
erläutert werden:

2.3.1 Galilei-Transformation
Stellen wir uns ein Bezugssystem vor, das sich mit konstanter Geschwindig-
keit ~u bewegt. Beispiel sei ein Zug. Ein Beobachter im ruhenden System des
Bahnsteiges sieht für den Ort ~r eines Gegenstandes im sich bewegenden Zug
wie:

~r = r~0 + ~ut (2.3.1)

z z´

&
r &
rc
x x´

„Bahnsteig“ „im Zug“

Abbildung 2.3.1: Der Ort ~r im Ruhesystem und ~r0 im bewegten Bezugs-


system.

Der Beobachter im Zug sieht den Ort ~r0 . Die Ableitung von Gl. 2.3.1 nach
der Zeit ergibt die Geschwindigkeit:

~v = v~0 + ~u (2.3.2)

87 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.3. BEZUGSSYSTEME KAPITEL 2. MECHANIK

Eine weitere Ableitung ergibt die Beschleunigung:

~a = a~0 (2.3.3)

D.h. die Beschleunigung vom Bahnsteig aus gesehen (~a) wie auch für den
Beobachter im Zug (a~0 ) sind gleich. D.h ein Beobachter kann nicht entschei-
den, ob er sich in einem sich gleichförmig bewegenden System befindet oder
nicht. Diese Systeme bezeichnet man auch als Inertialsysteme.
Betrachten wir diese Galilei-Transformation am Beispiel des freien Falls
von einer Höhe h in negative z-Richtung in einem Zug, der mit Geschwin-
digkeit u in x-Richtung vorbeifährt (siehe Abb. 2.3.1). Ein Beobachter vom
Bahnsteig aus wird eine Wurfparabel beobachten. Für ihn überlagert sich die
gleichförmige Bewegung in x-Richtung mit der beschleunigten Bewegung in
z-Richtung. D.h. er beobachtet:

x = ut (2.3.4)
1
z = h − gt2 (2.3.5)
2

Durch die Galilei-Transformation können wir uns in das gleichförmig be-


wegte Bezugssystem begeben und bekommen in den Koordinaten im Zug:

x0 = 0 (2.3.6)
1
z 0 = h − gt02 (2.3.7)
2

In beiden Systemen beobachten wir dieselbe Physik des freien Falls.

z x u ˜t z´ xc { 0
1 1 2
z h  gt 2 zc h  gt
2 2

x x´

Abbildung 2.3.2: Der freie Fall im Ruhesystem und im bewegten Bezugs-


system.

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 88
KAPITEL 2. MECHANIK 2.3. BEZUGSSYSTEME

2.3.2 Beschleunigte Bezugssysteme


geradlinig beschleunigtes Bezugssystem
Falls das sich bewegenden System mit ~aSystem beschleunigt wird (d.h. der
Zug fährt an), bekommen wir:

1
~r = r~0 + ~ut + ~aSystem t2 (2.3.8)
2
Die Ableitung von Gl. 2.3.8 nach der Zeit ergibt die Geschwindigkeit:

~v = v~0 + ~u + ~aSystem t (2.3.9)


eine weitere Ableitung ergibt die Beschleunigung:

~a = a~0 + ~aSystem (2.3.10)


D.h. der Beobachter im Zug (~a0 ) sieht eine Beschleunigung, die sich aus
zwei Anteilen zusammensetzt, einer Beschleunigung durch eine wirkende
Kraft (~a) und eine Beschleunigung des Bezugssystem (aSystem ) selbst.
Nehmen wir an, daß der Beobachter vom Bahnsteig keine Beschleunigung
des Körpers beobachtet, also ~a = 0. Der Beobachter im Zug muß allerdings
annehmen, daß der Körper mit ~a0 = −~aSystem beschleunigt wird. Auf den
Körper wirkt eine Scheinkraft, die Trägheitskraft. D.h. läßt zum Beispiel
der Beobachter im Zug einen Körper fallen, so wird er sich im Moment des
Anfahrens des Zuges von ihm weg bewegen.

rotierendes Bezugssystem
Das prominenteste rotierende Bezugssystem ist unsere Erde, die sich in 24
Stunden einmal um sich selbst dreht. Wie ändert sich jetzt die Beobachtung
eines physikalischen Phänomens, wenn wir ein Experiment im rotierenden
Koordinatensystem Erde oder im festen Koordinatensystem eines externen
Beobachters aus dem Weltall durchführen? Der Ort in einem festen Koor-
dinatensystem is gegeben aus den Achsenabschnitten x, y und z mit den
jeweiligen Einheitsvektoren:

~r = x~ex + y~ey + z~ez (2.3.11)


Die Geschwindigkeit ist:

dx dy dz
~v = ~ex + ~ey + ~ez (2.3.12)
dt dt dt

89 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.3. BEZUGSSYSTEME KAPITEL 2. MECHANIK

In dem rotierenden Koordinatensystem, wie in Abb. 2.3.2 wird derselbe


Ort als ~r0 wahrgenommen:

~r0 = x0~e0x + y 0~e0y + z 0~e0z (2.3.13)


Die Geschwindigkeit, die ein rotierender Beobachter wahrnimmt ist:

dx0 0 dy 0 0 dz 0 0
~v 0 =
~ex + ~ey + ~e (2.3.14)
dt dt dt z
Wie sind jetzt die Geschwindigkeiten im rotierenden und im festen Ko-
ordinatensystem miteinander verknüpft? Für die Geschwindigkeit des festen
Beobachters müssen wir die Geschwindigkeit des rotierenden Beobachter plus
die Bahngeschwindigkeit des rotierenden Koordinatensystems addieren. Wir
bekommen somit:

d~e0y
e0x
0 d~ d~e0
0
~v = ~v + x +y + z0 z
0
(2.3.15)
dt dt dt
bzw.

~v = ~v 0 + ω
~ × ~r (2.3.16)
Dieser Zusammenhang ist anschaulich in Abb. 2.3.3 verdeutlicht: betrach-
ten wir zunächst einen Körper, der sich mit einer Geschwindigkeit ~v 0 auf die-
ser Erde bewegt. Befinden wir uns im Bezugssystem der Oberfläche der Erde
werden wir genau diese Geschwindigkeit ~v 0 auch messen. Befinden wir uns
allerdings im Weltall und schauen auf die Bewegung herab, so beobachten wir
eine andere Geschwindigkeit, da sich die Erde ja dreht. Die Winkelgeschwin-
digkeit bei einer Umlauffrequenz ω ~ ist ω~ × ~r. Demnach sieht ein Beobachter
aus dem Weltraum (= ”Bahnsteig”) die Geschwindigkeit ~v .
Welche Beschleunigung sieht jetzt ein Beobachter im Bezugssystem der
Erde (=”im Zug”), wenn diese rotiert? Vom Weltall (=”Bahnsteig”) aus
gesehen ist die Beschleunigung ~a = d~ v
dt
. Mit Gl. 2.3.16 ergibt sich daraus:
µ ¶
d~v dv~0 d~r
a= = + ω× (2.3.17)
dt dt dt
Die Geschwindigkeit im rotierenden Bezugssystem ~v 0 war:

dx0 0 dy 0 0 dz 0 0
~v 0 =
~ex + ~ey + ~e (2.3.18)
dt dt dt z
Für die zeitliche Ableitung mit der Produktregel müssen wir einmal die
Variation in x0 , y 0 und z 0 aber auch in den Einheitsvektoren berücksichtigen:

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 90
KAPITEL 2. MECHANIK 2.3. BEZUGSSYSTEME

z

v v' x´

& &
Zur
& x
& r
Z
Abbildung 2.3.3: Die Geschwindigkeit im Ruhesystem ist ~v und im rotie-
renden System ~v 0 .

d~v 0 0 dx0 d~e0x dy 0 d~e0y dz 0 d~e0z


= ~a + + + (2.3.19)
dt dt dt dt dt dt dt
d~e0z
Die Änderung des Einheitsvektors im rotierenden Bezugssystem dt
ent-
spricht der Bahngeschwindigkeit des Einheitsvektors:

d~e0z
~ × ~e0x
=ω (2.3.20)
dt
D.h. wir bekommen

dv~0
= ~a0 + ω
~ × ~v 0 (2.3.21)
dt

~a = ~a0 + ω × ~v 0 + ω × ~v (2.3.22)
Jetzt setzen wir ~v aus Gl. 2.3.16 ein, und erhalten damit:

~a0 = ~a + 2(~v 0 × ω
~) + ω
~ × (~r × ω
~) (2.3.23)
D.h. während ein Beobachter im ruhenden System (=”Bahnsteig” bzw.
Weltall) einfach die Beschleunigung ~a beobachtet, muß der Beobachter im ro-
tierenden System (=”im Zug” bzw. auf der Erdoberfläche) zwei zusätzliche
Beschleunigungen einführen um die Bewegung des Körpers auf dem Erd-
boden zu beschreiben. Diese zusätzliche Bewegungen werden durch zwei
zusätzliche Kräfte hervorgerufen:

91 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.3. BEZUGSSYSTEME KAPITEL 2. MECHANIK

z
z´ x´
v'
v v' v

Z u r2
Z u r1
& r1 x
Z
r2

Abbildung 2.3.4: Bewegt sich der Körper auf das Zentrum der Rotation
zu, so erscheint die Geschwindigkeit im rotierenden System sich zu erhöhen.

• Corioliskraft

Fc = 2m (~v 0 × ω
~) (2.3.24)

• Zentrifugalkraft

Fz = m~ω × (~r × ω
~) (2.3.25)

Beides sind Scheinkräfte, da sie nur wirken, wenn der Vorgang im ro-
tierenden Bezugssystem betrachtet wird.
Auf der Nordhalbkugel bewirkt die Corioliskraft immer eine Rechtsablen-
kung der beobachteten Geschwindigkeit, wie in Abb. 2.3.5 verdeutlicht ist.
Diese Rechtsablenkung spielt in vielen Bereichen des alltäglichen Lebens ei-
ne Rolle, so müssen Bahnschienen entsprechend erhöht werden, um die Co-
rioliskraft auf den fahrenden Zug ausgleichen zu können. Die Folgen dieser
Corioliskraft sollen an zwei weiteren Beispielen illustriert werden:

• Foucault’sches Pendel
Bei einem Foucault’schen Pendel beobachtet man die Änderung der
Schwingungsebene eines Pendels im Laufe der Erdrotation. Betrachtet
man eine schwingende Masse, so wird diese während ihrer Pendelbewe-
gung immer nach rechts hin abgelenkt. Aus Abb. 2.3.6 erkennt man,
daß die Ablenkung das Pendel in seiner Schwingungsebene einmal pro
Tag rotieren läßt.

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 92
KAPITEL 2. MECHANIK 2.3. BEZUGSSYSTEME

Nordpol
H T H
W O

Rotation
Erde
H

Abbildung 2.3.5: Die Corioliskraft bewirkt eine Rechtsablenkung auf der


Nordhalbkugel der Erde. Die Luftmassen, die in ein Tiefdruckgebiet ein-
strömen werden im Bezugssystem der rotierenden Erde nach rechts abge-
lenkt. Am Ort des Tiefdruckgebietes ergibt dies dann einen Linkswirbel.

• Wirbelstürme
Bei Luftdruckunterschieden strömt Luft immer von einem Hochdruck-
gebiet in ein Tiefdruckgebiet. Durch die Corioliskraft werden die Luft-
strömung immer nach rechts abgelenkt. Durch dieses Einströmen auf
das Tiefdruckgebiet entsteht dort ein Linkswirbel, wie in Abb. 2.3.5
dargestellt.

2.3.3 Spezielle Relativitätstheorie


Bei sich bewegenden Bezugssystemen (Geschwindigkeit ~u) sollten sich die
Geschwindigkeit ~v , die ein ruhender Beobachter (=”Bahnsteig”) sieht und
die Geschwindigkeit ~v 0 , die ein sich mit-bewegender Beobachter (=”im Zug”)
sieht, immer wie:

~v = ~v 0 + ~u (2.3.26)
zueinander verhalten. Diese Galileo-Transformation ist allerdings nur
gültig für Geschwindigkeiten, die deutlich kleiner als die Lichtgeschwindig-
keit sind. Für beliebige Geschwindigkeiten muß eine neue Transformation
entwickelt werden, die berücksichtigt, daß unabhängig vom Beobachterstand-
punkt keine Geschwindigkeiten größer als die Lichtgeschwindigkeit beobacht-
bar sind.
Beobachten wir zum Beispiel die Geschwindigkeit eines Lichtpulses in
einem Zug, so legt er die Strecke ~r0 in einer Zeit t0 zurück, so daß die Ge-
schwindigkeit genau c die Lichtgeschwindigkeit ergibt: ~r0 = ct0 . Ein ruhender

93 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.3. BEZUGSSYSTEME KAPITEL 2. MECHANIK

ohne Corioliskraft mit Corioliskraft

Abbildung 2.3.6: Durch die Rechtsablenkung ändert sich die Schwingungs-


ebene eines Pendels.

Beobachter auf dem Bahnsteig macht allerdings dieselbe Beobachtung. Wenn


er die Ausbreitung des Lichtpulses im fahrenden Zug beobachtet, misst er in
seinem Bezugssystem wieder die Lichtgeschwindigkeit: ~r = ct. Dies ist in
Abb. 2.3.7 illustriert.

z z´

x c ˜t xc c ˜ t c
Licht
&
r &
rc
x x´
v
„Bahnsteig“ „im Zug“

Abbildung 2.3.7: Bezugssystem bewegt sich nahe der Lichtgeschwindig-


keit. Der Beobachter im Zug und auf dem Bahnsteig messen gleichermaßen
die Lichtgeschwindigkeit als Ausbreitungsgeschwindigkeit eines Lichtpulses.

Michelson-Morley-Experiment
Die Konstanz der Lichtgeschwindigkeit wurde zum ersten mal im Michelson-
Morely Experiment 1881 nachgewiesen. Sie betrachteten ein Interferometer
in dem ein Lichtstrahl über eine Glasplatte auf zwei Teilstrahlen aufgespal-
ten wurde (siehe Abb. 2.3.8). Diese Teilstrahlen wurden über Spiegel wieder

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 94
KAPITEL 2. MECHANIK 2.3. BEZUGSSYSTEME

zurück geworfen, zum Überlapp gebracht und auf einen Detektor fokussiert.
Beide Lichtstrahlen interferieren und können sich jetzt je nach Überlagerung
gegenseitig auslöschen oder verstärken. Ein Interferenzmuster wird sichtbar.
Bewegt man jetzt einen Spiegel so ändert sich die Wegstrecke in einem der
Teilstrahlen und dementsprechend ändert sich das Interferenzmuster. Bewegt
man das Spektrometer als ganzes so sollte auch hier die Geschwindigkeit der
Spiegel im Verhältnis zur Geschwindigkeit des Lichtstrahls zu einer entspre-
chenden Verzögerung der Wegstrecke und damit zu einer Verschiebung des
Interferenzmusters führen: Nehmen wir an, daß das Interferometer sich mit
knapp Lichtgeschwindigkeit in eine Richtung bewegt und wir dieses System
von außen betrachten. Die Laufzeit des Lichtstrahls auf dem Interferome-
terteil in einer Richtung senkrecht zu dieser Bewegungsrichtung ist unbeein-
flusst. Die Laufzeit des Lichtstrahls auf dem Interferometerteil, das parallel
zur Richtung der Bewegungsrichtung liegt, wäre allerdings sehr lang, da der
Spiegel dem Lichtstrahl ja fast mit Lichtgeschwindigkeit ”davon eilt”.

Spiegel

Erde

Glasplatte

Lichtquelle
Spiegel

Detektor

Abbildung 2.3.8: Michelson-Morley-Experiment.

Michelson und Morley konnten ihr Interferometer nicht mit knapp Licht-
geschwindigkeit bewegen. Die größte zugängliche Geschwindigkeit war die
Bewegung der Erde selbst mit 30 km/s um die Sonne. D.h. hält man einen
bestimmten Inteferometerarm einmal in Richtung der Flugrichtung der Erde
und einmal senkrecht dazu sollte sich das Interferenzmuster dabei ändern.
Demnach montierten Michelson und Morley das Interferometer auf einem

95 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.3. BEZUGSSYSTEME KAPITEL 2. MECHANIK

Drehtisch und suchten nach einer Änderung des Interferenzmusters beim Dre-
hen des ganzen Aufbaus. Sie machten allerdings die zunächst überraschende
Beobachtung, daß die Orientierung des Interferometers keinen Einfluss auf
das Interferenzmuster hat. D.h. egal ob man sich bewegt oder nicht, ändert
sich die Laufzeit des Lichtes nicht. D.h. die Lichtgeschwindigkeit bleibt kon-
stant unabhängig von der Bewegung des Beobachters.
Wie müssen jetzt Ort und Geschwindigkeit zwischen sich bewegenden Be-
zugssystemen umgerechnet werden, wenn Gl. 2.3.26 bei hohen Geschwindig-
keiten anscheinend nicht mehr gilt? Der Schlüssel dazu liegt in der Tatsache,
dass die Zeit t wie sie ein ruhender Beobachter (=”Bahnsteig”) und wie sie
ein Beobachter im bewegten System t0 (=”im Zug”) erfährt nicht mehr gleich
sein müssen! Dies soll an zwei anschaulichen Beispielen erläutert werden.

Zeit-Dilatation
Einstein schlug folgendes Gedankenexperiment vor. Man betrachte eine
Lichtuhr, bei der ein Lichtblitz ausgesandt wird, der nach einer Strecke ∆l
von einem Spiegel reflektiert wird und wieder auf die Quelle zurückfällt und
dort detektiert wird. Die Wegstrecke pro abgelaufener Zeit ergibt die Licht-
geschwindigkeit. Jetzt bewegt sich diese Lichtuhr senkrecht zur Wegstrecke.
Was sieht der ruhende Beobachter (=”Bahnsteig”) von diesem System?
Betrachten wir dazu Abb.2.3.9: Bewegt sich der Beobachter mit (=”im
Zug”) so ruht die Lichtuhr und die Wegstrecke, die der Lichtstrahl zurücklegt,
ist 2∆l. Dementsprechend ist die Zeitspanne ∆t0 = 2∆l c
. Beobachtet man
dieselbe Uhr allerdings von außen (=”Bahnsteig”), so ändert sich die Weg-
strecke, die ein Beobachter sieht:
" µ ¶2 #1/2
∆t
AB + BC = 2 ∆l2 + v (2.3.27)
2

Aber obwohl sich die Lichtuhr jetzt bewegt, muß der ruhende Beobachter
(=”Bahnsteig”) wieder die Lichtgeschwindigkeit messen, d.h. AB + BC =
c∆t, wenn ∆t die Zeit ist die er selbst mißt. Damit bekommt man:

2∆l
∆t = (2.3.28)
(c2 − v 2 )1/2
Mit 2∆l = ∆t0 c ergibt sich:

∆t0
∆t = ¡ ¢ (2.3.29)
v 2 1/2
1− c2

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 96
KAPITEL 2. MECHANIK 2.3. BEZUGSSYSTEME

B B
Spiegel

'l

A C A C
't

2
„im Zug“ „Bahnsteig“

Abbildung 2.3.9: Lichtuhr einmal in Ruhe, und einmal wie man sie beob-
achten würde wenn sie sich bewegt.

D.h. die Zeitspanne ∆t, wenn man das bewegte System beobachtet (auf
dem ”Bahnsteig” zeigt die lokale Uhr, daß 10 Minuten abgelaufen sind), muß
länger sein als die Zeitspanne ∆t0 falls der Beobachter sich mit dem System
mit bewegt (im ”Zug” zeigt die Uhr, daß z.B. nur 8 Minuten abgelaufen sind).
Umgekehrt formuliert, bewege ich mich mit der Uhr mit, so schreitet die Zeit
langsamer voran, im Vergleich zu einer Uhr, die in Ruhe zurückbleibt. Dies
läßt sich knapper formulieren als: Bewegte Uhren gehen langsamer. Dieses
Phänomen wird als Zeit-Dilatation bezeichnet. Diesen Effekt kann man
auch beobachten, wenn man zwei Uhren vergleicht, wobei eine im Flugzeug
von Europa nach Amerika und zurück fliegt. Dabei wird man feststellen, daß
die bewegte Uhr etwas nachgeht.
Die Zeitdilatation wurde zum ersten Mal bei Mµonen, einer Sorte
von Elementarteilchen beobachtet. Die Lebensdauer eines Mµons in Ru-
he is ca. 10−6 s. Diese Mµonen werden auch in Kernreaktionen der kosmi-
schen Höhenstrahlung mit der oberen Atmosphäre gebildet. Dabei entstehen
Mµonen hoher Energie, die man auch noch auf der Erdoberfläche nachweisen
konnte. Benutzt man allerdings die Geschwindigkeit, wie sie in der Kernreak-
tion die Mµonen aufnehmen und die Entfernung der oberen Atmosphäre bis
zum Erdboden, ist die Zeit die ein Mµon zum Boden benötigt, länger als die
Lebensdauer von 10−6 s. Wie ist das möglich? Die Zeit, die wir beobachten
ist nicht die Zeit, die im Ruhesystem des sich bewegenden Mµons verstreicht.
Da das Mµon sich mit hoher Geschwindigkeit bewegt, ist die Zeit, die das
Mµon ”sieht” sehr viel kürzer als die, die wir auf dem Boden messen. Damit
kann das Mµon ohne weiteres den Erdboden in seiner eigenen Lebensdauer
erreichen.
Die Zeitdilatation ist mit einem weiteren bekannten Disput verknüpft,

97 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.3. BEZUGSSYSTEME KAPITEL 2. MECHANIK

dem Zwillingsparadoxon. Betrachten wir einen Zwilling A, der sich auf der
Erde befindet, und sein Zwilling B, der auf eine Reise mit hoher Geschwindig-
keit sich entfernt, umdreht und wieder zurück kehrt. Da sich B bewegt hat,
sollte sein Uhr langsamer laufen und er ist dementsprechend jünger, wenn er
sich nach seiner Reise mit seinem daheim gebliebenen Zwilling A wieder trifft
(B jünger als A). Wir können dieselbe Situation allerdings auch anders herum
betrachten. Für den Zwilling B, entfernt sich Zwilling A von ihm, er dreht
um und kommt zurück. D.h. wenn sie sich beider wieder treffen sollte jetzt A
jünger sein als B (A jünger als B). Dies ist das Paradoxon. Es klärt sich auf,
wenn wir berücksichtigen, daß wir in diesem Fall nicht zwei Inertialsysteme
betrachten. Das System des Zwillings A auf der Erde ist Inertialsystem. Das
System in dem sich B bewegt ist allerdings ein beschleunigtes System, da B
umkehren muß, um zu A zurück zu kehren. Damit sind beide Betrachtungs-
weisen nicht gleichwertig. Unter Berücksichtigung der Beschleunigung ist die
Zeit, die für den reisenden Zwilling B vergeht kürzer als die für den daheim
gebliebenen Zwilling A.

Längen-Kontraktion
Ein weiteres Phänomen der speziellen Relativitätstheorie ist die Tatsache,
dass bewegte Objekte in Flugrichtung kürzer erscheinen. Betrachten wir wie-
der unsere Lichtuhr, die sich aber diesmal in Richtung der Lichtausbreitung
mit der Geschwindigkeit v bewegen soll. Ist die Uhr in Ruhe so ergibt sich
wieder die Laufzeit:

∆l0
t02 − t00 = 2 (2.3.30)
c
falls die Distanz zwischen den Spiegeln l0 ist. Was passiert nun, wenn wir
diese Lichtuhr beobachten? Die Wegstrecke vom Spiegel 1 zum Spiegel 2 ist:

c(t1 − t0 ) = ∆l + v(t1 − t0 ) (2.3.31)


wenn die Zeiten, die wir vom Bahnsteig aus messen als t bezeichnet wer-
den. Die Wegstrecke vom Spiegel 2 wieder zurück zu Spiegel 1 ist:

c(t2 − t1 ) = ∆l − v(t2 − t1 ) (2.3.32)


Demnach ist die Zeitspanne unserer Lichtuhr, wie sie vom Bahnsteig aus
beobachtet wird:

2∆l/c
t2 − t0 = 2 (2.3.33)
1 − vc2

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 98
KAPITEL 2. MECHANIK 2.3. BEZUGSSYSTEME

1
c t 2c  t0c
2 „im Zug“

'l 0
'l v t1  t0

t0 c t1  t0 t1 „Bahnsteig“

c t 2  t1
t2 t1

'l
v t 2  t1

Abbildung 2.3.10: Längenkontraktion: ein Lichtpuls eilt zwischen zwei


Spiegeln hin und her. Einmal im Ruhesystem der sich bewegenden Spiegel,
und einmal wie es ein Beobachter von außen sieht.

Die Zeitspanne, die wir vom Bahnsteig aus messen und die Zeit, die wir
im Zug messen sind nach Gl. 2.3.29 verknüpft via:

t0 − t00
t2 − t0 = q2 (2.3.34)
2
1 − vc2

Verknüpft man Gl. 2.3.33, Gl. 2.3.34 und Gl. 2.3.30, so bekommt man
schließlich:
r
v2
∆l = ∆l0 1− (2.3.35)
c2
D.h. die Länge ∆l vom ”Bahnsteig” aus gesehen ist kürzer als die Länge
∆l0 , die ein sich mit bewegender Beobachter (im ”Zug”) messen würde.
Die Längenkontraktion kann man auch aus der Betrachtung der Gleich-
zeitigkeit von Ereignissen ableiten. Betrachten wir noch einmal einen ruhen-
den Maßstab der Länge ∆l0 . Für den ruhenden Beobachter, der sich in der
Mitte des Maßstabes befindet, kommt das Licht vom Anfang des Maßstabes

99 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.3. BEZUGSSYSTEME KAPITEL 2. MECHANIK

und vom Ende des Maßstabes gleichzeitig beim ihm an; er mißt die Länge
∆l0 . Bewegt sich dieser Maßstab allerdings mit einer Geschwindigkeit v an
ihm vorbei, so kommt das Licht vom Anfang des Maßstabes etwas früher
und vom Ende etwas später an. Er sieht diese beiden Lichtblitze also nicht
gleichzeitig. Die Länge des vorbei fliegenden Maßstabes kann der ruhende
Beobachter allerdings nur aus Lichtblitzen ableiten, die zu gleicher Zeit bei
ihm eintreffen. Diese müssen allerdings nicht zu gleichen Zeiten gestartet
sein. Was heißt das? Falls wir den Lichtblitz vom Anfang des Maßstabes als
Referenz nehmen (der früher ankommt), muß der Lichtblitz vom Ende des
Maßstabes (der zu spät ankommt) zu einem früheren Zeitpunkt ausgesandt
werden, damit er zeitgleich mit dem ersten Lichtblitz bei dem ruhenden Be-
obachter ankommt. Diese frühere Aussendung des Lichtblitzes bedeutet, daß
der Maßstab sich noch nicht so weit gemäß v fortbewegt hat. Vergleichen
wir die Position vom Anfang des Maßstabes zum Ende des Maßstabes so
wie es der ruhende Beobachter gleichzeitig mißt, so erscheint er ihm deshalb
verkürzt.

Diese sehr anschauliche Erklärung geht zunächst von der Gleichzeitigkeit


bei dem ruhenden Maßstab aus, d.h. der Beobachter muß sich genau in der
Mitte des Maßstabes befinden. Bewegt sich der Maßstab auf den Betrach-
ter zu oder von ihm weg, addiert sich zu der Längenkontraktion noch eine
Verzerrung durch einfache Laufzeiteffekte hinzu, da das Licht schon im ru-
henden System unterschiedlich lange Wege zurücklegen muß (die Entfernung
zum hinteren Ende ist größer als zum vorderen). Ein Maßstab, der auf einen
zu fliegt wird dadurch länger, da die Laufzeiteffekte die Längenkontraktion
überkompensieren. Ein Maßstab, der sich hingegen vom Beobachter entfernt,
wird noch stärker verkürzt als die Längenkontraktion vorhersagen würde.3

Bei der Beschreibung der speziellen Relativitätstheorie in Form der Zeit-


dilatation bzw. Längenkontraktion ist wichtig sich zu zu vergegenwärtigen,
daß diese Beziehungen immer dann wichtig sind, wenn ein Beobachter ein
anderes Bezugssystem beobachtet. Beobachtete Zeiten und Längen erschei-
nen ihm gedehnt bzw. verkürzt. Betrachten wir dazu zwei Raumschiffe die
sich relativ zueinander mit einer Geschwindigkeit v bewegen. Jeder Astro-
naut altert in seinem Raumschiff auf gleiche Weise. Nur wenn ich selbst als
Astronaut den anderen beobachte, dann erscheint der beobachtete Astronaut
jünger zu bleiben als man selbst.

3
Simulationen zu diesem Phänomen unter www.tempolimit-lichtgeschwindigkeit.de

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 100
KAPITEL 2. MECHANIK 2.3. BEZUGSSYSTEME

Lorentztransformation
Betrachten wir der Einfachheit halber ein Bezugssystem, das sich mit der
Geschwindigkeit v in x-Richtung bewegt. Als einfache Verknüpfung zwischen
den Orten, die der ruhende x und der sich mit bewegende Beobachter x0
sieht, hatten wir:

z z´

t tc
&
r &
rc
x x´

„Bahnsteig“ „im Zug“

Abbildung 2.3.11: Lorentztransformation.

x = x0 + vt (2.3.36)
Diese Gleichung scheint für hohe Geschwindigkeiten nicht mehr zu gelten
und wir modifizieren sie zu:

x0 = k(x − vt) (2.3.37)


Jetzt behaupten wir, daß die Zeiten, die der ruhende Beobachter
(=”Bahnsteig”) sieht t und die der sich bewegende Beobachter sieht t0 (=”im
Zug”) unterschiedlich sind. Als Ansatz setzen wir:

t0 = a(t − bx) (2.3.38)


Die Größen k, a und b müssen erst noch bestimmt werden. Nach dem
Michelson-Morley Experiment sollte ja die Bestimmung der Lichtgeschwin-
digkeit für den ruhenden und den bewegten Beobachter das selbe Ergebnis
liefern. Betrachten wir dazu einen Lichtblitz der ein Strecke x in einer Zeit
t durchläuft. Diese Strecke sei auf einem Zug montiert, der sich bewegt: (i)
Eine Lichtquelle sendet zum Zeitpunkt t = 0 einen Lichtblitz aus, der zur
Zeit t des ruhenden Beobachters (=”Bahnsteig”) am Ort x empfangen wird;
(ii) der sich bewegende Beobachter (=”im Zug”) misst den Lichtstrahl, wie
er zu einem Zeitpunkt t0 am Ort x0 ankommt. nachdem in beiden Fällen die
Lichtgeschwindigkeit gemessen werden soll, muß gelten:

101 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.3. BEZUGSSYSTEME KAPITEL 2. MECHANIK

~r = ct (2.3.39)
~r0 = ct0 (2.3.40)

Mit y = y 0 und z = z 0 ergibt sich aus x0 = ct0 bzw. x02 + y 02 + z 02 = c2 t02 :

¡ ¢ ¡ ¢
k 2 x2 − 2vxt + v 2 t2 + y 2 + z 2 = c2 a2 t2 − 2bxt + b2 x2 (2.3.41)

Diese Gleichung wird nach Potenzen von x und t sortiert zu:

¡ ¢ ¡ ¢ ¡ ¢
k 2 − b2 a2 c2 x2 − 2 k 2 v − ba2 c2 xt + y 2 + z 2 = a2 − k 2 v 2 /c2 c2 t2 (2.3.42)
| {z } | {z } | {z }
=1 =0 =1

Nachdem diese Gleichung für beliebige Werte von x und t gelten soll,
müssen die Vorfaktoren jeweils eins und null ergeben. Dies ergibt drei Be-
stimmungsgleichungen für die unbekannten Koeffizienten k, a und b:

k 2 − b2 a2 c2 = 1 (2.3.43)
k 2 v − ba2 c2 = 0 (2.3.44)
a2 − k 2 v 2 /c2 = 1 (2.3.45)

Man bekommt schließlich:

x − vt
x0 = q (2.3.46)
2
1 − vc2
t − vx2
t0 = q c (2.3.47)
2
1 − vc2

Mit der Abkürzung:

1
γ=q (2.3.48)
v2
1− c2

ergibt sich schließlich die sog. Lorentztransformation:

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 102
KAPITEL 2. MECHANIK 2.3. BEZUGSSYSTEME

x0 = γ(x − vt) (2.3.49)


y0 = y (2.3.50)
z0 = z (2.3.51)
³ vx ´
0
t = γ t− 2 (2.3.52)
c

In umgekehrter Richtung ist diese Transformation:

x = γ(x0 + vt0 ) (2.3.53)


y = y (2.3.54)
z = z (2.3.55)
µ ¶
0 vx0
t = γ t + 2 (2.3.56)
c

Nähert man diese Transformation für kleine Geschwindigkeiten im Ver-


gleich zur Lichtgeschwindigkeit (v ¿ c), so ergibt sich mit γ = 1 wieder die
Galilei-Transformation. Auf der Basis der Lorentztransformation wollen wir
noch einmal die Zeitdilatation und die Längenkontraktion betrachten.

• Zeitdilatation in der Lorentztransformation


Betrachten wir ein Ereignis, das im gestrichenen System am gleichen
Ort stattfindet (d.h. x0 = 0). Wir benutzen Gleichung 2.3.56, da auf
der rechten Seite nur Größen im gestrichenen System stehen. Wir be-
kommen damit

t = γt0 (2.3.57)

die Zeitdilatation. D.h. die Zeit im gestrichenen System t0 ist kürzer als
die Zeit t, die wir von diesem Ereignis im ungestrichenen System wahr-
nehmen. Gl. 2.3.52 wäre ungeeignet, da wir für das Ereignis zunächst
nur Eigenschaften im gestrichenen System kennen (wenn x0 = 0 gilt
muß nicht x = 0 gelten!).

• Längenkontraktion in der Lorentztransformation


Betrachten wir eine Länge l0 = x0 im gestrichenen System. Wenn wir
ungestrichenen System diesen Maßstab beobachten, können wir dies

103 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.3. BEZUGSSYSTEME KAPITEL 2. MECHANIK

nur gleichzeitig machen (siehe oben), d.h. t = 0 (wenn t = 0 gilt, muß


nicht t0 = 0 gelten, da auch Ereignisse zu unterschiedlichen Zeiten im
gestrichenen System zu gleichen Zeiten im ungestrichenen System wahr-
genommen werden!). Somit benutzen wir Gleichung 2.3.50 in denen die
Größen x0 , t vorkommen und erhalten, für die beobachtete Länge l = x:

l0 = γl (2.3.58)

die Längenkontraktion. D.h. die beobachtete Länge l ist kürzer als die
wahre Länge l0 im bewegten System.

Bei der Benutzung der Lorentztransformation ist es besonders wichtig sich


die Problemstellung vorher genau zu vergegenwärtigen. D.h. was ist meine
Beobachtung und welche Längen und Zeiten gelten für das Problem? Dies
soll noch einmal an der Zeitdilatation erläutert werden. Für die Berechnung
der Zeit-Dilatation hatten wir die beiden Gleichungen:

³ vx ´
t0 = γ t − 2 (2.3.59)
µ c ¶
vx0
t = γ t0 + 2 (2.3.60)
c
Für die Zeitdilatation haben wir oben die Gleichung 2.3.60 benutzt und
mit x0 = 0

t = γt0 (2.3.61)
erhalten. Bei Gleichung haben natürlich t und t0 die gleiche Bedeutung,
aber wir hätten das Ereignis an zwei unterschiedlichen Orten x beobachtet, da
der externe Beobachter sich im Vergleich zur ruhenden Uhr am Ort x0 = 0
in der Zeit t bewegt. Wenn wir die zurückgelegte Strecke x = vt ansetzen
bekommen wir aus Gl. 2.3.3:
µ ¶ µ ¶
0 v2 v2 1
t = γ t − t 2 = γt 1 − 2 = t (2.3.62)
c c γ
| {z }
1
γ2

was identisch ist mit der Lösung unter Benutzung von Gl. 2.3.60.
Die Beziehungen zwischen den Zeiten t in t0 beschreiben die Relativität
der Zeit. Dies kann man an folgendem Beispiel illustrieren: zwei gleich alte
Raumfahrer 1 und 2 starten zu einem Zeitpunkt t = t0 = 0 gleichzeitig und
bewegen sich mit einer Geschwindigkeit v auseinander. Zu einem Zeitpunkt

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 104
KAPITEL 2. MECHANIK 2.3. BEZUGSSYSTEME

t, zum Beispiel nach 40 Jahren, blickt der Raumfahrer 1 auf den anderen
Raumfahrer 2. Da dieser sich mit v bewegt, erscheint dieser ihm jünger,
zum Beispiel 20 Jahre jünger. Allerdings zeigt sowohl die biologische Uhr
(=ruhende Uhr im jeweiligen Bezugssystem) von Raumfahrer 1 als auch die
von Raumfahrer 2 zu diesem Zeitpunkt jeweils 40 Jahre an. Dies ist kein
Widerspruch, da Raumfahrer 1 von seinem Bezugssystem auf das andere
sich bewegende Bezugssystem schaut, und nur deshalb ihm der Raumfahrer
als 20 Jahre jünger erscheint. Umgekehrt sieht auch der Raumfahrer 2, wenn
er zurück blickt, den Raumfahrer 1 um 20 Jahre verjüngt. Zusammenfassend
läßt sich sagen, daß jeder der beiden Raumfahrer den anderen als 20 Jahre
jünger sieht.
Nach der Transformation von Ort und Zeit, wollen wir im folgenden noch
eine Beziehung zwischen den Geschwindigkeiten ableiten. Zunächst gilt:

dx dx0
ux = u0x = (2.3.63)
dt dt0
Wir können dies erweitern zu:

dx0 dt
u0x = (2.3.64)
dt dt0
³ ´−1/2
v2
Mit γ = 1 − c2
und t = γ (t0 + vx0 /c) ergibt sich:
µ ¶ µ ¶
0 dx v dx0
ux = γ −v γ 1+ 2 0 (2.3.65)
dt c dt
dx dx0
Nachdem dt
= ux und dt0
= u0x gilt, bekommen wir:
ux − v
u0x = (2.3.66)
1 − ux cv2
auch u0y und u0z hängen von v und ux ab:
uy
u0y = (2.3.67)
1 − ux cv2
uz
u0z = (2.3.68)
1 − ux cv2
Die Transformation von Längen y, z senkrecht zur Richtung x die sich mit
Geschwindigkeit v bewegt ist nicht mehr einfach y = y 0 und z 0 = z weil für
die Bestimmung einer Geschwindigkeit eine Strecke pro Zeit gebildet wird.
D.h. während sich eine Länge y oder z zunächst nicht ändert so muss doch
die Zeit transformiert werden.

105 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.3. BEZUGSSYSTEME KAPITEL 2. MECHANIK

Relativistische Energie-Impuls-Beziehung
Auch für Teilchenstöße bei sehr hohen Geschwindigkeiten soll die Impulser-
haltung gelten. Wir betrachten dazu zwei Teilchen A und B, die miteinander
stoßen. Hierbei kann man zwei Beobachtungsstandpunkte wählen: zum einen
befindet sich der Beobachter am Ort des Teilchens B und beobachtet den
Stoß mit einem herankommenden Teilchen A; zum anderen befindet sich der
Beobachter am Ort des Teilchens A und beobachtet den Stoß mit dem heran-
kommenden Teilchen B. In beiden Fällen soll der Beobachter die Gültigkeit
der Impulserhaltung bestätigen können.

y v1
v y1 v1 '
A
v x1 B ruht in x-Richtung
B

v2 v2 '

x
y
v1
* v1 '*
A ruht in x-Richtung

v2 '* v2
*

 v x1
x
Abbildung 2.3.12: Impulserhaltung bei relativistischen Geschwindigkei-
ten.

Nehmen wir an, daß der Impuls vor und nach dem Stoß in y-Richtung
gleich Null sei. D.h. für einen Beobachter, der auf B sitzt, muß gelten:

mA vy1 + mB vy2 = 0 (2.3.69)

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 106
KAPITEL 2. MECHANIK 2.3. BEZUGSSYSTEME

während ein Beobachter, der A sitzt gelten muß:

m∗A va∗ y1 + m∗B vy∗2 = 0 (2.3.70)


Wie stehen jetzt die beiden Bezugssysteme im Zusammenhang? Wir be-
trachten dazu die Transformation die entsteht, wenn wir von dem System
mit ruhendem B in ein bewegtes Bezugssystem gehen, daß sich mit vx mit
bewegt, was dazu führt, daß jetzt A ruht. Nach der Lorentztransformation
verknüpfen sich die Geschwindigkeiten:

vy /γ
vy∗ = (2.3.71)
1 − vx cv2
Dies läßt sich jetzt auf die Komponenten vy1 und vy2 anwenden. Betrach-
ten wir zunächst vy1 , d.h. die Geschwindigkeit wie sie von Beobachter bi
ruhendem B wahrgenommen wird. Der Körper A bewegt sich it einer Rela-
tivgeschwindigkeit vx1 = v, Deshalb bekommen wir:

vy1 /γ vy /γ
vy∗1 = v = 2 = γvy1 (2.3.72)
1 − vx1 c2 1 − vc2
Bei der Betrachtung von vy2 müssen wir allerdings vx2 = 0 setzten, da
wir die Geschwindigkeit im ruhendem System B in x-Richtung benötigen.
Dadurch erhält man:

vy2 /γ vy2
vy∗2 = v = (2.3.73)
1 − vx2 c2 γ
D.h. setzen wir diese Beziehungen in die Impulserhaltung ein, so erhalten
wir:

1
mA vy1 + mB vy2 = m∗A vy∗1 + m∗B vy∗2 = m∗A γvy1 + m∗B vy2 (2.3.74)
γ

Dies kann nicht erfüllt werden für mA = m∗A und mB = m∗B . Wir versu-
chen den Ansatz einer geschwindigkeitsabhängigen Masse:

m(v) = γm0 (2.3.75)


und bezeichnen m0 als Ruhemasse eines Objektes. Mit dieser Ersetzung
läßt sich zeigen, daß
1
mA (v)vy1 + mB,0 vy2 = mA,0 γvy1 + mB (v) vy2 (2.3.76)
γ

107 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.3. BEZUGSSYSTEME KAPITEL 2. MECHANIK

m
m0

1 V
c

Abbildung 2.3.13: Relativistische Massenzunahme.

zu dem Ausdruck wird:


1
mA,0 γvy1 + mB,0 vy2 = mA,0 γvy1 + mB,0 γ vy2 (2.3.77)
γ

mA,0 γvy1 + mB,0 vy2 = mA,0 γvy1 + mB,0 vy2 (2.3.78)


D.h. die Impulserhaltung läßt sich erfüllen, wenn man formal die Masse
eines Körpers als geschwindigkeitsabhängig definiert. Demzufolge wird der
relativistische Impuls eines Teilchens zu:

p~ = γm0~v (2.3.79)
Was bedeutet dies für die kinetische Energie, die ein ruhender Beobachter
sieht für ein Teilchen, daß sich nahe der Lichtgeschwindigkeit bewegt? Die
kinetische Energie ändert sich durch die Bewegung eines Teilchens in einem
Kraftfeld gemäß:

dp dp ds
dEkin = F~ d~s = ds = dt = vdp (2.3.80)
dt dt dt
Durch Integration ergibt sich Ekin zu
Z v Z v
dp
Ekin = vdp = v dv (2.3.81)
0 0 dv
mit
1
p(v) = q m0 v (2.3.82)
v2
1− c2

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 108
KAPITEL 2. MECHANIK 2.3. BEZUGSSYSTEME

ergibt sich:

Ekin = γm0 c2 − m0 c2 (2.3.83)


Auch hier kann man für den Fall v ¿ c wieder den nicht-relativistischen
Fall für die kinetische Energie ableiten. Aus
µ ¶−1/2
v2
Ekin = 1− 2 m0 c2 − m0 c2 (2.3.84)
c

wird mit der Entwicklung für kleine Größen ξ: (1 − ξ)−1/2 = 1 + 21 ξ + ...


die kinetische Energie zu:
µ ¶
1 v2 1
Ekin = 1+ 2 m0 c2 − m0 c2 = m0 v 2 (2.3.85)
2c 2
Man definiert die Ruheenergie zu:

E0 = m0 c2 (2.3.86)
und die relativistische Gesamtenergie als:

E = γm0 c2 = Ekin + m0 c2 (2.3.87)


Laut dieser Formel sind die Energie E und die Masse eines Teilchens
äquivalent. Man spricht vom Äquivalenzprinzip, da Masse und Energie
nur unterschiedliche Beschreibungsformen für ein und dieselbe Sache sind.
Dies widerspricht zunächst der normalen Anschauung, da Masse und Ener-
gie in der nicht-relativistischen Beschreibung für ganz unterschiedliche Dinge
eingeführt wurden. Es gilt aber zu beachten, daß die Masse eines Körpers
als Proportionalitätskonstante zwischen Beschleunigung und der wirkenden
Kraft eingeführt wurde. Nur als diese Größe wird die Masse in den Expe-
rimenten und der Naturbeobachtung sichtbar. Wenn, die Naturbeobachtung
sagt, daß bei hohen Geschwindigkeiten der Ausdruck m (die Proportiona-
litätskonstante Masse) eine Abhängigkeit von der Geschwindigkeit enthält
so entspricht dies einer erweiterten Definition von m, so wie sie Newton
eingeführt hatte. Die Masse eines Körpers hängt von der Geschwindigkeit
abhängt, um sein Verhalten bei Beschleunigungen richtig zu beschreiben.
Die kinetische Energie ist mit der Geschwindigkeit eines Körpers verknüpft.
Wenn jetzt die Masse auch mit der Geschwindigkeit verknüpft ist, so muß
auch die Energie und Masse in einer Beziehung zueinander stehen, nämlich
E = γm0 c2 .

109 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.3. BEZUGSSYSTEME KAPITEL 2. MECHANIK

Diese Äquivalenz von Masse und Energie hat Einstein in einem Gedan-
kenexperiment demonstriert. Betrachten wir dazu einen geschlossenen Ka-
sten wie in Abb. 2.3.14 illustriert. Auf der linken Seite des Kasten soll ein
Lichtblitz ausgesandt werden. Dieser hat einen Impuls der Größe:

M
p E

'x

Abbildung 2.3.14: Einstein’s Gedankenexperiment zur Äquivalenz von


Masse und Energie.

E
pLicht = (2.3.88)
c
Wegen der Impulserhaltung bekommt der Kasten der Masse M einen
entsprechenden Impuls übertragen (~pKasten = −~pLicht )und bekommt die Ge-
schwindigkeit:
pKasten
vKasten = (2.3.89)
M
Während der Zeit ∆t = Lc , kann der Kasten sich um eine Strecke ∆x
bewegen, bevor die Absorption des Lichtpulses auf der anderen Seite des
Kastens diese Bewegung wieder stoppt.
L p L E
=∆x = v =− L (2.3.90)
c M c M c2
Das negative Vorzeichen bringt zum Ausdruck, daß der Kasten sich in
negative x-Richtung bewegt hat. Nachdem der Kasten allerdings nach aussen
hin abgeschlossen ist, darf sich sein Schwerpunkt nicht ändern. D.h. wenn
der Kasten sich um eine Strecke ∆x nach links verschoben hat, muß eine
entsprechende Masse m mit dem Lichtblitz nach rechts gewandert sein.

M ∆x + mL = 0 (2.3.91)
Setzen wir dies in Gl. 2.3.90 ein, folgt daraus:

E = mc2 (2.3.92)

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 110
KAPITEL 2. MECHANIK 2.3. BEZUGSSYSTEME

D.h. durch diese einfache Überlegung hat Einstein wieder


das Äquivalenzprinzip von Masse und Energie abgeleitet. Dieses
Äquivalenzprinzip wird auf eindrucksvolle bei dem Zerfall von Atom-
kernen und der Bildung von neuen Elementarteilchen sichtbar: Beim Zerfall
von Atomkernen wird Ruheenergie m0 c2 in Bewegungsenergie γm0 c2 − m0 c2
der Reaktionsprodukte umgewandelt. Da die Ruheenergie sehr groß ist
(In Einheiten eV, hat ein Proton eine Ruheenergie von ca. 1 GeV), ent-
stehen bei diesen Kernreaktionen entsprechend schnelle Produkte. Auch
der umgekehrte Prozeß ist möglich. Bei einem inelastischen Stoß zweier
Teilchen wird die kinetische Relativenergie in innere Anregung umgesetzt.
Falls diese frei gesetzte Energie ausreicht, um die Ruheenergie eines neuen
Teilchens zur Verfügung zu stellen wird dieses gebildet. Schießt man zum
Beispiel zwei Elektronen auf einander (bzw. Elektron und Positron) mit
einer Relativgeschwindigkeit, die einer Energie von 1 GeV entspricht, kann
dabei spontan ein Proton entstehen. D.h. wenn Teilchenphysiker neue
Elementarteilchen zu entdecken versuchen, so benutzen sie Beschleuniger,
die Energien zur Verfügung stellen, die ausreichen, um die Ruheenergie des
vorhergesagten Teilchens in einem inelastischen Stoß frei zu setzen.
In einem weiteren Schritt hat Einstein die spezielle zur allgemeinen Re-
lativitätstheorie erweitert. Während die spezielle Relativitätstheorie von
den Voraussetzungen konstante Lichtgeschwindigkeit und Inertialsystem aus-
geht, basiert die allgemeine Relativitätstheorie nur noch auf der konstanten
Lichtgeschwindigkeit. Einstein erkannte, daß es durch die Verknüpfung von
Masse, Energie, Zeit und Längen so etwas wie ein absolutes Koordinatensy-
stem bzw. Inertialsystem nicht gibt. Masse und Raum stehen in Beziehung
zueinander wobei sich der Raum durch die Anwesenheit einer großen Masse
krümmt und Lichtstrahlen grundsätzlich auf diesen gekrümmten Koordina-
tenachsen ausbreiten. 1920 wurde dies experimentell nachgewiesen durch die
Beobachtung der Ablenkung des Lichtes von Sternen im Schwerefeld der Son-
ne.

111 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK

2.4 Ausgedehnte starre Körper


Nach der Betrachtung der Mechanik eines Massenpunktes bzw. eines Sy-
stems von Massenpunkten, werden im folgenden ausgedehnte, starre Körper
behandelt.

2.4.1 Translation und Rotation


Ein ausgedehnter Körper ist zunächst durch eine Massenverteilung charak-
terisiert, die sich über sein Volumen erstreckt. Für die Beschreibung der
Bewegung dieses Körpers im Raum (Translation) im Sinne eines Massen-
punktes, läßt sich diese Masse auf den Schwerpunkt zusammenführen. Der
Ort des Schwerpunktes ~rSchwerpunkt ergibt sich aus einer Integration über das
Volumen des Körpers der Gesamtmasse M zu (siehe Abb. 2.4.1):
Z Z
1 1
~rSchwerpunkt = ~rdm = ~rρ(~r)d~r (2.4.1)
M V olumen M V olumen

ri

Abbildung 2.4.1: Bestimmung des Massenschwerpunkts eines Körpers.

mit ρ(~r) der Dichte des Körpers. Ein ausgedehnter Körper besitzt die
Möglichkeit zu rotieren. Man unterscheidet feste Achsen und freie Ach-
sen. Bei festen Achsen ist die Rotationsachse durch ein mechanisches La-
ger festgelegt. Bei einer freien Achse betrachtet man den Körper isoliert im
Raum. Die Bewegung dieses Körpers läßt sich als Überlagerung einer gradli-
nigen Bewegung, der Translation und einer Rotation darstellen. In einem

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 112
KAPITEL 2. MECHANIK 2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER

Bezugssystem, das sich mit dem Schwerpunkt mit bewegt, geht die Achse
der Rotation immer durch den Schwerpunkt.
Nehmen wir einen isolierten Körper, der sich um eine Achse durch den
Schwerpunkt dreht. Der Vektor, der einen Punkt i mit dem Schwerpunkt
verbindet ist:

~ris = ~ri − ~rs (2.4.2)


Dadurch wird die Relativgeschwindigkeit vis zu:

d~ris
= ~vis = ~vi − ~vs (2.4.3)
dt
Der Abstand |~ris | = ist konstant bei einer Rotation des Körpers um eine
Achse durch den Schwerpunkt. Deshalb gilt:

d 2
~r = 0 (2.4.4)
dt is
2
Leitet man ~ris nach der Kettenregel ab, so bekommt man:

2~ris~vis = 0 (2.4.5)
D.h. der Vektor ~vis steht senkrecht auf ~ris . Diese Bahngeschwindigkeit
läßt sich somit einfach mit der Winkelgeschwindigkeit ω ~ ausdrücken zu:

~vis = ω
~ × ~ris (2.4.6)
Jedem Punkt auf dem Körper kann somit nach Gl. 2.4.2 eine Geschwindig-
keit ~vi zugeschrieben werden, die sich aus der Schwerpunktsgeschwindigkeit
~vs und der Bahngeschwindigkeit zusammensetzt:

~vi = ~vs + (ω × ~riS ) (2.4.7)

2.4.2 Drehmoment und Drehimpuls


Drehmoment
An einem Körper greift an einem Punkt eine Kraft F~ an. Falls dies Kraft nicht
am Schwerpunkt angreift, erzeugt diese Kraft eine beschleunigte Translation
und Rotation des Körpers. Gemäß der Hilfskonstruktion in Abb. 2.4.3 lassen
sich die Anteile Translation und Rotation ableiten. Dazu erzeugen wir ein
Kräftepaar F~1 und F~2 , das am Schwerpunkt angreift. Die Kraft, die zu einer
beschleunigten Translation führt ist F~2 . Die Kräfte, die zu einer Rotation

113 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK

&
z
Z
&
vs &
& vis
ris
&
rs &
ri
y

Abbildung 2.4.2: Rotation eines Körpers um eine Achse durch den Schwer-
punkt.

führen sind die Kräfte F~1 und F~3 . Nachdem die Rotationsachse durch den
Schwerpunkt geht, erzeugt nur F~1 ein sogenanntes Drehmoment gemäß:

~ S = ~r⊥ × F~
D (2.4.8)

F2
F1
SP SP
F1
F3

Abbildung 2.4.3: Greift eine Kraft F~1 an einem Körper an, läßt sich durch
eine Hilfskonstruktion ein Kräftepaar F~2 und F~3 einführen, das am Schwer-
punkt angreift. F~2 führt zu einer beschleunigten Translation, F~1 und F~2
führen zu einer Rotation.

wobei r⊥ der senkrechte Abstand zwischen dem Punkt an dem die Kraft
angreift und der Rotationsachse ist. Das Drehmoment auf einem Körper im
Schwerefeld der Erde läßt sich auch ausnutzen um den Massenschwerpunkt

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 114
KAPITEL 2. MECHANIK 2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER

experimentell zu bestimmen (siehe Abb. 2.4.4). Die Summe der Drehmo-


mente, die gemäß m~g an einem Körper angreifen, falls die Drehachse am
Ursprung von ~r liegt:
Z Z
~ =
D ~r × ~g dm = −~g × ~rdm = −~g × ~rs M (2.4.9)
V
Falls die Drehachse durch den Schwerpunkt geht ist ~rs = 0, d.h. die Dreh-
momente gleichen sich aus. Im Schwerpunkt kann ein Körper in beliebige
Orientierungen aufgehängt sein. Dies ist gleichbedeutend mit der einer Ge-
wichtskraft, die immer am Schwerpunkt eines Körpers angreift. Wenn man
einen Körper an unterschiedlichen Punkten aufhängt, so ist im Gleichge-
wicht der Schwerpunkt immer unterhalb des Punktes an dem der Körper
aufgehängt ist. Wählt man nun mehrere Aufhängepunkte, so läßt sich der
entsprechende Schwerpunkt interpolieren.

dm
& &
SP r g
FG

Abbildung 2.4.4: Wird ein Körper in einer Achse durch den Schwerpunkt
aufgehängt, so ist er in jeder Position im Gleichgewicht, d.h. es wirkt kein
Netto-Drehmoment.

In einem abgeschlossenen System müssen sich die Drehmomente unter-


einander aufheben. Liegt der Körper auf, wie zum Beispiel bei einer Balken-
waage (siehe Abb. 2.4.5), so müssen sich die angreifenden Drehmomente in
der Summe aufheben:

~r1 × F~1 = ~r2 × F~2 (2.4.10)


Für ausgedehnte Körper, die sich gleichförmig bewegen, muß immer die
Summe über alle Kräfte und Drehmomente gleich Null sein:

X
F~i = 0 (2.4.11)
i

115 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK

X
~ri × F~i = 0 (2.4.12)
i

& FN &
D r1 r2 D

F1 F2

Abbildung 2.4.5: Beispiel Balkenwaage. Im Gleichgewicht heben sich die


Drehmomente auf.

Drehimpuls
Analog zum Impuls kann man auch der Rotation eines Körpers einen Dre-
himpuls zuordnen. Das einzelnen Volumenelement gemäß Abb. 2.4.6 besitzt
einen Drehimpuls bezüglich der Rotationsachse von:

~ i (∆mi ) = ~ri × (∆mi v~i )


L (2.4.13)
bzw.
X
~ =
L ~ri × (∆mi v~i ) (2.4.14)
i

mit ~vi = ω
~ × ~ri ergibt sich

~ i = ~ri × (~ω × r~i )mi = ω


L ~ (~ri · ~ri ) mi − ~ri (~ri · ω
~ ) mi (2.4.15)
Für ri = ri,⊥ fällt der zweite Term weg, da der Ortsvektor senkrecht zur
Drehachse steht:

~ i = ~ri,⊥
L 2
ω
~ mi (2.4.16)
Integriert man über alle Volumenelemente mi so bekommt man den ge-
samten Drehimpuls zu:
X
~ =
L 2
~ri,⊥ mi ω
~ (2.4.17)
| i {z }
I

Dieser Ausdruck läßt sich verkürzt schreiben als

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 116
KAPITEL 2. MECHANIK 2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER

&
& Z
vi

riA

SP ri

Abbildung 2.4.6: Drehimpuls eines Körpers, der sich um eine Achse ω


~
dreht.

~ = I~ω
L (2.4.18)
Den Ausdruck:
Z
2
I= r⊥ ρdV (2.4.19)

bezeichnet man als Trägheitsmoment. Dieses Trägheitsmoment bezieht


sich immer auf eine gegebene Rotationsachse! Wie bei dem System von Mas-
senpunkten gilt auch für den Drehimpuls bei ausgedehnten Körpern die Dre-
himpulserhaltung. Dies soll an zwei Beispielen erläutert werden:
• Drehimpulserhaltung
Betrachten wir einen Eisläufer der eine Pirouette dreht. Dabei bleibt
sein Drehimpuls konstant. Hat er zwei Hanteln in der Hand mit der
Gesamtmasse m, so ist deren Drehimpuls

~ = mr2 ω
L ⊥~ (2.4.20)
Wenn er den Abstand ~r⊥ zu seiner Drehachse verkleinert, muß sich
ω ~ konstant bleibt. D.h. seine Winkelgeschwindigkeit
~ erhöhen, damit L
erhöht sich!

117 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK

• Versuch Drehstuhl
Eine Person sitzt auf einem Drehstuhl und bekommt ein rotierendes
Rad überreicht, dessen Drehachse parallel zur Drehachse des Dreh-
stuhls orientiert ist. Wenn diese Person die Drehachse des rotierenden
Rades um 180◦ dreht, so beginnt der Drehstuhl sich gegenläufig zu dre-
hen. Dies läßt sich wieder durch die Drehimpulserhaltung erklären, wie
in Abb. 2.4.7 verdeutlicht. Es gilt:

~ vorher = L
L ~ Rad (2.4.21)
~ nachher = −L
L ~ Rad + L
~ Drehstuhl (2.4.22)
(2.4.23)

& &
LVoher LNachher
&
& LStuhl
LRad

Abbildung 2.4.7: Drehstuhl-Experiment: Falls jemand auf einem Dreh-


stuhl ein rotierendes Rad, entsprechend einem Drehimpuls L~ Rad umdreht,
so beginnt sich der Drehstuhl wegen der Drehimpulserhaltung zu drehen.

Für die Definition des Drehimpulses haben wir eine neue Größe, das
Trägheitsmoment, eingeführt. Betrachten wir den allgemeinen Fall eines
Körpers der um eine Achse B rotiert. Das Trägheitsmoment IB ist:
Z Z
IB = 2
r dm = (~rs + ~a)2 dm (2.4.24)
V V
Mit ~a dem senkrechten Abstand des Schwerpunktes von der Achse und ~rs
dem Ort des Massenpunktes bezüglich des Schwerpunktes. Beide Vektoren ~a
und ~rs befinden sich in einer Ebene senkrecht zur Drehachse. Wir bekommen:
Z Z Z
2 2
IB = ~rs dm + 2a ~rs dm +a dm (2.4.25)
V
| V{z } | V{z }
=0 =0

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 118
KAPITEL 2. MECHANIK 2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER

Man erkennt, daß sich das Trägheitsmoment aus zwei Anteilen zusam-
mensetzt:

IB = IS + a2 M (2.4.26)

&
Z

SP
&
rsA aA

Abbildung 2.4.8: Steiner’scher Satz: das Trägheitsmoment durch eine Ach-


se ω
~ läßt sich als Summe des Trägheitsmomentes bezüglich einer parallelen
Achse durch den Schwerpunkt plus M a2 darstellen. Mit M der Masse des
Körpers und a dem senkrechten Abstand der Drehachse vom Schwerpunkt.
Die Vektoren ~a und ~rs befinden sich in einer Ebene senkrecht zur Rotati-
onsachse.

Man bezeichnet dieses Gesetz als den Steiner’schen Satz. Im folgenden


sind einige Trägheitsmomente einfacher Körper abgeleitet:

• dünne Scheibe
Das Trägheitsmoment einer dünnen Scheibe der Höhe h und Radius R
ist gemäß Abb. 2.4.9:

Z Z R
¡ 2 2
¢ 1
Iz = x +y ρdV = 2πhρ rr2 dr = ρhπR4 (2.4.27)
V 0 2

mit M = πR2 hρ ergibt sich:

1
I = M R2 (2.4.28)
2

119 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK

z
& z
&
Z Z R
d
R

h y

x
&
Z

Abbildung 2.4.9: Berechnung des Trägheitsmomentes für eine flache Schei-


be und einen Hohlzylinder.

• Hohlzylinder
Für das Trägheitsmoment eines Hohlzylinders mit Radius R und einer
Wandstärke d bekommt man:

Z Z R
2
Iz = ρ r dV = 2πhρ r3 dr ' 2πρhR3 d (2.4.29)
V R−d

für d ¿ R. Mit M = 2πRdhρ ergibt sich:

Iz = M R2 (2.4.30)

• Vollzylinder
Für das Trägheitsmoment eines Vollzylinders mit Radius R bekommt
man:

1
Iz = M R2 (2.4.31)
2

• Kugel
Für das Trägheitsmoment einer Kugel mit Radius R erhalten wir:

2
I = M R2 (2.4.32)
5

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 120
KAPITEL 2. MECHANIK 2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER

Betrachten wir noch einmal den allgemeinsten Fall eines einfachen


Körpers wie einer Hantel, der asymmetrisch bezüglich einer festen Achse
ω
~ rotiert. Der Drehimpuls der beiden Massen m am Ort ~r1 und ~r2 ergibt sich
zu (siehe Abb. 2.4.10):

~ = ~r1 × m~v1 + ~r2 × m~v2


L (2.4.33)
Aus der Abb. 2.4.10 erkennt man, daß die Richtung des Drehimpulsvek-
tors zu einem beliebigen Zeitpunkt nicht in die Richtung ω ~ . Während der
~ einen Kreis um die Richtung
Rotation überstreicht die Spitze des Vektors L
von ω ~ angeben können. Dieser berech-
~ , so daß wir einen mittleren Vektor hLi
net sich zu:
&
Z & v12
L1 m
r1A r1A
m
& r1||
& r1
L (t ) &
& L |t
L2 & r2||
r2
x
& m v22 r2A
m
v r2A

Abbildung 2.4.10: Rotation einer Hantel um eine asymmetrische Achse


ω
~ . Durch die Fliehkräfte wirkt ein Drehmoment auf das Lager der Achse.

~ = ~r1,⊥ × m~v1 + ~r2,⊥ × m~v2


hLi (2.4.34)
und man bekommt wieder die Beziehung wie oben:
¡ ¢
~ = ~r2 × m + ~r2 ω
hLi 1,⊥ 2,⊥ ~ (2.4.35)
~ ist wieder parallel zu ω
D.h. hLi ~ . Durch die Zentrifugalkräfte wirkt aller-
dings ein Drehmoment auf die Achse: durch die Zentripetalkraft entsteht ein
Drehmoment, daß die Richtung de Vektors L ~ im Sinne der obigen Präzession
d ~
~ Hantel = . Diesem Drehmoment wirkt ein Drehmoment
L
ändert, da gilt D dt
im Lager D ~ Lager entgegen gemäß: D ~ Hantel = −D~ Lager . Gemäß Zeichnung ist
dieses Drehmoment D ~ Lager gegeben als:

121 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK

~ Lager | = r1,k m v12 v2


|D + r2,k m 2 (2.4.36)
r1,⊥ r2,⊥
Dieses Drehmoment wirkt auf eine Ausrichtung der Hantel senkrecht
zur Drehachse. Demnach bewirken die Fliehkräfte eine Maximierung des
Trägheitsmomentes. Das Drehmoment auf das Lager bei der Rotation ei-
nes unsymmetrischen Körpers um eine feste Achse wird im täglichen Leben
als Unwucht wahr genommen, die dieses Lager ausschlagen kann. Das Aus-
wuchten eines Autorades, versucht genau diese Unwucht durch entsprechen-
de Zusatzgewichte zu vermeiden.

2.4.3 Die kinetische Energie der Rotation


Neben dem Drehimpuls, läßt sich auch eine Energie definieren, die sich in der
Rotationsbewegung befindet. Diese ist gegeben durch die Geschwindigkeiten
aller Massenelemente. Für ein einzelnes Massenelement ∆mi gilt:
1 1
Ekin = ∆mi vi2 = ∆mi ri,⊥
2
ω2 (2.4.37)
2 2
damit ergibt die gesamte Rotationsenergie:
Z Z
1 2 2 1 2 2
ERotation = ω r⊥ dm = ω r⊥ ρdV (2.4.38)
2 2
bzw.

1
ERotation = Iω 2 (2.4.39)
2
~ = Iω, können wir die Rotationsenergie auch
Mit dem Drehimpuls L
darstellen als:

1 L2
ERotation = (2.4.40)
2 I
Die Rotationsenergie ist neben der kinetischen und der potentiellen Ener-
gie eine weitere Möglichkeit wie ein Körper Energie speichern kann. Der Ein-
fluss dieser Energie sei an zwei Beispielen illustriert:

• Voll- und Hohlzylinder auf der schiefen Ebene


Betrachten wir das Abrollen eines Voll- und Hohlzylinders auf einer
schiefen Ebene. Welcher Zylinder erreicht das Ende der Rampe am
schnellsten? Bei der Mechanik eines Massenpunktes war die Antwort

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 122
KAPITEL 2. MECHANIK 2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER

&
mi Z

&
riA
SP

Abbildung 2.4.11: Berechnung der Rotationsenergie eines Körpers, der


um eine Achse ω
~ rotiert.

gleichzeitig, da die Beschleunigung im Schwerefeld der Erde unabhängig


von der Masse des Körpers ist. Im Falle eines ausgedehnten Körpers,
wirkt jedoch zusätzlich ein Drehmoment, das den Körper in Rotation
versetzt, wie in Abb. 2.4.12 veranschaulicht.

h
v
v

Abbildung 2.4.12: Abrollen eines Zylinders von einer Ebene. Bewegt sich
die Achse mit einer Geschwindigkeit ~v , so muß die Bahngeschwindigkeit eines
Punktes auf der Zylinderfläche am Kontaktpunkt −~v sein.

Dieses Drehmoment führt zu einer Änderung des Drehimpulses und der


Zylinder beschleunigt seine Rotation. Bei dem Abrollen auf der schie-
fen Ebene wird potentielle Energie in kinetische Energie umgewandelt.
Diese kinetische Energie bei ausgedehnten Körpern setzt sich aus einem
Beitrag der Schwerpunktsbewegung und der Rotation zusammen.

123 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK

1 1
Ekin = M vs2 + IS ω 2 (2.4.41)
2 2
D.h. bei Körpern mit einem großen Trägheitsmoment verbleibt ei-
ne kleinere Beitrag der zur Verfügung stehenden Energie, der in der
Schwerpunktsgeschwindigkeit steckt. D.h. Körper mit einem großen
Trägheitsmoment kommen später unten an. Vergleicht man somit einen
Vollzylinder (Is = 21 M r2 ) und einen Hohlzylinder (Is = M r2 ) gleicher
Masse, so erreicht der Vollzylinder den Fuß der schiefen Ebene als er-
stes. Die Winkelgeschwindigkeit ω läßt sich aus der Geschwindigkeit
des Schwerpunktes v ableiten. Nachdem der Kontaktpunkt der Rolle
zur Ebene in Ruhe ist, muß v des Schwerpunktes identisch mit der
Bahngeschwindigkeit eines Punktes auf dem Zylindermantel sein, d.h.
ω = Rv . Damit ergibt sich für die kinetische Energie mit IS = 12 M R2

3
Ekin = M v 2 (2.4.42)
4
Im Vergleich zu einer gleitenden Rolle, bei der die kinetische Energie
1 2
2
M vgleitend ist, kann die Geschwindigkeit der rollenden Kugel vrollend
nur kleiner als vgleitend sein, da in beiden Fällen die potentielle Energie
mgh umgewandelt wird.

• rotierende Kette
Betrachten wir jetzt eine bewegliche Kette, die an einem Faden auf-
gehängt ist, den ein Motor in Rotation versetzt. Die Rotation des
Motors gibt dem System ein konstanten Drehimpuls vor. Durch die
Änderung der Form der Kette, läßt sich aber die Rotationsenergie mi-
nimieren:

1
ERotation = I~ω (2.4.43)
2
Zu Beginn wird die Zentrifugalkraft dazu führen, daß sich die Kette
der Masse M zu einem Ring mit Radius R weitet, der zunächst um
die Achse des Fadens rotiert. Für eine solche Rotationsachse, die durch
den Durchmesser des Kreises führt bekommt man ein Trägheitsmoment
von I = 21 M R2 . D.h. bei gegebener Winkelgeschwindigkeit ω, die durch
den Motor vorgegeben ist, ist die Rotationsenergie minimal.
Bei höherer Drehgeschwindigkeit werden allerdings die Zentrifugal-
kräfte wichtiger und die Fliehkräfte führen zu einer Maximierung des

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 124
KAPITEL 2. MECHANIK 2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER

Trägheitsmomentes. D.h. rotiert das System schließlich wie in Abb.


2.4.13 illustriert, so bekommt man einen energetisch günstigeren Zu-
stand, da das Trägheitsmoment für eine Rotationsachse senkrecht zur
Ebene des Kreises (I = M R2 ) sich vergrößert.

Motor Motor Motor

Z Z

Abbildung 2.4.13: Die Rotation eines Motors gibt einem System beste-
hend aus einem Faden, an dem eine bewegliche Kette aufgehängt ist einen
festen Drehimpuls vor. Durch die Änderung des Trägheitsmomentes läßt sich
die Rotationsenergie erniedrigen.

• wirbelndes Buch
Ähnlich zu dem Beispiel der rotierenden Kette, läßt sich auch die Ro-
tation eines Buches sehr schön erklären. Wie schon erwähnt ist ei-
ne Rotation um eine Achse mit dem geringsten Trägheitsmoment am
günstigsten für die Rotationsenergie. Allerdings führen die Zentrifu-
galkräfte dazu, daß eine Rotation um eine Achse mit dem größten
Trägheitsmoment angestrebt wird. Bei einem Buch mit seinen 6 Seiten-
flächen, kann man drei Trägheitsmomente unterscheiden. Die Rotation
um die Achsen mit dem kleinsten und größten Trägheitsmoment sind
stabil. Die Rotation um eine Achse mit dem mittleren Trägheitsmoment
ist instabil, das Buch taumelt.

2.4.4 Kinematik der Rotation


Rotation um eine feste Achse
Wird auf einen Körper ein Drehmoment ausgeübt, so ändert sich dessen
Drehimpuls. Leitet man Gl. 2.4.13 nach der Zeit ab, so erkennt man, daß
die Änderung des Drehimpulses von Massenelement ∆mi mit der Zeit gleich
dem angreifenden Drehmoment ist. Es gilt:

125 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK

Translation Rotation
Geschwindigkeit ~v Winkelgeschwindigkeit ω
~
Masse m Trägheitsmoment I
Impuls p~ = m~v Drehimpuls ~ = Iω
L
Kraft F~ Drehmoment ~
D
2. Newton’sche Axiom F~ = d~ p ~ = dL~
D
dt dt
kinetische Energie 12 mv 2 1
2
Iω 2

Tabelle 2.2: Vergleich der Beschreibung von Translation und Rotation

   
µ ¶
~ i (∆mi )  d~r⊥
dL    d∆m v
~ 
= ×(∆mi v~i )
i i
  + ~r⊥ ×  (2.4.44)
dt dt
|{z}  dt 
| {z }
v~i ~
F

Die erste Klammer fällt weg, da v~i ||~


vi und damit das Kreuzprodukt zu
Null wird. Die zweite Klammer ergibt ~r⊥ × F~ , das Drehmoment. Damit be-
kommen wir:

~
dL ~
=D (2.4.45)
dt
mit L = Iω = I dφ
dt
ergibt sich:

2
~ = Id φ =
D (2.4.46)
d2 t
Man erkennt, daß man ähnlich zu den Gesetzen für die Translation einen
Zusammenhang zwischen dem Winkel und den wirkenden Drehmomenten be-
kommt, ähnlich zum zweiten Newton’schen Axiom. Diese Tatsache läßt sich
durch die Verknüpfung von Drehimpuls, Drehmoment und Trägheitsmoment
darstellen, die den Größen zur Beschreibung der Bewegung eines Massen-
punktes, Impuls, Kraft und Masse entsprechen. Dies ist in Tab. 2.2 ge-
genübergestellt:
Auch bei einer gleichmäßig beschleunigten Rotation können wir analog
zur Translation die Kraftgleichung
2
~ = Id φ
D (2.4.47)
dt2
integrieren und erhalten eine Funktion φ(t) von:

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 126
KAPITEL 2. MECHANIK 2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER

1D 2
φ= t + ω0 + φ0 (2.4.48)
2I
Der Ausdruck D/I entspricht einer Winkelbeschleunigung (= F/m bei
der Translation) und der Ausdruck ω0 ist die Winkelgeschwindigkeit zum
Zeitpunkt t = 0. Auf der Basis dieser Bewegungsgleichung wollen wir noch
einmal den Fall eines Zylinders betrachten, der eine Ebene mit Winkel α her-
unterrollt. Aus einem Kräftediagramm erkennen wir, daß das Drehmoment
um den Auflagepunkt gegeben ist als:

D = M g sin(α) · r (2.4.49)
Dieses Drehmoment versetzt den Zylinder in Rotation, der sich um seinen
Auflagepunkt abrollt. Das gültige Trägheitsmoment für diesen Fall läßt sich
mit dem Steiner’schen Satz ableiten zu:

D
r
&
m˜ g
D

Abbildung 2.4.14: Abrollender Zylinder, der durch die Schwerkraft be-


schleunigt wird.

I = Is + M r 2 (2.4.50)
d
Mit D = dt
(Iω) ergibt sich:

¡ ¢ dω
M gr sin α = Is + M r2 (2.4.51)
dt
Die Geschwindigkeit der Achse des Zylinders muß gleich der Bahnge-
schwindigkeit eines Punktes auf dem Zylindermantel sein!. D.h. für die Ach-
sengeschwindigkeit gilt ds
dt
= rω. Somit ist der Bezug zwischen Beschleuni-
gung der Achse nach unten und der Änderung der Winkelgeschwindigkeit:

127 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK

d2 s dω
2
aAchse =
=r (2.4.52)
dt dt
D.h. wir bekommen als Beschleunigung:
g sin α
aAchse = (2.4.53)
1 + MIsr2
Die Beschleunigung ist am geringsten, je größer das Trägheitsmoment ist!

Rotation um freie Achsen


Bislang haben wir immer den Fall einer Rotation um eine vorgegebene feste
Achse betrachtet. Dabei ist der mittlere Drehimpuls L ~ immer kollinear zu
der Drehachse ω~ . Im folgenden wollen wir jedoch einen vollkommen freien
Körper betrachten, der zunächst um eine beliebige Achse ω ~ rotiert. Hierbei
~
muß der Drehimpuls L nicht immer in dieselbe Richtung zeigen wie omega. ~
Der Drehimpuls bezüglich dieser Achse ist definiert als:

~ i = ∆mi (~ri × ~vi ) = ∆mi~ri × (ω × ~ri )


L (2.4.54)
mit

~r × (~ω × ~r) = ~r2 ω


~ − (~rω
~ ) ~r (2.4.55)
bekommt man:
Z
~ =
L ~r2 ω
~ − (~rω
~ ) ~rdm (2.4.56)

Diese Gleichung läßt sich kompakter schreiben als

~ = I~
L ˜ω (2.4.57)
wobei allerdings I˜ ein Tensor ist, der Trägheitstensor:
 
Ixx Ixy Ixz
I˜ =  Iyx Iyy Iyz  (2.4.58)
Izx Izy Izz
Die einzelnen Komponenten dieses Tensors sind
Z Z
¡ 2 2
¢ ¡ 2 ¢
Ixx = r − x dm = y + z 2 dm (2.4.59)

bzw.

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 128
KAPITEL 2. MECHANIK 2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER

Z
Ixy = − xydm (2.4.60)

Die Rotationsenergie einer freien Rotation ergibt sich in dieser Notation


zu:

1 T˜
Erot = ω ~ I~ω (2.4.61)
2
bzw. aufgelöst nach den einzelnen Beiträgen.

1 T 1£ 2 ¤
Erot = ω ~ Iω ω
~ = ωx Ixx + ωy2 Iyy + ωz2 Izz + ωx ωy Ixy + ωx ωz Ixz + ωy ωz Iyz
2 2
(2.4.62)
Bislang haben wir die Rotation in einem willkürlichen Koordinatensy-
stem ~x, ~y und ~z betrachtet. Allerdings läßt sich durch eine Drehung des Ko-
ordinatensystems der Tensor des Trägheitsmomentes diagonalisieren. D.h.
in einem orthogonalen Koordinatensystem, das durch neue Einheitsvektoren
~a, ~b, ~c aufgespannt wird, ergibt sich:
 
Ia 0 0
I˜ =  0 Ib 0  (2.4.63)
0 0 Ic
In diesen neuen Koordinatensystem ist die Rotationsenergie einfach:

1£ 2 ¤
Erot = ωa Ia + ωb2 Ib + ωc2 Ic (2.4.64)
2
Man bezeichnet die Trägheitsmomente Ia , Ib und Ic als Haupt-
trägheitsmomente. Die Gleichung entspricht der Form nach einer drei-
dimensionalen Ellipsengleichung (x2 + y 2 + z 2 = 1). Man spricht von einem
Trägheitsellipsoid. Es zeigt sich bei einfachen Körpern, das die Achsen ~a, ~b
und ~c auch Symmetrieachsen des Körpers darstellen.
Wir können auch den Drehimpuls in diesen Achsen ausdrücken.

~ = Ia ω~a + Ib ω~b + Ic ω~c


L (2.4.65)
Nachdem aber die Hauptträgheitsmomente Ia , Ib und Ic nicht immer
gleich groß sein müssen, muß der Vektor des Drehimpulses L ~ nicht immer
parallel zur Richtung des Vektors der Winkelgeschwindigkeit ω ~ entsprechend
der Rotationsachse sein! Dies kann signifikante Folgen für die Bewegung des
Körpers haben. Wir können mehrere Fälle unterscheiden:

129 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK

&
a
&
Z

&
c
&
b

Abbildung 2.4.15: Das Trägheitsmoment ergibt ein Rotationsellipsoid für


die Größe des Trägheitsmomentes in eine beliebige Richtung von ω
~ . Die
Richtungen ~a und ~b und ~c sind die Hauptträgheitsmomente.

• Ia = Ib = Ic
~ ω . D.h. die
Falls alle Hauptträgheitsmomente gleich sind, so gilt Lk~
Drehachse kann beliebig sein, da der Körper komplett symmetrisch ist.

• Ia 6= Ib 6= Ic aber ωa = const. und ωb = ωc = 0


Falls alle Hauptträgheitsmomente unterschiedlich sind, aber nur eine
Komponente ω ~ ω . D.h. die Drehachse trifft genau
~ a 6= 0 ist, so gilt Lk~
eine Symmetrieachse des Körpers.

• Ia 6= Ib 6= Ic aber ω
~ beliebig
Falls alle Hauptträgheitsmomente unterschiedlich sind aber auch ω ~ be-
~
liebig ist, ist L nicht mehr parallel zu ω
~ . Dies läßt sich grafisch in Abb.
2.4.16 veranschaulichen. Betrachten wir den Fall daß Ia = Ib 6= Ic .
Die Rotation teilt sich auf in eine
p Rotation parallel zu ~c, ωc und eine
Rotation senkrecht dazu ω⊥ = ωa2 + ωb2 .
Was bedeutet dies für die Bewegung des Körpers? Wegen der Drehim-
pulserhaltung ist die Richtung von L~ ortsfest. Die Rotation um die
Achse ~c und um die Achse senkrecht dazu können sich aber nicht be-
~ = const. gelten muß. Es stellt sich eine
liebig überlagern, da immer L

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 130
KAPITEL 2. MECHANIK 2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER

Zc
&
Zc I c L
x
ZA
Zc
&
Z
ZA ZA I a

Abbildung 2.4.16: Nutation von ω


~ für den Fall, daß die Richtungen von
~ und ω
L ~ unterschiedlich sind.

sogenannte Nutation4 ein, d.h. die Achse ~c und die Richtung ⊥ rotie-
ren gemeinsam um die Richtung von L.~
Dies läßt sich noch einmal veranschaulichen durch einen Vergleich der
Drehbewegung um eine feste und um eine freie Achse:

– Bei dem obigen Beispiel der asymmetrischen Hantel, die sich um


eine feste Achse dreht, trat ein Drehmoment auf die Achse auf
(”Unwucht”). Dieses Drehmoment führt zu einer Rotation von L~
um die ortsfeste Richtung von ω~.
– Bei einer freien Achse tritt wieder dasselbe Drehmoment auf, wenn
~ und ω
L ~ nicht in dieselbe Richtung zeigen. In diesem Fall bleibt we-
gen der Drehimpulserhaltung allerdings die Richtung von L ~ orts-
fest und ω~ führt eine Nutationsbewegung um die ortsfeste Rich-
tung von L ~ aus.

Ein praktisches Beispiel ist ein kardanisch aufgehängter Kreisel, auf


den durch die Schwerkraft kein Drehmoment ausgeübt wird. Überlagert
man der Kreiselbewegung eine Rotation in eine andere Richtung, so
ist damit die Richtung des Gesamtdrehimpulses nicht mehr gleich der
Symmetrieachse des Kreisels. D.h. eine Nutation stellt sich ein, die als
kleine Taumelbewegung der Kreiselachse sichtbar wird.
4
Die Nutation darf nicht mir der Präzession (siehe unten) verwechselt werden. Die
Nutation entsteht bei einem drehmoment-freien Kreisel, während für die Präzession immer
ein Drehmoment wirken muß.

131 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK

Der Kreisel
Betrachten wir jetzt den Fall eines Kreisels. Gegeben sei ein Kreisel, der an
seinem unteren Ende unterstützt wird. Wird dieser Kreisel um einen Winkel
α aus seiner senkrechten Lage ausgelenkt, wirkt auf seinen Schwerpunkt ein
Drehmoment:

~ = ~r × m~g
D (2.4.66)
Ein Drehmoment führt immer zu einer Änderung des Drehimpulses:

~
dL
=D ~ (2.4.67)
dt
Nachdem dieses Drehmoment immer senkrecht zum Drehimpuls wirkt,
~ aber nicht dessen Betrag. Es entsteht eine
ändert sich die Richtung von L
Präzessionsbewegung (siehe Abb. 2.4.15). Die Frequenz der Präzession
ist:

ωp = (2.4.68)
dt
Die Änderung des Drehimpulses bei der Präzession ist gegeben als dL =
L sin αdφ, wie man aus Abb. 2.4.17 ablesen kann. Daraus läßt sich ableiten:
dφ dL 1 D
= = (2.4.69)
dt dt L sin α L sin α
Wenn wir für D = rmg sin α und für L = Iω einsetzen bekommt man:
D rmg sin α rmg
ωp = = = (2.4.70)
L sin α Iω sin α Iω
D.h. die Präzessionsfrequenz ωp ist unabhängig vom Winkel α.
Bei dieser Präzessionsbewegung ist der Gesamtdrehimpuls jetzt nicht
mehr nur durch die Rotation des Kreisels um seine Figurenachse gegeben,
sondern auch durch die Präzessionsbewegung selbst. D.h. die Figurenachse
und die Drehimpulsrichtung sind nicht mehr identisch. Dadurch überlagert
sich der Präzessionsbewegung eine Nutation.
Im folgenden seien drei Beispiele für die Anwendung der
Präzessionsbewegung und der Kreiselkräfte genannt:

• Der Kreiselkompass
Diese Präzessionsbewegung wird beim Kreiselkompass ausgenutzt
(siehe Abb. 2.4.16): Ein Kreisel wird in Rotation versetzt. Der Krei-
sel ist zusätzlich in einer Achse B senkrecht zu dieser Rotationsachse

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 132
KAPITEL 2. MECHANIK 2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER

& &
Z || L z M
&
L
D …&
r & D L sin D ˜ dM
mg

Abbildung 2.4.17: Präzession eines Kreisels.

aufgehängt. Diese senkrechte Achse, kann nur parallel zur Erdober-


fläche frei bewegen. Nehmen wir an, der Drehimpuls des Kreisels zeige
zunächst in eine Richtung wie in Abb. 2.4.18 illustriert. Bei der Ro-
tation der Erde ändert sich die Richtung dieses Drehimpulses, da die
senkrechte Achse immer parallel zum Erdboden bleibt. Wenn der Krei-
sel komplett frei aufgehängt wird (z.B. kardanische Aufhängung) bleibt
seine Ausrichtung wegen der Drehimpulserhaltung selbst bei einer Ro-
tation der Erde beibehalten!. Durch die Zwangslage von Achse B wird
allerdings ein Drehmoment ausgeübt, das die Achse des Kreisels nach
~ ~ Falls diese Achse genau in Nordrichtung
Norden verkippt ( ddtL = D).
zeigt und damit parallel zur Rotationsachse der Erde ist, ändert sich
die Richtung von L ~ bei einer Rotation der Erde nicht mehr. Damit
verschwindet das Drehmoment und der Kreiselkompass behält diese
Lage bei. D.h. er zeigt bei Bewegung eines Schiffes zum Beispiel immer
Richtung Norden. Im Vergleich zu einer Magnetnadel hat ein Krei-
selkompass den Vorteil, daß er auch bei Metallschiffen zum Einsatz
kommen kann. Eine Magnetnadel würde von der Eigenmagnetisierung
eines Metallschiffes selbst zu stark abgelenkt.

• Präzession der Erde


Die Präzessionsbewegung wird auch bei der Bewegung der Erde um die
Sonne wichtig. Die Erde rotiert um sich selbst, was zu einer Abplattung
an den Polgegenden führt (siehe Abb. 2.4.19). Im Schwerpunkt der Er-
de heben sich Zentrifugal- und Zentripetalkraft auf. Betrachtet man
aber die Schwerpunkte der Teilvolumina entsprechend der Abweichung
der Erde von der Kugelform, so ist die Zentrifugalkraft auf der Sonnen-
abgewandten Seite im Vergleich zur Gravitationskraft größer, während
auf der Sonnen-zugewandten Seite die Gravitationskraft größer als die
Zentrifugalkraft ist. Dadurch wirkt auf die Erdachse netto ein Drehmo-

133 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK

&
F &
& x D
L
&
& & F
L Ost L
x

Achse || zu Erdboden

&
Z x N West

Abbildung 2.4.18: Bei einem Kreiselkompass wird ein rotierender Krei-


sel schwimmend gelagert, so daß er sich frei um eine Achse senkrecht zur
Kreiselachse selber bewegen kann. Bewegt sich dieser Kompass am Äquator
~ und ein Drehmoment wirkt.
nach Westen, so ändert sich die Richtung von L
~ ~ = 0, d.h.
Erst wenn L parallel zur Rotationsachse ausgerichtet ist bleibt D
der Kompass hat sich ausgerichtet.

ment, das zu einer Präzessionsbewegung der Erdachse mit einer Periode


von 26.000 Jahren führt. Von der Erde aus betrachtet präzediert damit
auch die Bahn der Sonne vor dem Fixsternhimmel mit dieser Periode.
Dies hat z.B. zur Folge, daß die Sonne heute nicht mehr in den jewei-
ligen Sternkreisbildern steht, da die Zuordnung zwischen Sonnenbahn
und Sternbild am Fixsternhimmel vor 2000 Jahren vorgenommen wur-
de.

• Fahrradfahren
Die Kreiselkräfte können auch die Fahrstabilität eines Fahrrades er-
klären (siehe Abb. 2.4.20). Betrachten wir zunächst das Gleichgewicht
beim Fahrradfahren. Der Schwerpunkt muß immer auf der Verbin-
dungsachse zwischen den beiden Auflagepunkten der Räder liegen.
Kippt das Fahrrad nach links, muß man auch nach links lenken, um
den Schwerpunkt auf die Verbindungsachse zu bringen. Durch die
Kreiselkräfte geschieht dies auch beim freihändig fahren: Kippt das
Fahrrad nach links, wirkt ein Drehmoment durch die Schwerkraft auf
den Drehimpulsvektor des rotierenden Vorderrades. Dies erzeugt eine
Präzession, die das Rad nach links verdreht. Während dieser Links-
kurve wirkt die Zentrifugalkraft, die das Fahrrad wieder gerade stellt.
Es kommt allerdings noch ein zweiter Aspekt hinzu. Bei einem Fahrrad
ist die Lenkachse des Vorderrades schräg gestellt. Die Erfahrung zeigt,

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 134
KAPITEL 2. MECHANIK 2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER

Fz FG
&
F2 &
F1
Sonne
Fz FG
Erde

Abbildung 2.4.19: Die Erde ist durch die Rotation abgeplattet. Während
sich für eine ideale Kugelform die Zentrifugalkraft und die Gravitation auf-
heben, so ist auf der sonnen-abgewandten Seite der Abplattung, die Zentrifu-
galkraft größer als die Gravitation, während sie auf der sonnen zugewandten
Seite kleiner ist. D.h. ein Drehmoment entsteht, was zu einer Präzession der
Erdachse mit einer Periode von 26000 Jahren führt.

daß man mit einem solchen Fahrrad einfach freihändig fahren kann.
Ein Fahrrad dessen Lenkachse senkrecht steht ist dafür nicht geeignet.
Woran liegt das? Durch die schräge Lenkachse bekommt man einen
sogenannten Nachlauf, d.h. die Projektion der Lenkachse auf den Bo-
den liegt vor dem Punkt an dem das Vorderrad den Boden berührt.
Dadurch entsteht ein Nachlaufen, da das Rad immer der Lenkachse
folgt.

135 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.4. AUSGEDEHNTE STARRE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK

˜ ˜ & &
r
L &
L
& x &
mg
˜ ˜ D

gerade nach links Präzession Vorderrad


gekippt nach links

Nachlauf
„instabil“ „stabil“

Abbildung 2.4.20: Ein Fahrrad ist stabil, wenn sein Schwerpunkt auf der
Verbindungsgerade zwischen den Rädern liegt. Falls das Fahrrad nach links
kippt, entsteht eine Präzession, die auch das Rad nach links dreht, d.h. der
Schwerpunkt kommt wieder auf die Verbindungsachse. Die schräge Lenkach-
se erzeugt einen Nachlauf des Vorderrades.

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 136
KAPITEL 2. MECHANIK 2.5. REALE KÖRPER

2.5 Reale Körper


Bislang hatten wir entweder Massenpunkte oder starre ausgedehnte Körper
betrachtet. In der Natur zeichnen sich aber alle Gegenstände durch ihre Ver-
formbarkeit aus, die von sehr kleinen Änderungen bei elastischen Festkörpern
(Volumen nahezu konstant, kleine Verformung) bis zu großen Änderungen
bei Flüssigkeiten (Volumen nahezu konstant, große Verformung) und Gasen
(Volumen variabel, große Verformung) reicht.

2.5.1 Elastische Festkörper


Dehnung und Stauchung
Elastische Festkörper können gedehnt oder gestaucht werden. Dies läßt sich in
einem atomistischen Bild verstehen. Die Bindungsenergie zwischen zwei Ato-
men in einem Festkörper ist durch den Verlauf der potentiellen Energie wie
in Abb. 2.5.1 illustriert. Bei sehr keinen Atomabständen R tritt Abstoßung
auf Grund des Pauliverbotes auf; bei großen Abständen bricht die chemische
Bindung; bei einem Abstand r0 liegt das Minimum der potentiellen Energie.
Per Konvention wird dieses als Bindungsenergie bezeichnet und durch einen
negativen Wert ausgedrückt, um einen gebundenen Zustand zu charakterisie-
ren. In der Umgebung dieses Minimums r0 läßt sich die potentielle Energie
durch eine Parabel annähern.
1
Epot = c (~r − ~r0 )2 + EB (2.5.1)
2
Die rückstellende Kraft bei einer Auslenkung um diese Ruhelage r0 ist
gegeben durch:

F~ = −gradEpot = −c (~r − ~r0 ) (2.5.2)


D.h. wir bekommen eine Kraft, die linear mit der Auslenkung ansteigt,
eine Federkraft. Mit diesem Ansatz läßt sich eine Bewegungsgleichung für die
Auslenkung x = r − r0 eines Atoms der Masse m ausdrücken:

d2 x
m = −cx (2.5.3)
dt2
bzw.

d2 x c
+ x=0 (2.5.4)
dt2 m
Dies ist eine Differentialgleichung für eine Schwingung mit x(t) als Lösung
der Form:

137 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.5. REALE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK

E pot
R

r0
R

EB

Abbildung 2.5.1: Die potentielle Energie einer Bindung zwischen zwei


Atomen in einem Festkörper in Abhängigkeit von ihrem Abstand R. Das
Minimum kann durch eine Parabel angenähert werden.

r
c
x(t) = sin ω0 t mit ω0 = (2.5.5)
m
Die Atome schwingen also um ihre Ruhelage, was eine direkte Fol-
ge der Parabelnäherung der potentiellen Energie ist. Man spricht auch
von der harmonischen Näherung. Dehnt man jetzt einen realen Körper
kann man den linearen Zusammenhang zwischen Zugspannung und relati-
ver Längenänderung für kleine Dehnungen gut beobachten: die Änderung
des mittleren Abstandes zwischen den Atomen wird als Dehnung oder Stau-
chung (siehe Abb. 2.5.2) sichtbar. Übt man eine Kraft auf einen Körper der
Länge L aus, der an einem Ende eingespannt ist, so dehnt er sich. Die Kraft
F , die man dabei aufwenden muß, ist in erster Näherung proportional zur
Längenänderung ∆L. Hier kann man entweder einen Körper betrachten, der
an zwei Enden mit der Kraft F gedehnt oder gestaucht wird, oder der einge-
spannt ist und an einem Ende mit F gedehnt wird. In letzterem PFall, sorgt
die Normalkraft FN am eingespannten Ende für die Bedingung F = 0 im
Gleichgewicht. Mit einem Querschnitt A dieses Festkörpers und einer Pro-
portionalitätskonstante E bekommt man:
F ∆L
=E (2.5.6)
A L
Die Proportionalitätskonstante E heißt Elastizitätsmodul. Zusätzlich

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 138
KAPITEL 2. MECHANIK 2.5. REALE KÖRPER

FN
F F F
L 'L L 'L

Abbildung 2.5.2: Dehnung eines Festkörpers um eine Länge ∆L.

kann man die Zugspannung oder Druckspannung σ einführen als die


Kraft pro Fläche.
F
σ= (2.5.7)
A
∆L
Mit der relativen Längenänderung ² = L
wird schließlich das
Hook’sche Gesetz formuliert:

σ = E² (2.5.8)
Bei großen Dehnungen ist die potentielle Energie der Atombindung al-
lerdings nicht mehr durch eine Parabel anpassbar und die Dehnung da-
mit auch nicht mehr proportional zur Kraft, wie in Abb. 2.5.3 illustriert.
Die Abweichung der potentiellen Energie von der Parabelform wird sicht-
bar. Man spricht von der Anharmonizität des Bindungspotentials und die
Dehnung ist nicht mehr proportional zur wirkenden Zugspannung. In einem
Übergangsbereich ist diese Dehnung allerdings immer noch reversibel. Ab ei-
nem bestimmten Punkt kehrt der Körper nicht mehr in seine Ausgangslage
zurück, da sich in seinem Innern irreversible Änderungen durch die Dehnung
ergeben haben, der Körper fließt. Dies kann zum Beispiel das Abgleiten ein-
zelner Kristallite in einem polykristallinen Festkörper sein. Bei noch größerer
Dehnung wird schließlich ein Punkt erreicht an dem der Körper zerreißt (sie-
he Abb. 2.5.3).
Die Härte von Materialien gegenüber einer mechanischen Beanspruchung
kann mit zahlreichen Messverfahren untersucht werden. Die Härte selbst
ist keine physikalisch genau definierte Größe im Unterschied zum Elasti-
zitätsmodul. Die Härte ist also immer definiert bezüglich eines gewählten
Messverfahrens. Bei der Härtemessung wird ein Prüfkörper in ein Materi-
al hinein gedrückt und das Verhältnis aus aufgewendeter Kraft zur Quer-
schnittsfläche des Eindrucks ist als Härte definiert. Hierbei unterschieden sich
die einzelnen Messverfahren hinsichtlich der Wahl des Prüfkörpers (Kugel,
Diamant etc.)

139 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.5. REALE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK

V
  

   

        

H
Abbildung 2.5.3: Das Hook’sche Gesetz verknüpft Zugspannung σ = Fq
und relative Längenänderung ² = ∆l
l . Wegen der Anharmonizität des Bin-
dungspotentials kommt es zu einer Abweichung vom Hook’schen Gesetz für
große Zugspannungen bzw. Dehnungen.

Eine Belastung des Körpers in eine Richtung führt automatisch auch zu


einer Formänderung senkrecht dazu, der Querkontraktion. Betrachten wir
dazu die Dehnung in x-Richtung wie in Abb. 2.5.4 veranschaulicht. Diese
führt automatisch zu einer Querkontraktion in der y- und z-Richtung, die
durch die sog. Poissonzahl µ ausgedrückt werden kann. Es muß gelten:

σx
²y = ²z = −µ²x = −µ (2.5.9)
E
Das Minuszeichen drückt aus, daß eine Dehnung in einer Richtung
grundsätzlich eine Stauchung in die andere Richtung bedingt und umgekehrt.
Man kann einen allgemeinen Fall definieren, bei dem in alle drei Rich-
tungen Zug- bzw. Druckspannungen herrschen mögen. D.h. eine Dehnungen
in y- und z-Richtung kann seinerseits durch eine mögliche Druck- oder Zug-
spannung in y- und z-Richtung durch die Querkontraktion vergrößert oder
verringert werden. Man bekommt eine Dehnung in x-Richtung durch die
Spannungen σx , σy und σz von:

1
²x = [σx − µ (σy + σz )] (2.5.10)
E
Man erkennt hier zum Beispiel, daß eine Dehnung in x-Richtung reduziert
werden kann, wenn eine Dehnung in y-Richtung oder z-Richtung auftritt.
Die Änderung des Volumens ist gegeben als:

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 140
KAPITEL 2. MECHANIK 2.5. REALE KÖRPER

1
²V olumen = ²x + ²y + ²z = (1 − 2µ) (σx + σy + σz ) (2.5.11)
E

1
 P ˜H y
2

Hx

1 2H x

Abbildung 2.5.4: Querkontraktion in y- und z-Richtung bei einer Dehnung


des Körpers in x-Richtung.

Man erkennt, daß eine Volumenänderung nur auftritt, falls die Poisson-
zahl µ 6= 0.5 ist.
Betrachten wir im folgenden das Beispiel eines gebogenen Balkens, wie in
Abb. 2.5.5 illustriert. Der Balken habe eine Länge L und sei an einem Ende
eingespannt. An seinem Ende wirke eine Kraft F0 . Welche Spannung wirkt
jetzt in dem Balken?
Wie aus der Zeichnung ersichtlich ist, entsteht ein Unterschied ∆l in der
Länge des Balkens an Ober- und Unterseite:
µ ¶ µ ¶
d d l
∆l = r + ϕ− r− ϕ = dϕ = d (2.5.12)
2 2 r
mit r dem Krümmungsradius und d der Dicke des Balkens. Wir be-
trachten kleine Dehnungen bzw. große Krümmungsradien r. D.h. bei kleinen
Winkeln ϕ, kann sin ϕ grundsätzlich durch ϕ = rl angenähert werden. Die
gestrichelte Linie in Abb. 2.5.5 bezeichnet man als neutrale Faser in der
aus Symmetriegründen keine Spannung auftreten kann. Die Längenänderung
an einem beliebigen Ort z im Balken ist demnach:

l
∆l(z) = z (2.5.13)
r
Mit dem Hook’schen Gesetz bekommen wir:

141 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.5. REALE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK

L 
d 2
d l
z 0

F0 d 2
r

 

x M

Abbildung 2.5.5: Biegung eines Balkens der Länge L. Die gestrichelte


Linie bezeichnet die neutrale Faser.

∆l 1
=²=σ (2.5.14)
l E
bzw.
z
σ= E (2.5.15)
r
Die Spannung σ erzeugt eine Kraft dF auf eine Fläche b · dz am Ort z
innerhalb des Balkens der Breite b:
z
dF = σbdz = E · b · dz (2.5.16)
r
Diese Kraft erzeugt mit dem Hebelarm z ein Drehmoment dDBalken =
dF z (siehe Abb. 2.5.6):
E
z · b · dz
dDBalken = z (2.5.17)
r
Mit der Integration über die Dicke d des Balkens bekommen wir das
gesamte Drehmoment, daß durch das Spannungsfeld σ im Balken aufgebaut
wird.
Z d/2
E 2 Ed3 b
DBalken = z b dz = (2.5.18)
−d/2 r 12r
Dieses Drehmoment DBalken steht im Gleichgewicht mit dem von außen
angreifenden Drehmoment durch die Kraft F0 . An einem Ort x auf der Länge
des Balkens ist das Drehmoment gegeben als (siehe Abb. 2.5.5):

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 142
KAPITEL 2. MECHANIK 2.5. REALE KÖRPER

Daußen = F0 (L − x) (2.5.19)

V
V V x z 0
V x

 
 


Abbildung 2.5.6: An einem beliebigen Punkt in dem Balken herrscht eine


Gleichgewicht der Drehmomente.

Wegen dem dritten Newton’schen Axiom gilt DBalken = −Daußen . Es er-


gibt sich:

1 12F0
= − 3 (L − x) (2.5.20)
r Ed b
Man erkennt, daß die Krümmung des Balkens 1/r mit der dritten Potenz
der Balkendicke abnimmt5 . Gleichzeitig ist die Krümmung am Ort x = 0,
dem Ort der Einspannung, am größten. An diesem Ort tritt auch die maxi-
male Zugspannung σmax auf:

1d
σmax = E (2.5.21)
r2
bzw.

12F0 L
σmax = (2.5.22)
2d2 b
D.h. der Balken bricht bei Überlastung genau dort ab.

Verscherung
Neben einer Dehnung und Stauchung kann ein elastischer Festkörper auch
verschert werden. Durch das Hook’schen Gesetz kann man die Scherspan-
nung τ mit dem Scherwinkel γ, gemäß Abb. 2.5.7 verknüpfen:

τ = Gγ (2.5.23)

143 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.5. REALE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK

y
'x
x F W yx

J x

Abbildung 2.5.7: Verscherung eines Quaders um einen Winkel γ.

G bezeichnet man als Schubmodul.


Die einzelnen Materialkonstanten G, E und µ sind allerdings nicht un-
abhängig voneinander. Jede Verscherung bedeutet auch eine Längenänderung
in einem Volumen. Bei einem Würfel führt zum Beispiel eine Verscherung zu
einer starken Dehnung auf einer Hauptdiagonalen und zu einer entsprechen-
den Stauchung auf der dazu senkrechten stehenden anderen Hauptdiagona-
len. Betrachten wir dazu einen kleinen Würfel der Kantenlänge a, der in die
y-Richtung gedehnt wird. Gemäß Abb. 2.5.8 bekommen wir einen Zusam-
menhang von:

a
a 1  H y

a x
Vy Vy

a 1  PH y
S
J
2

Abbildung 2.5.8: Verknüpfung zwischen Verscherung und Dehnung.

5
Große Krümmung entspricht einem kleinen Radius und umgekehrt.

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 144
KAPITEL 2. MECHANIK 2.5. REALE KÖRPER

µ ³ ´¶ 1 − µ²
1 π y
tan −γ = (2.5.24)
2 2 1 + ²y
Für sehr kleine Verscherungswinkel γ läßt sich dies annähern zu:
γ
1− 2 1 − µ²y
γ = (2.5.25)
1+ 2
1 + ²y
bzw.

γ = ²y (1 + µ) (2.5.26)
Wenn wir τ = Gγ und σ = ²E einsetzen bekommen wir:
σ
E= G(1 + µ) (2.5.27)
τ
Aus der Verscherung eines Körpers kann man zudem noch ableiten, daß
die Verscherung τ durch eine maximale uni-axiale Dehnung in y-Richtung
erzeugt werden kann, als 12 σ = τ 6 . Damit bekommt man als Verknüpfung
schließlich:

E = 2G(1 + µ) (2.5.28)
Diese Beziehung gilt streng nur für Materialien mit isotropen, d.h.
räumlich homogenen elastischen Eigenschaften. Anisotrope Körper mit be-
stimmten Vorzugsrichtung müssen aufwändiger beschrieben werden.
Im allgemeinen Fall, kann ein Spannungszustand eines Körpers durch eine
Matrix σ̃ beschrieben werden.
 
σx τxy τxz
σ̃ =  τyx σy τyz  (2.5.29)
τzx τzy σz
Nachdem bei einem ruhenden Körper sich die Drehmomente aufheben
müssen gilt immer τxy = τyx , d.h. die Matrix ist symmetrisch. Der Span-
nungszustand ist mit der Verformung verknüpft, die durch die Matrix
 
²xx ²xy ²xz
²̃ =  ²yx ²yy ²yz  (2.5.30)
²zx ²zy ²zz
gegeben ist. Man bekommt eine verallgemeinerte Form des Hook’schen
Gesetztes mit:
6
Dies läßt sich aus der Kräftebilanz eines kleinen rechtwinkligen Dreiecks ableiten. Bei
einem spitzen Winkel von 45◦ wird durch eine Scherspannung eine maximale Zugspannung
bzw. Druckspannung verursacht.

145 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.5. REALE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK

Vy


Vx W yx
W xy

Abbildung 2.5.9: Allgemeine Beschreibung eines Spannungszustandes


durch Zug- σ und Scherspannung τ .

σ̃ = E²̃ (2.5.31)
Bei einem isotropen Material ist E ein Skalar. Für Festkörper mit be-
stimmten Vorzugsrichtungen und einer Anisotropie in ihrem Verhalten ist
auch E wieder ein Tensor Ẽ.

2.5.2 Flüssigkeiten
Eine Flüssigkeit kann prinzipiell keine Kräfte parallel zur
Flüssigkeitsoberfläche (=Scherkräfte) aufnehmen. Die Flüssigkeitsoberfläche
verändert sich solange bis die wirkenden Kräfte immer senkrecht zur
Flüssigkeitsoberfläche sind. Dies läßt sich an einem rotierenden Gefäß
illustrieren. Die Oberfläche der Flüssigkeit in dem rotierenden Gefäß nimmt
die Kontur einer Parabel ein, da dann die Summe aus Zentrifugalkraft
und Schwerkraft genau senkrecht zur Oberfläche steht, wie Abb. 2.5.10
veranschaulicht.
Betrachten wir einen Ort auf der rotierenden Flüssigkeit, so muß sind die
Kräfte die Schwerkraft und die Zentrifugalkraft. Nachdem die Kraft senkrecht
zur Flüssigkeitsoberfläche wirkt (Querschnitt entspricht der Funktion z(r))
muß gelten:

dz mω 2 r
= (2.5.32)
dr mg

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 146
KAPITEL 2. MECHANIK 2.5. REALE KÖRPER

D.h. es gilt:
dz
∝r bzw. z(r) ∝ r2 (2.5.33)
dr
D.h. der Querschnitt der Flüssigkeit hat eine Parabelform. Diese
Abhängigkeit erzeugt auch eine perfekte asphärische Abbildung, falls man
die Oberfläche als Spiegel dienen soll. In der Tat werden große Glasspiegel
der Astronomie auf diese Art vorgeformt, wobei während der Erstarrung des
geschmolzenes Glas-Rohlings dieser rotiert und sich so automatisch die Pa-
rabelform einstellt.

v2 r
m
r

mg F mg
mg

Z
Abbildung 2.5.10: In einer Flüssigkeit können keine Scherkräfte auftreten.
Deshalb richtet sich die Kraftkomponente immer senkrecht zur Oberfläche
aus.

Hydrostatischer Druck
In einer ruhenden Flüssigkeit (siehe Abb. 2.5.10), darf sich kein
Flüssigkeitselement bewegen, d.h. die Kräfte auf die Oberflächen dieses
Flüssigkeitselementes müssen sich alle aufheben. Diese Kraft pro Fläche be-
zeichnet man als Druck:

F
p= [Pa] (2.5.34)
A
Die Einheit des Druckes sind Pascal, Pa. Dieser Druck ist innerhalb der
Flüssigkeit konstant (ohne Schwerkraft). Dies kann wie folgt gezeigt werden.
Betrachten wir ein Flüssigkeitselement bei dem der Druck in x-Richtung auf
beiden Seiten unterschiedlich sei. Auf der linken Fläche des Volumenelements
dydz herrsche ein Druck p:

147 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.5. REALE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK

F = pdzdy (2.5.35)
∂p
und auf der rechten Seite ein Druck p + ∂x dx. Die Kraftbilanz in x-
Richtung lautet demnach:
µ ¶
∂p ∂p
Fx = pdzdy − p + dx dzdy = − dV (2.5.36)
∂x ∂x
mit dxdydz = dV . Nachdem in einer Flüssigkeit das Volumenelement
konstant ist, sich aber in Ruhe die Kräfte aufheben, muß gelten: −gradp = 0.
D.h. der Druck ist konstant. Dies bezeichnet man als Pascal’sches Prinzip:

p = const. (2.5.37)
Ein Beispiel für die Anwendung der Gleichverteilung des Druckes in ei-
ner Flüssigkeit ist die hydraulische Hebebühne für schwere Lasten, wie
in Abb. 2.5.11 gezeigt. In einem System verbundener Röhren wird auf eine
Röhre mit kleinem Querschnitt A1 eine Kraft F1 ausgeübt. Nachdem der
Druck in der Flüssigkeit überall gleich ist, wirkt durch diesen Druck auf die
Fläche A2 die Kraft F2 . D.h. es muß gelten:
F1 F2
= p= (2.5.38)
A1 A2
Somit ist die Kraft, die man aufwenden muß, um einen Körper anzuheben,
der die Fläche A2 beschwert, gleich:
A1
F2 F1 = (2.5.39)
A2
Die Arbeit W , die geleistet werden muß ist Kraft mal Weg. D.h. die
Verschiebung der Fläche A1 um ∆z1 erzeugt eine Verschiebung der Fläche
A2 um ∆z2 .
A1
F2 ∆z1
W1 = F1 ∆z1 = (2.5.40)
A2
Nachdem die veränderten Volumina gleich bleiben, d.h. A1 ∆z1 = A2 ∆z2
bekommt man durch Einsetzen:
A1 A2
F2 ∆z2 = F2 ∆z2
W1 = F1 ∆z1 = (2.5.41)
A2 A1
D.h. die Kraft F1 kann sehr viel kleiner als die Kraft F2 gemacht werden.
Um die Last entsprechend F2 um ∆z2 anzuheben ist allerdings eine große
Verschiebung ∆z1 notwendig.

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 148
KAPITEL 2. MECHANIK 2.5. REALE KÖRPER

F1 F2
A2
A1
p

Abbildung 2.5.11: Hydraulische Hebebühne.

Bisher hatten wir die Gewichtskraft der Flüssigkeit selbst vernachlässigt.


Betrachten wir noch einmal ein Volumenelement in einer Flüssigkeit, wie in
Abb. 2.5.12 illustriert. Der Druck auf der Unterseite des Volumenelements
ist größer, da hier noch die Gewichtskraft der in dem Volumenelement ent-
haltenen Massen hinzukommt. Der Druckunterschied dp zwischen oben und
unten bei einem Volumenelement (Höhenunterschied dz) ist:

1 1
dp = ρV g = ρAdzg = ρg · dz (2.5.42)
A A
Der Druck an einem Ort z in einer Flüssigkeitssäule, durch die Gewichts-
kraft der darüber stehenden Wassersäule ist demnach gegeben als

p(z) = ρg(H − z) (2.5.43)


mit H der Höhe des Wasserspiegels über Grund und der Definition
p(H) = 0. Interessanterweise gilt diese Beziehung nicht für alle Medien.
Betrachtet man zum Beispiel Sandkörner oder Weizenkörner in einem ent-
sprechenden Silo, so nimmt der Druck nach unten hin nicht zu, da sich die
Sandkörner untereinander abstützen können und so den Druck von oben auf
die Seitenwände leiten.

Der Auftrieb
Die Druck-Variation mit der Höhe eines Wasserspiegels wird sichtbar beim
sog. Auftrieb. Betrachten wir einen Körper, der untergetaucht ist. Durch die
unterschiedlichen Höhen der Ober- wie der Unterseite ist der entsprechende
Druck auf der Ober- und Unterseite mit Querschnitt A unterschiedlich. Dies
führt netto zu einer Kraft nach oben, dem Auftrieb (siehe Abb. 2.5.12).

149 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.5. REALE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK

F1 = p1 A1 F2 = p2 A2 (2.5.44)
Mit A1 = A2 = A bekommen wir

F1 − F2
∆p = = p1 − p2 = ρg(h1 − h2 ) = ρF lüssigkeit g∆h (2.5.45)
A

FAuf trieb = ∆pA = ρF lüssigkeit gA∆h = ρg∆V (2.5.46)

&
F p1 ˜ A1

Mg

&
F p2 ˜ A2

Abbildung 2.5.12: Der Auftrieb.

Demnach verliert ein eingetauchter Körper soviel Gewicht, wie die ver-
drängte Wassermenge ∆V = A∆h wiegt. Dies bezeichnet man als das Ar-
chimedische Prinzip:

Die Auftriebskraft ist gleich der Gewichtskraft der verdrängten


Flüssigkeit.

Dieser Auftrieb ist der Gewichtskraft entgegen gerichtet. Ein U-Boot kann
stabil im Wasser schweben, wenn es den Auftrieb genau mit seiner Gewichts-
kraft ausbalanciert. Durch eine Veränderung des verdrängten Volumens (Flu-
ten oder Ausblasen von Tanks) kann es entweder sinken der aufsteigen.
Welches Gleichgewicht stellt sich jetzt ein, wenn ein Körper schwimmt?
Im Gleichgewicht muß gelten:

FAuf trieb = FGravitation (2.5.47)

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 150
KAPITEL 2. MECHANIK 2.5. REALE KÖRPER

Der Vergleich der Dichten des Körpers und des Mediums in dem der
Körper schwimmt, besagt zunächst, daß ein Schwimmen nur möglich ist,
wenn die mittlere Dichte7 des Körpers kleiner als die des Wassers ist. Bei ei-
nem schwimmenden Körper taucht dieser so weit in das Wasser ein, daß die
verdrängte Wassermenge genau seinem Gewicht entspricht! Dies wird auf ein-
drucksvolle Weise in einem Schiffshebewerk sichtbar. Hier fährt ein Schiff
in einen wassergefüllten Trog hinein, der auf eine andere Flußsohle gehoben
oder gesenkt wird. An dem Trog sind Gegengewichte, die das Gewicht der
Wassermenge in dem Trog ausbalancieren. Obwohl ein Schiff Tausende von
Tonnen wiegt, ändert sich das Gewicht des Troges nicht durch das hinein
fahrende Schiff: die verdrängte Wassermenge ist genau so schwer wie des
Schiffes selbst. D.h. der Motor zum Heben und Senken des Troges kann rela-
tiv schwach sein, da kein zusätzliches Schiffsgewicht mit angehoben werden
muß8
Bei der Konstruktion von Schiffen ist der Angriffspunkt der Auftriebs-
kraft wesentlich. Dieser Angriffspunkt ist der Schwerpunkt der verdrängten
Wassermenge. Der Angriffspunkt der Gravitation ist der Schwerpunkt des
gesamten Schiffes. Beide Angriffspunkte sind in der Regel nicht identisch.
Ein Schiff liegt dann stabil im Wasser, wenn das Drehmoment durch die Auf-
triebskraft zu einer senkrechten Ausrichtung des Schiffes führt. Dies ist in
Abb. 2.5.13 illustriert. Demnach ist ein Schiff dann besonders stabil, wenn
sein Schwerpunkt möglichst tief angeordnet ist.

FA FA

SP
  SP
M ˜g M ˜g


 
 


Abbildung 2.5.13: Stabilität eines Schiffes. Nur wenn der Angriffspunkt


des Auftriebs oberhalb des Schwerpunktes als Angriffspunkt der Schwerkraft
liegt, richtet sich ein Schiff nach der Schräglage wieder senkrecht auf.

7
Bei einem Schiff zum Beispiel, ergibt sich die mittlere Dichte aus dem Gewicht des
Schiffes durch das verdrängte Volumen
8
Dies ist im Unterschied zu einem traditionellen Fahrstuhl in Hochhäusern. Hier muß
der Motor das Gewicht der Passagiere heben können.

151 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.5. REALE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK

Grenzflächen
Reale Medien zeichnen sich durch eine Grenzfläche zu ihrer Umgebung aus.
Das Erzeugen einer Grenzfläche, zum Beispiel beim Spalten eines Kristalls
ist immer mit einer Energie verbunden, da die Bindungen zu den Nach-
baratomen aufgebrochen werden müssen. Man definiert eine sog. Ober-
flächenenergie EOberf läche als diejenige Proportionalitätskonstante, die die
aufgewendete Arbeit ∆W zur Oberflächenänderung ∆A in Bezug setzt:

∆W = EOberf läche ∆A (2.5.48)


Betrachten wir dazu einen Tropfen einer Flüssigkeit auf einer Oberfläche
(siehe Abb. 2.5.14). Die Arbeit, die geleistet werden muß, um den Umfang
eines Tropfens zu vergrößern ist:

F
F
F 'A
A

F
F
Abbildung 2.5.14: Die Oberflächenenergie beschreibt die Arbeit die gelei-
stet werden muß, um eine Fläche um ∆A zu vergrößern.

X F
∆W = F dR = 2πRdR = EOberf läche ∆A (2.5.49)
U mf ang
2πR

Man erkennt, daß die Einheit der Oberflächenenergie [Nm−1 ] ist. Oft-
mals wird Oberflächenenergie und Oberflächenspannung gleichwertig
verwendet. Bei genauer Definition ist die Oberflächenenergie diejenige Ener-
gie, die durch das Spalten der Atombindungen aufgebracht werden muß. Bei
der Oberflächenspannung wird zusätzlich noch berücksichtigt, daß durch das
Einbringen einer neuen Grenzfläche sich eine Atomsorte an der Oberfläche
ansammeln kann (die Phasen A und B entmischen sich bei einem Festkörper
AB, wobei sich zum Beispiel Atomsorte A an der Oberfläche ansammelt).

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 152
KAPITEL 2. MECHANIK 2.5. REALE KÖRPER

Im Experiment wird in der Regel die Oberflächenspannung bestimmt. Bei


einkomponentigen Systemen ist die Oberflächenspannung identisch mit der
Oberflächenenergie.
Betrachten wir als Beispiel eine Seifenblase mit Radius r. Innerhalb der
Seifenblase herrsche ein Druck p während in der Umgebung der Druck p0
herrsche. Für die Vergößerung der Seifenblase, muß der innere Überdruck
p − p0 durch eine Volumenänderung 4πr2 ∆r gegen die Oberflächenspannung
EOberf läche um einen Betrag EOberf läche ∆A Arbeit leisten.

∆W = F ∆r = pA∆r = p∆V (2.5.50)


Es gilt:

(p − p0 ) 4πr2 ∆R = EOberf läche ∆A (2.5.51)

r
p p0
'r

Abbildung 2.5.15: Kräftegleichgewicht einer Seifenblase.

Mit ∆p = p − p0 bekommen wir:


¡ ¢
∆p4πr2 ∆r = EOberf läche 4π r2 − (r − ∆r)2 2 (2.5.52)
Der Faktor 2 auf der rechten Seite berücksichtigt, daß sowohl die Innen-
seite als auch die Außenseite vergrößert wird. Wir bekommen somit:

 

∆p4πr2 ∆r = EOberf läche 4π r2 − r2 + 2r∆r − |{z}


∆r2  2 (2.5.53)
∆r2 ¿∆r

De meisten Terme kürzen sich und wir erhalten als Zusammenhang zwi-
schen ∆p und r folgenden Ausdruck:

153 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.5. REALE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK

EOberf läche
∆p = 4 (2.5.54)
r
Man erkennt, daß der Druckunterschied bei sehr kleinen Seifenblasen sehr
groß wird. D.h. kleine Seifenblasen sind sehr ungünstig. Dies ist ein allgemei-
nes Phänomen: die Bilanz aus Grenzflächenenergie und Volumenenergie ist
günstiger bei Körpern mit größerem Volumen-zu-Oberfläche Verhältnis, d.h.
große Tropfen oder Seifenblasen wachsen auf Kosten der kleineren.
Diese Oberflächenspannung wird auch ganz praktisch für die Bewer-
tung der Benetzbarkeit von Oberflächen genutzt. Betrachten wir dazu
das Kräftegleichgewicht eines Tropfens auf einer Unterlage (Substrat),
wie in Abb. 2.5.16 illustriert. An der Grenzlinie lassen sich drei Ober-
flächenspannungen angeben für die jeweiligen Grenzflächen Luft-Substrat
(ELS ), Flüssigkeit-Substrat (EF S ) und Luft-Flüssigkeit (ELF ). Aus einer
Kraftbilanz am Ort der Grenzlinie an der sich alle drei Medien berühren
kann man ableiten:

ELS + ELF cos Θ = EF S (2.5.55)


D.h. aus einer Beobachtung des sog. Kontaktwinkels Θ an der Grenz-
linie läßt sich auf die Oberflächenspannungen schließen. Hierbei betrachtet
man die Oberflächenenergien als vektorielle Größen.

ELF L   

ELS EFS F

S
T
   

Abbildung 2.5.16: Benetzung einer Oberfläche.

Die Oberflächenenergie kann auch als einfache Erklärung für die Ka-
pillarwirkung von dünnen Hohlräumen dienen. Dies geschieht mit einer
einfachen Energiebilanz, wie am Beispiel einer Kapillare mit Radius r in

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 154
KAPITEL 2. MECHANIK 2.5. REALE KÖRPER

Abb. 2.5.16 illustriert ist. An der Oberfläche in der Höhe h haben wir fol-
gendes Gleichgewicht: eine Erhöhung um dh ändert die potentielle Energie
mg = ρr2 πhg der ganzen Flüssigkeitssäule um dh. Dies geschieht nur, wenn
in gleichem Maß Oberflächenenergie gewonnen wird. Es muß gelten:

mgdh = 2πrdh∆EOberf läche (2.5.56)


Hierbei vergleicht die Größe ∆EOberf läche die Oberflächenspannungen vor
und nach der Benetzung gemäß:

∆EOberf läche = EKapillare−Luf t − EKapillare−F lüssigkeit (2.5.57)


Mit dieser Definition wird

mg = 2πr∆EOberf läche (2.5.58)


Wenn wir die Masse der Flüssigkeitssäule m = πr2 hρ benutzen, bekommt
man:
2∆EOberf läche
h= (2.5.59)
rρg

dh

m g ˜˜h

Abbildung 2.5.17: Durch ein Gleichgewicht aus Schwerkraft und Ober-


flächenenergie wird eine Flüssigkeit in eine Kapillare hoch gezogen.

D.h. mit kleinem Radius r ist die Kapillarwirkung sehr viel stärker, da der
Energiegewinn bei Benetzung sehr groß wird im Vergleich zur potentiellen
Energie, die aufgebracht werden muß, um die Flüssigkeit um dh anzuheben.
Die Bilanz von Schwerkraft und Oberflächenenergie, kann auch zur nega-
tiven Kapillarität führen, falls es für eine Flüssigkeit ungünstig wird eine
Oberfläche zu benetzen. Fügt man eine Kapillare in eine solche Flüssigkeit

155 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.5. REALE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK

ein, so wird die Flüssigkeit verdrängt, bis der Druck in einer bestimmten Tie-
fe ausreicht, um im Gleichgewicht mit der Änderung der Oberflächenenergie
zu sein. Hier wird ∆EOberf läche negativ.
Mit der Gleichung 2.5.55 läßt sich auch direkt der Kontaktwinkel einset-
zen mit dem die Flüssigkeit im Innern der Kapillare anliegt. Man bekommt
mit:

∆EOberf läche = EKapillare−Luf t − EKapillare−F lüssigkeit = cos ΘEF lüssigkeit−Luf t


(2.5.60)
den Ausdruck:
2∆EF lüssigkeit−Luf t cos Θ
h= (2.5.61)
rρg

2.5.3 Gase
Im Unterschied zu Flüssigkeiten können Gase ihr Volumen ändern und rea-
gieren damit auf Druckänderungen. Beim Komprimieren und Expandieren
eines Gasvolumens stellt man fest, das bei gegebener konstanter Tempera-
tur9 das Produkt aus Druck und Volumen konstant bleibt:

pV = const. (2.5.62)
Dies bezeichnet man als Boyle-Mariottsches Gesetz. Im Unterschied
zu einer Flüssigkeit ändert sich jetzt die Dichte ρ des Materials maßgeblich.
Nachdem die Masse M in dem Gasvolumen V erhalten bleibt (M = V ρ)
kann man äquivalent zu Gl. 2.5.62 auch schreiben:
p
= const. (2.5.63)
ρ
Auf der Basis dieses Zusammenhangs läßt sich die Variation des Druckes
mit der Höhe eines Volumenelements in der Atmosphäre beschreiben. Es sei
gesucht der Druck p und die Dichte der Atmosphäre ρ an einem beliebigen
Ort der Höhe h über dem Erdboden. Zunächst gilt:
p p0
= (2.5.64)
ρ ρ0
mit p0 und ρ0 dem Druck und der Dichte auf der Erdoberfläche. Betrach-
ten wir jetzt ein kleines Volumenelement in einer Höhe h. Der Druckun-
terschied zwischen Ober- und Unterseite des Volumenelements mit Quer-
9
Das Konzept der Temperatur wird später noch explizit behandelt

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 156
KAPITEL 2. MECHANIK 2.5. REALE KÖRPER

schnittsfläche A wird durch die Gewichtskraft pro Fläche der Luft innerhalb
dieses Volumenelements bestimmt. Der Anteil der Gewichtskraft ist

dF = −ρgdhA (2.5.65)
Der Druckunterschied ist Kraft pro Fläche. Damit bekommt man:
dF
dp = = −ρgdh (2.5.66)
A
mit Gl. 2.5.64 ergibt sich schließlich:
ρ0
dp = − pgdh (2.5.67)
p0

F1
p  dp p, U
F2 dh
p

p0 , U 0

Abbildung 2.5.18: Barometrische Höhenformel.

Separation der Variablen p und h liefert:


dp ρ0
= − gdh (2.5.68)
p p0
Durch Integration bekommen wir:
ρ0
ln p = −gh + C (2.5.69)
p0
mit der Integrationskonstanten C. Mit p(h = 0) = p0 bekommt man:
−ρ0 gh
p = p0 e p0
(2.5.70)
Dies bezeichnet man als barometrische Höhenformel. D.h. der Druck
nimmt exponentiell mit der Höhe ab. Diese Formel gilt allerdings nur für

157 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.5. REALE KÖRPER KAPITEL 2. MECHANIK

isotherme Verhältnisse, d.h. einer konstanten Temperaturverteilung in der


Atmosphäre.

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 158
KAPITEL 2. MECHANIK 2.6. TRANSPORT

2.6 Transport
Bislang hatten wir statische Körper betrachtet, seien es kompressible Medien
wie Gase oder inkompressible Medien wie Flüssigkeiten oder Festkörper. In
allen Medien kann zudem Transport von Teilchen stattfinden, wie es zum
Beispiel beim Strömen von Flüssigkeiten und Gasen sichtbar wird. Bei diesem
Transport gelten wieder Erhaltungssätze für die Teilchenzahl, den Impuls
und die Energie. Diese Grundgleichungen und deren Anwendungen werden
im folgenden diskutiert.

2.6.1 Teilchenerhaltung, Kontinuitätsgleichung


In jedem Medium soll die Zahl der Teilchen N bzw. die Masse der Teilchen
ρV in einem Volumen V erhalten bleiben. D.h. es muß immer gelten:

ρV = const. (2.6.1)
Betrachten wir jetzt ein Medium, das durch ein Rohr mit variablem Quer-
schnitt strömt (siehe Abb. 2.6.1). Die Menge, die durch den großen Quer-
schnitt A1 strömt und in einem Zeitintervall ∆t die Strecke ∆x1 zurück legt,
muß gleich derjenigen Menge sein, die durch den kleinen Querschnitt A2
strömt und in dem gleichen Zeitraum die Strecke ∆x2 zurück legt. Dies läßt
sich ausdrücken durch:

A1
A2
v1 v2

'x2

' x1
Abbildung 2.6.1: Eine Flüssigkeit ströme durch ein Rohr mit variablem
Querschnitt.

∆x1 ∆x2
ρ1 A1 = ρ2 A2 (2.6.2)
∆t ∆t

159 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.6. TRANSPORT KAPITEL 2. MECHANIK

∆x1
Die Ausdrücke ∆t
entsprechen Geschwindigkeiten. D.h. wir bekommen:

ρ1 A1 v1 = ρ2 A2 v2 (2.6.3)
Bei inkompressiblen Medien, wie zum Beispiel einer Flüssigkeit gilt ρ1 =
ρ2 und wir bekommen:

A1 v1 = A2 v2 (2.6.4)
Im allgemeinen kann sich jedoch die Dichte eines Mediums ändern. Wir
führen deshalb eine Massenflußdichte jM assen ein, die definiert ist als:

jM assen = ρv [gm−2 s−1 ] (2.6.5)


und erhalten die allgemeine Beziehung:

A1 j1 = A2 j2 (2.6.6)
Alternativ könnten wir auch die Teilchenflußdichte jT eilchen verwenden,
die einfach einer Anzahl von strömenden Teilchen pro Volumen n = N/V und
Zeit entspricht:

jT eilchen = nv [m−2 s−1 ] (2.6.7)


Neben den Teilchen- oder Massenflußdichten läßt sich auch der Teilchen-
strom IT eilchen oder der Massenstrom IM assen an Teilchen angeben zu:

IT eilchen = jT eilchen A (2.6.8)


IM assen = jM assen A (2.6.9)

Im folgenden wollen wir einen etwas formaleren Ansatz wählen und be-
trachten Teilchen, die durch ein Volumenelement V = ∆x3 hindurch strömen
(siehe Abb. ). Die Teilchenzahl ∆N , die in ein Volumen pro Zeit ∆t hinein
oder hinaus strömen ist gegeben als:
∆N
= jT eilchen A (2.6.10)
∆t
Wir teilen beide Seiten durch das Volumen V und bekommen mit der
Teilchendichte n = NV

∆n A
= jT eilchen (2.6.11)
∆t V
mit mdn = dρ und mjT eilchen = j bekommen wir für die Strömung durch
ein Volumen in x-Richtung eine Bilanz von (A = ∆x2 und V = ∆x3 ):

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 160
KAPITEL 2. MECHANIK 2.6. TRANSPORT

dρ 1
=j (2.6.12)
dt ∆x
Wir betrachten nun die beiden Seiten des Volumens in x-Richtung. Auf
der linken Seite sei die Dichte ρ und die Geschwindigkeit v. Nachdem in
Dichte und Geschwindigkeit eine räumliche Variation vorliegen kann, ist der
allgemeine Ausdruck für Dichte und Geschwindigkeit auf der rechten Seite
∂ρ ∂v
ρ + ∂x ∆x bzw. v + ∂x ∆x. Um die Änderung der Dichte in dem Volumen
V zu bestimmen, müssen wir die Massenflussdichten, die durch die beiden
Seitenflächen treten bilanzieren. In x-Richtung bekommen wir den Ausdruck:

µ µ ¶µ ¶¶
dρ 1 ∂v ∂ρ
= vρ − v + ∆x ρ+ ∆x (2.6.13)
dt ∆x ∂x ∂x
 

1 
 ∂v ∂ρ ∂v ∂ρ 2 
= −  ∆xρ + ∆xv + ∆x  (2.6.14)
∆x |∂x {z ∂x } |∂x ∂x{z }

(vρ)∆x ∆x2 ¿∆x
∂x


= − (vρ) (2.6.15)
∂x

x
z

'x wV
V V  'x
wx

Abbildung 2.6.2: Ein Volumenelement ∆x3 wird von einem Medium


durchströmt. In x-Richtung herrsche ein Gradient in Geschwindigkeit und
Teilchendichte.

Nachdem auch in y- und in z-Richtung Teilchen in das Volumenelement


aus und einströmen können, bekommen wir als allgemeinen Ausdruck:

dρ ∂ ∂ ∂
+ (vx ρ) + (vy ρ) + (vz ρ) = 0 (2.6.16)
dt ∂x ∂y ∂z

161 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.6. TRANSPORT KAPITEL 2. MECHANIK

Dies läßt sich verkürzt als die sogenannte Kontinuitätsgleichung be-


schreiben:


+ div (~v ρ) = 0 (2.6.17)
dt
oder

dn
+ div (~v n) = 0 (2.6.18)
dt
D.h. die Änderung der Dichte ist gegeben als sog. Divergenz10 der Teil-
chenflussdichte.

2.6.2 Energieerhaltung, Bernoulli-Gleichung


Neben der Teilchenerhaltung können wir auch die Energieerhaltung fordern.
Betrachten wir zunächst wieder ein durchströmtes Rohr wie in Abb. 2.6.3
illustriert. Die Fließgeschwindigkeiten sind jeweils v1 = ∆x
∆t
1
und v2 = ∆x
∆t
2
.
Die Arbeit, um ein Flüssigkeitselement durch das Rohr zu bewegen, muß
gegen den Druck p1 geleistet werden. Die Kraft ist demnach F1 = p1 A1 . Man
bekommt die Arbeit zu:

∆W1 = F1 ∆x1 = p1 A1 ∆x1 = p1 ∆V1 (2.6.19)


mit x1 der zurückgelegten Strecke und V1 = A1 x1 dem verdrängten Volu-
men. Die Arbeit im Querschnitt A2 ist:

∆W2 = p2 A2 ∆x2 = p2 ∆V2 (2.6.20)


Diese beiden Anteile sind Änderungen in der potentiellen Energie der
Flüssigkeit Epot = pV (analog zur Arbeit gegen die Gravitation mg∆x hat
man hier eine Arbeit gegen einen Druck pA∆x). Die kinetische Energie, die
in der Bewegung der Flüssigkeit steckt ist:

1
Ekin = ρ∆V v 2 (2.6.21)
2
Damit wird die Gesamtenergie, die erhalten bleiben muß, zu:
10
Die Divergenz ist die räumliche Ableitung einer vektoriellen Größe, die als Ergebnis
ein Skalar liefert, da die räumlichen Änderungen in alle drei Richtungen addiert werden.
Zum Vergleich ist der Gradient (grad) eine räumliche Ableitung eines Skalares, das als
Ergebnis einen Vektor liefert.

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 162
KAPITEL 2. MECHANIK 2.6. TRANSPORT

A1
A2

p1 v2 p
2
F1 v1
'x2

' x1
Abbildung 2.6.3: An einer Verengung ist der Druck geringer, da die
Flüssigkeit schneller strömt.

1 1
p1 ∆V1 + ρ1 v12 ∆V1 = p2 ∆V2 + ρ2 v22 ∆V2 (2.6.22)
2 2
Für eine inkompressible Flüssigkeit sind die Volumina gleich (∆V1 = ∆V2 )
und ρ1 = ρ2 = ρ und man bekommt die sog. Bernoulli-Gleichung

1 1
p1 + ρv12 = p2 + ρv22 (2.6.23)
2 2
Ein allgemeiner Fall für die Energieerhaltung läßt sich ableiten, wenn wir
berücksichtigen, daß die Arbeit auch gegen die Schwerkraft geleistet werden
muß, wie in Abb. 2.6.4 illustriert. Wir bekommen einen analogen Ausdruck
von:
1 1
p1 + ρv12 + ρgh1 = p2 + ρv22 + ρgh2 (2.6.24)
2 2
Obwohl die Bernoulli-Gleichung für inkompressible Medien (∆V1 = ∆V2 )
abgeleitet wurde, gilt sie auch für Gase bei nicht zu hohen Geschwindigkeiten.
Bei niedrigen Strömungsgeschwindigkeiten von Gasen ist die Änderung in
der Dichte und damit die Änderung der Volumina klein. Erst beim Erreichen
der Schallgeschwindigkeit wird die Beschreibung der Druckverhältnisse in
strömenden Gasen schwieriger. Für die Bernoulli-Gleichung existieren zahl-
reiche anschauliche Beispiele:

• Hydrodynamisches Paradoxon
Anhand dieser Gleichung läßt sich das hydrodynamische Parado-
xon erklären (siehe Abb. 2.6.5). Betrachten wir zwei gegenüberliegende
Blätter, wobei in den Spalt durch ein Rohr in einem der Blätter

163 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.6. TRANSPORT KAPITEL 2. MECHANIK

p2 ˜ A2
'x2
'h
h2
p1 ˜ A1

h1
' x1

Abbildung 2.6.4: Bernoulli-Gleichung unter Berücksichtigung der Schwer-


kraft.

Luft hinein strömt. Anstatt das untere Blatt fort zu blasen, wird es
angezogen. Woran liegt das? Die Luft die durch das Rohr strömt,
durchläuft einen großen Querschnitt, während sie durch den Spalt zwi-
schen den Blättern einen kleinen Querschnitt durchströmt. Dement-
sprechend steigt die Geschwindigkeit der Luftströmung zwischen den
Blättern und der Druck sinkt. Nachdem der Außendruck höher wird
als der Druck der zwischen den Blättern wirkt, werden dieses zusam-
mengedrückt.
Nach einem ähnlichen Prinzip arbeitet auch das Anpressen von Renn-
wagen bei hohen Geschwindigkeit. Hier wird das Strömungsverhalten
der Luft unterhalb des Rennwagens derartig beeinflusst, daß der An-
pressdruck bei hohen Geschwindigkeiten groß wird.

• Auftrieb eines Flugzeuges


Das identische Phänomen erklärt auch den Auftrieb eines Flugzeugs.
Durch die Form eines Flugzeugflügels, wird die Luft, die oberhalb
über den Flügel streicht auf einen längeren Weg gezwungen (siehe
Abb. 2.6.6). Dadurch muß sie schneller strömen, und der entspre-
chende Druck sinkt. Der Druck unterhalb des Flügels ist größer was
den Auftrieb des Flugzeugs bewirkt. Verkehrsflugzeuge können den
Krümmungsgrad ihrer Flügel aktiv beeinflussen um z.B. beim Landen
trotz geringer Geschwindigkeit trotzdem eine große Auftriebskraft zu
besitzen.

• rotierender Zylinder, Magnuseffekt


Betrachten wir einen rotierenden Zylinder, der von Luft umströmt wird.

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 164
KAPITEL 2. MECHANIK 2.6. TRANSPORT

v1

v2

Abbildung 2.6.5: Hydrodynamisches Paradoxon: Obwohl man durch das


Rohr eine Luftströmung nach unten antreibt wird die Unterlage nach oben
gedrückt.

Die Reibungskraft beschleunigt Luftteilchen vor der Oberfläche in Rich-


tung der Bahngeschwindigkeit der Oberfläche. Auf einer Seite des Zy-
linders addieren sich die Geschwindigkeiten der umströmenden Luft
und der mit gerissenen Luft und auf der anderen Seite subtrahieren sie
sich. D.h. netto sind die Geschwindigkeiten auf beiden Seiten unter-
schiedlich. Dies führt zu einem Druckunterschied, der einen Vortrieb
des Zylinders zur Folge hat. Dies bezeichnet man als Magnuseffekt.
Es gibt Versuche, diesen Effekt auch als Vortrieb für Schiffe zu nutzen.

• Staurohr

Um die Geschwindigkeit eines Flugzeuges relativ zur umgebenden Luft


zu messen, wird ein Staurohr verwendet. In dieses Staurohr dringt Luft
ein und wird dort abgebremst. Dadurch erhöht sich der Druck. Durch
einen Vergleich mit dem herrschenden Aussendruck kann die Geschwin-
digkeit des Flugzeuges bestimmt werden.

165 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.6. TRANSPORT KAPITEL 2. MECHANIK

v1

v2

Abbildung 2.6.6: Der Auftrieb beim Flugzeug entsteht durch den Luft-
druckunterschied zwischen Ober- und Unterseite des Flügels.

2.6.3 Impulserhaltung, Euler-Gleichung


Als letzte Gleichung betrachten wir noch die Impulserhaltung in einem Vo-
lumenelement (siehe Abb. 2.6.7). Hierzu betrachten wir eine Kraftbilanz.
Vergleichen wir die Kräfte in x-Richtung, die auf ein Volumenelement wirkt,
wenn der Druck auf der linken und der rechten Seite unterschiedlich sei. Wir
bekommen:
µ ¶
∂p ∂p
F = pA − p + ∆x A = − ∆xA (2.6.25)
∂x ∂x

y v x
A
x
z
wp x
p p 'x 'x
wx

Abbildung 2.6.7: Impulserhaltung in einem Medium.

Auch diese Gleichung kann man in drei Dimensionen ausdrücken und man
erhält:

F~ = −gradpdV (2.6.26)
mit A∆x = dV . Wenn wir die wirkenden Kräfte bilanzieren, die zu einer
Beschleunigung dv
dt
der Teilchen in einem Volumenelement führen, so erhalten
wir:

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 166
KAPITEL 2. MECHANIK 2.6. TRANSPORT

d~v
ρdV
= ρdV ~g − gradpdV (2.6.27)
dt
Der erste Term auf der rechten Seite beschreibt die Schwerkraft und der
zweite den Einfluss eines Gradienten im Druck. Die totale Zeitableitung auf
der linken Seite läßt sich umschreiben in partielle Ableitungen und man be-
kommt.

d~v ∂~v ∂~v ∂x ∂~v ∂y ∂~v ∂z


= + + + (2.6.28)
dt ∂t ∂x ∂t ∂y ∂t ∂z ∂t
∂~v
= + (~v · ∇) · ~v (2.6.29)
∂t
Hierbei ist (~v · ∇)·~v eine verkürzte Schreibweise. Es ergibt sich schließlich
die sog. Eulergleichung zu:
µ ¶
∂~v
ρ + (~v · ∇) · ~v = ρ~g − gradp (2.6.30)
∂t

Bei der Formulierung unter Benutzung der totalen Ableitung dvdt


betrach-
ten wir den Transport in der sog. Lagrange-Beschreibung, d.h. wir bewegen
uns mit den Teilchen mit und berechnen die Kinematik analog zur Kinematik
eines Massenpunktes. In der Formulierung der partiellen Ableitungen haben
wir hingegen ein orstfestes Koordinatensystem und betrachten die Änderung
der Geschwindigkeit der Teilchen in einem bestimmten ortsfesten Volumen-
element, die durch das Hinein- bzw. Hinausströmen von schnelleren bzw.
langsameren Teilchen entsteht. Dies bezeichnet man als Euler-Beschreibung.
Betrachten wir zum Beispiel eine Welle, d.h. ”reiten” wir auf der Welle mit,
so ändert sich die Umgebung nicht, d.h. dvdt
= 0. Wie sieht dies für einen
äußeren Beobachter aus, der eine Welle vorbei laufen sieht:

dv ∂v
0= = + (~v · ∇) · ~v (2.6.31)
dt ∂t
Für diesen gilt:

∂v
= − (~v · ∇) · ~v (2.6.32)
∂t
Er beobachtet sehr wohl eine Änderung der Geschwindigkeit in dem festen
Volumenelement, wobei die beobachtete Geschwindigkeit der Änderung ∂v ∂t
proportional zur Geschwindigkeit der Welle v und zur Steilheit der Welle
gradv ist.

167 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.6. TRANSPORT KAPITEL 2. MECHANIK

2.6.4 Strömung mit Reibung


Wie ändert sich der Transport, wenn wir berücksichtigen, daß in einer
Flüssigkeit Reibung auftreten kann. Betrachten wir dazu zunächst eine
Flüssigkeit, die an einer Wand entlang strömt. Die Geschwindigkeit der
Flüssigkeit direkt vor der Wandoberfläche muß Null sein, während sie in
der Mitte der strömenden Flüssigkeit sehr hoch werden kann. D.h. wir haben
einen Gradienten in der Fließgeschwindigkeit senkrecht zur Oberfläche.

y
FR
x

Fläche A

Abbildung 2.6.8: Geschwindigkeitsprofil einer strömenden Flüssigkeit vor


einer Wand.

Diese unterschiedlichen Geschwindigkeiten können eine Reibungskraft er-


zeugen, die von dem Unterschied in der Geschwindigkeit abhängt. Betrachten
wir eine Ebene in der Flüssigkeit mit der Fläche A parallel zur Wand (sie-
he Abb. 2.6.8), so kann diese Reibungskraft FR von dem Unterschied der
Fließgeschwindigkeit ober- und unterhalb dieser Ebene abhängen:
¯ ¯
¯ dv ¯
FR = ηA ¯¯ ¯¯ (2.6.33)
dy
Die Proportionalitätskonstante η gibt die Größe dieser Reibungskraft an,
und wird als Viskosität bezeichnet (Einheit von η ist [Pa· s]).
Als Beispiel betrachten wir eine Flüssigkeit, die durch ein Rohr strömt
(siehe Abb. 2.6.9). Die Reibungskraft an der Oberfläche eines Zylinders der
Länge L und mit Radius r im Innern des Rohres, muß durch einen Druckun-
terschied zwischen dem Anfang des Zylinders p1 und dem Ende des Zylinders
p2 aufgebracht werden. Dieses Kräftegleichgewicht ergibt:
dv
= r2 π (p1 − p2 )
η2πrL (2.6.34)
dr
Dies ist eine Gleichung für die Abhängigkeit der Geschwindigkeit v(r)
vom Radius r. Mit der Randbedingung, daß die Geschwindigkeit an der Wand
v(r = R) = 0 ist, ergibt sich nach der Integration:

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 168
KAPITEL 2. MECHANIK 2.6. TRANSPORT

p1 r p2
Fp R
FR

Abbildung 2.6.9: Strömungsgeschwindigkeit durch ein zylindrisches Rohr.

p1 − p2 ¡ 2 ¢
v(r) = R − r2 (2.6.35)
4ηL
Die Menge an Flüssigkeit, die pro Zeit durch das Rohr fließt, ist das be-
wegte Volumen V pro Zeit t. Das Teilvolumen dV eines kleinen Hohlzylinders
mit einem Innendurchmesser r und einem Aussendurchmesser r + dr bewegt
sich in einer Zeit ∆t um eine Strecke ∆x:

dV ∆x
= 2πrdr = 2πrdrv(r) (2.6.36)
∆t ∆t
Dieses Volumen wird über den Radius integriert (von v(r = R) = 0 bis
v(R − r)), und man bekommt schließlich das gesamte bewegte Volumen pro
Zeit t:
Z R
V πR4 (p1 − p2 )
= 2πrv(r)dr = (2.6.37)
t r=0 8ηL
Diesen Zusammenhang bezeichnet man als das Gesetz von Hagen-
Poiseuille. Man erkennt, daß die Durchflußmenge mit dem Radius zur vier-
ten Potenz ansteigt! D.h. eine sehr kleine Änderung des Radius eines Rohres
fuhrt zu einer drastischen Erhöhung bzw. Erniedrigung der Durchflußmenge.
Dies ist insbesondere wichtig für die Kontrolle des Blutstroms in unserem
Körper. Schon kleinste Ablagerungen in den Blutgefäßen können die Durch-
flußmenge stark reduzieren. Dies kann nur kompensiert werden, wenn der
Druckunterschied dementsprechend ansteigt, d.h. das Herz wird sehr stark
belastet.
Die Reibung der Flüssigkeit am Übergang zu einem Festkörper führt zu
einer Kraftwirkung. Auf der Basis von Gl. 2.6.33 für die Reibung zwischen
zwei Medien mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten, läßt sich die Reibung

169 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.6. TRANSPORT KAPITEL 2. MECHANIK

einer Kugel mit Radius RK , die sich mit der Geschwindigkeit v0 durch ein
Medium bewegt, berechnen (Viskosität η). Für dieses Problem erhält man
schließlich die Reibungskraft, die der Bewegungsrichtung ~v0 entgegen gerich-
tet ist:

F~R = −6πηRK ~v0 (2.6.38)

R &
FR
& &
FR  6SK R k v 0
&
v0

Abbildung 2.6.10: Stoke’sche Reibung.

Diese Gleichung bezeichnet man als Stokes’sches Gesetz. Die Reibungs-


kraft steigt linear mit der Geschwindigkeit an.

2.6.5 Laminare und turbulente Strömungen


Bislang hatten wir sogenannte laminare Strömungen betrachtet, d.h. ei-
ner Strömung bei der sich keine Wirbel bilden. Ab einer bestimmten
Strömungsgeschwindigkeit findet allerdings der Übergang zu einer turbulen-
ten Strömung statt. Wie erklärt sich dies?
Betrachten wir dazu einen umströmten Zylinder, wie in Abb. 2.6.11. Im
Falle einer laminaren Strömung kann die anströmende Flüssigkeit jeweils
um beide Seiten des Zylinders strömen. Auf der Symmetrieachse des Zy-
linders, muß die Geschwindigkeit am Punkt 1 und 2 jeweils 0 sein. Nach
der Bernoulli-Gleichung ist dort der Druck jeweils maximal. Geht man jetzt
auf einem Weg auf der Zylinderoberfläche von 1 nach 2, so erhöht sich
die Strömungsgeschwindigkeit und erniedrigt sich dann wieder (siehe Abb.
2.6.11). Bei der Strömung wird potentielle Energie (pV an 1) in kinetische
Energie und wieder in potentielle Energie (pV an 2) umgewandelt.
1 1
p1 + ρv12 = p2 + ρv22 (2.6.39)
2 2
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 170
KAPITEL 2. MECHANIK 2.6. TRANSPORT

v
3
v 1 2

1 3 2
p
p1 p2

1 3 2

Abbildung 2.6.11: Laminare Strömung um einen Zylinder.

Ab einer bestimmten Strömungsgeschwindigkeit wird allerdings die Rei-


bung in Flüssigkeit bzw. zwischen Flüssigkeit und Zylinderoberfläche wichtig.
Jetzt wird ein Teil der potentiellen Energie zur Überwindung der Reibung
aufgebraucht.
1 1
p1 V + ρV v12 = p2 V + ρV v22 + WReibung (2.6.40)
2 2
D.h. die Geschwindigkeit der Strömung (kinetische Energie) wird schon
an Punkt 20 Null (siehe Abb. 2.6.12)! Nachdem aus Symmetriegründen auch
an Punkt 2 die Geschwindigkeit Null ist, erhält man ein Strömungsprofil bei
dem hinter dem Zylinder, zwei Wirbel entstehen.

v
3 2c
1 2
v 2c
1 3 2

Abbildung 2.6.12: Turbulente Strömung um einen Zylinder.

171 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.6. TRANSPORT KAPITEL 2. MECHANIK

Diese Wirbelbildung entspricht einem zusätzlich Strömungswiderstand,


da das Medium sich hinter dem Zylinder im Mittel jetzt schneller bewegt
(eben im Wirbel). Dadurch ist nach der Bernoulli-Gleichung der Druck nied-
riger. Eine niedrigerer Druck hinter dem Objekt führt immer zu einer brem-
senden Kraft. Diese setzt sich aus zwei Anteilen zusammen:

• Wirbelbildung
Durch die Reibung entstehen hinter dem Objekt zusätzlich ein
Strömungsprofil, das einen Wirbel erzeugen kann. In diesem Wirbel
bewegt sich die Luft mit einer endlichen Geschwindigkeit. Aus diesem
Grund ist, gemäß der Bernoulli-Gleichung, der Druck dort geringer.
Durch die auftretende Geschwindigkeiten vhinten des Mediums hinter
dem Objekt ergibt sich ein Druckunterschied (v1 = 0 am Ort 1):

1 2
p1 − p2 = ∆p = ρvhinten (2.6.41)
2
• Druckverlust durch Überwindung der Reibung
Potentielle Energie wird zur Überwindung der Reibung aufgewendet.
Deshalb sind die Drücke p02 und p2 hinter dem Objekt kleiner als p1 vor
dem Objekt. Es entsteht ein Druckunterschied gemäß:

p1 V = p2 V + WReibung (2.6.42)

bzw.

p1 − p2 = ∆pReibung (2.6.43)

D.h. wir bekommen insgesamt. Nach Gl. 2.6.41 ist dieser Druckunter-
schied auch proportional zu 12 ρvhinten
2
.

Der niedrigere Druck hinter dem Objekt erzeugt ein Kraft die der Bewe-
gung entgegen gerichtet ist.

F = ∆pA (2.6.44)
mit A dem Querschnitt des Objektes. Der genaue Betrag dieser Kraft
hängt allerdings in sehr komplizierter Weise von dem Strömungsprofil ab. Die
wichtigste Abhängigkeit ist die von der Geschwindigkeit des Mediums vhinten
hinter dem Objekt. In erster Näherung ist diese gleich der Geschwindigkeit
v des Objektes selbst. Dieser Strömungswiderstand durch die Bildung von

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 172
KAPITEL 2. MECHANIK 2.6. TRANSPORT

Wirbeln wird im sogenannten cW -Wert zusammengefasst. Die rücktreibende


Kraft F ist proportional zu:

1
F = cW ρv 2 A (2.6.45)
2
Eine Tropfenform hat zum Beispiel einen cW -Wert von 0.06, während
eine Scheibe einen cW -Wert von 1.2 besitzt und eine Kugel von 0.4. Die
rücktreibende Kraft ist hier immer proportional zum Quadrat der Geschwin-
digkeit, während sie bei der Stokes’schen Reibung direkt proportional zur
Geschwindigkeit war. Letztere gilt allgemein für kleine Geschwindigkeiten
und laminare Strömungen, während die quadratische Abhängigkeit gut den
Strömungswiderstand durch Turbulenz beschreibt.
Die Entstehung von Wirbeln hinter einem umströmten Körper führt zu
ausgedehnten räumlichen Strukturen in dem Medium. Die einzelnen Wir-
bel lösen sich abwechselnd von dem Körper ab und verbleiben wegen der
Drehimpulserhaltung über lange Zeit stabil11 . Es entsteht eine sogenannte
Karmann’sche Wirbelstraße, wie in Abb. 2.6.13 illustriert. Jedes mal,
wenn sich ein Wirbel ablöst, entsteht wegen der Drehimpulserhaltung ein
rückstellendes Drehmoment auf das Objekt. Dies wird beim Flattern einer
Fahne sichtbar, bei der sich das Fahnentuch periodisch mit dem Ablösen der
einzelnen Wirbel hin und her bewegt; sie flattert.

Abbildung 2.6.13: Karman’sche Wirbelstraße.

Wann entsteht jetzt der Übergang von einer laminaren in eine turbulente
Strömung? Wie eingangs motiviert wurde, ist die Reibung ein entscheiden-
der Faktor. Betrachtet man die Teilchen-, Impuls- und Energiebilanz eines
strömenden Mediums, stellt man fest, daß die Strömungsmuster identisch
11
Das sich abwechselnde Ablösen von Wirbeln kann man aus einer Minimierung der
Energie verstehen, da das Volumen des rotierenden Mediums hinter dem Objekt bei einem
sequentiellen Ablösen klein bleibt.

173 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.6. TRANSPORT KAPITEL 2. MECHANIK

sind, wenn die sog. Reynoldszahl gleich ist. Diese Reynoldszahl Re ist de-
finiert als:

2Ekin
Re = (2.6.46)
WReibung
mit Ekin der kinetischen Energie in dem strömenden Flüssigkeitselement
und WReibung der Arbeit, die gegen die Reibung geleistet werden muß. Bei
sehr kleinen Werten von Re ist die Strömung laminar. D.h. die Reibung
dominiert und benachbarte Elemente im Medium können nicht einfach an-
einander vorbei strömen. Bei sehr großen Werten von Re können sich große
Geschwindigkeitsunterschiede ergeben. Der damit verbundene Unterschied in
den Druckverhältnissen führt zu der Bildung von Wirbeln. Eine typische kri-
tische Grenze für den Übergang von laminarer zu turbulenter Strömung ist
eine Reynoldszahl von ungefähr 2000.
v

Abbildung 2.6.14: Reynoldszahl.

Die geleistete Arbeit auf einer Wegstrecke ∆x gegen die Reibung ist:
¯ ¯
¯ ∆v ¯
WReibung = F ∆x = ηA ¯¯ ¯ ∆x (2.6.47)
∆y ¯
Die kinetische Energie, die sich über die Wegstrecke ∆x um ∆v in einem
Volumenelement ändert ist:
1 1
Ekin = m∆v 2 = ρ∆x2 ∆v 2 (2.6.48)
2 2
Daraus folgt für die Reynoldszahl mit ∆x = ∆y = ∆z:

ρ∆x2 ∆v 2 ρ∆y∆v
Re = ¯ ¯ = (2.6.49)
¯ ∆v ¯ η
ηA ¯ ∆y ¯ ∆x
D.h. für ein gegebenes Medium (ρ und η) können wir eine kritische Ge-
schwindigkeit ∆v = vc angeben, bei der die kritische Reynoldszahl Rec für
eine typische Abmessung des Objektes ∆y = L erreicht ist:

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 174
KAPITEL 2. MECHANIK 2.6. TRANSPORT

ρ
Rec = Lvc (2.6.50)
η

Bei kleinen Abmessungen L bleibt die Reynoldszahl klein und die Aus-
dehnung des Objektes reicht nicht für die Bildung von Wirbeln aus. Bei einer
großen Ausdehnung (z.B sehr breites Objekt) wird die Bildung von Wirbeln
begünstigt.

2.6.6 Transport durch Diffusion (Vertiefung)


Bislang hatten wir den Transport durch eine Strömung betrachtet. D.h. Teil-
chen strömen im makroskopischen Sinn durch eine vorgegebene Geometrie.
Allerdings existiert auch eine mikroskopische Möglichkeit des Transports,
wenn Teilchen in einem Medium sich gemäß ihrer mittleren Geschwindig-
keit bewegen. Für den Transport in eine Richtung ist es wichtig, daß sich
das Teilchen über eine gewisse Strecke frei bewegen kann ohne mit ande-
ren Teilchen zu stoßen. Falls ein Stoß auftritt, wird das Teilchen aus seiner
ursprünglichen Richtung heraus gestreut und der Transportprozeß in die vor-
gegebene Richtung ist unterdrückt.
Betrachten wir dazu zunächst einen Strom an N Teilchen, der sich in eine
feste Richtung x bewegen soll. Auf einem Weg ∆x erleiden die Teilchen Stöße
mit anderen Teilchen der Dichte n und werden aus ihrer ursprünglichen Rich-
tung abgelenkt. D.h die Zahl der Teilchen, die genau in x-Richtung strömen,
verringert sich in einem Zeitraum ∆t um ∆N . Diese Abnahme ist:

j x
N Teilchen

'x
Dichte n

Abbildung 2.6.15: Ein Strömung j wird durch Stöße an Teilchen der Dich-
te n verringert.

175 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.6. TRANSPORT KAPITEL 2. MECHANIK

∆N ∆x
= −N nσ (2.6.51)
∆t ∆t
σ bezeichnet den sog. Wirkungsquerschnitt als der ”Trefferfläche” ei-
nes einzelnen Gasmoleküls 12 . Daraus bekommen wir:

dN = −N nσdx (2.6.52)
Diese Integralgleichung läßt sich auflösen zu:
x
N (x) = N0 e−nσx = N0 e− λ (2.6.53)
mit N (x = 0) = N0 und mit λ der freien Weglänge:

1
λ= (2.6.54)

Für den mikroskopischen Transport betrachten wir jetzt ein Volumen mit
Gasteilchen, wobei sich in einer Richtung x die Dichte n ändern soll, d.h. dn
dx
6=
0. Wir betrachten eine gedachte Fläche A senkrecht zur x-Richtung, die einen
Bereich hoher Teilchendichte (n+ ) von einem Bereich kleiner Teilchenzahl
(n− ) trennt. Die Zahl der Teilchen, die pro Zeiteinheit durch diese Fläche
gemäß Abb. 2.6.16 von links nach rechts treten ist:

*
v y O
n

x x0 x x

Abbildung 2.6.16: Herleitung des Diffusionskoeffizienten.

dN+ = n+ v̄ cos ϑdtA (2.6.55)


12
σ ist proportional zur Wahrscheinlichkeit, daß ein Teilchen gestreut wird

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 176
KAPITEL 2. MECHANIK 2.6. TRANSPORT

Der Winkel ϑ soll ausdrücken, daß die Rate des Übertritts von der Ge-
schwindigkeit normal zu der gedachten Oberfläche A abhängt. v̄ ist der mitt-
lere Betrag der richtungs-unabhängigen Geschwindigkeit der Gasmoleküle.
Die Zahl der Teilchen, die pro Zeiteinheit durch diese Fläche von rechts nach
links treten ist:

dN− = n− v̄ cos ϑdtA (2.6.56)


Wir bekommen als Bilanz für die Teilchenflussdichte j für den Transport
in positive x-Richtung:
µ ¶
dN+ dN− 1
j= − (2.6.57)
dt dt A
Der Unterschied in den Teilchendichten sei gemäß Abb. 2.6.14:

dn
n+ = n0 − ∆x (2.6.58)
dx
dn
n− = n0 + ∆x (2.6.59)
dx
wobei n0 , die Teilchendichte am Ort der gedachten Grenzfläche A ist. Wir
bekommen:

dn
j = −2v̄ cos ϑ ∆x (2.6.60)
dx
Wir wollen nur Teilchen betrachten, die innerhalb ihrer freien Weglänge
diese Fläche durchtreten können, da der mikroskopische Transport nur Teil-
chen beschrieben soll, die sich frei bewegen können. D.h. das Volumen aus
dem Teilchen aus einer bestimmten Richtung ϑ mit der Geschwindigkeit v̄
durch diese Fläche treten ist A∆x. Die Dicke ∆x berechnet sich aus der Pro-
jektion der freien Weglänge auf die Normale der Fläche A: ∆x = λ cos ϑ.
Damit bekommen wir schließlich:

dn
j = −2v̄ cos2 ϑλ (2.6.61)
dx
Wir müssen jetzt über alle Raumrichtungen ϑ mitteln
Z
2 1 1
hcos ϑi = cos2 ϑ sin ϑdϑdφ = (2.6.62)
4π Raumwinkel 6
und erhalten schließlich das sog. Fick’sche Gesetz der Diffusion:

177 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.6. TRANSPORT KAPITEL 2. MECHANIK

1 dn
j = − v̄λ (2.6.63)
3 dx
D.h. es findet ein Teilchentransport statt, der durch einen räumlichen
Unterschied in den Teilchendichten getrieben wird. Dies bezeichnet man als
Diffusion.

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 178
KAPITEL 2. MECHANIK 2.7. SCHWINGUNGEN

2.7 Schwingungen
In vielen Systemen der Physik spielen Schwingungen eine große Rolle. Be-
trachtet man zum Beispiel die Atome in einem Molekül, so sind im Gleichge-
wicht die Länge der Bindungen und die Bindungswinkel vorgegeben. Lenkt
man diese Atome aus ihrer Gleichgewichtslage aus, so wirkt eine rückstellende
Kraft. Diese rückstellende Kraft führt zu einer Oszillation der Bindung um
die Gleichgewichtslage. Eine Schwingung tritt auf.

2.7.1 Der harmonische Oszillator


Betrachten wir im folgenden den einfachen Fall einer Feder an dessen Ende
sich eine Masse m befindet, wie in Abb. 2.7.1 illustriert. In Ruhe sei der Ort
dieser Masse x = 0. Wird diese Feder ausgelenkt, so wirkt eine rückstellende
Kraft F = −cx. Wie ändert sich die Position dieser Masse, wenn wir als An-
fangsbedingungen x = 0 aber eine Geschwindigkeit v = ẋ(t = 0) = v0 vorge-
ben? Dazu schreiben wir zunächst das zweite Newton’sche Gesetz gemäß:

d2 x
m = −cx (2.7.1)
dt2
mit der Abkürzung
c
ω02 = (2.7.2)
m

x 0

Abbildung 2.7.1: Schwingende Masse m an einer Feder.

läßt sich die Gleichung umstellen zu:

d2 x
+ ω02 x = 0 (2.7.3)
dt2

179 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.7. SCHWINGUNGEN KAPITEL 2. MECHANIK

Wir wollen jetzt die Zeitabhängigkeit des Ortes x ermitteln. Dazu müssen
wir eine Funktion x(t) finden, die die Gleichung 2.7.3 erfüllt. Dies kann durch
zwei Funktionen erfüllt werden:

x(t) = A sin(ω0 t + ϕ) (2.7.4)


x(t) = A cos(ω0 t + ϕ) (2.7.5)

A bezeichnet die Amplitude der Schwingung, ω0 die Kreisfrequenz


und ϕ die Phase. Wir wollen eine Lösung finden für den Ansatz x(t) =
A sin(ω0 t + ϕ) mit den Randbedingungen x(t = 0) = 0 und ẋ(t = 0) = v0 .
Wir bekommen für die erste und zweite Ableitung:

ẋ(t) = Aω0 cos(ω0 t + ϕ) (2.7.6)


ẍ(t) = −Aω02 sin(ω0 t + ϕ) (2.7.7)

Man erkennt, daß der Ansatz die Gl. 2.7.3 erfüllt. Aus der Randbedingung
bekommen wir:

v0 = Aω0 cos ϕ (2.7.8)


v0
und ϕ = 0 für x(0) = 0. Damit ergibt sich a = ω0
und wir erhalten als
Lösung:
v0
x(t) = sin(ω0 t) (2.7.9)
ω0
Der Verlauf des Ortes und der Geschwindigkeit sind in Abb. 2.7.2 dar-
gestellt. Bei den Orten x = 0 ist die Geschwindigkeit maximal, während
bei maximaler Auslenkung am Umkehrpunkt x = A der Schwingung die
Geschwindigkeit 0 ergibt.
Man kann jede Schwingung durch eine Cosinus bzw. Sinus-Funktion
darstellen, wobei man die Phase den Anfangsbedingungen entsprechend
auswählt. Die Phase ϕ einer Schwingung ist in Abb. 2.7.3 graphisch ver-
anschaulicht.
Die Lösung x(t) läßt sich auch für das Fadenpendel ableiten. Die Kompo-
nente der Schwerkraft in Richtung der Bewegungsrichtung des ausgelenkten
Pendels ist (siehe Abb. 2.7.4):

F = − sin ϕmg (2.7.10)


Dies eingesetzt in das zweite Newton’sche Gesetz ergibt:

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 180
KAPITEL 2. MECHANIK 2.7. SCHWINGUNGEN

x
a

S 2S
Z0 t

x
aZ0

S 2S Z0 t

Abbildung 2.7.2: Zeitabhängigkeit von Ort x und Geschwindigkeit ẋ einer


schwingenden Masse m.

d2 x
m = − sin ϕmg (2.7.11)
dt2
mit x = l sin ϕ ergibt sich ähnlich zu Gleichung 2.7.3 wieder:

d2 x g
+ x=0 (2.7.12)
dt2 l
mit

g
ω02 = (2.7.13)
l
Man erkennt, daß die Frequenz eines Pendels nicht von der Masse des
Körpers abhängt, sondern nur von der Länge des Pendels.
Ein physikalisches Pendel bezeichnet den allgemeinen Fall eines beliebig
geformten Körpers, der eine Pendelbewegung vollführt. Das rückstellende
Drehmoment ist gegeben als:

D = −lmg sin ϕ (2.7.14)


mit l des Abstandes des Schwerpunktes von der Aufhängung (=Hebel-
arm). Der Drehimpuls des Pendels mit Trägheitsmoment I bezüglich der

181 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.7. SCHWINGUNGEN KAPITEL 2. MECHANIK

Z0 t
M S 2S

Abbildung 2.7.3: Phase einer Schwingung.

Aufhängung ist:

L = Iω = I (2.7.15)
dt
Nach dem zweiten Newton’schen Axiom für die Rotation gilt:

dL d2 ϕ
D= =I 2 (2.7.16)
dt dt
Mit der Näherung sin ϕ → ϕ gilt für kleine Winkel ϕ, die Bewegungsglei-
chung:

d2 ϕ lmg
+ ϕ (2.7.17)
dt2 I
D.h. die Frequenz dieses physikalischen Pendels ist:
r
mgl
ω0 = (2.7.18)
I
Für den einfachsten Fall einer punktförmigen Masse m ist das
Trägheitsmoment I = l2 m. Wir bekommen somit mit
r r
mgl g
ω0 = = (2.7.19)
ml2 l
die Frequenz des einfachen Pendels.
Die Lösung der Schwingungsgleichung läßt sich auch eleganter ableiten
indem man zunächst einen komplexen Ansatz wählt:

x(t) = ceıω0 t (2.7.20)


Die komplexe Exponentialfunktion setzt sich aus dem Cosinus als Realteil
und dem Sinus als dem Imaginärteil zusammen:

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 182
KAPITEL 2. MECHANIK 2.7. SCHWINGUNGEN

m
x 0
&
mg
x
Abbildung 2.7.4: Ein Pendel führt eine harmonische Schwingung für kleine
Auslenkungen durch.

eıϕ = cos ϕ + ı sin ϕ (2.7.21)

Umgekehrt lassen sich auch Cosinus und Sinus wiederum durch komplexe
Exponentialfunktionen ausdrücken:

1 ¡ ıϕ ¢
sin ϕ = e − e−ıϕ (2.7.22)

1 ¡ ıϕ ¢
cos ϕ = e + e−ıϕ (2.7.23)
2

Bei dem Ansatz der komplexen Exponentialfunktion als Lösung einer


Schwingungsgleichung beschreibt der Realteil, dann den Verlauf der Ampli-
tude, wie in Abb. 2.7.5 illustriert ist. Der Vorteil besteht in der Tatsache, daß
die Lösungen sowohl einen imaginären (einer komplexen Exponentialfunktion
entsprechend Cosinus und Sinus) als auch einen reellen Anteil haben können
(normale Exponentialfunktion). Dieser Ansatz vereinfacht besonders die Be-
schreibung gedämpfter und erzwungener Schwingungen, wie weiter unten de-
monstriert wird. Die Amplitude und die Phase einer Schwingungen können
mit dem komplexen Ansatz schnell ermittelt werden. Diese Parameter werden

183 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.7. SCHWINGUNGEN KAPITEL 2. MECHANIK

Im(z )
z

M
Re(z )

Re(z )

# cos(M )

M
Abbildung 2.7.5: Die Lösung einer Schwingungsgleichung kann man in der
komplexen Ebene darstellen.

dann für die reelle Funktionen Cosinus oder Sinus als entsprechenden Am-
plitude und Phase verwendet, um den Verlauf der Schwingung im Ortsraum
zu beschreiben.
Benutzen wir diesen Ansatz noch einmal für die Lösung der Schwingungs-
gleichung in der Form:

ẍ + ω02 x = 0 (2.7.24)
Wir verwenden zunächst wieder einen sehr allgemeinen Ansatz:

x(t) = c1 eıω0 t + c2 e−ıω0 t (2.7.25)


Die erste Ableitung ist:

˙ = v0 = c1 ıω0 − c2 ıω0
x(0) (2.7.26)
Aus der Randbedingung x(t = 0) = 0 bekommen wir:

x(0) = 0 = c1 + c2 (2.7.27)

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 184
KAPITEL 2. MECHANIK 2.7. SCHWINGUNGEN

D.h. c1 = −c2 und |c1 | = |c2 | = c. Aus v(t = 0) = v0 bekommen wir:


v0
= 2cı (2.7.28)
ω0
Wenn wir diese Randbedingungen für die Unbekannten c1 und c2 einsetzen
erhalten wir schließlich:
v0 1 ¡ ıω0 t ¢ v0
x(t) = e − e−ıω0 t = sin ω0 t (2.7.29)
ω0 2ı ω0
Man erkennt, daß man eine identische Lösung wie Gl. 2.8.1 erhält.

2.7.2 Überlagerung von Schwingungen


Die Lösung der Schwingungsgleichung sind trigonometrische Funktionen (Co-
sinus, Sinus). Jede harmonische Schwingung läßt sich so darstellen. Einzelne
Schwingungen lassen sich auch überlagern. Es gilt das Superpositionsprin-
zip.

• Gleiche Amplitude, gleiche Phase


Überlagert man zwei Schwingungen (Töne) der Form

x1 = a cos ω1 t (2.7.30)
x2 = a cos ω2 t (2.7.31)

sin(20Zt)

sin(18Zt)

Summe

Abbildung 2.7.6: Entstehung einer Schwebung bei der Überlagerung von


zwei Schwingungen.

185 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.7. SCHWINGUNGEN KAPITEL 2. MECHANIK

wobei die Phasen gleich sind, sich aber die Frequenzen unterscheiden,
so ergibt sich folgender Ausdruck:

x = a cos ω1 t + a cos ω2 t
µ ¶ µ ¶
ω1 − ω2 ω1 + ω2
= 2a cos t cos t (2.7.32)
2 2

Betrachten wir zwei Schwingungen deren Kreisfrequenz sehr nahe bei-


einander liegt, so ergibt die Summe ein Signal, wie es in Abb. 2.7.6
gezeigt ist. Man erkennt eine Schwingung mit ähnlicher Frequenz
wie die der Einzelschwingungen, deren Intensität allerdings mit einer
Einhüllenden
¡1 moduliert
¢ ist. Die hohe Frequenz ist durch den Term
cos 2 (ω1 + ω2¡) gegeben, ¢während die Modulation der Intensität durch
den Term cos 12 (ω1 − ω2 ) beschrieben wird. Im Fall einer Schallwelle
kann dies hörbar gemacht werden: man nimmt einen Ton wahr, der
periodisch an- und abschwillt. Dies bezeichnet man als Schwebung.

• Gleiche Amplitude, gleiche Frequenz, aber unterschiedliche Phase


Betrachten wir jetzt den umgekehrten Fall von zwei Schwingungen bei
denen die Frequenz zwar gleich ist, sich aber die Phase unterscheidet.
Wir haben zunächst:

x1 = a cos(ωt + ϕ1 ) (2.7.33)
x2 = a cos(ωt + ϕ2 ) (2.7.34)

Die Überlagerung beider Schwingungen nach dem Superpositionsprin-


zip ergibt:

x(t) = a cos(ωt + ϕ1 ) + a cos(ωt + ϕ2 ) (2.7.35)

mit cos (ωt + ϕ1 ) = cos (ωt) cos ϕ1 − sin ωt sin ϕ1 ergibt sich:

x(t) = a [cos ωt cos ϕ1 − sin ωt sin ϕ1 +


+ cos ωt cos ϕ2 − sin ωt sin ϕ2 ]
= a [cos ωt (cos ϕ1 + cos ϕ2 ) −
− sin ωt (sin ϕ1 + sin ϕ2 )] (2.7.36)

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 186
KAPITEL 2. MECHANIK 2.7. SCHWINGUNGEN

mit cos ϕ1 + cos ϕ2 = 2 cos ϕ1 +ϕ


2
2
cos ϕ1 −ϕ
2
2
und sin ϕ1 + sin ϕ2 =
ϕ1 +ϕ2 ϕ1 −ϕ2
2 sin 2 cos 2 ergibt sich:

· ¸
ϕ1 − ϕ2 ϕ1 + ϕ2 ϕ1 + ϕ2
x(t) = 2a cos cos ωt cos − sin ωt sin
2 2 2
(2.7.37)
Die maximale Amplitude der Schwingung ergibt für ϕ1 = ϕ2 gleich 2a,
d.h. die Schwingungen überlagern sich positiv, es tritt positive Inter-
ferenz auf. Falls die beiden Phasen um 180◦ bzw. um π gegeneinan-
der verschoben sind wird die Amplitude Null. D.h. die Schwingungen
löschen sich aus, es tritt negative Interferenz auf.

2.7.3 Die gedämpfte Schwingung


Betrachten wir jetzt den Fall, daß die Schwingung gedämpft sei. Beispiel
sei eine Feder, bei der sich die Masse durch ein viskose Flüssigkeit bewegt.
Nach dem Stokes’schen Gesetz (Gl. 2.6.38) ist die Dämpfung der Bewegung
proportional zur Geschwindigkeit ẋ. D.h. die Bewegungsgleichung müssen
wir um einen Dämpfungsterm proportional zu einer Dämpfungskonstante
γ erweitern:

mẍ = −cx − 2γmẋ (2.7.38)


bzw.

ẍ + 2γ ẋ + ω02 x = 0 (2.7.39)
Wir verwenden jetzt eine exponentiellen Ansatz wobei die unbekannten
Faktoren c und λ jeweils komplexe Zahlen sein können:

x(t) = ceλt (2.7.40)


Mit diesem Ansatz bekommen wir als Bestimmungsgleichung für λ

λ2 + 2γλ + ω02 = 0 (2.7.41)


mit den beiden Lösungen:
q
λ1,2 = −γ ± γ 2 − ω02 (2.7.42)
D.h. die vollständige Lösung ist:

187 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.7. SCHWINGUNGEN KAPITEL 2. MECHANIK

h √ 2
√ 2 2i
2
x(t) = e−γt c1 e γ −ω0 t + c2 e− γ −ω0 t (2.7.43)
Wir erkennen, daß durch die Wahl des Ansatzes sofort ein Anteil einer
normalen Exponentialfunktion entsteht (e−γt ), der die Dämpfung der Schwin-
gungsamplitude wiedergibt. Die anderen Terme können je nach Verhältnis
zwischen γ und ω0 reell oder komplex werden. Hieran erkennt man den effizi-
enten Weg zu einer Lösung, die durch den formalen Ansatz einer komplexen
Exponentialfunktion gelingt.
Welche typische Lösungen ergeben sich jetzt für die Zeitabhängigkeit von
x(t). Wir können drei Fälle unterscheiden:

• γ ¿ ω0 schwache Dämpfung
Falls die Dämpfung γ sehr klein gegen die Frequenz ω0 ist, so ist ω eine
reelle Zahl:

ω 2 = ω02 − γ 2 (2.7.44)

Damit bekommen wir für die beiden Lösungen für λ:


λ1,2 = −γ ± −ω = −γ ± ıω (2.7.45)

Damit ergibt sich eine Schwingung der Form:

£ ¤
x(t) = e−γt c1 eıωt + c2 e−ıωt (2.7.46)

Aus den Anfangsbedingungen x(0) = A0 und v(0) = 0 ergibt sich die


Lösung zu:

x(t) = A0 e−γt cos(ωt) (2.7.47)

Wir erhalten eine Schwingung, deren Amplitude exponentiell abnimmt,


wie in Abb. 2.7.7 gezeigt.

• γ À ω0 starke Dämpfung
Falls die Dämpfung sehr stark ist, so können wir den Ausdruck
q
λ1,2 = −γ ± γ 2 − ω02 = −γ ± α (2.7.48)
p
mit α = γ 2 − ω02 einer reellen Zahl ausdrücken und erhalten:

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 188
KAPITEL 2. MECHANIK 2.7. SCHWINGUNGEN

£ ¤
x(t) = e−γt c1 eαt + c2 e−αt (2.7.49)

Falls man als Anfangsbedingung v(0) = v0 und x(0) = 0 wählt, so


bekommt man die Lösung:

v0 −γt £ αt ¤
x(t) = e e − e−αt (2.7.50)

Der Verlauf x(t) entspricht einem Kriechen der Feder, da die Amplitude
sehr langsam zurück geht.

• γ = ω0 aperiodischer Grenzfall
Falls die Dämpfung γ genau gleich der Frequenz ω0 ist, so bekommt
man die Lösung:

λ = −γ (2.7.51)

Aus den Anfangsbedingungen x(0) = 0 und v(0) = v0 ergibt sich die


Lösung zu:

x(t) = v0 te−γt (2.7.52)

Der aperiodische Grenzfall entspricht der schnellst möglichen Rückkehr


in die Gleichgewichtslage bei der kein Überschwingen des Pen-
dels/Feder erfolgt (siehe Abb. 2.7.8). Bei jedem Stoßdämpfer ist es
wesentlich, daß die Dämpfung genau so eingestellt ist, daß der ape-
riodische Grenzfall realisiert ist. Nur dann kehrt die Feder schnellst
möglich in die Ausgangslage zurück. Ist die Dämpfung zu klein, so
schwingt das System nach. Ist die Dämpfung zu groß, so kann sich z.B.
der Stoßdämpfer nach der ersten Bodenwelle nicht schnell genug in die
Ausgangslage zurück bewegen, um eine nachfolgende Bodenwelle gut
zu absorbieren.

2.7.4 Die erzwungene Schwingung


Ein wichtiger Fall ist die erzwungene Schwingung. Man stelle sich dazu eine
Feder vor, deren Aufhängepunkt über einen Exzenter mit einer periodischen
Kraft F = F0 cos ωt angetrieben wird (siehe Abb. 2.7.8). Die Bestimmungs-
gleichung ist jetzt gegeben als:

189 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.7. SCHWINGUNGEN KAPITEL 2. MECHANIK

J !! Z0
J Z0

Zt
J  Z0

Abbildung 2.7.7: Gedämpfte Schwingung für die Randbedingungen x(0) =


0 und ẋ(0) = v0 : bei sehr großer Dämpfung γ À ω0 kehrt die Feder nur
langsam in die Ausgangslage zurück, sie kriecht; für γ = ω0 kehrt die Fe-
der schnellst möglich zurück ohne überzuschwingen; für γ ¿ ω0 wird die
Schwingung sehr langsam gedämpft.

mẍ = −cx − 2γmẋ + F0 eıωt (2.7.53)


mit c der Federkonstante, γ der Dämpfung und F0 der Amplitude der an-
regenden Kraft, die mit einer Frequenz ω die Bewegung der Feder moduliert.
Mit der Beschleunigung a = F0 /m bekommen wir:

ẍ + 2γ ẋ + ω02 x = aeıωt (2.7.54)


Auch hier verwenden wir wieder den Ansatz

x(t) = Aeıωt (2.7.55)


und bekommen als Bestimmungsgleichung:

−ω 2 A + 2γıωA + ω02 A = a (2.7.56)


Die komplexe Amplitude der Schwingung ist:
a
A= = |A|eiϕ (2.7.57)
(ω02 − ω2) + 2γıω
Mit dem Realteil:

a (ω02 − ω 2 )
<A = 2 = |A| cos ϕ (2.7.58)
(ω02 − ω 2 ) + (2γω)2
und dem Imaginärteil
2aγω
=A = − 2 = |A| sin ϕ (2.7.59)
(ω02 − ω 2 ) + (2γω)2

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 190
KAPITEL 2. MECHANIK 2.7. SCHWINGUNGEN

F0 cosZt

x=0
F=-Dx

Abbildung 2.7.8: Beispiel für eine erzwungene Schwingung: eine äußere


Kraft bewegt periodisch den Aufhängepunkt einer Feder.

Die Amplitude und Phase sind Funktionen sowohl der Eigenfrequenz der
Feder ω0 als auch der externen Erregerfrequenz ω. Für den Betrag der Am-
plitude bekommt man:

F0 1
|A(ω)| = q (2.7.60)
m 2
(ω02 − ω2) + (2γω)2
und für die Phase bekommt man:

2γω
tan ϕ = − (2.7.61)
ω02 − ω2
D.h. die Amplitude der Feder wird maximal, wenn die Frequenz mit der
angeregt wird folgende Bedingung erfüllt:
q
ωR = ω02 − 2γ 2 (2.7.62)
Dies bezeichnet man als Resonanz. Amplitude und Phase sind in Abb.
2.7.9 gezeigt. Man kann drei Bereiche identifizieren:

• ω < ω0
Diese Phasenänderung läßt sich anschaulich verstehen: bei kleinen an-
regenden Frequenzen ω, folgt die Feder direkt der externen Erregung.
Nachdem die Eigenfrequenz ω0 sehr viel größer als ω ist, kann das Sy-
stem Feder beliebig schnell folgen. Die Feder läuft der externen Erre-
gung hinterher und der Ort des Exzenters und der Ort der schwingen-

191 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.7. SCHWINGUNGEN KAPITEL 2. MECHANIK

den Masse ändern sich jeweils in gleicher Weise, d.h. der Phasenwinkel
ϕ ist klein.

• ω ' ω0
Für ω ' ω0 ist die Phase ungefähr −π/2, d.h. Erregung und Schwin-
gung erfolgen um 90◦ phasen-verschoben. Die Amplitude im Bereich
der Erregerfrequenz ω ' ω0 ist sehr groß. Man spricht von einer reso-
nanten Erregung der Feder. Bei einer Phasenverschiebung von −π/2
ist am Umkehrpunkt der Feder, die Geschwindigkeit der Erregung ma-
ximal. D.h. die Feder wird an den Umkehrpunkten durch die externe
Kraft maximal beschleunigt. Dadurch schaukelt sich die Schwingung
auf. Dies ist ähnlich zu dem Beschleunigen einer Schaukel, bei der ein
optimaler Effekt erzielt wird, wenn diese Schaukel genau im Moment
des Umkehrpunktes stark angeschoben wird.

• ω > ω0
Für ω À ω0 kann die Feder der Bewegung nicht mehr folgen, sie hinkt
nach (negative Phase). Die Auslenkung der Feder erfolgt später als
die Auslenkung des Erregers. Bei sehr hohen Frequenzen erfolgt die
Bewegung genau gegenphasig. Die Amplitude der Anregung läuft gegen
Null, d.h. die Feder kann der externen Anregung nicht mehr folgen. Dies
wird eindrucksvoll bei Lichtwellen sichtbar: dort müssen die Elektronen,
den Schwingungen des elektrischen Feldes (=der Lichtwelle) folgen. Bei
sehr hohen Frequenzen ist das nicht mehr möglich. So werden viele
Materialien zum Beispiel für Licht mit Frequenzen im Röntgenbereich
durchsichtig.

Bei der erzwungenen Schwingung wird Energie durch die äußere Kraft in
die Bewegung der Schwingung hinein gepumpt. Man kann zwei charakteristi-
sche Amplituden definieren. Für ω → 0 ergibt sich die Schwingungsamplitude
zu:
a
|A|ω→0 = (2.7.63)
ω02
Im Maximum für schwache Dämpfung γ ¿ ω0 bekommt man eine Am-
plitude von:
a
|A|max. = (2.7.64)
2γω0
D.h. wenn die Dämpfung sehr klein wird läuft die Amplitude der Schwin-
gung gegen unendlich, da dem System durch die externe Kraft kontinuierlich

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 192
KAPITEL 2. MECHANIK 2.7. SCHWINGUNGEN

a
ZR
Z02
Z0 Z
M
Z0
Z

J !!
J 
S

Abbildung 2.7.9: Amplitude und Phase der erzwungenen Schwingung.

Energie zugeführt wird. Das Verhältnis dieser beiden Amplituden bezeichnet


man als Güte des Resonators:

|A|max ω0
Q= = (2.7.65)
|A|ω→0 2γ
In vielen praktischen Fällen kann man die Schwingung selbst oft nicht
beobachten. Bei der Kernspinresonanz wird zum Beispiel der Drehimpuls der
Atomkerne durch ein äußere Radiofrequenzspule modifiziert. Die absorbierte
Leistung in dieser Spule ist ein Maß für die Dichte der Atomkerne. Aus
dieser Information wird dann das Bild rekonstruiert. D.h in der Regel wird
eine Resonanz an Hand des Auftretens einer erhöhten Leistungsabsorption
beobachtet.
Wie berechnet sich diese Leistungsabsorption? Eine Schwingung (Ort x)
absorbiert eine Leistung P , die durch die externe Kraft F aufgebracht wird:

dx
P =F (2.7.66)
dt

193 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.7. SCHWINGUNGEN KAPITEL 2. MECHANIK

Aus der Lösung der Schwingungsgleichung haben wir Amplitude und Pha-
se der erzwungenen Schwingung schon bestimmt. Die Kraft sei gegeben als
F = F0 sin ωt. Die Schwingung selbst habe die Form x = |A| sin(ωt + ϕ).
Damit ergibt sich:

dx
P =F
= F0 sin ωt|A|ω cos(ωt + ϕ) (2.7.67)
dt
Mit cos(ωt + ϕ) = cos ωt cos ϕ − sin ωt sin ϕ bekommen wir:
£ ¤
P = F0 |A|ω cos ϕ sin ωt cos ωt − sin ϕ sin2 ωt (2.7.68)
mit sin ωt cos ωt = 12 sin 2ωt und sin2 ωt = 1
2
− 12 cos 2ωt bekommen wir:

· ¸
1 1 1
P = F0 |A|ω cos ϕ sin 2ωt + sin ϕ cos 2ωt − F0 |A|ω sin ϕ (2.7.69)
2 2 2

Wenn wir über eine Periode mitteln, so fallen die Terme mit cos 2ωt und
sin 2ωt weg. Es verbleibt:

1
P̄ = −F0 |A|ω sin ϕ (2.7.70)
2
Wenn wir sin ϕ aus Gl. 2.7.59 einsetzen, so bekommen wir schließlich:

1 2 1
P̄ = F02 γω 2 (2.7.71)
m (ω0 − ω ) + (2γω)2
2 2

Die frequenz-abhängige Absorption wird als sogenannte Resonanzlinie


sichtbar. Die Halbwertsbreite (Breite der Linie bei halbem Maximalwert)
ist für γ ¿ ω0 gegeben als:

∆ω ' γ2 3 (2.7.72)
Diese Resonanzeffekte werden vielfach für Filter ausgenutzt. Um zum Bei-
spiel eine bestimmte Frequenz aus einfallenden Radiosignalen zu extrahieren,
verwendet man ein schwingendes System, das durch ein Radiosignal angeregt
werden kann. Falls die Resonanzfrequenz getroffen wird, schwingt das System
an, was nachfolgend von der Elektronik registriert wird. Falls die Frequenz des
Radiosignals das System nicht anregen kann, bleibt der Empfänger stumm.
Die Güte eines solchen schwingenden Systems wird durch die Breite der Reso-
nanzlinie definiert. Ist die Güte sehr hoch, d.h. die Resonanzlinie sehr scharf,
so kann ein Filter einen kleinen Bereich in einem Frequenzspektrum heraus
trennen.

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 194
KAPITEL 2. MECHANIK 2.7. SCHWINGUNGEN

2.7.5 Gekoppelte Oszillatoren (Vertiefung)


In der Natur treten Oszillatoren in der Regel nicht isoliert auf. Betrachten
wir zum Beispiel eine Kette von Atomen in einem Festkörper so wird die Aus-
lenkung eines Atoms in der Kette auf die anderen übertragen. Betrachten wir
dazu den einfachstem Fall zweier gekoppelter Oszillatoren. Die Auslenkungen
x1 und x2 sind gemäß Abb. 2.7.10 gegeben als:

mẍ1 = −cx1 − c (x1 − x2 ) (2.7.73)


mẍ2 = −cx2 − c (x2 − x1 ) (2.7.74)

C m C m C

x1 0 x2 0

Abbildung 2.7.10: Gekoppelte Oszillatoren.

Diese gekoppelten Differentialgleichungen lassen sich vereinfachen, wenn


man einerseits die Differenz und andererseits die Summe bildet:

m (ẍ1 + ẍ2 ) = −c (x1 + x2 ) (2.7.75)


m (ẍ1 − ẍ2 ) = −c (x1 − x2 ) − 2c (x1 − x2 ) = −3c (x1 − x2 )(2.7.76)

Mit der Substitution a = x1 + x2 und b = x1 − x2 bekommen wir zwei


entkoppelte Differentialgleichungen:

mä = −ca (2.7.77)


mb̈ = −3cb (2.7.78)

mit den Lösungen:

a = A cos (ω1 t + ϕ1 ) (2.7.79)


b = A cos (ω2 t + ϕ2 ) (2.7.80)

195 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.7. SCHWINGUNGEN KAPITEL 2. MECHANIK

Daraus läßt sich ursprüngliche Lösung wieder konstruieren, und wir be-
kommen:

1 1
x1 = (a + b) = A (cos (ω1 t + ϕ1 ) + cos (ω2 t + ϕ2 )) (2.7.81)
2 2
bzw.

µ ¶ µ ¶
ω1 − ω2 ϕ1 − ϕ2 ω1 + ω2 ϕ1 + ϕ2
x1 = A cos t+ t cos t+ t (2.7.82)
2 2 2 2

Man erkennt, daß man für die Auslenkung am Ort x1 eine Art Schwebung
bekommt. Die Amplitude der Schwingung bei ω = 21 (ω1 + ω2 ) schwillt an und
wieder ab. Gegenphasig dazu steigt die Amplitude x2 und sinkt wieder. D.h.
die Energie der Schwingung oszilliert zwischen der maximalen Amplitude x1
und der maximalen Amplitude x2

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 196
KAPITEL 2. MECHANIK 2.8. WELLEN

2.8 Wellen
Schwingungen beschreiben die zeitliche Entwicklung einer Oszillation. Hat
man allerdings eine lokale Quelle, die ein umgebendes Medium anregt, so
kann sich diese Schwingung auch räumlich ausbreiten. Eine Welle entsteht.

2.8.1 Ausbreitung von Wellen


Die Ausbreitung von Wellen läßt sich an Abb. 2.8.1 verdeutlichen. Beginnt
man ein Seil zu einem Zeitpunkt t = 0 periodisch zu bewegen, so pflanzt sich
diese Schwingung auf dem Seil fort. Die Ausbreitungsgeschwindigkeit eines
Wellenberges bezeichnet man als Phasengeschwindigkeit vP hase .

x
vPhase

Abbildung 2.8.1: Ausbreitung einer Schwingung auf einem Seil.

Die Tatsache, daß diese Welle sich mit der Zeit t mit einer Geschwindigkeit
vphase ausbreitet, läßt sich durch den Ansatz
· µ ¶¸
z
x(z, t) = A sin ω t − (2.8.1)
vP hase
beschreiben. Wie erklärt sich diese Phasengeschwindigkeit? Betrachten
wir dazu einen Beobachter, der sich mit der Phasengeschwindigkeit mit der
Welle mit bewegt (wie ein Surfer auf einer Wasserwelle). Der Ort dieses
Surfers ändert sich somit wie:

zsurf er = vP hase t (2.8.2)


Setzt man dies in 2.8.1 ein, so erkennt man, daß x(zSurf er , t) = const.
wird. D.h. die Amplitude am Ort dieses Surfers ändert sich nicht, er reitet
auf der Welle.

197 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.8. WELLEN KAPITEL 2. MECHANIK

Die Gleichung 2.8.1 beschreibt die Amplitude x als eine Funktion von
Zeit und Ort. Den räumliche Abstand zwischen zwei Orten mit einem Pha-
senunterschied von 2π bezeichnet man als Wellenlänge λ:
µ ¶ µ ¶
z2 z1
ω t− −ω t− = 2π (2.8.3)
vP hase vP hase
mit z2 − z1 = λ erhält man somit:


λ= vP hase (2.8.4)
ω
ω war die sog. Kreisfrequenz, d.h. die Änderung des Winkels pro Zeit.
Die Frequenz f ist die Zahl der Schwingungen pro Sekunde:

2πf = ω (2.8.5)
Nach Gl. 2.8.4 ergibt sich der Zusammenhang:

vP hase
f= (2.8.6)
λ
Gl. 2.8.1 läßt sich somit kompakt schreiben als:

x(z, t) = A sin(ωt − kz) (2.8.7)


mit k der sog. Wellenzahl.


k= (2.8.8)
λ
Man unterscheidet longitudinale und transversale Wellen: bei longi-
tudinalen Wellen erfolgt die Auslenkung in Richtung der Wellenausbreitung,
während bei transversalen Wellen die Auslenkung senkrecht zur Ausbrei-
tungsrichtung erfolgt. Dies ist in Abb. 2.8.2 veranschaulicht.

2.8.2 Die Wellengleichung


Wie berechnet sich jetzt die Ausbreitung einer Welle in einem beliebigen Me-
dium? Betrachten wir dazu zunächst die allgemeine Form der Amplitude an
einem Ort z zu einem Zeitpunkt t. Diese sei durch eine nicht näher definierte
Funktion f gegeben. Aus dem allgemeinen Verhalten einer Welle, wie oben
erläutert, können wir sofort schließen, daß das Argument dieser Funktion
f (u) der Form u = z − vt sein muß (für einen ”Surfer” mit z = vt muß
f = const. gelten). Es gilt somit:

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 198
KAPITEL 2. MECHANIK 2.8. WELLEN


  


    


  
 
 

Abbildung 2.8.2: Transversal- und Longitudinalwellen.

x(z, t) = f (u) = f (z − vt) (2.8.9)


Die zeitliche Ableitung dieser Amplitude ergibt:
dx df du df
= = −v (2.8.10)
dt du dt du
bzw. die zweite Ableitung:

d2 x d2 f du 2
2d f
= −v = v (2.8.11)
dt2 du2 dt du2
Analog zur zeitlichen Ableitung läßt sich auch die räumliche Ableitung
bilden:
dx df du df
= = (2.8.12)
dz du dz du
Die zweite Ableitung liefert.

d2 x d2 f du d2 f
= = (2.8.13)
dz 2 du2 dz du2
Vergleicht man jetzt Gl. 2.8.11 und Gl. 2.8.13, so erkennt man folgenden
Zusammenhang:

d2 x 2
2d x
= v (2.8.14)
dt2 dz 2
Diese Gleichung bezeichnet man als Wellengleichung, die sich anschau-
2
lich am Beispiel unserer Seilwelle beschreiben läßt. Die zweite Ableitung ddzx2
entspricht der Krümmung des Seils, wie zum Beispiel die Auslenkung x am

199 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.8. WELLEN KAPITEL 2. MECHANIK

Ort einer Seilschlaufe (siehe Abb. 2.8.3). Pflanzt sich diese Seilschlaufe mit
der Geschwindigkeit v nach rechts fort, so wird ein benachbarter Ort auf
2
dem Seil beschleunigt ( ddt2x ). Hierbei ist eine endliche Krümmung (zweite
Ableitung) wichtig. Eine endliche erste Ableitung dx dz
entspräche nur einer
gleichmäßigen Erhöhung der Amplitude an einem Ort z, aber keiner Be-
schleunigung. Die Beschleunigung an einem Ort z ist umso größer je schnel-
ler sich die Welle in z-Richtung bewegt. Dies erklärt die Proportionalität zur
Phasengeschwindigkeit vP hase .

vPhase
x

dx z
dz

Abbildung 2.8.3: Ausbreitung einer Auslenkung z in Zeit und Ort.

In vielen praktischen Anwendungen muß diese Wellengleichung für die


Ausbreitung von Wellen in unterschiedlichen Medien gelöst werden. Dies soll
an drei Beispielen erläutert werden:
• Seilschlaufe, transversale Welle
Betrachten wir eine Seilschlaufe, die sich mit der Phasengeschwindig-
keit v ausbreitet, wie in Abb. 2.8.4 gezeigt. Die Phasengeschwindig-
keit dieser transversalen Welle läßt sich aus einer einfachen Kraftbi-
lanz ableiten. Wir gehen in ein bewegtes Bezugssystem, das sich mit
v bewegt. D.h. die Seilschlaufe bleibt ortsfest und das Seil bewegt
sich mit −v durch einen gekrümmten Bereich mit Krümmungsradius
R hindurch. Die Zugspannung σ versucht das Seil gerade zu ziehen,
während die Zentrifugalkraft die Seilschlaufe aufrecht erhält. Bei ei-
nem Krümmungsradius R ist die Zugkraft gegeben als:

FZugspannung = 2σA sin Θ (2.8.15)


Nur die Komponente σ sin Θ der Zugspannung wirkt der Auslenkung
entgegen. Die Querschnittsfläche des Seils sei A. Gemäß Abb. 2.8.4 ist
der Winkel Θ mit der Länge ∆l verknüpft wie:

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 200
KAPITEL 2. MECHANIK 2.8. WELLEN

Fz
'l
V V

1 T R 1
FSpannung v v
2 2
T T

Abbildung 2.8.4: Auslenkung eines Seilstückes einer Seilwelle, die sich mit
v ausbreitet.

∆l 1
= sin Θ (2.8.16)
2 R
D.h wir bekommen:

∆l
FZugspannung = σA (2.8.17)
R
Diese Kraft ist im Gleichgewicht mit der Zentrifugalkraft:

v2 v2
FZentrif ugal = ∆m = ρA∆l (2.8.18)
R R
mit ρ der Dichte des Seils. Wir bekommen somit aus dem Vergleich von
Gl. 2.8.17 und 2.8.18 die Phasengeschwindigkeit zu:

r
σ
v= (2.8.19)
ρ

D.h. die Ausbreitungsgeschwindigkeit der Welle ist proportional zur


Wurzel aus der Zugspannung. Man bemerke, daß die Phasengeschwin-
digkeit dieser transversalen Welle nicht von den elastischen Eigenschaf-
ten des Seils abhängt.

• Dichtewelle in einem Festkörper, longitudinale Welle

201 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.8. WELLEN KAPITEL 2. MECHANIK

Eine longitudinalen Welle bei der sich die Dichte in dem Medium
periodisch ändert, bezeichnet man generell als Schallwelle. Es sei
ein Material gegeben, durch das eine ebene Dichtewelle in z-Richtung
läuft (siehe Abb. 2.8.5). In einem Volumenelement der Ausdehnung
dz herrscht links und rechts ein unterschiedliche Druckspannung σ,
die zu einer Auslenkung einer Schicht des Mediums um dx führt. Die
Änderung der Kraft dF über eine Länge dz ist

dF = A(σ + dσ) − Aσ = Adσ (2.8.20)

H H  dH

V dz V  dV

Abbildung 2.8.5: Ausbreitung einer Schallwelle in einem Medium.

Die Druckspannung ist mit den elastischen Eigenschaften des Mediums


verknüpft. Die relative Längenänderung ist ² = dx
dz
. Mit σ = ²E = E dx
dz
ergibt sich:

dσ d2 x
=E 2 (2.8.21)
dz dz
D.h. die Kraft dF ergibt sich aus:

d2 x
dF = AE dz (2.8.22)
dz 2
Diese Kraft führt zu einer Beschleunigung einer Masse dm im Volu-
menelement Adz:

d2 x d2 x d2 x
dF = dm = ρ dV = ρAdz (2.8.23)
dt2 dt2 dt2
Vergleichen wir Gl.2.8.22 und 2.8.23, so erkennen wir als Wellenglei-
chung wieder:

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 202
KAPITEL 2. MECHANIK 2.8. WELLEN

d2 x E d2 x
= (2.8.24)
dt2 ρ dz 2
|{z}
v2

Aus dem Vergleich mit Gl. 2.8.14, bekommt man als Phasengeschwin-
digkeit einer solchen Welle:

s
E
vP hase = (2.8.25)
ρ

Man erkennt, daß die longitudinale Welle im Unterschied zu der trans-


versalen von den elastischen Eigenschaften (gegeben durch E) des Ma-
terials abhängt. Die Ausbreitungsgeschwindigkeit einer Schallwelle in
einem Material wird ausgenutzt, um dessen elastische Eigenschaften
zu bestimmen. Hierzu wird über eine Anregung mittels Laser oder
Piezoelementen eine Schallwelle erzeugt und die Laufzeit dieser Wel-
le gemessen. Mit bekannter Dichte des Materials läßt sich damit das
Elastizitätsmodul (sogar richtungsabhängig) ermitteln.

• Dichtewelle in einem Gas


Eine longitudinale Welle in einem Gas entspricht einer räumlichen und
zeitlichen Änderung des Luftdrucks. Dies nehmen wir als Ton wahr. Die
rückstellende Kraft in benachbarten Volumenelementen ist in Analogie
zu Gl. 2.8.20 immer:

dF = (p + dp)A − pA = Adp (2.8.26)

In Analogie zu der Ableitung der Schallwelle in einem Festkörper ergibt


sich dann eine Phasengeschwindigkeit in einem Gas von:

r
p
vP hase = (2.8.27)
ρ

mit p dem Druck und ρ der Dichte des Gases. Reduziert man zum
Beispiel die Dichte des Mediums (Schallausbreitung in Helium statt in
Luft), so wird die Phasengeschwindigkeit höher, und die Dichteschwan-
kungen erreichen schneller unser Ohr. Dies nehmen wir als höhere Fre-
quenz wahr.

203 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.8. WELLEN KAPITEL 2. MECHANIK

2.8.3 Energiedichte einer Welle


Für das Wahrnehmen von Wellen ist deren Intensität maßgeblich. Um die
Intensität einer Welle zu bestimmen, beginnen wir zunächst mit der Be-
schreibung einer Welle gemäß:

x = A sin(ωt − kz) (2.8.28)


Die Intensität einer Welle ist der Transport von Energie mit der Pha-
sengeschwindigkeit. Die Energie der Welle besteht aus zwei Beiträgen, der
potentiellen und der kinetischen Energie:

• kinetische Energie
Die kinetische Energie, die durch die Geschwindigkeit ẋ festgelegt ist,
ist gegeben als:

1 1
Ekin = ∆mẋ2 = ∆mA2 ω 2 cos2 (ωt − kz) (2.8.29)
2 2
Für die Intensität ist die zeitlich gemittelte Energie maßgeblich. Die
zeitliche Mittelung über eine Periode von hcos2 (ωt − kz)i ergibt den
Faktor 1/2. Damit bekommt man:

1
hEkin i = ∆mA2 ω 2 (2.8.30)
4
• potentielle Energie
Die potentielle Energie, die in der Schwingung steckt ist gegeben durch
die Arbeit, dieR gegen die rückstellende Kraft geleistet wird (F = −cx).
Mit Epot = − F dx bekommt man für die potentielle Energie:

1 1
Epot = cx2 = cA2 sin2 (ωt − kz) (2.8.31)
2 2
Auch hier wird das zeitliche Mittel benötigt mit hsin2 (ωt − kz)i = 1/2.
c
Mit ω 2 = ∆m bekommen wir:

1
hEpot i = ∆mA2 ω 2 (2.8.32)
4
Man erhält somit für die Gesamtenergie der Welle:
1
hEi = hEpot i + hEkin i = ∆mA2 ω 2 (2.8.33)
2
c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 204
KAPITEL 2. MECHANIK 2.8. WELLEN

Die Intensität pro Fläche ist die Energie, die sich in der Welle pro Volumen
mal der Phasengeschwindigkeit vphase ausbreitet. Damit bekommt man mit
∆m = ρ∆V :

E 1
I= vP hase = vP hase ρA2 ω 2 (2.8.34)
∆V 2
D.h. die Intensität nimmt mit dem Quadrat der Amplitude A und der
Frequenz ω zu. Diese Formel beschreibt zum Beispiel auch die Intensität von
Schallwellen. Diese wird in der Regel als Lautstärke in der Einheit Dezibel
dB angegeben:

I
Lautstärke = 10 log [dB] (2.8.35)
I0
Die Lautstärke ist per Definition normiert auf die Hörschwelle, die bei ei-
ner Intensität von I0 ∼ 10−12 Wm−2 liegt. Das menschliche Gehör kann Fre-
quenzen von 16 Hz bis zu 16 kHz wahrnehmen und wird von Lautstärken bis
100 dB gerade noch nicht dauerhaft geschädigt. Allerdings werden Geräusche
unterschiedlicher Frequenz unterschiedlich laut wahrgenommen. Diese emp-
fundene Lautstärke für einen Ton mit einer wahren Lautstärke von 20 dB
ist in Abbildung 2.8.6 gezeigt. Man erkennt, daß insbesondere im Bereich
um 1000 Hz, also der normalen Tonlage des Sprechens (Kammerton a ent-
spricht 440 Hz), die wahre Lautstärke und die empfundene ungefähr gleich
sind. Sehr tiefe und sehr hohe Töne müssen eine sehr viel größere wahre
Lautstärke besitzen um als gleich laut empfunden zu werden.

2.8.4 Überlagerung von Wellen


Für Wellen gilt das Superpositionsprinzip. Falls man mehrere Quellen hat, so
können die einzelnen Wellen überlagert werden und ergeben in der Summe
das sich ausbreitende Wellenmuster oder Wellenbild. Dies sei im folgenden
an zwei Beispielen illustriert.

Eindimensional
Betrachten wir im eindimensionalen zwei Wellen, die mit unterschiedlicher
Frequenz ω und Wellenlänge bzw. Wellenzahl k sich in z-Richtung ausbreiten.
Die Phasen seien dabei identisch und zu Null gesetzt:

x1 = A cos (ω1 t − k1 z) (2.8.36)


x2 = A cos (ω2 t − k2 z) (2.8.37)

205 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.8. WELLEN KAPITEL 2. MECHANIK

 
>@dB

120

 
16  16 K, Hörbereich  

    

0
10 100 1000 10000 f >Hz @

Abbildung 2.8.6: Lautstärke eines Tons, der mit einer empfundene


Lautstärke von 20 dB vom Menschen wahrgenommen wird. Hohe und tiefe
Töne müssen sehr höhere Intensitäten haben um als gleich laut empfunden
zu werden.

Die Überlagerung ergibt:

µ ¶
∆ω ∆k
x = x1 + x2 = 2A cos t− z cos (ωm t − km t) (2.8.38)
2 2

Es entsteht eine Art Schwebung wobei die Welle selbst sich mit der Pha-
sengeschwindigkeit vP hase = ωkm
m
mit der Frequenz ωm = (ω1 + ω2 ) 21 und der
Wellenlänge km = (k1 + k2 ) 12 ausbreitet. Dieser Wellenzug¡ wird ∆kaber¢ von
einer Einhüllenden begrenzt, die die Amplitude gemäß cos ∆ω 2
t − 2
z mo-
duliert. Die Maxima der Einhüllenden bewegen sich mit der sog. Gruppen-
geschwindigkeit vGruppe = ∆ω ∆k
in z-Richtung fort (siehe Abb. 2.8.7). Für
den allgemeinen Fall kleiner Unterschiede in Frequenz und Wellenzahl wird
aus ∆ω
∆k
→ dω
dk
. Demnach ist die Gruppengeschwindigkeit genau die Ableitung
der Frequenz nach der Wellenzahl:


vGruppe = (2.8.39)
dk
Diese Gruppengeschwindigkeit kann sich grundsätzlich von der Phasen-
geschwindigkeit unterscheiden. Die Phasengeschwindigkeit war:

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 206
KAPITEL 2. MECHANIK 2.8. WELLEN

vPhase

vGruppe

Abbildung 2.8.7: Gruppen- und Phasengeschwindigkeit.

ω
vP hase = (2.8.40)
k
Zwischen der Gruppen- und Phasengeschwindigkeit herrscht der Zusam-
menhang:
d dvP hase
vGruppe = (vP hase k) = vP hase + k (2.8.41)
dk dk
2π 2π
mit k = λ
und dk = − λ2 dλ ergibt sich:
dvP hase
vGruppe = vP hase − λ (2.8.42)

D.h. falls die Phasengeschwindigkeit sich mit der Wellenlänge ändert, so
unterscheiden sich Gruppen- und Phasengeschwindigkeit. Man spricht von
Dispersion (für lateinisch Abweichung). Diese Abhängigkeit der Phasenge-
schwindigkeit von der Wellenlänge tritt grundsätzlich bei Wellen in Medien
auf. Nur bei Lichtwellen im Vakuum tritt keine Dispersion auf, da hier die
Phasengeschwindigkeit immer die Lichtgeschwindigkeit ist.

Mehr-Dimensional
Die Überlagerung von Wellen gilt allerdings nicht nur im eindimensionalen.
Will man die räumliche Ausbreitung von Wellen beschreiben, läßt sich die
Richtung der Welle formal durch einen Wellenvektor darstellen, wie in Abb.
2.8.8 illustriert.
Wollen wir zum Beispiel die Amplitude einer Welle, die vom Koordina-
tenursprung in eine Richtung ~k ausgeht, an einem Ort ~r wissen, berechnet
sich die Phase aus:

207 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.8. WELLEN KAPITEL 2. MECHANIK

r ˜ cos D

&
k D &
r

Abbildung 2.8.8: Interpretation der Wellenzahl als Wellenvektor.

|k||r| cos α = ~k~r (2.8.43)

Betrachten wir jetzt zwei Quellen von denen ebene Wellen, die die gleiche
Frequenz besitzen aber unterschiedliche Ausbreitungsrichtungen ~k und Pha-
sen ϕ besitzen. Wir suchen die Amplitude am Ort ~r gemäß Abb. 2.8.9. Die
beiden Amplituden sind.

x1 = A1 cos(ωt − ~k1 r~1 − ϕ01 ) (2.8.44)


x2 = A2 cos(ωt − ~k2 r~2 − ϕ02 ) (2.8.45)

mit A1 und ϕ01 der Amplitude und Phase von Quelle 1 zum Zeitpunkt
t0 = 0. Bzw. mit A2 und ϕ02 der Amplitude und Phase von Quelle 2 zum
Zeitpunkt t0 = 0. Die Vektoren ~r1 und ~r2 verbinden die Quellen mit dem Ort
~r. Die Phasen ϕ01 und ϕ02 stellen einen räumlichen und zeitlichen Bezug der
beiden Quellen untereinander dar. Der Einfachheit halber beziehen wir beide
Quellen auf den Koordinatenursprung:

ϕ01 = ~k1 (~r − ~r1 ) (2.8.46)


ϕ02 = ~k2 (~r − ~r2 ) (2.8.47)

mit (~r − ~r1 ) dem Abstand der Quelle 1 vom Ursprung und (~r − ~r2 ) dem
Abstand der Quelle 2 vom Ursprung. Wir verwenden folgende Ersetzung

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 208
KAPITEL 2. MECHANIK 2.8. WELLEN

&
& r2
k1 & & &
r1 r k2

1 0 2
Abbildung 2.8.9: Überlagerung von zwei ebenen Wellen, die vom Ort 1
und 2 ausgehen. Der Koordinatenursprung sei 0.

ϕ1 = ~k1~r1 + ϕ01 (2.8.48)


ϕ2 = ~k1~r2 + ϕ02 (2.8.49)
und bekommen schließlich als Überlagerung der Wellen an einem Ort ~r
die Amplitude x:

x = x1 + x2 = A1 cos(ωt − ϕ1 ) + A2 cos(ωt − ϕ2 ) (2.8.50)


Die Intensität der Welle am Ort ~r ist proportional zur Amplitude zum
Quadrat, da gilt:
1
I ∝ Epot ∝ cx2 ∝ x2 (2.8.51)
2
In Gl. 2.8.50 eingesetzt ergibt sich:

I ∝ A21 cos2 (ωt − ϕ1 ) + A22 cos2 (ωt − ϕ2 )


+2A1 A2 cos (ωt − ϕ1 ) cos (ωt − ϕ2 ) (2.8.52)
Der letzte Term läßt sich mit Hilfe trigonometrischer Beziehungen um-
formen zu:

1 1
cos (ωt − ϕ1 ) cos (ωt − ϕ2 ) = cos (2ωt − (ϕ1 + ϕ2 )) + cos (ϕ2 − ϕ1 )
2 2
(2.8.53)

209 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.8. WELLEN KAPITEL 2. MECHANIK

Für die Bestimmung des Wellenmusters betrachten wir eine zeitliche Mit-
telung über eine Periode der Schwingung. Wir erhalten:

1
hcos2 (ωt − ϕ1 )i = (2.8.54)
2
hcos (2ωt − (ϕ1 + ϕ2 )i = 0 (2.8.55)
Somit ergibt sich die gemittelte Intensität hIi zu:
1¡ 2 ¢
A1 + A22 + A1 A2 cos(ϕ2 − ϕ1 )
hIi = (2.8.56)
2
mit dem Phasenunterschied ϕ2 − ϕ1 :

ϕ2 − ϕ1 = ~k2~r2 + ~k2 (~r − ~r2 ) − ~k1~r1 − ~k1 (~r − ~r1 ) (2.8.57)


Der ergibt sich zu:
³ ´
~ ~
ϕ2 − ϕ1 = ∆ϕ = k2 − k1 ~r (2.8.58)
Man bekommt schließlich den Ausdruck für die gemittelte Intensität hIi
am Ort ~r zu:

1¡ 2 ¢ ³³ ´ ´
hIi =A1 + A22 + A1 A2 cos ~k2 − ~k1 ~r (2.8.59)
2
Man erkennt, daß die Intensität nicht nur Terme gemäß A1 und A2 enthält
sondern auch gemischte Terme gemäß A1 A2 cos ∆ϕ. D.h. die Intensität am
Ort ~r hängt von dem Cosinus des Phasenunterschieds ∆ϕ ³ ab. Hat
´ man zum
Beispiel genau einen Phasenunterschied am Ort ~r von ~k2 − ~k1 ~r = π2 , so
ergibt der Cosinus -1 und man bekommt hIi = 0. Es tritt destruktive Inter-
ferenz auf. Im Fall eines Phasenunterschieds von 0 bzw. π (bzw. Vielfachen
davon), wird der Cosinus 1 und hIi = 2A (für A1 = A2 = A). Man spricht
von konstruktiver Interferenz.
Im Falle von Schallwellen kann man den Schalldruck sehr effektiv min-
dern indem man die Überlagerung von Wellen ausnutzt. Gelingt es einem
eine zweite Schallwelle zu überlagern, die genau um π/2 phasen verscho-
ben ist, so löschen sich Wellenberge und Wellentäler exakt aus und die
Lautstärke wird effizient verringert. Man spricht von Antischall. Für die
genaue Überlagerung von Schall und Antischall, kann man entweder eine
gegen-phasige Schallerzeugung am Ort der Lärmquelle realisieren, oder am
Ort des Empfängers entsprechend gegenphasig Antischall erzeugen. Dies ge-
schieht am besten innerhalb von Kopfhörern, wie sie zum Beispiel von Piloten
verwendet werden.

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 210
KAPITEL 2. MECHANIK 2.8. WELLEN

Allgemeine Formulierung der Überlagerung von Wellen


Bisher haben wir nur zwei Wellen der Form

x = a cos(ωt − ~k~r) (2.8.60)


überlagert. Zur Berechnung der Interferenzeffekte von einer größeren Zahl
von Wellen ist diese Formulierung allerdings nicht mehr günstig, da viele tri-
gonometrische Umformungen notwendig sind. Wie schon bei der Diskussion
der gedämpften Schwingungen ist eine Formulierung mit der komplexen e-
Funktion sehr viel leistungsfähiger. Wir benutzen als Ansatz für die Ampli-
tude einer Welle:
~
x = aei(ωt−k~r) (2.8.61)
Der Vorfaktor a kann wieder im allgemeinen Fall komplex sein. Die In-
tensität dieser Welle ist proportional zu dem Betragsquadrat der Amplitude:

I ∝ xx∗ (2.8.62)
Addiert man nun eine große Anzahl N von Wellen erhält man:
N
X ~
x= an ei(ωn t−kn~r−φn ) (2.8.63)
n

Hierbei wurden noch die unterschiedliche Phasenlage φn der Wellen zu-


einander berücksichtigt. In dieser Formulierung lassen sich sehr einfach ge-
meinsame Aspekte ausklammern wie zum Beispiel den Fall der Überlagerung
von Wellen gleicher Frequenz:
N
X N
X
~ ~
x= an ei(ω0 t−kn~r−φn ) = eiω0 t an ei(−kn~r−φn ) (2.8.64)
n n

Dieses Superpositionsprinzip kann auch kontinuierlich formuliert werden


und man bekommt:
Z ∞
x(t) = A(ω)ei(ωt−kz) dω (2.8.65)
0

Diese Abbildung läßt sich umkehren und das Frequenzspektrum A(ω)


bekommt man bei bekannter zeitlicher Entwicklung der Amplitude x(t) aus:
Z
1 ∞
A(ω) = x(t)ei(ωt−kz) dt (2.8.66)
π −∞

211 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.8. WELLEN KAPITEL 2. MECHANIK

Die Rechenvorschriften 2.8.65 und 2.8.66 bezeichnet man als Fourier-


Transformation. Insbesondere Gl 2.8.66 bezeichnet man als Frequenz-
analyse eines gegebenen Signals.

2.8.5 Beugung, Brechung und Reflexion von Wellen


Das Huygens’sche Prinzip
Wellen breiten sich räumlich aus und können sich entsprechend überlagern.
Dabei tritt konstruktive und destruktive Interferenz auf. Diese Ausbreitung
von Wellen in einem Medium mit gegebene äußeren Randbedingungen wie
Grenzflächen, Blenden etc. läßt sich sehr elegant ableiten, wenn man das
Huygens’sche Prinzip bemüht:

Jede Welle läßt sich als Überlagerung von Kugelwellen darstellen.

Dies soll im folgenden erläutert werden. Betrachten wir zunächst eine


Welle, die von einem Punkt ausgehen soll. Das Wellenbild das sich ergibt
ist eine Kugelwelle, wie in Abb. 2.8.10 illustriert. Die Intensität der Welle
ändert sich mit dem Abstand zur Quelle wie (siehe Gl. 2.8.33):

I ∝ vf (r)2 ω 2 ρ (2.8.67)

&
r

Abbildung 2.8.10: Eine Kugelwelle geht von einem Punkt radial aus.

wobei f (r) zunächst eine allgemeine Abhängigkeit der Amplitude vom


Abstand darstellen soll. Wegen der Energieerhaltung darf die Intensität in-
tegriert über die Oberfläche einer Kugel, die die Quelle im Abstand r um-
schließt, allerdings nicht ab- (für den Fall keiner Dämpfung) oder zunehmen.
D.h. wir müssen fordern, daß die Intensität Igesamt , die sich durch Integration
über alle Raumrichtungen (4πr2 ) ergibt, gegeben ist als:

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 212
KAPITEL 2. MECHANIK 2.8. WELLEN

Igesamt ∝ vf (r)2 4πr2 = const. (2.8.68)


Daraus folgt direkt, daß f (r) ∝ 1r . Somit bekommen wir als allgemeinen
Ansatz für eine Kugelwelle die Form:

A
x(r, t) = sin (ωt − kr) (2.8.69)
r
oder

A ı(ωt−kr)
x(r, t) = e (2.8.70)
r
Betrachten wir jetzt eine einfache ebene Welle auf der Basis des Huy-
gens’schen Prinzips. Auf einer Linie seien unendliche viele Punktquellen an-
geordnet, die alle in gleicher Phase und Frequenz Kugelwellen aussenden.
Aus Abb. 2.8.11 wird ersichtlich, daß sich an Orten parallel zu der Linie
der Punktquellen, Orte gleicher Phasen ergeben (gestrichelte Linien in Abb.
2.8.11). D.h. eine ebene Welle entsteht.

Beugung einer Welle


Betrachten wir noch einmal eine Welle, die allerdings aus einem räumlich
begrenzten Bereich emittiert wird. Dies kann zum Beispiel den Durchgang
einer ebenen Welle durch einen Spalt der Breite d sein. Dazu verteilen wir
zunächst N Punktquellen auf einer Strecke der Länge d, die bei gleicher Fre-
quenz und Phase Kugelwellen aussenden. Wir suchen die Amplitude x(α)
der Welle an einem Ort P, der gemäß der Abb. 2.8.12 im Abstand r unter
einem Winkel α zur Normalen der Ebene des Spaltes liegt. Bei der Superpo-
sition der N Punktquellen (Index n = 1..N ) ist insbesondere die Phase ∆ϕ
der Punktquellen untereinander wichtig. Nachdem d ¿ r gelten soll, ist der
Unterschied in den Entfernungen r1 bis rN (siehe Abb. 2.8.12) der einzelnen
Punktquellen sehr klein, so daß die Abhängigkeit der Kugelwellen gemäß 1/r
durch eine einzige Amplitude a (a = f (r)) gut genähert ist. Was allerdings
nicht vernachlässigt werden darf, ist die Phasenverschiebung ∆ϕn der ein-
zelnen Punktquellen untereinander. Wir bekommen somit für die Amplitude
x(α) einen allgemeinen Ansatz von:
N
X
x(α) = aeı(ωt−kr−∆ϕn ) (2.8.71)
n=1

Wenn wir zwei benachbarte Punktquellen im Abstand δ betrachten, be-


kommen wir einen Phasenunterschied gemäß Abb. 2.8.18 von:

213 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.8. WELLEN KAPITEL 2. MECHANIK

 


Ͳ 
 


Abbildung 2.8.11: Die Überlagerung von Punktquellen auf einer geraden


Linie, die mit gleicher Phasenlage und Frequenz eine Kugelwelle aussenden,
ergibt eine ebene Welle.

∆ϕ1 = k sin αδ (2.8.72)

D.h. wir können die Amplitude am Ort P schreiben als:

N
X
x(α) = ae−ınk sin αδ eı(ωt−kr) (2.8.73)
n=1
| {z }
=A

Der Faktor A beschreibt eine Summe von n = 1..N . Dies ist eine geome-
trische Reihe mit dem Grenzwert:

N
X
−ın∆ϕ e−ıN ∆ϕ − 1
e =
n=1
e−ı∆ϕ − 1

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 214
KAPITEL 2. MECHANIK 2.8. WELLEN

rN
P

D
G
˜˜
r1
D
D ˜
G
G sin D

Abbildung 2.8.12: Räumliche Überlagerung der Wellen von N Punktquel-


len mit einem Abstand δ zueinander an einem Ort P.

³ ´
−ı N ∆ϕ −ı N ∆ϕ ıN ∆ϕ
e 2 e −e2 2

= 1
³ 1 1
´
e−ı 2 ∆ϕ e−ı 2 ∆ϕ − eı 2 ∆ϕ
N
−ı N 2−1 ∆ϕ sin 2 ∆ϕ
= e (2.8.74)
sin ∆ ϕ2

Die Intensität am Ort P ist proportional zum Betragsquadrat der Ampli-


tude x. D.h. wir bilden x · x∗ und es ergibt sich schließlich:
¡
2 1
¢
2 sin 2
N δk sin α
I(α) ∝ a ¡ ¢ (2.8.75)
sin2 12 δk sin α
Für einen Spalt der Ausdehnung d können wir die Phase ∆φ definieren
zu:

∆φ = N δk sin α = dk sin α (2.8.76)


Damit bekommen wir schließlich:
¡ ¢
sin2 ∆φ
2
I(α) ∝ a ¡ 2 ¢
2 1 ∆φ
(2.8.77)
sin N 2
Nachdem N eine große Zahl ist, kann der Sinus im Nenner durch sein
Argument angenähert werden. Es ergibt sich dann ein Ausdruck gemäß:

215 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.8. WELLEN KAPITEL 2. MECHANIK

2
¡ ∆φ ¢
2 2 sin 2 sin2 x
I(α) ∝ a N ¡ ∆φ ¢2 ∝ (2.8.78)
x2
2

d
sin 2 x
x2

Abbildung 2.8.13: Die Beugung einer Welle an einem Spalt ergibt eine
2
Intensität proportional zu sinx2 x auf einem Schirm.

mit

∆φ 1 1 2π
x== dk sin α = d sin α (2.8.79)
2 2 2 λ
Aus Abb. 2.8.13 erkennt man, daß ein sog. Beugungsmuster entsteht.
Klassisches Beispiel für diesen Effekt sind Lichtwellen, die durch eine Blende
begrenzt werden, und ein Photopapier dahinter belichten. Die Breite des
entstehenden Beugungsmusters hängt empfindlich vom Verhältnis d/λ ab:

• d¿λ
Falls die Wellenlänge λ der ebenen Welle sehr viel größer als die Aus-
dehnung d der Blende ist, so bekommt man auch für große Werte von
α immer noch kleine Werte für x. D.h. gemäß Abb. 2.8.13 entsteht eine
große Intensität an Orten, die sich unter einem großen Winkel α befin-
den. D.h durch die Beugung können wir mit einer großen Wellenlänge
einen kleinen Spalt nicht scharf abbilden.

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 216
KAPITEL 2. MECHANIK 2.8. WELLEN

• dÀλ
Falls die Wellenlänge λ der ebenen Welle sehr viel kleiner als die Aus-
dehnung d der Blende ist, so bekommt man auch für große Werte von
α auch große Werte für x. Nachdem die Funktion sin2 x/x2 für große x
schnell abfällt wird die Intensität an Orten, die sich unter einem großen
Winkel α befinden, sehr klein. Nur für kleine Winkel α bekommt man
eine nennenswerte Intensität. D.h mit einer Wellenlänge die kleiner als
die Ausdehnung des Spaltes ist können wir diesen scharf abbilden.

Die Begrenzung der Abbildungseigenschaften durch die Beugung ist eine


fundamentale Grenze, die prinzipiell nicht unterboten werden kann. Allein
über Interferenz mehrerer Beugungsmuster von unterschiedlichen Blenden
untereinander kann man im begrenzten Umfang auch kleinere Strukturen
belichten. Dies ist derzeit ein drängendes Problem in der Herstellung von
Nanostrukturen in der Halbleiterindustrie. Die Schaltkreise auf einem Chip
haben Ausdehnungen im Bereich < 90 nm, wobei die Wellenlänge des Lichtes
zur Erzeugung der Strukturen typischerweise 193 nm ist. D.h. schon hier sind
ausgefeilte Techniken nötig, um die Beugungsbegrenzungen zu umgehen.

Reflexion einer Welle


Auf der Basis des Huygens’schen Prinzips lassen sich schließlich noch Refle-
xion und Brechung von Wellen an einer Grenzfläche zwischen zwei Medien
beschreiben. Betrachten wir zunächst wieder eine ebene Welle, die unter ei-
nem Einfallswinkel auf eine Grenzfläche fällt, wie in Abb. 2.8.14 illustriert.
Wenn die Welle an Punkt A ankommt beginnt dort die Ausbreitung einer
Kugelwelle. An Punkt B beginnt eine zweite Kugelwelle später, da die einfal-
lende Welle noch die Strecke DB überwinden muß. In dem Moment, in dem
die Kugelwelle in B beginnt hat die Kugelwelle, die von A ausging, schon
einen endlichen Radius erreicht. Die ausfallende ebene Welle läßt sich jetzt
durch die Überlagerung der Orte gleicher Phasen konstruieren. Dazu erzeugt
man eine Tangente an die Kugelwelle um A, die durch B geht. Es entsteht
ein Punkt E. Man erkennt, daß das Dreieck AEB gespiegelt zu dem Dreieck
ABD ist. Aus Abb. 2.8.14 läßt sich dann leicht ablesen, daß der Einfallswinkel
immer gleich dem Ausfallswinkel sein muß.

Brechung einer Welle


Betrachten wir jetzt den Übergang einer ebenen Welle zwischen zwei Medien
1 und 2. Diese Medien unterscheiden sich hinsichtlich der Phasengeschwindig-
keiten v1 und v2 . Zu einem bestimmten Zeitpunkt hat die einfallende Welle

217 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.8. WELLEN KAPITEL 2. MECHANIK

E
˜ ˜D
D
D
A B

Abbildung 2.8.14: Reflexion einer Welle an einer Grenzfläche.

die Punkte A und D in Abb. 2.8.15 erreicht. Danach beginnt ein Kugelwelle
sich über die Strecke AE im Medium 2 mit einer Geschwindigkeit v2 für einen
Zeitraum T auszubreiten. Um die Wellen gleicher Phasen zu überlagern, muß
in diesem Zeitraum T die Kugelwelle im Medium 1 die Strecke DB mit der
Geschwindigkeit v1 überwinden. D.h. es muß gelten:

v1
D
˜
D
D B
A E

E
˜ E v2

Abbildung 2.8.15: Brechung einer Welle an einer Grenzfläche.

AE = v2 T DB = v1 T (2.8.80)

Man erkennt sofort, daß die Strecken in folgendem Bezug zueinander ste-
hen.

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 218
KAPITEL 2. MECHANIK 2.8. WELLEN

AE v2
= (2.8.81)
AE v1
Wenn man mit α den Einfallswinkel zu Oberflächennormalen im Medi-
um 1 und mit β den Ausfallswinkel zur Oberflächennormalen im Medium 2
bezeichnet und mit d den Abstand der Punkte A und B, so gilt gemäß Abb.
2.8.15:

v2 T = sin βd v1 T = sin αd (2.8.82)


Dies läßt sich umschreiben und man erhält das Snellius’sche Bre-
chungsgesetz zu:

v1 sin β = v2 sin α (2.8.83)

2.8.6 Stehende Wellen


Im folgenden wollen wir die Reflexion einer einfachen Welle an einer Gren-
ze betrachten. Beispiel sei ein Seil, das an einem Ende an einer Wand be-
festigt sei. Eine Welle auf dem Seil läuft auf die Wand zu und wird von
dieser reflektiert (siehe Abb. 2.8.16). Dabei überlagert sich die hin- und die
zurücklaufende Welle.

x(z, t) = A cos(ωt + kz) +A cos(ωt − kz + ϕ) (2.8.84)


| {z } | {z }
hinlauf end ruecklauf end

Die Laufrichtung der Welle wird dabei durch das Vorzeichen der Wellen-
zahl k berücksichtigt. Der sog. Phasensprung ϕ hängt von den Reflexionsei-
genschaften am Ende ab. Dies läßt sich anschaulich wieder an der Seilwelle
verdeutlichen, wie in Abb. 2.8.17 illustriert: (i) bei einem festen Ende, schlägt
z.B. eine positive Amplitude nach der Reflexion in den negativen Wert um.
Vergleicht man die hin- und rücklaufende Welle an dem gleichen Ort z und
Zeit t, so muß die rücklaufende Welle um π verschoben werden. Dabei kehrt
sich das Vorzeichen der Amplitude um und ein Wellenberg wird zu einem Wel-
lental; (ii) bei einem freien Ende, bleibt das Vorzeichen der Amplitude nach
der Reflexion zunächst erhalten. Vergleicht man die hin- und rücklaufenden
Wellen an dem gleichen Ort z und Zeit t, so muß die Phase ϕ gleich Null
sein. Gl. 2.8.84 läßt sich zusammenfassen zu:
ϕ ϕ
x(z, t) = 2A cos(kz − ) cos(ωt + ) (2.8.85)
2 2

219 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.8. WELLEN KAPITEL 2. MECHANIK

Abbildung 2.8.16: Hin- und rücklaufende Welle.

Man erkennt wieder eine Welle der Form cos(ωt + ϕ2 ). Allerdings wird die
Amplitude dieser Welle räumlich moduliert, wobei der Ausdruck cos(kz − ϕ2 )
nicht von der Zeit abhängt! D.h. es entstehen an definierten Abständen Orte
an denen die Amplitude immer Null ist. Diese bezeichnet man als Wellenk-
noten. Diese Orte liegen an:

λ
z=
[(2n + 1)π + ϕ] (2.8.86)

mit n einer natürlichen Zahl. Bei einer Variation der Wellenlänge ändern
sich kontinuierlich die Orte der Wellenknoten. Der erste Wellenknoten ist
dabei zum Beispiel immer die Einspannung dieses Seils an der Wand.
Wird dieses Seil allerdings an beiden Enden im Abstand L eingespannt,
so muß an beiden Orten z = 0 und z = L gleichzeitig ein Wellenknoten sein,
wie in Abb. 2.8.18 illustriert ist.
Mit diesen Randbedingungen bei z = 0 und z = L können jetzt aller-
dings nicht mehr beliebigen Frequenzen oder Wellenlängen angeregt werden.
Die zulässigen Wellenlängen bzw. zulässigen Frequenzen bezeichnet man als
Eigenfrequenzen des Systems. Es kann mit großer Amplitude schwingen,
wie in Abb. 2.8.18 illustriert ist. Als mögliche Wellenlängen bekommt man
bei beidseitig offenen Enden λ = 2L n
mit n einer natürlichen Zahl; bei einem
festen und einem offenen Ende λ = 4L n
mit n = 1, 3, 5... einer natürlichen

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 220
KAPITEL 2. MECHANIK 2.8. WELLEN

M S

M 0

Abbildung 2.8.17: Reflexion einer Welle an einem festen und einem offenen
Ende.

Abbildung 2.8.18: Stehende Welle.

2L
Zahl; bei beidseitig festen Enden λ = n
mit n einer natürlichen Zahl.

Alle Wellen in einem definierten System lassen sich darstellen als


Überlagerung von einzelnen Eigenfrequenzen oder Moden, den sog. Harmo-
nischen. Betrachten wir den Fall einer Saite einer Geige oder eines Klaviers.
Hier bestimmt die Spannung der Saite, die Frequenz der Grundmoden. Die
Tonhöhe der oberen Harmonischen sind jeweils Vielfache dieser Frequenz.
Beim mechanischen Anschlagen einer Saite schwingt diese nicht nur auf der
Grundmode, sondern auch auf den Harmonischen, da das System aus Sai-
te, Befestigungspunkt und Resonanzkörper gleichzeitig angeregt wird. Dies
macht die Klangfarbe eines Instrumentes aus.

221 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.8. WELLEN KAPITEL 2. MECHANIK

offene Enden ein offenes Enden feste Enden

n 1 n 1 n 1

O 2L O 4L O 2L

n 2 n 2 n 2
4
O L O L O L
3

n 3 n 3 n 3

2 4 2
O L O L O L
3 5 3

Abbildung 2.8.19: Je nach Randbedingungen ergeben sich unterschiedli-


che Schwingungsmoden.

2.8.7 Wellen bei bewegten Quellen


Quelle bewegt sich, Beobachter ruht
Wir wollen den Fall betrachten, daß eine Quelle Q sich auf einen ruhenden
Beobachter B zu bewegt. Die Frequenz der Quelle f0 ist mit der Phasenge-
schwindigkeit vphase und der Wellenlänge λ0 verknüpft wie:
vP hase
f0 = (2.8.87)
λ0
Die Frequenz f , die der Beobachter wahrnimmt hängt allerdings von der
Wellenlänge λ ab, wie sie ihm erscheint:
vP hase
f= (2.8.88)
λ
Bei einer sich bewegenden Quelle (Geschwindigkeit vQuelle ) werden Wel-
len mit konstanter Phasengeschwindigkeit ausgesandt, nur die Wellenberge
können enger bzw. weiter auseinander liegen, da aufeinander folgende Wel-
lenberge an unterschiedlichen Orten ausgesandt werden. D.h. innerhalb einer

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 222
KAPITEL 2. MECHANIK 2.8. WELLEN

'z

O0 O
Q B Q B z

vQuelle 0 vQuelle ! 0

Abbildung 2.8.20: Ausbreitung von Wellen ausgehend von einer ruhenden


und einer bewegten Quelle.

Periode T bzw. 1/f0 hat sich die Quelle schon um ein Wegstück δz weiter
bewegt:
vQuelle
δz = (2.8.89)
f0

• Quelle bewegt sich auf den Beobachter zu


Bewegt sich die Quelle mit der Geschwindigkeit vQuelle auf einen Be-
obachter zu, so verkürzt sich der Abstand der Wellenberge zueinander,
wie in Abb. 2.8.12 illustriert ist, zu:

vQuelle
λ = λ0 − (2.8.90)
f0

Setzen wir Gl. 2.8.87 in 2.8.88 ein, ergibt sich die Frequenz, die ein
Beobachter wahrnimmt zu:

vP hase
f = f0 (2.8.91)
vP hase − vQuelle

bzw.:

1
f = f0 vQuelle (2.8.92)
1− vP hase

223 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.8. WELLEN KAPITEL 2. MECHANIK

1
Der Ausdruck v ist größer als 1 und die wahr genommene Fre-
1− vQuelle
P hase
quenz am Ort des Beobachters ist höher. Dies bezeichnet man als
Dopplereffekt.

• Quelle entfernt sich vom Beobachter


Bewegt sich die Quelle mit der Geschwindigkeit vQuelle vom Beobachter
weg, so vergrößert sich der Abstand der Wellenberge zueinander:

vQuelle
λ = λ0 + (2.8.93)
f0

In Analogie zu obiger Ableitung nimmt der Beobachter dann folgende


Frequenz wahr:

1
f = f0 vQuelle (2.8.94)
1+ vP hase

1
Der Ausdruck v ist kleiner 1 und die wahr genommene Frequenz
1+ vQuelle
P hase
am Ort des Beobachters ist kleiner als die der ruhenden Quelle.

Quelle ruht, Beobachter bewegt sich


Wir wollen jetzt den Fall betrachten, daß die Quelle Q ruht und sich der
Beobachter B mit vB auf die Quelle zu bewegt. Der Beobachter nimmt dabei
eine andere Frequenz war, da er häufiger auf Wellenberge trifft. D.h. im
Bezugssystem des Beobachter gilt die Wellenlänge λ und die Frequenz f . Im
Bezugssystem der ruhenden Quelle gilt die Wellenlänge λ0 und die Frequenz
f0 . Damit verkürzt sich die Wellenlänge um:

1
λ = λ0 − vB (2.8.95)
f
Wie benutzen wieder Gls. 2.8.87 und 2.8.88 und erhalten:
µ ¶
vB
f = f0 1 + (2.8.96)
vP hase
³ ´
Der Ausdruck 1 + vPvhaseB
ist größer 1 und die wahr genommene Fre-
quenz am Ort des Beobachters ist höher. Bei anderer Bewegungsrichtung
dreht sich jeweils das Vorzeichen um.

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 224
KAPITEL 2. MECHANIK 2.8. WELLEN

Auf den ersten Blick erscheint es verwunderlich, dass bei der Bewegung
des Beobachters und der Bewegung der Quelle zwei unterschiedliche Aus-
drücke 2.8.92 und 2.8.96 resultieren. Dieser Widerspruch löst sich auf, wenn
man den Spezialfall betrachtet, dass die Geschwindigkeiten des Beobachters
vB bzw. der Quelle vQuelle gleich der Phasengeschwindigkeit vP hase werden.
Bei bewegter Quelle ergibt sich eine Frequenz unendlich.

1
f = f0 vP hase →∞ (2.8.97)
1− vP hase

D.h. die Wellenberge haben keine Möglichkeit sich von der Quelle zu
entfernen und die Wellenberge überlagern sich direkt. Dies entspricht der
Schallmauer.
Bei bewegtem Beobachter läuft der Betrachter mit derselben Geschwin-
digkeit der Welle entgegen, wie diese auf ihn zu läuft. D.h. sie treffen sich in
der Mitte und er nimmt somit einfach nur die doppelte Frequenz war:
µ ¶
vP hase
f = f0 1 + = 2f0 (2.8.98)
vP hase

Quelle und Beobachter bewegen sich

Abschließend betrachten wir den Fall, daß sich Quelle Q und Beobachter B
aufeinander zu bewegen. In Analogie zu der obigen Beschreibung bekommen
wir eine Änderung der wahrgenommenen Wellenlänge von

1 1
λ = λ 0 − vB − vQuelle (2.8.99)
f f0
Hier gilt im Bezugssystem des Beobachter die Frequenz f , während gleich-
zeitig im Bezugssystem der Quelle die Frequenz f0 vorliegt. Mit

vP hase vP hase
λ= ; λ0 = (2.8.100)
f f0
bekommen wir schließlich aus Gl. 2.8.99:

vP hase + vB
f = f0 (2.8.101)
vP hase − vQuelle

Bei anderer Bewegungsrichtung von Quelle oder Beobachter dreht sich


jeweils das Vorzeichen um.

225 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
2.8. WELLEN KAPITEL 2. MECHANIK

Stoßfront

vQuelle ˜ T

x x x
vPhase ˜ T

x
D

vQuelle vPhase vQuelle ! vPhase

Abbildung 2.8.21: Ausbildung einer Stoßfront bei einer Bewegung der


Quelle mit einer Geschwindigkeit größer als die Phasengeschwindigkeit in
dem Medium.

Quellengeschwindigkeit ist größer als die Phasengeschwindigkeit


Was passiert, wenn die Phasengeschwindigkeit der Welle gleich der Geschwin-
digkeit der Quelle ist? In Fahrtrichtung gesehen wird der Abstand der Wel-
lenberge unendlich klein, bzw. die Frequenz unendlich hoch. Es entsteht eine
sog. Stoßfront. Im Falle von Schallwellen bezeichnet man diesen Punkt als
Schallmauer. Die starken Luftdruckschwankungen führen zu einer drastischen
Änderung der Temperatur der Luft, was als Tröpfchenbildung sichtbar wird
(siehe Abb. 2.8.22). Zudem ist ein Knall hörbar. In Abb. 2.8.21 ist der Aus-
breitungskegel dieser Stoßfront dargestellt. Der Öffnungswinkel α berechnet
sich aus:

vP hase
sin α = (2.8.102)
vQuelle

Eine Überschallgeschwindigkeit wird auch durch die Machzahl M aus-


gedrückt als dem Verhältnis zwischen Quellengeschwindigkeit und Phasenge-
schwindigkeit des Schalls in dem Medium.
vQuelle
M= (2.8.103)
vP hase

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 226
KAPITEL 2. MECHANIK 2.8. WELLEN

Abbildung 2.8.22: Durchbruch eines Flugzeugs durch die Schallmauer.

227 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
Kapitel 3

Wärmelehre

Bislang hatten wir die Energie von Teilchen aus dem Energiesatz der Mecha-
nik abgeleitet. Betrachtet man sehr große Systeme zum Beispiel die Ener-
gie von Gasteilchen in einem gegebenen Volumen wird diese Einzelteilchen-
betrachtung sehr umständlich. Man benötigt daher Konzepte zur Beschrei-
bung von Vielteilchensystemen. Dies leistet die Wärmelehre in der Systeme
mit makroskopischen Variablen wie Temperatur, Druck, innere Energie und
Entropie beschrieben werden. Dies wird im folgenden erläutert.

3.1 Kinetische Gastheorie


3.1.1 Mikroskopische Definition der Temperatur
Die wichtigste Kenngröße um den Energieinhalt in einem Medium zu cha-
rakterisieren ist die Temperatur. Für ein Gas läßt sich diese Größe aus dem
mikroskopischen Bild sich bewegender Gasatome ableiten. Hierfür betrachten
wir zunächst ein ideales Gas, daß wie folgt definiert ist:

• Gasmoleküle als punktförmige Teilchen

• keine Wechselwirkung der Teilchen untereinander

Betrachten wir dazu einen gas-gefüllten Behälter bei dem die Gasteilchen
mit den Wänden stoßen, wie in Abb. 3.1.1 illustriert ist. Wird ein Teilchen
an einer Wand reflektiert, so übt es eine Kraft F auf, die einem Druck p
entspricht:

F 1 ∆p0
p= = (3.1.1)
A A ∆t

228
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.1. KINETISCHE GASTHEORIE

Mit ∆p0 der Änderung des Impulses bei dieser Reflexion. Diese Im-
pulsänderung beim Stoß geschieht nur in Richtung normal zur Oberfläche
(hier die x-Richtung). Vor dem Stoß ist der x-Anteil am Impuls +mvx . Bei
der Wand nehmen wir an, daß das Massenverhältnis sehr groß ist, so daß sich
der Impuls aber nicht die Energie des Teilchens beim Stoß ändert. Demnach
ist der x-Anteil des Impulses nach em elastischen Stoß −mvx . Damit wird
die Gesamtänderung des Impuls ∆p0x zu:

∆p0x = mvx − (−mvx ) = 2m|vx | (3.1.2)

'x

Abbildung 3.1.1: Impulsübertrag eines Gasteilchen auf die Wand eines


Gefäßes.

Diese Beziehung betrachtet zunächst nur ein einzelnes Teilchen. Der Ge-
samtdruck p wird jedoch durch die Überlagerung der elastischen Stöße aller
N Teilchen in dem Behälter erzeugt. In dem Zeitintervall ∆t treffen nur
Teilchen innerhalb eines Volumens der Ausdehnung ∆x auf die Wand :
N
A∆x (3.1.3)
V
Der Druck den alle Teilchen ausüben wird somit:
1N 1 1
p= A∆x 2m|vx | (3.1.4)
AV ∆t 2
Der Faktor 1/2 am Ende berücksichtigt, daß nur Teilchen, die in positiver
x-Richtung fliegen, die Wand erreichen können. Mit ∆x/∆t = vx bekommt
man schließlich:

pV = N mvx2 (3.1.5)
Für diese Betrachtung war nur die Geschwindigkeit des Gases in eine
Richtung (hier die x-Richtung) maßgeblich. In einem Behälter mit N Teil-
chen kann jedes Teilchen jedoch eine andere Geschwindigkeit haben. Für die

229 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.1. KINETISCHE GASTHEORIE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

Ableitung des Druckes p wollen wir deshalb jetzt nur noch mit dem Mit-
telwert der Geschwindigkeit hvi bzw. dem Mittelwert dessen Quadrats hv 2 i
argumentieren. Dieser Mittelwert setzt sich aus drei Komponenten zusam-
men:

hv 2 i = hvx2 i + hvy2 i + hvz2 i (3.1.6)


Nachdem die Bewegungsrichtungen der Gasmoleküle isotrop im Raum
verteilt sind, muß gelten hvx2 i = hvy2 i = hvz2 i und damit hvx2 i = 13 hv 2 i. Man
bekommt schließlich:
1
pV = N mhv 2 i (3.1.7)
3
Dies läßt sich erweitern zu:
2 1
pV = N mhv 2 i (3.1.8)
3 2
| {z }
kin. Energie

Man erkennt, daß der Druck in einem Gasvolumen von der mittleren kine-
tischen Energie des Gases abhängt. Per Definition ist diese mittlere kinetische
Energie proportional zu einer neuen Größe, der Temperatur.

1 3
Ekin = mv 2 = kB T (3.1.9)
2 2
Die Maßeinheit der Temperatur sind Kelvin K. Die Proportiona-
litätskonstante bezeichnet man als Boltzmannkonstante:

kB = 1.38054 · 10−23 JK −1 (3.1.10)


Die Verknüpfung des mikroskopischen Bildes sich bewegender Gasmo-
leküle mit den makroskopischen Größen wie Druck und Temperatur bezeich-
net man als kinetische Gastheorie. Mit dieser mikroskopischen Interpreta-
tion der Temperatur läßt sich auch eine Verknüpfung zwischen Geschwindig-
keit der Gasmoleküle und der Temperatur des Gases herstellen. So bekommt
man für die mittlere Geschwindigkeit eines H2 Moleküls bei 300 K einen Wert
von ca. 2000 ms−1 .
Damit läßt sich das Boyle-Mariott’sche Gesetz (pV = const.) neu schrei-
ben als:

pV = N kB T (3.1.11)
Dies bezeichnet man als allgemeine Gasgleichung.

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 230
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.1. KINETISCHE GASTHEORIE

3.1.2 Verteilungsfunktionen
In dem Zusammenhang zwischen Druck, Temperatur und der kinetischen
Energie der Teilchen in einem gas-gefüllten Behälter haben wir den Vielteil-
chenaspekt des Problems durch die Einführung einer gemittelten Größe (hv 2 i)
berücksichtigt. D.h. die Angabe einer Temperatur setzte notwendigerweise ir-
gendeine Mittelung voraus! Wie würde man jedoch das Vielteilchenproblem
jetzt explizit genauer behandeln?
Die exakte Verteilung der Energie und Geschwindigkeiten auf die Teilchen
in einem Gasvolumen wir durch eine sog. Verteilungsfunktion angegeben:

f (~r, ~v ) (3.1.12)

Sie beschreibt die Wahrscheinlichkeit in einem Geschwindigkeitsintervall


[~v , ~v +d~v ] und Volumenelement [~r, ~r +d~r] ein Teilchen vorzufinden. Diese Ver-
teilungsfunktion wird konstruiert indem man alle Teilchen in dem Volumen
bezüglich ihres Ortes und ihrer Geschwindigkeit in die Geschwindigkeitsin-
tervalle im sog. Geschwindigkeitsraum und in die Ortsintervalle R∞ im Ortsraum
einsortiert. Da f eine Wahrscheinlichkeit ist, muß gelten −∞ f (~v , ~r)d~v d~r = 1.
Auf der Basis der Kenntnis der Verteilungsfunktion läßt sich jetzt eine
gemittelte Größen hai (z.B. mittlere kinetische Energie a = 12 mv 2 ) für einen
bestimmten Ort ~r sehr einfach bestimmen mit der Vorschrift:
Z
ha(~r)i = af (~v , ~r)d~v (3.1.13)

D.h. die Information über die kinetische Energie in einem gas-gefüllten


Behälter ist jetzt nicht mit einer einzigen Größe hv 2 i gegeben, sondern durch
eine ganzen Funktion f (~r, ~v ) definiert. Aus dieser Funktion läßt sich nach
obiger Vorschrift immer eine mittlere Geschwindigkeit gewinnen. Umgekehrt
ist dies allerdings nicht möglich: nur auf der Basis der Kenntnis der mittle-
ren Geschwindigkeit läßt sich keine Aussage machen über die Verteilung der
Geschwindigkeiten im Geschwindigkeitsraum. Somit ist die Beschreibung des
gas-gefüllten Behälters mit Verteilungsfunktionen viel leistungsfähiger als die
mit gemittelten Größen wie Druck und Temperatur.
Mikroskopische Prozesse, die in einem Gas stattfinden, wie zum Beispiel
Stöße der Teilchen untereinander oder die Einkopplung von Energie von aus-
sen bestimmen die Form dieser Verteilungsfunktion im Geschwindigkeits-
raum. Schüttelt man zum Beispiel einen gas-gefüllten Behälter so nehmen
die Teilchen Energie durch Stöße mit der sich bewegenden Wand auf. Dies
führt zu einer Änderung der Verteilungsfunktion und damit erhöht sich auch
die Temperatur des Behälters entsprechend obiger Mittelungsvorschrift.

231 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.1. KINETISCHE GASTHEORIE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

Elastische Stöße der Teilchen untereinander können allerdings auch die


Verteilungsfunktion ändern, da Teilchen Energie und Impuls bei Stoßpro-
zessen austauschen. Betrachten wir wieder den gas-gefüllten Behälter, den
wir geschüttelt hatten. Für lange Zeiten nach dieser Energiezufuhr stellt sich
wieder eine sehr charakteristische Verteilungsfunktion ein. Betrachtet man
die Wahrscheinlichkeit für die Geschwindigkeit in eine bestimmte Richtung
x, so bekommt man:
µ ¶1/2 2
m −
1/2mvx
f (vx ) = e kB T
(3.1.14)
2πkB T

f (v x )

T 

T !!

vx

Abbildung 3.1.2: Maxwell-Boltzmann-Geschwindigkeitsverteilung f (vx ).

Dies ist ein herausragendes Ergebnis der kinetischen Gastheorie. Diese


Verteilung bezeichnet man als Maxwell-Boltzmann-Verteilung.1
Elastische Stöße führen immer zu dieser Form der Geschwindigkeitsver-
teilung, die durch die Angabe einer Temperatur T eindeutig charakterisiert
ist. Abb. 3.1.2 zeigt zwei Verteilungen für unterschiedliche Temperaturen.
Hat man zum Beispiel ein Gas, in das von außen Energie zugeführt wird, so
beobachtet man nach hinlänglicher Zeit, daß sich diese Form der Verteilung
einstellt; das Gas thermalisiert. Betrachtet man die Geschwindigkeiten im
dreidimensionalen, so bekommt man:
µ ¶3/2
m −
1/2mv 2
f (vx , vy , vz ) = e kB T
(3.1.15)
2πkB T
R∞ R∞ R∞
mit −∞ −∞ −∞ f (vx , vy , vz )dvx dvy dvz = 1. Oftmals ist nur der Betrag
der Geschwindigkeit |v| von Interesse. Diesen erhält man über Integration
über alle Raumrichtungen im Geschwindigkeitsraum 4πv 2
1
Die genaue Ableitung dieser Verteilungsfunktion wird hier nicht weiter erläutert. Eine
genaue Ableitung erfolgt prinzipiell über den Stoßterm der Boltzmanngleichung unter der
Vorgabe elastischer Stöße.

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 232
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.1. KINETISCHE GASTHEORIE

µ ¶3/2
4 m −
1/2mv 2
f (|v|) = √ v2e kB T
(3.1.16)
π 2kB T
Diese Auftragung der Maxwell-Boltzmann-Verteilung ist in Abb. 3.1.3
gezeigt.

f (v)

2kT
m

v v2

vmax v

Abbildung 3.1.3: Maxwell-Boltzmann-Geschwindigkeitsverteilung für den


Betrag der Geschwindigkeit f (|v|).

Die mittlere Geschwindigkeit hvi ergibt sich zu:

Z ∞
hvi = vf (v)d~v (3.1.17)
0
Z ∞ µ ¶3/2
2 m −
1/2mv 2
= 4πv v e kB T
dv (3.1.18)
0 2πkB T
r
8kB T
= (3.1.19)
πm
Im mikroskopischen Bild der kinetische Gastheorie bezeichnet die Tempe-
ratur denjenigen Zustand in dem durch unendliche viele Stöße ein Gleichge-
wicht erreicht wurde. Ein makroskopisches Analogon ist das Zusammenfügen
von zwei Körpern unterschiedlicher Temperatur. Es stellt sich ein Gleichge-
wicht ein, bei dem sich eine mittlere gleichförmige Temperatur einstellt, wie
in Abb. 3.1.4 illustriert. Dies bezeichnet man als 0-ten Hauptsatz der
Wärmelehre.
Die kinetische Gastheorie und die Thermodynamik standen lange als
unvereinbare Theorien gegenüber. Insbesondere Ludwig Boltzmann als Be-
gründer der kinetischen Gastheorie konnte sich mit der thermodynamischen
Beschreibung von Systemen mittels Energie, Entropie etc. nie anfreunden.
Erst Anfang des 20-ten Jahrhunderts gelang es beide Beschreibungen mit

233 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.1. KINETISCHE GASTHEORIE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

T1 T2

A B

A B

Abbildung 3.1.4: Fügt man zwei Körper A und B unterschiedlicher Tem-


peratur T1 und T2 zusammen, so stellt sich eine einheitliche Temperatur T
ein.

Methoden der klassischen Statistik und der Quantenstatistik zu verknüpfen.


Allerdings hatte Ludwig Boltzmann den Erfolg seiner Theorie nicht mehr
erlebt und er schreibt etwas verbittert im Vorwort seines Buches Gastheorie
1898:

Es wäre daher meines Erachtens ein Schaden für die Wissen-


schaft, wenn die Gastheorie durch die augenblicklich herrschende,
ihr feindselige Stimung zeitweilig in Vergessenheit geriete... Wie
ohnmächtig der Einzelne gegen Zeitströmungen bleibt ist mir be-
wusst. Um aber doch, was in meinen Kräften steht, dazu beizu-
tragen, dass, wenn man wieder zur Gastheorie zurückgreift, nicht
allzuviel noch einmal entdeckt werden muss, nahm ich das vor-
liegende Buch nun auch die schwierigsten, dem Missverständnis
am meisten ausgesetzten Teile der Gastheorie auf.

3.1.3 Temperatureinheiten und ihre Messung


Die Temperatur kann in unterschiedlichen Einheiten gemessen werden. Man
kann drei Skalen unterscheiden:

• Celsius
Die gebräuchlichste Einheit ist die Celsius-Skala, die durch den Gefrier-
punkt (0◦ C) und den Siedepunkt (100◦ C) von Wasser bei Normaldruck
definiert ist.

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 234
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.1. KINETISCHE GASTHEORIE

• Fahrenheit
Die Fahrenheit-Skala ist im Englisch-sprachigen Raum üblich. Ihr
Nullpunkt ist als Schmelzpunkt einer Eis-Wasser-Aluminiumchlorid-
Mischung definiert, der Punkt für 100◦ F sollte ursprünglich durch die
Körpertemperatur festgelegt sein. 100 ◦ entsprechen allerdings 37.7 ◦
C.
Die Temperatur in Celsius Tc läßt sich aus der Temperatur Fahrenheit
TF berechnen nach:

5
Tc = (TF [◦ F ] − 32) [◦ C] (3.1.20)
9
• Kelvin
Die Kelvin-Skala entspricht einer absoluten Temperatur-Skala. Gemäß
der allgemeinen Gasgleichung ist der Fall ”kinetische Energie gleich
Null”definiert. Nachdem es keine negativen Energien geben kann, wird
dieser Punkt als T=0 K definiert. Der Nullpunkt der Celsius-Skala
entspricht dann 273.15 K.

Die Messung von Temperaturen kann auf vielerlei Weise erfolgen. Im we-
sentlichen wird dabei die Änderung der Eigenschaften eines Festkörpers oder
Gases in Abhängigkeit von der Temperatur betrachtet.

E pot
T

x0 R

Abbildung 3.1.5: Änderung des Gleichgewichtsabstandes mit der Tempe-


ratur eines Festkörpers.

Bei endlicher Temperatur schwingen die Atome eines Festkörpers um ihre


Ruhelage. In erster Näherung ist das bindenden Potential parabel-förmig um
das Minimum. D.h. der Mittelwert der Atomabstände ändert sich nicht, auch
wenn die kinetische Energie, sprich die Temperatur, erhöht wird. Allerdings

235 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.1. KINETISCHE GASTHEORIE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

ist dies nur eine Näherung. Bei großen Schwingungsamplituden wird die Ab-
weichung des Potentials von der Parabelform sichtbar. Der Mittelwert der
Atomabstände vergrößert sich. Für den makroskopischen Festkörper bedeu-
tet diese eine Ausdehnung. Die Ausdehnung selbst ist von der Form dieses
Potentials abhängig und damit für jeden Festkörper anders.
Die Längenänderung läßt sich schreiben als:

L(Tc ) = L(0)(1 + αTc ) (3.1.21)


α bezeichnet man als Ausdehnungskoeffizienten.Der Index c der Tem-
peratur Tc bezieht sich auf die Celsius-Skala. Durch die Messung einer tem-
peraturabhängigen Längenänderung hat man automatisch eine Temperatur-
Messmethode geschaffen. Bekanntestes Beispiel ist das Quecksilberthermo-
meter bei dem die Ausdehnung von Quecksilber bestimmt wird.
Auch die Ausdehnung von Gasen kann als Maß für die Temperatur ver-
wendet werden. Je nachdem ob man die Ausdehnung bei konstantem Druck
oder die Druckerhöhung bei konstantem Volumen betrachtet, läßt sich dies
eindeutig mit einer Temperatur verknüpfen.

V (Tc ) = V0 (1 + γv Tc ) (3.1.22)

p(Tc ) = p0 (1 + γp Tc ) (3.1.23)
Die Temperaturskala wird durch fundamentale temperatur-abhängige Ei-
genschaften von Materialien geeicht. Hierbei wird oftmals der sog. Tripel-
punkt gewählt. Wählt man eine bestimmte Kombination von Druck und
Temperatur so ist am Tripelpunkt die Koexistenz von den drei Phasen fest,
flüssig und gasförmig eines Materials möglich.

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 236
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.2. WÄRME

3.2 Wärme
3.2.1 Wärmemenge
Bei Zufuhr von Energie in ein Medium erhöht sich dessen Temperatur um
einen Betrag ∆T . Die Energiemenge, die diese Temperaturerhöhung bewirkt
bezeichnet man als Wärme oder Wärmemenge ∆Q. Wärme- und Tempe-
raturänderung sind per Definition verknüpft wie:

∆Q = cM ∆T (3.2.1)
Die quantitative Temperaturerhöhung bei vorgegebener Energiezufuhr
und Masse des Körpers hängt von einer Proportionalitätskonstante c ab.
Diese bezeichnet man als spezifische Wärme. Bei Medien mit hoher spe-
zifischer Wärme führt eine hohe Energiezufuhr nur zu einer kleinen Tempe-
raturerhöhung. D.h. diese Medien können Energie gut speichern.
Die Maßeinheit für die Wärmemenge ist die Kalorie. Eine Kalorie ist da-
bei definiert als diejenige Energiemenge, die nötig ist, um ein Gramm Was-
ser von 14.5 ◦ C auf 15.5 ◦ C zu erwärmen (1 Kilokalorie entsprechen der
Erwärmung von 1 kg Wasser). Wie groß ist allerdings die Energie in J die
dafür notwendig ist. Dies läßt sich wie folgt bestimmen.

• Umwandlung von Arbeit in Wärme


Betrachten wir dazu ein Gewicht in einem Wasserbecken, das über ein
Seil an einer Feder aufgehängt wird. Dieses Seil läuft über eine Kupfer-
Rolle. Dreht man diese Rolle, so übt sie eine Reibungskraft FR auf das
Seil aus und hebt das Gewicht an. Ist die Reibungskraft so groß, daß
das Gewicht in der Schwebe gehalten wird, so ist die Reibungskraft
gleich der Gewichtskraft FR = mg. Dabei wird die gegen die Reibung
geleistete Arbeit komplett in Wärme umgewandelt. Die Arbeit bei N
Umdrehungen ist ∆W = FR · Weg. Damit wird die Wärmemenge ∆Q1
zu:

∆W = mg 2πrN
| {z } = ∆Q1 (3.2.2)
W eg

mit r dem Radius der Rolle. Diese Wärmemenge führt zu einer Tempe-
raturerhöhung des Systems, die gegeben ist aus der spezifischen Wärme
der Kupfer-Rolle cCu und des umgebenden Wassers cW .

∆Q1 = (cW MW + cCu MCu ) ∆T1 (3.2.3)

237 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.2. WÄRME KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

FR
'T2
FG

'T1 &
mg

Abbildung 3.2.1: Umwandlung von mechanischer Arbeit in Wärme.

In einem zweiten Versuch messen wir allein die Temperaturerhöhung


∆T2 der Kupfer-Rolle ohne das umgebenden Wasser und wir erhalten:

∆Q2 = ∆W = cCu MCu ∆T2 (3.2.4)

Die Wärmemenge, die nur vom Wasser aufgenommen wird ist demnach:
µ ¶
∆T1
∆Q = cW MW ∆T1 = 1− ∆W (3.2.5)
∆T2
Jetzt drehen wir die Rolle N Umdrehungen bis sich die Temperatur
um 1 Grad erhöht hat. Mit bekannter spezifischer Wärme von Wasser
und bekannter Masse des Wassers läßt sich aus der zugeführten Energie
dann die Umrechnung von Kalorie in Joule durchführen. Man bekommt
den Zusammenhang: 1 cal = 4.1868 J.

• Mischungskalorimeter
Falls die spezifische Wärme einer Substanz unbekannt ist, kann man sie
über einen Wärmeübertrag bestimmen. Hierzu verwendet man ein Mi-
schungskalorimeter (siehe Abb. 3.2.2): betrachten wir einen wasser-
gefüllten thermisch isolierten Behälter (Dewar). Erwärmen wir einen
Körper auf die Temperatur T2 und setzen wir ihn in ein Wasserbecken
der Temperatur T1 , so stellt sich eine Mischtemperatur TM ein. Die-
se Mischtemperatur hängt vom Wärmeausgleich zwischen Körper und
Wasser ab. Die abgegebene Wärmemenge des Körpers muß gleich der
aufgenommen Wärmemenge des Wassers sein:

∆QK = −∆QW (3.2.6)

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 238
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.2. WÄRME

T1 , cw , H w ck , M k ,T2

Abbildung 3.2.2: Mischungskalorimeter.

Die transportierten Wärmemengen sind proportional zur jeweiligen


Temperaturänderung:

cK MK (TM − T2 ) = −cW MW (TM − T1 ) (3.2.7)

Dies läßt sich nach der spezifischen Wärme des Körpers auflösen zu:

MW cW (TM − T1 )
cK = (3.2.8)
MK (T2 − TM )

3.2.2 Die spezifische Wärmekapazität


Die spezifische Wärme läßt sich auch auf eine bestimmte Stoffmenge bezie-
hen. Betrachten wir dazu eine Teilchenmenge von einem Mol:

NA = 1Mol = 6.022 · 1023 Teilchen (3.2.9)


NA bezeichnet man als Avogadro-Konstante. Die Avogadro-Konstante
ist so gewählt, daß das Atomgewicht bzw. Molekülgewicht einer Substanz
multipliziert mit der Avogadro-Konstante genau die Massenzahl des Atoms
oder Moleküls in Gramm ergibt: 1 Mol Kohlenstoffatome sind genau 12
Gramm, da ein Kohlenstoffatom die Massenzahl 12 amu hat (siehe Peri-
odensystem); 1 Mol Wasser hat eine Masse von 18 Gramm, da H2 O aus 2
Wasserstoffatomen (Massenzahl 1 amu) und einem Sauerstoffatom (Massen-
zahl 16 amu) besteht. Diese Beziehung zwischen der Stoffmenge und dessen
Gewicht entsprechen der Atomhypothese der Chemie. Mehrere Gesetze der
Chemie können damit erklärt werden:

Gesetz von Dalton:

239 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.2. WÄRME KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

Die Gewichtsverhältnisse zweier sich zu verschiedenen chemischen


Verbindungen vereinigender Elemente stehen im Verhältnis ein-
facher ganzer Zahlen zueinander.

Gesetz von Richter:


Elemente vereinigen sich stets im Verhältnis bestimmter Verbin-
dungsgewichte, sogenannter Äquivalentgewichte oder ganzzahli-
ger Vielfacher dieser Gewichte zu chemischen Bindungen.

Atomhypothese von Dalton:


Alle Stoffe sind nicht unendliche teilbar, sondern aus kleinsten,
chemisch nicht weiter zerlegbaren Teilchen (Atomen) aufgebaut.

Diese Beziehungen gelten nicht nur für die Reaktion von Feststoffen mit-
einander, sondern auch für die Reaktion von Gasen untereinander. Hierbei
vergleicht man die Volumina, die bei einer Reaktion sich ändern. Man macht
die Beobachtung:

Gesetz von Gay-Lussac:


Das Volumenverhältnis gasförmiger Stoffe, die bei chemischen Re-
aktionen vollständig miteinander reagieren, läßt sich bei gegebe-
ner Temperatur und gegebenem Druck durch einfache ganze Zah-
len wiedergeben.

Daraus folgerte Avogadro, daß:

Gesetz von Avogadro:


Gleiche Volumina idealer Gase enthalten bei gleichem Druck und
gleicher Temperatur die gleiche Anzahl von Molekülen.

Hierbei entspricht bei einem idealen Gas bei 1 bar und T=0 ◦ :

1 Mol = 22.4 l (3.2.10)


Wenn wir die allgemeine Gasgleichung auf die Menge NA beziehen be-
kommen wir:

pVM = NA kB T = RT (3.2.11)
Das Produkt aus Avogadro-Konstante und Boltzmannkonstante bezeich-
net mans als allgemeine Gaskonstante R:

R = 8.31 Jmol−1 K−1 (3.2.12)

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 240
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.2. WÄRME

Die Wärmemenge, die einem Mol Teilchen zugeführt wird, wird


dann durch die molare Wärmekapazität C oder spezifische
Wärmekapazität charakterisiert:

∆Q = cMM ol ∆T (3.2.13)
| {z }
C molare W aermekapazitaet

Im folgenden wollen wir die spezifische Wärmekapazität einiger Substan-


zen genauer diskutieren.

• Wärmekapazität eines idealen Gases, konstantes Volumen


Bei der Zufuhr von Wärme in ein Gas bei konstantem Volumen erhöht
sich nur die Energie der Gasteilchen. Diese sog. innere Energie U
eines Gases setzt sich aus der kinetischen Energie (Bewegung der Gas-
moleküle) und der potentiellen Energie (Wechselwirkung der Gasmo-
leküle) zusammen. Bei der Zufuhr von Wärme in ein ideales Gas bei
konstanten Volumen erhöht sich allerdings nur die Bewegungsenergie
der Gasteilchen, da keine Wechselwirkung der Gasteilchen untereinan-
der existiert.
Diese innere Energie U eines idealen Gases kann in unterschiedlichen
Arten der Bewegung eines Gasmoleküls gegeben sein, da für die Bewe-
gung mehrere Freiheitsgrade existieren. Die zugeführte Energie verteilt
sich gleichmäßig auf die Freiheitsgrade in dem System, wobei ein Gas-
teilchen pro Freiheitsgrad eine Energie von 21 kB T speichern kann. Diese
Freiheitsgrade f lassen sich wie folgt abzählen.

– Translation: Jede Bewegung in eine Raumrichtung entspricht ei-


nem Freiheitsgrad. D.h. bei drei Raumrichtung ist f = 3
– Schwingung: Jede mögliche Schwingung eines Moleküls ent-
spricht 2 Freiheitsgraden, da die Energie sowohl in der kinetischen
Energie der Schwingung selbst als auch in der gespeicherten po-
tentiellen Energie der ausgelenkten Atome bestehen kann. Somit
besitzen sehr große Moleküle sehr viele Freiheitsgrade und können
demnach sehr viel Energie speichern.
– Rotation: Jede Rotation um eine eindeutige Achse eines Gasteil-
chen entspricht einem Freiheitsgrad. Ein einzelnes Atom besitzt
f = 0, da es im quantenmechanischen Sinne ein symmetrischer
Körper mit kleinem Trägheitsmoment ist, der bei typischen Tem-
peraturen wie Raumtemperatur keine Rotationsenergie speichern
kann. Ein zweit-atomiges Molekül hat 2 Freiheitsgrade, da es um

241 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.2. WÄRME KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

zwei Achsen senkrecht zur Achse des Molekül rotieren kann. Die
Rotation um die Molekülachse selbst kann in obigem Sinne wegen
des kleinen Trägheitsmomentes wiederum keine Rotationsenergie
speichern.

Ob allerdings in all diesen Freiheitsgraden Energie gespeichert werden


kann oder nicht hängt von dem betrachteten System ab. Bei einem
Festkörper zum Beispiel sitzen die einzelnen Atomen auf festen Gitter-
plätzen und können somit keine Energie in der Translation speichern.
Auch eine Rotation ist nicht möglich.
Im allgemeinen bekommen wir somit für die innere Energie in
Abhängigkeit von der Zahl f der Freiheitsgrade:

1
U = f N kB T (3.2.14)
2

Dies bezeichnet man als Gleichverteilungssatz. Daraus folgt direkt


die molare Wärmekapazität falls das Volumen bei einer Energiezufuhr
konstant bleibt. Die spezifische Wärmekapazität ist gegeben als die
Änderung dieser inneren Energie pro Temperaturintervall.
¯
dU ¯¯ 1
CV = = f NA kB (3.2.15)
dT ¯V 2

Bei einem ein-atomigen Gas können weder Rotation noch Schwingung


vorliegen, womit nur die drei Freiheitsgrade der Translation verbleiben.
Wir bekommen:

3 3
U = NA kB T = RT (3.2.16)
2 2
bzw.
¯
dU ¯¯ 3
CV = ¯ = R (3.2.17)
dT V 2

• Wärmekapazität eines idealen Gases, konstanter Druck


Führt man die Energiezufuhr allerdings bei konstantem Druck durch,
so wird bei einer Volumenänderung Arbeit gegen den Umgebungsdruck
geleistet (siehe Abb. 3.2.3). Diese Arbeit gegen einen Druck p über eine
Fläche A ist Kraft F mal Weg dx bzw.:

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 242
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.2. WÄRME

F ∆x = pA∆x = p∆V (3.2.18)

'V

'Q

Abbildung 3.2.3: Spezifische Wärme bei konstantem Druck.

Demnach resultiert die zugeführte Energie ∆Q nicht nur in einer Tem-


peraturänderung ∆T sondern auch in einer Volumenänderung. Ver-
gleicht man dies mit der Änderung bei konstantem Volumen so fällt
die Temperaturänderung ∆T bei gleichem ∆Q hier geringer aus, da
zusätzlich noch Arbeit gegen den Druck p geleistet werden muß:

∆Q = CV ∆T + p∆V (3.2.19)

mit der allgemeinen Gasgleichung bekommt man:

pV = NA kB T (3.2.20)

Unter Berücksichtigung der Volumenänderung um ∆V ergibt sich dar-


aus:

p(V + ∆V ) = NA kB (T + ∆T ) (3.2.21)

Damit ist ∆Q

∆Q = (CV + NA kB ) ∆T (3.2.22)
| {z }
Cp

mit

243 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.2. WÄRME KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

Cp = CV + NA kB (3.2.23)

Die Wärmekapazitäten bei konstantem Druck 3.2.23 und konstantem


Volumen 3.2.15 lassen sich noch verknüpfen mit dem sogenannten
Adiabaten-Koeffizienten γ:

Cp f +2
γ= = (3.2.24)
CV f

Für ein ein-atomiges ideales Gas ergibt sich mit f = 3 ein Adiabaten-
koeffizient von γ = 53 .

• spezifische Wärme von Festkörpern


Bei der Wärmekapazität von Festkörpern wird die Energie im wesentli-
chen in Form von Schwingungen der Gitteratome gespeichert. Falls alle
Atome in den drei Raumrichtungen unabhängig voneinander schwin-
gen können so bekommt man pro Schwingungsrichtung 2 Freiheitsgra-
de (potentielle und kinetische Energie der Oszillation). D.h. die in-
nere Energie ist dann U = 6 12 NA kB T . Damit bekommt man für die
Wärmekapazität eines Mols dann:

1
CV = f NA kB = 3R (3.2.25)
2

Der Vergleich mit dem Experiment zeigt allerdings, daß dieses nicht
mehr für tiefe Temperaturen gilt. Bei tiefen Temperaturen kommt der
Quantisierungscharakter der Gitterschwingungen zum tragen und nicht
mehr alle Schwingungsmoden sind für die Energieerhöhung zugänglich.
Damit wird die Wärmekapazität bei niedrigen Temperaturen klein und
läuft für T → 0 nach CV → 0, wie in Abb. 3.2.4 veranschaulicht.

• spezifische Wärme bei Phasenübergängen


Ein Sonderfall tritt auf, wenn das Medium bei Energiezufuhr mehrere
Phasen durchlaufen kann. Betrachtet man zum Beispiel die Erwärmung
von Eis, so ist die Geschwindigkeit der Temperaturerhöhung umgekehrt
proportional zur Wärmekapazität. Ist diese Wärmekapazität klein, so
ist die Temperaturerhöhung groß. Ab 0◦ tritt Schmelzen ein, und die
Temperatur erhöht sich nicht weiter, da jetzt die Energie für eine Pha-
senumwandlung aufgewendet werden muß, der Schmelzwärme. Erst
nachdem das Eis komplett geschmolzen ist, beginnt die Temperatur

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 244
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.2. WÄRME

CV



x
z


T

Abbildung 3.2.4: spezifische Wärme eines Festkörpers.

sich wieder zu erhöhen. Ein Maß für diese Erhöhung ist allerdings jetzt
die Wärmekapazität der flüssigen Phase. Diese ist höher, da jetzt die
Moleküle noch zusätzlich rotieren können. Demnach ist der Tempe-
raturanstieg geringer. Am Siedepunkt, muß zunächst die Verdamp-
fungswärme aufgewendet werden, d.h. die Temperatur bleibt wieder
konstant bis die ganze Flüssigkeit verdampft ist. Erst danach erhöht
sich die Temperatur weiter. Auch hier ist die Steigung der Tempera-
turerhöhung wieder geringer, da für die Gasmoleküle jetzt zusätzlich
noch die Möglichkeit der freien Bewegung in den drei Raumrichtungen
(Translation) besteht. Dies ist in Abb. 3.2.5 veranschaulicht.

dT 1
100qC ~
dt CV , gas

0qC
dT 1
~
dT 1 dt CV , fl .
~
dt CV , fest

Abbildung 3.2.5: Temperaturänderung bei konstanter Energiezufuhr in


Wasser.

Die aufgewendete Wärmemenge für einen Phasenübergang bezeichnet


man auch als latente Wärme.

245 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.3. WÄRMETRANSPORT KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

3.3 Wärmetransport
Viele technische Anwendungen basieren auf dem Transport von Wärme. Hier-
bei unterscheidet man Wärmeleitung, als den direkten Transport von Ener-
gie, und der Konvektion als den Transport von Energie mittels Massentrans-
port. Hinzu kommt noch Transport von Wärme durch Wärmestrahlung.

3.3.1 Wärmeleitung
Bei der Wärmeleitung betrachten wir eine Wärmequelle, die an einem Ende
eines Mediums eine Temperatur T1 erzeugt, die über das Medium abgeleitet
wird und das andere Ende auf die Temperatur T2 bringt (siehe Abb. 3.3.1).
Die Energiemenge, die pro Zeit transportiert wird, ist dann per Definition:

dQ
'x
dt
T1 T2 dQ1 dQ2
dt dt

T dT
T 'x
dx

Abbildung 3.3.1: Wärmeleitung.

dQ dT
= −λA (3.3.1)
dt dx
mit A der Querschnittsfläche. λ bezeichnet man als Wärmeleitfähigkeit
[Jm−1 K−1 ].
Diese Gleichung 3.3.1 läßt sich umstellen und wir bekommen einen Aus-
druck für die Wärmeleitung λ von:
∆Q dx 1
λ= (3.3.2)
∆T dt A
Man erkennt, daß die Wärmeleitung im wesentlichen von zwei Größen
des Mediums abhängt. Der Term ∆Q/∆T entspricht der spezifischen
Wärmekapazität der Substanz. Der Term dx/dt entspricht der Geschwin-
digkeit in der sich diese Anregung in dem Medium ausbreiten kann.
Betrachtet man zum Beispiel ein Metall, so wird die Energie im wesentli-
chen durch den Transport von Elektronen realisiert. D.h. die Wärmeleitung

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 246
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.3. WÄRMETRANSPORT

in Metallen hängt neben der Wärmekapazität der elektronischen Anregung


zusätzlich von der mittleren Geschwindigkeit ab, mit der die Elektronen
durch den Festkörper fliessen. Aus diesem Grund ist die elektrische und die
thermische Leitfähigkeit in Metallen direkt proportional zueinander, und das
Verhältnis linear von der Temperatur abhängig. Dies bezeichnet man als
Wiedemann-Franz-Gesetz:
µ ¶2
λ π 2 kB
= T (3.3.3)
σ 3 e
mit σ der elektrischen Leitfähigkeit. Der Vorfaktor der linearen Tempera-
turabhängigkeit besteht nur aus Naturkonstanten (kB Boltzmannkonstante, e
2 ¡ ¢2
Elementarladung) und wird auch als Lorenz-Zahl L abgekürzt, L = π3 keB .
Die lineare Temperaturabhängigkeit entsteht durch die spezifische Wärme
der Elektronen in einem Metall, die nur bei der Wärmeleitfähigkeit aber
nicht bei der elektrischen Leitfähigkeit ein Rolle spielt. Man behandelt dabei
die Elektronen wie ein ideales Gas, wobei man berücksichtigt, daß auf Grund
des Pauliverbotes nur ein Anteil proportional zu T an dem Transport teil-
nehmen kann2 . Die Wärmeleitfähigkeit von Kupfer ist somit viel größer als
die von Gold oder Eisen3 .
Wie läßt sich jetzt die Ausbreitung der Temperatur durch ein Materi-
al beschreiben? Die Änderung der Wärme und der Temperatur ist mit der
spezifischen Wärme verknüpft wie:

dQ = cM dT (3.3.4)
Dies läßt sich auf beiden Seiten nach der Zeit ableiten und man bekommt
zunächst:
dQ dT dT
= cM = cρdV (3.3.5)
dt dt dt
Die Änderung der Wärme läßt sich aber alternativ dazu auch über die
Wärmeleitung definieren: Betrachten wir dazu ein Volumenelement wobei
auf der linken Seite ein Wärmemenge dQ1 pro Zeit dt zuströmt und auf der
rechten Seite eine Wärmemenge dQ2 pro Zeit dt abströmt. Zusammen ergibt
sich die Bilanz dQ
dt
für die Änderung der Wärmemenge im Volumenelement
zu:
dQ dQ1 dQ2
= − (3.3.6)
dt dt dt
2
Details dieser Ableitung finden sie im Skript zu Physik IV.
3
Die höchste Wärmeleitfähigkeit von allen Materialien besitzt allerdings ein Isolator:
Diamant.

247 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.3. WÄRMETRANSPORT KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

Falls die Temperatur auf der linken Seite T und auf der rechten Seite
T + dT
dx
dx ist, bekommt man mit Gl. 3.3.1:
µ ¶
dQ dT d dT d2 T
= −λA + λA T+ dx = λAdx 2 (3.3.7)
dt dx dx dx dx
bzw. mit dV = Adx:

dQ d2 T
= λdV 2 (3.3.8)
dt dx
Vergleichen wir Gl. 3.3.8 und 3.3.5, so bekommen wir:

dT d2 T
cρdV = λdV 2 (3.3.9)
dt dx
Man erhält eine Differentialgleichung für die räumliche und zeitliche
Änderung der Temperatur:

dT λ d2 T
= (3.3.10)
dt ρc dx2
Der Form nach ist dies eine Diffusionsgleichung für die Ausbreitung von
Wärme.
Der sog. Wärmestrom I ist die Energiemenge, die pro Zeit transportiert
wird. Dies ist direkt
dQ dT
I=
= −λA (3.3.11)
dt dx
Diese Gleichung läßt sich umstellen zu:
A
I=λ ∆T (3.3.12)
∆x
| {z }
1/R

wobei das Minuszeichen mit einer entsprechenden Definition von ∆T weg-


gelassen werden kann. Man erkennt, daß ein Temperaturunterschied einen
Wärmestrom antreibt, der um so größer ist je kleiner die Größe R wird.
Diese Größe R bezeichnet man als Wärmewiderstand:

∆x
R= (3.3.13)
λA
Betrachtet man jetzt den Wärmetransport durch eine gegebene Struk-
tur, z.B. die Isolation einer Hausmauer, so kann man unterschiedliche Fälle
diskutieren (siehe Abb. 3.3.2).

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 248
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.3. WÄRMETRANSPORT

T1 T2 TN
IN
I1

T1 T2

I1

I I2

I3

Abbildung 3.3.2: Serien- und Parallelschaltung von Wärmewiderständen.

• Serienschaltung
In einer Serienschaltung muß der Wärmestrom eine Abfolge von un-
terschiedlichen Materialien nacheinander durchdringen. Jede dieser
Schichten n habe einen eigenen Wärmewiderstand Rn . Nachdem der
Wärmestrom in der Struktur erhalten sein muß, bekommt man:

1 1 1
I= ∆T1 = ∆T2 = ... = ∆TN (3.3.14)
R1 R2 RN

mit

1 1
I= (T1 − T2 ) = (T3 − T2 ) (3.3.15)
R1 R2

Der Vergleich von zwei aufeinander folgenden Termen zeigt:

(T1 − T3 ) = I (R1 + R2 ) (3.3.16)

Für N Schichten bekommen wir mit dem Ausdruck von

249 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.3. WÄRMETRANSPORT KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

R = R1 + R2 + R3 + R4 + R5 + ... + RN (3.3.17)

Einen Wärmestrom von:

1
I= (T1 − TN ) (3.3.18)
R
D.h. bei der Serienschaltung addieren sich die einzelnen
Wärmewiderstände zu einem Gesamtwiderstand R.
• Parallelschaltung
Bei einer Parallelschaltung von Wärmewiderständen, d.h. Isolatio-
nen nebeneinander (Beispiel, Wand und Fenster) addieren sich die
Wärmeströme durch die einzelnen Schichten, die Temperaturdifferenz
bleibt allerdings gleich. Wir bekommen somit:

1 1 1
I = I1 +I2 +I3 +...+IN = (T1 − T2 )+ (T1 − T2 )+...+ (T1 − T2 )
R1 R2 RN
(3.3.19)
Auch dies läßt sich verkürzt darstellen als:

1
I= (T1 − T2 ) (3.3.20)
R
mit

1 1 1 1
= + + ... + (3.3.21)
R R1 R2 RN
Man erkennt, daß bei einer Parallelschaltung der Gesamtwiderstand
sich aus der Addition der Kehrwerte der einzelnen Wärmewiderstände
ergibt.
Oftmals wird für bestimmte Gegenstände auch der sog. k-Wert angege-
ben. Dieser beschreibt den Wärmetransport für ein Medium mit gegebener
Dicke d. Der k-Wert definiert sich als:
λ
k= (3.3.22)
d
Damit wird z.B. der Energietransport durch eine 3 mm starke Glas-
scheibe beschrieben. Hat man eine Abfolge von einzelnen Schichten, die den
Wärmetransport limitieren, so berechnet sich der gesamte k-Wert zu:

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 250
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.3. WÄRMETRANSPORT

1 1 1
= + + ... (3.3.23)
kges k1 k2
Bei der Wärmekonvektion findet zusätzlich noch ein Massentransport
statt. Diese Art des Wärmetransports ist in der Regel sehr viel effizienter als
der Transport durch Wärmeleitung. Klassische Beispiele sind hier die Kon-
vektion als wesentlicher Mechanismus um die Raumluft in einem Gebäude
umzuwälzen oder die Konvektion der geschmolzenen Gesteinsmassen im In-
nern der Erde.
Das Zusammenspiel aus Wärmeleitung und Konvektion läßt sich am
Beispiel der Fensterverglasung erläutern (siehe Abb. 3.3.3). Eine einfache
4 mm Glasscheibe hat einen k-Wert von 200 Wm−2 K−1 . Allerdings wer-
den die angrenzenden Luftschichten durch die Oberflächenreibung in ihrem
Strömungsverhalten behindert. Aus diesem Grund erhöhen sich die Isola-
tionseigenschaften durch zwei 1 cm starke Luftschichten auf den beiden
Seiten der Fensterscheiben, da deren Wärmeleitfähigkeit sehr viel geringer
als die von Glas sind. Nach Gl. 3.3.23, ergibt dies zusammen einen k-Wert
von 5..6 Wm−2 K−1 . Bei einer Doppelverglasung, verwendet man zwei plan-
parallele Glasscheiben, um eine isolierende Gasschicht (in der Regel Argon)
zu schaffen. Diese Gasschicht darf nicht zu dick sein, da sonst die Kon-
vektion im Inneren des Doppelfenster, die isolierende Wirkung zerstören
würde (siehe Abb. 3.3.3). D.h. ein Optimum der Gasschichtdicke liegt bei
ca. 1 cm. Damit reduziert sich bei einem Doppelfenster der k-Wert auf
3 Wm−2 K−1 . Ein wesentlicher Vorteil entsteht dann noch durch den Ein-
satz von Wärmeschutzbeschichtungen. Durch entsprechende Anti-Reflexions-
Beschichtungen für die Wärmestrahlung aus dem Innenraum, erniedrigt sich
der k-Wert auf 0.6 Wm−2 K−1 . Solch niedrige k-Werte sind identisch zu k-
Werten von isolierten Steinmauern.

dQ
Konvektion

dt

Abbildung 3.3.3: Bei Fenstern wird in der Regel eine Doppelverglasung


verwendet. Dies reduziert signifikant die Wärmeleitung, da die Konvektion
im Innern unterbunden ist.

251 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.3. WÄRMETRANSPORT KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

3.3.2 Wärmestrahlung
Schließlich haben wir noch Wärmetransport durch Strahlung zu betrachten.
Ein Körper bei einer gegebenen Temperatur strahlt Energie ab entsprechend:
∆W
= EF dΩ (3.3.24)
∆t
mit E dem sog. Emissionsvermögen, F der Fläche und dΩ dem Raum-
winkel (d.h. in welche Richtungen kann der Körper abstrahlen). In umgekehr-
ter Weise kann der Körper auch Energie durch Strahlung aufnehmen gemäß
seinem sog. Absorptionsvermögen A. Es zeigt sich daß das Emissions- und
Absorptionsvermögen eines beliebigen Körpers nicht unabhängig voneinan-
der ist, sondern ein festes Verhältnis hat, das nur noch von der Temperatur
abhängt:

E
f (T ) = (3.3.25)
A
Wie läßt sich dies ableiten? Betrachten wir dazu die Anordnung wie in
Abb. 3.3.4 gezeigt. Ein Körper wird auf eine Temperatur T gebracht. Auf
einer Seite strahlt er über eine schwarze Fläche ab und auf der anderen Seite
über eine weiße Fläche. Ein Körper gleichen Materials wird den Oberflächen
gegenüber angebracht, dessen Oberfläche in jeweils gleicher Weise entweder
schwarz oder weiß ist.
Mißt man die Temperaturen der beiden Testkörper so erkennt man, daß
der schwarz mattierte Körper wärmer als der weiße wird. Die transportierte
Wärmemenge hängt von dem Produkt aus Emissionsvermögen und Absorp-
tionsvermögen ab. Die transportierte Wärmemengen Q1 auf der Seite auf
der sich die schwarzen Oberflächen gegenüberstehen und die Wärmemenge
Q2 auf der Seite auf der sich die weißen Oberflächen gegenüberstehen sind:

Q1 ∝ Eschwarz A0schwarz (3.3.26)


Q2 ∝ Eweiß A0weiß (3.3.27)

Die gestrichenen Größen bezeichnen jeweils die Oberflächen der beiden


Testkörper. In einem zweiten Schritt dreht man den mittleren Körper um
180 ◦ und bringt jetzt die weiße vor die schwarze Oberfläche und umgekehrt.
Der Wärmetransport ist dann

Q1 ∝ Eweiß A0schwarz (3.3.28)


Q2 ∝ Eschwarz A0weiß (3.3.29)

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 252
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.3. WÄRMETRANSPORT

Vergleicht man jetzt die Temperaturen, so erkennt man daß beide gleich
sind. D.h. die transportierten Wärmemengen sind identisch. Damit muß gel-
ten und mit Q1 = Q2 gilt dann:

Eweiß A0schwarz = Eschwarz A0weiß (3.3.30)


Damit erkennt man daß gelten muß:
Eweiß Eschwarz
= = const. = f (T ) (3.3.31)
Aweiß Aschwarz
d.h. das Emissions- und Absorptionsvermögen bilden ein festes Verhältnis
zueinander. Dieses Verhältnis ist allein eine Funktion der Temperatur hängt
aber nicht von dem Material ab. Das bedeutet, dass ein Körper, der sehr
gut absorbiert (großes A) auch gleichzeitig ein sehr guter Emitter (großes
E) von Wärmestrahlung ist. Das Optimum kann durch einen sogenannten
schwarzen Strahler realisiert werden. Hierbei verwendet man zum Beispiel
einen Hohlraum aus Metall, der so gebaut ist, daß einfallendes Licht dort
nicht mehr hinaus dringen kann. Erhöht man jetzt die Temperatur dieses
Hohlraums auf Rotglut, so beobachtet man, daß der vormals schwärzeste
Bereich auch derjenige ist, der am besten die Strahlung emittiert.
Durch diese Verkopplung von Emissions- und Absorptionsvermögen ist es
nahe liegend einen Wärmestrahler schwarz zu färben, um seine Abstrahlung
zu optimieren.

schwarz weiß

T1 T T2 T1 ! T2

T1 T T2 T1 T2

Abbildung 3.3.4: Ein Körper bei einer Temperatur T besitzt eine weiße
und ein geschwärzte Oberfläche. Ihm Gegenüber befinden sich zwei Körper,
die durch die Wärmestrahlung auf T1 bzw. T2 erwärmt werden.

Ein schwarzer Körper bei einer Temperatur T emittiert Wärmestrahlung


mit einer charakteristischen Verteilung bezüglich der Wellenlänge, die

253 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.3. WÄRMETRANSPORT KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

Planck’sche Verteilung, wie sie in Abb. 3.3.5 gezeigt ist. Zu höheren Tem-
peraturen verschiebt sich das Maximum zu kürzeren Wellenlängen (z.B. rot
glühend zu blau glühend)

P ( O ) dO

1450 K

1200 K

1000 K
O

Abbildung 3.3.5: Spektrale Verteilung der emittierten Leistung.

Die abgestrahlte Leistung folgt einer charakteristischen Abhängigkeit


gemäß dem Stefan-Boltzmann-Gesetz:

dQ
= σF T 4 (3.3.32)
dt
mit F der emittierenden Fläche und σ = 5.67051· 10−8 Wm−2 K−4 der
Stefan-Boltzmann-Konstante. Diese starke Temperaturabhängigkeit bedingt,
daß gerade bei hohen Temperaturen die Wärmeverluste durch Strahlung do-
minieren.

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 254
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE

3.4 Hauptsätze der Wärmelehre


Wie in der Mechanik so gibt es auch in der Wärmelehre entsprechende Er-
haltungssätze. Diese bezeichnet man als Hauptsätze der Thermodynamik.

3.4.1 Zustandsgrößen, Zustandsänderungen


Die Thermodynamik beschreibt ein System mit einem Satz von Zustands-
größen. Man unterscheidet intensive und extensive Zustandsgrößen. Diese
unterscheiden sich hinsichtlich des Resultats bei dem Zusammenfügen von
zwei Systemen.

• intensiv: Intensive Zustandsgrößen sind zum Beispiel der Druck oder


die Temperatur in einem System. Fügt man zwei Systeme zusammen,
so stellt sich für das neue Gesamtsystem ein Mittelwert für Temperatur
und Druck ein.

• extensiv: Extensive Zustandsgrößen sind zum Beispiel Volumen, Ener-


gie und Teilchenzahl. Fügt man zwei Systeme zusammen, so stellt sich
für das neue Gesamtsystem die Summe der Zustandsgrößen der einzel-
nen Systeme ein.

In der Wärmelehre betrachtet man ein System, das unterschiedliche


Zustände einnehmen kann. Im Falle eines idealen Gases entspricht jeder die-
ser Zustände einer neuen Realisierung der Zustandsgrößen p, V, N, T , die der
Zustandsgleichung pV = N kB T genügen müssen. Ändert sich der Zustand
allerdings von einer Bedingung p1 , T1 , V1 , N1 zu p2 , T2 , V2 , N2 kommt es auf
die Art der Prozessführung und das betrachtete System an, welcher neuer
Zustand sich einstellt. So kann zum Beispiel eine Verkleinerung des Volu-
mens je nach Prozessführung zu einer anderen Kombination von p und T
führen (siehe isotherme bzw. adiabatische Kompression unten).
Zunächst unterscheidet man:

• offene Systeme: bei einem offenen System kann ein Prozeß Wärme
und/oder Teilchen mit der Umgebung austauschen. Typischer Fall ist
ein Wärmebad, bei dem Energie in das System hinein- oder hinaus-
fliessen muß, damit eine konstante Temperatur herrscht, die durch das
Wärmebad vorgegeben ist.

• geschlossene Systeme: bei einem geschlossenen System findet kein


Austausch mit der Umgebung statt. Dies ist der Fall für isolierte Pro-
zesse.

255 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

Man kann zudem grundsätzlich zwei Arten der Zustandsänderung unter-


scheiden:

• reversibel: bei einer reversiblen Zustandsänderung gelangt man wie-


der an den Ausgangspunkt bezüglich p, T, V, N zurück, wenn man
den Prozeß rückwärts ablaufen läßt. Die meisten Ableitungen der
Wärmelehre zur Beschreibung von Kreisprozessen gehen zunächst von
reversiblen Zustandsänderungen aus.
• irreversibel: Zustandsänderungen in realen Prozessen sind allerdings
oftmals irreversibel, da Reibung überwunden werden muß oder bei einer
Volumenausdehnung ein Kolben beschleunigt wird. Dies führt jeweils
zu einem Verlust an Energie, die durch eine Umkehrung des Prozesses
nicht mehr zurückgewonnen werden kann.

Für die Änderung von Zustandsgrößen verwendet man folgende Bezeich-


nungen je nach Prozessführung, wie in Abb. 3.4.1 illustriert:

isobar
T2 > T1

isotherm T2

isochor
T1

Abbildung 3.4.1: Zustandsänderungen in einem idealen Gas.

• isotherm, T=const.: bei einem isothermen Prozeß ändert sich die


Temperatur nicht. Dies ist in der Regel der Fall, wenn eine Reaktion
in einem Wärmebad der Temperatur T stattfindet.
• isobar, p=const.: bei einem isobaren Prozeß ändert sich der Druck
nicht. Dies ist in der Regel der Fall bei chemischen Reaktionen die
offen bei Umgebungsdruck ablaufen. Hierbei muß der Prozeß in der
Regel gegen den Umgebungsdruck Arbeit leisten oder kann von außen
Arbeit aufnehmen.

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 256
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE

• isochor, V=const.: bei einem isochoren Prozeß ändert sich das Vo-
lumen nicht. Dies in der Regel der Fall, wenn wir einen Druckbehälter
betrachten. Ein isochorer Prozeß kann auch gleichzeitig ein isothermer
Prozeß sein, wenn dieser Druckbehälter ein Wärmebad darstellt.
• adiabatisch, Q=const.: Bei einem adiabatischen Prozeß kann sich die
Wärmemenge in dem System nicht ändern. Dies ist in der Regel der
Fall für isolierte Systeme bei denen kein Temperaturausgleich stattfin-
den kann. Diese Isolation von der Umgebung kann auch durch schnelle
Zustandsänderungen realisiert sein, da auf kurzen Zeitskalen ein Sy-
stem auch keine Möglichkeit hat seine Temperatur mit der Umgebung
auszugleichen. Wenn sich die Wärmemenge nicht ändert ist der Prozeß
automatisch auch isentrop (S=const.).

3.4.2 Der erste Hauptsatz


Bei der Ableitung der spezifischen Wärmekapazität bei konstantem Druck
hatten wir die Beziehung:

dQ = dU + pdV (3.4.1)
abgeleitet, d.h. die zugeführte Wärme fließt in eine Erhöhung der inneren
Energie und eine Expansion des Gases. Mit der Arbeit ∆W = −p∆V können
wir dies schreiben zu:

∆Q = ∆U − ∆W (3.4.2)
Dies läßt sich umschrieben zu:

∆U = ∆Q + ∆W (3.4.3)
Dies bezeichnet man als ersten Hauptsatz. Die Erhöhung der inneren
Energie ∆U in einem System kann durch Zufuhr von Wärme ∆Q oder durch
von außen zugeführte Arbeit ∆W erfolgen (siehe Experiment von Joule Abb.
3.4.2). Dieser erste Hauptsatz ist eine Erfahrungstatsache und kann nicht aus
grundlegenderen Prinzipien abgeleitet werden.
Die zugeführte Arbeit für ein ideales Gas bei einer Volumenänderung ∆V
ist:

∆W = F ∆x = −pA∆x = −p∆V (3.4.4)


D.h. komprimieren wir ein Gas, so ist ∆V < 0 und damit ∆W > 0.
D.h. wir stecken Energie in das System hinein. Damit bekommen wir als
Energiesatz für ein ideales Gas:

257 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

'T 'T
& &
'z mg z mg

Abbildung 3.4.2: Umwandlung von Arbeit in Wärme im Experiment von


Joule. Ein Gewicht gibt eine potentielle Energie mg∆z ab und treibt ent-
weder einen Rührer (links) oder einen Generator (Umwandlungseffizienz
100%) an, der eine Glühwendel aufheizt (rechts). In beiden Fällen beobach-
tet man die gleiche Temperaturerhöhung ∆T einer Flüssigkeit.

∆U = ∆Q + ∆W = ∆Q − pdV (3.4.5)
Der erste Hauptsatz soll jetzt für einige Zustandsänderungen genauer
beschrieben werden, wie in Abb. 3.4.3 illustriert.

• V = const., isochor
Betrachten wir eine Zustandsänderung bei der das Volumen konstant
bleibt. Die Energieerhaltung war:

dU = dQ − pdV (3.4.6)

da V = const. und

dQ = dU = CV dT (3.4.7)

gilt, bekommen wir:


¯
dU ¯¯
CV = (3.4.8)
dT ¯V

D.h. die zugeführte Wärme wird komplett in innere Energie umgewan-


delt.

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 258
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE

p p
V2

W  ³ pdV 2
V1

isotherm

2x 1 isobar 1

V V

Abbildung 3.4.3: Prozesse im pV-Diagramm eines idealen Gases.

• p = const., isobar
Betrachten wir eine Zustandsänderung bei der der Druck konstant
bleibt. Dies ist ein häufiger Fall bei Reaktionen der Chemie. Dort ist
der Umgebungsdruck konstant und ein Gas muß sich z.B. beim Ablau-
fen der chemischen Reaktion gegenüber dem Luftdruck der Umgebung
ausdehnen. Die Energieerhaltung war:

dU = dQ − pdV (3.4.9)

Die Wärmemenge ist

dQ = dU + pdV = Cp dT (3.4.10)

Zur einfacheren Beschreibung führen wir eine neue Größe H ein, die
Enthalpie:

H = U + pV (3.4.11)

Leitet man die Enthalpie nach der Produktregel ab, so ergibt sich:

dH = dU + pdV + dpV (3.4.12)

bzw. nach dem Einsetzen von Gl. 3.4.10

259 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

dH = dQ + V dp (3.4.13)

Da dp = 0 gilt, ist für die isobare Zustandsänderung dQ = dH, d.h.


man bekommt:
¯
dH ¯¯
Cp = (3.4.14)
dT ¯p

Somit beschreibt die spezifische Wärmekapazität bei konstantem Druck


die Änderung der Enthalpie mit der Temperatur während die spezifi-
schen Wärmekapazität bei konstantem Volumen die Änderung der in-
neren Energie mit der Temperatur ausdrückt.
Für die Betrachtung eines gegebenen Systems muß man somit die pas-
sende Formulierung der Energie- bzw. Enthalpieerhaltung wählen: bei
isochoren Systemen stellt sich ein Minimum der inneren Energie ein
dU = 0, während man bei isobaren Systemen ein Minimum der Ental-
pie dH = 0 bekommt.

• T = const., isotherm
Betrachten wir eine Zustandsänderung bei der die Temperatur konstant
bleibt. Die Energieerhaltung war:

dU = dQ − pdV (3.4.15)

Bei einem idealen Gas hängt die innere Energie nur von der Temperatur
ab:

1
U = f N A kB T (3.4.16)
2
Da somit bei isothermen Prozessen dU = 0 gelten muß, bekommen wir:

dQ = pdV (3.4.17)

d.h. Wärme wird vollständig in Arbeit umgewandelt. Mit

pV = N kB T (3.4.18)

bekommt man schließlich.

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 260
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE

pV = const. (3.4.19)

Dies ist wieder das Gesetz von Boyle-Mariott.

• dQ = 0, adiabatisch
Betrachten wir eine Zustandsänderung bei der keine Wärme ausge-
tauscht wird. Dieser Vorgang kommt häufig vor, da viele Systeme ihren
Zustand schnell ändern, so daß der Wärmetransport auf dieser Skala
sehr ineffizient erfolgt und damit eine Angleichung von Temperaturen
nicht stattfindet. Typisches Beispiel ist die adiabatische Kompression
eines Gases in einer Luftpumpe. Hier ist der Kontakt zur Umgebung
so gering, daß das expandierende/komprimierte Gas keine Möglichkeit
zum Temperaturausgleich hat. Die Energieerhaltung war:

dU = dQ − pdV (3.4.20)

mit dQ = 0 bekommen wir:

dU = CV dT = −pdV (3.4.21)

mit dem idealen Gasgesetz (pV = N kB T ) läßt sich dies umschreiben


zu:

dT dV
CV = −NA kB (3.4.22)
T V
Integriert man auf beiden Seiten bekommen wir:

CV ln T = −NA kB ln V + const. (3.4.23)

bzw:

¡ ¢
ln T CV V NA kB = const. (3.4.24)

Aus der Ableitung der spezifischen Wärmekapazität eines idealen Gases


wissen wir, daß gelten muß:

NA kB = Cp − CV (3.4.25)
Cp
mit dem Adiabatenkoeffizienten γ = CV
bekommen wir dadurch:

261 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

adiabatisch

T2 > T1

T2

isotherm 1
T1

Abbildung 3.4.4: Vergleich einer isothermen und einer adiabatischen Zu-


standsänderung.

T V γ−1 = const. (3.4.26)

bzw:

pV γ = const. (3.4.27)

Für ein ein-atomiges ideales Gas war γ = 5/3. D.h. die Zustands-
kurven für adiabatische Zustandsänderungen in Abb. 3.4.4 laufen wie
p ∝ V −5/3 . Damit laufen sie steiler als die isothermen Zustandskurven
(p ∝ V −1 )
Vergleicht man zwei Punkte im pV -Diagramm, so kann man zwei Glei-
chungen benutzen, um den bekannten Zustand p1 , T1 und V1 in einen
neuen Zustand bei p2 , T2 und V2 zu überführen. Es sei z.B. vorgegeben,
daß ein Gas von einem Volumen V1 zu einem Volumen V2 komprimiert
wird.

p1 V1 p2 V2
= (3.4.28)
T1 T2
γ
p1 V1 = p2 V2γ (3.4.29)

D.h. aus diesen zwei Gleichungen lassen sich die Unbekannten p2 und
T2 berechnen.
Der Adiabatenkoeffizient läßt sich in dem Experiment von Ruechard
bestimmen. Hierzu verwendet man ein Gasreservoir bei einem Druck

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 262
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE

p, das durch einen beweglichen Kolben abgeschlossen wird (siehe Abb.


3.4.5). Dieser Kolben möge mit einer Frequenz ω0 um seine Gleichge-
wichtslage schwingen. Bei diesem Schwingen komprimiert er das Gas.

p0
x
Z0 m
r

Abbildung 3.4.5: Bestimmung des Adiabatenkoeffizienten γ: Ein Kolben


der Masse m wird in Schwingung versetzt und komprimiert dabei ein Volu-
men V adiabatisch.

Im Gleichgewicht herrsche ein Druck p0 außen und ein Druck p innen.


Der Druck im Innern des Behälters entsteht durch die Addition der
Gewichtskraft des Kolben und des Außendruckes. Mit einer Masse m
des Kolbens (Radius r) ergibt sich:

mg
p = p0 + (3.4.30)
πr2

Durch eine Änderung des Druckes um dp beginnt der Kolben sich um


seine Gleichgewichtslage (x = 0) zu bewegen. Die rückstellende Kraft
ist dF = Adp:

d2 x
m 2
= πr2 dp (3.4.31)
dt
Diese Bewegung erfolgt so schnell, daß die Zustandsänderung adiaba-
tisch erfolgt. D.h. es gilt:

pV γ = const. p(V ) = const. · V −γ (3.4.32)

263 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

Diese Gleichung abgeleitet nach dem Volumen ergibt:


dp = − dV (3.4.33)
V
Mit der Volumenänderung dV = r2 πx ergibt sich schließlich:

d2 x 2 pγ 2
m = −πr r πx (3.4.34)
dt2 V
Dies ist der Form nach eine Schwingungsgleichung mit der Eigenfre-
quenz:

π 2 r4 p
ω02 = γ (3.4.35)
mV
Mit bekanntem r, m, p und V läßt sich somit aus der Messung der
Frequenz ω0 der Adiabatenkoeffizient γ ermitteln.

3.4.3 Der zweite Hauptsatz


Die Energieerhaltung beschreibt nur die Gesamtenergie eines Systems als
zusammengesetzt aus der Wärmemenge und der an dem System geleisteten
Arbeit. Doch wie läßt sich Wärme in Arbeit umwandeln? Der Energieinhalt
in Form von Wärme und Arbeit ist von unterschiedlichem Charakter, da
Wärme Energie in der ungeordneten Bewegung der Gasteilchen speichert,
während die Arbeit (zum Beispiel die Bewegung eines Gasstempels) jeweils
nur in eine Richtung Arbeit hinein steckt bzw. aus dem System abruft. Dies
ist in Abb. 3.4.6 veranschaulicht.
Im mikroskopischen Sinn ist die Temperatur auch immer Ausdruck für
das Maß an Unordnung in einem System. Bewegen sich allerdings alle Teil-
chen in eine Richtung, so ist dieser Zustand der Ordnung gleichbedeutend
mit einer sehr niedrigen Temperatur. D.h. möchte man ein System in einen
geordneten Zustand überführen, so muß es gekühlt werden. Beispiel hierfür
ist die Strahlkühlung bei Beschleunigern, die bewirkt daß alle Teilchen mit
gleicher Geschwindigkeit in die gleiche Richtung fliegen.
Abb. 3.4.5 verdeutlicht auch, daß die Umwandlung von Arbeit in Wärme
(Ordnung → Unordnung) zu 100 % erfolgen kann: zugeführte Arbeit durch
einen Kolben erhöht die Geschwindigkeit der Teilchen in eine Richtung.
Durch die Stöße der Teilchen untereinander wird die Geschwindigkeitsver-
teilung allerdings schnell räumlich isotrop und man hat einen Zustand mit
definierter Temperatur T erreicht. Die umgekehrte Umwandlung von Wärme

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 264
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE

Wärme Arbeit

Abbildung 3.4.6: Unterschied zwischen Wärme und Arbeit.

in Arbeit (Unordnung → Ordnung) kann allerdings nicht so ohne weiteres ab-


laufen, da das Antreiben eines Kolbens nur eine Richtung der isotropen Ge-
schwindigkeitsverteilung beeinflußt. Diese zunächst anschauliche Ableitung
wollen wir im folgenden genauer begründen und quantifizieren.

Der Carnot-Prozeß
Um die Effizienz der Umwandlung von Wärme in Arbeit zu diskutieren, be-
trachten wir einen Kreisprozeß, der im pV-Diagramm eines idealen Gases
wieder zum Ausgangspunkt zurück führt. Solche Kreisprozeße sind in Abb.
3.4.7 veranschaulicht. Je nach ”Laufrichtung” kann man zwei Arten unter-
scheiden:

• ”Wärmepumpe”
Bei einer Wärmepumpe wird einer Maschine Arbeit zugeführt, die eine
Wärmemenge ∆Q einem kälteren Reservoir entnimmt und danach an
ein wärmeres Reservoir wieder abgibt (Beispiel Kühlschrank). Bei ei-
ner Wärmepumpe ist die Laufrichtung
R des Kreisprozesses links herum,
da das Integral ∆W = − pdV positiv wird. D.h. die Maschine muß
Arbeit aufnehmen.

• ”Wärmekraftmaschine”
Bei einer Wärmekraftmaschine wird einer Maschine Wärme zugeführt,
die diese in Arbeit umwandelt (Beispiel Dampfmaschine). Bei einer
Wärmekraftmaschine ist die Laufrichtung
R des Kreisprozesses rechts her-
um, da das Integral ∆W = − pdV negativ wird. D.h. die Maschine
gibt Arbeit ab.

265 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

'Q 'W 'Q 'W

'W   

'W 'W 'W


  
'Q 'W 'Q 'W
 
Wärmepumpe Wärmekraftmaschine
„Kühlschrank“ „Dampfmaschine“

Abbildung 3.4.7: Kreisprozeß, der sich aus zwei Isothermen und zwei
Adiabaten zusammensetzt: Erfolgt der Prozeßablauf im Uhrzeigersinn erhält
man eine Wärmekraftmaschine; gegen den Uhrzeigersinn erhält man eine
Wärmepumpe.

Die kontinuierliche Umwandlung von Wärme in Arbeit kann in vielen


Kreisprozessen realisiert werden. Beim sog. Carnot’schen Kreisprozeß (sie-
he Abb. 3.4.8) erzielt man allerdings den maximalen Wirkungsgrad. Bei die-
sem Prozeß durchläuft ein ideales Gas eine zyklische Zustandsänderung beste-
hen aus einer isothermen und adiabatischen Expansion und einer isothermen
und adiabatischen Kompression. Der Prozeß durchläuft zyklisch 4 Punkte im
pV-Diagramm 1 → 2 → 3 → → 4. Die Temperatur der wärmeren Isother-
me sei T1 , die der kälteren T2 . Die Volumina an den 4 Punkten sind jeweils
V1 , V2 , V3 und V4 . Der Druck stellt sich immer gemäß der Zustandsglei-
chung eines idealen Gases ein. Um den Wirkungsgrad des Carnot-Prozesses
zu bestimmen müssen wir die Wärmemengen und die Arbeit in jedem dieser
Teilschritte bilanzieren:

• isotherme Expansion 1 → 2
Bei der isothermen Expansion gilt dU = 0. Dabei wird Wärme komplett
in Arbeit umgewandelt:

dQ = pdV (3.4.36)
1
mit p = V
RT (für 1 Mol) erhält man durch Integration von V1 nach
V2 :

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 266
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE

x1
'Q1 'W12 adiabatisch
'W41
isotherm
x
2

'W23 T1
4x
x3
'Q2 'W34 T2

Abbildung 3.4.8: Beim Carnot’scher Kreisprozeß wird bei der Temperatur


T1 eine Wärmemenge ∆Q1 entnommen und in Arbeit umgesetzt.

µ ¶
V2
∆Q1 = −∆W12 = RT1 ln (3.4.37)
V1

da V2 > V1 ist ∆W12 < 0, d.h. durch die zugeführte Wärme ∆Q1 leistet
das System Arbeit gegen den Umgebungsdruck. Diese Arbeit ist:
µ ¶
V1
∆W12 = RT1 ln (3.4.38)
V2

• adiabatische Expansion 2 → 3
Bei der adiabatischen Expansion wird innere Energie in Arbeit umge-
wandelt.

dU = −pdV = U (T2 ) − U (T1 ) = ∆W23 (3.4.39)

Nachdem die innere Energie nur von der Temperatur abhängt, ist es
zulässig für die Berechnung von dU einfach, die absoluten Werte vor
(U (T1 )) und nach (U (T2 )) der Zustandsänderung zu vergleichen.

267 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

• isotherme Kompression 3 → 4
Bei der isothermen Kompression wird Wärme an die Umgebung abge-
geben:
µ ¶
V4
∆Q2 = −∆W34 = RT2 ln (3.4.40)
V3

da V4 > V3 ist ∆W34 > 0, d.h. durch die Kompression nimmt das
System von der Umgebung Arbeit auf und gibt diese als Wärme ∆Q2
wieder ab. Diese aufgenommene Arbeit ist:
µ ¶
V3
∆W12 = RT2 ln (3.4.41)
V4

• adiabatische Kompression 4 → 1
Bei der adiabatischen Kompression wird zugeführte Arbeit in innere
Energie umgewandelt. Analog zu oben können wir wieder die Differenz
der inneren Energien des Anfangs- und des Endzustandes benutzen:

dU = −pdV = U (T1 ) − U (T2 ) = ∆W41 = −∆W23 (3.4.42)

Nachdem bei den adiabatischen Zustandsänderungen die Temperaturen


der jeweilige Endpunkte gleich sind, wird bei den Schritten 2 → 3 und 4 → 1
netto keine Wärme in Arbeit umgewandelt. Die insgesamt geleistete Arbeit
ist demnach:

µ ¶ µ ¶
V1 V3
∆W = ∆W12 + ∆W34 = RT1 ln + RT2 ln (3.4.43)
V2 V4

Mit den Zustandsgleichungen für eine adiabatische Zustandsänderung las-


sen sich die Temperaturen und Volumina verknüpfen. Man bekommt:

T1 V2γ−1 = T2 V3γ−1 (3.4.44)


T1 V1γ−1 = T2 V4γ−1 (3.4.45)
V2 V3
Daraus folgt V1
= V4
, bzw:
µ ¶ µ ¶
V1 V3
ln = − ln (3.4.46)
V2 V4

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 268
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE

Mit dieser Ersetzung bekommen wir schließlich:


µ ¶
V1
∆W = (T1 − T2 ) R ln (3.4.47)
V2
Der Wirkungsgrad dieser Umwandlung ist das Verhältnis aus geleisteter
Arbeit ∆W und der zugeführten Wärme ∆Q1 . Mit Gl. 3.4.37 bekommt man
somit:

∆W T1 − T2
η= = <1 (3.4.48)
∆Q1 T1
Man erkennt, daß die Umwandlung von Wärme in Arbeit nicht vollständig
erfolgt. Der Wirkungsgrad dieser Umwandlung ist kleiner als 1, da ein Teil der
hinein gesteckten Wärme als Wärmemenge ∆Q2 an die Umgebung abgegeben
wird und dabei die Arbeit ∆W34 verbraucht.

Wirkungsgrad thermodynamischer Maschinen


Der Carnot-Wirkungsgrad ist der maximale Wirkungsgrad den eine thermo-
dynamische Maschine erreichen kann. Die Umwandlung von Wärme in Arbeit
erfolgt im Schritt 1 → 2 zu 100 %! Die Umwandlung von Wärme in Arbeit in
den Schritten 2 → 3 und 4 → 1 hebt sich gegenseitig wieder auf. Allerdings
muß der Kreisprozeß geschlossen werden, was einen Schritt 3 → 4 bedingt.
Die Notwendigkeit dieses Schrittes bewirkt einen Wirkungsgrad der kleiner
als 1 ist, da bei dieser Kompression wieder Wärme an die Umgebung abge-
geben wird, D.h. das System muß einen Teil seiner Arbeit, die es in Schritt
1 → 2 abgegeben kann, verwenden, um wieder zu Punkt 4 zu gelangen wobei
es allerdings die Wärme ∆Q2 an die Umgebung abgibt. Die geleistete Ar-
beit ist dabei die Fläche unter der Kurve 3 → 4. Somit ist es am günstigsten,
wenn die Temperatur T2 bei dieser isothermen Kompression möglichst gering
ist.
Der Wirkungsgrad ist zudem größer je größer der Temperaturunterschied
der einzelnen Reservoirs ist. Dies hat große Bedeutung für den Betrieb von
Kraftwerken zur Stromerzeugung in denen oftmals ein Medium erhitzt wird
(Wasser), das über eine Turbine Arbeit leisten muß. Je höher der Temperatur-
unterschied des Mediums beim Kreisprozeß ist, desto effizienter ist die Kon-
version von Wärme in mechanische Arbeit. Der Wirkungsgrad einiger Prozes-
se der Energiewandlung sind in Tab. 3.1 gezeigt: (i) Bei einem Kohlekraftwerk
wird zunächst Kohle verfeuert und damit Wasser erhitzt. Über Dampf wird
dann eine Turbine bzw. ein Generator zur Elektrizitätserzeugung angetrie-
ben. Der Wirkungsgrad ist hier durch den Temperaturunterschied des Damp-

269 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

Kraftwerk Umwandlung Wirkungsgrad


Gaskraftwerk chemisch → elektrisch 60%
Kohlekraftwerk chemisch → elektrisch 25-45%
Kohlekraftwerk chemisch → elektr., therm. 85%
(+Fernwärme)
Wasserkraftwerk mechanisch → elektrisch 90%
Dampfmaschine chemisch → mechanisch 10%
Dieselmotor chemisch → mechanisch 65%
Ottomotor chemisch → mechanisch 40%
Generator elektrisch → mechanisch 90%

Tabelle 3.1: Wirkungsgrade einiger thermodynamischer Maschinen bzw.


anderer Methoden der Energiewandlung

fes beim Durchgang durch die Turbine gegeben. Dies begrenzt den Wirkungs-
grad auf unter 50%. Dies kann kompensiert werden durch Fernwärmenutzung,
was einer Vermarktung der sonst verlorenen Wärmemenge ∆Q2 entspricht.
(ii) In einem Gaskraftwerk wird mit den heißen Gasen, die bei der Verbren-
nung von Erdgas entstehen, eine Turbine direkt abgetrieben. Die Verbren-
nungstemperaturen können dabei bis 1400◦ C erreichen was einen hohen Wir-
kungsgrad bedingt.
Läßt man den Prozeß in umgekehrter Reihenfolge ablaufen, so bekommt
man den inversen Carnot-Prozeß. Eine solche Maschine bezeichnet man
als Wärmepumpe, da sie einem Reservoir die Wärmemenge ∆Q2 bei T2
entzieht und sie an ein wärmeres Reservoir bei T1 als Wärmemenge ∆Q1
wieder abgibt. Dazu ist die Arbeit ∆W nötig wie zum Beispiel bei der adia-
batische Kompression des Mediums. Der Wirkungsgrad läßt sich analog zu
dem einer Wärmekraftmaschine ableiten. Man definiert hier allerdings eine
sog. Leistungszahl ²W P , die größer als eins ist, zu:
1 ∆Q1 T1
²W P = = = (3.4.49)
η ∆W T1 − T2
In folgendem Gedankenexperiment wollen wir eine Wärmepumpe und
einer Wärmekraftmaschine koppeln. Hierbei soll die Arbeit, die die
Wärmekraftmaschine abgibt, zum Antrieb der Wärmepumpe genutzt wer-
den. Für den gesamten Wirkungsgrad kann man niemals etwas größeres
als eins bekommen, wie in Abb. 2.4.9 veranschaulicht ist: eine optima-
le Wärmekraftmaschine erreicht einen Wirkungsgrad η, die ihrerseits eine
Wärmepumpe mit optimaler Leistungszahl 1/η antreibt. Somit kann eine
Wärmekraftmaschine nie mehr Arbeit produzieren als nötig wäre um netto
Wärme von dem kälteren Reservoir zum wärmeren Reservoir zu transportie-

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 270
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE

ren. Diese Tatsache läßt sich auch anders formulieren:

T1 'Q1

'W

'Q2 T2

Abbildung 3.4.9: Kopplung einer Wärmekraftmaschine mit einer


Wärmepumpe: Nachdem die Abgabe der Arbeit der Wärmekraftmaschine
durch den Carnot-Wirkungsgrad begrenzt ist, der auch für den Betrieb der
Wärmepumpe gilt, kann es keine abgeschlossene Maschine geben, die Wärme
von einem kälteren zu einem wärmeren Reservoir pumpt.

Wärme fließt immer von dem heißeren zum kälteren Gegenstand

Dies bezeichnet man als zweiten Hauptsatz der Wärmelehre.


Alternativ zur Formulierung der Leistungszahl einer Wärmepumpe kann
man auch eine Leistungszahl ²KM einer Kältemaschine definieren. Diese be-
zieht sich auf die entnommene Wärmemenge eines kälteren Reservoirs ∆Q2 :
∆Q2 T2
²KM = = (3.4.50)
∆W T1 − T2

3.4.4 Die Entropie


Thermodynamische Formulierung
Der zweite Hauptsatz läßt sich auch mathematisch elegant formulieren. Be-
trachten wir dazu eine neue Größe, die Entropie. Sie ist definiert als:

dQ
dS = (3.4.51)
T

271 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

Betrachten wir noch einmal unseren Kreisprozeß. Bei den isothermen Zu-
standsänderungen bekommen wir die Entropieänderungen:

µ ¶
1 V2
∆S1→2 = RT1 ln (3.4.52)
T1 V
µ1 ¶
1 V2
∆S3→4 = − RT2 ln (3.4.53)
T2 V1
(3.4.54)

Bei den adiabatischen Zustandsänderungen ist ∆S = 0 wegen dQ = 0.


Damit bekommt man:

∆Sgesamt = ∆S1→2 + ∆S3→4 (3.4.55)


D.h. die Entropie bleibt bei reversiblen Prozessen konstant.

∆Sreversibel = 0 (3.4.56)
Wie ist das bei irreversiblen Prozessen? Betrachten wir dazu zwei gleiche
Körper (jeweils 1 Mol), die unterschiedliche Temperaturen T1 und T2 besit-
zen. Fügt man diese Körper zusammen, so gleicht sich die Temperatur aus
und eine Mischtemperatur Tm = T1 +T 2
2
stellt sich ein (siehe Abb. 3.4.17). Da-
bei fließt von dem wärmeren Körper eine Wärmemenge ∆Q zu dem kälteren
Körper, die diesen erwärmt. Die Entropieänderungen der beiden Körper sind
dabei wie folgt.
Die Entropieänderung bei der Erwärmung des kälteren Körpers ist:
Z Tm Z Tm
dQ dT Tm
∆S1 = = CV = CV ln (3.4.57)
T1 T T1 T T1
Analog dazu ist die Entropieänderung beim Abkühlen des wärmeren
Körpers:
Z Tm Z Tm
dQ dT Tm
∆S2 = = CV = CV ln (3.4.58)
T2 T T2 T T2
Insgesamt ergibt sich damit eine Entropieänderung von:

Tm2
∆S = ∆S1 + ∆S2 = CV ln (3.4.59)
T1 T2
T1 +T2
Setzt man hier Tm = 2
ein, so erkennt man, daß

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 272
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE

(T1 + T2 )2
∆S = CV ln >0 (3.4.60)
4T1 T2
gilt. D.h. bei diesem Prozeß nimmt die Entropie zu. Der Temperatur-
ausgleich von zwei Körpern ist ein irreversibler Prozeß, da es nicht vor-
kommt, daß beim Kontakt von zwei Körpern Wärme von dem kälteren zu
dem wärmeren fließt. In diesem Sinne kann man den zweiten Hauptsatz an-
ders formulieren als:

Bei irreversiblen Prozessen nimmt die Entropie in dem System


immer zu bzw. ∆Sirreversibel > 0

Wie ändert sich jetzt die Entropie eines idealen Gases bei der Änderung
von einem Ausgangszustand mit p0 , T0 und V0 zu einem Endzustand mit p,
T und V ? Beginnen wir zunächst mit dem ersten Hauptsatz:
dQ 1
dS = = (dU + pdV ) (3.4.61)
T T
1
Mit p = V NA kB T und dU = CV dT bekommen wir:
1 1
dS = CV dT + NA kB dV (3.4.62)
T V
Daraus ergibt sich

Z T Z V
1 1
∆S = CV dT + NA kB dV
T0 T V0 V
T V
= CV ln + NA kB ln (3.4.63)
T0 V0

mit CV = 32 NA kB und V ∝ T
V
für ein ein-atomiges ideales Gas bekommen
wir:

3 T V
∆S = NA kB ln + NA kB ln
2 T V
"µ 0 ¶ µ ¶#0
3/2
T V
= NA kB ln (3.4.64)
T0 V0

Die Abhängigkeit bezüglich des Druckes läßt sich einfach bestimmen, da


immer die Zustandsgleichung gelten muß. D.h. wir ersetzen V ∝ Tp und
bekommen:

273 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

"µ ¶5/2 µ ¶#
T p0
∆S = NA kB ln (3.4.65)
T0 p

Mikroskopische Formulierung
Die Entropie läßt sich allerdings auch auf der Basis eines mikroskopischen
Bildes verstehen. Betrachten wir dazu zunächst ein Volumen das isotherm
expandiert. In einem Behälter befindet sich eine Trennwand. Im Anfangs-
zustand befinden sich nur auf einer Seite dieser Trennwand die Gasatome.
Entfernt man diese Trennwand, so verteilen sich die Atome im ganzen Hohl-
raum (siehe Abb. 3.4.10). Die Änderung der Entropie ist hierbei:

V1 V2

T1 T2 Tm

Abbildung 3.4.10: (a) Entropieänderung bei der isothermen Expansion ei-


nes Gases. Hierbei wird eine Trennwand entfernt und die Gasteilchen können
sich vom Volumen V1 auf das Volumen V2 ausdehnen. (b) Entropieänderung
bei dem Temperaturausgleich zweier Körper.

1 1
dS = dQ = (dU + pdV ) (3.4.66)
T T
Man bekommt:

1 1 RT
dS = CV dT + dV (3.4.67)
T T V
Integration liefert

T2 V2
∆S = CV ln + R ln (3.4.68)
T1 V1

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 274
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE

Unter der Annahme einer isotherme Zustandsänderung, fällt der erste


Term weg (T1 = T2 ). D.h. wir bekommen eine Entropieänderung durch das
Entfernen der Zwischenwand von:
V2
∆S = R ln (3.4.69)
V1
Mit V2 > V1 wird ∆S positiv. Man kann zeigen, daß sich ein identischer
Ausdruck auch aus der Betrachtung von Wahrscheinlichkeiten ableiten läßt!
Betrachten wir dazu die Wahrscheinlichkeit w, daß sich NA Moleküle in
dem Teilvolumen V1 befinden, wie es vor dem Entfernen der Zwischenwand
das Gas eingeschlossen hat. Die Wahrscheinlichkeit für 1 Teilchen sich in dem
Volumen V1 aufzuhalten ist:
V1
w1 T eilchen = (3.4.70)
V2
Für die Wahrscheinlichkeit, daß NA Teilchen sich gleichzeitig im Volumen
V1 aufhalten, bekommen wir:
µ ¶NA
V1
w= (3.4.71)
V2
mit NA = 6 · 1023 wird diese Wahrscheinlichkeit natürlich sehr, sehr klein.
Diese Wahrscheinlichkeit läßt sich formal umformen zu:
µ ¶ µ ¶
V1 V2
kB ln w = kB NA ln = − R ln (3.4.72)
V2 V1
| {z }
∆S

D.h. die Entropie ist ein Maß für Wahrscheinlichkeit−1 einer bestimmten
Konfiguration:
1
∆S = −kB ln w = kB ln (3.4.73)
w
bzw. proportional zu den Realisierungsmöglichkeiten Ω für eine be-
stimmte Konfiguration 1/w = Ω in einem System. Definiert man S = 0 für
Ω = 1, so kann man eine absolute Skala für die Entropie angeben als:

S = kB ln Ω (3.4.74)
Die Realisierungsmöglichkeiten für obiges Beispiel bedeuten, daß alle Teil-
³ ´NA
chen in V1 nur einer einzigen Möglichkeit entspricht, während es Ω = VV21
andere Möglichkeiten gibt die Teilchen beliebig auf der linken und rechten Sei-
te der Trennwand zu verteilen. Demnach steigt die Entropie um kB ln Ω an!

275 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

Im folgenden wollen wir diese mikroskopische Interpretation der Entropie


an zwei berühmten Beispielen illustrieren:

• Gibb’sches Paradoxon
Betrachten wir zunächst zwei getrennte Volumina, wie oben illustriert,
die jetzt allerdings jeweils mit einem Gas A und einem Gas B bei glei-
chem Druck und gleicher Temperatur gefüllt sind. Entfernt man die
Zwischenwand, so mischen sich beide Gase, Dabei wird die Mischuns-
gentropie erzeugt. Diese berechnet sich wie folgt:

– Mischen zweier Gase A und B


Die absolute Entropie des Gases A im Volumen VA vor dem Ent-
fernen der Zwischenwand ist analog zu obiger Ableitung gegeben
als:
µ ¶NA
VA
SA = kB ln (3.4.75)
V0
Hierbei ist V0 ein Normvolumen4 . Die absolute Entropie des Ga-
ses B im Volumen VB vor dem Entfernen der Zwischenwand ist
gegeben als:
µ ¶NB
VB
SB = kB ln (3.4.76)
V0
Nach dem Entfernen der Zwischenwand vergrößert sich für beide
Gase das Volumen jeweils auf VA + VB und wir bekommen für die
neuen Entropien SA0 und SB0 :
µ ¶NA
VA + VB
SA0 = kB ln (3.4.77)
V0
µ ¶NB
VA + VB
SB0 = kB ln (3.4.78)
V0
Die Differenz

∆S = SA0 + SB0 − SA − SB (3.4.79)


ergibt mit
4
Da wir uns im folgenden nur für Entropieänderungen interessieren, fällt V0 immer
wieder heraus

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 276
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE

µ¶ µ ¶
VA + VB VA + VB
∆S = NA kB ln + NB kB ln
V0 V
µ ¶ µ ¶ 0
VA VB
−NA kB ln − NB kB ln (3.4.80)
V0 V0
schließlich

µ ¶ µ ¶
VA + VB VA + VB
∆S = NA kB ln + NB kB ln (3.4.81)
VA VB

Dies bezeichnet man als Mischungsentropie.


– Mischen zweier gleicher Gase A und A
Jetzt wollen wir allerdings den Fall betrachten, daß die Gase im
Volumen A und im Volumen B identisch sind! Durch das Ent-
fernen der Zwischenwand können sich die Gase vermischen. Fügt
man die Trennwand allerdings wieder hinein, so gelangt man wie-
der zum Ausgangszustand. Somit hat sich der Grad an Ordnung
nicht geändert und man sollte erwarten das ∆S = 0 gilt. Statt-
dessen ergibt obige Ableitung auch für den Fall, daß zwei gleiche
Gase vorliegen ∆S > 0. Dies bezeichnet man als Gibbs’sches Pa-
radoxon. Wo liegt der Fehler? Das Paradoxon läßt sich beheben,
wenn wir zusätzlich voraussetzen, daß die Teilchen ununterscheid-
bar sind!
Betrachten wir NA Teilchen, die auf das Volumen aufgeteilt wer-
den. Die absolute Zahl der Möglichkeiten für unterscheidbare Teil-
³ ´NA
chen ist VVA0 . Falls die Teilchen ununterscheidbar sind, werden
eine Vielzahl von Möglichkeiten doppelt gezählt. Wenn wir NA
Teichen in einem Volumen verteilen gibt es NA !5 Permutationen,
die zu demselben Ergebnis führen. Dieser Umstand kann in der
Formulierung der Entropie korrigiert werden, indem die Zahl der
Möglichkeiten durch NA ! geteilt wird
µ ¶NA
1 VA
SA = kB ln (3.4.82)
NA ! V0
Da NA eine große Zahl ist kann man die Stirling-Formel ln N ! =
N ln N − N benutzen. Es ergibt sich:
5
NA ! bezeichnet die Fakultät und ist gegeben als NA · (NA − 1) · (NA − 2)...

277 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

µ ¶NA
VA
SA = kB ln − kB ln NA !
V0
µ ¶N
VA A
= kB ln − kB NA ln NA + kB NA
V0
µ ¶NA
VA
= NA kB ln + kB N A (3.4.83)
NA V 0

Auf der Basis dieser Ableitung können wir alle Terme in Gl.
V
3.4.81 analog zu V → N ersetzen und bekommen für die Entro-
pieänderung6 :

µ ¶ ¶ µ
VA + VB NA VA + VB NB
∆S = NA kB ln ·
+ NB kB ln ·
NA + NB VA NA + NB VB
(3.4.84)
Nachdem wir vorausgesetzt hatten, daß in beiden Teilvolumina
p und T gleich sind muß auch N/V konstant bleiben und wir
bekommen:

NA NB NA + NB
= = (3.4.85)
VA VB VA + VB
Dadurch gilt:

VA + VB NA
=1 (3.4.86)
NA + NB V A
Wenn wir dies in obige Gleichung einsetzen wird der Logarithmus
Null und man bekommt schließlich:

∆S = 0 (3.4.87)

Dies ist in Übereinstimmung mit der Vorstellung, daß wir keine


Änderung durchführen, wenn wir bei gleichen Gasen bei gleicher
Temperatur und Druck eine Trennwand hineinfügen oder hinaus-
ziehen.
Man beachte, daß bei dieser Ableitung auch die Gase A und B,
wie sie zu Anfang einzeln in den Volumina VA und VB vorliegen
6
Der letzte Term in Gl. 3.4.83 kB NA fällt bei der Bildung von ∆S immer weg.

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 278
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE

natürlich ununterscheidbar sind. D.h. die Formulierung entspre-


chend NA ! und NB ! ist in jedem Fall gültig. Allerdings gilt bei
dem zusammengefügten System nur für gleiche Gase (NA + NB )!,
für unterschiedliche Gase muß man NA !NB ! setzen!

• Maxwell’s Dämon
Die mögliche Verletzung des zweiten Hauptsatzes wurde in einem
berühmten Gedankenexperiment von Maxwell formuliert. In einem
Behälter befinde sich eine Trennwand mit einem kleinen Loch. Zu An-
fang befindet sich auf beiden Seiten ein Gas der Temperatur T . Maxwell
postulierte einen Dämon, der die Teilchen beobachtet wie sie durch
dieses Loch treten und sie gemäß ihrer Geschwindigkeit sortiert: die
heißeren Teilchen läßt er nach links übertreten, während die kälteren
Teilchen rechts bleiben müssen. Nach einiger Zeit muß sich ein Tem-
peraturunterschied einstellen. Damit hätte sich die Entropie in dem
System verringert. Dies wäre eine Verletzung des zweiten Hauptsatzes.

T T T1
T2

T1 ! T2

Abbildung 3.4.11: Der Maxwell’sche Dämon sortiert Teilchen, die durch


eine Öffnung zwischen zwei Behältern hindurch treten hinsichtlich ihrer Ge-
schwindigkeit. Dadurch entstehen unterschiedliche Temperaturen. Dies ver-
letzt zunächst den zweiten Hauptsatz, da die Entropie dabei abnimmt.

Dieser Sachverhalt löst sich auf indem man postuliert, daß die Infor-
mation ob ein Teilchen heiß oder kalt ist, der Erzeugung von Entropie
durch den Maxwell’schen Dämon entspricht. Die Fallunterscheidung für
jedes Teilchen erzeugt einen Zuwachs von:

∆S = kB ln 2 (3.4.88)

279 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

Somit nimmt die Entropie in dem Behälter ab, aber gleichzeitig die
Entropie der Information zu. Diese Sichtweise begründet die sog. In-
formationstheorie
Man erkennt aus dieser Betrachtung der Entropie, daß irreversible
Änderungen in einem geschlossenen System immer zu einer Maximierung
der Entropie führen. In diesem Sinne ist auch die Maxwell-Boltzmann-
Geschwindigkeitsverteilung eine Verteilung maximaler Entropie, da sie die
meisten Realisierungsmöglichkeiten darstellt eine vorgegebene Energiemen-
ge auf N Teilchen zu verteilen. Dies läßt sich leicht illustrieren: nehmen wir
an, daß die gesamte Energie von 10 Teilchen 10 Joule betragen soll. Eine
Möglichkeit wäre es einem Teilchen genau 10 Joule zuzuweisen und den an-
deren 9 jeweils 0 Joule. Dies ist allerdings nur einige einzige Variante. Verteilt
man die Energie gleichmäßiger auf die Teilchen so existieren mehr Permu-
tationen, d.h. diese Möglichkeiten sind viel wahrscheinlicher und besitzen
deshalb eine größere Entropie.

3.4.5 Der dritte Hauptsatz


Der dritte Hauptsatz der Wärmelehre betrachtet schließlich den absoluten
Nullpunkt der Temperaturskala. Er besagt:

lim S(T ) = 0 (3.4.89)


T →0

D.h. die Entropie S strebt für T → 0 gleichzeitig auch Null an. Am


absoluten Nullpunkt ist dann nur ein Zustand (Ω = 1) in einem System
realisiert nach S = kB ln Ω (ln 1 = 0). Läßt sich dieser Zustand erreichen?
Dafür benötigen wir eine thermodynamische Maschine, die ein Reservoir
abkühlt bis zur Temperatur Null. Die maximale Effizienz ²KM einer solchen
Kältemaschine wurde oben abgeleitet zu:
∆Q2 Tkalt
²KM =
= (3.4.90)
∆W Twarm − Tkalt
Setzen wir jetzt zum Beispiel für Twarm = 1 K und für Tkalt = 10−3
K, so müssen wir für eine Wärmeabfuhr von ∆Q2 = 1 J eine Arbeit von
∆W = 103 J aufwenden. Wollen wir noch weiter abkühlen steigt die dazu
notwendige Arbeit weiter an. D.h. der absolute Nullpunkt ist nicht erreichbar,
sondern kann nur näherungsweise erreicht werden. Der bisherige Rekord liegt
bei Nanokelvin.
Die Unerreichbarkeit des absoluten Nullpunktes läßt sich auch aus der
Entropieabhängigkeit des idealen Gases ableiten. Wir hatten abgeleitet, daß
die Entropie eines idealen Gases wie:

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 280
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE

S
p1
isotherm
p2

adiabatisch p2 ! p1

Abbildung 3.4.12: In einer Kältemaschine laufen abwechselnd isotherme


und adiabatische Prozesse zwischen zwei Drücken p1 und p2 ab, bei denen
ein Medium kontinuierlich abgekühlt wird. Im ST-Diagramm wird deutlich,
daß der Punkt T = 0 nicht erreichbar ist.

"µ ¶5/2 µ ¶#
T p0
S ∝ ln (3.4.91)
T0 p
skaliert. Die Form dieser Kurven für unterschiedliche Drücke p1 und p2
ist in Abb. 3.4.12 gezeigt. Man erkennt, daß eine Kältemaschine in einer
Abfolge von einem isothermen und einem adiabatischen Schritten zwischen
den Drücken p1 und p2 nur eine endliche Temperaturerniedrigung realisieren
läßt. Koppelt man eine Reihe von Kältemaschinen hintereinander (das kältere
Reservoir der ersten bildet das warme Reservoir der nächsten), so läßt sich
nie die Temperatur T = 0K erreichen kann. Einige Methoden zur Erzeugung
tiefer Temperaturen

3.4.6 Thermodynamische Maschinen


Thermodynamische Maschinen sind allgemein Apparate in denen ein Medium
einem Kreisprozeß unterworfen wird, wobei Wärme aus einem Reservoir in
mechanische Arbeit umgewandelt wird oder umgekehrt. Im folgenden wollen
wir einige typische Kreisprozeße diskutieren:

Kältemaschine
Bei einer Kältemaschine (bzw. Wärmepumpe) nimmt ein Medium bei ei-
ner tiefen Temperatur T2 eine Wärmemenge ∆Q auf (siehe Abb. 3.4.13). In

281 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

Medium Methode erreichte Temperatur


Luft Joule-Thomson O2 90 K, N2 77 K
H2 Joule-Thomson 20 K
4
He Joule-Thomson 4.21 K
3
He Joule-Thomson 3.19 K
4
He JT+Abpumpen 0.7 K
4
He-3 He Entmischungskühler 0.0019 K
paramg. Salze adiabat. Entmagnetisierung 0.002 K (Te )
Atomkerne adiabat. Entmagnetisierung 10−5 K (Te )
Atomkerne adiabat. Entmagnetisierung 10−10 K (TKern )

Tabelle 3.2: Erzeugung tiefer Temperaturen. Der Joule-Thomson-Effekt


bezieht sich auf die adiabatische Expansion realer Gase (siehe unten).
In einem Entmischungskühler wird die Entropieänderung bei einem Pha-
senübergang zur Abfuhr von Wärme benutzt. Adiabatische Entmagnetisie-
rung bezieht sich auf die Kühlung eines Spinsystems durch äußere Magnet-
felder. Beim adiabatischen Abschalten des Magnetfeldes steigt die Entropie
des Spinsystems auf Kosten der Entropie in der kinetischen Energie.

einem realen Kühlschrank ist dies oft latente Wärme, die durch das Ver-
dampfen eines Kühlmittels gegeben ist. Je größer die spezifische Wärme des
Kühlmittels ist, desto besser kann dieses die Wärmemenge mitnehmen. Ein
Kompressor verdichtet das Kühlmittel auf einen hohen Druck und Tempera-
tur T1 . In einem Wärmetauscher gibt es die Wärmemenge an die Umgebung
ab. Danach wird das Kühlmittel über eine Drossel entspannt, wobei es sich
wieder abkühlt und dabei verflüssigt. Damit ist der Kreislauf geschlossen.

Otto- und Dieselmotor


Bei einem Ottomotor laufen zwei isentrope und zwei ischore Prozesse zy-
klisch ab (siehe Abb. 3.4.14). Das Zünden des Brennstoff-Luft-Gemisches,
sowie das Ausstoßen des Abgases erfolgt so schnell, daß sich dabei das Vo-
lumen nicht ändert. Beim Ansaugen des Kraftstoffgemisches, sowie bei der
Expansion des gezündeten Kraftstoffgemisches kann keine Wärme abgege-
ben werden und man kann das System als geschlossen betrachten. D.h. die
Zustandsänderungen erfolgen isentrop bzw. adiabatisch.
Bei einem Dieselmotor hat man wieder zwei isentrope Zu-
standsänderung, aber nur eine isochore beim Ausstoß des Abgases, aber eine
isobare bei der Zündung des Gemisches. Die Verbrennung von Diesel erfolgt
viel langsamer, so daß bei der Ausdehnung der Kolben entsprechend nachge-
ben kann und der Druck bei dieser Verbrennung nahezu konstant bleibt. Der

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 282
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE

W
Kompressor

Erwärmung

Q T1 Q
Verdampfer Kondensor
T2

Abkühlung

Drossel

Abbildung 3.4.13: Kältemaschine.

Wirkungsgrad bei einem Dieselmotor ist größer, da ein viel höherer Druck
als beim Ottomotor erreicht wird, und damit die Fläche, die der Kreisprozeß
einschließt auch größer wird.

Stirling-Motor
Eine weitere thermodynamische Maschine bei der der Wirkungsgrad den des
Carnot-Prozesses erreicht, ist der Stirling-Prozeß, der sich aus zwei Isother-
men und zwei Isochoren zusammen setzt. Abb. 3.4.15 zeigt den Ablauf. An
einem Rad sind über zwei Kurbeln zwei Kolben aufgehängt, die um 90◦ ge-
geneinander versetzt sind. Ein Kolben komprimiert und expandiert das Gas,
bei der isothermen Expansion und Kompression. Der zweite Kolben ist in
der Mitte durchlässig, wobei das Gas beim Durchströmen seine Wärme an
Kupferwolle abgibt, bzw. von dieser aufnimmt. Dieser durchlässige Kolben
macht die isochoren Zustandsänderungen.

• Im ersten Schritt wird das Gas isotherm expandiert und nimmt dabei
Wärme von einem heißen Reservoir auf.

• In dem zweiten Schritt findet eine isochore Abkühlung statt, bei der
die Wärme von der Cu-Wolle aufgenommen wird.

• In dem dritten Schritt findet eine isotherme Kompression statt, bei der
Wärme an ein kälteres Reservoir abgegeben wird.

283 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

p p
2 Einspitzung 3
3
Expansion

4 4
Zünden

Abgas
Abgas
2

Ansaugen 1 1
V V
Otto-Motor Diesel-Motor

Abbildung 3.4.14: pV-Diagramme von Otto-Motor und Dieselmotor.

• Im letzten Schritt findet wieder ein isochore Erwärmung statt bei der
die Cu-Wolle wieder Wärme an das Gas abgibt.

Falls der Wärmeübertrag an die Cu-Wolle verlustfrei erfolgt, so hat auch


dieser Prozeß denselben Wirkungsgrad wie der Carnot-Prozeß. Die einzelnen
Schritte sind im pV-Diagramm in Abb. 3.4.15 noch einmal dargestellt.

3.4.7 Thermodynamische Potentiale


Für die Beschreibung von Systemen und entsprechenden Zu-
standsänderungen lassen sich unterschiedliche Erhaltungsgrößen definieren,
die sich in Abhängigkeit von Variablen einstellen. Betrachtet man zum
Beispiel ein abgeschlossenes System bei konstantem Volumen, so lassen
sich einzelne Systeme hinsichtlich des Volumens und der darin enthaltenen
Entropie voneinander unterscheiden. Für die Berechnung des Gleichge-
wichtszustandes fordert man das Minimum der Energie. Diese Forderung
muß allerdings in Abhängigkeit von dem System unterschiedlich formuliert
werden, da für jeden Fall das Minimum eines anderen thermodynamische
Potentials gesucht wird:

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 284
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE

1
T1
2

4
T2
3
V
T1

Cu-
Wolle

T2

isotherme isochore isotherme isochore


Expansion Abkühlung Kompression Erwärmung

Abbildung 3.4.15: Der Stirling-Prozeß ist in 4 Schritte unterteilt, die iso-


therme Expansion, die isochore Abkühlung, die isotherme Kompression, die
isochore Erwärmung.

Energie, Variablen S und V


Betrachten wir ein abgeschlossenes System in dem die Gesamtenergie im
Gleichgewicht minimal werden muß: dU = 0. Unterschiedliche Systeme un-
terscheiden sich bezüglich der Variablen Entropie S und Volumen V . Nach
dem ersten Hauptsatz gilt:

dU = T dS − pdV (3.4.92)
Diese Gleichung besagt wie die innere Energie U von den unabhängigen
Variablen S und V abhängt. Damit diese Gleichung immer gelten kann,
müssen allerdings die intensiven Größen Druck und Temperatur einer Bezie-
hung genügen. Die Ableitung der inneren Energie nach den Variablen ergibt:

¯
∂U ¯¯
= T (3.4.93)
∂S ¯V

285 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

¯
∂U ¯¯
= −p (3.4.94)
∂V ¯S

Nachdem die innere Energie ein Potential ist muß die Reihenfolge der
Ableitungen egal sein und gelten:

∂ 2U ∂ 2U
= (3.4.95)
∂S∂V ∂V ∂S
Dies läßt sich anders formulieren als:
¯ ¯ ¯ ¯
∂ ¯¯ ∂U ¯¯ ∂ ¯¯ ∂U ¯¯
= (3.4.96)
∂S ¯V ∂V ¯S ∂V ¯S ∂S ¯V
| {z } | {z }
−p T

Daraus folgt der Zusammenhang:


¯ ¯
∂p ¯¯ ∂T ¯¯
− = (3.4.97)
∂S ¯V ∂V ¯S

D.h. die Zustandsgleichung zur Beschreibung eines abgeschlossenen Sy-


stems bei konstantem Volumen muß dieser Bedingung genügen.

Enthalpie, Variablen S und p


Betrachten wir jetzt ein abgeschlossenes System bei dem der Druck p und
die Entropie S gegeben sein soll, sich aber das Volumen ändern kann. Dies
ist der häufigste Fall für chemische Reaktionen, die oftmals bei Umgebungs-
druck stattfinden. Mit dem Fortschreiten der chemischen Reaktion kann auch
Arbeit pdV gegen den Umgebungsdruck geleistet werden. Mit dem ersten
Hauptsatz

dU = T dS − pdV (3.4.98)
ergibt sich:

dU = T dS − d(pV ) + V dp (3.4.99)
Dies läßt sich umwandeln zu:

d(U + pV ) = T dS + V dp (3.4.100)
| {z }
=H

Mit dieser Definition der Enthalpie ergibt sich:

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 286
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE

dH = T dS + V dp (3.4.101)
Man erkennt, daß man bei isobaren Systemen im Gleichgewicht ein Mini-
mum der Enthalpie dH = 0 fordern muß! Das Minimum der inneren Energie
dU = 0 vernachlässigt, daß der Druck von außen an dem System zusätzlich
Arbeit leisten kann.
Damit die Enthalpie eine Erhaltungsgröße ist muß für die Variablen Tem-
peratur und Volumen ein Zusammenhang gelten. Die Abhängigkeit der Ent-
halpie von den Variablen ist:

¯
∂H ¯¯
= T (3.4.102)
∂S ¯p
¯
∂H ¯¯
= V (3.4.103)
∂p ¯ S

Nachdem die Enthalpie ein Potential ist, muß die Reihenfolge der Ablei-
tungen egal sein und gelten:

∂ 2H ∂2H
= (3.4.104)
∂S∂p ∂p∂S
Dies läßt sich anders formulieren als:
¯ ¯ ¯ ¯
∂ ¯¯ ∂H ¯¯ ∂ ¯¯ ∂H ¯¯
= (3.4.105)
∂S ¯p ∂p ¯S ∂p ¯S ∂S ¯p
| {z } | {z }
V T

Daraus folgt der Zusammenhang:


¯ ¯
∂V ¯¯ ∂T ¯¯
= (3.4.106)
∂S ¯p ∂p ¯S

Freie Energie, Variablen T und V


Betrachten wir ein isothermes System bei konstantem Volumen (siehe Abb.
3.4.16). Wir beginnen wieder mit dem ersten Hauptsatz:

dU = T dS − pdV (3.4.107)
Mit

dU = d(T S) − SdT − pdV (3.4.108)

287 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

läßt sich die freie Energie F definieren als:

F = U − TS (3.4.109)
und man bekommt

dF = −SdT − pdV (3.4.110)


Damit die freie Energie eine Erhaltungsgröße ist, muß zwischen der Entro-
pie und dem Druck folgender Zusammenhang gelten:
¯ ¯
∂S ¯¯ ∂p ¯¯
= (3.4.111)
∂V ¯T ∂T ¯V

&
F

T T

T ,V
p, T

freie Energie freie Enthalpie

Abbildung 3.4.16: Freie Energie und freie Enthalpie bei isothermen Sy-
stemen.

Die freie Energie wird oftmals benutzt um Prozesse an


Festkörperoberflächen zu beschreiben, die bei einer konstanten Tempe-
ratur ablaufen und bei denen sich das Volumen nicht ändert. Zudem ist
die freie Energie, derjenige Anteil an der inneren Energie, der nach außen
Arbeit leisten kann (F = U − T S).

Freie Enthalpie, Variablen T und p


Als letztes betrachten wir ein isothermes System bei dem der Druck konstant
gehalten wird. Es gilt zunächst:

dU = T dS − pdV (3.4.112)
Mit

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 288
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE

dU = d(T S) − SdT − d(pV ) + V dp (3.4.113)


können wir die sogenannte freie Enthalpie G definieren als:

G = U − T S + pV (3.4.114)
und bekommen

dG = −SdT + V dp (3.4.115)
Die freie Enthalpie wird insbesondere bei isothermen Prozessen wie der
Kondensation von Gasen angewendet. Auch hier kann analog zu obigen Bei-
spielen ein Zusammenhang der Variablen gefordert werden von:
¯ ¯
∂S ¯¯ ∂V ¯¯
− = (3.4.116)
∂p ¯T ∂T ¯p

Die Verknüpfungen zwischen den einzelnen thermodynamischen Po-


tentialen lassen sich mit einer einfachen Merkregel ableiten, wie sie in
Abb. ?? illustriert ist. Im Uhrzeigersinn gelesen ergibt sich ”Viereck für
thermodynamisch genutzte Potentiale hilft bei schnellem Umrechnen”: an
den Seiten stehen jeweils die 4 Potentiale. Dieses Potential setzt sich aus den
zwei Variablen links und rechts zusammen mit den Vorfaktoren auf den dia-
gonal gegenüber liegenden Seiten. Falls man sich entgegen der Pfeilrichtung
bewegt multipliziert sich noch ein Minuszeichen.

289 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.4. HAUPTSÄTZE DER WÄRMELEHRE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

V F T
U G
S H p

V T V T V F T V T
U G
S H p S p S p S p
dH TdS  Vdp dU TdS  pdV dF SdT  pdV dG Vdp  SdT

Abbildung 3.4.17: Viereck für thermodynamisch genutzte Potentiale hilft


bei schnellem Umrechnen.

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 290
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.5. REALE GASE

3.5 Reale Gase


3.5.1 van der Waals Zustandsgleichung
Bei der Betrachtung von thermodynamischen Prozessen haben wir bis-
lang immer ideale Gase betrachtet. Bei realen Gasen müssen wir allerdings
berücksichtigen, daß die Atome oder Moleküle ein Eigenvolumen haben bzw.
daß eine anziehende Wechselwirkung zwischen ihnen besteht. Für ein ideales
Gas galt:

pV = N kB T (3.5.1)
Bei einem realen Gas, das wir uns als Atome/Moleküle mit endlichem
Radius r vorstellen, ist der Mindestabstand zwischen zwei Atomen 2r. D.h.
das Volumen das den Gasatomen zur Verfügung gestellt werden kann kann
nicht beliebig klein werden. Das Eigenvolumen eines Gasteilchens ist danach:
4π 3
VGasteilchen =r (3.5.2)
3
Nachdem der Abstand zwischen zwei Gasteilchen mindestens 2r beträgt
ist das verbotene Volumen, in dem sich kein zweites Atom aufhalten kann
(siehe Abb. 3.5.1):

A
r
&
F
B

L
Abbildung 3.5.1: In einem realen Gas, besetzen die Atome ein endliches
Volumen.


Vverboten = (2r)3 = 8VGasteilchen (3.5.3)
3
Welches echte Volumen Vreales Gas steht nun N Gasteilchen in einem
Behälter mit Volumen V zur Verfügung:

V (1tes Teilchen) → V (3.5.4)

291 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.5. REALE GASE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

V (2tes Teilchen) → V − 8VGasteilchen (3.5.5)


V (3tes Teilchen) → V − 2 · 8VGasteilchen (3.5.6)
...
XN
V (N Teilchen) → V − (n − 1)8VGasteilchen (3.5.7)
n=1
(3.5.8)

Führt man diese Reihe zu Ende, so bekommt man als das Molvolumen
VM für NA Teilchen:

VM,reales Gas → VM − 4NA VGasteilchen = VM − b (3.5.9)


mit b einer gasart-abhängigen festen Konstanten.
Neben dem Volumen ändert sich allerdings bei einem realen Gas auch der
Druck durch die anziehende Wechselwirkung der Gasteilchen untereinander.
Betrachten wir ein Gasteilchen A, das mit den Gasteilchen B der Umgebung
eine anziehende Wechselwirkung eingeht. Im Inneren des Mediums heben
sich die Kräfte auf A auf, da alle Richtungen gleichberechtigt sind. Liegt das
Gasteilchen A allerdings an der Oberfläche, so entsteht eine Nettokraft, die
das Teilchen nach innen anzieht (siehe Abb. 3.5.1). Dies ist gleichbedeutend
mit einem äußeren Druck. Dieser sog. Binnendruck ist proportional zur An-
zahl der Gasteilchen B und zur Anzahl der Gasteilchen A an der Oberfläche.
Beides skaliert mit der Dichte der Gasteilchen N/V in dem Volumen. Damit
läßt sich der Druck neu formulieren als:
µ ¶2
NA a
preales Gas →p+c =p+ (3.5.10)
V V2
mit einer gasart-abhängigen Konstante c bzw. a. Das endliche Volumen
und der Binnendruck in einem realen Gas führen zur sog. van-der Waals
Zustandsgleichung eines realen Gases (für ein Mol, das ein Molvolumen
VM einnimmt):
µ ¶
a
p+ 2 (VM − b) = RT (3.5.11)
VM

Bezieht man alles auf eine Anzahl von n Mol eines Gases in einem Volu-
men V , so bekommt man:
µ ¶µ ¶
an2 V
p+ 2 − b = RT (3.5.12)
V n

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 292
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.5. REALE GASE

Bei einem realen Gas ändert sich auch die innere Energie, die jetzt zum
Teil durch die Bewegungsenergie aber auch durch die potentielle Energie ge-
geben ist. Komprimiert man das Volumen eines realen Gases, so verringert
sich der Abstand der Gasteilchen. Dadurch verringert sich bei einer attrak-
tiven Wechselwirkung die potentielle Energie. Dieser Betrag läßt sich formal
aus einer Integration der Arbeit pdV ableiten zu:
Z V
a a
Epot = 2
dV = − (3.5.13)
∞ VM VM
Damit wird die gesamte innere Energie zu:

1 a
U = f RT − (3.5.14)
2 VM
Dies hat Folgen für die Expansion eines realen Gases im Vergleich zu
einem idealen Gas. Expandiert man ein ideales Gas in Vakuum (freie Expan-
sion) so ändert sich seine Temperatur nicht, da das Gas keine Arbeit leisten
muß. Expandiert man allerdings ein reales Gas in Vakuum (bzw. einem sehr
geringen Druck) so kann es gegen die innere Wechselwirkung Arbeit leisten
und dementsprechend abkühlen. Betrachten wir eine sog. adiabatische (kein
Ausgleich der Wärme mit der Umgebung) Expansion bei konstantem Druck.
Wir suchen zur Bestimmung des Gleichgewichts das Minimum der Enthalpie.

H = U + pV (3.5.15)
Für U setzen wir obigen Ausdruck ein. Die van der Waals-
Zustandsgleichung lösen wir auf zu:

RT a
p= − 2 (3.5.16)
VM − b VM
Damit bekommt man:
µ ¶
f VM 2a
H = RT + − (3.5.17)
2 VM − b VM
Nachdem dH = 0 gelten muß, stehen die Änderung der Enthalpie mit
dem Volumen und mit der Temperatur in folgendem Zusammenhang:

dH dH
dH = dV + dT = 0 (3.5.18)
dV dT
dH dH
Die Ableitungen dV
und dT
bestimmen wir aus Gl. 3.5.17 und bekommen:

293 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.5. REALE GASE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

dT bRT − 2a
' ¡f ¢ (3.5.19)
dV 2
+ 1 RVM2
Man erkennt daß für 2a > bRT die Temperatur bei Vergrößerung des
Volumens abnimmt. D.h. das Gas kühlt sich ab, da es gegen den Binnendruck
Arbeit leistet. Dies bezeichnet man als Joule-Thomson-Effekt. Dies gilt
allerdings nur unterhalb der sog. Inversionstemperatur TI :

2a
TI = (3.5.20)
bR
Bei höheren Temperaturen nimmt bei der Expansion sogar die Tempera-
tur zu!

3.5.2 Flüssigkeits-Dampf-Gleichgewicht
Die Zustandsgleichung eines realen Gases 3.5.11 läßt sich in einem pV-
Diagramm darstellen. Man erkennt, daß für sehr hohe Temperaturen die
Form der Kurven für konstante Temperatur ähnlich zu den Kurven eines
idealen Gases sind. Bei Temperaturen unterhalb einer kritischen Temperatur
TK durchlaufen die Kurven allerdings Minima und Maxima! Verfolgt man
dp
eine dieser Kurven so bekommt man Bereiche in denen dV > 0 ist. Dies be-
deutet, daß der Druck bei einer Vergrößerung des Volumens zunimmt. Dies
ist unphysikalisch!
Dieser Widerspruch löst sich auf, wenn man berücksichtigt, das bei einem
realen Gas Phasenübergänge auftreten können. Bei einem Phasenübergang
findet eine Umwandlung von fest nach flüssig nach gasförmig statt. Betrach-
ten wir dazu ein System, das sich bei einer Temperatur T < TK befindet. Bei
einem niedrigen Druck und einem großen Volumen verhält sich das System
wie ein ideales Gas. Wenn wir den Punkt A in Abb. 3.5.2 erreichen, folgt
das System nicht mehr der Kurve wie von Gl. 3.5.11 vorgegeben, sondern der
Geraden ABC. Auf dieser Geraden bleibt der Druck konstant und die Ver-
kleinerung des Volumens, führt zu einer Phasenumwandlung von gasförmig
nach flüssig. Am Punkt A bilden sich die ersten Tröpfchen und an Punkt C
ist fast das ganz Gas in eine Flüssigkeit umgewandelt worden. Nach Punkt C,
steigt der Druck bei einer weiteren Volumenverkleinerung sehr stark an, da
Flüssigkeiten kaum kompressibel sind, d.h. eine kleine Volumenverkleinerung
führt zu einer sehr starken Druckerhöhung.
Wie findet man jetzt die Gerade ABC? Dabei hilft folgende Überlegung:
die Fläche unter der Kurve p(V ) entspricht der geleisteten Arbeit bei
der Zustandsänderung (wegen ∆W = −pdV ). Bei den unterschiedlichen

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 294
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.5. REALE GASE

gas
T ! Tk

flüssig


Tk
flüssig / gas
T  Tk


Abbildung 3.5.2: Nach der van-der Waals Zustandsgleichung eines rea-


len Gases, findet unterhalb einer kritischen Temperatur TK eine Phasen-
umwandlung statt. Im Bereich flüssig-gasförmig findet eine Koexistenz der
flüssigen und der gasförmigen Phase statt.

Möglichkeiten für eine Zustandsänderung von A nach C, soll jeweils die glei-
che Arbeit geleistet werden. D.h. die Flächen unter der Gerade ABC und der
Kurve nach Gl. 3.5.11 müssen gleich sein! Dies entspricht der graphischen
Auftragung in Abb. 3.5.2. Man bezeichnet dies als Maxwell-Konstruktion.
Betrachten wir jetzt ein System, das sich in dem Übergangsbereich zwi-
schen gasförmig und flüssig befindet. Betrachten wir das System bei kon-
stanter Temperatur, so stellt sich ein Gleichgewicht ein, bei der die Rate
der Moleküle, die verdampfen, und die Rate der Moleküle, die kondensieren,
gleich ist (siehe Abb. 3.5.3). Den Druck, der sich dann einstellt, bezeichnet
man als Sättigungsdampfdruck pS . Dieser Druck pS steigt mit der Tempe-
ratur an, da auch die Verdampfungsrate ansteigt. Durch den hohen Druck in
dem Behälter und erhöht sich wiederum auch die Rate mit der die Teilchen
wieder auf die Oberflächen treffen (∝ Teilchendichte × mittlere Geschwin-
digkeit) und kondensieren können. Ein neues Gleichgewicht entsteht.
Wie läßt sich jetzt diese Abhängigkeit des Sättigungsdampfdruckes von
der Temperatur ausrechnen? Dazu betrachten wir einen Kreisprozeß bei dem
Flüssigkeit verdampft und wieder kondensiert, wie in Abb. 3.5.4 illustriert.
Um eine Flüssigkeit mit Volumen Vf lüssig bei dem Sättigungsdampfdruck
ps zu verdampfen, muß die latente Wärme ∆Q1 (= Aktivierungsenergie Eact
in Abb. 3.5.4) dem System zugeführt werden. Diese wird in Arbeit umge-
wandelt, da sich der Druck ps + dps und das Volumen Vf lüssig → Vgasf örmig
ändert:

295 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.5. REALE GASE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

Dampfdruck 1 2

Abbildung 3.5.3: In einem System im Gleichgewicht stellt sich der


Sättigungsdampfdruck ein, bei dem genauso viele Teilchen kondensieren (1)
wie verdunsten (2).

∆W1 = (ps + dps ) (Vf lüssig − Vgasf örmig ) (3.5.21)


Das Gas wird dann adiabatisch expandiert, wobei sich der Druck wie-
der um dps erniedrigt und die Temperatur von T + dT auf T sinkt. Dann
kondensiert die Flüssigkeit wieder und die Arbeit:

∆W2 = ps (Vgasf örmig − Vf lüssig ) (3.5.22)


wird von dem System aufgenommen. Insgesamt bekommen wird dann:

∆W = ∆W1 + ∆W2 = (Vf lüssig − Vgasf örmig ) dp (3.5.23)


Der Wirkungsgrad dieses Kreisprozesses soll der eines Carnot-Prozesses
sein und man bekommt:

|∆W | (Vf lüssig − Vgasf örmig ) dp Twarm − Tkalt dT


η= = = ' (3.5.24)
∆Q1 ∆Q1 Twarm T
für dT ¿ T . Daraus bekommt man schließlich die Clausius-Clapeyron-
Gleichung:

dp
∆Q = T (Vgasf örmig − Vf lüssig ) (3.5.25)
dT
Aus dieser Gleichung läßt sich jetzt der prinzipielle Verlauf von ps (T )
ausrechnen, wie in Abb. 3.5.5 skizziert. Nachdem das gasförmige Volumen

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 296
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.5. REALE GASE

E act

p  dp
p T  dT

V fl . VD V

Abbildung 3.5.4: Die latente Wärme, die aufgebracht werden muß für
einen Phasenübergang läßt sich aus einem Kreisprozeß ableiten.

sehr viel größer ist als das Volumen der Flüssigkeit, bekommt man mit
ps Vgasf örmig = RT , die Gleichung:

1 ∆QV erdampf ung


dpS = dT (3.5.26)
pS RT 2
mit der Lösung:
∆QV erdampf ung
pS (T ) = p0 e− RT (3.5.27)
D.h. der Sättigungsdampfdruck steigt exponentiell mit der Temperatur−1
an. Aus der Bestimmung des Sättigungsdampfdruckes bei gegebener Tem-
peratur läßt sich zudem die latente Wärme berechnen, die für den Pha-
senübergang notwendig ist. Im folgenden werden einige Beispiel für das
Flüssigkeits-Dampf-Gleichgewicht diskutiert:

• Sieden von Wasser


Die Dampfdruckkurve wird beim Siedepunkt von Wasser in
Abhängigkeit vom Luftdruck sichtbar. Bei sehr geringem Druck fin-
det der Phasenübergang flüssig-gasförmig schon bei sehr viel geringe-
rer Temperatur statt. D.h. im Gebirge siedet das Wasser schon bei
Temperaturen deutlich unter 100◦ . Im umgekehrten Maße wird in ei-
nem Dampfkochtopf der Druck erhöht, so daß das Garen bei höheren
Temperaturen stattfinden kann.

297 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.5. REALE GASE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

p
Tk , p k

Kondensation

Verdampfen

Abbildung 3.5.5: Der Sättigungsdampfdruck stellt sich bei einem


Flüssigkeits-Dampf-Gleichgewicht ein.

• Wettergeschehen
Fügt man zum Beispiel eine Flüssigkeit in einen evakuierten Behälter
ein, so wird diese solange verdampfen bis der Sättigungsdampfdruck
erreicht ist. Falls man im umgekehrten Sinne ein Gas in einen eva-
kuierten Behälter einfüllt, so wird das Gas solange nicht konden-
sieren, bis der Druck den Sättigungsdampfdruck erreicht hat. Der
Sättigungsdampfdruck von Wasser in der Atmosphäre entspricht 100%
Luftfeuchtigkeit. Dieser Wert wird allerdings selten erreicht, da ein Sy-
stem für diese Phasenumwandlung sehr lange benötigt, so daß man
beim Wettergeschehen auch Luftfeuchtigkeiten ungleich 100% beob-
achten kann. Erst falls die Luft steht und keine Durchmischung in der
Atmosphäre auftritt kommt man den 100% Luftfeuchte nahe (schwüle
Luft). Erniedrigt man zum Beispiel bei 100% Luftfeuchtigkeit die Tem-
peratur, so erniedrigt sich der Sättigungsdampfdruck und Kondensati-
on setzt ein. Es regnet!

• Geysire
Bei einem Geysir wird an dem unteren Ende eines wassergefüllten
Schlotes die Wassersäule erhitzt (siehe Abb. 3.5.7). Durch den hohen
Druck (p1 ) erwärmt sich das Wasser bis auf über 100◦ bis sich Gasblasen
bilden. Wenn diese Gasblasen in dem engen Schlot emporsteigen, kann
es passieren, daß sie den Druck am unteren Ende der Wassersäule et-
was verringern (p1 → p0 ). Durch die Druckerniedrigung kann nun mehr
Wasser den Phasenübergang schlagartig vollziehen und eine große Men-

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 298
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.5. REALE GASE

100 qC

1 2 3 p >bar @

Abbildung 3.5.6: Sieden von Wasser.

ge an Dampf wird freigesetzt. Der sich dabei aufbauende Druck führt


zu einem explosionsartigen Ausstoßen der Flüssigkeitssäule.

p p0
Tk , p k

flüssig
p1

p0
gas p1
T
T

Abbildung 3.5.7: Bei einem Geysir führt die Blasenbildung in der Tiefe
zu einem spontanen Druckabfall und damit dem schlagartigen Verdampfen
der Flüssigkeit.

3.5.3 Phasendiagramme
Neben dem Phasenübergang gasförmig-flüssig, kann noch der Pha-
senübergang flüssig-fest stattfinden. In einem pT-Diagramm kann
mann wieder die einzelnen Bereiche unterscheiden. Die Kurve des
Sättigungsdampfdruckes ps wird beschrieben durch eine Lösung der

299 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.5. REALE GASE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

Gleichung:

dps
∆QV erdampf ung = T (Vgasf örmig − Vf lüssig ) (3.5.28)
dT

fest Tk , p k
2

flüssig 3

TT
gasförmig
1

Abbildung 3.5.8: In einem pT-Diagramm lassen sich die Pha-


sen fest-flüssig-gasförmig unterteilen. Die Phasenübergang (1) ent-
spricht Kondensieren-Sublimieren; (2) Schmelzen-Frieren; (3) Verdampfen-
Verflüssigen.

Für den Phasenübergang fest-flüssig, dem Schmelzen läßt sich wieder die
Clausius-Clapeyron-Gleichung bemühen:

dpS
∆QSchmelzen = T (Vf lüssig − Vf est ) (3.5.29)
dT
Die latente Wärme und der Volumenunterschied bestimmen gemäß dieser
Gleichung die Steigung der Kurve pS (T ).
Überlagert man das Flüssigkeits-Dampf-Gleichgewicht und das Fest-
Flüssig-Gleichgewicht, so erkennt man drei Bereiche in einem Phasendia-
gramm (Abb. 3.5.8): fest, flüssig und gasförmig. Am sogenannten Tripel-
punkt ist die Koexistenz von drei Phasen möglich. Bei Wasser liegt dieser
Punkt bei einem Druck von pT =611.657 Pa und einer Temperatur TT =273.16
K. Dieser Tripelpunkt ist eindeutig für die jeweilige Substanz und eignet
sich zur Eichung von Temperaturmessmethoden. Den Übergang zwischen
den Phasen fest-flüssig (Weg 2 in Abb. 3.5.8) bezeichnet man als Schmel-
zen/Frieren; den Übergang zwischen den Phasen flüssig-gasförmig (Weg

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 300
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.5. REALE GASE

1. Ordnung S 2. Ordnung
S

latente Wärme

T0 T T0 T

Abbildung 3.5.9: Phasenübergang 1. und 2. Ordnung.

3 in Abb. 3.5.8) bezeichnet man als Verdampfen/Verflüssigen; den di-


rekten Übergang zwischen den Phasen fest-gasförmig (Weg 1 in Abb. 3.5.8)
bezeichnet man als Sublimieren/Kondensieren.
Oberhalb einer kritischen Temperatur Tk und einem Druck pk wird die
Substanz überkritisch, da eine Unterscheidung zwischen Flüssigkeit und
Gas nicht mehr sinnvoll wird. Am kritischen Punkt selbst bilden sich fort-
laufend Flüssigkeitströpfchen und verschwinden wieder7 . Der überkritische
Zustand für Temperaturen T > Tk und Drücken p > pk vereint die gu-
ten Lösungsmitteleigenschaften einer Flüssigkeit mit den guten Transportei-
genschaften von Gasen. Überkritische Medien werden derzeit in der Che-
mie genutzt, um Reaktionen optimal ablaufen zu lassen bei denen eine
perfekte Durchmischung der Reaktanden wichtig wird. Typisches Beispiel
ist überkritisches CO2 (pK = 73 atm , Tk =304 K), das als ausgezeichne-
tes Lösungsmittel dienen kann. So wird z.B. die Entkoffeinierung von Kaf-
fee und die Entnikotinisierung von Tabak mittels überkritischem CO2 als
Lösungsmittel großtechnisch realisiert.
Phasenübergänge lassen sich in unterschiedliche Ordnungen einteilen. Bei
einem Phasenübergang 1. Ordnung beobachtet man eine direkte Un-
stetigkeit der thermodynamischen Potentiale. Beispiel wären alle Prozes-
se bei denen latente Wärme aufgewendet werden muß. Bei einem Pha-
senübergang 2. Ordnung beobachtet man eine Unstetigkeit erst in der
ersten Ableitung der thermodynamischen Potentiale. Beispiel wären alle Pro-
zesse bei denen keine latente Wärme aufgewendet werden muß, bei denen sich
aber die Freiheitsgrade in dem System ändern (Beispiel Magnetisierung).
Für die Zahl der frei wählbaren Zustandsgrößen (T, p, V ) läßt sich die
7
Im Experiment wird das Flüssigkeits-Dampf-Gleichgewicht intransparent durch die
starke Lichtstreuung an den feinen Tröpfchen

301 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.5. REALE GASE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

sog. Gibbs’sche Phasenregel anwenden. Mit f der Zahl der freien Zu-
standsvariablen und q der Zahl der koexistenten Phasen bekommt man den
Zusammenhang:

f =3−q (3.5.30)
Bei einem Gas wäre q = 1 und f = 2, d.h. p und T lassen sich zum
Beispiel frei einstellen, und V ergibt sich aus der Zustandsgleichung. Bei
der Dampfdruckkurve ist q = 2, d.h. für gegebene Temperatur gibt es einen
Sättigungsdampfdruck ps , Das Volumen ergibt sich wieder aus der Zustands-
gleichung. Am Tripelpunkt selbst ist q = 3, d.h. f = 0 und alle Zustandsva-
riablen sind festgelegt.
Ein Phasendiagramm betrachtet immer ein System, das sich bei gegebe-
nen äußeren Parametern wie Druck, Temperatur, Volumen etc. im Gleichge-
wicht befindet. In der Realität erfolgt eine Änderung der äußeren Parameter
allerdings nicht beliebig langsam, so daß das Erreichen des Gleichgewichts ei-
ne endliche Zeit in Anspruch nehmen kann. Dies soll an folgenden Beispielen
erklärt werden:
• Kondensstreifen
Betrachten wir das Flüssigkeits-Dampf-Gleichgewicht. Verändert man
einen äußeren Parameter, der zum Beispiel den Anteil an der flüssigen
Phase erhöhen würde, so kann dieser Übergang in der Regel nicht in-
stantan erfolgen. Beispiel wäre die Unterkühlung von Wasserdampf:
kühlt man gesättigten Wasserdampf ab, so muß sich die flüssige Phase
bilden. Damit sich allerdings neue Flüssigkeitströpfchen bilden, müssen
sich freie Moleküle verbinden. Aus der Betrachtung von Stoßprozes-
sen unter Energie- und Impulserhaltung ist bekannt, daß eine einfache
Rekombination von zwei Wassermolekülen nicht möglich ist. Erst ein
Stoß von drei Stoßpartnern ermöglicht die gleichzeitige Erfüllung von
Energie- und Impulserhaltung. Diese Dreier-Stöße sind allerdings sehr
unwahrscheinlich, so daß die Bildung von Flüssigkeitströpfchen eine
lange Zeit in Anspruch nimmt. Die Rate kann sich allerdings stark
erhöhen werden, wenn sog. Kondensationskeime existieren wie z.B.
Staub. Dies erklärt die Bildung von Kondensstreifen hinter Flugzeu-
gen, die immer dann in großer Höhe auftreten, wenn sich feuchte, un-
terkühlte Luft in der Atmosphäre befindet. Die Rußpartikel in den
Flugzeugabgasen wirken dann wie Kondensationskeime.
• Blitzeis
Die endlichen Zeiträume für das Ablaufen eines Phasenübergangs wird
auch beim sog. Blitzeis sichtbar: in der Atmosphäre kann unterkühltes

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 302
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.5. REALE GASE

Wasser entstehen, das keine Zeit hatte, um zu Eis oder Hagel zu kon-
densieren. Trifft ein solch unterkühlter Wassertropfen auf den Boden, so
bildet sich sofort Eis, da die Bodenoberfläche genügend Kondensations-
keime zur Verfügung stellt. Der Boden muß dabei nicht gefroren sein,
da das Wasser selbst schon eine Temperatur unter Null Grad besitzt.

• Nebelkammer
In der Teilchenphysik verwendet man auch Detektoren, die nach die-
sem Prinzip funktionieren. Hierbei wird ein Volumen schnell variiert in
dem sich Alkoholdampf bei Sättigungsdampfdruck befindet. Bei Ver-
kleinerung des Volumens erhöht man den Anteil an flüssiger Phase.
Allerdings kann dieser Vorgang nicht beliebig schnell erfolgen. In dem
pV-Diagramm folgt man deshalb der Isothermen, wie in Abb. 3.5.10
gezeigt. Läuft nun ein Elementarteilchen durch dieses Gasvolumen, so
ionisiert es die Gasmoleküle und hinterlässt eine Spur an Ladungs-
trägern. Diese Ladungsträger wirken wie Kondensationskeime und die
Spur wird als Kondensstreifen sichtbar.

Kondensation
am kond. Keim

Abbildung 3.5.10: Bei schnellen Änderungen, kann das System einer Pha-
senänderung nicht mehr instantan folgen. Es entsteht z.B. übersättigter Was-
serdampf.

Bei schnellen Änderung der äußeren Parameter kann man somit


Flüssigkeiten und Gase unterkühlen (supercooling) oder überhitzen
(superheating). Das Einbringen von einem einzigen Kondensationskeim

303 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.5. REALE GASE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

läßt allerdings die Phasenumwandlung spontan und sehr schnell ein-


setzen. D.h. eine unterkühlte Flüssigkeit gefriert schlagartig bzw. eine
überhitzte Flüssigkeit verdampft schlagartig. Solche Systeme besitzen ein
hohes Gefährdungspotential in der Technik.

Lösungsmittel
Im folgenden wollen wir ein Medium als Lösungsmittel betrachten in das
eine andere Substanz (z.B. ein Salz) eingebracht wird. Dabei sinkt in der
Regel der Dampfdruck um einen Betrag ∆ps , da bei einer Desorption von
Flüssigkeitsteilchen auch die anziehende Wechselwirkung der gelösten Sub-
stanz überwunden werden muß. Für die Änderung des Dampfdrucks findet
sich ein empirisches Gesetz der Form:

∆ps n1 n1
=− ≈− (3.5.31)
ps n0 + n1 n0
für n1 ¿ n0 mit n1 der Molzahl der gelösten Substanz und n0 der Molzahl
des Lösungsmittels. Wie ändern sich nun die anderen Zustandsvariablen?
Betrachten wir dazu wieder die Clausius-Clapeyron -Gleichung.

dps
∆Q = T (VDampf − VF lüssigkeit ) (3.5.32)
dT
RT
mit VDampf À VF lüssigkeit und VM = ps
bekommen wir:

dps 1
∆Q = RT 2 (3.5.33)
dT ps
bzw.

∆Q 1
2
dT = dps (3.5.34)
RT ps
Wir integrieren über den Temperaturunterschied ∆T und den Druckun-
terschied ∆ps und bekommen:
Z T +∆T Z ps +∆ps
∆Q 1
dT = dps (3.5.35)
T RT 2 ps ps

· ¸ µ ¶
∆Q 1 1 ∆ps
− + = ln(ps + ∆ps ) − ln ps = ln 1 + (3.5.36)
R T + ∆T T ps

Nähern wir diese Gleichung für ∆T ¿ T und ∆ps ¿ ps bekommt man:

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 304
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.5. REALE GASE

RT 2 ∆ps
∆T = − (3.5.37)
∆Q ps
Mit dem empirischen Zusammenhang 3.5.31 zwischen ps und der Konzen-
tration der gelösten Substanz ergibt sich für n1 ¿ n0 das sog. Raoult’sche
Gesetz:

RT 2 n1
∆T = (3.5.38)
∆Q n0

D.h. die Zugabe eines Lösungsmittel erniedrigt sich der


Sättigungsdampfdruck gemäß Gl. 3.5.31 und die Kurve in Abb. 3.5.4
verschiebt sich entsprechend nach unten. Im gleichen Zuge erhöht sich die
Siedetemperatur gemäß Gl. 3.5.38.
Betrachten wir im folgenden das Beispiel der Mischung von zwei Sub-
stanzen 1 und 2 mit unterschiedlichen Sättigungsdampfdrücken der reinen
Phasen p1,0 und p2,0 . In der Mischung stellt sich ein Gesamtdruck p ein, der
sich aus der Summe der sogenannten Partialdrücke ergibt:

p = p1 + p2 (3.5.39)

Nach dem Raoult’schen Gesetz gilt für die Änderung des Druckes in
Abhängigkeit von den Teilchendichten n1 und n2 der beiden Substanzen.

∆p1 n1 ∆p2 n2
=− = x1 =− = x2 (3.5.40)
p1,0 n1 + n2 p2,0 n1 + n2

mit x1 und x2 den jeweiligen Konzentrationen, für die gilt x1 + x2 = 1.


Mit

∆p1 p1 − p1,0 ∆p2 p2 − p2,0


= = x1 = = x2 (3.5.41)
p1,0 p1,0 p2,0 p2,0

bekommt man schließlich die Abhängigkeit:

p = p1 + p2 = p2,0 + x1 (p1,0 − p2,0 ) (3.5.42)

Man erkennt, daß der Sättigungsdampfdruck p in der Mischung linear zwi-


schen p2,0 und p1,0 variiert, wenn man die Konzentration x1 laufend erhöht.
Dies ist in Abb. 3.5.11 dargestellt.

305 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.5. REALE GASE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

p 20

p2
p10

p1

1 x1

Abbildung 3.5.11: Sättigungsdampfdruck p in einer Mischung aus zwei


Komponenten 1 und 2 mit Konzentration x1 bzw. x2 = 1 − x1 .

Das chemische Potential


Bislang hatten wir beim ersten Hauptsatz der Wärmelehre zunächst nur die
Änderung der inneren Energie durch die Zufuhr von Wärme und Arbeit be-
trachtet. Wenn wir zusätzlich annehmen, daß wir von außen neue Teilchen
hinzufügen können, so ändert sich im selben Maße auch die innere Energie.
Für dieses Hinzufügen von Teilchen muß jedoch eine gewisse Energiemenge
aufgebracht werden, da die Teilchen in dem Gas zum Beispiel eine mittlere
Geschwindigkeit haben, auf die ein Teilchen zunächst beschleunigt werden
muß. Die notwendige Energie bezeichnet man als chemisches Potential µ.
Wir können den ersten Hauptsatz somit erweitern zu:

dU = dQ − pdV + µdN (3.5.43)


D.h. ändern wir die Teilchenzahl um einen Betrag dN so erhöht sich die
innere Energie um einen Betrag µdN . Dieser erste Hauptsatz läßt sich auch
verallgemeinern für ein System mit j = 1..n Komponenten, die jeweils ihr
eigenes chemisches Potential µj besitzen:
n
X
dU = dQ − pdV + µj dNj (3.5.44)
j

Das chemische Potential einer Komponente hängt von den Zustands-


größen ab, die für das System gelten. Dies sind die Temperatur T und der

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 306
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.5. REALE GASE

Anteil am Gesamtdruck p, den eine einzelnen Komponente beiträgt. Für n


Komponenten bekommen wir einen Gesamtdruck p aus der Summe der sog.
Partialdrücke pj mit:
n
X
p= pj (3.5.45)
j

Wie ist jetzt die Abhängigkeit µj (T, pj )? Neben dem ersten Hauptsatz
gilt für die innere Energie als thermodynamischem Potential auch allgemein
(nur 1 Komponente mir Potential µ):

U = T S − pV + µN (3.5.46)
Bilden wir das totale Differential so bekommen wir:

dU = T dS + SdT − pdV − V dp + µdN + dµN (3.5.47)


Nachdem beide Gleichungen 3.5.43 und 3.5.47 gelten sollen, können wir
auch 3.5.43 in 3.5.47 einsetzen und bekommen eine abgeleitete Beziehung:

0 = SdT − V dp + N dµ (3.5.48)
Dies bezeichnet man als Gibbs-Duhem-Gleichung. Sie beschreibt den
Zusammenhang zwischen den Zustandsgrößen T, p und µ einer Komponen-
te in dem System. Im folgenden wollen wir die Anwendung des chemische
Potentials an zwei Beispielen illustrieren:

• Nukleation, T=const., V=const.


Wir betrachten ein Gas-Flüssigkeits-Gleichgewicht bei dem eine Tem-
peratur T und ein Druck p von außen vorgegeben sind. In Abhängigkeit
von diesem Druck p kann die Bildung von Flüssigkeitströpfchen ein-
setzen, man spricht von Nukleation. Für ein System mit gegebenem
Druck und Temperatur ist die freie Enthalpie G die richtige Formulie-
rung des ersten Hauptsatzes:

G = U + pV − T S (3.5.49)

Vergleichen wir diese Gleichung mit der Gleichung 3.5.46, so erkennt


man sofort, daß gilt:

G = U + pV − T S = µN (3.5.50)

307 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.5. REALE GASE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

D.h. die freie Enthalpie ist identisch mit dem Produkt µN . Hat man
mehrere Phasen oder unterschiedliche Gasmoleküle in einem System
vorliegen, so besitzt jeder Bestandteil sein eigenes chemisches Potential
und man bekommt im allgemeinen für ein System mit n Komponenten
(Index j):

n
X
G= µ j Nj (3.5.51)
j=1

In Analogie zum ersten Hauptsatz gilt

n
X
dG = µj dNj = 0 (3.5.52)
j=1

Im Flüssigkeits-Dampf-Gleichgewicht bei dem Sättigungsdampfdruck


p0 haben wir zum Beispiel:

µF lüssigkeit dNF lüssigkeit + µDampf dNDampf = 0 (3.5.53)

Im Gleichgewicht muß die Zahl der kondensierenden und der ver-


dampfenden Teilchen pro Zeit gleich sein, d.h. es gilt dNF lüssigkeit =
−dNDampf . Damit gilt:

µF lüssigkeit = µDampf (3.5.54)

D.h. befindet sich ein System im Gleichgewicht, so haben sich die che-
mischen Potentiale der unterschiedlichen Phasen für eine bestimmte
Komponente aneinander angeglichen.
Bei der Nukleation betrachten wir jetzt eine Reaktion von N Gasteil-
chen, die als neues Flüssigkeitströpfchen kondensieren sollen. Für diesen
Übergang gilt:

∆G = GF lüssigkeit − GDampf = −∆µN (3.5.55)

Dieser Vorgang kann nur stattfinden, wenn sich das chemische Poten-
tial der Gasteilchen von dem der Flüssigkeit unterscheidet (∆µ = 0)!
Dies kann man erzielen, wenn man den Druck der Gasphase gegenüber
dem Sättigungsdampfdruck erhöht, wodurch sich das chemische Poten-
tial der Gasteilchen auch verschiebt. Jetzt ist das chemische Potential

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 308
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.5. REALE GASE

der Flüssigkeitsteilchen kleiner und der Vorgang der Kondensation er-


niedrigt die Energie in dem System um (µGas − µF lüssigkeit )N .
Für die Berechnung der Druckabhängigkeit des chemischen Potentials
gehen wir wieder von der Gibbs-Duhem Beziehung für T =const. aus:

1
dµ = V dp (3.5.56)
N
D.h. wenn wir den Druck von p0 → p ändern, bekommen wir eine
Änderung des chemischen Potentials von:
Z p Z p
1 1 1 p
∆µ = V dp = N kB T dp = kB T ln (3.5.57)
p0 N p0 N p p0

D.h. mit steigendem Druck steigt auch das chemische Potential in einem
gegebenen Gasvolumen.

'G

v r2 (Oberfläche)
rkrit .
r

r
'G
p, T
v r 3 (Volumen)
'P

Abbildung 3.5.12: Änderung der freien Enthalpie ∆G bei der Nukleation


von Tröpfchen in der Gasphase. Erst ab einem kritischen Radius rkrit bleiben
die Tröpfchen stabil.

Bei der Bildung von Tröpfchen wird jedoch eine Flüssigkeit-Gas Grenz-
fläche geschaffen, wobei die Oberflächenenergie EOF aufgebracht wer-
den muß. Dies ist ein zusätzlicher Beitrag bei der Energiebilanz und
wir bekommen für die Bildung eines Tröpfchens eine Energieänderung:

309 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.5. REALE GASE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

∆G = −∆µN + AEOF (3.5.58)

Mit A der Oberfläche des Tröpfchens. Die Anzahl der Teilchen im Vo-
lumen skaliert mit dem Tröpfchenradius r3 , während die Oberfläche
des Tröpfchens mit r2 skaliert. Trägt man die Änderung der Enthalpie
∆G in Abhängigkeit vom Tröpfchenradius auf, so bekommt man eine
Abhängigkeit wie in Abb. 3.5.19 gezeigt.
Man erkennt, daß unterhalb eines kritischen Radius rkrit , die Enthal-
pie bei Vergrößerung des Tröpfchens zunimmt, d.h. die Reaktion der
Bildung eines Tröpfchens kann nicht ablaufen, weil der Endzustand
nicht energetisch günstiger ist. Erst bei größeren Tröpfchen wird die
Änderung der Enthalpie negativ und die Reaktion kann ablaufen. Der
kritische Radius ist klein und oftmals von der Größenordnung meh-
rerer Moleküldurchmesser. D.h. falls sich ein neues größeres Molekül
bei Dreier-Stoß-Rekombinationen bildet, kann das weitere Wachstum
dieses Tröpfchens ungehindert fortschreiten, da jetzt ∆G immer nega-
tiv bleibt. Nachdem Dreier-Stoß-Rekombinationen8 selten vorkommen
verstreicht eine gewisse Zeitspanne in dem übersättigten Dampf bevor
die Nukleation einsetzt.
Die absolute Größe des kritischen Radius rkrit. hängt von der Änderung
des chemischen Potentials ∆µ ab, wobei ein kleiner Wert für rkrit. eine
große Änderung von ∆µ bedingt. D.h. übersättigt man den Dampf
am Anfang sehr stark (p À p0 ), so sinkt der kritische Radius und die
Nukleation setzt schneller ein.

• Chemische Reaktionen
Bei der Ableitung des chemischen Potentials hatten wir die Enthalpie
definiert als:

n
X
G= µ i Ni (3.5.59)
i=1

Betrachten wir jetzt eine chemische Reaktion für eine Reihe von Eduk-
ten A zu einer Reihe von Produkten B. Diese liegen in entsprechen-
der Anzahl von Molen a und b vor. Für eine chemische Reaktion im
Gleichgewicht gilt gemäß der Stöchiometrie:
8
Nur bei Dreier-Stoß-Rekombinationen lassen sich gleichzeitig Energie- und Impulser-
haltung erfüllen.

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 310
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.5. REALE GASE

a1 A1 + a2 A2 + .... + an An À b1 B1 + b2 B2 + .... + bn Bn (3.5.60)

Im Gleichgewicht muß gelten:

n
X
dG = µj dNj = 0 (3.5.61)
j=1

Läuft jetzt eine chemische Reaktion ab, so verringert sich die Anzahl der
Edukte und es erhöht sich die Anzahl der Produkte entsprechend ihrem
stöchiometrischem Gewicht. Die Änderungen der Teilchenzahlen dNj
können wir mir dNj = aj N alle auf eine gleiche Anzahl N beziehen und
bekommen für die Summe aller Reaktanden multipliziert mit derem
chemischem Potential:

n
X m
X
dG = − µi a i N + µj bj N = 0 (3.5.62)
i=1 j=1

D.h. es gilt:

n
X m
X
µi a i = µj bj (3.5.63)
i=1 j=1

Bei der chemischen Reaktion ändert sich der Partialdruck der einzelnen
Spezies und damit deren chemisches Potential. Uns interessiert jetzt die
Abhängigkeit des chemischen Potentials von der Temperatur und dem
Partialdruck pj . Für das chemische Potential hatten wir:

1 V
dµj = − Sj dT + dpj (3.5.64)
Nj Nj

Für die Entropie Sj benutzen wir Gl. 3.4.65 mit Sj = S0 + ∆S(T, pj )


k N T
sowie V = Bpj j und bekommen als Änderung des chemischen Poten-
tials, bezogen auf den Ausgangszustand T0 und p0 :

Z T Z pj
1 kB T
∆µj (T, pj ) = − (S0 + ∆S) dT + dpj (3.5.65)
T0 N p0 pj

311 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.5. REALE GASE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

Z Ã "µ ¶5/2 µ ¶#!


T
T p0
= S0 + ln dT
T0 T0 pj
Z pj
kB T
+ dpj (3.5.66)
p0 pj
R
Mit ln xdx = x ln x − x und einer entsprechenden Definition von S0
bekommen wir als einfachen Ausdruck für die Änderung des chemischen
Potentials einer Komponente ∆µj (T, pj ) bezogen auf den Ausgangszu-
stand bei T0 und p0 :
"µ ¶5/2 µ ¶#
T p0
∆µj (T, pj ) = −kB T ln (3.5.67)
T0 pj

Für T = T0 ist dieser Ausdruck identisch zu Gl. 3.5.57. Wenn wir diesen
Ausdruck in Gl. 3.5.63 einsetzen, so bekommen wir

"µ ¶5/2 µ ¶# "µ ¶5/2 µ ¶#


X T p0 X T p0
ai ln = bj ln (3.5.68)
i
T0 pi j
T0 pj

Diese Summation läßt sich anders sortieren zu:

X µ ¶5/2 X µ ¶ ai X µ ¶5/2 X µ ¶bj


T p0 T p0
ai ln + ln = bi ln + ln
i
T0 i
pi j
T0 j
pj
(3.5.69)
Beziehungsweise:

"µ ¶ a1 µ ¶a2 µ ¶b1 µ ¶b2 # µ ¶5/2(b1 +b2 +...−a1 −a2 ...)


p0 p0 p1b p2b T
ln ... = ln
p1a p2a p0 p0 T0
(3.5.70)
Wenn wir die Konzentration einer Komponente A1 als x1a bezeichnen,
gemäß pp1a0 = x1a , ergibt sich der Zusammenhang:

xb1b1 xb2b2 ...


= K(T ) (3.5.71)
xa1a1 xa2a2 ...

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 312
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.5. REALE GASE

Dies bezeichnet man als Massenwirkungsgesetz der Chemie. D.h. die


Konzentrationen der Edukte und Produkte stehen im Gleichgewicht
in einem festen Verhältnis zueinander, das nur von der Temperatur
abhängt.

3.5.4 Wasser
Wasser ist bestimmend für viele Vorgänge der Biologie und der Atmosphäre.
Dies begründet sich durch ein Reihe von außerordentlichen Eigenschaften,
wie ungewöhnlichen Schmelz- und Siedepunkten, der Dichte-Erniedrigung
beim Frieren und seinen guten Eigenschaften als Lösungsmittel. Dies sei im
folgenden erläutert.

Anomalien
Wasser besitzt insgesamt 63 Anomalien, die es von chemisch gleichwertigen
Flüssigkeiten wie H2 S, H2 Te, H2 Se und H2 Po abgrenzt. Im folgenden seien
einige der wichtigsten genannt:

• Dichte nimmt beim Frieren ab


Beim Frieren von Wasser nimmt dessen Dichte ab! Aus diesem Grund
schwimmt gefrorenes Wasser (=Eis) an der Oberfläche. Im Vergleich
dazu sinkt zum Beispiel ein hartes Stück Kerzenwachs in flüssigem
Kerzenwachs zu Boden. Falls Eis nicht schwimmen würde, würden die
Meere über kurz oder lang bis zum Grund durchfrieren!

• Wasser hat die größte Dichte bei +4◦ C


Wasser besitzt seine größte Dichte bei +4◦ C. Damit ist die Temperatur
in den Tiefen der Weltmeere immer bei diesem Wert und das Wasser
kann dort nicht frieren!

• Wasser hat ungewöhnlich hohe Schmelz- und Siedepunkte


Vergleicht man die Reihe der chemisch gleichwertigen Hydrate H2 O,
H2 S, H2 Te, H2 Se und H2 Po so sind die Schmelz- und Siedepunkte von
Wasser ungefähr 100◦ C höher als erwartet, wie es in Abb. 3.5.13 illu-
striert ist.

• Wasser hat eine außergewöhnliche hohe spezifische


Wärmekapazität

313 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.5. REALE GASE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

T >@K

H2O
373
Sieden

H2O
273 Schmelzen

H2Te H2 Po
H2 Se
200
H2 S

Masse

Abbildung 3.5.13: Schmelzpunkte und Siedepunkte von H2 O, H2 S, H2 Te,


H2 Se und H2 Po.

Wasser hat eine sehr hohe spezifische Wärmekapazität im Bereich zwi-


schen 0◦ C und 40◦ C9 mit einem Minimum bei 311 K, wie in Abb. 3.5.14
illustriert. Durch diese hohe Wärmekapazität können die Weltmeere als
gute Energiespeicher in der Atmosphäre dienen.

• Warmes Wasser friert schneller als kaltes


Kühlt man Wasser bei konstanter Temperatur ab, so friert warmes Was-
ser schneller als kaltes (Mpemba-Effekt). Bis zum Vorgang des Frierens
wird kaltes Wasser stärker unterkühlt als warmes Wasser und braucht
damit länger bis Kristallisation einsetzt. Dies ist in Abb. 3.5.15 veran-
schaulicht.

• Wasser ist exzellentes Lösungsmittel


Sehr viele polare Substanzen lassen sich in Wasser lösen.

Die Eigenschaften von Wasser lassen sich wieder in einem Phasendia-


gramm ausdrücken (siehe Abb. 3.5.16). Im Unterschied zu anderen Substan-
zen wird die Steigung für die Schmelzkurve wegen dem negativen Vorzeichen
des Terms (Vf lüssig − Vf est ) negativ. Dies ist im Unterschied z.B. zu CO2 , bei
dem das Volumen beim Schmelzen zunimmt.

Am Gefrierpunkt selbst, muß Cp = dH


9
dT gegen unendlich gehen, da bei einem Pha-
senübergang 1. Ordnung Energie in latente Wärme aber nicht in Temperaturerhöhung
umgesetzt wird.

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 314
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.5. REALE GASE

Cp

273 311 T >K @

Abbildung 3.5.14: Spezifische Wärme von Wasser bei konstantem


Druck. Insbesondere im Bereich zwischen 273 und 311 K ist die spe-
zifische Wärmekapazität um ein Vielfaches höher als bei vergleichbaren
Flüssigkeiten.

Mikroskopische Struktur
Alle Anomalien des Wassers lassen sich durch dessen mikroskopische Struktur
erklären. Ein Wassermolekül H2 O hat die Struktur eines Tetraeders, wobei
zwei Ecken durch die Wasserstoffatome und zwei Ecken durch die ungebunde-
nen Elektronenpaare des Sauerstoffatoms gegeben sind. Zwischen den Was-
serstoffatomen und den ungebundenen Elektronenpaaren eines benachbarten
Wassermoleküls kann eine Wasserstoff-Brückenbindung ausgebildet wer-
den. Quantenmechanische Rechnungen zeigen, daß der Abstand zwischen den
Sauerstoffatomen in einem Wasserdimer (zwei benachbarte H2 O-Moleküle)
ca. 2.9 Å ist (siehe Abb. 3.5.17). Dieser Abstand kann sich verkürzen, wenn
mehrere Wassermoleküle zusammen kommen und sich ein dreidimensionales
Netzwerk aus Tetraedern formt. Man kann folgende Strukturen unterschei-
den:

• Gasförmiges Wasser, Dampf


In der Gasphase bilden sich als stabilste Formen in der Regel 6er Rin-
ge von Wassermolekülen, vergleichbar zum Benzol in der organischen
Chemie (siehe Abb. 3.5.17). Von diesen 6er-Ringen existieren mehrere
Formen.

• Flüssiges Wasser

315 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.5. REALE GASE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

Frieren
 6qC

Abbildung 3.5.15: Setzt man Wasser einem Kältebad von unter 0◦ Grad
aus, so gefriert warmes Wasser schneller als kaltes Wasser. Beim Vorgang
des Frierens wird kaltes Wasser stärker unterkühlt als warmes Wasser.

In flüssigem Wasser sind die Wassermoleküle durch zahlreiche


Wasserstoff-Brückenbindungen miteinander verbunden, die allerdings
schnell alternieren. Im Mittel besitzt ein Wassermolekül ungefähr 5
nächste Nachbarn. Als größere Strukturen beobachte man im Gleich-
gewicht die Bildung von Icosaedern.

• Festes Wasser, Eis


In festem Wasser bildet sich ein Wasserstoff-Brücken-Netzwerk, bei dem
jedes Wassermolekül genau 4 Nachbarn hat. In Analogie zum Kohlen-
stoff gibt es hexagonal (wie Graphit bei Kohlenstoff) oder tetraedrisch
(wie Diamant bei Kohlenstoff) geordnetes Eis. Bei einer Variation von
Druck und Temperatur durchläuft Eis insgesamt 15 (!) Kristallstruk-
turen, die sich durch unterschiedliche Packungsdichten auszeichnen.

Diese Mikrostruktur erlaubt es alle Anomalien von Wasser zu erklären: (i)


im flüssigen Zustand hat ein Wassermolekül im Mittel 5 Nachbarn, während
es im festen Zustand genau 4 Nachbarn hat. Dadurch nimmt die Dichte ab;
(ii) im selben Maße wird seine Dichte bei +4◦ C maximal. Die hohen Schmelz-
und Siedepunkte werden dadurch erklärt, daß die zugeführte Wärme kom-
plexe Wasserstoff-Brücken-Netzwerke aufbrechen muß, bevor ein Schmelzen
bzw. ein Verdampfen eintreten kann; (iii) warmes Wasser gefriert schneller,
da die Wassermoleküle im warmen Wasser zunächst ungeordnet vorliegen und
sich damit schnell in das hexagonale Gitter beim Frieren umordnen können.

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 316
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.5. REALE GASE

Tk , pk
flüssig

fest

gasförmig

Abbildung 3.5.16: Phasendiagramm von Wasser mit der kritischen Tem-


peratur Tk und Druck pk . Insbesondere die negative Steigung der Schmelz-
kurve ist einzigartig bei der Substanz Wasser.

Bei kaltem Wasser hingegen haben sich in großer Zahl Icosaeder gebildet, die
zunächst aufgelöst werden müssen, bevor sich die hexagonale Struktur des
Wasserseises einstellen kann; (iv) je nach polarer Substanz können sich un-
terschiedliche Wasserstoff-Brücken-Netzwerk bilden, die das polare Molekül
umschließen und es so wasserlöslich machen.
Eine lange Debatte (seit 1850 bis heute) entspannte sich um die Tatsache,
daß man auf Eis Schlittschuhfahren kann. Die älteste These war diejenige,
daß durch die negative Steigung der Schmelzkurve (siehe Abb. 3.5.13) eine
Druckerhöhung zum Schmelzen von Eis führt. Ein Schlittschuhfahrer gleitet
dann nahezu reibungslos auf einem dünnen Wasserfilm.
Betrachtet man dieses Argument allerdings quantitativ, so kann ein
Schlittschuhfahrer wegen seiner sehr schmalen Schlittschuhkufen maximal
einen Druck von ca. 500 Atmosphären auf das Eis ausüben. Bei diesem Druck
schmilzt das Eis schon bei -3.5◦ C. Die Erfahrung zeigt jedoch, daß Schlitt-
schuhfahren bei sehr viel tieferen Temperaturen noch möglich ist. Bis ca. -
33◦ C kann man Schlittschuhfahren, und erst bei -46◦ C gleicht das Gleiten auf
Schnee und Eis eher dem Gleiten auf Sand wie man seit der Südpolexpedition
von Robert Scott weiß. Nach dem Phasendiagramm, kann Eis auch bei tiefe-
ren Temperaturen durch Druck schmelzen. Allerdings ist das Minimum bei
-22◦ C und man benötigt dann einen Druck von ca. 5000 Atmosphären!

317 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.5. REALE GASE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

H

G 57q
O O H O
H 0
H HG  2 , 97 A
H

H H
O HO
H
H
HO OH
H
H
OH O
H H

Abbildung 3.5.17: Ein Wassermolekül bildet einen Tetraeder. Durch die


Ladungsverschiebung δ + und δ − können sich schwache Bindung zwischen
zwei Wassermolekülen ausbilden, die sog. Wasserstoffbrückenbindungen.
Dies führt zur Bildung von ausgedehnten Wasserstoff-Brücken-Netzwerken,
mit einem 6er Ring als einfachstem Beispiel.

Dieses Rätsel hat sich erst in den letzten Jahren aufgelöst. Durch eine mi-
kroskopische Analyse hat man festgestellt, daß auf einer Eisoberfläche immer
ein Flüssigkeitsfilm existiert: an der Grenzfläche Eis-Luft bewirkt das Fehlen
von benachbarten Wassermolekülen, daß die vierfach koordinierte Struktur
des Eises instabil wird. Es findet eine sog. Rekonstruktion der Oberfläche
statt, die knapp unterhalb der Schmelztemperatur an der Bildung eines
dünnen Flüssigkeitsfilms sichtbar wird. Dieses Phänomen beobachtet man
generell bei vielen Festkörperoberflächen kurz unterhalb ihres Schmelzpunk-
tes.
Nahe unter dem Gefrierpunkt ist dieser Flüssigkeitsfilm ungefähr 100
nm dick, wird dann mit sinkender Temperatur schnell dünner bevor er bei
−33◦ C ganz verschwindet! Dieses Verhalten kann man in sog. Regelations-
Experimenten beobachten. Hierbei wird ein Draht um einen Eisblock gelegt
und dann mit einem Gewicht beschwert, wie in Abb. 3.5.17 illustriert. An der
Grenzfläche zwischen Draht und Eis bildet sich fortlaufend ein Wasserfilm,
durch den dieser langsam nach unten sinkt. Hinter dem Draht verschwindet
die Grenzfläche und das Eis friert wieder zusammen. Der Draht bewegt sich
also langsam durch den Eisblock, wobei dieser intakt bleibt. Die Geschwindig-

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 318
KAPITEL 3. WÄRMELEHRE 3.5. REALE GASE

keit des Drahtes hängt von der Dicke des Wasserfilms an der Grenzfläche ab.
Nahe bei Null Grad bewegt sich der Draht sehr viel schneller als bei sehr tie-
fen Temperaturen. Dies ist eine eindrucksvolle Bestätigung der Abhängigkeit
der Dicke des Wasserfilms von der Temperatur.

& &
mg mg &
mg

Abbildung 3.5.18: Regelation von Eis: Ein Draht schmilzt durch einen
Eisblock hindurch da sich an der Grenzfläche Draht-Eis immer ein
Flüssigkeitsfilm bildet.

Wasser und Lösungsmittel


Die besondere Form des Phasendiagramms von Wasser hat signifikante Fol-
gen bei der Mischung von Wasser und einer gelösten anderen Substanz
wie zum Beispiel Salz. Durch die Anwesenheit von Lösungsmittel-Molekülen
erhöht sich die latente Wärme, die für einen Phasenübergang zugeführt wer-
den muß, da auch die anziehende Wirkung dieser Lösungsmittelmoleküle
überwunden werden muß! Insgesamt entsteht eine Verschiebung der
Dampfdruck- und Schmelzdruckkurven, wie in Abb. 3.5.19 illustriert. D.h.
der Sättigungsdampfdruck erniedrigt sich bzw. der Siedepunkt erhöht sich:
gesalzenes Wasser kocht bei höheren Temperaturen. Durch diese Anomalie
des Wassers erniedrigt sich aber auch zusätzlich die Schmelztemperatur, da
die Schmelzdruckkurve eine negative Steigung hat! Aus diesem Grund läßt
sich Eis durch die Zugabe von Salz auftauen.

319 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
3.5. REALE GASE KAPITEL 3. WÄRMELEHRE

H2O

Schmelzpunkt-
ernidrigung
H2O+NaCl

Siedepunktserhöhung

Abbildung 3.5.19: Durch die Zugabe eines Lösungsmittel zu Wasser


erhöht sich die latente Wärme für eine Verdunstung, da jetzt auch Arbeit
gegen die anziehende Wirkung der Lösungsmittelmoleküle geleistet wird.
Dies führt zu einer Verschiebung der Kurven. Als Folge bekommt man bei
Wasser eine Siedepunktserhöhung und eine Schmelzpunkt-Erniedrigung.

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 320
Anhang A

Formelsammlung

Impuls p~ = m~v

2. Newton’sche Axiom, Translation F~ = d~


p
dt
R
Arbeit W = F~ d~r
dW
Leistung P = dt

kinetische Energie Ekin = 12 mv 2

Gravitationskraft, allgemein
F~G = −G m1r2m2 r̂
r̂ ist Einheitsvektor

potentielle Energie,
Epot = mgh
Gravitation Erdoberfläche

potentielle Energie,
Epot = −G m1rm2
Gravitation allgemein

Zusammenhang Kraft, potentielle Energie F~ = −gradEpot


Winkelgeschwindigkeit ω= dt

Bahngeschwindigkeit ~v = ω
~ × ~r
2
Zentripetalbeschleunigung ~a = − vr r̂ = −ω 2 rr̂

321
ANHANG A. FORMELSAMMLUNG

γ-Faktor, spez. Rel. γ= q 1


2
1− v2
c

0
Lorentztrafo Ort, v in x-Richtung x = γ(x − vt)
¡ vx
¢
Lorentztrafo Zeit, v in x-Richtung t0 = γ t − c2

Drehimpuls eines Massenpunktes ~ = m~r × ~v


L

Drehmoment ~ = ~r × F~
D
R
Trägheitsmoment, Dichte ρ I= r2 ρdV
V olumen ⊥

Drehimpuls, feste Achse ~ = I~ω


L

I Hohlzylinder, Radius R, Masse M I = M R2

I Vollzylinder, Radius R, Masse M I = 12 M R2

I Kugel, Radius R, Masse M I = 25 M R2

Steiner’sche Satz I = ISchwerpunkt + a2 M

~ = ~
dL
2. Newton’sche Axiom, Rotation D dt

kinetische Energie, Rotation Erot = 12 Iω 2

Hook’sches Gesetz, Dehnung und Stauchung σ = E²

Hook’sches Gesetz, Verscherung τ = Gγ

Querkontraktion, µ Poissonzahl ²y = ²z = −µ²x

Massenflußdichte j = ρv [gm−2 s−1 ]

Teilchenflußdichte j = nv [m−2 s−1 ]

Teilchenerhaltung, Strömung j1 A1 = j2 A2

Energieerhaltung, Bernoulli-Gleichung p1 + 12 ρ1 v12 + ρ1 gh1 = p2 + 12 ρ2 v22 + ρ2 gh2


Gesetz von Hagen-Poiseuille V πR4 ∆p
=
Rohr mir Radius R und Länge L t 8ηL

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 322
ANHANG A. FORMELSAMMLUNG

2Ekin
Reynoldszahl Re = WReibung

d2 x
Harmonischer Oszillator dt2
+ ω02 x = 0

Eigenfrequenz Feder pc
ω0 =
c Federkonstante, m Masse m

Eigenfrequenz Pendel pg
ω0 =
l Länge l

d2 x
Gedämpfter Oszillator dt2
+ 2γ dx
dt
+ ω02 x = 0

Wellenlänge 2π
λ= v
ω P hase
= f1 vP hase
f Frequenz, ω Kreisfrequenz

Wellenzahl k= λ

Wellengleichung d2 x 2
dt2
= v 2 ddzx2
x Amplitude, z Ausbreitungsrichtung
ω
Phasengeschwindigkeit vP hase = k


Gruppengeschwindigkeit vGruppe = dk

Amplitude einer Welle


x = A cos(ωt − ~k~r + ϕ)
Ort ~r, Zeit t und Phase ϕ

Dopplereffekt bewegte Quelle 1


f = f0 v
Quelle nähert/entfernt sich 1∓ vQuelle
P hase

Dopplereffekt bewegter Beobachter ³ ´


vBeobachter
f = f0 1 ±
Beobachter nähert/entfernt sich vP hase

323 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
ANHANG A. FORMELSAMMLUNG

allgemeine Gasgleichung pV = N kB T

spezifische Wärme c
∆Q = cM ∆T
Masse des Körpers M

innere Energie eines idealen Gases


U = 12 f N kB T
f Freiheitsgrade

spezifische Wärmekapazität von 1 Mol


CV = 12 f R
eines idealen Gases V=const.

spezifische Wärmekapazität von 1 Mol


Cp = 12 (f + 2)R
eines idealen Gases p=const.
CP f +2
Adiabatenkoeffizient γ= CV
= f

dQ
Wärmetransport dt
= −λA dT
dx

1. Hauptsatz dU = dQ + dW

Arbeit eines Gas dW = −pdV

Enthalpie H = U + pV

Adiabatengleichung pV γ =const.

Adiabatengleichung T V γ−1 =const.

Wirkungsgrad T1 −T2
η=
Carnot-Prozeß, T1 > T2 T1

dQ
Entropie dS = T

Entropie S = kB ln Ω

2. Hauptsatz ∆Sirreversibel > 0


³ ´
van der Waals Zustandsgleichung a
p+ VM2 (VM − b) = RT
für ein Mol

Clausius-Clapeyron-Gleichung ∆Q = T dp
dT
S
(VP hase1 − VP hase2 )

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 324
Anhang B

Konstanten

Erdbeschleunigung g = 9.80665 m · s−2

Gravitationskonstante G = 6.672591 · 10−11 N · m2 · kg−2

Lichtgeschwindigkeit c = 2.99792458 · 108 m · s−1

Masse Erde M = 5.975 · 1024 kg

Boltzmannkonstante kB = 1.380658 · 10−23 J · K−1

Gaskonstante R = 8.314510 J · mol−1 · K−1

Avogadro-Konstante NA = 6.0221367 · 1023 mol−1

325
Anhang C

Fragenkatalog

C.1 Kapitel 1: Was ist Physik ?


• Wie werden Naturgesetze aufgestellt? Was ist das Falsifizierungsprin-
zip?

• Welche Maßeinheiten der Physik gibt es und wie werden sie geeicht.

• Beschreiben sie Experiment und Interpretation am Beispiel des freien


Falls.

• Unterscheiden sie systematische und statistische Fehler.

C.2 Kapitel 2: Mechanik


C.2.1 Bewegung eines Massenpunktes
• Wie stehen Weg, Geschwindigkeit und Beschleunigung zueinander?

• Beschreiben sie den schrägen Wurf.

• Was sind die Newton’schen Axiome?

• Was ist der Unterschied zwischen schwerer und träger Masse?

• Was ist die Zentripetalbeschleunigung?

• Wie lautet der Energiesatz der Mechanik?

• Was sind konservative und nicht-konservative Kraftfelder?

326
ANHANG C. FRAGENKATALOG C.2. KAPITEL 2: MECHANIK

C.2.2 Systeme von Massenpunkten


• Definieren sie Schwerpunkt und Schwerpunktsgeschwindigkeit.

• Welche Erhaltungssätze gelten?

• Was sind elastische, inelastisch und superelastische Stöße? Wie ändert


sich dabei der Schwerpunkt und die Schwerpunktsgeschwindigkeit?

• Beschreiben sie den Übergang vom Labor- ins Schwerpunktsystem.

• Was ist die reduzierte Masse und wofür wird sie verwendet?

• Was ist der Stoßparameter und Streuwinkel?

• Was lernt man aus Streuexperimenten?

C.2.3 Bezugssysteme
• Was ist ein Inertialsystem?

• Was ist die Zentrifugal- und die Corioliskraft?

• Beschreiben sie die Zeitdilatation?

• Beschreiben sie die Längenkontraktion?

• Was ist die Lorentztransformation?

• Was ist die relativistische Masse?

• Was bedeutet die Äquivalenz von Masse und Energie?

C.2.4 Ausgedehnte starre Körper


• Was ist Translation und Rotation?

• Was sind Drehimpuls und Drehmoment?

• Was ist die Bewegungsgleichung der Rotation?

• Was ist die kinetische Energie der Rotation?

• Was ist ein Trägheitsmoment?

• Wie läßt sich mittels der Energieerhaltung das Abrollen eines Zylinders
beschreiben?

327 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
C.2. KAPITEL 2: MECHANIK ANHANG C. FRAGENKATALOG

• Vergleichen sie die Kinematik der Rotation und der Translation?

• Was ist die Nutation?

• Was ist eine Präzession?

• Kennen sie einige Anwendungen eines Kreisels?

C.2.5 Reale Körper


• Was ist das Hook’sche Gesetz?

• Definieren sie Dehnung, Stauchung, Zugspannung und Druckspannung?

• Was ist das Elastizitätsmodul?

• Beschreiben sie die Querkontraktion?

• Was ist das Schubmodul und die Scherspannung?

• Was ist die neutrale Faser?

• Wie wird die Durchbiegung eines Balkens berechnet?

• Wie unterschieden sich elastische Körper, Flüssigkeiten und Gase hin-


sichtlich der Kräfte, die sie aufnehmen können und der Änderung von
Volumen und Dichte?

• Wie ist der Druck definiert?

• Was ist das Archimedische Prinzip? Wie entsteht der Auftrieb? Was
bedeutet Schwimmen?

• Leiten sie die barometrische Höhenformel ab.

C.2.6 Transport
• Was ist die Kontinuitätsgleichung?

• Leiten sie die Bernoulli-Gleichung ab.

• Beschreiben sie einige Effekte, die sich gut mit der Bernoulli-Gleichung
erklären lassen.

• Was beschreibt das Gesetz von Hagen-Poiseuille?

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 328
ANHANG C. FRAGENKATALOG C.2. KAPITEL 2: MECHANIK

• Was ist der Unterschied zwischen laminarer und turbulenter Strömung?


• Was ist die Reynoldszahl?
• Wie entstehen Wirbel?
• Was ist Diffusion?
• Was ist die freie Weglänge ?

C.2.7 Schwingungen
• Was ist eine typische Schwingungsgleichung?
• Wie hängt die Periode eines Pendels von der Länge und der Masse ab.
• Was ist eine Schwebung?
• Welche Arten der Dämpfung einer Feder existieren? Was ist der aperi-
odische Grenzfall?
• Wie ändern sich die Amplitude und Phase bei der erzwungenen Schwin-
gung?
• Was ist Resonanz?
• Was passiert bei gekoppelten Oszillatoren?

C.2.8 Wellen
• Was ist die Wellengleichung?
• Definieren sie Wellenlänge, Phasengeschwindigkeit und Amplitude ei-
ner Welle.
• Was sind longitudinale und transversale Wellen?
• Was sind Phasen- und Gruppengeschwindigkeit?
• Was ist das Huygens’sche Prinzip ?
• Was ist die Wellenzahl und der Wellenvektor ?
• Beschreiben sie Interferenz, Brechung und Beugung.
• Wann entstehen stehende Wellen?
• Was ist der Dopplereffekt?

329 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
C.3. KAPITEL 3: WÄRMELEHRE ANHANG C. FRAGENKATALOG

C.3 Kapitel 3: Wärmelehre


C.3.1 kinetische Gastheorie
• Wie sind die Geschwindigkeit der Teilchen in einem idealen und die
Temperatur verknüpft?

• Was ist die Verteilungsfunktion?

• Wie ergeben sich gemittelte Größen aus einer Verteilungsfunktion?

• Was ist die Maxwell-Boltzmann-Verteilung?

C.3.2 Wärme
• Wie werden Temperaturen gemessen?

• Definieren sie Wärme?

• Was ist die spezifische Wärme und wie läßt sie sich messen?

• Was ist der Gleichverteilungssatz?

• Beschreiben sie die spezifische Wärme eines Gases und eines


Festkörpers.

• Was ist die latente Wärme

C.3.3 Wärmetransport
• Wie ist die Wärmeleitfähigkeit definiert?

• Was ist der Wärmestrom und der Wärmewiderstand?

• Was ist Wärmestrahlung?

• Was ist ein schwarzer Körper?

• Wie ist die spektrale Verteilung der Wärmestrahlung?

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 330
ANHANG C. FRAGENKATALOG C.3. KAPITEL 3: WÄRMELEHRE

C.3.4 Hauptsätze
• Was ist der Unterschied zwischen Arbeit und Wärme?

• Definieren Sie isotherm, isochor, isobar, isentrop, isenthalp, irreversibel,


reversibel.

• Was beschreibt der erste Hauptsatz?

• Was beschreibt der zweite Hauptsatz?

• Was ist ein Carnot-Prozeß? Warum ist sein Wirkungsgrad maximal?

• Was ist die Entropie?

• Wies ist die mikroskopische Interpretation der Entropie?

• Wie funktioniert ein Stirling-Motor?

• Beschreiben sie die thermodynamischen Potentiale Energie, freie Ener-


gie, Enthalpie und freie Enthalpie.

• Was ist das thermodynamische Viereck?

C.3.5 Reale Gase


• Beschreiben sie die van-der-Waals-Zustandsgleichung?

• Was ist die kritische Temperatur und der kritische Druck?

• Was beschreibt die Clausius-Clapeyron-Gleichung?

• Was ist der Dampfdruck?

• Was ist der Tripelpunkt?

• Beschreiben sie den Joule-Thomson-Effekt.

• Was ergibt sich bei schnellen Änderungen für Phasenübergänge?

• Beschreiben sie die Phänomene Schmelzpunkterniedrigung und Siede-


punktserhöhung?

• Welche Anomalien besitzt Wasser und warum?

331 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
Index

cW -Wert, 171 Clausius-Clapeyron-Gleichung,


Äquivalenzprinzip, 107 293
überhitzen, 300 Corioliskraft, 90
0-ter Hauptsatz, 230
Dämpfung, 185
Absorptionsvermögen, 249 Dehnung, 135
Achse Dezibel, 203
feste, 110 Diffusion, 176
freie, 110 Dispersion, 205
Adiabatenkoeffizient, 241 Divergenz, 160
adiabatische Entmagnetisierung, Drehimpuls, 59, 114
279 Drehimpulserhaltung, 71
allgemeine Gasgleichung, 227 Drehmoment, 71, 112
allgemeine Relativitätstheorie, 109 Druck, 145
Anomalien des Wassers, 310 Druckspannung, 137
Antischall, 209
Arbeit, 50 Edukt, 307
Archimedisches Prinzip, 148 Eigenfrequenz, 218
Atomhypothese, 237 Elastizitätsmodul, 136
Atomuhr, 13 Emissionsvermögen, 249
Auftrieb, 147 Energie, 282
Ausdehnungskoeffizient, 232 kinetische, 52
Auswuchten, 120 potentielle, 53
Avogadro-Konstante, 236 Energieübertrag, 75
Energieerhaltung, 70
Balkenwaage, 114 Enthalpie, 283
barometrische Höhenformel, 156 Entmischungskühler, 279
Bernoulli-Gleichung, 161 Epizyklen, 7
Beugungsmuster, 214 Erdbeschleunigung, 44
Binnendruck, 289 Erhaltungsgröße, 59
Boltzmannkonstante, 227 Euler-Gleichung, 165
Boyle-Mariott-Gesetz, 154
Fahrradfahren, 132
chemisches Potential, 303 Falsifizierungs-Prinzip, 6

332
INDEX INDEX

Federkonstante, 44 innere Energie, 238


Federkraft, 44 Interferenz, 185
Fehler destruktiv, 209
Fehlerfortpflanzung, 18 konstruktiv, 209
statistisch, 15 Inversionstemperatur, 291
systematisch, 15
Fick’sches Gesetz, 175 Joule, 51
Foucault’sches Pendel, 90 Joule-Thomson-Effekt, 291
Fourier-Transformation, 206
k-Wert, 247
freie Energie, 285
Kalorie, 234
freie Enthalpie, 285
Kaloriemeter, 235
freie Fall, 30
Kapillarwirkung, 152
freie Weglänge, 174
Karmann’sche Wirbelstraße, 171
Galileo, 11 Kelvin, 227
Gaskonstante, 237 Kepler, 8
Gesetz Gay-Lussac, 237 Kepler’sche Gesetze, 57
Geysir, 295 Kondensstreifen, 299
Gibb’sches Phasenregel, 299 Kontaktwinkel, 152
Gibbs-Duhem-Gleichung, 304 Kontinuitätsgleichung, 160
Gleichverteilungssatz, 239 Kopernikus, 8
Gleichzeitigkeit, 97 Kraft-Gegenkraft-Paar, 42
Gradient, 57 Kraftfeld
Gravitation, 43 konservativ, 51
Gravitationsgesetz, 60 nicht-konservativ, 51
Gravitationskonstante, 43 Kreisbewegung, 34
Gravitationswaage, 60 Kreisel, 130
Gruppengeschwindigkeit, 204 Kreiselkompass, 130
Kugelschalentheorem, 61
Hagen-Poiseuille, 167 Kugelwelle, 209
harmonische Näherung, 136
Hauptträgheitsmomente, 127 Laborsystem, 77
Hook’sches Gesetz, 137 latente Wärme, 242
Huygens’sche Prinzip, 209 Lautstärke, 203
hydraulische Hebebühne, 146 Lichtgeschwindigkeit, 12
Hydrodynamisches Paradoxon, 161 Lichtuhr, 94
Lorentztransformation, 100
ideales Gas, 225 Luftwiderstand, 47
Impuls, 39
Impulserhaltung, 68, 70 Magnuseffekt, 162
Inertialsystem, 86 Masse
Informationstheorie, 277 schwere, 48

333 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum
INDEX INDEX

träge, 40, 48 Ruhemasse, 105


Massenflußdichte, 158
Massenwirkungsgesetz, 310 Sättigungsdampfdruck, 292
Maxwell-Boltzmann-Verteilung, Schallwellen, 200
229 Scheinkraft, 87
Maxwell-Konstruktion, 292 Scherspannung, 141
Mol, 236 Schiffshebewerk, 149
molare Wärmekapazität, 238 Schlittschuhfahren, 314
schräger Wurf, 31
neutrale Faser, 139 Schubmodul, 142
Newton, 9 schwarzer Strahler, 250
Newton’sche Axiome, 38 Schwerpunkt, 66, 110, 113
Normalkraft, 41 Schwerpunktsystem, 77
Nutation, 129 Schwimmen, 149
Seifenblase, 151
Oberflächenenergie, 149 SI-System, 15
Oberflächenspannung, 150 Snellius’sche Brechungsgesetz, 216
Ordnung Phasenübergang, 298 spezifische Wärme, 234
Partialdruck, 304 spezifische Wärmekapazität, 238
Phasenübergang, 291 Stöchiometrie, 307
Planck-Verteilung, 251 Standardabweichung, 16
Poissonzahl, 138 Stauchung, 135
Präzession, 130 Staurohr, 163
Produkt, 307 Stefan-Boltzmann-Gesetz, 251
Steiner’scher Satz, 117
Querkontraktion, 138 Stirling-Formel, 274
Stoß
Rakete, 68 elastisch, 70
Raoult’sche Gesetz, 302 inelastisch, 71
Rechte-Hand-Regel, 28 superelastisch, 71
reduzierte Masse, 79 Stoßparameter, 79
Regelation, 315 Stoßprozesse, 70
Reibung, 44, 166 Stoke’sches Gesetz, 168
Gleiten, 45 Streuung, 77
Haften, 45 Superpositionsprinzip, 40
Reibungskoeffizienten, 45
relativistischer Impuls, 106 Teilchenflußdichte, 158
Reynoldszahl, 172 Temperatur, 227
Rotation, 110 thermodynamische Potentiale, 281
Rotationsenergie, 120 thermodynamisches Viereck, 286
Ruheenergie, 107 Trägheit, 40

c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum 334
INDEX INDEX

Trägheitsellipsoid, 127 Zugspannung, 137


Trägheitsmoment, 115 Zwillingsparadoxon, 96
Trägheitstensor, 126
Translation, 110
Tripelpunkt, 233, 297

unterkühlen, 300
Urkilogramm, 14

van-der Waals Zustandsgleichung,


289
Vektoren
Kreuzprodukt, 28
Skalarprodukt, 27
Verteilungsfunktion, 228
Viskosität, 166

Wärme, 234
Wärmeleitfähigkeit, 243
Wärmestrom, 245
Wärmewiderstand, 245
Wasserstoff-Brückenbindung, 312
Watt, 51
Wechselwirkung, 42
Wellen
longitudinal, 196
transversal, 196
Wellengleichung, 197
Wellenvektor, 206
Wellenzahl, 196
Wiedemann-Franz-Gesetz, 244
Winkelgeschwindigkeit, 35
Wirbel, 169
Wirkungsgrad, 266
Wirkungsquerschnitt, 174
Wurfparabel, 32

Zeit-Dilatation, 95
Zentrifugalbeschleunigung, 37
Zentrifugalkraft, 90
Zentripetalbeschleunigung, 34
Zentripetalkraft, 119

335 c
° A. von Keudell, Ruhr-Universität Bochum

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