Der Spiegel - 22 Juni 2019
Der Spiegel - 22 Juni 2019
Irankrise
Nahen Osten
Kriegsspiele im
Wenn Politiker
Schwäche zeigen
Zitternde Kanzlerin
Maut
Hausmitteilung
Betr.: Titel, Vogel, Braunkohledor f
Keyenburg, vor ein paar Jahren knapp 900 Einwohner, ein Dorf
in der Nähe von Mönchengladbach, soll bis 2023 dem Braun-
kohletagebau weichen, obwohl der Kohleausstieg schon be-
schlossen ist. Die neue Siedlung wird gerade gebaut, erste Bürger
ziehen um. Reporterin Barbara Supp hat am alten Standort das
letzte Schützenfest besucht und mit Menschen gesprochen, die
AB DONNERSTAG,
JOHANNES ARLT / DER SPIEGEL
Gesellschaft
Deutschland
Früher war alles schlechter:
Meinung Die Gegen- Erasmus-Studenten /
Ethik Gesundheitsminister
»Mein Gott, war mein Kind für der Klimaprotest mobilisiert
die Braunkohledörfer . . . . . . . 52
Jens Spahn (CDU) und Grünen- oder gegen Organspende?«
chefin Annalena Baerbock Homestory Wie es sich für
streiten im SPIEGEL-Gespräch Der Bundestag berät über ein heikles Gesetz: Sollte einen Mann anfühlt, gegen eine
über den richtigen Weg zu jeder Hirntote automatisch Spender sein, wenn Frau im Tennis zu verlieren 57
mehr Organspenden . . . . . . . . 26
er zu Lebzeiten nicht widersprochen hat? Ja, sagt
Parteien NRW-Minister- CDU-Minister Jens Spahn. Nein, findet Grünen- Wirtschaft
präsident Armin Laschet wird als chefin Annalena Baerbock. Ein Streitgespräch. Seite 26
Kanzlerkandidat gehandelt 30 Minister Spahn verdoppelt
Gehalt für Topmanager
Verkehr Nach dem Urteil der Gesundheitskarte / Nur
gegen die Pkw-Maut kommen 392 Wasserstofffahrzeuge
auf die Regierung auf deutschen Straßen . . . . . . 58
gewaltige Forderungen zu . . . 34
Finanzmarkt Mit einer Digital-
SPD Vizekanzler Olaf Scholz währung will Facebook
PICTURE ALLIANCE / AP / DPA
Wissenschaft
Befremdliche Nachsicht
Leitartikel Politik und Sicherheitsbehörden haben die Gefahr des Rechtsextremismus verharmlost.
D
ie Ermordung des CDU-Politikers Walter Lübcke sich zumindest früher um einen glühenden, zum Morden
wäre eine Zäsur in der deutschen Nachkriegsge- bereiten Nazi handelte. Man habe sich eben nicht um
schichte, wenn sich der Verdacht der Polizei bestä- alle Gefahren gleichzeitig kümmern können und Prioritä-
tigt. Sie wäre nicht nur ein Angriff auf Lübckes ten setzen müssen, bekannte er. Nein: Man hätte das
Leben, sondern auch auf Freiheit und Demokratie. Es wäre, eine tun können, ohne das andere zu lassen. Das hätte
soweit bekannt, der erste Mord von Rechtsterroristen an etwas gekostet, ja, aber es wäre sinnvoll investiertes Geld
einem Repräsentanten des Staates seit sehr langer Zeit. In gewesen.
der Weimarer Republik gehörten derartige Morde zum Für die neue Priorität stand wie kein Zweiter der frühere
aufgepeitschten Alltag. Der frühere Reichsfinanzminister Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen. Ihn
Matthias Erzberger und Außenminister Walther Rathenau trieben die Sorgen der Pegida-Bewegung an, Angst vor
wurden die prominentesten Opfer des »weißen Terrors« Überfremdung, Angst vor islamistischen Attentätern.
der paramilitärischen »Organisa- Geschützt von dieser ideologi-
tion Consul«. Erzberger, Rathenau schen Verblendung konnte
und andere mussten auch deshalb die rechtsextreme Szene in
sterben, weil sie Verfechter der Deutschland wachsen und sich
Demokratie waren. Mit den Atten- vernetzen. Die rechte Gefahr
taten sollte das staatliche und wurde bagatellisiert.
demokratische System erschüttert So ist es kein Zufall, dass die
werden, für das sie standen. Behörden sowohl nach den neun
Gewiss, es gibt Grenzen des Morden des NSU als auch nach
Vergleichs zwischen Weimar und dem Mord an Lübcke zunächst
der Gegenwart. Die Weimarer von unpolitischen Motiven aus-
YANN WALSDORF / PICTURE ALLIANCE / DPA
Kraftstoffverbrauch (l/100 km) nach RL 80/1268/EWG: innerorts 12,3; außerorts 8,4; kombiniert 9,8. CO2-Emission (g/km): kombiniert 227.
*Auto Zeitung, Ausgabe 19/2018.
Meinung So gesehen
Letzte Ausfahrt
Alexander Neubacher Die Gegendarstellung
Andreas Scheuer (CSU)
dezimiert die Bevölkerung.
Das Ende der Verbotspartei G Wir werden weniger. In seinem
Buch »Empty Planet« schreibt der
Robert Habeck will, dass Bierverbot. In Berlin-Pankow hat Kanadier Darrell Bricker, dass die
die Grünen keine Verbots- der grüne Vizebezirksbürgermeister Zahl der Erdenbürger entgegen bis-
partei mehr sind. Inte- Vollrad Kuhn dafür gesorgt, dass im herigen Prognosen künftig zurück-
ressanter Vorschlag. Ich Kiezlokal »Alois S.« kein Alkohol gehen werde. Insbesondere junge
bin gespannt, was die mehr an die Eltern vom Spielplatz Frauen in Afrika und Asien würden
Grünen dazu sagen. Wer nebenan ausgegeben wird. Zwar hat besseren Zugang zu Bildung und des-
als Grüner in die Politik ge- sich fast 20 Jahre lang niemand daran halb weniger Nachwuchs bekommen:
gangen ist, um seinen Mitmenschen gestört; die Bar ist ein Familientreff. je höher der Abschluss, desto gerin-
Lektionen in korrekter Lebensführung Doch Kuhn verwies auf die Einhaltung ger ausgeprägt die Gebärfreudigkeit.
zu erteilen, dürfte Schwierigkeiten des Berliner Grünanlagengesetzes, das »Ab 2070 wird die Menschheit
haben, sich umzustellen. Die Besser- ein Alkoholverbot vorsehe. schrumpfen«, sagt Bricker voraus.
wisserattitüde, der erhobene Zeige- Erschwerend für Habeck kommt Dem Bundesverkehrsminister geht
finger, die Moralapostelei: Soll das hinzu, dass einige Parteifreunde Ver- das offenbar nicht schnell genug. Mit
alles falsch gewesen sein? bote einfach gut finden. Sie halten den immer neuen Maßnahmen arbeitet
An der Parteibasis ist jedenfalls Durchschnittsbürger für einen len-
noch nichts angekommen. Hier eine kungsbedürftigen Konsumtrottel, dem
kleine Auswahl grüner Forderungen der Einblick in höhere Wirkzusammen-
der vergangenen Tage: hänge fehle. Beispiel Veggieday: Vor
Schottergartenverbot. Die Grünen sechs Jahren sei man für die Forderung
im Stadtrat von Velbert (NRW) woll- nach einem Fleischverbot verdroschen
ten den Bürgern per Bebauungsplan worden, sagte die frühere Agrarminis-
verbieten, Schotterlandschaften in terin Renate Künast neulich in der
ihren Vorgärten anzulegen. Steingär- »Welt«. Und heute: überall Veganer
ten würden das städtische Mikroklima und Vegetarier. Man habe damals den
nachteilig beeinflussen, und zwar Zeitgeist vorweggenommen. Verbote
durch »unnötige Wärmebestrahlung«. als Avantgarde. Andreas Scheuer (CSU) an einer
Feuerwerkverbot. In Berlin und Werden sich die Grünen also zur rasanten Dezimierung der deutschen
München wollen die Grünen den Toleranzpartei ummodeln lassen? Bevölkerung. Eine erste Beschleuni-
Bewohnern das private Abbrennen Ich tippe: freiwillig nicht. gungsmaßnahme war die Zulassung
von Raketen an Silvester verbieten. von E-Tretrollern auf Fahrradwegen
Begründung: zu laut, zu dreckig, zu An dieser Stelle schreiben Alexander Neubacher und Straßen, die gewiss zu einer
gefährlich. und Markus Feldenkirchen im Wechsel. Bereicherung der Unfallstatistiken
beitragen wird. Noch effektiver
jedoch dürfte Scheuers jüngste Idee
sein: Zukünftig soll jeder, der einen
Autoführerschein besitzt, auch soge-
nannte Leichtkrafträder fahren dür-
fen. Bisher muss man dafür eine
zusätzliche Ausbildung und Prüfung
absolvieren, beides soll entfallen.
Nach nur wenigen Übungsstunden
will Scheuer die Beinahe-Biker in die
freie Wildbahn entlassen.
Der Bevölkerungsprophet Bricker
muss nun seine Formel überarbeiten:
Es fehlt der Scheuer-Faktor, mit dem
sich das rapide Aussterben von jung
gebliebenen, solventen Herren in
den besten Jahren erklären lässt, die
mit der frisch erworbenen »KTM
RC 125 Supersport« zur letzten Aus-
fahrt aufbrechen.
Als hätte es der alte weiße Mann
nicht schon schwer genug: Jetzt
bedroht ihn auch noch ein Minister
von der CSU. Stefan Kuzmany
Kein Trinkwasser
wegen Bewässerung?
Hinter jedem Produkt steckt die Arbeit von Menschen. Unternehmen haben
die Verantwortung, bei der Herstellung und dem Einkauf von Produkten
Menschenrechte zu achten – in Deutschland und weltweit.
Linken-Doppelspitze Doppelspitze eine inhaltliche Entscheidung führen solle. »Ich habe als frauenpolitische
Frau für Bartsch gesucht und keine personelle Frage«, schreibt Cor-
nelia Möhring, frauenpolitische Sprecherin,
Sprecherin eine klare Haltung zum Thema
und mich in der Verantwortung gesehen,
Das Frauenplenum der Fraktion der Lin- in einer Mail an ihre Fraktionskollegen. ein Votum des Frauenplenums der Frak-
ken im Bundestag will eine grundsätzliche Kurz zuvor war darüber diskutiert worden, tion zu erwirken«, so Möhring. Eine große
Verankerung der Doppelspitze durchset- dass der Fraktionsvorsitzende Dietmar Mehrheit der Plenumsfrauen votierte für
zen. Sie soll ohne Ausnahmen gelten, auch Bartsch nach dem angekündigten Rückzug die Doppelspitze. »Von der Fraktion erwar-
in Interimsphasen. »Aus frauenpolitischer seiner Amtskollegin Sahra Wagenknecht ten wir, dass sie diesem Votum folgt«, heißt
Sicht ist die Wahl einer mindestquotierten die Fraktion für eine Übergangszeit allein es in der Mail. ABE
10
Bundesregierung mit 651 000 Euro. Das Bundesverkehrs-
Steuergeld für ministerium fördert mit insgesamt
6,1 Millionen Euro auch das Forschungs-
Autokonzerne projekt Providentia auf der Bundes-
autobahn 9 in Bayern. Es befasst sich
Die Bundesregierung bezuschusst mit automatisiertem Fahren unter
Autokonzerne im Rahmen von 200 lau- Einsatz von Kameras, Radar und ver-
fenden Förderprojekten mit insgesamt netzten Sensoren. BMW erhält dafür
123 Millionen Euro. Die BMW AG und 531 000 Euro aus Steuermitteln des
der Daimler-Konzern erhalten jeweils Bundes. Das Testfeld befindet sich auf
rund 28 Millionen Euro von den Bun- einem rund elf Kilometer langen Teil-
desministerien für Wirtschaft, Verkehr stück der A 9 nördlich von München.
Jüdische Kultur den und als solcher in allen Veröffentli- dass Kritik an der israelischen Regierung
Festival distanziert sich chungen genannt werden. Jetzt zog als antisemitisch gebrandmarkt werden
die Festivalleitung das Angebot an den könnte. »Wir haben stets davor gewarnt,
von Menschenrechtlern NIF zurück. »Wir können bestätigen, dass dass die Dynamik der letzten Entwicklun-
das Kooperationsangebot seitens des JFBB gen zu einer Atmosphäre der Einschüch-
Das Jüdische Filmfestival Berlin & an den NIF-Deutschland überraschend terung und der Selbstzensur führen wird«,
Brandenburg (JFBB) hat die Zusammen- zurückgezogen wurde«, teilt NIF-Deutsch- so Waldman. Für diese Atmosphäre sei
arbeit mit einer Organisation einge- land-Chef Ofer Waldman mit. Als Grund aber nicht das Festival verantwortlich.
schränkt, die der israelischen Regierung sei »die aktuelle, aufgeladene Atmosphäre »Dass diese Dynamik nun eine Organisa-
kritisch gegenübersteht. Es geht um den um jüdisch-israelische Themen« genannt tion wie den NIF trifft, ist jedoch ein alar-
New Israel Fund (NIF), eine Nichtregie- worden. Spätestens seit der Bundestags- mierendes Zeichen.« Die Festivalleitung
rungsorganisation mit Sitz in den USA, resolution gegen die antiisraelische Boy- wollte den Vorgang weder dementieren
die seit 40 Jahren die israelische Zivilge- kottbewegung BDS im Mai und dem noch bestätigen. Sie teilt lediglich mit, es
sellschaft finanziell unterstützt. Eigentlich Rücktritt von Peter Schäfer als Leiter des werde während des Festivals eine Dis-
sollte der NIF im September offizieller Jüdischen Museums in Berlin treibt Or- kussion mit NIF-Deutschland-Chef Wald-
Partner des Jüdischen Filmfestivals wer- ganisationen wie den NIF die Sorge um, man geben. CSC
Führungskrise gen, dass das Bild der Partei in der Öffent- Sprache ist ja teilweise schrecklich. Wir
»Ich will der SPD helfen« lichkeit positiver wird, als das im Moment reden davon, Menschen »mitnehmen«
der Fall ist. Ich habe keinerlei Karriere- zu wollen. Auf einen solch bevormunden-
Gesine Schwan, 76, Che- ambitionen, will also nicht Kanzlerin wer- den Begriff reagiere ich sehr allergisch.
fin der SPD-Grundwerte- den oder sonst etwas. Das erleichtert es Die Menschen sollen in unserer Politik
kommission, über den vielleicht, wieder Vertrauen für die SPD mitmachen und ihre eigenen Vorschläge
verheerenden Zustand zu schaffen. Es kommt übrigens nicht nur einbringen können.
ihrer Partei und ihr auf die Person an. SPIEGEL: Also mehr Mitgliederbefra-
Angebot, selbst Verant- SPIEGEL: Sondern? gungen?
DPA
wortung zu übernehmen Schwan: Die SPD braucht eine neue Schwan: Das auch. Aber es geht vor
Begeisterungsfähigkeit. Wir müssen weg allem um die Perspektive und die Haltung,
SPIEGEL: Die SPD sucht eine neue Füh- von diesem Spiegelstrich-Image, das die wir als SPD einnehmen. Es klingt viel-
rung – aber bislang meldet sich niemand. wir haben. Es reicht einfach nicht, ein leicht naiv, aber ich will, dass wir über die
Ist der Job derart unattraktiv? paar schöne Sachen zu versprechen und Grenzen unseres Landes hinaus für eine
Schwan: Die Situation der SPD bedrückt im Sinne moderner Wahlarithmetik bessere Welt sorgen und ganz im Sinne
mich, ich halte sie für wirklich gefährlich. sozialpolitische Wohltaten zu verteilen. von Willy Brandt die globale Dimension
Nach außen vermitteln wir ein unerfreu- Das ist so durchschaubar. Wir wirken, als in den Blick nehmen. Ob in der Wirt-
liches, kleinkariertes Bild. Dabei gibt es in machten wir das nur, damit uns noch schaft, bei der Mobilität, der Migration
der SPD so großartige Leute und so viel jemand wählt. Unsere Politik muss über oder dem Klima: Auf allen möglichen
Kraft. die konkreten Bedürfnisse hinausgehen Ebenen wird es dauerhaft Veränderungen
SPIEGEL: Bewerben Sie sich um den Vor- und auch ein Gefühl ansprechen. geben. Wenn wir es nicht schaffen, mög-
sitz? SPIEGEL: Solch ein Gefühl stellt man gera- lichst vielen Menschen das Gefühl zu
Schwan: Wir müssen genau prüfen, wer de in der Krise doch nicht auf Knopfdruck geben, dass wir sie in diesen Turbulenzen
an welcher Stelle Verantwortung überneh- her … repräsentieren, für sie kämpfen und sie
men kann. Ich will der SPD gern helfen. Schwan: ... aber wir müssen es versuchen. zugleich einladen mitzumachen, dann
Und ich traue mir auch zu, dazu beizutra- Und es gibt Möglichkeiten. Schon unsere werden wir nicht mehr gebraucht. VME
ITAR-TASS / IMAGO
nierung des Marschflugkörpers SSC-8 Kürzung jener Mittel gestimmt, aus denen
gegen die Vereinbarung zu verstoßen, was ein konventioneller Marschflugkörper
Moskau bestreitet. Im Bündnis gibt es frei- und eine ballistische Rakete finanziert wer-
lich unterschiedliche Schätzungen über das den sollen, die als Antwort auf die russische
Ausmaß der russischen Bedrohung: Gut 60 Russische »Iskander«-Rakete SSC-8 infrage kommen. KLW
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sprengungen aufstellen lassen, aber auch Sprecher die Hochschule. »Sie steht nicht
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diese erreichten nie Divisionsstärke – zur Verfügung, wenn es darum geht, neue
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Gebäude ser Gebäude einen solchen Nachweis lie- ordnung am Dienstsitz Berlin, ergab die
Regierung schlampt beim fern. Für Besitzer von Wohngebäuden ist Analyse der DUH, dass sie der selbst auf-
ein Energieausweis Pflicht. Die Behörde erlegten Verpflichtung des Bundes nicht
Energieverbrauch begründet das etwa damit, dass manche genügen. Um die Energiesparpotenziale
Gebäude unter Denkmalschutz stünden, im Gebäudebereich nicht zu vergeuden,
Bei der energetischen Sanierung der sodass »keine Pflicht zur Erstellung von müsse »die Bundesregierung den Still-
eigenen Gebäude bleibt die Regierung un- Energieausweisen« bestehe, so die Bima stand beenden und jetzt im Klimakabinett
ter den selbst gesteckten Zielen. Das trifft gegenüber dem Umwelt-Verein. Liegen- kurzfristig wirkungsvolle Maßnahmen
insbesondere auf nachgeordnete Bundes- schaften wie das Eisenbahn-Bundesamt für den Bereich Gebäude auf den Weg
behörden zu. Die Deutsche Umwelthilfe seien »der Öffentlichkeit nicht zugäng- bringen«, sagt Constantin Zerger, Bereichs-
(DUH) hatte von 14 Verwaltungsbauten lich«, weshalb keine Analyse des Energie- leiter Energie und Klimaschutz bei der
den Energieausweis angefordert. Doch die bedarfs notwendig sei. Für die beiden DUH. Er fordert die Veröffentlichung
Bundesanstalt für Immobilienaufgaben Gebäude mit Energieausweis, darunter des Energetischen Sanierungsfahrplans
(Bima) konnte überhaupt nur für zwei die- das Bundesamt für Bauwesen und Raum- Bundesliegenschaften. GT
Bild dient lediglich Illustrationszwecken. Bei den abgebildeten Personen handelt es sich um Fotomodelle.
Meistens verliert sie ja.
Duschgele mit aggressiven
Waschsubstanzen oder ein
zu langes Bad in der Wan-
ne können die natürliche
Schutzfunktion unserer
Hautbarriere beeinträch-
tigen. Linola Dusch und
Wasch kann dem Säure-
schutzmantel der Haut mit
wertvollen Linolsäuren
etwas Gutes tun.
Die Hinrichtung
14
Terrorismus Mit einem Kopfschuss wird der Kasseler CDU-
Regierungspräsident Walter Lübcke getötet. Der mutmaßliche Täter: ein
Rechtsextremist. Während die Ermittler nach möglichen
Komplizen suchen, ringt die Politik um Antworten auf die eskalierende Gewalt.
Spurensicherung am Tatort
Name und Adresse stehen im Telefonbuch,
Lübcke wollte bürgernah sein
I
m Nachhinein wirkt es, als hätte die Lübcke hatte im Herbst 2015, als meh- Schieflagen bestellt ist.« Folgt man dieser
Runde, die auf Deutschland aufpas- rere Hunderttausend Schutzsuchende Argumentation, sind die Gräben in diesem
sen soll, eine düstere Vorahnung ge- über die Grenze kamen und überall im Land tief, dann hat das, was in den ver-
habt. »Bericht zur Sicherheitslage« Land Notunterkünfte gesucht wurden, auf gangenen Jahren als Enthemmung und
stand an erster Stelle auf der Tagesord- einer Bürgerversammlung rechte Pöbler Verrohung beschrieben wurde, ein neues
nung der Konferenz der Innenminister im in die Schranken verwiesen. Im Internet Niveau erreicht. Dann muss der Staat neu
Kieler Hotel Atlantic. Der Vizechef des wurde er daraufhin zur deutschlandwei- verorten, wo seine Feinde sitzen.
Bundesamts für Verfassungsschutz, Sinan ten Hassfigur. »Volksverräter« stand in Tatsächlich hat sich die Eskalation rech-
Selen, sprach über die größten Bedrohun- den Kommentarspalten, »Schädel ab- ter Gewalt seit Langem angekündigt. Im
gen für das Land. schlagen und in die nächste Jauchegrube Herbst 2015 überlebte die Kölner Oberbür-
Es folgten nicht, wie häufig in diesem Zir- kicken«. germeisterin Henriette Reker nur knapp
kel, vor allem sorgenvolle Sätze zum Isla- Der Mord an Walter Lübcke ist eine ein Attentat, weitere Gewalttaten folgten.
mismus. Selen redete, so berichten Teilneh- Zäsur. Wenn der Verdacht des General- Die Hetze im Netz, die Drohschreiben,
mer, sehr ausführlich über die Gefahr, die bundesanwalts zutrifft, war die Tat ein ein- der Hass bei Wahlkampfauftritten, die
von Reichsbürgern und Rechtsextremisten zigartiges politisches Attentat. feindselige Stimmung gegen Asylheimbe-
ausgehe. Hier schlummere »eine der größ- treiber, gegen Mandatsträger und Beamte,
ten Herausforderungen« für die Sicherheits- von der Kanzlerin bis hinunter an die Ba-
behörden, sagte der Geheimdienstvize. sis, das ist eine Seite dieser Entwicklungen.
Keine 48 Stunden später sollte sich zei- Brauner Hass Auf der anderen wird in Hessen, dem
gen, wie groß die Gefahr durch den Rechts- Gewaltorientierte Rechtsextremisten Bundesland, in dem der Mord geschah,
extremismus offenbar ist. schon länger gegen Polizisten ermittelt, die
Am vergangenen Samstag um zwei Uhr 12 700 verdächtigt werden, einer türkischstämmi-
nachts nahmen Spezialeinsatzkräfte der 10500 gen Anwältin Drohschreiben geschickt zu
Polizei im Kasseler Stadtteil Forstfeld ei- haben, unterzeichnet mit »NSU 2.0.« In
nen Mann unter dem dringenden Tatver-
+ 21 % Mecklenburg-Vorpommern werden Poli-
2014 2017
dacht fest, dem nordhessischen Regie- zisten eines Spezialeinsatzkommandos
rungspräsidenten Walter Lübcke in den festgenommen, weil sie einem Mitglied
Kopf geschossen zu haben. Eine Haut- der sogenannten Prepper-Szene, die sich
schuppe auf dem karierten Hemd des To- Registrierte rechte Kriminalität* auf die Apokalypse vorbereitet, Dienst-
ten hatte zu dem 45-Jährigen geführt. Wei- 2016
munition überlassen haben sollen. Und
tere Indizien belasten ihn. Die Ermittler 23 600 die Bundeswehr kämpft mit einer Reihe
sind überzeugt, dass Stephan E. an dem rechtsextremer Verdachtsfälle. Dass aus-
2018
Mord beteiligt war. Er schweigt. 2014 gerechnet Bedienstete des Staates verdäch-
Derzeit sind die Beamten auf der Suche 17000 20 400 tigt werden, heimlich gegen ihn zu agieren,
nach eventuellen Komplizen. Sie halten statt ihn zu schützen, ist besonders pikant.
es für möglich, dass Stephan E. in der Tat- Kommunalpolitiker, die eine liberale
nacht einen Begleiter hatte. Die Rolle einer Flüchtlingspolitik vertreten, müssen damit
zweiten Person sei noch unklar, sie könnte rechnen, Zielscheibe nicht nur im Netz,
auch nur das Auto gefahren haben. Gewalttaten sondern auch im echten Leben zu werden.
Auf seine Nachbarn wirkte Stephan E. insbesondere Körperverletzung und Tötungsdelikte Landratsämter führen Sicherheitskontrol-
wie ein braver Familienvater. Von seiner len ein, Polizeibehörden empfehlen Kom-
20-jährigen Vergangenheit in der Neo- 1700 munalpolitikern zu kontrollieren, ob je-
naziszene wussten sie angeblich nichts, 1030 1160 mand die Radmuttern gelockert hat, bevor
nichts davon, dass er eine Rohrbombe an sie ins Auto steigen.
einem Asylbewerberheim zünden wollte 2014 2016 2018 Der Mord an dem Regierungspräsiden-
und im Gefängnis einen Migranten mit ten geschieht in der Nacht vom 1. auf den
*davon über 60% Propagandadelikte; Quellen: BMI, BfV
einer Stange blutig geprügelt hatte. 2. Juni im nordhessischen Wolfhagen-
Jahrelang lebte E. unauffällig in einem Istha, 20 Kilometer von Kassel entfernt.
Häuschen mit Spitzgiebel, mit Frau und Von der »Weizenkirmes« schallt Musik
Kindern. Zuletzt arbeitete er bei einem Es gab in der Geschichte der Bundes- durch die dörflichen Straßen, ein Rummel
Hersteller für Bahntechnik, im Schicht- republik immer wieder Terror von rechts, mit Festzelt, hohem Geräuschpegel und
dienst. Zurückhaltend soll er gewesen sein, es gab Anschläge auf US-Soldaten, die für ordentlichem Bierverbrauch.
angeblich verstand er sich am besten mit die Neonazis »Besatzer« waren, es gab das Der 65 Jahre alte Walter Lübcke sitzt
einem iranischen Kollegen. Oktoberfestattentat 1980 mit 13 Toten und am Abend auf der Terrasse seines Hauses
Das zweite Leben des Stephan E. sah die NSU-Morde an neun Migranten und am Rande des Ortes. Die Kirmes ist in Hör-
anders aus, er führte es im Netz. Dort kon- einer Polizistin von 2000 bis 2007. Aber weite. Lübckes Grundstück grenzt an Wie-
sumierte er laut Ermittlern extrem rechte ein tödliches Attentat auf einen Politiker sen, die Terrasse ist einsehbar. Der Regie-
Inhalte, angeblich soll er in Foren auch hat, soweit bekannt, bislang kein Rechts- rungspräsident und seine Frau passen an
Drohungen verbreitet haben. extremist verübt. diesem Abend auf ihr Enkelkind auf, wäh-
Am ersten Juniwochenende folgte der Von einem »Anschlag gegen uns alle, rend der Sohn auf der Kirmes feiert. Ir-
verbalen die physische Gewalt. Den tödli- gegen diesen freiheitlichen Staat«, sprach gendwann zieht sich Lübckes Frau mit dem
chen Schuss setzte E. nicht im fernen Ber- Innenminister Horst Seehofer (CSU): Kind ins Haus zurück, Lübcke selbst bleibt
lin, sondern in seinem Umfeld, in dem klei- »Das ist eine neue Qualität.« noch mit einem Gast auf der Terrasse, es
nen Ort Wolfhagen-Istha, wo der 65 Jahre Der Extremismusforscher Florian Hart- wird gelacht, der Besuch verabschiedet sich
alte CDU-Politiker Walter Lübcke wohnte, leb sagt: »Terrorismus spiegelt in extremer zwischen 22.30 und 23 Uhr.
ein Verteidiger von Merkels Politik. So zu- Ausformung wider, wie es um das gesell- Was danach passiert, kann die Polizei
mindest vermerken es die Ermittler. schaftliche Stimmungsbild und etwaige noch nicht komplett rekonstruieren. Lüb-
ven im Umfeld der Familie gefunden zu ha- um. Weil der ihn angeblich sexuell ange-
ben. Kurzzeitig wird sogar einer der Sani- macht habe, wie E. später sagte, sticht er
täter vom Tatort festgenommen, aber bald ihm von hinten mit einem Messer in den
wieder freigelassen, die Fährte erwies sich Körper, und dann noch mal von vorn.
als falsch. Erst eine mehrere Tage später aus- Verdächtiger Stephan E. Ein gutes Jahr später, am Tag vor Hei-
gewertete DNA-Spur, gefunden auf Lübckes Immer wieder beging er Gewalttaten, ligabend 1993, will Stephan E. im hessi-
Hemd, führt die Ermittler zu Stephan E. wurde mehrfach verurteilt schen Dorf Hohenstein-Steckenroth einen
17
gen die unter Rechtsextremen verhasste
Wehrmachtsausstellung richtete, es kam
zu Ausschreitungen, wieder mal. Stephan
E. gehörte zu einer Gruppe von etwa 500
Neonazis, die aus mehreren Bundes-
ländern sowie Dänemark und Schweden
angereist waren. Das Amtsgericht verur-
teilte ihn zu einer Geldstrafe von 90 Tages-
sätzen – wegen Verstoß gegen das Ver-
sammlungsgesetz: Zu der Demonstration
war E. bewaffnet erschienen.
Am 1. Mai 2009 schließlich stürmten
400 »Autonome Nationalisten« in Dort-
mund eine Kundgebung des Deutschen
Gewerkschaftsbunds, eine friedliche Men-
schenmenge. Es flogen Steine, Flaschen,
Böller. Landfriedensbruch, entschied spä-
ter ein Gericht, vor dem sich Stephan E.
verantworten musste. Nach dieser Ver-
urteilung wurde es still um ihn. Es kann
REUTERS
damit zusammenhängen, dass er inzwi-
schen Familienvater war. Die Behörden je-
denfalls verloren ihn aus dem Auge. Aber
Trauerfeier für Lübcke in Kassel verliert ein Mensch einfach so seinen Hass
»Ein christlicher Patriot« und seine Gesinnung?
Mit Ehefrau und zwei Kindern wohnte
Anschlag auf eine Asylbewerberunter- sage, sein früherer Freund Stephan E. habe Stephan E. in einem kleinen Siedlungshaus
kunft verüben. Es ist die Hochphase rechts- einen CDU-Politiker ermordet? »Ich finde am östlichen Stadtrand von Kassel. In der
extremer Übergriffe nach der Wende, es schlimm, dass ein Familienvater einge- Siedlung hört man das Hintergrundrau-
wenige Monate zuvor haben in Solingen sperrt wird. Es gibt keine Beweise.« schen einer nahen Autobahn, wenn nicht
Neonazis das Wohnhaus der Familie Genç In Kassel trafen sich die Rechtsextremen gerade irgendwo ein Rasenmäher dröhnt.
angezündet und fünf Menschen ermordet. früher in der Bar Stadt Stockholm am Glaubt man Nachbarn, ist Stephan E.
E. bastelt eine Rohrbombe und legt sie Entenanger, genannt Stocki. Dort, so be- in dieser Umgebung kaum aufgefallen. Er
in ein Auto, das zwischen zwei Wohncon- richtet ein ehemaliger V-Mann SPIEGEL habe viel an seinem Haus herumgewerkelt,
tainern für Flüchtlinge steht. Statt einer TV, habe auch E. häufiger gesessen: »Wenn manchmal an Autos geschraubt, immer
Explosion aber entwickelt sich nur ein die von der NPD da waren im Stocki, dann freundlich gegrüßt und sei oft zu verschie-
Feuer, die Bewohner können den Brand war er auch da.« denen Zeiten zur Arbeit aufgebrochen. Er
gerade noch löschen. Wer die Kneipe betritt, riecht: Zigaret- war Mitglied eines Schützenvereins, Ab-
Noch in Untersuchungshaft begeht E. tenqualm, Bier, Schweiß. Am u-förmigen teilung Bogenschießen, angeblich ohne Zu-
seine nächste Gewalttat, wieder richtet Tresen mit dem Zapfhahn in der Mitte gang zu Feuerwaffen.
sie sich gegen einen Migranten: Er schlägt hocken Männer mittleren Alters vor ihrem Heute ahnt man, dass Stephan E. seine
einem Mitgefangenen mit einem abmon- Bierglas, aus der Jukebox dringen Schlager. Ideologie trotz des unauffälligen Lebens
tierten Stuhlbein aus Eisen auf den Kopf, Die Betreiberin erkennt Stephan E. gleich nicht abgelegt hat. Es könnte sich bei ihm
bis dieser blutet. Er bekommt sechs Jahre auf einem Bild: »Na klar, der war doch mit um einen rechten Schläfer handeln, wie
Jugendstrafe. der ganzen Truppe immer hier«, sagt sie. der Verfassungsschutzchef Thomas Hal-
Nach der Entlassung aus der Haft taucht Sie sei froh, dass sie die los sei. denwang diese Woche spekulierte. Einer
Stephan E. ein in die Kasseler Neonazi- Einmal gab es vor der Kneipe eine De- von denen, die ganz plötzlich wieder auf
szene, nach Ansicht von Experten eine der monstration gegen Neonazis. Ein Foto aus Gewaltbereitschaft umschalten.
gefährlichsten in Hessen. der Zeit zeigt, wie Stephan E. zu einem 2016 soll Stephan E. der rechtspopulis-
Zu seinem Umfeld gehören Männer, die Stuhl greift. Auf seinem Hemd trägt er tischen AfD von seinem Konto bei der
Verbindungen zu militanten Gruppen wie einen NPD-Aufkleber. Spardabank Hessen eine Spende von 150
»Combat 18« hatten, auch unter dem Na- Einige Zeit lang war Stephan E. Mitglied Euro überwiesen haben, dazu der Verwen-
men »Kampftruppe Adolf Hitler« bekannt. der rechtsextremen Partei, bis sie ihn an- dungszweck »Gott segne euch«. Die Partei
Viele ihrer Namen finden sich in Unter- geblich wegen nicht bezahlter Beiträge will sich dazu nicht äußern, Datenschutz.
lagen der NSU-Untersuchungsausschüsse. wieder aus ihrer Kartei löschte. Stephan E. soll sich auch in einschlägi-
Zum Teil treten sie noch heute offen als E. war überregional aktiv. Im April gen, rechten Foren aufgehalten haben.
Rechtsextreme auf. 2003 nahm er, damals 29 Jahre alt, offen- Und vermutlich selbst im Netz gewütet
Mike S. steht am vergangenen Mittwoch bar an einem Aufmarsch im schleswig-hol- haben: Wenn die Regierung nicht zurück-
in Unterhemd und Jogginghose auf dem steinischen Neumünster teil, der sich ge- trete, gebe es Tote, soll er gepostet haben.
Balkon eines gelben Mehrfamilienhauses. Irgendwann scheint der Entschluss ge-
Er war mit Stephan E. jahrelang auf De- reift zu sein, dass Lübcke sterben muss.
mos unterwegs, oft gab es Krawall. Ein Mann, den Stephan E. vielleicht als
Nun stemmt er sich gegen das Geländer, Lübcke wurde zum Stellvertreter für all jene Politiker ansah,
schaut in den Hof. Mike S. dreht die Musik Stellvertreter für die er für die vermeintliche Misere des
auf, es läuft der Fehrbelliner Reitermarsch: Landes verantwortlich macht. Aber wa-
»Wir wollen unseren alten Kaiser Wilhelm die vermeintliche rum ausgerechnet der Kasseler Regierungs-
wiederhaben.« Was er zu den Vorwürfen Misere im Land. präsident?
18
Titel
in Nord- und Osthessen verteilt werden Diese wütenden Explosionen erreichen aufgeregt, heißt es, und ihn als »Volksver-
sollten, so lautete die Vorgabe der Landes- auch Stephan E. Möglicherweise sieht er räter« bezeichnet.
regierung in Wiesbaden. Der Regierungs- sie im YouTube-Video, vielleicht war er so- Es sind vor allem die Kommunalpoliti-
präsident reiste selbst in die Orte, in denen gar selbst in der Halle. Die Ermittler halten ker draußen im Land, die seit der Flücht-
die Unterkünfte entstehen sollten, und das für denkbar und überprüfen es derzeit. lingskrise im Feuer von Anfeindungen ste-
stellte sich bei Versammlungen den Fragen Schließlich ging es um eine Erstaufnahme- hen. Bürgermeister oder Landräte, die sich
der Bürger. Oft ging es um organisatori- einrichtung für bis zu 800 Menschen, die wie Lübcke für Flüchtlinge eingesetzt ha-
sche Anliegen, manch einer äußerte auch einen guten Kilometer von seinem Haus ben oder rechte Krakeeler in die Schran-
mal Ängste, meist war die Atmosphäre ge- entfernt eingerichtet werden sollte. Und ken verwiesen haben.
spannt, aber sachlich. das Bürgerhaus liegt auch nur rund zwei Die Kölner Oberbürgermeisterin Hen-
Nur im Lohfelder Bürgerhaus ging es Kilometer Luftlinie vom Wohnhaus des riette Reker, 62, der ein Rechtsextremist
turbulent zu. 800 Bürger waren gekom- Verdächtigen entfernt. im Oktober 2015 im Wahlkampf ein Mes-
men, kurz vor Beginn der Veranstaltung ser in den Hals rammte, überlebte nur
seien noch etwa 15 Personen hinzugesto- knapp. Der Täter, ein arbeitsloser Anstrei-
ßen, die ihm größtenteils als Anhänger der cher, der in den Neunzigern zur rechtsex-
rechten nordhessischen Szene bekannt Finstere Gedanken tremen Szene in Bonn gehörte, hatte ein
seien, erinnert sich der Kasseler Fotograf Zustimmung zu rechtsextremen Aussagen, extra großes Jagdmesser ausgewählt, um,
Kurt Heldmann. Unter ihnen der Organi- Anteil der Befragten in Prozent wie er sagte, »ein Zeichen« gegen die libe-
sator des örtlichen Pegida-Ablegers, der Chauvinismus rale Flüchtlingspolitik zu setzen. Als die
sich in die erste Reihe setzte. Beispiel: »Das oberste Ziel der deutschen Politik Stimmen ausgezählt wurden, lag Reker
Von diesen 15 Leuten seien im Verlauf sollte es sein, Deutschland die Macht und Geltung noch im Koma. Der Angreifer hatte ihre
zu verschaffen, die ihm zusteht.«
des Abends immer wieder provozierende Luftröhre fast komplett durchtrennt und
Zwischenrufe gekommen, sagt Heldmann: 13 einen Brustwirbel gespalten.
»Hau ab«, »Scheiß-Land«, »Scheiß-Regie- Am Mittwochfrüh erhielt Reker erneut
rung«, solche Töne. Lübcke sei zunächst Fremdenfeindlichkeit eine Morddrohung. Der Text der ziemlich
ruhig geblieben, später indes spürbar ge- Beispiel: »Die Ausländer kommen nur hierher, wirr formulierten Mail bezieht sich auf den
um unseren Sozialstaat auszunutzen.«
nervt gewesen. erschossenen Walter Lübcke und faselt
In einem Video, das den Abend festhielt, 9 von einer »Phase bevorstehender Säube-
ist zu sehen, wie Lübcke, der evangelische rungen«, die mit dem Regierungspräsiden-
Christdemokrat, die Kirche lobt. Er spricht Verharmlosung des Nationalsozialismus ten eingeleitet worden sei, »viele weitere«
von Werten und dass es sich lohne, in die- Beispiel: »Der Nationalsozialismus würden folgen, darunter Reker und der
hatte auch seine guten Seiten.«
sem Land zu leben. Er steht allein hinter Bürgermeister von Altena, Andreas Holl-
einem Stehpult, neben sich eine helle Pro- 3 stein. Auch eine finanzielle Forderung
jektionswand, vor sich ein Laptop und die wird erhoben, beziffert mit 100 Millionen
rechten Störer aus der ersten Reihe. Man Befürwortung einer rechtsgerichteten Diktatur Bitcoins. Unterschrieben mit »Sieg Heil«.
Beispiel: »Im nationalen Interesse ist unter bestimmten
müsse für Werte eintreten, sagt Lübcke noch. Umständen eine Diktatur die bessere Staatsform.«
Die Staatsanwaltschaft wollte sich nicht
Dann folgt der Satz: »Und wer diese Werte zu einer Bewertung des Schreibens äußern.
nicht vertritt, der kann jederzeit dieses Land 3 Reker sagt am Telefon, dies sei nicht die
verlassen, wenn er nicht einverstanden ist.« erste Drohung, die sie seit dem Anschlag
Das sei die Freiheit eines jeden Deutschen. Antisemitismus erhalten habe, sie sei deshalb »nicht beun-
Beispiel: »Auch heute noch
Im Saal wird es laut, es ertönen Buh-Rufe, ist der Einfluss der Juden zu groß.« ruhigt«. Sie lese die Drohbriefe nicht, ge-
»Pfui« und »Verschwinde!«. nauso wenig wie die hasserfüllten Inter-
In den sozialen Medien werden Sätze 3 net-Postings gegen sie. Der Mord an Lüb-
wie diese zu verbalen Ikonen. Herausge- cke sei eine »ungeheuerliche Gewalttat«,
rissen aus jeglichem Kontext, verpackt als Sozialdarwinismus ein »Anschlag neuer Qualität«. Offenbar
Beispiel: »Es gibt wertvolles und unwertes Leben.«
kurze Videosequenz, verbreiten sie sich gebe es mehr an rechter Gewalt, »als wir
rasch, werden millionenfach aufgerufen, 2 es für möglich hielten«.
vor allem in der rechten Szene. 17 Wörter, Was sie beunruhige, sei, »dass sich et-
vier Sekunden können da tödlich sein. Quelle: Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung; was in unserer Gesellschaft verändert hat,
1890 Befragte deutscher Staatsangehörigkeit ab 18 Jahren;
Unter dem Video stehen bald wüste Be- September 2018 bis Februar 2019 dass sie verroht und Menschen bereit sind,
schimpfungen und unverhohlene Aufrufe Grenzen zu überschreiten«. Am Tag ihrer
zum Mord: »Einfach an der nächsten La- Amtseinführung als Oberbürgermeisterin
terne aufhängen, Schild um den Hals: Hier Findet sich hier das Motiv für die Tat? habe die Schriftstellerin Herta Müller ihr
hängt ein Verräter am Deutschen Volk. Der War es der Unmut über die verhasste sinngemäß gesagt: Erst gehen die Hass-
nächste wird sich das zweimal überlegen.« Flüchtlingsunterkunft in der Nachbar- parolen spazieren, dann die Messer. »Das
Auch die AfD verbreitet Lübckes Äuße- schaft, zusammen mit Lübckes Satz? trifft es ziemlich gut«, sagt Reker.
rungen weiter, ihr Facebook-Post zu sei- Es klingt plausibel, erklärt aber nicht, Andreas Hollstein, 56, Bürgermeister im
nen Sätzen wird einer der erfolgreicheren. warum der mutmaßliche Täter noch mehr westfälischen Altena, holte mehr Flücht-
Die Privatadresse des Regierungspräsiden- als dreieinhalb Jahre wartete, bevor er zu- linge in seine Stadt, als er hätte aufnehmen
ten kursiert bald in den Kommentaren des schlug. müssen, im Mai 2017 bekam er den Natio-
rassistischen Blogs »PI-News«. Im Februar Stephan E. macht bislang keine Aussa- nalen Integrationspreis der Bundeskanzle-
tritt die frühere CDU-Bundestagsabgeord- gen. Die Ermittler wissen allerdings, dass rin. Ein halbes Jahr später setzte ihm ein
nete und heutige Vorsitzende der AfD-na- er den Auftritt in Lohfelden nicht nur Mann in einem Dönerimbiss ein Messer
hen Desiderius-Erasmus-Stiftung, Erika »sehr genau wahrgenommen«, sondern ge- an den Hals und drohte: »Ich stech dich
Steinbach, eine neue Welle der Wut los genüber Gleichgesinnten auch »kommen- ab. Mich lässt du verdursten, aber holst
mit Lübckes dreieinhalb Jahre alten Aus- tiert und bewertet« hat. Er habe sich in 200 Ausländer in die Stadt.« Hollstein kam
sagen. einem Chat »furchtbar« über Lübcke mit einer Schnittwunde davon, der Imbiss-
21
im Herbst 2015 in einem vertraulichen
Papier.
Anfang dieses Jahres warnte das BKA
dann erneut vor »schwersten Gewaltstraf-
taten«, die von rechtsextremen Einzel-
tätern oder Kleinstgruppen begangen
werden könnten. Als »Zielauswahl« wur-
den »Repräsentanten der Bundesrepublik
Deutschland« ausgemacht.
Die Behörden waren sich der aufstei-
genden Gefahr also durchaus bewusst.
Und doch fühlt sich nach der Festnahme
von Stephan E. manch langjähriger Ver-
fassungsschützer an die Zeit erinnert, als
die Terrortaten des NSU aufflogen. Da-
mals wurde schnell offenbar, was der Ver-
517
barsten Stimmen bei den Sozi- warnen intern schon länger Hessen über Stephan E. über viele Jahre
aldemokraten, sein Engage- vor einer »besonderen Gefähr- gesammelt wurden, dem Verfassungs-
ment für eine liberale Flücht- dung«, die von »entschlosse- schutz nicht vor. Nadis hat eine gesetzlich
lingspolitik fiel selbst jenseits nen, irrational handelnden eingebaute Amnesie: Nach fünf Jahren
seines Wahlkreises auf. Bis heu- rechts motivierte oder fanatisierten Einzeltä- muss der Datensatz zu einer Person ge-
te ist er massiven Anfeindun- Straftaten 2018 tern« ausgehe, »die keine löscht werden, sofern keine neuen Er-
kenntnisse in dem Zeitraum hinzuge-
gen ausgesetzt. Vor einigen
Monaten erhielt er einen sie-
gegen Politiker enge Anbindung an extremis-
tische Gruppen haben«. Die- kommen sind. Die alten Akten über ihn
5
benseitigen handschriftlichen Quelle: BKA ser »Tätertypus« agiere mitun- existieren zwar noch, aber nur in einem
Brief, in dem ihm der Autor ter spontan und gehe gegen besonders gesicherten Container, den der
drohte, ihn an einem Baum zu davon Ziele in seiner näheren Um- Datenschutzbeauftragte erst noch freige-
erhängen oder per Guillotine Gewalttaten gebung vor. So steht es schon ben muss.
22
Titel
»Wer nicht in Nadis gespeichert ist, fin- Feste Strukturen werden durch lose Ver- WerteUnion prüft nun seinen Ausschluss.
det nicht statt«, sagt ein hochrangiger bindungen ersetzt. Immerhin.
Sicherheitsbeamter, »und genau das ist das »Wir sollten im digitalen Zeitalter unser Für den ehemaligen SPD-Vorsitzenden
Problem.« Es müsse eine geregelte Nach- Verständnis von Netzwerken neu definie- Sigmar Gabriel zeigt der Mord, »dass der
sorge für Personen geben, die von der ge- ren«, sagt die Innenausschussvorsitzende braune Sumpf von Reichsbürgern, Identi-
walttätigen Radikalität in die harmlose Andrea Lindholz (CSU). Es brauche heute tären, rechten Schulungszentren und Ideo-
Normalität hineingleiten, sagt der Sicher- keine Treffen mehr, um Strukturen zu bil- logen bis tief hinein in die AfD ein Klima
heitsexperte. den. »Unsere Instrumente wie Vereinsver- erzeugt hat, in dem jetzt gezielt die Ver-
Auch Stephan E. hat das hessische Lan- bote greifen zu kurz, wenn sich Extremis- treter der Demokratie die Opfer werden«.
desamt für Verfassungsschutz über viele ten über WhatsApp-Gruppen oder Inter- Zu Zeiten des linksextremen RAF-Terrors
Jahre lang mehr schlecht als recht beob- netforen organisieren.« habe der demokratische Staat seine Zähne
achtet. Sein Name stand auf einer vertrau- Seine Behörde sei noch nicht gut genug, gezeigt, sagt Gabriel. »Und heute? Wo ist
lichen Liste besonders gefährlicher und räumte Verfassungsschutzchef Halden- die Sonderkonferenz der Innenminister?
gewalttätiger Rechsextremisten. Der Lin- wang dieser Tage ein. »Angesichts der Di- Wann werden die Reichsbürger entwaffnet
ken-Abgeordnete Hermann Schaus hat das mension der Bedrohung durch den Rechts- und die Schulungszentren in den Herren-
Papier bei seinen Recherchen in vertrauli- extremismus sind wir noch nicht in der häusern ausgehoben, in denen die Ideo-
chen Akten des Verfassungsschutzamts ge- Lage zu sagen, wir beherrschen diese logen sich als geistige Brandstifter auf-
funden. Als er die zuständige Sachbearbei- Bedrohung vollständig.« Ein erstaunlich führen?«
terin des Amtes in einer nicht öffentlichen ehrlicher Satz. Zugleich keiner, der die Bundesfamilienministerin Franziska
Ausschusssitzung danach fragte, »konnte Menschen beruhigt. Giffey sieht die Staatsschützer in der
sie nichts Konkretes mit dem Namen an- »Ich fürchte, es wird weitere solche Pflicht. »Was unter der Oberfläche pas-
fangen«, erinnert sich Schaus. Attentate geben«, sagt Miro Dittrich. Seit siert – ob sich gefährliche Netzwerke bil-
Dass die Verfassungsschützer auf dem drei Jahren durchforstet er im Auftrag der den oder Einzelne radikalisieren –, das
rechten Auge so schlecht sehen, hat auch Amadeu Antonio Stiftung Foren und Kom- müssen vor allem die Sicherheitsbehörden
damit zu tun, dass nach den Anschlägen mentarspalten im Netz nach hetzerischen, intensiver ergründen.« Sicht- und hörbare
von 9/11 alle Kräfte auf den Kampf gegen extremistischen und illegalen Inhalten. Signale besonders im Netz müssten erns-
den islamistischen Terror gesetzt wurden, ter genommen werde, fordert die SPD-
auf Kosten anderer Abteilungen. »Davon Politikerin.
haben sich die meisten Ämter bis heute
nicht erholt«, sagt ein ehemaliger Verfas-
Potenzielle Täter Der nordrhein-westfälische Ministerprä-
sident Armin Laschet (CDU) assistiert:
sungsschützer. Zwar würden die Behörden tummeln »Noch nie in den letzten 70 Jahren unserer
inzwischen mit neuen Stellen bedacht,
doch Quantität ersetze keine Qualität. Bis
sich in anonymen Republik war die Demokratie von rechts
herausgefordert wie in diesen Tagen.«
Verbesserungen bemerkbar seien, würden Internetforen. Zwei von denen, die Politiker wie Ar-
wohl noch Jahre vergehen. min Laschet vermutlich meinen, stehen
Außerdem hatte das Bundesamt für Ver- am Mittwoch auf einem Hinterhof, 20 Ki-
fassungsschutz mit Hans-Georg Maaßen Allein rund 200 Konten des Messengers lometer von Kassel entfernt. Sie tragen
lange einen Präsidenten, der nach Ansicht Telegram hat er im Blick. Lonsdale-Shirts und Bärte, ihre Augen ver-
einiger Mitarbeiter das Phänomen des Es brauche keinen Anführer mehr, keine stecken sie hinter Sonnenbrillen. Sie ken-
Rechtsextremismus völlig unterschätzte, ob hierarchisch operierenden Organisationen nen Stephan E. aus ihrer gemeinsamen
bewusst oder unbewusst. »Natürlich hätte oder Zellen für einen Terroranschlag, sagt Zeit in der Szene.
man sich viel früher systematisch die Ver- Dittrich. »Diese Leute gehen los und han- Er glaube nicht, sagt einer von ihnen,
zahnung und den Einfluss von Rechtsex- deln dennoch nicht alleine, sie wissen, es dass Stephan E. das gewesen sei, er habe
tremisten mit der und auf die AfD ansehen gibt eine globale Community, die sie auf- doch Familie. Sie wollen ihm jetzt Pakete
müssen«, sagt der ehemalige Verfassungs- fordert und anfeuert und sie nach ihrer Tat schicken, ihn vielleicht mal besuchen im
schützer. Erst unter dem neuen Präsidenten sogar als Helden feiert und verklärt.« Knast. Er brauche jetzt Unterstützung.
Thomas Haldenwang wurde ein sogenann- Das sei auch im Fall des Lübcke-Mordes Und was ist mit Walter Lübcke, dem Er-
ter Prüfvorgang für die AfD angelegt. geschehen: Auf Instagram feierten Neo- mordeten? »Na ja«, sagt der Mann, »das
Das wurde auch höchste Zeit. Denn die nazis das mutmaßliche Attentat – und rie- war halt keine schöne Aktion, was er da
Gefahr ist viel schwerer fassbar geworden, fen zu weiteren auf. gesagt hat.«
die Grenzen sind fließend, der rechtsradi- So laut der Widerhall aus den Foren, so
Matthias Bartsch, Felix Bohr,
kale Rand fasert aus. Es braucht keine Ka- leise der aus Berlin. Dafür, dass erstmals Maik Baumgärtner, Jörg Diehl,
meradschaften mehr, auch Parteien wie seit 1945 ein Politiker mutmaßlich aus Annette Großbongardt, Roman Höfner,
die rechtsextreme NPD spielen kaum noch rechtsextremen Motiven hingerichtet wur- Max Holscher, Anna-Lena Jaensch,
eine Rolle. Potenzielle Täter tummeln sich de, blieb die Reaktion aus dem politischen Martin Knobbe, Tim Kummert,
in anonymen Internetforen oder Chaträu- Zentrum tagelang verhalten. Die Kanzle- Roman Lehberger, Peter Maxwill,
men für Gamer, wo sie Amokläufer und rin sprach von »bedrückenden Nachrich- Veit Medick, Ann-Katrin Müller,
Henrik Neumann, Miriam Olbrisch,
Terroristen verherrlichen. ten«, Vizekanzler Olaf Scholz mahnte, Sven Röbel, Marcel Rosenbach,
Viele treibe dabei ein »diffuses Wider- »dass wir als Demokraten zusammenste- Fidelius Schmid,
standsmotiv«, das sich etwa aus Verschwö- hen«. Nichts von der Wucht, mit der 2000 Wolf Wiedmann-Schmidt
rungstheorien oder rechtsextremistischen Kanzler Gerhard Schröder nach einem
Untergangsszenarien speise, so analysierte Brandanschlag auf eine Düsseldorfer Sy-
jüngst der Verfassungsschutz. »Entschei- nagoge zum »Aufstand der Anständigen« Erklär-Animation
Die rechte Szene in
dend für Radikalisierungsprozesse« sei das aufgerufen hatte. Stattdessen beschwerte Deutschland
Netz. Was früher die Szenekneipe war, ist sich ein CDU-Politiker der konservativen spiegel.de/sp262019rechts
heute die Parallelwelt des Internets mit WerteUnion nach der Festnahme in Kas- oder in der App DER SPIEGEL
ihren Echokammern und Wutverstärkern. sel über die »Hetze gegen rechts«. Die
S
ie gilt als die größte technische He- in die Anfänge des vorigen Jahrhunderts.
rausforderung im Rennsport: die FORMEL-1-TERMINE 2019 Schon in den 1920er-Jahren erzielte Alfa
Formel 1. Jetzt ist Alfa Romeo nach Romeo unzählige Siege und war auch von
34 Jahren Pause als Titelsponsor für das Sau- Die noch ausstehenden Rennen 2019 Anbeginn in der Formel 1 aktiv. Die ersten
ber-Team zurück in der Königsklasse. In den f
Großer Preis von Frankreich: 23. Juni beiden Weltmeistertitel der Klasse holten
Cockpits der beiden C38-Boliden sitzen Kimi Piloten mit einem Alfa Romeo: 1950 siegte
f
Großer Preis von Österreich: 30. Juni
Räikkönen und Antonio Giovinazzi. „Alfa Giuseppe Farina am Steuer des Tipo 158 „Al-
Romeo Racing ist ein neuer Name mit einer f
Großer Preis von Großbritannien: 14. Juli fetta“, ein Jahr später der Argentinier Juan
großen Historie in der Formel 1“, sagt Mike f
Großer Preis von Deutschland: 28. Juli Manuel Fangio mit dem Nachfolgemodell.
Manley, Chef des Mutterkonzerns Fiat Chrys- f
Großer Preis von Ungarn: 4. August In den 1950er-Jahren zog sich Alfa Romeo
ler Automobiles. Das Comeback dürfte als f
Großer Preis von Belgien: 1. September zwischenzeitlich aus der Formel 1 zurück,
weiterer Meilenstein in die lange Motor- blieb aber in anderen Klassen aktiv. So ge-
f
Großer Preis von Italien: 8. September
sport-Geschichte von Alfa Romeo eingehen. wann die Marke seit den 1960er-Jahren zahl-
f
Großer Preis von Singapur: 22. September reiche Titel in der Tourenwagen-Europameis-
Sieg bei der Premiere f
Großer Preis von Russland: 29. September terschaft. Und 1993 holte sie als erste
Auf den Boliden des Rennstalls prangt das f
Großer Preis von Japan: 13. Oktober ausländische Marke den Titel bei der Deut-
legendäre vierblättrige Kleeblatt (Quadri- f
Großer Preis von Mexiko: 27. Oktober schen Tourenwagenmeisterschaft (DTM).
foglio). Es gehört zu den symbolträchtigsten
f
Großer Preis von USA: 3. November
Zeichen im Rennsport und ziert bei Alfa Von der Piste in Serie
Romeo bereits seit 1923 die Rennwagen und f
Großer Preis von Brasilien: 17. November Seit seiner Gründung erprobt Alfa Romeo
die leistungsstärksten Serienfahrzeuge. Alfa f
Großer Preis von VAE: 1. Dezember neue Technologien im Motorsport, um sie
Romeos Motorsporthistorie reicht zurück bis anschließend in Serienfahrzeuge zu über-
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AUTOGRAMM-JÄGER:
Alfa Romeo-Werksfahrer
Kimi Räikkönen wird von
chinesischen Fans umlagert
PERFEKTER EINSTAND:
Das erste Rennen in der
Formel-1-Geschichte gewann
1950 Giuseppe Farina mit
einem Tipo 158 „Alfetta“
tragen. Diese Rennsport-DNA hat auch die von Motor, Fahrwerk und Bremse bestehen Motorsport-Gene trägt auch der 2,9-Li-
Ingenieure bei der Entwicklung der Limousi- aus dem Leichtmetall. Auch Kohlefaser ter-Turbo-Sechszylinder in sich. Das 375 kW
ne Giulia und des SUV Stelvio geleitet. Sie kommt zum Einsatz. Aus dem ultraleichten (510 PS) starke Triebwerk wird von Ferrari
setzten konsequent auf eine perfekte Ge- Hightech-Material werden in der Formel 1 gebaut. Kombiniert ist der potente V6 mit
wichtsverteilung und ein geringes Leistungs- die kompletten Monocoque-Chassis gefer- einer 8-Stufen-Automatik, die im Fahrmodus
gewicht. Letzteres beträgt beim Stelvio tigt. Alfa Romeo setzt Kohlefaser für die RACE Gangwechsel in nur 150 Millisekun-
Quadrifoglio gerade mal 3,6 Kilogramm pro Kardanwelle ein. Professionelle Rennsport- den ermöglicht, während der Motor maxi-
PS. Diesen Spitzenwert im Segment errei- technologie sitzt zudem an den Rädern: Op- male Performance zum Beispiel für eine
chen die Konstrukteure durch den Einsatz tional lassen sich Bremsscheiben aus Kohle- schnelle Runde auf einer Rennstrecke zur
von Aluminium. faser-Keramik-Verbundstoff ordern. Das Verfügung stellt. Schließlich brachen sowohl
Türen, Kotflügel, Motorhaube und Kof- senkt das Gewicht noch einmal um rund die Giulia als auch der Stelvio kurz nach ihrer
ferraumklappe sowie viele Komponenten 17 Kilogramm. Markteinführung den Rekord in ihrer jewei-
ligen Klasse auf der legendären Nordschleife
des Nürburgrings.
ZURÜCK IN DER FORMEL 1:
Mit dem Modell C 38 will Alfa „Alfisti“ feiern die Rückkehr
Romeo Racing in dieser Saison
möglichst viele Erfolge einfahren Wenn jetzt auch wieder die Formel-1-Profis
mit den Boliden von Alfa Romeo ihre Runden
drehen, dürfte das nicht nur die Herzen der
traditionellen „Alfisti“ höher schlagen lassen,
sondern auch eine neue Generation von Mo-
torsportfans begeistern.
Kraftstoffverbrauch (l/100 km) nach RL 80/1268/EWG für den Alfa Romeo Stelvio Quadrifoglio:
innerorts 12,3; außerorts 8,4; kombiniert 9,8. CO2-Emission (g/km): kombiniert 227.
Deutschland
kann widersprechen« ist, denkt man vielleicht kurz vor dem Tod
noch mal anders darüber nach.
SPIEGEL: Wie hat sich Ihre Haltung durch
die Kinder verändert?
Baerbock: Bevor ich eine eigene Familie
hatte, habe ich viel rationaler draufge-
schaut. Für mich war vollkommen klar,
dass ich alle Organe für andere Menschen
E
s kann nicht sein, dass täglich drei dass man zu Hause starb und der oder die noch nicht viel geredet. Das will ich nach-
Menschen auf der Warteliste für Tote zum Abschiednehmen noch ein, zwei holen.
Spenderorgane sterben, statistisch Tage in der Wohnung blieb. Heute haben SPIEGEL: Auf der politischen Tagesord-
gesehen, weil sich kein neues Herz wir das Sterben ausgelagert. Das geht so nung steht das Thema aber schon lange.
oder keine Niere für sie findet. In dem weit, dass Eltern ihre Kinder zum Teil be- Baerbock: Zu Recht. Bei aller grundsätz-
Wunsch, die Zahl der Organspenden zu wusst davor schützen, überhaupt mit dem lichen Bereitschaft: Es muss uns gelingen,
erhöhen, sind sich die Deutschen einig. Al- Tod konfrontiert zu werden. Ich finde das dass mehr Menschen den nächsten Schritt
lerdings gilt das nicht für den Weg dorthin. falsch. Das Sterben gehört zum Leben dazu. gehen und sich tatsächlich erklären. Aber
In der nächsten Woche berät der Bun- Baerbock: Ich habe mich schon früh mit Jens Spahns Vorschlag zur Widerspruchs-
destag über zwei fraktionsübergreifende dem Tod beschäftigt, das hängt auch mit regelung ist dafür aus meiner Sicht kontra-
Gesetzentwürfe zur Organspende. Eine Todesfällen und schweren Krankheiten in produktiv. Wir brauchen eine Lösung, die
Gruppe um Bundesgesundheitsminister meiner Familie zusammen. Mit meinen bei so einer persönlichen Frage die sehr
Jens Spahn, 39 (CDU), plädiert für die so- Kindern erlebe ich das noch einmal aufs individuelle Situation der Menschen im
genannte Widerspruchslösung. Menschen Neue, in einer anderen Rolle, weil sie Blick hat. Deshalb haben wir fraktions-
würden nach dem Hirntod automatisch als durch den Tod der Urgroßeltern ebenfalls übergreifend einen anderen Vorschlag
Spender gelten, wenn sie zu Lebzeiten früh mit diesem Thema in Berührung ka- erarbeitet, um die tatsächlichen Spender-
nicht widersprochen haben und ihre An- men. Da merkt man, dass Kinder auf eine zahlen zu erhöhen.
gehörigen keinen anderen Willen kennen. unverkrampftere Art mit Leben und Tod Spahn: Für mich ist Organspende schon
Der Gruppe von Abgeordneten um umgehen, wenn man darüber spricht. länger ein Thema. Vor sieben Jahren habe
Grünenchefin Annalena Baerbock, 38, SPIEGEL: Ist das Verdrängen von Tod ein ich sogar im Bundestag am heutigen Recht
geht Spahns Vorstoß zu weit. Ihr Entwurf Grund dafür, dass es Menschen offenbar mitgearbeitet. Damals war ich noch gegen
sieht vor, dass die Bürgerämter allen Men- schwerfällt, sich mit dem Thema Organ- die Widerspruchslösung, weil ich dachte,
schen Infomaterial aushändigen, wenn die spende zu beschäftigen? dass wir mehr Transplantationen durch
einen Ausweis beantragen. In ein offiziel- Spahn: Es ist gar nicht so schwer. Ich erle- bessere Aufklärung erreichen könnten.
les Onlineregister trägt man ein, ob man be oft auf Veranstaltungen, dass bei dem Aber da lag ich falsch.
Organspender sein möchte oder nicht. Thema plötzlich Ruhe im Saal ist. Da SPIEGEL: Woran machen Sie das fest?
Im SPIEGEL-Hauptstadtbüro trafen sich herrscht höchste Aufmerksamkeit. Gleich- Spahn: An der Zahl der Organspenden,
Spahn und Baerbock zum Gespräch. wohl gibt es eine Diskrepanz zwischen der die von Tiefstand zu Tiefstand sank. All
abstrakt hohen Bereitschaft, sich mit die- unsere Kampagnen haben nicht geholfen,
SPIEGEL: Frau Baerbock, Herr Spahn, fällt ser Frage auseinanderzusetzen, und der einen weiteren Rückgang der Organspen-
es Ihnen leicht, über den Tod zu sprechen? Bereitschaft, einen Spenderausweis auszu- den zu verhindern. Dabei sterben jeden
Spahn: Nein, leicht nicht. Ich habe zum füllen. In Umfragen sagen über 80 Prozent Tag Patienten, die vergebens auf Spender-
ersten Mal einen Toten gesehen, als ich 30 der Befragten, dass sie Organspende rich- organe warten. Und die, denen geholfen
war: meine Großmutter. Da ist mir bewusst tig und wichtig finden. Aber zu wenige zie- wird, sind unendlich dankbar. Kürzlich
geworden, wie sehr wir den Tod aus der hen daraus konkrete Konsequenzen. beim Tag der Organspende in Kiel kam
Familie, aber auch generell aus der Gesell- SPIEGEL: Sie sind beide relativ jung, Jahr- ein neunjähriger Junge auf mich zugehüpft
schaft verbannt haben. Meine Eltern erzäh- gang 1980. Warum treibt ausgerechnet Sie und erzählte mir, dass er zwei Jahre zuvor
len, wie selbstverständlich es früher war, das Thema so um? eine neue Lunge transplantiert bekommen
sprechen.
Baerbock: Was ist mit den Menschen,
die – aus was für Gründen auch immer –
dazu nicht in der Lage sind? Millionen
Menschen sind funktionale Analphabeten,
die euren Brief nicht verstehen können.
Abgeordnete Baerbock, Spahn Wir haben Menschen, die keine feste
Wohnanschrift haben, Obdachlose, was ist
27
mit denen? Mein Verständnis vom Selbst- gern eine Entscheidung abzuverlangen. Ich
bestimmungsrecht ist, dass ein Eingriff in komme zu dem Ergebnis: ja. Und Annalena
Kind hofft. Denken Sie auf der anderen SPIEGEL: Sie sind beide religiös. Spielt das
Seite an den Ehemann, der vom schreckli- beim Thema Organspende eine Rolle?
chen Hirntod seiner Frau erfährt und sie Baerbock: Für mich nicht. Ich bin ohnehin
nicht gehen lassen will. Das sind alles eher aus Gründen der gesellschaftlichen
schwer zu ertragende Situationen, und es Solidarität in der Kirche und weniger aus
ist kaum möglich, rational zu entscheiden – religiösen.
und es muss trotzdem entschieden werden. Spahn: Ich bin durch und durch katholisch
Daher bin ich froh, dass wir im Herbst ge- aufgewachsen, vom Kindergarten bis zum
meinsam im Bundestag beschlossen haben, bischöflichen Gymnasium. Das gibt mir
dass wir Ärzte in Krankenhäusern endlich Halt und Haltung, aber keine Anleitung
freistellen, damit sie Angehörigen in dieser für konkrete Politik.
sensiblen Situation erklären können, was SPIEGEL: Auch nicht für so ein existenziel-
der Hirntod bedeutet. les Thema wie Organspende?
SPIEGEL: Es gibt bei jeder Organspende Spahn: Nein. Wer mit seiner Religion zu
diesen heiklen Moment, in dem ein Arzt der einen wahren Antwort kommt, der
den Angehörigen sagen muss, dass der wird schnell fundamentalistisch. Für mich
Mensch, den sie lieben, tot ist, dass er aber persönlich ist Organspende eine Frage der
möglicherweise sein Herz spenden könnte. Nächstenliebe.
Wie verändert das den Abschied? SPIEGEL: Irgendwie scheint es uns, dass
Spahn: Ich glaube, dass es die Angehöri- Sie hier in vertauschten Rollen sitzen. Herr
gen entlastet, wenn Menschen, die keine Spahn, Sie kommen aus der liberal-kon-
Organspender sein wollen, das zu Lebzei- servativen Ecke. Frau Baerbock, als Grüne
ten mit einem Nein erklären. Aber zur stammen Sie aus einer Partei, die wenig
Wahrheit gehört auch, dass wir um schwie- Hemmungen vor staatlichen Eingriffen
rige Situationen nicht herumkommen wer- hat – etwa beim Klimaschutz. Bei der Or-
den, wenn wir mehr Organspenden wol- ganspende aber ist Ihre Argumentation je-
len. Deswegen brauchen wir Ärzte in den weils genau umgekehrt.
Kliniken, die Zeit dafür haben und beson- Spahn: Für mich ist es liberal-konservativ,
ders ausgebildet sind. Freiheit nicht nur als meine eigene zu de-
Baerbock: Auch deswegen ist es so wich- finieren und mich nicht nur darum zu küm-
tig, dass wir das Thema Organspende viel mern, was ich selbst mir wünsche. Freiheit
breiter öffentlich diskutieren. Wenn sich heißt auch, Verantwortung zu überneh-
der Verstorbene zu Lebzeiten erklärt hat, men. Dazu gehört, sich mit dem Thema
dann weiß man, was sein Wille war. Dann Organspende auseinanderzusetzen. So un-
muss sich eine Mutter, deren Tochter einen terschiedlich sind unsere Ansätze deswe-
tödlichen Autounfall hatte, nicht fragen: gen gar nicht: Wir gehen unterschiedliche
Mein Gott, war mein Kind jetzt eigentlich Wege, aber die Verantwortung für andere Deutschland
für oder gegen die Organspende? Und was sehen wir beide.
soll ich tun? Baerbock: Der Kern von Politik ist immer, schwarz-weiß
SPIEGEL: Ist denn eine Organspende für zwischen gesellschaftlicher Verantwortung
die Angehörigen immer eine Zumutung? und individueller Freiheit abzuwägen. Für Städte sind steingewordene Flickentep-
Spahn: Sie kann auch Trost sein. Ich höre mich ist das Bereichernde an dieser De- piche: Bauvorschriften, Kriegsschäden und
nicht selten von Angehörigen, die sagen, so batte, dass sie so über die Parteigrenzen Grundstücksspekulationen prägen eine
hatte der Tod wenigstens noch einen Sinn – hinausgeht. Stadt. Wer verstehen will, wie all das zu-
nämlich, dass er anderen das Weiterleben SPIEGEL: Hält denn die Legislaturperiode sammenhängt, findet die Antworten
ermöglicht hat. Wir haben das Datenschutz- so lange, dass Sie Ihre Pläne überhaupt in sogenannten Schwarzplänen, aufs
recht so geändert, dass die Empfänger eines noch umsetzen können?
Wesentliche reduzierten Luftaufnahmen in
Spenderherzes den Angehörigen des Spen- Spahn: Kurze Antwort: ja.
ders schriftlich danken dürfen. Ich kenne SPIEGEL: Und die lange Antwort?
Schwarz-Weiß. Ein SPIEGEL-Team hat die
selbst ein Ehepaar, das nach dem Tod des Spahn: Auch ja. Der Bundestag wird in Schwarzpläne von 36 Städten und Siedlun-
Sohnes Ja zur Organspende gesagt hat. Er erster Lesung in der nächsten Woche be- gen in Deutschland analysiert. Sie erzählen
hatte Medizin studiert, sie sind davon aus- raten, im Herbst könnte das Parlament von Bausünden und Fehlkalkulationen. Aber
gegangen, dass er es so gewollt hätte. Die endgültig über die beiden Vorschläge ab- sie zeigen auch, wo Stadtentwicklungs-
beiden berichten mir, wie wichtig es für sie stimmen. konzepte heute gut funktionieren – und wie
war, einen persönlichen Dankesbrief der SPIEGEL: Und im Zweifel würden Sie, die Stadt der Zukunft aussehen könnte.
Organempfänger erhalten zu haben. Sie ge- Herr Spahn, das Thema in einem grün-
hen zu jährlichen Treffen mit den Angehö- schwarzen Kabinett unter Kanzler Ha- Sehen Sie die Graphic Story im digitalen
rigen von anderen Spendern. Das hilft ih- beck oder Kanzlerin Baerbock voran- SPIEGEL, oder scannen Sie den QR-Code.
nen. Manche fragen sich ein Leben lang, ob treiben?
sie womöglich falsch entschieden haben. Spahn: Ich würde das Thema auch dann
Baerbock: Das sehe ich genauso. Bei all vorantreiben, wenn sich der Bundestag für
der Schwierigkeit und der Trauer, die im die Entscheidungslösung ausspricht. Es
Tod mitschwingt, eint uns ja auch, dass geht darum, mit Organspenden Leben zu
wir es nicht beim Status quo belassen wol- retten. Nicht ums Gewinnen.
len und Menschen möglicherweise sterben, SPIEGEL: Frau Baerbock, Herr Spahn, wir
weil wir uns diesem Problem nicht gestellt danken Ihnen für dieses Gespräch.
haben. JETZT DIGITAL LESEN
29
Deutschland
A
rmin Laschet kann sagen, was er lierer aus, wieder einmal. Als Angela Mer-
will. Sie legen es immer gegen ihn kel im vergangenen Oktober erklärt hatte,
aus. Neulich hat er bloß Annegret sie werde nicht wieder als Parteichefin an-
Kramp-Karrenbauer zitiert: Die treten, waren andere schneller als er.
CDU werde sich der Frage der Kanzler- Friedrich Merz ließ via »Bild«-Zeitung
kandidatur Ende 2020 widmen. Schon verbreiten, dass er für den CDU-Vorsitz
hieß es wieder, er wolle selbst Kanzler- kandidieren werde. Gesundheitsminister
kandidat werden. Was soll man dagegen Jens Spahn erklärte im Parteivorstand,
machen? dass er sich ebenfalls bewerbe. Beide ge-
Laschet, Ministerpräsident von Nord- hören zum Landesverband NRW. Laschet
rhein-Westfalen, sitzt in der Vertretung sei- war überrumpelt. Eine Niederlage gegen
nes Landes bei der EU in Brüssel. Gerade einen Kandidaten aus seinem Land hätte
hat sein Kabinett getagt, in wenigen ihn politisch beschädigt. Er verzichtete auf
Minuten wird er das Sommerfest eröffnen. eine Kandidatur.
Er trägt sein Hemd offen und wirkt ent- Dass er jetzt als aussichtsreicher Kandi-
spannt. Falls ihm die Missverständnisse dat gilt, sagt viel aus über den Zustand der
zu schaffen machen, merkt man es ihm Partei. Kramp-Karrenbauer hat in den ver-
nicht an. gangenen Wochen so viele Fehler gemacht,
Es war ja nicht das erste Mal. Als dass offen über ihre Eignung debattiert
Kramp-Karrenbauer wegen einer unglück- wird. Laschets Aufstieg ist ein Hinweis
lichen Äußerung zur Meinungsfreiheit im darauf, wie ratlos die CDU und ihre Füh-
Internet in Kritik geriet, sagte Laschet: rung sind.
»Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut.« Wie- Er ist aber auch ein Beleg für die Hart- CDU-Vize Laschet: Nicht mit Wucht, sondern
der hieß es, er gehe auf Distanz zur Par- näckigkeit, mit der Laschet seine politische
teichefin. Karriere betrieben hat. Kramp-Karren-
Dabei fiel der Satz auf einer Veranstal- bauer hat ihr Amt als Ministerpräsidentin noch ein paar Schritte Richtung Bahnhof
tung der Deutschen Welle. Soll er sich da aufgegeben, um sich ganz auf die Partei mit.
nicht zur Meinungsfreiheit äußern? Das zu konzentrieren. Laschet ist nie einen Laschet ist in Aachen groß geworden,
wäre gar nicht gegangen. Nun hat er am ähnlich radikalen Weg gegangen. hier kennen ihn die Leute. Einige grüßen
selben Tag auf Twitter die Sätze nachge- Sein Aufstieg vollzog sich unspektaku- ihn, aber Aufsehen erregt er nicht. Auf die
schoben: »70 Jahre alt und doch wie für lär. Die großen politischen Schlachten ver- Aura, die manchmal mit dem Amt kommt,
YouTube formuliert. Das Grundgesetz lor er meist, aber er gab nicht auf. Wenn wartet er bislang vergebens. Er wirkt wie
schützt unsere Meinungsfreiheit – in allen es drauf ankam, war er da. Laschet kam ein freundlicher Gymnasialdirektor, nicht
Medien.« Das wäre wohl nicht unbedingt nicht mit Wucht, sondern schleichend zur wie der Regierungschef eines Bundeslandes,
nötig gewesen. Aber will ihm jemand Macht. das mehr Einwohner hat als die fünf ost-
widersprechen? Die Frage ist: Kann man auf diese Art deutschen Länder und Berlin zusammen.
Nach einem Gespräch mit Laschet Kanzler werden? Man kann es auch positiv formulieren.
nimmt man den Eindruck mit: Der arme Ein warmer Frühlingsabend in Aachen. Laschet ist unprätentiös und freundlich ge-
Kerl kann nichts dafür, dass er auf einmal Das Diner am Vorabend der Karlspreis- blieben, das Wichtigtuerische mancher
als Kanzlerkandidat im Gespräch ist. verleihung ist zu Ende, Laschets Dienst- Amtskollegen geht ihm ab. Seine Leib-
»Ich mache meinen Job sehr gerne und wagen wartet am Rande des Marktplatzes wächter sieht man nicht, als er durch die
bin glücklich, wenn ich ihn noch viele auf ihn. Laschet lässt sich Zeit, er geht Stadt spaziert. Der große Auftritt passt
Jahre machen kann«, sagt er. Dass ihn nicht zu ihm, und er ist klug genug, das zu
einmal eine andere politische Aufgabe wissen.
reizen könnte, schließt er nicht ausdrück- Wenn die Grünen der Als 33-Jähriger zog Laschet zum ersten
lich aus. Hauptgegner sind, dann Mal für seine Heimatstadt in den Bundes-
In der Krise, in der sich die CDU befin- tag ein. Was der Beginn einer großen Lauf-
det, ist Laschet einer der wenigen Gewin-
wäre Laschet der bahn sein sollte, endete schnell. Nach vier
ner. Dabei sah er vor Kurzem wie ein Ver- naheliegende Kandidat. Jahren flog er aus dem Parlament.
30
Er habe nie daran gedacht aufzuhören,
sagt er. »Ich habe immer gedacht, so ist
Politik. Niederlagen gehören dazu. Das
kannst du manchmal gar nicht beeinflus-
sen.« Wenn die anderen dann weg waren,
wie Röttgen nach der verlorenen Land-
tagswahl 2012, dann war Laschet immer
noch da. Und plötzlich, im Juni 2017, stieg
er zum Ministerpräsidenten auf, weil die
SPD in ihrem Stammland abgewirtschaftet
hatte.
Es war ein Triumph, über den sich in
den eigenen Reihen nicht alle freuten. Für
seine innerparteilichen Gegner ist die Art,
wie Laschet nach oben gekommen ist, ein
Makel. »Wenn er wirklich Ministerpräsi-
dent wird, dann hat Nathanael ganze Ar-
beit geleistet«, sagte Spahn kurz vor der
Landtagswahl.
Nathanael Liminski war damals Büro-
leiter Laschets, heute ist er sein Staatskanz-
leichef. Allein hätte Laschet das nicht ge-
schafft, sollten Spahns Worte suggerieren.
Aber kein Politiker schafft den Aufstieg al-
lein. Es ist keine Schwäche, sich mit guten
Leuten zu umgeben, sondern eine Stärke.
Die Halle 32 in Gummersbach ist bis
auf den letzten Platz gefüllt. Laschet
kommt zu spät, aber die Zuhörer nehmen
ihm das nicht übel. Wer Nordrhein-West-
falen für die CDU erobert, darf bei seinen
Parteifreunden mit Nachsicht rechnen.
Eigentlich geht es um die Europawahl,
MARKUS HINTZEN / DER SPIEGEL
nach einem traditionellen Politikertypus Es wirkt glaubwürdig, wenn er nach der chen, wo unsere Antworten sind. Wir scho-
groß zu sein, einem Mann, der auch pola- Ermordung des hessischen CDU-Politikers nen die Grünen im Moment zu sehr.«
risieren kann und enttäuschte Konservati- Walter Lübcke sagt: »Den Ton unserer Ge- Wen die Union als Kanzlerkandidat in
ve von der AfD zurückholt. Die Partei sellschaft dürfen wir nicht den Spaltern, das Rennen schickt, wenn die Große Koa-
suchte nach einem emotionalen Gegen- Hetzern und Demagogen überlassen.« Er lition platzt, ist offen. Merz hat in dieser
modell zum Pragmatismus Angela Merkels. hat bereits nach den Ausschreitungen von Woche offen ausgesprochen, was ohnehin
Die anfängliche Begeisterung für Fried- Chemnitz im vergangenen August den frü- jeder wusste: Wenn er von Kramp-Karren-
rich Merz ließ sich so erklären, und wenn heren Reichskanzler Joseph Wirth von der bauer gefragt würde, würde er über eine
der seinen Auftritt auf dem CDU-Parteitag Zentrumspartei zitiert: »Da steht der Kandidatur nachdenken, sagte er.
nicht verstolpert hätte, wäre er vermutlich Feind – und darüber ist kein Zweifel: Die- Laschet sagt zu seinen Ambitionen
Parteichef geworden. Die Stimmung hat ser Feind steht rechts!« nichts. Gelegentlich berichtet er von sei-
sich seither gedreht. Die Union hat bei der Wie Kramp-Karrenbauer ist Laschet zu nen europapolitischen Erfahrungen und
Europawahl massiv Stimmen an die Grü- Zugeständnissen an die Konservativen in weist darauf hin, dass Nordrhein-West-
nen verloren und liegt in einigen Umfra- der Partei bereit. Seine Landesregierung falen nach seiner Einwohnerzahl in der
EU an achter Stelle kommen
würde. Das Saarland hat we-
niger Einwohner als Köln, aber
das erwähnt er nicht.
Am Ende wird es auf den
Zeitpunkt ankommen. Kramp-
Karrenbauer ist als Parteichefin
noch immer in einer starken
Position, aber weitere Fehler
kann sie sich nicht erlauben.
Wenn die Grünen der Haupt-
gegner sind, wonach es aussieht,
dann wäre Laschet der nahelie-
gende Kandidat. Merz, der
noch nie ein Regierungsamt in-
nehatte, wird in der CDU-Füh-
rung wenig zugetraut. Er hat
aber an der Basis viele Unter-
stützer. Bei einer Mitgliederbe-
fragung hätte er gute Chancen.
Laschet ist naturgemäß ge-
gen eine solche Befragung.
OMER MESSINGER / EPA-EFE / REX
»Eine Mitgliederbefragung zur
Kanzlerkandidatur halte ich
für problematisch«, sagt er.
»Das hieße, dass die CDU
die CSU überstimmen könnte.
Das wäre für das Verhältnis
zwischen beiden Parteien über
Laschet-Konkurrenten Kramp-Karrenbauer, Merz: Noch immer in einer starken Position den Tag hinaus schwierig.« Es
ist ein Argument, das nicht
leicht zu entkräften ist.
gen erstmals hinter der Umweltpartei. Zu- ließ ein Kopftuchverbot für unter 14-jäh- Sein größtes Problem könnte der eigene
gleich scheint der bundesweite Vormarsch rige Mädchen prüfen. Aber in einer ent- Landesverband sein. Merz, Spahn und
der AfD fürs Erste gebremst. scheidenden Frage ist er standhaft ge- auch der Vorsitzende der Bundestagsfrak-
Hätte Kramp-Karrenbauer nicht so vie- blieben. tion, Ralph Brinkhaus, haben kein Interes-
le Schnitzer gemacht, müsste ihr diese Ent- Er hat sich nie von Merkels Flüchtlings- se an einer Kandidatur Laschets. Selbst
wicklung zugutekommen. So aber fragen politik abgewendet. Das Werkstatt- NRW kann nicht alle Spitzenpositionen
sich viele in der Partei, wer der richtige gespräch im Konrad-Adenauer-Haus, mit besetzen.
Kandidat wäre, um den Grünen Stimmen dem Kramp-Karrenbauer sich von der Wenn Laschet nicht Kanzlerkandidat
abzujagen. Merz, der vor allem in wirt- Linie der Kanzlerin distanzieren wollte, wird, muss dies nicht das Ende seiner Am-
schaftsliberalen und konservativen Partei- hielt er für einen Fehler. Wenn Laschet bitionen sein. Falls die Grünen bei der
kreisen ankommt und in Auftreten und Kanzlerkandidat wird, dann wäre das ein Bundestagswahl vor der Union landen,
Habitus ein Mann der alten Zeit ist? Oder Bekenntnis zum Erbe Angela Merkels. sind alle Personalfragen in der CDU wie-
doch Laschet, der eine große Anziehungs- Noch vor Kurzem galt das als Karriere- der offen. Das könnte seine Stunde wer-
kraft hat und niemanden abstößt. hemmnis. Doch die Zeiten haben sich ge- den. Es wäre typisch Laschet.
Den idealen Kandidaten gibt es in der ändert.
Politik nicht. Es kommt darauf an, der rich- Laschets Standhaftigkeit in der Flücht-
tige Mann oder die richtige Frau zur rechten lingsfrage erlaubt es ihm, die Grünen zu Video
Armin Laschets Karriere
Zeit zu sein. Bei der vergangenen Bundes- attackieren, ohne gleich selbst in die kon- im Zeitraffer
tagswahl wäre das vielleicht Merz gewesen. servative Ecke gedrängt zu werden. »Wir spiegel.de/sp262019laschet
Derzeit laufen persönliche Entwicklung dürfen nicht grüner werden als die Grü- oder in der App DER SPIEGEL
und politischer Zeitgeist auf Laschet zu. nen«, sagt er. »Wir müssen sichtbar ma-
Toxische Verträge
len Jahren nicht mehr verlässlich, wenn es
um große Fälle geht«, sagt der Göttinger
Europarechtler Frank Schorkopf.
Alle in Scheuers Umfeld waren sich so
sicher, dass man ihn für den gegenteiligen
Verkehr Das Aus für die Maut könnte den Staat mehr als 300 Millionen Fall nicht vorbereitet hatte. Als er mittags
Euro an Entschädigung für die Betreiberfirmen kosten. ohne Plan B vor die Kameras trat, stand
Mit einer List will Verkehrsminister Scheuer das verhindern. ihm der Schock ins Gesicht geschrieben.
Zu dieser Stunde hatte Scheuer aller-
dings noch einen Funken Hoffnung, dass
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SPIEGEL: Herr Scholz, wir wollen mal ein
Experiment wagen und nicht über harte
Politik mit Ihnen sprechen, sondern über
Sie persönlich und Ihr Verhältnis zur SPD.
entgiftet«
SPIEGEL: Man hat häufig den Eindruck,
die SPD und Sie hätten nicht allzu viel mit-
einander zu tun.
Scholz: Ihren Eindruck finde ich schräg.
Als Arbeitsminister habe ich Branchen-
SPD Vizekanzler Olaf Scholz, 61, über das schwierige mindestlöhne durchgesetzt, mit der Kurz-
Verhältnis zu seiner Partei, seine linke arbeit viele Beschäftigte vor Arbeitslo-
sigkeit bewahrt, als Bürgermeister in
Vergangenheit und die Beziehung zu seiner Frau Hamburg gebührenfreie Kitas und flächen-
deckend Ganztagsschulen eingeführt, den
Wohnungsbau früh und energisch voran-
getrieben. All das bin ich auch.
SPIEGEL: Neulich, in einer Sitzung der
Bundestagsfraktion, hielt Ihnen ein Partei-
freund vor, Sie würden in seinem Wahl-
kreis als »kaltherziger Technokrat« wahr-
genommen. Berührt Sie so ein Urteil?
Scholz: Und ob, auch wenn es nur genau
einer war, der sich so geäußert hat. Ich ma-
che Politik ja nicht, weil mir nichts Besse-
res eingefallen ist. Ich bin ein Mensch aus
Fleisch und Blut, und ich bin Sozialdemo-
krat durch und durch.
SPIEGEL: Warum sind Sie eigentlich in die
SPD eingetreten?
Scholz: Ich war Schüler und wollte etwas
für Gerechtigkeit tun. Ich war schon im-
mer sehr politisch engagiert, bin früh
Schulsprecher geworden in meinem Gym-
nasium am Hamburger Stadtrand.
SPIEGEL: Wann?
Scholz: In der achten oder neunten Klasse.
Ich glaube, mein Engagement hat etwas zu
tun mit der Einstellung meiner Eltern. Mei-
ne beiden Brüder und ich haben viel mit ih-
nen diskutiert. Meine Eltern fanden Helmut
Schmidt und Willy Brandt gut. Ich habe
schon damals Schmidt und Jürgen Haber-
mas geschätzt. Später, bei den Jusos, war
ich dann etwas grundsätzlicher unterwegs.
SPIEGEL: Sie waren damals stramm links,
bei den Jusos gehörten Sie zum Flügel der
Kritiker des staatsmonopolistischen Kapi-
talismus. Wie sind Sie von dort dahin ge-
langt, wo Sie heute stehen?
Scholz: Ich habe bei den Jusos mit Mitte
zwanzig aufgehört. Ich bin umgezogen,
habe meinen Unterbezirk verlassen und
als Anwalt angefangen. Ich war einfach
ein paar Jahre gar nicht politisch aktiv, be-
vor ich später wieder als Beisitzer im Orts-
verein anfing. In dieser Zeit habe ich viele
meiner Positionen überdacht. Diese Pause
empfinde ich als großes Glück.
PETER RIGAUD / DER SPIEGEL
SPIEGEL: Warum?
Scholz: Ich habe mich entgiftet, die Praxis
wurde für mich wichtiger als die Rituale
einer politischen Organisation. Wir hatten
bei den Jusos heftige Auseinandersetzun-
gen, obwohl wir ja als Freunde auch eine
38
Deutschland
gute Zeit haben wollten. Diese Ambiva- ist eine soziale Partei, die eine bessere Zu- SPIEGEL: Vielleicht bekommen Sie dazu
lenz war manchmal sehr anstrengend, und kunft durch demokratische Politik für mög- ja bald schon die Gelegenheit, wenn die
die Pause hat mich entspannt. lich hält und ohne Ressentiments auftritt. Große Koalition zerbricht. Wie lange ist
SPIEGEL: Brauchten Sie eine solche Ent- SPIEGEL: Das ist doch Parteitagssprech. dieses Bündnis noch das richtige?
giftung heute noch mal? Scholz: Ob Ihnen das gefällt oder nicht, ich Scholz: Wir haben vereinbart, zum Ende
Scholz: Nein, eben nicht. Ich kann andere meine das ernst. Wenn ich an einem Info- dieses Jahres Bilanz zu ziehen. Ich nehme
Meinungen gut akzeptieren. Ich könnte stand bin, und jemand sagt mir: Um uns diese Bilanz sehr ernst. Und da es unsere
meine Arbeit sonst nicht so machen, wie geht es ja nicht in der Politik, dann versetzt Mitglieder waren, die über den Eintritt in
ich sie mache. mir das einen Stich. Neulich habe ich das diese Koalition entschieden haben, kann
SPIEGEL: Gibt es aus Ihrer linken Vergan- Buch »Die Gesellschaft der Singularitäten« man die Frage nicht nur auf einer Vorstands-
genheit etwas, das Sie noch in sich tragen? des Soziologen Andreas Reckwitz gelesen. sitzung entscheiden. Wir sollten die Mit-
Scholz: Mir hilft bis heute, dass wir uns da- Danach hatte ich länger schlechte Laune. glieder an der Debatte beteiligen, und zwar
mals unglaublich intensiv mit Wirtschafts- SPIEGEL: Warum? über das reine Abfragen von Einzelmeinun-
theorien auseinandergesetzt haben, rechten Scholz: Im Prinzip steht dadrin, dass wir gen hinaus. Für mich ist, auch wenn die Re-
wie linken. Aber das, was ich damals ge- uns zu einer Gesellschaft entwickeln könn- gierung noch bis 2021 weiterarbeiten sollte,
glaubt habe, halte ich heute überwiegend ten, in der niemanden mehr kümmert, ob klar: Nach zwei Großen Koalitionen in Fol-
für falsch. Der Feminismus, die Lösung der die Aldi-Verkäuferin und der Theater- ge darf keine dritte folgen.
ökologischen Probleme waren auch neu direktor, die Rechtsanwältin und der SPIEGEL: Sie haben kürzlich gesagt, die
und passten nicht zu allen alten Theorien. Metaller ein gemeinsames politisches An- Chancen der SPD, stärkste Partei zu wer-
Ohne sie ist moderne Politik nicht denkbar. liegen haben. Aber genau dafür steht die den, seien so gut wie lange nicht. Was hat-
SPIEGEL: Wenn Sie mal den Juso Scholz SPD. Für Wertschätzung. Wir sollten mit ten Sie da vorher geraucht?
auf den Vizekanzler Scholz blicken lassen: unseren unterschiedlichen Hintergründen Scholz: Nichts. Ich bin Nichtraucher und
Was würde der kritisieren? als 80- oder 90-Jährige sagen können: Das habe mich auch als Juso nicht mit bewusst-
Scholz: Er hätte einerseits mit einer ge- war ein gelungenes Leben. seinserweiternden Alternativen beschäftigt.
wissen Faszination auf die Professionalität SPIEGEL: Was sollte diese Aussage dann?
sozialdemokratischer Regierungsarbeit Scholz: Unser Europawahlergebnis ist rich-
geblickt. Allerdings: Um dieses Land gut tig schlecht. Aber ich sehe auch: Die finni-
zu regieren, machen wir Kompromisse mit schen Sozialdemokraten haben die Parla-
»Endlich ausgeschlafen«
Gesundheit Nach Angela Merkels Zitteranfall stellt sich wieder die Frage, wie Politiker mit
Schwächen oder Krankheiten umgehen sollen. Es gibt dazu zwei Denkschulen.
A
ls wollte sie sich den Beinamen So war es bislang üblich bei Spitzen- Nicht die Kanzlerin. Erst mehrere Tage
»Eiserne Kanzlerin« verdienen, politikern. Bloß keine Schwäche eingeste- nach dem Sturz vereinbarte ihr Büro unter
marschierte Angela Merkel an hen, keine Krankheit. Das ist die alte Schu- strengster Geheimhaltung einen Termin
der Militärformation vorbei. Kurz le. Man demonstriert seine Pferdenatur, in der Berliner Charité. Dort wurde sicher-
zuvor hatte sie heftig gezittert, womöglich um ja keine Zweifel an der Funktionstüch- heitshalber eine Krankenakte mit einem
war es ein Schwächeanfall. Aber dieser tigkeit des Staats aufkommen zu lassen. falschen Namen angelegt. Als die Ärzte
Eindruck durfte nicht bleiben. Sie steckte Aber es gibt inzwischen eine neue, eine die Kanzlerin schließlich über den Bruch
das weg, als wäre sie superfit und kern- andere Form des Umgangs mit Schwäche aufklärten, scherzte Merkel, sie sei froh,
gesund. in der Politik. Beide Denkschulen existie- keine Simulantin zu sein.
Otto von Bismarck erwarb den Bei- ren derzeit nebeneinander. Sie zeigen den Die Ärzte redeten der Kanzlerin ins Ge-
namen Eiserner Kanzler durch Härte ge- veränderten Blick auf den Politiker. Vom wissen, empfahlen mehr Bewegung und
gen andere, bei Merkel ist es die Härte ge- Funktionsträger wird er mehr und mehr eine Diät, um die Hüfte und die Knie zu
gen sich selbst. Keine Schwäche zeigen, zum Menschen in einer Funktion. entlasten, andernfalls drohten langfristige
immer weiter, immer weiter. Merkels öffentliche Krankenakte ist für Schäden. Merkel machte es wie so viele.
Das öffentliche Interesse an dieser klei- bald 14 Jahre Kanzlerschaft recht dünn. Sie hielt sich nur vorübergehend an die
nen Szene beim Empfang für den ukraini- Der enorme Stress ihres Amts setzt ihr Ratschläge.
schen Staatspräsidenten Wolodymyr Se- offenkundig nicht stark zu. Sie habe ge- Schon bei einem Staatsbesuch in Mexi-
lenskyj am Dienstag war riesig. Medien wisse »kamelhafte Fähigkeiten«, sagte sie ko 2017 hatte sie offenkundig einen Schwä-
suchten nach Ärzten, die eine Ferndiagno- einmal auf einer Veranstaltung der Zeit- cheanfall, begleitet von Zittern. Am Abend
se wagen würden. Zu wenig getrunken, un- schrift »Brigitte«. Sie könne Energievor- vor dem CDU-Parteitag 2014 musste sie
terzuckert, ein verschleppter Infekt? räte speichern. ein Interview mit dem ZDF abbrechen. Re-
Das Patientengeheimnis gilt für eine Unter den handverlesenen Ärzten, die gierungssprecher Steffen Seibert sagte:
Kanzlerin offenbar nur eingeschränkt, und für die Kanzlerin zuständig sind, gilt Mer- »Die Bundeskanzlerin fühlte sich einen
das mit einem gewissen Recht. Ihr Job ist kel als ausgesprochen zäh. Als sie im De- Augenblick lang nicht wohl, hat dann
so wichtig, dass die Bürger wissen sollten, zember 2013 beim Langlauf in der Schweiz etwas gegessen und getrunken und die
ob sie in der Lage ist, ihn uneingeschränkt auf einer vereisten Loipe gestürzt war und Interviews anschließend fortgesetzt.«
auszuüben. sich den Beckenring gebrochen hatte, igno- Das hatte sich aber noch nicht in Asien
Merkels Botschaft nach dem Zittern: rierte sie die Schmerzen zunächst stoisch. herumgesprochen. Als wenig später die
Auf mich könnt ihr euch trotzdem verlas- Viele Patienten lassen sich da sofort starke Börse in Tokio öffnete, fielen die Kurse.
sen, ich bin unverwüstlich. Schmerzmittel verschreiben. Auch das ist ein Grund, warum manche
HERMANN BREDEHORST
Politiker Wagen-
knecht, de Maizière,
Selenskyj, Merkel,
Mohring, Dreyer
»Kaschieren lässt
THOMAS KOEHLER/PHOTOTHEK.NET / IMAGO
nur Spekulationen
gedeihen«
JENS JESKE / IMAGO
41
Deutschland
nister dürfe keine Schwäche zeigen. Ende des politischen Betriebs mit Krankheit. Vie- Gauland hat auf diese Debatte reagiert und
Oktober rieten die Ärzte dem Minister le Kollegen vertrauten sich ihm an und verkündet, dass er beim Parteitag Ende No-
dringlich zu einer Auszeit. Seine Frau suchten seinen Rat, sagt Lauterbach, frak- vember eventuell nicht mehr zum Parteivor-
schlug vor, für ein paar Tage nach Mallorca tionsübergreifend. »Der Beruf des Politi- sitz antritt. Fraktionschef will er aber bleiben.
zu fliegen, um sich in der Wärme auszu- kers ist ein Hochrisikoberuf, man steht stän- Sahra Wagenknecht, Fraktionsvorsit-
kurieren. Dort überraschte ihn am letzten dig unter Stress, es sei denn, man hat nicht zende der Linken, hat sich anders entschie-
Urlaubstag ein Team der »Bild«-Zeitung viel Einfluss.« Hinzu kämen Ortswechsel den. Im März dieses Jahres kündigte sie
beim Frühstück. Die Schlagzeile war ge- und Reisestress. »Gesundes Essen und nach einer zweimonatigen Pause an, sich
macht. Sport als Gegenmaßnahmen, das schaffen aus der Spitzenpolitik zurückzuziehen –
Inzwischen ist de Maizière von der alten nur die Jüngeren, die schon mit einem ge- aus gesundheitlichen Gründen. »Früher
Schule in die neue gewechselt. Den Kolle- sünderen Lebensstil groß geworden sind.« war ich ständig angeschlagen«, erzählt sie.
gen aus dem aktuellen Kabinett rät er zu Die Politik ist noch anstrengender ge- Infekte habe sie nicht auskuriert, sondern
mehr Offenheit. »Wir müssen mit unseren worden, seit es das Internet gibt. Höheres ewig mit sich herumgetragen. »Wenn es
Schwächen transparenter umgehen, das Tempo, stärkere Verdichtung. Die Nach- nur irgendwie geht, schleppt man sich zu
Kaschieren lässt nur Spekulationen gedei- richten und Tweets prasseln auf die Politi- den Veranstaltungen, man nimmt Mittel,
hen, die schnell außer Kontrolle geraten ker ein, ständig stellt sich die Frage, ob und um das Kranksein wegzudrücken«, sagt
können«, sagt er. wie sie reagieren sollen. Neu ist zudem die Wagenknecht. Medikamente wie Grip-
Malu Dreyer, die Ministerpräsidentin Angst vor einem Shitstorm. Das alles ad- postad seien deswegen so beliebt, weil
von Rheinland-Pfalz, hat das längst beher- diert sich zu einem enormen Druck. Es lau- sie einen aufputschen würden – aber mit
zigt, hat eine Pressekonferenz einberufen, ern der Burn-out oder Schlimmeres. Heilung habe das nichts zu tun.
um von ihrer multiplen Sklerose zu berich- Wer Krebs hat, kann sagen, dass er »Ich war ziemlich ausgebrannt«, sagte
ten. Und viele Politiker haben freimütig trotzdem leistungsfähig ist. Wer ausge- sie damals im SPIEGEL-Interview. Jahre-
von ihrer Krebserkrankung erzählt, unter brannt ist, dem kann nur Ruhe helfen. Die lang habe sie unter Dauerstress gestanden,
ihnen Mike Mohring, 47, Spitzenkandidat aber ist in der Politik nicht zu finden. sei von Termin zu Termin gehetzt, von
der CDU im Wahlkampf in Thüringen. Über psychische Probleme wird daher einem Konflikt in den nächsten geraten.
Aber er hat lange dafür gebraucht. kaum geredet. Karl Lauterbach sagt: »Das Sie habe nur noch funktioniert, ohne je
Im Herbst 2018 wird bei ihm Krebs fest- Vorurteil lautet ja: Jemand, der schon mit innehalten zu können.
gestellt. Operation, Chemotherapie, er Ein paar Monate später geht es Wagen-
wird schwächer und schwächer, aber er knecht deutlich besser. Zwar steht sie wohl
macht weiter wie bisher, will sich nichts »Irgendwann geht es noch bis November dieses Jahres an der
anmerken lassen. Doch Anfang Januar will an die Substanz. Spitze ihrer Fraktion, erst dann wird neu
er seine Krankheit nicht mehr verbergen. gewählt. Doch sie hat ihr Arbeitspensum
Mohring postet ein Video auf Facebook, Ist das noch ein gutes und ihre Auftritte reduziert. Sie verbringt
das ihn mit einer schwarzen Strickmütze Leben?« die meiste Zeit im Saarland bei ihrem Ehe-
auf dem Kopf zeigt. Seine Haare sind mann Oskar Lafontaine. Sie liest viele Bü-
durch die Therapie ausgefallen. cher, macht Sport. »Mir fehlt gar nichts,
»Es war für mich nicht absehbar, wie Öf- sich selbst nicht klarkommt, wie soll der im Gegenteil«, sagt Wagenknecht. Sie sei
fentlichkeit, Politik und Medien auf mein für andere gestalten können?« Das führe nun viel freier. Außerdem sei sie »endlich
Video reagieren würden«, sagt Mohring dazu, dass Betroffene schwiegen. »Das fast immer ausgeschlafen«.
im Rückblick. »Aber nachdem das Video Problem ist deshalb deutlich weiter ver- Zu Merkels Durchhalten nach dem Zit-
dann online war, wusste ich nach den ers- breitet, als man annehmen würde.« tern sagt sie: »Sie hat getan, was sie tun
ten Reaktionen, dass es die richtige Ent- In der AfD und ihrem Umfeld wird seit musste. Sie hatte keine andere Wahl als
scheidung gewesen war.« Bis heute sei das einiger Zeit diskutiert, ob der Partei- und stehen zu bleiben und durchzuhalten.«
so: »Erst gestern haben mich wieder wild- Fraktionsvorsitzende Alexander Gauland Die Regierung sei in desolatem Zustand,
fremde Menschen umarmt und sich über depressiv ist. Vor zwei Jahren schrieb die eine zusätzliche Debatte über eine gesund-
meine Genesung gefreut. Die Empathie »Süddeutsche Zeitung« in einem Porträt, heitlich angeschlagene Kanzlerin habe
war und ist riesig.« Inzwischen gilt er als dass er offen über seine Beschwerden spre- Merkel auf jeden Fall verhindern wollen.
geheilt, es ist kein Krebs mehr nachweisbar. che, »auch über die Schwermut, die ihn Wagenknecht selbst möchte derartige
»Ich würde mir wünschen, dass mein seit Jahrzehnten immer wieder anfällt, Situationen nicht mehr durchstehen müs-
Umgang anderen Menschen mit gesund- manchmal in heftigen Schüben«. sen. »Menschen sind unterschiedlich be-
heitlichen Problemen den Druck nimmt, Gegenüber »Bild« versuchte Gauland, lastbar«, sagt sie, »ich hätte noch ein paar
den sie in ihrer Arbeitswelt spüren, um es dann wieder etwas einzufangen: Das Monate so weitermachen können. Aber
sich vollends auf ihre Genesung konzen- alles sei lange her, sei »überwunden«. Al- irgendwann geht es an die Substanz. Da
trieren zu können«, sagt Mohring. »Der lerdings berichten Parteikollegen immer fragt man sich schon, wozu soll man sich
Mensch, der auch Politiker ist, hat ebenso noch, dass er oft schwermütig sei, vor al- das antun? Ist das noch ein gutes Leben?«
Stärken und Schwächen.« lem bei schlechtem Wetter. Gauland: Merkel würde wohl antworten, dass ihr
Allerdings gibt es für die politische Welt »Herbst und Winter sind nicht so meine Leben in der Politik ein gutes sei, trotz
die verträglichen und die unverträglichen Jahreszeiten. Aber das hat nichts mit De- aller Belastungen. Aber hin und wieder,
Krankheiten, im Sinne von: Wie kommt pressionen zu tun.« das hat sie gesagt, als sie über ihre kamel-
die jeweilige Schwäche in der Öffentlich- Sein ehemaliger Parteifreund Konrad haften Fähigkeiten sprach, müsse auch
keit an. Multiple Sklerose und Krebs gel- Adam fragte in einem Gastbeitrag für die sie auftanken. Nun steht ja ihr Sommer-
ten als Krankheiten, die Mitgefühl auslö- »Zeit« vor wenigen Monaten, ob Gau- urlaub an.
sen. Anders ist das bei psychischen Erkran- lands demonstrative Gleichgültigkeit Nicola Abé, Susanne Beyer,
kungen oder Stresssymptomen. »Ausdruck oder Folge seiner depressiven Florian Gathmann, Matthias Gebauer,
Der Bundestagsabgeordnete Karl Lau- Anwandlungen« sei, »die er durch starke Christoph Hickmann, Dirk Kurbjuweit,
terbach, SPD, schaut als Mediziner mit Medikamente in den Griff zu bekommen Ann-Katrin Müller
dem Blick des Fachmanns auf den Umgang sucht«.
42
Beschlagnahmter Porsche in Berlin 2018,
Clanmitglied Issa Rammo
Akribisch Zahlungsflüsse verfolgt
Harte Tour
Tour in einigen Fällen bereits bestätigt. Im
März befand das Landgericht Traunstein,
dass die Justiz 759 050 Euro einziehen
durfte, die hinter Rückleuchten versteckt
Kriminelle Seit zwei Jahren kann im Auto eines Italieners am Autobahndrei-
eck Inntal gefunden wurden. Da im Auto
die Justiz dubiose Vermögen auch Spuren von Kokain entdeckt worden
leichter einkassieren. waren, ermittelte die Polizei wegen eines
Polizisten und Juristen sehen Drogendelikts, was zu keinem Ergebnis
SPIEGEL TV
führte.
das Gesetz als Erfolg. Mehr als 61 000 Euro wurden im Fahr-
zeug mutmaßlicher Islamisten im Raum
Stuttgart entdeckt. Da sie sich über die
sitätsstadt Regensburg. Wolbergs’ CSU- hungsweise Bestechlichkeit. Allerdings Fürs Budget der SPD wird entscheidend
Vorgänger erhielt von Tretzel nach Amts- müsste dafür eine pflichtwidrige Dienst- sein, wie das Landgericht die Spenden an
ende einen gut dotierten Beratervertrag. handlung zu belegen sein. Laut Eröff- den Ortsverein einordnet. Überwiesen
Mit dem SPD-Mann traf sich Tretzel nungsbeschluss konnte das Gericht bislang wurden sie unter anderem von sieben Per-
laut dessen Terminkalender 88-mal. Die keine Unrechtsvereinbarung erkennen. sonen aus Tretzels Firma sowie dessen in-
Nähe soll Wolbergs auch privat genutzt Wie also ist das Regensburger Amigosys- zwischen verstorbener Schwiegermutter.
haben, so der Vorwurf. 2012 kaufte Wol- tem rechtlich zu bewerten? Handelte es sich um Einzelspender, könnte
bergs’ Mutter für ihre drei Söhne eine Ei- »Der Angeklagte Tretzel hatte stets die die Partei aufatmen. Waren es Strohmän-
gentumswohnung in einem von Tretzels Amtsträger im Blick und wollte auf diese ner Tretzels, hätte die SPD illegal kassiert.
Firma BTT errichteten Wohnhaus namens Einfluss nehmen«, führte Staatsanwältin Die Anklage beruft sich unter anderem
Villa Grassi – italienische Gebäudenamen Christine Ernstberger in ihrem Plädoyer auf einen Überweisungszweck, den ein
tauchen immer wieder auf. Den ursprüng- aus. Beim Spenden habe Tretzel wie ein Mitarbeiter bei einer Spende vermerkte:
lich genannten Kaufpreis musste sie nicht Geschäftsmann gedacht: »Er verknüpft die »Bürgermeisterwahl BTT«, außerdem in
bezahlen, die BTT soll ihn um 37 600 Euro Investition mit einem Zweck.« Spiegelbild- einer handschriftlichen Notiz »Splittung
reduziert haben, indem sie Ausbauarbei- lich der Empfänger: Wolbergs habe sich SPD«. BTT-Mann Franz W. habe sich da-
ten nicht in Rechnung stellte. Die BTT soll »sehenden Auges in die Abhängigkeit« hi- rum gekümmert, »dass die Jungs auch
auch einen Teil der Kosten übernommen neinbegeben und zu seinem Gönner eine eine Spende abdrücken, so wie ich das
haben, um ein Ferienhaus der Wolberg- »korruptive Dauerbeziehung« gepflegt. eigentlich erwartet habe«, sagte Tretzel
sens zu renovieren. Auch die Schwieger- Die Staatsanwältin zitierte aus der in einem abgehörten Telefonat. In einer
mutter Wolbergs’ kaufte 2015 eine Eigen- Richtlinie der Stadt zur Verhütung von Mail vom Juli 2016 erklärte der Boss,
tumswohnung von BTT, gelegen in der Vil- Korruption, unterzeichnet vom damaligen »dass die Mitarbeiter, die am Erfolg der
la Querini und laut Staatsanwaltschaft zu Oberbürgermeister Wolbergs: »Jeder An- Firma beteiligt werden, sich auch an deren
einem geminderten Preis. Die Kosten im weiteren Sinne be-
Verteidiger können keine be- teiligen sollen«.
sonderen Rabatte erkennen. Der Erfolg war groß, wie
Zusätzliche Nähe schuf der Verteidiger Ufer erklärt. Ihm
Fußball. Tretzel zahlte regel- zufolge erhielten die spenden-
mäßig Millionen an den SSV den BTT-Mitarbeiter rund
Jahn Regensburg. Als Wol- 20 Millionen Euro ausgezahlt.
bergs dort ab Juni 2014 den Ufer: »Die haben sich dumm
Aufsichtsratsvorsitz des Ver- und dämlich verdient.«
45
Deutschland
land Marias einzige Bezugsperson war. Je- kaufte Fahrräder, ein Zelt und Schlafsäcke. men. Er war nach Aussagen von Nachbarn
der Sexualkontakt mit ihr wäre dann, auch Sie radelten am Tag 20 bis 30 Kilometer, aufgefallen, weil er, Maria suchend, durch
nach ihrem 14. Geburtstag, als Missbrauch über die »grüne Grenze« in die Slowakei, die Straßen der Kleinstadt irrte, nachdem
von Schutzbefohlenen strafbar. durch Ungarn und Slowenien bis nach das Mädchen abgereist war. Kommissar
Novak argumentiert, Bernhard H. sei pä- Italien. B. vernahm Maria nach der Verhaftung er-
dophil veranlagt, was der bestreitet. Auf sei- Die beiden gaben sich als Vater und neut. Diesmal stimmten ihre Angaben mit
nem Rechner fanden die Ermittler Nackt- Tochter aus. Sie wuschen ihre Kleidung denen von Bernhard H. überein.
fotos von ihm und Maria, 400 kinder- und auf Friedhöfen, lebten von dem Bargeld, Die Abreise aus Italien habe sie organi-
jugendpornografische Bilder und rund das Bernhard H. von seinem Konto abge- siert, indem sie über das Internet Kontakt
10 000 Aufrufe einschlägiger Seiten im In- hoben hatte. Auf Sizilien hausten sie erst zu ihrem Vater aufnahm. Der habe dann
ternet. Seine Stieftochter hat ihm vorgewor- in einem Rohbau ohne Strom, ohne Was- Freunde gebeten, sie abzuholen, und die
fen, er habe sie sexuell missbraucht, das soll ser. 2015 zogen sie in ein Haus in der Ha- hätten sie bis nach Freiburg zur Mutter ge-
passiert sein, bevor er Maria kennenlernte. fenstadt Licata und blieben dort mehr als bracht.
Das Gericht hat einen Psychiater be- drei Jahre lang. Die geringe Miete und ih- Die Ermittlungen der Polizei ergaben
stellt, der untersuchen soll, ob H. für die ren Lebensunterhalt bestritten sie mit Ge- aber auch, dass Maria schon länger Zugang
Allgemeinheit gefährlich ist, weil er einen legenheitsjobs und Almosen. zum Internet gehabt hatte. So hätte sie
Hang zu Straftaten hat. Die Staatsanwältin Dann, am 31. August vergangenen Jah- etwa nach Hausmitteln gegoogelt, als Bern-
sieht die Voraussetzungen für Sicherungs- res, meldete sich plötzlich Marias Mutter hard H. ab dem Jahr 2015 Probleme mit
verwahrung gegeben. Wenn das Gericht bei Kommissar B.: Maria sei aufgetaucht. den Nieren und der Prostata bekam. Seit
sie anordnet, käme H. auch nach Verbü- Der Kommissar befragte das Mädchen diesem Zeitpunkt hätten auch die sexuel-
ßung seiner Strafe vorerst nicht frei. zu Hause. Maria habe behauptet, sich in len Übergriffe aufgehört, heißt es in der
Als das Gericht Maria und Bernhard H. Polen aus ihrem Zelt geschlichen und Anklage.
zu ihrem Verhältnis und den Jahren in Ita- den schlafenden Bernhard H. zurück- Am vergangenen Verhandlungstag liest
lien befragt, schließt es die Öffentlichkeit gelassen zu haben. Die Jahre danach woll- der Vorsitzende Richter Arne Wiemann
aus. Ermittler haben aber die Geschehnis- te sie sich allein durchgeschlagen haben, den Abschiedsbrief vor, den Maria in der
se der vergangenen Jahre rekonstruiert. was der Kommissar für wenig glaubhaft Unterkunft in Licata hinterließ. Ihre Worte
Demnach fuhren die beiden in der hielt. Wo Bernhard H. sei, habe sie ihm zeigen, wie sehr sie offenbar H.s Sichtwei-
Nacht zum 5. Mai 2013 mit seinem Auto nicht gesagt. se übernommen hat.
und einem gestohlenen Kennzeichen nach Trotzdem wurde der Mann eine Woche »Hey du, es tut mir leid, dass du es so
Polen, dort ließ H. den Wagen stehen und nach Marias Rückkehr in Licata festgenom- erfährst. Ich habe einfach nicht die Kraft,
47
es dir persönlich zu sagen. Ich habe lan-
ge nachgedacht. Ich weiß, was ich zu
tun habe. Wir können nicht warten, bis
es von alleine besser wird. Ich habe be-
schlossen, dir dein Leben zurückzugeben.
Die Schuld, in der ich stehe, halte ich
nicht mehr aus. Dass du alles für mich
aufgegeben hast. Es macht mich und un-
sere Liebe kaputt. Wir müssen erst mal
alleine klarkommen. Vielleicht werden
wir dann wieder zusammenfinden und
glücklich, wie wir es ursprünglich geplant
haben.«
Bernhard H. müht sich bei der Verle-
sung im Gericht die Fassung zu behalten.
Mehrere Polizeibeamte berichten, er sei
immer wieder auf diesen Brief zu sprechen
gekommen. »Für ihn war es eine Trennung
auf Zeit, für eine gewisse Phase«, sagt
THOMAS WARNACK / DPA
teilt ihr Ministerium mit. Konkret zugesagt Uni Würzburg, sagt: »Man tut Kindern gen an die individuellen Lernausgangs-
ist bereits, »den Stichtag auf den 30. Juni nicht unbedingt etwas Gutes, wenn man lagen des Kindes anpassen können.«
zu legen« – ihn also gegenüber der bishe- ihnen die Schule vorenthält.« Die Klassen- Kinder müssen Lust aufs Lernen haben,
rigen Regelung drei Monate nach vorn zu gemeinschaft könne »deutlich positive Ef- und so ist es meistens auch. Schlecht nur,
ziehen. Wie weit die Eltern künftig über fekte« auf die Entwicklung eines Kindes wenn die Eltern den Kleinen sorgenvoll
das Jahr der Einschulung ihrer Kinder mit- haben. Ähnlich sieht es die stellvertretende vermitteln, mit der Schule beginne der
bestimmen können, ist noch offen. Vorsitzende der Kinder- und Jugendärzte Ernst des Lebens. So sieht es Simone
Die Bayern sind auf diesem Weg voraus- in Bayern, Brigitte Dietz: »Bleibt ein nor- Fleischmann, die Präsidentin des Bayeri-
gegangen. Im bevorstehenden Schuljahr mal entwickeltes und wissbegieriges Kind schen Lehrer- und Lehrerinnenverbands.
haben Eltern dort die Möglichkeit, selbst zu lange im Kindergarten, können sich Des- Fleischmann fürchtet, dass die neue
zu entscheiden, ob ihre zwischen 1. Juli interesse und Lernunlust entwickeln.« Ein- bayerische Flexibilität ein »fatales Signal«
und 30. September geborenen Kinder jetzt schulungen mit sieben Jahren sollten des- sende: »Schule ist ein Schreckgespenst,
oder erst 2020 eingeschult werden. Der halb Ausnahmen bleiben. vor dessen Klauen man Kinder, solange es
bayerische Kultusminister Michael Piazolo Das Konzept der Schulreife habe sich geht, fernhalten muss.« Diese unter Eltern
(Freie Wähler) hatte im vergangenen Land- in den vergangenen Jahrzehnten sehr ge- üblich gewordene Haltung habe Kultus-
tagswahlkampf die Sorgen vieler Eltern wandelt, betont Sanna Pohlmann-Rother, minister Piazolo noch befeuert.
erkannt, Abhilfe versprochen und seine Fleischmann, die zwölf Jahre lang eine
Zusage eingehalten. Das kommt gut an: Grundschule geleitet hat, möchte den Blick
Im nächsten Schuljahr werden voraussicht- Ist Schule »ein Schreck- auf etwas anderes lenken: Es gehe doch gar
lich neun Prozent mehr Kinder als im Vor- gespenst, vor dessen nicht um Korridorkinder oder Kann-Kinder,
jahr zurückgestellt. wie die Einschulungskandidaten bildungs-
Das kann allerdings zu neuen Proble- Klauen man Kinder fern- bürokratisch genannt werden. Sie sagt:
men führen. In Bayreuth bleiben zwei Drit- halten muss«? »Die Diskussion um den Einschulungs-
tel der Kinder, die zur Schule gehen könn- termin ist eine um den Leistungsdrill im
ten, noch im Kindergarten oder in der Vor- bayerischen und deutschen Schulsystem.«
schule. Und blockieren damit die Plätze Professorin für Grundschulpädagogik und Die Lehrplanmacher in den Ministerien
für nachrückende Dreijährige, die einen -didaktik an der Universität Würzburg. müssten zur Kenntnis nehmen, dass es
Betreuungsplatz benötigen. Oberbürger- Man habe erkannt, dass Kinder keine Äp- Grundschüler gebe, die vom vielen Lernen
meisterin Brigitte Merk-Erbe rechnet mit fel sind, die alle zum gleichen Zeitpunkt und dem Leistungsdruck Bauchschmerzen
50 Kitaplätzen, die jetzt im Eilverfahren reif werden. »Ich finde es gut, dass Eltern bekommen. In Bayern müssen Viertkläss-
zusätzlich geschaffen werden müssen, etwas mehr Entscheidungskompetenz zu- ler einen bestimmten Notenschnitt errei-
»auch mithilfe von Containern«. gebilligt wird«, sagt Pohlmann-Rother. chen, um aufs Gymnasium gehen zu kön-
Der Trend zur späteren Einschulung ist »Aber wichtiger ist es, den Blick nicht al- nen. Fleischmann hält vom stressigen
besonders bemerkenswert, weil es noch lein auf das Kind zu richten, sondern auch »Grundschul-Abitur« wenig. »Wir brau-
nicht lange her ist, dass Kindern möglichst auf die schulischen Lerngelegenheiten.« chen mehr ganzheitliches Lernen.«
früh die Schultüte in die Hand gedrückt wer- Vielversprechend sei zum Beispiel die Welche Motive haben also die Eltern,
den sollte. Zwischen 1998 und 2004 stieg »flexible Grundschule«, die in Bayern der- die ihren Kindern noch ein Jahr Zeit schen-
die Zahl der vorzeitigen Einschulungen stark zeit aber nur von 268 Schulen verwirklicht ken wollen? Fleischmann vermutet, dass
an (siehe Grafik). Es entsprach dem dama- wird. Sie soll einen sanften Übergang vom es ihnen oft auch darum gehe, »irgendwel-
ligen Zeitgeist und auch den Wünschen der Kindergarten in die Grundschule ermögli- che Vorteile für ihr Kind rauszuschlagen«.
Wirtschaft, die Kleinen früh zu fördern. Sie chen. Statt einer ersten und zweiten Klasse Dominique Franzen aus München gibt
sollten das Bildungssystem schnell durch- gibt es dort eine altersgemischte »Eingangs- das sofort zu. Sie ist die Mutter, die vor ei-
laufen, denn die Arbeitswelt wartete schon. phase«, in der die Schüler je nach Veranla- nem Jahr mit ihrer Petition »Stoppt die
Lange Zeit waren Kinder schulpflichtig, gung und Lerntempo ein bis drei Jahre ver- Früheinschulung« in Bayern alles ins Rol-
die vor dem 30. Juni sechs Jahre alt wurden. weilen. Sollte sich dieses System durchset- len gebracht hat.
Um eine frühere Einschulung zu ermögli- zen, seien Rückstellungen wohl überflüssig, Franzens Sohn Leopold hat Ende Sep-
chen, empfahl die Kultusministerkonferenz meint Pohlmann-Rother: »Es ist weniger tember Geburtstag. Er wäre nach dem al-
den Ländern 1997, den Stichtag nach hinten wichtig, wann das Kind eingeschult wird, ten bayerischen Stichtag mit fünf Jahren
zu schieben, maximal bis auf den 30. Sep- sondern ob sich die schulischen Bedingun- in die Schule gekommen. »Natürlich möch-
tember. Dieser Empfehlung folgten in den te ich nicht riskieren, dass seine fehlende
nächsten Jahren acht Bundesländer, was Reife in dem Alter später einmal der
für jüngere Erstklässler sorgte. In der Folge Vorzeitige Einschulungen Grund für schlechte Noten sein könnte«,
sank die Zahl der Anträge auf Früheinschu- Anteil an allen Erstklässlern sagt Franzen. Genau wie Katrin Gölten-
lung. Dann schwang das Stimmungspendel Quelle: both aus Baden-Württemberg wolle sie ih-
Statistisches
zurück: Berlin und Niedersachsen haben, Bundesamt Schuljahr 2004/ 2005 rem Kind aber keinen Druck machen:
wie jetzt auch Bayern und Baden-Württem- 9,1 % »Ich fände es überhaupt nicht schlimm,
berg, in den vergangenen Jahren den Stich- wenn er in der vierten Klasse eine Emp-
tag wieder vorgezogen. fehlung für die Realschule bekommen
Die Petitionen von heute berufen sich würde. Mir ist nur wichtig, dass er diesel-
auf Studien, die angeblich belegen, dass ben Chancen wie seine Mitschüler hat.«
mit fünf Jahren eingeschulte Kinder öfter Franzen selbst ist wegen zu schlechter
sitzen bleiben, seltener fürs Gymnasium Französischnoten vom Gymnasium auf
empfohlen werden und unter geringem Schuljahr die Realschule gewechselt und sagt, sie
1998/1999
Selbstbewusstsein leiden. Es gibt allerdings habe es nie bereut. Heute arbeitet sie bei
keine einhellige Meinung in der Wissen- 4,1 % Schuljahr einer Investmentbank. Anna Clauß
2016/2017
schaft. Der Experte Tobias Richter, Profes-
sor für Pädagogische Psychologie an der 2,6 % Mail: [email protected]
49
Gesellschaft
Wenn die Braunkohle von gestern ist, warum soll man dann heute noch Menschen ihr Dorf nehmen? ‣ S. 52
2016 / 17 waren
Früher war alles schlechter es 40630.
Nº 181: Erasmus-Studierende
2011/ 12
1987/ 88 33363
förderten deutsche
Hochschulen 657
Auslandsaufenthalte.
1991/ 92 2007/ 08
6897 26289
1995/ 96 2003/ 04
13 637 1999 / 2000 20688
15715
Quelle: Daad
Lernen in der Ferne. Der französische Volkswirtschaftsstudent Angebot zum Auslandsaufenthalt bisher genutzt. Im ersten Jahr
Xavier zieht in eine Wohngemeinschaft nach Barcelona, wo er nahmen nur 657 deutsche Studenten an einem Austausch teil,
sich mit einer Spanierin, einem Dänen, einem Deutschen, einer 1995/96 waren es bereits 13 637 und 2016/17 schon 40 630. Spanien,
Belgierin, einem Italiener und einer Engländerin ein Apartment Frankreich und England sind die beliebtesten Austauschländer
teilt. Er lernt an der Universität – aber vor allem das Zusammen- der Deutschen. Die Zahlen werden vom Deutschen Akademi-
leben mit Fremden in der Fremde. Er geht aus, verliebt sich, hat schen Austauschdienst (DAAD) ausgewertet, der auf Rückmel-
Sex und öfter mal einen Kater. »Barcelona für ein Jahr« heißt dung der 380 teilnehmenden Hochschulen warten muss, weshalb
der Film, der 2002 erschienen ist und der Erasmus-Bewegung die Jahresberichte mit Verzögerung erscheinen. Man geht beim
ein Denkmal gesetzt hat, weil er das Lebensgefühl treffend wie- DAAD aber auch für 2017 von keinem Rückgang aus, da nicht
dergibt. Spaß und Studium im Ausland miteinander verbinden, nur die Zahl der Studierenden, sondern auch derjenigen, die im
dafür steht Erasmus. Das Förder- und Austauschprogramm für Rahmen des Erasmus-Programms ein Praktikum absolvieren,
Studenten wurde 1987 vom Rat der Europäischen Gemeinschaf- gestiegen ist. Europa hat ja derzeit wenige Erfolgsgeschichten
ten gegründet. Mehr als 4,4 Millionen Studierende haben das zu erzählen. Erasmus ist eine davon. [email protected]
Paarungsverhalten Gänse. Prinz Philip wuchs unter weib- SPIEGEL: Und dennoch nur Nummer 679 in
Was können wir lichem Regiment auf, allein mit vier
Schwestern und seiner Mutter. Der Vater
der Thronfolge. Wie kompensiert man das?
Zurhorst: Die Thronfolge spielt keine
von Prinz Philip lernen, verschwand mit einer Geliebten, Philip Rolle für die Liebe. Ich lag nie unter dem
Frau Zurhorst? wurde aufs Internat geschickt und die
Mutter schizophren.
Bett der Windsors. Deswegen maße ich
mir hier kein Urteil an. Jede Ehe ist ein
Eva-Maria Zurhorst, 57, gilt als Deutsch- SPIEGEL: Da blieb nur ... ganz eigenes Gefüge.
lands bekannteste Beziehungsratgeberin. Zurhorst: ... die Flucht in einen unbeug- SPIEGEL: »Leading from behind«?
Prinz Philip, der Gatte der Queen, feierte samen Stoizismus. Dieser Mann hat Zurhorst: Oje, das ist alt, und Frauen kön-
gerade seinen 98. Geburtstag. Die Bezie- seinen Vater verloren, seine Heimat und nen es – so rum oder so rum – nicht mehr
hung begann, so die Legende, als die damals seinen Namen. hören. König 2.0 ist der Mann, der mit
13-jährige Elizabeth ihrem Cousin Philip seinen Gefühlen umgehen kann. Es ist der
kurz vor Kriegsausbruch begegnete. Liebe und immer mehr Frauen egal, ob
einer Vorstandsvorsitzender des Univer-
SPIEGEL: Kennen Sie die Prinz-Philip- sums ist.
CAMERA PRESS / PICTURE PRESS
50
Depardieu besitzt Restaurants in Paris und Weingüter welt-
Eine Meldung und ihre Geschichte
weit, er hat ein Kochbuch verfasst und 2015 einen Dokumen-
tarfilm gedreht, »A pleines dents!«, deutscher Titel: »Schlemmen
Heimatfresser
Verlust Trotz Kohleausstieg will RWE noch fünf Dörfer wegbaggern. Doch jetzt
begehren die Betroffenen auf. Denn sie wissen den erstarkten Einfluss
der Klimaschützer hinter sich. Von Barbara Supp und Matthias Jung (Fotos)
S
ie wird auf der Ehrentribüne sein, Und fragen: Wenn die Braunkohle von war im Westen mit den 43 000 Umgesie-
bei den Majestäten und den Ho- gestern ist, warum soll man dann heute delten nicht viel anders als bei den mehr
noratioren; sie, die Umsiedlungs- noch Menschen ihr Dorf nehmen? als 80 000 im Osten, in der DDR. Und
beauftragte der RWE. Sie wird Es sind schwierige Tage für eine Um- jetzt funktioniert es nicht mehr, jetzt spielt
sich anschauen, wie die Menschen sich siedlungsbeauftragte, die auf reibungslose auch dieser Begriff plötzlich wieder eine
beim Schützenfest von dem Dorf verab- Umsiedlung hofft. Rolle, der lange als gestrig abgehakt wur-
schieden, das es nach dem Willen ihrer Fir- Die Protestierer haben es fertiggebracht, de, als wäre er nur ein Synonym für Folk-
ma bald nicht mehr gibt. dass die Öffentlichkeit nun doch Kenntnis lore: Heimat.
Elisabeth Mayers-Beecks hat den Auf- nimmt von einem Vorgang, der jahrzehnte- Was Heimat eigentlich ist, diese Frage
trag, die Dinge so zu managen, dass die lang hingenommen wurde wie ein Natur- stellt sich hier in aller Schärfe. Ob sie trans-
Leute sich zufriedengeben in Keyenberg gesetz: ist nicht schön. Muss halt sein. Das portabel ist, ob sie sich verpflanzen lässt.
und in den anderen vier Dörfern, die als
letzte im Rheinland der Braunkohle wei-
chen sollen. Von denen nichts übrig blei-
ben soll als ein riesiges Loch. Und irgend-
wann vielleicht ein See.
Das ist der Plan.
Das war der Plan.
Der Plan war, dass Bernd Pieper, Marita
Dresen, Norbert Winzen und 1600 andere
Menschen ihre Dörfer, Häuser, Kirchen,
Gassen, Gärten, Bäume verlieren, dass sie
sich umsiedeln lassen, murrend vielleicht,
aber doch einigermaßen reibungslos wie
fast 43 000 Rheinländer vor ihnen seit
Ende des Zweiten Weltkriegs. Es hat ja
jahrzehntelang funktioniert. Braunkohle
war unverzichtbar, so sah es die Wirtschaft,
so vollzog es die Politik.
RWE hat’s gegeben, RWE hat’s genom-
men, Haus und Hof genommen und Geld
gegeben, es war wie Schicksal für denjeni-
gen, der auf Braunkohle saß. Braunkohle
lässt sich hierzulande nicht unterirdisch
fördern; um sie zu bergen, muss alles weg,
was an der Oberfläche ist. Und wer das
nicht hergeben will, kann enteignet wer-
den. Das deutsche Bergrecht gibt dem
Tagebau diese Keule in die Hand.
Es fing ruhig an, hätte eine relativ rei-
bungslose Umsiedlung werden können.
Dann kam etwas dazwischen.
Dann kam Paris, das Klimaabkommen.
Dann kam der Protest gegen Braunkohle-
tagebau im Hambacher Forst, und nun
haben sich die Protestierer die Dörfer vor-
genommen, Bäume reichen ihnen nicht
mehr. Es gibt Demonstrationen, Blocka-
den, für Samstag, den 22. Juni, haben sie
zu Massenveranstaltungen mobilisiert,
»Fridays for Future«, »Alle Dörfer blei-
ben«, »Ende Gelände« und all die anderen.
Sie haben sich die Dörfer und den Tagebau
vorgenommen, lautstark, massiv.
Der Kohleausstieg soll kommen, 2038,
sie fordern ihn noch deutlich schneller.
52
Und ob der Versuch, dies zu tun, über- gegeben und pragmatisch beschlossen, im ten großen Protestaktion im März, die als
haupt gerechtfertigt sein kann. So ist neue Neuen auch den Vorteil zu sehen. Solidarität mit den Dörflern gemeint war,
Hoffnung und neuer Zweifel entstanden, Das neue Haus hat außen Klinker wie protestierte er gegen die Protestierer.
ein Zwiespalt in den Dörfern. das alte, innen aber breite Türen, es ist Weil?
Herr Winzen will Unwiederbringliches ebenerdig, barrierefrei. Im Rohbau ste- »Weil es das Dorf zerreißt.«
nicht verlieren. hend wünscht er sich, »das Gefühl zu ha- Er will nicht, dass es zwei Keyenbergs
Frau Dresen will der Welt zeigen, dass ben: Ich habe es richtig gemacht«. gibt, sondern eines, weil auch der Schüt-
man so mit ihr nicht umgehen kann. Es ist Mitte Mai, jetzt kommt das Schüt- zenverein wissen muss, wo er hingehört.
Herr Pieper will weg. zenfest, Pieper war dreimal Schützenkönig Er will nicht, dass das Dorf gerettet wird
Es gibt Menschen, deren natürliches und wird auch diesmal wieder viel zu tun und ein anderer in seinem Haus wohnt.
Habitat die Baustelle zu sein scheint, haben, als Vater der Schützenkönigin. Dann hätte er es ja falsch gemacht. Viel-
Bernd Pieper, von Beruf Monteur, gehört Dann kommt noch ein Urlaub an der Mo- leicht ist es für ihn wie im Trauerfall: Ein Ri-
dazu. sel, dann der Umzug. tual muss sein. Eine Beerdigung. Ein Ende.
Nicht dass er Lärm und Dreck beson- Er hat mit RWE verhandelt, hat unter- Allerdings wird es dann ja keinen Ort
ders schätzen würde. Der Dreck des he- schrieben. Er verbucht die Umsiedlung mit mehr geben, um zu trauern. Wo Wichtiges
ranrückenden Tagebaus Garzweiler II ist dem Gefühl, finanziell auf seine Kosten passierte – heimlich rauchen, küssen, Kir-
einer der Gründe, warum er sein Haus in gekommen zu sein. schen klauen: alles weg. Heimweh muss
Keyenberg bald verlassen und umsiedeln Alles gut also? sich ins Abstrakte wandeln. Da ist ja nur
will an den Standort Erkelenz-Nord. Nicht alles gut. noch das Loch.
Pieper ist in Keyenberg geboren, und Er will den Abriss. Er will, dass sein Es ist ein Vorgang, der in Braunkohle-
auch er hat mal gegen den Tagebau pro- Haus nicht mehr steht, er will, dass die regionen über Jahrzehnte normal war.
testiert, die Sache dann als erfolglos auf- Umsiedlung zügig weitergeht. Bei der letz- Welche Zumutung er darstellt, wird
manchmal erst durch den Blick von außen
wieder klar. Die Leute, denen Pieper beim
Urlaub an der Mosel davon erzählt hat,
sagten: »Wie, die baggern euer Dorf weg?«
Sie gaben dem Vorgang das Erschrecken
zurück, das er eigentlich verdient hat.
Aber Pieper wehrt sich dagegen, Opfer
zu sein, er nimmt gern Dinge in die Hand.
Pragmatisch hat er beschlossen, Heimat
nicht streng räumlich zu begreifen, son-
dern eher sozial, definiert durch die Men-
schen, die er kennt. Seine Logik ist: Das
Neue kann nur Heimat werden, wenn es
das Alte nicht mehr gibt. Er hat sogar
schon mal den optimistischen Satz gesagt:
»Das hier wird mal ein Dorf.«
Das hier: Das ist eine Ansammlung von
Häusern und Baustellen am Standort Erke-
lenz-Nord, 20 Minuten von Mönchenglad-
bach entfernt. Wer von außen kommt, wird
denken: eine Siedlung eben. Die Umsiedler
aber werden wissen: Das hier ist Keyen-
berg, das Kuckum, das Berverath. Und das
hier Westricht, das nun aus den Resten von
Ober- und Unterwestricht besteht.
Es ist flach hier, guter Lössboden. Bau-
ernland. Ein kleines Wäldchen im Hinter-
grund rund um ein Wasserwerk, von Fel-
dern umgeben das Neue, es ist – Dorf?
Ortschaft? Neubaugebiet?
»Wir bauen Träume«, steht auf einem
Handwerkerfahrzeug, und genau so sieht
es hier aus. Manche träumen vom Tos-
kanahaus, andere vom Bauhausstil, kastig
weiß. Viele Einzelträume. Oft Zäune, er-
staunlich viele blickdicht und hoch. Es
gibt Klinker rot, Klinker weiß, Klinker
gelb, Klinker schwarz und Brachen da-
zwischen, wo noch Sauerampfer und Sal-
bei stehen. Die Hausgärten tendieren ins
Pflegeleichte, es fühlt sich nicht an wie
53
Gesellschaft
eine Ortschaft, eher – Musterhaussied- schlossen, gibt sich selbst den Auftrag, »al- Und so verhandelt RWE weiter mit den
lung, das ist es. les versucht zu haben«. Kuckum, Keyen- Dorfbewohnern, baggert weiter ab. Zer-
Es wird mehr öffentliches Grün geben berg – sie sollen bleiben, und jeder soll stört Gewachsenes, hinterlässt Häuser-
und irgendwann auch etwas höhere Bäu- dort siedeln, wo er mag. Und die Gemein- ansammlungen.
me. Eine Kapelle dort, wo jetzt die roten schaft? »Ist eh schon zerrissen. Dank Musterhaussiedlung.
Kräne stehen. Eine Mehrzweckhalle, Se- Braunkohle und RWE.« Besucht man die Umsiedlungsbeauftrag-
niorenwohnungen. Eine Kneipe, ein Café? RWE ist die Chiffre für Allmacht bei te von RWE in ihrem Kölner Büro und
Weiß man nicht. manchen, bei manchen auch für das Böse. sagt dieses Wort, dann guckt sie streng und
Und Wiesen? Pferdekoppeln? Eine Macht ist RWE, weltweiter Jahres- sagt: »Sie sollten das nicht durch Ihre Brille
Marita Dresen ist schon länger dabei, umsatz 13,4 Milliarden Euro, sicherlich. sehen.«
den Planern mit diesen Fragen auf die Ner- Verflochten mit Kommunen, die als An- Elisabeth Mayers-Beecks, exakt betitelt
ven zu gehen. Ursprünglich hat sie um die- teilseigner die Dividende brauchen. Un- als Leiterin Umsiedlungsabteilung von
se Wiesen gekämpft. Aber jetzt kämpft sie terstützt von der Politik, die in der Braun- RWE Power, ist von Haus aus Stadtplanerin
ums Ganze. kohle lange den einzigen verlässlichen ein- und Architektin und sagt, sie habe für RWE
Familie Dresen, drei Kinder, drei Pferde, heimischen Energieträger sah. Privilegiert »die Umsiedlungsplanung entwickeln dür-
18 Hühner, lebt auf einem ehemaligen durch das Bergrecht, es gibt dem Unter- fen. Das war wirklich ein Dürfen«.
Bauernhof in Kuckum. Was früher der nehmen das Mittel der Enteignung an die Tatsächlich?
Kuhstall war, ist jetzt Wohnzimmer und Hand. »Tatsächlich. Denn ich konnte bei einem
manchmal Organisationsort für Wider- Auch das Bundesverfassungsgericht hat- Prozess, der früher sehr starr lief, eine star-
stand. te 2013 nichts dagegen einzuwenden. Als ke Bürgermitwirkung aufbauen.« Mitwir-
Am Vorabend war Marita Dresen im ein Bewohner von Immerath auf ein Recht kung daran, wie die Umsiedlung stattfin-
Pfarrsaal von Kuckum bei einer Veranstal- auf Heimat klagte, beschied es: Der Tage- det, nicht ob.
tung der Gruppe »Alle Dörfer bleiben«, bau könne durchaus im Sinne des Gemein- Es ist ihre Abteilung, die Häuser und
gezeigt wurde der Film »Die rote Linie« wohls sein. Die Regierung habe das Recht, Grundstücke kauft und Dorfgemeinschaf-
über den Widerstand gegen den Tagebau. ihn als Teil der Energieversorgung so zu ten, wie sie sagt, »in ihrer Transformation
Man erlebte in diesem Film einen RWE- definieren. Das individuelle Recht des vom alten in den neuen Ort begleitet«.
Vorstandsvorsitzenden, der die Wörter Mannes, wohnen zu bleiben, habe dahin- Dazu gehört, dass man »die Oberfläche
»Tagebau« und »Vernunft« zusammen- ter zurückzustehen. für den Bagger vorbereitet. Ja, ich finde
bringt. Man hörte Wörter wie »Heimat- auch, das klingt hart«. Dass man Häuser
fresser«. Man sah, wie sich ein Abriss- abbricht, den Friedhof räumt, für Um-
bagger in die Kirche von Immerath fraß. Der Hahn kräht, der bettungen sorgt.
Als die Kirchenmauern fielen, war es im Mist stinkt – im Dorf geht Macht ihr das etwas aus?
Raum sehr still. »Natürlich. Ich bin ja auch ein Mensch.
Frau Dresen also ging es erst mal um das. Im Neubaugebiet Ich weiß, was einem die Dorfkirche bedeu-
die Wiesen, sie hat 15 000 Quadratmeter gilt es als unzumutbar. tet. Das Grab der Eltern auf dem Friedhof.«
Fläche und wollte genauso viel wieder- Sie sage sich: »Solange die Braunkohle-
haben. Sie habe ein Recht auf Wohnen, gewinnung erforderlich und Umsiedlun-
beschied man ihr, nicht aber darauf, ihre Würde das Urteil heute vielleicht anders gen nicht vermeidbar sind«, so lange wolle
Hobbytierhaltung so weiterzuführen. ausfallen? Jetzt, da sich Deutschland ver- sie darauf achten, »dass der Prozess gut
Das Grundsätzliche an ihrem Problem pflichtet hat, seinen CO²-Ausstoß bis 2030, gestaltet wird«.
sind Vorschriften, die es nicht gab, als ihr verglichen mit 1990, um 55 Prozent zu Nicht vermeidbar. Erforderlich. Was soll
Dorf zum Dorf wurde. Im Bestehenden reduzieren? sie auch sagen.
sind Dinge möglich, die Nachbarn im Neu- Man werde grüner werden, verspricht Aber die Zukunft. Das Neue, das ent-
baugebiet als unzumutbar empfinden. Der RWE. Auf Erneuerbare setzen. Aber eine steht. Was sagt sie, die Stadtplanerin dazu?
Hahn kräht morgens. Der Mist stinkt. Der Studie des Deutschen Instituts für Wirt- Jetzt, sagt sie mit gewissem Enthusias-
Traktor fährt abends über die Straße. schaftsforschung zum Beispiel, die besagt, mus, »jetzt kommen Sie zu meinem
Dann noch die Gesetze, Brandschutz, dass ein deutlich schnellerer Ausstieg aus Hobby«. Sie spricht von ihm in der Ver-
Lärmschutz und so weiter – wollte sie so der Braunkohle möglich sei – sie schätzt die gangenheit. »Mein Hobby war die missio-
bauen, wie sie jetzt lebt, dürfte sie es nicht. abbaubare Braunkohlemenge laut RWE narische Tätigkeit.« Genau das sei ihre
»Hambi« kam, der Massenprotest ge- »viel zu hoch« ein. Die Tagebaugenehmi- Mission gewesen: Das Neue, das da ent-
gen die Zerstörung des Hambacher Forsts, gungen, die habe man und brauche sie auch. steht, möge »qualitätsvoll sein. Regional-
und Marita Dresen begann, größer zu Anders sei Deutschlands Energiebedarf typische Baumaterialien, eine gemeinsame
denken. Schließlich, das fällt ihr als Ver- nicht zu decken. Die Kohle von Keyenberg Formensprache, ein städtebauliches Leit-
gleich ein, »ist in Berlin ja auch die Mauer benötige man schon 2023/24, der Tagebau bild für den neuen Ort«. Ihr Lachen besagt,
gefallen«. stehe quasi vor der Tür. Außerdem habe dass sie jetzt klüger ist.
Marita Dresen hat eine gewisse Uner- man sich mit 67 Prozent der Menschen in Man habe Umsiedlern durchaus Vor-
schrockenheit, die sie, gelernte Friseurin, den fünf letzten Dörfern schon geeinigt. bilder gezeigt. Man habe zum Beispiel
Angestellte in Mönchengladbach, auf die Es wäre aus RWE-Sicht auch wenig sinn- früher mal eine Siedlung in Düsseldorf
RWE-Hauptversammlung gebracht hat. voll, jetzt, im Entschädigungspoker mit besichtigt, alles weiß, nur Grau in den
Wie es sich anfühlt, aus der Heimat ver- der Bundesregierung, freiwillig zu verzich- Dächern, zweigeschossig, als Einfriedung
trieben zu werden, erzählte sie dort. Sie, ten. Es ist ja noch nicht verhandelt worden, Hecke oder weiß gekalkte Mauer. Es war
die nie eine Aktivistin gewesen sei, mache welche Braunkohlekraftwerke RWE aus der als gutes Beispiel gemeint, kam aber nicht
bei »Alle Dörfer bleiben« mit und finde Produktion nehmen soll. Der Kohlekom- so an.
es »cool, total toll«, wenn junge Menschen promiss, der Ausstieg bis 2038, ist bisher Die Stadt Erkelenz, zu der die fünf Dör-
Bäume und Dörfer schützen wollen. nur Absichtserklärung, also unverbindlich. fer gehören, organisierte wie üblich die
Braunkohle soll nicht mehr Schicksal Das Klimakabinett ist bisher ohne Be- Mitsprache der Bürger; sie wählten den
sein, sie hat sich zum Rebellieren ent- schluss. Es passiert nichts, immer noch nicht. genauen Standort aus und den groben Ent-
54
Braunkohletagebau Garzweiler II,
Umsiedlungsort Erkelenz-Nord, Bauherr Pieper
Das Alte abreißen, damit das Neue Heimat wird
Rückschlag
und rief: »Erst mal bisschen einspielen!« Meine Freundin schlug
gleich zu Beginn ein paar Bälle, die knapp übers Netz zischten,
von meinem Schläger abprallten und von dort auf den Platz
neben uns flogen. »Aus«, rief mir meine Freundin laut zu.
Ich sah zu dem Mann mit der roten Mütze, er hatte seinen
Homestory Wie es sich anfühlt, gegen eine Frau Stuhl so gedreht, dass er mich besser sehen konnte. Er grinste
im Tennis zu verlieren mich an. Ich spürte das Bedürfnis, mich nicht vor ihm zu bla-
mieren. Ich durfte ihn nicht enttäuschen. Ich dachte: »Reiß
dich zusammen, Tennis verlernt man nicht.«
57
Wirtschaft
Deutschland wäre ärmer ohne die intelligenten Schwurbeleien im Feuilleton der »FAZ«. ‣ S. 68
Gesundheitskarte
Wundersame Gehaltsvermehrung
Gesundheitsminister Spahn tauscht den Chef der Gesellschaft Gematik aus – und lockt mit üppigem Salär.
Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will dem laut Angaben aus Branchenkreisen mit rund 180 000 Euro
designierten neuen Topmanager für die elektronische Gehalt pro Jahr und ohne Dienstwagen ausgekommen. Die
Gesundheitskarte etwa doppelt so viel an Vergütung zahlen Gematik ist für die Einführung und Weiterentwicklung der
wie dem bisherigen Amtsinhaber. elektronischen Gesundheitskarte verantwortlich, die sich seit
Spahn hat entschieden, den Chef der Gesellschaft für Tele- Jahren als Pannenprojekt erweist. Im Mai hatte das Minis-
matikanwendungen der Gesundheitskarte (Gematik), Alexan- terium per Gesetz die Mehrheit an dem Unternehmen über-
der Beyer, abzuberufen und durch den Pharmamanager nommen und damit Kassenärzte, gesetzliche Krankenkassen,
Markus Guilherme Leyck Dieken zu ersetzen. Laut einem Kliniken und Apotheker entmachtet. Der Verwaltungsrat der
Schreiben des Ministeriums an die Gematik-Gesellschafter Gematik wollte am Freitag über die Berufung Leyck Diekens
sieht der Vertragsentwurf für Leyck Dieken eine jährliche entscheiden, eine Zustimmung gilt bislang als Formsache.
Grundvergütung von 300 000 Euro vor, dazu eine variable Das Gesundheitsministerium erklärte auf Anfrage, um ei-
Komponente von 40 000 Euro jährlich, eine Altersvorsorge nen Topmanager zu bekommen, müsse man »mindestens
von rund 32 000 Euro sowie einen monatlichen Dienst- ein Gehalt zahlen, das unter Spitzenfunktionären der gesetz-
wagenzuschuss von 1350 Euro. Sein Vorgänger war bislang lichen Krankenversicherung üblich ist«. COS
Gewerkschaften Mitglieder der krisengeplagten Gewerk- Lösungen: Sie votierten für die Nach-
UFO-Führung gestärkt schaft am Donnerstag aber schon geschaf- benennung von bis zu vier Vorständen
fen: einen handlungsfähigen Vorstand. In per Onlineumfrage und reguläre Neuwah-
Noch ist unklar, ob es auf dem Höhe- den vergangenen zwei Wochen stimmten len im Frühjahr 2020. Sollten Gerichte
punkt der Reisesaison zu den von der sie über die künftige Führung ab, nach- einen Streik nicht schon im Vorfeld ver-
Kabinengewerkschaft UFO angekündig- dem zuvor nahezu alle früheren Spitzen- bieten, kann die UFO also auch weiterhin
ten Streiks bei der Lufthansa und ihrer funktionäre ausgeschieden waren. Die mit Arbeitskampfmaßnahmen drohen
Billigtochter Eurowings kommt. Eine UFO-Mitglieder entschieden sich mit knapp und sie am Ende womöglich sogar in die
wichtige Voraussetzung dafür haben die 41 Prozent für eine von drei angebotenen Tat umsetzen. DID
Siemens
ARD er sich aus rechtlichen Gründen nicht
äußern. Zu dem Paket gehören laut dem
IG Metall will
Mehr Gebührengeld Papier exklusive Rechte für Ausstrah- Energiejobs retten
für Fußballrechte lungen im Free-TV, darunter neun Live-
spiele, inklusive der beiden Halbfinal- Bei Siemens bahnt sich ein Konflikt
Die TV-Übertragungsrechte für den spiele sowie des Endspiels. Diese dürfen zwischen Geschäftsleitung und IG
DFB-Pokal werden die ARD künftig nur im TV-Hauptprogramm »Das Erste« Metall um die geplante Abspaltung des
mehr Geld kosten als in den Vorjahren. ausgestrahlt werden sowie im Internet. Energiegeschäfts an. Anfang Mai hatte
Laut einem vertraulichen Papier zahlt Ebenfalls inbegriffen sind die Rechte der Vorstand unter Konzernchef Joe
der Senderverbund insgesamt 135 Millio- an der Übertragung des DFB-Pokals der Kaeser angekündigt, nach der Verkehrs-
nen Euro für die Saisons 2019/20 und Frauen. Der DFB-Pokal ist neben der und Medizintechnik auch diese Sparte
2021/22. Für die beiden Spielzeiten davor Bundesliga der wichtigste Fußballwett- auszugliedern und bis September 2020
lag die Vertragssumme noch bei 127 Mil- bewerb der Republik. Neben der an die Börse zu bringen. Die Arbeit-
lionen Euro. Hinzu kommen weitere ARD bekamen auch andere Bewerber nehmervertreter im Aufsichtsrat trugen
1,4 Millionen Euro Produktionskostenzu- einen Zuschlag: So liegen die Pay-TV- den Trennungsbeschluss damals nach
schuss pro Saison, den die ARD eben- Rechte exklusiv beim Bezahlkanal Sky; einigem Ringen mit, fühlen sich nun
falls schultern muss. ARD-Sportkoordina- der Sender Sport1 erhielt nachrangige aber von Kaeser und seinen Vorstands-
tor Axel Balkausky sagt, alle zustän- Livespiel-Rechte. Der Axel-Springer- kollegen düpiert: Anfang der Woche
digen Gremien hätten den Konditionen Verlag darf On-Demand-Clips online teilte die Siemens-Führung überra-
zugestimmt; zu Vertragsdetails wolle verbreiten. MUM schend mit, dass in dem Bereich erneut
2700 Jobs gestrichen werden sollen,
davon mehr als die Hälfte in Deutsch-
land. Gesamtbetriebsratschefin Birgit
Digitalisierung Entscheidung über einen Standort gefal- Steinborn erfuhr von den Plänen nach
len. Unlängst hatte VW-Chef Herbert eigenen Angaben erst kurzfristig und
VW plant Hightech- Diess angekündigt, eine Einheit für Auto- reagierte entsprechend sauer. »Wir kön-
Standort in München software mit gut 5000 IT-Experten zu nen nicht nachvollziehen, dass in einem
schaffen. Der Anteil der eigenen Software- langfristig wachsenden Markt ein kurz-
Der Volkswagen-Konzern will ein neu- Entwicklung solle von knapp 10 Prozent fristiger Abbau der Mitarbeiter vor-
es Zentrum für Software-Entwicklung in auf mindestens 60 Prozent steigen. SH genommen werden soll«, kritisiert sie.
München aufbauen. Aktuell sieht sich Noch deutlicher äußert sich IG-Metall-
der Autohersteller nach geeigneten Hauptkassierer Jürgen Kerner, der
Räumlichkeiten um, heißt es aus Bran- ebenfalls im Aufsichtsrat sitzt. »Die
chenkreisen. Einige Hundert IT-Exper- Pläne sind ideenlos, die IG Metall lehnt
ten könnten demnach in der bayerischen sie grundsätzlich ab«, stellt er klar. In
Landeshauptstadt angesiedelt werden. Zeiten eines wachsenden Fachkräfte-
Für den Standort sprechen die guten mangels würden auch bei Siemens gut
Universitäten und deren Verzahnung mit ausgebildete Mitarbeiter weiterhin
der Wirtschaft. In München betreibt der gebraucht. Der Konzern müsse daher
Konzern bereits ein sogenanntes Data »den massiven Veränderungen des
Lab für künstliche Intelligenz, das Toch- Energiemarktes Rechnung« tragen und
terunternehmen Audi forscht dort am in die Qualifizierung der Beschäftigten
autonomen Fahren. Der Münchner Wett- investieren. Siemens hatte schon zuvor
bewerber BMW beobachtet die Aktivitä- angekündigt, im Kraftwerksgeschäft
ten des VW-Konzerns vor der eigenen 6000 Stellen abzubauen. Von den nun
Haustür mit Interesse: Offenbar sei der bekannt gewordenen zusätzlichen Spar-
VW-Hauptsitz Wolfsburg für Entwickler plänen wären die Mitarbeiter der Ener-
nicht attraktiv genug, lästert man in gieübertragungssparte betroffen, in
BMW-Kreisen. VW will sich zu den der Hochspannungsnetze und Transfor-
Plänen nicht äußern, es sei noch keine VW-Elektroauto ID.3 (getarnter Prototyp) matoren hergestellt werden. DID
59
König Zuckerbergs Dukaten
Finanzmarkt Mit seiner Digitalwährung Libra will Facebook das Geld neu erfinden. Das virtuelle
Zahlungsmittel soll kostenlose Überweisungen via WhatsApp und Instagram ermöglichen
und neue Erlösquellen erschließen. Regulierungsbehörden und Zentralbanken sind alarmiert.
60
Wirtschaft
F
angen wir beim Namen an: Libra. Dollar gegen sogenannte Libra-Token tau- Die Versprechen sind groß. »Wir wollen,
Der steht im Englischen für das schen. Ihr Echtgeld fließt derweil in einen dass das Geldsenden so einfach wird
Sternzeichen Waage und klingt Reservefonds. Der wiederum soll das Geld wie das Senden einer Textnachricht«, sagt
auch irgendwie nach Freiheit, Li- in Bankeinlagen und Staatsanleihen ver- Kevin Weil, Produktvizechef bei Calibra.
berty. Tatsächlich dürfte Facebook wohl schiedener Währungen investieren. Ohne Verzögerung und ganz oder fast
eher an die römische Maßeinheit Libra ge- Hinter diesem Reservefonds steht nicht ohne Gebühren wäre das Geld beim Emp-
dacht haben, als der Tech-Konzern einen nur Facebook, sondern die Libra Associa- fänger. Viele Millionen Menschen, die in
Namen für seine neue Digitalwährung tion, ein Gründungskonsortium von bisher Ländern mit instabilen Währungen und
suchte. Gründer Mark Zuckerberg hat ein knapp 30 Unternehmen. Dazu gehören schwach entwickelten Banken leben, be-
Faible für die römische Antike. Dass Libra große Onlineplattformen (Spotify, Uber, kämen damit Zugang zu finanziellen Diens-
auch an die alte schwindsüchtige italie- Ebay, Lyft), Finanzdienstleister (Visa, Pay- ten. Laut Facebook sind das 1,7 Milliarden
nische Währung Lira erinnert, die Urlau- Pal, Mastercard, Stripe), Wagniskapi- Menschen. »Banking the Unbanked« heißt
ber früher in Bündeln von der Adria nach talgeber, Blockchain-Unternehmen und deshalb das Ziel, was übersetzt so viel be-
Hause brachten, ist vielleicht nur für eu- Non-Profit-Organisationen. Der Verein deutet wie: denen zu Bankdienstleistungen
ropäische Ohren ein Problem. soll bis zum Start der neuen Währung im verhelfen, die bisher keine haben.
Wie neu und unverstanden das Ding ist, kommenden Jahr auf 100 Mitglieder an- Doch so uneigennützig, wie das klingt,
merkt man schon daran, dass sich im Deut- wachsen. ist es nicht. Mit Libra könnten Facebook
schen noch kein grammatisches Geschlecht Aufbewahrt und eingesetzt werden soll und seine Töchter WhatsApp und Insta-
durchgesetzt hat. Mal liest man »der Li- die Libra über einen digitalen Geldbeutel, gram neue Erlösquellen erschließen und
bra«, mal »die Libra«. Beides klingt besser eine sogenannte Wallet. Facebook nennt sich für ihre Nutzer zunehmend unver-
als »GlobalCoin« oder gar »Zuck-Buck«, seine Version Calibra, aber auch andere zichtbar machen. Rund 90 Millionen klei-
wie das Digitalgeld genannt wurde, bevor Anbieter sollen Libra-Wallets programmie- ne Unternehmen sind derzeit bereits auf
Facebook seine Pläne für eine eigene Wäh- ren und anbieten können. Facebook selbst präsent, Libra wird die
rung nun offiziell enthüllte. Um Datenschutzbedenken zu zerstreu- wirtschaftliche Dynamik auf diesem gigan-
Was ist das, Libra? en, will Facebook Calibra als separate Un- tischen Marktplatz wohl weiter beflügeln.
Libra soll ein Zahlungsmittel werden ternehmenseinheit führen. Das Geschäft Anbieter könnten Kunden etwa mit Ver-
wie der Dollar oder der Euro, nur digital. mit dem Zahlungsverkehr soll strikt ge- günstigungen locken, wenn diese in Libra
Mark Zuckerberg wird kein Bargeld dru- trennt werden von Facebooks Social-Me- bezahlen. Bei Instagram könnten Nutzer
cken, er will das Geld neu erfinden. Und dia-Aktivitäten. Bisher ist das vor allem künftig mit der neuen Währung Produkte
die Töne, in denen Facebook seine Idee ein Versprechen, doch Zuckerberg kennt direkt bei Influencern oder dort vertrete-
besingt, könnten denn auch kaum höher die immer lauter werdenden Rufe der nen Firmen kaufen; auch die Ankündi-
sein: »Wir verändern die Weltwirtschaft. Politik nach einer Zerschlagung des schon gung, dass Unternehmen künftig ihre Pro-
Damit die Menschen überall ein besseres jetzt übermächtigen Konzerns, weiß um duktkataloge bei WhatsApp hochladen
Leben haben.« Weltverbesserung. Darun- die wachsenden Bedenken gegenüber dem können, erscheint nun in neuem Licht.
ter macht es Facebook nicht. Datenmonster Facebook, das den Schutz Alle diese Dienste und der Facebook-
Libra soll ähnlich wie die Kryptowäh- der Privatsphäre schon oft seinen geschäft- Messenger würden mehr und mehr zu
rungen Bitcoin und Ethereum auf einer lichen Interessen geopfert hat. Handelsplattformen und Facebook somit
Blockchain-Technologie basieren, aber an- Noch ist Libra bloß eine Idee, die noch höhere Umsätze bescheren. Die chinesi-
ders als diese im Wert nicht schwanken. scheitern oder ausgebremst werden kann. sche Megaplattform WeChat, Facebooks
Geplant ist eine stabile digitale Wertein- Doch wenn sie zündet, wird sie das Welt- wichtigster globaler Konkurrent, bietet
heit. Die Nutzer sollen etwa Euro oder finanzsystem durchrütteln. schon lange Bezahl- und andere Finanz-
%
Die eingehenden Euros oder Dollars werden in Bankeinlagen oder Staats- innerhalb von WhatsApp unter anderem etwa bei Libra-
anleihen angelegt. Anders als bei Kryptowährungen wie Bitcoin soll der und Facebook Messenger im Facebook Mitgliedern, z.B.
Libra-Kurs durch Bindung an einen Währungskorb stabil gehalten werden. Marketplace Uber oder Booking.com
1982
Flüssigkristalle bringen dem
Computer das Fahrradfahren
bei: im Display des ersten
digitalen Tachometers.
1888
Eine reife Leistung: Das
1992
Macht Gegenwind zum lauen
Vulkanisationsverfahren Lüftchen: Der Nickel-Cadmium-
macht luftgefüllte Gummi- Akku im ersten Pedelec gibt
reifen möglich und so das Radlern Extraschub.
Fahrradfahren bequemer.
regulatorischen Behörden vorbei operie- Auch der EZB hat Zuckerberg sein Pro- sen. Durch die Koppelung an westliche De-
ren könnte. Für Zuckerberg ist der Schritt jekt vorgestellt. Eine EZB-interne Task visen wäre eine Art Währungskolonialis-
zu Libra konsequent. Sein Reich umfasst Force untersucht bereits seit dem Frühjahr mus denkbar – ähnlich wie im Kosovo und
längst etwa doppelt so viele Menschen wie 2018 die Folgen des Booms digitaler Wäh- in Montenegro. Dort ist der Euro legitimes
der größte Staat der Welt, die Marktkapi- rungen. Der ist den Zentralbanken sus- Zahlungsmittel, ohne dass die Balkanlän-
talisierung seiner Unternehmen übersteigt pekt, weil er potenziell ihre Souveränität der Mitglied der Eurozone sind.
die Haushalte vieler Volkswirtschaften, untergräbt – auch wenn von den virtuellen Nicht nur für die Regulierer, auch für
mit seinen »Community-Regeln« vollstreckt Währungen gegenwärtig keine Gefahr für klassische Banken ist Facebooks Plan eine
er eigene Gesetze. Nun bekäme König das Finanzsystem ausgehe, wie die Exper- potenzielle Bedrohung. Einige von ihnen
Zuckerberg auch noch eigene Dukaten. ten im Mai erleichtert feststellten. Dafür sei haben sich selbst schon an Blockchain-
Ein Selbstgänger ist Libra deshalb nicht. der Markt viel zu klein. Doch das war vor Initiativen versucht, etwa das US-Geldhaus
Sofort nach Ankündigung der Facebook- Libra. Angesichts der Marktmacht von J. P. Morgan Chase. KPMG-Mann Korschi-
Pläne forderte die Vorsitzende des US-Fi- Facebook und seinen Mitstreitern wächst nowski sieht eine weitere Kampfzone: das
nanzausschusses, Maxine Waters, den Kon- die Sorge, die Zentralbanken könnten tat- Geschäft mit Kundendaten. »Je mehr Fi-
zern auf, sein Libra-Projekt zu stoppen und sächlich ihr Monopol verlieren, über den nanzdaten von Kunden die Tech-Firmen
die Einschätzungen der Behörden abzu- Leitzins die Geldmenge zu steuern. erhalten, desto schwerer wird es für die
warten. Der französische Finanzminister Ganz machtlos sind die Notenbanken Banken, an klassischen Transaktionen noch
Bruno Le Maire erneuerte sein Postulat, nicht. Sie geben die Libra-Deckungswäh- Geld zu verdienen.« Mit Facebooks Reich-
Tech-Giganten schärfer zu regulieren. rungen aus, also etwa Dollar und Euro, weite können sie nicht mithalten. Wenn
Mark Carney, dem Gouverneur der Bank und könnten das Projekt torpedieren. »Sie sich Libra durchsetze, erwarten Analysten
of England, hatte Zuckerberg seine Wäh- könnten verbieten, dass Libra-Nutzer ihr der Citigroup, würden über die Plattform
rungspläne schon vorab präsentiert. Er ste- Geld in Dollar oder Euro zurücktauschen mittelfristig womöglich nicht nur private
he dem Projekt offen gegenüber, aber nicht können, es gibt keinen Annahmezwang«, Bezahlvorgänge abgewickelt, sondern alle
mit offener Tür (»open mind but no open sagt Sven Korschinowski, Digital-Banking- möglichen Finanzdienstleistungen.
door«), sagte Carney, als die Libra-Pläne Experte der Beratungsfirma KPMG. Facebook wüchse dann zu einer Art
diese Woche publik wurden. Über Libra, Probleme könnten dagegen auf Zentral- Schattenbank. Und Mark Zuckerberg wä-
so Carney, werde demnächst im Rahmen banken in Zweit- oder Drittweltländern re der mächtigste Banker der Welt.
der G 7, der führenden Industrienationen, zukommen. Wo das Vertrauen in die eige- Tim Bartz, Guido Mingels,
sowie bei der Bank für Internationalen ne Währung gering, die Inflation hoch ist, Marcel Rosenbach
Zahlungsausgleich und beim Internationa- könnten die Menschen rasch auf Libra um- Mail: [email protected]
len Währungsfonds gesprochen. steigen und ihre Notenbanken ausbrem-
2015
Hält die Hände am Lenker:
Mit der Chemie als Tandempartner
wird das Fahrradfahren dank neuer
Der Fahrradhelm mit integrierter
Funktechnologie macht das Werkstoffe und Verfahren immer
Smartphone auch unterwegs
nutzbar – dank Mikrochips
komfortabler und sicherer. Das Ziel:
aus hochreinem Silizium. eine gesunde und nachhaltige
2018
Gibt richtig Kette ohne Kette:
Mobilität, die Spaß bringt.
Renner.
Wirtschaft
»Ich nehme das ernst« das Wort »Flugscham« zum ersten Mal
gehört?
Spohr: Schon sehr früh, und zwar von mei-
nem schwedischen Kollegen Ulrik Svens-
Mobilität Lufthansa-Chef Carsten Spohr, 52, über Flugscham, son, unserem Finanzvorstand. Wir haben
Tickets für 9,99 Euro und seine Ideen für eine CO2-Abgabe beide Kinder und wissen daher schon län-
ger, dass da ein Thema auf uns zurollt. Und
wir haben beschlossen, es offen anzuspre-
chen und nicht defensiv damit umzugehen.
SPIEGEL: Was heißt das?
Spohr: Dass wir uns mit der Frage beschäf-
tigen, wie eine ökologische Zukunft der
Luftfahrt aussehen könnte, und uns dabei
nicht bloß von außen treiben lassen wollen.
Ich nehme das ernst.
SPIEGEL: In Schweden steigen jüngere
Menschen verstärkt auf die Bahn um, so
wie das ihr Vorbild, die Umweltaktivistin
Greta Thunberg, propagiert. Merken Sie
diesen Trend auch in Deutschland?
Spohr: Nein, im vergangenen Monat ist
unsere Passagierzahl erneut um fast drei
Prozent gewachsen.
SPIEGEL: Gut für Sie, schlecht fürs Klima.
Spohr: So simpel ist das nicht. Viele Kurz-
streckenflüge sind für uns selbst unpro-
fitabel. Wir drängen daher schon seit Jah-
ren darauf, diese Reisen auf die Bahn zu
verlagern. Doch bislang gibt es viel zu
wenige zuverlässige und wettbewerbsfähi-
ge Angebote der Bahn. Zwischen Köln
und Frankfurt zum Beispiel funktioniert
das, sodass wir diese Strecke bereits vor
zwölf Jahren zugunsten der Bahn aufge-
geben haben. Und in diesen Tagen folgt
Nürnberg–Berlin. Aber davon müsste es
viel mehr geben.
SPIEGEL: Dass Sie auf diesen Strecken
nichts verdienen, liegt doch vor allem an
dem mörderischen Preiswettbewerb.
Spohr: Es gibt dieses schnell wachsende,
extrem preissensible Segment nun mal.
Und es hat das Fliegen in den vergangenen
Jahren enorm demokratisiert. Aber Ticket-
preise unter zehn Euro sind weder ökono-
misch sinnvoll noch ökologisch und poli-
tisch verantwortbar.
SPIEGEL: Sie geißeln Billigflüge für 9,99
Euro, wie Ryanair sie anbietet, gleichzeitig
mischen Sie in dem Marktsegment über
Ihre Billigtochter Eurowings selbst kräftig
mit. Ist das nicht verlogen?
Spohr: Bei uns liegt der Minimalpreis bei
25 Euro. Und wir kommen in der Tat um
die Konkurrenz zu den Billigfliegern nicht
BERT BOSTELMANN / BILDFOLIO / DER SPIEGEL
64
drängen zu können. Es war richtig, mit der Billiger fliegen schen als Grundrecht empfunden, und die
Eurowings zu wachsen, die Air-Berlin-Lü- moderne Gesellschaft ist ohne Mobilität
cke zu füllen und Marktanteile zu sichern. Die Lufthansa-Tochter Eurowings nicht denkbar. Es muss vielmehr darüber
Jetzt allerdings geht es darum, den Turn- nachgedacht werden, wie man sie effizien-
Umsatz 2018
around bei Eurowings zu beschleunigen. ter und umweltschonender organisieren
SPIEGEL: Heißt das, Sie dampfen das An- 4,2 Mrd. € kann.
gebot jetzt wieder ein? SPIEGEL: Gut 80 Prozent der Weltbevöl-
Spohr: Nach dem schnellen Wachstum der Verlust 2018 kerung haben noch nie ein Flugzeug be-
vergangenen Jahre werden wir jetzt vor- 0,2 Mrd. € treten.
rangig Komplexität und Kosten reduzie- Spohr: Deshalb müssen wir aufpassen,
ren. Daher haben wir das Wachstum auf dass wir, die wir uns an diese Mobilität ge-
null gesetzt. In einer Branche mit hohen Marktanteile wöhnt haben, sie nicht für Teile der Welt
Überkapazitäten ist das übrigens ein in Deutschland, Januar 2019* wie Indien oder China unmöglich machen.
durchaus rationaler Schritt. Dort freut man sich noch auf die Demo-
SPIEGEL: Was heißt das für die Ange- kratisierung des Fliegens, und dort ver-
stellten? zeichnet die Luftfahrt ein stürmisches
Spohr: Die Eurowings hat eine starke Stel- Wachstum. Auch in anderen Ländern sa-
lung in unseren Heimatmärkten. In dieser gen die Bewohner, jetzt sind wir auch mal
Funktion ergänzt sie auch weiterhin un- Eurowings dran mit Fliegen, und das zu Recht.
sere Netzwerkairlines in Frankfurt, Mün- SPIEGEL: Die gestiegene Nachfrage hat
chen, Zürich oder Wien. Daran hat sich 51,5% auch ihre Schattenseiten. Fliegen ist an-
nichts verändert. Und auch wenn wir jetzt Sonstige strengend geworden, weil zu viele gleich-
9,8%
die Produktivität steigern und die Kosten zeitig unterwegs sind. Im Sommer 2018
senken, haben unsere Mitarbeiter im Ver- Ryanair war es besonders schlimm. In diesen Ta-
Wizz 17,9%
gleich zu den Wettbewerbern in diesem gen beginnen in den ersten Bundesländern
4,3%
Segment weiterhin überdurchschnittlich die Sommerferien. Wird es wieder im gro-
gute Tarifbedingungen und Sozialstan- EasyJet ßen Stil Verspätungen geben?
16,5% *nach Zahl der Abflüge
dards. Quelle: Low-Cost-Monitor Spohr: Unsere Infrastruktur am Boden
SPIEGEL: In der Politik gewinnt eine CO2- und in der Luft ist vor allem in Deutsch-
Steuer an Befürwortern. Das heißt, Flug- land längst am Anschlag dessen, was sie
tickets würden teurer, um die Klimaerwär- SPIEGEL: Das klingt nach der Devise: leisten kann, auch aufgrund der künstli-
mung einzudämmen. Könnten Sie sich Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht chen Nachfrage durch zu viele Billigtickets.
damit anfreunden? nass. Sind Sie nur für eine Kohlendioxid- Bei Lufthansa haben wir daher allein zur
Spohr: Wir haben nur diesen einen Plane- Abgabe, wenn Fliegen nicht teurer wird? Stabilisierung des Flugbetriebs mehrere
ten, und wir alle müssen mehr als bisher Spohr: Mir geht es zunächst darum, zu Hundert zusätzliche Mitarbeiter einge-
tun, um ihn zu schützen. Und dazu muss vermeiden, dass unsere Kunden bei einer stellt und 37 Flugzeuge über ganz Europa
auch unsere Branche weiter ihren Beitrag nationalen CO2-Steuer über die interna- als Reservemaschinen positioniert. Damit
leisten. Man muss aber auch festhalten, tionalen Drehkreuze unserer Wettbewer- können wir Verspätungen in diesem Som-
dass der Luftverkehr als einziger Verkehrs- ber fliegen und so zusätzlichen CO2-Aus- mer besser auffangen als im vergangenen.
träger bislang schon am EU-weiten CO2- stoß verursachen. Über die Höhe einer sol- Aber auch die Flughäfen und die Deutsche
Emissionshandel teilnimmt und wir inner- chen Abgabe entscheidet die Politik. Flugsicherung müssen mitziehen. In Mün-
europäisch damit seit Jahren CO2-neutral SPIEGEL: Der französische Präsident Em- chen, um ein positives Beispiel zu nennen,
wachsen. Außerdem haben wir bereits manuel Macron fordert anstelle einer CO2- wurden die Sicherheitskontrollen an un-
eine CO2-Steuer, die heißt bei uns nur Luft- Abgabe eine europaweite Kerosinsteuer. serer am schnellsten wachsenden Ver-
verkehrsteuer. Wäre das eine Alternative? kehrsdrehscheibe deutlich beschleunigt.
SPIEGEL: Sie weichen aus. Spohr: Nationale Alleingänge oder auch SPIEGEL: Das Vertrauen der Kunden in
Spohr: Überhaupt nicht. Aber warum nut- nur ein europäischer Flickenteppich wür- die Zuverlässigkeit des Fliegens hat seit
zen wir die Einnahmen der Luftverkehr- den dazu führen, dass Fluggesellschaften dem Absturz von zwei Maschinen des
steuer nicht zur Förderung alternativer vermehrt dort tanken, wo die Steuer nicht Typs Boeing 737 Max ohnehin stark gelit-
Kraftstoffe und motivieren andere EU- erhoben wird. Unter dem Strich würde die ten. Gilt in der Branche das Motto: Profit
Staaten mitzumachen? Synthetische Kraft- Umweltbelastung durch das Herumfliegen vor Sicherheit?
stoffe sind im Luftverkehr ein zentraler des Treibstoffs noch weiter zunehmen. Spohr: Nichts liegt mir ferner, als die Tra-
Schlüssel für CO2-neutrales Fliegen. Die Selbst ein gesamteuropäischer Ansatz bei gik dieser zwei Abstürze zu relativieren,
sind heute allerdings noch so teuer und in der Kerosinsteuer brächte erhebliche Nach- auch nach dem, was wir selbst vor gut vier
so geringer Menge verfügbar, dass sie teile, weil viele unserer Wettbewerber ihre Jahren bei unserer Tochter Germanwings
kaum nutzbar sind. Drehkreuze außerhalb Europas betreiben. erlebt haben. Aber man sollte trotz allem
SPIEGEL: Ziel einer CO2-Abgabe müsste SPIEGEL: Klar scheint, dass Fliegen mittel- nicht vergessen: Das Fliegen ist im Ver-
doch sein, dass weniger geflogen wird. Das fristig teurer werden dürfte. Wird Reisen gleich zu anderen Verkehrsträgern die
gelingt nur, wenn sie deutlich höher wäre per Flugzeug wieder zu einem Privileg für sicherste Form des Reisens. Und unsere
als die bisherige Luftverkehrsteuer. die Oberschicht? Branche hat enorme Fortschritte bei der
Spohr: Die Luftverkehrsteuer bringt dem Spohr: Davon kann keine Rede sein. Bei Weiterentwicklung der Sicherheitsstan-
Fiskus schon jetzt mehr als 1,2 Milliarden 9,99 Euro pro Strecke muss man sich al- dards gemacht, weil aus jedem tragischen
Euro pro Jahr ein. Umgerechnet auf den lerdings schon fragen, wie verantwortungs- Unfall gelernt wurde.
einzelnen Passagier entspricht das bereits voll man mit dem Thema Mobilität und Interview: Dinah Deckstein,
heute einer CO2-Steuer, wie sie etwa in mit den Mitarbeitern umgeht. Allerdings Martin U. Müller
Schweden oder der Schweiz erhoben kann es nicht darum gehen, Mobilität ein- Mail: [email protected]
wird. zuschränken. Sie wird von vielen Men-
Anwalt ex Machina
übernehmen und Legal Techs viele ähnli-
che Forderungen bündeln, sind die Kosten
pro Fall gering. Die Anbieter können des-
halb auch Kleinstforderungen, etwa bei
Wohnungsnot Sogenannte Legal-Tech-Portale helfen Verbrauchern, Bahnverspätungen, geltend machen. Klas-
sische Anwälte lehnen solche Bagatell-
ihre Rechte einzufordern. Das Start-up Wenigermiete.de hat jetzt arbeit häufig ab.
einen spektakulären Erfolg im Kampf gegen überhöhte Mieten erzielt. Für ihre Anhänger sind Legal Techs des-
halb die Rettung des Rechtsstaats, weil sie
Verbrauchern helfen, ihre Forderungen
markt darf die Miete höchstens zehn gefahren? Geblitzt.de. Zug walt ist wie ein Maßanzug«,
Prozent über dem ortsüblichen Vergleich verspätetet? Bahn-buddy.de. sagt Halmer. »Wir bieten mit
liegen. Der Haken daran: Betroffene Mie- Der Anwalt ex Machina Wenigermiete.de einen An-
ter müssen ihr Recht oft einklagen, das ist funktioniert vor allem bei zug von der Stange. Den
teuer, zumindest für alle, die keine Rechts- standardisierbaren Verfah- meisten reicht das.«
schutzversicherung haben oder nicht im ren. Weil Algorithmen ei- Anwalt Halmer Halmer sieht sich auf
Mieterbund organisiert sind. nen Teil der Arbeitsschritte der Seite der Schwächeren:
»Vermieter wissen, dass es für Mieter Gesetzgeber nicht gewollt«, sagt Plesser.
schwierig ist, ihre Ansprüche durchzuset- Und während Anwälte hierzulande kein
zen – sie spekulieren darauf, dass sich viele externes Kapital einwerben dürfen, be-
nicht wehren.« sorgen sich viele Start-ups Geld von In-
Innerhalb von gut zwei Jahren haben vestoren.
bereits mehr als 50 000 Haushalte ihren Nicht nur Anwälte, auch die Mieter-
Mietvertrag auf der Website prüfen lassen. vereine sehen in dem Portal einen un-
Derzeit bearbeitet LexFox nach eigenen erwünschten Wettbewerber. »Je kompli-
Angaben mehrere Tausend Fälle zur zierter der Fall ist, desto schneller stößt
Mietpreisbremse, die Erfolgsquote liegt, das System an seine Grenzen«, sagt Ulrich
nach Aussage von Wenigermiete.de, bei Ropertz, Geschäftsführer des Deutschen
etwa 80 Prozent. Dabei werde die orts- Mieterbunds. Und: Anders als der Mieter-
übliche Vergleichsmiete um durchschnitt- bund, der alles daransetze, Probleme
lich 190 Euro überschritten. Überprüfen außergerichtlich zu lösen, stehe bei
lassen sich diese Zahlen nicht. Sicher ist Wenigermiete.de sofort eine Klage im
nur: LexFox ist noch nicht profitabel. Raum. »Unsere Konfliktlösung ist auf
Offenbar aber hat sich das Portal inzwi- Ausgleich mit dem Vermieter angelegt.
schen bei Vermietern einen Ruf erarbeitet. Schließlich muss das Mietverhältnis auch
»Anfangs waren viele nach einer Auseinander-
Vermieter nicht eini- setzung weitergehen«,
gungsbereit«, sagt Hal-
Ohne Bremskraft? sagt Ropertz.
mer. Teilweise seien die Veränderung der Mieten bei Neu- Ein grundsätzliches
Verfahren durch mehre- vermietung in ausgewählten Groß- Problem mit den Porta-
re Instanzen gegangen, städten mit Mietpreisbremse, len habe er aber nicht:
in einem Fall bis zum 2019 gegenüber 2015* »Es gibt eine große
Bundesgerichtshof. In- Gruppe von Menschen,
Berlin + 21 %
zwischen ende nicht ein- die wir als Verein nicht
mal mehr jeder zehnte erreichen und die nicht
Stuttgart 20 %
Fall, in dem das Portal rechtsschutzversichert
aktiv wird, vor Gericht, ist. Für sie können sol-
München 19 %
sagt Halmer. che Portale ein sinnvol-
Der Fall der Kreuz- les Angebot sein«, sagt
Bremen 17 %
berger WG landete Ropertz.
noch vor dem Kadi und Frankfurt am Main 16 % Die Vermieter dage-
schien zunächst wenig gen sehen sich mit einem
Chancen auf Erfolg zu Köln 15 % selbstbewussten Gegner
haben. Erst reagierte die konfrontiert. »Im Mo-
Hausverwaltung nicht Düsseldorf 14 % ment bemerken wir zwar
auf die Anschreiben von noch nicht die ganz
LexFox. Dann prüfte Hamburg 9 % große Durchschlagskraft
das zuständige Amtsge- dieser Portale«, sagt Kai
richt Tempelhof-Kreuz- *Wohnungen 60 bis 80 m², inserierte Preise;
jeweils 1. Quartal; Quelle: Empirica
Warnecke, Präsident des
berg die Klage monate- Haus- und Wohnungsei-
lang – und wies sie aus gentümerverbands Haus
formalen Gründen schließlich zurück. Lex- & Grund, »aber ich kann mir vorstellen, dass
Fox sei nicht berechtigt, die Klage zu füh- das erst der Anfang ist.«
ren, erklärten die Richter. Im Fall der Kreuzberger Wohngemein-
Denn das Geschäftsmodell der Legal- schaft legte LexFox Berufung vor dem Ber-
Techs ist rechtlich umstritten. Die Rechts- liner Landgericht ein – mit Erfolg. Im Sep-
anwaltskammer Berlin hat deshalb sogar tember 2018, 14 Monate nach Auftragser-
eine Klage gegen Wenigermiete.de einge- teilung, kam es zur Berufungsverhandlung.
reicht. Das Gesetz sehe vor, dass Rechts- Ein knappes halbes Jahr später schlossen
dienstleistungen grundsätzlich nur von An- Vermieter und Mieter einen ziemlich spek-
wälten erbracht werden dürfen, sagt Mar- takulären Vergleich: Die WG zahlt künftig
kus Plesser, der von der Kammer für den nur noch 700 Euro Kaltmiete – statt zuvor
Fall beauftragte Rechtsvertreter. »Es gibt mehr als 1400. Weil die Einigung rückwir-
Ausnahmen für Inkassogesellschaften. kend gilt, muss der Vermieter mehr als
Aber was Wenigermiete.de macht, geht 14 000 Euro zurückzahlen, plus Zinsen
weit darüber hinaus, fällige Forderungen und Rechtsverfolgungskosten. »Das war
einzuziehen«, sagt Plesser. Das Portal sor- ein echter Geldsegen«, sagt Mieterin Maha
ge erst dafür, dass solche Forderungen ent- A., »wir hatten gar nicht mit einer Rück-
stünden. »Das ist viel eher eine typische zahlung gerechnet.« Das Honorar von
Tätigkeit eines Rechtsanwalts.« LexFox beträgt 2800 Euro, ein Drittel der
Auch die erfolgsbasierte Vergütung gesparten Jahresmiete.
missfällt vielen Anwälten. Sie selbst dür- Claus Hecking, Nicolai Kwasniewski
fen in Deutschland ausdrücklich keine Mail: [email protected]
Erfolgshonorare nehmen. »Das ist vom
»FAZ«-Zeitungsseiten auf einer Ausstellung zum Gedenken an Mitherausgeber Schirrmacher 2014: »Wir machen keine Fünfjahrespläne«
68
H
erausgeber bei der »Frankfurter spektakuläre Begründung, gemessen da- Eine Frau, die den Job könnte, haben
Allgemeinen« zu werden, das ran, dass die Herausgeber sonst einen wohl- Sie nicht gefunden?
war mal was. Es war eine Beru- erzogenen Umgang miteinander pflegen. D’Inka: »So eine Berufung hat ja meh-
fung, wie es sie im deutschen Worin der Vertrauensbruch genau bestand, rere Komponenten, fachliche wie soziale.
Journalismus kein zweites Mal gab. Ein darüber schwieg sich die »FAZ« lieber aus. Auch die journalistische Autorität in der
Krönungsakt fast, der aus einem einfachen Im April beriefen die Herausgeber ei- Redaktion spielt eine Rolle. Darauf schau-
Redakteur einen mächtigen Mann machte. nen Nachfolger in ihren Kreis, keinen jun- en wir und nicht danach, ob jemand Mann
Das Gehalt enorm. Der Vertrag unbefris- gen Redakteur, auch keine Redakteurin, oder Frau ist.«
tet. Der Einfluss: kaum zu überschätzen. sondern wieder einen – Teddybären. Ge- Warum haben Sie nicht jemanden aus-
Es war der Aufstieg zur Mitregentschaft rald Braunberger, ein kluger, beliebter, um- gewählt, der mehr für digitalen Journalis-
in einem Reich, in dem das Geld bestän- gänglicher Typ. Aber nicht gerade ein Sym- mus steht?
dig durch die Anzeigenabteilung herein- bol des Wandels, mal abgesehen davon, Kohler: »Wir müssen uns alle um die
und durch die Redaktion wieder hinaus- dass er keinen Bart trägt. Digitalisierung unseres Hauses kümmern.
strömte. Ein Montag im Juni, ein enges Bespre- Wir sind nicht die vier Analogis, die den
Ansonsten blieb fast alles beim Alten: chungszimmer im »FAZ«-Gebäude. Ne- Schuss nicht gehört haben.«
Auch als Herausgeber schrieb man weiter ben Kohler sitzt Werner D’Inka, zuständig Finden Sie nicht, dass das Herausgeber-
seine Texte, nun allerdings mit mehr für den Regionalteil, freundlich lächelnd. gremium vielfältiger besetzt sein könnte?
Glanz. Neu war eigentlich nur die wö- Jürgen Kaube, verantwortlich fürs Feuille- Kaube: »Diese Vorstellung von Diver-
chentliche Konferenz mit den anderen He- ton, schaut von der anderen Seite eher sivität ist mir zu simpel. Als ob sich Unter-
rausgebern, in der man darüber redete, ob grimmig über den Tisch. Sie wollen erklä- schiedlichkeit nur nach biologischen Kri-
man die vielen Millionen für neue Redak- ren, wie sie sich die »FAZ« der Zukunft terien wie Alter und Geschlecht bemessen
teure ausgeben oder aufs Festgeldkonto vorstellen. Braunberger, der Neue, ist nicht würde.«
verschieben sollte. dabei. Er hat einen Termin. Ein wenig ist es für sie ein Spiel. Sie wei-
Es waren herrliche Zeiten für die Wie fanden Sie das Echo auf die Beru- chen aus, flüchten in intellektuelle Spitz-
»FAZ«, und man kann verstehen, dass fung von Herrn Braunberger? findigkeiten, in Witz, Ironie, Sarkasmus.
Berthold Kohler manchmal melancholisch Kohler: »Manches war schon sehr Wo soll die »FAZ« in fünf Jahren stehen?
wird. Kohler ist seit 20 Jahren »FAZ«-He- schablonenhaft, doch gab es auch kluge Kaube: »Wir machen keine Fünfjahres-
rausgeber«, seit 30 Jahren »FAZ«-Redak- und differenzierte Anmerkungen.« pläne.«
teur, und er hat sie noch erlebt, die Jahre, D’Inka: »Das hat ja auch in der DDR
in denen das Blatt samstags 200 Seiten mit nicht funktioniert.«
Stellenanzeigen füllte. Und man nur des- Herrenriege Wann ist Ihnen bewusst geworden, dass
halb nicht noch mehr von ihnen druckte, Eigner der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« die Lage der Zeitung bedrohlich ist?
weil die Post gedroht hatte, die »FAZ« D’Inka: »Wollen Sie auch die genaue
nicht mehr als Zeitung auszuliefern, son- FAZIT-Stiftung Uhrzeit wissen?«
dern als Päckchen. Dass sie sich überhaupt den Fragen stel-
»Wir mussten damals Anzeigen ableh- 93,7 % len, ist fast schon ein Wunder. Normaler-
nen. Monat für Monat schoben wir einen weise geben »FAZ«-Herausgeber keine In-
Millionenumsatz vor uns her«, sagt Kohler, Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH terviews, schon gar nicht gemeinsam. Be-
lächelt und verweilt für einen Moment in gründet wird die Schweigsamkeit mit viel
zusammen 6,3%
der Vergangenheit. echter und ein wenig falscher Bescheiden-
Die Gegenwart ist leider gar nicht 4 Herausgeber heit. Bei der »FAZ«, sagen sie, stehe
golden, nicht mal bronze. Die Auflage stets die Zeitung im Vordergrund, nie
sinkt beständig, nach ein paar Jahren mit die Person.
Gewinnen (dank eines harten Spar- Steltzners Rauswurf hat dafür ge-
programms) schlittert der Verlag sorgt, dass es doch wieder um Per-
wieder Richtung Verlustzone. Die sonen geht, nicht nur ums Blatt. Er
Website rangiert hinter denen war als Herausgeber zuständig für
von »Welt« und SPIEGEL. Und die Wirtschaft und den Sport. Und
publizistisch erfüllt die »FAZ« in mehrfacher Hinsicht umstritten.
alle drei Kriterien, die es heute Die einen beschreiben ihn als Typ
Werner Berthold
braucht, um anachronistisch zu er- mit Kante. Andere empfanden ihn als
D’Inka Kohler
scheinen. Sie ist eher alt, eher weiß, engstirnig. Was jeder, der mit ihm gearbei-
eher männlich. Gerald Jürgen tet hat, bestätigt: Steltzner ging Streit eher
Zur allgemeinen Krise der Branche Braunberger Kaube nicht aus dem Weg. Publizistisch gab er
A. DEDERT/PICTURE ALLIANCE/DPA; F. RÖTH/F.A.Z.; W. EILMES / F.A.Z.
kommt bei der »FAZ« hinzu, dass die He- seinem Ressort eine klare Linie vor und
rausgeber gerade selbst das perfekte Bild
Verkaufte Auflage duldete da wohl auch wenig Widerspruch:
der »FAZ«
liefern, das die Krise des Blattes illustriert gegen die Niedrigzinspolitik von EZB-
und personifiziert. Vier Männer über fünf- 374 031 Stand jeweils 1. Quartal
Quelle: IVW Chef Mario Draghi. Mindestens Euro-kri-
zig, drei davon mit Bart. Der mächtigste, tisch. Manche Leitartikel aus seiner Feder
tonangebende ist Kohler. »Berthold und lasen sich wie eine Beschwörung alter
230 311
die Teddybären«, lästern »FAZ«-Redak- D-Mark-Zeiten. Auch in seinem Ressort
teure. fand das mancher unangenehm.
Der fatale Eindruck der Gestrigkeit hat Unter den anderen Herausgebern war
sich verschärft, nachdem die Herausgeber – 38 % er nicht besonders gelitten. Vor allem Koh-
im März einen der Ihren, Holger Steltzner, ler soll genervt gewesen sein von Steltz-
hinausgeworfen haben. Von »Vertrauens- ners politischen Ansichten, von dessen
bruch« war die Rede. Das war eine ziemlich 2009 2019 ganzer Art. Kohler habe seine beiden
HARTMUT BÜHLER
ner bloß in seinem Teil tat, was den anderen die Herausgeber, auch auf Druck aus dem
missfiel, ging das die anderen nichts an. Ge- Aufsichtsrat, aus symbolischen Gründen
waltenteilung auf Frankfurter Art. auf diesen Posten zu verzichten. Das
Das war schon immer so. Auch der 2014 Signal an die Redaktion war: Auch an der
verstorbene Feuilletonherausgeber Frank Herausgeber Steltzner 2016 Spitze wird gespart.
Schirrmacher wurde von seinen Kollegen Er fiel rasch, tief und allein Bei der »Süddeutschen Zeitung« ist seit
manchmal mehr ertragen als gemocht. Er gut einem Jahr eine Frau Mitglied der
konnte gestandene »FAZ«-Redakteure Herausgeberrunde teilte das zustimmende Chefredaktion, Julia Bönisch. Weiblich,
dazu bringen, entnervt zu kündigen. Doch Votum dem Aufsichtsrat schriftlich mit. jung, digital. Sie hat alles, was den alten
damals bei Schirrmacher wie später bei Dann jedoch sprach er mit einem Redak- Herren des deutschen Journalismus, alles,
Steltzner galt: Nicht im Traum wäre ein teur über Kaubes Vertrag und die anste- was Berthold und den Teddybären fehlt.
anderer Herausgeber darauf gekommen, hende Verlängerung – und er soll, zumin- Und sie weiß das: »Wenn ich mir vor-
sich in die inneren Angelegenheiten des dest wirft man ihm das vor, auch darüber stelle, ich wäre ein Journalist, Mitte fünf-
anderen einzumischen. gesprochen haben, ob es nicht andere Per- zig, und würde jetzt bemerken, dass vieles
Dann jedoch machte Steltzner einen Feh- sonen für diese Position gebe. Bessere als von dem, was ich kann und weiß, nicht
ler, der dieses eherne Gesetz der »FAZ« Kaube. Jemanden mit mehr Digitalkom- mehr wichtig ist: Ja, das wäre unange-
erschütterte. Binnen Stunden wurde sein petenz. Der Inhalt des Gesprächs erreichte nehm«, schrieb Bönisch vor Kurzem in ei-
Rauswurf von den anderen Herausgebern den Aufsichtsrat – und wurde von Kaube nem Beitrag zur Zukunft des Journalismus.
beschlossen. Niemand im Aufsichtsrat eilte als Versuch gesehen, die beschlossene Ver- Mit dem Text allerdings sorgte sie für
ihm zu Hilfe. Er fiel rasch, tief und allein. längerung seines Vertrags zu hintertreiben einen ganz eigenen Eklat. Denn Bönisch
Es ging, so ergibt es sich aus Gesprächen und jemand anderen zu berufen. Keiner erklärte darin, dass die Zeiten vorbei seien,
mit mehreren Beteiligten, um einen Af- der Beteiligten will sich zu den näheren in denen diejenigen Karriere machten, die
front Steltzners gegen Mitherausgeber Umständen des Zerwürfnisses äußern. wuchtige Texte hinlegen könnten. Statt gro-
Kaube. Einige sprechen von versuchter Kann es sein, dass Steltzner tatsächlich ßer Schreiber seien eher flexible Manager-
Intrige, andere von einer Dämlichkeit. offensiv versuchte, Kaube rauszudrängen? typen gefragt. Und dass sich Journalisten
Vielleicht stimmt beides. Wenn, dann wäre es eine eher amateurhaft nicht so haben sollten, wenn Anzeigen-
Um die Tragweite des Vorgangs zu ver- betriebene Intrige gewesen. Sicher ist nur, abteilung und Redaktion enger zusammen-
stehen, muss man wissen, dass die Verträ- dass Kaube über Steltzners Tabubruch rückten.
ge der Herausgeber seit einigen Jahren enorm verärgert war – und die drei He- Ein solches Szenario ist bei Kohler und
nicht mehr automatisch bis zur Rente lau- rausgeber den Rauswurf Steltzners ohne Konsorten undenkbar. Sie leben und lie-
fen. Anlass dafür war ein anderer Raus- langwierige Debatte beschlossen. Freunde ben Texte. Wenn sie leiden, dann vor allem
wurf, der des ehemaligen Herausgebers waren Steltzner und die anderen ja schon darunter, dass sie vor lauter Management-
Hugo Müller-Vogg. Auch seiner entledigte lange nicht mehr. runden, Digitalstrategien, Businessplänen,
man sich wegen eines Vertrauensbruchs – Die »FAZ« trifft die Affäre Steltzner zur Worst-Case- und Best-Case-Szenarien
die Abfindung und die Pensionsansprüche Unzeit. Das Signal zur Erneuerung wurde kaum noch dazu kommen, Journalisten
sollen so enorm gewesen sein, dass der verpasst. Wieder einmal. Wie zu sein. Einer wie Kohler ist
2030
Aufsichtsrat beschloss, künftig nur noch schon damals, vor ziemlich nicht zur »FAZ« gegangen,
befristete Herausgeberverträge zuzulas- exakt fünf Jahren, als Schirr- um Powerpoint-Präsentatio-
sen. Der Erste, dem das widerfuhr, war, macher starb. Er war der nen der Verlagsleitung über
ironischerweise, Holger Steltzner. Er soll, wohl prominenteste Heraus- sich ergehen zu lassen. Er
so wird erzählt, sich deshalb lange als »He- geber in der Geschichte der käme die »FAZ« wollte und er will am liebsten:
rausgeber Holzklasse« empfunden haben. Zeitung, einer der wenigen, auf einen Verlust von schreiben.
mehr als
190
Vor ein paar Monaten jedenfalls stand die als Person auch ohne die »Ob auf Papier oder digi-
die Verlängerung des Vertrags von Jürgen Marke »FAZ« strahlten. Sein tal«, sagt er, es gehe darum,
Kaube an. Im Herausgeberkreis wurde ein- Tod war ein Schock. den Journalismus zu erhalten
stimmig beschlossen, die »Kooptierung« – Schon damals schien die und auszubauen, für den die
so vornehm formulieren sie das hier – fort- Zeit reif für die erste Heraus- »FAZ« stehe, »also für Sach-
zusetzen. Steltzner als Vorsitzender der geberin. Steltzner soll sich da- Millionen Euro. kompetenz, analytische Tiefe
70 DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019
Medien
und intelligente Argumentation«. Der talabo auf rund 700 Euro im Jahr erhöhen intelligenten Schwurbeleien im Feuilleton.
Printjournalismus habe nach wie vor hohe würde, käme man gerade mal in den Be- Ohne die ebenso klugen wie lustvoll un-
Ansprüche zu erfüllen: »Die Texte für die reich der schwarzen Null. gerechten Kommentare in der Politik.
gedruckte ›FAZ‹ müssen auch am nächsten Kohler wedelt mit der Hand, als wolle Ohne die schnörkellosen, tiefgründigen
Tag noch relevant sein.« er die Zahlen wegwischen. Dann zählt er Analysen der Wirtschaft. Und ohne jenen
Vor allem aber muss es die gedruckte auf, was sich alles verändert hat in den ver- Schuss von Anarchie, den man gerade bei
Zeitung am nächsten Tag noch geben. Und gangenen Jahren. Welche Sparrunden es der »FAZ« am wenigsten vermutet, der
das ist längst nicht mehr sicher. Die Auflage gegeben habe, welche neuen Produkte, sie aber auszeichnet.
der »FAZ« rutscht seit Jahren dem Punkt wie sehr in der Redaktion das Bewusstsein Wenn etwa die Titelseite der »FAS« mit
entgegen, an dem sich das Drucken und gestiegen sei, dass man sich verändern der These aufgemacht wird, Pippi Lang-
Ausliefern nicht mehr lohnt. Sie liegt heute müsse. Und man merkt: Von innen fühlt strumpf sei eine Wegbereiterin von Do-
bei 230 000 Exemplaren. Unwirtschaftlich sich das Ganze rasant an. Der Weg der nald Trump – was man schon daran sehen
wird das Ganze bei 100000, hat der Verlag »FAZ«, sagt Kohler, sei nicht die Revolu- könne, dass sein Name in ihrem verborgen
intern ausgerechnet. Wenn der Leser- tion, sondern die Evolution. »Aber auch sei: »LangsTRUMPf«. Anarchistisch ist
schwund im selben Tempo weitergeht, ist die ›FAZ‹ kennt Sprünge.« dies allein schon deshalb, weil der zustän-
der Punkt in 15 Jahren erreicht. Tatsächlich wirken die Herausgeber seit dige Herausgeber Kaube bekennt, er selbst
Stellenanzeigen in der Zeitung gibt es der Steltzner-Krise bemüht, den Ruf als habe den Text erst in der Zeitung gelesen
kaum noch. Im Internet haben andere das Print-Dinosaurier abschütteln zu wollen. und sei sich bei der Lektüre auch nicht si-
Geschäft übernommen. Sie versuchten sich gegenseitig zu über- cher gewesen, ob der Autor das Ganze
Die »Frankfurter Allgemeine Sonntags- trumpfen, wer der Digitalste unter ihnen ernst oder parodistisch gemeint habe.
zeitung« ( »FAS«) hält sich über der Null- sei, sagt ein Redakteur. Sein Kollege Kohler beherrscht vom
linie. Aber wenn nichts geschieht, wird es Dass sie in der »FAZ« nicht längst viel Leitartikel bis zur gelehrten Blödelei eben-
wohl nicht mehr sehr lange dauern, bis nervöser sind, liegt daran, dass sie nicht falls eine breite schreiberische Klaviatur.
sie rote Zahlen schreibt. Die Kosten für nur eine große Zeitung ist, sondern einer Und er kann wunderbar selbstironisch
die Zustellung wachsen. In manchen Ge- reichen Stiftung gehört. Die hat in den sein. »Alte, weiße Männer, seid doch keine
genden findet sich überhaupt niemand guten Jahren ein Vermögen von mehreren Memmen!«, schrieb er neulich. »Ihr seid
mehr, der das Blatt am Sonntag den Abon- Hundert Millionen Euro angesammelt, ein doch nicht in den Stellwerken des Lebens
nenten in den Briefkasten legt. Geht das Teil davon steckt heute in Immobilien und an die Schaltstellen der Macht gekommen,
so weiter, wird man die Sonntagszeitung Wertpapieren. So leicht ist die Zeitung des- weil ihr Heulsusen gewesen wärt.«
vielleicht zur Samstagszeitung machen. halb nicht totzukriegen. Markus Brauck, Ulrike Simon
Nachgedacht hat man darüber jedenfalls Vor allem aber: Die »FAZ« wird ge- Mail: [email protected]
schon. braucht. Deutschland wäre ärmer ohne die
Das Magazin »Frankfurter Allgemeine
Woche«, gegründet vor drei Jahren, spielt
trotz mickriger Ausstattung fast nichts ein.
Die einzige Idee, die in den vergangenen
Jahren wirklich etwas gebracht hat, war das
digitale Bezahlangebot F+, das immerhin
auf 28 000 zahlende Abonnenten kommt.
11,80 Euro monatlich kostet F+, eine
Art Basispaket, im ersten Jahr. Die Zeitung
zu abonnieren ist mehr als fünfmal so teu-
er: 67,90 Euro.
Bis sich mit dem digitalen Abo irgend-
wann die Redaktion finanzieren lässt, ist
es ein langer Weg. Damit das gelingt, müs-
sen die Herausgeber neue Digitalprodukte
erfinden, die Lücke zwischen Basis- und
Luxusangebot schließen. Dem Verlag geht
das Erdenken dieser neuen Produkte nicht
schnell genug. Damit sich das ändert,
macht er Druck.
In einer Prognose hat der Verlag analy-
siert, wie das wirtschaftliche Ergebnis für
die »FAZ« ausfiele, wenn sich Leser- und
Anzeigenschwund fortsetzen wie gehabt,
wenn man die Preise nicht erhöht und di-
gital nicht schneller wächst. Für das Jahr
2030 käme die »FAZ« auf einen Verlust
von mehr als 190 Millionen Euro.
Es ist ein Szenario für den schlimmsten
Fall, auch gebaut, um den Herausgebern
etwas Angst zu machen und sie zum Han-
deln zu animieren. Gruselig ist dieses Sze-
nario trotzdem. Wie gruselig, zeigen zwei
Zahlen: Selbst wenn man den Preis für das
Printabo auf rund 1000 und für ein Digi-
Gemeinsam machen wir das deutsche
Gesundheitssystem zu einem der besten der Welt.
71 Erfahren Sie mehr unter www.pkv.de/silvia
Ausland
»Boris Johnson als nächster Premierminister Großbritanniens ist eine Horrorvorstellung.« ‣ S. 7 8
Analyse
Wochenlang hatte er für diesen Abend geworben, aber am Ende Die Demokraten wissen, dass er als Amtsinhaber einen Bonus
geschah kaum etwas. 20 000 Unterstützer waren am Dienstag hat und dass sie seine Impulspolitik nicht unterschätzen dürfen.
nach Orlando im Bundesstaat Florida gereist, wo Donald Trump Nichts macht im Kampf gegen ihn verwundbarer als die Zuge-
den Beginn seines Präsidentschaftswahlkampfs für 2020 einläu- hörigkeit zum Establishment – das ist das Problem von Ex-Vize-
tete. Er redete mehr als eine Stunde lang, hetzte gegen Immi- präsident Joe Biden, der laut Umfragen die besten Chancen hat.
granten, die Demokraten und Hillary Clinton. Es war ein giftiger Trumps Kontrahenten wollen sich nicht noch einmal in einen
Auftritt, aber einer, der seltsam veraltet wirkte. Angstwahlkampf hinabziehen lassen. Elizabeth Warren zum
Deutlich wurde: Der Mann, der in 17 Monaten wiedergewählt Beispiel, Senatorin aus Massachusetts, versucht es mit einem Ideen-
werden will, hält keine neuen Ideen bereit, sondern wieder nur wahlkampf, der soziale Gerechtigkeit als Mittelpunkt hat; Pete
jene Mischung aus Bombast, Halbwahrheiten und Angstmache- Buttigieg, Bürgermeister aus Indiana, plädiert dafür, Trump
rei, die seine Fans schon im ersten Wahlkampf elektrisierte. zu ignorieren. Es gibt Indizien dafür, dass beide Strategien bei
Er nannte Medien, die ihn kritisieren, »fake news«, bezeichnete gemäßigten Wählern besser ankommen als Trumps Attacken.
die Russlandermittlungen als »Hexenjagd« und versprach eine Der Präsident weiß um seine Verwundbarkeit. Als vorige
Mauer zu Mexiko – fast wie 2016. Der Unterschied: Damals Woche Berichte auftauchten, seine eigenen Demoskopen sähen
war Trump ein Außenseiter. Jetzt ist Trump Präsident. Wird die Demokraten mancherorts vorn, feuerte er kurzerhand einige
seine alte Leier genügen, um wiedergewählt zu werden? der Meinungsforscher. Christoph Scheuermann
nung von Sexgeschäften, nur ins Internet Menschenhandel aussagen wollen. Die
abgewandert ist. einen sorgen sich, ihre Kunden zu
SPIEGEL: Aber dieses Antiprostitutions- verlieren, die anderen würden sich selbst
gesetz gilt doch weithin unter vielen Prostituierte in Amsterdam strafbar machen. JPU, PEH
73
Ausland
U
S-Präsident Donald Trump be- Denn die beiden Staatschefs repräsen- Die Folgen betreffen nicht nur die beiden
gann das vergangene Wochen- tieren, was es seit dem Ende des Kalten Kontrahenten, sondern alle Teilnehmer-
ende auf einem Golfplatz in Vir- Krieges so nicht mehr gab: eine zuneh- staaten, die zusammen etwa 80 Prozent
ginia und fing gleich an, sich zu mend polarisierte, eine politisch und wirt- der Weltwirtschaftsleistung, zwei Drittel
ärgern. Auf Twitter schimpfte er über den schaftlich in zwei Teile auseinanderfallen- des Welthandels und zwei Drittel der Welt-
Londoner Bürgermeister Sadiq Khan, mit de Welt. Und es fügt sich, dass die Rivalität bevölkerung vertreten.
dem ihn eine tiefe Abneigung verbindet. zwischen der etablierten und der aufstre- Anders als Amerikas Konflikt mit der
»Khan ist ein Desaster«, schrieb Trump, benden Supermacht zum ersten Mal auf Sowjetunion hat sich der mit China nicht
»wird immer schlimmer.« In einem Inter- einem G-20-Treffen so offen zutage tritt. an einer ideologischen oder militärischen,
view beklagte er sich über den Kongress:
Er finde die Abgeordneten, »ehrlich ge-
sagt, schwieriger als viele der ausländi-
schen Führer. Du weißt es nie genau, aber
sie haben immer ihre eigene Sicht«.
Am Dienstag verkündete er in Florida
seine Kandidatur für die Präsidentschafts-
wahl 2020 und pfefferte seine Rede mit
Angriffen auf die Medien (»Fake News«),
seine Gegner im Allgemeinen (»wütender
linker Mob«) und die Demokraten im
Besonderen: »Sie wollen unser Land, wie
wir es kennen, zerstören.«
Xi Jinping, der Präsident Chinas, be-
suchte am Wochenende eine Konferenz in
Tadschikistan, wo ihm Asiens Staatschefs
zum 66. Geburtstag gratulierten. Sein
Amtskollege Wladimir Putin überreichte
ihm eine Torte, eine Vase und eine Box
mit russischem Speiseeis. »Das ist das aller-
köstlichste«, bedankte sich Xi.
Am Donnerstag brach Xi zu einer Reise
nach Nordkorea auf, der ersten eines chi-
nesischen Präsidenten seit 14 Jahren. Er
reise nach Pjöngjang, ließ er wissen, »um
die strategische Kommunikation und den
Austausch« mit Nordkorea zu stärken.
Sollte auch er sich über etwas geärgert ha-
ben, die chinakritischen Massenproteste in
Hongkong etwa, das weltweit um sich grei-
fende Unbehagen angesichts Pekings neuer
Stärke oder den Handelskrieg mit den
USA – Xi ließ es sich nicht anmerken. Das
ist, anders als bei Trump, fast immer so.
Es sind zwei ungleiche Charaktere,
die sich am kommenden Wochenende zu
einem mit Spannung erwarteten Gipfel
treffen werden. Trump und Xi fliegen,
wie weitere Staats- und Regierungschefs,
zum G-20-Treffen nach Japan. Erst am
Dienstag hatte Trump – in einem Tweet –
bestätigt, dass es in Osaka zu einer »aus-
gedehnten« persönlichen Begegnung zwi-
schen ihm und Xi kommen werde. Ihr
Showdown dürfte alle anderen Gipfel-
termine überschatten. Präsidenten Trump, Xi 2017 in Peking: »Ein Kampf mit einer anderen Zivilisation«
74
sondern an der wirtschaftlichen Konkur-
renz entzündet. Washington sieht sich von
Eskalationsstufen Regierte ein anderer Präsident die USA,
wäre die Frage auf Anhieb zu beantwor-
Maßnahmen im Handelsstreit, in Mrd. Dollar
Peking herausgefordert und treibt unter ten. Europa teilt das Fundament seiner
Präsident Trump eine »Entkoppelung« der US-Strafzölle chinesische Werte und seine Wirtschaftsordnung mit
beiden größten Volkswirtschaften voran – auf chinesische Strafzölle den Vereinigten Staaten, nicht mit dem
eine schrittweise Kappung der nach China Produkte auf US-Produkte autoritären China. Doch der America-first-
im Wert von: im Wert von:
reichenden globalen Produktions- und Lie- Präsident Trump fordert mit seiner aggres-
ferketten, an denen allerdings auch fast 1. Stufe siven Wirtschafts- und Strafzollpolitik
alle anderen Staaten hängen. seit 7. Juni 2018 34 34 nicht nur Peking, sondern auch seine
Die amerikanisch-chinesische Rivalität 2. Stufe europäischen Verbündeten und Staaten
sei die »wichtigste geopolitische Entwick- seit 23. August 16 16 wie Kanada, Japan und Südkorea heraus.
lung unseres Zeitalters«, warnt die »Finan- All diese Länder, das exportabhängige
cial Times«. Sie zwinge »zunehmend je- 3. Stufe Deutschland voran, haben Interessen in
den, sich einer Seite anzuschließen oder seit
200 60 China. Die Entscheidung zwischen Wa-
24. September
hart um Neutralität zu kämpfen. Sie droht shington und Peking ist keine Alternative.
eine handhabbare, wenn auch irritierende Sie ist ein Dilemma.
Beziehung (mit China –Red.) in einen all- 4. Stufe Derzeit ist es eher die US-Regierung als
umfassenden Konflikt zu verwandeln«. angedroht am Peking, die den Rest der Welt drängt, ein-
13. Juni 2019
Wie sollen sich die Industrieländer, wie 300 deutig Stellung zu beziehen. Beispiel Hua-
sollen sich die Europäische Union und Quelle:
wei: Seit Monaten setzt Washington Staa-
Deutschland in diesem Konflikt verhalten? US-Kongress ten unter Druck, die Zusammenarbeit mit
dem umstrittenen chinesischen Netzwerk-
ausrüster zu beenden. Im Mai nahm die
Administration das Unternehmen in eine
schwarze Liste auf, die es Firmen verbietet,
ohne Erlaubnis der Regierung mit Huawei
zu kooperieren. US-Konzerne wie Google
und der Halbleiterkonzern Intel haben
bereits angekündigt, ihre Geschäftsbezie-
hungen mit Huawei abzubrechen.
Mehr als 140 chinesische Firmen des
Elektronik-, Luftfahrt-, Halbleiter- und
Maschinenbausektors stehen bereits auf
der Liste. Washington stuft sie als Gefahr
für die nationale Sicherheit ein und zielt
darauf ab, auch anderen Staaten und Un-
ternehmen mit US-Verbindungen die Zu-
sammenarbeit mit ihnen zu erschweren.
Am Montag begann vor dem Senat
die Anhörung für ein neues Paket an Straf-
zöllen, es umfasst Waren im Wert von
300 Milliarden Dollar. Dafür wären prak-
tisch alle Importe aus China mit hohen
Abgaben belegt. Dagegen wehren sich
nicht nur die Chinesen, sondern auch die
Mehrheit der betroffenen US-Unterneh-
men. 47 der 50 zur ersten Anhörung gela-
denen Firmen sprachen sich gegen und nur
zwei von ihnen für die neuen Zölle aus. In
einem Brief an Trumps Chinaverhandler
Robert Lighthizer warnte die amerikani-
sche Handelskammer, das neue Zollpaket
werde »den bereits angerichteten Schaden
dramatisch vergrößern«.
Die Methode ähnelt Washingtons An-
satz im Umgang mit Iran: Entweder ihr
seid für oder gegen uns. Und sie wird be-
gleitet von Untertönen, die in den USA
seit Langem nicht mehr zu hören waren:
Die Rivalität mit China sei »ein Kampf mit
einer wirklich anderen Zivilisation«, sagte
ANDREW HARNIK / AP
»Gesetz des Dschungels« Ich habe nur eine ernsthafte Frage: Ist an
der Südgrenze der USA wirklich etwas
passiert, außer dass dort mehr Soldaten
stationiert wurden? Kommen dort weni-
ger Flüchtlinge an oder mehr? Ich weiß es
nicht. Fest steht aber: Der Schaden für
SPIEGEL: Frau Kommissarin, kennen Sie giganten Huawei ablegen und, wie Trump die US-Wirtschaft ist real. Wir hören je-
das deutsche Sprichwort: Wenn zwei sich es fordert, verhindern, dass das Unterneh- den Tag von Klagen in den USA, beispiels-
streiten, freut sich der Dritte? men die 5G-Netze in der EU ausbaut? weise, dass Stahl und Aluminium teurer
Malmström: Ja. Aber wenn Sie damit auf Malmström: Über den Umgang mit Hua- geworden seien.
den Handelsstreit zwischen den USA und wei entscheidet jedes EU-Mitglied selbst. SPIEGEL: In Trumps Welt ist Europa kein
China anspielen, dann passt dieses Sprich- Wir als Kommission können nur Emp- Freund, sondern ebenfalls ein Gegner.
wort nicht. Ein Handelskrieg zwischen fehlungen aussprechen und koordinieren. Wenn Trump sich beim G-20-Gipfel kom-
den beiden Ländern bleibt für Europa Das tun wir auch: Bis Ende September mende Woche in Japan mit Chinas Prä-
nicht ohne Konsequenzen: Produkte wer- erwarten wir einen Bericht jedes EU-Mit- sident Xi Jinping im Handelsstreit einigen
den teurer, die Märkte reagieren nervös, glieds, wie es die Gefahr für seine Kom- sollte, gerät die EU dann als Nächstes in
Unternehmen verschieben Investitionen. munikationsinfrastruktur einschätzt, die sein Visier?
Es gibt für uns keinen Grund zur Freude. von Huawei ausgeht. Malmström: Ein amerikanischer Präsi-
SPIEGEL: Warum macht die EU mit US- SPIEGEL: Früher zogen die USA mit Pan- dent, der Europa als Gegner sieht –
Präsident Donald Trump nicht gemeinsa- zern in die Schlacht, heute mit Strafzöllen. wir müssen alle immer noch lernen, mit
me Sache gegen China? Ist die EU auf eine derartige Auseinander- dieser Situation umzugehen. Wir hatten
Malmström: Wir sehen mit Blick auf setzung vorbereitet? immer wieder Probleme mit den USA,
China vieles ähnlich wie die USA. Malmström: Präsident Trump bevorzugt im Kern aber war die transatlantische
Wir wehren uns dagegen, dass mit staat- offensichtlich diese Strategie, aber ohne Freundschaft unzerbrechlich. Unter
lichen Subventionen gefütterte Unter- die Welthandelsorganisation WTO liefe Trump scheint das anders zu sein, das
nehmen unsere kreativsten Firmen sie auf das Gesetz des Dschungels hinaus. verstört viele Europäer.
aufkaufen, wir kämpfen gegen den Dieb- Sein Vorgehen sorgt für große Unsicher- SPIEGEL: Sie verhandeln seit Monaten
stahl geistigen Eigentums und für mehr heit auf den Märkten. Dazu kommt, mit Washington, können Sie absehen, ob
Transparenz. Wir arbeiten dabei mit dass manche von Trumps Maßnahmen, Trump im November Strafzölle auf euro-
den USA und auch mit Japan eng zusam- etwa die Strafzölle, die die USA auf päische Autos erheben wird?
men, zum Beispiel, wenn es darum Stahl und Aluminium aus der EU erheben, Malmström: Bislang gibt es keine Anzei-
geht, chinesische Investitionen in unseren gegen die Regeln der WTO verstoßen. chen dafür. Wir teilen jedenfalls nicht die
Ländern besser zu überwachen. Ansicht von US-Präsident Trump, dass
SPIEGEL: Trumps Drohungen mit der Export europäischer Autos die ame-
Strafzöllen wollen Sie sich aber nicht rikanische Sicherheit bedroht. In den
anschließen? USA hängen 420 000 Jobs von Europas
Malmström: Das sind nicht unsere Autoindustrie ab. Sollte Trump mit seiner
Methoden. Die EU ist eine Rechtsgemein- Drohung Ernst machen, sind wir vorbe-
schaft, wir halten uns an internationale reitet. Unsere Liste mit Gegenmaßnah-
Regeln. Trump dagegen droht mit men steht. Aber wir reden weiter – über
massiven Zöllen, um politische Ziele ein Freihandelsabkommen und über die
durchzusetzen. Diesen Ansatz teilen wir Angleichung von Industriestandards.
ausdrücklich nicht. China ist für uns SPIEGEL: Trumps Handelsbeauftragter
ein wirtschaftlicher Rivale, aber kein poli- Robert Lighthizer beklagt, die Europäer
tischer Feind. hätten nicht den »gleichen Grad an
SPIEGEL: Dennoch ist auch die Anspra- Ambition« wie die USA, vor allem bei
che der EU gegenüber den Chinesen der Landwirtschaft.
zuletzt deutlicher geworden, etwa beim Malmström: Ich habe von den EU-Mit-
EU-China-Gipfel im April. Nutzt es gliedern kein Mandat dafür, mit den USA
Ihnen, dass die Chinesen keine zweite über die Senkung unserer Agrarzölle zu
Front im Handelskrieg riskieren wollen? verhandeln. Die USA sind ja auch nicht
Malmström: Wir wollen mit China bereit, über einen verstärkten Zugang
JOHN THYS / AFP / GETTY IMAGES
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539,7
initiierten Handelskriegs noch eher de- 120,1 nung: China ist nicht mit Iran oder auch
fensiv, verschärft China nun seine nur mit Japan zu vergleichen, Ame-
Gangart. Ende Mai kündigte auch Pe- rikas Angstgegner der Achtziger-
king eine schwarze Liste von »un- jahre. Das Handelsvolumen, das
zuverlässigen« ausländischen Fir- die USA und die Sowjetunion
men an und droht den USA zu- einst erzielten, betrug zwei Mil-
dem mit einem Exportstopp für Ungleicher liarden Dollar pro Jahr. Mit Chi-
seltene Erden, unverzichtbare na sind es derzeit zwei Milliar-
Rohstoffe der Hightech-Indus- Warenhandel den Dollar am Tag.
trie. Die staatliche Propaganda USA Exporte 2018, China Sollte der Gipfel in Osaka
bereitet die Bevölkerung auf har- in Milliarden Dollar nicht mit einem Waffenstill-
te Zeiten vor: »Niemand sollte stand enden, hätte das nicht nur
die eiserne Entschlossenheit des Quellen: U. S. Census, Eurostat für Chinesen und Amerikaner
chinesischen Volkes unterschät- schlimme Folgen. Für Deutsch-
zen, einen anhaltenden Krieg zu lands exportorientierte Industrie
kämpfen«, so das Blatt »Qiushi«. ist der chinesische Markt wichtiger
Zugleich passt Peking seine Politik als für die USA. Über 40 Prozent der
,6
der neuen Lage an. Die Führung schwört 407,0 394 deutschen Firmen in China und mehr
Unternehmer, Ingenieure und Wissen- 8 als die Hälfte der Betriebe in den USA
schaftler darauf ein, sich zu wappnen und
268,1
EU 209, spürten schon vergangenen Sommer die
den eigenen Technologiesektor zu stärken. Folgen von Zöllen.
»Der Handelskrieg kommt aus Sicht Europa sitzt in diesem Konflikt zwi-
Chinas zu früh, denn noch gibt es eine Ab- schen den Stühlen. Einerseits betont EU-
hängigkeit von US-Komponenten. Aber abgesenkt – für kanadische Hummer zum Handelskommissarin Cecilia Malmström,
er wird auch als Bestätigung der eigenen Beispiel. am Multilateralismus festhalten zu wollen.
Strategie gesehen«, sagt Max Zenglein Manche Kritik an China sei durchaus »Trumps Ansatz teilen wir ausdrücklich
vom Berliner Mercator Institute for China nachvollziehbar, räumte Xi Jinping beim nicht. China ist für uns ein wirtschaftlicher
Studies (Merics). Vor vier Jahren hatte Seidenstraßen-Gipfel ein, zu dem im Früh- Gegner, aber kein politischer Feind«, sagt
Peking unter dem Namen »Made in China jahr auch mehrere europäische Regierungs- sie (siehe Interview Seite 76).
2025« einen industriepolitischen Master- chefs nach Peking gereist waren. Erste Ver- Andererseits hat die EU China zu einem
plan für zehn Sektoren aufgesetzt, den es änderungen, von denen er dort sprach, »systemischen Rivalen« erklärt. Europäi-
nun gezielt modifiziert: In klassischen sind bereits zu spüren: So darf BMW die sche Hardliner wie der frühere Nato-Ge-
Hightech-Bereichen wie dem Flugzeugbau Mehrheit an seinem chinesischen Joint neralsekretär Anders Fogh Rasmussen plä-
sei die Parteiführung bereit, Lücken in Venture übernehmen, BASF darf ohne ein- dieren dafür, die transatlantische Allianz
Kauf zu nehmen, sagt Zenglein. »Halb- heimischen Partner ein Werk errichten. gegen Peking zu vertiefen. Das EU-Mit-
leiterchips und künstliche Intelligenz wer- Zudem hat Peking zugesagt, Überkapazi- glied Frankreich und das Nochmitglied
den dagegen klar priorisiert.« täten in der Stahlindustrie abzubauen, und Großbritannien unterstützen die USA
Xi Jinpings wichtigster Wirtschafts- eine Beschwerde bei der Welthandelsorga- auch militärisch, indem ihre Seestreitkräfte
berater und Verhandlungsführer Liu He nisation gegen die von der EU verhängten an Patrouillenfahrten im westlichen Pazi-
gewinnt dem sich zuspitzenden Handels- Anti-Dumping-Zölle zurückgezogen. fik teilnehmen.
konflikt sogar einen positiven Effekt für Unter Druck, so die neue Erfahrung Doch ein gemeinsames politisches und
China ab: »Der äußere Druck wird uns der Europäer, bewegt sich China – allein wirtschaftliches Vorgehen gegen China
helfen, Innovation und eigene Entwicklun- schon deshalb, weil es einen Zweifronten- würde voraussetzen, dass Trump Amerikas
gen zu verbessern, uns schneller zu refor- krieg mit Washington und Brüssel vermei- Alliierte respektiert – und am Ende zu sei-
mieren und zu öffnen und unser Wachs- den will. Beim EU-China-Gipfel im April nen Worten steht. Beides ist zweifelhaft.
tum auf eine höhere Qualitätsstufe zu drohten die Europäer, das Abschluss- Trump droht seinen europäischen und asia-
treiben.« In Chinas Internet, lobt die natio- kommuniqué durchfallen zu lassen – auch tischen Bündnispartnern mit den gleichen
nalistische Pekinger »Global Times«, ver- damit hatten sie Erfolg: Am Ende stimm- Mitteln, mit denen er China droht. Und
breite sich gerade ein Zitat »des deutschen ten die Chinesen deutlichen Formulierun- wie er sich im Konflikt mit Peking schließ-
Philosophen Friedrich Nietzsche: ›Was uns gen zu, die der EU nicht nur besseren Zu- lich entscheiden wird, ist selbst nach einem
nicht umbringt, macht uns stärker‹«. gang zum chinesischen Markt verschaffen, Jahr Handelskrieg immer noch offen.
Diesen technologischen Ehrgeiz unter- sondern auch einen Kontrollmechanismus Es wird, wie oft, am Ende davon abhän-
füttert Peking mit einer offensiven Außen- zulassen. gen, wovon Trump sich eine bessere Aus-
politik, indem es bestehende Allianzen Etliche G-20-Staaten teilen Trumps sicht für seine Wiederwahl verspricht: von
stärkt und neue schmiedet, von Russland Vorbehalte gegen China, fürchten aber, einem Abkommen mit seinem ungleichen
über Zentralasien bis in den Nahen Osten. dass sein Handelskrieg genau die Welt- Rivalen Xi Jinping, das er als den »groß-
Xis Reise zum G-20-Gipfel wird allein im wirtschaftsordnung zerstören könnte, die artigsten Deal aller Zeiten« (Trump) ver-
Juni seine vierte sein. Er reist insgesamt Amerika entscheidend mit aufgebaut hat. kaufen kann – oder von einem mächtigen
viel häufiger ins Ausland als alle seine Vor- Es ist schlicht eine Frage der Größenord- Feindbild für den bevorstehenden Wahl-
gänger – und sein Rivale Trump. kampf. Es wäre das mächtigste, das sich
Auch in seiner Wirtschafts- und Han- in der Welt des frühen 21. Jahrhunderts
delspolitik gegenüber der EU und ande- wohl denken lässt.
ren Staaten scheint Peking beweglicher
Sollte der Gipfel nicht
Matthias Gebauer, Peter Müller,
zu werden. Während China auf Strafzölle mit einem Waffenstill- Marcel Rosenbach, Michael Sauga,
aus den USA bislang stets mit gleicher stand enden, hätte Bernhard Zand
Münze reagierte, hat es Zölle für Ein- Twitter: @bzand
fuhren aus anderen Ländern selektiv das schlimme Folgen.
DER SPIEGEL Nr. 26 / 22. 6. 2019 77
Ausland
Sturgeon, 48, ist Regierungschefin (First ten als »niederträchtige Rasse« beschrie- dem ein neues schottisches Unabhängig-
Minister) von Schottland und Vorsitzende ben werden, die es auszurotten gelte? keitsreferendum durchführen?
der Scottish National Party (SNP). Mit Sturgeon: Ich habe es gesehen, ja. Und ich Sturgeon: Ich bin sicher, dass es eine zwei-
einer ungewöhnlichen Mischung aus lin- bin gerade erst wieder an seinen Kommen- te Volksabstimmung geben wird. Der Bre-
ker Sozialpolitik, ökologischer Program- tar erinnert worden, dass kein Schotte bri- xit zeigt doch eindrücklich, wie sehr uns
matik und einer nationalistischen, aber tischer Premierminister werden sollte, weil Schottlands Abhängigkeit schadet. 62 Pro-
migrationsfreundlichen Agenda bestimmt uns dazu die politische Eignung fehle. Nun, zent der Schotten haben für einen Verbleib
die SNP seit zwölf Jahren die Geschicke die meisten Schotten halten ihn für voll- in der EU gestimmt, aber das wird bis heu-
Schottlands. 2014 war Sturgeon feder - kommen ungeeignet für das Amt – inso- te ignoriert.
führend an der Vorbereitung eines schot- fern beruht das auf Gegenseitigkeit. SPIEGEL: Das Königreich als Ganzes hat
tischen Unabhängigkeitsreferendums be- SPIEGEL: Johnson behauptet, niemand sei indes knapp für einen Austritt gestimmt.
teiligt, das die Befürworter der Selbststän- besser als er selbst dazu in der Lage, das Sturgeon: Meine Regierung hat schon früh
digkeit mit 45 zu 55 Prozent der Stimmen Vereinigte Königreich zu einen. im Brexit-Prozess Kompromissvorschläge
verloren. Nun kündigt die Juristin aus Sturgeon: In Boris Johnsons politischer gemacht, die den EU-Binnenmarkt und
Glasgow einen weiteren Anlauf spätestens Laufbahn findet sich wirklich keinerlei die Zollunion betrafen. Die Regierung in
in zwei Jahren an. Indiz dafür. Ich bin recht häufig in Europa London hat das beiseitegewischt und dem
und Übersee unterwegs. Und in den ver- schottischen Parlament sogar grundlegen-
SPIEGEL: First Minister, drücken Sie die gangenen Jahren hat der internationale de Befugnisse streitig gemacht. Gleichzei-
Daumen, dass Boris Johnson demnächst Ruf des Vereinigten Königreichs enormen tig wurde Irland von der EU vollkommen
in 10 Downing Street einzieht? Schaden genommen. Der Hauptgrund da- anders behandelt, nämlich verständnisvoll
Sturgeon: Nein. Boris Johnson als nächs- für ist sicher der Brexit. Aber knapp da- und solidarisch. Als unabhängiger Staat
ter Premierminister Großbritanniens ist hinter kommt schon Boris Johnson, der innerhalb der EU hat Irland sehr viel mehr
eine Horrorvorstellung, ganz sicher für vor allem in seiner Zeit als Außenminister Macht und Einfluss. Das haben die Schot-
viele hier in Schottland, aber ich vermute seine Inkompetenz und seine mangelnde ten sehr wohl zur Kenntnis genommen.
auch für zahllose andere Menschen im Redlichkeit eindrucksvoll zur Schau ge- SPIEGEL: Was, wenn London Ihnen die
gesamten Vereinigten Königreich. stellt hat. Seine Karriere ist gepflastert mit Erlaubnis für ein erneutes Referendum ver-
SPIEGEL: Johnson scheint gewillt zu einem vorsätzlichen Versuchen, bestimmte Men- weigert? Würden Sie wie Katalonien trotz-
vertragslosen Bruch mit der EU, dem schen unnötig herabzuwürdigen, um sich dem abstimmen lassen?
sogenannten No Deal. Und glaubt man anderen anzudienen. Er hat Schwule be- Sturgeon: Wir haben damit begonnen,
Umfragen, würde ein No Deal schottische leidigt. Er hat muslimische Frauen lächer- die gesetzlichen Voraussetzungen für ein
Unabhängigkeitsbestrebungen beflügeln. lich gemacht. Die meisten dürften Schwie- Referendum zu schaffen. Es ergibt zurzeit
Ist das nicht genau das, was Sie wollen? rigkeiten haben, sich vorzustellen, wie so wenig Sinn, mit der Regierung in London
Sturgeon: Ich habe dem Vereinigten Kö- jemand als Premierminister Menschen mit- darüber zu diskutieren, dafür herrscht dort
nigreich noch nie Schlechtes gewünscht, einander versöhnen will. zu großes Chaos.
damit unser Verlangen nach Unabhängig- SPIEGEL: Wie wird der Brexit-Schlamassel SPIEGEL: Die Kandidaten für Theresa
keit in Erfüllung geht. Ich wollte und will, Ihrer Ansicht nach enden? Mays Nachfolge haben gesagt, sie würden
dass wir diesen Kampf mit positiven Ar- Sturgeon: Ich würde sagen, seit den Euro- den Schotten die Zustimmung verweigern.
gumenten für Schottland gewinnen. Wenn pawahlen und Theresa Mays Rücktritt sind Sturgeon: Diese Leute haben aber auch
es nach mir ginge, sollte es keinen Brexit zwei Dinge wahrscheinlicher geworden. versprochen, die Europäische Union spä-
geben. Aber natürlich wird er, wenn er Zum einen ein zweites Referendum, mit testens am 29. März zu verlassen. Ich will
denn kommt, unsere Unabhängigkeits- dem der Brexit rückgängig gemacht wer- nicht zu flapsig wirken, aber mir scheint,
bewegung stärken, vor allem wenn Boris den könnte. Zum anderen ein No-Deal- diesen Tory-Politikern sollte man momen-
Johnson Premierminister werden sollte. Brexit. Menschen wie ich arbeiten daran, tan nicht allzu viel Glauben schenken.
SPIEGEL: Haben Sie das Gedicht gelesen, dass es auf Ersteres hinausläuft. SPIEGEL: Noch mal, würden Sie Ihre
das Johnson vor Jahren als Chefredakteur SPIEGEL: Nehmen wir an, der Brexit wird Landsleute selbst dann zur Wahl rufen,
des »Spectator« drucken ließ, in dem Schot- wieder abgesagt. Wollen Sie dann trotz- wenn London Nein sagt?
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Ausland
Sturgeon: Man sollte sehr genau betrach- Sturgeon: Wir würden so vorgehen wie reich an Vorzügen wie guter Erziehung.
ten, wie illegitim und undemokratisch ein schon während des ersten Unabhängig- Wir werden prosperieren.
solches Nein wäre. Ich bin 2016 als Regie- keitsreferendums 2014, als die Schotten SPIEGEL: Das schottische Haushaltsdefizit
rungschefin Schottlands zur Wiederwahl sehr genau wussten, worum es geht. Wir liegt derzeit bei rund 13 Milliarden Pfund,
angetreten. Unser Wahlversprechen war, reden darüber heute ein bisschen scherz- fast dreimal so hoch, wie die EU erlaubt.
dass wir ein Unabhängigkeitsreferendum haft, aber damals debattierten Menschen Gibt es aus Brüssel irgendwelche Finger-
durchführen werden, sollte Schottland aus an Straßenecken über die Refinanzierung zeige, dass man für Schottland eine Aus-
der EU geführt werden. Auf dieser Basis von Krediten oder makroökonomische nahme machen würde?
habe ich die Wahl gewonnen, und für diese Politikansätze. Eine besser informierte Sturgeon: Ich setze mich hier nicht hin
Haltung haben wir eine Mehrheit im schot- Bevölkerung gab es nirgendwo auf dem und behaupte, dass wir kein Defizit erben
tischen Parlament. Boris Johnson oder Je- Planeten. Vergleichen Sie das bitte mit den würden. Aber die Zahlen, mit denen Sie
remy Hunt würden sich auf problemati- Lügen, welche die Brexiteers auf die Au- operieren, sind runtergerechnet vom Ge-
sches Terrain begeben, wenn sie sagten: ßenwände von Bussen gepinselt haben. samtdefizit des Vereinigten Königreichs.
Sorry, liebe Schotten, aber wir erlauben SPIEGEL: Die Volksabstimmung haben Sie Ich glaube nicht, dass das ein Hindernis
euch keine eigene Entscheidung. damals trotzdem verloren. auf dem Weg zur Unabhängigkeit wäre.
SPIEGEL: Wird es das Referendum, wie Sturgeon: Zugegeben, viele derer, die da- Sämtliche Gespräche, die ich vor allem seit
von Ihnen angekündigt, definitiv vor Ende mals gegen die Unabhängigkeit stimmten, dem Brexit-Votum in der EU geführt habe,
der Wahlperiode im Mai 2021 geben? wurden irregeleitet. Man sagte ihnen lassen mich glauben, dass wir mit offenen
Sturgeon: Das ist meine Absicht. Tory- »Stimmt mit Nein, und sichert euren Platz Armen empfangen würden.
Politiker mögen das Gegenteil behaupten. in der EU«, was gelogen war. Aber wer SPIEGEL: Besorgt Sie der Vormarsch natio-
Aber: Es ist nicht an mir oder an ihnen, mit Ja stimmte, wusste genau, was er tat. nalistischer Kräfte in Europa?
das letztlich zu entscheiden – es ist eine Sturgeon: Der Vormarsch der Rechten
Sache des schottischen Volkes. macht mir Sorgen, ja. Ich tue mich schwer
SPIEGEL: Ein schottisches Plebiszit, gefolgt mit dem Begriff Nationalismus, weil Sie
womöglich von einer Abstimmung über mich mit gutem Grund Nationalistin nen-
die irische Wiedervereinigung, könnte das nen könnten.
Vereinigte Königreich zerstören. Würden SPIEGEL: Ist es nicht widersprüchlich,
VAHID SALEMI / AP
vergangenen Sommer zu verhindern, im- terminspekulanten dürften auf steigende
portiert der Irak derzeit täglich bis zu Preise wetten. In Form höherer Benzin-
28 Millionen Kubikmeter Gas und 1300 preise könnte das schließlich auch Trumps
Megawatt Strom aus Iran – nun weiterhin Wähler treffen.
mit dem Segen Washingtons. Revolutionswächter Salami Vergleicht man die Machart der Atta-
Die Iraner verfolgen seit Wochen eine »Wir werden auf Aggression reagieren« cken, so fällt noch eine zweite Gemein-
Strategie: Indem sie sich in der Region als samkeit auf: Alle verursachten wenig Scha-
destabilisierender Faktor präsentieren, die Quartiere der Ölförderanlagen bei Bas- den. Die Raketen und Granaten im Irak
scheinen sie einerseits die USA provozie- ra hat sich niemand bekannt. schlugen jeweils nachts auf offenem Feld
ren – und gleichzeitig ein Signal an den Im Fall der Tankeranschläge am 13. Juni ein. Auf dem Areal von Ölfirmen nahe
Rest der Welt senden zu wollen. Dass man hat das Pentagon zwar Indizien gegen Basra, wie ExxonMobil, wurden drei ira-
sich in der Vergangenheit zurückgehalten Irans Revolutionswächter vorgelegt: Auf- kische Arbeiter verletzt. Bei den Schiffs-
habe, jetzt aber durchaus in der Lage sei, nahmen, auf denen angeblich Revolutions- attacken war die Dosierung noch augen-
allen das Leben schwer zu machen. wächter von einem ihrer Schnellboote aus fälliger: Kein Schiff sank, keine Ladung
Der Abschuss der Drohne ist auch des- eine nicht explodierte Haftmine vom fing komplett Feuer.
halb eine neue Stufe, weil die bisherigen Rumpf des angegriffenen Schiffes »Koku- Die Botschaft dieser Kombination aus
Aktionen Irans in der Region dem Regime ka Courageous« entfernen. Angriffen und Zurückhaltung: Es könnte
nicht eindeutig zuzuordnen waren. Es gibt Allein: Als Beweis war das anderen sehr leicht sehr viel schlimmer kommen.
im Englischen einen schönen Begriff aus Staaten bis auf Großbritannien, Israel und Der deutsche Iran-Experte Adnan Ta-
der Grauzone politisch-militärischer Kon- Saudi-Arabien zu wenig, zumal niemand batabai ist der Ansicht, dass Teheran er-
flikte, der es nie so recht ins Deutsche ge- eine Eskalation will und Irans Führung um- kannt habe, dass es über kurz oder lang
schafft hat, obwohl er von entscheidender gehend dementierte. direkte, bilaterale Gespräche mit den Ame-
Bedeutung sein kann: »plausible deniabi- Ein Bekenntnis ist auch gar nicht nötig, rikanern werde führen müssen – und zwar
lity«, die glaubhafte Abstreitbarkeit einer um den mutmaßlich beabsichtigten Effekt diesmal ohne Europa. »Um diese Gesprä-
Tat. Wenn man den Gegner gern treffen, zu erzielen: einen Anstieg der Erdölpreise. che mit Washington aus einer Position der
aber nicht die Konsequenzen des Angriffs Etwa 20 Prozent der weltweiten Exporte Stärke führen zu können, verspürt die
tragen möchte. gehen durch den Golf und die Straße von Islamische Republik die Notwendigkeit,
Genau dieses Prinzip schien Iran zu ver- Hormus. Schon die Gefahr einer Schlie- ausreichend Verhandlungsmasse zu akku-
folgen: Zu den Angriffen auf die Umge- ßung macht die Märkte nervös. Es braucht mulieren«, sagt Tabatabai. »Diese dürfte
bung der US-Botschaft in Bagdad, auf die nicht viel, wie sich am Donnerstagmorgen sich aus der Gesamtheit der iranischen Mit-
Luftwaffenbasis nördlich davon, auf die nach Bekanntwerden des Drohnen- tel der Abschreckung zusammensetzen:
Tanker im Golf von Oman und zuletzt auf abschusses zeigte: Der Rohölpreis Brent dem Einfluss auf die Nachbarregion, der
Wiederaufnahme des Nuklearprogramms
sowie der Ausweitung des Raketen- und
Drohnenprogramms.«
Es bleibt ein riskantes Spiel – sowohl
vonseiten Irans als auch der USA. Denn
zwar stimmt es: Keiner will den Krieg. Das
sagen alle, auch Trump und die hartleibigs-
ten schiitischen Milizführer im Irak, Liba-
non, die Kommandeure der iranischen
Revolutionswächter, Irans Präsident und
die Europäer sowieso. Doch jenseits dieses
Minimalkonsenses agieren Trumps Regie-
rung, die Iraner und ihre Satellitenmilizen
nach einer je eigenen Kosten-Nutzen-
Rechnung.
Trump hat mit seinen extremen Sank-
tionen Iran wirtschaftlich dermaßen abge-
schnürt, dass Teheran unter Zugzwang ist:
Ölexport und Deviseneinnahmen sind zu-
US DEPARTMENT OF DEFENSE / DPA
83
Ausland
»Stunde der
Abrechnung«
Geschichte Vor 100 Jahren wurde der Vertrag von Versailles
unterzeichnet. Eine neue Weltordnung sollte entstehen,
doch die Friedensmacher weckten zu hohe Erwartungen. Die
Vereinbarung spielte den Faschisten in die Hände und führte
zu Konflikten, die bis heute andauern. Von Dirk Kurbjuweit
A
ls der amerikanische Präsident chisch-ungarische Kaiserreich, das russische
Woodrow Wilson am 13. Dezem- Zarenreich, das Reich des osmanischen
ber 1918 nach einer neuntägigen Sultans. Neue Staaten entstanden schneller,
Schiffsreise in Brest an Land ging als man Landkarten ändern konnte, Polen,
und in einem Cabriolet durch die Stadt Jugoslawien, die Tschechoslowakei.
fuhr, empfingen ihn französische und Nach ihrer bis dahin größten Katastrophe
amerikanische Soldaten freudig. Sie riefen brauchte die Welt eine neue Ordnung, und
»Vive l’Amérique!« und »Vive Wilson!«. der Mann, der sie schaffen sollte, war Wood- Delegierte im Spiegelsaal von Versailles bei
Es lebe Amerika, es lebe Wilson. Am row Wilson. Einen Monat nach Kriegsende
nächsten Tag in Paris war seine Ankunft kam er nach Paris, um an der größten Frie-
»spektakulär«, schreibt sein Biograf John denskonferenz aller Zeiten teilzunehmen. schichte der Pariser Friedenskonferenz er-
Milton Cooper, Jr. »Horden jubelnder Ein halbes Jahr später, am 28. Juni 1919, vor zählt deshalb viel über eines der wesentli-
Menschen füllten die Bürgersteige und hin- 100 Jahren, wurde der Vertrag von Ver- chen Spannungsfelder der Politik, das Ver-
gen aus jedem Fenster.« sailles unterzeichnet. Ihm folgten vier wei- hältnis von Erwartungen und Möglichkei-
Ein Vertrauter Wilsons notierte in sei- tere Verträge mit den Verlierern des Ersten ten. Es geht hier meist um eine Subtraktion:
nem Tagebuch: »Die Franzosen glauben, Weltkriegs, mit Österreich, mit Ungarn, mit Zieht man die Möglichkeiten von den Er-
dass er mit einem Hauch von Zauberei den Bulgarien, mit dem Osmanischen Reich. wartungen ab, bleibt als Rest die Frustration.
Tag der politischen und industriellen Ge- Bei seiner Ankunft in Europa galt Und Paris habe mit »globalen Erwartungs-
rechtigkeit herbeiführen kann. Wird er Wilson als eine ähnliche Lichtgestalt wie überschüssen« begonnen, sagt der Freibur-
das? Kann er das?« 90 Jahre später Barack Obama, dem vor ger Historiker Jörn Leonhard, der das Buch
Auch die Deutschen hofften damals auf Amtsantritt zugetraut wurde, die Welt bes- »Der überforderte Frieden« geschrieben hat.
den US-Präsidenten, zudem die Ungarn, ser und vor allem friedlicher zu machen. Die Aufgabe: die Deutschen so mit Re-
die Italiener, die Chinesen, die Afrikaner In Berlin hörten Obama 200 000 Leute bei parationen und Rüstungsbeschränkungen
in den Kolonien. Es war eine Stunde null einer Rede zu, er konnte sich mit dem Frie- einhegen, dass sie nie wieder ihre Nach-
der Weltgeschichte, der Erste Weltkrieg war densnobelpreis schmücken, bevor er wirk- barn überfallen können. Nach dem Zusam-
vorbei, die Menschen betrauerten 15 Mil- lich etwas für den Frieden geleistet hatte. menbruch der vier Reiche viele Grenzen
lionen Tote, vier Reiche waren zusammen- Wer am Start von so viel Euphorie emp- in Europa neu ziehen. Das deutsche Kolo-
gebrochen, das deutsche und das österrei- fangen wird, kann nur enttäuschen. Die Ge- nialreich aufteilen. Den Völkerbund schaf-
fen, ein multilaterales Gremium, das den ar 1919 62 Jahre alt. Er stammte aus den Friedenskonferenz verlor er regelmäßig die
Frieden in aller Welt sichern könnte. Südstaaten und gehörte der Demokrati- Fassung.« Ein Wangenzucken wurde im
Die Erwartungen: Im Januar 1918, wäh- schen Partei an. Die kanadische Historikerin Laufe der Konferenz stärker.
rend des Ersten Weltkriegs, hatte Wilson Margaret MacMillan schreibt in ihrem Buch Zu den großen drei von Paris zählten
seine berühmten 14 Punkte für die neue »Die Friedensmacher«: »In der Öffentlich- zudem der britische Premierminister
Weltordnung verkündet. Vor allem die keit benahm sich Wilson steif und förmlich, David Lloyd George und der französische
Aussicht, über ihr Schicksal selbst bestim- aber im Umgang mit seinen Vertrauten war Ministerpräsident Georges Clemenceau.
men zu können, elektrisierte die Völker. er charmant und sogar zu Scherzen auf- Sie trafen die wichtigen Entscheidungen.
Der Präsident versprach zudem Transpa- gelegt. Besonders wohl fühlte er sich bei Meistens präsent, aber weniger einfluss-
renz, Friedenssicherung und Abrüstung. Frauen. Für gewöhnlich hatte er sich voll- reich war die Siegermacht Italien.
Die Deutschen wollten einen milden kommen unter Kontrolle, aber während der Deutsche zählten nicht zu den Akteu-
Friedensvertrag, andere Völker hofften auf ren. Es war die Eigenart und wohl auch
einen eigenen Staat oder territoriale Zu- ein Problem dieser Konferenz, dass die
gewinne, Frauen und Afroamerikaner auf Es verhandelten nur die Sieger untereinander verhandelten, nicht
mehr Rechte, die Japaner auf eine Gleich- Sieger. Den Verlierern mit den Verlierern. Denen wurden fertige
berechtigung aller »Rassen«. Vertragsentwürfe hingeknallt.
Die Akteure: Woodrow Wilson war zu
wurden fertige Verträge Die Atmosphäre: Beim Wiener Kon-
Beginn der Pariser Konferenz am 18. Janu- hingeknallt. gress, der 1814/15 nach einer europäischen
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Bei den Reparationen spürten Clemen-
ceau und Lloyd George den Druck der
Öffentlichkeit in ihren Heimatländern be-
sonders stark. In Großbritannien wurde
gefordert, die Deutschen auszupressen,
»dass die Schwarte kracht«.
Die Unterkommissionen verhandelten
Tag und Nacht, werteten Belege für Kriegs-
schäden aus, rechneten, verwarfen, rech-
neten neu. »Sie spielen mit Milliarden wie
Kinder mit Holzbauklötzen«, schrieb ein
Journalist. Die Briten errechneten als
86
verlaufen sollten. Sie wurden keine Freun-
de, feindeten sich aber nur selten an. Cle-
menceau, schreibt MacMillan, »sprach sel-
tener als Lloyd George und Wilson, doch
wenn er sprach, dann leidenschaftlicher
als Letzterer und logischer als Ersterer«.
Die Konferenz wurde ständig gestört,
durch Ereignisse innen und außen. In
Ungarn gelang eine kommunistische
87
dass Deutschland, dessen Volk überzeugt
war, einen Verteidigungskrieg zu führen,
allein mit der Schuld belastet ist«. Die
neuere Forschung würde ihm im letzten
Punkt recht geben.
Wilson war außer sich vor Wut: »Das
ist die taktloseste Rede, die ich jemals
gehört habe. Die Deutschen sind wirk-
lich ein dummes Volk. Sie tun immer das
Falsche.«
In Deutschland waren die Menschen
entsetzt, demonstrierten in Massen.
Reichsministerpräsident Philipp Scheide-
mann, ein Sozialdemokrat, stieß den be-
rühmten Satz aus: »Welche Hand müsste
nicht verdorren, die sich und uns in solche
Fesseln legt?«
Die Alliierten ließen sich auf kleine Kor-
BPK
rekturen ein, bereiteten sich aber gleich-
zeitig auf ein Nein der Deutschen vor. Sie Anti-Versailles-Demonstranten in Berlin 1919: »Dass die Schwarte kracht«
ließen Foch einen Angriffsplan ausarbeiten
und trafen sich zu einem Kriegsrat. Am
Ende der Beratungen fragte Foch: »Heute anzulegen. Als Belohnung wollten sie das hard schreibt: »Jetzt wurde die Abreise
ist der 20. Juni. Wenn es bis zum 23. Juni, Pachtgebiet Kiautschou zurückbekom- des Politikers, der weltweit wie kein an-
sieben Uhr abends, keine Antwort der men, eine deutsche Kolonie. Aber Japan derer als Symbol und Garant der neuen
Deutschen gibt, habe ich dann die unein- sicherte sich den Zuschlag. Damals entwi- Friedensordnung gegolten hatte, von der
geschränkte Vollmacht, mit dem Vorstoß ckelte sich in China ein Misstrauen gegen- Presse kaum mehr wahrgenommen und
zu beginnen?« Das Protokoll vermerkte über dem Westen, das bis heute anhält. nur noch am Rande vermerkt.«
Zustimmung. Krieg lag in der Luft. Für die Japaner war es eine Kompen- Die Delegationen verhandelten weiter
In Deutschland trat Scheidemann am sation, weil sie mit einem anderen Projekt über die anderen Verträge. Im September
selben Tag zurück, samt seiner Regierung. gescheitert waren: der Gleichheit der wurde in Saint-Germain-en-Laye das Ab-
Am 22. Juni stimmte die Nationalver- »Rassen«. Wie Japaner damals diskrimi- kommen mit Österreich unterzeichnet, im
sammlung, die in Weimar über eine neue niert wurden, zeigte sich bei einer Sit- November in Neuilly-sur-Seine mit Bulga-
deutsche Verfassung beriet, über den Frie- zung, in der Clemenceau seinem Außen- rien, im Juni 1920 in Trianon mit Ungarn.
densvertrag ab. Mit 237 zu 138 Stimmen minister hörbar zuflüsterte: »Und wenn Die Österreicher verloren große Gebie-
wurde er angenommen. Der Krieg nach man bedenkt, dass es auf der Welt blonde te, und ihnen wurde der von vielen erhoff-
dem Krieg war abgewendet, vorerst. Frauen gibt! Wir aber bleiben hier mit te Anschluss an das Deutsche Reich unter-
Nun ging es um ein Tintenfass. Cle- diesen Japanern eingeschlossen, die so sagt. Aber Saint-Germain-en-Laye wurde
menceau gefiel das Exemplar nicht, das hässlich sind!« nicht zum nationalen Trauma.
sich im Schloss von Versailles befand. Be- Das lange mit Österreich verbundene
amte suchten in Museen und Antiquitäten- Ungarn hingegen hat sich immer noch
läden nach einem Tintenfass, das Cle- Die Deutschen akzeptier- nicht mit seinen enormen Gebietsverlus-
menceaus Ansprüchen genügen würde. ten nicht, dass sie allein ten versöhnt. Zwei Drittel des Territoriums
Der Spiegelsaal des Schlosses war für die und der Bevölkerung gingen verloren. Bis
Unterzeichnungszeremonie vorgesehen, schuld sein sollten heute ist der Traum von einem Großun-
weil die Deutschen dort 1871 das Deutsche am Ausbruch des Krieges. garn präsent, und Ministerpräsident Viktor
Reich proklamiert hatten, nach dem Sieg Orbán macht Politik damit. Zum 100. Jah-
gegen Frankreich. restag von Trianon 2020 soll ein »Denk-
Am 28. Juni 1919 um 15 Uhr betrat die Die Amerikaner wollten nicht, dass ihre mal der nationalen Einheit« entstehen.
deutsche Delegation den Spiegelsaal, Au- Minderheiten gleiche Rechte erhielten. Sogar eine der Siegermächte fühlte sich
ßenminister Hermann Müller und Verkehrs- Die Briten dachten besorgt an ihre Kolo- hinterher als Verlierer. Die Italiener beka-
minister Johannes Bell. Der britische Di- nien. Die »Rassengleichheitsklausel« schaff- men zwar den Zuschlag für Südtirol, muss-
plomat Harold Nicolson notierte: »Sie sind te es daher nicht in die Völkerbundakte, ten aber ihre Hoffnungen auf Gebiete an
totenbleich. Sie sehen nicht aus wie Reprä- die Teil des Vertrags von Versailles war. der östlichen Adriaküste begraben. Orlan-
sentanten eines brutalen Militarismus.« Insgesamt schuf die Akte ein multilate- do soll deshalb vor den großen drei ge-
Der Saal war rappelvoll, angeblich hatte rales Gremium ohne Biss. Die Franzosen weint haben. Bald war vom »verstümmel-
man hohe Eintrittsgelder verlangt. In einer setzten sich für eine eigene Streitmacht ten Sieg« die Rede. Der Faschist Benito
Fensternische standen fünf französische ein, damit der Völkerbund seine Anliegen Mussolini nutzte auch dieses Trauma, um
Veteranen, die im Krieg schwere Gesichts- durchsetzen könne, aber den anderen war sich an die Macht zu putschen.
verletzungen erlitten hatten. Sie sollten an das nicht geheuer. Abgelehnt. Besonders kompliziert war die Lösung
das Grauen des Krieges erinnern. Da fast alle Entscheidungen im Völker- für das Osmanische Reich, auch wegen der
Die Füller tauchten ins Tintenfass, der bund einstimmig getroffen werden muss- Ignoranz und Arroganz der großen Sieger-
Vertrag wurde unterzeichnet. ten, war er kaum handlungsfähig. Deutsch- mächte. Der britische Diplomat Arthur
Wer nicht unterzeichnete, das waren die land durfte zunächst nicht beitreten. Balfour sagte: »Ich kann absolut nicht ein-
Chinesen. China gehörte zur Seite der Sie- Nach der Zeremonie in Versailles reiste sehen, warum der Himmel oder irgend-
ger, weil es den Alliierten rund 100 000 Ar- Wilson sofort ab, ohne den Jubel, den er eine andere Macht uns daran hindern soll-
beiter geschickt hatte, um Schützengräben bei seiner Ankunft ausgelöst hatte. Leon- te, dem Moslem zu sagen, was er denken
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Sport
»Natürlich hasse ich manchmal, was mir passiert ist.« ‣ S. 92
Legionärinnen auf dem Vormarsch WM-Fußballspielerinnen, deren Ligaverein nicht im Heimatland liegt
H ÜB N E R/P I CT URE AL L I AN C E
39 (12%) 71 (21%)
38 Legionärinnen (12%)
Der Anteil der WM-Fußballerinnen, die nicht in ihrem Heimat- schen Liga, von den Deutschen sind Dzsenifer Marozsán und Caro-
land spielen, hat sich in den vergangenen 16 Jahren verdreifacht. 41 lin Simon in Lyon beschäftigt. Der größte Teil der Legionärinnen
Prozent der WM-Kickerinnen sind in einem ausländischen Klub – spielt in den USA, dahinter folgen England, Spanien und Frank-
das spricht für eine zunehmende Professionalisierung im Frauenfuß- reich. Zum Vergleich: Bei der vergangenen Herren-WM standen 72
ball. Nur das US-Team besteht komplett aus Spielerinnen der heimi- Prozent der Profis bei einem ausländischen Verein unter Vertrag.
dem Centre Court mit seinen 15 000 Plät- redeten Sie noch kurz miteinander. Was
zen betrat. Roger ging hinter mir. Das Pu- hat Federer Ihnen gesagt?
blikum klatschte mir zu, dann kam Roger, Stachowskyj: Das müssen Sie Roger fra-
und die Leute drehten durch. Allein die- gen. Ich habe ab dem Matchball einen
ser Applaus zerstört dich als Kontrahent. Filmriss, erinnere mich erst wieder, wie
Das werde ich nie vergessen. ich nach der Pressekonferenz meine Frau
SPIEGEL: Federer hatte das Turnier be- in die Arme geschlossen habe.
reits siebenmal gewonnen. Mit welcher SPIEGEL: Ein Sieg gegen Federer in Wim-
Einstellung gingen Sie in die Partie? bledon – war das der Höhepunkt Ihrer
Stachowskyj: Lass dich nicht umbrin- Karriere?
MIKE HEWITT / GETTY IMAGES
gen! Ich hatte schon einmal mit ihm trai- Stachowskyj: Nein, meine vier Turnier-
niert und wusste, wie nahezu unmöglich siege bedeuten mir mehr. Und ganz ehr-
es ist, auf Rasen gegen ihn zu bestehen. lich: Ich hatte nach dem Match Schuld-
SPIEGEL: Im ersten Satz hatten Sie beim gefühle – ich hatte den König ermordet,
Stand von 5:5 einen Breakball, schlugen verlor dann aber direkt mein nächstes
dann aber einen Volley ins Aus. Sie verlo- Match. Darauf bin ich nicht wirklich
ren den Satz 6:7. Stachowskyj 2013 in Wimbledon stolz. TNE
E
s gibt wenige Dinge, die Kristina junger niederländischer Fahrer die Bahn rechte Wange. Er sieht seine Kristina an,
Vogel nicht leiden kann: Men- betritt, um einen Start aus dem Stand zu lächelt. »Dann hat sie genickt, ein paar
schen, die nur meckern. Die Frage, üben. Mit 60 Stundenkilometern rast Tränchen vergossen, die Augen wieder
welchen Sport sie nun betreiben Vogel in ihn hinein. »Plötzlich war alles zugemacht und weitergeschlafen.«
will. Und Leute, die sich unberechtigt auf schwarz«, erinnert sie sich. Schwer verletzt Vogel hat ihren Kopf in der rechten
Behindertenparkplätze stellen. Dann wird bleibt sie auf der Strecke liegen. Sie kann Hand abgestützt. Sie weint leise. Ihre Trä-
die 28-Jährige schon mal deutlich. So wie ihre Beine nicht spüren, wird in das Unfall- nen trocknet sie mit ihrem Pulloverärmel.
Anfang Mai am Hauptbahnhof in Erfurt. krankenhaus nach Berlin geflogen. Seidenbecher und Vogel sind seit mehr
Es ist ein frischer, windiger Morgen. Zweieinhalb Monate später macht Vo- als zehn Jahren ein Paar. Oft reichen ihnen
Vogel hat gerade ihren ersten Wahlkampf- gel in einem Interview öffentlich, dass sie Blicke, um sich zu verständigen. Bereits
auftritt hinter sich. Sie kandidiert für den querschnittgelähmt ist (SPIEGEL 37/2018). 2009 hatte Vogel einen schweren Unfall.
Stadtrat, CDU, Listenplatz zwei. Barriere- Es wird weltweit zitiert. Sie wolle Motiva- Sie war mit dem Rad auf dem Heimweg,
freiheit ist eines ihrer Themen. Mit einem tion für andere sein, sagt sie. »Egal was ein Transporter nahm ihr die Vorfahrt, sie
Sonderzug ist sie in Vororte der thüringi- das Schicksal für einen bereithält, das Le- flog in die Seitenscheibe, verlor fünf Zäh-
schen Landeshauptstadt gefahren. ben geht weiter.« Es sind Aussagen, die ne, ihr Gesicht ist seitdem vernarbt. »Und
Vogel trägt eine graue Hose, einen hel- berühren. neun Jahre später mute ich ihm wieder so
len Blazer und Wildlederstiefeletten. Sie Dass ihr Leben tatsächlich weitergehen etwas zu«, sagt sie und schaut ihren
sieht müde aus, reibt sich die Augen. Sie würde, war in den ersten Stunden und Freund mitfühlend an.
hat älteren Damen die Hände geschüttelt, Tagen nach ihrem Unfall nicht sicher, wie Im vergangenen Sommer wird Vogel in
sich deren Sorgen angehört, freundliche Vogels Lebensgefährte Michael Seiden- Berlin mehrfach operiert. Ihr Brustbein ist
Worte gefunden. Nicht so aber für eine becher, 34, erzählt. gebrochen, ebenso ihr Schlüsselbein. Am
Frau mittleren Alters, die »mal eben« ihr schlimmsten hat es ihre Wirbelsäule
Auto auf einem der Behindertenparkplät- Das Paar wohnt am Stadtrand von Erfurt erwischt, ihr Rückenmark wurde bei der
ze auf dem Bahnhofsvorplatz abstellt. in einem Einfamilienhaus. Der Garten ist Kollision zwischen dem sechsten und sieb-
Vogel ist Bundespolizistin, der Erfurter noch eine Baustelle. Die beiden sind erst ten Brustwirbel durchtrennt. Röntgen-
Hauptbahnhof war ihr Revier, hier ist sie wenige Monate vor dem Unfall eingezogen. bilder dokumentieren die Verletzung. Ihr
Streife gelaufen, früher. Nun greift sie zu Vogel öffnet in Kapuzenpullover und Rückgrat sieht aus, als wäre ein großer,
den Rädern ihres schwarzen Rollstuhls aus Jogginghose die Haustür, rollt dann vor- kräftiger Ast abgeknickt.
Carbon, ist mit wenigen Schwüngen bei weg ins Wohnzimmer, bittet an den Ess- In ihrem Körper werden Stangen aus
der Frau, die gerade wieder in ihren Wa- tisch. In Regalen sind Dutzende Starbucks- Titan verbaut. Nach der Operation be-
gen steigen will. Tassen aus aller Welt aufgereiht. Bis auf kommt sie eine Lungenentzündung. Sei-
»Und was hätte ich gemacht, wenn ich drei hat sie alle selbst mitgebracht. Dazwi- denbecher erinnert sich, wie ein Arzt mit
nun gerade angefahren gekommen wäre?«, schen stehen Familienfotos, Kochbücher ernstem Gesicht ihre Werte studierte und
empört sich Vogel. Der Gesichtsausdruck und eine Einhornspardose, daran ein Zet- einen Kollegen bat, den Sauerstoff hoch-
der Frau deutet an, dass sie sich in diesem tel: »Weil ein Haus teuer ist«. zudrehen. Dieser antwortete: »Ist schon
Leben vermutlich nicht noch mal auf einen Seidenbecher, dunkle Haare, braune maximal.« Dann wandte er sich Seiden-
Behindertenparkplatz stellen wird. Augen, bietet Kaffee an. Vogel kommt becher zu: »Es sieht gerade nicht gut aus.«
»So was kann ich ja mal gar nicht ab«, nicht mehr an den Automaten, er ist etwas Vogel sagt: »Ich habe das alles mitbe-
sagt Vogel, als sie zurückkommt. Sie habe höher in der Küchenzeile eingebaut. Sei- kommen. Ich habe gekämpft wie ein Bär.«
da gar nicht geparkt, habe die Frau be- denbecher spricht darüber, wie sehr er sich Seidenbecher senkt seinen Blick. Für einen
hauptet, nur kurz gehalten. Die Leute um vor ihrem Aufwachen fürchtete. Vor dieser Moment ist es ganz still im Wohnzimmer.
Vogel herum schauen beeindruckt zu ihr einen Frage. »Was ist, wenn sie fragt? Plötzlich, wie aus dem Nichts, lacht Vogel
hinunter. Wenn sie fragt: Kann ich laufen?« auf. Als wollte sie damit all die Schwere
Kristina Vogel im Rollstuhl – ein Jahr Seidenbecher ist auch Polizist und frü- und Trauer wegwischen. »Glauben ist
liegt ihr schwerer Unfall zurück, doch so her Bahnrad gefahren. Der Erfurter hat nicht wissen«, ruft sie in den Raum. Nun
richtig vertraut ist dieser Anblick noch nicht ein ähnliches Naturell wie Vogel, ist zuge- muss auch Seidenbecher lachen, er ver-
geworden. Zu sehr überstrahlen die Bilder wandt, lacht viel. Nun aber wirkt er in sich steht im Nu, was sie meint.
ihrer Vergangenheit noch die Gegenwart. gekehrt, bewegt von den Erinnerungen: Es geht um einen Satz, den Vogel ihm
Jene, die sie jubelnd im Deutschlandtrikot »Und so war es dann auch. Sie macht die auf der Intensivstation geschrieben hat. In
zeigen, mit Goldmedaillen in den Händen. Augen auf, sieht mich und macht als Erstes den kurzen Phasen, in denen sie wach war,
Mit zwei Olympiasiegen und elf Weltmeis- so …« Seidenbecher nimmt einen Zeige- verlangte sie oft nach Papier und Stift, um
tertiteln ist sie eine der erfolgreichsten finger und einen Mittelfinger und lässt sie ihm Fragen zu stellen. Als er zu oft mit
Bahnradsportlerinnen aller Zeiten. langsam über die Tischplatte spazieren. »Ich glaube« antwortete, schrieb sie:
Bis zum 26. Juni 2018, jenem Dienstag »Und dann musste ich so machen …« – Sei- »Glauben ist nicht wissen.«
vor einem Jahr. Vogel trainiert Sprints auf denbecher schüttelt langsam seinen Kopf. Seidenbecher hat die Zettel aufgehoben.
ihrer Trainingsstrecke in Cottbus, als ein Eine einzelne dicke Träne läuft über seine Er holt sie aus einem Schreibtisch im Ober-
geschoss. Die Papiere sehen aus, als hätte zieht sie sich im Liegen an, Zentimeter für groß an. »Was für Komplikationen?« Nie-
ein Kleinkind mit schwarzem Filzer ge- Zentimeter. deggen mahnt sie, ihren Übermut zu brem-
kritzelt. Immer wieder hat sie Spastiken in den sen. »Wir haben hier nur den Grobschliff
Seidenbecher sagt: »Alle haben mich Beinen, sie bewegen sich wie von Geister- gemacht, das Leben da draußen macht den
immer gewarnt, der Knick wird kommen.« hand geführt. Vogel muss dann warten, bis Feinschliff.« Vogel verdreht die Augen.
Auch die Traumatologin. Eines Tages habe sie sich wieder entspannt haben, um sie »Jaja, ich weiß, Geduld ist mein Wort
sie ihn aber zur Seite genommen und ge- sortieren zu können. 2018.«
sagt: »Ich habe in meinem Leben noch nie Drei Tage vor Heiligabend wird Vogel Zu den häufigsten Komplikationen, die
jemanden kennengelernt, der so drauf ist aus der Klinik entlassen. Drei Koffer und bei Menschen im Rollstuhl auftreten kön-
wie Kristina.« acht Kartons kommen zusammen. In nen, gehören Druckstellen. Und bis sie ver-
Ein halbes Jahr bleibt Vogel in der Ber- ihnen sind viele Geschenke, ein Karton ist heilen, das dauert. »Da habe ich eine
liner Klinik. Schon nach kurzer Zeit trai- nur mit ihren Katheterutensilien für einen Scheißangst vor«, sagt Vogel. Einmal habe
niert sie heimlich im Bett mit einem Thera- Monat gefüllt. sie 40 Minuten lang auf einem schwarzen
band. Sie ist präsenter in den Medien als Immer wieder geht die Tür zu ihrem Plastikteilchen gesessen. Nur durch Zufall
zu ihrer Zeit als Sportlerin. Die Interviews kleinen Krankenzimmer mit dem blauen habe sie es bemerkt.
seien ein Stück weit wie Therapiestunden Linoleumboden auf. Das Pflegepersonal Um Druckstellen vorzubeugen, verän-
für sie gewesen, sagt Vogel. will sich verabschieden. Einer Schwester dert sie immer wieder ihre Sitzposition et-
Doch nur ganz selten sagt sie dabei Sät- schenkt Vogel ein großes Plüscheinhorn. was, drückt sich mit beiden Armen aus
ze wie diesen: »Natürlich hasse ich manch- »Danke für alles. Ich werde Dich nie ver- dem Polster hoch, dreht sich ein Stück,
mal, was mir passiert ist. Und ich bin auch gessen«, schreibt sie darauf. lässt sich wieder nieder.
auf die eifersüchtig, die einfach so die Stra- Kurz vor elf an diesem Morgen wird sie
ße langlaufen können.« Sie habe alles Revue passieren lassen, in einen Krankentransporter geschoben.
Nach drei Monaten in der Klinik darf sagt Vogel. Wie sie nach zwei Wochen das Dreieinhalb Stunden dauert die Fahrt nach
Vogel das erste Mal nach Hause. Vieles sei erste Mal auf der Bettkante saß. Wie sie Erfurt. Zu lang zum Sitzen. Wie sie so da-
anders als erhofft gewesen, erinnert sie sich das erste Mal allein im Vierfüßlerstand liegt in dem Wagen, sieht sie aus wie ein
sich. Die Flure zu schmal, die Dusche doch hielt. Wie sie das erste Mal den Bauch ein- Mädchen, das sich zum ersten Mal ohne
nicht so breit wie gedacht. Sie zeigt auf ziehen konnte. Hinter ihr liegt ein Jahr der Eltern auf eine große Reise begibt.
den Geschirrspüler. Ihn ein- und auszuräu- ersten Male. »Das Leben draußen, die Welt ist jetzt
men sei bis heute »ein totaler Akt«, es Bevor sie zu emotional wird, lenkt sie meine Therapie«, sagt Vogel.
gehe nur Teller für Teller, denn eine Hand ab, wieder einmal. »Habe ich eigentlich Um die Jahreswende nimmt sie Ab-
müsse immer am Rollstuhl bleiben, damit schon erzählt, dass ich meinen Führer- schied von ihrem alten Leben als Sport-
sie nicht nach vorn rausfalle. »Irgendwie schein gemacht habe? Ich darf jetzt mit lerin. Sie bekommt ein halbes Dutzend
stand dieses Haus plötzlich für mein Schei- Handgas fahren!« Auszeichnungen, darunter: »Radsportlerin
tern«, sagt Vogel. Die Tür geht auf. Der Chefarzt will sich des Jahres«, Sonderpreis »Vorbilder des
Das größte Hindernis ist die Treppe verabschieden. Andreas Niedeggen berich- Sports«, »Thüringer Sportlerin des Jahres«.
nach oben. Mehrmals am Tag trägt Sei- tet, dass »alles super verheilt« sei, er habe Im Alltag aber drängt eine Frage mehr
denbecher sie hoch und runter. Um das zu sich noch einmal die aktuellen Röntgen- und mehr: Was fange ich mit meinem Le-
reduzieren, hat Vogel nun einen Schreib- bilder angeschaut. »Wenn irgendwas ist, ir- ben an?
tisch im Wohnzimmer. Darauf steht ein gendwelche Komplikationen auftreten, wir Im Januar gibt sie bekannt, dass sie für
Foto von ihr als Kleinkind mit ihrem Groß- sind für Sie da, okay?« Vogel guckt ihn den Stadtrat in Erfurt kandidieren will. Sie
vater. Es wurde in einem Auffang-
lager aufgenommen, Anfang der
Neunzigerjahre, als Vogel mit ihrer
Familie aus Kirgisistan nach
Deutschland kam.
In der Küche hängt neben dem
Herd eine lange, gelb-schwarze
Greifzange, ein Hilfsmittel für
Menschen im Rollstuhl. Neulich
wollte Vogel einen Becher damit
aus dem Schrank holen. Auf You-
Tube hatte sie sich vorher Videos
dazu angeschaut. Doch der Becher
rutschte aus der Zange, fiel auf
eine Schüssel auf der Arbeitsplatte,
Vogel saß mit ihrem Rollstuhl in ei-
nem Scherbenhaufen fest. Es war
einer der Momente, in denen sie
wieder mal davon abhängig war,
dass jemand kommt, ihr hilft. Die-
ses Gefühl, sagt sie, sei das
Schlimmste für sie.
Grundsätzlich versucht sie alles
allein. Selbst wenn es dann viermal
so lange dauert. Fürs Anziehen und
Fertigmachen am Morgen braucht
sie anderthalb Stunden. Ihre Hosen Olympiasiegerin Vogel, Lebensgefährte Seidenbecher vor ihrem Haus: »Glauben ist nicht wissen«
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traurig. Dass sie nicht gehadert,
sondern es einfach probiert habe.
Sie schließt mit einem ihrer Lieb-
lingssätze: »Machen ist wie wollen,
nur krasser.« Standing Ovations.
Nur vier Tage später ist Vogel
schon wieder auf dem Weg nach
Hamburg zum Pokalfinale des
Deutschen Handballbundes. Sie
liegt auf dem Rücksitz eines
schwarzen VW-Busses. Am Steuer
sitzt Seidenbecher. Sie sind um
sechs Uhr in Erfurt losgefahren.
Vogel soll an diesem Tag den DHB-
Pokal überreichen. In der Hanse-
stadt angekommen, zieht sie sich
vor einer roten Ampel einen Lid-
strich. Sie trägt eine gestreifte
Bluse, darüber eine Kette mit drei
roten Blumen. Sie hat sich für
Fransenstiefel mit Pfennigabsatz
entschieden, in die sie nun ihre
Füße stopft. Durch die Lähmung
Autofahrerin Vogel nach einem Vortrag in Berlin: »Ich hasse Stehempfänge« hat sie in ihnen keine Spannung
mehr, müsste eigentlich zwei
Nummern größer tragen. »Ich
lässt sich für die CDU aufstellen, die habe Gesicht. Links von der Treppe ist ein Fahr- hänge an meiner Schuhsammlung«, sagt
sie immer gewählt, zunächst will sie aber stuhl. sie, »wenn ich schon den Rollstuhl nicht
parteilos bleiben. Neben Barrierefreiheit In dem Festsaal wirkt Vogel wie ein wei- kaschieren kann.« Es klingt trotzig.
will sie Inklusion, Sicherheit und Sport zu ßer Punkt in einer Masse von Männern in In der Barclaycard-Arena gibt sie zu-
ihren Themen machen. dunklem Anzug. Manche drücken sich nächst ein Interview mit Ronny Ziesmer.
Ihr Lebensgefährte Seidenbecher findet unbeholfen an ihr vorbei, die meisten aber Der 39-jährige ehemalige deutsche Meister
die Idee gut. »Ich glaube, dass sie etwas bleiben stehen, beugen sich zu ihr, begrü- im Turnen ist seit einem Sturz 2004 hals-
bewegen kann.« Doch er würde sich wün- ßen sie. Sobald sie sich aufrichten, ist abwärts gelähmt. Beide versuchen, dem
schen, dass sie es ruhiger angehen lässt. Vogel von der Unterhaltung abgeschnitten. Gespräch nicht zu viel Schwere zu geben.
Ruhe aber ist für die ehemalige Leistungs- »Ich hasse Stehempfänge, da krieg ich Sie habe ja noch Glück gehabt, könne
sportlerin Vogel schwer auszuhalten. nichts mit«, sagt sie. nur nicht laufen, sagt Ziesmer.
Im Frühjahr ist Vogel zu einem Bankett Mehrmals kommt an diesem Abend »Du darfst das sagen«, entgegnet Vogel.
einer großen Versicherung im Humboldt auch die Frage, was sie jetzt für einen Als sie später zu einem Interview auf
Carré in Berlin eingeladen. Sie hat begon- Sport machen wolle. Vogel sagt dann oft: das Spielfeld rollen soll, hat sie Mühe, über
nen, Vorträge zu halten über den Umgang »Das weiß ich noch nicht. Erst mal muss einen Kabelkanal zu kommen. Seiden-
mit Schicksalsschlägen. Mit einem umge- ich was finden, für das ich so brenne wie becher steht in den Startlöchern. Unsicher,
bauten schwarzen Smart fährt sie in eine für den Radsport.« ob er sie anschieben soll. Er weiß, wie sehr
nah gelegene Tiefgarage. Das Auto war sie das hasst. Neulich hat sie jemand über
der Preis für »Die Beste 2018«. Die Frage nervt sie. Denn wenn sie ihrem eine Rasenkante gezogen, obwohl sie gar
Jedes Ein- und Aussteigen ist ein Kraft- Unfall etwas Gutes abgewinnen kann, nicht in die Richtung wollte. Nach zwei,
akt. Sie trägt ein weißes Kleid an diesem dann ist es das: Erstmals in ihrem Leben drei Anläufen schafft Vogel es allein.
Abend, das sie zunächst zwischen ihren muss sie nicht mehr ackern, um immerzu Der THW Kiel gewinnt gegen den SC
Beinen zusammenrafft. Dann hebt sie zu gewinnen. Denn verlieren, das war für Magdeburg. Mit dem Pokal auf dem Schoß
ihren Rollstuhl vom Rücksitz, stellt ihn Vogel nie eine Option. Sie, das kleine kir- rollt Vogel noch einmal auf das Spielfeld,
neben die geöffnete Fahrertür. Sie spannt gisische Mädchen, wollte es immer der gro- lacht, winkt in die Kameras. Nach einer
ihren Sitzgurt fest um den Oberkörper, ßen Welt beweisen. Portion Frikadellen und Kartoffelsalat fah-
hängt sich weit aus der Tür und befestigt Am späteren Abend rollt Vogel für ihren ren Vogel und Seidenbecher wieder ab.
nun die Räder an ihrem Rolli. Mithilfe der Vortrag auf die Bühne. Auf ihrem Schoß Ihr Ziel ist Kienbaum. Im Januar haben
Tür drückt sie sich zurück in den Wagen, liegt ein pinkfarbenes iPad. sie ein behindertengerechtes Apartment
schnallt sich ab. Dann hebt sie ihr linkes Sie erzählt, wie sie das erste Mal als in dem Zentrum für Spitzensportler bezo-
Bein wie einen schweren Fremdkörper an Kind in einem Velodrom stand und ihren gen. Von hier aus pendelt Vogel zur ambu-
und sortiert ihren linken Fuß auf das Tritt- Trainer fragte, ob sie links- oder rechts- lanten Reha ins rund 30 Kilometer ent-
blech ihres Rollstuhls. Sie stützt sich ab herum fahren müsse. Leises Lachen im fernte Unfallkrankenhaus Berlin. Ihre The-
und zieht die andere Körperhälfte nach. Saal. Wie sie sich nach ihrem ersten Unfall rapietage sind Dienstag und Donnerstag,
Dann greift sie zu ihrem Rucksack, hängt zurückkämpfte, später olympisches Gold 9.30 bis 13 Uhr.
ihn an die Griffe hinter sich und rollt los. holte und vorher zu ihrer Teamkollegin Mitte April rollt sie an schwarzen Li-
Im Humboldt Carré angekommen, Miriam Welte sagte: »Komm, wir gehen mousinen vorbei auf das Therapiezentrum
fragt sie nach dem Ort der Veranstaltung. jetzt da raus und reißen denen den Arsch zu. Auch Wolfgang Schäuble ist an diesem
Die Treppe hoch, sagt ein Mann am Ein- auf.« Lautes Lachen im Saal. Dann kommt Morgen da. »Der Schäuble ist ja mein Vor-
gang und erschrickt sogleich. »Schon Vogel zu ihrem zweiten Unfall. Sie sagt, bild«, gesteht Vogel. »Den nimmt man ein-
okay«, sagt Vogel und verzieht etwas das dass sie nicht sauer aufs Leben sei oder fach als erfahrenen Politiker wahr, bei dem
Den plötzlichen Rückzieher erklärt Ah- zosen ein, trotz der hohen Preise und einer
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Wissenschaft+Technik
Zur Fortpflanzung brauchen sie nichts als einen Partner und eine tote Maus. ‣ S. 100
Chemie
Vom Schneckenschleim
zum Superkleber
Die Füße des Geckos sind bisher das
beliebteste Vorbild aus dem Tierreich
für starke Haftverbindungen, die
sich wieder ablösen lassen. Der Gecko
bekommt jetzt Konkurrenz: von der
Schnecke. Viele Schnecken produzieren
einen Schleim, der bei Wärme aushär-
tet. Damit schließen sie die Öffnung zu
ihrem Gehäuse und schützen sich vorm
Austrocknen – bis die Luft wieder
feuchter wird. Ingenieure der University
of Pennsylvania haben einen Klebstoff
mit ähnlichen Eigenschaften entwickelt.
Es handelt sich um spezielle langkettige
Moleküle, die zu den Hydrogelen
zählen. Das Gel zieht in feinste Poren
ein und klebt deshalb auch auf glatten
Oberflächen. Das Problem ähnlicher
Stoffe war bislang, dass sie beim Aus-
härten schrumpften, sich aus den Poren
Fußnote
33
Prozent aller Franzosen sind misstrau-
isch, was die Sicherheit von Schutzimp-
Golden schimmert das Eis im Licht der tief stehenden Wintersonne in einer fungen betrifft. Das hat eine Umfrage
im Auftrag des britischen Wellcome
Höhle des isländischen Vatnajökull, des größten Gletschers des Landes. Sol- Trust in mehr als 140 Ländern ergeben;
che Klüfte entstehen, wenn Schmelzwasser in Gletscherspalten fließt, gen Tal in keinem Land ist das Vertrauen ge-
strömt und dabei Hohlräume von oft gigantischem Ausmaß ins Eis wäscht. ringer. Nur 13 Prozent der Deutschen
Weil die Eismassen ständig in Bewegung sind, überstehen die Glitzergrotten zweifelten an der Ungefährlichkeit der
Impfung. In Frankreich herrscht seit
manchmal nur einen Winter. Wie lange Gletscherhöhlenforscher noch auf
vergangenem Jahr eine schärfere
Expedition gehen können, ist ungewiss: Der Klimawandel lässt den Vatnajö- Impfpflicht: Kinder müssen nun gegen
kull schmelzen – in 200 Jahren könnte er komplett verschwunden sein. elf Krankheiten immunisiert werden.
»Unsere
aus Argentinien etwa, China, Kenia, dass Menschen mit einem niedrigeren
Österreich, Deutschland. Die Ergebnisse Intelligenzquotienten mehr Kinder be-
Intelligenz sinkt«
haben wir für jedes Land zur jährlichen kommen. Dadurch könnte der mittlere IQ
Nettoeinwanderung in Beziehung über mehrere Generationen hinweg sin-
gesetzt und zum gesamten Bevölkerungs- ken. Wir haben jedoch auch für diese The-
Jakob Pietschnig, 37, ist Psy- anteil, der im Ausland geboren wurde. se keinen Zusammenhang gefunden.
chologe an der Universität Das Ergebnis war eindeutig: Der IQ sinkt SPIEGEL: Wenn es nicht an der Migration
Wien. Er erforscht, wie sich nicht, wenn die Zahl der Einwanderer oder der Geburtenrate liegt, warum
der Intelligenzquotient global steigt. nimmt die Leistung in IQ-Tests dann ab?
wandelt – und ob Migration SPIEGEL: Aber die Bevölkerungen unter- Pietschnig: Vermutlich liegt es daran,
dabei eine Rolle spielt. schiedlicher Länder schneiden in IQ-Tests dass unsere Gesellschaft immer speziali-
nicht überall gleich ab, was offenbar sierter wird. Studiengänge sind heute
SPIEGEL: Machen Einwanderer die Bevöl- auch mit der Zahl der Schuljahre zusam- enger zugeschnitten, und Unternehmen
kerung in ihrer neuen Heimat dümmer? menhängt. Wie kann es dann sein, bilden Mitarbeiter ganz spezifisch aus.
Pietschnig: Die Fakten sagen: nein. dass die Migration keinen Einfluss hat? Wenn wir viel Energie in eine bestimmte
Wir haben keinen Zusammenhang zwi- Pietschnig: Die Unterschiede zwischen Fähigkeit stecken, etwa in die räumliche
schen der Zahl der Einwanderer und Migranten und den Menschen ihres Orientierung, dann werden wir darin bes-
dem mittleren Intelligenzquotienten der Gastlands sind kurzlebig. In Studien wa- ser – aber nur bis zu einem gewissen
Gesamtbevölkerung festgestellt. ren sie innerhalb von ein bis zwei Ge- Punkt. Gleichzeitig vernachlässigen wir
SPIEGEL: Wie kamen Sie darauf, diese nerationen verschwunden. Erstaunlicher- andere Fähigkeiten, etwa das logische
Frage zu untersuchen? weise gleicht sich der IQ der Migranten Denken oder das Kopfrechnen. Irgend-
Pietschnig: Weltweit hat der Intelligenz- immer demjenigen des Gastlands an, nach wann lässt sich dieser Verlust nicht mehr
quotient im 20. Jahrhundert um fast oben oder unten. ausgleichen.
30 Punkte zugenommen. Wir nennen das SPIEGEL: Sie haben sich auch die SPIEGEL: Wissen ist heute im Nu abruf-
den »Flynn-Effekt«. Die IQ-Tests mussten Geburtenrate der Länder angeschaut. bar – macht uns das Internet schlauer?
ständig nachjustiert werden, damit die Warum das? Pietschnig: Auch die Digitalisierung ver-
Menschen im Mittel weiterhin 100 Punkte stärkt unsere Leistungen in einer ganz
erreichen und nicht alle als hochbegabt bestimmten Richtung: Wir wissen heute
gelten. Seit den Neunzigerjahren geht die besser, wo wir Informationen finden
Zunahme jedoch langsamer vonstatten. In können. Was wir an Informationen im
manchen westlichen Ländern hat sie sich Kopf behalten, wird dagegen unwichtiger.
sogar umgekehrt, auch die Intelligenz der SPIEGEL: Sie forschen zur Migration in
Deutschen und Österreicher sinkt. Manche einer politisch aufgeheizten Zeit. Wie
Forscher vermuten, die Migration sei wären Sie mit einem gegenteiligen Ergeb-
schuld an diesem »Anti-Flynn-Effekt«. Ich nis umgegangen?
wollte wissen, was an dieser These dran ist. Pietschnig: Die Wissenschaft muss auch
MARIA FECK
Einwurf
Einen Geldbeutel mit umgerechnet 9 Euro oder einen mit 63 Euro: sacken und nur noch vor Netflix-Serien chillen will. Die Gegner
Welches Fundstück geben Menschen eher an den Eigentümer eines Grundeinkommens führen aber genau diese Sorge als Argu-
zurück? Forscher haben solch einen Test gemacht, in den USA, ment an. Oder nehmen wir die Arbeit: Von uns selbst wissen wir,
Polen und Großbritannien, mit jeweils Hunderten Portemonnaies. dass wir auch ohne Aufsicht fleißig sind. Die Kollegen jedoch ver-
Ihr Ergebnis widerspricht der Erwartung: Je mehr Geld in den dächtigen wir, dass sie den Vormittag bei Facebook verbringen.
Beuteln steckte, desto ehrlicher waren die Menschen. Wo es an Vertrauen mangelt, wird schnell der Ruf nach Über-
Spannender als das Ergebnis selbst ist die Frage, warum es uns wachung und Sanktionen laut. Arbeitslose müssen dann jeden
so überrascht. Dahinter steckt ein psychologischer Mechanismus, Monat eine Mindestzahl an Bewerbungen schreiben und Arbeit-
der sich nicht nur bei Fundsachen offenbart, sondern auch in der nehmer stündlich beweisen, was genau sie erledigt haben.
Berufswelt und bei politischen Debatten. Wenn es um Vertrauen Die Wahrheit liegt zwischen den Extremen. Für gewöhnlich,
geht, handeln wir mitunter mit zweierlei Maß. Selbst glauben das zeigen Experimente, ist Ehrlichkeit ein hohes Prinzip. Lüge
wir an einen inneren Kompass, der uns gewissenhaft und ehrlich und Betrug lassen sich deshalb nur schwer mit dem Selbstbild
leitet. Anderen unterstellen wir gern das Gegenteil: dass sie vereinen. Gleichzeitig sind Prinzipien nicht unerschütterlich. Oder
jede Gelegenheit nutzen zu schummeln, zu lügen, zu betrügen. was würden Sie machen, wenn Sie 63 Euro fänden, zu Hause
Nehmen wir das bedingungslose Grundeinkommen: Kaum zwei unbezahlte Stromrechnungen lägen und die Waschmaschine
jemand würde ernsthaft von sich behaupten, dass er das Geld ein- dringend repariert werden müsste? Na eben. Martin Schlak
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RALPH LEE HOPKINS / NATIONAL GEOGRAPHIC / GETTY IMAGES
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Kegelrobbe, Kaiser-
pinguin, Zistensänger
Sieht zärtlich aus, ist
aber nicht nur
Altruismus – und schon
IMAGO
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Wissenschaft
D
as Leben beginnt im Überfluss. Bakterien, Pilze und Substanzen, die Ver- um den Nachwuchs kümmert, ist erst mal
Die Larven von Nicrophorus dauung und Immunsystem der Nach- weg vom Heiratsmarkt. Außerdem hat je-
vespilloides, dem Schwarzhörni- kommen unterstützen. der Elternteil in der Regel nur 50 Prozent
gen Totengräber, schlüpfen un- Totengräber zählen zu den Lieblingen des Erbguts mit seinen Abkömmlingen
mittelbar neben ihrer Nahrungsquelle. jener Zunft von Biologen, die mehr da- gemein, und Väter können nicht einmal
Gleich darauf krabbeln sie hinein in eine rüber wissen wollen, wie sich elterliche ganz sicher sein, dass es tatsächlich die
Wiege aus Halbverdautem, die ihre Eltern Fürsorge im Laufe der Evolution ent- Ihren sind.
für sie angelegt haben. Die Larven könn- wickelt hat. Die Tiere eignen sich gut dafür: »Eltern und Kinder sind bestenfalls nah
ten selbstständig davon essen. Stattdessen Im Labor lässt sich ihr Lebensraum sehr verwandt, aber sie sind nicht identisch«,
aber recken sie Mutter und Vater Toten- einfach nachbilden. Zur Fortpflanzung erklärt der Evolutionsbiologe Per Smiseth
gräber ihre Beinchen entgegen und betteln brauchen sie nichts als einen Partner und von der University of Edinburgh. Seit sei-
um Futter. Prompt nähren die erwachse- eine tote Maus. In deren Kadaver, sorgfäl- ner Abschlussarbeit über die Frage, ob sich
nen Käfer den Nachwuchs von Mund zu tig verscharrt (daher der Name), richten Kegelrobbenmütter intensiver um männ-
Mund. sie die Kinderstube ein. liche als um weibliche Nachkommen küm-
»Das sieht ein bisschen aus wie ein Sind die Larven erst mal da, lässt sich mern (die Antwort ist Nein), hat ihn die
Kuss«, sagt Sandra Steiger. An der Univer- das Familienleben leicht manipulieren – Brutpflege nicht mehr losgelassen. In sei-
sität Bayreuth hat sie vor Kurzem den die Forscher können einen Elternteil ent- ner Heimat Norwegen erforschte er deren
Lehrstuhl für Evolutionäre Tierökologie fernen oder beide, sie können Klima und Mechanismen auch an bodenbrütenden
übernommen. Mit ihr und ihrem Team Nahrungsangebot verändern oder auch Vögeln, doch allzu oft wurden die Nester
bezogen Tausende Totengräber Quartier die Anzahl der Larven. Auf diese Weise von Fressfeinden geplündert.
in den Räumen auf dem Campus. hat Steigers Gruppe nachgewiesen, dass Inzwischen hat sich Smiseth, Mitheraus-
In Plastikboxen mit blauem Deckel die Totengräbermutter offensichtlich weiß, geber eines der wenigen Lehrbücher über
hausen sie nun im Torf; Klimakammern wie viele Kinder sie hat. Nahmen die For- die Evolution der elterlichen Fürsorge,
simulieren die Kühle der Wälder, in denen scher ein paar weg, legte sie weitere Eier. auf das Familienleben verwilderter Haus-
diese Käferart normalerweise lebt. Auf Vor allem aber, und das macht sie zu schafe auf einer schottischen Insel verlegt –
den Labortischen stehen Gaschromato- einer Art Laborratte der Evolutionsbio- und auf das der Totengräber. Meist ist das
grafen zur Analyse der Ausdünstungen, logie, betreiben Totengräber eine verblüf- Thema nur ein Teilaspekt der Ökologie,
Laservibrometer protokollieren das leise fend vielgestaltige Brutpflege. An ihnen, doch gegenwärtig wächst das Interesse –
Sirren, das die Käfer mit ihren Schrillleis- hoffen die Forscher, können sie grund- auch weil neue Modellorganismen und
ten am Hinterleib erzeugen. Pheromone legende Theorien zur Entstehung elter- Methoden Antworten auf grundlegende
und Geräusche dienen der Kommunikati- licher Fürsorge testen. Fragen versprechen.
on mit Artgenossen. Das Überleben möglichst vieler gesun- Quer durchs Tierreich habe sich das
Biologin Steiger will die Sprache der der Nachkommen ist ein evolutionärer elterliche Kümmern immer wieder ent-
Krabbeltiere entschlüsseln. Manche Bot- Imperativ – nur so rettet die Kreatur das wickelt und verändert, sagt Smiseth. Ein
schaft hat sie schon verstanden. So düns- eigene Erbgut in die nächste Generation. paar Grundregeln immerhin gibt es: Alle
ten Totengräbermütter nach der Eiablage Daher ist es nicht nur Altruismus und Säugetiere sorgen für ihre Babys, meist
eine Art Lustkiller aus, das Gegenteil eines schon gar keine Liebe, wenn ein Pinguin- trägt die Mutter die Hauptverantwortung.
Aphrodisiakums. Es lässt den Partner wis- männchen ein Ei mit seiner Körperwärme Auch Vögel umhegen ihre frisch geschlüpf-
sen, dass nun Schluss sein soll mit Sex. So bebrütet oder eine Bärenmutter ihren te, hilflose Brut, hier arbeiten Mutter und
hat der Käferpapa, der zuvor Hunderte Nachwuchs säugt – so zärtlich und zuge- Vater häufig im Team. Bei Reptilien und
Male mit seiner Partnerin kopulierte, mehr wandt das auf Menschen wirken mag. Amphibien ist elterliche Fürsorge selten,
Zeit für seine neuen Aufgaben: Larven Investitionen ins Wohl der Brut haben aber es gibt sie. Viele Pfeilgiftfroschväter
füttern, Feinde abwehren und spezielle einen hohen Preis: Die Nahrungssuche für tragen ihre Kaulquappen huckepack zu
Mikroben absondern, die die Heimstatt den Nachwuchs geht zulasten der eigenen, nahrungsreichen Tümpeln, weibliche Beu-
vorm Verfaulen schützen. Fressfeinde haben leichteres Spiel, wenn telfrösche schleppen ihre gar wie Kängurus
Auch warum die Kleinen mancher Ar- nicht nur das eigene, sondern auch das Le- mit sich umher, bis aus den Larven Frösch-
ten von den Eltern gefüttert werden müs- ben der Sprösslinge geschützt werden lein werden.
sen, hat Steiger ergründet. Im Labor zog muss, und wer sich im heimischen Nest Welchen Aufwand Mutter und Vater
sie Larven, diesmal Exemplare der von treiben, um den Nachwuchs zu umhegen,
ihren Eltern besonders abhängigen Art hängt von ökologischen Notwendigkeiten
Nicrophorus orbicollis, mit flüssiger Nah- Stirbt das Ohrwurm- ab. So müssen Fische, die ihre Eier im
rung auf, wie sie die Eltern sonst verabrei- weibchen, dient es den weiten Ozean absondern, darauf setzen,
chen, nur eben nicht aus deren Mund. Fast dass die Nachkommen allein klarkommen.
alle starben. Womöglich, folgert Steiger,
Larven, Pragmatismus Wo viele Feinde umherstreifen, sollte im
enthält der Brei aus der Direktfütterung vor Pietät, als Nahrung. Verborgenen gebrütet werden. Und in kar-
ger Umgebung müssen die Eltern die Klei- Und kann sich Abhängigkeit nur entwickeln, Brutpflege auf den Partner zu verlassen.
nen aktiv vorm Hungertod bewahren. wenn die Eltern während der Aufzucht eher Solche Pärchen sind nachlässiger als allein-
Und ein komplexes Gehirn, auch das nicht in Gefahr geraten, zu sterben oder an- erziehende Zebrafinken – und ihre Nach-
lehrt die Evolution, muss nach der Geburt derweitig abhandenzukommen? kommen haben es später schwerer im
noch reifen – daher kommen die Jungen »Es braucht jedenfalls kein großes Ge- Leben, zum Beispiel bei der Partnerwahl.
vieler Spezies mit großem Denkorgan be- hirn für Weiterentwicklungen in der elter- Nicht nur neue Modellorganismen, auch
sonders hilflos auf die Welt. Totengräber lichen Fürsorge«, sagt Forscher Smiseth. neue Verfahren helfen gegenwärtig, die
sind nach drei Tagen selbstständig – Men- In seinem jüngsten Projekt hat er bewie- Grundlagen der Elternliebe zu enträtseln.
schen brauchen bekanntlich länger. sen, dass es den Nachwuchs widerstands- Neurowissenschaftler Johannes Kohl vom
Doch es sind eben nicht nur derlei Fak- fähiger gegenüber wechselnden Umwelt- Londoner Francis Crick Institute etwa hat
toren oder die Zwänge der Umwelt, die bedingungen macht, wenn die Eltern sich bei Mäusen mittels Methoden, die die Ver-
eine faszinierende Vielfalt der Eltern-Kind- kümmern. Dafür ließ Smiseth Totengräber schaltung von Nervenzellen sichtbar ma-
Beziehungen hervorbringen. Das zeigen bei unterschiedlichen Temperaturen he- chen können, eine Art Kommandozentra-
vor allem die jüngeren Beispiele aus der ranwachsen. le für mütterliches Verhalten im Gehirn
Welt der Wirbellosen. In dem Klima, das in ihrem natürlichen nachgewiesen.
Bei Insekten galt intensive Brutpflege Lebensraum herrscht, kamen sie mit und Als wäre ein Hebel umgelegt worden,
lange Zeit staatenbildenden Arten vorbe- ohne Eltern klar. War es jedoch kälter, star- sorgt ab Tag 21 der Trächtigkeit dieser neu-
halten, Ameisen oder Bienen. Doch ronale Schaltkreis im Zwischenhirn
auch bei anderen Insekten und bei dafür, dass Mutter Maus genau weiß,
Spinnentieren stoßen Forscher im- was ihre Babys brauchen. Rund 20
mer wieder auf unerwartete Fürsorg- nachgeschaltete Systeme empfan-
lichkeit – und faszinierende Paralle- gen Signale von diesem Zentrum,
len zu Säugetieren. das nur aus wenigen Tausend Ner-
So präsentierten chinesische For- venzellen besteht.
scher Ende 2018 im Fachblatt »Sci- Vor dem – wohl hormonell gesteu-
ence« den wohl ersten Fall einer Art erten – Umschaltprozess interessiert
Muttermilch im Spinnenreich: Weib- sich die Maus nicht für Neugeborene,
liche Springspinnen (Toxeus mag- sie würde sie sogar töten. Ist die Küm-
nus) produzieren ein proteinreiches merermaschinerie aber erst mal an-
Sekret, das sie ihrem Nachwuchs di- gelaufen, wollen Mäuse nichts ande-
rekt verabreichen. Ohne die Milch, res mehr als Babys betüdeln, egal ob
auch das zeigte sich in der Studie, es die eigenen sind oder nicht. Wird
sterben die Babyspinnen. der Schaltkreis bei jungfräulichen
Bei bestimmten Weberknechten Mäusen stimuliert, wissen auch sie
kümmern sich ausschließlich die sofort, was Babymäuse brauchen.
Männchen um die Nachkommen – »Neugeborene Mäuse sind kom-
ein wahrhaft selbstloses Konzept, wie plett hilflos«, erklärt Wissenschaftler
Wissenschaftler um Gustavo Reque- Kohl, »da ist keine Zeit für Fehler –
na von der Universidade de São Pau- die Mutter muss von Anfang an wis-
SONJA OCH / DER SPIEGEL
Dicke Luft
am Gleis
Verkehr Züge produzieren Fein-
staub, wenn auch in erträglichen
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Wissenschaft
Schwelbrand im Gehirn
Psychiatrie Wie entstehen Schizophrenie, Depressionen und anderes seelisches Leid? Was lange ein
großes Rätsel der Medizin war, klärt sich nun auf – im Fokus der Forscher: das Immunsystem.
M
anche Krankheitsgeschichten
sind so verrückt, dass man
alle medizinischen Wahrhei-
ten über Bord werfen muss,
um sie zu verstehen. So auch die Geschich-
te jenes 67-jährigen Mannes, der an Leu-
kämie erkrankte und deshalb eine Stamm-
zelltransplantation brauchte, ein neues
Immunsystem mithin, das das alte, kaputte
ersetzen sollte. Eine Routineprozedur
eigentlich. Ein jüngerer Bruder, der an
Schizophrenie litt, war bereit, die Stamm-
zellen zu spenden.
Nachdem dem Älteren die Zellen des
Jüngeren übertragen worden waren, lief
zunächst alles glatt. Die Leukämie war ge-
heilt. Aber dann wurde das Medikament,
mit dem das neue Immunsystem zunächst
noch unterdrückt worden war, abgesetzt.
Und plötzlich fing der 67-Jährige an, Stim-
men zu hören. Stimmen, die ihm drohten,
die kommentierten, was er erlebte. Er ent-
wickelte bizarre Wahnvorstellungen, war
überzeugt, andere könnten seine Gedan-
ken lesen. Am Ende hegte er Selbstmord-
und Mordgedanken.
Ärzte konnten alle naheliegenden Ur-
sachen für diese psychotischen Symptome
ausschließen. Der Mann hatte keinen Tu-
mor im Kopf und keine Virusinfektion, kei-
ne Borreliose und kein Delir. Und obwohl
er als Bruder eines an Schizophrenie Er-
krankten selbst ein erhöhtes Risiko hatte,
Opfer dieses psychiatrischen Leidens zu
werden, wäre es extrem untypisch gewe-
sen, wenn es ihn in seinem fortgeschritte-
nen Alter noch erwischt hätte.
Wurde dem Mann mit dem Immun-
system seines Bruders auch dessen Schi-
zophrenie übertragen?
»Ich finde das plausibel«, sagt Norbert
Müller, emeritierter Professor für Psychia-
trie an der Ludwig-Maximilians-Universi-
tät München. Er beschäftigt sich schon
rund 30 Jahre lang mit dem Zusammen-
spiel von Immunsystem und psychischen
Erkrankungen. Lange Zeit war er damit
ein wissenschaftlicher Außenseiter.
JEROME BONNET / DER SPIEGEL
Botenstoffe Nervenzellen
kommunizieren
direkt und indirekt
mit den Immunzellen.
Immunzellen
nke Botenstoffe
des Gehirns
chra
Die sogenannte S
rn- Blutgefäß
Mikroglia kommuniziert Hi
t-
sowohl mit den Nerven-
Blu
zellen des Gehirns als auch
mit den Immunzellen des Körpers.
Sie beeinflusst die synaptische Immunzellen des Körpers
Informationsübertragung im üb produzieren Botenstoffe, die die Blut-Hirn-Schranke
er
Gehirn, die die Grundlage ist das durchdringen können und die die Arbeit der Nerven-
für Lernen, Gedächtnis und Lym
p h sy s t zellen im Gehirn beeinflussen. Anders als man lange
soziales Verhalten. em vermutete, wandern diese Immunzellen mitunter
auch bei gesunden Menschen ins Gehirn ein.
»Die Sicht auf Krankheiten wie Schizo- sind und die Forscher lange unterschätzt ten, das Risiko für eine spätere Schizophre-
phrenie, Depression und Autismus ändert haben: sogenannte Mikroglia. Sie erspü- nie oder Depression etwa verdoppelten.
sich gerade«, sagt Marion Leboyer, Pro- ren mithilfe von Rezeptoren, welche Ner- Eine Infektion der werdenden Mutter wäh-
fessorin für Psychiatrie an der französi- venzellen des Gehirns gerade arbeiten. rend der Schwangerschaft führt dazu, dass
schen Université Paris-Est Créteil. 20 Jah- Durch direkten Kontakt und über Boten- das Kind mit einer größeren Wahrschein-
re lang habe sie die Genetik der psy- stoffe können sie Einfluss auf die neuro- lichkeit als andere autistisch wird.
chischen Erkrankungen erforscht, erzählt nalen Übertragungswege nehmen – die Ein defektes Darmmikrobiom, also eine
sie, durchaus mit Erfolg, »aber ohne große Basis für Lernen, Gedächtnis und soziales falsche Zusammensetzung der dort heimi-
Hoffnung, daraus einmal Therapien ent- Verhalten. schen Bakterien, trägt wahrscheinlich
wickeln zu können«. Deshalb sei sie vor In den winzigen Lymphgefäßen der ebenfalls via Immunsystem zur Entste-
rund zehn Jahren auf das Gebiet der Im- Hirnhäute umfließen auch Körper-Immun- hung seelischer Krankheiten bei.
munologie gewechselt. zellen das Gehirn. So erhalten sie ständig Und auch genetische Studien bestätigen
Die große Hoffnung lautet: psychische Informationen über dessen Zustand. Bei die wichtige Rolle der Immunabwehr: Vie-
Leiden mit Immuntherapien behandeln zu Bedarf überwinden sie von den Blutgefä- le der Genvarianten, die das Risiko für
können – wie Krebs oder Rheuma. ßen aus die Blut-Hirn-Schranke und be- eine Depression, Schizophrenie, für Autis-
Dass Immunsystem und Psyche irgend- einflussen zudem mittels Botenstoffen die mus oder andere psychiatrische Störungen
wie zusammenhängen, ahnte man schon zu Aktivität von Nervenzellen. erhöhen, beeinflussen die Funktion des
Zeiten von Hippokrates (etwa 460 bis circa »Es wird immer klarer, dass Immun- Immunsystems.
370 vor Christus). Damals wurde erkannt, mechanismen für die normalen, gesunden Stück für Stück setzen Forscher ihre Er-
dass Fieber – Zeichen einer Immunreak- Funktionen des Gehirns wesentlich sind«, kenntnisse zu einem völlig neuen Bild psy-
tion – Psychosen lindern kann. Der Medi- sagt Frauke Zipp, Direktorin der Klinik chischer Störungen zusammen, das zwar
ziner Galen, der im 2. Jahrhundert nach und Poliklinik für Neurologie an der Uni- noch lückenhaft ist, aber Anlass zur Hoff-
Christus in Rom praktizierte, beschrieb ei- versitätsmedizin Mainz. »Immunsystem nung auf neue Therapieansätze gibt – vor
nen Fall der Melancholie, der durch Malaria und Gehirn kommunizieren ständig mit- allem für die drei großen seelischen Lei-
geheilt wurde. Und aus dem 18. Jahrhun- einander.« den: Depression, Autismus und Schizo-
dert stammt ein Bericht über die Heilung Wichtig für das seelische Wohlergehen phrenie.
»Tobsüchtiger« nach Pockeninfektion. ist das richtige Gleichgewicht in dieser Für Depressionen gibt es bekannte
Doch die moderne Medizin verpasste Kommunikation. Wird dies gestört, durch Risikofaktoren, psychosozialer Stress ge-
sich lange Zeit selbst ein Denkverbot. Das Entzündungen oder Autoimmunreaktio- hört dazu, psychische Traumata können
Gehirn, so das Dogma, sei »immunprivi- nen, können psychiatrische Erkrankungen dazu führen. Solche Geschehnisse fachen
legiert«, also dem Zugriff des Immunsys- entstehen. Entzündungen im Gehirn und im rest-
tems weitgehend entzogen. Die Blut-Hirn- Mittlerweile haben Forscher jede Men- lichen Körper regelrecht an. Stress macht
Schranke schotte es gegen Immunzellen ge solcher Gefahren für die Hirngesund- zudem die Blut-Hirn-Schranke durchläs-
ab. Inzwischen weiß man: Ohne die regu- heit ausgemacht. Infektionen mit Viren siger, sodass bestimmte Botenstoffe leich-
lierende Funktion des Immunsystems und Bakterien gehören dazu; so zeigte ter ins Gehirn gelangen können. Dort ent-
kann der Mensch gar nicht denken. eine Kohortenstudie mit mehr als einer steht – zumindest bei einem Teil der de-
Eine tätige Rolle dabei spielt eine Klasse Million Menschen, dass Infektionen, die pressiven Patienten – offenbar eine Art
von Immunzellen, die im Gehirn ansässig einen Krankenhausaufenthalt nötig mach- Schwelbrand, eine chronische Entzün-
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Wissenschaft
dung, die die Funktion der Nervenzellen delten autistischen Kindern waren vor Be-
beeinträchtigen kann.
Vieles, was die Stimmung aufhellt, hat
hingegen eine antientzündliche Wirkung:
handlungsbeginn 15 als »schwer« betroffen
eingestuft worden – zwei Jahre nach der
Stuhltransplantation waren es nur noch 3.
Nadelkönig
Sport und Bewegung, aber auch Entspan- Die Symptome von 8 der behandelten Kin- Geschichte Kunsthistoriker er-
nungsübungen und eine Psychotherapie, der hatten sich so stark verbessert, dass sie
die hilft, mit Stress besser umzugehen. nicht mehr als Autisten galten.
forschen den Nachlass Christian
Erste Untersuchungen mit antientzünd- »Eine Stuhltransplantation bei Autismus Warlichs – und lüften dabei so
lichen Medikamenten waren bereits erfolg- klingt völlig verrückt, oder?«, fragt Hanna manches Geheimnis des Urvaters
reich. So konnte schlichtes Aspirin die Wir- Stevens, Direktorin der Abteilung für
kung des Antidepressivums Sertralin in Kinder- und Jugendpsychiatrie am Carver
der deutschen Tattoo-Szene.
einer Studie mit 100 Patienten signifikant College of Medicine der University of
verbessern. Das Arthrosemittel Celecoxib Iowa. »Aber es ist wirklich eine sehr inte-
kann die Wirkung eines Antidepressivums
verstärken, ebenso wird Infliximab bei
Depressionen erprobt, ein Mittel, das bei-
spielsweise bei entzündlichen Darmerkran-
ressante Idee.« Dringend müssten jetzt
weitere Studien gemacht werden.
Bei manchen Menschen, die wie Schi-
zophreniekranke unter Halluzinationen
S ilke Beiner-Büth könnte in diesem
Moment über vieles nachdenken,
über Edith und Werner zum Bei-
spiel. Vor ihr liegt ein Hautlappen von der
kungen eingesetzt wird, weil es das Immun- und Wahnvorstellungen leiden, werden Größe eines Handtellers, darauf ein Tat-
system unterdrückt. Nun hoffen Forscher, diese Symptome durch Autoimmunreak- too, es zeigt zwei Vögelchen. Sie tragen
Therapien auch für jene depressiven Patien- tionen hervorgerufen, wie inzwischen be- zwei Anhänger in Herzform, die Schnäbel
ten entwickeln zu können, denen bislang kannt ist. Dabei attackieren sogenannte berühren sich. Links neben den Anhän-
nicht geholfen werden kann. Autoantikörper das Gehirn. Lassen diese gern steht der Name »Edith«, rechts da-
Zahlreiche Indizien deuten darauf hin, sich nachweisen, behandeln Ärzte schon neben »Werner«, oben: »Treue Liebe«.
dass auch beim Autismus, zumindest in heute mit einer Immuntherapie: mit Cor- Die Restauratorin treibt aber vor allem
einem Teil der Fälle, das Abwehrsystem tison, Immunglobulinen oder einer Blut- eine Frage um: Schimmelt hier etwas?
aus dem Gleichgewicht geraten ist. So lei- wäsche, bei der die Antikörper heraus- Beiner-Büth arbeitet für das Museum
den überproportional viele Autisten an ty- gefiltert werden. »Dass die Betroffenen in- für Hamburgische Geschichte. Hier wird
pischen Krankheiten: In einer kleinen Stu- zwischen erfolgreich therapiert werden derzeit unter der Leitung des Kunsthisto-
die an Patienten mit Asperger, einer mil- können, ist wirklich bahnbrechend«, sagt rikers Ole Wittmann erstmals der Nachlass
Neurologin Frauke Zipp. des Tätowierers Christian Warlich er-
Auch bei tatsächlichen Schizophrenie- forscht, der ab 1919 auf St. Pauli tätowierte.
patienten, die diese Autoantikörper nicht Warlich gilt als Urvater der deutschen Tat-
haben, finden sich häufig entzündliche Ver- too-Kunst, seine Illustrationen waren weg-
änderungen, die darauf hinweisen, dass weisend. Er konnte Tattoos nicht nur an-
das Abwehrsystem entgleist ist. Fieberhaft bringen, sondern war auch einer der ers-
suchen Forscher nun nach Biomarkern, die ten, der sie professionell wieder entfernte.
ihnen verraten könnten, welche Erkrank- Wittmann will mit seinem Forschungs-
ten auf eine Immuntherapie ansprechen projekt die Frage beantworten: Wer war
würden – und welche Art von Therapie dieser Christian Warlich, der sich selbst
jeweils besonders gut geeignet wäre. Noch als »König der Tätowierer« bezeichnete?
steht die Forschung am Anfang. »Aber es Warlich kam im Jahr 1891 bei Hannover
ist durchaus realistisch, solche Therapien zur Welt. Schon als Jugendlicher stach er
Neurologin Zipp zu finden«, sagt der Münchner Psychiater Schulkameraden Motive auf die Haut, wie
»Das ist wirklich bahnbrechend« Norbert Müller. Briefe belegen. Im Alter von 14 Jahren ver-
Eine der spektakulärsten Heilungen der ließ Warlich sein Elternhaus und zog nach
den Form des Autismus, waren 70 Prozent Schizophrenie verdanken Ärzte allerdings Dortmund, wo er einige Tätowierer kennen-
von Allergien, Neurodermitis, Asthma dem Zufall. Einen jungen Mann befielen lernte. Als Heizer heuerte er auf dem Pas-
oder ähnlichen Leiden betroffen – im Ver- mit 23 Jahren, kurz nachdem er seinen sagierschiff »Imperator« an, es brachte ihn
gleich zu 7 Prozent in der nicht autisti- Universitätsabschluss gemacht hatte, plötz- nach New York. Dort erstand er wohl seine
schen Vergleichsgruppe. lich Verfolgungswahn und Halluzinatio- erste Tätowiermaschine – und brachte sie
Marion Leboyer entdeckte im Blut er- nen. Die Ärzte stellten die Diagnose »pa- nach Deutschland. In Hamburg angekom-
wachsener Autisten Immunzellen, die »über- ranoide Schizophrenie«. Die Therapie mit men, inzwischen 23 Jahre alt, heiratete War-
stimuliert und völlig dysfunktional« waren. üblichen Medikamenten gegen dieses Lei- lich, 1921 meldete er eine Schankwirtschaft
»Es sah aus, als trügen diese Menschen eine den schlug nicht an. an. In einem Separee, abgetrennt durch
Dauerinfektion in sich«, sagt sie, »nur dass Dann, mit 24 Jahren, bekam der Mann einen Vorhang, stach Warlich fortan die Tat-
wir keine Infektion finden konnten.« eine Leukämie. Seine einzige Hoffnung war toos, die ihn weltberühmt machen sollten.
Überdies scheint das für die Funktion eine Knochenmarktransplantation. Die ge- Eines von ihnen ist auf dem Hautstück
des Immunsystems so wichtige Darm- fährliche Prozedur heilte nicht nur seinen zu sehen, das nun vor Silke Beiner-Büth
mikrobiom bei einigen Betroffenen gestört Blutkrebs: Nach 30 Tagen waren auch seine auf dem Tisch liegt: satte Farben und
zu sein. Als Forscher Stuhl von Autisten Schizophreniesymptome so gut wie ver- schwungvolle Linien mit zarten Fettungen,
auf Mäuse übertrugen, zeigten die Nach- schwunden. Acht Jahre nach der Knochen- die Buchstaben hier und da etwas bauchi-
kommen der Tiere plötzlich autistische Ver- marktransplantation, berichteten die Ärzte, ger machen; so hob sich Warlich von der
haltensweisen. Umgekehrt konnten in einer ging es dem Mann hervorragend – er war Konkurrenz ab. Das Hautstück ist eines
Pilotstudie die Symptome einiger autisti- körperlich und psychisch gesund und arbei- von 29, die sich derzeit im Museum für
scher Kinder durch eine Transplantation tete erfolgreich in einem bekannten Unter- Hamburgische Geschichte befinden. Bei-
eines gesunden Stuhlbakterienmixes erheb- nehmen. Veronika Hackenbroch ner-Büth muss klären, wie man sie konser-
lich verbessert werden. Von den 18 behan- viert, ohne dass sie Schaden nehmen.
SHMH
Um 1930, als Berufstätowierer noch eine
Tätowierer Warlich, Kunde um 1930: »Politik, Erotik, Athletik, Aesthetik, Religiös!!« Ausnahme waren, arbeitete Warlich in
Weste und Krawatte und warb mit Plaka-
ten: »Atelier moderner Tätowierungen,
Eigentlich arbeitet die Restauratorin in dem Hamburger Museum. Die Historiker elektrisch schnell! Ausführungen in allen
ihrer Werkstatt im Museumskeller mit klas- ahnten wohl, welchen Wert das Werk des Farben«. Auch in der Zeit des National-
sischer Kunst wie Pastellmalereien. Als Tätowierers einmal haben könnte und sozialismus tätowierte er weiter. Zwar habe
vor rund einem Jahr klar war, dass sie sich kauften der Witwe Magdalena Warlich sein Laden als Treffpunkt für Hamburger
demnächst um Hautstücke kümmern wür- einen Teil des Nachlasses ab. Dass derzeit Nazis gegolten, heißt es in einer Biografie
de, bat sie einige Kollegen um Rat, einen noch viel mehr Objekte aus Warlichs Nach- von Vetter, Warlich sei aber weder rechts
Apotheker, einen Lebensmittelforscher, lass im Museum lagern, nämlich knapp gesinnt noch Parteimitglied gewesen.
eine Frau vom Landesdenkmalamt Han- 300, liegt allein an Ole Wittmann, der zu- In seiner Kundenansprache wurde War-
nover. »Die haben mir geraten, erst mal sammen mit dem Museum vor vier Jahren lich über die Jahre deutlicher. Auf einer
gar nichts zu machen«, sagt Beiner-Büth. mit dem Forschungsprojekt begann. Werbekarte vermutlich aus den Vierziger-
Anders als bei der Restaurierung von Wittmann hatte sich in seiner Disserta- jahren heißt es: »Alles, was der männliche
Kunst gelte in der Konservierung oft: Hän- tion mit Tattoos in der Kunst befasst, dabei Körper ausdrücken soll, steche ich ein:
de weg! Es geht um Fragmente, die mit all war ihm aufgefallen, dass noch niemand Politik, Erotik, Athletik, Aesthetik, Reli-
ihren Makeln erhalten bleiben sollen. intensiv zu Christian Warlich geforscht hat- giös!!« Erst 1962 meldete Warlich sein
Doch als sie die Hautstücke unter die Lin- te. »Es gab viele Mythen und Legenden, Tätowiergewerbe offiziell an, zwei Jahre
se eines Mikroskops legte, 400-fache Ver- aber wenig war belegt«, sagt Wittmann. vor seinem Tod.
größerung, fand sie verdächtige weiße Stel- Er selbst ist vielfach tätowiert, zwei Moti- Zu dieser Zeit war weithin bekannt,
len. Schimmel? Kann das sein? Nun muss ve sind von Warlich inspiriert, ein Dolch dass die Kunden der Tätowierer aus allen
eine Molekularbiologin der Universität Hil- mit Schlange und ein Drachenkopf. Gesellschaftsschichten stammten. Dass
desheim klären, ob da etwas wächst. Bis da- Wittmann wusste, dass die meisten Ob- Tattoos einmal so allgegenwärtig sein wür-
hin soll die Warlich-Kunst bei einer Luft- jekte aus dem Nachlass des Tätowierers den wie heute, war jedoch kaum abzu-
feuchte von unter 60 Prozent gelagert wer- einem Freund der Familie zukamen, Theo- sehen. Nach einer Studie der Universität
den, um der Schimmelbildung vorzubeugen. dor Vetter, genannt Tattoo-Theo. Nach des- Leipzig aus dem Jahr 2017 ist jeder fünfte
Eine weitere Frage, die sich Beiner-Büth sen Tod kaufte ein englischer Sammler vie- Deutsche tätowiert, bei den Frauen zwi-
stellt: Werden sich die Hautstücke verän- le Objekte, Wittmann trieb ihn auf und schen 25 und 34 Jahren jede Zweite. Bis
dern, zum Beispiel durch Rückstände des heute beeinflusst Warlich die Tattoo-Szene
mysteriösen Ablösemittels, das Warlich in vielen Teilen der Welt.
damals auf die Haut auftrug, um sie da- Im Museum für Hamburgische Ge-
nach abziehen zu können? schichte, einen Fußmarsch entfernt von
Die Mixtur dieses Ablösemittels galt lan- Warlichs Schankwirtschaft auf St. Pauli,
ge Zeit als Geheimnis des Tattoo-Königs. wird Wittmann im Herbst seine For-
Im Zuge seines Forschungsprojekts löste schungsergebnisse in einer Ausstellung prä-
Ole Wittmann jetzt das Rätsel: Warlich sentieren. Und er wird, eher ungewöhnlich
hatte 1935 das Tattoo eines Matrosen ent- für Wissenschaftler, seine Erkenntnisse ver-
fernt, woraufhin sich dessen Hand entzün- markten: Bald soll ein Rum erscheinen,
dete; als die Gesundheitsbehörde davon dessen Etikett ein Warlich-Motiv zeigt.
erfuhr, musste der Tätowierer seine Me- Bei Instagram können Nutzer unter
thode in einem Brief dokumentieren. dem Hashtag #inspiredbywarlich Bilder
Er beschrieb die Rezeptur: destilliertes von Tattoos posten, die von Warlich-
MICHAEL MEINERT / SHMH
Wasser, Äther, Kali, Kochsalz, arsenfreie Motiven angeregt sind. Mittlerweile sind
Schwefelsäure. Warlich trug die Tinktur dort Fotos aus dem italienischen Faenza
in der Regel mehrmals auf die betreffende zu finden, aus dem britischen Derby und
Stelle auf und konnte die Haut, sobald sie aus Hamburg. Dort hat sich jemand ein
abgestorben war, mit einer Pinzette abzie- Tattoo stechen lassen, das zwei Herzen
hen. Es blieb eine Narbe zurück. zeigt, darunter steht: »Treue Liebe«.
Zehn der Hautstücke mit den Tattoos Erhaltenes Hautstück mit Warlich-Motiv Yannick Ramsel
von Christian Warlich gehören seit 1965 Schimmelt hier etwas?
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Schlau und flauschig Baby frisst aus dem Hundenapf. Der die Helden normalerweise zweibeinig sind:
Film, bei dem Chris Renaud und Jonathan Er ist ein Spionagethriller, in dem eine
Gerade wollen Wissenschaftler heraus- del Val Regie führten, streift lustvoll Spitzdame undercover in die Katzenwelt
gefunden haben, dass Hunde in der Lage eindringt, und ein Actionkracher, in dem
sind, den menschlichen Gesichtsausdruck ein Kaninchen im Superheldenkostüm
nachzuahmen. Für Hollywoods Trick- einen weißen Tiger aus dem Zirkus rettet.
filmer ist diese Erkenntnis ein alter Hut. Die Figuren sind mutig und feige, cool
Die Hunde, Katzen und Kaninchen in und neurotisch. Im Aufbau etwas zu epi-
dem Animationsspektakel »Pets 2«, das sodenhaft, in einzelnen Szenen dagegen
UNIVERSAL PICTURES
nun in die deutschen Kinos kommt, sind immer wieder mitreißend und witzig,
bezaubernde Mischwesen, die zwinkern, folgt »Pets 2« der Devise: Haustiere aller
grinsen und zur rechten Zeit große Augen Arten, vereinigt euch! Und seid mit
machen können. Hier läuft die Mimikry den Menschen nicht so streng. Sie wissen
bereits umgekehrt, hier lernen die Men- Szene aus »Pets 2« es einfach nicht besser. LOB
Furchtbar echt
läuft, schlägt die Regression auch bei
den Zeichnern durch. Wegen antisemi-
tischer Ikonografie wurde in Deutsch-
Seine Fähigkeiten als Feldherr bewies nahmen wurden mit modernster Com- land ein Karikaturist der »Süddeut-
der neuseeländische Regisseur Peter putertechnik restauriert, teilweise schen Zeitung« relegiert, und kürzlich
Jackson, als er den Fantasy-Klassiker »Der koloriert, in 3-D konvertiert und durch hat es auch die internationale Ausgabe
Herr der Ringe« verfilmte: Er befehligte eine eigens produzierte Tonspur ergänzt. der »New York Times« erwischt. Sie
eine Crew von 2500 Mitarbeitern und Man hört das Rumpeln alter Panzer zeigte Netanyahu als Dackel mit einem
drehte Kampfszenen mit Tausenden Statis- und Kanonen sowie Erinnerungen von Davidstern um den Hals, da war ent-
ten. Nun hat sich der dreifache Oscar- Veteranen der britischen Armee; auf schieden etwas in jenen muffigen Gra-
preisträger in einen echten Krieg gestürzt: Erläuterungen von Historikern hat der ben des Ressentiments verrutscht, über
den Ersten Weltkrieg. Für die Dokumen- Regisseur verzichtet. Die 90-minütige den die wenigsten Menschen erhaben
tation »They Shall Not Grow Old« sichte- Dokumentation ist technisch brillant und sind. Die Konsequenz der »New York
ten Jackson und seine Mitarbeiter aus- menschlich berührend. So furchtbar Times«: Ab Juli wird sie vollständig
schließlich historisches Filmmaterial aus echt hat man den Ersten Weltkrieg noch auf politische Cartoons verzichten. Die
dem Archiv des Imperial War Museum nie gesehen. Jackson hält »They Shall verklemmte Erklärung dazu lautete,
in London – Szenen von lachenden Not Grow Old« für seinen »persönlichs- man setze auf »Nuancen und Komple-
Freiwilligen bei der Ausbildung ebenso ten Film«: Sein Großvater, ein Berufs- xität« – mit anderen Worten: auf die
wie Horrorbilder aus dem Schützen- soldat, kämpfte vier Jahre lang im Ersten Sprache als Rückversicherungsgesell-
graben. Die mehr als 100 Jahre alten Auf- Weltkrieg (Kinostart: 27. Juni). MWO schaft. Das Bild als Blitzschlag der
Erkenntnis ist offensichtlich zu gefähr-
lich geworden in den Zeiten leicht zu
organisierender Empörung.
Das ist eine gefährliche Entscheidung.
Für die Karikatur als polemisches
Statement wurden vor vier Jahren acht
Mitarbeiter des Satiremagazins »Charlie
Hebdo« von einem islamistischen Ter-
rorkommando erschossen; ein dänischer
Zeichner brauchte Polizeischutz, der
türkische Karikaturist Musa Kart ist im
Gefängnis – und das sind nur einige Bei-
spiele einer bedrohten Spezies. In Saudi-
Arabien hackt man Dieben eine Hand
ab. Das ist die Art Prophylaxe, an der
die »New York Times« sich nun ein Bei-
WARNER BROS
111
Kultur
R
eden wir über Schuhe, über High Irgendetwas muss also in Bewegung ge- das in China bis ins 20. Jahrhundert Tra-
Heels: Beim Hineinschlüpfen kommen sein, wenn viele nun die Absatz- dition war.
werden die Zehen zusammen- schuhe im Schrank lassen und sich für Mo- Erst mal hat es einen schlichten Grund,
gedrückt, der Spann wölbt sich delle entscheiden, in denen sie besser ge- wenn viele Frauen in deutschen Großstäd-
nach oben, dabei ziepen einige Sehnen, hen können. Möglicherweise ein Ausdruck ten oder auch in Paris – noch immer die
weil sie ungewohnt stark beansprucht wer- davon, dass sich die Alltagsaufgaben und Hauptstadt der Mode – heute auf flachen
den. Das Gewicht verlagert sich nach vorn, Rollenbilder von Männern und Frauen Sohlen unterwegs sind: Es ist bequemer.
als ob man auf Zehenspitzen stehen würde. einen weiteren Schritt angeglichen haben. Viel bequemer. Schmerzende Füße schrän-
Um das Gleichgewicht zu halten, schiebt Der Vormarsch der flachen Schuhe ken den Alltag erheblich ein. Männer kön-
sich der Po nach hinten, der Oberkörper bahnte sich seit einiger Zeit an. Gegen den nen sich das kaum vorstellen: Jeden zu-
strafft sich. Zwang, in Stilettos auftreten zu müssen, sätzlichen Weg überlegt man sich zwei-
Schon das Anziehen ist eine Balance- hat Julia Roberts schon bei den Filmfest- mal. Die spontane Entscheidung für einen
übung, erst recht das Gehen: Weil der Fuß spielen in Cannes 2016 protestiert. Sie lief Biergartenbesuch nach der Arbeit fällt
nicht gut abrollen kann, setzt man ihn im barfuß über den roten Teppich, weil Frau- in hohen Schuhen flach. Auch das An-
Ganzen auf, dabei wird das Bein aus der en in flachen Schuhen im Jahr zuvor von mieten eines Elektrorollers, der Spazier-
Hüfte nach vorn geschoben. Nach wie vor Ordnern zurückgewiesen worden waren. gang im Park. 10 000 Schritte täglich,
liegt das Gewicht auf dem Vorfuß. wie Fitnessexperten es empfehlen,
Die Zehen beginnen als Erstes zu kann man in ihnen sicher nicht ma-
Kommt
schmerzen. Nach einiger Zeit tut chen. Orthopäden predigen sowie-
der Fußballen weh, irgendwann so, wie ungesund das regelmäßige
wird der Schmerz brennend, dann Tragen ist: ruinierte Füße, Hüft-
1 REIHE V.L.N.R.: VALENTINA RANIERI / DPA PICTURE-ALLIANCE, CHRISTIAN VIERIG / GETTY IMAGES, WIREIMAGE / GETTY IMAGES, CHRISTIAN VIERIG / GETTY IMAGES; 2 REIHE V.L.N.R.: IMAGO, REX,
ist es höchste Zeit, sich hinzusetzen. probleme, sogar die Halswirbel-
runter,
Das schafft ein wenig Erleichterung, säule kann leiden.
aber der Schuh hält den Fuß über- Doch das war noch nie anders,
streckt, an Entspannung ist nicht zu und trotzdem standen Frauen vor
denken. Wieder aufzustehen ist die zehn Jahren noch Schlange für Sti-
entspannt
Hölle, die Füße, der ganze Körper lettos von Manolo Blahnik oder
signalisieren: Hol mich hier raus! Louboutin.
Dies ist eine Erfahrung, die etwa Seitdem aber sind Designerin-
die Hälfte aller Leute gar nicht nen in der Modewelt wichtiger und
euch
kennt: die Männer. Natürlich gibt erfolgreicher geworden. Frauen ge-
VALENTINA RANIERI / PICTURE ALLIANCE / DPA; 3 REIHE V.L.N.R.: IMAGO, NEWS PICTURES / ALL4PRICES, IMAGO, CHEN YICHEN / PHOTOSHOT / PRISMA
es Ausnahmen, Frauen, die noch hen bei ihren Entwürfen unweiger-
niemals hohe Schuhe anprobiert lich stärker von sich selbst aus,
haben, und Männer, die das aus in- von ihren Anforderungen an den
dividuellen Gründen hin und wie- Alltag. Flache Schuhe sind schon
der tun. Aber bleibt man beim Zeitgeist Die Gleichheit der Geschlechter seit ein paar Saisons in größerer
Durchschnitt, haben Männer keine Auswahl zu bekommen, elegant
Ahnung, was es bedeutet, einen zeigt sich auch an der Höhe der Absätze. und bequem. Früher sahen diese
Abend oder sogar einen ganzen Und da gibt es Fortschritte zu vermelden. Modelle oft bieder aus, nach Ge-
Arbeitstag in hohen Schuhen zu sundheitsschuh, heute glitzern die
verbringen; mit Absätzen über
Die Ära der High Heels geht zu Ende, sogenannten Flats und haben raffi-
Kopfsteinpflaster zu stöckeln, sich der silberne Birkenstock ist das Symbol des nierte Riemchen. Zu den Volant-
U-Bahn-Treppen rauf- und runter- kleidern und Midiröcken dieses
zukämpfen.
Chics der Gegenwart. Von Claudia Voigt Sommers passen sie perfekt. Als
Es scheint so, als hätte mittler- flacher Schuh gilt übrigens alles
weile auch die große Mehrheit der bis zu zwei oder drei Zentimetern,
Frauen genug von solchen Strapazen. Der Festivaldirektor räumte ein, es habe das ist je nach Fuß sogar die optimale
Denn wenn man sich in diesem Sommer vielleicht einen »kleinen Moment des Absatzhöhe.
auf den Straßen oder auf Partys umschaut, Übereifers« beim Personal gegeben. Ver- Für die neue große Auswahl war auch
in Büros oder auf Flughäfen, hat man den gangenes Jahr ging Kristen Stewart eben- entscheidend, dass sich der Einfluss der
Eindruck, eine stille Revolte habe statt- falls barfuß. Straße in der Mode durchgesetzt hat,
gefunden: Espadrilles, Birkenstocks, Turn- In Großbritannien hatte die Rezeptio- Sportswear und Skaterklamotten haben
schuhe, Ballerinas, Mules, Mokassins oder nistin einer Beraterfirma 2016 behauptet, das Design selbst traditioneller Marken
Sandalen – überall flache Schuhe an den sie sei nach Hause geschickt worden, weil beeinflusst. Längst vermischt sich, was in
Füßen von Frauen. sie entgegen der betrieblichen Vorschriften der Freizeit und bei der Arbeit getragen
Vor nicht allzu langer Zeit sah das noch in flachen Schuhen zur Arbeit erschienen wird – weil sich auch Freizeit und Arbeit
ganz anders aus, da wurde das Tragen von sei. Eine Petition mit mehr als 150 000 Un- vermischen.
High Heels als weibliche Ermächtigungs- terschriften führte dazu, dass sich das bri- Die berühmte Work-Life-Balance ist
geste gedeutet. tische Parlament mit dem Thema befasste. Herausforderung genug, in High Heels ist
Höllisch unbequem waren sie natürlich 2017 wurde in Kanada, in der Provinz Bri- sie nicht zu schaffen. Viele Frauen legen
trotzdem. Aber Schuhe sind nun mal nicht tish Columbia, ein Gesetz geändert, um Tag für Tag einiges an Strecke zurück, auf
irgendein Kleidungsstück. Sie haben eine Frauen vor Schuhvorschriften am Arbeits- flachen Schuhen ist man da einfach
Wirkung auf das Körpergefühl und auf die platz zu schützen. Und in Japan organi- schneller unterwegs, sie sind auch weni-
Haltung. Die meisten Männer registrieren, siert die 32-jährige Yumi Ishikawa unter
welchen Schuh eine Frau trägt. Frauen wis- dem Hashtag #KuToo gerade eine Bewe- Flache Schuhe
sen das. Deswegen ist die Schuhfrage im- gung mit ähnlichem Ziel. Sie fühle sich an im Straßenbild, auf Modenschauen
mer auch eine Geschlechterfrage. das Füßebinden erinnert, sagte Ishikawa, Mehr Stehvermögen
ger formell. Wenn Milliardäre in Chinos tigen Gedanken formuliert. Schuhe sind stimmen das vorherrschende weibliche
oder Shorts auftreten, verändert das selten einfach nur Schuhe. Weil der ge- Selbstbild. Dass auch in diesem Konzept
etwas – die Avantgarde unter den Erfolg- wölbte weibliche Fuß und der Absatz- eine Falle liegt, dass es sehr anstrengend
reichen verweigert den Gestus des For- schuh spätestens seit Beginn des 20. Jahr- werden kann, unangestrengt zu wirken,
mellen. So wie die Schauspielerin Fran- hunderts als Ausdruck femininer Anmut sollte erwähnt werden. Wenigstens kön-
ces McDormand, die im Februar zur gelten, sendet eine Frau mit der Auswahl nen sich die Füße in flachen Schuhen ent-
Oscarverleihung in Birkenstockschuhen ihrer Schuhe unweigerlich ein Signal. Au- spannen.
erschien. Das muss man sich leisten ßer vielleicht mit einem Gummistiefel. Am besten gelingt das in Birkenstock-
können. Wollte man den vielen flachen Schuhen, sandalen, und der Erfolg dieser Marke in
Pumps wirken dagegen plötzlich ange- die nun überall zu sehen sind, eine theore- den vergangenen Jahren zeigt, dass sich
strengt und bieder. Das wurde deutlich, als tische Überhöhung geben, müsste sie wohl viele Frauen endgültig nicht mehr um den
Meghan Markle ihren neuge- Rat ihrer Mütter scheren, ein
borenen Sohn der Presse Absatz würde das Bein op-
präsentierte. Zwei Tage nach tisch strecken. Birkenstock-
der Geburt im Mai trat sie in sandalen lassen den Fuß
beigen Pumps auf, man plump erscheinen, ein wenig
konnte erkennen, dass ihre sehen Frauen darin aus, als
Füße noch geschwollen wa- hätten sie Playmobil-Füße.
ren, trotzdem hatte sie sich Aber die Sandalen sind nun
in dieses Modell gezwängt. mal unfassbar bequem. Und
Flache Schuhe wären für sie luftig. Und leicht, weil ihr
komfortabler gewesen und Fußbett aus Kork besteht.
ein Zeichen an alle Mütter Allein für dieses Ge-
und Frauen draußen in der schäftsjahr geht man bei Bir-
Welt: Kommt runter, ent- kenstock von einem 20-pro-
spannt euch. zentigen Umsatzplus aus.
Wie schnell das ging. Und das, obwohl sich das
Es ist noch gar nicht so Unternehmen nach einem
lange her, dass der Lipstick- Streit mit Amazon entschie-
Feminismus High Heels fei- den hat, Birkenstockschuhe
erte. Weil sie eine Frau grö- nicht mehr über den Online-
ßer machen, sie auf Augen- händler zu vertreiben. Auch
höhe mit Männern bringen ein Angebot der amerikani-
und ihr Erhabenheit verlei- schen Skatermarke Supreme
hen können. Der verlang- für eine Kooperation wurde
samte, wacklige Gang in den von Birkenstock abgelehnt,
Dingern ließ sich feminis- obwohl alles, wo Supreme
mustheoretisch allerdings draufgeduckt ist, fantas-
nie ganz auflösen. Die tische Absatzzahlen erreicht.
Fernsehserie »Sex and the Teenies weltweit sind ver-
City« machte High Heels rückt danach.
WIESE / FACE TO FACE / ACTION PRESS
1 (1) Donna Leon Ein Sohn ist 1 (1) Bas Kast Der Ernährungskompass
uns gegeben Diogenes; 24 Euro C. Bertelsmann; 20 Euro
10 (11) Alina Bronsky Der Zopf meiner 7 (7) Greta Thunberg / Svante Thunberg /
Großmutter Kiepenheuer & Witsch; 20 Euro Malena Ernman / Beata Ernman
Szenen aus dem Herzen S. Fischer; 18 Euro
11 (–) Paluten / Klaas Kern Freedom.
Die Schmahamas-Verschwörung 8 (6) Harald Jähner
Community Editions; 12 Euro
Wolfszeit Rowohlt Berlin; 26 Euro
Jubilar Habermas am Mittwoch in der Frankfurter Universität: »Zwangloser Zwang des besseren Arguments«
116
Kultur
J
ürgen Habermas kramt nach seiner Es wird kein gemütlicher, in Nostalgie wenig schief in der politischen Landschaft
Lesebrille, dann wieder nach einer schwebender Abend, sondern eine echte zu stehen schien: Kann die Bundesrepu-
anderen Brille, und schließlich Vorlesung, der meisterlich komponierte blik es sich leisten, eine »erweiterte Tole-
warnt er sein Publikum: Er werde Vortrag eines effektsicheren Popstars des ranz in Richtung rechts« zu entwickeln?
die Anwesenden zugleich »enttäuschen Denkens. Eine Stunde lang spricht Haber- Das hatte vergangene Woche der frühere
und strapazieren«, denn er habe einen aka- mas, es geht um Kant und Hegel und Marx, Bundespräsident Gauck im SPIEGEL-
demischen, sprich komplizierten Vortrag um den kategorischen Imperativ und das Gespräch gefordert. Gauck meint, dass
vorbereitet und könne das nun auch nicht geschichtliche Denken, um schließlich in nicht jeder, der rechts wählt oder denkt,
mehr ändern. unserer aufgewühlten Gegenwart zu lan- automatisch ein Rechtsradikaler sein muss.
Alles andere wäre auch eigenartig ge- den. Eine gnadenlose Geschichte und eine Und dass die Idee westlicher Toleranz
wesen. Habermas hat noch selten Rück- komplizierte Philosophie, die Habermas eben auch bedeute, die Zumutung anderen
sicht auf das Publikum genommen. Es ist entwickelt. Und indem er es tut, zeigt er Denkens auszuhalten.
Mittwochabend, und gut 3000 Menschen die von ihm empfohlene Lösung aus dem Aber nun, nach dem Anschlag auf Wal-
sind in das Hörsaal-Zentrum der Frankfur- Schlamassel der Moderne: darüber reden. ter Lübcke: mit Rechten reden?
ter Johann Wolfgang von Goethe-Univer- Mit dem aber ist es, etwa eine Stunde Habermas selbst hat sich vor einiger
sität gekommen. nachdem die Veranstaltung begonnen hatte, Zeit so geäußert: Man solle »diese Art von
3000 Leute. Um einen Philosophen zu auch schon vorbei: Der Saal muss wegen ›besorgten Bürgern‹, statt um sie herum-
sehen. Wahrscheinlich gab es das nicht mal Feueralarm geräumt werden. Bestimmt ein zutanzen, kurz und trocken als das abtun,
in Athen, damals bei Aristoteles oder Pla- Fehlalarm, wie die Universitätspräsidentin was sie sind – der Saatboden für einen
ton. Und bei Kant in Königsberg sowieso gleich dazusagt. Aber aus rechtlichen Grün- neuen Faschismus«.
nicht. Es ist der Höhepunkt der großen Fest- den müssten erst mal alle raus. Es gibt allerdings eine berühmte, auf
spiele zu Ehren von Jürgen Habermas. Ei- Ein Feueralarm. ihn zurückgehende Formel, durch die sich
nen Tag zuvor, am 18. Juni, war er 90 Jahre Geht es symbolischer? Bei der Geburts- die Sache ein wenig verkompliziert: die
alt geworden. Die Feuilletons des Landes, tagsfeier des großen Philosophen der Kom- Gleichheit aller und die Freiheit jedes Ein-
Radio- und Fernsehsender gratulierten munikation muss der Saal wegen eines zelnen. Sie steht dafür, wie Habermas in
ihm – und irgendwie gratulierte sich die Fehlalarms geräumt werden. Leben wir den Fünfziger- und Sechzigerjahren die
Bundesrepublik dabei ein bisschen selbst. nicht mittlerweile so? In einem ständigen Ideen der Französischen Revolution wei-
Die Republik ist 70 geworden, das Alarmmodus? tergedacht hat.
Grundgesetz ebenso. Habermas ist einer Greta Thunberg, ungleich jünger als der Wer dem folgend über Gaucks Aussage
der geistigen Väter dieses Landes. Schöp- Meister und keine philosophische Denke- nachdenkt, kann zu einer unbequemen Er-
fer großer bundesrepublikanischer Leitbe- rin, hat Anfang des Jahres in Davos einen kenntnis kommen: Die Freiheit jedes Ein-
griffe. »Verfassungspatriotismus« zum Bei- Ausspruch von biblischer Wucht getan: zelnen schließt Meinungs- und Gedanken-
spiel. »Herrschaftsfreier Diskurs«. »Struk- »Our house is on fire.« Und: »I want you freiheit auch für diejenigen nicht aus, die
turwandel der Öffentlichkeit«. to panic.« Fürchtet euch, das Haus steht jenseits der herrschenden linksliberalen
Der Mann, der, wie viele seiner Gene- in Flammen. Ein Ausspruch wie von einer Meinung stehen. Das soll nicht heißen,
ration und die von ihm geprägten 68er, Endzeitpredigerin, einer Warnerin vor der dass rechte Mörder oder rechte Hassred-
von links außen in die Gesellschaft der Apokalypse. ner ungestraft bleiben. Aber eine offene
Bundesrepublik eingewandert ist, der das Gesellschaft muss politischen Widerspruch
Erbe der Kritischen Theorie weiterführte Die Leute fürchten sich wieder. Die grundsätzlich ertragen. Sie muss die Aus-
und sie in ein liberales Denksystem über- einen vor dem Klimawandel, die anderen einandersetzung suchen.
führte – er ist zum intellektuellen Symbol vor Flüchtlingen. Die einen vor dem so- Es gibt noch einen anderen, noch be-
dieses Landes geworden. zialen Abstieg, andere vor Trump, vor rühmteren Habermas-Satz: »Der zwang-
Die große öffentliche Anteilnahme zu Iran, vor Krieg. lose Zwang des besseren Arguments.«
Habermas’ Geburtstag aber ist dabei nicht Auch die Nachricht, dass der tödliche Nicht die schneidige Anklage, der Vorwurf
allein durch Werk und Person motiviert – Schuss auf den Kasseler Regierungspräsi- sollte die Form sein, in der sich die politi-
sondern auch von kollektiver Verlustangst. denten Walter Lübcke wohl ein rechts- schen Lager der Bundesrepublik begegnen.
Wird das Gedankenfundament, auf dem extremer Mordanschlag war, der erste auf Sondern die gründliche Diskussion.
die Bundesrepublik errichtet worden ist, einen Politiker in der Geschichte der Bun- Denn, das ist der Kern des Werks von
auch künftig die Basis sein, auf die das desrepublik, ist eine Nachricht zum Fürch- Jürgen Habermas: Man wird nicht durch
Land sich verständigen kann? ten. Bekannt wurde sie zwei Tage vor dem das Selbstgespräch zum moralischen
Oder ist der Aufstieg der Rechtspopu- 90. Geburtstag von Jürgen Habermas. Menschen, und ein gutes Gemeinwesen
listen, erst im europäischen Ausland, dann Es sind nicht nur die großen Nachrich- organisiert sich nicht spontan – all das
auch hier, ein Vorbote des Übergangs? Ein ten, die sich zu einem Bild verdichten. passiert nur im Streit, im Diskurs. Haber-
Vorbote des Wandels von der liberalen hin Dass die Kanzlerin einen Schwächeanfall mas spricht vom »Maulwurf der Ver-
zur illiberalen Demokratie? Wir leben in hatte, sie, die bislang scheinbar unerschüt- nunft«, der immer weiter gräbt und nur
einer Zeit schwindender Gewissheiten. terliche Garantin stoischen Regierens – es insofern blind ist, als er nicht weiß, ob das
Was bleibt? Ein 90-jähriger Philosoph. könnte eine Petitesse sein. In den Zeiten Hindernis, auf das er stößt, vielleicht un-
Etliche junge Leute sind da. Aber auch des Niedergangs der Großen Koalition überwindbar ist.
Kollegen und Weggefährten der vergange- wirkt das Zittern fast schon wie ein Mene- Den Feueralarm in Frankfurt selbst
nen Jahrzehnte, der Soziologe Oskar Negt, tekel. Die scheinbar ewige bundesdeutsche kommentiert Habermas nicht.
der Philosoph Axel Honneth, der Publizist Stabilität geht zu Ende. Die alte Bundes- Er bedankt sich nur für die zusätzliche
Micha Brumlik. Politiker im Ruhestand republik, das Land von Habermas, stellt Publizität, für die der Alarm nun sorge:
wie Rupert von Plottnitz und Roland sich auf unruhige Zeiten ein. Dafür brauche es »sonst ja die Unterstüt-
Koch, der eine von den Grünen, der ande- Begonnen hatte die Woche, in der Ha- zung eines YouTubers«.
re vom rechten Flügel der Hessen-CDU. bermas seinen Geburtstag feierte, mit Sebastian Hammelehle, Nils Minkmar,
Sie waren mal politische Kontrahenten. einer Debatte, die nach den Nachrichten Tobias Rapp
Habermas vereint sie alle. zu dem Anschlag auf Lübcke plötzlich ein
Hölle auf Erden torikerin Yuliya von Saal, 39, kommt nach
Sichtung des Hillers-Nachlasses zu dem
Ergebnis, dass der Bestseller aus dem Jahr
2003 nur zu 35 Prozent aus jenen Tage-
Bestseller Wie authentisch sind die Tagebücher der »Anonyma« über buchnotizen besteht, die Marta Hillers
die Vergewaltigungen im Berlin des Jahres 1945? Eine Historikerin zwischen dem 20. April und dem 22. Juni
1945 angefertigt hat*. Ein größerer Teil
hat die Originaldokumente gesichtet und Manipulationen festgestellt. wurde erst Anfang der Fünfzigerjahre
geschrieben – allerdings von der Autorin
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Kultur
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D
ie Stimme von Nan Goldin ist ein- die Gefahren bewusst verharmlost zu ralförmigen Gängen der Rotunde flatter-
dringlich. Manchmal eine Spur haben. ten Flugblätter herab, auf denen unter an-
schleppend, dann energisch. Sie Lange galten die Sacklers allerdings als derem zu lesen war: »Sacklers lie, people
ist in New York am Telefon, und Vertreter eines strahlenden Amerikas. Er- die«. Die Sacklers lügen, Menschen ster-
jede Silbe klingt nach, prägt sich ein, das folgreich, reich, spendabel. Als Purdue ers- ben. Goldin legte sich auf den Boden, war
ist gut, denn sie hat Wichtiges zu sagen. te Prozesse wegen Oxycontin verlor, wirk- umrahmt von diesen Zeilen.
Goldin, geboren 1953, ist eine weltbe- te sich das kaum auf ihren blendenden Ruf Längst hatte sie außerdem die Londoner
rühmte Fotografin. Am kommenden Don- aus. Man nannte sie immer noch lieber National Portrait Gallery wissen lassen,
nerstag wird sie in Hannover eine Aus- Philanthropen als Unternehmer. Mit ihren dass sie dort nicht ausstelle, wenn das Mu-
zeichnung für ihre künstlerische Leistung Spenden bedachten sie Universitäten, aber seum eine Sackler-Spende von mehr als
entgegennehmen. Aber im Augenblick auch viele Museen, in den USA, in Europa. einer Million Euro annähme. Das Museum
führt sie vor allem einen Kampf. Über Im New Yorker Metropolitan Museum, einigte sich mit den Sacklers, dass erst ein-
den will sie reden. im Pariser Louvre, in der Royal Academy mal kein Geld fließen solle.
Eine politische Künstlerin war sie von in London wurden dafür Gebäudeflügel Der Druck wuchs, etliche Museen ha-
Anfang an, aber seit einiger Zeit ist sie zu- nach ihnen benannt. Im Londoner Victoria ben inzwischen gesagt, sie würden auf
dem eine echte Aktivistin, ihr Thema ist die & Albert Museum trägt ein Hof ihren Na- Zuwendungen der Sacklers verzichten –
Opioidkrise (SPIEGEL 33/2017). Die habe, men, im Hyde Park steht die renommierte eben auch das von Hollein geführte Me-
wie sie sagt, in den USA 400 000 Men- Ausstellungshalle Serpentine Gallery – tropolitan Museum.
schen getötet und werde Schätzungen zu- und ihr Ableger, die Serpentine Sackler Goldin verrät, dass sie in Europa bald
folge in den kommenden sechs Jahren wei- Gallery. Viele weitere Institutionen wur- eine weitere Aktion plane, »Aktionen
tere 700 000 umbringen, wenn sich die bis- den beschenkt. sind unsere Art zu kommunizieren«.
herige Entwicklung fortsetze. »Die Durch das Einbeziehen der Öffent-
Menschen sterben und sterben.« lichkeit »machen wir daraus eine
Es ist ein Tod auf Rezept, denn sexy Performance«.
die Schmerzmittel, die in kurzer Sie weiß, wie sie Bilder erzeugt,
Zeit abhängig machen, sind ver- wie sie einer Gesellschaft, oder
schreibungspflichtig. Pharmaunter- zumindest einem Teil davon, die
nehmen hätten »des Profits wegen« Augen öffnet.
ein Interesse daran gehabt, Ärzte Und ihre mächtigen Gegner, die
dazu zu drängen, die Medikamente Sacklers? Der Sackler Trust ist
übermäßig zu verschreiben, sagt eine der mäzenatischen Stiftungen,
Goldin. Sie will nicht, dass dieser die auch der Pflege des Familien-
»riesige« Medizinskandal in Verges- namens dienen. Auf der Website
senheit gerät. hat Theresa Sackler ein Statement
Der Künstlerin selbst wurde – veröffentlicht, sie ist die in England
NAN GOLDIN
Hat er seine
Helden führen würde: in ein Kinderreich des Terrors. Er
nennt es Urfustan.
Urfustan liegt weit, weit im Osten, wird von einem abso-
Frau verspeist?
lutistischen Herrscher namens Zültan Tantal regiert, und
dieser Zültan erwählt aus Gründen, die wir nicht kennen, un-
seren schlurfigen Otto Kwant zu seinem architektonischen
Helden. Er soll ihm und seinem Volk einen fantastischen
»Palast der Demokratie« entwerfen. Bitte sofort.
Literaturkritik Der neue Roman des Berliner Otto ist geschmeichelt, natürlich. Fällt ihm die Verwirkli-
Autors Jochen Schmidt ist eine furiose chung der Träume seines Vaters einfach in den Schoß? An-
Reise in die Terrorwüste des wilden Ostens. dererseits: Er will das ja nicht. Er will ja nichts. Bauen im
Traum. Oder wenn schon etwas Echtes bauen, dann einen
Kinderspielplatz. Das ist seine Utopie, »Gegenentwurf zu
123
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NACHRICHTENCHEF Stefan Weigel MADRID Apartado Postal Número 100 64, Telefon: 040 3007-0, Stichwort »Investigativ«
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MANAGING EDITOR Susanne Amann Gartred Alfeis, Ulrike Boßerhoff, Regine 28080 Madrid, Tel. +34 650652889 Mail (Kontakt über Website): www.spiegel.de/investigativ
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REPORTER Ullrich Fichtner MOSKAU Christian Esch, Glasowskij
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Nachrufe
Mohamed Morsi, 67 der Weitergabe von Staats-
»Das Ersatzrad« war der geheimnissen an Katar zu
spöttische Spitzname, der in 40 Jahren Haft. Menschen-
Ägypten die Runde machte, rechtsgruppen wie Amnesty
nachdem die Muslimbrüder International bezeichneten
im Frühjahr 2012 Mohamed die Prozesse als »Farce«. Bei
Morsi zum Präsidentschafts- einer weiteren Gerichts-
kandidaten gekürt hatten. anhörung am 17. Juni brach
Bei einer Stichwahl setzte er er zusammen. Mohamed
sich knapp gegen Ahmed Morsi verstarb kurz darauf
Schafik durch, einen Vertrau- in einem Krankenhaus in
ten des gestürzten Diktators Kairo. SYD
Hosni Mubarak. Auch viele
Ägypter, die Morsis islamis- Franco Zeffirelli, 96
tische Ideologie eigentlich Der gebürtige Florentiner
STARK-OTTO / ULLSTEIN BILD
Er war eine zentrale Figur der franzö- Massenproteste gaben Ver- sein Adoptivsohn bestritt die
sischen Musik der vergangenen teidigungsminister Abdel Vorwürfe. Franco Zeffirelli
30 Jahre – auch wenn er vor allem Fattah el-Sisi schließlich den starb am 15. Juni in Rom. LOB
wegen seiner großartigen Dance- Vorwand für einen Militär-
Music-Entwürfe bekannt wurde. Das putsch. Die Armee nahm
Album »Pansoul« seines Projekts Morsi fest und stellte ihn vor
Motorbass ist heute ein Klassiker. Er Gericht. Er wurde unter
PHOTOSHOT/ INTERTOPICS
ob der Nachrichtendienst des Millionen Exemplare verkauft BND mal zeigen, wie man die
Landes besonders verschlafen haben. Bereits in den frühen Welt rettet. Vielleicht fällt ja
oder besonders verschlagen Achtzigerjahren wurde einer sogar noch eine saftige
ist. Nun will Hollywoodstar der Malko-Romane verfilmt. Nebenrolle für den wohl be-
Michael Fassbender, 42, In den Agentengeschichten rühmtesten Steirer ab: Arnold
einen österreichischen Spion löst der Held während des Schwarzenegger. LOB
ANNA LOGUE
Filmemacher Manfred Ol- so schnell abstreifen kann
denburg hat den Weltmeister wie ein durchgeschwitztes
von 2014 an mehr als ein Trikot. Während der Film
Jahr lang begleitet und ver- einen stetig wachsenden
sucht, hinter das Geheimnis Chor prominenter Kroos- Der Augenzeuge
seiner Coolness zu kommen Fans – von Robbie Williams
und gleichzeitig den Men-
schen Kroos zu entdecken.
bis Jupp Heynckes, von Ziné-
dine Zidane bis Gareth
Bale – ein donnerndes Halle-
»Es soll wehtun«
luja anstimmen lässt, wirkt Wer in Mannheim Zigarettenstummel, Kaugummis
FILIP SINGER / EPA-EFE / REX / SHUTTERSTOCK
er selbst so abgeklärt, wie oder Verpackungen auf die Straße oder in die
man ihn kennt. Wenn Landschaft wirft, muss seit Anfang April drastische
er erzählt, wie es war, jahre-
Bußgelder zahlen. Das zeige Wirkung, sagt Martin
lang von seinem eigenen
Vater trainiert zu werden, Schmitt, stellvertretender Dienstgruppenleiter im
wird allerdings deutlich spür- »Besonderen Ordnungsdienst« der Stadt.
bar, dass Kroos für seinen
Erfolg einen bedeutenden G »Seit zwei Monaten ist es richtig teuer, in unserer Innen-
Teil seiner Kindheit opfern stadt Kleinstmüll wegzuwerfen. Für Zigarettenstummel,
musste. LOB Pappbecher, Essensreste und Verpackungen werden 75 Euro
Bußgeld fällig, für Kaugummis, Farbdosen, Styropor oder
Hundekot sogar 100 Euro. Dazu kommen Verwaltungs-
anbauen musste. Im Zentrum: gebühren und Auslagekosten von knapp 30 Euro. Im Einzel-
Die Königin von ein große Baumskulptur, fall kann das Bußgeld auch doppelt so hoch ausfallen,
Dollywood in die Parton 620 Schmetter- etwa wenn jemand den Müll nicht aufhebt, nachdem wir
linge aus Acryl hängen ließ, ihn darauf angesprochen haben.
G Es gibt Dinge, die an sich die dort in der Sonne blitzen. Es geht nicht darum, die Stadtkasse aufzufüllen. Die Stadt
schon verrückt genug sind. Sie selbst, sagte Parton nun hat die Bußgelder erhöht, nachdem sie die große Einkaufs-
Dass es etwa in der amerika- der »New York Times«, sei meile, die Planken, das Herzstück der Fußgängerzone, für
nischen Kleinstadt Pigeon in ihrem Park allerdings rund 30 Millionen Euro saniert hatte. Die soll sauber bleiben.
Forge, im Bundesstaat Ten- vorsichtig. »Meine Frisur Wir gehen daher verstärkt zu zweit in Zivil Streife, ein bis
nessee, den Vergnügungs- lasse ich nur von einem zwei Tage pro Woche, zu unterschiedlichen Zeiten. Vor den
park Dollywood gibt, den Mann ruinieren, nicht von Schnellrestaurants oder wenn abends ein Grüppchen Raucher
Dolly Parton, 73, erfunden einer Achterbahn.« RAP unterwegs ist, schauen wir noch genauer hin. Wenn jemand
hat und betreibt, seine Zigarettenkippe einfach wegschnippt, sind wir zur Stelle.
die amerikani- Früher haben wir erst mal mündlich verwarnt, jetzt kostet es.
sche Countrysän- Viele sind dann schockiert, sagen: ›Das ist nicht Ihr Ernst.‹
gerin und Pop- Oder: ›Warum gerade ich?‹ Dann erklären wir, dass es jeden
ikone. Es gibt ihn trifft, den wir erwischen. Das Gute ist, dass das auch anderen
nicht nur, er wird eine Lehre ist. Oft sprechen uns andere Passanten an und
auch noch von reagieren zustimmend. Manche meinen sogar, die Bußgelder
Gästen überlau- seien noch zu niedrig. Es kommen viele positive Zuschriften.
fen. Rund drei Die Bürger wollen eine saubere Innenstadt.
Millionen Men- Manche der Erwischten wollen uns erst nicht ihre Perso-
schen kommen nalien geben. Denen erklären wir dann, dass es noch teurer
jedes Jahr, um wird, wenn wir die Kollegen vom Polizeivollzugsdienst dazu-
Parton auf ihrem holen müssen. Natürlich tut so ein Bußgeld weh – das soll es
Rummel zu auch. Wir kassieren dabei aber nicht selbst, das macht die
AFF-USA / REX FEATURES
feiern. So viele Bußgeldstelle, die setzt auch den Betrag fest. Die Bußgelder
Menschen, dass und Kontrollen wirken schon sichtbar: Wir beobachten, dass
sie nun noch ein- die Leute häufiger die paar Schritte zum Mülleimer gehen,
mal rund 24 000 und die Fußgängerzone sieht sauberer aus als vorher.«
Quadratmeter Aufgezeichnet von Dietmar Hipp
127
»Sind die Grünen erst mal vor den Karren der Wirtschaft
gespannt, werden auch ihre Wähler erkennen, wem die grünen
Visionen auf die Füße und den Geldbeutel fallen.«
Uwe Engelage, Renningen (Baden-Württemberg)
Muster Bienenstaat Die Grünen bereiten sich schon lange auf Kompetenz überstrapaziert
die Zeit der Macht vor, mit einer geradezu
Nr. 25/2019 Operation Kanzleramt Nr. 24/2019 Leitartikel: Der Instabilisator
genialen Methode nach dem Muster Bie-
Weniger Gefühl, mehr Politik – wie sich die
Grünen auf die Macht vorbereiten nenstaat. Die Partei hat sich ihre Klientel Neuwahlen hätten sich über Monate hin-
durch jahrzehntelange Ideologisierung gezogen. Sie hätten vermutlich keine bes-
Insgesamt zehn Journalistinnen und Jour- und Indoktrinierung selbst herangezogen. seren Ergebnisse erbracht, eher noch mehr
nalisten setzen auf den Hype um die Grü- Jetzt kommt ein Quantum Glück und der Kleinteiligkeit. Dem Bundespräsidenten
nen noch einen drauf und möchten uns Mantel des Zeitgeists hinzu. Es könnte Anmaßung vorzuwerfen ist abwegig. Er
Robert Habeck als Kanzler schmackhaft klappen. hat dafür gesorgt, dass Deutschland in der
machen! Kann und will er das überhaupt? Prof. Dr. Uwe Hinrichs, Leipzig Mitte Europas nicht über weitere quälende
Umfrageergebnisse sind Momentaufnah- Monate ohne kräftige Stimme blieb. Ein
men. Die SPD und insbesondere Martin Es ist offensichtlich, dass seit einem Jahr Verdienst für unser Land und Europa!
Schulz können ein Lied davon singen. die bürgerlichen Leitmedien die Grünen Dr. Norbert Kruhme, Hamburg
Wenn es ernst wird, kann passieren, was zur Regierungspartei und zur Kanzler-
in dem Artikel festgestellt wird: Die Leute Endlich wagt es jemand, den Bundesprä-
mögen, was Robert Habeck sagt und wie sidenten zu kritisieren! Richtig: Herr Stein-
er es sagt, wissen aber hinterher nicht meier hat seine Partei par ordre du mufti
mehr ganz genau, wovon die Rede war. in die dritte Große Koalition gezwungen.
Kesse Lola Korrektheit bei anderen kritisiert. Aber Kollhoff beziehungsweise Stimmann ist
das gehört zum Geschäft und gerade in Berlin eine zeitgenössische Architektur
Nr. 24/2019 Der schwarze Kanal –
wohl zu der Funktion, die Sie mit Ihrer gelungen, die nicht durch glasige Gesichts-
Abschiedskolumne von Jan Fleischhauer
Kolumne erfreulicherweise eingenommen losigkeit und Kälte abstößt, sondern zum
Ich habe mich so oft über Sie geärgert, wer haben. Hinschauen und Verweilen einlädt, wie
soll jetzt diese Funktion übernehmen? Martin Heinen, Hannover am Walter-Benjamin-Platz. Jedem Zweif-
Wenn alle meiner Meinung wären (was na- ler sei empfohlen, vor Ort im Sommer mal
türlich vernünftig wäre), würde ich mich Die letzten SPIEGEL-Worte Jan Fleisch- einen Kaffee zu trinken, um sich selbst ein
zu Tode langweilen. Und was bereitet hauers erinnerten mich an »Ich bin die kes- vorurteilsfreies Bild zu machen.
mehr Vergnügen und ist eine größere He- se Lola«. Den aus seiner Perspektive tum- Anna Lena Peters, Hamburg
rausforderung, als wenn jemand eine ent- ben Thoren, von denen er sich trennt oder
gegengesetzte Meinung intelligent und ge- getrennt worden ist, tritt er in die Seite
Architektur hat sich nach Wohn- und Le- Prof. Dr. Albrecht Ritschl, London
bensbedürfnissen zu richten. Der Walter-
Benjamin-Platz ist trotz Springbrunnen Dem wunderbaren Walter Benjamin
eine reine städtische Katastrophe. Ein wünschte ich einen Platz, wie er ihm selbst
Platz ohne Grün, ohne Gras, ohne Schat- vorgeschwebt haben mag: »Diese Plätze
ten von Bäumen. sind glückliche Zufälle, … nicht von langer
Kolumnist Fleischhauer Tina Dreier, Berlin Hand geplant«, sondern »architektoni-
schen Improvisationen« ähnelnd, »Häu-
sermengen, wo sich niedrige Bauten etwas
Korrekturen regellos durcheinander tummeln. Auf die-
zu Heft 25/2019, Seite 11: Angst vor dem Hype sen Plätzen haben die Bäume das Wort.«
Die Berliner Grünen wollen bis 2021 den Anteil der Amts- und Mandatsträger mit Migra- Ludwig Engstler-Barocco, Bonn
tionshintergrund dem der Berliner Bevölkerung anpassen, nicht den Anteil der Mitglieder.
Seite 22: Hoffnung für Geschädigte
Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe
Der Vorsitzende Richter hat sich, anders als berichtet, nicht zur Verjährung von Scha- ([email protected]) gekürzt
densersatzforderungen gegen VW geäußert. sowie digital zu veröffentlichen und unter
Seite 24: Bürger gegen weitere Umsiedlungen www.spiegel.de zu archivieren.
Die Mehrheit der Deutschen wünscht den Erhalt des Hambacher – nicht Hamburger – Forsts.
129
Hohlspiegel JETZT IM HANDEL: Rückspiegel
DER Zitate
DIGITALE
Die »Süddeutsche Zeitung« zu Aussagen
des früheren Bundespräsidenten
Von der Website der »Tiroler Joachim Gauck im SPIEGEL-Gespräch
KUNDE
Tageszeitung« (»Wir müssen lernen, mutiger
intolerant zu sein«, Nr. 25/2019):
Aus dem »Göttinger Tageblatt«: Joachim Gauck … hat wohl einfach seine
»›Ihr Lieblingslied ist das Entchen von Worte nicht abgewogen. Sein Plädoyer für
Tharau – da kann sie alle Strophen eine »erweiterte Toleranz in Richtung
noch mitsingen und hat schon den rechts« wollte er als Unterscheidung
Gesangsverein beeindruckt, als der zu zwischen rechts, rechtsradikal und rechts-
Besuch war‹, so Reinelt.« extremistisch verstanden wissen. Aber
eine solche Unterscheidung wird auch ein
Bundespräsident a. D. nicht mehr durch-
setzen; stattdessen setzt er nur sich selbst
Missverständnissen aus. »Toleranz enthält
das Gebot der Intoleranz gegenüber In-
toleranten.« Das ist ein Satz, den Gauck
Aus der »Süddeutschen Zeitung« im SPIEGEL auch gesagt hat. Und mit dem
alles gesagt gewesen wäre.
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