GA300b PDF
GA300b PDF
Ergänzungen zu den
pädagogischen Grundkursen
Erster Band
Zweiter Band
Dritter Band
Konferenzen
mit den Lehrern
der Freien Waldorfschule in Stuttgart
1919 bis 1924
Zweiter Band
Das dritte und vierte Schuljahr
1975
Den Aufsatz ,,Die pädagogische Grundlage der Waldorfschule" schrieb Rudolf Steiner für
die „Waldorfnachrichten", Stuttgart 1919, Nr. 19. Enthalten in „Aufsätze über die Drei-
gliederung des sozialen Organismus und zur Zeitlage 1915—1921", Bibl.-Nr. 24,
Gesamtausgabe Dornach 1961
Bibliographie-Nr. 300 / 2
Alle Rechte für die Wortlaute Rudolf Steiners bei der Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung,
Dornach / Schweiz
© 1975 by Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung, Dornach / Schweiz
Abdruck, auch auszugsweise, nicht gestattet
Printed in Switzerland by Buchdruckerei Meier + Cie AG Schaffhausen
Dr. Steiner: Nun wäre es gut, wenn heute damit begonnen würde,
daß Sie alles vortrügen, was Sie auf der Seele haben. Morgen wird die
Schulvereinskonferenz nicht so lange dauern, dann kann vielleicht
nachher noch gesagt werden, was gesagt werden muß. Ich möchte
herausbekommen, was aus dem Lehrerkollegium selbst hervorgeht.
X.: Wir haben Samstag Schuleröffnungsfeier. Darüber ist noch nicht gespro-
chen worden.
Dr. Steiner: Die Sache ist schwierig, daß diese zwei Dinge rasch auf-
einander folgen, Schluß und Eröffnung. Haben Sie irgend etwas
gedacht, wie Sie es beginnen möchten?
X.: Wenn wir Herrn Doktor bitten dürften zu sprechen.
Dr. Steiner: Ich werde das ganz gerne tun, daß ich etwas sage. Aber
ich halte es für unbedingt notwendig, wenn wie in der Antwort zur
Frage auch wieder die Klassenlehrer die Kinder ganz kurz empfangen
würden. Und ich weiß nicht, ob man nicht überhaupt das sichtbare
Symbolum des Schulanfangs entwickeln soll. Es macht doch einen
gewissen Eindruck auf die Kinder, wenn die Klassenlehrer ihre Kin-
der empfangen, und auch Repräsentanten für nicht klassenmäßige
Unterrichtsgegenstände, ein Sprachlehrer, ein Eurythmielehrer, ein
Handfertigkeitslehrer, eine Handarbeitslehrerin. Es ist eine etwas
lange Galerie. Es macht einen gewissen Eindruck, wenn man ihnen
ein beherztes Wort am Anfang sagt. Sie werden sehendes macht einen
Eindruck. Ich will die Ansprache zuerst machen, dann könnte sich
das daranschließen, und dann — wäre es ganz unmöglich, daß doch
irgend etwas den Kindern auch musikalisch entgegenklingt? Daß
man etwas spielt als Schluß der Feier? Es wäre schön, wenn die Feier
musikalisch ausklingen würde.
X..# Wir können etwas singen.
Dr. Steiner: So würde ich es schon meinen.
Es wird nach der Klassenverteilung gefragt.
Dr. Steiner: Das ist keine leichte Frage. Einige der neuen Klassen-
lehrer haben wir schon ganz fest, andere werden erst später eintreten
können. Fräulein Düberg wird die Klasse la übernehmen, Fräulein
v. Grunelius die 3b und Herr Ruhtenberg die 5b.
Dann käme die 8., 9. und 10. Klasse. Es wird sich nicht leicht
machen lassen, auch da, wie es sonst wünschenswert wäre, das bis-
herige System beizubehalten.
(Zu Herrn X.): Würde es Ihnen möglich sein, da auch Mechanik und
Feldmessen mit Situationszeichnen zu machen? Es wäre doch wohl
wünschenswert, wenn wir es so einrichten könnten, daß wir in der
10. Klasse drei Lehrer hätten; das würde nach sich ziehen, daß wir
auch in der 9. Klasse drei Lehrer hätten. Es wäre gut, wenn wir die
letzten drei Klassen so fuhren, daß drei Lehrer sie versorgen.
Bei Dr. Schwebsch ist es so, daß wir ihn noch ersetzen müssen bis
Anfang Juli. Wir haben sehr wenig Lehrkräfte. Es fehlt der Englert.
Dr. Kolisko wird erst im Herbst eintreten.
Wie wir den Stoff verteilen, das würde so sein, daß — ich hätte eigent-
lich am liebsten vier Lehrer für diese drei Klassen. Es wird vorläufig
nicht gehen. Was möchten Sie am liebsten unterrichten, Dr. Stein?
X.: Mir wäre am liebsten, wenn Herr Doktor mir eine Aufgabe stellen würde.
Dr. Steiner: Ich meine, Sie sollten bei diesen Dingen bleiben, bei
denen Sie gewesen sind: die Literaturgeschichte übernehmen und
dazu noch die Geschichte in der 10. Klasse. Also Literatur und die
deutsche Sprache in allen dreien, Geschichte in der 10. Klasse. Dann
würde ich meinen, die Geschichte für die 8. und 9. Klasse übernimmt
der Dr. X., und Sie, Herr Y., die Fächer, die da sind Mathematik,
Physik und Naturwissenschaften für die drei Klassen, und dann für
die 10. Klasse Mechanik und Feldmessen, Situationszeichnen. —
Nur ist da eine Schwierigkeit, das ist nur der dritte Teil der Zeit. Wir
machen keinen Stundenplan, bestimmen nur die Zeit für jedes
Fach. — Ich habe vier Lehrer gewollt, es läßt sich jetzt noch nicht
einrichten. Für Turnen den jungen Englert ausprobieren.
X.; Ich hatte damit gerechnet, daß ich die Lebenskunde in einer der höheren
Klassen übernehmen sollte oder beim Unterricht für bereits Entlassene.
Dr. Steiner: Die Lebenskunde kommt erst in der 11. Klasse. Sie sind
Elektriker. Es müßte jemand Spinnerei und Weberei unterrichten,
das ist ein besonderer Lehrgegenstand in der technischen Hoch-
schule. Das können auch unsere Leute vom Forschungsinstitut
machen.
X.: Ich kann das lernen.
Dr. Steiner (zu Dr. Kolisko): Wenn Sie im Oktober eintreten, so
könnten Sie doch Gesundheitslehre und Verbandslehre in der
10. Klasse übernehmen; das müssen wir haben.
Jetzt bliebe nur noch die Vertretung für die ib. (Zu Frau Stein, die
einige Monate beurlaubt gewesen war:) Sie wollen wieder in die
Eurythmie. Könnten Sie nicht einmal für sechs Wochen die
1. Klasse b übernehmen? Ihr Dialekt ist das einzige Bedenken, das
nehmen die Kinder an.* Vielleicht ist es die beste Lösung, wenn wir
Dr. Schubert bitten, diese Vertretung in der 1b zu übernehmen.
* Frau Stein war Ungarin.
Für den Religionsunterricht habe ich viel gesucht, ich finde nieman-
den. Es ist notwendig, daß die Kinder nach den Klassen verteilt
werden. Ich möchte vermeiden, daß der Religionsunterricht als
irgend etwas in die Schule Eingereihtes erscheint.
Es wird die Verteilung des Sprachunterrichts besprochen. Dabei wird
erwähnt, daß in einigen Gruppen des altsprachlichen Unterrichts nur wenige
Kinder sind.
Dr. Steiner: Wenn Sie auch nur einen haben, wenn nur einer da ist,
muß er unterrichtet werden. Das nutzt nichts, das muß eben sein. Im
Herbst kommt Fräulein Dr. Röschl, da werden wir die Sache kräftig
in Angriff nehmen können. Über den Lehrplan sprechen wir noch.
Wir werden erst in der 5. Klasse anfangen.
Im Handarbeitsunterricht, da können wir nur die 10. Klasse dazu-
nehmen und müssen es immer künstlerischer und künstlerischer
machen.
Es wird über die Belastung der einzelnen Lehrer gesprochen.
Dr. Steiner: Herr X. hat 22 Stunden, das ist zuviel; ebenso Herr Y,
mit 24 Stunden. Herr Z. könnte noch mehr übernehmen, er hat
16 Stunden. Herr V. hat mit 22 Stunden auch reichlich viel.
Es wird nun gefragt nach dem Zusammenhang der verschiedenen inneren
Organe des Menschen mit anderen Epochen der Geschichte.*
* Vier Tage zuvor hatte Dr. Steiner am Schluß des ersten Vortrages des Kur-
ses über „Menschenerkenntnis und Unterrichtsgestaltung" gesagt, bei der
Funktion der Leber könne der Lehrer lernen, wie die Geschichte des späte-
ren Ägypten zu behandeln sei.
Dr. Steiner: Man sollte das nicht furchtbar bewußt machen. Wenn
man es zu bewußt macht, dann würde man etwas Erzwungenes tun.
Ich würde das lieber dem überlassen, daß der Geschichtslehrer sich
eine Kenntnis des menschlichen Organismus anschaffen soll. Dann
wird er schon auf das Organ kommen, das die Stimmung gibt.
Es ist noch nicht überall genug Lebendigkeit im Unterricht darin. Sie
Dr. Steiner: Meine lieben Freunde, wir haben uns zu sorgen über die
9. Klasse. Nachdem ich mir das Ergebnis dessen, was wir gestern
besprochen haben, gründlicher angesehen habe, erscheint es mir
doch nicht möglich, daß wir den Unterricht besorgen, wenn wir
einzelne Lehrer wie Dr. Schubert so überlasten, wie es ohne Zweifel
hier der Fall wäre. Es scheint mir doch notwendig, noch eine Lehr-
kraft anzustellen für die 1. Klasse b, und da scheint es mir gut, Frau
Dr. Plinke dafür als Waldorflehrerin anzustellen. Sie war gerade
heute da; ich hatte mich schon vor einigen Tagen um sie erkundigt,
konnte aber nicht einmal etwas Richtiges erfahren über ihren Auf-
enthalt. Ich würde dann meinen, daß sie die 1. Klasse b zu überneh-
men hätte, und dann würde sich die Arbeit von Schubert in einer
anderen Weise gestalten.
Nun haben wir für den Lehrplan der 10. Klasse das Folgende zu
bedenken. Wir werden da zunächst so etwas wie deutsche Sprache
und Literatur zu berücksichtigen haben. Nun, nicht wahr, es würde
wohl die Fortsetzung dessen sein, was Sie in der 9. Klasse hatten.
X,: Ich habe Jean Paul gelesen.
Dr. Steiner: Sie haben Jean Paul durchgenommen und sind damit
fertig.
X.: Das Kapitel über Humor, das als Aufgabe gestellt war, hat seinen Ab-
schluß gefunden.
Dr. Steiner: Nun würde es sich darum handeln, daß Sie jetzt begin-
nen und weiter fortsetzen eine etwas zusammenhängende Darstel-
lung dessen, was man als Metrik und Poetik bezeichnet. Die Kinder
werden auf Grundlage dessen, was sie in Anlehnung an Jean Paul
gelernt haben, auf manches eingehen können. Es muß vermieden
werden die gewöhnliche pedantische Schulmethode, die da sonst
eingehalten wird. Es muß also in lebendiger Weise, in Anlehnung an
lebendige Dichtung Metrik und Poetik, was man gewöhnlich so
nennt, ins Vernünftige umgesetzt behandelt werden.
Dann würde in dieser Klasse durchzunehmen sein das Nibelungenlied
und Gudrun. Womöglich dahin arbeiten, daß man es in der mittel-
hochdeutschen Sprache durchnimmt. Man würde es so machen, daß,
soviel die Zeit gestattet, man mittelhochdeutsch durchnimmt, aber
auch das ganze Milieu bespricht, aus dem die Dichtung gewachsen
Dr. Steiner: Es ist jedes gleich gut und gleich schlecht. Sehen Sie
nach bei der Sammlung Göschen in einer der schlechtesten Metho-
den, damit Sie die Aufeinanderfolge der Begriffe haben. Es gibt
keine gute deutsche Metrik und Poetik; Bartsch, Lachmann. — Nibe-
lungenlied, von Simrock verdeutscht; er hat versucht sich daran zu
halten.
Die Elemente habe ich gegeben in einem Vortrag in Dornach. Ich
habe da die Metrik aus dem Zusammenstimmen zwischen Pulsschlag
und Atmung physiologisch begründet. Man kann den Hexameter
studieren, wenn man die Zäsur dazunimmt, als Zusammenklang von
Pulsschlag und Atmung. Es ist heute nicht möglich, daß wir die
metrische Theorie entwickeln.
Nun wäre zu wünschen, daß es so gemacht würde in der 8., 9.,
10. Klasse, daß von denjenigen Lehrern, welche beschäftigt sind als
Hauptlehrer, abgewechselt würde . . .,
X.: Das ist gemacht worden!
Dr. Steiner:. . , so, daß also, wenn einer um acht Uhr anfängt in der
10. Klasse, so muß ein anderer in der 9. und 8. anfangen. Wochen-
weise wechseln wird nicht gut sein. Man muß doch längere Zeit
verwenden für ein solches Kapitel. Wir haben das Prinzip, ein Kapitel
durchzunehmen und so lange dabei zu bleiben, als es geht. Ver-
suchen Sie, daß sich das dann verteilen läßt! Dazu wird es notwendig
sein, daß man noch gerade für diese drei Klassen Dr. Schwebsch als
vierten verwenden wird, wenn er kommt. Für die übrigen Dinge
bleibt der Lehrplan so, wie er war, durch alle Klassen hindurch. Es
wird also jetzt möglich sein, daß Schubert die Gesamtgeschichte
unterrichtet, weil die lb für ihn wegfällt.
Nun käme Geschichte in der 10. Klasse. Da handelt es sich darum,
für den ökonomischen Unterricht das recht gut vorzubereiten. In der
Dr. Steiner: Man kann den Begriff des ir beibringen. — Wenn man
den Begriff beibringt, dann kann es sich nicht darum handeln, daß sie
Theorien über Dezimalien bekommen. Sie können die Zahl ?r bis zu
einer Dezimalstelle kennenlernen.
X.: Wir haben die Ableitung der Zahl 7T aus dem Umfang der eingeschriebenen
und umgeschriebenen Vielecke des Kreises gemacht.
Dr. Steiner: Es würde sich jetzt darum handeln, daß die Kinder die
ersten Elemente der ebenen Trigonometrie kennenlernen. Ich
glaube, das können wir zunächst als Pensum betrachten. Dann
kommt die Deskriptive. Wie weit sind Sie gekommen?
X,: Daß sie die Darstellung von sich durchdringenden Ebenen und Flächen
verstanden haben. Zwei Dreiecksflächen, die sich durchdringen, das würden
die Kinder als Aufgabe schon lösen können. Auch daß sie aufsuchen könnten
den Durchdringungspunkt einer Geraden mit einer Ebene.
Dr. Steiner: Das ist vielleicht nicht notwendig. — Man müßte eigent-
lich die Methode so machen, daß man ausgeht von der Projektion,
Orthogonalprojektion, daß man von der Projektion ausgeht,
Punkt — Gerade, daß man die Darstellung der Ebene nimmt, der
Ebene als Ebene, nicht der Ebene als Dreieck.
Es müßte dann angeschlossen werden die Lehre von den Ebenen und
Schnitten zweier Ebenen. Und dann, nicht wahr, die daran anschlie-
ßenden ersten Elemente der Lagengeometrie. Vor allen Dingen brin-
gen Sie den Kindern Begriffe bei von der Dualität. Sie brauchen nur
die allerersten Dinge beizubringen.
X.: Im Zusammenhang mit der Trigonometrie wird es freilich schon notwen-
dig sein, auf Logarithmen einzugehen.
Dr. Steiner: Den Begriff des Logarithmus haben sie noch gar nicht?
Das muß natürlich eigentlich mitgenommen werden in der Mathe-
matik. Das gehört noch hinein. Sie werden nur die Grundbegriffe
kennen: Sinus, Cosinus, Tangens. Ein paar Sätze, das kann für sich
genommen werden. Ein paar von diesen Beziehungen, daß sie anfan-
gen zu begreifen: sin2 a + cos2 a = 1, möglichst anschaulich zu
begreifen.
X.: Sollte es angestrebt werden, die Logarithmenlehre schon in der 9. Klasse
anzubringen?
Dr. Steiner: Es genügt, wenn sie mit Logarithmen so weit kommen,
daß sie einfache logarithmische Rechnungen ausführen können.
Dann haben wir Physik.
X.: Ich sollte bis zur Lokomotive kommen und zum Telephon.
Dr. Steiner: Das sollte das Ziel sein, so daß die Kinder einmal das
Gesamtgebiet der Physik durchgenommen haben.
X. sagt, was er durchgenommen hat.
Dr. Steiner: Das scheint mir cum grano salis zu sein, daß wir die
ganze Physik durchgenommen haben. Es wäre die Zeit, wo man alles
durchgenommen haben müßte. Es genügt, wenn die Kinder Vorstel-
lungen davon haben.
X..- Am wenigsten behandelt ist die Mechanik.
Dr. Steiner: Dazu ist jetzt gerade die richtige Zeit. Man müßte mit
Dr. Steiner: Wir werden nicht nötig haben durch alle Klassen soviel
Sprachstunden zu haben, wie wir bisher hatten. Wir brauchen in der
10. nicht mehr so viel Englisch und Französisch. Das ist gar nicht
nötig. Sprachunterricht haben wir in bezug auf die modernen Spra-
chen zuviel. Wenn wir es in den unteren Klassen so reichlich treiben,
wie wir es gemacht haben, dann haben wir es nicht nötig, in den
höheren Klassen so viel zu treiben. Der Sprachunterricht kann zeit-
lich eingeschränkt werden.
In der Naturgeschichte hätten wir vor allen Dingen jetzt eine gewisse
Betrachtung des Mineralischen nötig. Wir würden in der 10. Klasse
jetzt kommen zu einer Betrachtung des Menschen. Und Mineralogie
muß gemacht werden. Wir müssen jetzt Mineralogie durchnehmen.
X.: Was sollte in der Anthropologie behandelt werden in der 10. Klasse?
Dr. Steiner: Man könnte den „Cid" lesen. Man müßte sie dahin brin-
gen, daß sie französische klassische Poesie anfangen würden zu ver-
stehen. Moliere später. Ich würde vorziehen, nicht von einem zum
anderen zu eilen. Wenn Ihnen das sympathisch ist, den „Cid" ganz
durchnehmen. Wir können im Verlauf des Jahres weiteres an-
schließen.
X.: Was soll im Englischen gemacht werden? Ich habe die ganze Vor-
geschichte des im Text Erzählten durchgenommen.
Dr. Steiner: Das wird man fortsetzen. Dann versuchen, ob die Kin-
der irgendwie eine Satzreihe daraus frei darstellen können als selb-
ständige schriftstellerische Arbeit. Ich möchte Ihnen verraten, daß es
unter Schülern solche gibt bei diesem Sprachunterricht, die glauben,
sie können es besser als die Lehrer. Es ist eine Erscheinung, die nicht
schwer zu konstatieren ist. Es wird selten ein Lehrer einer fremden
Sprache akzeptiert, wenn er nicht Ausländer ist und das Sprechen
mit Akzent hat. Man muß ein bißchen achtgeben. Es ist eine schwie-
rige Frage, und wir werden uns prinzipiell auf den Standpunkt stel-
len, es kommt mit der Zeit.
Man überlastet die Schüler, wenn man nicht sehr ökonomisch arbei-
tet. Deshalb muß man vermeiden, Zeit zu verlieren. Es darf nicht
manches so genommen werden, als wenn man endlos Zeit hätte. Das
ist doch schon zutage getreten, daß man zuviel darauf rechnet, daß
man endlos Zeit hat.
X. fragt, ob er Dickens lesen soll.
Dr. Steiner: Die Lehrpläne, die wir bisher ausgearbeitet haben, sind
schon gut. Jetzt bleibt uns noch Lateinisch und Griechisch. Was
können die Kinder im Lateinischen und Griechischen?
X.; Ovid, nicht immer übersetzen.
Dr. Steiner: Das muß fortgesetzt werden. Sie müssen jetzt so weit
kommen, daß sie einfache Sachen verstehen im Griechischen.
Lateinisch und Griechisch sollten wir so viel geben, als wir können.
Es kommt nicht so darauf an, daß man dies abgezirkelte Verfahren
hat, wie man es am Gymnasium hat. Das ist Unsinn. Man muß auf
Lateinisch und Griechisch etwas mehr, auf neuere Sprachen etwas
weniger Gewicht legen. In den unteren Klassen so weit kommen, daß
man nicht nötig hat, später zuviel Zeit zu verwenden. Wir haben
doch die Aufgabe, möglichst vielen Schülern es plausibel zu machen,
daß es etwas Schönes ist. Ich kann nicht begreifen, daß nicht mehr
Jungens sind, die es lernen wollen. In den oberen Klassen etwas mehr
Stunden für Lateinisch-Griechisch.
X..- . . .
sagen, sintemalen wenn ein einzelner Lehrer nicht alt genug ist.
Abendvorträge, ein bis zwei Stunden für die, welche die 9. oder
8. Klasse absolviert und die Schule verlassen haben. Was sie praktisch
zu lernen haben, das lernen die Kinder draußen. Um das Heil der
Kinder würde man sich aber Verdienste erwerben, wenn man sie in
Ästhetik, Kunstgeschichte und Literaturgeschichte unterrichten
würde.
Im freien Religionsunterricht haben wir es noch nicht bis dahin
gebracht, daß wir mit den Kindern die Psalmen gemacht haben. Das
müßte bei den Zehnjährigen sein, daß sie den Psalm verstehen. Den
ganzen Stoff besprechen, der im Psalm enthalten ist; eine Art innerer
Betrachtung, was im Psalm enthalten ist, so daß man es krönen kann
mit dem Absingen des Psalmes.
X.: Was soll ich jetzt nehmen? Aus den Märchen komme ich heraus.
Dr. Steiner: Man darf nicht glauben, daß man den Christus weglassen
kann, das darf nicht sein.
X.: Ich hatte Geschichte des Alten Testaments.
Dr. Steiner: Nicht ausschließlich Geschichte des Alten Testaments.
X.: Womit soll ich in der 1. Klasse beginnen?
Dr. Steiner: Dies ebensogut mit der Rechnung wie mit anderen Din-
gen.
Es wird gefragt, wie man den Geschäftsaufsatz behandeln soll.
Dr. Steiner: Ich habe gebeten, daß ein kleinerer Auftrag ausgeführt
wurde vom Kommenden Tag, und ich habe gestern die Mitteilung
bekommen. Ich habe erklärt, daß ich eine solche Sache nicht
annehme. Man muß daraus entnehmen können, was geschehen ist.
Man kann gewöhnlich nicht entnehmen, was geschehen ist. Erstens
war die Adresse falsch, zweitens, statt desjenigen, was ich erfahren
wollte, ob die Sache von einem Ort auf den anderen überwiesen war,
stand Verschiedenes da; das dritte, was mich nicht interessierte,
stand da, daß ein Konto belastet ist. Was ich entnehmen wollte, ob
der Auftrag ausgeführt ist, das konnte man nicht entnehmen. Es war
nicht zu entnehmen aus der Rückantwort. Es war eine andere
Adresse angegeben. Das rührt von der Oberflächlichkeit her, weil
man nicht bedenkt, daß die Dinge exakt sein müssen.
Man braucht nur das zum Ausdruck zu bringen, was geschehen soll.
Man muß versuchen, den Fall, das Laufen eines Geschäftsverhältnis-
ses zu erfassen, und dann daraus die Dinge schreiben. Das ist auf
kritische Weise am besten zu machen. Versuchen Sie solche Proben.
Versuchen Sie dahinter zu kommen, was das Kauderwelsch sagen
will, und versuchen Sie, es auf eine ordentliche Stilisierung zu brin-
gen.
Geschäftsaufsatz: Wenn Sie in einem Geschäft irgendein fachmänni-
sches Urteil brauchen über etwas und Sie verlangen ein Gutachten —
ein Gutachten ist ein Geschäftsaufsatz. Informationen, Agenten-
berichte, das ist ein Geschäftsaufsatz. So furchtbar schlimm ist es
nicht, wenn man etwas unrichtig macht. Wer überhaupt etwas kann,
der findet sich eher hinein, als wer gar nichts kann. Diejenigen, die es
machen, können es meist auch nicht.
Irgendeine naive Ausdrucksweise ist besser als Kaufmannsstil. Ich
kann die Beispiele, die ich erfahren habe, Ihnen nicht wiederholen;
sie sind etwas Schreckliches. Man verdirbt sich die Zunge dabei. Es
ist gar nicht so schreckhaft, man braucht nur den Fall aufzufassen
und wiederzugeben. Es kann jeder ihn verstehen. Es ist nicht im
Kaufmännischen allein. Lesen Sie ein juristisches Gutachten, ein
Urteil. Ich habe gelesen: Eine Eisenbahn ist eine gradlinige oder
krummlinige Fortbewegung in einer Ebene oder in einer von der
Ebene weniger oder mehr abweichenden Niveauhöhe mit dem gewis-
sen Ziel und so weiter. — Es waren sechzehn Zeilen.
Immer beachten, wenn wir so die Lehrpläne gestalten, wie sie heraus-
geholt sind aus der Natur des Kindes.
Darauf Rücksicht nehmen, wenn ein Schulrat kommt, daß er nicht
findet, daß keine einzige Frage beantwortet wird. Es kann stattfin-
den, daß seine Fragen so sind, daß die Kinder keine Frage beantwor-
ten. Wir müssen so zu Werke gehen, daß die Kinder auch törichte
Sachen behandeln können. Wir wollen den Lehrplan strikte einhal-
ten. Die Kinder veranlassen, daß sie mit dem Ende des 3., 6. Jahres
das wissen, was gefragt werden könnte, ohne daß wir sie vorbereiten.
Nicht daß es geht wie bei jenem Lehrer, der jedes Kind nur auf eine
bestimmte Frage eingedrillt hatte. Der Schulrat fragte: Glaubst du
an Gott? — Ich glaube an Gott. — Glaubst du auch an Jesus Chri-
stus? — Nein; der, der an Jesus Christus glaubt, der hockt dahin-
ten. — Das darf uns nicht passieren.
Wir müssen sehr darauf sehen, daß die Klassenlehrer nicht zu spät in
die Klassen hineinkommen. Das ist die hauptsächliche Veranlassung,
daß die Kinder ins Toben hineinkommen, wenn sie sich selbst über-
lassen sind, und der Lehrer nicht kommt.
X.;. . .
Dr. Steiner (zu einer Lehrerin, deren Klasse geteilt werden sollte):
Sie müßten versuchen, die Trennung so vorzunehmen. Am besten ist
es, wenn man die Kinder kennt, wenn man es versucht, nach seinem
subjektiven Empfinden das, was man für das Beste halten muß, zu
machen. Oder Sie nehmen den Stand von alten Kindern, und die
neue Lehrerin übernimmt die Neuen.
Schülerbibliothek.
Dr. Steiner: Grillparzer, Hamerling, Aspasia möglichst spät. König
von Sion, sobald sie das Geschichtliche durchgenommen haben.
Ahasver kann man sie lesen lassen. Lessing mit fünfzehn Jahren.
Neulich wäre Veranlassung gewesen, wenn man den ,»Zerbrochenen
Krug" gegeben hätte. Man braucht die Preußendramen nicht zu kul-
Dr. Steiner: Der ist erst „a halbeter" Mann, der wächst ja noch. Ist es
so, nicht wahr, daß wir Männer und Frauen in gleicher Zahl bilden?
X.: Die Männer sind in der Überzahl.
Dr. Steiner: Ich bin sehr für den Gleichheitsstandpunkt, aber nicht
wahr, entgegengesetzter Imperialismus, der ist auch gefährlich. —
Nun sollte Fräulein Gertrud Michels auch kommen, als Gärtnerin.
Man könnte ihr telegraphieren.
Über die Schuleröffnungsfeier am kommenden Samstag.
Dr. Steiner: Ich kann zuerst sprechen, dann alle Lehrer. Ich denke
mir, wir machen es mit den Klassenlehrern jeder Klasse und mit
Vertretern der Fachgruppen, der Reihe nach, von oben nach unten.
Es kann von oben herunter gemacht werden, daß es bei der 10.
anfängt. Auch die Fachlehrer sollen reden. 10., 9., 8., Fachlehrer für
Eurythmie, Musik, Sprachen, Handarbeitsunterricht, Handfertig-
keitsunterricht. Wir haben Veranlassung gehabt, jemand vom Mini-
sterium einzuladen. Ich glaube nicht, daß er kommt. Das ist eine
Sache für sich. Es werden andere auch kommen.
Dr. Steiner: Die Schule beginnt am 13. Es wäre notwendig, daß wir
uns zuallererst, nachdem jetzt die Zahl der Lehrkräfte vermehrt ist,
noch einmal über den Schulplan beraten. Nun, gehen wir die Klassen
durch. Haben Sie einen Lehrplan hier? Danach können wir uns
richten.
Es wird definitiv festgestellt, wer in jeder Klasse den Hauptunterricht geben
soll.
Dr. Steiner: Nun würde zuerst die Wiedererrichtung der Hilfskiasse
in Betracht kommen. Die ist notwendig. Es fragt sich nur, wer sie
übernimmt. Ich wäre sehr froh, Dr. Schubert, wenn Sie diese Hilfs-
klasse übernehmen würden. Glauben Sie nicht, daß Sie sterben wer-
den, wenn Sie Ihre alte Klasse nicht mehr haben?
Dr. Schubert: Habe ich es schlecht gemacht?
Dr. Steiner: Nein, die Kinder sind sehr angeregt worden. — Dann
würde ich meinen, daß Dr. Kolisko eintritt für Dr. Schubert mit
Geschichte in den drei obersten Klassen.
Ich würde es gerne haben, wenn Dr. Schwebsch in den letzten drei
Klassen (8., 9., 10.) eine Art ästhetischen Unterricht, Kunstunter-
richt, geben würde, so daß zu den bisherigen drei Lehrern für den
Hauptunterricht in den oberen Klassen Dr. Schwebsch käme, der da
Ästhetik unterrichten würde. Wir haben es zum Teil besprochen. Das
würde nicht fortlaufend sein. Das würde ein Unterricht sein, der sich
hineingliedert durch einige Wochen, Sie würden sich abwechseln, zu
viert.
X..1 Das hätte zur Folge, daß einer von uns eine Zeitlang frei wäre.
Dr. Steiner: Das macht nichts. Für die oberen Klassen ist das eine
Notwendigkeit.
Jetzt müssen wir die Sprachen durchnehmen.
Es wird über die Verteilung des neusprachlichen Unterrichts gesprochen.
Dr. Steiner: Im Lateinischen und Griechischen sollte Dr. Schubert
die jüngeren Kinder übernehmen. Dann würde ich Fräulein
Dr. Röschl bitten, den übrigen lateinischen und griechischen Unter-
richt zu besorgen. Wie wir ihn besorgen, darüber will ich noch reden.
X.: Ist es nicht erwünscht, daß man die Schüler für Lateinisch und Griechisch
den Klassen entsprechend zusammennimmt?
Dr. Steiner: Bei dem Kuddelmuddel kann das nur nach und nach
erzielt werden. Wir können anstreben, daß wir bis zum 16., 17. Jahr
eine Gleichmäßigkeit erreichen. Wir wollen das morgen um Zwei
besprechen. Die im Lateinunterricht entlasteten Lehrer könnten in
der Lehrerbibliothek helfen.
Es war heute die Rede davon, daß man einen Bibliothekar anstellen
will, was ich für einen Wahnsinn halte. Wenn Sie sich damit beschäf-
tigen, dann können Sie mit der ganzen Bibliothek fertig werden. Ich
halte es für einen Wahnsinn. Das Ganze halte ich im Handumdrehen
so in Ordnung, daß nichts vorkommt, in drei Stunden in der Woche.
Wir müssen trachten, ein wenig zu sparen in diesen Zeitläuften. Ich
denke mir, das Lehrerkollegium tut gut daran, sich der Sache zu
widmen. Wir können nicht eine solche Sache machen, einen Biblio-
thekar anzustellen, der mindestens ein Haus mit vielen Stockwerken
haben müßte. Hier ist die Rede von einem phantasievollen Gebilde.
Ein Mensch wie der Dr. R., der würde 30 000 Mark kosten. Diese
30 000 Mark können Sie ersparen, wenn Sie Ihre Freistunden auf die
Schnackerlbibliothek verwenden. Ich denke, daß es so am besten
gehen wird; es handelt sich um das Rationelle.
Vom 26. September bis zum 10. Oktober soll in Dornach der Theo-
logenkurs stattfinden. Hahn, Uehli, Ruhtenberg, Mirbach werden
hinfahren. Da müßte der freie Religionsunterricht ausfallen. Es
müßte dafür eine andere Stunde gegeben werden. Es wäre zum Bei-
spiel interessant, wenn Dr. Schwebsch frei wäre zu dieser Zeit, wenn
er irgend etwas für dieses Alter angemessenes Geschichtliches oder
Kunstgeschichtliches einfügen könnte. Es kann auch etwas anderes
sein.
Ich würde nun bitten, die Dinge vorzubringen, die sich ergeben
haben.
X.: Was für Lektüre könnte ich in der 7. Klasse einführen?
Dr. Steiner: Wir können auf ein paar Neueingetretene nicht Rück-
sicht nehmen und deshalb die ganze Klasse zurückhalten. Diese
weniger Fortgeschrittenen sind alles solche, die nicht ,,Christmas
Carol" lesen können.
Einer der neuen Lehrer: Dickens halte ich für viel zu schwer für diese Stufe.
Ob wir nicht im Sprachunterricht irgendein Lehrbuch einführen?
Dr. Steiner: Suchen Sie Proben, von denen Sie das Gefühl haben, daß
Sie am besten zurecht kommen.
X.: Ich wäre dankbar, wenn Herr Doktor etwas sagen würde über Rhythmik
und Verslehre.
Dr. Steiner: Es ist schwierig, über einzelne Unterrichtsgegenstände
einen Kurs abzuhalten. Wieso finden Sie nichts Vernünftiges?
X.; Das kann ich nicht konkretisieren.
Dr. Steiner: Die Aufgabe ist die, daß die Kinder die Versmaße und
einem leichteren Üben. Nicht wahr, da können Sie das machen, was
Sie voraussetzen, was Sie von einer Hausarbeit verlangen wollen.
X.: Ich habe nicht den Eindruck gehabt, daß auch bei strengerer Anstrengung
in der Mathematik die Kinder ermüden.
Dr. Steiner: Ich würde versuchen — es sind Kinder, die etwa zwi-
schen dem vierzehnten und sechzehnten Jahre stehen —, ich würde
versuchen, den Kindern an wirklichen Beispielen den Begriff des
Schönen, der Kunst als solcher beizubringen; Metamorphosen des
Schönen durch die Stilperioden hindurch: das Griechisch-Schöne,
das Renaissance-Schöne und so weiter. Es ist von besonderer Bedeu-
tung für dieses kindliche Alter, dasjenige, was sonst in einer abstrak-
ten Form herangebracht wird, auszugestalten mit einer gewissen
Konkretheit. Wenn man solche Ästhetiken wie die von Vischer und
Carriere nimmt, das ist wirkliches Stroh in bezug auf die Begriffe.
Aber auf der anderen Seite veredelt es ungemein in bezug auf das
Ideale, wenn das Kind in diesem Alter in die Möglichkeit versetzt
wird, zu verstehen: Was ist das Schöne, was ist das Erhabene? Was ist
das Komische, wie realisiert sich das Komische in der Musik, in der
Dichtung? — Das Gemüt des Kindes ist in dieser Zeit noch nicht so,
daß es mehr allgemeine Begriffe unkonkret aufnimmt. Und deshalb
müßte man gerade in diesem Alter solche Dinge einführen, zum Bei-
spiel: Was heißt deklamieren, was heißt rezitieren?
Ich habe die Entdeckung gemacht, als ich über Deklamieren und
Rezitieren vorgetragen habe, da hat die Mehrzahl der Menschen gar
nicht gewußt, daß es einen Unterschied gibt; die Mehrzahl hat es
nicht gewußt. Wenn Sie die Art nehmen, wie man griechische Verse
vortragen muß, so ist das das Urbild des Rezitierens, weil es auf das
Maß ankommt, auf Länge und Kürze, und auf entsprechendes Aus-
arbeiten. Wenn es aber auf Hoch- und Tiefton ankommt und man das
ausarbeiten muß, was man zugrundelegen muß beim Nibelungen-
lied: das ist das Deklamieren. Wir haben das an einem Beispiel erhär-
tet, bei dem dies ein kühner (feiner?) Unterschied ist, bei der ersten
Gestalt von Goethes „Iphigenie", die er dann umgearbeitet und zu
werden. Sie müssen etwas haben, was sie ganz in Anspruch nimmt.
Man muß ihnen begreiflich machen, daß es etwas ist, vor dessen
Großartigkeit selbst ein Novalis auf den Knien liegen würde.
Namentlich möchte ich ermahnen alle diejenigen, die mit Zeichnen
zu tun haben, Baravalles Dissertation recht gründlich zu studieren.
Ich habe mich auf die verschiedenste Weise bemüht, daraufhinzu-
weisen. Am Kongreß lagen die Dinge da. Diese Dinge sind auch für
die Ästhetik außerordentlich wichtig in der Dissertation von Bara-
valle. Jeder sollte sich damit beschäftigen. Auch der Handarbeits-
unterricht vor allen Dingen, der kann ganz tief beeindruckt werden
von der Dissertation von Baravalle. Ganz gewiß ist vieles darin, was
man gewinnen kann dafür, wie ein Halskragen, ein Gürtel, ein
Strumpfband geformt werden muß nach den Prinzipien dieser
Sache. Halskragen, Gürtel und Strumpfband.
Solch eine Sache wie die von Baravalle — der soll nicht hochmütig
werden —, solch eine Sache, wie diese Dissertation, die ist vor allen
Dingen für die Waldorflehrer von ganz fundamentaler Bedeutung,
weil es das Überführen des Mathematischen ins bildhaft Vorstel-
lungsgemäße zeigt und sehr erleichtert. Das könnte man erweitern.
Dasselbe, was er für die Formen gemacht hat, das läßt sich ähnlich
auch für die Farben machen und sogar für die Tonwelt. Für die
Tonwelt finden Sie manche kleinere Ansätze in Goethes Skizze von
einer Tonlehre in meinem letzten Bande der Kürschner- und Wei-
marer Ausgabe. Diese Tabelle ist ungeheuer inhaltsvoll. Und die
Farbenlehre läßt sich auch in diesem Sinne behandeln.
X: Es läßt sich vielleicht eine Parallele herstellen in der sinnlich-sittlichen
Seite der Tonwelt. Die Farbenempfindung folgt der Anordnung im Spektrum.
Alles, was ins Blaue geht, entspricht den Kreuz-Tonarten, das andere den
B-Tonarten.
Dr. Steiner: Das würde ein schönes Thema sein.
X.: Beim Anschauen der beiden Spektren taucht eine Parallele auf.
Dr. Steiner: Der Gedanke ist fast richtig. Man muß überall die bloße
Analogie vermeiden.
Ich möchte jetzt noch eines sagen in Anknüpfung an das, was
ich schon gesagt habe, was eine anthroposophische Note noch
anschlagen möchte für Sie. Das ist dies: Ich habe Ihnen gesagt,
es ist gut, sich mit der Dissertation Baravalles zu befassen. Ich
möchte erwähnen, daß es überhaupt im allgemeinen aus okkulten
Untergründen heraus für die Belebung des Unterrichts in allen
Fächern eine große Bedeutung hat, wenn ein lebhaftes Interesse
viel gewollt worden ist, das können Sie sicher sein. Fast in allen
Löchern sind die Leute zusammengesessen und haben Konferenzen
abgehalten. Aber das Ganze ist nicht an die Oberfläche getreten. Es
wäre ja gerade wünschenswert gewesen, daß es an die Oberfläche
getreten wäre. Hoffentlich geht die weitere Entwickelung besser.
Dr. Steiner: Es tut mir sehr leid, daß ich nicht lange da sein kann.
Nun wollen wir heute unsere Sachen erledigen.
X. fragt, ob man gewisse pathologische Kinder ablehnen soll. Ob man eine
Probezeit einführen soll.
Dr. Steiner: Die Frage ist erst zu entscheiden, wenn die Fälle analy-
siert werden.
X.: Eines von den Kindern, B. O., hat gestohlen.
Dr. Steiner: Ist das Kind nur verdorben oder pathologisch?
X.: Es ist weitgehend verdorben. Wir fragen uns, ob man es vor anderen Kin-
dern verantworten kann, den B. zu haben.
Dr. Steiner: Man müßte sehen bei dem Jungen, ob er pathologisch
ist. Ich hoffe morgen kurz heraufzukommen. Wir haben ja schon
Kinder gehabt, die gestohlen haben, und wir haben sie noch.
X. spricht über H. M. A. und bittet, sie von den Fremdsprachen zu befreien.
Dr. Steiner: Dieses Kind gibt keinen Anlaß, es nicht in der Schule zu
haben. Für solche Kinder erweist sich eben die Notwendigkeit der
Hilfskiasse.
Wir müssen das machen, Kinder, die etwas lernen sollen, wenn sie
auch pathologisch sind, wollen wir nicht zurückweisen. Etwas ande-
res ist es bei B. Da ist etwas, wo man sagen kann, man kommt schwer
mit ihm zurecht. Wenn er pathologisch ist, müßte er auch in die
Hilfskiasse. Die Frage ist nicht so leicht zu entscheiden. Auch das
läßt sich nicht machen, daß man solche Kinder nach einiger Zeit
wieder heraustut. Annehmen und wieder heraustun, wir kommen
dadurch zu einer spießbürgerlichen Handhabung der ganzen Schul-
führung. Wir werden Spießer, wie die Menschen überhaupt Spießer
sind. Das dürfen wir auf keinen Fall tun, die Kinder aufnehmen und
wieder heraustun. Nicht wahr, solche Kinder wie der B. gibt es nicht
viele. Und wahrscheinlich, wenn man ihn beobachten würde, die
einzelnen Narreteien, die der Junge verrichtet, würde man es noch
signifikanter sehen. Der Fall, wo er seinen Namen falsch angibt, da
ist sicher noch ein Nebenumstand dabei, der die Erklärung ist.
X.: Er hat einen schlechten Einfluß auf andere. Wenn er dabei ist, geben sie
sich anders.
Dr. Steiner: Das tun sie schon; die Ansteckung ist sehr groß. Es wird
nicht leicht sein, einen Aufnahmemodus zu finden. Jedenfalls bevor
ich mir die Sache überlege, möchte ich den B. kennenlernen.
Wir haben doch schon Diebstähle gehabt. Wir haben niemals darüber
nachgedacht, ob man die Kinder haben soll oder nicht. Was sollen
wir für Kriterien aufstellen?
Das Schwierige ist, das Kriterium aufzustellen und einzuhalten.
Dazu würden sich Mittel und Wege finden. Wie soll man die Grenze
setzen zwischen denen, die aristokratisch duckmäuserisch genug
sind für die Waldorfschule, und denjenigen, die nicht dazu würdig
sind? Wie wollen Sie den Diebssinn feststellen? Wir wollen die
Frage vormerken. Fragen sind leichter aufgeworfen als beantwortet.
Erledigt ist die Sache nicht. Ich bin nicht geneigt, solche Fragen
prinzipiell zu beantworten. Die müssen von Fall zu Fall beantwortet
werden.
X,; Die Freie anthroposophische Jugend hat die Lehrerum einen Kurs gebeten.
Dr. Steiner: Im wesentlichen sind es wohl diejenigen, die damals
unten im Zweighaus in der Landhausstraße waren. Es waren schon
ein paarmal solche kleinen Versammlungen. Warum sollten Sie das
nicht machen?
X. bittet um Richtlinien.
Dr. Steiner: Das wäre ganz verdienstvoll, wenn Sie das machen
würden. Aber Sie sollten es mehr im großen pädagogisch halten. Die
meinen doch sicher wohl auch irgend etwas über pädagogisches Den-
ken im allgemeinen. Sie meinen doch sicher nicht pädagogische
Methoden im einzelnen. Mehr kulturpädagogische Dinge. Es ist
heute tatsächlich sehr viel in der Jugend, schon seit dem Beginn des
Jahrhunderts, eigentlich ein paar Jahre früher; es gehen viele Dinge
vor in den unterbewußten Dingen. Die Jugendbewegung hat durch-
aus übersinnliche Gründe. Man muß die Sache sehr ernst nehmen.
Dr. Steiner: Es kommt auf den Charakter an. Wenn jemand ruppig
geartet ist, kann er es wie selbstverständlich treuherzig machen. Es
ist ungeheuer wichtig bei dieser Frage, daß man — gerade deshalb
muß der Punkt herausgehoben werden —, daß man da wirklich erst
dann, wenn es gar nicht zu umgehen ist, irgendwie eingreift, während
man möglichst wenig die Kinder verführen soll dadurch, daß man
jeden solchen Fall mit den Kindern selbst behandelt. Dadurch macht
man sie erst ungezogen. Nehmen Sie einen solchen Fall, der vor-
gekommen ist. Ein Mädchen setzt sich einem großen Knaben auf den
Schoß. Sie können ganz sicher sein, solange es möglich ist, muß eine
solche Sache ignoriert werden. Man muß versuchen, das zu verhin-
dern. Ja nicht so weit gehen, die Kinder auszuzanken. Dann macht
man sie sicher aufmerksam. Diese Sache ist außerordentlich vorsich-
tig zu behandeln. Sonst können Sie es gar nicht wagen, Knaben und
Mädchen untereinander zu unterrichten, wenn Sie nicht vermeiden,
direkt vorzugehen.
In dieser Beziehung hat das materialistische Zeitalter ganz schauder-
hafte Vorurteile zutage gefördert. Es ist gar nicht so selten, daß
Mütter und Väter zu einem kommen und um Rat bitten, weil die
Kinder eine perverse Sexualität entwickeln. Wenn einem das Kind
vorgeführt wird, ist es ein fünfjähriges Kind. Das entwickele eine
perverse Sexualität! Es hat überhaupt noch keine Sexualität. Es ist
ein reiner Wahn. Zum Schluß kommt die Freudsche Theorie heraus,
der das Saugen des Säuglings am Schnuller für eine sexuelle Hand-
lungerklärt.
Es kommt hier wirklich auf ein Taktgefühl an. Es kann zuweilen
etwas sein, was scharf bekämpft werden muß. Bei diesem Punkt
sollte man viel mehr indirekt als direkt vorgehen, sonst macht man
die Kinder erst aufmerksam.
Dagegen wäre es sehr gut, wenn man wirklich Fälle psychologisch
berichtet, in denen die Besprechung berechtigt ist, sich diese Fälle zu
merken. Ich frage, sind schon solche Fälle da? Das scheint mir doch
nicht der Fall zu sein.
X.: Ein Mädchen Z. S. hat einen kleinen Hof um sich.
X.: Einige Lehrer haben eine Sprechstunde für Schüler eingerichtet. Da haben
wir uns über Weltanschauungsfragen unterhalten.
Dr. Steiner: Das ist nicht weiter auffällig, daß die konfessionellen
Kinder nicht kommen. Jedenfalls ist die Sprechstunde gut. Das
können Sie nicht vermeiden, daß sie bei Weltanschauungsfragen
einen anthroposophischen Charakter annimmt. Sie können es im
Religionsunterricht vermeiden, und auch da kaum. In der Sprech-
stunde können Sie es nicht vermeiden. Es ist auch nicht nötig.
Es wird gefragt wegen eines Nachhilfekurses in den Sprachen.
Dr. Steiner: Es ist eine Frage, wieweit es möglich wäre, die Stufen-
folge der Klassen im Sprachunterricht unabhängig zu machen, so daß
ein Kind in bezug auf den Sprachunterricht in der dritten Klasse sein
könnte.
X.: Das würde schwer sein.
Dr. Steiner: Es ist eine Frage, ob sie nicht lösbar ist.
X.; Sprachunterricht in allen Klassen gleichzeitig wird kaum möglich sein.
Deshalb hatten wir vorübergehend an Nachhilfekurse gedacht.
Dr. Steiner: Man kann nach solch einer Richtung das Mögliche tun.
In der Fortbildungsschule in Dornach, da sitzen in sämtlichen Lehr-
gegenständen die Kinder zusammen zwischen acht und achtzehn
Jahren. Eine Dame von flinfundvierzig Jahren sitzt auch dabei. Ich
kann nicht einmal sagen, daß das eine so furchtbar gräßliche Sache
ist. Es ist gar nicht so schlimm. Gestern war schon ein Polizeibüttel
da, der uns die Kinder abnehmen will.
Wir haben keine Möglichkeit, viele Klassen einzurichten. Auf der
einen Seite kann man so etwas tun. Es werden aber die Lehrer mehr
überlastet, als wenn man sich bemühte, über diese kleinen Unzu-
kömmlichkeiten hinwegzukommen.
X.; Es wäre also wünschenswert, daß man die Kinder darin läßt.
Dr. Steiner: Es wäre ein Ideal. Man kann sie extra unterrichten1.
Nicht aus der Klasse herausnehmen. Das wäre auch eine übermäßige
Anstrengung für das Kind. Man kann das tun. Oder sonst müßte man
so vorgehen, daß man die Sprachklassen anders zusammensetzt als
die Gegenstandsklassen.
X.; Das ist ungeheuer schwierig.
Dr. Steiner: Wir können die Zahl der Lehrer nicht leicht vermehren.
Es wird gesprochen über den Kunstunterricht in den oberen Klassen und über
kunstgewerbliche Entwürfe.
Dr. Steiner: Beim Kunstunterricht ist es so, daß man die verschie-
densten Dinge auf die verschiedenste Weise machen kann. Es ist
nicht möglich, zu sagen, das ist ausschließlich gut, das ist ausschließ-
lich schlecht. In Dornach fängt Fräulein van Blommestein an, den
Unterricht aus den Farben heraus zu geben. Sie schaffen dadurch in
einer guten Weise. Wir haben gesehen, daß es einen guten Einfluß
ausübt. Wir lassen sie Farben auftragen, so daß das Kind nur in der
elementaren Farbenphantasie aufträgt. Man sagt zum Beispiel dem
Kinde: Du hast hier in der Mitte deines bemalten Blattes einen gel-
ben Fleck. Mach ihn blau. Mach das ganze Bild so, daß alle anderen
Farben auch danach geändert sind. — Ein gründliches Farbenvertie-
fen kommt dann heraus, wenn das Kind eine Farbe verändern muß
und alles andere danach richten muß, zum Beispiel auf einer Tasche
oder irgend etwas anderem, dieses dann ausnäht und ausstickt, so
daß das Betreffende gerade am rechten Fleck sitzt. Diese Dinge, die
Sie erzählt haben, laufen alle darauf hinaus, die Sachen so zu
machen, und das ist ganz gut. Man kann nur nicht sagen, von welcher
Klasse an. Am meisten Erfolg hat man, wenn man es von der niedrig-
sten Klasse an macht, und dann den Schreibunterricht erst heraus-
entwickeln läßt.
X.: Würde sich der Klassenlehrer nicht mit dem Handwerkslehrer wider-
sprechen?
Dr. Steiner: Es ist nur zu berücksichtigen, daß derjenige, der den
Kunstunterricht erteilt, sich bewußt sein muß, diese Kinder haben
das schon als ganz kleine Kinder gemacht. Heute kann man es so
machen, wie Sie es gesagt haben. Später muß man das Bewußtsein
haben, was die Kinder schon durchgemacht haben. Heute müssen Sie
erst die Geschmacklosigkeiten herauskriegen. In dieser Beziehung
haben die Leute nicht Gelegenheit gehabt, viel zu lernen. Es gibt
Menschen, die sticken etwas, aber das, was sie daraufsticken, könnte
ebensogut auf etwas anderem daraufsein.
X.: Ich war nicht einverstanden, daß in der Handarbeitsstunde gemalt wird in
meiner 3. Klasse.
Dr. Steiner: Wenn die Kinder in der 3. Klasse ihre Malereien machen,
so machen sie dies im Handarbeitsunterricht erst in der 8. Klasse.
X.: Ich meinte, daß die Kinder zu jung sind, um künstlerische Entwürfe zu
machen.
Dr. Steiner: Vielleicht läßt es sich doch so machen, daß nur je ein
Drittel Handwerksunterricht haben.
Der einzige Unterricht, der durch mangelnde Konzentration weniger
leidet, ist der Sprach-Übungsunterricht. Der leidet am wenigsten.
Der Klassenunterricht und künstlerische Unterricht, der leidet nicht
nur psychologisch betrachtet; es wird direkt etwas verdorben, in der
Menschennatur wird etwas verdorben, wenn der Unterricht zer-
stückelt wird durch mangelnde Konzentration.
Handarbeit, Stricken, Häkeln, das brauchen die Kinder nicht acht
Tage lang zu machen. Später, dann kann man es machen. Man sollte
Dr. Steiner: Dann ist jede Woche die Schwierigkeit, wer es gut
macht.
X. schlägt Herrn N. vor.
Dr. Steiner: Gewiß. Es ist eine schwere Sache, wie die Papstwahl.
X.: Mir ist jeder andere recht.
Dr. Steiner: Dann kann man über den Modus nachdenken. Ich würde
niemals es wagen, von mir aus den zu bezeichnen, der es machen soll.
X.: Einer der drei Herren, die es bei den Kindern machen.
Dr. Steiner: Wenn die Herren anerkannt werden, ohne daß eine
innere Wimper zuckt. Eine Handlung — entweder ist sie bloß eine
Formsache, dann können Sie sie gemeinschaftlich machen und ein-
führen, oder sie ist eine rituelle Handlung; das muß tiefer Ernst sein.
Da kann man keine Rankünen haben.
Ein weiterer Lehrer spricht darüber.
Dr. Steiner: Jetzt höre ich auf, die Sache zu begreifen. Jetzt verstehe
ich nichts mehr davon.
Ein Kultus ist esoterisch. Ein Kultus ist das Esoterischeste, was man
sich denken kann. — Was Sie gesagt haben, bezieht sich wohl darauf,
daß man über ein Ritual nicht demokratisch abstimmen kann. Natür-
lich kann ein Ritual, wenn es einmal da ist, von einem Kollegium
gepflegt werden. Dann müßte das Kollegium einig sein.
X.: Ich war der Meinung, daß keinerlei Autorität angewendet werden dürfe
den einzelnen gegenüber.
Dr. Steiner: Das habe ich im Sinne. Gerade wie das Ritual für die
Kinder eingeführt wurde. Das wäre gar nicht die Aufgabe der Wal-
dorf schule.
Es ist eben die Frage, ob so etwas, was, nicht wahr, in einem gewissen
Sinne so sorgfältig aufgebaut werden muß, nicht etwas ist, was vom
Lehrerkollegium als solchem sehr schwer ausgehen kann und im
Kollegium als solchem sehr schwer einheitlich gepflegt werden kann.
Setzen Sie voraus, es seien jetzt alle einverstanden. Das nächste Mal
würde man darauf beschränkt sein, nur die ins Kollegium aufzuneh-
men, die das Einverständnis schon hineintragen. Esoterisch vereini-
gen kann man Menschen, die sich unter dem sachlichen Zeichen
dieser Esoterik vereinigen. Eine Kultushandlung ist nur in esoteri-
schen Kreisen möglich, wenn sie etwas sein soll. Sonst muß man
etwas Meßopferartiges haben. Dazu brauchen Sie aber gerade wie-
derum für die, welche es als Unesoterisches haben, denen muß gegen-
überstehen das Esoterische. Sie können nicht Messe lesen ohne Prie-
ster. Beim Esoterischen sollten im inhaltlichen Zeichen sich die
Menschen vereinigen.
Es wird gefragt nach esoterischen Stunden.
Dr. Steiner: Das geht sehr schwer an. Ich habe jetzt, nicht wahr,
immer müssen davon absehen. Sie wissen, es gab genügend Esoteri-
sches Vorjahren. Ich habe davon müssen absehen, weil die Esoterik
in schändlicher Weise mißbraucht worden ist. Es ist alles Esoterische
einfach hinausgetragen worden in die Welt und wird entstellt. In
dieser Beziehung ist etwas so Schändliches nie vorgekommen, als
gerade in unserer esoterischen Bewegung. Es war immer jeder Esote-
rik gegenüber, und selbst wenn es anrüchige Sachen waren, dies, daß
es intim gehalten worden ist. Das hat immer über viele Zeiten hin-
übergewirkt. In die Anthroposophische Gesellschaft ist eben das
Cliquenwesen eingedrungen, und das Cliquenwesen hat sich inner-
halb der Gesellschaft über alles gesetzt, leider auch über die Esoterik.
Es gibt nicht dies: die anthroposophische Sache als solche in erster
Linie zu betrachten, sondern die Cliqueninteressen sind fortwährend
die, die das durchkreuzen. Es zersplittert die anthroposophische
Bewegung sich in lauter Cliquen. Nicht wahr, dadurch ist es in man-
cher Beziehung schlechter als in der außeresoterischen Welt. Ohne
daß ich irgendwie Unverständnis ausdrücken wollte für das Histo-
rische der Sache. Aber denken Sie sich, was erlebt man in der ganzen
äußerlichen bourgeoisen Welt, unter richtigen Philistern? Wenn
irgendein Geheimer Hofrat aus einer Stadt in die andere versetzt
wird, dann muß er zu den Leuten mit der entgegengesetzten Gesin-
nung mit großer Gelassenheit gehen und überall seine Antritts-
besuche machen. Aber in der Anthroposophischen Gesellschaft gibt
es dies: wenn einer in eine Stadt kommt, wo mehrere Zweige sind, da
kann es ihm passieren, daß er denkt: wenn mehrere Zweige da sind,
um so besser, dann kann er in jeden hineingehen. Aber wenn er in
dem einen war, wird er in dem anderen fortgeschickt. Der ahnungs-
lose, naive Mensch denkt sich, er kann überall hineingehen. Es gibt
doch Städte, in denen mehrere anthroposophische Zweige sind, die
einander so behandeln.
Dr. Steiner: Ich wollte, daß wir ganz kurz die notwendigen Fragen,
die Ihnen auf der Seele liegen, besprechen können, und deshalb
habe ich Sie gebeten, hierherzukommen. Sind vielleicht doch lau-
fende Fragen?
X.: Der Schulrat hat sich für Februar angemeldet. Er will einen Unterrichts-
bericht haben.
Dr. Steiner: Für solche Fälle — er ist in der 10. Klasse, natürlich kann
so etwas für die unteren acht Klassen nicht in Betracht kommen, nur
von der 9. an —, da könnte man die Frage erörtern, ob man Hospi-
tanten nimmt, die eventuell nur einige Stunden hören. Das könnte
gehen. Er würde dann nicht regelrechter Schüler sein, sondern Hospi-
tant. Dies könnte man überhaupt als allgemeine Lösung dieser Frage
betrachten, daß man solche, die in einer ähnlichen Lage sind, als
Hospitanten in der Schule hat.
X.: Soll man den Schüler T. H. in die Hilfskiasse aufnehmen und ihn nach
dem Hauptunterricht einer Klasse zuteilen?
Dr. Steiner: Man nimmt ihn nur in die Hilfskiasse auf und schickt ihn
dann nach zehn Uhr heim.
X.: Die Freie anthroposophische Jugend hat angefragt wegen eines pädagogi-
schen Kurses in Jena zu Ostern.
Dr. Steiner: Es kommt darauf an, ob Sie wollen. Und können! Wel-
che der Mitglieder des Kollegiums mögen und wollen? Es wäre gut,
wenn das, was man den Waldorfschulgedanken nennen kann, stark
propagiert werden könnte, und namentlich unter den jüngeren Leu-
ten da Wurzel fassen würde. So daß die Idee des Waldorfschulgedan-
kens nun wirklich Verbreitung findet, daß man die Waldorfschule als
etwas Besonderes und Großes betrachten würde.
X.: Wäre es nicht besser, wir würden von uns aus etwas unternehmen?
Dr. Steiner: Das ist schon richtig. Und wenn es gelingt, etwas Selb-
ständiges zu veranstalten und die Jugend dafür zu gewinnen, da ist
das natürlich schon vorzuziehen. Aber ohne daß man die Jugend
gewinnt, wird heute mit pädagogischen Dingen nichts anzufangen
sein. Die Jugend muß gewonnen werden. Gerade diese Jugend, die in
der Jugendbewegung darinnensteht, die muß gewonnen werden.
Aber auf der anderen Seite zweifle ich gar nicht daran, wenn die
Jenaische Jugend-Schulbewegung an die Waldorflehrerschaft heran-
tritt, warum soll das nicht gerade so selbständig wirken können, als
wenn Sie selber etwas machen. Es kommt nur darauf an, wie man
sich da betätigt, wie man auftritt. Ich glaube, man könnte viel
machen bei diesen Dingen.
Ich selbst weiß nicht, ob ich daran teilnehmen kann, weil ich, wenn
sich dieses Projekt verwirklicht, gerade nach England fahren sollte.
Dort will ja Miss Cross ihre Schule in diese Bewegung herüberleiten in
England. Nun ist das ja vielleicht ganz wichtig, wenn man so etwas
hat, obwohl es mir schwer durchführbar erscheint. Wenn man die
Möglichkeit hat, daß einzelne von denen, die teilgenommen haben
am Weihnachtskurs in Dornach 1921, vielleicht dort als Lehrer ange-
stellt werden könnten, so hätte man ja einen konkreten Anfang
gemacht.
Ich meine, bei einer solchen Sache, wie diese Bewegung ist, sollte
man nicht zu bedenklich nach der Richtung sein. Ich weiß nicht, ob
Sie die bekannte Bismarck-Anekdote kennen. Die müßte mit aller
Reserve für so etwas wie die Waldorfschul-Bewegung auch geltend
gemacht werden. Ich meine die Geschichte, wie Bismarck vermöge
seiner amtlichen Stellung bei gewissen Hoffestlichkeiten eingeladen
Dr. Steiner: Wir haben in dieser Klasse die ersten Kriegskinder. Aber
da die Kinder einfach nach dem Alphabet abgeteilt sind und die
Parallelklasse gesünder und besser ist, so ist es zweifellos, daß für
einen Teil der schlimmen Zustände in dieser Klasse, natürlich nicht
für alle, äußere auslösende Ursachen da sind. Es liegt in der Feuchtig-
keit der Klasse und in den Heizungsverhältnissen.
X.: Es sind schlechte Familienverhältnisse.
Dr. Steiner: Es sind auch unter den Kindern selbst unglückselige
Verhältnisse, was in einzelnen Kindern liegt, die die anderen an-
stecken. Vieles läßt sich daran nicht ändern. Aber dies läßt sich
ändern, daß man bessere Heizungsverhältnisse bekäme. Zentral-
heizung wäre das beste. Man müßte es halt tun. Das wäre das geschei-
teste, es beim Bau zu machen.
X. spricht über D. M. in der 7. Klasse im Lateinunterricht.
Dr. Steiner: Mit denen, die Sie heute im Lateinischen gehabt haben,
haben Sie schon sehr viel erreicht. Sie haben gleich das ganze Lese-
stück von vornherein genommen. Das ist das allerbeste. Die haben
verhältnismäßig viel gelernt. Wer ist dieser D. M. ?
X. über denselben Schüler.
Dr. Steiner: Das ist der Junge auf der linken Seite in einer der letzten
Bänke. Ich weiß es jetzt.
X.: Er schreibt gerne die griechischen Buchstaben, weiß aber nicht, was es
ausdrückt.
Dr. Steiner: Man müßte bei ihm versuchen, auf dem Umweg durch
Künstlerisch-Intellektives ihn weiterzubringen. Man müßte ver-
suchen, sagen wir, man läßt ihn einen Kreisel zeichnen, eine Anzahl
von Farben, rot, orange, gelb, grün, alle sieben, und dann den Ver-
such machen, das Rot hier herüberdrehen zu lassen, so daß er zu-
nächst das Intellektuelle anwendet auf das Künstlerische. Man
könnte — es ist schwer, so viel Zeit auf einen Jungen zu verwen-
den —, man könnte auch versuchen, sagen wir einmal, ihn eine Ein-
teilung machen lassen, ob Substantiv, Verbum, Objekt und so wei-
ter, die dann vertauschbar sind; also Schemata, wo das Intellektive
künstlerisch-anschaulich auftritt. Das könnte ihm sehr helfen. Mit so
etwas könnte man ihn beschäftigen.
X.: Ich versuche es mit Arnos Comenius.
Dr. Steiner: Das ist ein guter Wink. Man muß es recht anschaulich
machen, aber so, daß zugleich die Intelligenz im Anschaulichen dar-
innen liegt.
X.: Ich bin in der 7. Klasse mit den Fabeln von La Fontaine fertig. Einige
enthalten eine halbschiefe Moral.
Dr. Steiner: Man macht einen Witz darüber. Man muß sie als Fabeln
nehmen.
X.: La Fontaine scheint mir ganz frei zu sein von Humor.
Dr. Steiner: Man wird den Humor aus einem selber schöpfen kön-
nen. Man kann ebensogut aus einem anderen Milieu heraus viel Miß-
verständnisse hervorrufen. Es wird sich darum handeln, daß man
versucht, in ihn hineinzukommen. Wenn Sie mit ihm fertig sind,
würde ich größere Prosastücke nehmen. Mignet, das kann man auch
schon mit diesen Kindern nehmen.
X.: Nach „Christmas Carol" soll man Tempest lesen.
X.: Ich habe den Tempest mit verteilten Rollen gelesen.
Dr. Steiner: Ich habe nichts gegen Jules Verne, wenn Sie ihn so
behandeln, daß die Kinder nicht phantastisch werden durch ihn;
aber man kann es schon machen.
X.: Ware es empfehlenswert, daß man kurze novellistische Stücke herausnimmt?
Dr. Steiner: Dies würde gut sein für dreizehn-, vierzehnjährige Kin-
der. Aber das meinte ich auch, wenn ich sagte Mignet. Man muß im
Englischen und Französischen charakteristische Stücke herausholen
und lesen.
X..- Man wird doch wirtschaftlich genötigt sein, auf die Schulausgaben zurück-
zugreifen?
Dr. Steiner: Man kann seine Lektüre hernehmen, woher man will. Es
sollte schon durchgeführt werden, daß jeder Schüler sein Buch hat.
Die Schulbücher, die manchmal verwendet werden, sind eben doch
Gift für die Kinder. Was in den Schulbüchern der niederen Klassen
steht, das ist manchmal ein schreckliches Zeug.
X.: Der K. war zwei Jahre in der Schule, er geht weg mit ganz mangelhaften
Kenntnissen. Was soll ich ihm für ein Zeugnis geben?
Dr. Steiner: Schreiben Sie ins Zeugnis hinein, was wahr ist. Motivie-
ren Sie genau, warum er zurück ist. Sie können das alles hinein-
schreiben. Sie werden ihn nicht aufhalten können. Es wird ihm eines
Tages einmal der Knopf aufgehen.
X.: Als Erzählstoff ist biblische Geschichte angegeben für die 3. Klasse. Ich
weiß nicht, wie ich das machen soll.
Dr. Steiner: Nehmen Sie sich einmal eine ältere katholische Bibel-
ausgabe. Da werden Sie sehen, wie man nacherzählt. Diese Geschich-
ten sind ganz gut gemacht, nur müssen Sie es natürlich noch besser
machen. Sie kriegen die Möglichkeit, den biblischen Stoff aus dieser
schrecklichen Lutherschen Übersetzung herauszuheben. Es wäre
überhaupt gut, wenn man die katholische Übersetzung der Bibel
nehmen würde. Außerdem empfehle ich Ihnen, beschäftigen Sie sich
etwas mit den vorlutherischen Bibelübersetzungen, damit Sie über
das Märchen von den Verdiensten der Bibelübersetzung von Luther
hinwegkommen. Das spukt furchtbar, daß Luther ein Verdienst hat
in bezug auf die Gestaltung der deutschen Sprache. Das ist etwas,
was furchtbar spukt in den Gemütern der mitteleuropäischen Men-
schen. Wenn Sie zurückgehen auf die früheren Bibelübersetzungen,
aber größere Partien haben, so werden Sie sehen, was da früher
glänzend gemacht worden ist, gegenüber dieser Lutherischen Bibel-
übersetzung, die eigentlich die Entwickelung der deutschen Sprache
fürchterlich zurückgehalten hat.
Es gibt so eine Bibelausgabe für Schüler, die Schustersche Bibel. Man
bekommt sie überall da, wo Katholiken sind in größerer Anzahl. Man
soll anfangen vor der Schöpfungsgeschichte mit dem Fall der Engel.
Die katholische Bibel fängt an mit dem Fall der Engel; dann kommt
erst die Weltschöpfung. Das ist sehr schön. Einfache, schlichte
Erzählung.
Es wird gefragt wegen eines Jungen in 7a, der Muskelschwund hat.
Dr. Steiner: Mit Hypophysis cerebri behandeln, das ist das Richtige
dafür.
Wegen eines musikalischen Hilfslehrers.
Dr. Steiner: Wir haben wenig gute Musiker, aber einige doch. Ich
werde jetzt bei dieser Reise mein Augenmerk daraufrichten,
Dr. Steiner spricht mit Dr. Schwebsch über das Problem des Musikalischen
und empfiehlt ihm „Vom Musikalisch-Schönen" von Eduard Hanslick und
eine Besprechung von Robert Zimmermann über die Musikästhetik von
Ambros.
Es wird gefragt wegen eines Turnlehrers.
Dr. Steiner: Ich glaube, wir müssen sehen, daß man im Turnunter-
richt eine große Sorgfalt anwenden muß in bezug auf die Persönlich-
keit. Es handelt sich darum, daß man vielleicht den Turnunterricht
auf eine breitere Basis wird stellen müssen, daß er in vernünftiger
Weise gepflegt wird. Man müßte irgend jemanden finden, der sich
dafür interessiert.
Ich habe beim Kurs zu Weihnachten in Dornach für die Menschen-
kunde gezeigt, wie nach und nach der ganze Organismus vom Seeli-
schen in Anspruch genommen wird. Da müßte eingesetzt werden
gerade beim Turnen. Ich möchte, daß dieser Kurs so schnell wie
möglich gedruckt wird. Dieser ist es, der über solche Dinge Auskunft
geben wird. So genau und ausführlich habe ich sonst nicht Gelegen-
heit gehabt, diese Dinge auseinanderzusetzen, dieses Durchbilden
des Organismus, so daß der Turnlehrer auf die Sache eingehen
könnte. — Ich werde mich mit dieser Frage beschäftigen.
Dr. Steiner: Ein Junge in Zürich sagte, er würde nicht mehr in die
Schule gehen, weil es ihm zu dumm sei, solchen Anschauungsunter-
richt mitzumachen. In Berlin habe ich mich beim Hochschulkurs
über das Lesenlernen ausgesprochen. Solche Dinge, die aktuell sind,
müßten in die Dreigliederungszeitung kommen, und der nötige
Gebrauch müßte davon gemacht werden. Über das Lesenlernen der
Kinder. Und daß diese Kinder — ich habe es überall angeführt —, daß
Gottseidank unsere Kinder erst im achten oder neunten Jahr lesen
lernen. Solche Dinge müssen wir den Leuten vor die Nase reiben. Das
ist wichtiger als ein Aufsatz über den Weltkongreß von Honolulu. —
Dann muß man auch ankreiden das Sitzenbleiben. Das muß man
erwähnen.
X.: Beim Rechnen wollte er schnell die Antwort haben.
Dr. Steiner: Wenn das Kind nicht schnell rechnen kann, ist der Leib
noch schwer.
X.: Ich empfinde das, was wir den Kindern an Grammatischem bringen, ist
ihnen noch fremd. Muß das in der 2. Klasse gebracht werden?
Dr. Steiner: Es handelt sich darum, wie man es macht. Man braucht
unter Umständen den Kindern nicht die Terminologie, Dingwort,
Tätigkeitswort, heranzubringen, sondern nur selbst ausgehen von
einem solchen sachlichen Gegensatz, Ein solches Kind von sieben-
einhalb Jahren wird unterscheiden können zwischen Tätigkeit und
Ding. Diesen Unterschied kann es machen. Es braucht sich nicht zu
handeln um die Terminologie, sondern man kann ausgehen von
Erzählungen und den Unterschied klarmachen zwischen Ding und
Tätigkeit. Das kann das Kind in diesem Alter fassen. Es muß den
Unterschied fassen können zwischen laufen und springen und zwi-
schen Mensch oder so etwas. Das muß es fassen können. Man braucht
es nicht in der Form der pedantischen Grammatik zu machen.
Namentlich soll man mit den Kindern in den unteren Klassen die
Form der Definition ganz vermeiden.
Es wird weiter berichtet.
Dr. Steiner (lachend zu einem Lehrer, der erfreut war über eine
Anerkennung des Schulrates): Ja, Sie werden sich wohl noch sehr
verbessern müssen.
Es wird auch von den Fachlehrern berichtet.
nicht die Möglichkeit hat, das sehr gut zu beurteilen. Das setze ich
nicht voraus. Denn da liegen eine ganze Menge psychologischer
Untergründe vor, aus denen die Kinder gut oder schlecht antworten,
dem eigenen Lehrer gegenüber. Vor allem braucht man sich bloß zu
erinnern, daß selbst an Hochschulen diejenigen, die bei demselben
Professor Rigorosum machen, bei dem sie ihr Seminar gemacht
haben, die haben es leicht. Dagegen Studenten, die nicht bei dem-
selben Professor gearbeitet haben, die haben es schwer. Derjenige,
der den Professor kennt, der macht es leicht. Das bloße Zuhören
macht es nicht aus, aber man kann nach der Methode nicht fragen,
nach welcher er fragt.
Es ist durchaus wichtig, daß immer wiederum die Dinge, auf die wir
bewußt verzichten müssen, vor der Öffentlichkeit den Leuten zum
Bewußtsein gebracht werden. Daher sollte schon der Raum, den wir
haben in der „Dreigliederung des sozialen Organismus", benützt wer-
den, um diese Dinge vor die Welt zu bringen. Wir müssen die verschie-
denen anthroposophischen Behörden hier ineinander arbeiten, sonst
geht alles auseinander. Es geht schon alles auseinander, aus dem
Leim. Wir müssen ineinander arbeiten. Und so müßten Artikel
erscheinen — selbstverständlich ohne daß es so aufgetragen wird, daß
es bemerkt wird, als ob es an diese Adresse gerichtet würde; das wäre
ganz falsch. Aber die Schulinspektion müßte eine Rolle spielen. Es
müßten Artikel erscheinen von den verschiedensten Gesichtspunk-
ten aus, daß es einfach eine große Bedeutung hat für das Kind, wenn
es erst zwischen dem achten und neunten Jahr wirklich lesen lernt.
Es werden da Beispiele aufgeführt, wie Goethe vor dem neunten Jahr
nicht lesen und schreiben konnte, wie Helmholtz viel später lesen
und schreiben lernte. Dagegen wird angeführt, wie Leute, die schließ-
lich Trottel geworden sind, wie die mit vier, fünf Jahren lesen und
schreiben gekonnt haben.
Das sind Dinge, die verarbeitet werden müssen. Wenn das richtig
gebracht wird, wenn man sich der Gefahr ausgesetzt sieht, das wird
überall gesprochen, dann macht das seinen Lauf, zieht seine Kreise.
Und man kann nicht sagen, daß dadurch etwa auf ein so einge-
schränktes Publikum gerechnet würde. Es ist so, daß man dadurch
manches krumme Urteil der Gegenwart zurechtrücken würde. Was so
ein Mann tut, ist ein Extrakt der allgemeinen Anschauung. Wenn
man sich an die ganze zivilisierte Welt wendet unter Anführung des-
sen, was so jemand tut, dann tut man etwas Günstiges. Man sieht an
der Inspektion, wie die Sachen nicht sein sollen. Nun wendet man
sich an die Welt und versucht klarzumachen, wie das sein sollte.
Dr. Steiner: Richtig wäre es, ideal richtig wäre es, Griechisch früher
zu machen, und dann nach zwei Jahren erst mit dem Lateinischen
anzufangen; aber es ist praktisch schwer durchführbar. Man müßte
eigentlich für die Griechen etwas anderes fortlassen. Das ist etwas,
was widerstrebt. Unser Lehrplan ist so eingerichtet, daß er auf die
Individualität abgestimmt ist, auf die Entwickelung, und es kommt
das nicht heraus. So kommt es nicht heraus. Das Latein muß aus den
äußeren Verhältnissen heraus gebracht werden. Es ist eine große
Hilfe, um so die Sprache nach und nach zu verstehen, wie ich es
gerade im Vortrage in Berlin erklärt habe.
Ich habe die ganze Sprachentwickelung begründet auf eine Imagina-
tion. Dagegen hat der K. von Inspiration und Intuition geredet. Die
Leute haben heute keine Gewissenhaftigkeit mehr für genaues
Zuhören. Solche Dinge sind sehr notwendig zu berücksichtigen.
Diese Dinge, die ich auseinandergesetzt habe, die müßten nach und
nach gefühlt werden. Die können sehr gut heranerzogen werden,
wenn man Griechisch treibt. Das Lateinische ist nicht so notwendig,
weil es nicht die entsprechenden Gefühle bringt, wie das Griechische.
X.: Wie findet man die Auslese, daß die Menschen, welche die richtigen sind,
gerade auch zu diesem Unterricht kommen?
Dr. Steiner: Diese Sache ist nicht verwunderbar, wenn man bedenkt,
wie der Klassenlehrer die Klasse am Bändel hat. Das wird den Ver-
gleich herausfordern. Der weiß, was er will. Wenn sie den nicht hät-
ten, sondern jemand anderen, so hätten Sie (die Sprachlehrerin) es
leichter. Es ist bei Ihnen ein gewisses unbestimmtes Wesen, es sitzen
in den Gedankenformen der Kinder darinnen Ihre eigenen Gedan-
ken. Das würde natürlich nicht in diesem Maße hervortreten, wenn
Sie eine Kollegin hätten, wie Sie selbst sind. Der Klassenlehrer, der
imponiert der ganzen Klasse, weil er selbst bei der Sache ist. Dieses
schrecklich unbestimmt Lyrische, dieses Sentimentale, muß man
sich abgewöhnen, wenn man in die Klasse hineingeht.
Die Sprachlehrerin sagt etwas von Ohrfeigen.
Sie haben den Saal beherrscht. Im Wiener Saal wurde die 4. Sympho-
nie von Bruckner aufgeführt, 1887. Ich war dabei bei der Aufführung
von Schalk. Das war die erste Aufführung der Brucknerschen
Symphonie.
Es wird gefragt wegen vier Schülern in der 7a.
Dr. Steiner: Werden die Kinder in die Lehre kommen? Sie sind alle
fast derselbe Typus. Es wäre zu hoffen, daß es besser wird, wenn man
bei diesen Kindern als eine Lektüre einführen würde Buddha-Reden,
sachlich und formal, mit allen Wiederholungen, und sie kleine Stücke
auswendig lernen ließe. Oder auch Bhagavad Gita. Man kann es mit
der ganzen Klasse machen. Man nimmt mit der ganzen Klasse so
etwas und veranlaßt dann diese Kinder erst, sie sollen das abschrei-
ben, und das zweite Mal gibt man auf, sie sollen es vorbringen kön-
nen. Diese Kinder nimmt man dabei besonders aufs Korn. Man
könnte es einfügen in den Geschichtsunterricht und Sprachunter-
richt. Das kann man auch jeden Tag machen.
Frage wegen einer Schülerin, deren Eltern nicht wollen, daß sie Eurythmie
macht.
Dr. Steiner: Die Eltern überzeugen. Sie soll die Eurythmie nicht
unterbrechen.
Wegen eines Schülers mit einer gelähmten Hand, P. R.
Dr. Steiner: Wir sollen nachdenken, was für einem Beruf man ihn
zuführen soll. Er kann die Hand nur ungeschickt gebrauchen. Er
schreibt schlecht. Er müßte so etwas wie Buchhalter werden. So
einen Beruf wählen, wo es nicht darauf ankommt. Schauspieler kann
er nicht werden. Es wäre das Wünschenswerteste,, wenn wir es selbst
zustande brächten, daß wir solche Kinder so weit brächten, daß sie in
den Vormittagsunterricht allgemeiner Art hineinwüchsen und einen
Fortbildungsunterricht haben würden, anschließend an die Volks-
schule. Man muß versuchen, ihn so weit bringen zu können, daß er
dorfschule arbeiten, die müssen mit die Stütze sein für die ganze
Bewegung. So stehen wir heute. Die Waldorfschule, die sich auf eine
breite Basis stellen kann, weil sie im wesentlichen doch alles das
gehalten hat, was sie versprochen hat, die kann also eine Stütze sein
für die ganze anthroposophische Bewegung. Eine solche Stütze brau-
chen wir heute. Die Verantwortung wächst sehr stark. Das ist etwas,
was ich jedem einzelnen ans Herz legen möchte. Wir haben nicht die
geringste Veranlassung, uns zu freuen, wenn sich die Zahl der Anhän-
ger vermehrt. Wir müssen über jede Vergrößerung des Interesses
eigentlich uns klar werden, daß eine Riesenverpflichtung auf uns
wächst.
Es wird gefragt wegen einer pädagogischen Veranstaltung in Kaiserslautern.
Dr. Steiner: Wir haben in Bremen die Sache abgelehnt. Wir haben die
großen Fragen erörtert; es geschieht nicht sehr viel, wenn man eine
systematische Pädagogik bespricht, bevor man nicht die Möglichkeit
gegeben hat, überhaupt einmal über die pädagogischen Fragen der
Gegenwart einen Impuls zu bekommen. Die siebzig Persönlichkeiten
dort werden solche sein, die aus Höflichkeit kommen werden. Sie
werden nicht wissen, was man will. Man muß ihnen erst sagen, daß
etwas los ist in der Welt. Man muß einen kulturhistorisch-pädagogi-
schen Vortrag halten. Das ist nicht unnötig. Drei Tage dort einen
Kurs veranstalten bei Leuten, wo man doch nichts anderes geben
kann, das ist zuviel Kraftzersplitterung.
Wir haben es hier gesehen. Am wenigsten waren zu haben die Lehrer.
Alle erklärten, sie könnten nicht. Ich weiß nicht, ob das schon besser
geworden sein sollte. Was soll denn sonst geschehen?
Es ist ein Bewußtsein hervorzurufen, was geschehen muß. Ich
fürchte, daß die Leute den Glauben haben, daß man die Dreigliede-
rung einführen muß. Ich glaube, wenn zwei oder drei auf der Rück-
reise von Holland Lust haben, dort Vorträge zu halten, dann wäre es
gut. Man sollte ein Bewußtsein haben. — Ja, Gott, es war in Stuttgart
ein Kongreß, in Berlin war ein Kongreß. Nun müssen die Dinge ver-
breitet werden. Sonst müßte man ins letzte Dorf hinauslaufen und
vortragen. Es ist genug, wenn man in gewissen Zentren die Sache
vorbringt. Es ist nicht tunlich, daß man überall hinläuft. Es müßte
mehr getan werden für die Ökonomie unserer Arbeit.
X.:Was kann man konkret machen für Berlin?
Dr. Steiner: Sehr viel! Es sind doch immerhin eine Fülle von Fra-
gen erörtert worden, wie sonst gegenwärtig nirgends in der Welt. Es
Dr. Steiner: Ich werde am 9., wenn ich hierher komme, mit ihm
reden. Ich halte dafür, daß er in die Parallelklasse kommen sollte. Es
handelt sich darum — er kann wieder zurückkommen —, es handelt
sich darum, daß Dinge vorliegen, die eigentlich durch einen Mann
behandelt werden müssen. Die können Sie nicht behandeln. Bis er
geheilt ist. Da die Möglichkeit vorliegt, kann man es machen. Er muß
einer Art von Heilungsprozeß unterzogen werden. Das werde ich
schon sagen. Ich werde mit ihm reden, und dann müssen wir ihn
stramm behandeln. Es kann nicht schaden, wenn er die anderen
Stunden dort ist.
Wenn ich ihn Ihnen lassen sollte, so müßte es ein anderer machen.
Dann können wir es auch so machen, daß Dr. S. und W. die Kur
X.: Es ist die Frage aufgeworfen worden, ob die Waldorfschule das genügende
Wissensmaterial liefert. Die Schüler der 9. Klasse vergleichen und rinden, sie
wissen nicht genug.
Dr. Steiner: Die Frage ist gelöst. Wie die Schule begründet worden
ist, habe ich ein Memorandum ausgearbeitet, worin gesagt worden
ist, daß wir vollständig freie Hand haben zwischen dem Schuleintritt
und der absolvierten 3. Klasse, daß die Kinder in jede andere
4. Klasse eintreten können. Wiederum mit zwölf Jahren so; das
können wir bis zum achtzehnten Jahr fortsetzen. Die Frage ist
gelöst. Es würde sich nun darum handeln, daß wir das nicht nur
sagen, sondern daß wir mit möglichster Ökonomie wirklich dieses
Lehrziel erreichen. Man kann die Lehrziele auf ganz anderen Wegen
erreichen. Aber man kann das Kind tatsächlich dahin bringen, daß es
auch bei uns wirklich diesen Reifegrad erreicht. Lassen Sie ein Kind,
das in Obersekunda ist, prüfen über das, was es weiß aus der Ge-
schichte, und rechnen Sie ab alles dasjenige, was es vergessen hat. Sie
werden finden, daß bei uns ein Kind in diesem Alter dasselbe wissen
kann. Natürlich wird bei uns nicht alles erreicht, weil manchmal die
Lehrer zu wenig in der Lage sind, sich vorzubereiten. Es müßte der
Unterricht noch sorgfältiger durchgearbeitet werden, dann könnten
wir mit ruhigem Gewissen das Zeugnis ausstellen.
X.; In manchen Fächern wird das noch nicht erreicht, daß ein Schüler in die
Obersekunda eintreten könnte. Im Englischen stehen in der 9. Klasse manche
auf dem Standpunkt von Babys.
Dr. Steiner: Das löst sich nur dadurch, daß wir unseren Lehrplan von
unten auf durcharbeiten. Man kann die Frage nicht lösen mit denen,
die wir in der 4., 5. Klasse bekommen haben. Wir müssen es aber
lösen mit denen, die wir in der 1. Klasse bekommen haben; dawäre
es ein Fehler, wenn es nicht möglich wäre. In den wesentlichsten
Fächern müssen wir die Kinder so weit bringen, daß sie Examina
ablegen könnten.
Wir könnten ihnen Nebenzeugnisse geben. Die Formulierung ist
leichter zu machen. Wir geben ihnen Nebenzeugnisse, auf denen
steht: Der Schüler hat das Lehrziel für die 6. oder 3. Klasse erreicht
in den und den Gegenständen in der folgenden Art... Auf Noten
lassen wir uns nicht ein. In vernünftigen Worten würden wir es aus-
drücken. Es kommt in Betracht für die 3., 6., 8., 12. Klasse. Wir
haben uns dazu verpflichtet. Für die 8. Klasse muß man dieses beson-
dere Zeugnis geben.
Wenn die Kinder nicht austreten, ist es nicht nötig; man schreibt es
für diejenigen, für die es in Betracht kommt. Für die höheren Klassen
brauchen Sie es nur, wenn es Abgangszeugnisse sind.
X.: Es ist vorgeschrieben, daß den entlassenen Kindern die Reichsverfassung
ausgehändigt wird.
Dr. Steiner: Das kann man machen.
Eine Frage nach dem griechischen und lateinischen Unterricht.
Dr. Steiner: Sie können übersetzen, da es keine Sprachen sind, die
leben.
Die Ökonomie des Unterrichts ist noch nicht genügend ganz durch-
geführt. Es ist ein wichtiges Prinzip in den Oberklassen, das ich
immer vermisse. Das ist dies, daß man eine bestimmte Materie mit
ziemlicher Ausführlichkeit durchnimmt, sagen wir eine Sache der
Physik: wir nehmen Prismen versuche. Und dann, nachdem man das
so gemacht hat, daß es ganz in Fleisch und Blut übergegangen ist,
nimmt man einiges später mehr oder weniger aphoristisch, kur-
sorisch durch. Und dann wieder ein Musterkapitel ausführlicher.
Sonst entsteht immer das, daß man den Kindern zuwenig Stoff bei-
bringt, und der Stoff rundet sich nicht zum Gesamtbild ab. In der
Physik wird es nicht durchgeführt, daß man gewisse Musterkapitel
ausführlich durchnimmt. Das gilt für alles mögliche, daß man etwas
ausführlich durchnimmt, zum Beispiel Eichendorff; nachher
schließt man kursorisch eine ganze Menge an. Dann wieder einen
Teil ausführlicher, so daß dadurch eine Abrundung erzielt wird. Ich
kann nicht finden, wenn der Unterricht so durchgeführt wird, daß
die Kinder nicht auch ihr Lehrziel erreichen. Es handelt sich bloß
darum, daß man die Kinder zu einem konzentrierten Mitarbeiten
bringt. Im Grunde genommen hängt ganz vieles davon ab; es ist
wirklich vorwärtszukommen. Es wird eine Leichtigkeit sein, das
richtige Lehrziel zu erreichen.
X.: Für Mathematik und Physik war die Zeit zu knapp. Durch den Epochen-
unterricht konnte manches erreicht werden.
Dr. Steiner: Eine normale Mittelschulklasse draußen hat 32 Stun-
den. Davon entfallen fünf Stunden auf Mathematik, drei Stunden
Physik, zwei Stunden Naturlehre. Außerdem ist es kein Gesichts-
punkt. Man muß den Unterricht so einrichten, daß man in dieser Zeit
das Ziel erreicht. Die Zeit darf nicht den Urmaßstab abgeben.
Ein Religionslehrer meint, dreiviertel Stunden seien knapp für den Religions-
unterricht.
Dr. Steiner: Für diesen Unterricht ist es eine Wohltat, wenn die Kin-
der ihn öfter haben. Ich kann nicht einsehen, warum dreiviertel
Stunden zuwenig sind. Ich meine doch, daß es besser ist, wenn die
Kinder zweimal in der Woche erinnert werden. Ich hätte es lieber
noch kürzer, aber öfter.
X.: Die Kinder sollten in der 7. Klasse ein Pflichtgefühl haben für Aufgaben.
Dr. Steiner: Man müßte es da dahin bringen, daß die Kinder neu-
gierig sind bei ihren Aufgaben. Wenn Sie den Kindern solche Fragen
stellen, die die Kinder neugierig machen auf das, was sie selbst her-
auskriegen, dann ist es etwas, was sie anregt. Ich würde es so machen.
Pflichtgefühl entwickelt sich nicht früher, bevor man den Kindern
nicht die Bedeutung und die Konsequenz des Begriffes der „Pflicht"
beibringen kann.
Solche Aufsatzthemata geben: ,,Die Dampfmaschine, eine Zeugin
der menschlichen Stärke", und gleich darauf: „Die Dampfmaschine,
eine Zeugin der menschlichen Schwäche". Hintereinander solchem
Thema. Ich glaube, daran erregen Sie das Interesse. Der Unterricht
kann so gestaltet werden, daß man das Interesse erregt. Die Kinder
können in Spannung gehalten werden, aber diese Spannung, mit der
muß gespart werden. Dazwischen müssen sie auch ohne Spannung
aufmerksam dem Unterricht folgen. Die Pflicht wird so schwer und
spät vom Menschen erfaßt, daß man schon mit Kindern davon reden
muß. Man muß mit Beispielen es beibringen. Man muß unterrichtend
darauf hinweisen, auf Menschen mit Pflichtgefühl und ohne Pflicht-
gefühl. Die Kinder haben verstanden, daß der Tintenfisch ein wei-
nender Mensch ist, die Maus ein aufmerksames Auge. Die Dinge, die
in unserer Pädagogik liegen, die muß man ausarbeiten, so daß die
Kinder stark wirkende Bilder kriegen, die sich eingravieren. Das regt
sie an. Man muß die Kinder auf diese Weise mit Bildern versorgen, die
sich tief einprägen. Dazu braucht man Zeit. Man braucht Zeit, bis die
Kinder darauf eingehen. Haben sie es einmal, dann lechzen sie nach
Bildern.
X.: Ich habe in der 8. Klasse den „Faust" gelesen.
die Schule, weil die Shakespeare-Dramen so ediert sind, daß sie mas-
senhaft korrupte Stellen enthalten. Wie die Shakespeare-Dramen
gespielt werden, so sind sie nicht gegeben. Das, was ein Shakespeare-
Drama enthält, kann man geben, indem man es für die Jugend
bearbeitet.
Wir haben dieses in Stratford erwähnt. Nach gewissen Richtungen
kann man in England im Vortrag weiter gehen als in Deutschland. So
habe ich erwähnt, Shakespeare war ein Bühnenmensch. Wie ein rich-
tiger Maler weiß, daß er nur eine Fläche hat, so wußte Shakespeare,
daß er einen Raum hat. Das gehört dazu. Wenn man die Shakespeare-
schen Gestalten in diesem Sinne lebendig macht, dann kann man sie
mit hinaufnehmen in die übersinnliche Welt, und sie bleiben leben-
dig. Sie tun in der höheren Welt nicht das, was sie am physischen Plan
tun, aber sie leben doch; sie agieren dort. Es wird ein anderes Drama
daraus. Wenn Sie ein Hauptmannsches Drama nach der geistigen
Welt nehmen, so sterben die Gestalten ab. Die werden Puppen aus
Holz. Auch Ibsensche Gestalten. Sogar Iphigenie von Goethe lebt
nicht vollständig auf dem Astralplan. Die Shakespeareschen Gestal-
ten bewegen sich dort und tun etwas, was im selben Stile ist, so daß
es gestattet ist, ein Shakespeare-Drama mit seinem Duktus und Stil
umzuschreiben. Man kann sie alle umarbeiten.
Es war für mich auch überraschend. Ich habe nur aus meiner jetzigen
Beschäftigung Versuche angestellt. Man kann es bei Euripides
machen. Iphigenie lebt nicht vollständig auf dem Astralplan. Es
kommt auf etwas anderes an. Das müßte man ausführlich ent-
wickeln. Sophokles-, Äschylos-Gestalten, wie Prometheus, dieleben
auf dem Astralplan. Ebenso die Gestalten bei Homer, die Figur des
Odysseus. Die römischen Dichter leben nicht. Die französischen
Dichter, Corneille und Racine, die schmelzen ab wie Tau, sie schwin-
den einfach hin, sind nicht mehr vorhanden. Hauptmannsche Gestal-
ten sind hölzerne Figuren. Die Iphigenie von Goethe wird ein Pro-
blem, keine lebende Figur. Auch der Tasso nicht. Die Schillerschen
Gestalten, Thekla und Wallenstein, die sind auf dem Astralplan
betrachtet aus Werg, ausgestopfte Strohsäcke. Etwas lebend ist erst
Demetrius. Wenn Schiller die Malteser gearbeitet hätte, so wäre das
ein lebendiges Drama geworden. Scheußlichkeiten sind auf dem
Astralplan Gestalten wie die Jungfrau von Orleans und Maria Stuart.
Damit ist nichts gesagt gegen die Wirkung dieser Dinge auf dem
physischen Plan. Dagegen Shakespeares nebensächlichste Figuren
leben alle noch, weil sie aus dem Theaterbedürfnis entstanden sind.
Was Wirkliches imitiert, lebt nicht auf dem Astralplan. Es lebt das,
was aus den Emotionen kommt, nicht aus dem Intellektuellen. Auch
die derbkomischen Sachen leben auf dem Astralplan sofort. Sie sind
nicht gemacht, um Wirkliches zu imitieren.
Ich habe den Satz gewagt: Als die bedeutendste Tatsache für das
Eigentümliche bei Shakespeare habe ich genannt die große Wirkung
auf Goethe. Der Grund dafür, der ist darinnen zu suchen, daß auf
Goethe nichts gewirkt hat, was über Hamlet und Cäsar von der
Wissenschaft geschrieben steht. Das, was auf Goethe gewirkt hat,
steht überall da nicht darinnen, einschließlich dessen, was Goethe
selbst über Hamlet gesagt hat. Dasjenige, was er gesagt hat, kann sehr
angefochten werden. Eines aber, sagte ich, ist unanfechtbar; da wo er
sagt: Das sind keine Gedichte, das ist etwas wie das Buch des Schick-
sals, wo der Sturmwind des Lebens die Blätter hin und her schlägt. —
Das drückt schon eher sein Erlebnis aus. Wenn er aber über Hamlet
spricht, trifft auch Goethe nicht sein eigenes Erlebnis.
X: Ich habe in der 8. Klasse „Macbeth" gelesen.
Dr. Steiner: Ich bin nicht dafür, daß die „Räuber" gelesen werden,
wohl die späteren Schillerschen Dramen. „Don Carlos" gibt ein Zerr-
bild. Was ich sehr gut finde als Lektüre, das sind die Schillerschen
historischen Werke. Die sind für solche Dreizehn- bis Vierzehnjährige
ausgezeichnet. Für die Schule finde ich den ganzen Kleist wenig
geeignet. Höchstens den „Zerbrochenen Krug". Kleist hat doch
gerade das als Dramatiker, was Tragödie ist einer mangelhaften Bil-
dung (der mangelhaften Bilder?). Außerdem ist er ein preußischer
Dichter. Mit Ausnahme des „Zerbrochenen Kruges". Sie können
nicht das „Käthchen" lesen. Auch nicht den „Prinz von Homburg".
„Hermannsschlacht" ist preußisch. Grillparzer hat keinen guten Ein-
fluß auf die Jugend. Raimund hat einen guten Einfluß. Grillparzer
verweichlicht. Goethes „Egmont" kann man lesen. Von Hebbel den
„Demetrius", die Gestalten leben auch nicht. Die „Genoveva" kann
man lesen, auch die „Nibelungen"; den Wagnerschen „Ring" und die
Jordanschen „Nibelungen" kann man gut dazunehmen. Calderon ist
vom historischen Gesichtspunkt aus absterbende Dramatik des Mit-
telalters, vollständig absteigendes Leben, zur selben Zeit, wo Shake-
speare ganz aufsteigendes Leben ist. Das erste Drama, mit dem man
die Kinder bekanntmachen könnte, könnte verschiedenes sein. Ich
würde meinen, daß man doch mit dem antiken Drama zuerst auftritt,
zum Beispiel mit der „Antigone"; undzwar darf Dramatisches über-
haupt nicht vor dem zwölften, dreizehnten Jahre auftreten. „Wil-
helm Teil" kann man schon lesen. „Herzog Ernst" ist eine wackere
Schwabendichtung ohne sehr bedeutenden dichterischen Wert. Es
ist Stroh, furchtbar gemacht und ledern. Das lebt nicht einmal auf
dem physischen Plan.
Die ganze Woche waren Shakespeare-Vorstellungen in Stratford. Am
23. haben Vertreter der verschiedenen Länder geredet. Es war humo-
ristisch, daß der bedeutendste Franzose (Voltaire) den Shakespeare
„einen wahnsinnig gewordenen Wilden" genannt hat. Es ist auffal-
Dr. Steiner: Das geht doch über den Horizont hinaus. Denken Sie
doch, daß Kuno Fischer nicht einmal gut darüber geschrieben hat.
Ich würde die Aufsatzthemen doch mehr auf die Lebensbeobach-
tung hin geben, wie diese, was ich vorhin sagte. Oder sagen wir für die
8. Klasse etwa: „Was ist schön an der Natur?" Dann: „Was ist schön
an der Seele?" Mehr solche Themen, wo die Kinder genötigt sind, in
der Bearbeitung des Themas sich zu konzentrieren.
X.; Soll man das Aufsatzthema vorher durchsprechen?
Dr. Steiner: Es soll das Thema aus dem vollen Unterricht heraus
besprochen werden.. Dann müßte man schon verschiedenes geredet
haben. Während Sie über Jean Paul geredet haben, haben Sie viel
fruchtbare Themenmöglichkeit gehabt. Zu hoch waren Ihre Themen
gestellt.
X.; Was würden Sie aus einem Stoff wie die Freundschaft Schillers und
Goethes für einen Aufsatz geben? (9. Klasse)
Dr. Steiner: Ich würde schildern, wie das ausgesehen hat, wenn
Goethe durch Weimar gegangen ist bis Tiefurt. Dann würde ich
„einen Spaziergang mit Goethe" beschreiben lassen, möglichst kon-
kret. Da kann man alles hineinbringen.
Es wird gefragt wegen der Übung für Kleptomanie: die Füße halten, Rück-
erinnerung.
Dr. Steiner: Besser ist es, wenn man beides zusammen macht. Also
während des Füßehaltens die Rückerinnerung machen lassen. Man
darf nicht Fehler machen. Ein Vierteljahr soll man die Übung fort-
setzen.
X. fragt, was in der 8. Klasse im Kunstunterricht durchgenommen werden soll.
Dr. Steiner: Es wäre schon durchaus eine Möglichkeit, daß man mit
ihnen so etwas wie die Kunst im Zusammenhang mit der ganzen
Kulturentwickelung durchnimmt, daß man da herankommt an ein
gutes Verständnis. Wenn man sie aufmerksam macht, warum ent-
steht die Musik, wie wir sie heute auffassen, verhältnismäßig spät?
Was nannte man bei den Griechen Musik und so weiter, diese Sachen.
Nun ist ja natürlich, daß man dann, nicht wahr, diese Dinge noch
genau bespricht, die heute im Deutschen vom literarischen Stand-
punkt angedeutet worden sind. Warum beginnt die Landschafts-
malerei in einer gewissen Zeit? Namentlich diese Fragen. Dann
Kunst und Religion, vom künstlerischen Standpunkt aus.
Ein Religionslehrer fragt etwas dazu.
Dr. Steiner: In der 8. Klasse die Motive Albrecht Dürers. Für die
9. Klasse, das will ich mir überlegen.
X.: Für die Examensfrage hätte ich einen Vorschlag. Man sollte einen Eng-
länder und einen Franzosen haben als Sprachlehrer.
X.: Wir müßten mehr Grammatik behandeln. Der Lehrplan ist etwas, was wir
noch nicht erreichen.
Eine Sache, die natürlich besprochen werden muß — ich meine wirk-
lich bloß darum, daß nicht von dieser Seite jede mögliche Gegner-
schaft kommt —, das ist das Benehmen zwischen den Geschlechtern.
Ich will es nicht auffassen, als ob es etwas Furchtbares wäre. Es
dürfte nur nicht allzu starke Dimensionen annehmen.
Ich nehme es nicht schlimm. Der K. S. scheint einer der Haupt-
attentäter zu sein. Die Mädchen sagen, die Jungen hätten es von
Büchern oder vom Kino. Es ist die Hauptsache, daß man sich
darum kümmert. Ich will nichts anderes sagen, als daß man die
Dinge kennen muß und versuchen muß, in aller Güte damit fer-
tig zu werden.
Ich meine, daß man ein Auge darauf haben soll, damit es nicht zu
stark einreißt. Viel machen läßt sich nicht, weil man dadurch Öl ins
Feuer gießt. Im ganzen, es werden nur ein paar sein. Ich würde
Schundliteratur ausmerzen. Vom Kino würde ich die Jungen abbrin-
gen, weil es den Geschmack verdirbt, weil es mit der Geschmacks-
entwickelung zusammenhängt.
X.: Gibt es in der Eurythmie Übungsgruppen, die für dieses Alter geeignet sind?
Dr. Steiner: Das wird im Lehrplan besprochen werden müssen.
X.: Mit der 10. Klasse sind Handarbeiten angefangen worden, die bis ins
11. Schuljahr hineinragen.
Dr. Steiner: Es kommt auf ein paar Wochen nicht an.
Ein Musiklehrer: Darf ich eine Frage stellen nach dem Anfang des Klavier-
unterrichts, wegen der Wirkung der beiden Hände?
Dr. Steiner: Das ist ein sehr richtiges Apergu. Das ist doch so, daß
man es leicht beim Klavierüben dazu bringen wird, Linkshändigkeit
zu korrigieren. Auf dieses müßte man überhaupt sehen. Linkshändig-
keit sollte man immer korrigieren. Dann müßte man in dieser Bezie-
hung auf das Temperament achten, so daß man also bei Melancho-
likern die rechte Hand bevorzugt. Man wird sehr leicht bei ihnen
einen Hang finden, mit der linken Hand zu spielen. Bei Cholerikern
müßte man die linke Hand bevorzugen. Bei Phlegmatikern müßte
man sehen, daß sie beide Hände in gleichmäßiger Weise haben, und
bei Sanguinikern ebenso in gleichmäßiger Weise. Auf das würde es
hinauskommen.
Dann ist es auch von Vorteil, wenn man versucht, soviel als nur geht,
die Kinder daran zu gewöhnen, daß sie nicht so sehr bloß ein mecha-
nisches Gefühl des Klavierspielens haben, sondern daß sie auch die
Tasten als solche fühlen lernen. Die verschiedenen Orte am Klavier,
oben oder unten, rechts oder links, daß sie das am Klavier selbst
fühlen. Sehr gut ist es, sie anfangs ohne Noten spielen zu lassen.
Es wird nach der Schlußfeier gefragt.
Dr Steiner: Dienstag, den 30. Mai. Wir können die Eröffnung auf
Dienstag, den 20. Juni in Aussicht nehmen.
Dr. Steiner: Das erste ist, daß wir heute die Einteilung, die Gliede-
rung der Schule vornehmen werden und in den nächsten Tagen
dann dazu übergehen, an den Abenden einiges Pädagogisch-Didak-
tisches zu behandeln mit Rücksicht auf die Fortsetzung dieses Unter-
richtes in diesem Jahr, auch mit Bezug auf die unteren Klassen.
Ich möchte heute ausgehen von der 11. Klasse, die als die oberste
entstehen wird. Da muß ich bemerken, daß ich bezüglich einiger
Dinge denken muß an dasjenige, was ich am Beginn des Schuljahres
als einen kurzen Einführungskurs gegeben habe im Hinblick auf die
Schüler, welche damals in die 10. Klasse eingetreten sind, und bezüg-
lich deren notwendig war, ganz besondere Sorgfalt anzuwenden,
weil sie gewissermaßen im schwierigen Alter sind. Nun habe ich ja
bereits einigen von Ihnen gesagt, daß ich gar nicht anders konnte, als
ich von der 10. Klasse gebeten worden bin, als dies anzuhören. Ich
habe mittlerweile Gelegenheit gehabt, das dazumal Beobachtete, das
von den Kindern Gesagte, das Beobachtete an den Reden und an den
Kindern selbst zu Beobachtende weiter auszubilden und kann nun
sagen, daß ich durchaus doch den Eindruck bekommen habe, als ob
die Waldorfschule gerade mit dieser Gruppe von Kindern eben im
verflossenen Schuljahre nicht eigentlich fertig geworden wäre. Und
ich muß schon gestehen, daß mir die Sache gerade mit Bezug auf die
höchste Klasse außerordentlich große Sorge macht. Wir sind ja heute
durchaus darauf angewiesen, da, ich möchte sagen, aus ganz kleinen
Bestandteilen heraus die Meinung sich bildet, die über die Waldorf-
schule besteht, diese Meinung zu gestalten. Und da kommt natürlich
außerordentlich stark in Betracht, wie wir fertig werden mit den
Schülern, die unserer höchsten Klasse angehören.
Nun, es wäre darüber sehr viel zu sagen. Ich hoffe, daß die verehrte
Lehrerschaft selbst noch etwas ausspricht; aber ich möchte doch
sagen, daß ich den Eindruck empfangen habe, daß das Verhältnis zur
Dr. Steiner: Das ist nur bei denjenigen, die aus einem streng syste-
matischen Gebaren gekommen sind. Es kommen schon die tiefer-
gehenden Dinge hinein, die darin liegen, daß natürlich bei diesem
periodenweisen Unterricht auch noch für die Klassen der Vorzug da
ist, daß die Schüler Richtlinien haben, daß sie etwas haben, woran sie
sich halten. Das Zerflattern liegt an der Art und Weise, wie das
hineingestellt wird. Mit dem Zerflattern ist eine der Erscheinungen
gut bezeichnet. Es ist nicht ein richtiges Zusammenwirken. Das ist
eine furchtbare Gefahr. Das ist dasjenige, was ich dadurch zu
bekämpfen versuchte, daß ich so lange als möglich den einen Klas-
senlehrer für das Richtige halte; dadurch ist von vornherein eine
Schutzwehr geschaffen gegen das Zerflattern. Aber auch da, wo es
notwendig wird, daß verschiedene Lehrer eintreten, dürfte es nicht
zu diesem Zerflattern kommen.
N. G. ist eines der zerfahrensten Kinder, der am allerschwersten zu
behandeln ist. Er ist ganz zerrissen und schonungslos.
X.: Die Kinder wissen, was sie sollen, aber sie bringen nicht den Willen auf zu
selbständigem Arbeiten.
Dr. Steiner: Das sind Schwierigkeiten, die an den Kindern liegen, die
wir nicht zu erörtern brauchen, weil es darauf ankommt, wie wir mit
den Kindern fertig werden.
Wir haben zuwenig berücksichtigt, was ich mit Rücksicht auf diese
Kinder am Beginn des Schuljahres vorgebracht habe. Es war das
absichtlich vorgebracht worden, und es ist nicht berücksichtigt wor-
den, daß man den Schritt tut in ein Lebensalter, das wirklich die
größten Schwierigkeiten macht; nachher wird es leichter. Dieses
Lebensalter macht die größten Schwierigkeiten, und das haben wir
nicht berücksichtigt.
X. sagt, er habe keine Schwierigkeiten gehabt; es hätte sich ein gutes Verhält-
nis hergestellt.
Dr. Steiner: Ich meine nicht das persönliche Verhältnis, auch sonst.
Ich meine jetzt das Verhältnis, das aus dem Unterrichtsstoff und der
Unterrichtsmitteilung erfolgt. Es ist ein Unterschied, der scheint
sehr scharf gemacht worden zu sein. Die Kinder haben sich gesagt:
Das ist ein ganz netter Kerl, aber unterrichtet möchten wir von ihm
nicht werden. — Es handelt sich darum, daß die Stimmung aufgetre-
ten ist, daß die Kinder mit dem Unterricht nichts anzufangen wissen.
X.: Es war Widerstand gegen das Französische.
Dr. Steiner: Die Kinder kriegten die Stimmung: warum lernen wir
das? Die Kinder dürfen das Urteil nicht bekommen.
Man muß auch mit den Buben fertig werden. Ich kann mir vorstellen,
daß jemand den Cicero durchnimmt und die helle Begeisterung
weckt. Bedenken Sie doch, Sie kriegen die Schüler in einem Alter,
wo der Stoff Sie als Lehrer viel mehr interessieren muß, als wenn Sie
eine untere Klasse kriegten. Wie steht man in der Klasse, wenn man
selbst etwas mit Begeisterung aufnimmt! Es ist einfach unmöglich,
dabei vorbei zu treffen, wenn man für etwas begeistert ist. Man lernt
dabei so viel; man kommt in die Klasse hinein, und man ist selbst voll
Begeisterung. Es ist nicht einmal so leicht, vorbei zu treffen.
X.: Warum lernen wir das ? Das ist gleich in der ersten Stunde aufgekommen.
Dr. Steiner: Daran sehen Sie nur, mit wie geringfügigen Mitteln man
das Interesse erregen kann.
X..1 Sie verlangten Anstandsunterricht.
Dr. Steiner: Die Kinder in den unteren Klassen malen genügend. Die
oberen Klassen sind theoretisch weggekommen. Das bezieht sich
überhaupt auf die drei höheren Klassen. Sie kamen nicht ins Mit-
arbeiten hinein. Sie gewöhnten sich das Mitarbeiten ab. Die
10. Klasse ist innerlich haltlos geworden. Die waren ganz erledigt. Es
bezieht sich dies, was ich sage, auf den Hauptunterricht und auf
einiges damit Zusammenhängende.
X.: Ich hatte Metrik, Poetik, Nibelungen und Gudrun vorzutragen. Es ist ein
unguter Zug hineingekommen, weil ich das, was ich unterrichten sollte, so
wenig verstand. Ich war unsicher in diesem Unterricht.
Dr. Steiner: Das stimmt nicht, mein lieber Doktor, das wird nicht
stimmen. Das glaube ich nicht, daß darin die Hauptsache lag. Ich
glaube, daß etwas von einer gewissen negativen, skeptischen Stim-
mung, die sich in der Lehrerschaft findet, daß die sich in den Unter-
richt hineingeschlichen hat; die Stimmung, daß man gewisse Dinge
nicht einsehen könnte, was auch sonst häufig betont wird. Es schlägt
in den Unterricht hinein eine gewisse negative Skepsis, ein gewisses
Reserviertsein im Urteil, weil Sie immer zu stark die Meinung
betonen, „man muß das glauben", die gar nicht berechtigt ist, wenn
man auf die Sache gründlich eingeht. Das hat sich auf imponderable
Weise hineingedrängt.
Die Hauptsache ist, daß wir, wenn wir den Ruf der Waldorfschule
befestigen wollen, da einiges zu tun haben gerade mit Bezug auf diese
Klasse, weil manches korrigiert werden muß. Deshalb möchte ich
heute zunächst — wir müssen doch uns klar sein, daß uns allen das
Gedeihen der Waldorfschule in allererster Linie am Herzen liegt;
daher können wir da vor einer gewissen rücksichtslosen Art nicht
zurückschrecken. Deshalb möchte ich dasjenige, was ich für not-
wendig halte, vorschlagen: es müssen für diese Klasse in der sorgfäl-
tigsten Weise Änderungen eintreten. Vor allen Dingen muß ich Sie
bitten, sich nicht zu beleidigen, wenn ich jetzt die Verteilung sage,
die für gewisse Fächer, auf die es mir scheint anzukommen, wenn ich
da für diese Klasse die Verteilung vornehme, weil sich danach die
übrigen Sachen richten müssen.
Da ist es schon nicht anders möglich — der Lehrplan wird noch in
besonderer Weise ausgearbeitet —, da möchte ich alles dasjenige, was
mit deutscher Literatur und Verwandtem und Geschiente zusam-
menhängt für diese 11. Klasse, das möchte ich an X.übergeben; alles
dasjenige, was mit Ästhetik und Kunst zusammenhängt, an Y., Fran-
zösisch und Englisch auch an Y. Ich habe mir das sorgfältig überlegt.
Ich werde meine Vorschläge machen, die nach einer gewissen Rich-
tung gehen. Ich kann auf eine andere Weise die Sorgen nicht los-
kriegen. Dann würde ich wollen, daß Mathematik und Physik Z.
übernimmt, daß Naturgeschichte und Chemie U. übernimmt. Das
sind die Fächer, auf die es ankommt. Das ist dasjenige, was man
ganz rücksichtslos einfach zur Korrektur dieser Klasse hinnehmen
muß. Gerade auf diese Verteilung kommt es an. Sie werden sehen,
daß viele Gründe sind, warum ich diese Sache so für notwendig
Dr. Steiner: Nun würde es sich empfehlen, daß Sie dies nicht fallen-
lassen, daß Sie morgen mit den Kindern rein im Dialog sich über das
Stück unterhalten, ganz gleichgültig, ob der eine viel oder wenig
weiß; über dasjenige, was sie da heraus wissen, so daß die Kinder
gezwungen sind zu antworten, und unterhaltend weitergehen.
X.: Im Französischen ist Corneüles „Cid" gelesen worden.
noch zu früh. Man kann nicht Geibel und Marlitt nehmen. Man
könnte C. F. Meyer nehmen, aber es ist trotzdem noch zu früh gewe-
sen. Um Jordan zu verstehen, dazu gehört ein reiferes Alter. Das
würden sie erst verstehen in der 12., 13. Klasse. Wenn man ihn nach
Gouvernantenweise durchnimmt, ist es nichts. Wenn man auf den
„Demiurgos" eingeht, braucht man Kinder von sechzehn bis sieb-
zehn Jahren. Sonst ist ja in einem gewissen Sinne sehr irreführend,
gerade die neuesten Strömungen mit den Kindern durchzunehmen.
Es handelt sich darum, womit wir morgen beginnen. Was werden Sie
beginnen, damit Sie nicht in der selbstquälerischen Skepsis sich die
ganze Nacht wälzen?
Französisch und Englisch. Das sind die Dinge, auf die es ankommt,
weil da die Kinder aus der Fasson gekommen sind. Würden Sie es
nicht versuchen, Herr N. ?
Naturgeschichte und Chemie, das muß getrennt werden, weil die
Naturgeschichte verschlampt worden ist. Das ist etwas, was nicht
verschlampt werden darf. Mineralogie, Kristallographie, Botanik,
Zellenlehre, Pflanzenbestimmung.
Eine Zwischenfrage.
Dr. Steiner: Das ist mit Rücksicht darauf geschehen, daß wir in die-
sen höheren Klassen Schüler hatten, die von außen herkamen, und da
haben wir gewisse Dinge so behandelt, daß wir Rücksicht darauf
genommen haben, was die gerade gehabt haben. Es muß Natur-
geschichte und Chemie in der 10. Klasse berücksichtigt werden.
In der 11. Klasse soll mit der Naturgeschichte und Chemie auch der
medizinische Unterricht verbunden werden, Mechanik und Feld-
messen mit der Physik.
Musik: Sologesang in der 11. Klasse. Nach der Geschmacksbildung
hinüberleiten und nach dem musikalischen Urteil.
10. und 11. können im freien Religionsunterricht zusammenbleiben.
Es wird nun die Unterrichtsverteilung für alle übrigen Klassen und Fächer vor-
genommen.
Dr. Steiner: Ich will Ihnen morgen einen kleinen Vortrag halten,
etwas Pädagogisch-Didaktisches fortsetzen.
Dem Oberschulrat sind Klagen über die Zucht in der Waldorfschule
zugegangen. Ist das vielleicht eine Denunziation? Diese Sache muß
man beantworten.
X..' Einige der Religionslehrer kommen sehr unpünktlich, so daß die Kinder
vorher unruhig sind und herumlaufen.
Dr. Steiner: Ich kann mir denken, daß die Kinder den Unterricht
schwänzen. Ist es denn nicht möglich, wenn diese Dinge so lange Zeit
vorkommen, daß wir unsererseits Beschwerde führen über diese Reli-
gionslehrer beim Oberschulrat? Dadurch ist man ins Hintertreffen
gekommen. Man hätte sich beschweren sollen, und man wäre im
Vordertreffen. Es wäre wichtig, daß diese Dinge nicht übersehen
werden. Solche Dinge, wenn irgendwo welche vorliegen, wären bis
morgen zu untersuchen, damit diese auch zur Sprache kommen.
Es muß manches versucht werden; die Dinge, die auftreten, sind nur
symptomatisch, aber symptomatisch sind sie doch. Zum Beispiel
war der Herr M. in Stuttgart, und der ist doch darauf aus, in Nor-
wegen die Hand zu bieten zu einer Art von Schule. Aber nun hat er
hier allerlei ausgekundschaftet und ist nach Norwegen zurückgekom-
men und hat gesagt: über die Waldorfschule wird geredet, aber es
stimmt nicht ganz. Er brachte eigentlich nach Norwegen die Nach-
richt zurück, daß es doch nicht sorgfältig zugeht. Auf die Schule wird
überall achtgegeben. Wenn dann der Ruf ergeht, daß die Kinder
massenhaft Ohrfeigen kriegen, werden wir auch durch dies ins Hin-
tertreffen kommen. Wir müssen furchtbar achtgeben, solange die
Schule in dieser schwierigen Lage ist, daß die ganze Welt auf sie
schaut. Es muß auch dieser Grundsatz in der Schule geltend gemacht
werden: die Leute mögen schimpfen und tun, was sie wollen, aber
man muß selbst recht haben. Ich möchte wirklich nicht, daß auch in
dieser Schule das eintritt, daß man nicht immer sagen kann, man
muß selbst recht haben. Die Waldorfschule muß als ein Muster-
beispiel einer anthroposophischen Korporation dastehen.
X.: Der F. S. hat erklärt, er möchte sitzenbleiben.
X.: Er macht Gedichte auf eine Mitschülerin.
Dr. Steiner: Darauf dachte ich schon; es sind solche Jungens da
darin, die einfach sagen, wir gehen überhaupt nur noch hinein, weil
wir darin Abenteuer haben können, das andere interessiert uns nicht
mehr. Wir können es nicht tun, daß wir den Elefanten spielen. Wir
müssen ihm sagen, wir halten ihn für so fähig, daß wir es nicht übers
Herz bringen. Da müssen wir uns der Gefahr aussetzen, daß dieses
Prachtexemplar uns verläßt.
X.; Ich habe ein Mädchen in die 1. Klasse bekommen, das kann schon lesen.
Dr. Steiner: Daß dieser R. nicht anders sein kann, als er ist, das ist ja
klar. Sie können nicht voraussetzen, daß er nach seinem häuslichen
Milieu anders ist, als er ist. Man muß ihm aufhelfen. Er gehört
auch zu denen, die in der 10. Klasse nicht richtig behandelt wor-
den sind. Sagen Sie, R. ist eine Schlafmütze, noch immer ist sein
Vater eine stärkere Schlafmütze. Beide Eltern sind nicht aufge-
wachte Menschen.
X.: Der jüngere Bruder W. R. ist sehr aufgeweckt.
Dr. Steiner: Dann haben sie andere Dinge, Der Aufgeweckte hat
auch Charakterschwierigkeiten. Solch ein Milieu wählen sich nur
Individualitäten, die irgendwie nicht gestört sein wollen. Sie
können unter Umständen, wenn Sie den R. heraussetzen, sich der
Gefahr aussetzen, daß Sie dasjenige, was in ihm schläft und was
später erwachen soll, daß Sie das verdorren lassen. Ich würde ihn
nicht herauswerfen.
Ich habe gesehen, daß dadurch, daß wir später geschlossen haben,
nicht mehr an Stoff bewältigt worden ist, als zu Ostern hätte
bewältigt sein sollen. Wir haben eigentlich die Zeit von Ostern bis
jetzt verloren. Wenn wir das nächste Jahr zu Ostern schließen,
dann werden Sie alle noch nicht fertig sein. Wir haben über Mitte
Juni jetzt. Wir werden den Lehrplan entsprechend einrichten
müssen.
Dr. Steiner: Nicht wahr, für die jetzige 11. Klasse kommt zunächst
in Betracht ein literarisch-geschichtlicher Unterricht. Nun wollen
wir so aufbauen, daß wir in der Besprechung dasjenige, was neu
auftreten soll, anschließen an das, was in der 10. Klasse bewältigt
worden ist. Was haben wir bewältigt? — Nibelungenlied, Gudrun,
Metrik, Poetik. — Nun ist dasjenige, was über Metrik und Poetik
abgehandelt werden soll für diese Klasse, das was ich gestern als
das Ästhetische beim Kunstunterricht genannt habe, zu erweisen.
Zuerst ist jetzt für die Literatur das Literarische in den Vorder-
grund zu stellen, und zwar so, daß Sie versuchen, vom Nibelungen-
lied und Gudrun den Übergang zu schaffen zu den großen Dich-
tungen des Mittelalters, ,,Parcival", ,,Armer Heinrich", und zu die-
sen Dingen. Vor allem versuchen Sie, über diese Dinge bei den Kin-
dern durch kursorische Behandlung zunächst eine geschlossene
Vorstellungswelt hervorzurufen, so daß die Kinder die Parzival-Sage
kennenlernen, und dasjenige, was sie im Original pflegen, als Probe
aus der Gesamtheit empfinden.
Ein Religionslehrer: Ich habe das behandelt.
Dr. Steiner: Das macht nichts. — Wenn Sie die Grundsätze gerade
jetzt bei den Kindern der 11. Klasse in Erwägung ziehen, dann wird
es ganz gut sein, wenn Sie den ,,Armen Heinrich" noch einmal
behandeln. Das Wesentliche ist die Parzival-Sage.
Dann ist es gut, wenn man gleichzeitig das Geschichtliche derselben
Zeit behandelt, aber für dieses Lebensalter durchaus Folgerungen
zieht für die Gegenwart; an die Gegenwart anknüpft, und den Kin-
dern beibringt, welche Gestalten der jetzigen Geschichte ähnlich
sind älteren Gestalten und namentlich, welche unähnlich sind und
ähnlich sein sollten. In dieser Weise eine Art Urteilsfällung hinein-
bringen in die ganze Sache. Das muß berücksichtigt werden, damit
das ganze 19. Jahrhundert für die Kinder im Aufbau aus früheren
Jahrhunderten erwächst.
Dann wird für diese Klasse im ästhetischen und Kunstunterricht
Poetik, Metrik, Betrachtung des Stiles zu pflegen sein, wobei man
nicht bloß stehenzubleiben braucht beim schriftstellerischen Stile,
sondern auch weiter ausgreifen kann auf den Stil in anderen Kün-
sten, im Musikalischen und Plastischen. Ich würde durchaus für das
letzte Drittel von der Stildefinition von Gottfried Semper ausgehen,
die sehr abstrakt ist, und würde an ihr zeigen, wie man andere Stil-
charakteristiken heranbringen kann an die Kinder.
In der Mathematik würde es sich handeln um eine möglichst weit-
gehende Behandlung der Trigonometrie und analytischen Geo-
metrie. In der Deskriptive soll man so weit arbeiten, daß die Kinder
verstehen und zeichnen können den Schnitt eines Kegels mit einem
Zylinder.
In der Physik — das ist etwas, was ich sehr gründlich ausprobiert habe
bei dem Unterricht, den ich selbst geben mußte—, in der Physik ist es
für dieses Lebensalter außerordentlich gut, wenn man ihnen mit den
neueren Errungenschaften der Physik kommt, mit drahtloser Tele-
graphie, mit den Röntgentatsachen, und durchaus schon mit so
etwas wie a-, ß-, 7-Strahlen. Das ist etwas, was tatsächlich so benützt
werden kann, daß es weites Interesse bei den Kindern erweckt.
Es wird gefragt wegen des Atomismus.
Dr. Steiner: Ich habe das Gefühl bekommen von unseren Freunden,
daß die ganze Geschichte vom Atomismus — Sie können nicht leug-
nen, daß tatsächlich, was Sie selbst arbeiten, auf den Unterricht
abfärben muß. Ich glaube, daß Sie die richtige Tonnuance finden
werden, wenn Sie doch noch die Sache etwas historisch durcharbei-
ten. Und da glaube ich, daß Sie gut tun würden, wenn Sie einfach die
Geschichte da anfassen würden, wo die Polemik pro und kontra der
Strukturformeln beginnt. Vorher ist der Atomismus etwas anderes
als später, wo der chemische Symbolismus von Van't Hoff beginnt.
Da würde ich glauben, daß die ganze Polemik, die Kolbe geführt hat
gegen die symbolistische Chemie, daß einmal die ganze Polemik auf-
gearbeitet werden sollte, weil diese Polemik sozusagen das ganze
Problem auf die eigene Grundlage der chemischen Wissenschafts-
entwickelung stellt. Man kann es exakt (?) zeigen. Sie haben alle viel
vorgebracht gegen den Atomismus, aber so viel wie der Kolbe
geschimpft hat, haben Sie noch nicht aufbringen können. Da würde
doch erst das Rechte hineinkommen, wenn man das neueste histori-
sche Element hineinbringt. Das müßte hineingefiigt werden zum
Phänomenalismus, der am Beginn ist in den Pelikanschen, Kolis-
koschen Betrachtungen. Er wird so lange keinen Eindruck machen,
und das wäre wichtig, daß man den Namen Kolbe erwähnt. Der
Kolbe hat gesagt: Der Van't Hoff hat, um Chemie zu treiben, den
Pegasus bestiegen, den er wohl offenbar sich ausgeborgt hat aus dem
Tierarzenei-Institut in Berlin. — Das müßte doch noch hinzu-
kommen.
Es ist gar nicht nötig, wenn man die oben angegebenen Kapitel
behandelt, vom Atomismus zu reden; gerade bei diesem Kapitel ist es
nicht nötig. Dagegen kann man von der Alchimie viel reden, und da
haben Sie Gelegenheit, weit ausgreifende Betrachtungen zu liefern,
die Sie nicht mystisch vernebeln dürfen. Da haben Sie Gelegenheit,
bei der Marconi-Telegraphie die Einschaltung des Gehirns in den
Weltzusammenhang zu behandeln, indem Sie einfach von einer ganz
exakten, aber etwas weitherzigen Auffassung des Kohärers ausgehen
und das Gehirn im Weltzusammenhang als eine Art Kohärer schil-
dern. Da haben Sie die Möglichkeit, das zu zeigen, was materiell
auftritt, was eigentlich in der Lokalität ausgelöst wird, so daß Sie
hinweisen können, wie die Gehirnvorgänge nur durch die Lokalität
des physischen Menschen ausgelöst sind. Sie haben die Möglichkeit,
die weiteste Perspektive zu erwecken.
In der Chemie würde es notwendig sein, die chemischen Leitbegriffe
Säure, Salz, Base möglichst vollständig zu entwickeln, so daß man
weiß, was ist Alkohol, was ist ein Aldehyd. Die traditionellen
Sachen, die Trennung zwischen organischer und anorganischer
Chemie, wollen wir weniger berücksichtigen. Das scheint mir das-
jenige zu sein, wo hineingeflochten werden kann die Übersicht über
die Stoffe. Ich würde es nicht für richtig finden, wonach zuerst eine
Art Chemie entwickelt wird an Stoffen. Es ist besser, so den Prozeß
zu entwickeln, und da müßte man die Stoffe und die Metalle hinein-
kriegen, so daß im Unterricht das Gefühl hervorgerufen wird, daß
man es bei den Stoffen nur zu tun hat mit festgehaltenen Prozessen;
daß die Vorstellung hervorgerufen wird, wie die Stoffe stehen-
gebliebene Prozesse sind. Wenn man ein Stück Schwefel vor sich hat,
hat man den stehengebliebenen Prozeß vor sich. Wenn ich hier stehe
und es regnet furchtbar, so habe ich einen Vorgang, in den ich ein-
gespannt bin. Wenn ich aber die Wolke von weitem anschaue, kommt
sie mir wie ein Gegenstand vor. Wenn ich gewisse Vorgänge
betrachte, ist es, wie wenn ich im Regen stehe. Wenn ich den Schwe-
fel betrachte, ist es so, wie wenn ich die Wolke von weitem betrachte.
Stoffe sind erstarrt ausschauende Prozesse.
In der Naturgeschichte, da würde es darauf ankommen, in diesem
Lebensalter die Zellenlehre zu behandeln. Und dann, nicht wahr,
nicht gerade so ausführlich, aber indem man charakteristische Pflan-
zen nimmt von den niedersten bis zu den Monokotyledonen, von
unten auf. Aber doch immerhin schon auf die Dikotyledonen ver-
weisen, daß man Parallelen zieht zwischen Blüten und Pilzen. Immer
das Mycel berücksichtigen, die Sporenbildung. Wenn man Stock-
Dr. Steiner: Das werden wir uns ersparen. Wir werden später darauf
zurückkommen. Für die 10. Klasse bleibt es so, wie wir es festgelegt
haben.
Dr. Steiner: Es ist einmal gemacht worden, daß diese ,,Zwölf Stim-
mungen" auf die Astrologie geprüft worden sind. Es ist direkt kos-
misch. Das ist etwas, was sowohl in der Stillehre behandelt werden
kann wie auch in der Eurythmie. Es ist fast jede Silbe selbst in ihren
Tönen daraufhin stilisiert. Sie können das innere Stilisieren dabei
überall finden. Objektive Stilbildungen. Das könnte auch einmal
komponiert werden. Streng objektiv zu lesen, da würde manches
herauskommen. Es könnte von erwachsenen Kindern zu einem Fest
gemacht werden.
Nun wird es sich darum handeln, daß wir eingehen auf die verschie-
denen Bedürfnisse der einzelnen Klassen und Lehrer.
Es kommt darauf an, daß Sie den dialogischen Unterricht in den
Sprachen durchführen. Dr. S. hat den Kleinen in der 1. Klasse wie-
derholt versichert, daß er kein Wort Deutsch versteht. Anknüpfen
können Sie, aber die Lektüre hineinverweben. Nicht bloß vorreden,
sondern die Kinder möglichst viel reden lassen. Das ist etwas, was
sich heute morgen herausgestellt hat, was die Kinder noch nicht
imstande sind. Das muß berücksichtigt werden, daß die Kinder zum
Reden kommen. Die Kinder müssen über das Gelesene selbst
Gelegenheit haben, sich auszusprechen. Das gilt vor allem für die
höheren Klassen, wo der Sprachunterricht noch zurücksteht. Die
unteren Klassen sind viel besser in den Sprachen. In den unteren
Klassen ist es leichter. Das, wo die Sprachen versagen, das sind die
höchsten Klassen.
Das ist eine gute Lektüre „Origines de la France contemporaine".
X.: Könnte ich nach Shakespeare „Expansion of England" durchnehmen?
Dr. Steiner: Es kommt darauf an, daß Sie die Kinder vorwärtsbrin-
gen. — Die 1. Klasse war riesig vergnügt.
Die hauptsächlichen Prinzipien haben sich zum Zusammenhang ent-
wickelt. Das, was etwas als Uneinheitliches aufgetreten ist, das ist
doch die Schlamperei. Es ist eine Schlamperei eingerissen, indem
man sich von selbst hinentwickelt hat zu einer Art, wie es leichter zu
machen ist. Das, worauf es ankommt, ist, daß man berücksichtigt,
wenn die Kinder im Chor sprechen, so ist es sehr gut, aber es ist noch
kein Beweis, daß die Kinder es einzeln beherrschen, weil da ein
Gruppengeist auftritt. Nach beiden Seiten muß gewirkt werden.
Immer an die Sache anknüpfen, so daß direkt das Wort an die Sache
anknüpft. Als wir gesprochen haben, hatte ich bemerkt, daß, um
stereotyp zu machen gewisse Aussprachewendungen, es gut ist, an
das Lernen von Gedienten anzuknüpfen. Wenn man zwei, drei, vier
solche Gedichte hat, kann man wiederum, um manches an der Aus-
sprache zu pflegen, darauf zurückkommen. Die Dinge sind alle ein-
mal besprochen worden. Das Gedichte-Lernen hat zu einer Art von
Schlamperei geführt. Das liegt daran, daß auf der einen Seite der
Sprachunterricht wirklich bei uns an zweiter Stelle steht, weil er
nebenher gepflegt werden muß. Da sind die Lehrer schon ermüdet.
Und das andere ist, daß halt doch, gerade mit Rücksicht darauf,
mancher der Vorbereitung zu entkommen versucht. Man bereitet
sich vor für das andere. Da ist es ganz gut, wenn man an etwas
Stereotypes sich anranken kann.
Es ist schon so, daß ich die Dinge tadeln kann. Es kann die Vorberei-
tung nicht so sein, wie sie sein sollte. Wir müssen das Fruchtbrin-
gende unserer Methodik erst herausarbeiten. Sonst kommen wir
allmählich tatsächlich in der Ausarbeitung des Sprachlichen dahin,
daß das nicht gelungene Bessere viel schlechter ist als das halbwegs
gelungene bloß Gute. Wir könnten sehr leicht in die Kalamität hin-
einkommen, daß wir deshalb, weil wir das Bessere schlecht machen,
nicht die Konkurrenz mit den anderen Schulen aushalten könnten.
Ich möchte trotzdem — ich bin mir vollständig klar darüber, daß man
innerhalb der reinen Unterrichtsstunden bei rationellem Betrieb zu
dem Ideal kommen kann, das die Kinder ermüdende Hausarbeiten zu
ersparen. Aber es wird halt noch nicht überall so interessant. In
gewissen Dingen ist die Praxis noch nicht da. Deshalb glaube ich
doch, daß man zu einer Art modifizierter Hausarbeiten kommen
muß. Wir werden die Kinder im Rechnen nicht heftelange Hausarbei-
ten machen lassen, aber wir werden den Kindern zuhause, wobei wir
etwas individualisieren, auch auf dem Gebiete der Literatur-
geschichte und Kunstgeschichte, Probleme zu lösen geben; diejeni-
gen, die fleißig sind, anregen, daß sie gerne zuhause etwas üben,
wobei wir uns überzeugen, daß wir nicht überlasten. Sie dürfen nicht
das Gefühl kriegen, daß sie an den Aufgaben ächzen. Sie müssen es
gern machen, und da ist es wirklich von großem Einfluß, wie man die
Aufgabe gibt. Da kommen solche Dinge in Betracht, daß eine Glei-
chung so aufgegeben wird: ,,Eine Dame wird gefragt . . .", die Glei-
chungsaufgabe in Novellenform hineinbringen.
Es ist etwas, was mir doch manchmal abgegangen ist, was noch in
unseren Unterricht hineingehört, das ist der Humor. Ich habe sehr
darauf Rücksicht genommen; in den Klassen habe ich ihn vermißt.
Ich meine nicht eine Spaßigkeit, sondernden wirklichen Humor. So
wie der Mensch physisch atmen muß, so können Sie nicht von den
Kindern verlangen, daß sie ständig bloß einatmen. Sie müssen auch
ausatmen können. Und wenn Sie die ganze Stunde im selben Ton
alles beibringen, so ist es so, als wenn Sie einen Menschen nur ein-
atmen lassen, und nie ausatmen lassen. Dazu ist Humor nötig.
Humor ist das Ausatmen der Seele. Sie müssen Humor in den Unter-
richt hineinbringen, das kann aus den verschiedensten Ecken gesucht
werden. Der Humor kommt aus dem, was ich den Schwung genannt
habe. Der Schwung muß hinein, das braucht die Jugend aller Klas-
sen. Etwas Humor! Wenn man jeden Tag nur eine Stunde zu geben
brauchte, könnte man es anders machen. Es muß Humor hinein!
Bezüglich des Handarbeitsunterrichts hatten Sie mich mißverstan-
den. Ich dachte, daß Sie untereinander es ausarbeiten. Die Damen
hätten sechsundzwanzig Stunden. Geben Sie mir morgen einmal die
Zahl an, wieviel jede der Damen an Stunden in der Woche überneh-
men kann. Sechsundzwanzig Stunden ist natürlich zuviel. Wir müs-
sen doch sehen, auf welche Weise wir Verstärkung kriegen. Geben
Dr. Steiner: Er ist der ganze Vater und noch nicht einmal so gedan-
kenlos. Bei Herrn S. Worten bekomme ich die Vorstellung, daß er ein
Dr. Steiner: Das ist ein Mangel an Ernst in der Behandlung der
Zeugnisangelegenheit. Das ist eine unerhörte Schlamperei, die mit
Ernst behandelt werden muß. Die Sucht, die Sachen zu entschul-
digen, macht es noch schlimmer. Es ist etwas Unerhörtes. Wenn
solche Dinge vorkommen können, da sind wir wirklich nicht im
Betrieb der Waldorfschule darin. Wir haben kein Recht, von Zeug-
nissen zu reden, wenn wir mit einer solchen schlampigen Weise vor
die Welt hintreten. Das ist wirklich unglaublich. Wir kommen all-
mählich hinein in einen Betrieb, der überhaupt nicht ernst zu
nehmen ist. Ein Zeugnis, das ist ein Dokument! Wenn man sich so
verschreibt — ich möchte wissen, in welchen Betrieb wir hinein-
kommen. Solche Dinge müssen beruhen auf einem strikten, mecha-
nischen Gang, so daß ein Fehler unmöglich ist. Es ist ein Uhrwerk,
weiter nichts. Es können doch Fehler gar nicht vorkommen.
Ich möchte lieber die Diskussion darüber abbrechen. Es scheint
mir unglaublich. Wenn man Dokumente ausstellt in einer solchen
Auffassung, kann man nicht diskutieren.
Dr. Steiner: Ich habe versucht, in Bilder zu bringen die Art und
Weise, wie die verschiedenen Freunde in Österreich selbst sich
gezeigt haben. Jeder hat so etwas in seiner zurückverschlagenen
Seelenprovinz, was herauskommt als Vor-Theresianisch. Da ist man
ein gebildeter Mensch geworden, indem man durch das Mönchstum
gegangen ist. So wie wir es brauchen unter uns, so müßte man durch
das Mönchstum durchgehen. Der Kolisko wäre irgendwo Domini-
kaner geworden. Stein Zisterzienser. Und unser guter Schubert, der
wäre Piarist geworden.
Ich möchte, daß die auf der Seele liegenden Wünsche herauskom-
men. — Ich wollte nur noch das eine sagen. Beim Religionsunterricht
ist es notwendig, daß alle diese Dinge sich abspielen, die bis jetzt
gepflegt werden. Es ist aber auch notwendig, daß auch im Unterricht
schon von der untersten Klasse an die Kinder etwas hineingebracht
werden in die Stimmung der gebetsartigen Erhebung. Man muß nach
und nach sehr stark im Kind die Stimmung der gebetsartigen
Erhebung erzeugen. Das Kind muß die Stimmung desGebets kennen-
lernen. Es muß das durchgeführt werden, „nicht mein, sonderndem
Wille geschehe". Es muß eine Erhebung in das göttliche Geschehen
sein. Es muß der Religionsunterricht nicht bloß an das Bild appellie-
ren, sondern er muß durchaus auch auf die Stimmung der Erhebung
hinorientiert werden. Man muß den Kindern beibringen eine Stim-
mung, die anknüpft an die Sonntagshandlung, und muß da die Kin-
der gebetsartige Stimmung empfinden lassen.
Ich habe dem protestantischen Religionslehrer gesagt, ich möchte
auch in seine Stunde hinein. Er hat aber gesagt, er braucht längere
Zeit, um sich das zu überlegen. Ich werde es auch dem katholischen
sagen.
Es ist auch das ein Fehler, der bei uns gemacht wird. Ich habe es
heute bemerken können an der Art und Weise, wie die Schüler auf
Bestimmung ihrer Konfession geantwortet haben, als Sie darum
gefragt haben. Da ist doch aus dem Habitus der Antwort heraus-
gekommen, daß wir noch keine Einheit haben in der Schule. Wir
müssen uns klar sein, daß es ernst sein muß, daß wir die katholischen
Kinder dem katholischen Pfarrer geben, und bei uns selbst empfin-
den, daß es nur ein Hineintragen eines Bekenntnisses ist, daß es nicht
einen engeren Zusammenhang hat mit dem übrigen Unterricht.
Das müssen wir durchaus aufrechterhalten, sonst kriegen wir ein
Dr. Steiner: Das begründet das noch mehr. Solchen Kindern ist das
noch mehr wert. Das ist bejammernswert. Daß sie brav sein soll, ist
eine schlimme Sache. Das ist häufig der Fall, das muß man mitneh-
men. Das wirkt schon, wenn Sie mit dem evangelischen Religions-
lehrer ein paar Worte wechseln. Ich habe heute nachgedacht, wie wir
am Gang standen, wann wird der Herr S. mich dem Vikar vorstel-
len? Er hat es nicht getan. Das ist auch etwas, was zu den Imponde-
rabilien gehört. Es ist das doch etwas, was nicht geht.
Ich finde es nicht schädlich, wenn die Kinder die Messe besuchen.
Wir tun nichts Schlimmes, wenn wir sie dazu anhalten. Ich hätte
nichts dagegen, wenn auch die evangelischen Kinder einen Ge-
schmack finden würden, die Messe zu besuchen. Die Messe ist ganz
gewiß nichts Schlimmes. Sie ist unpersönlich, sie wirkt durch ihren
eigenen Inhalt. Man kann ganz absehen vom zelebrierenden Priester.
Die Messe wirkt doch grandios. Aber es ist mehr, die Messe als solche
zu sehen, als ein Hochamt mitzumachen. Bei der Missa solemnis, wie
es in der Kirche gemacht wird, ist es so, daß hinter dem Pomp die
Messe verschwindet. Die Messe ist nur das, was die vier Teile sind:
Evangelium, Offertorium, Wandlung, Kommunion. Das ist dann am
wirksamsten, wenn es der Priester mit zwei Dienenden macht. Das ist
etwas, was uns nicht möglich ist, daß wir die evangelischen Kinder
zur Messe anhalten; sie würden davon etwas haben.
Ich bedaure es ungemein, daß ich nicht durch mehr Klassen gekom-
men bin.
Frage wegen des W. E. und M. G., ob sie nicht in die Hilfskiasse sollen.
Dr. Steiner: So wie die Sache jetzt ist, kommt der Junge nicht vor-
wärts, und durch sein Gebaren schadet er den Kindern furchtbar.
Das Mädchen könnte vielleicht weitergeschleppt werden. Sie ist eine
bloße Last. Er ist schon schwierig. Er stört die anderen Kinder fort-
während. Er hat heute schon wieder angefangen. Man tut ihm etwas
Gutes, wenn man ihn in die Hilfskiasse hinübernimmt. Bei ihm ist es
so, daß alles darauf hinweist, daß er besonders in die Hand genom-
men werden müßte. Er ist furchtbar nervös, er kommt nicht gut
vorwärts unter den anderen darunter.
Wegen einigen anderen Kindern.
Dr. Steiner: Das sind die Dinge: wenn man mit jedem Kind in der
Klasse etwas extra machen muß, dann kann man nicht einmal eine
Klasse von zehn unterrichten. Es ist stark ersichtlich, daß wir unsere
uns gesteckten Lehrziele nicht erreichen, bisher nicht erreicht
haben. Das ist doch eben sehr stark ersichtlich. Wir dürfen es auch
nicht künstlich bewirken, daß wir diese Ziele gar nicht erreichen
können. Im ganzen ist es schon so, daß es ganz gleichgültig ist, ob wir
die Lehrziele erreichen, die man sonst draußen hat. Was damals fest-
gelegt wurde, das muß eingehalten werden; sonst ist es gleichgültig,
ob wir die äußeren Lehrziele berücksichtigen. Aber wir müssen
unsere Lehrziele in einer besonderen Weise berücksichtigen, mehr als
wir es getan haben.
Es wird gefragt wegen eines Kindes, ob es sitzen bleiben soll.
Dr. Steiner: Wenn er das ganze Jahr nicht dawar, ist es eine Wohltat
für dieses Kind. Das eigentliche Sitzenbleiben haben wir bis jetzt
abgelehnt; so lange es geht, wollen wir es nicht anstreben.
Den Holländer wollen wir nicht extra holen, sonst kommt das her-
aus, daß jemand sagt, es gleicht unsere Methode der für schwach-
sinnige Kinder.
Es wird gefragt wegen der Sonntagshandlungen.
Dr. Steiner: Man müßte fünf Handlungen haben. Da ist die schwie-
rige Frage der Persönlichkeiten und des Raumes.
X.: Man müßte lange Vorhänge haben.
Dr. Steiner: Sie können es so hoch machen, als es jetzt ist. Eine volle
Vollkommenheit erreichen wir doch nicht. Dann können wir es so
machen.
Es müßten noch weiter zelebrierende Damen da sein.
Den Evangelientext kann ich nicht hier machen. Ich werde ihn sicher
machen, aber ich kann ihn nicht mehr hier machen. Ich werde ver-
suchen, so schnell als möglich einen Text zu geben.
Es wird gefragt wegen Himmelskunde in 8a.
Grammatik lehren. Das kann wohl sein, daß das ganz gut brauchbar
ist. Es ist doch wiederum die Terminologie eine solche, auch in bezug
auf das Verständnis, daß sie sich nicht übersetzen läßt. Ich will das
nicht pressen. Was ich sagen wollte, ist nicht, daß man auf franzö-
sisch Grammatik lehren soll. Der Unterrichtsstoff, die Konversation,
was innerhalb der Stunde liegt, die muß herausgenommen werden.
Wenn man es aus technischen Gründen notwendig findet, Dinge ein-
zufügen auf deutsch, so ist das nicht ausgeschlossen. Man kann es so
machen, wie man überzeugt ist.
Wenn man das Analytische wieder ins Bild zusammenfaßt, dann ist
es wieder gut. Auf das Bild hinarbeiten muß man unter allen Umstän-
den. Es kommt auf das Analysieren ins Bild an. Es hat viel zu sehr der
absolvierte Gymnasiast einfach das im Sinn, bei homo an Mensch zu
denken. Eigentlich ist es ein Unsinn. Es fehlt das Bild. Mensch ist die
aus dem rassigen Generationsstrom hervorgehende Seele; homo ist
die aus dem Physischen sich erhebende Menschengestalt. So daß man
sagen kann, der Mensch inkarniert sich in homo. Es ist dasselbe wie
Adam. Wenn man die Bilder nicht kriegt, was entgeht der Seele alles.
Das meine ich, das müßte man auch im Lateinischen anstreben.
Das hat Frau X. in den Tagen, wo sie große Zukunftspläne hatte, für
das Magyarische machen wollen. Für primitive Sprachen sehr gut. Es
liegt eine ganze Lebenstatsache dahinter, daß der Engländer sagt:
Mister Smith —, und der Ungar sagt: Tanito ur. — Eigentlich ist das:
ur — der Lehrer; Lehrherr sagt diese primitive Sprache. Da liegt ein
ganzes Leben darin. Käveliäz ist ein Lehnwort. Es ist doch ein ande-
res Bild, ob man den Herrn von vorn oder von hinten anschaut. Keine
Stunde sollte vergehen, ohne daß das Kind etwas Bildhaftes erlebt.
Ein Lehrer legt den Entwurf eines Lesebuches vor.
X.: Wir dachten, es müßten noch einige Legenden hinein.
Dr. Stemer: So etwas kann man machen. Ergänzen Sie es noch. Wir
müssen gute Jesus-Legenden gestalten. Es wird ein sehr anregendes
Lesebuch sein. Man muß viel mit den Kindern über diese Bilder
reden. Wenn Sie das jetzt drucken, ich glaube nicht, daß das unter
20 000 Mark herzustellen ist. Es müßte sehr teuer werden. Es ist
dann ein Lesebuch; es müßte mindestens 100 Mark kosten.
X.: Ist periodischer Unterricht in Handwerk möglich?
Dr. Steiner: Zunächst ist es schon so, periodenhaft, an das könnte
man schon denken. Aber man kann es unmöglich einreihen in die
Perioden, welche die morgendlichen ersten Stunden haben. Es
Frau Dr. Steiner: Es müßte das für die hiesigen Herrschaften bekannt sein.
Man könnte so eine Szene wie Gnomen und Sylphen machen. Olaf Ästeson,
mit den Urträumen.
Dr. Steiner: Ich habe Sie gebeten, hauptsächlich schon um den Fall
zu behandeln — wir hätten sonst noch einige Tage zu warten
gehabt —, der Sie hier beschäftigt hat. Nun scheint mir das wichtig zu
sein, daß wir solche Dinge jetzt gar nicht als einzelne bloß behandeln
dürfen. Das darf bei uns nicht sein, sondern wir müssen alle diese
Dinge jetzt in dieser für uns so schweren Zeit im Hinblick auf die
anthroposophische Bewegung behandeln. Es muß bei allem darauf
gesehen werden, daß es nicht ausgenützt wird gegen die anthro-
posophische Bewegung. Wir sitzen doch im Glashaus und müssen
solche Dinge vermeiden, die neuerdings wiederum zu allem mög-
lichen gegen die anthroposophische Bewegung führen können. Nun,
nicht wahr, handelt es sich darum, daß wir einmal ganz klar werden,
was eigentlich vorgegangen ist, und wie das zu beurteilen ist, was
vorgegangen ist.
Bei einer Gruppe von Schülern der 9., 10. und 11. Klasse waren Betrügereien,
Diebstähle und Saufereien vorgekommen. Einer hatte auch seinen Mitschülern
Injektionen gemacht und hatte versucht, sie zu hypnotisieren. — Daraufhin
hatte man in dieser Sache mit Dr. Steiner in Dornach telefonisch Rücksprache
genommen. Dann hatte man die Schüler eingehend verhört und hatte an
Dr. Steiner einen sehr ausführlichen Bericht geschickt. Die betreffenden
Schüler waren vorläufig vom Unterricht suspendiert worden.
Dr. Steiner ließ sich nun bei jedem der Beteiligten das Alter sagen, in welcher
Klasse er ist und wie lange auf der Schule. Dr. Steiner fragte auch nach den
Eltern und den häuslichen Verhältnissen.
Dr. Steiner: Nun, wann ist denn zum ersten Mal überhaupt irgend-
eine Anklage gegen die Kinder zutage getreten? Wodurch ist die
ganze Sache aufgekommen?
X.: Durch die Hypnosegeschichte mit G. S. Ein Mitschüler wollte mich allein
sprechen und mir sagen, daß im Hause von S. Dinge vorgehen, die wir wissen
sollten.
Dr. Steiner: Haben Sie die Ansicht, daß es irgendeinmal dem G. S.
gelungen ist, eine Hypnose herbeizuführen?
X.: Nein, jedenfalls keine vollständige. Er hat es aber oft versucht an verschie-
denen Schülern.
Dr. Steiner: Man kann wohl kaum annehmen, wenn er nicht einen
ungünstigen Einfluß ausgeübt hat, daß er irgendwelches Unheil
Dr. Steiner: Ist aber über das Verhältnis des G. S. in der Schule selbst
nichts zu sagen außer dies, daß er sehr fleißig gearbeitet hat?
X.: Ich war früher zufrieden, seit drei bis vier Monaten hat er nachgelassen.
Dr. Steiner: Jetzt wollte ich eines noch wissen. Als ich nach irgend-
einem Bericht mit Herrn J. sprach, erzählte er mir von einem Abend
mit einer Aussprache, welche die Schüler mit den Lehrern hier gehal-
ten haben. Wie steht es denn damit, wenn ein Schülerkonsortium
einen Vorsitzenden hatte, und die Lehrer da waren und das Wort
erbeten haben von einem Schülervorsitzenden? Ich wollte vom
Stuhle fallen.
Es wird darüber gesprochen.
Nun, nicht wahr, muß ich sagen, es ist schon ein Problem, daß eben
so gar nicht die Möglichkeit gewesen ist, daß sich diese Kinder in
einer naturgemäßen Weise an die Lehrerschaft angeschlossen haben.
Sie waren von keinem Vertrauen zur Lehrerschaft erfüllt. Ich will
nur sagen, daß tatsächlich diese Kinder von keinem Vertrauen zur
Lehrerschaft erfüllt waren.
Man wird selten einen so innerlich zerrissenen Jungen finden, trotz-
dem es heute so viele zerrissene Kinder gibt, wie dieser N. G. ist.
Dasjenige, was vorgebracht worden ist, das sind bei ihm Dumme-
Jungenstreiche, von denen Sie selber wissen werden, daß in jeder
Schule solche Jungen sind. Innerlich, seelisch liegen andere Dinge
vor, aber das, was heute vorgebracht worden ist, das gehört in die
Kategorie, wie es manche gibt in den Schulen.
Nun liegt noch eine Verkennung vor, ein Mißverständnis. Sehen Sie,
bei N. G. und .G. S., vielleicht auch noch bei den anderen. Sie sagen,
die Jungen sind frech geworden und haben gefragt, wie das ist, daß
gesagt wird, es käme keine Anthroposophie in den Unterricht hinein
und so weiter. Wie fassen Sie das auf? Was ging Ihnen hervor aus all
den Fragen ?
X.: Als N. G. diese Frage stellte, hatte man das Gefühl, er will Wahrheit
haben, er will aber auch ein Bein stellen.
Dr. Steiner: Bei N. G. ist es so, der ist aufgewachsen und hat als
kleines Kind zugleich mit dem Sprechenlernen kein wahres Wort in
seiner Familie gehört. Die Mutter ist total innerlich verlogen, der
Vater total innerlich verlogen. Sie wirkten gegeneinander, so daß
also eines Tages sehr früh der N. G., vielleicht war er erst sieben oder
acht Jahre alt, sich gefragt hat: Die Welt, wie ist denn die? Mein
Vater, der ist so ein furchtbares Rindvieh, und ist zum Doktor
gemacht worden. Wie ist das möglich? Nun ist er in eine Schule
gekommen, da hat er gefunden, die Lehrer sind auch alle Rind-
viecher. Nun ist er hierher gekommen und hat sich gesagt, von der
Waldorfschule wird gesagt, die Lehrer sind keine Rindviecher. Ich
will mich überzeugen, ob die auch Rindviecher sind. — Dann ist ihm
furchtbar viel vorgeredet worden davon, daß keine Anthroposophie
im Unterricht ist. Nun wollte er aber gerade Anthroposophie. Ihm
wäre es recht gewesen, er wollte Gelegenheit haben, die Anthro-
posophie kennenzulernen. Er wollte wissen, warum man so zurück-
haltend ist; er hat es als eine Unwahrheit empfunden. Nun kam er
sehr bald weg, hat gearbeitet und sich einiges Geld verdient.
Als eine lange Zeit vergangen war, kam dieser N. G. zu mir und sagte:
Ich weiß nicht, was ich mit mir anfangen soll. Ich habe große Hoff-
nungen gehabt, daß aus mir ein besserer Mensch gemacht wird, wenn
ich in die Waldorfschule komme. Da bin ich mit dem Rad hinüber-
gefahren nach Dornach und habe den Bau angeschaut. Der Bau hat
mich immer zu einem besseren Menschen gemacht. Aber ich kann zu
nichts kommen. Ich sehe, daß da kein Unterschied ist zwischen Gut
und Böse. Und ich sehe nicht ein, warum ich jetzt gut werden soll.
Warum soll ich nicht ein Mensch werden, der alles darauf anlegt, alles
zu zerstören? — Nun, es ist wirklich in der letzten Zeit, als er wieder
zurückgekommen ist, etwas anderes eingestürmt auf den Jungen.
Aber entweder hätte man ihn nicht zurücknehmen sollen, oder es
hätte doch dahin gewirkt werden müssen, daß er Vertrauen faßt zur
Lehrerschaft. Er ist in einer furchtbaren Lage gewesen. Denken Sie
nur einmal, was das für ein Wildbret ist für die Menschen, die Daten
sammeln gegen die anthroposophische Bewegung.
Denn ich muß sagen, so wie ich die Sache jetzt kennengelernt habe,
ist es ein Schulfall wie andere Schulfälle. Man soll einmal die Schulen
suchen, wo das nicht vorkommt. Und es ist eigentlich für jede andere
Schule leicht, damit fertig zu werden. Wir können nicht damit leicht
fertig werden, weil wir wirklich daraufsehen müssen, wie die anthro-
posophische Bewegung von diesen Dingen berührt wird. Also wir
hatten die Wahl zwischen dem einen, nun wirklich diese Schüler mit
völliger Motivierung, aber in aller Form und Öffentlichkeit aus der
Schule zu entfernen, oder mit den Fällen fertig zu werden. Die Beur-
teilung muß von uns ausgehen, die die Welt haben kann von diesen
Fällen.
Wir müssen aufhören mit dem, was Schädigungen gebracht hat, daß
man immer wiederum die Leute herausgesetzt hat, und sie sind
Feinde geworden. Aber zum Heraussetzen, muß ich schon sagen,
gehört etwas völlig anderes als dasjenige, was vorliegt. Mit dem
Material, was hier vorliegt, läßt sich nicht viel anfangen. Denn die
Sachen von G. S. sind wirklich Dumme-Jungenstreiche, wo noch
extra die Leute sagen werden: Na, was ist das für eine Schule, die den
Kindern so viel Zeit gibt für Saufereien.
X: Die Kinder haben vierundvierzig Stunden in der Woche.
Dr. Steiner: Wenn man dies Protokoll liest, so schaut es aus, als ob
die Kinder überhaupt nicht Zeit hätten, in die Schule zu kommen. Es
ist nur das nicht da, daß die Kinder gefühlt hätten, sie sind in der
Schule; daß sie einer solchen Schule angehören, daß sie das nicht tun
können.
Ich muß sagen, so etwas müßte man doch merken. Hier im Protokoll
wird erzählt, daß der G. S. zu Weihnachten einen Detektivklub
gegründet hat. Außerhalb hat sich die Sache abgespielt. Ist da kein
Reflex in die Schule hineingeworfen worden? Man muß doch etwas
bemerken, wenn unter den Schülern einer ist, der einen Detektivklub
gründet.
Nicht wahr, im ganzen kann man sagen, jetzt sind die Leute hinaus-
geworfen. Nun war ich heute in der 10. und 11. Klasse darin. Ja, ich
meine, die Klasse ist doch sehr manierlich. Sie sind doch so, daß man
alles mögliche anfangen kann.
X.: Jetzt ist es ein Vergnügen, in der Klasse zu arbeiten.
Dr. Steiner: Es ist doch die 11. Klasse eine absolut anständige
Klasse, mit der man alles mögliche machen kann. Inwieweit spielt
nun dasjenige hinein, was von diesen Schülern ausgegangen ist, wie
äußert sich das bei den anderen?
X.: Die sind furchtbar froh.
Dr. Steiner: Wenn man sie fragen würde, was die aussagen.
X..' Man ist froh, daß die draußen sind.
Dr. Steiner: Aus diesen sämtlichen Verhören gewinnt man nichts
anderes als den Eindruck, daß alle diese Delinquenten bei diesen
Verhören immer den Buckel voll gelogen haben, und daß dabei nicht
viel herausgekommen ist. Ich war heute etwas recht unangenehm
berührt von dem Gespräch, das jemand gehabt hat mit einer Mit-
schülerin des N. G. Eigentlich weist diese Aussage zurück bis in die
vorige Weihnacht. Nun möchte ich wirklich fragen: Ja, ist von all-
dem, was diese Schülerin aussagt, nichts bemerkt worden?
Es ist wirklich sehr schwer, in dieser Sache das zu finden, wodurch
man den Fall zurechtrücken kann. Was werden Sie sagen, wenn nach
einem halben Jahr irgendeiner aus der klerikalen Clique seitenlang
den Fall H. B. behandelt in der folgenden Weise: Der H. B. ist ein
ganz anständiger Schüler, bis er in die Waldorfschule gekommen ist.
Er war auch nachher ein anständiger Schüler. Es hat drei Jahre
gedauert, bis er dazu gebracht war, Schiebergeschäfte zu machen.
Man sieht an diesem Fall ganz klar, daß es selbst bei einem anständi-
gen Schüler von Anfang nicht möglich war, ihn soweit zu verderben.
Dazu waren drei Jahre Waldorfschulzucht notwendig. — Was werden
Sie sagen, wenn das darin stehen wird ?
X.; Ich sehe keine Möglichkeit, mit diesen weiter in der Schule zu arbeiten.
Dr. Steiner: Warum sagen Sie, Sie hätten sich über die Kinder
gestellt? Was sein müßte, ist das, daß die Kinder einen über sich
stellen. So muß die ganze Sache sein. Die Kinder müssen selbstver-
ständlich einen über sich stellen. Das kann das einzig richtige Ver-
hältnis sein. Dann kann man nicht in dieser Weise erörtern, daß man
sich sagen läßt von den Kindern, wir lehnen die ganze Schule ab.
Wir können die Sache nicht so leimen. Es bleiben immer noch acht
Schüler zu entfernen. Wir können das nicht auf irgendeine Art
machen, daß wir die Sache leimen. Solche Dinge kommen nicht in
Betracht. Wir müssen die Möglichkeit haben, den Fall vor der Welt
vertreten zu können, und wir müssen ihn vor der Welt vertreten, so
daß er nicht gegen uns vertreten wird. Wir müssen unbedingt die
Möglichkeit haben, den Fall so zu behandeln, daß wir es rechtfer-
tigen können, wenn wir auf irgendeine Weise diese acht Schüler ent-
fernen. Es ist wirklich so sehr schwer, in der Sache zurechtzukom-
men. Denn man muß auf festem Boden stehen. Vor allen Dingen,
man müßte wirklich hören, wie es mit dem Rest der Klasse stehen
wird.
X..1 Für die Kinder der 11. Klasse ist es ein Erlebnis der Erlösung und
Befreiung.
Dr. Steiner: Wir werden die Sache so machen. In den allernächsten
Tagen muß man es zur Entscheidung bringen. Ich werde mir morgen
diese 11. Klasse noch einmal anschauen und die 10.
Eigentlich ist es zum Verzweifeln, die ganze Sache. Es ist eine Sack-
gasse geworden. Es liegt auch das vor, daß es ein großer Fehler war,
daß man einzeln verhandelt hat, während man hätte mit Gruppen
verhandeln müssen. Man hätte müssen mit Gruppen verhandeln. Ich
habe es schon Herrn R. gesagt, und trotzdem bekomme ich Proto-
kolle. Wenn man dieses Protokoll durchliest über die S. H. — das ist
viereinhalb Seiten lang -. sieht man ihm an, daß sie sich lustig
gemacht hat. Sie hat so geredet, daß sie sich ins Fäustchen gelacht
hat. Ich glaube gar nicht, daß sie gedacht hat, die Lehrer stehen über
ihr. — Ich muß mir die 10. und 11. Klasse doch anschauen.
X.: Habe ich Herrn Doktor so verstanden, daß es das geringere Malheur wäre,
wenn man die Kinder halten könnte?
Dr. Steiner: Sie können die Kinder nicht halten. Aber unter welchen
Umständen kommt man heraus? Man kann nicht beschließen, man
schließt sie aus, wenn die Antezedenzien noch nicht geschaffen sind.
Man muß sie schaffen. Es muß dann tatsächlich auch die Möglichkeit
vorliegen, daß es sich nicht wiederholt. Daß nicht in den oberen
Klassen wirklich die Schüler über den Kopf der Lehrer wachsen. Das
ist nun einmal geschehen. Wenn nicht irgendwie der Wille herrscht,
die Schüler in der Hand zu haben, so werden die Schüler uns über den
Kopf wachsen, gerade durch die Vorzüge der Methode. Der Nachteil
besteht darinnen, daß Sie die Kinder zu gescheit machen. In anderen
Schulen kommt die Nichtsnutzigkeit auch vor, aber die Auffassung,
die bei den Schülern herrscht, und die bei den Lehrern herrscht, das
kommt an anderen Schulen nicht vor. An der Art und Weise, wie die
Diskussionen geführt worden sind, liegt der Fehler.
Wir müssen uns schützen vor den Leuten, die auf jede Gelegenheit
passen — man macht sich hier gar keine Vorstellung, wie darauf
gepaßt wird, um die anthroposophische Bewegung aus der Welt zu
schaffen. Wir müssen das Gegengewicht haben, daß solche Dinge in
der Zukunft nicht wieder vorkommen. Ich habe nicht die Über-
zeugung gewinnen können, daß sie nicht wieder vorkommen. Ich
kann nur glauben, daß immer wiederum die Knaben und Mädchen,
sobald sie fünfzehn, sechzehn Jahre alt sind, einfach den Händen der
Lehrer entsinken. Es müssen Maßregeln getroffen werden, daß durch
den ganzen Unterricht hindurch ein Zug von Leben geht. Ich will
nicht Moral predigen: Es muß ein Zug von Leben durch den Unter-
richt hindurchgehen. Ein Zug von Leben muß in den Klassen sein. Es
ist ja doch in den untern Klassen ein Zug von Leben, und der könnte
auch in den oberen Klassen sein. Es ist im Grunde genommen doch
ein gutes Schülermaterial. Auf mich haben die zwei Klassen einen
sympathischen Eindruck gemacht. Es ist zum Verzweifeln, wenn
man nicht einsieht, daß die ganze Sache aus einem anderen Impuls
heraus gehen muß. Es muß unmöglich werden, daß Schüler kommen
können und sagen, wir lehnen die ganze Schule ab. Diese Sachen, es
müßte der Wille dazu vorhanden sein, das zu ändern.
Eine Lehrerin: Möchten Sie nicht mehr sagen in dieser Richtung? Wir stan-
den vor der Frage der eigenen Unfähigkeit.
Dr. Steiner: Es liegt nicht der Wille vor. Wenn man den ganzen Willen
auf die Sache konzentriert, dann kann es anders gehen. Es ist schon
äußerlich eine merkwürdige Verschiedenheit von den unteren Klas-
sen nach den höheren Klassen. In den unteren Klassen kommt das
häufig vor, was bei Fräulein U. war, die Kinder machen einen Spek-
takel, daß man nicht zu dem Gefühl kommt, die schlafen. Bei Ihnen
war eine rühmenswerte Ausnahme. Die Klasse schläft in den oberen
Klassen. Die Klasse weiß nichts, nicht die einfachsten Dinge. Kein
einziges Individuum hat gewußt, daß es Kreuzzüge gegeben hat. Ich
verstehe unter dem Wachsein etwas anderes. Sie haben keine
Ahnung, wie die Kreuzzüge angefangen haben.
Es muß ein anderer Wille eintreten. Man kommt in einem gewissen
Zeitpunkt aus einem richtigen Fassen der Klasse zum Dozieren. Man
kommt weg von diesem lebendigen Zusammenhang.
Wenn Sie heute noch den Jakob Böhme beigebracht haben, dann ist
es zu begreifen. Man darf nicht so viele Details beibringen, daß eines
das andere totschlägt. Um zehn Uhr war eine Menge von Diktat und
Repetitionsfragen. Nicht wahr, nun muß man die ganze Sache abrun-
den zu einem Bild, und dann muß das Bild bleiben. Wenn Sie zu all
dem heute noch den Jakob Böhme hinzugefügt haben, dann müssen
sie einen wirren Kopf bekommen. Warum liegt es in unserem Stun-
denplan, daß man drei Stunden hintereinander in der zweiten das
auslöscht, was in der ersten gegeben wurde. Sie können bei der
Geschichte eineinhalb Stunden etwas Neues nehmen, und dann das
alles beleuchten durch alte Reminiszenzen. Das ist notwendig, daß
wir den Willen entwickeln, die Kinder in Lebendigkeit zu erhalten.
Daß sie von all den Dingen etwas haben, indem sie es aufnehmen. Wir
müssen das erreichen, sonst können wir es gar nicht wagen, diese
höheren Klassen aufrechtzuerhalten. Es ist das alles nicht, um zu
nörgeln; es ist so, daß die Klasse schläft.
Nicht wahr, es ist notwendig, daß man die drei aus der Schule ent-
fernt. Aber es ist ganz zweifellos, daß das an der anthroposophischen
Bewegung ausgeht, und daß man das stark benützen wird, um eben
der anthroposophischen Bewegung das anzuhängen, daß die Jun-
gens, trotzdem sie längere Zeit in der Schule sind, nun eben so sind,
daß man sie herauswerfen muß. Es läßt sich ja, so wie die Sachen
liegen, nicht einmal mehr viel machen zur Rechtfertigung.
Ja, äußern Sie sich noch, was Sie zu sagen haben. Es ist ja das letzte
Mal nicht ganz zu Ende gekommen. Nicht wahr, es haben sich nur
einzelne ausgesprochen. Es werden andere auch noch etwas zu sagen
haben. Aber wir müssen also über diese drei Schüler verhandeln, und
wir werden sie eben nur ausschließen können unter dem Gesichts-
punkt, daß sie sich in einer Weise während der Stunden benommen
haben, und unmittelbar nach den Stunden, daß der Unterricht durch
sie gestört worden ist. Und weil eben für die letzten Klassen es
absolut notwendig ist, daß wir die Schüler bis zum Abiturienten-
examen bringen, können wir nicht den Unterricht weiter stören las-
sen. Der Gesichtspunkt muß der sein, daß sie uns den Unterricht
dadurch unmöglich machen, daß sie passiven Widerstand geleistet
haben, und sich über die Lehrer lustig gemacht haben. Nun, das ist
dasjenige, was gestern in der Besprechung mit der Klasse stark zutage
getreten ist, daß sie das in ausgiebigstem Maße getan haben.
Auf der anderen Seite wiederum ist es doch eine harte Sache auch.
Ich habe gestern die Zeichnungen durchgesehen, die X. in der de-
skriptiven Geometrie hat machen lassen, und ich kann nicht sagen,
daß die Zeichnungen, die von diesen dreien gemacht worden sind,
um ein wesentliches schlechter sind als die Zeichnungen der anderen.
Da die Zeichnungen zeigen, daß sie an diesem Unterricht, wenigstens
in seiner praktischen Anwendung ebenso sich betätigt haben wie die
anderen, so ist hier kein Grund zum Ausschluß. Und es ist die Frage,
ob denn das vorliegt, daß sie wirklich im anderen Unterricht durch
ihr Verhalten ein wesentlich störendes Element waren. Wir brauchen
Motivierungen. Wir können kaum ausschließen aus dem Grunde,
weil die Jungen Dumme-Jungenstreiche gemacht haben. Die Zeich-
nungen sind dasjenige, was man saubere Arbeiten nennt.
Die J. W., die mit mütterlicher Sorglichkeit über diese drei gespro-
chen hat, die hat von H. B. gesagt, daß er sogar sich interessiert hätte
für Mathematik, seit X. den Mathematikunterricht gibt. Worauf ein
anderer erwidert hat, daß H. B. gesagt hätte, der Unterricht von X.
wäre so, daß er eine angenehme Abwechslung zum übrigen Leben
gibt. Der andere Unterricht war ihm nicht einmal das.
Ist es wirklich so, daß wir eine substantiierte Basis schaffen können
für die Ausschließung, indem gesagt wird, daß sie den Unterricht
unmöglich gemacht haben? Wir können sie nicht mehr darin haben.
Die Sache ist diese, daß wir die Lehrerschaft der Klasse desavouieren.
Das ist ganz unmöglich. Irgendwie substantiieren müssen wir die
Sache schon. Aber es muß ein Grund dafür vorhanden sein, daß die
ganze Klasse der Ansicht ist, sie kommt nicht weiter, wenn diese
Jungen darin sind.
X: Die Störung liegt außerhalb des Unterrichts. Sie haben mit aller Kraft die
Schularbeit unterminiert.
Dr. Steiner: Wir müssen doch eine Art Protokoll aus der heutigen
Verhandlung haben, in der wir dies substantiieren. Wir müssen das
formulieren. Wir müssen wissen, was außerhalb der Lehrstunden
geschehen ist.
Mehrere Lehrer berichten und machen Vorschläge für die Formulierung des
Ausschließungsgrundes.
Dr. Steiner: Abgesehen davon, daß man darüber diskutiert, ob wir
uns die Usancen anderer Schulen aneignen dürfen, würde er trotz-
dem an keiner Schule ohne weiteres ausgeschlossen als erster Akt.
An jeder Schule würde er eine Verwarnung kriegen. Unter Umstän-
den würde die Verwarnung ein zweites Mal geschehen. Da wir ihm
keine Verwarnung haben angedeihen lassen, sondern als ersten Akt
den Ausschluß vollziehen, so würden wir nicht so verfahren, wie auf
einer anderen Schule.
Mehrere Lehrer: G. S. sei verwarnt worden. An der staatlichen Schule würde er
sofort ausgeschlossen werden bei einer so schweren Gefährdung der Disziplin.
Dr. Steiner: Man tut es doch gewöhnlich nicht.
X.: Es ist überall die Übung.
Dr. Steiner: Aber es wird sehr schwer werden, alle drei unter diese
Fälle zu registrieren.
X.: Die Klasse will aber mit ihnen nicht mehr zusammenarbeiten.
Dr. Steiner: Das ist dasjenige, was also eben eigentlich der reale
Grund ist, daß die Klasse nicht mehr zusammenarbeiten will. Das ist
der reale Grund. Mit Ausnahme der J. W., die würde wieder zusam-
menarbeiten. Die gesteht auch, daß sie durch sie gestört worden ist,
und sie würde doch mit ihnen zusammenarbeiten. Sie hat gesagt, daß
die anderen ebenso die Schuld haben, daß die so geworden sind. Ich
kann schon nicht anders, als den Glauben haben, daß der Stachel
zurückbleibt, daß die Schüler, wenigstens die J. W., glauben wird, sie
sind von den Lehrern nicht richtig behandelt worden. Es fragt sich
nur, ob wir das in dieser Weise tun können, daß wir einfach das als
Ausschließungsgrund offiziell figurieren lassen, daß die ganze Klasse
mit ihnen nicht weiter zusammenarbeiten will, mit Ausnahme einer
einzigen.
X.: Die Schülerinnen der 11. Klasse haben um Schutz gebeten vor diesen
Schülern wegen ihres unanständigen Benehmens.
Dr. Steiner: Es scheint, daß, wenn der Rest der Klasse nun wirklich
entsprechend behandelt wird, nicht wieder so etwas vorkommt.
Es ist wirklich so, daß wir da fast mit offenen Augen dem verderb-
lichen Element entgegengehen müssen, daß man uns sagen wird, wir
schmeißen die Schüler heraus, ohne daß wir sie verwarnen, ohne daß
sie mit einem krummen Wort belegt werden. Der Fall S. wird uns
gerade aus diesem Grund Schwierigkeiten machen, weil wir ihn ganz
ohne Suspendierung herausgeworfen haben. Es ist doch nichts wei-
ter erfolgt im Fall S.
X..' Y. und ich sind bei den Eltern gewesen. Darauf schrieb die Mutter einen
Brief.
Dr. Steiner (liest den Brief vor): Nun ja, da kommt eben das. Glau-
ben Sie ja nicht, Herr N., daß ich Ihnen etwas am Zeug flicken will.
An jenem Vormittag, wo die Ausschließung war, da haben die
Schüler um acht Uhr verlangt, daß sie mit den Lehrern reden sollen.
Dann hat sich das bis elf Uhr verzögert, und nachher kam es zu einem
Gespräch mit Ihnen. Da haben Sie gesagt zu den Schülern, sie wollen
mit ihnen nicht als Lehrer sprechen, sondern als Mensch zu Mensch.
Das ist eine absolute Unmöglichkeit. Sie machen sie größenwahn-
sinnig. Die Schüler müssen das Gefühl haben, daß sie bei jeder Gele-
genheit zu hören kriegen, man hat mit ihnen als Lehrer zu reden.
Wenn Sie sich gleichstellen mit den Schülern, dann werden Sie nichts
anderes als Rangen heranziehen, die Ihnen über den Kopf wachsen.
Man wird bald ihr Stiefelputzer, wenn man das extra betont. Man
sagt es nicht.
gegen die Lehrerschaft war so, daß ihnen die Lehrerschaft keinen
Unterricht mehr geben kann. Anders geht es nicht. Wie sollen wir es
anders motivieren ? Es bleibt doch nichts anderes übrig.
X.: Kann man es nicht motivieren mit den Dingen, die sie außerhalb gemacht
haben?
Dr. Steiner: Selbst der Junge, der U. A., derja ein dummer Jungeist,
der erklärt hier im Protokoll, und ich habe heute gesehen, daß es
die Auffassung ist: über die Privatverhältnisse von H. B. will er sich
nicht auslassen. Gegen dieses Urteil kommen wir nicht auf, weil der
größte Teil der hier protokollierten Dinge in die Ferien fällt. Und
jeder Mensch wird uns sagen: Habt ihr gewußt, daß die Jungen das
gemacht haben, so stand es euch frei, die Jungen nicht hineinzuneh-
men.
Es werden von mehreren Lehrern Formulierungen vorgeschlagen für die
Begründung des Ausschlusses.
Dr. Steiner: Die Formulierung bei den drei Jungen ist einwandfrei.
Man müßte auch bei ihr eine Formulierung finden, die uns niemand
vorwerfen kann. Man darf keine Charakteristik unterschieben.
Wir werden sagen können, daß Aussagen, die von ihr über die Schule
und die Lehrerschaft gemacht worden sind, es unvereinbar erschei-
nen lassen, sie weiter zu unterrichten. Es fragt sich, ob man das Wort
Verleumdung hineinbringen soll. Ich habe nichts dagegen. ,,S. H. hat
Aussagen über Schule und Lehrerschaft getan, die es unmöglich
machen, sie weiterhin als Schülerin zu behalten. Diese Aussagen sind
nicht nur objektiv konstatiert, sondern von ihr selbst eingestanden
worden."
X.: Es steht doch nicht darin, daß die Aussagen unwahr sind.
X.: Kein Mensch wird glauben, daß sie wahre Aussagen macht.
Dr. Steiner: Sie kann dann sagen, die Schule habe ihr einen Schimpf
angetan. Ich wollte bloß eine Formulierung haben, die nicht die
Worte enthält, durch die man sie eine Lügnerin schimpft.
Ob Sie sagen „unzutreffend" oder „erstunken und erlogen", das ist
ganz gleich. Wenn man herumkommen will, so kann man dies nicht
hineinfügen. Ich widersetze mich nicht; wenn Sie es hineinfügen
wollen, so tun Sie es. Für mich ist es dadurch gegeben, daß die Schule
sich berechtigt fühlt, sie herauszuschmeißen. Denn wenn sie wahre
Aussagen gemacht hätte, würde sie sich nicht berechtigt fühlen, her-
auszuschmeißen.
Sagen Sie halt, sie hat „in grundloser Weise Aussagen getan", mir ist
alles ganz einerlei. Wenn ich sage, der Moritz hat solche Aussagen
über mich gemacht, daß ich ihm die Freundschaft kündige, so wird
kein Mensch glauben, daß er gesagt hat, ich bin der edelste Mann der
Welt. Wenn ich sage, daß ich ihm die Freundschaft kündige, so liegt
darin ausgedrückt, daß er mich etwas anderes als einen Edelmen-
schen heißt.
Es wird gefragt, ob man den ausgeschlossenen Schülern ein Zeugnis geben
soll?
Dr. Steiner: Das Zeugnis brauchen wir nur auszustellen, wenn sie es
verlangen. Wenn man ihnen ein Zeugnis gibt, dann muß die Bemer-
kung darin sein, daß sie auf disziplinarischem Wege ausgeschlossen
sind. Zeugnisse sind etwas, was nur auf Verlangen ausgefolgt werden
muß. Ich habe es immer erlebt, zum Beispiel an den Universitäten,
wo Kolloquien gehalten werden, da werden Zeugnisse nur gegeben,
wenn man nicht durchgerasselt ist. Ich habe einmal erlebt, daß der
Student ein solches Zeugnis verlangt hat, um einen Examinator zu
ärgern. — Wir können das schreiben in der Mitteilung an die Eltern,
daß wir ihnen ein Zeugnis ausstellen, wenn es verlangt wird. Auch bei
G. S. muß stehen, daß er durch sein Verhalten gezeigt hat, daß es der
Lehrerschaft unmöglich ist, ihn weiter in der Schule zu belassen.
Aber wir müssen wirklich in der Zukunft etwas vorsichtiger sein.
X. fragt, ob man dies den Schülern der oberen drei Klassen in feierlicher Form
mitteilen soll.
Dr. Steiner: Was würden Sie unter dieser feierlichen Form ver-
stehen?
X,; Man nimmt sie eben in den Eurythmiesaal zusammen und teilt ihnen das
mit.
Dr. Steiner: Wollen wir es doch dabei lassen, daß es ihnen von ihrem
jeweiligen Klassenlehrer mitgeteilt wird. Nur der Fall, der die Klasse
angeht.
X.: . . .
Dr. Steiner: Sind alle da? Ja, wir sind heute zusammengekommen,
weil wir verschiedenes besprechen müssen. Dann auch, weil Herr S.
gemeint hat, er müsse im Anschluß an die Vorgänge der letzten
Konferenz noch etwas vorbringen, und nun weiß ich nicht, ob wir
das zuerst tun sollen.
X.: Wie soll den Eltern der Ausgeschlossenen gegenüber gehandelt werden?
Wir dachten, die Notiz des Ausschlusses soll nicht im Zeugnis stehen.
Dr. Steiner: Ganz Stuttgart redet über die Schule, und dann werden
diese Gerüchte gipfeln in dem, daß das Lehrerkollegium nicht den
Mut hat, dasjenige, was es getan hat, zu vertreten.
Wenn irgendwo in einer Schule so etwas vorkommt, so ist es nicht
eine Affäre wie hier. Es wird geredet davon, ob dies oder jenes dem
entspricht, was sonst in den Schulen üblich ist, während die Sache
etwas ist, was unter Umständen die ganze Waldorfschule in Miß-
kredit bringen kann, wenn es ausgenützt wird. Sie reden so, als ob es
Ihnen unbekannt wäre, daß es einen Herrn von Gleich gibt. Wenn in
irgendeiner Schule jemand ausgeschlossen wird, so kümmert sich
keine Katze darum. Dasjenige, was ich fürchte, ist das: wenn sich
jetzt keine Einsicht bildet, wenn man es so behandelt, dann haben
wir nächstens wiederum einen solchen Fall.
Ich habe nicht gesagt, er muß hinaus, sondern es kann ja sein, daß
man ihn wird ausschließen müssen. Das ganze Suspendieren hatte
Dr. Steiner: Ich habe den Konditional gesagt: wenn der G. S. wirk-
lich Injektionen gegeben hat, so wird es wohl notwendig sein, daß
man ihn hinauswirft. Hinterher haben Sie erst untersucht.
X..1 Die Sache mit den Injektionen war ja völlig klar.
Dr. Steiner: Es ist klar, daß die Jungen gespielt haben. Kein Mensch
weiß, was er eingeimpft hat. Eine Spielerei lag vor. Die ganze Suspen-
sion war dazu da, daß erst die Angelegenheit nach meiner Ankunft
untersucht werden sollte. Die Sache ist die, daß der Fall G. S. nur mit
den anderen zusammen diese Unannehmlichkeit hervorrufen wird.
Für die Sachen, die eine Schwierigkeit werden für die Schule, liegt
das vor, daß die anderen entfernt werden mußten. Die Schwierigkeit
liegt in dem ganzen Fall.
X. bittet Herrn Dr. Steiner, etwas über den verlorenen Kontakt mit den
Schülern zu sagen.
Dr. Steiner: Der Kontakt der Lehrerschaft mit den Schülern der
höheren Klassen ging verloren. Das ist nicht etwas, was neu aufgetre-
ten ist. Das ging ganz deutlich daraus hervor, daß die Schüler der
höchsten Klasse eine Besprechung mit mir forderten. Dies Faktum
allein sprach ganz deutlich vom Verlieren des Kontaktes mit den
Schülern. Das ist das Urphänomen der Sache. Sobald ein solcher
Kontakt wirklich vorhanden ist, werden die Dinge nicht mehr vor-
kommen, die vorgekommen sind.
Wie sollte man durchs Telephon in einer solchen Sache eine Ent-
scheidung herbeiführen, da man die Sache nicht anschauen konnte!
In dem Stadium, in dem die Sache war, als Herr S. die Protokolle
brachte, die Dinge enthielten, die niemals hätten gesprochen werden
dürfen, lag vor ein richtiger Konflikt zwischen Lehrerschaft und
Schülerschaft, so daß für mich nichts anderes zu entscheiden war, da
man nicht so weit gehen konnte, die Schüler als Lehrer einzusetzen.
Etwas Bedrückendes war für mich der Bericht des Schulrats. Ich habe
aus dem, was Sie mitgeteilt haben, die Meinung gehabt, daß er
unwohlwollend abgefaßt sei. Wohlwollend ist der Bericht! Ich muß
gestehen, daß ich alles notwendig fand, was er hineingeschrieben hat,
zum Beispiel, daß nicht darauf geschaut wird, daß die Schüler fort-
während voneinander abschreiben. Die Dinge sind wahr, die darin
stehen, das ist das Bittere. Sie haben die Vorstellung erweckt, als ob
er das ganz unwohlwollend gemacht hätte. Es ist eigentlich abgefaßt
so, daß man sieht, der will gar nicht der Schule auf den Leib. Natür-
lich kommt es heraus, daß er so spricht, wenn wir die Kinder total
ruinieren. Dann natürlich werden wir die Folgen haben, daß das-
jenige, was im Prinzip gut ist, dadurch schlecht gemacht wird, daß es
schlecht angewendet wird. Das Gute muß gut angewendet werden.
Was wir brauchen, das ist ein gewisser Enthusiasmus, eine gewisse
innere Betätigung. Die ist nach und nach geschwunden. Eine Reg-
samkeit haben nur noch die unteren Klassen: furchtbarer Spek-
takel! Die nicht regsame Art des Unterrichtes, die Gleichgültigkeit,
mit der der Unterricht erteilt wird, daß keine Impulsivität darin ist,
das muß verschwinden. Einzelne Sachen sind ausgezeichnet, den
einzelnen habe ich es schon gesagt. An einzelnen Stellen ist da ein
absolutes Abraspeln desjenigen, was sein muß. Wir brauchen Leben
in den Klassen, richtiges Leben, so kommen die Dinge zusammen.
Man muß wirklich mit einer Sache gehen können und einverstanden
sein können, wenn man sie öffentlich vertreten will. Diese Möglich-
keit ist mir ganz benommen. Vielfach herrscht das Prinzip, als ob
man nicht mehr vorbereitet in die Klasse hineinzugehen brauchte.
Ich will das gar nicht als eine Sache sagen, die man sonst tut. Ich muß
es sagen, weil man nicht verstehen will, was ich seit Jahren sage, daß
durch das System von Stuttgart die anthroposophische Bewegung
kaputt gemacht wird, indem nicht hineinzubringen ist, daß man sich
kümmert um das, was der Inhalt der Bewegung ist. Die Waldorf-
lehrerschaft hat es vollständig außer acht gelassen, irgendeinen Kon-
takt zu suchen. Nun wird auch kein Zusammenhang gesucht mit den
Lehrern, und wenn man fragt, dann heißt es, die wollten uns nicht
haben. — Nicht wahr, das ist die stärkste Kritik. Eine bittere Pille!
Jede einzelne Körperschaft müßte doch das Gefühl haben, daß sie
der Gesellschaft angehört. Das ist doch gar nicht mehr vorhanden,
dieses Gefühl. Ich muß immer wiederum darauf aufmerksam
machen, wir haben die Bewegung gehabt, und solange nicht Dinge
begründet worden sind, und zwar Dinge, wo diejenigen, welche sie
begründet haben, nach einiger Zeit die Lust verloren haben, solange
ist die Bewegung gegangen. Aber nicht wahr, hier in Stuttgart sind
Dinge begründet worden, zu welchen dann die Leute die Lust ver-
loren hatten. Dadurch ist das System Stuttgart entstanden. Eine jede
Clique geht den eigenen Weg. Nun soll die Waldorfschule auch den-
selben Charakter annehmen, daß sie das Bewußtsein verliert, in was
sie darinnensteht.
Deshalb muß ich sagen: daß dieser Fall nicht gut ausgeht, das ist
selbstverständlich. Aber wenn man eine Garantie dafür haben
könnte, daß die Meinung sich wieder bildet, man muß im Sinne des
Waldorfschulprinzips handeln, wenn dafür eine Garantie vorhan-
den wäre! Diese Garantie bildet sich nicht. Denken Sie, es kommen
jetzt eine Menge Leute, die wollen hospitieren in der Waldorfschule.
Ich sitze immer wie auf Nadeln, wenn jemand kommt und will hospi-
tieren. Man kann schon da, wenn man draußen nachgedacht hat,
manche Entdeckung machen. Gewiß, ich weiß alles, wieviel schwerer
es ist, wenn solche Klassen zusammengestellt sind. Auf der anderen
Seite vermisse ich das Feuer, das darin sein müßte. Es ist nicht Feuer
darin, sondern Gleichgültigkeit. Es ist eine gewisse Bequemlichkeit
darin. Da können wir nicht sagen, daß irgendwie dasjenige, was
intendiert war, zum Ausdruck kommt.
X.: . . . ich will hinaus . . .
Dr. Steiner: Ich will keine Rankünen hervorrufen. Es handelt sich
doch nicht darum. Wenn ich meinen würde, daß die Sache nicht
anders gehen könnte, dann würde man anders reden müssen. Ich rede
immer unter der Voraussetzung, daß das Kollegium zusammen-
gesetzt ist aus Leuten, welche die Fähigkeit haben. Ich bin davon
durchdrungen, daß es an dem System hier liegt, daß aber die Leute
mit verstopften Ohren und zugemachten Augen wirken, daß die
Leute schlafen. Ich habe keinem Lehrer den Vorwurf gemacht. Es
reißt aber ein Schlendrian ein. Es ist kein Fleiß vorhanden. Fleiß
könnte man ändern. Es ist kein Fleiß vorhanden.
X.: Ich möchte bitten, daß Herr Doktor sagt, was da versäumt worden ist.
Dr. Steiner: Diese Art, eine Sache in ein fremdes Schema hinein-
zuzwängen, das mechanisiert ist, daß der Mechanismus gar nichts
damit zu tun hat, das ist eine Spielerei gegenüber dem inneren Gang
der Sache; diese Art, spielerisch allerlei zusammenzuschreiben, wenn
das, was man als Bild gibt, kein Bild ist, sondern bloß eine Methode,
die Schüler durch ein paar Stunden zu beschäftigen. Ich finde es im
höchsten Maße unmöglich, ein äußeres mechanisches Schema für die
anwenden. Ich wende mich gegen das Nichtwollen und nicht gegen
das Nichtkönnen,
(Zu einem zweiten Lehrer:) Sie brauchen nur sich im einzelnen zu
runden, damit etwas vom dozierenden Ton herauskommt.
(Zu einem dritten:) Ihnen habe ich aber wirklich genug gesagt.
X. bittet um mehr Stunden für Französisch und Englisch, da zwei Stunden
nicht genügen in der 11. Klasse.
Dr. Steiner: Diese Dinge werden nur dann gehen, wenn wir die Sache
so ausbilden, daß wir einfach die Kinder entscheiden lassen, nach
welcher Richtung sie sich ausbilden wollen. Es läßt sich nicht die
Stundenzahl vermehren. Die Stundenzahl hat ein Höchstmaß
erreicht, sowohl für Lehrer wie für Kinder. Die Kinder haben auch
dadurch keine Konzentration. Es wäre notwendig, daß wir die Kin-
der sich entscheiden lassen; also diejenigen, die Abiturientenexamen
machen wollen für das Gymnasium, auf die müßten wir dasjenige
beschränken, was der Latein- und Griechischunterricht ist. Dann
müßten sie andere Sachen weglassen. Wir müßten für diese die neue-
ren Sprachen einschränken und müßten dem Latein- und Griechisch-
unterricht eine größere Entfaltungsmöglichkeit geben.
X..1 Ich bekomme die Kinder für den lateinischen und griechischen Unterricht
nach Handwerk, Eurythmie und Gesang und kann die Kinder nicht tragen,
wenn sie zerrissen zu mir kommen.
Dr. Steiner: Das mag schon sein. So, wie es jetzt ist, daß man die
Kinder an allem teilnehmen lassen will, so wird es nicht gehen.
X.: Die Scheidung zwischen Humanisten und Realisten ist notwendig. Ist es
vielleicht möglich, die dritte Stunde vom Hauptunterricht abzuknipsen?
Dr. Steiner: Vom Hauptunterricht? Das hat seine Schwierigkeiten.
Man kann nicht sagen, daß der Hauptunterricht überflüssig schnell
vorwärts kommt.
X. wollte eine ähnliche Bitte stellen für den Sprachunterricht der 10. Klasse.
Dr. Steiner: Es ist wirklich sehr schwer, sich auf das Vorwärtskom-
men in den Sprachen einzulassen, wenn man auf der anderen Seite
die Dinge, die die Kinder auch haben müssen, nicht bezwingt. Es ist
viel zu wenig gemacht worden in den letzten Jahren auch in diesem
Sachunterricht.
X.: Wenn Handwerk kommt, habe ich keine Lateinstunde.
Dr. Steiner: Es ist dies Sache des Stundenplans. Es müßte der Stun-
denplan in der Konferenz festgelegt werden. Sie haben mir den
Stundenplan aufgeschrieben. Ich werde ihn durcharbeiten, um zu
sehen, ob ich rein stundenplanmäßig selbst etwas ausarbeiten kann.
Andererseits bebe ich zurück, wenn ich sehe, daß die Kinder auch so
wenig können. Es ist kein aktives Können in den Kindern, auch in
den sachlichen Dingen. Die Kinder können so wenig von der
Geschichte. Im allgemeinen ist es doch so, daß die Kinder wenig
wissen und wenig können. Es beruht darauf, daß nach und nach eine
gewisse Gleichgültigkeit eingerissen ist, daß nicht das nötige Dabei-
sein da ist. In der 8b, da ist es fraglos. Sie brauchen nur fünf Minuten
da sein, dann sehen Sie, daß die Kinder rechnen können. Es liegt an
dem Dabeisein des Lehrers bei der Sache. Es ist auffällig, wie gut die
Kinder rechnen konnten in der 8b. Das, was sie können, sieht man
nicht an der Lösung der Beispiele, das besagt nicht viel, man sieht,
daß sie überhaupt beschlagen waren im Ausführen der Rechnungs-
methoden. Daß man das kann, das beweist der einzelne Fall, und im
Rechnen geht es sonst fast überall schlecht.
(Zu einer Klassenlehrerin:) Die Kinder haben ziemlich viel gewußt.
Sie müssen es nicht den Kindern überlassen, wenn sie etwas sagen
wollen. Dadurch kommen diejenigen, welche faul sind, nicht dazu.
Man muß darauf aus sein, muß sich den Kindern so widmen, daß
keiner ungeschoren bleibt. Die gesprochen haben, haben viel
gewußt. Der Geschichtsunterricht ging ganz gut.
Es wird gefragt, ob man nicht Abende außerhalb der Schulzeit einführen
könnte, wo die Lehrer untereinander und auch die Schüler sich treffen. Wo
die Schüler, die nirgends sonst sein können, die Abende nützlich verbringen.
Dr. Steiner: Sicherlich würde das gut sein. Es kommt darauf an, wie
die Lehrer sich dabei verhalten. Es darf nicht zu dem führen, was
damals hervortrat, daß ein Vorsitzender aus der Schülerschaft
gewählt wird.
X.: Ich dachte an Vorträge, Musik und dergleichen, ohne Aussprache.
Dr. Steiner: Es kann sehr gut wirken. Es kann wiederum mißliche
Verhältnisse hervorrufen.
X. möchte je eine Stunde mehr haben für die alten Sprachen.
Dr. Steiner: Die Stunden kann man nicht vermehren.
Mehrere Lehrer wegen Stundenplan und Stundenvermehrung.
Dr. Steiner: Die Kraft für die neueren Sprachen, von der reden wir
schon lange. Nicht wahr, man könnte ja Tittmann berufen. Aber ich
wage es nicht, weil nach jeder Richtung gespart werden muß. Den-
ken Sie, wenn wir gar kein Geld haben für die Waldorf schule, wovon
sollen wir es hernehmen ? Mir wäre es am liebsten, wenn das Lehrer-
kollegium verdoppelt würde, aber es geht nicht.
Das ist eigentlich etwas, was nicht direkt mit den Schwierigkeiten
zusammenhängt. Die meisten Dinge sind mehr in der Gesinnung
begründet, in dem Willen. Es müßte zum Beispiel tatsächlich das
aufhören, daß man ganz scheußliche, schundige Schulbücherlitera-
tur für den Unterricht verwendet.
Die Frage des Unterrichtsplans wollen wir besprechen, wenn ich
zurückkomme. Da bitte ich schon, bis Ende Oktober die Sache
durchzuführen wie es ist. Ich hoffe, daß wir da Ende Oktober zu ganz
radikalen Maßnahmen schreiten werden. Nur fürchte ich, daß es
nicht durchgeführt werden kann.
Es wird gefragt wegen einer Erklärung betreffend die ausgewiesenen Schüler,
die in der Zeitschrift „Anthroposophie" und in Tageszeitungen erscheinen
sollte. Es wurden in der Öffentlichkeit in dieser Sache nicht nur entstellte,
sondern völlig erfundene Dinge berichtet und als Tatsachen herumgeboten.
Dr. Steiner: Diese Erklärung würde eine Erklärung gegenüber der
Öffentlichkeit sein. Es ist wirklich so, daß es durch ganz Stuttgart
geht. Es ist verlorene Zeit, die Behörden aufzuklären, aber die
Öffentlichkeit darf nicht wiederum Unaufgeklärtem ausgesetzt sein.
Es wäre doch notwendig, daß gesagt würde, man mag über die
Gründe denken wie man will, aber man tritt gewissen Gerüchten
entgegen mit aller Energie und weist sie zurück dadurch, daß man sie
als eine wirkliche Unwahrheit erklärt.
Es darf nicht vergessen werden, daß es sich nicht handelt um eine
Schulsache, sondern um eine Sache der anthroposophischen Bewe-
gung. Nicht der Gesellschaft, denn die Gesellschaft schläft ja. Es
müßte doch irgendwie eine Erklärung ausgehen. Das war doch das
allererste, daß es ohne das überhaupt nicht abgeht. Wenn wir über-
haupt so etwas tun, so müssen wir das vor aller Öffentlichkeit recht-
fertigen. Sonst wird es so etwas wie ein Nagel am Sarg der Bewegung.
Ohne daß man eine Sache macht daraus; im Sinne einer Verteidigung
dürfen wir das gar nicht behandeln. Deshalb war ich erschrocken, als
Sie mir nach Dornach das Protokoll brachten, weil ich es schmählich
fand, über Dumme-Jungenstreiche Gerichtsverhandlungen mit ein-
zelnen Schülern anzustellen.
X.: Wäre es möglich, den Wortlaut jetzt festzustellen?
Dr. Steiner: Wir müssen uns fest darauf stützen, daß er nicht aus
der 3., sondern aus der 2. Klasse ausgetreten ist. Dann müssen wir
Dr. Steiner: Es ist vielleicht nur bei denen der Fall gewesen, die ich
gesehen habe.
Es wird gefragt wegen eines auswärtigen Schülers, der bei feuchter Witterung
nicht zur Schule kommen kann.
Dr. Steiner: Man kann dem Vater eine bindende Auskunft geben.
Man sagt ihm, wenn das Kind in Stuttgart wohnt, soweit man über-
haupt eine Verantwortung übernehmen kann, kann man es auf sich
nehmen. Aber wenn der Junge eine Fahrt macht, so ist für den
Jungen das Ausgesetztsein an feuchte Witterung etwas, was- man
kaum verantworten kann, ob der Junge in gesunder Weise mit-
kommt. Man muß dem Vater sagen, wir wissen schon, wie es sich mit
dem Jungen verhält. Wir können nicht anders entscheiden, als, wenn
er den Jungen nicht hineingeben will nach Stuttgart, so soll er ihn aus
der Schule herausnehmen. Die Verantwortung müssen wir über-
nehmen.
X.: Schüler in den oberen Klassen nehmen Stellen an.
Dr. Steiner: Was geht es uns an, wenn es ein ordentlicher Schüler ist?
X. erwähnt den Brief wegen eines Besuches englischer Lehrer.
Dr. Steiner: Man wird sie ja schon uns besuchen lassen müssen. Aber
ich möchte wirklich, daß bis dahin eine andere Atmosphäre in der
Schule ist. — Man muß sie in den Klassen verteilen.
X. fragt wegen der Behandlung der Farben im Kunstunterricht.
Dr. Steiner: Können Sie nicht einmal das machen, daß Sie das aus-
führen, was ich gestern den Knaben und Mädchen gesagt habe? Was
ich heute gesagt habe, das war zeitgeschichtlich. Das, was ich direkt
über Farbenbehandlung gesagt habe, müßte der Gegenstand vieler
Stunden werden. Vielleicht kann es Fräulein Waller aus Dornach
besorgen, was ich angegeben habe. Ich meine, direkt übergehen in
praktische Behandlung von Farben, das müßte man mit dieser Klasse
machen, so daß sie sich bewußt werden desjenigen, was sie in den
unteren Klassen tun. Sie müßten sich dessen bewußt werden. Dann
natürlich müßte gerade in unterrichtlicher Beziehung nach den
mannigfaltigen Dingen dasjenige sehr viel ausgebildet werden, was
Sie angefangen haben in ihren Entsprechungen, daß Sie das auch
zeichnen lassen. Ich meine nicht bloß Kurven; Sie können es auch für
Farben machen. Sie können zum Beispiel, ebenso wie Sie es in den
Kurven tun, kontrastieren einen runden begrenzten blauen Fleck
und einen ausschweifenden gelben Fleck. Sie dürfen das nicht zu
früh machen. In den unteren Klassen müßten die Farben ganz nur in
der Anschauung leben.
Dann kann man von da übergehen zur vergleichenden Anatomie.
Man kann die vorderen und hinteren Extremitäten kontrastieren.
Man kann kontrastieren die Wahrnehmungs-, die Fühlfähigkeit
gewisser Tiere mit dem Schwanzwedeln des Hundes vor Freude.
Darin steckt dasselbe Problem. Da kommt man ins Leben hinein,
da kommt man in Realitäten hinein. Diese Dinge müßten in alle
Unterrichtszweige hineingebracht werden. Es ist bei manchen Kin-
dern wie Pech in ihrem Hirn, sie können nicht denken. Man muß
solche Dinge mit innerem Anteil treiben, so daß man dabei ist. Und
auch aus dem Turnunterricht können Sie viel lernen.
Es ist so, daß die Buben gestern recht ungeschickt waren. Ich meine
naturgemäß ungeschickt, und daß der Turnunterricht es recht
schwer haben wird. Eine zweite Turnlehrkraft müssen wir haben.
Turnstunden können Sie höchstens vierzehn geben. Wenn wir acht-
zehn Stunden kriegen, müßten wir eine zweite Turnlehrkraft haben.
Der Turnunterricht ist insbesondere für Knaben, wenn er nicht in der
pedantischen Weise getrieben wird, wie das sonst gemacht wird,
sondern tatasächlich darauf hinausläuft, eine körperbildende Kraft
zu haben, ist er neben dem Eurythmieunterricht sehr gut.
Der Turnlehrer: Ich greife hinunter bis zur 6. Klasse.
Dr. Steiner: Nun müssen wir natürlich noch weiter hinuntergehen.
Ich würde es gar nicht für schlimm finden, wenn Herr Wolffhügel
etwas dafür sorgt, daß unsere Klassen nicht so schmucklos sind,
sondern etwas künstlerischen Inhalt hätten. Amusisch wirkt noch
unsere Schule.
X.: Bei mir in der 7. Klasse ist der B. B. Können Sie mir einen Rat geben?
muß man auf das schnelle Fassen meistens überhaupt verzichten. Sie
fassen langsam, aber wenn man sehr häufig auf solche Sachen zurück-
kommt, geht es; sie lieben es sehr, wenn wiederholt wird. Das ist
vielleicht das ganze, was bei ihm zu beobachten ist.
X.: Er ist ein raffinierter Schwindler; das Lügen fällt ihm leicht.
Dr. Steiner: Er ist schwach von Begriff. Ein Schwindler? Das ist
nicht wahr. Er macht diese Dinge, die vielfach besprochen worden
sind. Aber all das sind Dinge, die kaum anders zu fassen sind, als daß
man sich um ihn kümmert, und daß er ein bißchen Autoritätsgefühl
entwickelt. Wenn er aber vor irgend jemandem Respekt hat, wie vor
Herrn L., dann geht es. Es kommt darauf an, daß man sich wieder-
holt mit ihm über die Sache unterhält. Frech ist er nicht. Es kommt
wirklich darauf an, daß man sich in Respekt setzt.
X. erzählt ein Vorkommnis.
Dr. Steiner: Es war eine Verwickelung mit dem kuriosen Rechts-
begriff. Er hatte formal unrecht, er hat gefunden, daß der Mann eine
Strafe verdient. Dieser Gedankengang war ihm lange nachgegangen.
Man muß manchmal bei den Kindern solche Sachen herausfinden
und muß gerade über diese Dinge sprechen und sie beruhigen. Frißt
das als Unruhe in ihnen fort, so wird es schlimm, und das wird es
auch bei all diesen Buben. Es wird schlimm, wenn die Kinder die
Meinung haben, der Lehrer durchschaut nicht das Richtige. In dieser
Beziehung dürfen wir nicht gleichgültig sein; wir müssen uns darum
bekümmern, daß die Kinder nicht glauben, man fällt über sie ein
ungerechtes Urteil. Wenn sie dies glauben, dann dürfen wir uns nicht
verwundern, wenn sie frech werden.
X. fragt wegen des Sprachunterrichtes in der 7. und 8. Klasse. Ein Drittel
gehört zu den Anfängern, zwei Drittel zu den Besseren. Könnte man nicht die
Anfänger extra nehmen und die Fortgeschrittenen für sich?
Dr. Steiner: Die Misere ist diese, daß man nicht die Kinder mit
gleichen Stufen zusammen tut. Ist es denn ganz unmöglich, die
Kinder so zu gruppieren? Da muß man die, die in der 5. Klasse
sind, hinuntersetzen. Wir haben es nach und nach dahin gebracht,
daß wir klassenweise den Sprachunterricht erteilen. Das ist eine
furchtbare Verschwendung unserer Kraft. Ob das nun gar nicht
gehen sollte, daß wir ihn in Gruppen erteilen und nicht Klasse für
Klasse?
X.: Das kollidiert mit der Zeit.
Dr. Steiner: Bei diesen Dingen bedaure ich immer noch, daß ich
nicht noch mehr daran teilnehmen kann. Ich kann nicht glauben,
daß es nicht ginge. Ich glaube doch, daß es ginge, wenn man einfach
die Schüler nach ihrer Befähigung zusammenstellt, daß man da Grup-
pen herausbekäme, und trotzdem mit dem Stundenplan zurecht-
käme. Mit gutem Willen müßte etwas zu machen sein.
X.: Mit der 7. und 8. ginge es.
Dr. Steiner: Ich glaube, daß man mit derselben Stundenzahl aus-
kommen könnte. Ich kann mir nicht vorstellen, daß es nicht durch-
führbar wäre, daß man für die Sprachstunden gewisse Stunden der
Woche hat, in die die Sprachstunden fallen. Dann läßt es sich durch-
führen.
X.: Der konfessionelle Unterricht ist im Weg.
Dr. Steiner: Vielleicht wird es doch sich machen lassen, daß der
Sprachunterricht auf ganz bestimmt fixierte Stunden in der Woche
fällt.
X. fragt, ob Herr Doktor den W. A. in der 7. Klasse angesehen habe.
Dr Steiner: Nicht wahr, Gott, er ist ein Bub, der aufgestachelt wird
von allem möglichen. Er ist besser geworden, und dann, nicht wahr,
wenn man ihn veranlaßt, auch manchmal gute Dinge zu sagen, so
wird er an ihnen Gefallen finden. Er findet an den Sachen Gefallen.
Es wäre doch gut, wenn Sie ihm ernsthafte Sachen mitteilten, die er
öfter abschreiben muß. Heileurythmie würde nicht viel helfen. Er
muß sehr seriöse Sachen üben.
X.: Was haben Sie sonst auszustellen bei meiner Klasse?
Dr. Steiner: Im ganzen muß die Klasse noch mehr dabeisein beider
Sache. Sie sind nicht drinnen im Stoff. Es sind, ja nun, nicht wahr,
etwa dreizehnjährige Jungens und Mädchen. Nun ja, ich glaube
natürlich, daß eine gewisse Belebung des Rechenunterrichtes sehr
viel beitragen könnte zum Aufgewecktersein. Sie sind nicht auf-
geweckt, die Kinder. Ich glaube, daß die Kinder keine richtige Vor-
stellung haben, was Potenzen und Exponenten sind. Machen Sie
besondere Sachen, um zu erklären, warum man von Potenzen
spricht?
X..' Ich bin vom Wachsenlassen ausgegangen.
Dr. Steiner: Ich meine, so etwas Novellistisches sollte man hinein-
Dr. Steiner: Dann müßten wir doch die Kunst erfinden, das Jahr zu
975 Tagen zu machen. Ich war in der letzten Zeit immer irgendwo.
Seit November 1921 war ich fast immer irgendwo. Nicht nirgends.
Also ich kann nicht mehr hier sein. Alle Dinge würden besser gehen,
wenn nicht dieses System zu sehr einrisse. Da hätte sich die anthro-
posophische Bewegung nicht ausdehnen dürfen über den Status von
1914. So ist es nicht richtig, so zu denken. Ganz genau dasselbe sagt
das Ärztekollegium. Herr K. aus Hamburg, der fand es auch nötig,
daß ich nach Hamburg führe. Aber ich würde diese Frage erst für
diskussionsfähig halten, wenn ich sehen würde, daß alle die Dinge,
die da sind, verarbeitet werden. Der pädagogische Kurs, der gehalten
worden ist, der enthält alles, man braucht ihn nur zu verarbeiten. Ich
würde auch beim Ärztekollegium niemals so schreckliche Sachen
sagen, wenn ich sehen würde, daß es verarbeitet würde. Die Dinge
werden links liegen gelassen. Es ist so, als ob ich niemals einen Semi-
narkurs hier gehalten hätte.
X. spricht über die Schwierigkeiten durch die schlechten Wohnungsverhält-
nisse.
Dr. Steiner: Gewiß hat das eine große Bedeutung. Nur ist auf der
anderen Seite eine Einwendung zu machen, wenn ich anklagen
wollte. Es ändert nicht die Tatsache, daß die Schule so ist. Das ändert
es ja nicht. Ich will nicht anklagen, ich will nur sagen, die Dinge sind
so. Es ist furchtbar schwer. Ich habe so viel gesagt, was im Schlund
sitzt. Es ist herausgeboren aus der Einsicht, daß es anders werden
muß. Nicht wahr, diese Sache, daß zum Beispiel einfach kein Kon-
takt ist hier untereinander, das wird wohl nicht mit der Wohnungs-
frage zusammenhängen. Daß jeder seine Extrawege geht, das hängt
zusammen mit dem, wie die Schule ist. Wenn in Stuttgart das anthro-
posophische Leben ein harmonischeres wäre, dann würde die Schule
auch profitieren. Es ist in der letzten Zeit schlechter geworden.
Moralisch schließt sich jeder in seinen vier Wänden ab, und bald wird
es dahin kommen, daß man sich nicht einmal mehr kennt. Das ist
schlechter geworden im Laufe der Zeit. Was der einzelne tut, muß
fortströmen in den anderen, in den Kräften der Gesellschaft. Freu-
dige Anerkennung und Wertschätzung dessen, was der einzelne
leistet. Der gute Wille fehlt. Die freudige, entgegenkommende
Anerkennung der Leistungen fehlt. Die Leistungen der einzelnen
fallen unter den Tisch. Reden von dem, was anerkannt werden kann.
Das Stuttgarter System: das Nichtanerkennen. Das hemmt die Lei-
stungen. Wenn ich arbeite und es geschieht nichts, bin ich gelähmt.
Negative Urteile haben nur neben positiven eine Berechtigung. Es
besteht eine Sorglosigkeit gegenüber den positiven Leistungen. Man
wird gelähmt, wenn keine Katze sich um die Arbeit kümmert, die
einerleistet.
Das ist in hohem Maße geschehen, daß der Kontakt zwischen Schüler
und Lehrer verlorengegangen ist. Es hat sich jetzt wiederum heraus-
gestellt. Ich habe halt nicht die Garantie, daß sich solche Dinge nicht
unter Umständen wiederholen könnten, wenn dieselbe Sorglosigkeit
weitergeht.
Es wird gefragt wegen eines ständigen Klassenlehrers auch für die Oberklassen.
Dr. Steiner: Die Sache war ja früher nicht anders. Es war eine Zeit, in
der die Schüler hingen an Dr. X. Bis zu einem gewissen Augenblick,
dann hat es aufgehört.
X.: Es hat viel Zersplitterung gegeben dadurch, daß viele krank waren.
Dr. Steiner: Die Katastrophe ist ausgebrochen, gerade als das Weg-
bleiben ausfiel. Im ganzen sind es nicht üble Schüler. Es sind nicht
üble Schüler, die da sind. Ich will es nicht drastisch ausdrücken, es
kommt mir vor, als ob eine gewisse Gleichgültigkeit eingerissen wäre.
Es war diese Gleichgültigkeit gar nicht so stark vorhanden, als die
Lehrer mehr zu tun hatten. Seit der Zeit, seit die Lehrer entlastet
sind, ist eine gewisse Gleichgültigkeit eingetreten.
Es müssen wahrscheinlich Gründe da sein, daß Parteien entstehen. Es
entstehen in Stuttgart — ich sehe, man redet in der Welt von Kausali-
tät, das heißt Ursache und Wirkung; es entsteht in der Welt die
Wirkung aus den Ursachen —, hier in Stuttgart entstehen die Wir-
kungen aus gar keinen Ursachen. Es sind keine Ursachen da. Wenn
man Ursachen haben will, dann gibt es keine. Wenn man jemand
festhalten wollte an den Ursachen, dann will er persönliche Erklä-
rungen geben, aber die Ursachen findet man nicht.
Die Wirkungen sind verheerend. Der Aspekt der Wirkungen hat sich
gezeigt. Hier ist durch das Stuttgarter System eine absolute Wider-
legung des Gesetzes der Kausalität. Die Ursachen sind schon da, aber
sie werden immer abdisputiert. Man wird sich ihrer nicht bewußt.
Man hat immer die Wirkungen, und die Ursachen werden wegdekre-
tiert. Wenn man die 0 mit 5 multipliziert, kommt nichts heraus. Ich
müßte erst wissen, was die 0 für einen Wert hat.
Über den pädagogischen Jugendkurs:
Wenn ich hierhergekommen wäre und hätte hören müssen, ja, diese
jungen Leute laufen uns das Haus ein, die stecken immer da bei uns,
dann würde ich es für einen Zustand gefunden haben, in dem man
hätte zur Mäßigung mahnen können. Ich bin überzeugt davon. Ich
habe bei einer bestimmten Gelegenheit gefragt, warum ist der Y.
nicht hier. Man antwortete mir, wir haben keine Veranlassung, daran
zu denken, daß Y. da sein sollte.
Ich meine es nicht so, als ob ich den allergeringsten Vorwurf machen
würde. Auch wenn wir das weiter diskutieren: es sind keine Ursachen
da. Das ist das Trostlose, daß das Stuttgarter System darin besteht,
daß Wirkungen da sind, die keine Ursachen haben.
Sie werden nicht gern zugeben wollen, daß man die Sache nicht
richtig betrachtet, wenn man sagt: Zu denen haben sie kein Ver-
trauen. Sondern umgekehrt: Warum haben wir es nicht zu dem
Richtigen gebracht, daß sie ein begründeteres Vertrauen gehabt
hätten, als dies ist. Es liegen weitgehende Versäumnisse vor. Es ist die
Frage für uns, wie wir das Vertrauen der Leute gewinnen. Sie haben
einfach nichts gemacht, um es zu einem positiven Zusammenarbei-
ten kommen zu lassen. Die Leute haben keinen Grund gehabt, miß-
trauisch zu sein. Es ist gar nicht bis zu diesem Punkt gekommen, wo
die Frage auch nur für die Gemüter zur Diskussion gestanden wäre.
Die kamen gar nicht vor die Frage. Die jungen Leute bemerkten gar
nicht, daß Sie da sind. Sie bemerkten die Geister am Berge gar nicht.
Wenn mir jemand gesagt hätte, der Y. ist ein verdrehter Zwickel, so
hätte ich eine Ursache. Aber sie sagten: Wir haben gar nicht daran
gedacht.
Es kommt darauf hinaus, nicht daß die jungen Leute kein Vertrauen
haben, sondern daß ihnen keine Gelegenheit gegeben wird, Ver-
trauen zu entwickeln. Die großen Meister auf dem Berge waren ein-
fach gar nicht da. Es haben die Leute nicht gewußt, daß Sie da sind.
Sie haben nicht gewußt, daß es einen Bund für freies Geistesleben
gibt.
X.: Unter denen, die vom Bund nichts wissen wollen, ist X.
Dr. Steiner: Das ist eine Wirkung. Es hätten die Leute schon durch-
gefunden; man hat ihnen den Weg nicht geebnet.
Es ist nicht gut, diesem Stuttgarter System zu verfallen. Ich möchte
doch, daß manches auf dieses Fehlen der Ursache ernster genommen
wird als bisher. Es ist seriös, diese Sache. Sonst wird auch das wirk-
lich zu spät; das In-die-Hand-Nehmen der Sache wird zu spät.
Dr. Steiner: Solch eine Sache ist nicht anders zu machen als im
Einklang mit allem übrigen. Zuerst müssen wir einen Überblick
gewinnen, was wir mit dem Sprachunterricht in den verschiedenen
Klassen zu machen haben. Diesen Überblick müssen wir gewinnen.
Namentlich das kann nicht so bleiben. Aber es hängt mit allem übri-
gen zusammen.
X, möchte die 8b teilen im Sprachunterricht. Die Anfänger soll ein Kollege
nehmen, die Fortgeschrittenen der Klassenlehrer.
Dr. Steiner: Wir können nicht in beliebiger Weise, so wie sich die
Beispiele vermehren, die Klassen spalten. Das können wir wirklich
nur dann, wenn wir radikal die Sache so machen, daß wir für den
Sprachunterricht eine Gruppierung durchführen nachdem Können.
Das müssen wir durchführen. Sonst führt das zu einer endlosen, kau-
tschukartigen Erweiterung des Stundenplans, die dann ins Maßlose
geht. Der Stundenplan ist ein unmögliches Gebilde geworden. Wir
bringen es sonst dahin, daß wir bei einer wirklich ganz auf Menschen-
Dr. Steiner: Das ist gut, insbesondere dann, wenn man den Unter-
richt etwas koloriert. Die eine Stunde mit Formalem, die andere
Stunde mit der Lektüre. Dann ist es besser, zwei Stunden hinterein-
ander zu haben.
Mit Griechisch und Lateinisch ist es so, daß es nicht anders möglich
ist, die Sache aufrechtzuerhalten, als daß man die Kinder von einer
gewissen Klasse an entscheiden läßt, ob sie nun Französisch und
Englisch haben wollen oder Griechisch und Lateinisch. Das wird
unbedingt notwendig. Wir müssen darauf hinarbeiten, daß wir die
Kinder dahin bringen, ein Abiturium bestehen zu können. Und das
ist nicht anders zu erreichen, als daß wir sie entscheiden lassen dar-
über — was mit den Eltern in Zusammenhang gemacht wird —, ob sie
Griechisch und Lateinisch oder ob sie Französisch und Englisch
haben wollen. Da wir Französisch und Englisch beginnen mit der
1. Klasse, ist es zweifellos, daß wir irgend etwas zur Wiederholung
tun können bei den älteren Schülern, die Griechisch und Lateinisch
haben, wenn es gewünscht wird. Aber diese Gliederung müssen wir
vornehmen.
X..1 Von welcher Klasse ab würde diese Gabelung eintreten?
Dr. Steiner: Griechisch und Lateinisch nehmen wollen, ist gleich-
bedeutend mit dem Gymnasial-Abiturium machen. So wie die Ver-
hältnisse heute liegen, hat man eigentlich kaum eine Veranlassung,
den vollen Griechisch- und Lateinischunterricht, so wie man ihn
jetzt gibt, aufrechtzuerhalten, wenn man nicht rechnet auf diejeni-
gen, die zur Gymnasialmatura hinstreben, daß auch die den Segen
der Waldorfschulmethode haben sollen.
X.: Die Schüler müssen Französisch behalten, weil es Prüfungsfach ist.
Dr. Steiner: Aber im allgemeinen ist es so, da wir mit dem Sprach-
unterricht ganz im Anfang der Volksschule anfangen, daß es trostlos
wäre, wenn wir nicht bei einem ganz geringen Wiederholungsunter-
rieht die Sache auf der Älterenstufe fortführen könnten, wenn sie
Griechisch und Latein haben müssen. Das müssen wir herauskriegen,
daß wir das ersparen, was wir zu wiederholen haben. So wie es jetzt
ist, läßt es sich nicht aufrechterhalten. Der Stundenplan ist ein
Ungetüm und unpädagogisch.
X. schlägt vor, in der 7. und 8. Klasse für die neuen Sprachen die Parallelklassen
zusammenzuwerfen und eine Gruppe Anfänger und eine Fortgeschrittene zu
bilden. So wie sie jetzt zusammengewürfelt sind, kommt nicht viel heraus.
Dr. Steiner: Überall sonst hat man für die höheren Klassen dies, daß
man die weniger fähigen Kinder zurückläßt. Auch schon in der
Volksschule läßt man die weniger Fähigen zurück. Da wir das nicht
tun werden, müssen wir nach dieser Richtung einiges überwinden.
Man wird immer Fähigere und Nichtfähige durcheinander haben.
Die nicht mitkönnen, die stören die Stunde, weil sie sich langweilen.
Wir müssen die Sache schon etwas systematisch machen. Wir werden
zunächst einmal festsetzen: Sie beginnen das Griechische und Latei-
nische in der 5. Klasse, dann geht es bis zur 9., 10. und 11. Klasse.
Also 5. und 6., bei denen müssen wir alle vier Fremdsprachen lassen,
nicht wahr, wenigstens Latein. Da bleibt es also. Von der 7. an muß
das so gemacht werden, daß durch alle folgenden Klassen diejenigen,
die sich für Lateinisch und Griechisch entscheiden, dies als Haupt-
unterricht haben, und das Französische nur als eine Wiederholungs-
stunde, die vom Handarbeitsunterricht weggenommen wird. Auf
Englisch müssen sie verzichten.
In der 5. und 6. würde sein Englisch, Französisch, und wahlfrei
Lateinisch und Griechisch. In der 7., 8., 9., 10., 11. nur französische
Wiederholungsstunde, und sonst würden diejenigen, die nicht
Lateinisch und Griechisch haben können, ihren regelmäßigen Unter-
richt im Französischen und Englischen weiter haben.
Mehrere Lehrer sagen, zwei Stunden für Fremdsprachen in den Oberklassen
sei zu wenig.
Dr. Steiner: Da tritt das ein, daß es doch gut wäre, wenn man für
diese Klassen gruppierte. Natürlich, nicht wahr, diejenigen, die gar
keinen französischen und englischen Unterricht gehabt haben,
können doch kaum solche Kinder sein, welche darauf Anspruch
machen, ein Abiturium zu machen. Nun ja, also das sind Volksschul-
kinder, die machen kein Abiturium, worin soll da die Schwierigkeit
bestehen?
X. schlägt Gruppierungen vor.
Dr. Steiner: Wenn wir bei der Stundenanzahl bleiben, so sind fünf
Jahre nicht zuwenig für Griechisch und Lateinisch. Wir können aber,
da wir in der Zukunft den französischen Wiederholungsunterricht
vom Handarbeitsunterricht wegnehmen, in Zukunft zum Lateini-
schen und Griechischen mehr Französisch haben. Wir können ja in
der 7. nur das Englische weglassen. Aber wenn wir durch 6 Klassen
englischen Unterricht haben, dann möchte ich einmal den kennen,
der dann behaupten wird, daß das zuwenig ist für dasjenige, was man
im Englischen kennen soll. Wenn es ganz durchgeführt wird von der
1. Klasse an bis zur 6. Klasse, wie soll dann das zuwenig sein!
Höchstens, daß die Kinder etwas vergessen. Zuwenig gelernt haben
die Kinder ganz gewiß nicht, wenn sie durch sechs Klassen hindurch
Englisch getrieben haben. Nicht wahr, Englisch wird in der Regel
nicht mehr getrieben als durch sechs Jahre hindurch. Das ist nicht
etwas, was uns voraus ist, daß es vom 12. bis zum 16. Jahre gemacht
wird; da ist es schwerer als für die kleinen Kinder. Wenn es mit Feuer
gemacht wird, wenn der Unterricht nicht einschläft, genügen sechs
Jahre. Die beste Zeit ist es, die man dazu verwenden kann. Lateinisch
haben sie auch nicht mehr. Ein Jahr mehr in einem ungünstigen
Lebensalter.
X.: Kommt für das Englische keine Wiederholungsstunde in Betracht?
Dr. Steiner: Das ist nicht notwendig. Wir nehmen das Französische
weg vom Handarbeitsunterricht. Den Handarbeitsunterricht
schränken wir überhaupt ein. Wir können nicht die Sache so machen,
daß wir den Handarbeitsunterricht in derselben Weise ausgedehnt
sein lassen, weil dadurch der Stundenplan das Ungetüm wird. Wir
müssen vom Handarbeitsunterricht wesentlich etwas wegnehmen.
X.: Soll es bei der Zahl der Stunden bleiben für Latein und Griechisch?
Dr. Steiner: Bleiben wir bei den vier Stunden in der Woche. — Jetzt
wollen wir das von der anderen Seite betrachten. Wenn wir mit dem
Lateinischen und Griechischen in Ordnung kommen wollen, wollen
wir es von der Seite betrachten, daß wir sagen: Diejenigen, welche
Lateinisch und Griechisch haben, in der 7., 8., 9., 10., 11., haben also
dann zunächst den Hauptunterricht. Dann haben sie Latein und
Griechisch.
Jetzt das nächste, was in Betracht kommt, ist das Musikalische. Was
haben Sie da?
Der Musiklehrer: Gesangstunde, Orchester und Gesamtchor. Zum Orchester
kommen nicht alle.
Dr. Steiner: Ist das auch vormittags? Gibt es nicht eine Möglichkeit,
daß wir den Stundenplan dadurch organischer machen, daß Sie es so
einteilen könnten, daß wir den Hauptunterricht haben in diesen
Klassen, für die Schüler, die Lateinisch und Griechisch haben, von
acht bis zehn oder elf? Jetzt müßte dann der Latein- und Griechisch-
unterricht vier Tage lang sich anschließen oder zweimal zwei Stun-
den hintereinander. Dann bleibt die Möglichkeit, am Vormittag auch
von den anderen Fächern etwas zu nehmen. Was würde da zunächst
in Betracht kommen? Kommt also da für Sie für den Gesangsunter-
richt und Eurythmieunterricht mehr der Vormittag in Betracht?
Eine Eurythmielehrerin: Ich hätte gern den Vormittag.
Dr. Steiner: Das brauchen Sie nicht so zu machen, daß Sie eine
Stunde allgemeinen Eurythmieunterricht und eine Stunde Ton-
eurythmie haben. Machen Sie lieber zwei Stunden Eurythmie. Sonst
kommen wir ins Bodenlose. Wir müssen etwas Fixes darin haben.
Dieses Zufällige und Launenhafte müssen wir herauskriegen.
Da hätten wir zwei Stunden Eurythmie, vier Stunden Lateinisch und
Griechisch. Dann den Hauptunterricht. Jetzt, nicht wahr, Gesang
und Musik. Es bleibt noch immer die Möglichkeit, so etwas wie den
Chor und das Orchester zu haben.
Der Musiklehrer: Ich hätte von der 9. Klasse an das Bedürfnis empfunden, daß
die Kinder musikalisch theoretisch weitergebracht würden.
Dr. Steiner: Wenn man es schon macht, dann finde ich es nicht
zuviel. Dann ist noch immer der Gesangchor. Den nehmen Sie extra.
Dann würde es möglich sein, daß man den Gesang in die Vormittags-
stunden verlegt, und schließlich den Chor in den Nachmittags-
stunden macht, und Orchester auch Nachmittag. Dann würde für die
Vormittagsstunden bleiben Hauptunterricht, Lateinisch und Grie-
chisch, Eurythmie, Gesang. Dann für den Nachmittag hätten wir
zunächst Chorgesang und die Orchestersache. Und diejenigen, die
Französisch und Englisch haben, sollen in derselben Zeit, damit wir
sie beisammen haben, Französisch und Englisch haben, wo die
anderen Lateinisch und Griechisch haben. Handarbeitsunterricht
und Turnunterricht müßte in die Nachmittagsstunden verlegt wer-
den, namentlich für die höheren Klassen. Auf diese Weise kann doch
ein möglicher Stundenplan geschaffen werden.
Den Turnunterricht möglichst nachmittags. Der Turnunterricht ist
nicht etwa eine Erholung. Den Turnunterricht einreihen unter die
anderen Unterrichtsstunden, ist nicht gut. Man kann zwei Klassen zu
gleicher Zeit haben. Ich muß einmal mit den Turnlehrern die
Methode besprechen. Ich habe nur so Andeutungen gegeben. Aber
im Turnen ist man immer in der Lage, die Übungen danach einzu-
richten, daß man auch zwei große Riegen machen kann. Neulich war
es noch ganz gut, das Turnen im Freien. Es hat sich sehr gezeigt, wie
die Jungen ihren Körper gar nicht in der Hand haben, wie sie schlen-
kern nach allen Noten. Die Jungens entbehren in der Handhabung
ihrer Körper schon gar sehr, daß sie drei Jahre nicht geturnt haben.
Das ist nicht zu leugnen.
Für die höheren Klassen würde ich höchstens die Kinder anhalten,
daß sie vielleicht irgendwelche Aufgaben für sich arbeiten, wenn
Stunden frei bleiben. Aber es bleibt der Religionsunterricht, der
eventuell zu bedenken wäre, und dann bleibt Handwerksunterricht.
Das sind alles Dinge, die auf die Nachmittagsstunden verlegt werden
müßten. Der künstlerische Handfertigkeitsunterricht kann in den
Nachmittagsstunden gemacht werden.
X.: Die Kinder fragen, ob Stenographie obligatorisch ist oder nicht.
würden wir alle vier Klassen haben. Wieviel Gruppen sind da von der
5. bis 11. Klasse? Das sind einundzwanzig Stunden, so daß es nur
dreiundvierzig Stunden sein werden. Es ist absolut möglich.
Diejenigen, die mehr Unterricht haben wollen zum Üben, müssen ihn
unobligatorisch mehr haben. Wenn es die Eltern wünschen, kann
man es unobligatorisch zufügen. Was in diesen Handarbeitsstunden
geschieht, ist eine Art Unterhaltung. Da brauchen sie (Sie?) am
wenigsten zu tun. Daß es Schulen gibt, die vier Stunden Handarbeits-
unterricht erteilen, das ist für uns unmöglich. Wir haben keine
Mädchenvolksschule. Wenn wir auf diese Dinge eingehen, dann ist es
nicht möglich, einen Stundenplan zu machen. Wir müssen darauf
bestehen, einen ordentlichen Stundenplan zu haben. Es ist viel
gescheiter, wenn man solchen Dingen nicht nachgibt. Es gibt auch
den Wunsch, dreimal so viel Eurythmiestunden zu haben. Wir kön-
nen nur aus sachlichen Untergründen die Sachen einteilen. Es wird
niemand behaupten, daß in zwei Stunden (nicht?) mehr gelernt wird
als in einer. Wenn für den Handarbeitsunterricht eine Stunde zu
wenig ist, so ist für den Rechenunterricht nur ein Viertel der Zeit da,
die angewendet werden sollte. Mit demselben Recht, mit dem man
sagt, eine Stunde Handarbeitsunterricht ist zuwenig, mit genau dem-
selben Recht müßte man sagen, es müßten viermal so viel Rechen-
stunden sein. Man würde den Kindern das andere entziehen, was sie
zum Menschen macht, wenn man auf eine Sache so alles verwendet.
Es wird auch auf den Rechenunterricht nicht so viel verwendet. Sie
werden Zeit gewinnen für den Handarbeitsunterricht, wenn man ihn
ökonomisch gestaltet, und die Kinder daran gewöhnt, daß es nicht
notwendig ist, daß sie eine Stunde brauchen, um alle daranzukom-
men. Da könnten sie im Rechnen auch eine halbe Stunde brauchen,
um daranzukommen. Ökonomie des Unterrichts muß sein. Das ist
von Anfang an gesagt worden.
Ja, nun scheint mir aber, daß wir jetzt die Sache nach den Lehr-
fächern erschöpft haben.
X..1 Eine Religionsunterrichts-Gruppe muß auf den Nachmittag verlegt wer-
den. Sonst müßten wir einen Religionslehrer mehr haben,
Dr. Steiner: Der Fonds von Lehrern, den das Lehrerkollegium für
den Religionsunterricht hergibt, ist erschöpft, zum Teil durch die
Zeit. Und in Stuttgart haben wir niemand. Wir haben niemand in
Stuttgart.
Eine jüngere Lehrerin: Ich würde die Stunde gerne geben.
Dr. Steiner: Sie müssen längere Zeit hier leben. Man kann sich das
nicht vornehmen. Vielleicht später einmal, wenn Sie dazu den Beruf
fühlen. Jetzt sind Sie zu kurz in Stuttgart und in der Schule. Das ist
nicht möglich.
(Zu Fräulein Dr. Röschl:) Wenn Sie nicht siebzehn Stunden hätten,
würde ich das Ihnen auferlegen. Ich fürchte mich bei Ihnen wegen
der Stundenzahl.
(Zu einem anderen Lehrer:) Ich war so wenig mit Ihrem Unterricht
einverstanden, daß ich dafür nicht die Verantwortung übernehmen
könnte. Sie müssen verzeihen, nachdem Sie mir die Enttäuschung
bereitet haben, daß ich ganz frisch von der Leber weg rede. Nach
dem, wie ich an Ihrem Unterricht teilgenommen habe, kann ich die
Verantwortung nicht übernehmen. Der Religionsunterricht ist ein
sehr verantwortungsvoller Unterricht.
X.: Ich würde gerne Religionsunterricht geben.
Dr. Steiner: Vielleicht in fünf Jahren, wenn Sie bis dahin sehr fleißig
sind. In diesen Dingen muß man sich einleben. Man darf nicht ohne
volle Verantwortung in die Sache hineingehen. Denken Sie nach, was
es bedeutet, daß in ihnen das religiöse Leben entzündet wird. Es muß
entzündet werden das religiöse Leben. Es kann auf vielerlei Art ent-
zündet werden. — Wie wäre es, Herr Wolffhügel?
X.: Ich glaube nicht, daß es geht.
Dr. Steiner: Ich glaube, Sie könnten sich hineinfinden. Ich muß ganz
objektiv die Dinge nehmen. Ich glaube es verantworten zu können
bei Ihnen und bei Herrn Baumann auch.
X.: Ich müßte mich vorbereiten für beide Unterrichte.
Dr. Steiner: Vorbereitung ist viel notwendig, und Stimmung. Ich
glaube, Herr Wolffhügel hat vor der Handlung das Grauen. Der Reli-
gionsunterricht müßte Ihnen liegen. Nach dem, wie Sie den Unter-
richt auffassen, müßte der Unterricht Ihnen liegen. Ich habe Sorge,
daß es Sie überlastet.
Am wünschenswertesten wäre es, wenn es jemand aus der Schule sein
könnte. Es könnte auch jemand von außerhalb sein. Es ist traurig,
daß es hier niemand sein sollte. Es ist merkwürdig, daß noch nicht
irgend jemand herangekommen sein sollte zu diesem Beruf. Den
Dr. E. schätze ich außerordentlich für wissenschaftliche Dinge, aber
den Religionsunterricht gebe ich ihm doch in keiner Klasse. Das tue
ich nicht. Er weiß sehr gut, daß ich ihn außerordentlich schätze.
Dr. R. (ein auswärtiger Theologe), der hat es schwer, der wird mit
seinen eigenen Kindern nicht fertig. Das eine wird geprügelt und ist
ein Kind, das darauf angewiesen wäre, im höchsten Grade pädago-
gisch behandelt zu werden. Wenn sie den Jungen noch ein halbes
Jahr dort in der Schule lassen, dann ist er für das Leben verdorben.
Der Lehrer prügelt ihn. Die Mutter ist zum Lehrer gegangen und
wollte mit ihm reden und begann zu dem Lehrer zu reden: „Ich
möchte also mit Ihnen nicht sprechen als Lehrer, sondern als Mutter
zum Menschen." — ,,Mich als Menschen anzureden, das lasse ich mir
nicht gefallen!" Sie ging zum Direktor und sagte ihm das. „Ja, wissen
Sie, wenn Sie in unserer Schule einen Lehrer als Menschen anreden,
dann kann es nicht anders sein, als daß Sie in dieser Weise abgefertigt
werden. Das ist eine Beleidigung."
Mich erinnert das an eine Geschichte, die einmal an der belgisch-
deutschen Grenze passiert ist mit einer Russin, die von London nach
Petersburg gefahren ist. Sie kommt durch Holland an die deutsche
Grenze und will sich russisch benehmen. Der Zollbeamte kommt
und sagt, ja, das Gepäckstück, das muß sie herunterschaffen. „Sehen
Sie einmal an, das ist so schwer. Können Sie mir nicht helfen? " —
„Ich, helfen? Wie kommen Sie dazu, das von mir zu verlangen? Bin
ich hier ein Mensch? Ich bin hier ein königlich-preußischer Beamter
und kein Mensch. Wenn Sie auf dem Marktplatz gehen würden,
würde ich mich Ihnen zur Verfügung stellen und den Koffer tragen,
aber hier an dieser Stelle bin ich königlich-preußischer Beamter. Da
darf ich das nicht herunternehmen."
Herr Boy würde sich wohl einmal sehr gut eignen, aber er ist erst zu
kurze Zeit da für den Religionsunterricht. Man muß die Anthro-
posophie länger miterlebt haben bei diesem freien Religionsunter-
richt.
Wer trägt hier in Stuttgart vor? H. hätte zwar den Geist und alles,
aber er hat nicht das Temperament zum Lehrer. Es ist auch unter den
anthroposophischen Freunden niemand. Die Gruppen sind sehr
groß. Wir müssen sie anders gruppieren, bis wir jemanden finden.
Man zerbricht sich vergeblich den Kopf heute. Es treten die Sym-
ptome für unsere Gesamtschwierigkeiten auf. Wir sind jetzt dadurch,
daß wir alle diese Institutionen haben, Waldorfschulc und Bund für
Freies Geistesleben, in einer solchen Lage, daß wir tatsächlich Kapa-
zitäten brauchen. Wir brauchen Kapazitäten auf verschiedenen
Gebieten. Beim Unterricht handelt es sich darum, daß die betref-
fende Persönlichkeit am richtigen Platz stehen muß. Es mag sogar
unter Umständen, rein äußerlich genommen, manchmal der Unter-
rieht weniger gut ausschauen. Aber auch die Persönlichkeit als solche
kommt bei dieser Form des Unterrichts außerordentlich stark in
Betracht. — Unter den Ärzten müßte auch jemand sein. Dem jungen
N. würde ich es gleich geben. Es sind schon unter den Theologen
solche, denen ich ihn sehr gern anvertrauen würde. — DemG. würde
ich für lange Zeit überhaupt keinen Unterricht geben. Daß jemand
schlechte Artikel schreibt, ist doch keine Vorbedingung zum guten
Waldorflehrer.
X.: Er hat gewisse Qualitäten.
Dr. Steiner: Ich habe ihn neulich kennengelernt. Er ist ein netter
junger Mann, Er kann gar nichts. Es gibt keinen Gegenstand, in dem
er Lehrer werden kann. Er kann von keinem Gegenstand etwas. Es
scheitert schon daran; er kann keinen Klassenunterricht überneh-
men. Er kann nichts in einer höheren Klasse übernehmen.
X.: Er hat die Meinung, daß er auf die Waldorfschule als Lehrer kommt.
Dr. Steiner: Es kann doch niemand behaupten, er werde Waldorf-
lehrer, wenn er gefragt worden ist, was er kann, und er sagt, deutsche
Literaturgeschichte.
X.; Er hat das Gespräch mißverstanden.
Dr. Steiner: Eine Änderung der Lehrkräfte wird nicht nötig sein,
wenn wir es nicht doch vorziehen, für den Sprachunterricht anders
zu gruppieren, was jetzt ginge. Alle Sprachstunden können auch zu
gleicher Zeit sein. Die Klassen verteilen sich auf die Tage. Es wird so
sein, daß allerdings die Sprachstunden zu gleicher Zeit sind, aber
nicht jede Klasse wird an zweiter Stelle, von zehn bis elf, jeden Tag
eine Sprachstunde haben.
Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder man wird für die ganze
Schule, damit man wechseln kann, am Dienstag, Mittwoch, Freitag
von zehn bis zwölf Sprachunterricht legen. Sechs Sprachstunden
haben wir zum Beispiel in der 2. Klasse. Das gibt an drei Tagen für
jeden Tag zwei Stunden. Die liegen von zehn bis zwölf. Das wird
ausgefüllt durch die eigene Klasse. Jetzt hat Frau E. noch fünf andere
Sprachstunden in anderen Klassen: Montag, Dienstag, Mittwoch,
Donnerstag, Freitag, Samstag. Man kann noch immer in ebensoviel
Klassen Sprachunterricht machen mit anderen Schülergruppen. Man
kann den Hauptunterricht für sich machen von der 1. bis zur
11. Klasse. Jetzt kann man die Schüler anders gruppieren. Dann aber
hat man auch nur soviel Klassen im Sprachunterricht, und es verteilt
sich wieder so. Man kann eine solche Radikalkur nicht ganz pedan-
tisch durchführen. Man wird doch zwei bis drei schwache Schüler
haben.
X.: Man müßte übersehen, um welche Schüler es sich handelt. Es müßte eine
Aufnahme gemacht werden nach drei Stufen.
Dr. Steiner: Vorläufig müssen wir es lassen, wie es ist. Das ist eine
Sache, die wir jetzt gar nicht machen könnten. Das können wir nur
machen, wenn ich ein paar Tage anwesend sein sollte. Zunächst muß
es so gemacht werden, daß der Sprachunterricht möglichst bei den-
selben Lehrern bleibt.
Die übrigbleibenden Gesangstunden kann man auf den Nachmittag
verlegen. Stenographie können Sie noch immer machen von zwölf
bis eins. Nur daß wir dabei bleiben können im wesentlichen, daß wir
den Unterricht zwischen acht und zwölf so gestalten, wie wir ihn
besprochen haben. Das wäre jetzt in bezug auf den Stundenplan.
Sind nun mit Rücksicht auf die Dinge, die beschlossen worden sind,
Wünsche aufgetaucht? Wir sind zu dem Zweck zusammen.
Es wird noch einmal gefragt wegen der Teilung einer Klasse im Sprach-
unterricht.
Dr. Steiner: Die Teilung wollen wir nicht weiter fortpflanzen. Das ist
etwas, was die Organisation der Schule kaputt macht.
X.: Die beiden Klassen haben zu gleicher Zeit Französisch.
Dr. Steiner: Ich möchte diese Spaltung nicht weiter durchführen. —
Ich würde doch ganz gerne den Tittmann anstellen, wenn wir finan-
ziell gut genug stehen.
Es wird eine große Änderung hervorrufen, wenn wir nur die Situa-
tion ordentlich erfassen. Es muß die Situation gründlich erfaßt wer-
den. Diese starke Änderung wird bis in die Hauptfächer ihre Kreise
ziehen, sogar bis ins Gemüt der Kinder hinein. Die Kinder werden
sehen, daß doch eben mit manchen Dingen Ernst gemacht werden
muß. Daran werden wir nichts ändern können, als daß der Stunden-
plan festgelegt wird. Es würde vielleicht gut sein, wenn vielleicht sich
alle interessieren würden für den Stundenplan, für die Skizzierung
des Stundenplans.
Dann ist noch etwas, wenn es auch wirklich mir leid tut, ich möchte
auf den K. F. zurückkommen. Es wird doch so nicht gehen. Denn er
kommt doch zurück. Er sinkt in sich zusammen. Er wird immer
schläfriger, kopfgelähmter.
Mehrere Lehrer sprechen über K. F. und sein Zurückbleiben.
Dr. Steiner: Das ist physiologisch bedingt. Ich würde auf meinen
Vorschlag zurückkommen, daß wir ihn in die Parallelklasse geben,
weil ich glaube, daß er da durcheinandergerüttelt würde. Es ist not-
wendig, daß man die falschen Stoffwechselablagerungen, die das
Drückende ausmachen, behebt. Der Junge ist ein guter, lieber Junge,
er kann nicht anders. Nicht wahr, nun ist dies das letzte, was ich mir
verspreche von ihm. Ich glaube, er wird nicht Latein und Griechisch
wählen, und im übrigen möchte ich, daß sich Herr X. mit ihm herum-
schlägt. Nicht weil ich glaube, daß er bei Ihnen (der bisherigen Klas-
senlehrerin) zurückkommt, sondern weil ich glaube, daß er das
pädagogisch braucht durch seinen Stoffwechsel. Ich will ihn Ihnen
nicht nehmen, wenn Sie darauf bestehen, aber ich würde es gerne
probieren.
Ich hätte am liebsten, wenn er lauter Lehrer hätte. Heute hat mir sein
Vater zugestanden, wie er seine Mutter herumkriegt. Erlegt es raffi-
niert an. Ich würde gern haben, daß er lauter Lehrer hat, einfach, daß
er die zwei Stunden, die er am Morgen hat, nicht einer Dame gegen-
übersteht. Ich möchte Ihnen nur nicht das Herz aus dem Leibe
reißen.
Die Klassenlehrerin: Ich habe ihn halt so sehr gern.
Dr. Steiner: Aber unterrichten würde ich ihn doch von jemand
andern lassen. Wenn Sie ihn nicht abgeben wollen, haben Sie ein
Recht auf ihn. Das Recht gestehe ich Ihnen schon zu. Wenn wir
irgendein Mittel finden, wodurch wir ihm vielleicht pädagogisch
helfen könnten, so sollten wir es doch tun.
Die Klassenlehrerin: Ich werde ihn Montag in die Parallelklasse schicken.
Dr. Steiner: Die Veränderung ist etwas, was bei dem Jungen etwas
bedeutet. Sie werden sich schon daran gewöhnen.
Dr. Steiner: Aber gerade, weil Sie ihn drei Jahre haben. Ich glaube,
daß für den Jungen eine Veränderung notwendig ist. Ich kenne ihn
seit länger, als er geboren ist. Es ist ein solches Zurückgehen der
ganzen persönlichen Kapazität, und es ist ein ständiges Zurückgehen
gewesen, das schon erschreckend ist. Daher möchte man etwas tun,
was jetzt in diesen entscheidenden Augenblicken für ihn wichtig ist.
Es ist die Gefahr vorhanden, daß der Junge dement wird.
(Zu dem neuen Klassenlehrer:) Sie müßten sich um ihn bekümmern.
Sie müssen ihn in jeder Stunde nicht unberücksichtigt lassen, son-
dern ihn geradezu aufrütteln. Der Junge muß so gehalten werden,
daß seine Aufmerksamkeit künstlich erregt wird, sonst sinkt er ganz
in sich zusammen. Und er muß wissen, daß er deshalb in die Parallel-
klasse hineinkommt, muß es auffassen als eine Veränderung, die
dazu bestimmt ist, daß er sich zusammennimmt. Man muß es ihm
ganz klar machen, wie man sonst jemanden an einen fremden Ort
versetzt. Es muß für ihn ein Evenement sein. Er hat diese Dinge von
seiner Mutter. Das tritt in verstärktem Maße auf. Was bei den Eltern
im Leibe sitzt, bei den Deszendenten geht es in die Seele über. Beson-
ders solche Krankheiten, die mit den Stoffwechselablagerungen
etwas zu tun haben, die zu kleinen Geschwürbildungen führen. Wie
gefährlich es ist, möchte man gar nicht erzählen. Es ist eine gefähr-
liche Sache. Seine Schwester hat denselben astralischen Typ wie er.
Der Schulrat kommt zur Hilfskiasse. Er kommt auch zur Handarbeit.
Da braucht man sich noch weniger zu fürchten, als wenn er in die
Hilfskiasse kommt. Vom Häkeln wird er nichts verstehen. Er ist
wohlwollend. Er möchte gerne einen guten Bericht geben. Er steht
durchaus wohlwollend der Schule gegenüber. — Er hat die gleiche
Überzeugung wie der Abderhalden, daß solch ein Staub in der Turn-
halle entwickelt wird, daß das Turnen unhygienisch wird.
Ja, nicht wahr, dann habe ich mir noch viel überlegt über den
Rechenunterricht in den verschiedenen Klassen. Für diesen Rechen-
unterricht würde ich Sie bitten, ihn so einzurichten, daß für die
Fortsetzung, für das Nehmen von neuen Stoffen, der Epochen-
unterricht bleibt, daß aber für den Rechenunterricht in jeder Woche
zwei halbstündige Wiederholungen im übrigen Hauptunterricht statt-
finden. Das müßten wir ganz durchführen. In den oberen Klassen
auch so.
Es wird gefragt, ob in den oberen Klassen diese Wiederholungsstunden auch
dann vom Mathematiklehrer gegeben werden sollen, wenn ein anderer Lehrer
den Hauptunterricht in der betreffenden Klasse gibt.
Dr. Steiner: Ich sehe nicht ein, wozu das notwendig ist. Wenn das
Kollegium, was ich eigentlich gemeint habe, ein Organismus ist, dann
sehe ich nicht ein, wozu das notwendig ist. Warum soll der Lehrer,
der Chemie gibt, nicht die Wiederholung fortführen? Man müßte
voneinander etwas wissen. Wenn die Lehrer voneinander recht viel
wissen, dann wird es nicht erforderlich sein. Ich sehe nicht ein,
warum wir deshalb zu dem eminenten Fachlehrersystem übergehen.
Es wäre wünschenswert, daß man es könnte. — Ich habe einen
Mathematiklehrer gehabt, der kannte keine einzige Pflanze, was
zutage trat, wenn er Schulausflüge machte. Aber er war streng für
Mathematik und Physik und verstand von nichts anderem etwas. Er
kannte nichts anderes als Böhmisch, Deutsch, Physik und Mathema-
tik.
Dieses müssen wir so durchführen. Wir müssen dahin kommen, daß
die Handhabung des Rechenunterrichts wirklich so wird, wie es in
der 8. Klasse ist. Soweit die Klassen in Betracht kommen, die ich
gesehen habe.
Was überhaupt notwendig wäre, sehen Sie, das ist das, daß beim
Unterricht darauf gesehen würde — das fehlt fast durchweg —, daß
die Kinder etwas können, daß sie könnend mitkommen. Darauf wird
viel zuwenig gesehen. Es ist in den höheren Klassen das Prinzip des
Dozierens eingerissen, und der Unterricht ist eine Sensation. Sie
hören zu, sie arbeiten nicht innerlich mit und können daher zu
wenig. Das ist etwas, was sich auch herausstellt in der kleinen Fort-
bildungsschule in Dornach. Die Schüler und Schülerinnen inter-
essiert ganz gut, was vorgebracht wird, aber sie kommen nicht
könnend mit. Aber es sollte auch in den anderen Gegenständen
berücksichtigt werden, daß sie etwas wissen und etwas behalten. Man
sieht es den meisten an an der Art und Weise, wie sie sich benehmen
bei dieser sokratischen Methode, die manchmal nicht gut durch-
geführt ist. An der Art, wie sie sich benehmen, sieht man, daß die
Sache doch nicht Seeleneigentum wird. Das müßte es werden. Dazu
ist notwendig, daß ein noch viel größeres Interesse und Verständnis
besteht für das Echo, das aus der Klasse entgegenkommt. Nament-
lich für die höheren Klassen. Es fängt schon bei der 4. an, daß nicht
mehr innerlich seelisch mitgearbeitet wird. Die müssen innerlich mit-
arbeiten. Fühlen Sie das nicht selbst, daß die Kinder viel zuwenig
mitkommen? Dann sprechen Sie sich aus. Woran liegt es nach Ihrer
eigenen Meinung?
X.: Wir haben darüber sehr viel gesprochen; man gewöhnt es sich nicht so
schnell ab.
Dr. Steiner: Auf der einen Seite wird zuviel doziert. Und dann liegt
noch eine wichtige Frage vor. Wenn Sie etwas sokratisch im Unter-
richt entwickeln, geben Sie sich dadurch Täuschungen hin. Sie stel-
len Fragen über Selbstverständliches oder Unbedeutendes. Der
größte Teil der Fragen, der gestellt wird, sind unbedeutende Fragen.
Sie machen das nicht so, daß Sie jetzt etwas sagen, was der Klasse
beigebracht werden soll, und dann den Unterricht so drehen, daß Sie
fünf Minuten danach jemanden veranlassen, daß er es wiedergibt. Sie
stellen Fragen über Selbstverständlichkeiten. Wichtig ist es, daß man
in der Stunde den Unterricht so herum dreht, daß eines in Varianten
mehrere Male vorkommt, daß die Schüler auch mitarbeiten müssen.
Und daß man dann da hineinmischt, was in frühere Zeiträume
zurückführt, so daß tatsächlich nicht Selbstverständlichkeiten oder
Trivialitäten abgefragt werden. Das Dozieren ist nicht überwunden
worden in Wirklichkeit. Es ist nur manchmal die Illusion vorhanden,
daß es überwunden ist, während man weiter doziert und dazu nur
Trivialitäten fragt. Die Trivialitäten müssen heraus. Man darf sich
nicht selbst Illusionen hingeben.
Es wird gefragt nach der Gabelung in bezug auf das Künstlerische.
Dr. Steiner: Das wollen wir mit dem nächsten Schuljahr beginnen.
Ich muß sagen, es würde mir widerstreben, etwa im Musikalischen
eine Gabelung zu machen. Das müßten wir machen, wenn es solche
gibt, die wir mehr nach dem Artistischen hin bilden. Vielleicht daß
wir das von der 12. Klasse an machen, eine künstlerisch-humanisti-
sche und eine Realabteilung. Das würde wirklich zu früh sein, wenn
wir das jetzt schon ins Künstlerische hinüberbringen wollten. Es wäre
eine musterhafte Sache, wenn wir eine künstlerische Mittelschule
haben könnten. Nur müßte natürlich die Leitung artistisch sein. Das
würde sich im Handumdrehen nicht machen lassen. Diese Gabelung
wollen wir für die Schule ins Auge fassen.
Es wird gefragt nach Steilschrift und Schrägschrift.
schreiben, die ihre Augen zum Schreiben nicht gebrauchen; die den
Körper zum Mechanismus machen und aus dem Handgelenk heraus
schreiben. Für dieses Schreiben hat es Schreibunterricht gegeben.
Ich habe einen Herrn gekannt, der hat müssen, wenn er schrieb, den
Buchstaben aus einem Kreis machen, er tanzte im Kreis. Dann gibt es
die künstlerische Schrift, wo man mit dem Auge schreibt. Die Hand
ist nur das ausführende Organ. — Nun wird man eine mechanische
Schrift aus dem Handgelenk heraus niemals als Steilschrift ent-
wickeln. Das wird immer nur Schrägschrift sein, so daß die Steil-
schrift nur als künstlerische Schrift gerechtfertigt sein könnte. Sie
unterliegt dem Geschmacksurteil, aber einem ästhetischen Urteil
genügt sie nicht. Sie kann nie schön sein, sie sieht immer unnatürlich
aus. Daher ist sie nicht gerechtfertigt. Es gibt keinen Grund für die
Steilschrift.
X.: Ich habe Kinder, die sind gewohnt, Steilschrift zu schreiben. Warum sol-
len sie liegend schreiben?
Dr. Steiner: Nicht wahr, die Dinge lassen sich nicht so durchführen,
daß man sagt, ich werde jetzt die Schrägschrift lehren. Das kann man
nicht machen. Man muß darauf hinarbeiten, daß man kein Kind
mehr hat, das Steilschrift hat, aber in den Oberklassen kann man
nicht zu sehr darauf dringen.
X.: Der K. L, in meiner 4. Klasse schreibt steil.
Dr. Steiner: Bei dem können Sie schon anstreben nach und nach,
daß Sie allmählich zu einer mäßigen Schrägschrift kommen, so daß
nicht steil steht der Schattenstrich, sondern daß steil steht das
Ganze, künstlerisch vertikal.
X.: Ich mache Schreibübungen in der 4. Klasse neben dem Naturgeschichts-
unterricht.
Dr. Steiner: Man kann es schon tun. Es ist nur festzuhalten zunächst,
daß man nicht dadurch dem Epochenunterricht widerspricht, son-
dern daß man es als fortlaufende Übung gelten läßt. Beim Rechen-
unterricht muß es so sein.
X.: Soll ich in der 1. Klasse den Schreibunterricht weiterführen, während ich
rechne?
Dr. Steiner: Man muß die Leute verpflichten, daß sie alle Konse-
quenzen auf sich nehmen. Natürlich müssen Sie die Zeit abwarten,
bis sie Deutsch kann.
X.: Sie ist seit September da.
Dr. Steiner: Es gibt nichts, was nicht anphilistert wäre. Probieren Sie
es mit den griechischen Sagen von Niebuhr. Der ist nicht ganz neu;
das ist vielleicht das Beste. Es ist etwas zu lang. Es ist schon ganz gut
abgefaßt.
X.: Der K. P. in der 4. Klasse zehrt sich auf.
Dr. Steiner: Seit wann? Wer hat ihn früher gehabt? Bei manchen
Dingen wäre es notwendig, daß man therapeutisch nachhelfen
würde. Solch eine Eisenkur, wie ich sie heute morgen beschrieben
habe, die könnte man ihm im Einklang mit den Eltern beibringen.
Man braucht nichts weiter zu sagen, als daß der Junge an einer
kaschierten Blutarmut leidet und daß er eine Eisenkur machen muß.
Die ganze Sache übernimmt der Schularzt. So kann das in der richti-
gen Weise beigebracht werden.
Man muß immer klar sein über den Fall. Bei K. P. handelt es sich
darum, daß man dieses Eisen verwendet, das man bekommt, wenn
man einen Wurzelabsud von der Kamille macht. Darin hat man das
Eisen mit Schwefel, Kalium und Kalzium im richtigen Ausgleich. In
der Wurzel der Kamille ist Eisen darinnen. So in dieser Weise. Nicht
einen Tee, sondern eine Auskochung der Wurzel muß man machen.
Es wird gefragt wegen eines Mädchens in der 10, Klasse, die viel fehlt, weil die
Schule sie anstrengt.
Dr. Steiner: Das ist eine seelische Ansteckung. Man müßte ihr Bella-
donna beibringen.
X.: Wäre die beruhigende Heileurythmie-Übung gut?
Dr. Steiner: Die können Sie machen zur Unterstützung der Bella-
donnawirkung. Machen Sie Heileurythmie-Übungen mit den Kin-
dern?
Es wird gefragt wegen eines Schülers in der 2b.
Dr. Steiner: Den müßte man auch heileurythmisch behandeln, ganz
nach den Grundsätzen, die für solche Personen gegeben worden sind,
die nicht gehen können.
Dr. Steiner: Jetzt müssen Sie achtgeben, bis er neun Jahre alt ist. Bis
dahin muß man ihn recht liebevoll behandeln, vielleicht auch allerlei
Symmetrieübungen machen lassen, auch darauf sehen, daß er
Schreibfehler einsieht. Dann wird er schon ordentlich werden.
Wenn nichts mehr ist, werden wir die Besprechung beschließen
können. Ich möchte Sie recht sehr bitten, eingedenk zu sein der
Schwierigkeit, in die wir geraten sind und die wir besprochen
haben, und ein wenig zu berücksichtigen, daß wir mit der Wal-
dorfschule kein Fiasko machen dürfen. Das wäre ein furchtbarer
Schlag im allerweitesten Umfange.
Wir müssen die Sache schon sehr ernst nehmen. Es schaut im
weitesten Umfange alles hinein. Wir müssen es so ernst wie
möglich machen. Ich bin überzeugt, je öfter man zurückkommt
auf das Studium des ersten und zweiten Seminarkurses, um so
besser ist es, um den wirklichen Geist in die Sache hineinzubringen.
Der zweite Kurs wurde gehalten, um den Geist der Waldorfschule zu
bringen. Man müßte ihn wieder vornehmen, damit der richtige Geist
hineinkommt. Wir dürfen uns nicht gehen lassen. Wir müssen unbe-
dingt Feuer in den Unterricht hineinbringen. Wir müssen Enthusias-
mus haben. Das ist unbedingt dasjenige, was vielfach fehlt. Das
müssen wir machen. Sonst ist es eben zu leicht möglich, daß gerade
bei einer Methode, die so sehr auf die Individualität des Lehrers
abzielt, daß da sehr leicht ins Gegenteil verfallen werden kann. Der
Schulrat hat gesagt: Mit unseren Lehrmethoden können wir mittel-
mäßige Leute vielleicht haben, aber mit Ihrer Methode brauchen Sie
lauter Genies als Lehrer. Ich will nicht behaupten, daß er recht hat.
Etwas ist daran. Es kommt furchtbar viel auf die Individualität des
Lehrers an. Es soll gerade die Individualität des Lehrers herausgeholt
und gefördert werden. Es arbeiten die Kinder nicht genügend mit,
und dann ist dies, daß man nicht genügend Feuer in die Klasse hinein-
trägt. Dann ist da manchmal ein gewisses spielerisches Element, das
in den Unterricht hineinkommt, indem man die Kinder spielerisch
beschäftigt, spielerisch im üblen Sinne. Es müßte doch jedem Lehrer
eine tiefe, gründliche Freude machen, in die Klasse hineinzugehen.
Denn im Grunde genommen ist in den höheren Klassen das Schüler-
material nicht schlecht.
Haben Sie etwas erhalten als Nachricht auf die Erklärung betreffend
die ausgeschlossenen Schüler?
Er meint, daß man durch die Methode so weit gekommen ist, daß
man eine ganze Anzahl Anthroposophenkinder herausgeworfen hat.
Eine furchtbare Sache ist es schon. Ich habe mich gewundert, daß
sie so wenig bitter empfunden wurde. Das ist das Bittere, daß es
nicht so empfunden worden ist. Es ist etwas, was vom Gesichts-
punkt der anthroposophischen Bewegung gefaßt werden muß.
Schon wie Sie hinkamen mit diesem schrecklichen Dokument, es
unterschied sich diese Behandlung nicht von der Philisterbehand-
X.: Ich habe versucht, alle Sprachstunden auf dieselbe Zeit zu legen. Das war
unmöglich, weil nicht genug Sprachlehrer vorhanden sind. Es ist versucht wor-
den, das wenigstens für Gruppen von Klassen zu machen. Auch sonst war
nicht alles durchführbar.
Dr. Steiner: Haben Sie schon verhandelt über den Stundenplan? Das
Wünschenswerte wäre, die Lehrer nicht für die einzelnen Klassen zu
ändern. Wir wollen einmal sehen, ob das stimmt, daß Tittmann als
neuer Lehrer kommen muß. Das würde begründet sein, wenn die
bisherigen Lehrkräfte entlastet werden sollen.
(Dr. Steiner nimmt den Gesamtstundenplan in die Hand:) Es muß
erst stimmen. Fräulein D. hat Englisch in 3b, Herr N. hat Franzö-
sisch gegeben. Wenn hier Französisch sein würde für N., würde dann
hier ein Hindernis sein? — Es ist so unübersichtlich, man kennt sich
nicht aus. Man kriegt die Drehkrankheit. Wenn man ein bißchen sich
auskennen würde! Man müßte doch Platz haben, um etwas zu schrei-
ben. — Es wäre wünschenswert, daß man den Sprachunterricht an
den Hauptunterricht anschließen könnte. Die Sache ist doch diese,
daß im allgemeinen es sich handeln würde, daß der Sprachunterricht
wäre von zehn bis zwölf.
Montag 1. bis 5. Klasse von zehn bis elf Sprachunterricht. Es ist nicht
wünschenswert, daß wir die Klassenverteilung an die Lehrer anders
vornehmen. Die Lehrerverschiebung jetzt würde nicht gehen. Wir
haben dann Montag von zehn bis elf Sprachunterricht. Das würde
jeden Tag sein, Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag,
Samstag von zehn bis elf. Dies kann bleiben. Nun würde sein für Sie
die Notwendigkeit, daß es für den jetzigen Stand gilt. Herr N. hat
auch die 7a. In 7a haben wir nun wieviel Französisch-und Englisch-
stunden? Je zwei, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag von elf
bis zwölf. Wir müssen einen Stundenplan aufstellen für den jetzigen
Status. Das würde gehen. Wir müssen nach den Verhältnissen gehen.
Ich frage eben, gibt es ein Verzeichnis, das gilt? (Dr. Steiner nimmt
selber ein Papier und schreibt die Namen der Lehrer auf:) Nun bitte
ich darauf zu schreiben, wo Sie den Unterricht haben. Es ist wirklich
unglaublich, daß man Konferenzen abhält über den besten Stun-
denplan.
X. macht noch andere Vorschläge.
Dr. Steiner: Ich sagte doch, daß es nicht wünschenswert ist, daß man
die Lehrer in den Klassen immer ändert.
X.: Dann war ja auch besprochen, daß man den Sprachunterricht so regelt,
daß man die Kinder verschieben kann.
Dr. Steiner: Dies läßt sich nachher noch machen. Ich will nur sehen,
ob es sich überhaupt möglich machen läßt, den Sprachunterricht zu
geben, so daß er vormittags sein kann und möglichst im Anschluß an
den Hauptunterricht. Das ganze wird sich zeigen, wenn wir es zusam-
mengestellt haben. Ich sehe nicht ein, warum nicht die Gruppen-
einteilung möglich sein sollte, wenn man es möglichst an den Haupt-
unterricht anschließt. Ich weiß nicht, warum es nicht möglich ist.
Dr. Steiner nimmt das Verzeichnis der Lehrer wieder zur Hand und geht jetzt
ganz genau die Verteilung des Sprachunterrichts Klasse für Klasse durch, um zu
sehen, ob der Sprachunterricht zu den gleichen Zeiten gegeben werden kann.
Dr. Steiner: Ich würde weitergehen. Ich würde bis zu dem gehen, daß
ich sagen würde: für diejenigen Schüler, welche humanistische
Matura machen wollen, können wir ruhig für das Lateinische und
Griechische die ersten Tagesstunden nehmen. Wir können es als
Hauptunterricht gelten lassen. Wir können den naturwissenschaft-
lichen Unterricht auf spätere Stunden verlegen.
X.: Es ist wenig Verständnis für Griechisch vorhanden.
Dr. Steiner: Die Eltern müssen sich entscheiden, ob sie eine huma-
nistische Matura wollen oder nicht.
X.: Wenn nur vier bis fünf Schüler bleiben, soll dann das Griechische für diese
allein durchgeführt werden?
Dr. Steiner: Es ist ab und zu der Fall, daß eine Lehrkraft für ein paar
Schüler arbeitet.
X.: Es scheint das Bedürfnis zu sein nach Realgymnasialmatura. Können wir
es verantworten, daß sie ohne Englisch aus der Schule treten, wie es beim
Gymnasium der Fall ist?
Dr. Steiner: Das können wir dann verantworten, wenn wir Schüler
kriegen, die Gymnasialmatura machen wollen.
Mehrere Lehrer sprechen über die Schwierigkeiten der Teilung. Einige Schüler
wollen griechisch lernen, aber nicht humanistische Matura machen.
nach ihrem Alter; und unter diesem Gesichtspunkt wollten wir das
Griechische und Lateinische so einreihen, daß es in der günstigsten
Weise eingereiht ist.
X.: Die Schüler wollten nicht gerne auf Englisch verzichten.
Dr. Steiner: Machen wir es dann so: Bis zur vollendeten 8. Klasse
Griechisch; in der 5., 6., 7., 8. Klasse machen wir Latein und Grie-
chisch zusammen obligatorisch für den Waldorfschulplan, nur geben
wir die Möglichkeit, daß diese Gegenstände von gewissen Schülern
weggelassen werden, weil die Eltern keinen Wert darauflegen. Über-
all war dies das Ziel, daß wir denjenigen Unterrichtsinhalt aufneh-
men, den man für notwendig hält. Niemals wird man für notwendig
halten, daß gewisse Schüler sich mit zehn Jahren entscheiden, ob sie
einen Gegenstand wählen oder nicht wählen wollen. Von der
9. Klasse ab würde die Gabelung eintreten, entweder Griechisch oder
Englisch. Den Unterricht in Latein und Griechisch muß man dann
Ist ein Schüler da, der D. L. heißt? Ist mit dem eine Schwierigkeit?
Warum haben Sie da einen Brief geschrieben?
X.: Er hat im Physiksaal eine Explosion angestellt. Wir haben einen Verweis
erteilt, und haben das der Mutter geschrieben.
Dr. Steiner: Der Physiksaal sollte nicht Dinge bereithalten, wo
Explosionen geschehen können. Jedenfalls ist es betrüblich, daß so
etwas geschehen kann. Ich habe es schon erlebt, daß sich ein Schüler
der höheren Klassen vergiftet hat, weil der Chemielehrer nicht acht-
gegeben hat auf die Sachen. Jedenfalls hätten Sie dies dabei bewen-
den lassen müssen, dem Schüler einen Verweis zu geben. Man hätte es
nicht schreiben sollen. — Weil Sie nicht daran denken, wie schreck-
lich es ist, wenn man mit diesen Dingen zu kämpfen hat, daß die
Leute sagen, das muß eine Führung sein, wenn ein zehnjähriger Ben-
gel in der Lage ist, eine Explosion anzurichten. Glauben Sie, daß
dafür, wie man jetzt dem Urteil draußen ausgesetzt ist, noch eine
Möglichkeit ist? Es ist fürchterlich, man denkt immer nur daran, wie
sich der einzelne schützt, aber nicht, wie die Schule vor der Welt
dastehen sollte. Es ist schon entsetzlich, dies. Man soll sich nur
vorstellen — die Mutter ist eine nette Frau —, was es auf die für einen
Eindruck macht, ihr Junge habe eine Explosion angerichtet. Alle
Leute, denen sie es erzählt, werden sagen: Kein Kind zur Waldorf-
schule schicken! Selbstverständlich. Solche Dinge dürfen sich nicht
häufen.
Immer abstrakt sich verpflichtet fühlen! Haben Sie nicht bedacht,
daß es auf die Schule zurückfällt? Wenn man ihm die Explosions-
stoffe zum Nehmen hinstellt, macht ein jeder Junge Schwierigkei-
ten. Ich will nicht fragen, wer verantwortlich ist für diese Sachen. Es
muß doch jemand die Stoffe stehengelassen haben. Es ist also der
Physiksaal und Laboratoriumsraum. Die Türen müssen verschließbar
sein.
X.: Es soll aber niemand im Physiksaal sein, ohne daß ein Lehrer da ist.
Dr. Steiner: Also der Vorbereitungsraum wird nicht geschlossen?
X.: Der Fehler lag darin, daß der Schüler die Erlaubnis hatte, im Physiksaal
darin zu bleiben.
Dr. Steiner: Ich verstehe nicht, warum der Laboratoriumsraum
nicht geschlossen ist. Die schöne Geschichte ist dies, daß Explosiv-
stoffe und Giftstoffe zugänglich sein können, daß also, weil der
Laboratoriumsraum nicht geschlossen wird, die Schüler freien
Zugang haben. Daß das nicht genügt hat, daß ausgemacht war, es
darf kein Schüler allein darinnen sein, das geht auch daraus hervor.
Außerdem geht drittens hervor, daß ein Laborant gleichzeitig mit
Dr. Steiner: Aber in diesen Dingen müssen doch Prinzipien sein! Man
würde sagen müssen: der Laborant war drinnen, also hat der Junge in
Gegenwart des Laboranten es gemacht. Das dritte würde beweisen,
daß der Laborant entlassen werden muß. Wenn solche Dinge vor-
kommen, so fürchtet man, daß das nächste Mal etwas anderes
geschieht von dem Kaliber.
(Auf einen Einwand:) Das ist das Fürchterliche, daß das Wort hier
fallen kann. Wenn in Buxtehude das vorkommt, so kümmert sich
kein Mensch darum. Das ist das Fürchterliche, daß das gesagt werden
kann. Das ist kein Gesichtspunkt. Die Dinge dürfen einfach bei uns
nicht vorkommen.
Der Turnlehrer spricht über das Turnen im Freien. Es können daraus der
Schule Vorwürfe erwachsen wegen der Erkältungen.
Dr. Steiner: Wenn solche Klagen vorliegen, können wir nichts ande-
res tun, als warten, bis wir den Turnsaal haben.
Es wird gefragt, ob man den Eltern nachgeben solle.
Dr. Steiner: Der Wunsch der Eltern ist doch, daß die Kinder bei uns
sind. Wir müssen im einzelnen Fall dem Wunsch der Eltern nach-
geben. Wir können nichts anderes tun, als warten, bis der Turnsaal
fertig ist. Nur ist es kränkend, daß es sich immer hinausschiebt.
In der 1. Klasse, da ist der Junge in der ersten Bank an der Ecke, der
R. R., bei dem würde notwendig sein, daß Sie zu den heileurythmi-
schen Sachen hinzufügen, daß er kunstgemäß veranlaßt wird, Bewe-
gungen, die er in einem gewissen Tempo ausführt, etwas langer hin-
tereinander in einem viel langsameren Tempo ganz bewußt auszu-
führen. Sie lassen ihn gehen und merken sich das Tempo und veran-
lassen ihn, ein doppelt so langsames Tempo einzuschlagen. Wenn er
in fünf Sekunden zwanzig Schritte braucht, so veranlassen Sie ihn,
daß er zwanzig Schritte in zehn Sekunden zurücklegt. Daß er sich
stramm zurückhalten muß. Er müßte Heileurythmie machen, dann
diese Übungen und wieder schließen mit Heileurythmie.
Und dann haben Sie auch diesen in der gelben Jacke, den E. T. Das
ist eine medizinische Frage. Da werden Sie wohl dies machen kön-
nen: A-E-I-Übung, und dann soll er Eier essen, die nicht ganz voll-
endet gekocht sind, die nur angefangen sind zu kochen. Das geht
wiederum darauf zurück, die Eiweißkräfte zu entwickeln. — Man
kann in vielen Fällen wissen, was recht ist, um etwas zu heilen. Wenn
es nicht ausgeführt werden kann, kann man deshalb nicht etwas
Unrichtiges sagen. Es müßte eine Opfergabe gemacht werden, daß
der Junge wenigstens viermal in der Woche zwei Eier essen kann am
Tag. Acht Eier würde er brauchen. Die „Kölnische Volkszeitung"
kostet 25 Mark. Die hat nicht denselben Nährwert.
Der Schularzt fragt wegen des Medizinischen. Da wären eine ganze Menge
Schüler.
Dr. Steiner: Der hat Anämie. Der Junge hat nicht so viel Stoff-
wechselablagerungen, durch den Tee hat er mehr verzehrt innerlich,
und jetzt braucht er eine kräftige Nahrung. Früher hat er das
schlechte Aussehen gehabt von der schlechten Nahrung. Jetzt
kommt es zur Geltung, Sie müssen versuchen, ihm jeden Tag etwas
Brot zuzuschanzen. Wenn Sie vierzehn Tage Malz geben, gewöhnt er
sich daran, und es wird ihm dann schwer, sich auf natürliche Weise zu
ernähren. Es ist besser, man verschafft ihm ein ordentliches Stück
Dr. Steiner: Damit kann man einverstanden sein. Machen Sie es; und
wenn Graf Bothmer Sie dabei unterstützt, so ist es schön.
Es wird gefragt wegen der W. S. in der 10. Klasse, bei der die Schilddrüsen
nicht in Ordnung sind.
Dr. Steiner: Ich habe einmal etwas geraten. Sie war bei einer
Eurythmieaufführung, und da erschien sie etwas, als ob sie die Vor-
stellung nicht durchhalten könnte. Jetzt wie ich sie gesehen habe, so
glaube ich, daß es notwendig wäre, ein etwas künstliches Präparat zu
machen: 5 Promille Fliegenschwamm, dann dazugesetzt 5 Prozent
Berberis vulgaris, die Fruchtsäfte der Frucht, und etwas Bilsenkraut.
Also Berberis vulgaris 5 Prozent, Fliegenschwamm 5 Promille,
Hyoscyamus, Bilsenkraut homöopathisch, fünfte Dezimale. —Esist
eine Gefahr vorhanden, daß einmal bei dem Mädchen eine Drüsen-
entartung geschieht, weil etwas lose ist im Hinterhaupt.
X. fragt wegen zweier Schüler in der 7. Klasse, die störrisch sind.
Dr. Steiner: Es ist schwer, etwas zu machen, weil die Zustände zu-
rückzuführen sind auf Hirnhautverwachsung. Da kann man schwer
etwas tun. Es ist schade, daß nicht unsere Ärzte den besonderen
Fällen sich ein bißchen widmen. Das würde man kaum anders anfan-
gen können, als daß in jeder Woche einer der Ärzte heraufkommt
und da wirklich systematische Übungen macht, oder man müßte
diese ins Institut hinunternehmen. Das sind Hirnhautverwachsun-
gen. Sie könnten sie veranlassen, daß sie sich befassen mit der Schule.
X.: Ich kann die 7. Klasse nicht so packen, wie es sein sollte; ich habe zuviel
Sprachunterricht,
Dr. Steiner: Wir müssen uns gedulden, bis wir eine Ersatzkraft
haben. Ich glaube, Sie sollen beim Unterricht den Mut nicht sinken
Dr. Steiner: Ich meinte nur, man müßte sich verständigen über die
Altersgrade der Schüler. Man kann nicht Kinder vor zehn Jahren
nach dem Haag verschleppen. Es dürfen nicht die kleinsten Kinder
sein. Es müßten schon solche Kinder sein, wo man sagen kann, man
könnte es verantworten. Sonst ist nichts dagegen einzuwenden.
X. bringt die Bitte vor wegen eines Seminarkurses.
Dr. Steiner: Man kann nicht Winke geben, wenn man nicht bei der
Probe ist. Frau Doktor hat mir etwas gesagt. Es ist die Geschichte
dies. Es wurde uns zugeschickt ein solches gedrucktes Ding von
Breitkopf und Härtel, das X. veranlaßt hat zu drucken. Darin steht,
daß die Aufführungsrechte vorbehalten sind. Dies hat X. veranlaßt,
der bei uns die Spiele kennengelernt hat, bei uns sie geraubt hat.
Solche Dinge ist man gewöhnt von Kostgängern der Gesellschaft. Er
kann auch in einer heimtückischen Weise an die Erben von Schröer
sich gewendet haben. Das Aufführungsrecht ist bei der Familie
Matuschek in Oberufer. Nun hat Schröer für 1858 das Recht erwor-
Dr. Steiner: Warum schicken Sie nicht jemanden hin zu den Leu-
ten? Diese Arbeit sollte man doch rationell machen. Man kann
unmöglich viel zu tun haben, wenn der Schulverein 3000 Mitglieder
hat. Den Sekretär des Schulvereins müßte man schicken.
X. fragt, ob man die Kinder, wenn die Eltern nicht zahlen wollen, in der
Schule behalten kann.
Dr. Steiner: Es kann doch sein, daß die Leute nicht schreiben kön-
nen. Der Schulverein hat doch einen Sekretär, der hat sicher nicht
viel zu tun. Es geschieht nicht die Arbeit der Mitgliederwerbung.
Ich wünschte, daß für die Schule auch die gleiche Begeisterung vor-
handen wäre, wie für die Aufführung. Es wird die Aufmerksamkeit
abgelenkt vom Unterricht. Wenn die Kinder etwas aufführen wür-
den, so wäre es nicht so gefährlich. Ich glaube, Sie lassen das. Sonst
reiten Sie sich noch viel tiefer hinein.
Ich habe doch nichts gesagt gegen die Aufführung. Ich glaube, je
besser die Aufführung wird, desto schlimmer ist es für die Schule. Ich
glaube, Sie sind so begeistert für die Sache wie ein Stehaufmännchen
für die Aufrechthaltung. In Wien sagt man „a Mandlstehauf".
Dr. Steiner: Alles, was zum Stundenplan gehört, bitte ich zu sagen.
Es wird referiert über den neuen Stundenplan. Aller Sprachunterricht vormit-
tags. Keine Personaländerungen. Einmal mußte eine Sprachstunde von zwölf
bis eins gelegt werden. Es ist Gruppenbildung versucht worden. Einige Male
hat man Lateinisch und Griechisch nach Eurythmie legen müssen, sonst
immer Sprachunterricht nach Hauptunterricht.
Dr. Steiner: Man wird es so machen müssen, wenn es nicht anders
geht.
X.: Ich würde lieber eine Sprachstunde in der 4a auf den Nachmittag legen
statt von zwölf bis eins.
Dr. Steiner: Dann machen wir es an einem Nachmittag.
X.: Soll das auch sonst gelten?
Dr. Steiner: Wenn es verlangt wird von den betreffenden Lehrern. Es
wird sich darum handeln, daß die betreffenden Lehrer damit einver-
standen sind.
Es wird referiert über den Religionsunterricht, Gesang ist überall vormittags.
Eurythmie ist meist vormittags. Handwerk und Handarbeit alles nachmittags,
Turnen auch, man hat dazu auch einen Mittwochnachmittag benutzen müs-
sen. Wenn Mittwochnachmittag frei sein soll, müßte man auch Turnen und
zum Teil auch Handwerk auf einen Vormittag legen.
Dr. Steiner: Es ist nichts dagegen einzuwenden, daß unter Umstän-
den die Sache in die letzten Vormittagsstunden gesetzt würde. Es ist
natürlich nicht gut, wenn die Kinder vom Praktischen ganz ins
Theoretische kommen. Wenn wir einen Mittwoch frei kriegen
können, so sollten wir es doch anstreben. Turnen sollte auch nicht
vor theoretischen Stunden liegen. Es ist nur deshalb am Mittwoch-
nachmittag schlecht placiert, weil der Turnlehrer ausgeschlossen
wäre von den Konferenzen.
X.: Die Eltern haben sich in vielen Dingen darauf eingerichtet, daß der Mitt-
woch frei ist.
Dr. Steiner: Man müßte doch die Eltern veranlassen können, daß sie
einen anderen Tag wählen. Die Lehrer sollten möglichst Gelegenheit
haben, sich zu finden in den Konferenzen. Das ist etwas Wichtiges.
Es könnte ja Sonnabend dieses Sich-Finden der Lehrer stattfinden.
Es wird sonst zuviel aufgebuckelt. Wollen wir es doch versuchen mit
Dr. Steiner: Natürlich kann es sein. Es hätte von Anfang sein sollen.
X. möchte in der 4. Klasse eine vierte Sprachstunde haben.
Dr. Steiner: Nur daß das einmal festgestellt ist. Im profanen Leben
würden für diese Stunden die Lehrer Tantiemen fordern. Aber ich
denke, wir wollen es mit der Vermehrung um den einen neuen
Sprachlehrer probieren. Dann würde ich gerne noch einen Turn-
lehrer haben.
X. fragt, ob man den provisorischen Entlastungsvorschlag durchführen soll?
Dr. Steiner: Y. hat schon zuviel Stunden. Das würde nur gehen,
wenn ein Tausch stattfinden könnte. Wenn Sie zum Beispiel eine
Religionsklasse übernehmen könnten, Fräulein Z., dann kann Y.
tauschen. Wechsel mit dem, dem es zunächst am meisten über zu sein
scheint. Frau W. ist am meisten abgeberisch gesinnt. Bei V. warten
wir, bis der Tittmann kommt.
V. wehrt sich.
Dr. Steiner: Es gibt auch innere Gründe. Seien Sie froh, wenn man
Ihnen mehr zutraut. Sie sind robuster. Ich finde Sie sehr robust. Sie
müssen zugeben, daß Sie robuster sind als Frau W. — Wir werden so
schnell wie möglich sorgen, daß wir Tittmann kriegen.
X.: Die Klassenlehrer haben gefragt, ob sie die Turnstunden in ihren Klassen
übernehmen können.
Dr. Steiner: Dagegen ist nichts einzuwenden, wenn keine Belastung
dabei ist. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß zwei Klassen bei
zwei Lehrern in demselben Saal Turnen haben. Das wäre eine außer-
ordentlich gute Sache, wenn es sich durchführen läßt, weil man
dadurch einen pädagogischen Zweck erreicht. Wir müssen den Unter-
richt ganz vom Nervösen herausbringen. Daß es nicht der Fall sein
kann, das ist ein Zeichen von Nervosität. Eigentlich müßte man als
Ideal in einer Ecke Mathematik, in den anderen Französisch, Astro-
nomie und Eurythmie unterrichten können, so daß die Kinder ihre
Aufmerksamkeit auf ihre eigene Tätigkeit richten müssen.
X.: Könnten wir das auch auf die Eurythmie beziehen?
Dr. Steiner: Ich wäre froh, wenn Sie es könnten, weil es pädagogisch
wertvoll wäre. Die Lehrer müßten sich immer wieder gut vertragen.
X.: Die Religionslehrer möchten den bisherigen Raum für die Sonntagshand-
lungen behalten; er sollte ausschließlich dafür da sein.
Dr. Steiner: Ich bin damit einverstanden. Bei dieser Sonntagshand-
lung kommt es darauf an, daß die Stimmung für diejenigen vorhan-
den ist, für die diese Sonntagshandlung zu vollziehen ist. Es würde
am besten dadurch erreicht werden, daß dieses Arrangement getrof-
fen wird.
X.: Sollen auch Fräulein R. und Herr W. die Handlung machen?
Dr. Steiner: Beide müssen die Handlungen zelebrieren. Das ist eine
selbstverständliche Bedingung für den freien Religionsunterricht.
Ich will das Folgende dazu sagen. Nicht wahr, die Erfahrung, das
Erlebnis, hat gezeigt, daß wir den freien Religionsunterricht nicht
bloß darin bestehen haben, daß wir etwas lehren in einer Religions-
stunde, auch nicht bloß gemütvoll lehren, sondern daß jenes
bestimmte Verhältnis außerdem sich noch herstellt zwischen Reli-
gionslehrer und Schüler, das hergestellt wird durch eine Kultushand-
lung. Und wenn die Kultushandlung jemand anderer verrichtet, so
verliert der Religionslehrer für die Schüler, die die Kultushandlung
von jemand anderem bekommen, einen guten Teil der Impondera-
bilien für den Religionsunterricht. Und umgekehrt, der einen Kultus
verrichtet, ohne Religionsunterricht zu geben, der kommt in eine
schiefe Stellung hinein, die kaum zu rechtfertigen ist. Es ist noch
eher zu rechtfertigen, Religionsunterricht zu erteilen ohne Kultus als
Kultus ohne Religionsunterricht. Es ist der Religionsunterricht
dadurch herausgehoben von der leeren Theorie. Er ist gegründet auf
ein Verhältnis des Religionslehrers zu den Schülern. Als ich gesagt
habe, Sie sollten sich entschließen, so habe ich es mit Bezug auf den
Kultus gesagt.
X.: Das habe ich noch nicht aufgefaßt.
Dr. Steiner: Ich würde bei einem Religionslehrerjetzt, nachdem wir
die Sache vollständig eingerichtet haben, mich in erster Linie fragen,
kann er den Kultus ausführen? Sie würden auch ein falsches Urteil
gewinnen. Wenn es sich darum handeln sollte, wen ich für geeignet
halte von den hier befindlichen Freunden, so würde man sagen
können, nur die, welche ich zum Kultus geeignet finde. Religions-
lehrer könnte noch so mancher sein, aber die Kultushandlungen
könnten kaum von jemand anderem ausgeführt werden, als von bei-
den, die jetzt noch genannt sind. Sie müssen nicht böse sein, daß man
in dieser Beziehung aufrichtig sprechen muß, daß jeder wissen muß,
wofür er geeignet gehalten wird. Zunächst! Das kann sich ändern.
Zur Jugendfeier müssen die Menschen von selbst reif werden. Der
Unfug eines separaten Konfirmandenunterrichts muß aufhören.
Die Jugendfeier muß eintreten, wenn eine gewisse Reife vorhanden
ist. Aber diese Reife kann man nicht lehren. Also nicht erst unter-
richten, sondern es ist ein Konstatieren. Daher darf kein besonderer
Religionsunterricht als Konfirmandenunterricht eintreten. Es soll
auch nur der die Jugendfeier halten, der den Religionsunterricht
erteilt.
X. fragt nach der künstlerischen Ausgestaltung des Handlungsraumes.
Dr. Steiner: Ich will mir das durch die Seele ziehen lassen. Ich würde
meinen, wenn Sie ein Harmonium kriegen könnten, wäre es gut. Das
wollen wir sorgfältig feststellen, wie wir das ausbauen. Über die
sprachliche Form ist nichts zu sagen, als daß die Evangelientexte
noch fehlen. Musikalisch und in bezug auf das Bildnerische läßt es
sich mehr ausbauen. Dagegen wäre natürlich eine andere Sache zu
erwägen, die aber vielleicht schon geleistet ist. Das ist, wie es steht
mit der Teilnahme der gesamten Lehrerschaft?
Die Sache hat zwei Seiten. Es ist stark die Frage, ob in dieser Bezie-
hung etwas übereilt werden darf. Die mit Kultus durchsetzte reli-
giöse Erneuerung hätte hier den Keim in sich, etwas sehr Großes zu
werden. Dagegen höre ich aus einer Stadt, in der auch schon diese
religiöse Erneuerung arbeitet, folgendes Urteil über deren Arbeit.
„Heute steht die Angelegenheit so, daß eine religiöse Gemeinde von
hundert Mitgliedern aus nur Anthroposophen vorhanden ist, von
denen sektiererische Tendenzen vertreten werden." Sie sehen, es
sind Gefahren verbunden. Sie sind vorhanden. „Diejenigen Mitglie-
der, welche sich noch nicht angeschlossen haben, werden gepreßt."
Die religiöse Erneuerung war für Außenstehende bestimmt. Sie
müssen sich klar sein, daß diese Dinge zwei Seiten haben, und daß vor
allen Dingen auch diejenigen, die jetzt unsere anthroposophischen
Freunde sind, innerhalb dieser Schule und außerhalb dieser Schule
ihre Mission darin sehen müssen, ein wenig denen die Köpfe zurecht
zu richten, die also da auf eine abschüssige Bahn kommen könnten.
Die Dinge, die mit dem Edelsten zusammenhängen, schließen auch
die größten Gefahren in sich. Das darf nicht mit Unernst genommen
werden. Bevor nicht diese religiöse Erneuerung die absolute Probe
abgelegt hat, daß sie wahr und richtig ist, darf durchaus nicht so
etwas geltend gemacht werden, als ob man weniger respektiert
würde.
Es ist schon besser, wenn wir zunächst den Kultus für die Kinder mit
einer großen Innigkeit und Herzlichkeit einrichten, wenn wir alles
tun, wodurch die Stimmung entsteht, daß er etwas Ernstes ist, ohne
schwül zu sein, aber wenn wir auf der anderen Seite ihn so schlicht
halten, als es möglich ist.
X..- Wir haben uns einige Fragen überlegt, die wir gerne vorlegen möchten. Aus
dem Sprachunterricht heraus entstand die Frage nach dem musikalisch-sprach-
lichen und dem plastisch-malerischen Strom. In den Kursen ist oft davon die
Rede.
Dr. Steiner: Mehr noch ist angedeutet in diesem kleinen Zyklus, den
Gedächtnis p>
Tones. Die Schnecke, die mit Flüssigkeit gefüllt ist, ist ein höheres,
metamorphosiertes Gedärm des Ohres; in ihr lebt das Gefühl des
Tones. Die eustachische Trompete, darin wirkt das, was man selber
im Sprachverständnis in sich trägt, was als Wille dem Verstehen ent-
gegenkommt. In den drei Bogen, den drei halbzirkelförmigen Kanä-
len, wird der Ton im wesentlichen behalten; das ist das Gedächtnis
für den Ton. Jeder Sinn ist eigentlich ein ganzer Mensch.
Diese Dinge sind, manchmal einfach paradigmatisch gesagt, dazu da,
um solche Leute wie Baumann und Schwebsch aufzuregen, damit sie
losgehen und alle ihre Erlebnisse da heraufholen, als ein Buch über
solche Bemerkungen. Sie haben heute morgen solche Sachen gesagt.
Man muß das alles spezifizieren. Es wird ihnen plausibel erscheinen.
Es wird gebeten, Herr Doktor möge nach Weihnachten den Neubau eröffnen.
Dr. Steiner: Das erste, was mir wichtig scheint, wäre, daß ich
hören könnte, wie sich in der kurzen Zeit die Praxis des neuen
Stundenplans gestaltet hat. Ob es sich als eine mögliche hat beob-
achten lassen.
X.; Der Briefeines Vaters läßt eine Verschlechterung erkennen.
Dr. Steiner: Das sind solche Stimmungen, die zur praktischen Beur-
teilung dazugehören. Es fragt sich nur, wodurch ist dies gerade ent-
standen, daß solch ein Bub in der 4a bis 6 Uhr 50 Schule hat.
X.: Eine Sprachstunde mußte auf den Nachmittag verlegt werden, und darauf
folgte Handarbeit.
X.: Alles in allem ist es keine Verschlechterung.
Dr. Steiner: An sich müßte es ja so sein. Es ist keine Vermehrung
eingetreten, sondern eine Verminderung. Es ist eine Konzentration
des Unterrichts.
X. über eingetretene Freistunden.
Dr. Steiner: Nun, es würde sich ergeben, wenn wir mehr Lehrer
anstellen könnten, daß diese Freistunden wegfallen. Was tun die
Schüler während der Freistunden?
X.: Sie werden in einer Klasse zusammen beaufsichtigt. Die Größeren arbeiten
für sich.
Dr. Steiner: Solch einen Brief müßte man dahin beantworten, daß
man auf den gegenüberstehenden Vorteil aufmerksam macht. Es
müssen sich doch Vorteile ergeben.
X.: In 8a und 8b kommen die Vorteile nicht zur Geltung, sondern die Nach-
teile.
Dr. Steiner: Das würde als unumgänglich bezeichnet. Ist es denn so
auffällig? Nicht wahr, die Stundenzahl hat sich nicht vermehrt.
X.: Es ist auch nur ein vorübergehender Nachteil, solange nachmittags Hand-
werksperiode ist.
Dr. Steiner: Die Sache ist so, daß es auch wohl nur für die trübsten
Wintermonate so sein kann. Verhältnismäßig fängt der Unterricht
spät an, um 81/2 Uhr. Ich habe immer angenommen, daß es aus
Ersparnis geschieht. Wir könnten auch sagen, wenn die Eltern uns die
Beleuchtung zur Verfügung stellen, fangen wir um 8 Uhr an. Das sind
Dinge, bei denen man ja fragen kann, ob die Eltern sie haben wollen
oder nicht. Da käme es nur auf die Majorität der Eltern an. Wir
können eine halbe Stunde früher anfangen und Licht haben.
Es könnte eine Elternumfrage gemacht werden, wo man den Eltern
die grundsätzliche Frage des Stundenplans erklärt. Was dieser Brief-
schreiber hauptsächlich tadelt, ist, daß der Vater seine Kinder nicht
sieht. In bezug auf seinen Sohn bedauert er, daß er einmal bis
1
(2 8 Uhr braucht, um nach Hause zu kommen. Es würde sich darum
handeln, daß man eine Umfrage anstellt. Man könnte ihn fragen, ob
er die Kosten trägt, daß wir um eine halbe Stunde früher anfangen.
Der Turnlehrer: Die Kinder haben gefragt, ob sie die Turnstunde nicht von
7.30 bis 8.30 Uhr früh haben können.
der Lehrer hören möchte, was sich von der Praxis ergeben hat. Bei
den Eltern kann man Umfrage halten; Schülerkritik kommt nicht in
Betracht. Was vom Standpunkt der Lehrer zu sagen ist, das ist das,
was ich anfangs meinte.
Mehrere Lehrer berichten.
Eine Handarbeitslehrerin: Kann man den Buben in den höheren Klassen den
Handarbeitsunterricht wahlfrei lassen? Die Mädchen haben gebeten, ob die
Buben wegbleiben können. In den Klassen, die heranwachsen, machen die
Buben gern mit, nicht aber die neu Hinzugekommenen.
Dr. Steiner: Wie sollen wir das machen? Wir haben in unserem Lehr-
plan diesen Handarbeitsunterricht entsprechend aufgenommen, was
nicht begründen würde, daß man variiert. Das kann nicht geschehen,
daß man ihn wahlfrei läßt. Wie soll man das machen? Da müßte man
es zum Prinzip machen, daß die Kinder nur zu dem kommen, was
ihnen paßt.
Man kann innerhalb des Unterrichts variieren. Wir haben schon gute
Möglichkeiten, zu variieren. Man kann den Kindern die verschieden-
sten Beschäftigungen geben, es braucht nicht gleichmäßig zu sein. Es
kann von der 8., 9. Klasse ab meinetwillen so sein, daß man die
Buben anders beschäftigt als die Mädchen. Wenn wir es wahlfrei
lassen, so durchbrechen wir unseren Lehrplan.
X.: Ich möchte bitten, den Unterricht in Stenographie wahlfrei zu geben. Die
Kinder machen keine Hausaufgaben.
Dr. Steiner: Es ist schade. Wann fangen wir den Unterricht an? In
der 10. Ich kann nicht verstehen, warum sie nicht wollen sollen.
Viele Dinge werden zu stark so beurteilt, daß wir uns oft nicht
bewußt sind, daß wir eine andere Lehrmethode und einen anderen
Lehrplan haben als an anderen Schulen. Nicht wahr, jetzt, nachdem
ich öfter in den Klassen war, kann ich sagen, daß die Ergebnisse, die
da kommen, wenn dies, was man in der Welt Waldorfschul-Methodik
nennt, angewendet wird, daß die Ergebnisse da sind. Und die Ver-
gleichung mit anderen Schulen ergibt tatsächlich, daß insofern die
Waldorfschul-Pädagogik angewendet wird, die Ergebnisse da sind. Es
müßte eigentlich immer die Frage diese sein, wenn irgendwo noch
keine Ergebnisse da sind, ob wir da nicht vielleicht doch unbewußt
die Methodik nicht anwenden.
Ich möchte nicht hart sein, nicht jedesmal muß das mit einem Sturm
abgehen, es ist nicht überall die Waldorfschul-Methodik angewendet.
Es wird manchmal in gewöhnlichen Schulschlendrian verfallen. Wo
sie angewendet wird, da sind die Resultate da. Wenn auch die Ergeb-
nisse des Sprachunterrichts ungleich sind, es sind ganz tüchtige
Ergebnisse da. Es sind ganz tüchtige Ergebnisse in den unteren Klas-
sen dessen, was man sonst Schönschreib-Unterricht nennt. Beim
Rechnen habe ich das Gefühl, als wenn vielfach die Waldorfschul-
Methodik nicht angewendet würde.
Also ich glaube doch, daß es notwendig ist, daß wir uns immer die
Frage stellen, wie müssen wir unter den geänderten Bedingungen
arbeiten? Natürlich ist es leichter zu arbeiten, wenn man am Ende
des Schuljahrs ein Drittel durchfallen läßt, während wir sie mit-
schleppen. Das gibt andere Bedingungen. Wenn wir dann dieselben
Maßstäbe anlegen, wenn wir in derselben Weise denken, kommen wir
nicht weiter. Dann müßten wir auch die Schüler durchplumpsen
lassen. Man kann nicht das eine ohne das andere haben.
Auf der anderen Seite muß man auch das bedenken: die Arbeiten,
die zuhause gemacht werden, müssen gerne gemacht werden. Es muß
ein Bedürfnis dazu da sein, daß man es erreicht. Wenn man Lehrer an
staatlichen Zwangsschulen ist, wo einem nichts daran liegt, wo man
also überhaupt wie ein Sklavenhalter vorgeht, dann ist man in einer
anderen Lage. Das Kind bringt die Aufgaben nicht, und man bestraft
es. Die Schüler würden uns davonlaufen; wenn wir so wären wie eine
andere Schule, würden sie uns davonlaufen. Wir müssen es dahin
bringen, daß die Kinder ihre Aufgaben gern machen. Aber nicht
wahr, die Arbeiten sind sauber.
Manchmal muß ich sagen, habe ich das Gefühl — und deshalb arbeite
ich so sehr mit dem Gedanken, daß eine Entlastung der Lehrer ein-
tritt —, daß eben nicht die nötige Frische bei den Lehrern vorliegt,
um den Unterricht so zu machen, daß Wurf darin ist. Wurf, Schneid
gehört in unsere Unterrichtstätigkeit; daran liegt viel mehr als an
anderen Dingen. Man muß halt, zum Beispiel wenn ein Junge keine
Handarbeit machen will, muß man nachdenken, was gibt man ihm,
daß er hineinkommt. — Stenographie, das habe ich nur erlebt, daß es
spielend erlernt worden ist, ohne viel Hausarbeit. Ich konnte leider
nicht teilnehmen, daß ich gesehen habe, was Sie für eine Methode
anwenden, aber wie erklären Sie den Kindern die Stenographie?
X.: Ich habe einen einleitenden Vortrag gehalten über das geschichtliche Wer-
den, dann habe ich die Vokale beigebracht.
Dr. Steiner: Sie erreichen schon eine wesentliche Anregung, wenn
Sie sogleich, wenn Sie die Laute beibringen, auch Sigel beibringen.
Dies hängt mit dem zusammen, was wir überwinden müssen. Was
heißt,,nicht Wollen" der Schüler?
X: Eine Schülerin sagt, Stenographie brauche ich nicht. Ich will mich nur mit
der Kunst beschäftigen.
Dr. Steiner: Es muß eins das andere tragen. Dieses Urteil braucht
nicht da zu sein: Wozu brauche ich etwas. — Es müßte der erziehe-
rische Unterricht daraufhin veranlagt sein, daß ich zu einem Schüler
nur zu sagen brauche: Sieh mal, wenn du Künstler werden willst,
dann brauchst du eine ganze Menge von Dingen, die du dabei ver-
wenden mußt. Du mußt dir nicht vorstellen, daß man einfach
Künstler wird. Man muß allerlei hinzulernen, was nicht direkt mit
der Kunst zusammenhängt. Du kannst als Künstler dennoch sehr
stark in die Lage kommen, Stenographie zu benötigen. Es hat einen
Dichter gegeben, Hamerling, der hat gesagt, daß er nicht hätte
bestehen können, ohne Stenograph zu sein. — Wir müssen unsere
Erziehung so einrichten, daß es sogleich verfängt, wenn der Lehrer
etwas sagt. Dies ist etwas, was natürlich da sein muß. Stenographie
fangen wir in der 10. Klasse an. Nun müßten die Kinder soweit sein,
so etwas verstanden zu haben, daß man nicht sagt, wozu brauche ich
das im Leben?
X.: Die Kinder haben schon gefragt, ehe es angefangen hat. Einige haben auch
schon Stolze-Schrey gehabt.
Dr. Steiner: Das ist ein realer Zwiespalt. Das ist etwas, das dazu
führen könnte, daß man einmal, wenn eine genügende Anzahl von
solchen da sind, die Stolze-Schrey lernen wollen, daß man für diese
einen besonderen Unterricht gibt.
Es wird gefragt wegen des Engländerbesuchs.
Dr. Steiner: Nicht wahr, bei diesem Engländerbesuch wird viel
davon abhängen, daß wir überhaupt eine Besuchsstimmung ent-
wickeln, die uns erscheinen läßt als Leute, denen „Besuch bekom-
men" eine Realität ist. Nicht wahr, wenn wir deutschen Besuch
bekommen, haben wir das vielleicht bis jetzt nicht so empfunden.
Die Engländer werden fürchterlich enttäuscht sein, wenn sie so
empfangen werden, wie Besuche überhaupt in der Waldorfschule
empfangen werden. Das ist etwas, ich will nicht heute anempfehlen,
daß Sie sich in den Freistunden mit Knigge beschäftigen, aber es gibt
etwas, was ein natürlicher Knigge ist. Es ist etwas anderes, wenn man
sozusagen im Lehrerkollegium verkehrt, als wenn man einen Besuch
hat. Und dieses, sich überhaupt in eine Empfangspositur versetzen,
das ist etwas, was natürlich in erster Linie noch notwendig wäre. Das
meine ich nicht nur in bezug auf die Äußerlichkeiten, sondern in
Dr. Steiner: Das ist sehr gut, wenn man so etwas macht. Aber ich
meine mehr die Stimmung. Man kann natürlich sagen, man hätte
überhaupt die Leute nicht kommen lassen sollen. Wir können das
nicht gut vermeiden, daß sie kommen. Sie müssen hingewiesen wer-
den auf die Eigentümlichkeit der Methodik im Unterricht. Dazu muß
man die Gelegenheit haben.
Manchmal, wenn man irgend etwas sagt, so kommt es so, als wenn
man von den Blüten am Morgen den Tau herunternehmen würde. Es
ist alles leicht zu sagen im zusammenhaltenden Vortrag. In bezug auf
die einzelnen konkreten Fragen nimmt es sich philiströs aus. Dann
ist es so, wie wenn man den Tau herunterpflückt. Es liegt am Wie. Es
sieht auch so aus, als ob man jemandem etwas zu Gut oder zu
Schlecht tun will. Also, ich will sagen — ich darf das heute sagen, weil
schließlich es nicht so aussehen würde, als ob ich Dr. B. loben
würde — er findet, selbst wenn ich in die Klasse komme, es richtig,
tägigen Besuch nicht erreichen, als daß die Leute vor der Waldorf-
schul-Methode Respekt kriegen. Aber daß sie Respekt bekommen,
das müssen wir erreichen. Sie müssen nicht vergessen, es gibt keine
Möglichkeit, das Wort „Philister" in englischer Sprache auszu-
drücken. Das Spezifische des Philisters kann der Engländer nicht
ausdrücken. Dasjenige, was man am meisten ist, drückt man nicht aus
in seiner Sprache. Nun haben die Deutschen so viel angenommen von
den Engländern, daß sie fast unfähig sind, das Wort „Philister" mit
der nötigen Gefühlsnuance auszusprechen. Aus der Waldorfschule
muß alles Philisterhafte heraus.
X.: Soll man die Kinder schon jetzt aufmerksam machen?
Dr. Steiner: Das würde ich für falsch halten. Das, was ich sage, ist
innerhalb der Mauern gesagt. Außerhalb der Mauern muß man die
Sache so deichseln, daß man den Besuch so betrachtet, wie wenn er
einem selbstverständlich wäre. Ja das nicht! Diese Sache so machen,
als ob man es neben seinem Leben einhergehen ließe. Das dürfen die
Leute nicht bemerken: Nicht daß man die Leute in den Glauben
einhüllt, daß man Vorbereitungen gemacht hat, sondern die müssen
die Meinung haben, das geniert uns überhaupt nicht. Rücksicht auf
sie zu nehmen, da ist keine Rede davon. So wenig wie möglich
Rücksicht nehmen.
X.; Werden die Kinder nicht von zu Hause Widerspruch mitbringen?
Dr. Steiner: Ich war in der Schule eines Mannes, der auch kommen
wird. Ich bin durch alle Klassen durchgegangen des Mr. Gladstone.
Die Kinder wußten so gut, daß ich ein Deutscher bin, wie hier die
Kinder wissen werden, daß es Engländer sind. Aber es ist natürlich,
ich bin als Besuch behandelt worden.
X..- Ich würde einen englischen Besucher immer bitten, etwas zu erzählen.
Dr. Steiner: Ich würde eher selbst erzählen. Sie verstehen doch, daß
eigentlich alle anderen Stunden sie interessieren sollen, aber der eng-
lische Unterricht kann sie eigentlich nicht interessieren. Ich würde
auf eine sehr höfliche Weise begreiflich machen, daß mir nichts daran
liegt, wenn er ihn schlecht findet. Wenn er etwas sagt, sagt man, das
würde ich auch sagen, wenn ich bei Ihnen den Deutschunterricht
hören würde. Sie sehen, wie sehr ich Ihnen recht gebe. Darauf
kommt es schon an. Ja nicht den Eindruck machen, als ob einem an
ihnen etwas läge, aber sie als Besuch behandeln. Das ist es immer, die
Leute fühlen sich mehr als Besuch behandelt, wenn das, was
Nehmen Sie — warum soll man nicht auch sprechen von Goethes
„Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie". Wahr-
scheinlich haben Sie es getan, das sieht Ihnen ganz gleich. Warum soll
man nicht Rücksicht nehmen, daß die Geschichte mit den Königen,
aber bildhaft gleich, in der ,,Chymischen Hochzeit" bei Johann
Valentin Andrea auftritt, wo Sie die Bilder der Könige auch haben.
Wenn Sie da zurückgehen, werden Sie sehen, daß Sie auf ganz natur-
gemäße Weise auf Beziehungen der Artus-Sage und Gralssage kom-
men. Sie kriegen das Esoterische der Gralssage und Artus-Sage und
haben die ganze Eigenheit der Kulturarbeit, als eine innerliche auf-
gefaßt, indem die Artus-Tafelrunde sich die Aufgabe gestellt hat, die
Dumpfheit, den dumpfen Aberglauben beiden Leuten zu zerstören,
und die Gralsburg sich die Aufgabe gestellt hat, das äußerliche Leben
zu verinnerlichen in einer geistigen Weise. Man hat die Möglichkeit,
den „Parzival" innerlich zu vertiefen, und auf der anderen Seite ihn
in die Zeit hineinzustellen. Sie finden Andeutungen in den Zyklen,
ebenso Andeutungen über den ,,Armen Heinrich", der auch histo-
risch beleuchtet werden kann, das Motiv der Opferwilligkeit. Die
moralische Weltauffassung hatte man mit der physischen Weltauf-
fassung in eins, was sofort verlorengeht im nächsten Zeitalter. Im
15. Jahrhundert könnte so etwas, wie der ,,Arme Heinrich", nicht
mehr geschrieben werden.
Dann habe ich einen Vergleich gemacht zwischen dem Parzival und
dem Simplicius von Grimmeishausen. In der Zeit dieses Christoffel
von Grimmeishausen war man tatsächlich bereits so weit, daß man
das Parzival-Problem nur noch humoristisch behandeln konnte. Man
findet die Form noch im Simplizissimus in Nachklängen. Das ist
literarhistorisch darin.
Wenn man bis in die Gegenwart heraufgeht, dann sind die Dinge
furchtbar verdeckt. Und trotzdem soll man die Sachen aufdecken.
Und es ist gut, wenn man manches aufdeckt. Nehmen Sie die Unter-
weisung des Parzival durch Gurnemanz, so kann die Frage auf-
tauchen, tritt der Gurnemanz noch im 19. Jahrhundert auf? Ja, und
zwar — man muß die Situation nehmen —, das ist der Trast in Suder-
manns „Ehre". Da haben Sie den Trast und den unerfahrenen
Dummen, den Robert. Das ist eine richtige Gurnemanz-Figur. Sie
werden alle diese Züge ins Alberne übersetzt finden. Dann wie-
derum hat man Gelegenheit, darauf hinzuweisen, daß Robert eine
Art Faust ist, wieder ins Alberne übersetzt, und Trast eine Art
Mephisto. Sudermann ist ein alberner Kerl, es ist alles ins Alberne
übersetzt. Da hat man Gelegenheit, diese ungeheure Verober-
Dr. Steiner: Das vermeidet man. Sie können eine wichtige Sache
ausführen. Es gibt die Möglichkeit, den Wagnerschen „Parsifal" mit
den Kindern zu besprechen und dabei die bedenklichen Dinge zu
vermeiden; auf die Weise erreichen Sie dies, daß später diese Stel-
len auch mit einer viel größeren inneren Reinheit aufgenommen
werden, als sie heute aufgenommen werden.
X..- Ich wollte bitten, ob ich über das Methodische etwas hören könnte.
Dr, Steiner: Ich verstehe nichts von Ihrer Frage. Geht es nicht aus
der Sache selbst hervor? Sie haben Verschiedenes zu den Schülern
gesagt. In den Dingen selbst liegt es. Sie haben sich so verhalten, daß
die Schüler nach und nach sich eigentlich mehr so benommen haben,
daß die Konsequenz herausgekommen ist, daß man das Lehrer-
kollegium auf die Schulbank und die Schüler zu Lehrern hätte
machen können. Alles was damit zusammenhängt, mit der Theorie.
Sie müssen die Dinge viel natürlicher nehmen. Es ist nichts, wenn Sie
sagen, wir müssen die Schüler fragen, wenn wir wissen wollen, was
wir tun sollen. Solche Sachen müssen Sie halt nicht wieder tun.
X,: Ich hatte den Eindruck beim Nibelungenlied in der 10. Klasse, ich komme
wieder an die Klippe, weil ich vom Sprachlichen nichts verstehe.
Dr. Steiner: Sehen Sie, da ist es schwer, in allgemeinen Prinzipien zu
reden. Es kommt auf Einzelheiten an. Ich meine eigentlich, daß das
Sprachliche, richtig behandelt, immer die Schüler interessiert.
Gerade etwas, was aus dem Organismus der Sprache herausgeholt ist,
müßte die Schüler immer interessieren. Da meine ich, daß das Zu-
sammenwirken der Lehrer viel Gutes stiften könnte. Zum Beispiel
der Herr Boy hat in seiner Klasse ganz interessante Dinge vor-
gebracht, die die Schüler interessiert haben, trotzdem sie eigentlich
so waren, daß eine ganze Anzahl philologisch Durchgeprüfter sie
nicht beachtet. Diese Sachen sind, trotzdem sie Regeln sind, sie sind
interessant. Alles Sprachliche ist interessant. Aber es ist schwer, im
allgemeinen etwas zu sagen. Was ich zu sagen gehabt habe, habe ich
in meinem Sprachkurs gesagt. Da habe ich an einzelnes angeknüpft.
Im allgemeinen etwas zu sagen, ist nicht möglich. Da könnte doch
viel geleistet werden, wenn wirklich dasjenige, was die einzelnen
wissen und die anderen nicht wissen, wenn die das immer den ande-
ren sagen würden. Es könnte doch eine Zusammenarbeit nach dieser
Richtung geschehen. Es ist schade, daß so viel Wissen hier ist, und die
anderen es nicht auch lernen. Es könnte wirklich im Lehrerkolle-
gium ein großes Zusammenwirken sein.
X.: Ich kann kein Mittelhochdeutsch.
Dr. Steiner: Ich weiß nicht, ob darauf viel ankommt. Ich habe einen
Professor gekannt, der über griechische Philosophie vorgetragen hat,
und der den Aristoteles nie ohne Übersetzung lesen konnte. Es han-
delt sich darum, daß man in den Organismus der Sprache hinein-
kommt. Wer kann denn überhaupt so besonders gut mittelhoch-
deutsch? Die anderen Lehrer können Ihnen doch viel sagen.
X.: Ich konnte es nicht gut aussprechen. Herr Doktor hat es dann vorgelesen.
Dr. Steiner: Es lesen es nicht alle gleich. Es ist nach Dialekten
gefärbt. Wir sprechen alle verschieden Hochdeutsch. Es kommt bei
einzelnen Dingen darauf an, daß man nicht so redet, wie der Öster-
reicher das Hochdeutsch redet.
X..- Sie meinen doch, daß man nur einzelne Proben gibt aus dem Urtext.
Dr. Steiner: Der Wolframsche „Parzival" ist für Schüler urlangweilig.
Nun ist einer unter ihnen, der übersetzt ihn. — Es kann vorkommen,
daß Sie nach Paris schreiben, um sich ein Buch zu verschaffen, was
Sie schneller kriegen würden, wenn Sie hier Herrn B. fragen würden,
ob er es leihen kann.
X.: Man kann an das Etymologische anknüpfen.
Dr. Steiner: Ich möchte überhaupt, daß in bezug auf die Sprachen
das Formal-Ästhetische und Formal-Moralische, das Formal-Spiri-
tuelle, aber das Inhaltlich-Formale gegenüber dem Formal-Gramma-
tischen hervortritt. Das kann für alle Sprachen gelten. Das soll her-
vortreten. Solch ein Wort wie „saelde", das ist wirklich sehr inter-
essant zu behandeln. Auch ,,zwifel". Es läßt sich viel darüber sagen.
Auch über ,,saelde", das mit der ganzen Seele verwandt ist.
X.; Könnte Herr Doktor von der geisteswissenschaftlichen Seite etwas sagen?
Dr. Steiner: Da brauchen Sie nur in ,,Wie erlangt man Erkenntnisse
der höheren Welten? " nachlesen. Über literarische Probleme gibt es
in der letzten Zeit viele Sachen, viele Dornacher Vorträge, die Stef-
fen sehr interessiert haben.
X. fragt nach der Periodizität des Kunstunterrichts auf den einzelnen Stufen.
Ich komme am Montag in die 9. Klasse. Ich habe über die Motive in Albrecht
Dürers Schwarz-Weiß-Kunst gesprochen.
Dr. Steiner: Das kann man sehr gut machen. Meinen Sie wirklich,
daß die vielerlei Dinge in der „Melancholie" als Attribute aufzufas-
sen sind bei Dürer? Ich meine, der Unterschied zwischen Dürer und
Rembrandt ist der: Rembrandt faßt das Problem Hell-Dunkel ein-
fach als Hell-Dunkel katexochen auf, während Dürer das Problem so
faßt, daß er das Hell-Dunkel an möglichst vielen Gegenständen zei-
gen will. Die vielen Dinge sind in der „Melancholie" eben nicht als
Attribute aufzufassen, sondern mehr in der Richtung, daß er alle
möglichen Gegenstände hineinlegt. Ich sehe vielmehr darin bei Dürer
das Problem: Wie nimmt sich das Licht aus, indem es von verschie-
denen Gegenständen her reflektiert wird. Bei Rembrandt ist das
Zusammenwirken von Hell und Dunkel an sich das Problem. Das
meine ich, das ist es. Dem Rembrandt würde das Problem der
,,Melancholie" nicht in dieser Weise aufgegangen sein. Der hätte es
viel abstrakter gemacht; Dürer ist konkreter. So meine ich, daß man
schon die Linien ganz fein machen wird.
X.: Ich wollte das Problem des Nord-Südlichen hineinlegen, und dann das Pro-
blem des West-Östlichen.
Dr. Steiner: Im Unterricht kann man das Hell-Dunkel bei Rem-
brandt kontrastieren mit der Malerei der südlichen Kunst. Solassen
Verbum abgestoßen wird, wird ein Vokal ausgestoßen, und das ist
ein Konsonantischwerden, ein Veräußerlichtwerden, Im Englischen
kann jeder Laut ein Verbum werden. Ich kenne eine Dame, die alles,
was ihr unterkommt, zu einem Verbum macht. Ich will sagen,
jemand sagt: ah! Die Dame sagt: „Derhatgeaht."
Wir wollen sehen, daß wir möglichst bald mit der Sache zurecht-
kommen.
Es wird die Bitte eines Lehrers vorgetragen, Herr Dr. Steiner möge die Konfe-
renz mit einer Ansprache einleiten.
haben: Es ist ein eigentliches Turnen für die zwei ersten Klassen
verfrüht, dagegen sollten systematische Spiele mit ihnen getrieben
werden. Dieses systematische Spielen müssen wir, sobald wir Luft
atmen können, doch einführen, so daß in der 3. Klasse der Übergang
gemacht werden könnte vom Spielen zum eigentlichen Turnunter-
richt. Bewegung müssen die Kinder haben, richtige Bewegung.
Der Turnlehrer; Man könnte ohne Vermehrung der Stunden die 1. und
2. Klasse dadurch dazunehmen, daß man nur eine Stunde gibt.
Dr. Steiner: Sie haben für die 3. Klasse zwei Stunden.
Wie steht es mit dem Eurythmieunterricht in den verschiedenen
Klassen?
Eine Eurythmielehrerin: Die 1.—5. Klasse haben je eine Stunde, die
6.—11. Klasse je zwei Stunden.
Der Turnlehrer: Die große Zahl der Unterrichtsstunden in der 10. und
11. Klasse hat es notwendig gemacht, daß eine Turnstunde in der Woche auf
die Zeit gelegt wird, die dem periodischen Handwerksunterricht zugeteilt ist.
Dr. Steiner: Das Turnen verliert weniger als der Handwerksunter-
richt, wenn eine Stunde wegfällt. Wenn die Frage wäre um einen
ohne manuelle Fertigkeit zu vollziehenden Unterricht, so könnte
man darüber reden; da aber die Kinder doch beim Handwerksunter-
richt in leiser Weise turnen, so scheint mir das gebotener zu sein. Es
ist doch so gelegt, daß der Turnunterricht spätere Stunden nicht
beeinträchtigt?
X.: Die Spielstunden könnten wir einrichten.
Dr. Steiner: Wir haben keine Lehrkraft, wir können jetzt kaum
daran denken, die Sache weiter auszubauen. Bis zum Ende dieses
Schuljahres wird es nicht möglich sein, die Überlastung aufzuheben.
Der Turnlehrer: Von Überlastung ist bei uns nicht die Rede.
Dr. Steiner: Fünfzehn Stunden sind genug. Wenn Sie fünfzehn Stun-
den haben, so müssen Sie täglich zwei bis drei Stunden geben; das ist
für Turnstunden viel.
Der Turnlehrer: Wir wollen uns helfen.
Dr. Steiner: Das ist richtig. Es muß auf folgendes Rücksicht genom-
men werden. Auch der Turnunterricht muß bei einer Schule wie
unserer in einer gewissen Weise ausgebaut werden. Das kann aber erst
nach und nach geschehen. Es ist sehr leicht möglich, daß wir schon
im nächsten Jahr dazu kommen, daß in der 12. Klasse der Turn-
Dr. Steiner: Wir sind ja hier nicht Stoffhuber. Es kommt nicht auf
den Wochenstoff an.
X.: Soll man in der 10. Klasse im Französischen eine zusammenhängende
Lektüre machen?
Dr. Steiner: Eine andere Lektüre könnte schon gemacht werden.
Eine Lektüre sollte man schon durchführen, wenn sie auch nur wenig
lesen. Haben Sie selbst sich etwas ausgedacht? Ich meine doch, daß
Sie etwas Kürzeres wählen, was fertig werden könnte in den zwei-
einhalb Monaten. Ich weiß nicht, ob es nicht das beste ist, in einer
solchen Klasse etwas Biographisches zu lesen. Es gibt ein nettes
Büchlein „La vie de Moliere".
Frau Dr. Steiner: Enfants celebres.
Dr. Steiner: Ich würde besonders empfehlen irgend etwas Bio-
graphisches.
X.: Im Latein habe ich Livius gelesen. Vorgesehen ist Somnium Scipionis. Ich
habe Horaz eingeschoben und werde je ein bis zwei Oden lesen und auswen-
dig lernen lassen.
Dr. Steiner: Sie würden dann aber doch Cicero nehmen?
X.: Im Englischen in der 10. Klasse habe ich „The Tempest" vollendet. Jetzt
habe ich Auszüge aus „Childe Harold's Pilgrimage" durchgenommen.
Dr. Steiner: Ich würde schon vorziehen, nicht Auszüge, sondern
etwas Ganzes zu lesen. Die Auswahl im Englischen ist nicht leicht.
Sobald man über Shakespeare hinauskommt, wird die Sache schwie-
ri
g-
Es geht gut an, in der 10. Klasse Macaulay zu lesen. Es hängt ganz
von der Behandlung ab. Dies ist doch das Lebensalter, wo die Kinder
sich gewöhnen sollen an die breite und behagliche Art, zu charakte-
risieren. Besonders die biographischen Charakteristiken, zum Bei-
spiel die Charakteristik von Luther, das alles ist für das fünfzehnte
Lebensjahr sehr nützlich. Für das spätere Alter ist das nicht mehr
geeignet; da wird es ihnen langweilig. — Dagegen meine ich, daß es in
der 11. und 12. Klasse gut angehen würde, auch Carlyle und Emer-
son zu lesen. Walter Scott sollte man zur Privatlektüre empfehlen.
Emerson und Carlyle sind Klassenlektüre. Emerson hat die ganz
kurzen Sätze.
Es wird gefragt wegen eines neu angemeldeten Kindes,
Dr. Steiner: Sie könnte in die 9. Klasse kommen. Sie kann in den
Es wird gefragt wegen der englischen Lehrer, die die Waldorfschule besucht
hatten.
unfug, daß man die Fehler immer nur beim anderen sucht. Wenn wir
in diesen Fehler verfallen wollen, hören wir auf, eine Anthroposo-
phische Gesellschaft zu sein. Woanders ist wahrhaftig nicht ein
Musterbild des anthroposophischen Wirkens, wenn es die Lehrer-
schaft nicht sein will. Wenn sie nicht hervorrufen will die Begeiste-
rung für die anthroposophische Sache, dann weiß ich nicht, wie man
die anthroposophische Sache retten soll. Das ist wirklich notwendig.
Die Dornacher Katastrophe ist die Kulmination in bezug auf die
Gegnerschaft. Vorangehen in dem anthroposophischen Verhalten
sollte die Waldorfschul-Lehrerschaft. Das wäre schon notwendig.
Es wird eine Frage gestellt.
Dr. Steiner: Ich bin gern bereit, Auskunft zu geben. Dies, was ich in
der letzten Zeit über Unmethoden gesprochen habe, hat sich auf die
Handhabung der anthroposophischen Angelegenheiten bezogen,
hängt nicht zusammen mit der Unterrichtsmethodik hier. Was ich in
dieser Richtung zu sagen habe, darauf habe ich aufmerksam
gemacht. Heute morgen kann ich nicht sagen, daß sich etwas Beson-
deres ergeben hätte. Ich fand heute morgen das Wenige, was ich
gesehen habe, befriedigend. Ich hätte gedacht, daß ein guter Ab-
schluß geschehen würde. Es ist zum Beispiel deutlich zu bemerken,
daß in den höheren Klassen jetzt eine größere Seriosität vorhanden
ist. Es ist ein viel besserer Ton in den höheren Klassen vorhanden. Ich
kann nicht finden, daß da etwas zu sagen wäre. Insofern die Lehrer-
schaft beteiligt ist an der Gesamtführung der Anthroposophischen
Gesellschaft, sprach ich von Unmethoden.
(Zu einem Lehrer:) Mein lieber Doktor, Sie werden gut tun, wenn
Sie die innere Schulmethodik beim Nachdenken bis morgen sorgfäl-
tig auslassen.
Mit der Schulmethodik werden wir schon fertig. Die Waldorfschule
hat bewährt, was in ihr als Impuls liegt. Es sind Einzelheiten vor-
gekommen, aber im ganzen hat die Waldorfschule dasjenige bewährt,
was in ihr liegt. Da werden wir schon fertig. Wir werden ganz gewiß
mit der inneren Methodik und Didaktik es schon weiterbringen.
Neben dem, was im Allgemein-Anthroposophischen in Betracht
kommt, kommt etwas anderes in Frage. In bezug auf die Methodik
und Didaktik könnten wir den Versuch machen, die ganze Sache von
der Erde wegzuheben und auf den Mond hinaufzurücken. Wir
könnten dort die Sache vervollkommnen. Aber das können wir mit
dem anthroposophischen Wirken nicht. Mit der Schule werden wir
schon fertig. Das ist ein isoliertes Gebiet, das sich auch isoliert erhal-
ten läßt.
Dr. Steiner: Ich möchte einiges sagen in bezugauf die Dinge, die mir
jetzt durch die Seele gezogen sind bei diesem Besuch in der Schule,
und zwar mit Bezug auf die Wände. Nicht wahr, jetzt, wo alles in der
neuen Umhüllung erscheint, ist es noch auffälliger als früher, daß es
bei einer Schule nicht gut angeht, daß da und dort ein verlorenes und
nicht gerade ausgezeichnetes Bildchen hängt. Es wäre schon not-
wendig, daß auch in dieser Beziehung unsere Schule nicht gerade
einen hervorragend unkünstlerischen Eindruck machen würde.
Nun ist es selbstverständlich, daß in diesem Stadium nicht Ideale
erfüllt werden können, aber wenigstens scheint es mir gut zu sein,
wenn wir Ideale so vor uns haben, daß wir uns in der Richtung nach
ihnen bewegen können, wenigstens mit unserem Denken, so daß
zuletzt irgend etwas nach dieser Richtung herauskommen könnte.
Ich meine, daß Sie das, was ich sage, nicht wiederum so auffassen
sollen, wie manchmal solche Dinge aufgefaßt werden, wenn man
zum Beispiel genötigt ist zu sagen: Das und dies ist der Unterschied
zwischen Fleisch- und Pflanzennahrung, so ziehen die Leute gleich
die Konsequenz des Agitierens.
Nehmen Sie es also als die Hinstellung eines Ideales: Wie eigentlich
aus unserer Pädagogik selbst heraus die künstlerische Ausgestaltung
der Schulzimmer sein sollte. Es würde sich dann so zu erweitern
haben, daß vielleicht auch dasjenige, was wir im Schulzimmer fin-
den, in der Nähe des Schulzimmers auf den Wänden in ähnlicher Art
zu finden wäre.
Eine gewisse Ausgestaltung durch Bildwerke ist in den Schulzim-
mern schon zweifellos notwendig. Nicht weil ich denke, daß wir das
morgen einführen sollen, sondern damit wir eine Orientierung haben
sollen, wie das im Sinne unserer Pädagogik sich ausnimmt, möchte
ich dasjenige, was sich mir ergeben hat, mitteilen.
Wir haben die unteren Klassen; bei denen würde es sich tatsächlich
mehr handeln müssen um das Stoffliche desjenigen, was bildhaft den
Kindern geboten wird, während man allmählich zum Künstlerischen
auf der einen Seite, wie zu den mehr praktischen Angelegenheiten
des Lebens übergehen kann. Ich werde nur die Hauptsachen heute
nennen, und es kann sich im Laufe der Zeit die Sache wesentlich
vertiefen. Es wird sich darum handeln, daß auch da, wo das Stoff-
liche die Hauptrolle zu spielen hat in bezug auf die künstlerische
Ausgestaltung, daß auch da selbstverständlich nicht irgendeine phili-
rend vor sich hat, so daß man in der 9. Klasse auf der einen Seite
künstlerische Bilder von Giotto oder Ähnliches hat, aber in derselben
Klasse Situationsbilder, ganz technisch, eine Wiese, eine Hutweide,
einen Laubwald, einen Nadelwald, aber jetzt nicht künstlerisch,
sondern technisch, reine Musterbeispiele, wie man Situationspläne
macht; die würden an einer Wand hängen, und die hintere Wand
könnte zum Beispiel Giottos haben. Ebensogut könnte in der
9. Klasse eine Himmelskarte sein, wo man die einzelnen Sternbilder
zusammenfaßt mit starken Figuren, mit stilisierten Himmelsfiguren,
so wie es früher auf Himmelskarten vorhanden war.
In der 10. Klasse, wo man es mit Fünfzehn-bis Sechzehnjährigen zu
tun hat, würde es sich darum handeln, nun etwa Holbein und Dürer
nach der künstlerischen Seite zu haben, und nach der technisch-
wissenschaftlichen Seite zum Beispiel — es kann auch anderes
sein —, sagen wir: das Innere des Meeres, all die Tiere, die im Inneren
des Meeres sind, das müßte in entsprechender Weise gemalt erschei-
nen, zugleich instruktiv in intellektueller Beziehung, und doch
müßte es so sein, daß es künstlerisch auf das Kind wirkt.
Dann bliebe für die 11. Klasse Holbein und Dürer, weiter vielleicht
auch Rembrandt. Das würde für die folgenden Klassen immer sein;
man kann aber auch Ältere dazwischen mischen. Da ist das Alter, wo
das dem Unterricht parallel gehen kann. Für die 11. und 12. Klasse
also Holbein, Rembrandt, Dürer.
In der 11. Klasse da sollte man nach der technischen Seite an die
Wand hängen so etwas wie Erddurchschnitte, geologische Durch-
schnitte und entsprechend künstlerisch ausgeführte Höhenkarten
und Ähnliches. Erst in der 12. Klasse würden an der Wand zu
hängen haben Physiologica, Anatomisches neben Holbein, Dürer,
Rembrandt.
Das würde dasjenige sein, was eigentlich hineingehört, was eben als
das Ideal hineingehört. Jetzt sieht es greulich aus, aber wenn man
solch ein Ideal vor sich hat, kann man sich unter Umständen doch,
wenn es auch erst nach einem Jahrhundert erfüllbar ist, in der einen
oder anderen Weise darnach richten. Es ist besser, ein richtiges Bild
im Holzschnitt zu haben, als manches von dem, was jetzt darin
hängt. Das sind die Dinge, die ich Ihnen als ein Kapitel der Pädagogik
vorlegen möchte. Es ist schon durchaus notwendig, daß wir unser
Augenmerk darauf richten, daß das Künstlerische besonders gut
behandelt wird in unserer Pädagogik, denn es gehört das eigentlich
ins Gesamtbild des anthroposophischen Behandeins des Mensch-
heitsfortschrittes hinein.
Sehen Sie, man muß sich sagen, im Grunde genommen bis zum
eigentlichen 16. Jahrhundert war jener scharfe Unterschied von
intellektuellem Erfassen und künstlerischem Erfassen der Welt auf
keinem Gebiet vorhanden. Denken Sie sich doch — was man heute
nicht beachtet —, selbst die Scholastik hat die ganze Disposition
ihrer Bücher mit einer gewissen architektonischen Kunst besorgt in
bewußter Weise, abgesehen von den Initialen, aber bis zum
10. Jahrhundert war eine strenge Trennung zwischen Kunst und
Wissen überhaupt noch nicht vorhanden. Jetzt sind schon die
Kinder in den frühesten Schulklassen damit vergiftet, daß man
ihnen ein bloß Intellektualistisches vermittelt. Bei uns wirkt etwas,
was noch nicht anders gemacht werden kann, daß, wenn sich
unsere Lehrer der Handbücher bedienen, nicht nur, indem sie sie
den Kindern in die Hand geben, sondern indem sie sich selbst nach
Handbüchern vorbereiten, da geht das ganze Intellektualistische
dieser Handbücher in den Lehrer hinüber. Er wird ein Abbild des
Intellektualismus.
Man kann sagen, woher soll sich der Lehrer vorbereiten? Wenn er
irgend etwas den Kindern bringt, so summiert er sich den Stoff aus
den gegenwärtigen Darstellungen auf. Manchmal hat man das
Gefühl, wenn man sieht, wo der Lehrer seine Präparationen her hat,
man möchte neben das Buch, aus dem der Lehrer sich vorbereitet
hat, eines legen, das ein Jahrhundert älter ist als dasjenige, das er
benützt. Es ist nicht möglich, zum Vorbereiten bloß jahrhundertalte
Bücher zu verwenden, aber neben dem heutigen Buch eines, das aus
demselben Fach ist und ein Jahrhundert älter, das würde nützlich
sein auf allen Gebieten. Man kennt heute gut, selbstverständlich,
wenn man Lehrer ist, was etwa Goethe oder einige andere hervor-
ragende Gipfel der Kulturentwickelung über dieses oder jenes Kunst-
werk oder über etwas in der Natur geschrieben haben. Aber die
zweite und dritte Generation von Menschen, die zu Goethes Zeit aus
einem Kunstgebiet geschrieben haben, die nimmt man sich nicht vor.
Aber auch diese sind neben den heutigen literarischen Mitteln durch-
aus wichtig. Sie können selbst bis in solche heute so wunderbar
entwickelten Dinge noch etwas gewinnen, wenn Sie parallele Bücher,
die ein Jahrhundert alt sind, die in einer verwandten Weise etwas
Ähnliches behandeln, daneben benützen. Das ist schon tatsächlich
außerordentlich wichtig. Es ist ja von mir öfter betont worden, daß
zum Beispiel die griechischen und lateinischen Ausgaben aus der
ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Gold sind gegenüber dem Mes-
sing, das heute verzapft wird. Die Grammatiken, die dreißig oder
vierzig Jahre alt sind, sind wesentlich besser als die heutigen in der
Anordnung und im ganzen, was man aufnimmt.
So meine ich, daß wir überall darauf Rücksicht nehmen, daß diesem
Vorherrschen des Intellektualismus in unserem ganzen Zeitdenken
entgegengehalten wird in unserer Pädagogik ein durch und durch von
Kunst durchtränktes Wirken; daß wir es vermeiden, die heutigen
systematischen Bücher irgendwie hineinwirken zu lassen in unsere
eigene Darstellung. Die heutigen systematischen Bücher sind phili-
strös und unkünstlerisch. Die Leute schämen sich, irgend etwas
künstlerisch anzusprechen. Der heutige Gelehrte schämt sich, einen
künstlerischen Stil zu entwickeln oder in der Kapiteleinteilung
künstlerisch vorzugehen. Das sind Dinge, die wir in unserer Präpara-
tion auch berücksichtigen müssen.
Ich möchte bei dieser Gelegenheit, veranlaßt durch verschiedene
Umstände, einmal an die Freunde hier eine Frage stellen, das ist die
folgende: Ich habe heute nacht bei einer Sitzung doch wiederum das
Gefühl gehabt, daß die Vorstellung besteht, das Präparieren würde
außerordentlich schwer. Es hat jemand gesagt, die Waldorflehrer
schlafen gewöhnlich nur von halb sechs bis halb acht Uhr morgens.
Jeder Mensch muß einsehen, daß das viel zu wenig ist. Da muß man
denken, daß eine wirklich unermeßlich große Zeit auf das Präpa-
rieren für die Schule daraufgeht. Aus dem ist zu schließen, daß das
Präparieren schwer wird. Ich würde die Frage stellen in diesem
Zusammenhang, wie es damit steht, damit nach der einen oder
anderen Richtung die Möglichkeit geboten würde, schon um halb
fünf schlafen zu gehen. Ich möchte also hören, ob die Schwierigkeit
besteht, in bezug auf das Präparieren nach dieser Richtung hin, ob es
wirklich so schwer ist und so viel Zeit verlangt. Natürlich ist das
subjektiv. Aber trotz alledem würde ich gerne diese Frage stellen am
Beginn unserer Verhandlungen und bitten, sich zu äußern, damit wir
über diese Sache heute oder das nächste Mal sprechen können.
Einige Lehrer berichten.
Dr. Steiner: Nun, sind konkrete Fragen in bezug auf das Vor-
bereiten?
X.: Ich brauche meist sehr lange Zeit. Für die Knochenlehre in der 8. Klasse
habe ich Carus benützt.
kommt. Da könnte viel Hilfe geschehen. Es kommt doch vor, daß der
vorhergehende Lehrer für eine Klasse dem nachfolgenden helfen
könnte.
Ein Lehrer der Oberklassen: Ich bereite mich nicht eigentlich auf die einzelne
Stunde vor, sondern ich lese ein Buch über das Gesamtgebiet, das ich in einer
Periode zu unterrichten habe. Dann lese ich ein anthroposophisches Buch,
was damit zusammenhängt, zum Beispiel die „Rätsel der Philosophie" als Hin-
tergrund der Bewußtseinsentwicklung der betreffenden Zeit. Ich lese das,
was mich in diese Zeitstimmung hineinträgt. Für den einzelnen Tag suche ich
ein, wenn auch noch so kleines Apenju zu finden, aus dem sich eine Stunde
gestalten läßt.
Dr. Steiner: Dies ist eine außerordentlich gute Methode, von irgend
etwas auszugehen, das einen selbst stark interessiert, das einen see-
lisch dadurch in Bewegung bringt, daß so eine kleine Entdeckung
entsteht. Dadurch erreicht man das, daß einem während des Unter-
richts etwas einfällt. Sie werden bemerken, daß Ihnen, während Sie
unter den Kindern sind, leichter etwas einfällt, als wenn Sie allein
brüten. In der Geschichte und Geographie zunächst nicht, solange
man nicht ein paar Jahre unterrichtet hat. Was aber besonders wich-
tig ist, das ist das, daß man eigentlich versuchen sollte, sich, wenn
eine Epoche für irgend etwas beginnt, doch, wenn auch in noch so
großen Linien, über das, was in der ganzen Epoche vorkommt, in
zusammenfassender Weise Vorstellungen zu machen, so daß man
weiß, was in der ganzen Epoche behandelt wird.
Demselben Lehrer gab Dr. Steiner bald darauf bei einem Besuch im Unter-
richt noch eine Ergänzung dazu. Er sagte: Es fällt Ihnen bei dieser Methode der
Vorbereitung nun zuviel ein im Unterricht. Sie müssen darauf achten, daß Sie
die Schüler nicht mit dem überschütten, was Sie selbst im Augenblick inter-
essiert.
X: In der lateinischen Grammatik habe ich das Gefühl, daß man sie aufbauen
könnte nach Denken, Fühlen, Wollen. Aber es zerfällt mir der Stoff.
Dr. Steiner: Da wäre es gut, wenn Sie einmal zur eigenen Orientie-
rung, wenn drei Wochen Ferien sind, einfach einen Autor nehmen
würden, den Livius, würden sich Sätze nehmen und die Struktur des
lateinischen Satzes dann empirisch studieren. Das müßte jemand
machen.
Ich möchte, daß Sie darauf achten, einen gewissen Takt zu ent-
wickeln in bezug auf die immer mehr beliebte sokratische Methode.
Ich möchte, daß Sie versuchen würden, den Takt zu entwickeln, zu
unterscheiden zwischen dem, was man von sich aus den Kindern
einfach sagen muß, und dem, was man von ihnen erfragen kann, weil
es anregender ist für Kinder, wenn man im Moment ihnen etwas sagt,
als wenn man sie fragt in einem Moment, wo sie einem keine Ant-
wort geben könnten. Man darf nicht glauben, herauskitzeln zu
können aus den Kindern, was sie nicht wissen können. Man darf die
sokratische Methode nicht zu stark übertreiben. Dadurch ermüdet
man die Kinder zu stark. Man muß sich ein Gefühl aneignen, was man
fragen kann und was man sagen muß. Da muß sich ein Taktgefühl
entwickeln.
Dann würde ich bitten, daß sich Fragen anschließen in bezug auf das
laufende.
Es wird die Frage gestellt nach der Schulverwaltung. Es müßten viele Dinge
der Verwaltung von allen mitgetragen werden.
Dr. Steiner: Das ist ein penibles Kapitel. Ich habe viel über dieses
penible Kapitel nachgedacht. Aus dem Grunde ist es schwierig, weil
wirklich nur durchführbar ist, was hier gemeint ist, wenn es im Ein-
klänge mit den Willensmeinungen eigentlich des ganzen Kollegiums
oder doch der überwiegenden Majorität des Kollegiums inauguriert
wird. Auf der anderen Seite wiederum ist natürlich das so, daß der
Modus, wie das organisiert werden soll, sehr stark wirkt auf die Art,
wie es aufgenommen wird.
Zuallererst bitte ich Sie dabei zu berücksichtigen, was in dieses neu
zu organisierende Gebiet der Verwaltung einzubeziehen ist. Denn es
sind eine ganze Menge laufender Geschäfte, die einfach derjenige
ausführen muß, der im Schulhause ist. Diese müssen davon aus-
genommen werden, die daran gebunden sind, daß der Betreffende im
Hause ist. Für alles das, was diejenige Verwaltung betrifft, die zu
gleicher Zeit Repräsentation der Schule nach außen ist, da würde
sich empfehlen, in der Zukunft an die Stelle von einem zu setzen ein
kleines Kollegium von drei bis vier Persönlichkeiten. Dieses Kolle-
gium wird nicht anders wirken können als alternierend, so daß die,
trotzdem es jeweils einer ist, sich hintereinander abwechseln und nur
in bezug auf wichtige Sachen oder für solche Sachen, die man wert
hält einer gemeinsamen Behandlung, man sich mit den anderen ver-
ständigt. Um ein solches Kollegium — damit nicht die republika-
nische Verfassung durchbrochen wird — würde es sich schon han-
deln. Ich bitte sich jetzt zu äußern, frank und frei, was Sie darüber
meinen, jeder, der etwas zu sagen hat. Selbst wenn jemand etwas zu
sagen hat, von dem er glaubt, daß es im weitesten Umfang mißfallen
könnte, bitte ich, auch diese Sache vorzubringen.
X,: Es gibt gewisse Dinge, von denen man weiß, daß sie nur Y, machen kann,
und daß gewisse Dinge da sind, die andere besser machen könnten.
Dr. Steiner: Ich meinte, wenn ein Kollegium da ist, so wird eine
beständige Repräsentanz dadurch vorhanden sein, daß sich die Mit-
glieder des Kollegiums alternieren für Aufgaben, die begrenzt wer-
den. Das, was Sie jetzt gesagt haben, kann von Fall zu Fall gemacht
werden, daß derjenige von diesem kleinen Kollegium designiert wird,
den der eine oder andere für befähigt hält. Immerhin Meinungs-
verschiedenheiten wird es geben.
X.: Ich würde in einer solchen Regelung eine Hilfe finden. Es könnte dadurch
der Schule sehr genützt werden.
Dr. Steiner: Es kann noch weiter gedacht werden. Daß sich ein sol-
ches Kollegium bildet, und daß sich das ganze Kollegium einver-
standen erklärt, daß, wenn dieses Kollegium findet, daß irgendein
Mitglied des Lehrerkollegiums für eine Angelegenheit designiert
werden sollte, daß dies auch geschehen sollte.
Es kann auch die Vorbereitung der Konferenz zu den Agenden des
betreffenden Leiters der Verwaltung in der betreffenden Zeit gehö-
ren. Es wird die Aufgabe dadurch eine ziemlich schwierige. Es kann
die Vorbereitung der Konferenz durchaus in die Aufgaben desjeni-
gen hineingehören, der für die betreffende Zeit die Aufgabe hat, aus
dem kleinen Kollegium heraus die Führung der Schule innezuhaben.
Es handelt sich darum, daß diese Sache in voller Harmonie mit dem
gesamten Kollegium gemacht wird.
Es hatte sich ein Komitee von sieben Lehrern für gewisse Fragen der Anthro-
posophischen Gesellschaft gebildet.
Dr. Steiner: Nun würde ich natürlich fragen müssen, was das Kolle-
gium sagt zu diesem Komitee, das sozusagen aus sich selbst heraus
sich gebildet hat.
Zweitens würde es sich darum handeln, daß wir zu dem Modus kom-
men, wie diese Sache endgültig geregelt werden könnte. — Dieses
Komitee scheint ein sehr regsames zu sein und man könnte die Hypo-
these aufstellen, daß es durch seine Bemühungen für die Neuorgani-
sation der Anthroposophischen Gesellschaft sich hat vorbereiten
wollen für die Verwaltung der Schule. Denn natürlich, wenn dieses
Komitee das volle Vertrauen des Lehrerkollegiums hat, dann würden
wir die Sache leicht leisten.
X. schlägt vor, das Komitee zu erweitern.
Dr. Steiner: Ich hatte nur gemeint, wenn sich schon ein Kreis von
Menschen mit dieser Frage befaßt hat, so ist es am besten, wenn
dieser Kreis die Arbeit fortsetzt, weil es Zeit erspart.
X.: . ..
Dr. Steiner: Sie verwechseln zwei Fragen. Ich wollte zuerst einfach
fragen, weil mir bekannt war, daß ein solcher Kreis existiert, welcher
dieser Kreis ist. Dieser Kreis hat sich mit diesen Fragen anscheinend
beschäftigt, und da ja von vorneherein betont werden muß, daß die
Sache aus der vollen Harmonie kommen muß, so wollte ich als Pri-
märfrage die gestellt haben, ob dieser Kreis das Vertrauen des Kolle-
giums genießt, daß er in dieser Angelegenheit Vorschläge macht für
die definitive Gestaltung. Wir können uns besprechen, welche die
definitive Gestaltung sein sollte. Es würde uns heute schwer werden,
geradezu aus einem Urkeim heraus die Sache zu holen. Es würde
besser sein, wenn die Sache so sein könnte — da ich vermutlich bald
wiederum werde da sein müssen —, wenn wir heute die Frage beant-
worten: Hat dieser oder ein erweiterter Kreis das Vertrauen des
gesamten Kollegiums soweit, daß er für die eigentliche Regelung für
eine nächste Konferenz Vorschläge machen könnte? Das ist das, was
wir heute beantworten müssen. Da bitte ich einfach um Wortmel-
dungen bezüglich dieser Vertrauensfrage.
X.: Es macht den Eindruck, als ob sich Waldorflehrer erster und zweiter Ver-
antwortlichkeit gebildet hätten. Es beruht vielleicht dieses Gefühl auf falscher
Voraussetzung.
Dr. Steiner: Daß ein Kreis sich bildet, das ist seine Sache. Weil er sich
beschäftigt hat mit den Fragen, könnte man, falls das Vertrauen zu
diesem Kreis besteht, meinen, daß man ihn mit der Ausarbeitung
dieser Sache betraut. Im Kollegium diese Frage zu behandeln, ist
komplizierter, als sie von einem Kreis behandeln zu lassen, der das
Vertrauen des Kollegiums hat.
Einige Lehrer stimmen dem zu.
X.; Ich habe ein peinliches Gefühl für diese Kreisbildung. Gerade die Men-
schen, welche den Kreis gebildet haben, sind die, welchen die bisherige Füh-
rung der Geschäfte auf die Nerven gegangen ist.
Y.: Ich habe beobachtet, es standen gewisse Gruppen beisammen, und ging
man vorbei, hörte man schwerwiegende Worte, so daß es mir ganz unheimlich
geworden ist, und ich zu einem Kollegen gesagt habe, da ist eine Cliquen-
bildung. Ich habe direkt Angst gehabt, es scheidet sich das Kollegium in
Gesinnungstüchtige und weniger Gesinnungstüchtige.
Dr. Steiner: Das ist eine solche Sache. Gedeihen kann die Waldorf-
schule nur dann, wenn das Kollegium harmoniert in sich. Es ist nicht
möglich, daß jeder jedem ganz gleich sympathisch ist. Aber das ist
seine Privatsache. Das ist etwas, was nicht ins Kollegium hinein-
gehört. Aber insofern das Kollegium repräsentiert den Gesamtstatus
der Waldorfschule, hängt das Gedeihen der Waldorfschule von der
inneren Harmonie im Kollegium ab. Es ist ein großer Unterschied, ob
irgend jemand jemandem draußen sagt, ,,das geht mir auf die Ner-
ven", oder wenn das Wort hier in der Konferenz fällt. Hier in der
Konferenz und in der ganzen Verwaltung der Waldorfschule gibt es
nur Lehrer der Waldorfschule, und die Schwierigkeiten tauchen
nur auf wegen der üblichen demokratischen Verfassung der Schule.
Aber natürlich treten Schwierigkeiten auf. Ich wende mich da-
gegen, wenn im Kollegium das Wort gebraucht wird: erste und
zweite Verantwortlichkeit. Es würde das der Anfang von schlim-
men Dingen sein können, wenn in unsere Verhandlungen so etwas
hineinspielt wie erste und zweite Verantwortlichkeit, Kollegium
und Kollegen-Cliquenbildung. Diese Dinge sind etwas, was streng
ausgeschlossen sein muß.
Im Grunde genommen müßte das so sein, wenn sich irgendein
Kreis bildet, daß man die Tatsache dieses Kreises nimmt und keine
Veranlassung hat, über ihn böse Dinge zu sagen. Denn hat man
dazu Veranlassung, dann beginnen schlimme Zeiten im Lehrer-
kollegium. Solange der Kreis sich gebildet hat und als solcher da war,
möchte ich einmal fragen, inwiefern es bemerkt zu werden braucht,
daß dieser Kreis sich gebildet hat. Es wäre vielleicht gar nicht nötig
gewesen, es zu bemerken. Jetzt liegt die Sache so, daß man die Frage
stellt aus dem Grunde, weil er einen offiziellen Auftrag bekommt,
weil sich dieser Kreis mit Vorschlägen beschäftigen soll. Ich kann
nicht einsehen, falls nicht darin eine Missetat ist, warum es von
Bedeutung sein sollte, daß dieser Kreis es ist oder ein ganz anderer
kleinerer. Es kommt ja auf gar nichts weiter an, als auf eine reine
Zweckmäßigkeitsfrage, und behandelt wird das, was als Vorschlag
vorgelegt wird, dann doch im Kollegium. Es handelt sich nur darum,
die Vertrauensfrage zu stellen, ob man den Kreis für befähigt hält,
Vorschläge zu machen. Wenn solche Worte fallen, da würde man
nicht sagen, daß auch nur im Winzigsten ein Lehrerkollegium im
Bilden begriffen ist. Das darf nicht sein. Hier muß lautere Harmonie
herrschen.
X.: Ich habe das volle Vertrauen zu dem Kreis, aber ich wollte zum Ausdruck
bringen, es sind Kollegen da, die es vielleicht nicht haben.
Dr. Steiner: Wenn ich den Ausdruck „auf die Nerven gehen" nehme,
dann würde das bedeuten, daß einem ein anderer auf die Nerven
geht. Dieser Kreis würde sich damit beschäftigen, wie die Verwaltung
zu ordnen ist. So gehen Sie auch sich auf die Nerven.
X.: Ich habe kein Mißtrauen gegen einen aus dem Kreis.
Z.; Ich habe nicht das Empfinden, daß ein Kollegium im Kollegium besteht.
Ich glaube, daß alle Kollegen mit diesem Kreis einverstanden sein können.
Dr. Steiner: Dann möchte ich bitten, daß das Komitee Persönlich-
keiten vorschlägt, die dann die Sache erledigen.
Es wird gefragt wegen einer Erziehungstagung in England.
Dr. Steiner: Ich hätte nur einiges nachzutragen zu dem, was ich
neulich gesagt habe. Es handelt sich um die Beantwortung der Frage,
wie bei der Bildausschmückung die musikalischen Räume zu behan-
deln wären. Da handelt es sich darum, daß man jedenfalls einen
musikalischen Lehrsaal in keiner Weise ausschmücken kann mit
irgendwelchen malerisch-figuralen Motiven. Einen musikalischen
Saal könnte man höchstens plastisch ausschmücken durch die Auf-
stellung von Plastiken, oder aber, wenn man Malerisches anwenden
will, so müßte man Farbenharmonien, reine Farbenwirkungen
nehmen; Bildwerke, in denen reine Farbenwirkungen etwa in
Betracht kommen.
Dann müßte es sich handeln um das bildhafte Ausschmücken der
Eurythmiesäle. Das unterscheide ich vom Musikalischen. Es kann
vielleicht bei uns kollidieren. Wir könnten unter Umständen im
Eurythmiesaale etwas von musikalischem Unterricht haben, dann
würde das ein Surrogat sein müssen. Der Eurythmiesaal selbst müßte
ausgeschmückt sein mit Motiven, die aus der Dynamik des Menschen
entnommen sind, aber aus der seelischen Dynamik; der ausdrucks-
volle Mensch, künstlerisch erfaßt.
Dann würde es sich beim Turnsaal darum handeln, daß man mit
entsprechender Übertragung achtet auf das mehr sich in die Welt
Hineinstellen. Bei der Eurythmie würde es sich darum handeln, daß
man eine Art findet, künstlerisch auszudrücken die seelische Dyna-
mik; beim Turnen, daß man den Menschen mit Bezug auf seine
Gleichgewichts- und Bewegungsverhältnisse in Beziehung zur Welt
darstellt, daß man den Menschen zum Beispiel darstellt, sich wacker
haltend über einem Abgrund und dergleichen. Das Verhältnis zur
Welt, das würde der Bildschmuck sein für das Turnen.
Für die Handarbeitsräume würde man Interieurs brauchen, wo das
Gemütselement berücksichtigt wird.
Jetzt bliebe uns noch der Handfertigkeitssaal, den müßte man mög-
lichst mit künstlerisch aufgefaßten Motiven des praktischen Lebens
und eventuell auch des Kunstgewerbes künstlerisch ausschmücken,
so daß man an den Wänden etwas hat, was wohlgefällig aufnimmt,
was in diesen Räumen getrieben wird.
Ich glaube, daß das Lehrerzimmer so ausgeschmückt werden muß,
wie es dem Geschmack und dem harmonischen Zusammenklange
der Lehrerseelen selbst entspricht, so daß das Lehrerzimmer keine
Vorschrift haben soll, sondern ganz aus dem Geschmack und Zusam-
menstimmen der Lehrer selbst hervorgehen soll. Das soll eine Offen-
barung sein einer besonders intimen Konferenz, die ins Künstlerische
ausläuft, ohne Expertise.
Für das Spinnen gilt dasselbe wie für das Handwerk.
Beim Musikalischen ist es besser, wenn man den Saal ganz einförmig
ohne Bild läßt, statt daß man irgendwelche Bilder anbringt, die
psychologisch nicht vereinbar sind mit dem, was musikalisch herr-
schen soll.
Bei den Rahmen ist die Sache diese, daß man den Rahmen nach dem
Bilde machen soll. Nun, die Farbe des Rahmens habe ich gewöhnlich
so angegeben, daß man eine Farbe, die auch auf dem Bilde ist oder
die öfter im Bilde ist, zum Rahmen verwendet. Die plastische Form
muß man nach dem Bilde machen.
Es wird gefragt nach dem Raum für die Sonntagshandlung.
Dr. Steiner: Es handelt sich darum, daß ich eine weitere Handlung
geben werde, und danach wird auch das Bild sich richten.
Auch die Hilfskiasse muß noch bekleidet werden. Das werden wir bei
der nächsten Konferenz besprechen.
Die Eurythmiefiguren müßten in einer Vitrine im Eurythmiesaal
aufgestellt werden.
Auf den Gängen müßte man sehen, daß man links und rechts von der
Tür etwas Ähnliches hat wie das, was man in der Klasse findet, daß
man sich anlehnt an das, was in der Klasse ist.
Es wird gefragt nach dem Physik- und dem Chemiesaal.
Dr. Steiner: Wir sind in solchen großen Sorgen darin, daß ich heute
dies nicht beantworten kann. — Ebenso wollen wir das nächste Mal
damit beginnen, dieses Medizinische zu betrachten, was wir längst
gewollt haben.
Dann wollen wir uns der Aufgabe widmen der Einrichtung dieses
Verwaltungsrates.
X.: Von dem Komitee, das in der letzten Konferenz gewählt ist, werden drei
Lehrer vorgeschlagen, die im Zusammenhang mit dem seitherigen Schulver-
walter die Verwaltung der Schule auszuüben hätten. Diese drei würden alle
Angelegenheiten der inneren und äußeren Vertretung übernehmen, mit Aus-
nahme von Hausverwaltung, Geschäftszimmer und Finanzen.
Im einzelnen werden sie übernehmen von inneren Schulangelegenheiten:
Dr. Steiner: Erst wollen wir prinzipiell die Diskussion führen. Ich
möchte Sie bitten, sich zu äußern, inwieweit Sie einverstanden oder
nicht einverstanden sind, oder überhaupt etwas zu sagen haben zu
dem Vorgebrachten.
Der bisherige Verwalter: Mir schien, daß das, wobei das ganze Lehrerkolle-
gium mitarbeiten muß, an diese Kommission, mit der ich zusammenzuarbei-
ten hätte, abgegeben werden sollte, und daß die wirtschaftlichen und tech-
nischen Dinge bei mir allein bleiben würden. So daß man die Sicherheit haben
kann, daß diese Arbeit zur vollen Zufriedenheit des ganzen Kollegiums durch-
geführt werden kann. Das waren die Gedanken, die ich mir grundsätzlich
machte.
X.: Ich hätte noch den Vorschlag, Herrn L. als viertes Mitglied des Verwal-
tungsrates hinzuzufügen.
X.: Man sollte Herrn L. für Künstlerisches verwenden und nicht in die Ver-
waltung einspannen.
Dr. Steiner: Es handelt sich darum, daß das Komitee drei vorgeschla-
gen hat und daß der Vorschlag eines vierten auftaucht.
X.: Wenn er selbst sagt, daß er gerne mitmachen will, so ist da kein Hindernis.
L.: Ich stehe zur Verfügung, wenn man mich gebrauchen kann.
Dr. Steiner: Wenn ich recht verstehe, wir haben eine Kommission
ernannt. Wir können doch nicht alles in der unpräzisen Form lassen.
Dr. Steiner: Die Sache ist so: dieser Verwaltungskörper sollte aus
dem Kollegium hervorgehen, angesichts der Art, wie neulich darüber
gesprochen worden ist. Ich sagte schon neulich, ich könnte ja auch,
nach dem, wie wir die Waldorfschule eingerichtet haben, selbst die-
sen Ausschuß designieren, möchte es aber nach dem Erfahrenen
nicht tun, sondern möchte, daß dieser Verwaltungskörper hervor-
geht aus dem Willen des Lehrerkollegiums selbst. Dieser Weg ist der,
daß wir einem vorbereitenden Komitee die Prüfung der Sache über-
tragen haben, weil man annimmt, daß ein vorbereitendes Komitee
besser Vorschläge macht als diejenigen, die es aus dem Kopf heraus
machen. Es muß auch die Pädagogik einreißen, daß wir uns gewöh-
nen, die Dinge unter Verantwortung zu sagen. Jetzt handelt es sich
darum, daß dieses Komitee neulich gewählt worden ist. Von diesem
Komitee nehmen wir an, daß es die Vorschläge nach reiflicher Über-
legung und Verantwortung macht. Auf dieser Grundlage verhandeln
wir. Vorläufig liegen diese zwei Vorschläge vor.
Es wäre außerordentlich deprimierend. Es handelt sich doch darum,
daß wir nicht in Illusionen arbeiten. Die Sache, die sich jetzt abspielt,
ist außerordentlich deprimierend. Wir haben uns darauf geeinigt, daß
ein Komitee uns Vorschläge macht. Nun wollen wir uns das nicht in
den Wind hauen. Das wollen wir doch nicht in den Wind hauen! Wir
hauen es sofort in den Wind, wenn jetzt ein Gegenvorschlag gemacht
wird, und das Kollegium ein Mißtrauensvotum erteilt. Die Annahme
des Antrags Y. bedeutet das Mißtrauensvotum gegen das Komitee.
Ich erkläre Ihnen, daß die Annahme des Gegenantrags Y. das Miß-
trauensvotum bedeutet. Es sind in diesen Tagen scharfe Ausdrücke
gebraucht worden über einen Verwaltungskörper; auf dieses ganze
Kollegium würden diese Ausdrücke anwendbar sein, daß es einfach
als nichts betrachtet ein Mißtrauensvotum für ein gewähltes Komi-
tee.
Ich bitte schon so viel um Ehrlichkeit in der Aussprache. Ich habe
wiederholt aufgefordert und lange Zeit verzogen, um eine Aus-
sprache dieses Kontravorschlages zu ermöglichen. Ich fordere noch
einmal auf, sich auszusprechen über die Sache.
Der Inhalt der weiteren Wortmeldungen ist nicht festgehalten.
Dr. Steiner: Herr Y. interpretieren Sie nicht diese Worte, die ich
bei der Führung gebrauche. Man kann nicht zu gleicher Zeit
sagen, ich stelle einen Gegenantrag und erkläre von vornherein,
daß ich damit (mit dem ersten Vorschlag) einverstanden bin. Ich
bitte, nicht alles zu vertuschen. Wenn Sie über eine Sache nicht
einig sind, so gestehen Sie das zu. Aber das Vertuschungssystem darf
nicht weitergehen.
Vorläufig liegen drei Vorschläge vor: der Vorschlag des Komitees,
der Vorschlag Y., der dritte Vorschlag B. und S., der darin bestehen
würde, über den Vorschlag Y. zur Tagesordnung überzugehen. Dieser
Vorschlag wäre der weitergehende, ob über den Vorschlag Y. zur
Tagesordnung übergegangen werden soll.
Y.: Ich unterstütze den Antrag B. und S.
Dr. Steiner: Das sind Dinge, vor denen einem der Verstand still-
stehen muß. Entweder haben Sie einen Grund, einen Gegenvorschlag
zu machen, oder Sie haben keinen Grund. Wenn hier das Komitee
einen Antrag stellt und Sie einen Gegenantrag vorbringen, dann sehe
ich nicht ein, wo dann noch ein Quentchen Ernst liegt, wenn Sie
selbst dafür sind, über Ihren Antrag zur Tagesordnung überzugehen.
Wenn wir in dieser Weise fortfahren, über die wichtigen Dinge . . ,
rein deshalb, damit wir die Sache loskriegen . . .
Frau Dr. Steiner: Herr Y. hat die schöne Lebensart von L. als Grund angege-
ben, ihn hineinzunehmen.
Wir müssen ehrlich uns aussprechen. Darauf kommt es an, daß jeder
seine festbegründete, innere Meinung hat. Wie wir hier die Waldorf-
schule gegründet haben, haben wir aus dem Herzblut heraus die
Sache begründet, und jetzt geht so viel von dem schrecklichen
System, von dem Unernst, dem nicht Seriösnehmen der Sache, auch
ins Kollegium herein. Es bedeutet doch etwas anderes, wenn das
Kollegium einig ist, daß der Vorschlag angenommen wird oder nicht.
Das ist doch eine Sache, die einem ans Herz geht. Das möchte ich
betont haben, daß wir die Sachen nicht oberflächlich nehmen dür-
fen. Unter- und Hintergründe bestehen, ich gebe mich keiner Illusion
hin. Wenn ein solcher Vorschlag gemacht wird, so bestehen Unter-
gründe. Auf dem Felde der Anthroposophie muß Ehrlichkeit und
nicht Verwutzeltheit herrschen. Das ist, um was ich Sie bitte, einmal
ernsthaft anzufangen, wenigstens hier, an der Stätte der Waldorf-
schule wenigstens aufrechtzuhalten, daß wir nicht über Dishar-
monien einfach in eine Atmosphäre von Augenzudrücken über-
gehen, daß wir uns ehrlich aussprechen.
Ist es denn unmöglich, daß sich die Leute sagen, ich habe dies und
jenes auf dem Herzen gegen dich, und man leidet sich deshalb nicht
weniger gern, und arbeitet deshalb nicht weniger gern zusammen?
Warum soll man sich nicht die Wahrheit unter die Augen sagen und
trotzdem sich schätzen und achten?
Das Peinliche muß gemacht werden, wie die Antezedenzien dazu da
sind. Wenn die zwei Vorschläge da sind, müssen wir über den dritten
Vorschlag erst abstimmen, oder wir müssen die zwei Vorschläge
nebeneinander behandeln.
Es liegt doch die Tatsache vor, daß Sie ausdrücklich verlangten dabei
zu sein (bei der Beratung des Komitees). Das habe ich als das erste
Mißtrauensvotum empfunden.
X.: Ich möchte fragen, ob Herr Y. nicht die Gründe angeben könnte.
Dr. Steiner: Es ist auch meine Meinung, daß, wenn man einen sol-
chen Gegenvorschlag macht, man ihn begründen soll.
Y. versucht, eine Begründung zu geben.
Dr. Steiner: Ich kann Ihnen die Versicherung geben, die Dinge, die
durch mich geleitet werden sollen, werden in keiner Weise Unpräzi-
sion zulassen. Ich gehe nicht darüber hinweg, wenn eine Situation
auftaucht. Es liegen vor der Vorschlag des vorbereitenden Komitees,
und abgesondert davon der Vorschlag Y. Das sind zwei Meinungs-
äußerungen. Wenn nun schon diese zwei Meinungsäußerungen auf-
Dr. Steiner zählt nun alle die Funktionen einzeln auf, die der bisherige Schul-
verwalter auch fernerhin beibehalten soll.
Dr. Steiner: Wünscht nun, nachdem Sie diese Punkte gehört haben,
jemand dazu zu sprechen?
Es wird gefragt nach der Aufnahme von Schülern.
Dr. Steiner: Wir haben beschlossen, daß dies dem Verwaltungskolle-
gium zufällt. Wenn die ganze Sache einen Sinn haben soll, so darf
diese wichtige Sache nicht diesem Verwaltungskollegium entzogen
werden. Die bürokratische Denkweise muß heraus. Wenn Sie den-
ken, daß die ganz wichtigen Verhandlungen mit den Eltern dem
Verwaltungskollegium entzogen werden sollten, dann denken Sie
bürokratisch. Es muß von Anfang an das Verwaltungskollegium
beteiligt sein, von Anfang an bei der Aufnahme des Schülers. Das
Verwaltungskollegium muß sich bewußt sein, daß es sich nicht nach
und nach von den Pflichten drücken kann.
X.: Ich wollte Sie, Herr Doktor, bitten, daß auch Sie sich äußern, daß Sie
vielleicht sich über das Ganze auch aussprechen. Es wird uns viel klar darüber.
Dr. Steiner: Die Sache ist so, daß ich im Laufe der Zeit von den
verschiedensten Seiten darauf aufmerksam gemacht worden bin, daß
aus der Stimmung des Kollegiums heraus eine solche Einrichtung als
wünschenswert angesehen wird. Aus meinen Apercus konnte ich
solche Anfragen beantworten, daß ich sagte, ich glaube, daß dies
notwendig ist. Ich begrüße das mit einer gewissen Befriedigung, daß
es jetzt in dieser Weise geschieht, aber ich meine auch, daß es in allem
Ernst geschehen muß. Ist die Sache irgendwie strittig, jetzt noch?
Dann darf ich vielleicht bitten, daß dies neulich gewählte Komitee
noch als eine Art Zusatz zur Geschäftsordnung der Schule das, was
jetzt beschlossen worden ist, ausarbeitet, genau die Verteilung der
Agenden, und dann werden wir es noch einmal sauber revidieren bei
der nächsten Konferenz. Es kann die Tätigkeit bereits so schnell wie
möglich eingerichtet werden, wie es jetzt beschlossen worden ist.
Nun bitte ich zunächst sich darüber zu äußern, wie lange die Amts-
dauer sein soll und der Turnus.
Es wird vorgeschlagen ein längerer Turnus, zwei bis drei Monate, weil sonst die
Kontinuität fortwährend abreißt.
Dr. Steiner: Dies, was Sie angeführt haben, kann auch bei längerer
Amtsdauer eintreten, daß der Betreffende die Antwort nicht erhält.
Dr. Steiner: Außer der Zeit ist die Tätigkeit der anderen eine bera-
tende, das ergibt sich aus der Sache von selbst. Man wird seine Mit-
verantwortlichen fragen. Das, was wir jetzt entscheiden, ist eine
andere Sache. Was wir jetzt entscheiden müssen, das ist, wie das
gesamte Kollegium entgegentritt diesen Kollegen. Zwei Monate,
glaube ich, ist die richtige Zeit. Möchten Sie die zwei Monate verlän-
gert oder verkürzt haben? Ist jemand gegen die zwei Monate?
Machen wir es so. Morgen fängt das Kollegium an, da funktioniert
das Februar und März. Das wäre die Amtsdauer. Zwei Monate. Wie
der Turnus ?
X.: Ich schlage einen alphabetischen Turnus vor.
Dr. Steiner: Jetzt können wir übergehen zur Behandlung der Propa-
gandafrage und der Frage der Stellung zum Waldorfschulverein. —
Nun, was die Propagandafrage anbelangt, die haben Sie in Verbin-
dung gebracht mit dem Bund für ein freies Geistesleben: Kampf
gegenüber dem Grundschulgesetz. So wie die Sache liegt, meine ich,
ist es nicht eigentlich gut, wenn die Waldorfschule als solche an den
gewöhnlichen Fragen, so wie sie in der Öffentlichkeit meist in der
Trivialität formuliert werden, pro oder kontra teilnimmt. Wir wer-
den viel günstiger vorwärtskommen, wenn wir aus unserer eigenen
Sache heraus energisch arbeiten und positiv dasjenige vertreten, was
wir aus der Waldorfpädagogik und -didaktik zu vertreten haben, und
uns nicht einlassen auf Formulierungen, die von außen kommen. Es
hatte oft für mich einen bitteren Beigeschmack, wenn jemand von
uns einen Vortrag gehalten hat über das Grundschulgesetz. Denn so
liegt die Sache gar nicht, daß wir uns an diesen Dingen beteiligen
sollen. Wir sollen das, was wir zu vertreten haben, aus unserer eige-
nen Sache heraus vertreten. So kommen wir viel weiter. So daß die
Leute, die sich darüber unterrichten wollen, sich die Frage vor-
legen sollen, sind die für das Grundschulgesetz? Wir sind natürlich
dagegen. Wir sollten nicht in die Verhandlung der Philister-Tages-
fragen eingreifen.
Wie stellen Sie sich den Kampf gegen das Grundschulgesetz vor?
Nicht wahr, diese Dinge müssen lebensgemäß — ich sage sonst
wirklichkeitsgemäß —, diese Dinge müssen lebensgemäß behandelt
werden. Die Welt sollte den Eindruck haben, die Leute von der
Waldorfschule im Zusammenhang mit den übrigen Menschengrup-
pen, innerhalb welcher sie stehen, die Leute von der Waldorfschule
behandeln diese Dinge lebensgemäß.
Nicht wahr, wenn Sie heute die Aufsätze nehmen, die in der
„Anthroposophie" stehen als Wochenberichte, so werden diese
Aufsätze so angesehen, als ob sie geschrieben wären ohne Kenntnis
der Zusammenhänge, die heute bestehen zwischen Parlament und
Regierung und Verwaltungskörper und so weiter. Sie werden so
von Leuten, die ein Urteil haben, die darinstehen im Leben, als
unpraktisch empfunden, als ob man sich einfach ein feuilletonisti-
sches Urteil bildet, und dann hängt man noch die Sache vom freien
Geistesleben oder von der Dreigliederung daran an. Dadurch brin-
gen wir uns immer wieder von neuem in das Odium, eine unprak-
tische Gruppe von Menschen zu sein. Das muß gegenüber diesen
Dingen aufhören. Von Leuten, die Gegner sind, rede ich nicht, von
einsichtsvollen Leuten rede ich, die auf dem Boden der Dreiglie-
derung stehen.
Es handelt sich darum, wenn wir den Bund für freies Geistesleben
einbeziehen in unsere Waldorfschulsache, daß wir nicht in dieselben
Fehler verfallen, in die der Bund selbst verfällt, in eine Art von
Theoretisieren. Da meine ich, wird es sich darum handeln, die
Agitation und Propaganda wieder auf gesunde Basis zu stellen.
Also gewiß, es kann ein Zusammengehen mit dem Bund für freies
Geistesleben sein, aber wenn wir so etwas aufstellen, müssen wir
uns dessen bewußt sein, es ist von vorneherein lebensungemäß,
wenn wir die Waldorfschul-Pädagogik in Gegensatz bringen gegen
das Grundschulgesetz. Je weiter die Waldorfschul-Pädagogik sich
ausbreitet, desto unmöglicher sind solche philiströsen Gesetze. Wir
haben nicht nötig, uns auf den Boden der Bierpolitik zu stellen.
Das ist eine Taktfrage. Wir sollen eigentlich nicht eingreifen. Das
hätten wir nie sollen! Das ist der Unfug gewesen bei der Dreiglie-
derungsbewegung. Wir hätten nie in die Philister-Tagesfragen ein-
greifen sollen.
Ich habe deshalb dieses Gebiet abgesondert behandelt, weil ich
darauf besonderen Wert lege, daß wir da wirklich auf eine höhere
Warte steigen. Ich habe das versucht schon seit Jahren, daß ich die
Begründung eines Weltschulvereins herbeiführen wollte. Der würde
eben das Ziel verfolgt haben, die pädagogischen Fragen nicht phili-
strös, sondern von einer höheren Warte aus publik zu machen. Das
würde die schwierige Aufgabe eines solchen Weltschulvereins sein.
Eine Lehrerin: Könnten wir nicht pädagogische Besprechungsabende machen,
zu denen man einzelne Leute und auch die Behörden einladet?
X.: Es hat sich herausgestellt, daß es unter den leitenden Schulmännern Leute
gibt, die gern etwas wissen möchten, aber sich scheuen, den ersten Schritt zu
tun.
Y.: So etwas in der Schule einzurichten, wozu man durch persönliche Bezie-
hungen einen der Herren mitbringt.
Dr. Steiner: Sinn hat so etwas nur, wenn eine solche Zusammen-
kunft mit Außenstehenden in Form der öffentlichen Anzeige
erfolgt, in der man auffordert dazu, daß andere kommen; wenn dann
von seiten der Waldorfschule die Sache eingeleitet wird und sich
dann die Anfragen daran knüpfen. Sonst kommt eine gewöhnliche
Quatscherei heraus.
X.: Ich komme durch die Abiturfrage darauf, die Ostern übers Jahr brennend
wird.
Dr Steiner: Das ist natürlich mehr eine Aufgabe, die nicht in die
Schulverwaltung gehört, die zu den Pflichten überhaupt desjenigen
gehört, der beteiligt ist an der Arbeit der Waldorfschule. Nicht wahr,
sobald man über diese Dinge etwas beschließen will, kommt nichts
zustande. Es würde das gehören in die allgemeinen Aufgaben der
Anthroposophischen Gesellschaft und in die Aufgabe jedes, der
irgendwie beteiligt ist an dem Gedeihen der Waldorfschul-Pädagogik.
Eigentlich müßte das aus der Sache selbst hervorgehen. Nach dieser
Richtung irgend etwas arrangieren, ist schwierig, weil die Dinge so
individuell sind, daß man alles berücksichtigen muß. Man sollte jede
Gelegenheit ergreifen, um das Urteil über die Waldorfschule in das
rechte Licht zu stellen. Auf der anderen Seite muß gesagt werden,
derjenige, der sich unterrichten will, findet heute sogar die Möglich-
keit, wenn er in England ist, sich zu unterrichten, so daß es nicht so
schwer sein dürfte für einen Referenten, sich über die Waldorfschule
zu unterrichten, wenn er wirklich will.
X
Dr. Steiner: Die Dinge, die Sie jetzt erwähnen, sind nicht sehr seriös.
Die Leute sind mit den Sachen unzufrieden. Sobald sie aber aus der
allgemeinen Unzufriedenheit heraus, die eine verwaschene Unzu-
bei denen, die mehr Erfahrung haben, dann nützen Ihre alten Bezie-
hungen mehr, als wenn Sie andere bringen, die nicht solche Bezie-
hungen haben. Dann kommt auch in Betracht, daß Sie eine Dame
sind, und das sind Referenten. Wenn es eine Referentin ist, dann
sehen Sie, daß Sie einen Herrn bringen. Es müssen die Dinge indivi-
duell gestaltet sein. Sie müssen nicht glauben, daß der Eindruck, den
Sie machen, weiter gemacht wird, wenn Sie andere Leute herein-
schleppen.
Das Verhältnis zum Waldorfschulverein scheint mir nicht anders
lösbar zu sein, als durch eine Statutenänderung des Waldorfschul-
vereins. Selbstverständlich geht es nicht, daß der Betreffende, der
das Amt innehat, nicht Sitz und Stimme im Waldorfschulverein hat.
X.: Es ist so gemacht worden, daß jeder Lehrer ordentliches Mitglied des Wal-
dorfschulvereins ist.
Dr. Steiner: Ich muß einverstanden sein, bis ich mir es angeschaut
habe.
X.: Die Lateinstunde war eine Doppelstunde. Ich habe den Eindruck, daß es
nicht besonders günstig ist.
Dr. Steiner: Es ist schwierig, über diese Frage zu reden, ohne daß wir
eine eigene Konferenz ansetzen über rein pädagogische Fragen, die
vielleicht ein ideelles Ergebnis haben könnte, um hinzuarbeiten nach
einer gewissen Richtung. — Ich habe heute ziemlich viel von Ihrer
Stunde gehört. Ich richte mir das so ein, daß ich auf verschiedenes
mein Augenmerk lenke. In der letzten Zeit habeich das Augenmerk
daraufgerichtet, inwiefern die einzelnen Schüler ungleichmäßig das
Lehrziel erreicht haben, wieviele ganz zurückgeblieben sind. Und ich
kann nicht sagen, daß ich hätte die Überzeugung gewinnen können,
daß bei den Schülern, die Sie heute gehabt haben, größere Unter-
schiede hervortreten als in der Geographiestunde.
Es würde dies behandelt werden müssen in einer nächsten Konfe-
renz, wenn wir pädagogische Fragen in großem Stil behandeln, weil
ich bemerkt habe, daß in dieser Klasse die Unterschiede im Können
und in der Begabung groß sind.
(Zu einem anderen Lehrer:) Dagegen habe ich neulich bei Ihnen, wo
ich die Stunde selbst gegeben habe, gesehen, diese Klasse ist eine
mehr homogene. Die sind nicht so groß im Unterschied. So sind die
Klassen verschieden. Und wir werden über solche Fragen, wie man da
im ganzen vorgeht, einmal reden.
keit der irdischen Pylaterialität ist, daß sich durch das Nerven-Sinnes-
system der Mensch heraushebt aus der Gesetzmäßigkeit der irdi-
schen Materialität. Das Nerven-Sinnessystem ist nämlich in seiner
Formung ganz ein Ergebnis des vorirdischen Lebens. Der Mensch hat
dasjenige Nerven-Sinnessystem, das er in Gemäßheit seines vorirdi-
schen Lebens mitbekommen hat, so daß, weil eigentlich alle mate-
rielle Gesetzmäßigkeit des Nerven-Sinnessystems aus der irdischen
Materialität herausgehoben ist, dieses Nerven-Sinnessystem auch
geeignet ist, alle Tätigkeit, die sich auf das Seelisch-Geistige bezieht,
in Abgesondertheit zu entwickeln.
Das genau Entgegengesetzte ist der Fall beim Gliedmaßen-Stoff-
wechselsystem. Das Gliedmaßen-Stoffwechselsystem ist von allen
drei Systemen des Menschen am meisten darauf angewiesen, die
äußeren materiellen Prozesse in sich fortzusetzen, so daß also, wenn
man die Prozesse kennenlernt, die auf der Erde sich abspielen durch
Physik und Chemie, so lernt man kennen, welche Prozesse sich in
den Menschen hinein fortsetzen, insofern er ein Gliedmaßen-Stoff-
wechselsystem hat; man lernt aber gar nichts kennen über die
Gesetze, die in seinem Nerven-Sinnessystem sind.
Das rhythmische System steht zwischen beiden darinnen und gleicht
gewissermaßen schon naturgemäß die beiden Extreme aus.
Die Dinge sind aber so, daß sie bei jedem Menschen, und eigentlich
am meisten bei den Kindern, individuell gestaltet sind. Es überwiegt
die Tätigkeit des einen Systems immer die andere, und man muß zur
Ausgleichung das Nötige tun. Dazu ist es notwendig, daß man eine
Möglichkeit sich aneignet, aufmerksam zu sein, wie die Kinder sich
äußern, so daß die Äußerung dann für einen gewissermaßen die
Offenbarung wird, was man mit dem Kinde zu tun hat, um es völlig
harmonisch gesund zu bekommen.
Und da handelt es sich darum, daß man zum Hygienischen in der Tat
sich klarzumachen hat, daß zum Beispiel auf das Nerven-Sinnes-
system in günstiger Weise gewirkt werden kann, wenn man gerade die
richtige Kochsalzmenge den Speisen beizubringen weiß, die die
Kinder zu genießen haben. So daß also, wenn man bemerkt, ein Kind
ist gewissermaßen leicht dazu geneigt, unaufmerksam zu sein,
flüchtig hinwegzugehen über dasjenige, was man als Lehrer ent-
wickelt vor dem Kinde — das Kind ist, man könnte auch sagen, zu
sehr ein Sanguiniker oder ein Phlegmatiker —, dann wird man auf
irgendeine Weise es bewirken müssen, daß das Kind die Bildekräfte
angeregt bekommt, die es befähigen, stärker aufmerksam zu sein auf
die Außenwelt, und das geschieht durch Beibringung des Salzigen.
Man wird nachgehen können, wenn man, sagen wir, Kinder hat in der
Schule, die unaufmerksam sind, die Flüchtigkeit entwickeln, man
wird nachgehen können und finden, daß dann der Organismus nicht
in der richtigen Weise Salziges verarbeitet.
Es wird oftmals nicht hinreichen, wenn der Fall ganz besonders
auffällig liegt, daß man den Rat gibt, in die Speisen soll Salz auf-
genommen worden. Man wird bemerken, daß aus irgendeiner Un-
kenntnis oder Schlampigkeit heraus die Eltern die Speisen zu wenig
salzen; da kann man mit Ratschlägen bei der Hand sein. Es kann aber
auch sein, daß der Organismus als solcher die Salzaufnahme verwei-
gert. In einem solchen Falle kommt man der richtigen Salzaufnahme
zu Hilfe dadurch, daß man in einer entsprecriend sehr verdünnten
Dosierung Bleiverbindungen verwendet. Denn Blei ist dasjenige, was
den menschlichen Organismus anregt, das Salzaftige in der richtigen
Weise zu verarbeiten, bis zu einer gewissen Grenze hin. Geht es über
diese Grenze hinaus, so wird der Organismus natürlich krank davon.
Es handelt sich darum, daß man es zur richtigen Grenze bringt, und
man muß bemerken, daß ein Kind gewissermaßen, ich will sagen, die
ersten Spuren einer gehirnrachitischen Anlage hat. Das haben viele
Kinder. Dann merkt man, daß man den ganzen Heilungsprozeß in die
Linie bringen muß, die ich jetzt eben angedeutet habe.
Nun besteht tatsächlich ein großer Mangel bei vielen Erziehungs-
systemen, daß man eben auf-solche Dinge gar nicht achtet, daß man
zum Beispiel schon das Äußere der Kinder gar nicht beachtet. Man
wird sich vor eine Schule hinstellen können und wird bemerken
können, man hat großköpfige Kinder und kieinköpfige Kinder vor
sich. Die großköpfigen Kinder sind in der Regel diejenigen, die so
behandelt werden müssen, wie ich es Ihnen dargelegt habe. Die
Kleinköpfigen werden nicht so zu behandeln sein, sondern so, wie
ich es Ihnen nachher sagen werde. An der besonders physisch großen
Kopfausbildung zeigt sich also dasjenige, was ich jetzt an Mängeln
durch Flüchtigkeit und durch zu starkes Phlegma angedeutet habe.
Nun haben wir dann diejenigen Kinder, die, ich möchte sagen, die
entgegengesetzte Anlage haben, deren Gliedmaßen-Stoffwechsel-
system nicht stark genug in die Tätigkeit des ganzen Menschen ein-
greift. Ich möchte sagen, solche Kinder besorgen ja organisch ihren
Stoffwechsel, aber sie dehnen dasjenige nicht genügend aus in ihr
ganzes menschliches Wesen, was eben der Stoffwechsel für den gan-
zen menschlichen Organismus sein soll. Solche Kinder zeigen äußer-
lich der Beobachtung, daß sie gerne brüten, daß sie aber auch wieder-
um von äußeren Eindrücken zu stark irritiert werden, daß sie zu stark
Bei solcher Gelegenheit aber, meine lieben Freunde, muß man doch
immer wieder und wieder erwähnen, daß vor allen Dingen schon
durch den Unterricht selber dafür gesorgt werden sollte, daß das
Sinnes-Nervensystem auf der einen Seite und das Gliedmaßen-Stoff-
wechselsystem auf der anderen Seite sich in der richtigen Weise
zueinander verhalten. Daß sie sich nicht in der richtigen Weise ver-
halten, zeigt sich durch jede Unregelmäßigkeit des rhythmischen
Systems. Merkt man in der geringsten Weise beim Kinde eine Un-
regelmäßigkeit in der Atmung, eine Unregelmäßigkeit in der Zirku-
lation, so sollte man das sofort beachten, denn dieses System ist das
organische Barometer für das unrichtige Zusammenwirken, ich
möchte sagen, des Kopf- und des Gliedmaßen-Stoffwechselorganis-
mus. Man sollte dann, wenn man so etwas bemerkt, erstens sich
sofort fragen, was ist da nicht in Ordnung im Zusammenwirken der
beiden Systeme; zweitens aber sollte man — ich will heute nicht
eingehen auf einzelne Dinge, Hygienisches des Schulzimmers, davon
wollen wir das nächste Mal reden; ich will heute nur etwas Prinzi-
pielles sagen —, ebenso sollte man wirklich sich ganz klar darüber
sein, daß man im Unterricht in der entsprechenden Weise abwech-
seln muß zwischen einem Element, das das Kind dazu bringt, an
seine Peripherie, an seine Körperperipherie zu gehen, und dann wie-
der einem solchen, das es dazu bringt, in sich hineinzugehen.
Ein Lehrer in der Klasse, der zwei Stunden unterrichten kann, ohne
daß er in diesen zwei Stunden die Kinder irgendwie zum Lachen
bringt, ist ein schlechter Lehrer, weil er die Kinder niemals dazu
veranlaßt, an die Oberfläche ihres Körpers zu gehen. Ein Lehrer, der
es nicht dazu bringt, in leisester Weise wenigstens die Kinder zu
rühren durch etwas, daß sie in sich gehen, ist auch ein schlechter
Lehrer, denn es muß ein Abwechseln sein, extrem gesprochen, zwi-
schen humorvoller Stimmung, indem die Kinder lachen, es braucht
nicht zum Lachen zu kommen, sie müssen innerlich lustig sein — und
tragischer, gerührter Stimmung, Weinen, sie brauchen nicht zu flen-
nen, aber sie müssen in sich gehen. Das ist dasjenige, was notwendig
ist, Stimmung hineinzubringen in den Unterricht. Das ist eine hygie-
nische Maßregel, diese Möglichkeit, Stimmung hineinzubringen in
den Unterricht.
Tragen Sie Ihre eigene Schwere, die in Ihrem Privatleben berechtigt
sein mag, in den Unterricht hinein, so sollten Sie eigentlich lieber
nicht Erzieher sein. Es ist durchaus nötig, daß man die Kinder auch
an die Körperperipherie des Erlebens bringt. Wenn man es nicht
anders kann, so versuche man wenigstens, am Ende der Stunde
kann seine Sache verdauen, indem Sie ordentlich in der Klasse sind.
Überhaupt die moralische Verfassung des Lehrers hat eine große
hygienische Bedeutung.
Das sind die Dinge, von denen ich heute habe zu Ihnen sprechen
wollen. Die werden nun zunächst weiter verarbeitet werden.
Ist vielleicht im Anschluß daran das eine oder das andere, was Sie
gerne mich fragen würden?
X.: Wir haben uns schon früher gefragt, wie die drei Systeme mit den Tempe-
ramenten zusammenhängen.
Dr. Steiner: Das phlegmatische und sanguinische Temperament
hängt zusammen mit dem Nerven-Sinnessystem; das cholerische und
melancholische mit dem Stoffwechsel-Gliedmaßensystem.
X.: Es wurde von flüchtigen Kindern gesprochen, daß die Großköpfigen so
sind. Ich habe aber in meiner Klasse ein sehr flüchtiges Kind, das kleinköpfig
ist.
Dr. Steiner: Ein kleiner Kopf hängt zusammen mit dem Brüten, dem
Nachdenken, während Großköpfige mehr flüchtig sind. Wenn das
nicht stimmt, so beurteilen Sie das nicht richtig. Ein Kleinköpfiges,
das sehr flüchtig ist, ist sicher nicht nach richtigen Anschauungen
beurteilt. Diese Dinge sind orientierend. Man muß geradezu nach
den richtigen Anschauungen erst die Natur anschauen. Zeigen Sie
es mir einmal. Sie können nämlich manchmal ein brütendes Kind für
oberflächlich nehmen. Es kann sein, daß sich ein Brüten kaschiert
durch Oberflächlichkeit. Beim Kind ist das leicht möglich.
X.; Haben diese Angaben eine bestimmte Altersgrenze?
Dr. Steiner: Sie gelten etwa bis zum siebzehnten, achtzehnten
Lebensjahr.
X. fragt wegen einer Schülerin der oberen Klassen, die öfters Essigwasser zu trin-
ken begehrt.
Dr. Steiner: Man kann das so durchschauen, daß das Kind gar keine
Anlage hat zu irgendwelcher Konzentration. Es fehlt ihr die Fähig-
keit der Konzentration ganz. Und nun ist sie aber doch ab und zu
dazu veranlaßt, sich irgendwie zu konzentrieren, nicht nur von
außen, sondern durch ihren eigenen Organismus, und das will sie sich
vom Halse schaffen dadurch, daß sie das Essigwasser verlangt. Sie ist
so, daß sie sich nicht konzentrieren kann. Der Körper verlangt das
manchmal. Nun will sie sich das erobern dadurch, daß sie Essigwasser
trinkt. Man soll ihr da nicht entgegenkommen.
X.: Was ist mit Kindern anzufangen, die sich absolut nicht konzentrieren
können?
Dr. Steiner: Bei denen ist es sogar nicht schlecht, wenn man ver-
sucht, aber in einer mäßigen Weise, ihnen Zuckeriges beizubringen,
also sie auf eine süße Diät, nicht auf eine salzige zu stellen.
Es wird gefragt wegen eines Mädchens in der 1. Klasse.
Dr. Steiner: Die müßte so behandelt werden, daß man versucht, die
Eltern zu veranlassen, ihr warme Bauch um schlage zu geben, viel-
leicht sogar feuchtwarm, durch längere Zeit hindurch, so daß der
astralische Leib gründlicher sitzt im Gliedmaßen-Stoffwechsel-
menschen. Silber ist das rechte bei ihr. Sie ist eben darauf angewie-
sen, daß man bei ihr das Gliedmaßen-Stoffwechselsystem veranlaßt,
die Tätigkeit des astralischen Leibes aufzunehmen. Silber, Bauch-
umschläge und so weiter. Sie ist ein Kind, das gar nicht in sich lebt;
sie lebt gar nicht in ihrem Stoffwechsel. Man muß das ganze Bild vor
sich haben, wenn man die einzelnen Fälle behandeln will.
Der Schularzt: Ich hatte mir gedacht, daß man es später so organisiert, daß
man jeden Tag die Kinder vornimmt.
Dr. Steiner: Ich habe das heute für den kindlichen Organismus spe-
zialisiert. Vielleicht wäre es gut, wenn das nun mit dem Ärztekurs so
durchgegangen würde; das kann dann weiter spezialisiert werden.
Wir haben den Bericht über die Verwaltungs-Neuregelung, der gelie-
fert worden ist.
X.: Ich habe den Bericht aufgesetzt, der das fixiert, was bei der Konferenz
besprochen worden ist. Es ist dasjenige, womit das vorbereitende Komitee
seine Arbeit als vorläufig beendet betrachtet. Das Weitere, was zu erfolgen
hätte, würde Sache des Verwaltungsausschusses sein.
Dr. Steiner: Es würde gut sein, wenn wir die Freunde veranlassen
würden, falls es notwendig ist, sich bei den einzelnen Punkten zu
äußern.
Der zur Zeit amtierende Verwaltungsrat: Es scheint mir wichtig, auf eine neue
Einstellung bei unseren Konferenzen hinzuarbeiten. Es sollte niemand hier
sein, der die Meinung hat, die Konferenz sei nicht notwendig. Die Gleich-
gültigkeit, mit der wir bisher in die Konferenz gekommen sind, muß ver-
schwinden. Ich denke, wir können von vorneherein in die Konferenzen die
Stimmung hereinbringen, die die Konferenz wichtig erscheinen läßt. Ich
meine, in den Konferenzen kann wieder etwas zustande kommen, was früher
in viel stärkerem Maße vorhanden war, als unsere anfänglichen Stunden in uns
nachwirkten. Das ist nicht ein neuer Gedanke von mir. Die Verwaltungs-
angelegenheiten werden wir uns bemühen, nicht vor die Konferenz zu
bringen.
Die Eltern haben gefragt, ob sie einen Vortrag bekommen.
Dr. Steiner: Ist es nicht so, wie es bei allen solchen Dingen ist, daß
eigentlich derjenige, der unzufrieden ist mit den Zusammenkünften
oder was immer, viel dazu beitragen kann, sie besser zu machen,
indem er persönlich in der Konferenz selbst sich bemüht, es besser zu
machen? Wenn die Konferenz zu häßlich erscheint, können Sie sich
nicht bemühen, sie möglichst schön zu machen? Wenn Sie also sel-
ber bemerken, daß es Ihnen schwer wird, daß Sie etwas abschütteln
müssen nach der Konferenz, so wird die Sache besser, wenn Sie sich
so verhalten, daß die anderen sich wohlfühlen, wenn sie weggehen.
Bei der nächsten Konferenz werden Sie sich auch wohlfühlen. Man
sollte von den Konferenzen nichts verlangen, sondern mehr die
Meinung haben, man sollte geben. Die Kritik an solchen Dingen ist
nicht das Fruchtbare, sondern die Versuche, die Sache in sich selbst
zu verbessern.
Vieles von dem, was Sie gesagt haben, liegt wirklich auf dem Gebiete,
das schon mehr Nachdenken erfordern würde, als man ihm hier in
der Schule widmet: das gegenseitige Verkehren in der Lehrerschaft.
Man kann jetzt wirklich sagen, daß man, immer Ausnahmen abge-
rechnet und Dinge, die im einzelnen verbessert werden können, dies
nicht bedenkend, kann man immerhin sagen, der Unterricht hat in
der letzten Zeit wieder etwas Befriedigendes bekommen, hat sich
sehr gehoben. Dagegen waltet über dem Lehrerkollegium, nament-
lich im gegenseitigen Verkehr, eine gewisse Kälte, eine Frostigkeit.
Und nur dann können die Konferenzen Mißstimmung hervorrufen,
wenn diese Frostigkeit eine zu große ist. Aber gegen diese Frostigkeit
sollte wirklich angegangen werden bei allem, was gegenseitiger Ver-
kehr der Lehrer ist.
Wenn Sie sagen, man kann sich bei den Konferenzen nicht kennen-
lernen, so erscheint es mir sonderbar bei einer Körperschaft, die
immer beieinander ist vom Morgen bis zum Abend, nach jeder Pause
sich trifft, in jeder Pause Gelegenheit hat, durch gegenseitiges Sich-
Belächeln, freundlich gegeneinander reden, warme Dinge austau-
schen, die soviel Gelegenheit hat, einen gewissen Schwung zu ent-
wickeln, ich kann nicht verstehen, wie man da erst nötig hat, sich an
die Konferenzen zu wenden. In den Konferenzen gibt man sich das
Beste, was man sich geben kann. Das ist dasjenige, daß zuviel anein-
ander vorübergegangen wird im Kollegium, daß man nicht sich
gegenseitig genügend belächelt. Man kann gegenseitig sich einmal
derb die Wahrheit sagen, das fördert die Verdauung, das schadet
nichts, wenn es am richtigen Orte geschieht. Aber man muß solch ein
gegenseitiges Verhalten haben, daß jeder von dem anderen weiß, der
fühlt nicht nur mit mir so, weil ich ihm sympathisch bin oder unsym-
pathisch, sondern weil ich mit ihm zusammen ein Waldorflehrer bin.
Das ist auch das, was im allgemeinen in Stuttgart für die Anthro-
posophie notwendig ist. Die Leute begegnen sich hier in der Anthro-
posophischen Gesellschaft so, wie sie sich auch sonst begegnen
würden. Aber dasjenige, was notwendig ist, daß man sich auch begeg-
net in einer gewissen Weise, indem man selbst Anthroposoph ist, und
der andere ist es, wenn man selbst Lehrer der Waldorfschule ist, und
der andere ist es, das gibt einen besonderen Timbre im Lächeln und
im Vorwürfe machen, in jeder Äußerung, die gegenseitig gemacht
wird, wenn man sich in den Zwischenpausen begegnet. Sauertöpfi-
sche Gesichter sehe ich zuviel. Das ist eben etwas, worauf die Auf-
merksamkeit gelenkt werden muß.
Deshalb habe ich eine Art von Starrkrampf bekommen, wie von
Mißstimmung bei den Konferenzen gesprochen worden ist, da dann
auch sonst irgend etwas von Mißstimmung gegeneinander vorhanden
sein muß oder von Gleichgültigkeitsstimmung. Ich kann nicht ver-
stehen, wie nicht eigentlich die Stimmung herrschen kann: Ich bin
todfroh, wenn ich mit allen Waldorflehrern um einen Tisch herum-
sitze. Das wäre die richtige Stimmung: Nun war schon acht Tage
keine Konferenz; ich bin heilfroh, daß ich mit allen zusammensitzen
kann. Wenn man das sieht, daß es nicht so ist, bekommt man eine
Art von Starrkrampf. Es gibt doch keinen Waldorflehrer, der nicht
einen anderen Waldorflehrer mit Wohlwollen ansieht. Man braucht
nicht Gewissensfragen vor dem Plenum erledigen. Wenn man so
steht, wie die Mitglieder des Kollegiums, so kann man sagen, das
machen wir eben einzeln ab. Ich könnte mir vorstellen, daß alles
taktvoll verlaufen würde.
Gewiß, es ist ganz schön, wenn die Lehrer ab und zu zu einer Art
Picknick zusammenkommen. Die Konferenzen sind schon etwas,
was der einzelne sehen sollte, möglichst anregend für alle zu machen,
so daß er keine Veranlassung hat zu schimpfen. Wenn einem die Idee
kommt zu schimpfen, so müßte er denken: Donnerwetter, was muß
ich tun, damit die Sache das nächste Mal besser ist. - Oder man
müßte eine Art von Sonderling sein, und das ist man nur, wenn man
Stimmung gegen die Konferenz haben sollte. Sind sonst noch Mal-
kontenten?
X.: Die Disziplinfrage wird immer besprochen, ohne daß etwas Positives her-
auskommt.
Dr. Steiner: Im allgemeinen ist es so, daß in den ersten Klassen die
Disziplin so ist, daß man manches dagegen einwenden könnte. In den
höheren Klassen ist doch gegen die Disziplin nicht so furchtbar viel
einzuwenden. Und ich weiß nicht, wie Sie eigentlich noch stärkere
Musterkinder haben sollten. Sie haben doch Durchschnittskinder!
Und in gewissem Sinne kann ich doch nur sagen — von diesem abge-
sehen, daß in den ersten Klassen die Kinder unruhig sein müssen —,
ich habe Klassen gesehen, die ausgezeichnet sind in bezug auf Diszi-
plin. Es kann doch diese Disziplinfrage eine ewige Unruhe sein. Und
wenn sie es ist, dann müßte sie erst recht fortdauernd behandelt
werden. Wir können doch uns unmöglich in die Stimmung versetzen,
wir wollen die Disziplin frage auf den Konferenzen nicht behandeln,
weil es uns unangenehm ist. Wir müssen sie um so mehr behandeln.
Ich möchte eine Frage in Anlehnung an die Disziplinfrage erwähnen,
die eine Art legendarischer Bedeutung hat. Vielleicht spielt sie außer-
halb der Schule in der Firma (der Waldorf-Astoria). Es ist vielleicht
nach der Ansicht von manchen keine Konferenzfrage. Auf der ande-
ren Seite weiß ich nicht, welche Mitglieder des Kollegiums ich zur
Besprechung dieser Frage zusammenrufen sollte. Es ist nicht not-
wendig, daß bei dieser Frage auf den einen oder anderen hingedeutet
wird.
Es gäbe auch in der Waldorfschule Lehrer, welche hauen, Ohrfeigen
geben und dergleichen. Ich würde das gern im Privatgespräch behan-
deln. Es kommt vor, daß gesagt wird, Waldorflehrer hauen. Nun
haben wir oftmals über diese Haufrage gesprochen. Es ist so, daß man
durch das Prügeln nicht die Disziplin hebt, sondern sie verschlech-
tert. Das ist etwas, was man berücksichtigen muß. Nun ist die Frage,
vielleicht wird niemand darüber Auskunft geben können, ist das eine
bloße Legende, wie sich überhaupt verleumderische Legenden ver-
Dr. Steiner: Sicher ist es pädagogisch nicht richtig gefragt, wenn man
also zuwenig Rücksicht nimmt auf das persönliche Verhältnis zu den
Kindern. Gewiß, das ist schwierig herzustellen. Es muß einfach her-
gestellt werden, und es läßt sich im einzelnen Falle herstellen. Beden-
ken Sie doch nur, daß der Unterricht in den Sprachen außerordent-
lich ungleich ist. Es ist zum Beispiel, trotzdem wir die Waldorfschul-
Pädagogik haben, manchmal in den Klassen reichlich viel Grammatik
da. Und das vertragen die Kinder nicht. Es ist mir manchmal ganz
unverständlich, wie man überhaupt die Kinder ruhig halten kann,
wenn man ihnen, so wie es geschieht, von Adverbium und Konjunk-
tiv und so weiter redet. Denn eigentlich ist das etwas, was ein nor-
males Kind gar nicht interessieren kann. Es kann höchstens dahin
kommen, daß die Kinder aus Liebe zum Lehrer Disziplin halten. Die
Frage nach dem Grammatikalischen sollte im Sprachunterricht kei-
nen Tadel begründen. Das würde erst spruchreif werden, wenn sich
alle Sprachlehrer hier in der Waldorfschule — es ist ja so riesig viel zu
tun —, wenn sich alle Sprachlehrer zusammenfinden würden, um
nun, nicht wahr, die Möglichkeiten herauszufinden, nicht immer von
Unverständlichem den Kindern zu reden. Es kommt darauf an, daß
sich die Kinder in der Sprache ausdrücken können, nicht daß sie
wissen, was ein Adverb oder Konjunktiv ist. Sie lernen schon, aber
so, wie ich es in mancher Klasse gesehen habe, wie diese Dinge
gehandhabt werden, ist es noch nicht Waldorfpädagogik. Und das ist
etwas, was in den Konferenzen besprochen werden müßte. Es sind so
viele Sprachlehrer hier, und da geht jeder vereinzelt seinen Weg und
kümmert sich viel zuwenig um die anderen. Da kann wirklich einer
dem anderen sehr stark helfen. Ich kann mir schon denken, daß die
Kinder unruhig werden, weil sie nicht wissen, was man von ihnen
will. Der Sprachunterricht ist lange Zeit doch zu stark auf die leichte
Achsel genommen worden.
X.: Wir Sprachlehrer haben schon damit begonnen.
Dr. Steiner: Neulich war ich in einer Klasse, da war vom Präsens die
Rede und Imperfekt. Was sollen die Kinder damit anfangen, wenn es
nicht im lateinischen Unterricht ist? Was sollen die Kinder mit die-
sen Ausdrücken anfangen? Man muß ein Herz dafür haben, daß so
vieles, was der Menschennatur nicht entspricht, gerade in so etwas
wie den Grammatikunterricht eingezogen ist. Es ist klar, daß in den
Schulen, wo man die Disziplin auf äußerliche Weise aufrechterhält,
leichter Disziplin gehalten werden kann, als in einer Schule, wo die
Schüler durch den Wert des Unterrichts zusammengehalten werden
sollen. Ich sage nicht, daß man diese Ausdrücke, Präsens, Konjunk-
tiv, Indikativ, abschaffen soll, sondern man soll den Unterricht so
handhaben, daß die Kinder etwas damit anfangen können. Ich habe
bemerkt, daß die Kinder nichts damit anfangen konnten.
X.; In der obersten Klasse ist Examensangst; in den mittleren Klassen fehlt
der Fond.
Dr. Steiner: Das, was fehlt, ist nicht das. Sie müssen schon das Feh-
lende auf ganz anderen Gebieten suchen. Was fehlt, ist nicht das! Es
ist furchtbar schwer zu sagen, wenn ich jetzt nicht vom spezifischen
Sprachunterricht spreche, den ich besser finde als den Grammatik-
unterricht. Der spezifische Sprachunterricht ist bei den meisten, die
hier Sprachunterricht erteilen, besser als ihr Grammatikunterricht.
Ich finde vor allen Dingen, der Hauptmangel ist darin, daß die Lehrer
selbst nicht Grammatik können, daß die Lehrer gar keine lebendige
Grammatik in sich tragen. Nehmen Sie mir das nicht übel, wenn Sie
die Konferenz dazu verwenden würden, um selbst etwas von der
Grammatik zu lernen! Ich muß sagen, die Art, wie die grammatika-
lische Terminologie verwendet wird, das finde ich so greulich. Und
wäre ich Schüler, ich würde auch nicht aufpassen. Ich würde Krakeel
schlagen, weil ich nicht wissen würde, warum man mir diese Sachen
an den Kopf wirft. Es handelt sich darum, daß die Zeit nicht genü-
gend benützt worden ist, daß die Lehrer sich selbst aneignen, wie ein
vernünftiges grammatikalisches Können selbst erworben wird. Dann
wirkt es anregend auf die Schüler. Der grammatische Unterricht ist
etwas Schreckliches, verbatim gesprochen. Etwas, was äußerlich
gemacht wird. So daß er eigentlich das greulichste ist, was man in der
Schule macht. All solches Zeug, das da in den Büchern steht über
Grammatik, das sollte man eigentlich durch einen großen Feuer-
brand vernichten. Da muß Lebendiges hineinkommen! Und dann,
nicht wahr, die Schüler bekommen eben nicht die Empfindung
dafür, was ein Perfektum ist, was ein Präsens ist, während sie diese
nützlich, wenn man selbst darüber etwas weiß. Dann wird man die
anderen Dinge entsprechend behandeln. Jetzt können Sie nichts
anderes tun, als das Problem der Könige in der „Chymischen Hoch-
zeit" den Kindern möglichst anschaulich zu bringen, daß man sie
aufmerksam macht, wie ein Motiv ins andere hinübergeht.
X.: Wie soll ich das verbinden?
Dr. Steiner: Die Sache ist nur diese, dies Motiv der drei Könige, das
geht durch, und man hat sie in der ,,Chymischen Hochzeit" wieder
und im Goetheschen ,,Märchen". Nun zeige man, wie dieselbe Vor-
stellung durch Jahrhunderte wirkt. Dann können Sie andere Motive,
die durch Jahrhunderte wirken, erzählen. Es gibt eine große Menge
von Motiven, die durch Jahrhunderte wirken. Denken Sie einmal, ich
habe Sie aufmerksam gemacht, Sie sehen Faust und Mephisto als
Robert und Trast in Sudermanns „Ehre".
X.: Ich habe im Kunstunterricht in der 10. Klasse entwickelt, wie auf der
einen Seite Schiller in der ,,Braut von Messina" aus dem Wort zu einer musi-
kalischen Wirkung kommen will, wie auf der anderen Seite Beethoven in der
9. Symphonie durch die Menschenstimme zum Worte drängt. Dabei begegnete
er sich mit Schiller, in der Ode an die Freude. Richard Wagner hat dies sehr
stark empfunden.
Dr. Steiner: Es wird ganz besonders wichtig sein, diese Stellung von
Schiller zu Beethoven stark in den Mittelpunkt zu rücken. Das wer-
den die Kinder dieses Lebensalters am allertiefsten empfinden. Dann
kommen Sie mit dem, was Sie über den ,,Parsifal" sagen wollen, am
leichtesten zurecht, namentlich, wenn Sie das zu einer Art drama-
tischem Mittelpunkt machen, den Chor auf einer Seite in Schillers
,.Braut von Messina".
Dr. Steiner: Es ist zu uns gekommen ein Antrag für den nächsten
Elternabend von Herrn Dr. Karutz, der eine prinzipielle Bespre-
chung fordert hier im Kollegium, bevor er in der Öffentlichkeit
behandelt wird, die für den Elternabend vorhanden ist. Dieser
Antrag müßte jetzt von uns besprochen werden, und wir müßten,
wenigstens innerhalb des Kollegiums, über die Sache eine Ansicht
ausarbeiten. Ich habe deshalb Herrn Dr. Karutz gebeten, die erste
Stunde unserer Lehrerkonferenz mit uns zuzubringen, damit er
eventuell dasjenige, was im Brief steht, weiter erläutern wird, und
dann damit eben dasjenige zur Geltung kommt, was das Kollegium in
dieser Angelegenheit zu sagen hat. (Der Brief wird vorgelesen.)
Nun, nicht wahr, der Brief ist vorgelesen worden, und es ist eine
Frage, die zunächst wegen ihrer prinzipiellen Bedeutung hier bespro-
chen werden muß. Im Elternabend selbst würde es ja schwer sein,
eine ruhige, sachliche Besprechung herbeizuführen, und deshalb
möchte ich, daß mindestens, weil ich im Elternabend nicht da sein
kann, die Frage hier besprochen wird. Deshalb habe ich gebeten, uns
zu sagen, was Sie sagen möchten.
Dr. Karutz begründet seinen Vorschlag als nicht politisch, sondern kulturell
gemeinten. Es sollte von der Elternschaft ein möglichst einmütiger Entschluß
gefaßt werden, daß die französische Sprache als Pflicht-Unterrichtsfach abge-
schafft werden solle. Als Ersatz käme in erster Linie Russisch in Frage.
Dr. Steiner: Die Frage hat verschiedene Seiten. Die erste ist die gei-
stig-kulturelle Seite. Die muß jedenfalls in einem ernst zu neh-
menden pädagogischen System berücksichtigt werden.
Wir sehen heute in der Unternehmung der Franzosen * eigentlich
etwas, das zunächst, wenn es äußerlich betrachtet wird, im Grunde
ziemlich unerklärlich ist; unerklärlich deshalb, weil ja sogar auch
vom Standpunkt der Franzosen eingesehen werden könnte, daß
auch Frankreich nicht auf seine Rechnung kommt bei dem, was
heute unternommen wird. Man muß die Sache nicht bloß von dem
vorübergehenden politischen Gesichtspunkt nehmen, sondern von
einer historisch-politischen Seite ansehen. Die Sache ist diese, daß,
was Frankreich heute tut, etwas ist, wie das Geschütteltwerden, das
letzte Toben — nur, in der Geschichte dauern die letzten Dinge
lang —, das letzte Toben eines untergehenden, eines aus der Erd-
* Gemeint ist die Ruhrbesetzung.
das Lebenslicht ausblasen würde, wenn sie solche Dinge macht, eine
einzelne Privatschule kann das nicht tun.
Es wäre auch nicht viel getan. Der Unterschied im ganzen Kultur-
status des deutschen Reiches wäre kein sehr großer, ob unsere Wal-
dorfschüler das Französische mitbekommen oder nicht bekommen.
Dagegen würde eine Kulturtat getan werden, wenn zum Beispiel alle
Dinge, die verbunden sind mit der falschen Einschätzung der fran-
zösischen Sprache in mitteleuropäischen Ländern, wenn diese fal-
sche Einschätzung überwunden würde durch eine wirkliche Erkennt-
nis solcher Dinge, wie ich mir erlaubt habe vorhin zu sagen, und wie
sie auch Dr. Karutz angedeutet hat. Wenn man dies einsehen würde,
und das in Fleisch und Blut übergehen würde, und wenn dann das
Französische in gesunder Weise aus den Schulen verschwindet, so
wäre das ein Weg, der eine Kulturtat wäre. Es muß in der richtigen
Weise angefangen werden durch eine geistige Bewegung, die sich
daraufrichtet, unter Zugrundelegung eines rechten Werturteils über
das Französische, das Französische aus den Schulen zu verdrängen.
Heute ist es so, daß das Französische nicht gelten kann als etwas, was
aus praktischen Gründen gelernt werden soll. Ich glaube, daß dafür
die Dinge nicht einmal vor dem Krieg so stark vorlagen. Das Fran-
zösische hat sein Ansehen und seine Wertschätzung für den Unter-
richt in außerfranzösischen Ländern nicht durch seine kommerzielle
Bedeutung erlangt, sondern durch seinen Gebrauch als Diplomaten-
sjDrache, und durch das Nachplappern in den Salons der sogenannten
besseren Gesellschaftskreise. Das ist von dem Gebrauch als Diplo-
materrsprache gekommen. Da könnte man wirklich zwei Fliegen mit
einem Schlage treffen, wenn man so etwas mit der nötigen Schlag-
kraft und Stoßkraft durchsetzt, man würde das Französische und die
Diplomatie in ihrer Dekadenz treffen. Man würde zeigen, daß die
Diplomatie ebenso dekadent ist, weil man in der Diplomatie lügen
muß. Im Kriege beruhen die Erfolge darauf, daß man die fremden
Heereskörper umstellt; Kriegstechnik ist das Täuschen des Gegners.
Die Diplomatie — es ist der sonderbare Satz ausgesprochen worden:
Der Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln — das
ist so geistreich wie: Die Scheidung ist die Fortsetzung der Ehe mit
anderen Mitteln —, die Diplomatie besteht tatsächlich in einer Art
der Anwendung derselben Mittel auf einem anderen Niveau, die der
Krieg in der Täuschung des Gegners anwendet. Dazu braucht man
eine Sprache, mit der man täuschen kann. Es war ein großer Irrtum
von Nietzsche, als er die deutsche Sprache die Täuschesprache
nannte. Die französische Sprache ist die, nicht Täusche-, sondern
heute auf morgen sich die Dinge rasch ändern können, wird man
auch seine Entschlüsse danach einrichten. Ich bin aber nicht sicher,
wenn jetzt das Französische abgeschafft wird, daß es nicht nach
einiger Zeit wieder eingeführt wird, wenn nicht in der Tiefe der
Menschenseelen etwas Tieferes Platz greift.
X.: Der bayrische Beschluß spielt seit Jahren.
Dr. Steiner: Er ist erst jetzt zustande gekommen. Wenn es uns nahe-
liegt, werden wir der französischen Sprache keine Träne nachwei-
nen. Vielleicht äußern sich die Lehrer des Französischen?
X.: So ganz ohne weiteres könnte man es nicht machen.
Dr. Steiner: Diese Fragen werden wir erledigen, wenn sie aktuell
geworden sind.
X.: Ich habe gedacht, daß man die Geistigkeit einer Sprache eher faßt, wenn
sie am Ersterben ist.
Dr. Steiner: Das ist beim Menschen der Fall, nicht bei der Sprache.
Die französische Sprache ist ja mehr abgestorben als Sprache, als die
lateinische Sprache im Mittelalter war, als sie doch schon eine tote
Sprache war. Innerlich lebte in der lateinischen Sprache mehr Geist,
als sie Kirchen- und Küchenlatein war, als in der französischen
Sprache heute lebt. Was die französische Sprache aufrecht erhält, ist
der Furor, das Blut der Franzosen. Die Sprache ist eigentlich tot, und
sie wird als Leichnam fortgesprochen. Das ist am allerstärksten an
der französischen Poesie des 19. Jahrhunderts hervorgetreten. Kor-
rumpiert wird die Seele ganz sicher durch den Gebrauch der franzö-
sischen Sprache. Sie gewinnt nichts als die Möglichkeit einer gewis-
sen Phraseologie. Das wird auch übertragen auf andere Sprachen bei
denjenigen, die das Französische mit Enthusiasmus sprechen. Es
liegt dies vor, daß gegenwärtig die Franzosen dasjenige, was ihre
Sprache als Leichnamssprache aufrechterhalten hat, das Blut, auch
noch selbst verderben. Die schreckliche Kulturbrutalität der Ver-
pflanzung der schwarzen Menschen nach Europa, es ist eine furcht-
bare Tat, die der Franzose an anderen tut. Sie wirkt in noch schlim-
merer Weise auf Frankreich selbst zurück. Auf das Blut, auf die Rasse
wirkt das unglaublich stark zurück. Das wird wesentlich die franzö-
sische Dekadenz fördern. Das französische Volk als Rasse wird
zurückgebracht.
Frau Dr. Steiner: Man bemerkt das Kleidhafte und Ausgehöhlte der Sprache,
wenn man sie mit dem Italienischen vergleicht. Man findet im Italienischen
Dr. Steiner: Dasjenige, was wir als Ergebnis ziehen sollen, ist das, daß
wir, solange wir das Französische haben, mit der richtigen Gesinnung
und mit der richtigen Abschätzung des pädagogischen Wertes der
französischen Sprache den Unterricht erteilen. Das übrige müssen
wir der Geschichte der Zukunft überlassen.
Dr. Karutz geht fort.
Dr. Steiner: Meine lieben Freunde, wir mußten diese Frage behan-
deln, sonst wäre sie beim nächsten Elternabend erschienen, und ich
muß sagen, es würde mir nicht richtig erschienen sein, wenn man in
dieser halben oder dreiviertel Öffentlichkeit überhaupt bei uns diese
Frage anschnitte. Wir dürfen uns in bezug auf aktuelle Fragen — die
Frage ist eine aktuelle — nicht allzu stark exponieren. Das ist nicht
ein kompromißlerischer Standpunkt. Er ist gegeben durch die Tat-
sachen, daß wir die großen Linien und Züge nur durchbringen, wenn
wir uns nicht selbst Knüppel vor die Beine werfen, daß wir uns nicht
zu stark einlassen auf die Tagesfragen in der Pädagogik. Es wird uns
sonst das Lebenslicht ausgeblasen. Das müssen wir auch in bezug auf
die übrigens ja nicht so furchtbar wertvollen Fragen halten. Die Fra-
gen, die heute in bezug auf die Grundschule da sind, die beantworten
sich in dem Moment, wo Stimmung ist für die Waldorfschulmethode.
Alle Diskussionen über diese Dinge nehmen zu triviale Formen an.
Wir können uns ja, wenn irgendwo die Sachen aufgeworfen werden,
auch daran beteiligen, aber wir müssen das so halten.
Vielleicht ist irgend etwas zu besprechen? Es würde die Zeit nicht
reichen, um auch noch einen Vortrag über Medizinisches zu halten.
Aber können Sie für kurze Zeit etwas provozieren, daß Sie Aktuelles
zur Sprache bringen?
Es wird über das Fehlen vieler Kinder gesprochen.
Dr. Steiner: Es ist tatsächlich etwas, was nahetritt. Ich habe in der
1. Klasse nur neun von siebenundzwanzig Kindern gefunden. Es ist
ganz schrecklich. Wie steht es in den anderen Klassen?
X.: Ich habe in lb auch nur die Hälfte der Kinder gehabt.
Dr. Steiner: Diese Dinge hängen schon zusammen mit dem allgemei-
nen Ernährungszustand. Man muß sich klar sein darüber, daß diese
Dinge mit dreieinhalbjähriger Periodizität immer mehr ins Krank-
hafte übergehen, daß die Unterernährungsfolgen als Krankheiten
auftreten. Das ist dasjenige, was vernünftige Arzte wirklich in den
ersten Jahren des Krieges eingesehen haben. Nur der Abderhalden,
Dr. Steiner: Was wir jetzt anstreben müssen mit Rücksicht auf die
physiologische Korruption des kindlichen Organismus, ist das fol-
gende: Wir müssen versuchen, diejenigen Faktoren in Wirksamkeit
zu bringen, welche womöglich die Kräfte der zum Unterhalt des
menschlichen Organismus nötigen Funktionen versehen. Diese
Kräfte müssen wir in Wirksamkeit bringen. Sie müssen sich klar sein
darüber, daß einfach nur derjenige Gedanke über den menschlichen
Organismus der richtige ist, der die im Menschen auftretenden
Ernährungs- und Wachstumskräfte ansieht wie in einer Art Reservoir
befindlich. Das ist eine Frage, die tief in die okkulte Physiologie
hineinführt, wie man sich dieses Reservoir vorzustellen hat. Eigent-
lich muß man denken an ein Reservoir, das angelegt wird, und aus
dem die Kräfte der Ernährung und Verdauung und der rhythmischen
Vorgänge kommen.
Sie verstehen das am besten, wenn ich Sie aufmerksam mache auf
den Unterschied der vegetarischen und der Fleischnahrung. Wenn
Sie die Pflanze betrachten, so führt die Pflanze den mineralischen
und vegetabilischen Prozeß bis zu einer gewissen Stufe, so daß man
als Mensch weiter fortzuführen hat, was aus der irdischen Substanz
geworden ist von der Stufe, die es erlangt hat im Pflanzensein, bis zur
metamorphosischen Substanzumgestaltung, die es haben muß im
menschlichen Körper. Also vom Ende des Pflanzenseins bis zum
Menschsein muß die Pflanze ummetamorphosiert werden, wenn ich
sie aufnehme. Diese Kräfte sind im menschlichen Organismus ver-
fügbar nach verschiedenen Richtungen hin, indem Zuckerbildner da
sind, Fettwandler da sind, und Eiweißumbildner da sind, und die
Salze in einer gewissen, nahezu physisch-chemischen Weise im
Organismus verwendet werden. Diese Kräfte sind da.
Esse ich Fleisch, so habe ich da den mineralisch-vegetabilischen Pro-
zeß fortgesetzt über die Stufe des Pflanzenseins bis zum Tier, und ich
brauche dem Fleisch das nicht zukommen zu lassen, was ich der
Pflanze zukommen lassen muß, weil das Fleisch es schon im Tier an
sich erfahren hat. Das Fleisch ist schon umgewandelt im Tiere bis zur
Stufe, die ich selbst hervorbringen muß, wenn ich das vom Pflanzen-
sein aus besorgen muß. Wenn ich Ochsenfleisch esse, so muß ich
dasjenige, was sonst — wenn ich also, sagen wir, Gras, Kohl oder so
etwas esse, so muß ich dasjenige, was sonst der Ochse tut, das muß
ich der Pflanzennahrung angedeihen lassen. Wenn ich Ochsenfleisch
esse, so nimmt mir der Ochse diese innerliche Arbeit ab. Ich lasse in
meinem Kraftreservoir die Ochsenarbeit drin. Dadurch schoppe ich
mich an mit unverwendeten Kräften. Diese unverwendeten Kräfte
lasse ich in mir zurück. An denen trage ich eigentlich.
Es soll das kein fanatisches Reden für den Vegetarismus sein. Es kann
durchaus in den Vererbungsverhältnissen liegen. Im wesentlichen
aber ist das richtig, daß der Mensch seine innere Organisation nkht
voll ausnutzt, wenn er Fleisch ißt. Er verurteilt sich leichter zu gich-
tischen Zuständen, als wenn er seinen Organismus so weit trainiert,
daß er Vegetarier sein kann.
Früchte sind unter Umständen so, daß sogar die Arbeit, die man für
sie verrichten muß, weil man sie zurückverwandeln muß, eine noch
größere ist. Bringt man es zustande, diese Rückverwandlung, so ruft
man mehr Kräfte wach im Organismus. Man soll nicht glauben, daß
das Wachrufen von Kräften das Ermüdende ist; es ist unter Umstän-
den das Brachliegenlassen von Kräften das viel Ermüdendere, weil es
anschoppt die Kräfte. Da werden Sie verstehen, daß wir wie aus
einem Reservoir das Vollmaß der Kräfte nehmen oder Kräfte unbe-
nutzt lassen. Nun, das sagte ich nur, um gewissermaßen die Kräfte-
funktionen im Organismus auseinanderzusetzen.
Nun sind an dieser Kräfteentwickelung alle Glieder der mensch-
lichen Natur beteiligt, Ich, Astralleib, Ätherleib, physischer Leib,
alle sind beteiligt an der Verwendung dieser Kräfte. Nun ist es im
Menschen so, daß im wesentlichen eine Kräfteentfaltung stattfindet,
ich möchte sagen, in zentrifugaler Weise, von innen nach außen, von
unten nach oben könnte man auch sagen, je nach den verschiedenen
Partien des Körpers verschieden. Diese Kräfteentfaltung folgt im
wesentlichen den Bahnen des Blutes. Und es obliegt ihr die Beför-
derung von alldem, was in den Bahnen des Blutes liegt.
Diesem Kräftestrom steht ein anderer gegenüber — dieser Unter-
schied ist besonders wichtig für den kindlichen Organismus —, der
entlang den Nervenbahnen geht. Man hat überall diese zwei im
menschlichen Organismus vorliegenden Pole. Die Blutströmung geht
zum Beispiel beim Auge von innen bis nach außen, während man
dort die Nerven eben auch nur richtig betrachtet, wenn man sie von
außen nach innen betrachtet. Den Nervenbahnen entlang gehen die
zentripetalen Kräfte. Diese beiden Kräfte, die im wesentlichen ihre
Harmonie erlangen durch das Atmungs- und Zirkulationssystem, die
sind die beiden Pole der menschlichen dreigliedrigen Organisation.
aus. Und nun bittet sie, daß er in die Parallelklasse kommt. Ich habe
nichts einzuwenden, wenn dem Kinde gedient sein soll damit. Ich
möchte nur wissen, ob Herr K. es übernehmen würde. Es ist einer von
den wenigen Buben, die nicht von einer Dame unterrichtet werden
wollen. Würde die Parallelklasse auch eine Dame haben, so würde
man nicht darauf eingehen. Nachdem dies vorliegt, und wenn Sie
sonst keinen Grund haben, so würde es sich empfehlen, darauf ein-
zugehen.
Ist sonst etwas, was heute erledigt werden muß?
X.: Der Schüler S. R, möchte wegen seines Musikunterrichtes nicht teilneh-
men am Handfertigkeitsunterricht.
Dr. Steiner: Ja, da müssen wir, wenn diese Sache öfter vorkommt,
die Kategorie der außerordentlichen Schüler einrichten, die einfach
solche Umstellungen machen können, und für die die verantwort-
lichen Eltern erklären, daß sie darauf verzichten, daß die betreffen-
den Schüler zu unseren Lehrzielen gebracht werden. Man müßte
jeden einzelnen Fall so behandeln. Er muß außerordentlicher Schü-
ler werden.
X.: Die Kinder haben oft gefragt, was der tiefere Sinn wäre des Spinnen-
lernens.
Dr. Steiner: Das fügt sich in ihr Seelenleben ganz ausgezeichnet ein,
und sie lernen dadurch das praktische Leben wirklich kennen. Man
lernt nicht das praktische Leben wirklich kennen, wenn man sich
eine Sache bloß anschaut, sondern wenn man es so ausführt, wie es in
Wirklichkeit ausgeführt wird. Die Kinder sollen bloß bemerken: ein
Paar Stiefel machen lernen kann man auch in acht Tagen, aber
Schusterlehrling müßte man drei Jahre sein.
X. fragt wegen der Behandlung des Nibelungenliedes in der 10. Klasse.
Dr. Steiner: Nicht wahr, Sie haben es durchgenommen. Die Sache ist
diese, daß Sie die Kinder zuerst einführen in das ganze Milieu des
Nibelungenliedes, daß sie verstehen, wie es historisch sich in die Zeit
hineinstellt. Das möglichst anschaulich und bildlich machen, so
ähnlich, wie ich dazumal Parzival und Christentum versucht habe.
Das wäre die Völkerwanderungszeit. Recht lebendig hineinstellen
und dann Proben geben in der Weise, daß Sie den Kindern zuerst ein
vollständiges Bild geben, nicht in einer langweiligen Prosa, sondern
in einer kurzweiligen, bildhaften Art, ein Bild geben dessen, was sie
als Probe lesen. Vor allen Dingen sehen, daß nicht bloß Sie lesen,
sondern daß die Kinder auch lesen, so daß sie dadurch, daß Sie ein
richtiges Bild gegeben haben, nicht langweilig lesen. Langweilig lesen
ist etwas, was man gar nicht kann, wenn man ein richtiges Bild
gegeben hat. Bei einzelnen interessanten Passagen stehenbleiben,
manche schöne Wortbetrachtung haben. Aus manchen Worten oder
Satzwendungen kann man Feuerfunken schlagen und ganze Zeit-
beleuchtungen vornehmen. Wenn Sie das tun, haben Sie die Kinder
genügend eingeführt.
X.: Was könnte als Geschichtsquelle gelten?
Dr. Steiner: Jede beliebige mittelalterliche Geschichte. Die Ge-
schichte ist so durchgeackert, daß jeder Ochse es mit derselben
Anschaulichkeit darstellen kann. Man braucht kein geistreicher
Mensch zu sein. Jedes beliebige Geschichtsbuch.
X. fragt, ob man ein Mathematikbuch schreiben sollte, das dem Lehrer Mate-
rial gibt.
Dr. Steiner: Was gut wäre, wäre ein Leitfaden des mathematisch-
geometrischen Unterrichts für die höheren Klassen. Aber der
Gesichtspunkt müßte sein, daß der Stoff womöglich durchsichtig
und so geschildert wird, daß man weder unter der Fülle des
Gebrachten ertrinkt, noch daß man wichtige Sachen nicht hat.
Alle die Lehrbücher leiden daran, daß man sie nicht brauchen
kann. Sie sind nicht etwas, womit man sich beschäftigen kann.
Nicht wahr, ein fortlaufender Text ohne Anmerkungen mit figu-
ralem Einschlag, was man liest wie einen Roman.
Ich habe als Bub mit vierzehn, fünfzehn Jahren — weil mir jedes
Geometriebuch später langweilig war —, habe ich mir selbst eines
gemacht. Mir tut es leid, daß ich dies nicht mehr habe. Das war
nicht schlecht. Das las sich wie ein Roman. Wenn man es wirklich
wie einen zusammenhängenden Text, wie einen Roman gestaltet,
das wäre interessant, wenn Sie es machten. Es braucht nicht
voluminös zu sein, wie die Dinge heute sind, und es könnte unter
Umständen sogar dies gemacht werden, daß man eine Ausgabe für
Lehrer und eine noch kürzere und romanhaftere für Kinder macht.
Es ist ein Kind furchtbar dankbar, wenn es täglich in der Klasse
eine bis eineinhalb Seiten Geometrie in einer lesbaren Form lesen
kann. Es gibt heute kein vernünftiges Buch mehr. Die Geographien
sind greulich geschrieben. Die Grammatiken sind entsetzlich. Das
kann der Kommende-Tag-Verlag gut bringen.
X. fragt wegen Redeübungen für ein Kind in der 1. Klasse mit einer leisen
Stimme.
Dr. Steiner: Ich müßte ihn sehen und anhören. Wenn ich zur Dele-
giertenversammlung komme, zeigen Sie mir ihn.
Zu Beginn hält Graf Bothmer ein Referat über den Turnunterricht, etwa fol-
genden Inhaltes (nach Notizen).
1. Freiübungen: Bewußtes Durchdringen des Körpers mit den im Kinde sich
regenden Lebenskräften. Nahe Berührung mit der Eurythmie. Eurythmie
belebt, Turnen trägt durch den Willen diese Kräfte bis in die äußersten Glied-
maßen. Eurythmie wird nicht so bewußt gemacht. Es gibt Bewegungen, die den
Eindruck des Toten oder aber des Lebendigen machen. Verhältnis des Turnens
zum Erleben des Wachsens, zum Sich-Öffnen des Körpers. Der Turnlehrer steht
dem Kinde gegenüber wie der Plastiker seinem Kunstwerk. Anleitung zum Sich-
Hineinstellen in den Raum. Der turnende Mensch fühlt sich in den Raum hinein.
Man soll mit den Dimensionen des Raumes in einen starken innerlichen Kontakt
treten. Zur Erde sich zusammenhocken, oder im Sprung sich von der Erde lösen.
Erleben von Aus- und Einatmen. Ich sage den Kindern: Traget euren Kopf,
traget euren Oberkörper, eure Schultern, weil die Neigung besteht, den Körper
hängen zu lassen. Ich weiß nicht, ob man so etwas sagen kann. Beim Turnen hat
man es in besonderem Maße mit dem Willen zu tun.
2. Geräteübungen: Die Geräte sind heute meist etwas Totes. Manche sind ganz
abstrakt, zum Beispiel die Barren. Kletterstangen haben wir Gottseidank nicht;
sie sind völlig tot, etwa gegenüber den Seilen. Das Geräteturnen ist heute sehr
stark eine Sache der bloßen Routine. Die Kinder sind bei diesem Toten nicht mit
dem ganzen Wesen dabei. Man kann aber, um den ganzen Körper zu erfassen,
zwei Geräte miteinander kombinieren, zum Beispiel Reck und Bock. Wenn zwei
verschiedene Bewegungen des Körpers zu gleicher Zeit oder unmittelbar hinter-
einander sich vereinen, wird es viel lebendiger, besonders beim angewandten
Turnen im Freien. Das Schönste wäre Springen über Gräben und Hecken. Es
fehlt unseren Schülern die Gelegenheit, sich auszutoben.
3. Spielen und Sport: Dr. Steiner habe gesagt, zu vieles Spielen verweich-
liche. — Dazu haben wir keine Zeit. Solche Sportarten wie Schwimmen, Kugel-
stoßen, Diskuswerfen, Speerwerfen müßte man herausheben aus dem völlig
veräußerlichten Sportbetrieb. Schönheit der Bewegung, nicht das bloß Rekord-
mäßige.
4. Soll man Buben und Mädchen untereinander stellen, oder sollen sie zwar im
gleichen Raum turnen, aber gesondert? Die Mädchen halten die Buben auf. Soll
man die Kinder nach Temperamenten gruppieren ? Das wäre das Ideale.
indem Sie gesagt haben: eigentlich wird beim Turnen der Raum
gefühlt. Man kommt am besten darauf, wenn man sich die Hilfsvor-
stellung bildet, wie sich der Arm oder das Bein in die Raumrichtun-
gen oder in die Schwereverhältnisse im Raum hineinlegt.
Daß hier keine Kollision mit der Eurythmie hervorgerufen wird, das
wird dann eingesehen werden, wenn auch noch Rücksicht genom-
men wird bei der pädagogischen Eurythmie — was viel zuwenig
geschehen ist, weil es bei der künstlerischen Darstellung weniger in
Betracht kommt, dagegen beim Pädagogischen ganz besonders in
Betracht kommen würde — auf den „Charakter". Wenn Sie die
Eurythmiefiguren gesehen haben, so werden Sie bemerkt haben, daß
wir unterscheiden zwischen „Bewegung", „Gefühl" und „Charak-
ter". Mit Bewegung und Gefühl, was bis jetzt fast allein beachtet
wird, geht es ganz gut, dagegen was Charakter ist in der euryth-
mischen Bewegung, das ist noch nicht durchdrungen. Es ist auch
natürlich, daß es noch nicht durchdrungen ist, weil es beim künstle-
rischen Auswirken der Eurythmie, wo es von anderen geschaut wird,
von so großer Bedeutung nicht ist.
Dagegen muß der Charakter einer Bewegung ein wesentliches Ele-
ment bilden beim Didaktischen. Es muß der Eurythmisierende dabei
fühlen das Zurückströmen irgendeiner Bewegung oder Haltung in
seine eigene Empfindung. Also es muß zum Beispiel der Euryth-
misierende bei den eurythmischen Bewegungen fühlen den Druck
des einen Gliedes auf dem anderen und das Zurückströmen des
Druckes ins Körperzentrum. Ich habe einen Farbenauftrag gemacht
in den Figuren, damit dies deutlich wird. Sie sehen überall drei Farb-
gebungen in den Eurythmiefiguren, die eine ist für Bewegung, die
andere für das Gefühl — das geht dann in den Schleier über — und die
dritte für den Charakter, das heißt für dasjenige, wo der Euryth-
misierende an einer bestimmten Stelle seines Körpers den Muskel
besonders anspannen muß, und das Gefühl dieser Anspannung des
Muskels haben muß, der Richtung nach. Das gehört zum Leben des
Eurythmischen in der inneren Körperplastik.
Es ist ohnedies von den Studenten gebeten worden, daß bei der
pädagogischen Woche zu Ostern die Figuren da sein sollen. Ich werde
eine Serie herüber schaffen. Es muß eine solche Serie da sein. Weil es
auch wichtig ist für eine mehr psychologische Physiologie, müßten
sich mit diesen Figuren die Waldorf lehrer überhaupt befassen; für die
Erkenntnis des menschlichen Organismus müßten sich die Waldorf-
lehrer damit befassen. Es ist zugleich eine Grundlage für allgemeines
künstlerisches Empfinden, für eine Erkenntnis des inneren
Dr. Steiner: Hier beginnt die Pathologie und Therapie des Turnens.
Was Sie Turnschmerzen nennen, beruht darauf, daß jener Prozeß
zwischen Blut und Muskeln bei solchen Kindern dazu führt, daß sich
Harnsäurekristalle ablagern, und da handelt es sich darum, daß man
diesen ins Anorganische hineingehenden Stoffwechsel bekämpft,
medizinisch oder durch Diät. An sich kann das nur da die Aufgabe
sein, wo man sieht, daß das Turnen nicht bloß bis zu einem gewissen
Grade ermüdet, sondern über den Grad hinaus. Da muß man ver-
suchen, ins Therapeutische hinüberzugehen. Das Turnen zeigt am
meisten im Leben, ob ein Kind gesund ist oder nicht. Wenn man
prüfen will, ob einer in drei Jahren die Gicht kriegt, so könnte man
das so machen, daß man ihn sich anstrengen läßt, und wenn er da
zunächst funktionell gichtische Empfindungen zeigt, dann
bekommt er in drei Jahren die Gicht. In unserer jetzigen Zeit, wo die
Kinder unterernährt sind, weil dieser Prozeß zwischen Blut und
Muskeln nicht mehr funktioniert, in unserer Zeit werden die Kinder
im höchsten Maße sich so zeigen.
Bei dieser Gelegenheit darf ich bitten, dies zu übernehmen. Frau R.
hat mir eine Spende gegeben. Ich habe mit ihr besprochen, daß diese
Million als der Anfangsfonds verwendet werden möge, daß irgendwie
etwas für die Ernährung getan werden kann. Für die Aufbesserung
der Gesundheitsverfassung der Kinder möchte ich diese Million
gestiftet haben. Es soll ein solcher Fonds gemacht werden, und das
soll die Grundlage sein.
Es wird gefragt wegen der Beschäftigung der Kinder bei Rasten und Aus-
flügen.
Dr. Steiner: Das Spiel ist bei dieser Gelegenheit wohl am Platze. Das
Spiel soll man nicht übertreiben, weil es sonst verweichlicht. Das
kann man einwenden, wenn man sagt, zum Spielen haben wir keine
Zeit. Aber bei dieser Gelegenheit kann es angewendet werden. Den-
noch möchte ich sagen, daß es nicht genügt, wenn man bloß vom
Spielen spricht. Es handelt sich darum, wenn man eine Rast zu
machen hat, daß es darauf ankommt, daß man die Kinder sitzen läßt.
Zuerst müssen sie sitzen und essen. Sie müssen sich damit beschäf-
tigen können, jetzt ganz bewußt und mit vollem Appetit sich mit
dem Essen beschäftigen. Wenn sie gründlich gegessen haben — man
muß dabei versuchen, wenn man so etwas zu führen hat, daß man die
Kinder veranlaßt, möglichst langsam zu essen, so daß sie lange Zeit
damit zubringen, es muß jeder Bissen ausgekostet werden —, dann
kann man Spiele machen, wie Sie sie gemacht haben.
Solche Spiele sind nicht deshalb gut, weil man dabei herumkriecht,
sondern sie sind dann gut, wenn sie möglichst so gestaltet werden,
daß sie die Aufmerksamkeit fördern und Unterhaltung geben. Es
muß viel Unterhaltung gegeben werden. Das, was Sie geschildert
haben, dabei wird die Unterhaltung herbeigerufen durch die Span-
nung. Dieses unterhaltende Element, das ist dasjenige, was bei diesen
Spielen gemacht werden muß. Dann muß man daraufsehen, daß die
Kinder trinken, so daß sie Flüssigkeit in den Körper hineinkriegen,
bevor die weitere Tour angetreten wird. Also es schadet nichts, wenn
man sie einen Schluck trinken läßt beim Niedersetzen der Rast. Das
Essen am Anfang der Rast, das Trinken am Ende, in der Mitte soll es
amüsant sein, so daß die Seele beschäftigt wird in Spannung, Lösung,
Aufregung, Enttäuschung; da muß das unterhaltliche Element hin-
einkommen. Dasjenige, was jetzt auftritt, ist langweilig. Sport-
mäßige Spiele sind nicht anregend. Sie sind eigentlich langweilig. Da
muß man sich hüten vor dem Engländertum beim Spielen. Da darf
gar nichts Westliches in unser Spielen hinein. Es müssen gesunde,
unterhaltliche Spiele sein.
Nicht wahr, ich will nicht sagen, daß heute noch immer die alten
Spiele gut sind, weil sie aus der Tantenzeit herrühren; die müssen
ersetzt werden. Aber ,,Blinde-Kuh"-Spiel, oder solche Dinge, die
sind das Richtige. Oder „Schaut euch nicht um, der Plumpsack geht
mm!" Wo also nicht wiederum eine Anstrengung da ist, sondern wo
Unterhaltung da ist. Wo das Kind sich unterhaltend ausruht; zuerst
muß es sich gründlich essend ausgeruht haben. Ich würde sie syste-
matisch sich hinstrecken lassen. Singen würde ich sie auch lassen.
Singen würde ich sie lassen; wenn sie unterhaltend gespielt haben,
nachher noch singen lassen, dann trinken und dann aufbrechen.
Es wird gefragt wegen Marschieren und Singen.
Dr. Steiner: Das ist schon deshalb gut, weil dadurch die Essenszeit
verlängert wird, die Zeit, die auf das Essen verwendet wird. Es ist
nichts besser; sobald man die Kinder hinausbringt, muß man bei
der Rast die Essenszeit so sehr wie möglich verlängern. Wenn man
ihnen dies so unbequem wie möglich macht, daß sie sich mühen
müssen dabei, sich anstrengen, das ist das Allerbeste.
X: Sollten wir das Baden und Schwimmen von der Schule aus pflegen?
Dr. Steiner: Das kann nicht schaden, das kann ganz gut sein. Ich
glaube, es wird vor allen Dingen aus zeitlich-technischen Gründen
nicht gehen. Man muß alles so arrangieren, wie es möglich ist unter
den sozialen Verhältnissen.
Der Turnlehrer: Könnte man Duschen einrichten und ein Bad?
Dr. Steiner: Gut wäre es. Nur kommt da in Betracht, daß solch ein
Kind, von dem das bekannt wird, eigentlich etwas Makelhaftes
bekommt. Es entsteht das Urteil: Der muß erst gebadet werden. —
Das muß berücksichtigt werden, daß dies Odium vermieden werden
könnte. Da ist es natürlich immer sehr schwierig, etwas zu machen.
Wenn man ein Internat hat, kann man alles mögliche machen. Es
wäre schon wünschenswert. Ich habe noch nicht das Mittel heraus-
gefunden, dieses Odium zu vermeiden. Es sollte darauf gesehen
werden, daß die Kinder ordentlich gewaschen in die Schule kom-
men. Dadurch wird das Odium nicht hervorgerufen, wenn den Kin-
dern gesagt wird, sie müssen gewaschen in die Schule kommen. In
einem solchen Falle, da liegt manchmal etwas Pathologisches vor. Es
gibt Menschen, die können sich auch durch das Waschen nicht davor
behüten, daß sie schmierig aussehen und übel riechen. Ich wäre ganz
einverstanden damit, aber es muß herausgefunden werden, wie man
es mit der moralischen Seite verbinden kann.
X; Soll ich im Lateinischen Vergil nehmen, den 4. Gesang der Aeneide?
Dr. Steiner: Es wäre ganz gut, wenn da eine Anknüpfung gemacht
werden könnte; sehr gut!
Dr. Steiner: Wir wollen einmal aufstellen, wie die Dinge laufen
sollen.
Die Verteilung des Unterrichts für das nächste Schuljahr wird provisorisch
vorgenommen.
Dr. Steiner: Nun, nicht wahr, es ist für die 9. Klasse auch immer so
gewesen, daß wir übergegangen sind zur Gliederung des Unterrichts.
Also die 9., 10., 11., 12. Klasse würde gegliederten Unterricht haben.
Nun sind da gewisse Schwierigkeiten mit Bezug auf die Erteilung des
Unterrichts, und die bitte ich Sie zu entwickeln. Bei den alten Spra-
chen bleiben acht Stunden übrig; da fehlt eigentlich eine Lehrkraft.
Für die neueren Sprachen kommt Tittmann. Den möchte ich haben,
wenn es sich machen ließe, und für die Teilnahme am mathematisch-
naturwissenschaftlichen Unterricht in den höheren Klassen den
Dr. Lehrs. Ich glaube, daß Lehrs auch Latein in einer unteren
Abteilung geben könnte. Er hat so viel guten Willen und kann
wirklich viel in Mathematik und Physik, daß man ihn gut wird
brauchen können.
Es sind noch nicht eingeteilt die Klassen la, lb, 3 b. Nun ist schon
die Möglichkeit vorhanden, daß Fräulein Bernhardi eine untere
Klasse übernimmt, und zwei andere Damen kommen auch in Be-
tracht. Dagegen bei den oberen Klassen, weil die Lehrer nicht so
belastet bleiben dürfen, da spießt es sich doch immer irgendwie. Da
würden wir also Tittmann und Lehrs haben.
Jetzt kann ich das Weitere überdenken. Für die Handarbeit werden
wir zunächst an Fräulein Christern denken. Frau Baumann kommt
erst im Herbst wieder. Frau Fels wird ihren Unterricht weiter geben.
Jetzt ist die Frage, ob alle die Stunden durch eine weitere Kraft
gegeben werden können?
Frau Dr. Steiner: Ich könnte Fräulein Wilke vorschlagen.
Dr. Steiner: Sie könnte einstweilen den Unterricht geben und in die
Reihe eintreten, wo jetzt Frau Husemann war, die also Frau Bau-
mann vertritt.
Jetzt möchte ich Sie bitten, mir außer diesem einen Programmpunkt
auch noch weitere Wünsche zu sagen.
X.: Die 12, Klasse hat Examensängste.
Dr. Steiner: Über Lehr- und Stundenplan der 12. Klasse muß noch
bestimmt werden. Es würde gut sein, wenn mir jemand das Lehrziel
der Prima verschaffen könnte. Ich werde den Plan so einteilen, daß
man den Menschen versprechen kann — aber natürlich können sie
immer noch durchfallen gelassen werden. Es kann doch nichts garan-
tiert werden.
Die Schwierigkeit wird dadurch sein, daß doch zu vieles vortrags-
mäßig gemacht worden ist, und die Schüler, trotzdem wir mehrmals
darüber gesprochen haben, noch nicht genügend mitgearbeitet
haben. Sie arbeiten zuwenig mit. Also müssen wir in der 12. Klasse
dieses einführen, daß die Schüler mitarbeiten. Man kann nicht sagen,
daß sie wenig können, aber sehen Sie, es haftet nicht so stark, daß sie
es über die Angstzustände hinwegtragen können, die beim Examen
vorhanden sind. Sie können es nicht über die Angstzustände hin-
wegbringen. Es ist sehr schön für die Schüler, so vorzügliche Vorträge
zu hören; es bleibt aber wenig haften.
Ja, es wäre gut, wenn Sie mir morgen früh, wenn ich herauf-
komme, das Lehrziel von Unter- und Oberprima brächten, so
daß man sehen kann, wie es eigentlich steht; ob man aus der
Sache selbst heraus, aus der Verfassung der Klasse die Angst ver-
treiben kann.
Was für eine Veranlassung ist, daß wir uns nach dem bayrischen
Usus richten sollten, daß wir 13 Klassen haben? Denken Sie, was das
für einen Krakeel gibt, wenn wir sagen würden, bei uns müssen sie
13 Klassen machen.
Ich glaube nicht, daß es sich ändert, die Maturafrage. Es wird schon
notwendig sein, daß wir das Dozieren einschränken, daß wir sie mit-
machen lassen, die Schüler.
X. stellt die Frage nach dem Zutritt für die Schüler zu anthroposophischen
Vorträgen.
Dr. Steiner: Es geht unter gar keinen Umständen, daß die Schule sich
einverstanden erklärt. Nach den Satzungen der Gesellschaft ist es
schwer, sie auszuschließen. Aber eine Schulfrage dürfte es nicht sein.
Es könnte die Schule Einspruch erheben.
Das ist nicht tunlich, daß sie in Gesellschaftsvorträgen sind, ohne
Mitglied zu sein. Es sind früher auch ganz junge Mitglieder aufge-
nommen worden. Es ist nur schade, daß wir als Freie Waldorfschule
nicht Einspruch erheben dürfen. Eigentlich ist es Unfug, daß die
Schüler der Mittelschule zu den Vorträgen kommen.
Wir können doch machen, was wir wollen, und die können machen,
was sie wollen. Die Kinder werden es dann doppelt haben. Ich habe
es so aufgefaßt, daß wir uns um die Sache nicht zu kümmern brau-
chen, weil es eine Sache der freien Religionsbewegung ist. Das
können wir nicht inhibieren, daß ein Vater seine Kinder dort kon-
firmieren läßt. Der Religionsunterricht ist kein obligatorischer. Wir
können keine drakonischen Maßregeln einrichten. Die Kinder wer-
den ausbleiben, wenn man drakonische Maßregeln ergreift. Es ist
möglich, daß man jemand am freien Religionsunterricht teilnehmen
läßt ohne Jugendhandlung, aber nicht umgekehrt. Das Mädchen
kann doch in beiden Religionsstunden teilnehmen. Ohne daß sie
etwas mitmacht, geht es nicht gut, daß sie zu unserer Jugendfeier
kommt. Der Vater bemerkt das vielleicht gar nicht. Es sind doch die
Eltern verantwortlich, nicht wir.
X.: Ein Mädchen wird zuweilen bei der Sonntagshandlung ohnmächtig.
Dr. Steiner: Machen wir es zweimal, je die Hälfte der Kinder.
X.: Es kommen zur Opferfeier die 10. und 11. Klasse in Frage. Sollte die
9. Klasse auch an der Opferhandlung teilnehmen?
Dr. Steiner: Die können auch teilnehmen.
Die Jugendfeiern machen wir nach den beiden Klassen geteilt, beide
Male mit Herrn Uehli als Hauptzelebrierendem.
X. fragt, ob der Schüler B. B. Nachhilfeunterricht haben soll. Auch wegen des
Schülers N. N.
Dr. Steiner: Die Sache hat schon angefangen im vorigen Jahre. Wäre
das durchführbar, daß er allein behandelt würde? Er würde vielleicht
zum Bewußtsein kommen, daß er in der Schule nicht ganz nett ist.
Wenn man ihm vielleicht diesen Einzelunterricht auferlegen würde
für den Rest des Schuljahres. Einen Zweck hätte es, wie es scheint,
nur dann, wenn man es so machen würde, daß er zum Bewußtsein
käme, er hat in der Schule etwas ausgefressen, er muß jetzt für diese
Wochen bis zu Ostern einen solchen Unterricht bekommen. Ich
glaube, daß er ein ganz netter Junge ist, aber er schläft. Auf diese
Weise würde er aufwachen.
Es geht hier eine ganze Menge neuer Lichter herum. Es fragt sich, ob
sie eben solche Lichter sind, wenn man an sie die Anforderung stellt,
daß sie etwas tun sollen. — Was N. N. betrifft, der ist wenig gewissen-
haft in Geldangelegenheiten. Für B. würde es notwendig sein, daß er
Einzelunterricht bekäme. Ich werde mir diese Buben einmal
anschauen.
X.: Über zwei Schüler der 4. Klasse, die im Sprachunterricht völlig unfähig
sind.
Dr. Steiner: Wir können die Eltern fragen, ob sie verzichten auf den
Sprachunterricht. Bei diesen Kindern können wir die Eltern fragen,
ob sie auf den Sprachunterricht verzichten. Das gilt allgemein für die
Hilfsklassenkinder,
X.: P. M. in der Klasse 5b kann gar nicht rechnen.
Dr. Steiner: Man kann die Eltern fragen, ob sie einverstanden sind,
daß er die Klasse repetiert.
X.: Die L. B. ist so verprügelt und ängstlich.
Stuttgart, Sonntag 12. Juni bis Sonntag 19. Juni 1921: 8 Vorträge für die
Waldorflehrer, „Ergänzungskurs", siehe „Menschenerkenntnis und Unter-
richtsgestaltung", Bibl.-Nr. 302, GA Dornach 1971.
Stuttgart, Sonntag 12. Juni bis Mittwoch 15. Juni 1921: 6 Vorträge, 1. Theo-
logenkurs.
Stuttgart, Donnerstag 16. Juni 1921: Lehrerkonferenz.
Stuttgart, Freitag 17. Juni 1921, nachmittags: Mitgliederversammlung des
Vereins Freie Waldorfschule, siehe „Rudolf Steiner in der Waldorf schule",
Stuttgart 1958.
Stuttgart, Freitag 17. Juni 1921, abends: Lehrerkonferenz.
Stuttgart, Sonntag 18. Juni 1921, vormittags: Feier zum Beginn des 3. Schul-
jahres, siehe „Rudolf Steiner in der Waldorfschule", Stuttgart 1958.
Dornach, Sonntag 24. Juli 1921: Mitgliedervortrag, in „Menschenwerden,
Weltenseele und Weltengeist", 2. Teil, Bibl.-Nr. 206, GA Dornach 1967. Wich-
tiges über die Entwicklung des Kindes.
Darmstadt, 25.—30. Juli 1921: Hochschulveranstaltung „Anthroposophie und
Wissenschaft", Pädagogischer Abend vom 28. Juli, in „Die Menschenschule",
27. Jg. 1953 Heft 5.
Dornach, Sonntag 7. August 1921: Mitgliedervortrag, in „Menschenwerden,
Weltenseele und Weltengeist", 2. Teil, Bibl.-Nr. 206, GA Dornach 1967. Wich-
tiges über die Entwicklung des Kindes zwischen dem 7. und 14. Jahre.
Stuttgart, Montag 29. August bis Dienstag 6. September 1921: 8 öffentliche
Vorträge über „Anthroposophie, ihre Erkenntniswurzeln und ihre Lebens-
früchte, mit einer Einleitung über den Agnostizismus als Verderber echten
Menschentums", Bibl.-Nr. 78, GA Dornach 1968.
Stuttgart, Sonntag 4. September 1921: Ausführungen zur Mitgliederversamm-
lung der Anthroposophischen Gesellschaft, in „Der Mensch in seinem Zusam-
menhang mit dem Kosmos", Bd. 1, Dornach 1954.
Stuttgart, Mittwoch 7. September 1921: „Der Baugedanke von Dornach",
mit Lichtbildern, öffentlich. Nicht gedruckt.
Stuttgart, Donnerstag 8. September 1921: Ausführungen über die Jugend-
bewegung bei einer Zusammenkunft mit einer Jugendgruppe, in „Die
Erkenntnisaufgabe der Jugend", Dornach 1957.
Stuttgart, Sonntag 11. September 1921: Lehrerkonferenz.
Dornach, Montag 26. September 1921, öffentlich: „Die pädagogische Er-
kenntnis des kranken und gesunden Menschen", in „Die Menschenschule",
34. Jg. 1960 Heft 3.
Stratford, Mittwoch 19. April 1922: „Das Drama mit Bezug auf die Erzie-
hung." Von der Fortsetzung dieses Vortrages am 21, April ist keine Nach-
schrift vorhanden.
Stratford, Sonntag 23. April 1922: „Shakespeare und die neuen Ideale." Die
Vorträge vom 19. und 23. April in „Shakespeare und die neuen Erziehungs-
ideale", Stuttgart 1959.
Stuttgart, Freitag 28. April 1922: Lehrerkonferenz.
Stuttgart, Dienstag 9. Mai 1922: Elternabend der Freien Waldorfschule, in
„Rudolf Steiner in der Waldorfschule", Stuttgart 1958.
Stuttgart, Mittwoch 10. Mai 1922: Lehrerkonferenz.
Stuttgart, Dienstag 23. Mai 1922: Zweigvortrag, „Der Verfall des mensch-
lichen Intellekts und das Sich-Wehren gegen die Spiritualität." Privatdruck
Dornach 1942.
Wien, Donnerstag 1. bis Montag 12. Juni 1922: West-Ost. Zweiter internatio-
naler Kongreß der anthroposophischen Bewegung. 10 Vorträge, in „Westliche
und östliche Weltgegensätzlichkeit", Dornach 1950 und Stuttgart 1961,
Taschenbuch.
Stuttgart, Dienstag 20. Juni 1922, 8 Uhr: Feier zum Beginn des 4. Schul-
jahres, in „Rudolf Steiner in der Waldorfschule", Stuttgart 1958.
Stuttgart, Dienstag 20. Juni 1922, 16 Uhr: Zweite Mitgliederversammlung des
Vereins Freie Waldorfschule, in „Rudolf Steiner in der Waldorf schule", Stutt-
gart 1958.
Stuttgart, Dienstag 20. Juni 1922, 20 Uhr: Lehrerkonferenz.
Stuttgart, Mittwoch 21. Juni 1922, 19.30 Uhr: 1. Vortrag für die Waldorf-
lehrer: „Erziehungsfragen im Reifealter."
Stuttgart, Mittwoch 21. Juni 1922, 20.30-23.30 Uhr: Lehrerkonferenz.
Stuttgart, Donnerstag 22. Juni 1922, 19.30 Uhr: 2. Vortrag für die Waldorf-
lehrer: „Zur künstlerischen Gestaltung des Unterrichts." Beide Vorträge in
„Erziehungsfragen im Reifealter. Zur künstlerischen Gestaltung des Unter-
richts." Stuttgart 1958.
Stuttgart, Donnerstag 22. Juni 1922, 20.30-22.30 Uhr: Lehrerkonferenz.
Dornach, Sonntag 2. Juli 1922: Einleitung zur Eurythmieaufführung für Kin-
der aus der Umgebung Dornachs. Keine Nachschrift.
Oxford, Mittwoch 16. bis Dienstag 29. August 1922: Holiday Conferences,
12 Vorträge: „Die geistig-seelischen Grundkräfte der Erziehungskunst." Dor-
nach 1956, Taschenbuch Dornach 1972.
Oxford, Samstag 19. August 1922: Einleitung zur Kindereurythmie, in
„Eurythmie, die Offenbarung der sprechenden Seele", Bibl.-Nr. 277,
GA Dornach 1972.
41 Deklamieren und Rezitieren: Siehe den Kurs „Die Kunst der Rezita-
tion und Deklamation", GA Dornach 1967.
42 neue Dissertation: Hermann von Baravalle, „Zur Pädagogik der
Mathematik und Physik", Stuttgart, Der Kommende Tag Verlag,
1921. 3. Aufl. 1964.
43 Am Kongreß lagen die Dinge da: Baravalles Dissertation lag aus
beim Stuttgarter Kongreß „Kulturausblicke der anthroposophischen
Bewegung" vom 28. August bis 7. September 1921. Siehe Zeittafel
und Einleitung S. 1/17.
43 Tonlehre im letzten Bande der Kürschner-Ausgabe: Siehe Bd. IV 2,
als letzter der Nachträge, S. 596—600.
44 Kongreß in Stuttgart: Siehe Hinweis zu S. 43.
44 Dreigliederungs-Ortsgruppenversammlung, 6. September 1921.
Keine Nachschrift.
46 Die Freie anthroposophische Jugend: Kreise jüngerer Mitglieder an
mehreren Orten, aus denen im März 1923 die Freie Anthroposo-
phische Gesellschaft hervorging. Siehe Einleitung S. 1/14, 15.
47 in Aarau: Vortrag am 11. November 1921. Vgl. Zeittafel.
47 Bei unserem Ersten Hochschulkurs: September bis Oktober 1920.
Vgl. Zeittafel und Einleitung S. 17.
47 Dr. Boos: Dr. jur. Roman Boos, 1889-1952. In Dornach am
Goetheanum tätig für die Dreigliederungsbewegung, im Verein
Goetheanismus (Einleitung S. 1/13) und für den Ersten Hochschul-
kurs.
47 zu Weihnachten und Neujahr: 1921/22 hielt Rudolf Steiner den
„Pädagogischen Weihnachtskurs für englische Lehrer", an dem auch
Waldorflehrer sprachen. Vgl. Zeittafel und Liste Nr. 19.
50 Fortbildungsschule in Dornach: Siehe Einleitung S. 1/32.
51 Fräulein van Blommestein, 1882—1965. Lehrerin an der Fortbil-
dungsschule.
55 die Fibel: Vgl. Hinweis zu S. 1/250.
55 Ähnliches ist schon einmal diskutiert worden: Wo und wann ist
nicht nachzuweisen.
55 Stockerau: Ein Örtchen in der Nähe Wiens.
57 Esoterische Stunden: Siehe „Mein Lebensgang", Kap. XXXII und
XXXVI. Liste Nr. 48.
58 der von der „Birseck-Post", der Kully: Siehe Einleitung S. 14.
58 Theologenkurs: Der 2. Theologenkurs, September/Oktober 1921.
Siehe Einleitung S. 39.
58 Ich will mir die Sache überlegen: Rudolf Steiner ist nie wieder dar-
auf zurückgekommen.
Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch:30Ob Seite: 314
Hinweise 315
176 Sammlung von guten Balladen: Sie ist nicht gemacht worden.
176 Wildenbruch: Ernst von Wildenbruch, 1845-1909, schrieb „Hel-
denlieder", 1874, und eine lange Reihe historischer und „preu-
ßischer" Dramen, die um 1900 sehr erfolgreich waren.
177 Griechische Sagen von Niebuhr: Barthold Georg Niebuhr,
1776—1831, Diplomat und Historiker. „Griechische Heroen-
geschichten. An seinen Sohn erzählt." Hamburg 1842.
177 Eisenkur, wie ich sie heute morgen beschrieben habe: Es ist nichts
mehr darüber bekannt.
179 erster und zweiter Seminarkurs: Gemeint sind wohl 1. die drei Vor-
tragskurse vom August/September 1919 und 2. „Meditativ erarbei-
tete Menschenkunde" vom September 1920. Liste Nrn. 6 und 13.
190 Turnsaal: Der Grundstein für das neue Schulhaus, das auch einen
Turnsaal erhalten sollte, war am 16. Dezember 1921 gelegt worden.
Es wurde im Dezember 1922 in Gebrauch genommen. Siehe auch
5. 202.
191 über Ärztliches spreche: Das kam noch nicht zustande beim Englän-
derbesuch im Januar 1923, sondern erst in der Konferenz vom
6. Februar 1923. Siehe S. 257 ff.
192 ins Institut: Das Klinisch-Therapeutische Institut in Stuttgart. Siehe
Einleitung S. 1/19, 20 und Hinweis zu S. 119.
193 Weihnachtsspiel: Die Lehrer wollten die Oberuferer Weihnachtsspiele
aufführen.
193 Familie Matuschek: Wohl Hörfehler des Stenographierenden für
Malatitsch. So wird der Name angegeben von Karl Julius Schröer,
„Deutsche Weihnachtspiele aus Ungarn", 1862.
199 Die Evangelientexte: Siehe Hinweis zu S. 114.
199 Religiöse Erneuerung: Siehe Einleitung S. 39—41.
200 Zyklus von vier Vorträgen 1920 . . . im September: „Meditativ erar-
beitete Menschenkunde." Zeittafel. Liste Nr. 13.
200 Heinrich Deinhardt: „Beiträge zur Würdigung Schillers. Briefe über
die ästhetische Erziehung des Menschen." Neu herausgegeben und
eingeleitet von Dr. Günther Wachsmuth. Der Kommende Tag Ver-
lag, Stuttgart 1922. Der Aufsatz darüber ist von Rudolf Steiner
nicht geschrieben worden.
201 das menschliche Ohr: Siehe auch Rudolf Steiner, „Über Gesundheit
und Krankheit. Grundlagen einer geisteswissenschaftlichen Sinnes-
lehre." Vorträge für die Arbeiter am Goetheanumbau, Bd. 2, Vor-
trag vom 29. November 1922. Liste Nr. 113.
202 den Neubau eröffnen: Vgl. Hinweis zu S. 190.
202 Dr. Hans Leisegang: „Die Grundlagen der Anthroposophie", 1922.
Wahrscheinlich schrieb Albert Steffen an Rudolf Steiners Stelle
A. SCHRIFTEN
/. Werke
Goethes Naturwissenschaftliche Schriften, eingeleitet und kommentiert von R. Steiner,
5 Bände, 1883-97, Neuausgabe 1975 (1 a-e); separate Ausgabe der Einleitungen, 1925 (1)
Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung, 1886 (2)
Wahrheit und Wissenschaft. Vorspiel einer <Philosophie der Freiheit>, 1892 (3)
Die Philosophie der Freiheit. Grundzüge einer modernen Weltanschauung, 1894 (4)
Friedrich Nietzsche, ein Kämpfer gegen seine Zeit, 1895 (5)
Goethes Weltanschauung, 1897 (6)
Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens und ihr Verhältnis zur modernen
Weltanschauung, 1901 (7)
Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Altertums, 1902 (8)
Theosophie. Einführung in übersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung,
1904 (9)
Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? 1904/05 (10)
Aus der Akasha-Chronik, 1904-08 (11)
Die Stufen der höheren Erkenntnis, 1905-08 (12)
Die Geheimwissenschaft im Umriß, 1910 (13)
Vier Mysteriendramen: Die Pforte der Einweihung - Die Prüfung der Seele - Der Hüter
der Schwelle - Der Seelen Erwachen, 1910-13 (14)
Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit, 1911 (15)
Anthroposophischer Seelenkalender, 1912 (in 40)
Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen, 1912 (16)
Die Schwelle der geistigen Welt, 1913 (17)
Die Rätsel der Philosophie in ihrer Geschichte als Umriß dargestellt, 1914 (18)
Vom Menschenrätsel, 1916 (20)
Von Seelenrätseln, 1917 (21)
Goethes Geistesart in ihrer Offenbarung durch seinen Faust und durch das Märchen von
der Schlange und der Lilie, 1918 (22)
Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und
Zukunft, 1919 (23)
Aufsätze über die Dreigliederung des sozialen Organismus und zur
Zeitlage 1915-1921 (24)
Kosmologie, Religion und Philosophie, 1922 (25)
Anthroposophische Leitsätze, 1924/25 (26)
Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst nach geisteswissenschaftlichen Erkennt-
nissen, 1925. Von Dr. R. Steiner und Dr. I. Wegman (27)
Mein Lebensgang, 1923-25 (28)
B. DAS V O R T R A G S W E R K
/. Öffentliche Vorträge
Die Berliner öffentlichen Vortragsreihen, 1903/04 bis 1917/18 (51-67) - Öffentliche Vorträge,
Vortragsreihen und Hochschulkurse an anderen Orten Europas 1906-1924 (68-84)
C. DAS K Ü N S T L E R I S C H E W E R K
Originalgetreue Wiedergaben von malerischen und graphischen Entwürfen und Skizzen Rudolf
Steiners in Kunstmappen oder als Einzelblätter: Entwürfe für die Malerei des Ersten Goethe-
anum - Schulungsskizzen für Maler - Programmbilder für Eurythmie-Aufführungen - Euryth-
mieformen - Entwürfe zu den Eurythmiefiguren, u. a.