Copyright © 2008 Daniela Bär
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Herstellung und Verlag:
Books on Demand GmbH, Norderstedt
ISBN 978-3-8448-6119-8
Über die Autorin
Daniela Bär wurde 1979 in einer Kleinstadt
Niedersachsens geboren und lebt mittlerweile in Franken.
Sie schreibt unter einem Pseudonym, um ihre Familie zu
schützen. Daniela Bär versucht heute durch eine Therapie
und mit Hilfe dieses Buches ihre Kindheit zu verarbeiten.
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Inhalt
Warum dieses Buch?
Endlich frei
Keine Tränen
Warum entführt mich niemand?
Zahnpasta in der Wasserschüssel
Starr nicht so
Scheiß Mutter
Das gestohlene Bild
Der sichere Ort
Sich übergeben zu müssen ist schlecht
Opa ist krank
Lass es nicht anbrennen!
Aber sag deinem Vater nichts
Die Gebete
In der Badewanne
Das Abtrocknen
Du rührst dich keinen Millimeter
Die Entschuldigung
Messer an der Kehle
Pipi bei der Nachbarin
Gegen die Türklinke gefallen
Das gestohlene Geld
Selbstbestrafung
Mit Papa im Zirkus
Papa ist nie da
Dämon im Etagenbett
Geh doch zu deinem Vater
Hausaufgaben bei Nacht
Urkundenfälschung
Materieller Ausgleich
Das kaputte Fahrrad
Der letzte Versuch
Strafarbeit
Die erste Regel
Der Hund
Siehst du scheiße aus
Jungs
Versautes Weihnachten
Gelbe Finger
Damit abgefunden
Warum ich nie etwas sagte
Und heute?
Schauen Sie nicht weg!
Was können Sie tun?
Warum dieses Buch?
Ich möchte den Menschen vor Augen führen, was alles
hinter der Fassade der vermeintlich „perfekten Familie“
passieren kann, ohne dass es jemand sieht bzw. sehen
will.
Wenn dadurch nur einem einzigen Kind geholfen werden
kann, hat es sich gelohnt.
***
Irgendwann begann ich damit meine Gedanken, die mir
durch den Kopf gingen, zu notieren oder ihnen durch das
Malen Ausdruck zu verleihen.
Eines Tages entstand aus solchen Gedanken eine
Geschichte. Das “Bärenkind” war geboren.
Es tat mir sehr weh das Geschriebene zu lesen, aber es
hatte auch etwas befreiendes. Zumindest für einen kurzen
Moment.
Ich fing an mehr dieser Erinnerungen aufzuschreiben.
Immer wenn ich das Gefühl hatte, dass etwas „nach
draußen“ wollte, setzte ich mich an den PC und schrieb.
Mal konnte ich den Abstand dazu sehr gut wahren, mal
stürzte ich dabei in einen tiefen Abgrund.
Es gab monatelange Phasen in denen ich nichts
geschrieben habe und Momente in denen ich alles löschen
wollte. Aber ob ich die Datei in den Papierkorb schob oder
nicht, die Erinnerungen würden bleiben und wenn
wenigstens ein Kapitel mir dabei hilft mit etwas aus der
Vergangenheit annähernd abzuschließen, dann hat es sich
auch für mich gelohnt.
***
Du hast mich geboren,
ich bin Dein Kind
Du wolltest mich nicht,
ich bin Dein Kind
Du hast mich nie geliebt,
ich bin Dein Kind
Du hast mich geschlagen,
ich bin Dein Kind
Du hast mich verachtet,
ich bin Dein Kind
Du hast mich ignoriert,
ich bin Dein Kind
Du hast mich verletzt,
ich bin Dein Kind
Du hast mich gehasst,
ich bin Dein Kind
Jetzt hasse ich Dich,
ich WAR Dein Kind
***
Endlich frei
Es war das gewohnte Bild. Beide lagen auf dem Sofa, der
Vater auf dem „Kleinen“ und die Mutter auf dem „Großen“.
Der Fernseher lief. „Ich habe mit Oma gesprochen. Ich
werde so schnell wie möglich bei ihr einziehen, jetzt wo
eine der drei Wohnungen frei geworden ist.“ Die Eltern
blickten zu ihr auf. Die Mutter schaute als ob ihr jemand
einen Schlag verpasst hätte. „Wie bist du denn darauf
gekommen?“ Daniela gab ihr keine Antwort. Sie sah in das
Gesicht des Vaters. Er sagte nichts, starrte auf den
Fernseher. Sie war sich sicher, dass er genau wusste
warum sie ausziehen wollte und das es jetzt in ihm
brodelte, aber es kam keine Reaktion von ihm, nichts
ungewohntes für Daniela. Auch den Blick der Mutter kannte
sie sehr gut. Eine Mischung aus „Geh doch, hau doch ab“
und „Wie erkläre ich das den Nachbarn?“ Neunzehn Jahre
lang hat sie dieses Gesicht zu lesen, zu interpretieren, die
Mimik einzuordnen versucht. Jetzt war ihre Mutter wie ein
offenes Buch für sie.
Scheinbar war alles gesagt. Daniela drehte sich um und
verließ das Wohnzimmer mit einem Gefühl von unendlicher
Erleichterung, Freude, aber auch Schmerz. Schmerz, weil
sie ihren Vater zurücklassen musste. Sie wünschte sich,
dass er vielleicht doch irgendwann die Kraft und den Mut
haben würde sich endlich von seiner Frau zu trennen. Denn
er litt ebenfalls, auch wenn er mit großer Anstrengung
versuchte es zu verbergen. Daniela spürte das und sah es
in seinen Augen, sie erzählten eine traurige Geschichte.
Dennoch begann sie voller Vorfreude auf den Auszug die
ersten Sachen zu packen. Dabei gingen ihr viele Dinge
durch den Kopf. Das ersparte Geld sollte reichen um ein
paar Möbel zu kaufen. Aber als allererstes brauchte sie ein
Geschenk für ihre Großmutter, die Frau, der sie so viel zu
verdanken hatte, auch wenn ihrer Oma das nicht bewusst
war.
Die zwei Zimmer waren schnell gestrichen, denn Danielas
beste Freundin Nadine half ihr dabei. Auch die Möbel
trafen bald ein und so hatte sie endlich ihr eigenes kleines
Reich.
Bisher musste sie sich ein Zimmer mit ihrer jüngeren
Schwester teilen. Das empfand sie nicht als unangenehm,
aber die eigenen vier Wände ließen mehr Raum um sich zu
entfalten, auch wenn dieses kleine Reich nur aus zwei
Zimmern auf dem Dachboden des Hauses ihrer Großeltern
bestand.
Daniela stellte sich in die Mitte des Wohnzimmers, machte
die Augen zu, drehte sich mit ausgebreiteten Armen einige
Male um die eigene Achse und genoss diesen Augenblick.
Niemand hier, der sie beobachtete, sie verachtend ansah
und alles was sie tat mit abwertenden Worten
kommentierte. Jetzt konnte es anfangen, das Leben, das
neue Leben.
Mit ihrer Großmutter verstand sich Daniela bestens. Sie
blickte zu dieser Frau auf, sie war stark, hatte viel erlebt
und war durch und durch ein positiver Mensch. Mit ihr
konnte sie über alles reden, nur über das eine nicht. Die
Angst war einfach zu groß.
Sie beschloss, nachdem sie ihre Lehre abgeschlossen
hatte und keine Arbeit fand, das Fachabitur zu machen.
Nebenbei arbeitete sie als Pizzabotin in der nächsten
Stadt und verdiente sich damit ein wenig Geld. So war
Danielas neues Leben. Die Schule, die sie mal mehr mal
weniger ernst nahm, der Job beim Italiener und jedes
Wochenende unterwegs mit ihrer besten Freundin. Nach
dem Fachabitur bekam Daniela einen festen Arbeitsplatz.
Jetzt war alles perfekt.
Bis zu dem Tag an dem Daniela sich plötzlich wieder an
alles erinnerte.
1
Keine Tränen
Daniela stand da und weinte. Sie schaute ängstlich in das
Gesicht ihrer Mutter. „Ich muss sehr sehr böse gewesen
sein“, dachte sie „sonst hätte Mama das nicht gemacht.“
Ihre linke Wange tat weh und wurde ganz heiß. Fast hätte
sie die Wucht des Schlages gegen den Türrahmen stoßen
lassen, aber Daniela konnte sich noch abfangen. Sie fing
an zu weinen. „Ich habe doch nichts gemacht, hätte ich hier
nicht stehen dürfen?“, fragte sie sich. Laut hätte sie es
niemals auszusprechen gewagt. „Nun hör auf zu heulen,
sonst kriegst du gleich noch eine!“ Sie wusste, dass es ihre
Mutter ernst meinte. Mit aller Kraft versuchte sie die Tränen
zu unterdrücken. „Nicht weinen, du darfst nicht weinen.
Nichts tun damit Mama nicht noch böser wird“, dachte sie.
Alles in ihr verkrampfte sich. „Geh mir aus den Augen!“,
schrie die Mutter und holte erneut aus. Schnell ging Daniela
in ihr Zimmer, schloss die Tür und setzte sich auf den
Boden. Sie weinte leise. Sie durfte nichts tun was ihre
Mutter wütend machte. Aber so sehr sie sich auch
anstrengte, sie konnte nicht verstehen was sie falsch
gemacht hatte. „Es wird schon richtig gewesen sein, dass
ich bestraft wurde, ich habe es verdient.“
Und heute? Heute dürfte Daniela weinen, denn sie braucht
ihre Mutter nicht mehr zu fürchten. Doch das kleine
Mädchen von damals verbietet es ihr. Schwäche zeigen ist
nicht gut. Weinen zeigt, dass du verletzlich bist, obwohl es
keine negativen Konsequenzen mehr geben würde. Jetzt
nicht mehr…
***
Keine Emotionen…
Sie sind vergraben, verdrängt, isoliert
gut behütet…
Eine Marionette…
unfähig selbst zu agieren
die Fäden in den Händen der Vergangenheit…
Weggeworfen…
wie ein Stück Dreck
allein gelassen…
***
2
Warum entführt mich niemand?
Die Familie war einkaufen gewesen und fuhr zurück in die
Stadt. Auf diesem Weg kamen sie an einem Wald vorbei
und Daniela erinnerte sich an eine Geschichte, die sie in
der Vorschule gehört hatte. In dieser Geschichte ging es
um böse Räuber, die in einem Wald lebten, andere Leute
überfielen und sie ausraubten. Sie schaute aus dem
Autofenster und ein starker Wunsch kam in ihr auf. „In
diesem Wald gibt es bestimmt auch Räuber“, dachte sie.
„Wenn die mich entführen würden, wäre ich weg von
zuhause und es könnte mir nichts mehr passieren.“
Jedes Mal, wenn sie an einem Wald vorbeifuhren sprach
Daniela ein kleines Gebet, natürlich nicht laut sondern in
Gedanken, denn es durfte niemand hören. „Bitte liebe
Räuber entführt mich. Ich mache auch alles was ihr wollt. Ich
bin noch klein, also brauche ich nicht viel zu Essen.
Schlafen kann ich auf dem Boden. Bitte holt mich!“
Aber nach hunderten von Gebeten tat sich nichts und
Daniela gab die Hoffnung irgendwann auf. Niemand hätte
sie entführen oder gar retten wollen. Das musste sie
einsehen und gab sich ihrem Schicksal hin.
Daniela war fünf Jahre alt.
***
Eine kleine Flamme,
ich nenne sie Hoffnung.
Sie kämpft gegen die Dunkelheit,
die versucht sie auszulöschen.
Sie baut sich vor ihr auf und will sie zerstören,
die kleine Flamme wehrt sich, windet sich, kämpft.
Die Dunkelheit tobt und wütet,
die Flamme wird immer schwächer.
Sie nimmt überhand
doch die Flamme kämpft, bis sie wieder größer wird.
Wenn die kleine Flamme den Kampf gewinnt,
kann sie durch ihr Licht und ihre Wärme
das Böse vertreiben
Wenn…
***
3
Zahnpasta in der Wasserschüssel
Als Daniela viereinhalb Jahre alt war, wurde ihre Schwester
Sandra geboren. Da das Kinderzimmer zu klein war, zog
die Familie einige Monate später in die erste Etage des
Wohnhauses, da dort die Zimmer anders aufgeteilt waren.
Das fand Daniela sehr aufregend, denn in der neuen
Wohnung wurde von Handwerkern einiges umgebaut, was
zur Folge hatte, dass manchmal kein Wasser da war. Die
Toilette konnte nicht benutzt werden, also musste man sich
auf einen Eimer im Schlafzimmer der Eltern setzen und dort
sein Geschäft verrichten.
„Los, Zähne putzen“, murmelte die Mutter und zeigte auf die
Küche. Dort standen zwei Schüsseln auf der Spüle und
davor ein Hocker, auf den Daniela sich stellte. „In der linken
ist Wasser zum Waschen und in die rechte spuckst du rein,
wenn du fertig bist mit Zähneputzen.“ Das kleine Mädchen
bekam Angst. Sie durfte es auf keinen Fall verwechseln,
das wäre furchtbar. Hastig putzte sie sich die Zähne. Beide
Schüsseln waren bis zur Hälfte mit Wasser gefüllt, in der
linken schwamm ein wenig Schaum auf der Oberfläche.
„Ich darf es nicht falsch machen!“, diese Worte pochten in
ihrem Kopf.
Die Angst wuchs und Daniela wurde unsicher. Welche der
beiden sollte sie nun nehmen? Sie spuckte in die linke
Schüssel. In diesem Moment wurde ihr klar, dass es die
falsche war. Die Angst wurde größer. Der weiße Schaum
der Zahnpaste mit den ganz kleinen Blasen schwamm auf
dem Wasser. „Oh nein!“, dachte sie. Jetzt war es passiert.
Daniela stieg von dem Hocker und ging Richtung
Küchentür. Dort erschien ihre Mutter, ging an ihr vorbei und
schaute in die Schüsseln. Vielleicht merkte sie es ja nicht.
„Wie blöd bist du eigentlich?“, diese Worte brüllend ging
sie zu ihrer Tochter, die wie angewurzelt in der Küchentür
stand. Die Schläge trafen Daniela am Kopf, wie fast
immer. Schützend versuchte sie ihre Arme darüber zu
legen und kauerte sich zusammen. „Nimm die Hände da
weg!“, schrie ihre Mutter. Das Mädchen gehorchte, ließ ihre
Arme sinken und sie gewähren. Es hatte keinen Sinn sich
schützen zu wollen, denn das würde nur noch mehr Zorn auf
sie richten. Endlich durfte sie gehen.
Daniela setzte sich auf das Sofa und schaute in den
Fernseher, der den ganzen Tag lief. „Ich bin ein böses und
dummes Kind, Mama hat Recht“ dachte sie. “Ein Colt für
alle Fälle” lief grad, eine ihrer Lieblingssendungen, aber sie
bekam nicht viel davon mit. Ihre Mutter ging durch den
Raum und murmelte Beschimpfungen vor sich hin. Das
Mädchen erstarrte, versuchte unauffällig zu sein und die
Aufmerksamkeit nicht auf sich zu lenken. Für diesen
Moment gelang ihr das sogar.
4
Starr nicht so
Normalerweise hielt sich Daniela in ihrem Zimmer auf. Dort
war es zwar auch nicht sicher, aber die Chance nicht
attackiert zu werden größer. Die Übergriffe ihrer Mutter
waren unberechenbar. Es genügte oft nur ihre pure
Anwesenheit um den Groll auf sie zu richten. Oft bekam
das Mädchen eine Backpfeife nur weil sie da war, an ihrer
Mutter vorbeiging oder weil sie gar nichts tat. Einfach so.
Ohne Vorwarnung und ohne Grund.
Daniela saß auf dem Sofa und schaute in das Aquarium
ihres Vaters. Sie beobachtete die Fische und die Pflanzen,
die sich langsam hin und her bewegten. Ihre Mutter war in
der Küche und kochte. Dann hörte sie, wie eine der Dielen
zwischen Küche und Wohnzimmer knarrte. Sie kam näher.
Daniela verkrampfte sich. Nur nicht bewegen oder sich
irgendwie bemerkbar machen. Nur nicht die
Aufmerksamkeit auf sich lenken. Das übliche Spiel. Leider
gab es bei diesem Spiel immer nur eine Gewinnerin. Ihre
Mutter.
„Starr nicht so in der Gegend rum. Du regst mich echt auf!“
Daniela wusste nicht was sie tun sollte. Sie schaute doch
bloß in das Aquarium. Sie wagte sich nicht ihre Mutter
anzusehen. Ihr Blick ging Richtung Fenster. „Hör auf so
rumzustarren!“
„Was ist denn starren überhaupt? Ich möchte weg hier,
ganz schnell weg!“, dachte das kleine Mädchen. Sie
bekam Angst, ihr ganzer Körper stand unter Spannung und
Tränen sammelten sich in ihren Augen. „Jetzt nur nicht
weinen, das darf ich nicht.“ Ihr Blick war immer noch auf
das Fenster gerichtet. Sie sah nichts, nur das helle Licht.
Sie nahm im Augenwinkel die Bewegungen ihrer Mutter
wahr. Jetzt stand sie vor dem Fenster und ein Schatten fiel
auf Daniela. „Starr nicht so, oder ich knall dir eine!“, schrie
sie. Die Tränen wurden mehr. „Hau ab, ich will dich nicht
mehr sehen! Du regst mich echt auf.“ Schnell stand Daniela
auf und ging in ihr Zimmer.
Von allein hätte sie das nicht getan, die Angst war zu groß,
denn es hätte das Falsche sein können. Und man wusste
nie was in den Augen der Mutter falsch oder richtig war.
5
Scheiß Mutter
Daniela hatte, wie fast jedes Kind, einige mehr oder
weniger gute Freunde. Viel Zeit verbrachte sie mit einem
türkischen Mädchen, das nicht sehr gut Deutsch sprach.
Man verständigte sich mit Händen und Füßen und ein paar
Vokabeln.
Eines Tages spazierten die beiden durch die
Wohnsiedlung und erkundeten die Gegend. Danielas
Mutter war mit Sandra, der kleinen Schwester, die erst vor
kurzem geboren worden war, einkaufen gegangen. Aber
sie kamen nicht zurück. Immer wieder schaute das
fünfjährige Mädchen sich nach ihnen um. Es kam ihr
unendlich lang vor.
Sie versuchte dem türkischen Mädchen zu erklären was sie
beschäftigte, aber es gelang ihr nicht, da es sie nicht
verstand. Daniela hatte Angst und war wütend auf ihre
Mutter. Warum war sie so lange weg? Das türkische
Mädchen zog an ihrem Ärmel und schaute fragend. Sie
überlegte sich, wie sie es ihr begreiflich machen konnte
und sagte schließlich zu ihr: „Scheiß Mutter.“ Das Wort
Scheiße kannte jedes Kind und Mutter bestimmt auch.
Aber ob sie es verstanden hatte? Das war Daniela egal,
denn sie sah ihre Mutter jetzt endlich. Sie kam langsam,
den Kinderwagen schiebend, die Straße herunter. Wut und
Erleichterung machten sich in dem kleinen Mädchen breit.
Was die zwei Worte “Scheiß Mutter” für Konsequenzen
nach sich ziehen würden, sollte sie erst einige Zeit später
erfahren.
Fünf Jahre später…
Daniela saß vor der Haustür und kaute auf einem Bonbon,
als Neshe um die Ecke bog. Das kleine türkische Mädchen
von damals, das kaum Deutsch sprach, hatte sich zu ihrer
größten Feindin entpuppt. Ständig drohte sie ihr mit
Schlägen und versuchte sie zu erpressen. Auch diesmal
war es nicht anders. „Gib mir deine Bonbons!“, sagte
Neshe. Daniela versuchte gelassen zu wirken und
entgegnete: „Nein, das sind meine.“ Sie wollte diesmal
nicht nachgeben und sich wehren, egal was es kostete.
„Los gib jetzt her!“ Neshe griff nach der Tüte. „Nein,
diesmal kriegst du keine!“ Das Gesicht der stämmigen
Türkin lief rot an. „Ok, wenn du sie mir nicht gibst, dann geh
ich zu deiner Mutter und sage ihr, dass du Scheiß Mutter zu
ihr gesagt hast.“ Das saß.
Scheiß Mutter. Es war schon ein paar Jahre her, aber
Daniela konnte sich noch gut daran erinnern und ihr wurde
klar, dass Neshe es damals wohl doch besser verstanden
hatte als sie dachte. „Das machst du eh nicht.“ Das hoffte
sie zumindest. Ängstlich beobachtete sie, wie das andere
Mädchen zur Haustür ging und auf die Klingelschilder
zeigte. „Gib her oder ich drück drauf.“ Sie meinte es ernst,
aber bevor Daniela nachgeben konnte, hatte Neshe schon
auf den Knopf gedrückt und man hörte das Rattern der
Klingel.
Die Haustür schloss sich hinter dem türkischen Mädchen.
Sie war jetzt im Hausflur und ging die Treppen hinauf.
„Vielleicht sagt sie ja doch nichts“, hoffte Daniela, die auf
der Erde saß und vor Angst zitterte.
Neshe kam wieder heraus und grinste das kleine Mädchen
an. „Das haste jetzt davon!“, rief sie und streckte ihr die
Zunge raus. Daniela hörte, wie sich das Fenster ihres
Zimmers öffnete „Dani! Komm hoch!“ Der Ton verhieß
nichts Gutes.
In der Wohnungstür stand ihre Mutter, packte sie und
schleuderte sie in den Hausflur. Einige Tritte trafen sie am
Rücken und an ihrem Gesäß. Daniela lag auf dem Boden,
ihr Körper war erstarrt. Wie immer, wenn die Mutter ihre
Wut an ihr ausließ.
Es tat weh, aber sie durfte nicht weinen. Um keinen Preis
der Welt durfte sie weinen, denn das würde alles noch
schlimmer machen. Sie stand wieder auf ihren Beinen. Es
trafen sie noch einige Schläge am Kopf und dann entließ
ihre Mutter sie mit den Worten: „Los geh mir aus den
Augen und wage es ja nicht wegzulaufen. Bleib bloß vor der
Haustür!“ Sie öffnete die Tür und schubste Daniela hinaus.
Das hatte sie jetzt davon, warum hatte sie das auch
gesagt? Ihre Mutter war im Recht, sie hatte es nicht anders
verdient und war ein schlechter Mensch, auch wenn sie
diese zwei Worte ganz anders gemeint hatte, aber das war
egal. Es wäre auch unsinnig gewesen ihr den
Zusammenhang zu erklären, denn das hätte es nur noch
schlimmer gemacht. Widerworte waren nämlich strafbar.
Daniela saß vor der Tür. Ihr Körper schmerzte, sie fühlte
sich schlecht und schämte sich. Niemand würde sehen was
grad passiert war, denn trotz ihrer Wut und
Unkontrolliertheit platzierte die Mutter die Schläge nur an
Stellen an denen man sie nicht sah. Meist am Kopf, dort wo
die Haare waren.
In Gedanken versunken bemerkte sie erst gar nicht, dass
Steffi und Silke um die Ecke bogen. „Hey du, wir wollten
mal vorbeigucken.“ Daniela schaute sie an und stand auf.
„Hallo, na ihr. Wir fahren bald in den Zoo.“ Sie versuchte
die beiden Mädchen zu beeindrucken. Ein kurzer Blick zur
ersten Etage des Wohnhauses bestätigte ihr Gefühl. Ihre
Mutter beobachtete sie aus dem Kinderzimmerfenster
heraus. Da saß sie oft, weil man von dort aus die beste
Aussicht hatte. „Mein Vater hat erzählt, dass es dort ein
Walross und Elefanten gibt.“ Sie legte den Kopf in den
Nacken und schaute zu ihrer Mutter hinauf. „Die gibt es
doch dort oder?“ Sie bekam nur ein gelangweiltes „Jaja“ zu
hören. Das kleine Mädchen hatte irgendwie gehofft sie mit
dieser Frage besänftigen zu können.
„Toll, das kannst du uns ja dann alles später mal erzählen.“
Mit diesen Worten gingen die beiden wieder fort. Daniela
schaute nach oben. „Wehe du gehst weg, bleib ja hier!“,
sagte ihre Mutter und schloss das Fenster. Das Mädchen
stand an der Hauswand und schaute in den Himmel. In die
Wohnung traute sie sich nicht, denn das würde eine große
Gefahr bedeuten. Also blieb sie einfach ganz starr dort
stehen, aus Angst durch die kleinste Bewegung die
Aufmerksamkeit ihrer Mutter wieder auf sich zu ziehen.
6
Das gestohlene Bild
Die Wochenenden durfte Daniela bei ihren Großeltern
verbringen. Jeden Freitag holte ihr Opa erst sie und dann
ihre Oma von der Arbeit ab und die drei fuhren in das nahe
gelegene Dorf. Dort fühlte sich Daniela wohl. Hier wurde
sie nicht angeschrien, nicht geschlagen und auch nicht
böse angeschaut.
Ihr Opa war ihr ein und alles. Er bastelte immer an
irgendetwas herum und seine Enkelin half ihm dabei. Das
Mädchen hatte ihre eigene kleine Wasserwaage, ihr
Hämmerchen und alles was man so brauchte um eine
richtige Handwerkerin zu sein.
Mit ihrer Oma backte sie Kekse, zermanschte den Mettbrei
für den “falschen Hasen” und durfte sich dann sogar ihren
eigenen kleinen Klops formen. Mit ihrer Mutter kochte sie
nie. Sie ging mit der Oma in den Tante-Emma-Laden und
bekam dort immer eine Tüte Kirschlutscher geschenkt.
Auch wenn Daniela bei den beiden im Bett schlief und der
Oma in den Rücken trat, weil sie mal wieder quer lag,
wurde sie nicht beschimpft oder geschlagen. Es war eben
alles anders.
Samstagmittag kamen die Eltern mit der kleinen
Schwester vorbei und fuhren abends ohne ihre älteste
Tochter wieder nachhause. Auch am Sonntag kamen sie
wieder, nahmen Daniela am Abend aber wieder mit.
Leider.
Die Zeit, in der ihre Mutter nicht da war, genoss das
Mädchen sehr. Bei ihren Großeltern war sie zwar vor
Schlägen und Beschimpfungen sicher, aber die bösen und
angsteinflößenden Blicke gab es trotzdem. Und wenn sie
Pech hatte und die Mutter sich merkte, wenn sie etwas
vermeintlich Schlechtes getan hatte, dann wurde sie
zuhause dafür bestraft.
An einem Sonntagabend war Daniela wieder unendlich
traurig, da die Heimfahrt kurz bevor stand. Sie war allein im
Wohnzimmer ihrer Großeltern und hatte Angst davor wieder
nachhause zu müssen. Fünf lange Tage wäre sie ohne die
beiden und vermisste sie schon jetzt. Sie hatte Tränen in
den Augen. Da sah sie ein kleines Passbild ihrer Oma, in
einem Bilderrahmen aus Glas, auf dem Schrank stehen.
Sie schaute darauf so fröhlich und das gefiel dem
Mädchen. „Wenn ich das Bild mitnehme, dann ist Oma
immer bei mir“, dachte sie und nahm es in die Hand. „Aber
wenn ich Oma frage ob ich es mitnehmen darf, dann
bekommt es Mama vielleicht mit und erlaubt es nicht“,
überlegte sie weiter. „Dani, komm wir fahren jetzt!“, ertönte
es aus dem Flur. Das kleine Mädchen schaute auf das Bild
und steckte es in ihre Hosentasche. Auf der Fahrt
nachhause sah sie es sich an. Sie war unendlich traurig,
weil sie jetzt wieder ohne ihre geliebte Oma war.
Der Diebstahl blieb unentdeckt und immer dann, wenn
Daniela ihre Oma vermisste, holte sie das Bild aus ihrem
Versteck und schaute darauf. Manchmal stundenlang.
Irgendwann stellte sie es wieder an seine alte Stelle auf
dem Wohnzimmerschrank der Großeltern, weil sie Angst
hatte, dass es herauskommen würde. Die Konsequenzen
mochte sie sich nicht vorstellen.
7
Der sichere Ort
Mit dem Gefühl der Angst im Bauch zog es sie zu der
Gartentür am Ende des Grundstücks. Das kleine Mädchen
öffnete die Tür und trat auf einen Weg aus Gras. Sie sah
sich ängstlich um, ängstlich klein und verletzlich, so war
Daniela.
Nur wenige Schritte von ihr entfernt sah sie drei Birken.
Noch nicht sehr groß, aber für Daniela unheimlich
imponierend. Sie bewegten sich leicht mit dem Wind und
das leise Rascheln der Blätter wirkte beruhigend. Daniela
stand da und beobachtete das Spiel für einige Minuten. Sie
war so fasziniert von den Bewegungen, den Geräuschen
und die Angst wurde von diesen Eindrücken verdrängt.
Das Mädchen begann an einem dieser Bäume
hochzuklettern. Einfach so, denn sie fühlte sich sicher.
Oben angekommen setzte sie sich langsam auf einen Ast,
während ihr Blick anfing zu schweifen. Es war
überwältigend. Einen kurzen Moment lang verspürte sie
Angst. Was wäre wenn sie runterfiel? Die Birke hatte zwar
noch nicht ihre volle Größe erreicht, doch befand sie sich in
einer beachtlichen Höhe. Aber dann dachte sie: „Was soll
schon passieren? Es gibt schlimmere Dinge als von einem
Baum zu fallen“, das wusste sie bereits.
Daniela schaute sich um. Vor ihr der Garten ihrer
Großeltern, verdeckt durch eine riesige Tanne, die die
Birken überragte. Auf der anderen Seite die
Eisenbahnschienen, Getreidefelder und der Wald. Sie
spürte den Wind auf ihrem Gesicht und wie die Birke hin
und her schaukelte. Den Blick nach oben gerichtet begann
Daniela zu lächeln. Sie schaute in den blauen Himmel und
fühlte sich frei. Keine bösen Erinnerungen, keine Angst, so
wie sich ein fünfjähriges Kind eben fühlt, wenn es darf.
Von nun an kletterte Daniela oft auf eine der drei Birken.
Immer dann wenn sie sich unbehaglich fühlte oder den
Blicken der Mutter entfliehen wollte, suchte sie dort Schutz.
Ganz allein, unbeobachtet, verborgen zwischen Ästen und
Blättern, genoss sie es sie selbst sein zu können.
Aber es gab auch eine Welt außerhalb der schützenden
Großeltern und der drei Birken. Eine Welt, die nicht so
schön und ruhig war. Geprägt von unendlich viel Angst und
Unsicherheit.
Das war die andere Welt…
Drei Jahre später
Die Überreste der Bäume wurden auf einen Hänger
geladen und fortgefahren. Daniela war fassungslos. Sie lief
zum Gartentor, über den Grasweg und blieb stehen. Mit
Tränen in den Augen schaute sie auf das was übrig
geblieben war. Drei Stümpfe umgeben von Spänen und
der Duft von Holz, das war alles. Die drei Birken einfach
abgesägt, zerkleinert und weggefahren. Daniela konnte es
nicht fassen. Warum haben sie das gemacht? Sie
beschloss ihre Großmutter zu fragen und lief ins Haus.
Ganz empört fragte sie: „Oma? Die drei Birken sind
abgesägt worden. Weißt du warum?“ und die Großmutter
antwortete mit ruhiger Stimme: „Ja sicher, die großen
Mähdrescher konnten nicht mehr über den Grasweg zu den
Feldern fahren, weil die Birken zu dicht an unserem Zaun
standen.“ Daniela überlegte. Die Großmutter hatte Recht.
Wenn man aus dem Gartentor ging waren es nur sechs
Schritte über den Grasweg und man stand schon vor den
drei Birken. Ein großer Mähdrescher passte da nicht durch.
Aber warum fahren sie dann nicht woanders lang? Warum
mussten ihre drei Birken abgesägt werden?
8
Sich übergeben zu müssen ist schlecht
Aufstehen, anziehen, waschen und frühstücken, das war
das Ritual seitdem Daniela in die Vorschule ging. Während
sie das tat, machte die Mutter Sandra fertig.
An einem Morgen wurde das Ritual allerdings
unterbrochen, als Daniela sich die Jacke anzog und ihre
Schwester sich übergeben musste. Keine Seltenheit bei
Säuglingen, aber sie erntete damit den Unmut der Mutter.
Die war sauer und das freute die ältere Schwester. Daniela
grinste in sich hinein. „Endlich kriegt sie auch mal Ärger“,
doch kaum hatte sie diesen Gedanken zu Ende gedacht,
überfiel sie eine starke Übelkeit. Auch sie musste sich
übergeben, mitten in den Flur, mitten auf den Teppich. Es
ließ sich nicht verhindern. Leider.
Daniela stand im Flur vor ihrem kleinen Häufchen
Erbrochenem, mit Tränen in den Augen. Ihr war übel und
sie hatte Angst. Angst vor dem was jetzt bestimmt
passieren würde. „Das auch noch!“, schrie die Mutter und
versetzte Daniela einen Schlag. Er traf sie seitlich am Kopf,
wie fast immer. Jetzt nur nicht weinen, Tränen waren
verboten. Sie riss sich zusammen, schaute der Mutter zu
wie sie das Unheil beseitigte, zog den Reißverschluss ihrer
Jacke hoch und folgte dem Ritual.
Mit gesenktem Kopf lief Daniela neben ihrer Mutter her, die
Sandra im Kinderwagen schob. „Komm schon und trödel
nicht rum! Wegen deiner scheiß Kotzerei kommst du eh
schon zu spät.“ Endlich waren sie an der Vorschule
angekommen. Daniela ging hinein.
Es gab keine Verabschiedung, aber sie war froh
wenigstens für ein paar Stunden nicht zuhause sein zu
müssen.
Vier Jahre später…
Sandra war schon mit dem Frühstücken fertig und Daniela
versuchte noch die letzten Löffel der Smacks zu essen. Die
Schale musste leer sein, sonst würde es Ärger geben.
Großen Ärger. Dann geschah das, was sie befürchtet hatte.
Ihr wurde übel, aber sie musste weiteressen. Der Körper
wehrte sich und wollte sich erbrechen. Das tat er leider
auch.
Aus Angst vor der Reaktion ihrer Mutter, schluckte Daniela
alles wieder hinunter. Schon stand sie in der Tür, schaute
das Mädchen böse an und sagte: „Iss vernünftig und mach
nicht so komische Geräusche beim Essen. Beeil dich und
sieh zu, dass du in die Schule kommst!“
9
Opa ist krank
Als Daniela sechs Jahre alt war und wieder ein
Wochenende bei ihren Großeltern verbrachte, passierte
etwas Seltsames. Sie ging zu ihrem Opa ins Wohnzimmer,
um mit ihm gemeinsam fernzusehen. Sie öffnete die Tür
und sah ihn auf dem Sofa sitzen. Irgendetwas stimmte
nicht. Er schaute seltsam aus und die Hose hatte zwischen
seinen Beinen einen dunklen Fleck. Daniela lief zu ihrer
Oma in die Küche. „Oma, Oma!“, rief sie. „Ja mein Kind?“
„Ich glaube Opa hat sich in die Hose gemacht und er
schaut so komisch. Komm schnell mit!“, ihre Worte
überschlugen sich fast. Die Großmutter lief an ihr vorbei,
schaute auf ihren Mann und rannte zum Telefon.
Kurze Zeit später kam ein Krankenwagen und auf der
Wendeplatte neben dem Haus landete ein Hubschrauber.
Daniela sah wie ihr Opa auf einer Trage nach draußen
gebracht wurde.
Man erzählte ihr, dass er krank wäre und es lange dauern
würde bis er wiederkäme. Immer wieder fragte sie nach
ihm, denn er fehlte ihr so sehr. Niemand holte sie an den
Freitagen ab und sie durfte nicht mehr bei ihren Großeltern
schlafen. Das kleine Mädchen verstand nicht warum.
An einem Samstagmittag fuhr die Familie wieder zu den
Großeltern aufs Land. Als sie das Haus betraten kam ihnen
die Oma schon entgegen. „Das ist aber schön, dass ihr da
seid! Opa ist im Schlafzimmer.“ Daniela folgte ihren Eltern,
die Schlafzimmertür war weit geöffnet und sie sah ein
Krankenhausbett. So ein Bett kannte sie, denn sie war
auch schon mal im Krankenhaus gewesen. Aber warum
stand das im Schlafzimmer von Oma und Opa?
In diesem Bett lag ein alter Mann. Er hatte etwas Weißes
mit blauem Muster an. Dieser Mann war nicht ihr Opa. Wo
war der Opa, der immer lächelte und mit ihr spielte? Der
Mann in dem Bett sah zwar aus wie er, aber war ganz
anders.
Ein wenig Speichel lief aus seinem Mund und er schaute
an die Decke. Die Oma kam dazu und sagte zu ihm:
„Schau mal, deine Kinder sind da.“ Er blickte zu ihnen rüber
und begann zu weinen, was zur Folge hatte, dass noch
mehr Speichel aus seinem Mund kam. Daniela verstand
das nicht. Sie schaute ihrer Oma dabei zu, wie sie ihrem
Mann mit der Schnabeltasse etwas zu trinken einflößte.
Warum konnte er das nicht mehr selbst?
Als sie später wieder nachhause fahren wollten, gingen sie
vorher noch mal in das Schlafzimmer. „Los gib deinem Opa
zum Abschied die Hand“, befahl ihre Mutter. Das tat
Daniela, ganz kurz und ganz schnell und sie sagte auch
nichts. An der Hand des Opas befand sich Speichel, den
sie nun auch an ihrer Hand hatte. Als sie die Haustür
verließen roch sie daran. Ihre Mutter ertappte sie dabei und
fragte lachend: „Hast wohl Angst, dass Opa stinkt oder
was?“ Würde “ihr” Opa jemals wiederkommen?
Er kam nicht wieder. Zwar lernte er mit Hilfe seiner Frau
das Laufen, allein Essen und Trinken, aber er sprach nie
wieder und musste weiterhin eine Windel tragen. Viel
später erst erfuhr Daniela, dass ihr Großvater damals drei
Schlaganfälle bekommen hatte. Zehn Jahre nach dem es
passierte, starb er an einer Lungenentzündung. Für das
kleine Mädchen war ein Teil von ihm schon vorher
gegangen.
10
Lass es nicht anbrennen!
Ein sonniger und warmer Tag, der dazu einlud an der
frischen Luft zu spielen. „Mama darf ich rausgehen?“, fragte
Daniela. „Nein, erst wenn ich vom Einkaufen
wiederkomme. Ich hab das Gulasch angestellt und du
musst aufpassen, dass es nicht anbrennt. Hast du gehört?“
Natürlich hatte sie es gehört, Aber sie verstand nicht genau
was sie tun sollte. Mit den Worten: „Stell dich vor den Herd
und pass bloß auf!“, in einem Ton der Daniela nichts Gutes
verheißen ließ, verschwand die Mutter mit ihrer
Einkaufstasche aus der Haustür. Sie ging wie befohlen zu
dem Herd, stellte sich auf die Zehenspitzen und schaute in
den Topf. Auf dem rechten Griff war ein Holzlöffel abgelegt,
sie nahm ihn in die Hand und versuchte die Fleischstücke
umzurühren. Das Fett spritzte und zischte. Daniela bekam
Angst. Sie wusste nicht ob sie es richtig machte. Sie
wusste nur, dass sie es zu spüren bekommen würde, wenn
ihre Mutter nicht zufrieden war. So wie jedes Mal.
„Hoffentlich kommt sie bald wieder“, dachte das kleine
Mädchen und schaute nervös in den Topf. „Ich darf nichts
falsch machen.“ Sie rührte ganz angestrengt, es war nicht
einfach so lange auf den Zehenspitzen zu stehen. Aber sie
wollte es gut machen und gab sich alle Mühe. Das Fleisch
wurde erst braun, dann dunkelbraun und schließlich
schwarz. Und es roch auch nicht mehr gut. „Hoffentlich
kommt sie gleich, hoffentlich kommt sie gleich.“ Ein
ungutes Gefühl machte sich in ihr breit. Sie wusste nicht
was sie falsch gemacht hatte, aber es würde böse enden,
das war ihr klar. Die Angst wurde übermächtig. Daniela,
ein kleines hilfloses Mädchen, stand vor dem Herd und
wusste nicht was sie tun sollte. „Ich rühre einfach weiter,
vielleicht ist es doch nicht so schlimm.“
Der Schlüssel wurde ins Schloss gesteckt und umgedreht,
die Mutter war wieder da. Erleichterung, gefolgt von Panik
und Angst kamen in dem Mädchen auf. „Scheiße Dani!
Was stinkt hier so?“, mit den Worten stürmte sie in die
Küche und schaute in den Topf.
Der Schlag hatte gesessen und Daniela fiel auf den Boden.
Sie lag auf dem Rücken und sah wie ihre Mutter den Topf
in die Hand nahm. Sie versuchte außer Reichweite zu
kommen und krabbelte auf allen Vieren in Richtung
Wohnzimmer. Auch der Tritt saß und als sie die Schwelle
erreicht hatte, traf der Topf sie an der Schulter. Eingerollt
auf dem Boden und der Mutter ausgeliefert, lag sie da.
Daniela wusste nicht was schlimmer war, die Schmerzen
oder die Worte die ihr entgegengeschleudert wurden. Aber
einen Satz würde sie nie mehr vergessen: „Und wegen dir
ist der Topf jetzt hin, weil du zu blöd bist!“
Daniela war erst sechs Jahre alt…
11
Aber sag deinem Vater nichts
Etwas verstand Daniela nicht. Die Erwachsenen hatten
immer Recht, was sie sagten war Gesetz und die Großen
durften machen was sie wollten. Aber warum rauchte ihre
Mutter dann heimlich?
„Hier, geh zum Laden und hol mir Zigaretten.“ Die Mutter
drückte dem Mädchen fünf Mark in die Hand und zeigte auf
den Flur. „Aber sag deinem Vater nichts und wenn er
fragen sollte, dann lüg einfach. Und wenn du ihm was sagst,
dann knallt es!“ Man darf nicht lügen, das wusste sie. Aber
wenn die Mutter es ihr sagte, dann darf man es doch,
zumindest in diesem Fall. Einmal hatte er sie gefragt ob
die Mama raucht. Natürlich sagte Daniela nichts. Sie
erzählte ihm, dass sie es nicht wüsste und nichts gesehen
hätte. Sie hasste es ihren Papa anlügen zu müssen, aber
welche Wahl hatte das Mädchen?
Mit den fünf Mark in der Hand machte sich Daniela auf den
Weg zu einem kleinen Laden, der nicht weit entfernt war.
Es lag Schnee, es war kalt und der Himmel bewölkt. Sie
versuchte sich zu beeilen um die Mutter nicht zu verärgern,
bog um die Ecke und dabei fiel ihr das Geldstück aus der
Hand. Es war in den Schnee gefallen. Angst und Panik
kamen in ihr auf. Sie musste das Geld schnell
wiederfinden, damit die Mutter nicht böse wurde. Hastig
begann Daniela im Schnee zu wühlen. Sie hatte nicht
gesehen wohin es gefallen war. Das Mädchen suchte
überall, ihre Hände wurden rot und taten weh, denn sie
hatte ihre Handschuhe vergessen. Das Geldstück war
verschwunden.
Langsam ging sie zur Haustür und klingelte. Sie ahnte was
jetzt kam, denn sie war blöd und dumm gewesen. Ein
dummes Kind, das es nicht anders verdient hatte. „Mama,
ich habe das Geld verloren“, sagte sie leise. „Was? Du
spinnst wohl! Na toll! Wie blöd bist du eigentlich?“ Der
Schlag traf sie am Kopf, aber er tat diesmal nicht so weh
wie sonst, denn Daniela trug noch ihre Mütze. Das
Mädchen stand da wie erstarrt. So ließ es sich am besten
aushalten. „Hier, ich geb dir noch mal was. Aber wehe das
schmeißt du auch weg, dann gnade dir Gott!“, mit diesen
Worten drückte die Mutter ihr ein neues Geldstück in die
Hand, drehte sich um und ging ins Wohnzimmer.
Diesmal steckte Daniela das Geld in ihre Jackentasche,
schaute vorsichtshalber nach ob kein Loch darin war und
machte den Reißverschluss zu. Sie rannte zu dem kleinen
Laden um wieder gutzumachen was sie vorher getan hatte.
Dort kannte man sie schon und sie bekam wie immer eine
Schachtel R6 von der Verkäuferin. Das Mädchen rannte
wieder zurück und übergab die Zigaretten ihrer Mutter. Die
war wenig beeindruckt und nahm die Schachtel mit den
Worten: „Na geht doch und wehe dir passiert das noch
mal!“, entgegen. Es gab noch mal einen leichten Schlag auf
den Kopf und Daniela durfte gehen. Sie zog sich in ihr
Zimmer zurück, stellte ihren Kassettenrekorder an und
hörte “Hallo Spencer”. Warum war sie nur so ein blödes
Mädchen, dass nichts richtig konnte? „Mama hat schon
recht, ich bin zu nichts zu gebrauchen“, dachte sie.
Daniela war ungefähr sechs Jahre alt.
12
Die Gebete
Die Familie fuhr jedes Wochenende zu den Großeltern. Da
Daniela dort aber nicht mehr übernachten durfte, weil ihr
Opa krank war, fuhr sie jeden Samstagabend mit ihrer
Familie nachhause. Samstags war Badetag. Meist setzte
ihr Vater seine Frau und die Kinder vor dem Wohnhaus ab
und brachte dann das Auto in eine Garage, die ein paar
hundert Meter entfernt war.
Die Mutter ließ das Badewasser ein. Daniela hasste
dieses Geräusch. Sie hasste es baden zu müssen und sie
hasste sich selbst, weil sie wieder etwas falsch machen
würde.
Außer wenn ihr Vater dabei war, das war die einzige
Möglichkeit von der Mutter keine Schläge zu kassieren.
Aber er war leider nur selten dabei. In ihrer Verzweiflung
begann das kleine Mädchen zu beten. „Bitte lieber Gott,
mach dass Papa beim Baden mit dabei ist!“, diese Worte
wiederholte sie in Gedanken ununterbrochen. Um ihrer
Bitte mehr Nachdruck zu verleihen kniete sie sich auf den
Boden. Die Hände zusammengefaltet, kauerte sie
zwischen Sofa und Wohnzimmertisch, die Stirn berührte
dabei den Teppich. „Bitte bitte lieber Gott! Mach dass
Papa dabei ist!“ Ihre Gebete wurden nicht oft erhört. Nur
manchmal stand ihr Vater neben der Waschmaschine und
beobachtete wie die Mutter ihre beiden Kinder wusch.
Leider tat er das viel zu selten.
***
Ein kleines Wesen,
ganz allein.
Ein dunkler Schatten,
der sich nähert.
Angst.
Kälte.
Das kleine Wesen möchte fliehen,
doch der Schatten folgt ihm,
egal wohin es geht.
Es gibt auf,
legt sich hin,
sucht Schutz, den es nicht gibt
und wartet auf den Morgen.
Es wird hell,
keine Angst, keine Kälte.
Das kleine Wesen geht,
geht in die Freiheit.
Hinter ihm, kaum sichtbar
der dunkle Schatten.
***
13
In der Badewanne
Daniela saß rechts von ihrer Mutter, die vor der Wanne
stand und sich über sie beugte. Allein waschen durfte sich
das Mädchen noch nicht, dafür war sie wohl noch zu klein.
Während sie von der Mutter mit dem Waschlappen
bearbeitet wurde, spielte die kleine Schwester, die ihr
gegenüber saß, mit dem Schaum. Auf dem Lappen war
Garfield zu sehen, mit einem breiten Grinsen über dem
Gesicht. Daniela grinste nicht. Es tat ihr weh, wenn die
Mutter das Gesicht und den Rest des Körpers damit
abrieb. Aber das musste wohl so sein, denn sie war
bestimmt sehr schmutzig. Manchmal war sie anscheinend
auch zwischen den Beinen sehr dreckig, denn dort tat es
am meisten weh und brannte auch ziemlich, obwohl der
Waschlappen da nicht benutzt wurde.
Sie versuchte sich während der Prozedur nicht zu
bewegen, weil das böse Folgen hätte haben können.
Nichts durfte den Unmut der Mutter wecken. Also saß das
Mädchen einfach nur völlig steif da.
Einmal wurde sie leicht geschubst und fiel nach hinten. Die
Arme fanden keinen Halt und ihr Kopf geriet unter Wasser.
Die Beine ragten in die Luft. Daniela zappelte und
versuchte ihren Oberkörper wieder aus dem Wasser zu
drücken. Endlich gelang es ihr und sie holte tief Luft. „Was
machst du denn wieder für eine Scheiße? Hör auf hier so
rumzuspritzen!“, schrie die Mutter und verpasste ihr eine
Ohrfeige. Warum war sie auch so blöd gewesen und ist
nach hinten gefallen? Sie hätte einfach besser aufpassen
müssen. Das war klar.
14
Das Abtrocknen
Wenn Daniela fertig gebadet hatte, musste sie sich in die
Wanne stellen. Ihre Mutter holte dann das große Handtuch,
auf dem Heidi mit ein paar Bergen und Wiesen abgebildet
war. Heidi strahlte, Daniela nicht.
Das Handtuch wurde ihr über den Kopf gelegt und die
Mutter begann die Haare abzurubbeln. Das Mädchen stand
steif da. Sie durfte sich nicht bewegen, was schwer war,
wenn jemand einen abzutrocknen versuchte. „Halt den Kopf
still!“, brüllte die Mutter „Und zappel nicht so rum!“ Daniela
zappelte nicht, sie stand nur da. Das Rubbeln wurde
stärker. „Du sollst den Kopf stillhalten!“ Der Schlag saß.
Die Anspannung wuchs und sie bemühte sich, noch steifer
dazustehen. Sie spürte die Hand ihrer Mutter an ihrer
Schulter. Ein kleiner Schubs. Das Kind geriet ins wanken,
immer noch bemüht steif stehenzubleiben und fiel fast hin.
„Steh halt nicht so steif rum, was soll denn das? Ich knall dir
gleich noch eine!“
Das Handtuch wurde ihr vom Kopf genommen und sie
konnte ihrer Mutter fast direkt ins Gesicht sehen. Daniela
kannte diesen Blick sehr gut. Normalerweise würde sie ihr
jetzt aus dem Weg gehen, was aber nicht möglich war.
„Starr mich nicht so an!“ Das kleine Mädchen schaute an
ihr vorbei auf die Fliesen und versuchte nicht zu starren.
Steif, den Blick nach vorn gerichtet stand sie in der Wanne.
Wie eine Puppe.
Wieder traf sie ein Schlag am Kopf. Warum wusste sie
nicht, aber es wird schon richtig so sein, denn sie war
wieder böse gewesen.
Endlich durfte sie aus der Badewanne steigen. Vor der
Toilette lag ein kleines Handtuch, auf das man sich stellen
musste und es durften keine Tropfen auf den PVC
gelangen. Das ist nicht so einfach, wenn Beine und Füße
noch nass sind. Die Mutter kniete sich hin und breitete ein
Handtuch auf ihren Beinen aus. Daniela stellte völlig
automatisch ihren Fuß auf den Oberschenkel ihrer Mutter
und hoffte, dass bald alles vorbei war.
Auch so etwas passierte nicht, wenn der Vater dabei war.
***
Der Boden unter meinen Füßen gibt nach,
ich falle.
Ich falle tiefer in die Dunkelheit,
ich habe Angst.
Es ist nichts da was mich hält,
nur Kälte.
Meine Schutzengel finden keinen Weg zu mir,
ich bin allein.
***
15
Du rührst dich keinen Millimeter
Wenn der Vater an den Samstagen arbeiten musste kam
es vor, dass die Kinder schon am Vormittag gebadet
wurden. Dann konnte sich Daniela jedes erdenkliche Gebet
sparen, denn es hätte nichts gebracht.
So war es auch an diesem Tag. Sie wurde gebadet,
geschlagen und beschimpft. Wie immer war das Mädchen
zu dumm gewesen es ihrer Mutter Recht zu machen. Als
sie endlich die Prozedur hinter sich gebracht hatte, zog ihre
Mutter sie ins Wohnzimmer. „Hier liegen deine Klamotten,
zieh die an!“, sagte sie genervt. Daniela gehorchte
natürlich. Schnell zog sie sich die bereitgelegt Sachen an.
„Oh nein, der kratzige Wollpullover“, dachte sie.
Diesen Pullover hatte ihre Oma gestrickt. Er war weiß mit
länglichen Mustern darauf und er kratzte unheimlich. Zum
Glück hatte ihre Mutter auch ein kurzärmeliges Poloshirt
dazugelegt.
Die Haut des kleinen Mädchens war durch das Baden
aufgeweicht und an manchen Stellen noch etwas feucht. Als
sie den Pullover anzog spürte sie sofort das unangenehme
Gefühl der Wolle auf ihren Unterarmen. Sie hasste es. Aber
sie musste ihn tragen, obwohl sie schon oft gesagt hatte,
dass die Wollpullover so kratzen.
Die Mutter kam zurück mit den Worten: „Und jetzt setzt du
dich aufs Sofa und rührst dich ja nicht von der Stelle! Du
rührst dich keinen Millimeter!“ Daniela hätte es nie gewagt
zu widersprechen oder das Befohlene nicht auszuführen.
So saß sie auf dem Sofa, die Haut juckte und sie traute
sich nicht zu kratzen, weil ihr ja gesagt wurde, dass sie sich
nicht rühren darf. Das Jucken wurde immer stärker, aber
sie wollte ein braves Mädchen sein und bewegte sich
keinen Millimeter.
Ihre Mutter badete jetzt und obwohl Daniela nun keine
Angst haben musste, dass sie sie beim Kratzen erwischen
würde, tat sie es nicht. Sie bekam alles heraus und
bestimmt auch das. Ihr blieb nur das Warten. Darauf
warten, dass die Mutter ihrem Kind erlaubte aufzustehen
oder sich bewegen zu dürfen. Im Fernsehen lief eine
Zeichentricksendung, die sie aber nicht von dem
penetranten und immer schlimmer werdenden Jucken
ablenken konnte. Das Mädchen saß da wie eine Puppe.
Den Blick starr nach vorn gerichtet und sich keinen
Millimeter rührend.
Für Daniela dauerte es unendlich lange, bis ihre Mutter mit
dem Baden fertig war. Viel zu lange. Aber schließlich kam
sie doch in das Wohnzimmer und schaute ihre Tochter
böse an. „Setz dich gerade hin, wenn du schon auf dem
Sofa rumhängst!“, das Kind gehorchte sofort. „Ach hau ab,
ich will jetzt meine Ruhe haben, geh ins Kinderzimmer.“
Das Mädchen versuchte schnell an ihrer Mutter
vorbeizuschlüpfen, aber sie erwischte es doch. Ein Schlag
auf den Hinterkopf, dann war sie endlich in ihrem Zimmer
angekommen. Erstmal in Sicherheit.
16
Die Entschuldigung
Eines Tages passierte etwas völlig unerwartetes. Es war
wieder einer dieser Samstagvormittage an denen der
Vater arbeiten war und die Kinder gebadet wurden.
Daniela und ihre Mutter standen im Wohnzimmer. Ein
unvorbereiteter Schlag traf das kleine Mädchen wie immer
am Kopf. Die Wucht ließ sie fast auf den Boden fallen, aber
sie fing sich schnell wieder. Automatisch wurden die
Tränen unterdrückt, nur der Schmerz blieb.
Plötzlich sagte ihre Mutter etwas in einer Tonlage, die
Daniela völlig neu war. „Komm mal her“, murmelte sie völlig
ruhig und leise. Dem Mädchen machte das Angst. Würde
sie jetzt den nächsten Schlag bekommen, weil sie wieder
etwas Falsches getan hatte? Aber sie musste zu ihr gehen,
denn sonst wäre alles nur noch schlimmer geworden.
Daniela stand vor ihr und dann geschah etwas Seltsames.
Ihre Mutter nahm sie in den Arm. Das Mädchen spürte die
Arme auf ihren Schultern, ihr Körper wurde an den der
Mutter gedrückt. Sie schaute nach rechts und fühlte den
Stoff des Pullovers an ihrer linken Gesichtshälfte. Sie war
erstarrt, stand völlig steif da und roch den Atem ihrer
Mutter, die kurz zuvor wohl eine Banane gegessen hatte.
Dem Kind wurde schlecht.
„Es tut mir leid“, sagte ihre Mutter.
„Was tut ihr leid?“, dachte Daniela. Die Siebenjährige
verstand nicht was das zu bedeuten hatte und fühlte nur
eine unendliche Übelkeit in sich aufsteigen. Das war das
einzige und letzte Mal, dass Daniela so etwas mit ihrer
Mutter erleben sollte.
***
Eine Hülle,
ohne Emotionen,
nur Angst.
Funktionierend,
immer unter Kontrolle,
fast unsichtbar.
Das perfekte Kind?
Eine Fassade,
dahinter versteckt sich die Angst.
Hass und Wut im Hintergrund,
immer bereit auszubrechen.
Funktionierend,
immer unter Kontrolle.
Alles ist gut
***
17
Messer an der Kehle
„Oma liegt im Krankenhaus“, sagte die Mutter. Daniela
schaute zu ihr hoch und bekam Angst. Angst um ihre
geliebte Oma. „Ich fahr sie mit Sandra besuchen. „Und du
bleibst hier, das hast du nun davon!“ Sie wusste nicht was
ihre Mutter meinte, was hatte sie denn getan? Fragen
waren nicht erlaubt, das hätte vielleicht böse
Konsequenzen gehabt.
Die beiden zogen sich an und verließen die Wohnung. Die
Mutter sagte kein Wort, knallte die Wohnungstür zu und
schloss sie ab.
Daniela gingen 1000 Dinge durch den Kopf. Was habe ich
gemacht? Warum ist Mama böse zu mir? Warum darf ich
nicht mit? Warum ist Omi im Krankenhaus? Warum darf ich
sie nicht sehen?
Sie kam zu der Erkenntnis, dass ihre Mutter bestimmt
einen Grund gehabt hat, warum sie sie nicht mitnahm. Sie
würde schon Recht haben, denn Erwachsene haben immer
Recht und vor allen Dingen ihre Mutter.
Daniela ging langsam in die Küche, zog die Schublade des
Küchenschrankes auf und nahm ein Messer heraus. Das
kleine Küchenmesser mit dem weißen Griff und den Riefen
darin. Es war das schärfste Messer, das hatte zumindest
ihr Vater einmal gesagt und ihr den Umgang damit
verboten. Jetzt konnte es ihr niemand verbieten. Sie
wandte sich dem Küchenfenster zu und schaute durch die
Gardine auf die Straße. Die Mutter stand an der
Bushaltestelle, an ihrer rechten Hand Sandra. „Und ich darf
nicht mit“, dachte Daniela. „Ich bin zu böse und zu schlecht.“
Mit dem Messer in der Hand stand sie da. Hielt es ganz
fest, führte es zu ihrem Hals und spürte es auf ihrer Haut.
Es fühlte sich kalt an. Der Bus kam und die beiden stiegen
ein. Daniela weinte, denn es tat ihr weh ihre Oma nicht
besuchen zu dürfen und nicht zu wissen was mit ihr war.
Vielleicht würde sie sie nie wiedersehen.
„Ein Stich und alles wäre vorbei“, dachte Daniela. Die
Spitze des Messers bohrte sich leicht in ihre Haut. Die
Hand des kleinen Mädchens hielt es zitternd fest. „Stich zu,
stich einfach zu. Dann ist alles vorbei.“
Doch sie tat es nicht. Daniela wurde auf einmal ganz ruhig,
drehte sich um, machte die Schublade auf und legte das
Messer zurück. Langsam ging sie in den Flur, öffnete die
Tür zu ihrem Zimmer, setzte sich auf den Boden und
wartete.
Was mit ihrer Omi passiert war und wie es ihr ging würde
sie erst ein paar Tage später erfahren.
Daniela war sieben Jahre alt.
18
Pipi bei der Nachbarin
„Los geh raus spielen, ich will schlafen.“ Wortlos ging
Daniela in den Flur und zog sich an. Vielleicht war ja
draußen jemand mit dem sie spielen konnte. Leider traf sie
niemanden und sie beschäftigte sich mit sich selbst auf
dem Wäscheplatz direkt vor der Haustür. Wie immer
bemüht sich nicht schmutzig zu machen oder laut zu sein,
pflückte sie Blumen und sammelte schöne Steine, die sie
dann wie einen Schatz vergrub.
Nach einiger Zeit merkte sie aber, dass sie auf die Toilette
musste. Was sollte das Mädchen tun? Ihre Mutter schlief
sicher noch auf dem Sofa während der Fernseher lief.
Wenn sie sie jetzt wecken würde, wäre das fatal. Daniela
kam die Idee bei der Nachbarin zu klingeln und die zu
fragen ob sie ihr “Klo” benutzen dürfte. „Aber was wäre
wenn das falsch ist?“, überlegte sie. „Wenn Mama das
nicht gut finden würde, dann würde ich bestimmt großen
Ärger bekommen.“
Sie ging zur Tür und stellte sich auf den Hausstein. Neben
der Tür waren die Klingeln angebracht, für jede der vier
Wohnungen eine. Die vorletzte gehörte der Nachbarin.
Vielleicht würde ihre Mutter ja nichts erfahren. Die Angst
blieb. Nervös und unsicher schaute Daniela auf die Klingel.
Lange konnte sie es nicht mehr zurückhalten. Allen Mut
zusammennehmend drückte sie drauf.
„Hallo, darf ich bitte mal auf ihr Klo?“, fragte das kleine
Mädchen. „Macht deine Mama nicht auf?“ Sicher hätte ihre
Mutter die Tür geöffnet, aber die Angst vor den
Konsequenzen war einfach zu groß.
Als sie ihr Geschäft erledigt hatte, bedankte sich Daniela
und lief schnell wieder hinaus. In der Zwischenzeit hätte ihre
Mutter ja nach ihr Ausschau halten können. Ein unsicherer
Blick in die erste Etage bestätigte ihre Befürchtung nicht,
denn sie stand nicht am Fenster. Glück gehabt. Jetzt blieb
nur noch zu hoffen, dass die Nachbarin nichts erzählte.
Aber sie tat es natürlich und die Konsequenz ließ nicht
lange auf sich warten. „Warum gehst du nicht bei uns aufs
Klo und klingelst bei den Nachbarn? Wie steh ich denn jetzt
da?“, fragte die Mutter das kleine Mädchen aufgebracht.
Daniela antwortete nicht. „Hä? Du spinnst wohl!“, schrie
sie. Darauf folgten ein paar Schläge auf den Kopf und Tritte
ins Gesäß. Daniela wusste jetzt, dass es falsch gewesen
war zur Nachbarin zu gehen. Ihre Mutter hatte Recht. Jetzt
musste sie bestraft werden, weil sie es nicht anders
verdient hatte.
Daniela war ungefähr sieben Jahre alt.
19
Gegen die Türklinke gefallen
Normalerweise trafen sie die Schläge ihrer Mutter am
Kopf. Und dort waren sie meist so platziert, dass keine
blauen Flecken zu sehen waren, nämlich da wo die Haare
sind. Backpfeifen hinterließen keine langwierigen Spuren
und waren nach einer kurzen Rötung wieder verschwunden.
Besonders schlimm war es für Daniela, wenn sie an ihrer
Mutter vorbeiging und sie nicht sah, wenn sie hinter ihr
ausholte.
Nur einmal verkalkulierte sich die Frau.
Der Schlag traf Daniela im Gesicht und sie spürte den
Schmerz an und in ihrem Auge. Diesmal fiel es ihr schwer
die Tränen zu unterdrücken, aber sie musste es ja tun.
Kurze Zeit später schaute ihre Mutter sie an, sagte: „Ach du
Scheiße! Das musste ja auch noch sein“, und widmete sich
wieder dem Fernsehprogramm. Das kleine Mädchen
wusste nicht was ihre Mutter meinte, aber irgendwas wird
sie wohl wieder falsch gemacht haben.
Als Daniela auf die Toilette ging und am Flurspiegel
vorbeikam, sah sie was gemeint war. Sie hatte ein blaues
Auge bekommen. Sonst sah man nie etwas wenn sie
bestraft worden war, aber diesmal schon. Es tat immer
noch weh und pochte.
Ein paar Stunden später kam Danielas Vater von der
Arbeit. „Was hast du denn gemacht?“, fragte er seine
Tochter. Schon erschien die Mutter im Flur. „Sie ist gegen
die Türklinke gelaufen“, erklärte sie sehr überzeugend. Das
kleine Mädchen nickte langsam und schaute auf den
Boden, denn sie schämte sich. Ihre Mutter log zwar, aber
sie hatte die Strafe verdient und dass das Auge jetzt blau
geworden war, das war sicher auch ihre eigene Schuld.
Ihr Vater fragte zum Glück nicht weiter nach und ging in die
Küche. Die Mutter legte sich wieder aufs Sofa, Daniela
ging in ihr Zimmer und dieser „Unfall“ kam nie wieder zur
Sprache.
Daniela war ungefähr acht Jahre alt.
20
Das gestohlene Geld
Daniela war in der Grundschule eine Einzelgängerin. Meist
lief sie allein in den Pausen auf dem Schulhof herum oder
schloss sich einfach irgendwelchen Kindern an. Auch die
Tatsache, dass sie manchmal in dem Laden neben der
Schule eine Tüte Chips oder andere Süßigkeiten kaufte
und diese den Kindern in ihrer Klasse anbot, änderte nichts
an der Tatsache, dass sie allein war. Um diese Dinge
bezahlen zu können, nahm sich Daniela Geld aus ihrer
Spardose.
Als sie eines Tages von der Schule nachhause kam,
entdeckte ihre Mutter eine Tüte mit Bonbons in ihrer
Schultasche. „Wo haste denn die her?“, fragte sie. „Aus
dem Laden neben der Schule.“, antwortete das Mädchen.
„Und wie haste die bezahlt? Hast wohl Geld aus meinem
Portemonnaie geklaut?“, die Mutter wurde lauter. Daniela
kam blitzschnell ein Gedanke. Wenn sie jetzt sagen würde,
dass sie das Geld aus ihrem Sparschwein hatte, dann
würde ihre Mutter das bestimmt verstecken und sie würde
sich keines mehr nehmen können. Das empfand sie
schlimmer als die Konsequenz, die sie durch den
angeblichen Diebstahl tragen musste, denn die Tat blieb
natürlich nicht ungestraft und folgte sofort.
Danach nahm die Mutter ihr Portemonnaie aus der
Schublade, zählte das Geld darin und legte es wieder
zurück. „Wehe du klaust nochmal was!“
Es fehlte nie etwas daraus, denn das kleine achtjährige
Mädchen nahm sich weiter das Geld aus ihrem
Sparschwein und kaufte sich damit Süßigkeiten um andere
Kinder zu beeindrucken.
***
Eine Mauer
aus Witz, Ironie und Sarkasmus.
Undurchdringbar und nicht zu zerstören,
stabil und fest, der perfekte Schutz
vor mir und den anderen…
Dahinter
Schmerz, Hass, Angst, Wut und Trauer,
doch niemand kann es sehen,
niemand darf es sehen.
Nichts dringt nach außen.
Die Mauer kann bröckeln,
kleine Schlitze entstehen.
Sie gewähren einen Einblick,
es werden immer mehr.
Die Mauer gerät ins Wanken.
Daneben ein Eimer,
darin Mörtel aus Angst und Enttäuschung.
Er verschließt die Schlitze,
er verschließt den Weg hinter die Mauer,
sehr schnell.
Die Mauer ist wieder stark.
Sie ist wieder stabil
und ein Durchdringen ist nicht möglich.
Kein Wanken mehr, kein Bröckeln,
vielleicht der bessere Weg.
***
21
Selbstbestrafung
Sie war allein zuhause und machte ihre Schularbeiten.
Endlich stand ihre Mutter mal nicht hinter ihr und
beobachtete jede Bewegung die sie ausführte.
Entspannt war Daniela aber trotzdem nicht. Sie musste
alles ganz perfekt machen, so wie sie immer versuchte
ganz besonders sorgfältig und perfekt in allen Dingen, die
sie tat zu sein. Fehler durfte sie sich nicht erlauben, denn
das hätte eine Strafe zur Folge.
Die Lehrerin hatte ihnen aufgetragen einen Absatz aus
dem Lesebuch in Schönschrift abzuschreiben und etwas
lesen zu üben. Mit dem Lesen hatte Daniela keine
Probleme und das Schreiben bereitete ihr normalerweise
auch keine großen Schwierigkeiten.
Aber an diesem Tag wollte ihr nichts gelingen. Ständig
verschrieb sie sich und versuchte die Fehler mit dem
Tintenkiller wieder auszubessern. Das konnte man sehen
und wenn ihre Mutter es bemerkte, dann würde sie bestraft
werden, denn sie war zu blöd diesen Text zu schreiben.
Daniela wurde wütend. Warum war sie nur so blöd? Schon
passierte es wieder. Sie besserte es sofort aus. Ihre Wut
wurde immer größer. „Ich bin einfach zu dumm und zu blöd.
Mama hat schon Recht!“, dachte das kleine Mädchen. Ein
paar Zeilen gelangen ihr fehlerfrei, doch dann schrieb sie
erneut ein Wort falsch. Voller Wut warf sie den Füller weg
und ließ ihren Kopf einige Male auf die Schreibtischplatte
knallen. Ja, es tat weh, aber das gehörte sich so, wenn
man dumm war. Immer und immer wieder.
So hatte sie es gelernt. Wenn man dumm und zu blöd zu
etwas war, dann musste man bestraft werden.
Jemand rief nach ihr. „Daniela! Daniela! Komm mal ans
Fenster!“ Es war eine der beiden Nachbarinnen, die jeden
Nachmittag mit ihren Klappstühlen auf dem Wäscheplatz
saßen und über ihre Nachbarn lästerten. Das Mädchen
ging zum Fenster und schaute nach unten. „Mach mal das
Fenster ganz auf!“, rief die Nachbarin zu ihr hoch. Sie
gehorchte und öffnete es. „Was machst du denn da oben?
Ist alles in Ordnung mit dir?“ Daniela wunderte sich über
den besorgten Ton der Nachbarin. „Ja“, erwiderte sie kurz.
„Sicher?“ Auch diese Frage beantwortete sie wieder nur
mit einem kurzen „Ja“. Das schien der Nachbarin zu
reichen, denn sie widmete sich wieder ihrer
Gesprächspartnerin. Das kleine Mädchen schloss das
Fenster, sah wie die beiden Frauen noch einmal zu ihr
aufsahen und versuchte dann ihre Hausaufgaben zu
beenden. Trotz Fehlern bestrafte sie sich jetzt nicht mehr
selbst, denn sie wollte nicht die Aufmerksamkeit der
beiden Frauen auf sich ziehen. Wer weiß was das für
Konsequenzen gehabt hätte.
Mutig genug waren die Nachbarinnen, das Mädchen zu
fragen ob etwas nicht stimmte. Aber nur, weil Danielas
Mutter nicht zuhause war, denn sonst fragten sie nie.
22
Mit Papa im Zirkus
Da ihr Vater im Schichtdienst arbeitete und sie ihn dadurch
jede zweite Woche fast gar nicht sah, freute sich Daniela
als er ankündigte mit ihr und ihrer kleinen Schwester in den
Zirkus zu gehen. Das Beste daran war, dass ihre Mutter
zuhause bleiben würde.
Sie fuhren mit dem Auto zu dem nicht ganz so weit
entfernten Rummelplatz, auf dem der Zirkus sich
niedergelassen hatte. Ihr Vater bezahlte den Eintritt und sie
suchten sich einen Sitzplatz in dem großen Zelt, direkt
neben der Treppe. Daniela fühlte sich wohl, ihre kleine
Schwester saß neben ihr und daneben ihr Vater. Stolz
schaute sie ihn an, ihren geliebten Papa.
In der Manege begann die Vorstellung. Sie konnten Pferde
sehen und Clowns. „Dani? Ich bin mal kurz draußen, ich
komme gleich wieder“, sagte er zu seiner Tochter und
verschwand durch die Plane am Eingang des Zeltes. Ein
Käfig wurde aufgebaut und ein paar Löwen und Tiger liefen
in die Manege. Daniela fand das sehr spannend und ihrer
kleinen Schwester gefiel es offensichtlich auch. Aber ihr
Vater kam nicht wieder.
Das kleine Mädchen wurde nervös und nahm kaum noch
etwas von dem bunten Treiben in der Mitte des Zirkuszeltes
wahr. „Komm mit.“ Daniela nahm ihre kleine Schwester an
die Hand und ging nach draußen. Nichts war von ihrem
Vater zu sehen. Sie stiegen die Eisentreppe hinunter und
gingen in irgendeine Richtung. Das Mädchen fand ihn
einfach nicht. „Wo gehen wir hin?“, fragte Sandra. „Wir
suchen Papa“, antwortete die vier Jahre ältere Schwester.
Hier war der Eingang, dort die Toiletten. Nirgends war er zu
sehen. Sie kamen an einem Stand mit Süßigkeiten vorbei.
Auch hier war er nicht. „Vielleicht ist er wieder im Zelt und
wir sind nicht da?“, überlegte sie.
Daniela ging so schnell sie konnte, mit ihrer kleinen
Schwester an der Hand, wieder zurück in das Zirkuszelt.
Ihre Plätze waren leer. Die beiden Kinder setzten sich ohne
ihren Vater. Das achtjährige Mädchen hielt es nicht mehr
aus. Wieder begann sie ihren Papa zu suchen.
Nach einiger Zeit fanden sie ihn. Daniela war erleichtert. Er
kam ihnen mit einer Dose Bier in der Hand entgegen und
sagte: „Warum lauft ihr hier draußen rum? Ich hab euch
schon gesucht. Na kommt, ich trink noch eins und dann
gehen wir wieder rein.“ Er bestellte sich bei der Frau in der
Bude noch ein Bier, trank es schnell und sie gingen wieder
in das Zirkuszelt. Viel sahen sie nicht mehr, denn die
Vorstellung war fast zu Ende.
„Kommt mit, Papa geht mit euch noch was essen.“ Mit
diesen Worten nahm er seine beiden Töchter an die Hand
und ging mit ihnen zu einem Imbiss in die Innenstadt. Es
gab Currywurst mit Pommes für jeden und eine Fanta. Er
trank Bier. Daniela beobachtete ihren Papa dabei, wie er
die Dose ansetzte und daraus trank. Seine Augen waren
gerötet und er schwitzte.
Als sie fertig gegessen hatten, gingen sie zum Auto und
fuhren nachhause. Die ältere Tochter saß vorn auf dem
Beifahrersitz, die kleine auf der Rückbank. In der
Mittelkonsole, stand eine offene Dose Bier. „Wir bringen
das Auto gleich in die Garage und gehen dann zusammen
nachhause“, sagte er und bog in die Seitenstraße ein.
Die Angst steckte dem kleinen Mädchen noch in den
Gliedern, fast hätten sie ihren Papa nicht mehr gefunden.
Sie war jetzt ganz still geworden und lief neben ihrem Vater
her. Gleich würden sie zuhause sein, wieder bei der Mutter.
Kaum hatte er die Haustür aufgeschlossen stand sie auch
schon im Flur. „Wo ward ihr denn die ganze Zeit?“, schrie
sie. Daniela zog sich ihre Jacke und die Schuhe aus. „Los
geh ins Wohnzimmer!“, befahl ihr die Mutter. Sie gehorchte.
Natürlich. Die kleine Schwester kam auch dazu. „Hier esst
euer Brot und dann wird’s Zeit, dass ihr ins Bett kommt!“
Das Mädchen schaute zu ihrem Vater. „Wir haben schon
gegessen“, murmelte er. „Ach na toll!“, brüllte sie ihn an,
riss den beiden Kindern das Brot wieder aus der Hand und
warf es in den Mülleimer. Ihr Blick verhieß nichts gutes. Wie
erstarrt saß Daniela auf dem Sofa und versuchte
krampfhaft die Aufmerksamkeit nicht auf sich zu ziehen.
Ihr Vater ging ins Badezimmer, sie waren nun allein mit ihr.
„Dein Vater hat gesoffen oder?“ Wenn sie es zugab, würde
ihr Vater bestimmt großen Ärger bekommen. „Nein, hat er
nicht“, antwortete sie. „Ach geh mir aus den Augen, du lügst
eh nur rum!“ Schnell ging Daniela ins Bad, das mittlerweile
frei geworden war. Sie putzte sich die Zähne, ging auf die
Toilette und beeilte sich dann in das Kinderzimmer zu
kommen ohne der Mutter noch einmal über den Weg zu
laufen.
Es dauerte nicht lange und die kleine Schwester wurde ins
Bett gebracht. Sie bekam einen Gutenachtkuss von der
Mutter, die dann das Zimmer verließ mit den Worten: „Und
jetzt schlaft, ich will keinen Mucks mehr von euch hören!“
Daniela bekam keinen Gutenachtkuss, aber das war ihr
auch egal. Sie hatte immer noch Angst.
***
Es war ein schönes Gefühl,
so warm und beruhigend.
Ein positives Gefühl,
zart und zerbrechlich.
Wie das Licht einer Kerze,
mit einer kleinen Flamme.
Genauso leicht zu zerstören,
durch den winzigsten Luftzug.
Ich konnte es nicht halten,
der kalte Hauch der Angst hat es zunichte gemacht.
***
23
Papa ist nie da
Danielas Vater arbeitete abwechselnd in zwei Schichten.
Früh- und Spätschicht. Dadurch sah sie ihn eine Woche
fast gar nicht, wenn dann nur am Wochenende und in der
anderen Woche am Nachmittag. Die Spätschichtwochen
waren die schlimmsten, denn dann war sie nach der Schule
allein mit ihrer Mutter und der kleinen Schwester. Wenn ihr
Vater zuhause war, wurde sie nicht von ihr geschlagen, das
waren gute Zeiten.
Das Mädchen merkte, dass irgendetwas nicht stimmte.
Immer öfter standen die Hausschuhe des Vaters im Flur,
wenn sie am Sonntag morgen auf die Toilette ging. Da er
an diesem Tag aber eigentlich immer zuhause war und
auch immer seine Hausschuhe trug, war sie verwundert.
„Wo war er denn?“
Es war wieder ein Sonntag und Daniela hörte wie jemand
langsam die Hausflurtreppe hinaufging. Das Kinderzimmer
lag genau daneben und die Wände waren so dünn, dass
man jeden Schritt hören konnte. Zumal alle Stufen knarrten,
so sehr man sich auch bemühte leise zu sein.
Der Schlüssel wurde in die Wohnungstür geschoben, aber
sie konnte nicht geöffnet werden, denn es steckte wie
immer auch einer von innen. Warum hatte die Mutter
abgeschlossen, wenn sie wusste, dass der Vater nicht
zuhause war? Es konnte nur ihr Papa sein, der versuchte in
die Wohnung zu kommen, denn sonst hatte niemand einen
Schlüssel. Sie hörte wieder Schritte auf der Treppe und
dann wurde es still.
Leise stand das Mädchen auf und ging in den Flur. Die
Wohnungstür war abgeschlossen und der Schlüssel
steckte, wie sie es vermutet hatte. Sie traute sich aber nicht
die Tür zu öffnen, denn schließlich hatte ihre Mutter sie
verschlossen und es würde falsch sein das jetzt zu ändern.
Wie jeden Sonntag zog sich Daniela an um anschließend
vorsichtig die Schlafzimmertür zu öffnen und den Hund zu
holen. Das musste sehr leise passieren, denn sie durfte ja
nicht ihre Mutter wecken. Mit dem Hund ging sie aus der
Wohnung, einige Meter Richtung Hauptstraße, und ließ ihn
dort sein Geschäft verrichten.
Als sie zurückkam standen die Hausschuhe ihres Vaters
nicht mehr im Flur. Papa war wieder da. Es steckte ja nun
kein Schlüssel mehr von innen und er konnte wieder in die
Wohnung.
Diese Geschichte wiederholte sich noch unendliche Male.
Mit der Zeit fand Daniela heraus, dass ihr Vater sich eine
Etage höher vor der Dachbodentür versteckte und darauf
wartete, dass seine Tochter mit dem Hund die Wohnung
verließ. Das Mädchen fragte ihren Vater nie wo er
gewesen war oder warum er sich versteckte. Sie nahm es
hin ohne zu hinterfragen. Wie immer.
Sie war neun Jahre alt.
24
Dämon im Etagenbett
Immer öfter bekam Daniela mit wie sich ihre Eltern stritten.
Ihre Mutter schrie, der Vater ging in die Küche und trank
etwas. Dann lagen beide auf dem Sofa, sie auf dem
Großen und er auf dem Kleinen. Sie schrie wieder usw.
Manchmal war es abends so schlimm, dass das Mädchen
nicht einschlafen konnte vor Angst.
Die Angst wurde auch nicht kleiner, wenn die Mutter mit
einer Decke in den Armen in ihr Zimmer kam und die Tür
abschloss. Die Frau legte sich dann immer zu Sandra in
das Etagenbett. Daniela wagte es kaum zu atmen oder
sich zu bewegen, denn sie könnte etwas Falsches tun und
dafür bestraft werden. Auf die Toilette traute sie sich auch
nicht, dafür müsste sie die Leiter herunterklettern, an der
Mutter vorbei und die Tür aufschließen. Das ging sehr
schwer, da der Schlüssel sich nur schlecht drehen ließ und
ein lautes Knacken von sich gab.
„Bist du zu blöd die Tür aufzumachen? Mach nich so nen
Lärm sonst knallts. Ich will schlafen!“, fauchte sie ihre
Tochter an. Dabei hatte sich Daniela so sehr bemüht leise
zu sein. Sie zitterte und atmete kaum. Endlich ging die Tür
auf, sie durfte auf die Toilette und beeilte sich wieder in ihr
Bett zu kommen. Das war geschafft. Immernoch voller
Angst legte sich das Mädchen hin und versuchte
einzuschlafen. Meist gelang ihr das auch.
Oft lag sie wach in ihrem Bett, den Körper ganz steif aus
Angst sich zu bewegen. Auf die Toilette ging sie nur im
äußersten Notfall, wenn es gar nicht mehr auszuhalten war
und ihre Blase fast platzte.
25
Geh doch zu deinem Vater
Daniela wusste nicht wo ihr Vater war und wann er
nachhause kommen würde. Seit Tagen war er weg. „Wo
war er? War er ganz weg?“ Gedanken, die ihr
ununterbrochen durch den Kopf gingen. Sie mochte ihn so
sehr. Er war nie laut, er schlug sie nie oder tat ihr etwas.
Leider war er viel zu selten zuhause, in letzter Zeit noch
weniger und seit ein paar Tagen gar nicht mehr. Das
machte ihr große Angst.
Das Mädchen traute sich nicht ihre Mutter nach ihm zu
fragen, denn das könnte falsch sein. So wartete sie
einfach, ganz still und leise, immer mit der Angst, dass er
nie wiederkommen würde.
„Geh doch zu deinem Vater! Wirst schon sehen was du
davon hast!“, schrie sie. Daniela saß in der Badewanne,
erstarrt wie eine Puppe. Zwei Schläge, erst mit der rechten
und dann mit der linken Hand. Warum ihre Mutter so böse
geworden war wusste das Mädchen nicht, denn sie saß nur
da. „Und was wäre so schlimm daran bei Papa zu sein?
Wo war er überhaupt?“, dachte sie. Er fehlte ihr.
Eines Tages stand er in der Wohnungstür mit einer Tasche
in der Hand. Danielas Herz hüpfte vor Freude, ihr Papa war
wieder da! Als wäre nichts gewesen stellte er die Tasche
beiseite, zog seine Jacke und die Schuhe aus und ging ins
Wohnzimmer. Er war wieder da. Gesprochen wurde nie
darüber.
Zu diesem Zeitpunkt war Daniela neun Jahre alt.
Ungefähr zehn Jahre später fand sie heraus warum ihr
Vater solange weg war. Er war zu einem Alkoholiker
geworden und machte eine Entziehungskur. Als er
wiederkam war er “trocken” und rührte keinen Tropfen
Alkohol mehr an.
26
Hausaufgaben bei Nacht
Sie bekam einen Schlag auf den Hinterkopf. „Ich scheuer
dir gleich noch eine, wenn du dich noch mal verschreibst!“,
brüllte die Mutter. Noch ein Schlag. „Und hör auf zu heulen!
Du tropfst das ganze Heft voll, was soll denn das? Du bist
echt für alles zu blöd!“ Daniela konnte die Tränen nicht
mehr unterdrücken und sie rannen über ihr Gesicht. Erst fiel
ein Tropfen auf das Schulheft, dann noch einer. Ein
weiterer Schlag. Voller Angst versuchte das Mädchen die
Tränen mit den Ärmeln wegzuwischen. Ihre Hände zitterten
als sie den Füller wieder in die Hand nahm. Den Körper
angespannt begann sie zu schreiben. Die nächsten zwei
Sätze gelangen ihr fehlerfrei. Je mehr Daniela sich
bemühte nichts Falsches zu tun, desto nervöser wurde sie.
Die Mutter stand hinter dem Mädchen und schaute über
ihre Schulter. Jeder Fehler wurde mit Schlägen auf den
Kopf und Beschimpfungen bestraft.
An einem Tag hatte Daniela solche Angst, dass sie ihre
Mutter anlog und behauptete, der Lehrer hätte ihnen keine
Hausaufgaben aufgegeben. Aber sie musste die Aufgaben
erledigen, nur wie? Heimlich ging es nicht, denn die Gefahr
war zu groß, dass sie ertappt wurde. Außer vielleicht
nachts, wenn alle schliefen.
Sie war zum Glück aufgewacht. Leise stieg das Mädchen
aus ihrem Etagenbett, öffnete die Kinderzimmertür und
ging in den Flur. Dort stand ihr Schulranzen auf der
Kommode. Sie schaute sich um, alles war dunkel und leise.
Noch könnte sie sagen, dass sie auf die Toilette müsste.
Vorsichtig öffnete sie die Tasche, nahm ein Heft und das
Etui heraus und ging wieder zurück. Schnell kletterte sie in
ihr Bett und löschte das Licht, die Utensilien versteckte
Daniela unter ihrer Bettdecke. Sie wartete.
Es blieb still und sie machte die Lampe mit Alfmotiv an, die
am Kopfteil ihres Bettes hing. Langsam öffnete sie ihr Etui
und holte einen Füller heraus. Der Lehrer hatte ihnen nicht
viel aufgegeben und es müsste eigentlich schnell gehen.
Hastig schlug sie das Heft auf und fing an zu schreiben. Es
war nicht so einfach eine schöne Schrift zu haben, wenn
man auf dem Bauch auf der weichen Matratze lag und sich
auf den Armen abstützen musste. Aber immer noch besser
als ohne Hausaufgaben in die Schule zu gehen.
Fertig! Jetzt musste Daniela nur noch das Heft und das Etui
unbemerkt in ihren Ranzen stecken und es war geschafft.
Niemand bemerkte etwas und das Kind schlief weiter.
Sie beschloss ihre Aufgaben jetzt öfter so zu machen.
Immer ging es nicht, da es auffallen würde, wenn sie
plötzlich keine Hausaufgaben mehr aufbekommen würden,
das war klar. Es gab auch Nächte in denen sie verschlief
oder so müde war, dass sie kaum einen klaren Gedanken
fassen konnte. Aber meistens hatte sie ihre Aufgaben
erledigen können.
27
Urkundenfälschung
„So, jetzt zeigt mir mal eure Hausaufgaben“, sagte der
Lehrer und alle begannen ihre Schulhefte auszupacken.
Daniela fand ihr Heft nicht. Komisch, dabei hatte sie es
doch heute Nacht wieder in ihren Ranzen gesteckt. Sie
suchte immer weiter, aber es war nicht zu finden. Vielleicht
bemerkte es der Lehrer ja nicht. „Denise, lies mal bitte vor“,
bat er Danielas Mitschülerin. Hoffentlich würde er sie nicht
aufrufen. „Daniela, jetzt bist du dran.“ Sie bekam Angst.
„Moment ich muss mein Heft noch suchen.“ Der Lehrer
wartete. Sie nahm irgendein Heft in die Hand und schlug es
auf. „Du hast deine Hausaufgaben doch gemacht oder?“,
fragte er sie. Das Mädchen nickte. Thomas, der eine Reihe
hinter ihr saß rief plötzlich: „Sie hat gar nichts gemacht, die
Seite da ist ja leer.“
Der Lehrer kam auf sie zu und nahm ihr das Heft aus der
Hand. Jetzt würde sie einen Stempel bekommen. Auch das
noch. „Gib mir mal bitte dein Hausaufgabenheft“, bat er sie
und ging damit zu seinem Schreibtisch. „Du bekommst jetzt
einen Stempel, den du von deinen Eltern unterschreiben
lassen musst“, sagte er und gab ihr das Heft wieder in die
Hand. Auf dem Stempel stand, dass das Kind xy seine
Hausaufgaben nicht gemacht hatte und doch bitte darauf zu
achten sei, dass dies nicht mehr vorkommt. Wenn sie das
ihrer Mutter zeigen würde, was wäre dann wohl los?
Daniela wollte es sich gar nicht vorstellen.
Zuhause angekommen kam ihr eine Idee. Sie holte einen
Block aus ihrem Ranzen und begann den Namen ihrer
Mutter abzuschreiben, der auf einer Schularbeit stand.
Immer und immer wieder übte sie die Unterschrift, bis
kaum ein Unterschied zu sehen war. Völlig konzentriert, mit
der Angst, dass die Mutter gleich in das Zimmer kommen
würde, unterschrieb sie direkt unter dem Stempel. Das war
geschafft und es sah auch echt aus.
Sie hatte großes Glück, denn einen kurzen Moment später
kam ihre Mutter zur Tür herein. „Na? Machste deine
Hausaufgaben? Hat der Lehrer heute nichts gesagt?“
Daniela überlegte was der Lehrer gesagt haben könnte
und ihr fiel das Heft wieder ein, das sie vergeblich gesucht
hatte. „Du hast doch dein Heft nicht dabeigehabt“, sagte
sie und hielt es dabei mit der rechten Hand hoch. Das
Mädchen sagte nichts. Ihr Körper spannte sich an und sie
wartete auf die Bestrafung. Die folgte sofort. „Du willst mich
wohl verarschen! Deine Hausaufgaben nachts zu machen!
Was soll denn der Scheiß? Lass dir so was ja nicht noch
mal einfallen! Ich kriege es ja eh raus!“, die Worte dröhnten
in Danielas Ohren, während die Schläge sie trafen. Sie
muss wohl unvorsichtig gewesen sein. Irgendwie hatte die
Mutter es rausbekommen und ihr Heft aus der Tasche
genommen.
Daniela erledigte ihre Aufgaben nun nicht mehr nachts,
sondern wieder zuhause, bis ihr einfiel sie auf dem
Schulweg machen zu können. Aber wenn sie spät dran war
oder es zu stark regnete, musste sie ohne erledigte
Hausaufgaben in die Schule gehen.
Das Mädchen unterschrieb noch einige Male diese
Stempel in ihrem Hausaufgabenheft, dass die Mutter zum
Glück nie kontrollierte. Vorsichtshalber riss sie die
bestempelten Seiten nach Vorlage bei ihrem Lehrer heraus
und warf sie fort. Nur einmal vergaß sie die Unterschrift zu
fälschen und es fiel ihr erst in der Schule ein.
Mit Füller und Heft bewaffnet, lief Daniela zur
Mädchentoilette. Auf der Treppe begegnete sie ihrem
Lehrer, der ihr noch zurief: „Wo willst du hin? Der Unterricht
fängt jetzt an!“ Darauf konnte sie keine Rücksicht nehmen.
Sie schloss sich in einer Kabine ein, kniete sich auf den
Boden und unterschrieb. „Diesmal sieht die Unterschrift
nicht echt aus, aber er merkt es hoffentlich nicht“, dachte
sie und ging zurück in ihr Klassenzimmer. Der Lehrer nahm
ihr das Heft aus der Hand und schlug es auf. Daniela setzte
sich angespannt und ängstlich auf ihren Platz. „Das ist nicht
die Unterschrift deiner Mutter, das hast du grad selbst
unterschrieben oder?“ Er hatte sie erwischt. Ihr wurde ganz
heiß und sie wusste nicht was sie sagen sollte. „Sowas
nennt man Urkundenfälschung“, belehrte er das Mädchen.
Sie spürte die Blicke der anderen Kinder, die sie
anschauten. Der Lehrer stand auf und bat sie mit vor die
Tür zu kommen. Daniela gehorchte. Mit gesenktem Kopf
folgte sie ihm, ihre Knie zitterten und sie hatte unheimlich
große Angst.
Er schloss die Tür und sie sah kurz zu ihm auf. Er löcherte
sie mit Fragen. Ob alles in Ordnung zuhause wäre? Warum
sie das gemacht hätte? Ob es Schwierigkeiten gäbe?
Daniela antwortete ihm nicht. Sie stand da und starrte an
ihm vorbei, in den beleuchteten Kasten in dem die
Vertretungsstundenpläne hingen. Ein paar Tränen kullerten
über ihr Gesicht. „Ich werde jetzt bei dir zuhause anrufen.
Warte hier.“ Er ließ sie stehen. Nach ein paar Minuten kam
der Lehrer zurück. „Ich habe mit deiner Mutter telefoniert
und es ihr erzählt. Du bekommst dein Heft jetzt von mir mit
und lässt es von ihr unterschreiben.“
Zurück in der Klasse stand Daniela am Lehrerpult und
wartete. Ihr Lehrer stempelte dreimal in das
Hausaufgabenheft, schlug es zu und überreichte es ihr.
„Morgen möchte ich die Unterschrift sehen.“
Auf dem Nachhauseweg gingen dem neunjährigen
Mädchen unzählige Gedanken durch den Kopf. Ihre Mutter
würde sie bestimmt bestrafen, denn sie war ja selbst
schuld und zu blöd gewesen. Die Strafe wäre sicher ganz
schlimm, denn der Lehrer hat ja auch noch bei ihr
angerufen.
Die Mutter wartete schon auf ihre Tochter an der Tür.
„Komm rein“, sagte sie leise und ging ins Wohnzimmer.
Daniela folgte ihr und stellte sich ganz starr neben den
Sessel in der Erwartung gleich das große Donnerwetter zu
spüren. Aber diesmal war es anders. Irgendwie schaute
ihre Mutter traurig und sagte auch nichts. Nur die beiden
Sätze: „Mach das nicht noch mal. Geh in dein Zimmer.“
Überraschender Weise gab es diesmal keine Bestrafung.
28
Materieller Ausgleich
Sie hatten fast alles. Ein Legohaus, Babypuppen,
Spielzeugautos und was es sonst noch für Kinder gab. Es
war soviel, dass das meiste unbenutzt in der Ecke stand.
Mit neun Jahren musste Daniela in ein Krankenhaus und
operiert werden, weil sie starke Bauchschmerzen hatte.
Während ihres Aufenthaltes dort bekam sie jeden Tag
Süßigkeiten oder andere Dinge.
Einmal kam ihre Mutter mit der kleinen Schwester zu ihr
und hatte eine große Tüte dabei. „Hallo, wir haben dir was
mitgebracht.“ Das Mädchen war gespannt was darin wohl
war. Zuerst zog ihre Mutter ein großes Pony hervor, dann
ein Stickeralbum von “My little Pony”.
„Die Aufkleber lass ich in der Tüte, die kannst du nach und
nach einkleben, wenn dir langweilig ist“, sagte sie und
stellte den Beutel beiseite. „Danke!“ Daniela freute sich
über diese Abwechslung.
Viel mehr wurde nicht gesagt. Das Mädchen spielte mit
ihrer Schwester, die auch ein kleines Pony bekommen
hatte und nach einiger Zeit war sie wieder allein. Aber sie
hatte ja noch ihre Geschenke.
***
Ich bin nichts,
ich kann nichts,
ich war nie etwas
und ich werde nie etwas sein.
So wurde ich erzogen,
aber etwas bin ich… ICH
***
29
Das kaputte Fahrrad
Da stand es nun, ihr neues Fahrrad. Es war ein
Mountainbike, so eines wie es die meisten Kinder fuhren.
Der Rahmen hatte die Farben lila und gelb, die
Schutzbleche waren schwarz. Damit fuhr Daniela zur
Schule, in die Stadt, eigentlich überallhin.
Die Familie machte einen ihrer sehr seltenen
Spaziergänge. Natürlich saß Daniela auf ihrem Fahrrad
ohne das man sie kaum antraf. Das Mädchen fuhr voraus,
ließ die Eltern und die Schwester hinter sich, kehrte um und
begann das Spiel wieder von vorn.
„Dani! Was hast du denn mit deinem Fahrrad gemacht?“,
rief ihr Vater. Das Mädchen wusste nicht was er meinte und
wurde langsamer. „Da links unterm Gepäckträger ist was
verbogen.“ Sie stieg ab und schaute nach. Tatsächlich.
Eine der dicken Streben war ein wenig nach innen
gebogen und der Lack war an einer kleinen Stelle
abgeblättert. Daniela erschrak. „Ich weiß nicht wie das
gekommen ist“, der böse Blick ihrer Mutter entging ihr
nicht, während sie versuchte sich zu entschuldigen. „Es
sieht so aus als wäre das Fahrrad umgekippt oder jemand
wäre dagegen gefahren. Wo warst du denn zuletzt damit?“,
der Vater schaute es sich genauer an. Sie überlegte kurz
und antwortete dann: „Gestern Abend war ich im
Schützenhaus damit und heute Morgen in der Schule.
Hingefallen bin ich nicht.“ Sie wurde immer nervöser. „Naja,
kann man jetzt nicht mehr ändern“, sagte er und ging weiter.
Daniela setzte sich wieder auf ihr Rad und fuhr weiter. „Zum
Glück ist Papa nicht böse deswegen, aber wie ist das denn
passiert?“, sie dachte angestrengt nach. Gestern
Nachmittag war sie wie jeden Freitag im Schützenhaus
gewesen. Das Mädchen war seit einiger Zeit im
Schützenverein und fuhr jeden Mittwoch und Freitag zum
Training.
Dort hatte jemand nach ihrem Rad gefragt. „Wem gehört
das Fahrrad da draußen?“
„Das in lila und gelb?“, fragte sie zurück.
„Ja klar, welches denn sonst?“
„Das ist meins“ antwortete Daniela. Sie dachte sich nichts
weiter dabei, er würde nur gefragt haben, weil er das
Fahrrad so schön fand, denn es war ja auch ihr ganzer
stolz.
Als das Mädchen am nächsten Tag aus der Schule kam,
wurde sie schon im Flur von ihrer Mutter erwartet. „Wie blöd
bist du denn? Nicht mal zwei Wochen ist dein Fahrrad alt
und du machst es schon kaputt. Weißt du eigentlich wie viel
Geld das gekostet hat?“ Daniela hatte geahnt, dass sie
dafür noch bestraft werden würde. Drei Ohrfeigen und
einige Schläge auf den Kopf musste sie einstecken. Dabei
wusste sie doch selbst nicht warum diese Strebe verbogen
war. Aber es war ihre eigene Schuld, sie hatte nicht
aufgepasst, auch wenn sie nicht wusste wie sie das hätte
vermeiden können.
30
Der letzte Versuch
Daniela saß auf dem Sofa und schaute sich eine
TVSendung an. Irgendetwas hatte wohl wieder den Unmut
ihrer Mutter geweckt, die sich vor ihr aufbaute. „Bist du
überhaupt zu was zu gebrauchen? Du kotzt mich echt an!“
Was sie damit meinte wusste das Mädchen nicht und sie
traute sich auch nicht zu fragen, um weiteren Ärger zu
vermeiden.
„Los steh auf und geh mir aus den Augen!“, brüllte sie.
Daniela gehorchte und stand auf. Mit ihren zwölf Jahren war
sie fast größer als die Mutter und auch schwerer. Das
Mädchen kam mehr nach ihrem Vater, der stämmiger
gebaut war.
Mutter und Tochter standen sich gegenüber, zwischen
ihnen der kleine Wohnzimmertisch. Daniela sah wie ihre
Mutter ausholte, wich aus und fiel dabei fast hin, da nicht
viel Platz zwischen Sofa und dem Tisch war. Das hatte sie
sich noch nie getraut. Ihr gegenüber schaute überrascht
und zog die Hand zurück.
„Versuchst du das noch einmal, dann schlage ich zurück“,
sagte Daniela mir ruhiger Stimme und schaute ihrer Mutter
dabei direkt ins Gesicht.
Überrascht von ihrer eigenen Reaktion stand sie da.
Niemand sagte etwas. Sogar der Mutter verschlug es die
Sprache. Irritiert und vielleicht sogar ein wenig ängstlich
guckte sie ihre Tochter an und ging dann in die Küche.
Daniela setzte sich wieder. Irgendwie wusste sie, dass es
jetzt vorbei war. Endlich.
***
Allem ausgeliefert,
schutzlos und nackt.
Trotz aller Vorsicht,
einfach so.
In einer Ecke sitzend,
auf das Schlimmste gefasst.
Das Böse sucht sich seinen Weg,
immer näher.
Bis es unerträglich wird,
ganz nah.
Es hebt die Hand,
Angst… Kälte… Leere…
Bis es wieder fort ist.
Was bleibt ist die Angst,
der Schmerz,
die Schuld,
für immer.
Das Böse bist DU…
und ich bin das was übrig geblieben ist.
***
31
Strafarbeit
Die Mutter konzentrierte sich jetzt darauf, der Tochter ihre
Abneigung durch andere Art und Weise zu übermitteln. Es
gab Beschimpfungen, tagelange Ignorierphasen und
Blicke, die böser waren als alles was Daniela kannte.
Diese Dinge gehörten vorher auch zur Tagesordnung, aber
nun traute sich ihre Mutter offensichtlich nicht mehr sie zu
schlagen, also wurde einfach mehr beschimpft und ignoriert
als sonst.
Den Hausaufgaben der Tochter konnte sie schon lange
nicht mehr folgen, also gab es auch keine Kontrollen mehr.
Sie stand nicht mehr hinter dem Mädchen um sie zu
bestrafen, wenn es Fehler machte, weil sie nicht wusste ob
die Bruchrechnung stimmte oder der Konjunktiv richtig
gebildet war.
Wenn Daniela eine schlechte Note nachhause brachte,
bekam sie eine Strafarbeit auf. Was eine gute und was
eine schlechte Note war, wurde von der Mutter je nach
Tagesform entschieden. Dann musste sie sich in ihr
Zimmer setzen und Rechenaufgaben lösen oder Texte
abschreiben. Irgendwann überlegte sich das Mädchen,
dass sie sich viel lieber mit ihren Freundinnen in der Stadt
treffen würde und dass Schule sowieso keinen Spaß
machte. Also schrieb sie einfach die Aufgaben vom
vorherigen Tag in einer anderen Reihenfolge ab. Die
Überschrift des abgeschriebenen Textes radierte sie aus
und ersetzte sie durch eine andere. Das legte sie ihrer
Mutter vor und die kam nie dahinter, dass in den diversen
Schulheften mit den Übungsaufgaben ihrer Tochter immer
nur dieselben Sachen standen.
Auch die Ergebnisse der Klassenarbeiten wurden
irgendwann nicht mehr verlangt, nur das Zeugnis war
entscheidend. Daniela lernte zwar kaum für die Schule,
aber ihre Zeugnisse waren immer mittelmäßig und sie
blieb nie sitzen. Sie war nicht besonders gut und auch nicht
besonders schlecht. Unauffällig eben. Wie immer.
32
Die erste Regel
Fast alle Mädchen in Danielas Schulklasse hatten bereits
ihre Periode. Die eine erzählte: „Ich hab gestern meine
Tage bekommen und meine Eltern haben mir gratuliert und
wir sind sogar essen gegangen.“ Bei anderen ging es
unspektakulärer zu. Sie berichteten davon, dass ihre Mütter
ihnen zum “Frau sei” gratuliert haben und sie in die
Geheimnisse der Tampons und Binden einweihten.
Irgendwie schien es wohl etwas besonderes zu sein, seine
Tage zu haben.
Als es bei Daniela auch endlich soweit war, freute sie sich.
Endlich konnte sie in der Schule mitreden und sich mit
ihren Freundinnen darüber austauschen.
Sie ging zu ihrer Mutter und sagte: „Mama, ich habe jetzt
meine Regel.“ Die schaute nur kurz auf und antwortete: „
Ach du Scheiße“, das war alles was ihr über die Lippen
kam. Den Blick wieder auf den Fernseher gerichtet, ließ sie
ihre Tochter einfach stehen.
Daniela bekam keinen Glückwunsch und sie wurde auch
nicht in die Geheimnisse der Binden und Tampons
eingeweiht. Über das Letztere wusste sie schon durch ihre
Freundinnen Bescheid und klaute einfach die Tampons
ihrer Mutter.
So besonders fand sie es jetzt gar nicht mehr.
33
Der Hund
Die Familie hatte immer einen Hund. Erst einen
Pudelmischling und als dieser gestorben war, kam ein
Dackelwelpe ins Haus.
Bevor das Tier abgeholt wurde, errichtete die Mutter das
Lager, welches aus einem grünen Kissen und einer
braunen Decke mit weißem Muster bestand. Darauf sollte
der Hund schlafen.
In die braune Decke mit dem weißen Muster wurde Daniela
als Säugling eingewickelt oder damit zugedeckt.
Offensichtlich hatte ihre Mutter diese Decke jahrelang
aufgehoben, sie jetzt aber für den Hund als gut befunden.
Anfänglich fand Daniela das kleine Tier auch noch ganz
niedlich und lustig. Nach kurzer Zeit verlor sie aber das
Interesse daran und nahm ihn nur noch beiläufig wahr.
Nervig fand sie es vor allem, wenn sie sonntags mit ihm am
Morgen Gassi gehen sollte. Gegen halb neun musste sie
aufstehen und den Hund leise aus dem Schlafzimmer der
Eltern holen, denn er durfte ja bei ihnen im Bett schlafen.
Sein Platz in der Küche war eigentlich überflüssig, weil er
meist bei der Mutter auf dem Sofa lag und auch sonst
immer in ihrer Nähe war.
Schnell merkte Daniela, welchen Rang der Dackel in der
Familie eingenommen hatte. Als er an ihrem Hausschuh
rumkaute und das Mädchen ihm befahl, dass er das
bleiben lassen soll, schritt ihre Mutter ein. „Lass den armen
Hund in Ruhe, der kann doch nichts dafür!“, schrie sie. „Und
lass dir ja nicht einfallen dem eine zu hauen! Pass halt auf
wo du deine Sachen hinschmeißt!“ Der böse Blick war
wieder da und Daniela zog sich zurück.
Was wäre wohl passiert, wenn ihr der Schuh kaputt
gegangen wäre? Sicher etwas anderes.
Das Mädchen überlegte. „Eigentlich geht es dem Hund viel
besser als mir.“
***
Eine Offene Rechnung
Liebe = 0 aber Hass 3
Geborgenheit = 0 aber Aggressionen 3
Schutz = 0 aber Verachtung 3
Eine Rechnung, die nie aufgehen kann.
***
34
Siehst du scheiße aus
„Deine Haare sehen seltsam aus, du solltest mal zum
Friseur gehen und dir eine Frisur machen lassen.“ Danielas
beste Freundin hatte Recht. Ihre Haare reichten dem
Mädchen bis knapp über die Schulter und hingen einfach
nur zottelig runter. Vielleicht würde ihre Mutter ihr ja Geld
geben und sie könnte dann zum Friseur gehen. „Mama,
gibst du mir Geld? Ich will zum Friseur.“
„Das wird ja auch mal Zeit!“ Mit diesen Worten drückte sie
ihrer Tochter 20 Mark in die Hand und ging nach draußen.
Daniela ging sofort los und war schnell bei dem Friseur in
der Nähe angekommen. Sie ließ sich zuerst von der netten
Frau dort beraten. Die Haare abschneiden zu lassen kam
überhaupt nicht in Frage, denn irgendwann wollte sie sich
einen Pferdeschwanz machen können. Die Frau empfahl
ihr für die Überbrückungszeit einen Haarreifen, so würden
die Haare nicht mehr im Gesicht hängen und es sähe nett
aus. Daniela musste nicht schnell überzeugt werden und
setzte den Reifen gleich auf.
Stolz über ihr besseres Aussehen ging sie nachhause und
präsentierte sich gleich ihrer Mutter, die mit zwei
Nachbarinnen vor dem Haus saß. Die schaute ihre Tochter
an und sagte lachend: „Du siehst ja scheiße aus!“ Die
Nachbarinnen grinsten nur.
Daniela ging traurig in die Wohnung und setzte sich in
ihrem Zimmer auf den Boden. Ja, sie war dumm, blöd und
sah scheiße aus. Ihre Mutter hatte schon Recht.
35
Jungs
Mit vierzehn war Daniela in einem Alter in dem sie sich
mehr für Jungs interessierte. Sie „ging“ ab und zu mit
einem von ihnen, aber etwas richtig festes war es meist
nie. Händchenhalten oder ein Kuss, über mehr lief es
niemals hinaus.
Eines Tages erregte ein älterer Junge ihre
Aufmerksamkeit. Er durfte schon einen 80er Roller fahren
und imponierte ihr irgendwie. Es dauerte nicht lange und
die beiden wurden ein Paar. Auch Danielas Mutter war
begeistert von ihm. „Den finde ich gut, hast dir mal nen
vernünftigen ausgesucht.“ Eigentlich konnte sie das nicht
beurteilen, da sie die anderen Jungs nicht kennengelernt
hatte.
Die beiden verbrachten die Nachmittage miteinander,
fuhren spazieren und er holte sie manchmal mit seinem
Roller von der Schule ab.
Als er fand, dass es Zeit war über das Händchenhalten und
Küssen hinauszugehen versuchte er Daniela unter Druck zu
setzen. „Los, jetzt stell dich nicht so an! Wird Zeit, dass mal
ein bisschen mehr passiert hier!“ Das Mädchen
verkrampfte sich drückte seine Hände von sich weg. „Nein,
lass mich.“
„Warum denn? Wir sind doch schon lange zusammen. Zick
nicht so rum!“ Er hatte keine Chance, sie ließ sich nicht
überreden.
In der nächsten Zeit verhielt ihr Freund sich immer kühler
und abweisender. Sie wollte eben nicht weiter gehen, noch
nicht. Je öfter sie ihn abwies, umso schlimmer wurde es.
An einem Nachmittag fuhr er sie nachhause und bat sie mit
in die Wohnung kommen zu dürfen. „Nein das geht nicht,
meine Schwester ist doch da und meine Mutter auch.“ Das
ließ er nicht gelten. „Man stell dich nicht immer so an. Deine
Schwester schicken wir zu deiner Mutter und wir können
alleine sein.“
„Es geht eben nicht.“
Er sah sie böse an und spuckte ihr vor die Füße.
„Dann verpiss dich doch. Ich hab da keinen Bock mehr
drauf!“, sagte er, stieg auf seinen Motorroller und fuhr
davon.
„Was isn los?“ fragte ihre Mutter, als Daniela die Wohnung
betreten hatte. Die Tochter wunderte sich, denn sonst
interessierte sie das auch nicht.
„Wir haben uns gestritten.“
„Hast wohl wieder rumgezickt oder?“
„Nein, er hat mir auf die Schuhe gespuckt.“
„Na und? Was stellste dich jetzt so an? Lass den bloß nicht
laufen.“
„Aber es ist Schluss.“
Jetzt sagte die Mutter nichts mehr. Sie schaute ihre Tochter
mit dem bösen Blick an und verschwand im Wohnzimmer.
Es dauerte eine Woche bis sie wieder mit Daniela sprach.
Der „Ex-Freund“ hatte nichts besseres zu tun als seinen
Freunden davon zu erzählen was Daniela angeblich mit
sich machen lassen hat. Einer seiner „Kumpel“ ging auf
dieselbe Schule wie das Mädchen und verbreitete dort die
Geschichte bei jeder Gelegenheit, die sich ihm bot. Immer
wenn er an ihr vorbeiging sagte er den Namen ihres Ex-
Freundes und lachte dabei laut. Er hatte keine Ahnung wie
weh er ihr damit tat. Manche Jungs sprachen sie sogar
darauf an und die Mädchen tuschelten über sie. Es war die
Hölle. Dem Jungen machte es offensichtlich Spaß, aber
Daniela konnte nichts lustiges daran finden. Sie wehrte
sich nicht gegen ihn, ging ihm aus dem Weg. Wenn andere
sie ansprachen sagte sie, dass alles gelogen war, aber
geglaubt hat ihr niemand. Diese Tortur dauerte fast ein
halbes Jahr.
Besonders schlimm war es für Daniela, als sie sich in
einen Klassenkameraden verliebte. Er war nett, witzig und
sah gut aus. Leider war er der Bruder des Jungen, der sich
einen Spaß daraus machte sie zu terrorisieren und Lügen
über sie zu verbreiten. Sie hatte keine Chance.
36
Versautes Weihnachten
Danielas Vater las seinen Kindern und vor allem seiner
Frau jeden Wunsch von den Augen ab. Wenn sie etwas
haben wollte, sagte sie es ihm und es wurde besorgt. Sie
nahm keine Rücksicht darauf, ob der Wunsch zu
kostspielig war oder nicht, Hauptsache sie bekam was sie
wollte. Versuchte ihr Mann ihr zu erklären, dass es zur Zeit
nicht ginge, weil es einfach zu teuer sei und der Dispo
schon völlig ausgereizt wäre, interessierte sie das nicht.
Finanzielle Dinge waren sein Problem, sie wusste nicht
was noch auf dem Konto war oder nicht. Ihr Wunsch musste
erfüllt werden und damit basta. Tat er das nicht, ignorierte
sie ihn einfach tage-oder wochenlang. Meist hielt ihr Mann
es nicht lange aus und sie bekam schon nach wenigen
Tagen ihren Willen. Irgendwie schaffte er es immer, das
benötigte Geld aufzutreiben. Dann war wieder alles gut und
sie sprach auch wieder mit ihm.
Es war kurz vor Weihnachten und die Mutter wünschte sich
einen Wasserkocher. Die Familie fuhr einkaufen und teilte
sich dazu auf. Der Vater ging mit der kleinen und die Mutter
mit der großen Tochter los um die Geschenke zu besorgen.
Sie standen vor der Glasvitrine mit den Rasierapparaten.
Daniela gefiel einer in Holzoptik sehr gut. Er sah edel aus
und würde dem Vater bestimmt gefallen. Die Mutter fand
ihn auch „nett“ und er wurde gekauft.
Weihnachten wurde wie jedes Jahr bei den Großeltern
gefeiert. Die Oma hatte eine große Schüssel Kartoffelsalat
gemacht und dazu gab es heiße Würstchen. Nach dem
Essen begab man sich in das Wohnzimmer und die
Geschenke wurden verteilt.
Daniela schaute zu ihrem Vater und war gespannt darauf
was er zu seinem neuen Rasierapparat sagen würde. „Der
ist ja toll!“ Er betrachtete ihn ganz genau und lächelte
dabei. „Danke!“
Nun packte die Mutter ihr Geschenk aus. Es war ein
Wasserkocher, den hatte sie sich schließlich gewünscht.
Sie verzog ihr Gesicht als sie das Gerät aus dem Karton
hob. Dieser Blick verhieß nichts Gutes. „Den kannste
zurückbringen“, sagte sie mit grimmiger Miene. „Ich wollte
einen haben, der einen Schalter hat zum an- und
ausmachen!“ Der Vater schaute verunsichert. „Aber der
geht aus, wenn du ihn von der Station nimmst.“
„Mir egal, ich will einen mit Schalter haben!“ Sie schob den
Wasserkocher wieder in den Karton und stellte ihn
beiseite.
Den Rest des Abends saß Danielas Mutter auf dem Sofa
und hatte ihren bösen Blick aufgesetzt. Kein Lächeln, keine
nette Geste. Sie hatte nicht das bekommen was sie wollte
und deswegen sprach sie auch in den nächsten Tagen kein
einziges Wort mit ihrem Mann. Solange bis er einen neuen
Wasserkocher besorgt hatte.
Diesmal einen mit Schalter.
37
Gelbe Finger
Daniela war fünfzehn Jahre alt und in ihrem Freundeskreis
gab es einige Mädchen, die rauchten. Es war zwar
verboten und man durfte sich nicht erwischen lassen, aber
das war wohl der Reiz daran.
Eines morgens traf sie sich mit ihrer besten Freundin, um
gemeinsam zur Schule zu gehen. „Warte mal“, sagte
Daniela und blieb vor einem Zigarettenautomaten stehen.
Sie holte fünf Mark aus ihrer Hosentasche und steckte sie
in den Schlitz. Dann zog sie an der Klappe, in der die
beliebteste Marke der Teenager war und hielt dann das
Päckchen Zigaretten in der Hand. „Hast du mal Feuer?“,
fragte sie ihre Freundin. „Na klar.“ Es schmeckte nicht
wirklich gut, aber fühlte sich klasse an. Irgendwie.
Sie rauchten heimlich in der Schultoilette, auf dem
Schulweg oder wenn sie sich in der Stadt trafen um über
andere Leute zu reden. Daniela fühlte sich toll dabei, es
wirkte cool und es machte sowieso fast jeder.
Um durch den verräterischen Geruch nicht ertappt zu
werden, hatte das Mädchen immer eine kleine Flasche
Parfum dabei, mit dem sie ihre Finger einsprühte bevor sie
nachhause kam.
„Na, hast du schon gelbe Finger?“, fragte ihre Mutter.
Daniela konnte mit dieser Frage nichts anfangen und
setzte sich an den Esstisch. Niemand sagte etwas. Dann
wurde ihr klar was gemeint war. Das Mädchen bekam
Angst und starrte auf ihren Teller. Sie war ertappt worden.
Nie wurde etwas direkt ausgesprochen, es gab nur
irgendwelche Andeutungen, die man dann zuordnen
musste. So war es immer.
„Wenn ich dich mal dabei erwische, dann gnade dir Gott!“,
sagte die Frau, die auch heimlich rauchte. „Wenn du nicht
damit aufhörst, sage ich es deinem Vater und du kannst dir
deinen Rollerführerschein abschmieren!“ Wenn ihr Vater
das erfahren würde, wäre er sauer und der Führerschein
nur noch ein Traum. Also ließ sie es, bis auf ein paar
Zigaretten in der Mädchentoilette der Schule.
Als sie einige Monate später den Führerschein hatte,
wurde die Drohung der Mutter unwirksam und Daniela
rauchte wieder mehr.
38
Damit abgefunden
Seit ihrem zwölften Lebensjahr begann Daniela sich mehr
und mehr von der Familie zu distanzieren. Um der Mutter
aus dem Weg zu gehen war sie selten zuhause. Meist traf
sie sich mit Freundinnen in der Stadt um zu bummeln, man
redete über alles Mögliche oder saß einfach nur da und
beobachtete die Leute.
Ihr Vater war nach wie vor kaum da, die Schwester für
gemeinsame Interessen noch zu klein und mit der Mutter
redete sie sowieso nur das Nötigste.
War Daniela zuhause, zog sie sich meist in ihr Zimmer
zurück. Hier war sie vor den Anfeindungen und
Beleidigungen ihrer Mutter einigermaßen sicher.
Als sie sechzehn Jahre alt wurde, bekam sie einen
Motorroller geschenkt. Daniela war begeistert und
unheimlich stolz darauf. Den Führerschein hatte sie schon
gemacht und sie durfte sofort starten. Es war für sie ein
Zeichen von Freiheit, denn sie konnte hinfahren wohin sie
wollte und es beeindruckte natürlich auch die Freundinnen.
Sie war immer seltener zuhause. An den Abenden traf sie
sich mit ihrer Clique, an den Wochenenden übernachtete
sie meist bei einer Freundin.
Dort wurde ihr auch das erste Mal bewusst, wie andere
Mütter mit ihren Töchtern umgingen. Sie redeten
miteinander, es gab keine Anfeindungen oder
Beleidigungen und der Umgang war irgendwie liebevoll.
Daniela kannte so etwas nicht, aber es fehlte ihr auch nicht.
Ihre Mutter hatte meistens ihren „bösen Blick“ aufgesetzt,
interessierte sich nicht für die Belange ihrer Tochter und
wenn sie miteinander sprachen, gab sie nur den neuesten
Tratsch aus der Nachbarschaft wieder.
Daniela hatte sich damit abgefunden. Sie lebte ihr eigenes
Leben, tat was sie für richtig hielt und nahm ihre Familie
kaum noch wahr. Ihre Mutter interessierte es sowieso nicht
mit wem sie sich traf und was sie tat, also erzählte sie auch
nichts. Das Mädchen kam nur noch zum Schlafen und
Essen nachhause. So war das eben.
Warum ich nie etwas sagte
Ein Kind, dem immer das Gefühl gegeben wird schlecht,
dumm, böse und nutzlos zu sein, glaubt irgendwann daran.
Vor allen Dingen, wenn einem dieses Gefühl von der
eigenen Mutter gegeben wird.
Für mich war es normal, dass ich bestraft wurde. Ich war
eben böse, dumm und total nutzlos.
Es war normal für mich, dass es zuhause so war und bei
meinen Großeltern anders. Ich stellte nichts in Frage, das
hätte ich mich nie getraut.
Was meine Erzeugerin (so nenne ich sie heute) sagte und
meinte war Gesetz. Punkt und Schluss.
Selbst wenn ich irgendwann begriffen hätte, dass es
Unrecht war sein Kind so zu behandeln, die Angst vor den
Konsequenzen wäre viel zu groß gewesen. Was wäre
passiert, wenn mir niemand geglaubt hätte? Undenkbar.
Heute weiß ich, dass es Unrecht war und zum Glück habe
ich es begriffen.
Während ich Kapitel für Kapitel aus meiner Erinnerung aufs
Papier brachte, stellte ich mir oft die Frage warum keiner
aus meinem Umfeld darauf aufmerksam geworden war.
Außerhalb der Wohnung spielten sich zwar keine
körperlichen Übergriffe ab, aber die Nachbarn müssten es
gehört haben.
Auch frage ich mich warum mein Vater nichts bemerkt
hatte. Spätestens als ich mit dem blauen Auge vor ihm
stand hätte es ihm klar sein müssen. Leider kann ich ihn
nicht mehr fragen. Entweder war er so blind vor Liebe,
dass es ihm gar nicht in den Sinn kam oder er wollte es
einfach nicht sehen. Leider.
Und heute?
Mit der Zeit hatte ich die Erinnerungen verschoben,
verdrängt und dachte einfach nicht mehr daran. Ich führte
ein „normales“ Leben.
Als ich 21 Jahre alt war, brachen diese Erinnerungen
wieder auf. Ich war völlig überfordert mit den ganzen
Träumen, Bildern, Filmen und es herrschte ein riesiges
Durcheinander in meinem Kopf, was sich mit der Zeit auch
auf meinen Körper auswirkte. Ich beschloss mir Hilfe bei
meiner Hausärztin zu suchen, die mich dann an eine
Psychotherapeutin verwies.
Sie hatte es schwer einen Zugang zu mir zu finden. Alles
war jahrelang hinter eine sehr gut funktionierenden
Fassade versteckt worden, durch die niemand einen Weg
fand. Oft nicht mal ich selbst.
Mein Vater nahm sich im Jahr 2001 das Leben, was für
mich einen Weltuntergang bedeutete. Niemand weiß
warum er das getan hat, denn es gab keine „Vorzeichen“,
er war einfach gegangen.
Kurz darauf kam der totale Kontaktabbruch zu meiner
Erzeugerin. Das ist jetzt sieben Jahre her und ich muss
sagen, dass es mir gut damit geht.
Die Therapie zeigte erste Erfolge und ich fing an zu
begreifen wie sehr sich die Vergangenheit noch auf die
Gegenwart auswirkte.
Verhaltensweisen die mir plötzlich seltsam erschienen
waren klar zuzuordnen. Ich wusste jetzt warum ich so
panisch reagierte, wenn in meinem Umfeld etwas lautes
geschah. Ich konnte erkennen warum es mir so schwer fiel
mich mit anderen Menschen auseinander zu setzen oder
ihnen zu widersprechen. Ich begriff, dass es nicht schlimm
ist zu weinen und es völlig in Ordnung ist Gefühle zu zeigen.
Es dauerte lange bis ich diese Erkenntnisse auch
umsetzen konnte und ich habe heute, sieben Jahre später,
immer noch Probleme damit.
Mit der Zeit häuften sich die Erinnerungen und sammelten
sich zu einem großen Berg. Es passiert auch jetzt noch,
dass Geschichten zum Vorschein kommen, die über 20
Jahre im Verborgenen geblieben sind.
Es gibt Nächte in denen ich nicht in den Schlaf finde, aus
Angst vor den Träumen. Es gibt Momente in denen ich in
den Erinnerungen gefangen bin und nur schwer einen Weg
in die Realität zurückfinden kann. Ich könnte unzählige
Beispiele dafür nennen, wie sehr mich die Vergangenheit
im Griff hat, aber ich möchte nicht weiter ins Detail gehen.
Mittlerweile habe ich meine Heimatstadt verlassen in der
Hoffnung, dass 450 km mir unter anderem einen großen
Abstand zu meiner Vergangenheit ermöglichen würden.
Das war natürlich ein Trugschluss. Ich musste lernen, dass
die Erinnerungen immer in mir sein werden und ich nur
versuchen kann sie so zu verarbeiten, dass sie mein
jetziges Leben nicht negativ beeinflussen.
Daran arbeite ich in meiner Therapie. Ich möchte soviel
Stabilität wie möglich in meinen Kopf und mein Leben
bringen, damit ich ein wirklich „normales Leben“ führen
kann.
***
Erinnerungen,
sie holen mich ein,
jeden Tag und jede Nacht.
Erinnerungen,
machen mir Angst,
verunsichern mich.
Erinnerungen,
versetzen mich in Panik
und suchen mich immer wieder heim.
Erinnerungen,
es sind so viele da,
und ersticken das Positive.
Erinnerungen,
wann kommt die Gegenwart,
wann kommt die Zukunft?
***
Schauen Sie nicht weg!
Die Polizei empfiehlt:
• Greifen Sie beim Verdacht auf Kindesmisshandlung
zum Schutz des Kindes rasch ein - das Kind braucht Ihre
Hilfe!
• Ermitteln Sie nicht selbst, sondern schalten Sie
Fachleute von Beratungsstellen, Jugendämtern und der
Polizei ein - notfalls auch anonym.
• Eine Mitteilung an die Polizei schließt die Hilfe anderer
Einrichtungen nicht aus und gewährleistet offizielle,
professionelle Ermittlungen. Damit auch die zum Schutz
des Kindes notwendigen Maßnahmen getroffen werden
können, werden das zuständige Jugendamt oder auch das
Vormundschaftsgericht von der Polizei unterrichtet.
• Zwar ist die Polizei keine Einrichtung der Opferhilfe,
doch gibt es auch hier Spezialisten - etwa die
Jugendbeauftragten oder die Jugendsachbearbeiterinnen
und Jugendsachbearbeiter -, die Sie gerne beraten!
Was können Sie tun?
Bei einem Verdacht auf Kindesmisshandlung sollten die
weitere Abklärung und erforderliche Interventionen
Fachleuten überlassen werden:
• Beratungsstellen in freier Trägerschaft (beispielsweise
dem Kinderschutzbund),
• Familien- und Erziehungsberatungsstellen,
• dem Jugendamt,
• der Polizei.
Bei den Beratungsstellen und dem Jugendamt werden
solche Informationen auf Wunsch vertraulich behandelt
(auch das Jugendamt ist nicht zur Anzeige verpflichtet), bei
der Polizei werden dagegen in jedem Fall die
entsprechenden Ermittlungen aufgenommen und
Strafanzeigen erstattet.
In akuten Notsituationen vermitteln Kinder-, Jugend-,
Sorgen- und Nottelefone, aber auch die Polizei sofort Hilfe,
vor allem außerhalb der Dienstzeiten der Beratungsstellen
und Jugendämter.
Quelle:
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