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Wolfgang Soergel
3. Marz 2013
A Grundlagen 15
I Allgemeine Grundlagen 17
1 Einstimmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19
1.1 Vollstandige Induktion und binomische Formel . . . . . 19
1.2 Fibonacci-Folge und Vektorraumbegriff . . . . . . . . . 27
2 Naive Mengenlehre und Kombinatorik . . . . . . . . . . . . . 36
2.1 Mengen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36
2.2 Abbildungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46
2.3 Logische Symbole und Konventionen . . . . . . . . . . 56
3 Algebraische Grundbegriffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
3.1 Mengen mit Verknupfung . . . . . . . . . . . . . . . . 59
3.2 Gruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65
3.3 Homomorphismen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70
3.4 Korper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74
3.5 Der Aufbau des Zahlsystems* . . . . . . . . . . . . . . 78
4 Zum Schreiben von Mathematik* . . . . . . . . . . . . . . . . 80
4.1 Herkunft einiger Symbole . . . . . . . . . . . . . . . . 80
4.2 Grundsatzliches zur Formulierung . . . . . . . . . . . . 81
4.3 Sprache und Mathematik . . . . . . . . . . . . . . . . . 82
4.4 Terminologisches zur leeren Menge . . . . . . . . . . . 83
B Analysis 85
II Funktionen einer Veranderlichen 87
1 Die reellen Zahlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90
1.1 Wurzeln rationaler Zahlen . . . . . . . . . . . . . . . . 90
1.2 Ordnungen auf Mengen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92
1.3 Angeordnete Korper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96
1.4 Die reellen Zahlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98
2 Folgen und Reihen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106
3
4 INHALTSVERZEICHNIS
2 Fouriertransformation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 659
2.1 Definition und erste Eigenschaften . . . . . . . . . . . . 659
2.2 Abstrakte Fouriertransformation . . . . . . . . . . . . . 671
2.3 Abstrakte Inversionsformel und Poisson-Formel . . . . 676
2.4 Operationen mit komplexen Maen . . . . . . . . . . . 683
2.5 Faltung von Maen und Funktionen . . . . . . . . . . . 686
2.6 Translationsinvariante Teilraume* . . . . . . . . . . . . 695
2.7 Allgemeinere Fouriertransformationen* . . . . . . . . . 697
3 Spektraltheorie in Hilbertraumen . . . . . . . . . . . . . . . . 704
3.1 Unitare Darstellungen von R . . . . . . . . . . . . . . . 704
3.2 Selbstadjungierte Operatoren . . . . . . . . . . . . . . 711
3.3 Spektren in Banach-Algebren . . . . . . . . . . . . . . 716
3.4 Spektren selbstadjungierter Operatoren . . . . . . . . . 721
3.5 Der Rieszsche Darstellungssatz . . . . . . . . . . . . . 727
3.6 Der Spektralsatz fur selbstadjungierte Operatoren . . . 730
3.7 Beweis des Spektralsatzes . . . . . . . . . . . . . . . . 736
3.8 Spektralzerlegung unitarer Darstellungen . . . . . . . . 741
3.9 Operationen von Maen auf Darstellungen . . . . . . . 744
3.10 Variationen zum Spektralsatz . . . . . . . . . . . . . . 748
3.11 Unbeschrankte Operatoren . . . . . . . . . . . . . . . . 752
Literaturverzeichnis 1473
14 INHALTSVERZEICHNIS
Teil A
Grundlagen
15
Kapitel I
Allgemeine Grundlagen
Inhalt
1 Einstimmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19
1.1 Vollstandige Induktion und binomische Formel . . 19
1.2 Fibonacci-Folge und Vektorraumbegriff . . . . . . 27
2 Naive Mengenlehre und Kombinatorik . . . . . 36
2.1 Mengen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36
2.2 Abbildungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46
2.3 Logische Symbole und Konventionen . . . . . . . . 56
3 Algebraische Grundbegriffe . . . . . . . . . . . . 59
3.1 Mengen mit Verknupfung . . . . . . . . . . . . . . 59
3.2 Gruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65
3.3 Homomorphismen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70
3.4 Korper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74
3.5 Der Aufbau des Zahlsystems* . . . . . . . . . . . . 78
4 Zum Schreiben von Mathematik* . . . . . . . . . 80
4.1 Herkunft einiger Symbole . . . . . . . . . . . . . . 80
4.2 Grundsatzliches zur Formulierung . . . . . . . . . 81
4.3 Sprache und Mathematik . . . . . . . . . . . . . . 82
4.4 Terminologisches zur leeren Menge . . . . . . . . . 83
17
18 KAPITEL I. ALLGEMEINE GRUNDLAGEN
1. EINSTIMMUNG 19
1 Einstimmung
1.1 Vollstandige Induktion und binomische Formel
n(n+1)
Satz 1.1.1. Fur jede naturliche Zahl n 1 gilt 1 + 2 + . . . + n = 2
.
Beweis. Bei diesem Beweis sollen Sie gleichzeitig das Beweisprinzip der voll-
standigen Induktion lernen. Wir bezeichnen mit A(n) die Aussage, da
die Formel im Satz fur ein gegebenes n gilt, und zeigen:
Induktionsbasis: Die Aussage A(1) ist richtig. In der Tat gilt die Formel
1 = 1(1+1)
2
.
Induktionsschritt: Aus der Aussage A(n) folgt die Aussage A(n+1). In der
Tat, unter der Annahme, da unsere Formel fur ein gegebenes n gilt, der
sogenannten Induktionsannahme oder Induktionsvoraussetzung,
rechnen wir
n(n+1)
1 + 2 + . . . + n + (n + 1) = 2
+ 2(n+1)
2
(n+2)(n+1)
= 2
(n+1)((n+1)+1)
= 2
Es ist damit klar, da unsere Aussage A(n) richtig ist alias da unsere Formel
gilt fur alle n = 1, 2, 3, . . ..
1.1.2. Das Zeichen deutet in diesem Text das Ende eines Beweises an und
ist in der neueren Literatur weit verbreitet. Buchstaben in Formeln werden in
der Mathematik ublicherweise kursiv notiert, so wie etwa das n oder auch das
A im vorhergehenden Beweis. Nur Buchstaben oder Buchstabenkombinatio-
nen, die stets dasselbe bedeuten sollen, schreibt man nicht kursiv, wie etwa
sin fur den Sinus oder log fur den Logarithmus. Diese Konvention steht in
gewissem Widerspruch zur in der Physik ublichen Konvention, Abkurzungen
fur Einheiten kursiv zu setzen, wie etwa m fur Meter.
1.1.3. Der vorhergehende Beweis stutzt sich auf unser intuitives Verstandnis
der naturlichen Zahlen. Man kann das Konzept der naturlichen Zahlen auch
formal einfuhren und so die naturlichen Zahlen in gewisser Weise besser
verstehen. Das wird in 2.2.35 und ausfuhrlicher in ?? diskutiert. Das Wort
Induktion meint eigentlich Hervorrufen, so wie etwa das Betrachten einer
Wurst die Ausschuttung von Spucke induziert alias uns den Mund wassrig
macht. Im Zusammenhang der vollstandigen Induktion ist es dahingehend zu
20 KAPITEL I. ALLGEMEINE GRUNDLAGEN
verstehen, da die Richtigkeit unserer Aussage A(1) die Richtigkeit von A(2)
induziert, die Richtigkeit von A(2) hinwiederum die Richtigkeit von A(3), die
Richtigkeit von A(3) die Richtigkeit von A(4), und immer so weiter.
1.1.4. Es herrscht keine Einigkeit in der Frage, ob man die Null eine naturliche
Zahl nennen soll. In diesem Text ist stets die Null mit gemeint, wenn von
naturlichen Zahlen die Rede ist. Wollen wir die Null dennoch ausschlieen,
so sprechen wir wie oben von einer naturlichen Zahl n 1.
1.1.5. Ich will kurz begrunden, warum es mir naturlich scheint, auch die Null
eine naturliche Zahl zu nennen: Hat bildlich gesprochen jedes Kind einer
Klasse einen Korb mit Apfeln vor sich und soll seine Apfel zahlen, so kann
es ja durchaus vorkommen, da in seinem Korb gar kein Apfel liegt, weil es
zum Beispiel alle seine Apfel bereits gegessen hat. In der Begrifflichkeit der
Mengenlehre ausgedruckt, die wir in 2.1 einfuhren werden, mu man die leere
Menge endlich nennen, wenn man erreichen will, da jede Teilmenge einer
endlichen Menge wieder endlich ist. Will man dann zusatzlich erreichen, da
die Kardinalitat jeder endlichen Menge eine naturliche Zahl ist, so darf man
die Null nicht aus den naturlichen Zahlen herauslassen.
1.1.6. Man kann sich den Satz anschaulich klar machen als eine Formel fur
die Flache eines Querschnitts fur eine Treppe der Lange n mit Stufenabstand
und Stufenhohe eins. In der Tat bedeckt ein derartiger Querschnitt ja offen-
sichtlich ein halbes Quadrat der Kantenlange n nebst n halben Quadraten
der Kantenlange Eins. Ein weiterer Beweis geht so:
1 + 2 + ... + n = 1/2 + 2/2 + . . . + n/2
+ n/2 +(n 1)/2 + . . . + 1/2
n+1 n+1 n+1
= 2
+ 2
+... + 2
= n(n + 1)/2
Ich will diesen Beweis benutzen, um eine neue Notation einzufuhren.
Definition 1.1.7. Gegeben a1 , a2 , . . . , an schreiben wir
n
X
ai := a1 + a2 + . . . + an
i=1
P
Das Symbol ist ein groes griechisches S und steht fur Summe. Das
Symbol := deutet an, da die Bedeutung der Symbole auf der doppelpunkt-
behafteten Seite des Gleichheitszeichens durch den Ausdruck auf der anderen
Seite unseres Gleichheitszeichens definiert ist. Im obigen und ahnlichen Zu-
sammenhangen heien a1 , . . . , an die Summanden und i der Laufindex, da
er eben etwa in unserem Fall von 1 bis n lauft und anzeigt alias indiziert,
welcher Summand gemeint ist.
1. EINSTIMMUNG 21
SkriptenBilder/Bild0003.png
1.1.8. Das Wort Definition kommt aus dem Lateinischen und bedeutet Ab-
grenzung. In Definitionen versuchen wir, die Bedeutung von Symbolen und
Begriffen so klar wie moglich festzulegen. Sie werden merken, da man in der
Mathematik die Angwohnheit hat, in Definitionen Worte der Umgangsspra-
che wie Menge, Gruppe, Korper, Unterkorper, Abbildung etc. umzuwidmen
und ihnen ganz spezielle und meist nur noch entfernt mit der umgangssprach-
lichen Bedeutung verwandte neue Bedeutungen zu geben. In mathematischen
Texten sind dann uberwiegend diese umgewidmeten Bedeutungen gemeint.
In dieser Weise baut die Mathematik also wirklich ihre eigene Sprache auf,
bei der jedoch die Grammatik und auch nicht ganz wenige Worter doch
wieder von den uns gelaufigen Sprachen ubernommen werden. Das mu ins-
besondere fur den Anfanger verwirrend sein, der sich auch bei ganz harm-
los daherkommenden Wortern stets wird fragen mussen, ob sie denn nun
umgangssprachlich gemeint sind oder vielmehr bereits durch eine Definition
festgelegt wurden. Um hier zu helfen, habe ich mir groe Muhe mit dem In-
dex gegeben, das Sie ganz am Schlu dieses Skriptums finden, und in dem
alle an verschiedenen Stellen eingefuhrten oder umgewidmeten und dort fett
gedruckten Begriffe verzeichnet sein sollten. Und an dieser Stelle mu ich Sie
schon bitten, das Wort Index nicht als Laufindex mizuverstehen. . .
P
Beispiel 1.1.9. In der -Notation liest sich der in 1.1.6 gegebene Beweis so:
Pn Pn i
Pn i
i=1 i = i=1 2 + i=1 2
und
Pn nach Indexwechsel i = n + 1 k hinten
i
P n n+1k
= i=1 2 + k=1 2
dann
Pn mache Pnk zu i in der zweiten Summe
i n+1i
= i=1 2 + i=1 2
und
Pn nach Zusammenfassen beider Summen
n+1
= i=1 2
Beispiel 1.1.10. Ein anderer Beweis derselben Formel kann auch durch die
folgende von der Mitte ausgehend zu entwickelnde Gleichungskette gegeben
werden:
n
X n
X n
X n
X n
X
2 2 2
(n + 1) = (i + 1) i = 2i + 1 = 2 i+ 1=n+1+2 i
i=0 i=0 i=0 i=0 i=0
P
Definition 1.1.11. In einer ahnlichen Bedeutung wie verwendet man
1. EINSTIMMUNG 23
Q
auch das Symbol , ein groes griechisches P , fur Produkt und schreibt
n
Y
ai := a1 a2 . . . an
i=1
k1
Ynj
n n(n 1) . . . (n k + 1) n
:= = fur k 1 und := 1.
k k j k(k 1) . . . 1 0
j=0
1.1.17. Die Bezeichnung als Binomialkoeffizienten leitet sich von dem Auf-
treten dieser Zahlen als Koeffizienten in der binomischen Formel 1.1.23 ab.
Erganzende Ubung 1.1.18. Man zeige: Ist p eine Primzahl und n nicht durch
pe n
p teilbar und e 0 eine naturliche Zahl, so ist pe auch nicht durch p teil-
bar. Hinweis: Man moge bei der Losung dieser Ubung bereits die Erkenntnis
verwenden, da eine Primzahl ein Produkt nur teilen kann, wenn sie einen
der Faktoren teilt. Ein Beweis dieser Tatsache wird in ?? nachgeholt werden.
a, b b, c c, d
a, c b, d
a, d
Moglichkeiten fuhren nach 1.1.14 also zur Auswahl derselben k Objekte. Man
bemerke, da unser Satz auch im Extremfall k = 0 noch stimmt, wenn wir ihn
geeignet interpretieren: In der Terminologie, die wir gleich einfuhren werden,
besitzt in der Tat jede Menge genau eine nullelementige Teilmenge, namlich
die leere Menge.
1.1.21. Offensichtlich gilt fur alle naturlichen Zahlen n mit n k die Formel
n n! n
= =
k k!(n k)! nk
Das folgt einerseits sofort aus der formalen Definition und ist andererseits
auch klar nach der oben erklarten Bedeutung der Binomialkoeffizienten: Wenn
wir aus n Objekten k Objekte auswahlen, so bleiben n k Objekte ubrig. Es
gibt demnach gleichviele Moglichkeiten, k Objekte auszuwahlen, wie
esnMog-
n
lichkeiten gibt, n k Objekte auszuwahlen. Wir
haben weiter n = 0 = 1
n n
fur jede naturliche Zahl n 0 sowie 1 = n1 = n fur jede naturliche Zahl
n 1.
Satz 1.1.23. Fur jede naturliche Zahl n gilt die binomische Formel
n
n
X n k nk
(a + b) = a b
k=0
k
wenig durchsichtig. Zunachst prufen wir fur beliebiges n und jede naturliche
Zahl k 1 die Formel
n n n+1
+ =
k1 k k
durch explizites Nachrechnen. Dann geben wir unserer Formel im Satz den
Namen A(n) und prufen die Formel A(0) und zur Sicherheit auch noch A(1)
durch Hinsehen. Schlielich gilt es, den Induktionsschritt durchzufuhren, als
da heit, A(n + 1) aus A(n) zu folgern. Dazu rechnen wir
und
Pn durch
Ausmultiplizieren
n k+1 nk
+ nk=0 nk ak bnk+1
P
= k=0 k a b
und Indexwechsel k = i 1 in der ersten Summe
Pn+1 n i ni+1 Pn
= i=1 i1 a b + k=0 nk ak bnk+1
dann mitP
k statt i und Absondern von Summanden
n+1 0 n n
k nk+1
= a b + k=1 k1 a b +
Pn
+ k=1 nk ak bnk+1 + a0 bn+1
und nachP
Zusammenfassen der mittleren Summen
n+1 0 n n+1 k nk+1
= a b + k=1 k a b + a0 bn+1
und Einbeziehen der abgesonderten Summanden
Pn+1 n+1 k n+1k
= k=0 k
a b
seien die Einsen an den Randern vorgegeben und eine Zahl in der Mitte
berechne sich als die Summe ihrer beiden oberen Nachbarn. Dann stehen in
1. EINSTIMMUNG 27
n n
der (n + 1)-ten Zeile der Reihe nach die Binomialkoeffizienten 0
= 1, 1
=
n
n, . . ., bis n1 = n, nn = 1. Wir haben also zum Beispiel
0, 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, . . .
entsteht, indem man mit f0 = 0 und f1 = 1 beginnt und dann jedes weitere
Folgenglied als die Summe seiner beiden Vorganger bildet. Wir suchen nun
fur die Glieder fi dieser Folge eine geschlossene Darstellung. Dazu vereinba-
ren wir, da wir Folgen x0 , x1 , x2 , . . . mit der Eigenschaft xn = xn1 + xn2
fur n = 2, 3, 4, . . . Folgen vom Fibonacci-Typ nennen wollen. Kennen
wir die beiden ersten Glieder einer Folge vom Fibonacci-Typ, so liegt na-
turlich bereits die gesamte Folge fest. Nun bemerken wir, da fur jede Folge
x0 , x1 , x2 , . . . vom Fibonacci-Typ und jedes auch die Folge x0 , x1 , x2 , . . .
vom Fibonacci-Typ ist, und da fur jede weitere Folge y0 , y1 , y2 , . . . vom
Fibonacci-Typ auch die gliedweise Summe (x0 + y0 ), (x1 + y1 ), (x2 + y2 ), . . .
eine Folge vom Fibonacci-Typ ist. Der Trick ist dann, danach zu fragen, fur
welche die Folge xi = i vom Fibonacci-Typ ist. Das ist ja offensichtlich
genau dann der Fall, wenn gilt 2 = + 1, als da heit fur = 21 (1 5).
Fur beliebige c, d ist mithin die Folge
xi = c+i + di
Darstellung
!i !i
1 1+ 5 1 1 5
fi =
5 2 5 2
Im ubrigen ist der zweite Summand hier immer kleiner als 1/2, so da wir
fi auch beschreiben konnen als diejenige ganze Zahl, die am nachstem am
ersten Summanden liegt. Es ware ruckblickend naturlich ein Leichtes gewe-
sen, diese Formel einfach zu raten um sie dann mit vollstandiger Induktion
1.1.1 zu beweisen. Diese Art mathematischer Zaubertricks halte ich jedoch
fur unehrenhaft. Ich werde deshalb stets nach Kraften versuchen, das Trick-
sen zu vermeiden, auch wenn die Beweise dadurch manchmal etwas langer
werden sollten. Eine Moglichkeit, auch den letzten verbleibenden Trick aus
den vorhergehenden Uberlegungen zu eliminieren, zeigt ??. Die bei unserer
1
Losung auftretende reelle Zahl 2 (1 + 5) ist im Ubrigen auch bekannt als
goldener Schnitt aus Grunden, die in nebenstehendem Bild diskutiert wer-
den. In II.2.3.4 durfen Sie dann zur Ubung zeigen, da der Quotient zweier
aufeinanderfolgender Fibonacci-Zahlen gegen den goldenen Schnitt strebt,
da also genauer und in Formeln fur unsere Fibonacci-Folge f0 , f1 , f2 , . . . von
oben gilt
fi+1 1+ 5
lim =
i fi 2
Ubung 1.2.2. Ein Kredit von 10000 Euro wird am Ende jeden Jahres mit
einem jahrlichen Zinssatz von 5% auf die jeweilige Restschuld verzinst und
der Kreditnehmer zahlt zu Beginn jeden Jahres 1000 Euro zuruck. Man finde
eine geschlossene Formel fur die Restschuld am Ende des n-ten Jahres.
Ubung 1.2.3. Kann man fur jede Folge x0 , x1 , . . . vom Fibonacci-Typ Zahlen
c, d finden mit xi = c+i +di fur alle i? Finden Sie eine geschlossene Darstel-
lung fur die Glieder der Folge, die mit 0, 0, 1 beginnt und dem Bildungsgesetz
xn = 2xn1 + xn2 2xn3 gehorcht.
Beispiel 1.2.4. Ein System von mehreren Gleichungen, in denen dieselben
Unbekannten auftauchen, nennt man auch ein Gleichungssystem. Wir be-
trachten ein homogenes lineares Gleichungssystem alias ein Gleichungssys-
tem der Gestalt
11 x1 + 12 x2 + . . . +1m xm = 0
21 x1 + 22 x2 + . . . +2m xm = 0
..
.
n1 x1 + n2 x2 + . . . +nm xm = 0
1. EINSTIMMUNG 29
SkriptenBilder/BildGSc.png
Der goldene Schnitt ist das Verhaltnis, in dem eine Strecke geteilt werden
mu, damit das Verhaltnis vom groeren zum kleineren Stuck gleich dem
Verhaltnis des Ganzen zum groeren Stuck ist, also die positive Losung
der
2
Gleichung a/1 = (1 + a)/a alias a a 1 = 0, also a = (1 + 5)/2.
30 KAPITEL I. ALLGEMEINE GRUNDLAGEN
1. Sind (x1 , . . . , xm ) und (x01 , . . . , x0m ) Losungen, so ist auch ihre kompo-
nentenweise Summe (x1 + x01 , . . . , xm + x0m ) eine Losung;
2. Ist (x1 , . . . , xm ) eine Losung und eine reelle Zahl, so ist auch das
komponentenweise Produkt (x1 , . . . , xm ) eine Losung.
f 00 = f
genugen. Losungen sind zum Beispiel die Funktionen sin, cos, die Nullfunk-
tion oder auch die Funktionen f (x) = sin(x + a) fur konstantes a. Wie man
die Menge L aller Losungen beschreiben kann, sollen Sie nicht hier lernen.
Zwei Dinge aber sind a priori klar:
2. Ist f eine Losung und eine reelle Zahl, so ist auch f eine Losung.
2. Ist eine reelle Zahl und p eine Parallelverschiebung, so konnen wir eine
neue Parallelverschiebung p bilden, das -fache von p. Bei negativen
Vielfachen vereinbaren wir hierzu, da eine entsprechende Verschiebung
in die Gegenrichtung gemeint ist.
3. Fuhren wir eine neue Notation ein und schreiben fur die Hintereinander-
ausfuhrung p u q := p q, so gelten fur beliebige Parallelverschiebungen
1. EINSTIMMUNG 31
SkriptenBilder/BildPar.png
als komponentenweise Addition verstehen, und fur die Menge aller Folgen
vom Fibonacci-Typ, wenn wir ahnlich die Summe u zweier Folgen erklaren.
Ein wesentliches Ziel der folgenden Vorlesungen uber lineare Algebra ist es,
einen abstrakten Formalismus aufzubauen, dem sich alle diese Beispiele un-
terordnen. Dadurch soll zweierlei erreicht werden:
1. Unser abstrakter Formalismus soll uns dazu verhelfen, die uns als Augen-
tieren und Nachkommen von Astehupfern angeborene raumliche Anschauung
nutzbar zu machen zum Verstandnis der bis jetzt gegebenen Beispiele und
der vielen weiteren Beispiele von Vektorraumen, denen Sie im Verlauf Ih-
res Studiums noch begegnen werden. So werden sie etwa lernen, da man
sich die Menge aller Folgen vom Fibonacci-Typ durchaus als Ebene vorstel-
len darf und die Menge aller Folgen mit vorgegebenem Folgenglied an einer
vorgegebenen Stelle als eine Gerade in dieser Ebene. Suchen wir also alle
Folgen vom Fibonacci-Typ mit zwei vorgegebenen Folgengliedern, so werden
wir im allgemeinen genau eine derartige Losung finden, da sich eben zwei
Geraden aus einer Ebene im allgemeinen in genau einem Punkt schneiden.
In diesem Licht betrachtet soll der abstrakte Formalismus uns also helfen,
1. EINSTIMMUNG 33
(v) = ()v
( + )v = (v) u (v)
(v u w) = (v) u (w)
1v = v
Hier ist nun viel zu klaren: Was ist eine Menge? Eine Verknupfung? Eine
abelsche Gruppe? Eine Abbildung? Was bedeuten die Symbole , , 7, ,
R? Wir beginnen in der nachsten Vorlesung mit der Klarung dieser Begriffe
und Notationen.
1.2.10. Bereits hier will ich jedoch die Symbole und erklaren: Sie hei-
en Alpha und Beta und sind die beiden ersten Buchstaben des griechi-
schen Alphabets, das ja auch nach ihnen benannt ist. Bei der Darstellung
von Mathematik hilft es, viele verschiedene Symbole und Symbolfamilien zur
Verfugung zu haben. Insbesondere werden die griechischen Buchstaben oft
und gerne verwendet. Ich schreibe deshalb hier zum Nachschlagen einmal
das griechische Alphabet auf. In der ersten Spalte stehen der Reihe nach
die griechischen Kleinbuchstaben, dahinter die zugehorigen Grobuchstaben,
dann ihr lateinisches Analogon soweit vorhanden, und schlielich, wie man
1. EINSTIMMUNG 35
A a alpha
B b beta
g gamma
d delta
, E e epsilon
Z z zeta
H a eta
, th theta
I i iota
K k kappa
l lambda
M m my, sprich mu
N n ny, sprich nu
x xi
o O o omikron
p pi
, % P r rho
, s sigma
T t tau
y ypsilon
, f phi
X ch chi
ps psi
oh omega
36 KAPITEL I. ALLGEMEINE GRUNDLAGEN
2.1.2. Im Wortlaut der ersten Zeilen des Artikels Beitrage zur Begrundung
der transfiniten Mengenlehre (Erster Aufsatz) von Georg Cantor, erschienen
im Jahre 1895, hort sich die Definition einer Menge so an:
Unter einer Menge verstehen wir jede Zusammenfassung M von
bestimmten wohlunterschiedenen Objecten m unserer Anschau-
ung oder unseres Denkens (welche die Elemente von M genannt
werden) zu einem Ganzen.
Verbinden wir mit einer Menge eine geometrische Vorstellung, so nennen wir
ihre Elemente auch Punkte und die Menge selbst einen Raum. Ein der-
artiges Herumgerede ist naturlich keine formale Definition und birgt auch
verschiedene Fallstricke, vergleiche 2.1.24. Das Ziel dieser Vorlesung ist aber
auch nicht eine formale Begrundung der Mengenlehre, wie Sie sie spater in
der Logik kennenlernen konnen. Sie sollen vielmehr die Bedeutung dieser
Worte intuitiv erfassen wie ein Kleinkind, das Sprechen lernt: Indem sie mir
und anderen Mathematikern zuhoren, wie wir mit diesen Worten sinnvol-
le Satze bilden, uns nachahmen, und beobachten, welchen Effekt Sie damit
hervorrufen. Unter anderem dazu sind die Ubungsgruppen da.
Beispiele 2.1.3. Endliche Mengen gibt man oft durch eine vollstandige Lis-
te ihrer Elemente in geschweiften Klammern an, zum Beispiel in der Form
X = {x1 , x2 , . . . , xn }. Diese geschweiften Klammern heien auch Mengen-
klammern. Die Elemente durfen mehrfach genannt werden, und es kommt
nicht auf die Reihenfolge an, in der sie genannt werden. So haben wir also
{1, 1, 2} = {2, 1}. Die Aussage x ist Element von X wird mit x X ab-
gekurzt, ihre Verneinung x ist nicht Element von X mit x 6 X. Es gibt
auch die sogenannte leere Menge = { }, die gar kein Element enthalt.
Andere Beispiele sind die Menge der naturlichen Zahlen N = {0, 1, 2, . . .},
die Menge der ganzen Zahlen Z = {0, 1, 1, 2, 2, . . .} und die Menge der
rationalen Zahlen Q = {p/q | p, q Z, q 6= 0}. Der Name letzterer Menge
kommt von lateinisch ratio fur Verhaltnis. Man beachte, da wir auch
hier Elemente mehrfach genannt haben, es gilt ja p/q = p0 /q 0 genau dann,
wenn pq 0 = p0 q. Auf Deutsch bezeichnet man die rationalen Zahlen auch
als Bruchzahlen, da man sich etwa ein Viertel eines Kekses als den Anteil
denken kann, der entsteht, wenn man besagten Keks in vier gleiche Teile
zerbricht.
2.1.4. Die Verwendung des Kommas als Trenner ist hier insofern problema-
tisch, als {1, 2} nun sowohl als die Menge mit den beiden Elementen 1 und 2
verstanden werden kann, als auch als die Menge mit dem Dezimalbruch 1,2
als einzigem Element. Was im Einzelfall gemeint ist, gilt es aus dem Kontext
zu erschlieen oder durch genaues Prufen des Freiraums nach dem Komma.
In diesem Text werden Dezimalbruche nur selten vorkommen.
38 KAPITEL I. ALLGEMEINE GRUNDLAGEN
Erganzung 2.1.5. Das Gleichheitszeichen = scheint auf ein 1557 von Robert
Recorde publiziertes Buch zuruckzugehen und soll andeuten, da das, was auf
der linken und rechten Seite dieses Zeichens steht, so gleich ist wie die beiden
Strichlein, die das uns heute so selbstverstandliche Gleichheitszeichen bilden.
Davor schrieb man statt einem Gleichheitszeichen meist ae fur aquivalent.
2.1.6. In Texten, in deren Konventionen die Null keine naturliche Zahl ist,
verwendet man meist die abweichenden Notationen N fur die Menge {1, 2, . . .}
und N0 fur die Menge {0, 1, 2, . . .}. Die in diesem Text verwendete Notation
N = {0, 1, 2, . . .} stimmt mit der internationalen Norm ISO 31-11 uberein.
Definition 2.1.10. Wir vereinbaren, da wir die leere Menge endlich nennen
wollen, damit jede Teilmenge einer endlichen Menge auch wieder endlich ist.
Die Zahl der Elemente einer endlichen Menge X nennen wir ihre Kardina-
litat oder Machtigkeit und notieren sie |X| oder card(X). In der Literatur
findet man auch die Notation ]X. Ist X unendlich, so schreiben wir kurz
|X| = und ignorieren in unserer Notation, da auch unendliche Mengen
2. NAIVE MENGENLEHRE UND KOMBINATORIK 39
verschieden gro sein konnen, fur ein Beispiel siehe II.2.3.6 und fur eine ge-
nauere Diskussion des Begriffs der Kardinalitat ??. Fur endliche Mengen X
ist demnach ihre Kardinalitat stets eine naturliche Zahl |X| N und |X| = 0
ist gleichbedeutend zu X = .
2.1.11. Oft bildet man Mengen als Teilmengen bestehender Mengen. Ge-
brauchlich ist dazu die Notation
Definition 2.1.13. Es ist auch erlaubt, die Menge aller Teilmengen einer
gegebenen Menge X zu bilden. Sie heit die Potenzmenge von X und wird
mit P(X) bezeichnet.
2.1.14. Ist X eine endliche Menge, so ist auch ihre Potenzmenge endlich und
es gilt |P(X)| = 2|X| . Fur die drei-elementige Menge X = {1, 2, 3} besteht
zum Beispiel P(X) aus 23 = 8 Elementen, genauer gilt
P(X) = {, {1}, {2}, {3}, {1, 2}, {1, 3}, {2, 3}, {1, 2, 3}}
SkriptenBilder/BildMop.png
Eine gute Anschauung fur die ersten drei Operationen liefern die
sogenannten van-de-Ven-Diagramme wie sie die obenstehenden Bilder
zeigen. Sie sind allerdings nicht zu genau zu hinterfragen, denn ob die
Punkte auf einem Blatt Papier im Sinne von Cantor bestimmte
wohlunterschiedene Objekte unserer Anschauung sind, scheint mir sehr
fraglich. Wenn man jedoch jedes der schraffierten Gebiete im Bild auffasst
als die Menge aller darin liegenden Kreuzungspunkte auf einem
dazugedachten Millimeterpapier und keine dieser Kreuzungspunkte auf den
Begrenzungslinien liegen, so konnen sie wohl schon als eine Menge im
Cantorschen Sinne angesehen werden.
2. NAIVE MENGENLEHRE UND KOMBINATORIK 41
2.1.16. Die Verwendung des Kommas als Trenner ist hier insofern proble-
matisch, als (1, 2) nun zweierlei bedeuten kann: Zum einen ein Element des
kartesischen Produkts N N, zum anderen auch den eingeklammerten De-
zimalbruch 1,2. Was im Einzelfall gemeint ist, gilt es aus dem Kontext zu
erschlieen. In diesem Text werden Dezimalbruche nur selten vorkommen. In
Schulbuchern verwendet man fur geordnete Paare meist die abweichende No-
tation (x|y), um auch Paare von Dezimalbruchen unmiverstandlich notieren
zu konnen.
2.1.17. Wir werden in unserer naiven Mengenlehre die ersten drei Operatio-
nen nur auf Teilmengen einer gemeinsamen Obermenge anwenden, die uns in
der einen oder anderen Weise bereits zur Verfugung steht. Die Potenzmenge
und das kartesische Produkt dahingegen benutzen wir, um daruber hinaus
neue Mengen zu erschaffen. Diese Konstruktionen erlauben es, im Rahmen
der Mengenlehre so etwas wie Abstraktionen zu bilden: Wenn wir uns et-
wa die Menge T aller an mindestens einem Tag der Weltgeschichte lebenden
oder gelebt habenden Tiere als eine Menge im Cantorschen Sinne denken,
so wurden wir Konzepte wie mannlich oder Hund oder Fleischfresser
formal als Teilmengen dieser Menge definieren, d.h. als Elemente von P(T ),
und das Konzept ist Kind von als eine Teilmenge des kartesischen Produkts
dieser Menge T mit sich selbst, also als ein Element von P(T T ).
2.1.18. Fur das Rechnen mit Mengen uberlegt man sich die folgenden Regeln:
X (Y Z) = (X Y ) Z
X (Y Z) = (X Y ) Z
X (Y Z) = (X Y ) (X Z)
X (Y Z) = (X Y ) (X Z)
X\(Y Z) = (X\Y ) (X\Z)
X\(Y Z) = (X\Y ) (X\Z)
X\(X\Y ) = X Y
Eine gute Anschauung fur diese Regeln liefern die van-de-Ven-Diagramme,
wie sie die nebenstehenden Bilder zeigen. Die vorletzte und vorvorletzte Glei-
chung fat man auch unter der Bezeichnung de Morgansche Regeln zu-
sammen.
42 KAPITEL I. ALLGEMEINE GRUNDLAGEN
SkriptenBilder/BildPe.png
Anschauliche Darstellung des Produkts einer Menge mit funf und einer
Menge mit drei Elementen. Hier wird ein Paar (x, y) dargestellt durch einen
fetten Punkt, der uber x und neben y liegt.
SkriptenBilder/BildKar.png
Dies Bild mu anders interpretiert werden als das Vorherige. Die Mengen X
und Y sind nun zu verstehen als die Mengen der Punkte der vertikalen und
horizontalen Geradensegmente und ein Punkt des Quadrats meint das
Element (x, y) X Y , das in derselben Hohe wie y Y senkrecht uber
x X liegt.
2. NAIVE MENGENLEHRE UND KOMBINATORIK 43
SkriptenBilder/Bild0001.png
X (Y Z) = (X Y ) (X Z)
SkriptenBilder/Bild0007.png
X \ (Y Z) = (X \ Y ) (X \ Z)
44 KAPITEL I. ALLGEMEINE GRUNDLAGEN
Ubung 2.1.19. Sind X und Y endliche Mengen, so gilt fur die Kardinalitaten
|X Y | = |X| |Y | und |X Y | = |X\Y | + |X Y | + |Y \X|.
Beweis. Vollstandige Induktion uber n. Fur n = 0 gilt die Aussage, denn eine
nullelementige Menge hat genau eine k-elementige Teilmenge falls k = 0 und
keine k-elementige Teilmenge falls k 1. Nehmen wir nun an, die Aussage
sei fur ein n schon bewiesen. Eine (n + 1)-elementige Menge X schreiben
wir als X = M {x}, wo M eine n-elementige Menge ist und x 6 M . Ist
k = 0, so gibt es genau eine k-elementige Teilmenge von M {x}, namlich
die leere Menge. Ist k 1, so gibt es in M {x} nach Induktionsannahme
genau nk k-elementige Teilmengen, die x nicht enthalten. Die k-elementigen
Teilmengen dahingegen, die x enthalten, ergeben sich durch Hinzunehmen
von x aus den (k 1)-elementigen Teilmengen von M , von denenes gerade
n n n n+1
k1
gibt. Insgesamt hat M {x} damit also genau k
+ k1
= k
k-elementige Teilmengen.
Bemerkung 2.1.21. Wieder scheint mir dieser Beweis in der fur vollstandige
Induktion typischen Weise undurchsichtig. Ich ziehe deshalb den in 1.1.19
gegebenen weniger formellen Beweis vor. Man kann auch diesen Beweis for-
malisieren und verstehen als Spezialfall der sogenannten Bahnformel ??,
vergleiche ??.
Bemerkung 2.1.22. Wir geben nun die versprochene prazise Formulierung
unseres ersten Beweises der binomischen Formel 1.1.23. Wir rechnen dazu
X
(a + b)n = a|Y | bn|Y |
Y {1,2,...,n}
Die rechte Seite soll hier in Verallgemeinerung der in Abschnitt 1.1 einge-
fuhrten Notation bedeuten, da wir fur jede Teilmenge Y von {1, 2, . . . , n}
den angegebenen Ausdruck a|Y | bn|Y | nehmen und alle diese Ausdrucke auf-
summieren. Dann fassen wir gleiche Summanden zusammen und erhalten mit
2.1.20 die binomische Formel.
Erganzende Ubung 2.1.23. Es gilt k nk = 2n .
P
SkriptenBilder/BildPro.png
durchaus begriffliche Schwierigkeiten mit sich bringt: Zum Beispiel darf die
Gesamtheit M aller Mengen nicht als Menge angesehen werden, da wir sonst
die Menge aller Mengen, die sich nicht selbst als Element enthalten, gegeben
durch die formelhafte Beschreibung N = {A M | A 6 A}, bilden konnten.
Fur diese Menge kann aber weder N N noch N 6 N gelten . . . Diese
Art von Schwierigkeiten kann erst ein formalerer Zugang klaren und auflo-
sen, bei dem man unsere naiven Vorstellungen durch Ketten von Zeichen aus
einem wohlbestimmten endlichen Alphabet ersetzt und unsere Vorstellung
von Wahrheit durch die Verifizierbarkeit vermittels rein algebraischer er-
laubter Manipulationen solcher Zeichenketten, die in Axiomen festgelegt
werden. Diese Verifikationen kann man dann durchaus auch einer Rechenma-
schine uberlassen, so da wirklich auf objektivem Wege entschieden werden
kann, ob ein Beweis fur die Richtigkeit einer unserer Zeichenketten in
einem vorgegebenen axiomatischen Rahmen stichhaltig ist. Allerdings kann
in derartigen Systemen von einer Zeichenkette algorithmisch nur entschieden
werden, ob sie eine sinnvolle Aussage ist, nicht aber, ob sie bewiesen wer-
den kann. Noch viel starker zeigt der Unvollstandigkeitssatz von Godel, da
es in einem derartigen axiomatischen Rahmen, sobald er reichhaltig genug ist
fur eine Beschreibung des Rechnens mit naturlichen Zahlen, stets sinnvolle
Aussagen gibt derart, da entweder sowohl die Aussage als auch ihre Ver-
neinung oder aber weder die Aussage noch ihre Verneinung bewiesen werden
konnen. Mit diesen und ahnlichen Fragestellungen beschaftigt sich die Logik.
2.1.25. Um mich nicht dem Vorwurf auszusetzen, wahrend des Spiels die
Spielregeln andern zu wollen, sei bereits hier erwahnt, da in ?? noch weitere
wichtige Konstruktionen der Mengenlehre eingefuhrt werden, und da in ??
einige weniger offensichtliche Folgerungen erlautert werden, die meines Er-
achtens bereits an den Rand dessen gehen, was man in unserem informellen
Rahmen der naiven Mengenlehre als Argumentation noch vertreten kann. In
?? wird dann erst die Konstruktion der naturlichen Zahlen im Rahmen der
Mengenlehre diskutiert. Sicher ist es in gewisser Weise unbefriedigend, das
Fundament des Hauses der Mathematik erst vollstandig zu gieen, wenn das
Haus bereits steht und bewohnt ist. Andererseits will ich aber auch vermei-
den, da Sie mir auf einem prachtigen Fundament jammerlich erfrieren.
2.2 Abbildungen
Definition 2.2.1. Seien X, Y Mengen. Eine Abbildung f : X Y ist eine
Zuordnung, die jedem Element x X genau ein Element f (x) Y zuordnet,
das Bild von x unter f , auch genannt der Wert von f an der Stelle x. Man
spricht dann auch vom Auswerten der Funktion f an der Stelle x oder vom
Einsetzen von x in f .
2. NAIVE MENGENLEHRE UND KOMBINATORIK 47
2.2.2. Wem das zu vage ist, der mag die alternative Definition vorziehen,
nach der eine Abbildung f : X Y eine Teilmenge f X Y ist derart,
da es fur jedes x X genau ein y Y gibt mit (x, y) f . Dies eindeutig
bestimmte y schreiben wir dann f (x) und sind auf einem etwas formaleren
Weg wieder am selben Punkt angelangt. In unseren Konventionen nennen wir
besagte Teilmenge den Graphen von f und notieren sie mit dem Symbol
(sprich: Gamma), einem groen griechischen G, und schreiben
(f ) := {(x, f (x)) | x X} X Y
Definition 2.2.3. Ist f : X Y eine Abbildung, so nennen wir X ihren
Definitionsbereich und Y ihren Wertebereich. Zwei Abbildungen nennen
wir gleich genau dann, wenn sie denselben Definitionsbereich X, denselben
Wertebereich Y und dieselbe Abbildungsvorschrift f X Y haben. Die
Menge aller Abbildungen von X nach Y bezeichne ich mit
Ens(X, Y )
nach der franzosischen Ubersetzung ensemble des deutschen Begriffs Men-
ge. Ublicher ist die Notation Y X .
Bemerkung 2.2.4. Noch gebrauchlicher ist die Bezeichnung Abb(X, Y ) fur die
Menge aller Abbildungen von X nach Y . Ich will jedoch sehr viel spater die
Kategorie aller Mengen mit Ens bezeichnen und fur je zwei Objekte X, Y
einer Kategorie C die Menge aller Morphismen von X nach Y mit C(X, Y ).
Das erklart erst vollstandig die hier gewahlte Bezeichnung fur Mengen von
Abbildungen.
2.2.5. Wir notieren Abbildungen oft in der Form
f: X Y
x 7 f (x)
und in verschiedenen Verkurzungen dieser Notation. Zum Beispiel sprechen
wir von einer Abbildung N N von der Menge der naturlichen Zahlen
in sich selber oder der Abbildung n 7 n3 von der Menge der naturlichen
Zahlen in sich selber. Wir benutzen unsere zwei Arten von Pfeilen und
7 auch im allgemeinen in derselben Weise.
Beispiel 2.2.6. Fur jede Menge X haben wir die identische Abbildung
oder Identitat
id = idX : X X
x 7 x
Ein konkreteres Beispiel fur eine Abbildung ist das Quadrieren
q: Z Z
n 7 n2
48 KAPITEL I. ALLGEMEINE GRUNDLAGEN
SkriptenBilder/Bild0002.png
Eine Abbildung einer Menge mit funf in eine mit drei Elementen
SkriptenBilder/Bildgr.png
Der Graph der oben angegebenen Abbildung, wobei das X oben mit dem X
hier identifiziert wurde durch Umkippen nach Rechts
2. NAIVE MENGENLEHRE UND KOMBINATORIK 49
2.2.14. Die Notation g f , sprich g nach f , fur erst f , dann g ist gewoh-
nungsbedurftig, erklart sich aber durch die Formel (g f )(x) = g(f (x)). Ich
sage, g f entstehe aus g durch Vorschalten von f und g f entstehe aus
f durch Nachschalten von g. Oft kurzt man auch g f mit gf ab.
Beispiel 2.2.15. Betrachten wir zusatzlich zum Quadrieren q : Z Z die
Abbildung t : Z Z, x 7 x + 1, so gilt (q t)(x) = (x + 1)2 aber (t q)(x) =
x2 + 1. Naturlich gilt (g f )(A) = g(f (A)) fur jede Teilmenge A X und
umgekehrt auch (g f )1 (C) = f 1 (g 1 (C)) fur jede Teilmenge C Z.
2. f heit surjektiv oder eine Surjektion genau dann, wenn es fur jedes
y Y mindestens ein x X gibt mit f (x) = y. Surjektionen schreibt
man manchmal .
3. f heit bijektiv oder eine Bijektion genau dann, wenn f injektiv und
surjektiv ist. Gleichbedeutend ist die Forderung, da es fur jedes y Y
genau ein x X gibt mit f (x) = y. Bijektionen schreibt man oft .
g i = : g|X = g|X : X Z
Oft bezeichnen wir eine Einschrankung aber auch einfach mit demselben
Buchstaben g in der Hoffnung, da der Leser aus dem Kontext erschlieen
kann, welche Abbildung genau gemeint ist.
2. NAIVE MENGENLEHRE UND KOMBINATORIK 51
SkriptenBilder/BildSurv.png
Eine Surjektion
SkriptenBilder/BildInjv.png
Eine Injektion
SkriptenBilder/BildBij.png
Eine Bijektion
52 KAPITEL I. ALLGEMEINE GRUNDLAGEN
Beweis. Ubung. Besonders elegant ist es, zunachst die letzte Aussage zu zei-
gen, und dann die vorderen Aussagen ohne weitere Betrachtung von Elemen-
ten zu folgern.
Beweis. Ubung. Besonders elegant ist es, zunachst die letzte Aussage zu zei-
gen, und dann die vorderen Aussagen ohne weitere Betrachtung von Elemen-
ten zu folgern.
2. NAIVE MENGENLEHRE UND KOMBINATORIK 53
durch die Vorschrift f 7 f (x, ) mit der Notation f (x, ) fur die Abbildung
y 7 f (x, y). Etwas vage formuliert ist also eine Abbildung X Y Z von
einem kartesischen Produkt X Y in eine weitere Menge Z dasselbe wie
eine Abbildung, die jedem x X eine Abbildung Y Z zuordnet, und
symmetrisch naturlich auch dasselbe wie eine Abbildung, die jedem y Y
eine Abbildung X Z zuordnet. In der exponentiellen Notation liest sich das
ganz suggestiv als kanonische Bijektion Z (XY ) (Z X )Y . In diesem Sinne
sind also die in der Schule derzeit so beliebten Funktionen mit Parameter
nichts anderes als Funktionen von zwei Variablen, bei denen eine der beiden
Variablen als Parameter bezeichnet wird.
Satz 2.2.27 (Bedeutung der Fakultat). Sind X und Y zwei Mengen mit
je n Elementen, so gibt es genau n! bijektive Abbildungen f : X Y .
Erganzende Ubung 2.2.33. Sei X eine Menge mit n 1 Elementen und sei
n+m1
m eine naturlichePZahl. Man zeige, da es genau n1 Abbildungen f :
X N gibt mit xX f (x) = m. Hinweis: Man denke sich X = {1, 2, . . . , n}
und veranschauliche sich dann f als eine Folge auf f (1) Punkten gefolgt von
einem Strich gefolgt von f (2) Punkten gefolgt von einem Strich und so weiter,
insgesamt also eine Folge aus n + m 1 Symbolen, davon m Punkten und
n 1 Strichen.
Erganzung 2.2.34. Gegeben eine Menge X mag man sich eine Abbildung
X N veranschaulichen als eine Menge von Elementen von X, in der jedes
Element mit einer wohlbestimmten Vielfachheit vorkommt. Aufgrund dieser
Vorstellung nennt man eine Abbildung X N auch eine Multimenge von
2. NAIVE MENGENLEHRE UND KOMBINATORIK 55
SkriptenBilder/BildZyA.png
SkriptenBilder/BildKoKi.png
2.3.3. Sagt man der Mathematik, es gebe ein Objekt mit diesen und jenen
Eigenschaften, so ist stets gemeint, da es mindestens ein derartiges Objekt
geben soll. Hatten wir diese Sprachregelung rechtzeitig vereinbart, so hatten
wir zum Beispiel das Wortchen mindestens in Teil 2 von 2.2.16 bereits
weglassen konnen. Sagt ihnen also ein Mathematiker, er habe einen Bruder,
so kann es auch durchaus sein, da er noch weitere Bruder hat! Will man
in der Mathematik Existenz und Eindeutigkeit gleichzeitig ausdrucken, so
sagt man, es gebe genau ein Objekt mit diesen und jenen Eigenschaften.
Sagt ihnen also ein Mathematiker, er habe genau einen Bruder, so konnen
sie sicher sein, da er nicht noch weitere Bruder hat.
2.3.4. Die folgenden Abkurzungen erweisen sich als bequem und werden hau-
fig verwendet:
Offensichtlich ist die Erste richtig, die Zweite aber falsch. Weiter mache man
sich klar, da die fur alle und es gibt bei Verneinung vertauscht werden.
Aquivalent sind zum Beispiel die beiden folgenden Aussagen
Es gibt kein n N mit n2 = 2
58 KAPITEL I. ALLGEMEINE GRUNDLAGEN
2.3.7. Wollen wir zeigen, da aus einer Aussage A eine andere Aussage B
folgt, so konnen wir ebensogut zeigen: Gilt B nicht, so gilt auch A nicht. In
formelhafter Schreibweise haben wir also
3 Algebraische Grundbegriffe
Auf der Schule versteht man unter einer reellen Zahl meist einen unend-
lichen Dezimalbruch, wobei man noch aufpassen mu, da verschiedene un-
endliche Dezimalbruche durchaus dieselbe reelle Zahl darstellen konnen, zum
Beispiel gilt in den reellen Zahlen ja
0, 99999 . . . = 1, 00000 . . .
Diese reellen Zahlen werden dann addiert, subtrahiert, multipliziert und di-
vidiert ohne tiefes Nachdenken daruber, wie man denn zum Beispiel mit den
eventuell unendlich vielen Ubertragen bei der Addition und Subtraktion um-
gehen soll, und warum dann Formeln wie (a + b) c = a + (b c) wirklich
gelten, zum Beispiel fur a = b = c = 0, 999 . . . . Dieses tiefe Nachdenken
wollen wir im Folgenden vom Rest der Vorlesung abkoppeln und mussen
dazu sehr prazise formulieren, welche Eigenschaften fur die Addition, Mul-
tiplikation und Anordnung in unseren reellen Zahlen gelten sollen: In der
Terminologie, die in den folgenden Abschnitten eingefuhrt wird, werden wir
die reellen Zahlen charakterisieren als einen angeordneten Korper, in dem je-
de nichtleere Teilmenge mit einer unteren Schranke sogar eine grote untere
Schranke besitzt. Von dieser Charakterisierung ausgehend erklaren wir dann,
welche reelle Zahl ein gegebener unendlicher Dezimalbruch darstellt, und er-
richten das Gebaude der Analysis. In demselben Begriffsgebaude modellieren
wir auch den Anschauungsraum, vergleiche 1.2.9 oder besser ?? und ??. Um
diese Charakterisierungen und Modellierungen verstandlich zu machen, fuh-
ren wir zunachst einige grundlegende algebraische Konzepte ein, die Ihnen
im weiteren Studium der Mathematik noch oft begegnen werden.
Beispiele 3.1.2. 1. Die Addition von ganzen Zahlen ist eine Verknupfung
+: ZZ Z
(a, b) 7 a + b
60 KAPITEL I. ALLGEMEINE GRUNDLAGEN
SkriptenBilder/BildVT.png
SkriptenBilder/Bildund.png SkriptenBilder/Bildoder.png
Die Wahrheitstafeln fur und und oder. Gemeint ist hier wie stets in der
Mathematik das nichtausschlieende oder. Sagen wir, es gelte A oder B,
so ist insbesondere auch erlaubt, da beides gilt. Bei der Wahrheitstafel fur
das ausschlieende oder mute oben links als Verknupfung von Wahr
mit Wahr ein Falsch stehen.
3. ALGEBRAISCHE GRUNDBEGRIFFE 61
3. Die Zuordnung min, die jedem Paar von naturlichen Zahlen die kleinere
zuordnet (wenn sie verschieden sind, man setzt sonst min(a, a) = a),
ist eine Verknupfung
min : N N N
(a, b) 7 min(a, b)
4. Sei X eine Menge. Wir kurzen die Menge Ens(X, X) aller Abbildungen
von X in sich selber oft mit Ens(X, X) = : Ens(X) ab. Die Verknupfung
von Abbildungen liefert eine Verknupfung auf der Menge Ens(X) aller
Abbildungen von X in sich selber
: Ens(X) Ens(X) Ens(X)
(f, g) 7 f g
6. Jede Verknupfung > auf einer Menge induziert eine Verknupfung auf
ihrer Potenzmenge vermittels der Vorschrift
U >V = {u>v | u U, v V }
7. Gegeben Mengen mit Verknupfung (A, >) und (B, ) erhalten wir die
komponentenweise Verknupfung auf ihrem Produkt A B vermit-
tels der Vorschrift ((a, b), (a0 , b0 )) 7 ((a>a0 ), (b b0 )).
8. Die logischen Operationen und, oder, impliziert und dergleichen
mehr konnen als Verknupfungen auf der zweielementigen Menge {Wahr, Falsch}
aufgefat werden. Die zugehorigen Verknupfungstabellen heien Wahr-
heitstafeln. Bei einem formalen Zugang werden diese Tafeln, wie sie
fur und und oder auf der vorhergehenden Seite zu finden sind, sogar
zur Definition der jeweiligen Begriffe.
Definition 3.1.3. Eine Verknupfung > auf einer Menge A heit assoziativ
genau dann, wenn gilt a>(b>c) = (a>b)>c a, b, c A. Sie heit kommu-
tativ genau dann, wenn gilt a>b = b>a a, b A.
62 KAPITEL I. ALLGEMEINE GRUNDLAGEN
SkriptenBilder/BildKlGr.png
SkriptenBilder/BildAsGr.png
Beispiele 3.1.4. Von unseren Beispielen sind die ersten drei assoziativ und
kommutativ, das vierte ist assoziativ aber nicht kommutativ falls X mehr als
ein Element hat, das funfte ist weder assoziativ noch kommutativ.
3.1.5. Ist eine Verknupfung assoziativ, so liefern auch ungeklammerte Aus-
drucke der Form a1 >a2 > . . . >an wohlbestimmte Elemente von A, das Resul-
tat ist genauer unabhangig davon, wie wir die Klammern setzen. Um diese
Erkenntnis zu formalisieren, vereinbaren wir fur so einen Ausdruck die Inter-
pretation
a1 >a2 > . . . >an := a1 >(a2 >(. . . (an1 >an ) . . .))
und zeigen dann das folgende Lemma.
Lemma 3.1.6 (Assoziativitat macht Klammern uberflussig). Gegeben
(A, >) eine Menge mit einer assoziativen Verknupfung und a1 , . . . , an , b1 , . . . , bm
A gilt
(a1 > . . . >an )>(b1 > . . . >bm ) = a1 > . . . >an >b1 > . . . >bm
Beweis. Wir folgern aus dem Assoziativgesetz (a1 > . . . >an )>(b1 > . . . >bm ) =
a1 >((a2 > . . . >an )>(b1 > . . . >bm )) und sind fertig mit vollstandiger Indukti-
on uber n.
3.1.7. Das Wort Lemma, im Plural Lemmata, kommt von griechisch
nehmen und bezeichnet in der Mathematik kleinere Resultate oder auch
Zwischenschritte von groeren Beweisen, denen der Autor auerhalb ihres
engeren Kontexts keine groere Bedeutung zumit.
Erganzung 3.1.8. Die Zahl der Moglichkeiten, einen Ausdruck in n + 1 Fakto-
ren so zu verklammern, da in jedem Schritt nur die Verknupfung von je zwei
Elementen zu berechnen ist, heit die n-te Catalan-Zahl und wird Cn no-
tiert. Die ersten Catalan-Zahlen sind C0 = C1 = 1, C2 = 2, C3 = 5 : Die funf
moglichen Verklammerungen von 4 Elementen sind etwa (ab)(cd), a(b(cd)),
a((bc)d), ((ab)c)d und (a(bc))d. Im allgemeinen zeigen wir in II.5.3.9, da
sich die Catalan-Zahlen durch die Binomial-Koeffizienten 1.1.16 ausdrucken
lassen vermittels der amusanten Formel
1 2n
Cn =
n+1 n
Definition 3.1.9. Sei (A, >) eine Menge mit Verknupfung. Ist n {1, 2, . . .}
eine von Null verschiedene naturliche Zahl und a A, so schreiben wir
>
a>a>
| {z. . . >a} = : n a
n-mal
64 KAPITEL I. ALLGEMEINE GRUNDLAGEN
3.1.10. Sei (A, >) eine Menge mit assoziativer Verknupfung. Sind m, n zwei
von Null verschiedene naturliche Zahlen, so erhalten wir mithilfe unseres
Lemmas 3.1.6 zur Uberflussigkeit von Klammern bei assoziativen Verknup-
fungen die Regeln (n + m)> a = (n> a)>(m> a) und (nm)> a = n> (m> a). Ist
unsere Verknupfung auch noch kommutativ, so gilt zusatzlich n> (a>b) =
(n> a)>(n> b).
3.1.11. Sei (A, >) eine Menge mit Verknupfung. Eine Teilmenge B A heit
abgeschlossen unter der Verknupfung genau dann, wenn aus a, b B
folgt a>b B. Naturlich ist in diesem Fall auch (B, >) eine Menge mit
Verknupfung, man spricht dann von der auf B induzierten Verknupfung.
Zum Beispiel ist N Z abgeschlossen unter der Addition, aber Z6=0 Q6=0
ist nicht abgeschlossen unter der durch die Division gegebenen Verknupfung
(a, b) 7 a/b.
Definition 3.1.12. Sei (A, >) eine Menge mit Verknupfung. Ein Element
e A heit neutrales Element von (A, >) genau dann, wenn gilt
e>a = a>e = a a A
Definition 3.1.14. Ein Monoid ist eine Menge mit einer assoziativen Ver-
knupfung, in der es ein neutrales Element gibt. Ist (A, >) ein Monoid, so er-
weitern wir unsere Notation n> a aus 3.1.9 auf alle naturlichen Zahlen n N,
indem wir 0> a als das neutrale Element von A verstehen, fur alle a A.
3.1.15. Das Wort Monoid ist wohl von griechisch oo fur allein abge-
leitet: Ein Monoid besitzt nur eine einzige Verknupfung.
3.1.16. In Monoiden gelten die Regeln 3.1.10 fur alle n, m N. Die na-
turlichen Zahlen bilden mit der Addition ein Monoid (N, +) mit neutralem
Element 0, und mit der Multiplikation ein Monoid (N, ) mit neutralem Ele-
ment 1. Fur jede Menge X ist die Menge Ens(X) der Abbildungen von X in
sich selbst ein Monoid mit neutralem Element idX . Die leere Menge ist kein
Monoid, ihr fehlt das neutrale Element.
3.1.17. Notiert man in einem Monoid die Verknupfung mit dem Symbol +, so
notiert man das neutrale Element meist mit 0 und spricht von einem addi-
tiv notierten Monoid. Nur kommutative Monoide werden additiv notiert.
3. ALGEBRAISCHE GRUNDBEGRIFFE 65
Notiert man in einem Monoid die Verknupfung mit einem runden Symbol,
etwa oder oder auch einfach durch Hintereinanderschreiben, so notiert
man das neutrale Element oft mit 1 und spricht von einem multiplikativ
notierten Monoid.
3.1.18. Gegeben eine Abbildung I A, i 7 ai von einer endlichen Menge
in ein kommutatives additiv bzw. multiplikativ notiertes Monoid vereinbaren
wir die Notationen X Y
ai bzw. ai
iI iI
fur die Verknupfung aller ai . Ist I die leere Menge, so vereinbaren wir, da
dieser Ausdruck das neutrale Element von A bedeuten moge, also 0 bzw. 1.
Wir haben diese Notation bereits verwendet in 2.1.22, und fur die konstante
Abbildung I N, i 7 1 hatten wir zum Beispiel
X
1 = |I|
iI
Unsere Konvention 1.1.13 fur mit einem Laufindex notierte Summen bzw.
Produkte verwenden wir bei Monoiden analog.
Ubung 3.1.19. Sei X eine Menge. Das Schneiden von Teilmengen ist eine
Verknupfung
: P(X) P(X) P(X)
(A, B) 7 A B
auf der Potenzmenge. Dasselbe gilt fur die Vereinigung und das Bilden der
Differenzmenge. Welche dieser Verknupfungen sind kommutativ oder asso-
ziativ? Welche besitzen neutrale Elemente?
Erganzende Ubung 3.1.20. Man gebe die Wahrheitstafeln fur und an.
Bezeichne weiter : {Wahr, Falsch} {Wahr, Falsch} die Verneinung.
Man zeige, da die Formel
(A B) ((B) (A))
3.2 Gruppen
3.2.1. Ich empfehle, bei der Lekture dieses Abschnitts die Tabelle auf Seite
69 gleich mitzulesen, die die Bedeutungen der nun folgenden Formalitaten
66 KAPITEL I. ALLGEMEINE GRUNDLAGEN
Definition 3.2.2. 1. Ist (A, >) ein Monoid und a A ein Element, so
nennen wir ein weiteres Element a A invers zu a genau dann, wenn
gilt a>a = e = a>a fur e A das neutrale Element unseres Monoids.
Ein Element, das ein Inverses besitzt, heit invertierbar.
2. Eine Gruppe ist ein Monoid, in dem jedes Element ein Inverses besitzt.
3.2.3. Der Begriff einer Gruppe wurde von Evariste Galois (1811-1832) in
die Mathematik eingefuhrt. Er verwendet den Begriff Gruppe von Transfor-
mationen sowohl in der Bedeutung einer Menge von bijektiven Selbstab-
bildungen einer gegebenen Menge als auch in der Bedeutung einer Menge
von bijektiven Selbstabbildungen einer gegebenen Menge, die abgeschlossen
ist unter Verknupfung und Inversenbildung, und die damit in der Tat ein
Beispiel fur eine Gruppe im Sinne der obigen Definition bildet. Unsere obige
Definition 3.2.2 geht auf eine Arbeit von Arthur Cayley aus dem Jahre 1854
mit dem Titel On the theory of groups as depending on the symbolic equa-
tion n = 1 zuruck und wurde damit formuliert, bevor Cantor die Sprache
der Mengenlehre entwickelte. Die Terminologie abelsche Gruppe wurde zu
Ehren des norwegischen Mathematikers Niels Hendrik Abel eingefuhrt.
Lemma 3.2.4. Jedes Element eines Monoids besitzt hochstens ein Inverses.
Beweis. Aus a>a = e = a>a und a>b = e = b>a folgt durch Anwenden von
b> auf die erste Gleichung mit dem Assoziativgesetz sofort a = b.
3.2.5. Wir durfen also den bestimmten Artikel benutzen und von nun an
von dem Inversen eines Elements eines Monoids und insbesondere auch einer
Gruppe reden. Offensichtlich ist das Inverse des Inversen stets das ursprung-
= a.
liche Element, in Formeln a
Lemma 3.2.6. Sind a und b Elemente einer Gruppe oder allgemeiner inver-
tierbare Elemente eines Monoids, so wird das Inverse von a>b gegeben durch
die Formel (a>b) = b>a.
3. ALGEBRAISCHE GRUNDBEGRIFFE 67
SkriptenBilder/BildSy.png
Die Verknupfungstafel der Gruppe aller Permutationen der Menge {1, 2, 3}.
Eine solche Permutation habe ich dargestellt durch das geordnete
Zahlentripel (1)(2)(3), und im Kastchen aus der Zeile und der Spalte
steht .
68 KAPITEL I. ALLGEMEINE GRUNDLAGEN
Beispiele 3.2.7. Von unseren Beispielen 3.1.2 fur Verknupfungen oben ist nur
(Z, +) eine Gruppe, und diese Gruppe ist kommutativ. Ein anderes Beispiel
fur eine kommutative Gruppe ist die Menge Q der rationalen Zahlen mit
der Addition als Verknupfung, ein weiteres die Menge Q\{0} der von Null
verschiedenen rationalen Zahlen mit der Multiplikation als Verknupfung.
Ubung 3.2.8. Die invertierbaren Elemente eines Monoids bilden stets eine
Gruppe. Ein Element a eines Monoids A ist invertierbar genau dann, wenn
es b, c A gibt mit b>a = e = a>c fur e das neutrale Element.
Definition 3.2.9. Ist (A, >) eine Gruppe, so erweitern wir unsere Notation
n> a aus 3.1.14 auf alle n Z, indem wir setzen n> a = (n)> a fur n negativ.
3.2.10. In einer Gruppe gelten offensichtlich sogar fur alle ganzen Zahlen
n Z die Regeln (n + m)> a = (n> a)>(m> a) und (nm)> a = n> (m> a). Ist
die Gruppe kommutativ, so gilt zusatzlich n> (a>b) = (n> a)>(n> b) fur alle
n Z.
e 0 1
b b 1/b
a>b ab a/b
n> a na an
3.3 Homomorphismen
Definition 3.3.1. Eine Menge mit einer vollig beliebigen, nicht notwendig
assoziativen Verknupfung heit auch ein Magma. Gegeben Magmas (H, >)
und (G, ) verstehen wir unter einem Homomorphismus von Mengen
mit Verknupfung oder auch Homomorphismus von Magmas von H
nach G eine Abbildung : H G derart, da gilt (x>y) = (x) (y)
fur alle x, y H. Die Menge aller solchen Homomorphismen bezeichnen wir
mit
Mag(H, G)
Beispiel 3.3.2. Sei X eine Menge P(X) ihre Potenzmenge. Wir betrachten
auf P(X) die Verknupfung (A, B) 7 A\B. Ist X , Y eine Injektion, so ist
die auf den Potenzmengen induzierte Abbildung ein Homomorphismus von
Magmas
(P(X), \) (P(Y ), \)
Definition 3.3.3. Sind unsere beiden Mengen mit Verknupfung Monoide,
so verstehen wir unter einem Monoidhomomorphismus einen Homomor-
phismus von Mengen mit Verknupfung, der das neutrale Element auf das
neutrale Element abbildet. Gegeben Monoide H und G bezeichnen wir die
Menge aller Monoidhomomorphismen von H nach G mit
Mon(H, G)
3. ALGEBRAISCHE GRUNDBEGRIFFE 71
Grp(H, G)
Die neue Notation hat den Vorteil, uns daran zu erinnern, da wir es mit
Gruppen zu tun haben.
Ubung 3.3.7. Die Multiplikation mit 5 ist ein Gruppenhomomorphismus von
additiven Gruppen Z Z.
3.3.8. Einen bijektiven Homomorphismus nennen wir in allen Situationen von
Mengen mit Verknupfung auch einen Isomorphismus.
Vorschau 3.3.9. Den Begriff eines Isomorphismus haben wir eben etwas schlam-
pig eingefuhrt: Im allgemeinen nennt man einen Homomorphismus nach ??
einen Isomorphismus genau dann, wenn es einen Homomorphismus in die
Gegenrichtung gibt derart, da beide Kompositionen und die
Identitat sind. Im obigen Fall und in den Fallen, die uns bis auf weiteres
begegnen werden, ist jedoch diese richtige Definition zu der oben gegebe-
nen schlampigen Definition aquivalent. Der erste Fall, in dem das nicht mehr
richtig ist, wird Ihnen in diesen Vorlesungen in II.6.5.23 begegnen: Eine bi-
jektive stetige Abbildung von topologischen Raumen mu keineswegs ein
Isomorphismus von topologischen Raumen sein alias eine stetige Umkehr-
abbildung besitzen.
3.3.10. Die Terminologie kommt von griechisch o fur Gestalt, Struk-
tur und griechisch oo fur gleich, ahnlich. Auf deutsch konnte man statt
Homomorphismus auchstrukturerhaltende Abbildungsagen. Das WortIso-
morphismus wird analog gebildet mit griechisch o fur gleich.
72 KAPITEL I. ALLGEMEINE GRUNDLAGEN
Ubung 3.3.11 (Universelle Eigenschaft von (Z, +)). Man zeige, da fur
jede Gruppe G die Vorschrift 7 (1) eine Bijektion
Grp(Z, G) G
3.4 Korper
3.4.1. Die algebraische Struktur eines Korpers wird den Hauptbestandteil
unserer axiomatischen Einfuhrung der reellen Zahlen in II.1.4 bilden. Gleich-
zeitig bildet sie die Grundlage der Modellierung des Raums in der linearen
Algebra.
a (b + c) = (a b) + (a c) a, b, c K
Beispiele 3.4.3. Ein Beispiel fur einen Korper ist der Korper der rationalen
Zahlen (Q, +, ). Ein anderes Beispiel ist der zweielementige Korper mit den
durch die Axiome erzwungenen Rechenregeln, der fundamental ist in der
Informatik. Die ganzen Zahlen (Z, +, ) bilden keinen Korper, da (Z \ {0}, )
keine Gruppe ist, da es namlich in Z\{0} nur fur 1 und 1 ein multiplikatives
Inverses gibt. Es gibt keinen einelementigen Korper, da das Komplement
seines Nullelements die leere Menge sein mute: Dies Komplement kann dann
aber unter der Multiplikation keine Gruppe sein, da es eben kein neutrales
Element haben konnte.
Erganzung 3.4.4. Der Begriff Korper ist in diesem Zusammenhang wohl
zu verstehen als besonders gut unter den verschiedensten Rechenoperatio-
nen abgeschlossener Zahlbereich, in Analogie zu geometrischen Korpern wie
Kugeln oder Zylindern, die man entsprechend als besonders gut in sich ge-
schlossene Bereiche des Raums ansehen konnte. Die Bezeichnung als Distri-
butivgesetz ruhrt daher, da uns dieses Gesetz erlaubt, beim Multiplizieren
eines Elements mit einer Summe den Faktor auf die Summanden zu vertei-
len.
3.4.5. Wenn wir mit Buchstaben rechnen, werden wir meist a b = ab ab-
kurzen. Zusatzlich vereinbaren wir zur Vermeidung von Klammern die Regel
Punkt vor Strich, so da also zum Beispiel das Distributivgesetz kurzer
3. ALGEBRAISCHE GRUNDBEGRIFFE 75
Um das einzusehen pruft man, da wir bei der Herleitung nach 1.1.23 nur
Korperaxiome verwandt haben. Man beachte hierbei unsere Konvention 00K =
1K aus 3.1.14, angewandt auf das Monoid (K, ) in Verbindung mit der nota-
tionellen Konvention auf Seite 69. Die Multiplikation mit den Binomialkoef-
fizienten in dieser Formel ist zu verstehen als wiederholte Addition im Sinne
der Bezeichnungskonvention na auf Seite 69, angewandt auf den Spezialfall
der additiven Gruppe unseres Korpers.
76 KAPITEL I. ALLGEMEINE GRUNDLAGEN
1. a0 = 0 a K.
2. ab = 0 a = 0 oder b = 0.
3. a = (1)a a K.
4. (1)(1) = 1.
5. (a)(b) = ab a, b K.
6. ac
bd
= ac
bd
fur alle a, c K und b, d K .
7. ac
bc
= a
b
fur alle a K und b, c K .
8. a
b
+ c
d
= ad+bc
bd
fur alle a, c K und b, d K .
8. Das wird bewiesen, indem man die Bruche auf einen Hauptnenner
bringt und das Distributivgesetz anwendet.
3.4.8. Die Frage, wie das Produkt zweier negativer Zahlen zu bilden sei, war
lange umstritten. Mir scheint der vorhergehende Beweis das uberzeugendste
Argument fur Minus mal Minus gibt Plus: Es sagt salopp gesprochen, da
man diese Regel adoptieren mu, wenn man beim Rechnen das Ausklammern
ohne alle Einschrankungen erlauben will.
3.4.9. Den Begriff eines Homomorphismus verwendet man bei Mengen mit
mehr als einer Verknupfung analog. Zum Beispiel ist ein Korperhomomor-
phismus von einem Korper K in einen Korper L definiert als eine Abbil-
dung : K L derart, da gilt (a+b) = (a)+(b) und (ab) = (a)(b)
fur alle a, b K und (1) = 1. Die Bedingung (1) = 1 ist nur notig, um
den Fall der Nullabbildung auszuschlieen. In anderen Worten mag man einen
Korperhomomorphismus auch definieren als eine Abbildung, die sowohl fur
die Addition als auch fur die Multiplikation ein Monoidhomomorphismus ist.
Unter einem Korperisomorphismus verstehen wir wieder einen bijektiven
Korperhomomorphismus.
3.4.10. Den Begriff eines Homomorphismus verwendet man auch im Fall von
Mengen mit gar keiner Verknupfung: Unter einem Homomorphismus von
Mengen versteht man schlicht eine Abbildung, unter einem Isomorphis-
mus von Mengen eine Bijektion.
Ubung 3.4.11. Ist K ein Korper derart, da es kein x K gibt mit x2 = 1,
so kann man die Menge K K = K 2 zu einem Korper machen, indem man
die Addition und Multiplikation definiert durch
(a, b) + (c, d) := (a + c, b + d)
(a, b) (c, d) := (ac bd, ad + bc)
Die Abbildung K K 2 , a 7 (a, 0) ist dann ein Korperhomomorphismus.
Kurzen wir (a, 0) mit a ab und setzen (0, 1) = i, so gilt i2 = 1 und (a, b) =
a + b i und die Abbildung a + b i 7 a b i ist ein Korperisomorphismus
K 2 K 2.
3.4.12. Auf die in der vorhergehenden Ubung 3.4.11 erklarte Weise konnen
wir etwa aus dem Korper K = R der reellen Zahlen, sobald wir ihn kennen-
gelernt haben, direkt den Korper C der komplexen Zahlen konstruieren.
Unser Korperisomorphismus gegeben durch die Vorschrift a + b i 7 a b i
heit in diesem Fall die komplexe Konjugation und wird auch z 7 z no-
tiert. Man beachte, wie muhelos das alles in der Sprache der Mengenlehre zu
machen ist. Als die komplexen Zahlen erfunden wurden, gab es noch keine
Mengenlehre und beim Rechnen beschrankte man sich auf das Rechnen mit
reellen Zahlen, ja selbst das Multiplizieren zweier negativer Zahlen wurde
als eine fragwurdige Operation angesehen, und das Ziehen einer Quadratwur-
zel aus einer negativen Zahl als eine rein imaginare Operation. In gewisser
78 KAPITEL I. ALLGEMEINE GRUNDLAGEN
Weise ist es das ja auch geblieben, aber die Mengenlehre liefert eben unse-
rer Imagination eine wunderbar prazise Sprache, in der wir uns auch uber
imaginierte Dinge unmiverstandlich austauschen konnen. Man kann diesel-
be Konstruktion auch allgemeiner durchfuhren, wenn man statt 1 irgendein
anderes Element eines Korpers K betrachtet, das kein Quadrat ist. Noch all-
gemeinere Konstruktionen zur Adjunktion hoherer Wurzeln oder sogar der
Adjunktion von Nullstellen polynomialer Gleichungen konnen Sie in der Al-
gebra kennenlernen, vergleiche etwa ??. In ?? diskutieren wir die komplexen
Zahlen ausfuhrlicher.
Ubung 3.4.13. Ein Korperhomomorphismus ist stets injektiv.
NZQRC
3. Die Konstruktion des Korpers der rationalen Zahlen Q aus dem In-
tegritatsbereich der ganzen Zahlen Z, ja des Quotientenkorpers eines
beliebigen kommutativen Integritatsbereichs wird in ?? ausgefuhrt. Die
Anordnung auf Q durfen Sie selbst in ?? konstruieren.
5. Die Konstruktion des Korpers der komplexen Zahlen C aus dem Kor-
per der reellen Zahlen R wurde in 3.4.11 angerissen und wird in ??
ausfuhrlicher behandelt.
3. ALGEBRAISCHE GRUNDBEGRIFFE 79
3.5.2. Oft wird der Aufbau des Zahlensystems als Geschichte immer neuer
Gewinne erzahlt: Beim Ubergang von N zu Z gewinnt man die Losbarkeit al-
ler Gleichungen des Typs a+x = b, beim Ubergang von Z zu Q die Losbarkeit
aller Gleichungen des Typs ax = b fur a 6= 0, beim Ubergang von Q zu R die
Losbarkeit aller Gleichungen des Typs xa = b fur a, b > 0, und nach Ubergang
von R zu C besitzen sogar alle nichtkonstanten Polynome Nullstellen. Hier ist
nur anzumerken, da man die Losbarkeit aller Gleichungen des Typs xa = b
fur a, b > 0 auch schon in einem abzahlbaren Unterkorper von R erreichen
konnte und da der eigentliche Grund fur den Ubergang zu R analytischer
Natur ist: Man gewinnt so den Zwischenwertsatz. Man kann den Aufbau des
Zahlensystems aber auch als eine Geschichte immer neuer Verluste erzahlen:
Beim Ubergang von N zu Z verliert man die Existenz eines kleinsten Ele-
ments, beim Ubergang von Z zu Q die Existenz unmittelbarer Nachfolger,
beim Ubergang von Q zu R die Abzahlbarkeit, und beim Ubergang von R zu
C die Anordnung. Man kann sogar noch weiter gehen zum Schiefkorper der
sogenannten Quaternionen H C aus ??, wobei man die Kommutativitat
der Multiplikation verliert, oder sogar den sogenannten Oktaven O H aus
??, bei denen die Multiplikation nicht einmal mehr assoziativ ist.
80 KAPITEL I. ALLGEMEINE GRUNDLAGEN
4.1.2. Das Pluszeichen + ist wohl ein Auschnitt aus dem Symbol &, das
hinwiederum enstanden ist durch Zusammenziehen der beiden Buchstaben
im Wortchen et, lateinisch fur und.
4.1.3. Die Dezimaldarstellung der naturlichen Zahlen kam Mitte des vorigen
Jahrtausends aus Indien uber die Araber nach Italien. Bis dahin rechnete
man in Europa in romischer Notation. Sie mussen nur versuchen, in dieser
Notation zwei groere Zahlen zu multiplizieren, um zu ermessen, welchen
wissenschaftlichen und auch wirtschaftlichen Fortschritt der Ubergang zur
Dezimaldarstellung bedeutete. Das Beispiel der Dezimaldarstellung zeigt in
meinen Augen auch, wie entscheidend das sorgfaltige Einbeziehen trivialer
Spezialfalle, manchmal als Theorie der leeren Menge verspottet, fur die
Eleganz der Darstellung mathematischer Sachverhalte sein kann: Sie wurde
ja eben dadurch erst ermoglicht, da man ein eigenes Symbol fur gar nichts
erfand! Ich denke, da der Aufbau eines effizienten Notationssystems, obwohl
er naturlich nicht denselben Stellenwert einnehmen kann wie die Entwicklung
mathematischer Inhalte, dennoch in der Lehre ein wichtiges Ziel sein mu. In
diesem Text habe ich mir die grote Muhe gegeben, unter den gebrauchlichen
Notationen diejenigen auszuwahlen, die mir am sinnvollsten schienen, und sie
soweit wie moglich aufzuschlusseln.
4.1.4. Das Wort von der Theorie der leeren Menge scheint auf Carl Ludwig
Siegel zuruckzugehen, der in Bezug auf Bourbaki einmal gesagt haben soll:
Ich habe Angst, dass die Mathematik vor dem Ende des Jahrhunderts zu-
grunde geht, wenn dem Trend nach sinnloser Abstraktiondie Theorie der
leeren Menge, wie ich es nennenicht Einhalt geboten wird.
4.1.5. Die Herkunft der logischen Symbole und als umgedrehte E bzw.
A haben wir bereits in 2.3.4 erwahnt, sie wurden von Cantor in seiner Men-
genlehre zuerst verwendet. Die Symbole R, Q, N, Z wurden fruher als fette
Buchstaben gedruckt und zunachst nur beim Tafelanschrieb in der hier ge-
gebenen Gestalt wiedergegeben, da man fetten Druck an der Tafel nicht gut
darstellen kann.
4. ZUM SCHREIBEN VON MATHEMATIK* 81
1. Die leere Menge ist nach II.2.1.1 ein Intervall, damit beliebige Schnitte
von Intervallen wieder Intervalle sind;
4. Die Wirkung einer Gruppe G auf der leeren Menge ist nach ?? nicht
transitiv, damit jede G-Menge sich bis auf Reihenfolge und Isomorphis-
84 KAPITEL I. ALLGEMEINE GRUNDLAGEN
5. Die leere Menge ist nach ?? kein affiner Raum, da sie keine transitive
Operation eines Vektorraums zulat. Da damit der Schnitt zweier af-
finer Teilraume nicht notwendig wieder ein affiner Teilraum ist, nehme
ich als kleineres Ubel in Kauf;
6. Eine Abbildung von der leeren Menge in eine beliebige weitere Menge
ist konstant, aber nicht einwertig, vergleiche 2.2.8;
4.4.2. Diese Konventionen haben auch ihre Nachteile: So sind die zusammen-
hangenden Teilmengen von R nun genau die nichtleeren Intervalle und nur
jede nichtleere konvexe Teilmenge eines endlichdimensionalen reellen affinen
Raums ist zusammenhangend. Ich denke jedoch, die Vorteile uberwiegen.
Teil B
Analysis
85
Kapitel II
Inhalt
1 Die reellen Zahlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90
1.1 Wurzeln rationaler Zahlen . . . . . . . . . . . . . . 90
1.2 Ordnungen auf Mengen . . . . . . . . . . . . . . . 92
1.3 Angeordnete Korper . . . . . . . . . . . . . . . . . 96
1.4 Die reellen Zahlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98
2 Folgen und Reihen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106
2.1 Konvergenz von Folgen . . . . . . . . . . . . . . . 106
2.2 Vollstandigkeit der reellen Zahlen . . . . . . . . . . 116
2.3 Vergleich von Q und R . . . . . . . . . . . . . . . . 120
2.4 Die Kreiszahl . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124
2.5 Grenzwerte von Reihen . . . . . . . . . . . . . . . 125
87
88 KAPITEL II. FUNKTIONEN EINER VERANDERLICHEN
Bemerkung 1.1.2. Dieser Satz erklart, warum wir uns mit den rationalen Zah-
len nicht zufrieden geben. In der Tat suchen wir nach einem Zahlbereich, in
dem jeder anschaulichen Lange, wie zum Beispiel der Lange der Diagonale
eines Quadrats der Kantenlange Eins, auch tatsachlich eine Zahl entspricht.
Wir zeigen in 2.3.2, da im Zahlbereich der reellen Zahlen immerhin aus allen
nichtnegativen Zahlen Quadratwurzeln gezogen werden konnen, und disku-
tieren in 2.4.1, wie sich sogar unsere anschauliche Vorstellung von der Lange
des Einheitskreises zur Definition einer reellen Zahl prazisieren lat.
SkriptenBilder/Bild0006.png
92 KAPITEL II. FUNKTIONEN EINER VERANDERLICHEN
SkriptenBilder/Bild0005.png
Eine partiell geordnete Menge mit zwei minimalen und einem maximalen
Element, die weder ein kleinstes noch ein grotes Element besitzt. Die
Darstellung ist in der Weise zu verstehen, da die fetten Punkte die
Elemente unserer Menge bedeuten und da ein Element groer ist als ein
anderers genau dann, wenn es von diesem durch einen aufsteigenden Weg
erreicht werden kann.
94 KAPITEL II. FUNKTIONEN EINER VERANDERLICHEN
Definition 1.2.5. Sei (X, ) eine partiell geordnete Menge und Y X eine
Teilmenge.
Definition 1.2.6. Sei (X, ) eine partiell geordnete Menge und Y X eine
Teilmenge.
2. Ein Element i X heit die grote untere Schranke oder auch das
Infimum von Y in X genau dann, wenn i das grote Element ist in
der Menge {u X | u ist untere Schranke von Y }. Wir schreiben dann
i = inf Y oder genauer i = inf X Y .
SkriptenBilder/Bildinfi.png
2. (x 0 und y 0) xy 0 x, y K.
Die Elemente x K mit x > 0 bzw. x < 0 nennt man positiv bzw. negativ.
Die Elemente mit x 0 bzw. x 0 nennt man folgerichtig nichtnegativ
bzw. nichtpositiv.
Beispiel 1.3.2. Der Korper Q der rationalen Zahlen ist mit seiner ublichen
Anordnung ein angeordneter Korper. Dasselbe wird auch fur den Korper R
der reellen Zahlen gelten, den wir bald einfuhren werden.
Erganzung 1.3.3. Fur diejenigen Leser, die bereits das Konzept eines Rings
kennen, sei angefugt, da man in derselben Weise einen angeordneten Ring
erklart. In diesem Sinne ist dann etwa Z ein angeordneter Ring.
Lemma 1.3.4. In jedem angeordneten Korper gilt:
1. (x y und a b) (x + a y + b);
4. (x y) (y x);
7. 1 > 0;
9. (0 < x y) (0 < y 1 x1 ).
Beweis. 1. In der Tat folgt x + a y + a y + b.
1.3.8. Wir listen einige Eigenschaften des Absolutbetrags auf. Der Beweis der
ersten vier sei dem Leser uberlassen.
1. |x| = 0 x = 0
2. | x| = |x|
3. |xy| = |x||y|
98 KAPITEL II. FUNKTIONEN EINER VERANDERLICHEN
|x + y| |x| + |y| x, y K
in Worten: Der Betrag einer Summe ist stets kleinergleich der Summe
der Betrage der Summanden. In der Tat gilt ja x + y |x| + |y| und
ebenso auch (x + y) |x| + |y|. Unsere Ungleichung heit deshalb
Dreiecksungleichung, weil sie in einem allgemeineren Kontext sagt, da
in einem Dreieck zwei Seiten zusammen stets langer sind als die dritte.
6. ||a| |b|| |a + b| a, b K.
In der Tat folgt aus der Dreiecksungleichung |a| = |(a + b) + (b)|
|a + b| + | b| = |a + b| + |b|, also |a| |b| |a + b|. Ebenso folgert man
aber auch |b| |a| |a + b|.
eine Menge R P(Q) von Teilmengen der Menge Q aller rationalen Zahlen,
ist nicht leer,
hat eine untere Schranke,
R := Q
hat kein kleinstes Element,
enthalt mit x auch jedes y > x.
Man nennt solch ein einen Dedekindschen Schnitt und bezeichnet die
so konstruierte Menge R als das Dedekindsche Modell der reellen Zahlen.
Auf unserer Menge R von Teilmengen von Q ist die Inklusionsrelation eine
Anordnung und wir schreiben statt . Ist Y R eine nichtleere
Teilmenge mit unterer Schranke, so liegt offensichtlich auch die Vereinigung
[
= {q Q | Es gibt Y mit q }
Y
aller Teilmengen aus Y in R und ist das Infimum von Y . Damit haben wir
bereits eine angeordnete Menge mit der geforderten Eigenschaft konstruiert.
Wir mussen darauf nur noch eine Addition und eine Multiplikation erkla-
ren derart, da unsere Struktur zu einem angeordneten Korper wird. Die
Addition ist unproblematisch: Wir setzen
+ := {x + y | x , y }
:= {xy | x , y }
und prufen muhelos, da aus , R>0 schon folgt R>0 und da R>0
so zu einer kommutativen Gruppe mit neutralem Element 1R = {x Q | x >
1} wird. Das Distributivgesetz in Q impliziert mit diesen Definitionen auch
sofort die Regel
( + ) = +
fur alle , , R>0 . Um unsere Multiplikation so auf ganz R auszudehnen,
da R ein angeordneter Korper wird, verwenden wir das anschlieende tech-
nische Lemma 1.4.6. Der Beweis der in Teil 2 behaupteten Eindeutigkeit ist
dann Ubung 1.4.18.
1. DIE REELLEN ZAHLEN 101
SkriptenBilder/Bild0027.png
Zum Infimum in R
102 KAPITEL II. FUNKTIONEN EINER VERANDERLICHEN
Lemma 1.4.6. Sei (R, +) eine kommutative Gruppe mit einer Anordnung
derart, da gilt + + , , R. Sei auf R>0 eine
Verknupfung (, ) 7 gegeben, die R>0 zu einer kommutativen Gruppe
macht. Gilt auerdem die Regel
( + ) = + , , R>0
so gibt es genau eine Fortsetzung unserer Verknupfung (, ) 7 auf ganz
R derart, da (R, +, , ) ein angeordneter Korper wird.
Erganzung 1.4.7. Dies Lemma oder eigentlich sein Beweis kann verstanden
werden als die mathematische Begrundung der wohlbekannten Regel Minus
mal Minus gibt Plus. Ist unter den Voraussetzungen des Lemmas R>0 nur
ein kommutatives Monoid, so gibt es immer noch genau eine Fortsetzung
unserer Verknupfung (, ) 7 auf ganz R derart, da (R, +, , ) ein
angeordneter Ring wird im Sinne von 1.3.3. In dieser Allgemeinheit mag
das Lemma auch bei der Konstruktion von Z aus N gute Dienste leisten,
vergleiche I.3.5.1.
Beweis. Wenn die Fortsetzung unserer Multiplikation auf ganz R das Distri-
butivgesetz erfullen soll, mussen wir notwendig setzen
0 = 0 oder = 0;
(()) < 0, > 0;
=
(()) > 0, < 0;
()() < 0, < 0.
Definition 1.4.9. Wir wahlen fur den weiteren Verlauf der Vorlesung einen
festen angeordneten Korper (R, +, , ), in dem jede nichtleere Teilmenge
mit einer unteren Schranke auch eine grote untere Schranke besitzt, erlau-
ben uns wegen der in 1.4.3.2 formulierten Eindeutigkeit bis auf eindeutigen
Isomorphismus den bestimmten Artikel, und nennen ihn den Korper R
der reellen Zahlen.
Ubung 1.4.10. Man zeige: Jede nichtleere Teilmenge von R mit einer oberen
Schranke hat auch eine kleinste obere Schranke.
Ubung 1.4.11. Seien X und Y nichtleere nach oben beschrankte Teilmengen
von R. Bezeichnet X + Y R die Menge {x + y | x X, y Y }, so zeige
man sup(X + Y ) = sup X + sup Y .
Satz 1.4.12. Die naturlichen Zahlen besitzen keine obere Schranke in den
reellen Zahlen, d.h. fur alle x R gibt es ein n N mit n > x.
Beweis. Das ist evident fur den angeordneten Korper R, den wir im Beweis
von 1.4.3 konstruiert haben. Da diese Konstruktion jedoch nicht ganz ein-
fach war, zeigen wir auch, wie unser Satz direkt aus unserer Definition 1.4.9
abgeleitet werden kann. Dazu argumentieren wir durch Widerspruch: Hatte
die Teilmenge N R eine obere Schranke, so hatte sie nach 1.4.10 auch eine
kleinste obere Schranke a. Dann ware aber a 1 < a keine obere Schranke
von N, also gabe es n N mit n > (a 1). Es folgte (n + 1) > a, und bereits
a selbst ware keine obere Schranke von N gewesen.
Korollar 1.4.13. 1. Unter jeder reellen Zahl findet man noch ganze Zah-
len, in Formeln: Fur alle x R gibt es m Z mit m < x.
2. Fur jede positive reelle Zahl > 0 gibt es eine positive naturliche Zahl
n 1 mit 0 < n1 < .
3. Zwischen zwei verschiedenen reellen Zahlen liegt stets noch eine ratio-
nale Zahl, in Formeln: Gegeben x < y in R gibt es r Q mit x < r < y.
Beweis. Die erste Aussage folgt aus 1.4.12. Um die Zweite zu zeigen, suche
man n > 1/. Um die dritte Aussage zu zeigen, suchen wir zunachst n N,
n 1 mit 0 < n1 < y x, also 1 < ny nx, das heit 1 + nx < ny. Nun
gibt es a, b Z mit a < ny < b, also gibt es eine grote ganze Zahl m mit
m < ny und folglich ny m + 1, woraus hinwiederum folgt nx < m und
dann x < m n
< y.
1.4.14. Ein angeordneter Korper heit archimedisch angeordnet genau
dann, wenn es zu jedem Element x des Korpers eine naturliche Zahl n N
gibt mit n > x. Das obige Korollar 1.4.13 gilt mit demselben Beweis fur jeden
archimedisch angeordneten Korper.
104 KAPITEL II. FUNKTIONEN EINER VERANDERLICHEN
wo wir die Elemente der Menge aller endlichen Teilausdrucke der Ubersicht-
lichkeit halber untereinander geschrieben haben statt sie durch Kommata
zu trennen und rationale Zahlen stillschweigend identifiziert haben mit ihren
Bildern in R.
Proposition 1.4.16. 1. Jede reelle Zahl lat sich durch einen unendli-
chen Dezimalbruch darstellen.
Beweis. Fur den ersten Teil reicht es zu zeigen, da sich jede nichtnegative
reelle Zahl y 0 als ein unendlicher Dezimalbruch darstellen lat. Nehmen
wir zu jedem s N die grote reelle Zahl rs y unter y mit hochstens s
Stellen nach dem Komma, so gilt
y = sup{r0 , r1 , r2 , . . .}
In der Tat ist y eine obere Schranke dieser Menge, aber jede reelle Zahl
x < y ist keine obere Schranke dieser Menge: Nach 1.4.13 oder, genauer,
seinem Beweis gibt es namlich fur jedes x R mit x < y ein s N und ein
m Z mit x < m 10s < y, als da heit, es gibt ein s mit x < rs . Den
zweiten Teil uberlassen wir dem Leser zur Ubung.
Erganzung 1.4.17. Ich will die Gleichheit 1 = 0,999 . . . auch noch im De-
dekindschen Modell der reellen Zahlen erlautern und beginne dazu mit der
1. DIE REELLEN ZAHLEN 105
offensichtlichen Gleichheit
[
{q Q | q > 1} = {q Q | q > 0,999
| {z. . . 9}}
n1 n
von Teilmengen von Q. Sie bedeutet nach 1.4.8 und der Beschreibung des
Infimums im Dedekindschen Modell der reellen Zahlen R = RD genau die
Gleichheit
1R = inf{(0,999 . . . 9})R | n 1}
| {z
n
1 = 0,999 . . .
Jetzt gilt es nur noch, auf beiden Seiten das Negative zu nehmen. Ich be-
merke weiter, da es durchaus moglich ist, die Menge aller unendlichen De-
zimalbruche ohne alle Identifizierungen zu betrachten und mit der Struktur
einer angeordneten Menge zu versehen, in der dann sogar jede nichtleere Teil-
menge mit unterer Schranke eine grote untere Schranke hat. Es ist jedoch
nicht moglich, die gewohnte Addition und Multiplikation von den endlichen
Dezimalbruchen so auf diese angeordnete Menge fortzusetzen, da wir einen
angeordneten Korper erhalten. Der naive Ansatz scheitert hier bereits daran,
da nicht klar ist, wie man mit den eventuell unendlich vielen Ubertragen
bei der Addition und Multiplikation umgehen soll.
Erganzende Ubung 1.4.18 (Fur hohere Semester). Man zeige 1.4.3.2. Hin-
weis: Die gesuchte Bijektion kann zum Beispiel konstruiert werden durch
die Vorschrift () = inf{qR0 | q Q, qR > }. Man zeige allgemeiner auch,
da jeder Korperhomomorphismus R R die Identitat ist. Hinweis: Nach
2.3.2 sind die nichtnegativen reellen Zahlen genau die Quadrate, jeder Kor-
perhomomorphismus R R erhalt also die Anordnung. Andererseits aber
mu er auf Q die Identitat sein.
106 KAPITEL II. FUNKTIONEN EINER VERANDERLICHEN
Definition 2.1.4. Wir erweitern die reellen Zahlen durch die zwei Punkte
und zu der in hoffentlich offensichtlicher Weise angeordneten Menge
der sogenannten erweiterten reellen Zahlen
R = R {, }
[a, b] = [a, b] = {x R | a x b}
]a, b[ = (a, b) = {x R | a < x < b}
[a, b[ = [a, b) = {x R | a x < b}
]a, b] = (a, b] = {x R | a < x b}
Wahlen wir hier a, b R beliebig mit a < b, so erhalten wir genau alle
Intervalle in R mit mehr als einem Element. Wir benutzen die eben erklarten
Notationen jedoch auch im Fall a b, sie bezeichnen dann manchmal eine
einpunktige Menge und meist die leere Menge. Ich hoffe, da der Leser aus
dem Kontext erschlieen kann, wann mit (a, b) ein Intervall gemeint ist und
wann ein Paar aus R2 . Ein Intervall in R nennen wir ein reelles Intervall.
2. FOLGEN UND REIHEN 107
2.1.9. Die Aufspaltung der Definition in drei Falle ist naturlich nicht be-
sonders befriedigend. Sie ermoglicht es uns jedoch im weiteren Verlauf, viele
noch viel weiter gehende Fallunterscheidungen zu vermeiden.
2.1.10. Gegeben x R und > 0 nennen wir das offene Intervall (x, x+)
die -Umgebung von x. Eine Umgebung von x R konnen wir auch cha-
rakterisieren als eine Teilmenge W R, die fur mindestens ein reelles > 0
das Intervall (x , x + ) umfat, oder aquivalent als eine Teilmenge, die fur
mindestens ein reelles > 0 das Intervall [x , x + ] umfat. Eine der Mo-
tivationen fur unsere grozugige Definition des Umgebungsbegriffs ist, da er
uns durch seine groe Allgemeinheit dazu verhelfen soll, die Diskussion, ja die
bloe Erwahnung derartiger Nebensachlichkeiten weitgehend zu vermeiden.
108 KAPITEL II. FUNKTIONEN EINER VERANDERLICHEN
SkriptenBilder/BildUmg.png
Beispiel 2.1.11. Das kompakte Intervall [0, 1] ist eine Umgebung von jedem
Punkt aus dem offenen Intervall (0, 1), aber von keinem anderen Punkt der
erweiterten reellen Zahlengeraden. Q ist fur keinen Punkt der erweiterten
reellen Zahlengeraden eine Umgebung.
2.1.12. Offensichtlich besitzen je zwei verschiedene Punkte der erweiterten re-
ellen Zahlengeraden zueinander disjunkte Umgebungen, und der Schnitt von
je zwei Umgebungen ein- und desselben Punktes ist wieder eine Umgebung
des besagten Punktes.
Erganzung 2.1.13. Bei der Vor- und Nachbereitung dieser Vorlesung ist mir
erst richtig klar geworden, welch groer Teil der Diskussion der Begriffe
Grenzwert und Stetigkeit im Rahmen der Analysis einer reellen Verander-
lichen nur die Struktur der reellen Zahlen als angeordnete Menge betrifft.
Die Resultate dieses Abschnitts mit Ausnahme der Beschreibung aller Inter-
valle 2.1.5 gelten im Ubrigen mit unverandertem Beweis auch allgemeiner fur
einen beliebigen archimedisch angeordneten Korper und zu einem guten Teil
sogar fur einen beliebigen angeordneten Korper.
Definition 2.1.14. Eine Abbildung N X, n 7 xn von den naturlichen
Zahlen in eine Menge X nennen wir eine Folge in X. Wir schreiben eine Folge
meist (xn )nN oder x0 , x1 , x2 , . . . oder auch einfach nur xn . Die xi heien die
Folgenglieder. Manchmal nennen wir allerdings auch Abbildungen Folgen,
die erst ab n = 1 definiert sind.
Definition 2.1.15. Sagen wir, eine Aussage gelte fur fast alle Elemente
einer Menge, so soll das bedeuten, da sie gilt fur alle Elemente bis auf
hochstens endlich viele Ausnahmen. Sagen wir, eine Aussage gelte fur fast
alle Glieder einer Folge, so soll das bedeuten, da fur fast alle Indizes n
unsere Aussage fur das n-te Folgenglied gilt.
und nennen x einen Grenzwert oder lateinisierend Limes der Folge. Nach
der im folgenden bewiesenen Eindeutigkeit des Grenzwerts 2.1.21 durfen wir
uns sogar den bestimmten Artikel erlauben und von dem Grenzwert reden.
Beispiel 2.1.17. Die konstante Folge xn = x n konvergiert gegen x. In
der Tat liegen bei dieser Folge in jeder Umgebung von x nicht nur fast alle,
sondern sogar alle Folgenglieder.
110 KAPITEL II. FUNKTIONEN EINER VERANDERLICHEN
SkriptenBilder/BildKoF.png
In der Tat umfat jede Umgebung U von per definitionem ein Intervall
der Gestalt (a, ] fur a R, und bereits jedem derartigen Intervall liegen
nach 1.4.12 jeweils fast alle Folgenglieder.
Definition 2.1.19. Eine Nullfolge ist eine Folge, die gegen Null konvergiert.
In der Tat umfat jede Umgebung U von 0 per definitionem ein Intervall der
Gestalt (, ) fur > 0, und bereits in jedem derartigen Intervall liegen alle
Folgenglieder mit n > (1/), nach 1.4.12 also jeweils fast alle Folgenglieder.
Proposition 2.1.29. Fur jede Folge xn von Null verschiedener reeller Zahlen
gilt
limn xn = 0 limn |x1 n | =
x>1 limn xn = ;
x=1 limn xn = 1;
|x| < 1 limn xn = 0;
x 1 Die Folge xn divergiert unbestimmt.
Beweis. Im Fall x > 1 schreiben wir x = 1 + y mit y > 0 und erhalten mit
der binomischen Formel
xn = (1 + y)n 1 + ny
Beweis. Das folgt aus den Definitionen mit der Erkenntnis, da sich jede Um-
gebung eines Punktes verkleinern lat zu einer Umgebung desselben Punktes,
die ein Intervall ist. Es reicht ja, fur jede solche Intervallumgebung I des ge-
meinsamen Grenzwerts von an und cn zu zeigen, da fast alle bn darinliegen.
Das ist aber klar, da fast alle an und fast alle cn darinliegen.
Beispiel 2.1.34. Konvergiert eine Folge reeller Zahlen an gegen , so konver-
giert jede Folge reeller Zahlen bn mit an bn fur alle n auch gegen . Das
folgt zum Beispiel, indem wir als cn die konstante Folge nehmen und das
Quetschlemma anwenden.
Lemma 2.1.35 (Erhaltung von Ungleichungen). Seien an , bn Folgen in
R mit Grenzwerten limn an = a und limn bn = b. Gilt an bn fur alle
n, so folgt a b.
Beweis. Ware hier b < a, so fanden wir k mit b < k < a. Dann ware [, k)
eine Umgebung von b und (k, ] eine Umgebung von a. Fast alle an mussten
also in (k, ] liegen und fast alle bn in [, k) und es folgte an > bn fur fast
alle n im Widerspruch zu unserer Annahme.
Satz 2.1.36 (Rechenregeln fur Grenzwerte). Seien an , bn Folgen reeller
Zahlen mit reellen Grenzwerten limn an = a, limn bn = b.
1. Die Summe bzw. das Produkt unserer Folgen konvergieren gegen die
Summe bzw. das Produkt ihrer Grenzwerte, in Formeln
limn (an + bn ) = a + b
limn (an bn ) = ab
2. Sind alle Glieder der Folge bn sowie ihr Grenzwert b von Null verschie-
den, so gilt fur die Folge der Kehrwerte
1 1
lim =
n bn b
Beweis des Lemmas. Ohne Beschrankung der Allgemeinheit durfen wir an-
nehmen, da W sogar eine -Umgebung von a + b ist. Nehmen wir dann fur
U bzw. V die /2-Umgebung von a bzw. b, so gilt in der Tat U + V W.
Fur die zweite Formel beginnen wir mit der Abschatzung
Jetzt zeigen wir den Satz. Wir mussen fur jede Umgebung W von a+b zeigen,
da fast alle Glieder der Folge an + bn darinliegen. Nach dem vorhergehenden
Lemma 2.1.37 finden wir jedoch Umgebungen U von a und V von b mit
U + V W. Da nach Annahme fast alle Glieder der ersten Folge in U
liegen und fast alle Glieder der zweiten Folge in V, liegen damit in der Tat
fast alle Glieder der Folge an + bn in W. Ganz genauso folgt aus den anderen
Teilen von Lemma 2.1.37, da der Grenzwert des Produktes zweier Folgen das
Produkt der Grenzwerte ist, und ahnlich aber einfacher, da der Grenzwert
der Kehrwerte der Kehrtwert des Grenzwerts ist.
Beispiel 2.1.39.
5n3 + n 5 + (1/n)2 5 + 02 5
lim 3 2
= lim = =
n 3n + n n 3 + (1/n) 3+0 3
Lemma 2.2.2. Jede reell konvergente Folge von reellen Zahlen ist beschrankt.
Beweis. Ist x R der Grenzwert unserer Folge, so liegen fast alle Folgen-
glieder in [x 1, x + 1]. Die endlich vielen Ausnahmen konnen wir durch
hinreichend groe Schranken auch noch einfangen.
Definition 2.2.3. Eine Folge xn in einer Menge mit Ordnungsrelation heit
monoton wachsend genau dann, wenn gilt x0 x1 x2 . . .
streng monoton wachsend genau dann, wenn gilt x0 < x1 < x2 < . . .
monoton fallend genau dann, wenn gilt x0 x1 x2 . . .
streng monoton fallend genau dann, wenn gilt x0 > x1 > x2 > . . .
Eine Folge heit monoton genau dann, wenn sie monoton wachst oder mo-
noton fallt. Eine Folge heit streng monoton genau dann, wenn sie streng
monoton wachst oder streng monoton fallt. Diese Begriffe werden in 3.2.1 auf
Abbildungen zwischen beliebigen angeordneten Mengen verallgemeinert.
Lemma 2.2.4. Jede monoton wachsende Folge in R konvergiert gegen das
Supremum der Menge ihrer Folgenglieder. Jede monoton fallende Folge in R
konvergiert gegen das Infimum der Menge ihrer Folgenglieder. Jede monotone
beschrankte Folge von reellen Zahlen konvergiert gegen eine reelle Zahl.
Beweis. Wir zeigen nur die erste Aussage, die Zweite zeigt man analog und
die Dritte ist eine offensichtliche Konsequenz. Sei in der Tat s das Supremum
alias die kleinste obere Schranke der Menge aller Folgenglieder. Kein p mit
p < s ist dann eine obere Schranke der Menge aller Folgenglieder, folglich
liegen fur jedes p < s ein und damit wegen der Monotonie fast alle xn in
(p, s]. Damit liegen in jeder Umgebung von s fast alle Folgenglieder.
Definition 2.2.5. Sei x0 , x1 , x2 , . . . eine Folge. Sind 0 n0 < n1 < n2 < . . .
naturliche Zahlen, so nennen wir die Folge (xnk )kN mit Gliedern
eine Teilfolge der Folge xn . Schreiben wir eine Folge als eine Abbildung x :
N X, x 7 x(n) = xn , so ist eine Teilfolge von x demnach eine Abbildung
der Gestalt x f fur eine streng monoton wachsende Folge f : N N.
Lemma 2.2.6. Jede Teilfolge einer konvergenten Folge konvergiert, und zwar
gegen denselben Grenzwert wie die ursprungliche Folge.
Beweis. Das ist klar nach den Definitionen.
Lemma 2.2.7. Jede Folge in einer angeordneten Menge besitzt eine mono-
tone Teilfolge.
118 KAPITEL II. FUNKTIONEN EINER VERANDERLICHEN
SkriptenBilder/BildAuP.png
Bei der Folge (1)n 6/n ist jedes zweite Folgenglied ein Ausichtspunkt im
Sinne des Beweises von Lemma 2.2.7.
2. FOLGEN UND REIHEN 119
Bemerkung 2.2.8. Hier mogen Sie sich an unsere Sprachregelung I.2.3.3 erin-
nern. Gemeint ist demnach: Jede Folge in einer angeordneten Menge besitzt
mindestens eine monotone Teilfolge.
Beweis. Wir nennen ein Folgenglied xn oder praziser seinen Index n einen
Aussichtspunkt der Folge genau dann, wenn alle spateren Folgenglieder
kleiner sind, in Formeln xn > xm fur alle m > n. Besitzt unsere Folge un-
endlich viele Aussichtspunkte, so bilden diese eine streng monoton fallende
Teilfolge. Sonst gibt es einen letzten Aussichtspunkt xn . Dann finden wir aber
eine monoton wachsende Teilfolge, die mit xn+1 beginnt, denn ab dem Index
n + 1 kommt dann nach jedem Folgenglied noch ein anderes, das mindestens
ebenso gro ist.
Satz 2.2.9 (Bolzano-Weierstra). Jede Folge in R besitzt eine in R kon-
vergente Teilfolge. Jede beschrankte Folge von reellen Zahlen besitzt eine reell
konvergente Teilfolge.
Beweis. Jede Folge in R besitzt nach 2.2.7 eine monotone Teilfolge, und diese
ist nach 2.2.4 konvergent in R. Ist unsere Folge beschrankt, so ist auch jede
solche Teilfolge beschrankt und konvergiert folglich gegen eine reelle Zahl.
Definition 2.2.10. Eine Folge (xn )nN von reellen Zahlen heit eine Cauchy-
Folge genau dann, wenn es fur jedes > 0 ein N = N N gibt derart, da
gilt |xn xm | < falls n, m N. Analog erklart man Cauchy-Folgen in
beliebigen angeordneten Korpern.
Satz 2.2.11. Eine Folge reeller Zahlen konvergiert gegen eine reelle Zahl
genau dann, wenn sie eine Cauchy-Folge ist.
Beweis. Da jede reell konvergente Folge Cauchy sein mu, ist leicht zu sehen:
Aus limn xn = x folgt, da es fur alle > 0 ein N N gibt mit |xn x| <
/2 fur n N. Daraus folgt dann |xn xm | < fur n, m N. Wir zeigen nun
umgekehrt, da auch jede Cauchy-Folge gegen eine reelle Zahl konvergiert.
Eine Cauchy-Folge xn ist sicher beschrankt, denn wahlen wir fur = 1 ein
N = N , so liegen fast alle Folgenglieder im Intervall (xN 1, xN +1), und die
endlich vielen Ausnahmen konnen wir durch eine hinreichend groe Schranke
auch noch einfangen. Unsere Cauchy-Folge besitzt daher nach 2.2.9 eine reell
konvergente Teilfolge xnk , sagen wir limk xnk = x. Wir behaupten, da
dann auch die Folge xn selbst gegen x konvergiert. In der Tat gibt es fur
alle > 0 ein N mit n, m N |xn xm | < . Aus n N folgt
damit insbesondere |xn xnk | < fur fast alle k und dann im Grenzwert
|xn x| , da ja die Ungleichungen xn xnk bestehen bleiben
beim Grenzubergang k .
120 KAPITEL II. FUNKTIONEN EINER VERANDERLICHEN
x2n a x2 + a
xn+1 = xn = n
2xn 2xn
Man sieht sofort, da aus x2n a und xn > 0 folgt x2n+1 a und xn xn+1 >
0. Da die Folge der xn monoton fallt und durch Null nach unten beschrankt
ist, besitzt sie einen Grenzwert x 0. Aus der Gleichung
SkriptenBilder/BildPK.png
fn2
fn+1 =
2(1 + fn )
Definition 2.3.5. Eine Menge heit abzahlbar genau dann, wenn es eine
Bijektion unserer Menge mit einer Teilmenge der Menge N aller naturlichen
Zahlen gibt. Gleichbedeutend konnen wir auch fordern, da unsere Menge
entweder leer ist oder es eine Surjektion von N darauf gibt. Eine Menge heit
abzahlbar unendlich genau dann, wenn sie abzahlbar aber nicht endlich
ist. Eine Menge heit uberabzahlbar genau dann, wenn sie nicht abzahlbar
ist.
Satz 2.3.6. 1. Es gibt eine Bijektion N Q, in Worten: Die Menge der
rationalen Zahlen ist abzahlbar unendlich.
SkriptenBilder/BildZZ.png
N N ist abzahlbar und damit naturlich auch allgemeiner das Produkt von
je zwei und dann auch von endlich vielen abzahlbaren Mengen.
SkriptenBilder/BildCaD.png
Beweis. 1. Fur jede naturliche Zahl N gibt es nur endlich viele Bruche
p/q Q mit p, q Z, q 6= 0 und |p| N, |q| N. Wir beginnen unser
Abzahlen von Q mit den Bruchen fur N = 1, dann nehmen wir die Bruche
hinzu mit N = 2, und indem wir so weitermachen zahlen wir ganz Q ab.
2. Hierzu verwenden wir das Cantorsche Diagonalverfahren. Man be-
achte zunachst, da ein unendlicher Dezimalbruch, in dem die Ziffern Null
und Neun nicht vorkommen, nur dann dieselbe reelle Zahl darstellt wie ein
beliebiger anderer unendlicher Dezimalbruch, wenn die beiden in jeder Stelle
ubereinstimmen. Wir nehmen nun eine beliebige Abbildung N R, i 7 ri ,
und zeigen, da sie keine Surjektion sein kann. Wir schreiben dazu jedes ri
als unendlichen Dezimalbruch. Dann finden wir einen unendlichen Dezimal-
bruch r, bei dem die Ziffern Null und Neun nicht vorkommen und so, da r
an der i-ten Stelle nach dem Komma verschieden ist von ri und an der ersten
Stelle vor dem Komma von r0 . Dies r ist dann verschieden von allen ri und
unsere Abbildung i 7 ri kann keine Surjektion gewesen sein.
Bemerkung 2.3.7. Man kann sich fragen, ob jede Teilmenge der reellen Zah-
len entweder abzahlbar ist oder in Bijektion zu den reellen Zahlen selber.
Die schon auf Cantor zuruckgehende Vermutung, das konnte gelten, ist be-
kannt als die Kontinuumshypothese. Sie wurde 1963 von Paul Cohen in
sehr merkwurdiger Weise geklart: Er zeigte, da unsere Frage in dem axio-
matischen Rahmen, in dem man die Mengenlehre ublicherweise formalisiert,
nicht entscheidbar ist. Cohen wurde fur diese Leistung auf dem internationa-
len Mathematikerkongress 1966 mit der Fields-Medaille ausgezeichnet. Die
Kontinuumshypothese ist ubrigends die erste Frage einer beruhmten Liste
von 23 Fragestellungen, den sogenannten Hilbertschen Problemen, die
David Hilbert in seiner Ansprache auf dem internationalen Mathematiker-
kongress 1900 in Paris vorstellte in seinem Bemuhen, aus verschiedenen ma-
thematischen Disziplinen einzelne bestimmte Probleme zu nennen, von deren
Behandlung eine Forderung der Wissenschaft sich erwarten lat.
H = {(a, b) R2 | a2 + b2 = 1, b 0}
2. FOLGEN UND REIHEN 125
Die Kreiszahl R definieren wir dann als das Supremum uber die Langen
aller in unseren Halbkreis H einbeschriebenen Polygonzuge, in Formeln
( n
X n N, v0 , v1 , . . . , vn H,
:= sup d(vi1 , vi )
x(v0 ) < x(v1 ) < . . . < x(vn )
i=1
Mithilfe der Abschatzung a2 + b2 |a| + |b| erkennt man, da die Zahl
4 eine obere Schranke ist fur unsere Menge von Langen von Polygonzugen,
mithin haben wir hier in der Tat eine reelle Zahl R definiert. Wir werden
in 7.6.19 sehen, wie man diese Zahl im Prinzip bis zu einer beliebig vorgege-
benen Stelle nach dem Komma berechnen kann. Die Definition selbst ist sehr
einfach. Ich habe sie nur deshalb nicht gleich im Zusammenhang mit der De-
finition der reellen Zahlen gegeben, weil sie die Existenz von Quadratwurzeln
benotigt, die erst in 2.3.2 gezeigt wurde.
Erganzung 2.4.2. Die Zahl ist nicht rational, in Formeln 6 Q, wie Lam-
bert bereits 1766 zeigen konnte. Anders ausgedruckt lat sich nicht durch
einen periodischen Dezimalbruch darstellen. Wir geben einen Beweis in 7.6.7.
Unsere Kreiszahl ist noch nicht einmal algebraisch, als da heit Nullstelle
eines nichttrivialen Polynoms mit rationalen Koeffizienten, d.h. es gilt keine
Gleichung der Gestalt
SkriptenBilder/BildPa.png
SkriptenBilder/BildKA.png
Diese Abbildung soll veranschaulichen, warum 4 eine obere Schranke fur die
Langen einbeschriebener Polygonzuge ist: Die horizontalen Stucke und die
vertikalen Stucke haben jeweils zusammengenommen eine Gesamtlange 2.
2. FOLGEN UND REIHEN 127
bezeichnet die Folge der Partialsummen sn = nk=0 ak und, falls die Folge
P
dieser Partialsummen konvergiert, auch ihren Grenzwert limn sn = s. Wir
sagen dann, die Reihe
P
a
k=0 k konvergiere gegen s. Nennen wir eine Rei-
he konvergent, so meinen wir stets, da unsere Reihe gegen eine reelle Zahl
konvergiert und nicht etwa gegen . Die ak heien die Reihenglieder.
2.5.2. Es spielt fur das Konvergenzverhalten einer Reihe keine Rolle, wenn
wir endlich viele ihrer Glieder abandern. Das beinflut nur den Grenzwert
und andert ihn eben um die Summe unserer endlich vielen Anderungen.
Bemerkung 2.5.3. Es ware terminologisch koharenter gewesen, wie bei Folgen
auch bei Reihen von reell konvergenten Reihen zu sprechen. Das schien mir
jedoch ungeschickt, da man den Begriff dann nicht als Verb verwenden kann:
Die Reihe reell-konvergiert klingt einfach zu holprig, und Sprechweisen wie
die Reihe konvergiert absolut sind oft praktisch.
Beispiel 2.5.4. Dies Beispiel illustriert den oft nurtzlichen Teleskopsum-
mentrick: P Pn 1
1 1
k=1 k(k+1) = limn k=1 ( k k+1 )
1
= limn (1 n+1
)
= 1
1 xn+1
1 + x + . . . + xn =
1x
1
und streben fur n wie gewunscht gegen 1x
.
Ubung 2.5.7. Genau dann lat sich eine reelle Zahl durch einen periodischen
Dezimalbruch darstellen, wenn sie rational ist.
128 KAPITEL II. FUNKTIONEN EINER VERANDERLICHEN
P P
Satz 2.5.8.PSind ak und P bk konvergente Reihen, so konvergieren auch
die Reihen (ak + bk ) und ak und es gilt:
P P P
(akP
+ bk ) = Pa k + bk
ak = ak
Beweis. Das folgt sofort, wenn man die entsprechenden Aussagen fur Folgen
2.1.36 auf die Folgen der Partialsummen anwendet.
2.5.9. Eine Reihe kann nur dann konvergieren, wenn die Folge der Reihen-
glieder gegen Null strebt. In der Tat folgt das sofort, wenn wir 2.1.45 auf die
Folge der Partialsummen anwenden.
Lemma 2.5.10. Eine Reihe, die aus nichtnegativen Gliedern besteht, kon-
vergiert genau dann, wenn die Folge ihrer Partialsummen beschrankt ist.
Beweis. Ist kein Reihenglied negativ, so wachst die Folge der Partialsummen
monoton. Ist diese Folge auch noch beschrankt, so mu sie nach 2.2.4 reell
konvergent sein. Die Umkehrung ist eh klar.
Beispiel 2.5.11. Die harmonische Reihe 1
P
k=1 k konvergiert nicht, da ja
gilt
1
2
21
1 1 1
3
+ 4
2
1
5
+ 16 + +
1
7
1
8
1
2
und so weiter.
Jedoch konvergieren die Reihen 1
P
k=1 ks fur s = 2, 3, 4, . . . , da
P fur jede dieser
Reihen die Folge der Partialsummen beschrankt ist durch 1+ 1
k=2 k(k1) = 2.
Vorschau 2.5.12. In der Funktionentheorie konnen Sie lernen, da diese Rei-
hen sogar eine auerordentlich interessante Funktion (s) definieren, die so-
genannte Riemannsche -Funktion. Wir werden in VIII.3.2.7 zeigen, da
2 4 6
zum Beispiel gilt (2) = 6 , (4) = 90 , (6) = 945 und nach VIII.3.2.5 haben
2n
wir sogar ganz allgemein (2n) Q fur beliebige naturliche Zahlen n 1.
Alle diese Formeln sind beruhmte Resultate des 1707 in Basel geborenen
Mathematikers Leonhard Euler. Als Ubung 4.3.24 werden Sie im ubrigen
zeigen, da auch die Reihe der Kehrwerte aller Primzahlen bereits divergiert.
Fur diejenigen unter Ihnen, die die komplexen Zahlen bereits kennen, sei
erwahnt, da es mit etwas groerem Aufwand sogar gelingt, (s) zu definie-
ren fur jede komplexe Zahl s 6= 1, vergleiche etwa VIII.4.1.7. Die vielleicht
beruhmteste Vermutung der Mathematik, die sogenannte Riemannsche
Vermutung besagt, da alle Nullstellen der Riemannschen -Funktion, die
2. FOLGEN UND REIHEN 129
SkriptenBilder/BildBau.png
nicht auf der reellen Achse liegen, Realteil 1/2 haben mussen. Ein Beweis
dieser Vermutung hatte weitreichende Konsequenzen fur unser Verstandnis
der Verteilung der Primzahlen, wie der Beweis des Primzahlsatzes VIII.4.1.1
illustriert. Die Riemannsche Vermutung ist ubrigends der Kern des achten
Hilbertschen Problems.
Definition 2.5.13. Wir sagen, eine Reihe
P
k=0 ak konvergiere absolut
genau dann, wennPdie Reihe der Absolutbetrage ihrer Reihenglieder konver-
giert, in Formeln k=0 |ak | < .
konvergiert, aber nicht absolut. Da die Reihe nicht absolut konvergiert, hat-
ten wir schon in 2.5.11 gesehen. Um zu zeigen, da unsere Reihe dennoch
konvergiert, beachten wir, da fur die Folge sn der Partialsummen gilt
s2 s4 s6 . . . s5 s3 s1
Folglich existiert S = sup{s2 , s4 , . . .}. Da aber gilt s2k S s2k+1 fur alle k
erhalten wir |S sn | n1 und folglich limn sn = S. Wir werden in 5.4.1
sehen, da genauer gilt 1 21 + 13 41 + . . . = log 2.
Ubung 2.5.15. Man zeige das Leibnizsche Konvergenzkriterium:
P Ist ak
k
eine monoton fallende Nullfolge, so konvergiert die Reihe k=0 (1) ak .
Satz 2.5.16. Jede absolut konvergente Reihe konvergiert.
Beweis. Sei
P
k=0 ak unsere absolut konvergente Reihe. Seien
n
X n
X
sn = ak , S n = |ak |
k=0 k=0
die Partialsummen der Reihe selbst und der Reihe der Absolutbetrage. Nach
Annahme konvergiert die Folge
Pn der Sn inP R und ist also eine Cauchy-Folge.
Da aber gilt |sn sm | = | k=m+1 ak | nk=m+1 |ak | = Sn Sm n > m,
ist dann auch sn eine Cauchy-Folge und konvergiert in R nach 2.2.11.
Satz 2.5.17 (Umordnungssatz). Ist
P
k=0 ak eine
P absolut konvergente Rei-
he und u : N N eine Bijektion, so ist auch k=0 au(k) eine absolut kon-
vergente Reihe und es gilt
X
X
au(k) = ak
k=0 k=0
2. FOLGEN UND REIHEN 131
P
Beweis.
P Da |ak | konvergiert, finden wir sicher fur jedes > 0 ein N mit
k=N +1 |ak | . Ist M so gro, da gilt u({1, . . . , M }) {1, . . . , N }, so
erhalten wir daraus fur alle n N die Abschatzung
XM n
X
a a k
u(k)
k=0 k=0
Diese Abschatzung gilt nach 2.1.35 und 2.1.44 dann auch im Grenzwert
n und zeigt, da die Folge der Partialsummen der umgeordneten Reihe
konvergiert und denselben Grenzwert hat wie die Folge der Partialsummen
der ursprunglichen Reihe. Wenden wir diese Erkenntnis an auf die Reihe der
Absolutbetrage, so folgt auch die absolute Konvergenz der umgeordneten
Reihe.
P
Erganzung 2.5.18. Ist ak eine konvergente Reihe reeller Zahlen, die nicht
Pkonvergiert, so gibt es fur jedes x R eine Umordnung u : N N
absolut
mit k=0 au(k) = x. In der Tat divergieren in diesem Fall die Reihen ihrer
positiven und ihrer negativen Terme jeweils fur sich genommen. Die Strategie
ist nun, erst nur positive Reihenglieder zu nehmen, bis man oberhalb von x
ist, dann nur negative, bis man wieder drunterrutscht, und immer so weiter.
P
Erganzende Ubung 2.5.19. Ist ak eine konvergente Reihe reeller Zahlen und
u : N N eine Umordnung mit der Eigenschaft, P da |u(k)k| beschrankt ist,
so konvergiert auch die umgeordnete Reihe au(k) und zwar gegen denselben
Grenzwert.
P
Proposition 2.5.20 (Majorantenkriterium). Sei ak eine Reihe. Gibt
es fur unsereP Reihe eine konvergente Majorante, als da heit eine konver-
gente
P Reihe bk mit |ak | bk fur fast alle k, so konvergiert unsere Reihe
ak absolut.
P
Beweis. Aus 2.5.10 folgt in der Tat die Konvergenz der Reihe |ak |.
P
Korollar 2.5.21 (Quotientenkriterium). Sei ak eine Reihe mit nicht-
verschwindenden Gliedern.
P Gibt es < 1 mit |ak+1 /ak | < fur alle k, so
konvergiert die Reihe ak absolut.
2.5.22. Bei diesem Kriterium ist wesentlich, da nicht von k abhangt, die
Ungleichungen |ak+1 /ak | < 1 gelten jaPauch fur die divergente harmonische
1
Reihe. Es gibt jedoch auch Reihen wie k2
, die absolut konvergieren, obwohl
sie unser Kriterium nicht dazu zwingt.
k
Beweis. Aus der Annahme P folgtk |ak | |a0 | fur alle k, mithin ist die nach
2.5.5 konvergente Reihe |a0 | eine Majorante unserer Reihe.
132 KAPITEL II. FUNKTIONEN EINER VERANDERLICHEN
P
Korollar 2.5.23. Sei ak eine Reihe mit nichtverschwindenden
P Gliedern.
Gilt limk |ak+1 /ak | < 1, so konvergiert die Reihe ak absolut.
Beweis. Klar nach dem Quotientenkriterium 2.5.21.
Definition 2.5.24. Eine Familie (ai )iI von reellen Zahlen heit summier-
bar mit Summe s und man schreibt
X
ai = s
iI
genau dann, wenn es fur jede Umgebung U von s es eine endliche Teilmenge
IU I gibt derart, da fur jedes endliche J mit IU J I gilt
X
ai U
iJ
Diese Definition ist durchaus fur s R sinnvoll, wir nennen unsere Familie
jedoch nur im Fall s R summierbar.
Erganzung 2.5.25. Mir gefallt diese Definition besonders gut, da darin von
einer Reihenfolge der Summanden erst gar nicht die Rede ist. In der folgenden
Ubung durfen Sie zeigen, da die in der vorhergehenden Definition erklarte
Summierbarkeit im wesentlichen gleichbedeutend zu absoluter Konvergenz
ist. Spater, wenn wir auch in Vektorraumen summieren, erweist sich jedoch
das Analogon 7.5.11 der Summierbarkeit als der nutzlichere Begriff.
Ubung 2.5.26. Man zeige, da in einer summierbaren Familie von reellen Zah-
len nur fur hochstens abzahlbar viele Indizes i I das entsprechende ai von
Null verschieden sein kann. Hinweis: Sonst gabe es ein n 1 derart, da fur
unendlich viele i galte |ai | > 1/n. Man zeige dann weiter, eine Familie von
reellen Zahlen summierbar ist genau dann, wenn fur eine und jede Abzah-
lung ihrer von Null verschiedenen Glieder die so entstehende Reihe absolut
konvergiert, und da dann die Summe unserer Familie der Grenzwert der
entsprechenden Reihe ist.
Erganzende Ubung 2.5.27. Gegeben eine summierbare Familie von reellen
Zahlen (ai )iI zeige man, da auch fur eine beliebige Teilmenge J I
die Familie
F (ai )iJ summierbar ist, und da fur eine beliebige Zerlegung
I = kK I(k) von P I in einePVereinigung
P von paarweise disjunkten Teil-
mengen I(k) gilt iI ai = kK ( iI(k) ai ). Weiter zeige man fur jede
aufsteigende
P Familie von Teilmengen
P I0 I1 . . . mit Vereinigung I die
Formel iI ai = limn iIn ai . Diese Aussagen werden sich im ubrigen
als Speziallfalle des Satzes von Fubini IV.6.6.18 und des Satzes uber domi-
nierte Konvergenz IV.6.5.10 aus der Theorie des Lebesgue-Integrals erweisen.
2. FOLGEN UND REIHEN 133
SkriptenBilder/Bild0013.png
2.6.9. Stellen wir uns exp(x) vor als das Vermogen, da in x Jahren aus einem
Euro entsteht bei kontinuierlicher Verzinsung mit 100%, so erhalten wir offen-
sichtlich gleichviel, ob wir unser Vermogen exp(x) nach x Jahren gleich wieder
fur y Jahre anlegen, oder ob wir unseren Euro gleich von Anfang an x+y Jah-
re arbeiten lassen. Das ist die Bedeutung der Funktionalgleichung. In 3.3.28
werden Sie zeigen, da die Gruppenhomomorphismen : R R mit der
Eigenschaft x < y (x) < (y) genau die Abbildungen (x) = exp(ax)
sind mit a > 0. In 3.2.11 werden wir zeigen, da die Exponentialfunktion so-
gar einen Isomorphismus zwischen der additiven Gruppe der reellen Zahlen
und der multiplikativen Gruppe der positiven reellen Zahlen liefert.
Erganzung 2.6.10. Der gleich folgende Beweis der Funktionalgleichung gefallt
mir nicht besonders. Ein anderer aber in seiner Weise auch etwas verwickel-
ter Beweis wird in 2.6.17 vorgestellt. Ein mehr konzeptueller Zugang zur
Exponentialfunktion und ihrer Funktionalgleichung wird in 4.6.10 und 4.6.11
skizziert. Er benotigt jedoch Hilfsmittel, die uns hier noch nicht zur Verfu-
gung stehen, und er lat auch nicht so einfach auf den Fall von Matrizen zu
verallgemeinern, der fur uns bei der Diskussion von Sinus und Cosinus eine
wesentliche Rolle spielen wird. Wir schicken dem eigentlichen Beweis einige
allgemeine Betrachtungen voraus.
P P
Satz 2.6.11 (Produkt von Reihen). Sind i=0 a i und j=0 bj absolut
konvergente Reihen, so konvergiert auch die Summe der Produkte ai bj fur
(i, j) N N im Sinne von 2.5.24 und es gilt
! !
X X X
ai b j = ai bj
(i,j)NN i=0 j=0
!
!
X X X
au(k) bv(k) = ai bj
k=0 i=0 j=0
2. FOLGEN UND REIHEN 137
wo wir im zweiten Schritt die binomische Formel verwenden und der Index
i+j = k an einer Summe bedeutet, da wir uber alle Paare (i, j) NN mit
i + j = k summieren. Andererseits erhalten wir mit unserem Satz uber das
Produkt von Reihen bei einer geeigneten Wahl der Bijektion w : N N N
und nach Ubergang zu einer Teilfolge der Folge der Partialsummen auch
P P
xi yj
exp(x) exp(y) = i=0 i! j=0 j !
P P xi y j
= k=0 i+j=k i! j!
138 KAPITEL II. FUNKTIONEN EINER VERANDERLICHEN
Da sicher gilt exp(0) = 1, folgt exp(x) exp(x) = exp(x + (x)) = 1 fur alle
x R und mithin exp(x) 6= 0 fur alle x R.
Ubung 2.6.13. Man folgere aus der Funktionalgleichung der Exponential-
funktion 2.6.8 die Formeln exp(x) = exp(x)1 , exp(x)p> 0 x R,
exp(n) = en , exp(nx) = (exp x)n n Z sowie exp(x/2) = exp(x).
Erganzende Ubung 2.6.14. Der Ubersichtlichkeit halber kurzen wir hier im
Vorgriff auf 3.2.15 schon exp(x) = ex ab. Man zeige, da fur alle i, N N
gilt
i N ni
nN 1 1 N i eN
lim 1 =
n i n n i!
Dieses Resultat ist in der Stochastik wichtig, wie ich im folgenden ausfuh-
ren will. Gegeben R heit die Funktion i 7 i e /i! ganz allgemein
die Poisson-Verteilung mit Parameter . Sie hat die folgende Bedeutung:
Knetet man in einen groen Teig genau nN Rosinen ein und teilt ihn dann
i N ni
in n Rosinenbrotchen, so ist n1 1 n1 die Wahrscheinlichkeit, da i
vorgegebene Rosinen in einem fest gewahlten Brotchen landen und die restli-
1 i N ni
chen Rosinen in den anderen Brotchen. Mithin ist nN i n
1 n1 die
Wahrscheinlichkeit, da in einem fest gewahlten Brotchen genau i Rosinen
landen. Ist unser Brotchen klein im Vergleich zum ganzen Teig, so liegt die-
se Wahrscheinlichkeit also nahe bei N i eN /i! oder allgemeiner bei i e /i!
mit der durchschnittlichen Zahl von Rosinen in dem Teigvolumen, das
man fur ein Brotchen braucht. Genau genommen stimmt das allerdings nur
fur punktformige Rosinen, denn sonst liefert die Groe des Brotchens eine
obere Schranke fur die moglichen Anzahlen der darin verbackenen Rosinen.
Erganzende Ubung 2.6.15. Man berechne die Eulersche Zahl e bis auf 5
sichere Stellen hinter dem Komma.
Erganzende Ubung 2.6.16. Die Eulersche Zahl e ist nicht rational. Man zeige
dies, indem man von ihrer Darstellung als Reihe ausgeht und durch geeignete
Abschatzungen nachweist, da q!e fur q N mit q 2 nie eine ganze Zahl
sein kann.
Erganzende Ubung 2.6.17. In dieser Ubung sollen Sie einen anderen Zugang
zur Funktionalgleichung der Exponentialfunktion ausarbeiten, den ich in ei-
ner Arbeit von Martin Kneser kennengelernt habe: Man zeige dazu in Ver-
n da fur jede reelle Zahl x R aus limn xn = x
allgemeinerung von 2.6.3,
folgt limn 1 + xnn = exp(x). Mithilfe der Identitat
x y x + y + (xy/n)
1+ 1+ = 1+
n n n
folgere man dann die Funktionalgleichung.
2. FOLGEN UND REIHEN 139
SkriptenBilder/BildPaa.png
3 Stetigkeit
3.1 Definition und erste Beispiele
3.1.1. Abbildungen mit Werten in irgendeiner Art von Zahlen nennen wir
Funktionen. Wir erlauben hier auch Werte in R. Wollen wir besonders be-
tonen, da nur reelle Zahlen als Werte angenommen werden, so sprechen
wir von reellwertigen Funktionen. Reellwertige Funktionen auf der re-
ellen Zahlengeraden kann man sich auf mindestens vier verschiedene Arten
vorstellen:
1. In der Schule ist es ublich, eine Funktion f : R R durch ihren
Graphen (f ) = {(x, y) R2 | y = f (x)} zu veranschaulichen, also
durch eine Teilmenge der Ebene R2 .
3. Eine reellwertige Funktion auf einer beliebigen Menge kann man sich
als eine Temperaturverteilung auf besagter Menge vorstellen, im vor-
liegenden Fall also als eine Temperaturverteilung auf der reellen Zah-
lengeraden.
SkriptenBilder/BildAA.png
SkriptenBilder/BildSTE.png
In diesem Bild habe ich fur eine Umgebung U von f (p) mal eine mogliche
Umgebung U 0 von p eingezeichnet. Stetigkeit bei p bedeutet jedoch sehr viel
starker, da wir fur jede Umgebung U von f (p) eine in der in 3.1.3
prazisierten Weise mogliche Umgebung U 0 von p finden konnen. Fett
eingezeichnet ist auf der x-Achse der Definitionsbereich D unserer Funktion
f, der Punkt p ist sein kleinstes Element. Auf dem Graphen von f habe ich
den Teil uber U 0 D fett eingezeichnet, damit man gut sehen kann, da in
der Tat gilt f (U 0 D) U. Unsere eigentlichen U und U 0 sind die
Projektionen der so bezeichneten freischwebenden Intervalle auf die
jeweiligen Koordinatenachsen, was ich versucht habe, durch die
gestrichelten Linien anzudeuten.
144 KAPITEL II. FUNKTIONEN EINER VERANDERLICHEN
3.1.9 (Stetigkeit ist eine lokale Eigenschaft). Wird eine Funktion stetig
bei einem Punkt nach Einschrankung auf eine Umgebung des besagten Punk-
tes, so war sie dort schon selbst stetig. Ist genauer und in Formeln D R
eine Teilmenge und f : D R eine Funktion und p D ein Punkt und
gibt es eine Umgebung U von p derart, da die Einschrankung von f auf
D U stetig ist bei p, so ist auch f : D R bereits stetig bei p. Um das
zum Ausdruck zu bringen, sagt man dann etwas vage, die Stetigkeit sei eine
lokale Eigenschaft.
Lemma 3.1.10 (--Kriterium fur die Stetigkeit). Sei D R eine
Teilmenge, f : D R eine reellwertige Funktion und p D ein Punkt.
Genau dann ist f stetig bei p, wenn es fur jedes > 0 ein = () > 0 gibt
derart, da fur alle x D mit |x p| < gilt |f (x) f (p)| < .
Beweis. Das folgt sofort aus der Definition der Stetigkeit 3.1.3 und der De-
finition des Umgebungsbegriffs 2.1.8.
Ubung 3.1.11. Seien I, J R Intervalle mit nichtleerem Schnitt und sei
f : (I J) R eine Funktion. Man zeige: Sind die Einschrankungen f |I und
f |J stetig, so ist auch f selbst stetig. Im ubrigen wird sich der schwierige
Fall dieser Ubung als Spezialfall von 6.5.35 erweisen.
Lemma 3.1.12. Die Funktion R R, x 7 1
x
ist stetig.
Beweis. Das ist gerade die Aussage von 2.1.37.3.
Lemma 3.1.13. Die Exponentialfunktion exp : R R ist stetig.
3.1.14. Die Stetigkeit der Exponentialfunktion konnen wir spater auch aus
dem allgemeinen Satz 5.1.5 folgern: Potenzreihen stellen auf ihrem Konver-
genzbereich immer stetige Funktionen dar.
Beweis. Wir wenden das --Kriterium 3.1.10 an. Mit der Funktionalglei-
chung finden wir
| exp(x) exp(p)| = | exp(p)| | exp(x p) exp(0)|
Nun beachten wir, da fur |y| 1 gilt
i1
X y X |y|i1
| exp(y) exp(0)| = |y| |y| |y| exp(1)
i=1
i! i=1
(i 1)!
Beweis. Wir zeigen das nur fur die Multiplikation, der Fall der Addition geht
analog. Ist W eine Umgebung von f (p)g(p), so gibt es nach 2.1.37 Umgebun-
gen U von f (p) und V von g(p) mit U V W. Da sowohl f als auch g stetig
sind bei p, gibt es weiter Umgebungen U 0 und V 0 von p mit f (U 0 D) U
und g(V 0 D) V. Ihr Schnitt U 0 V 0 ist dann eine Umgebung W 0 von p
mit (f g)(W 0 D) W.
Erganzung 3.1.19. Jede Folge reeller Zahlen (an )nN , in der fast alle Folgen-
glieder Null sind, liefert uns eine Polynomfunktion. Nach ?? liefern verschie-
dene Folgen auch stets verschiedene Funktionen. Im Licht dieser Tatsache
werden wir unsere Polynomfunktionen meist kurzer Polynome nennen, ob-
wohl eigentlich der Begriff Polynom eher den formalen Ausdruck meint. Diese
Unterscheidung ist aber erst in der Algebra wirklich von Belang, wenn man
zum Beispiel mit endlichen Korpern arbeitet, vergleiche ??.
Bemerkung 3.1.20. Das Wort Polynom kommt von der griechischen Vor-
silbe poly fur viele und dem lateinischen Wort nomen fur Namen.
Allgemeiner betrachtet man auch Polynome in mehreren Veranderlichen und
meint damit Ausdrucke wie etwa xyz + 7x2 y 4 12z + 1. Dieses Polynom ist
die Summe der vier Monome xyz, 7x2 y 4 , 12z und 1, wobei das Wort Mo-
nom diesmal mit der griechischen Vorsilbe mono fur allein gebildet ist.
Einen Ausdruck wie xyz + 7x2 y 4 wurde man als Binom bezeichnen, diesmal
mit der griechischen Vorsilbe bi fur Zwei. Ein anderes Binom ware der
Ausdruck (x + y), dessen Potenzen die binomische Formel I.1.1.23 explizit
angibt. Es sollte klar sein, wie man aus unserer binomischen Formel auch
Formeln fur die Potenzen eines beliebigen Binoms erhalt.
146 KAPITEL II. FUNKTIONEN EINER VERANDERLICHEN
3.1.23. Eine Funktion, die sich als der Quotient eines Polynoms durch ein von
Null verschiedenes Polynom darstellen lat, heit eine rationale Funktion.
So eine Funktion ist a priori naturlich nur da definiert, wo der Nenner nicht
verschwindet, und ist nach dem vorhergehenden Korollar auf dem Komple-
ment der Nullstellenmenge ihres Nenners stetig. Betrachten wir unsere ratio-
nale Funktion jedoch nicht als Abbildung, sondern als formalen Ausdruck,
so verstehen wir unter ihrem Definitionsbereich die etwas groere Menge, auf
der nach maximalem Kurzen der Nenner keine Nullstellen hat, vergleiche
??. Man beachte jedoch, da die hier gegebene etwas unscharfe Formulierung
nach maximalem Kurzen eigentlich erst in ?? gerechtfertigt wird, wo wir
die Eindeutigkeit der Primfaktorzerlegung in Polynomringen diskutieren.
Bleibt auch nach maximalem Kurzen noch ein nichtkonstantes Polynom im
Nenner stehen, so spricht man von einer gebrochen rationalen Funktion.
Eine Abbildung heit (streng) monoton genau dann, wenn sie (streng)
monoton wachsend oder fallend ist. Das verallgemeinert unsere Begriffe fur
Folgen aus 2.2.3.
SkriptenBilder/Umfu.png
3.2.3. Wieder ist unsere Notation nicht ganz korrekt: Wir muten genau
genommen eigentlich die Bijektion f : I f (I), x 7 f (x) betrachten, dazu
die inverse Abbildung f1 : f (I) I nehmen, und unser f 1 : f (I) R
definieren als die Verknupfung von f1 mit der Einbettung I , R.
3.2.4. Die Umkehrfunktion f 1 darf nicht verwechselt werden mit der Funk-
tion x 7 1/f (x) : Ist zum Beispiel f : (0, ) R gegeben durch f (x) = x2 ,
so haben wir 1/f (x) = x2 , aber die Umkehrabbildung ist gegeben durch
f 1 (y) = y. Die Notation ist hier leider nicht ganz eindeutig. Oft mu man
aus dem Kontext erschlieen, ob mit f 1 die Umkehrfunktion von f oder
vielmehr die Kehrwertfunktion x 7 1/f (x) gemeint ist.
Beispiel 3.2.5. Wenden wir unseren Satz an auf die Funktion f : [0, ) R,
x 7 x2 , so finden wir insbesondere, da das Wurzelziehen
[0, ) R, x 7 x
eine stetige Funktion ist. Da sich die Funktion x 7 x2 zu einer streng mono-
tonen Bijektion [0, ] [0, ] fortsetzen lat durch die Vorschrift 7 ,
lat sich nach unserem Satz die Wurzelfunktion durch die Vorschrift 7
zu einer stetigen Bijektion [0, ] [0, ] fortsetzen. Analoges gilt fur ho-
here Wurzeln, nur haben wir bis jetzt noch nicht bewiesen, da wir solche
hoheren Wurzeln auch tatsachlich aus jeder nichtnegativen reellen Zahl zie-
hen konnen. Das folgt erst aus dem Zwischenwertsatz, den wir im Anschlu
behandeln.
SkriptenBilder/BildZwS.png
und behaupten f (p) = z. Um das zu zeigen fuhren wir die Annahmen f (p) <
z und z < f (p) beide zum Widerspruch: Aus f (p) < z folgte zunachst p < b,
und dann gabe es aufgrund der Stetigkeit ein p0 mit p < p0 < b und f (p0 ) z
und p ware gar keine obere Schranke unserer Menge gewesen. Aus z < f (p)
folgte zunachst a < p, und dann gabe es aufgrund der Stetigkeit ein p0 mit
a < p0 < p und z < f (x) fur alle x [p0 , p]. Also ware auch p0 schon
eine obere Schranke unserer Menge und p konnte nicht ihre kleinste obere
Schranke gewesen sein.
Zweiter Beweis fur den Fall a, b R. Wir durfen ohne Beschrankung der All-
gemeinheit f (a) f (b) annehmen. Gegeben z [f (a), f (b)] suchen wir
p [a, b] mit f (p) = z. Dazu nehmen wir den Mittelpunkt m0 unseres In-
tervalls her und werten unsere Funktion dort aus. Gilt f (m0 ) z, so setzen
wir a1 = a und b1 = m0 . Sonst setzen wir a1 = m0 und b1 = b. In jedem
Fall gilt f (a1 ) z f (b1 ). Anschlieend nehmen wir den Mittelpunkt m1
des nur noch halb so groen Intervalls [a1 , b1 ] her und verfahren genauso.
Auf diese Weise erhalten wir eine monoton wachsende Folge a = a0 , a1 , . . .
und eine monoton fallende Folge b = b0 , b1 , . . . mit bn an = 2n (b a) und
f (an ) z f (bn ) und fur alle n. Unsere beiden Folgen mussen also kon-
vergieren, und zwar gegen denselben Grenzwert p [a, b]. Aus der Stetigkeit
von f und der Erhaltung von Ungleichungen im Grenzwert nach 3.3.18 folgt
dann
f (p) = lim f (an ) z lim f (bn ) = f (p)
n n
und damit z = f (p) wie gewunscht. Dieser Beweis hat den Nachteil, nur fur
a, b R zu funktionieren und bereits im Vorgriff die in diesem Text erst in
3.3.18 bewiesenen Satze uber die Vertauschbarkeit von Grenzwertbildung und
dem Anwenden stetiger Funktionen zu verwenden. Dafur hat er den Vorteil,
einen auch in der Praxis gangbaren Losungsalgorithmus zu beschreiben, das
sogenannte Intervallhalbierungsverfahren.
Beweis. Dieser Satz ist nur die Zusammenfassung des abstrakten Zwischen-
wertsatzes 3.2.7 mit der Proposition 3.2.2 uber die Stetigkeit der Umkehr-
funktion.
als die
Umkehrfunktion zur q-ten Potenzfunktion x 7 xq . Nach 3.2.2 ist
x 7 q x stetig.
P
Erganzende Ubung 3.2.10.
p Sei ak eine Reihe. Man zeige
Pdas Wurzelkri-
terium: Gilt limk |ak | < 1, so konvergiert die Reihe
k
ak absolut. Hin-
weis: Analog zum Beweis des Quotientenkriteriums. Meiner Erfahrung nach
ist dies Kriterium in der Praxis selten von Nutzen, da es meist auf schwer zu
bestimmende Grenzwerte fuhrt.
3.2.12. Die Exponentialfunktion liefert nach 2.6.8 und 3.2.11 einen Isomo-
morphismus zwischen der additiven Gruppe der reellen Zahlen und der mul-
tiplikativen Gruppe aller positiven reellen Zahlen. Daraus folgt sofort
SkriptenBilder/BildExLo.png
3.2.14. Die Notation log ist leider nicht universell. Auf vielen Taschenrech-
nern und auch in alteren Buchern wird unsere Funktion log notiert als
ln fur logarithmus naturalis oder logarithme Neperien und das Kurzel
log steht fur den Logarithmus zur Basis 10, den wir in 3.2.17 einfuh-
ren und mit log10 bezeichnen werden. Der Logarithmus zur Basis 10 wird in
manchen Quellen auch der Briggsche Logarithmus genannt und mit lg
bezeichnet. Die Norm ISO 31-11 empfiehlt die Notationen ln und lg, wir
verwenden jedoch log statt ln, weil das in der reinen Mathematik so ublich
ist und wir damit der Konvention folgen, spezielle Funktionen nach Mog-
lichkeit mit Kurzeln aus drei Buchstaben zu notieren. Logarithmus ist das
griechische Wort fur Rechnung, und fur das Rechnen waren die Logarith-
mentafeln, in denen die Werte des Logarithmus zur Basis Zehn aufgelistet
wurden, auch auerordentlich praktisch: Mit ihrer Hilfe konnte man namlich
Divisionen in Subtraktionen verwandeln und Wurzelziehen in Divisionen, wie
wir gleich naher ausfuhren. Die Entdeckung der Logarithmen und die ersten
Logarithmentafeln von Napier bedeuteten fur die damalige Wissenschaft eine
ungeheure Arbeitserleichterung und wurden begeistert begrut.
loga : (0, ) R
154 KAPITEL II. FUNKTIONEN EINER VERANDERLICHEN
SkriptenBilder/BildDefeax.png
3.2.18. Der naturliche Logarithmus ist also der Logarithmus mit der Eu-
lerschen Zahl e als Basis, in Formeln log = loge . Der Logarithmus zur Basis
a lat sich durch den naturlichen Logarithmus ausdrucken vermittels der
Formel loga x = log x
log a
. Man kommt deshalb meist mit dem naturlichen Loga-
rithmus aus. Die Notation loga ist konform mit der Norm ISO 31-11, in der
zusatzlich auch noch die Abkurzung log2 = lb fur den binaren Logarith-
mus empfohlen wird.
Erganzende Ubung 3.2.19. Seien a b aus R gegeben und sei f : [a, b] R
stetig mit f (b) = 0. Man zeige, da dann f eine kleinste Nullstelle in [a, b]
hat.
Ubung 3.2.20. Jede Polynomfunktion x 7 an xn + . . . + a0 mit an 6= 0 und n
ungerade besitzt mindestens eine reelle Nullstelle. Ist an > 0 und a0 > 0, so
besitzt sie sogar mindestens eine negative Nullstelle.
Ubung 3.2.21. Man zeige fur a > 0 die Identitat limn n(1 n a) = log a.
Beispiel 3.2.22. Bei einem radiokativen Material wird nach einem Tag nur
noch 90% der Strahlungsaktivitat gemessen. Wie lange dauert es, bis die
Aktivitat auf die Halfte abgeklungen ist? Nun, halten wir einen Referenz-
zeitpunkt beliebig fest, so wird die Aktivitat nach Vergehen einer Zeitspanne
gema Uberlegungen wie in 2.6.4 gegeben durch eine Formel der Gestalt
M ec mit unbekannten M und c. Wir kurzen die Zeiteinheit Stunde ab mit
dem Buchstaben h fur lateinisch hora. Formal ist h eine Basis des in I.1.2.7
angedachten eindimensionalen reellen Vektorraums aller Zeitspannen, und
formal ist auch M ein Element eines gedachten eindimensionalen reellen Vek-
torraums aller Strahlungsaktivitaten und c liegt im Raum der Linearformen
auf dem Raum aller Zeitspannen, in dem wir mit h1 dasjenige Element be-
zeichnen werden, das auf h den Wert Eins annimmt. So formal will ich hier
aber eigentlich gar nicht werden und schreibe das Auswerten solch einer Line-
arform auf einer Zeitspanne schlicht als Produkt. Fur = 24 h wissen wir nun
nach unserer Messung M ec24 h = 100 90
M und damit c = ((log 9/10)/24) h1 .
Bezeichnet t die Zeitspanne, nach der die Aktivitat auf die Halfte abgeklun-
gen ist, so haben wir also M ect = M/2 alias ct = log 2 und damit
log 2 log(2) 24
t= = h
c log(9/10)
Erganzende Ubung 3.2.23. Das eingestrichene A liegt bei 440 Herz. Bei wieviel
Herz etwa liegt das eingestrichene F? Hinweis: Die Losung dieser Aufgabe
benotigt zusatzlich zu mathematischen Kenntnissen auch physikalische und
musikalische Vorkenntnisse.
156 KAPITEL II. FUNKTIONEN EINER VERANDERLICHEN
Erganzung 3.2.24. Versteht man eine positive reelle Zahl als das Verhaltnis
zweier gleichartiger Groen, so sagt man fur den Zehnerlogarithmus besagter
Zahl auch, er drucke das Verhaltnis in Bel aus. Diese Sprechweise ehrt
Alexander Graham Bell, der das Telephon einfuhrte. So konnte man etwa
sagen, das Verhaltnis von Gramm zu Kilo betrage 3 Bel, statt von einem
Verhaltnis von Eins zu Tausend alias 1 zu 103 zu reden. Das Verhaltnis von
Kilo zu Tonne betragt naturlich auch 3 Bel, und das Verhaltnis von Gramm
zu Tonne folglich 6 Bel. Haufig redet man auch von Dezibel alias zehntel
Bel. Das ist jedoch multiplikativ zu verstehen,
ein Verhaltnis von 1 Dezibel
10
meint also ein Verhaltnis von Eins zu 10 1,26.
Erganzung 3.2.25. Physikalisch beschreibt man eine Lautstarke durch die
Leistung, die sie etwa an einer Membran verrichtet. Gibt man eine Laut-
starke in Dezibel an, so ist allerdings das Verhaltnis des Quadrats dieser
Leistung zum Quadrat der Leistung einer Standardlautstarke gemeint. Diese
Standardlautstarke ist so vereinbart, da sie etwa bei der Horschwelle eines
menschliches Ohrs liegt. Eine Lautstarke von Null Dezibel bedeutet also, da
ein gesunder Mensch das Gerausch so gerade noch horen kann, und jede Er-
hohung einer Lautstarke um zwanzig Dezibel bedeutet, da das Ohr zehnmal
soviel Leistung
aufnehmen wird. Bei einer Erhohung um zehn Dezibel wird
das Ohr also 10 3 mal soviel Leistung aufnehmen.
3.3.4. Wir vereinbaren fur die Differenz einer Menge X und einer einpunkti-
gen Menge {p} die abkurzende Schreibweise X\{p} = X\p.
Ubung 3.3.5. Sei D R eine Teilmenge. Genau dann ist p R Hau-
fungspunkt von D, wenn es eine Folge reeller Zahlen xn in D\p gibt mit
limn xn = p.
genau dann, wenn es fur jede Umgebung W des Grenzwerts b eine Umgebung
W 0 des Punktes p gibt mit f (W 0 D\p) W.
3.3.7. Man beachte, wie elegant es gelingt, hier die Falle mithilfe des
Umgebungsbegriffs einzubinden. Naturlich reicht es auch hier wieder, die
Existenz von W 0 fur jedes W aus einer Umgebungsbasis des Grenzwerts b
nachzuweisen. Ist f auf ganz D definiert, so meinen wir mit obiger Notation
stets implizit den Grenzwert der Einschrankung von f auf D\p. Der Grund
dafur, da wir Grenzwerte nur an Haufungspunkten erklaren, ist das folgende
Lemma.
Beispiele 3.3.8. Es gilt limx x = , wir konnen ja in diesem Fall schlicht
W 0 = W nehmen. Fur eine konstante Funktion f (x) = c gilt limxp c = c,
hier konnen wir fur jedes W einfach W 0 = R nehmen. Fur D = N und p =
spezialisiert der eben eingefuhrte Grenzwertbegriff zu unserem Grenzwertbe-
griff fur Folgen aus 2.1.16.
f (V 0 W 0 D\p) =
Da aber V 0 W 0 eine Umgebung von p ist und p ein Haufungspunkt von D gilt
notwendig V 0 W 0 D\p 6= . Dieser Widerspruch beendet den Beweis.
158 KAPITEL II. FUNKTIONEN EINER VERANDERLICHEN
SkriptenBilder/BildLim.png
Der Grenzwert oder Limes einer Funktion mit einer Fehlstelle in ihrem
Definitionsbereich ist, wenn er existiert, der Wert an der fraglichen
Fehlstelle der einzig moglichen dort stetigen Fortsetzung.
3. STETIGKEIT 159
3.3.10. Der Grenzwert einer Funktion fur x p hangt nur von ihrem Ver-
halten in einer Umgebung von p ab. Ist genauer p R Haufungspunkt einer
Teilmenge D R und f : D\p R eine Funktion und U eine Umgebung
von p, so existiert limxp f genau dann, wenn limxp f |U D\p existiert, und
unter diesen Umstanden stimmen die beiden Grenzwerte uberein.
Proposition 3.3.11 (Grenzwerte und Stetigkeit). Sei D R eine Teil-
menge und p D ein Haufungspunkt von D und f : D\p R eine Funktion.
Genau dann gilt limxp f (x) = b fur ein b R, wenn die Fortsetzung von f
auf D durch f (p) = b stetig ist bei p.
Beweis. Das folgt sofort aus unseren Definitionen 3.1.3 und 3.3.6.
3.3.12. In anderen Worten ist eine Funktion f : D R stetig bei einem Hau-
fungspunkt p D von D genau dann, wenn gilt limxp f (x) = f (p). Salopp
gesprochen verhalt es sich demnach so, da eine Funktion mit einer einpunk-
tigen Definitionslucke an einem Haufungspunkt ihres Definitionsbereichs auf
hochstens eine Weise stetig in diese Definitionslucke hinein fortgesetzt wer-
den kann. Der Wert dieser an besagter Stelle stetigen Fortsetzung heit dann
der Grenzwert unserer Funktion an besagter Stelle.
Beispiel 3.3.13. Wir zeigen limx 1/x = 0. In der Tat, fur jede Umgebung
W von 0 gibt es > 0 mit (, ) W, und nehmen wir als Umgebung W 0
von die Menge W 0 = (1/, ], so gilt offensichtlich x W 0 1/x W.
Alternativ konnen wir auch wie folgt argumentieren: Die Funktion [0, ]
[0, ] mit x 7 1/x fur 0 < x < und 0 7 und 7 0 ist streng mono-
ton, deshalb ist nach 3.2.2 ihre Umkehrfunktion stetig. Die Umkehrfunktion
fallt aber in diesem Fall mit der Funktion selbst zusammen. Also ist unsere
Funktion stetig und mit 3.3.11 folgt limx 1/x = 0.
Ubung 3.3.14 (Rechenregeln fur Grenzwerte). Sei D R eine Teilmenge
und p D ein Haufungspunkt und seien f, g : D\p R reellwertige Funk-
tionen mit reellen Grenzwerten limxp f (x) = b und limxp g(x) = c. So gilt
limxp (f + g)(x) = b + c und limxp (f g)(x) = bc.
Ubung 3.3.15 (Quetschlemma). Sei D R eine Teilmenge und p D ein
Haufungspunkt und seien f, g, h : D\p R Funktionen mit f (x) g(x)
h(x) fur alle x D\p. So folgt aus limxp f (x) = b = limxp h(x) schon
limxp g(x) = b.
Beispiel 3.3.16. Aus dem Quetschlemma 3.3.15 und der Darstellung von ex
durch die Exponentialreihe folgt limx ex = . Aus 3.3.11 und 3.2.2 folgt
dann limy log y = . Das Quetschlemma mit der Darstellung von ex duch
die Exponentialreihe liefert auch limx (x/ ex ) = 0 und durch Substitution
x = log y und 3.3.11 und 3.1.6 folgt dann limy (log y/y) = 0.
160 KAPITEL II. FUNKTIONEN EINER VERANDERLICHEN
Ubung 3.3.17. Man zeige limx (xa /bx ) = 0 fur alle a R und
b > 1. Man
c
zeige limx (log x/x ) = 0 fur alle c > 0. Man zeige limn n = 1. Man
n
zeige s
(5n)!
lim n = 55
n (n!)5
3.3.18. Das Anwenden einer stetigen Funktion vertauscht mit der Grenzwert-
bildung. Ist genauer E R und ist q E ein Haufungspunkt von E und
g : E\q R eine Funktion mit Bild in D R und existiert limxq g(x) = p
und liegt auch in D und ist f : D R stetig bei p, so gilt
lim f (g(x)) = f lim g(x)
xq xq
Wir erhalten diese Aussage mithilfe von 3.3.11 als direkte Konsequenz aus
der Stetigkeit der Verknupfung stetiger Funktionen 3.1.6. Speziell folgt fur
jede Funktion f : D R, die stetig ist bei einer Stelle p D, und jede Folge
an in D mit limn an = p bereits limn f (an ) = f (p).
3.3.19. Man folgert so zum Beispiel die Vertauschbarkeit 2.1.44 von Grenz-
wertbildung und Absolutbetrag aus der Stetigkeit des Absolutbetrags und
die Vertauschbarkeit 2.1.36.2 von Grenzwertbildung mit Kehrwerten aus der
Stetigkeit der Abbildung x 7 1/x.
Beispiel 3.3.20. Fur alle a > 0 folgt aus der Stetigkeit der Exponential-
funktion und indem man fur ein logisch vollstandiges Argument die folgende
Gleichungskette von hinten nach vorne liest
limn n a = limn exp n1 log a
= exp(0)
= 1
Definition 3.3.24. Eine besondere Notation vereinbaren wir fur den Fall
einer Funktion f : (a, b)\p R mit p (a, b), wenn wir den Grenzwert fur
x p ihrer Restriktion auf (a, p) oder auf (p, b) untersuchen wollen. Wir
sprechen dann vom linkseitigen bzw. vom rechtseitigen Grenzwert und
notieren diese Grenzwerte
In diesem Fall existiert der Grenzwert genau dann, wenn der linkseitige
Grenzwert und der rechtseitige Grenzwert existieren und ubereinstimmen,
wie man leicht aus den Definitionen folgert.
Die Existenz von p K mit f (p) = inf f (K) zeigt man analog.
Ubung 3.4.5. Jede endliche Vereinigung von Kompakta ist kompakt.
Ubung 3.4.6. Das Bild eines Kompaktums unter einer stetigen Abbildung ist
stets auch wieder kompakt.
164 KAPITEL II. FUNKTIONEN EINER VERANDERLICHEN
Definition 3.4.7. Sei D R eine Menge von reellen Zahlen. Eine reell-
wertige Funktion f : D R heit gleichmaig stetig genau dann, wenn
folgende Aussage richtig ist: Fur beliebiges > 0 gibt es > 0 derart, da
fur alle x, y D mit |x y| < gilt |f (x) f (y)| < .
3.4.8. Bei der Definition der gleichmaigen Stetigkeit kommt es wesentlich
auf den Definitionsbereich D an. Da wir Funktionen vielfach angeben, ohne
ihren Definitionsbereich explizit festzulegen, ist es in diesem Zusammenhang
oft sinnvoll, den jeweils gemeinten Definitionsbereich zu prazisieren. Dazu
benutzen wir die Sprechweise f ist gleichmaig stetig auf D.
3.4.9. Ich will nun den Unterschied zur Stetigkeit diskutieren. Eine reellwer-
tige Funktion f : D R mit Definitionsbereich D R heit ja stetig bei
p D genau dann, wenn es fur jedes > 0 ein = (, p) > 0 gibt derart,
da fur alle x D mit |x p| < (, p) gilt |f (x) f (p)| < . Des weiteren
heit sie stetig, wenn sie an jeder Stelle p D stetig ist. Gleichmaige Ste-
tigkeit bedeutet nun, da fur jedes > 0 ein = () gewahlt werden kann,
das es als () = (, p) fur alle p D gleichzeitig tut.
Beispiel 3.4.10. Die Funktion f : R R, x 7 x2 ist nicht gleichmaig stetig
auf R, denn |x2 y 2 | = |x ykx + y| kann auch fur sehr kleines |x y| noch
gro sein, wenn nur |x + y| hinreichend gro ist. Die Einschrankung dieser
Funktion auf ein beliebiges reelles Kompaktum ist aber daselbst gleichmaig
stetig nach dem anschlieenden Satz.
Satz 3.4.11 (Gleichmaige Stetigkeit auf Kompakta). Jede reellwerti-
ge stetige Funktion auf einem reellen Kompaktum ist auf besagtem Kompak-
tum gleichmaig stetig.
Beweis. Wir argumentieren durch Widerspruch und zeigen, da eine Funkti-
on auf einem reellen Kompaktum, die nicht gleichmaig stetig ist, auch nicht
stetig sein kann. Sei dazu K R unser Kompaktum und f : K R unsere
Funktion. Ware f nicht gleichmaig stetig, so gabe es ein > 0, fur das wir
kein > 0 finden konnten: Wir probieren alle = n1 und finden immer wie-
der xn , yn K mit |xn yn | < n1 , fur die dennoch gilt |f (xn ) f (yn )| .
Gehen wir zu einer Teilfolge uber, so durfen wir ohne Beschrankung der
Allgemeinheit annehmen, da die Folge der xn gegen einen Punkt von K
konvergiert, in Formeln limn xn = x mit x K. Damit folgt naturlich
auch limn yn = x. Ware nun f stetig bei x, so folgte
lim f (xn ) = f (x) = lim f (yn )
n n
und damit lagen notwendig fast alle f (xn ) und fast alle f (yn ) im Intervall
(f (x) /2, f (x) + /2). Das steht jedoch im Widerspruch dazu, da ja nach
3. STETIGKEIT 165
SkriptenBilder/BildGeSe.png
SkriptenBilder/BildGeSp.png
Konstruktion gilt |f (xn ) f (yn )| fur alle n. Wir haben also gezeigt, da
eine Funktion auf einem reellen Kompaktum, die nicht gleichmaig stetig ist,
auch nicht stetig sein kann.
3.5.2. Anschaulich mit das Integral von f die Flache zwischen dem Graphen
von f und der x-Achse, wobei Flachenstucke unterhalb der x-Achse negativ
zu rechnen sind. Das Wort ist aus dem Lateinischen abgeleitet und bedeutet
so etwas wie Zusammenfassung. Der folgende Satz listet einige Eigenschaf-
ten unseres Integrals auf. Man kann leicht zeigen, da unser Integral sogar
durch diese Eigenschaften charakterisiert wird.
SkriptenBilder/BildIu.png
Die schraffierte Flache stellt ein Element von I(f ) dar fur die durch den
geschwungenen Graphen dargestellte Funktion f.
168 KAPITEL II. FUNKTIONEN EINER VERANDERLICHEN
Rb
Rb Rb
4. Fur f, g : [a, b] R stetig gilt(f + g) = a f + a g.
a
Rb Rb
5. Fur f : [a, b] R stetig und R gilt a f = a f.
3.5.4. Die beiden letzten Punkte bedeuten in der Sprache der linearen Al-
gebra, da das Integral eine Linearform auf dem reellen Vektorraum aller
stetigen reellwertigen Funktionen auf unserem kompakten Intervall ist, als
da heit, eine lineare Abbildung in den Korper der reellen Zahlen.
Beweis. 1. Wir wissen ja schon, da aus m = 1 f (x) 1 = M folgt
Rb
b a a f b a.
2. Fur Teilmengen A, B R definiert man eine neue Teilmenge A + B R
durch die Vorschrift A + B = {x + y | x A, y B}. Offensichtlich gilt
I(f ) = I(f |[a,z] ) + I(f |[z,b] )
Fur beliebige nichtleere nach oben beschrankte Teilmengen A, B R haben
wir aber sup(A + B) = sup A + sup B nach Ubung 1.4.11.
3. Aus f g folgt offensichtlich I(f ) I(g).
4 & 5. Um die letzten beiden Aussagen zu zeigen, mussen wir etwas weiter
ausholen. Fur unsere stetige Funktion f : [a, b] R und beliebiges r N,
r 1 unterteilen wir unser Intervall aquidistant, lateinisierend fur mit
gleichen Abstanden, durch
a = t0 t1 t2 . . . tr = b
Es gilt also ti = a+i(ba)/r. Wir definieren nun die r-te Riemann-Summe
S r (f ) R durch die Vorschrift
r
X r
X
r
S (f ) := f (ti )(ti ti1 ) = f (ti )( ba
r
)
i=1 i=1
SkriptenBilder/BildRs.png
Die schraffierte Flache stellt die funfte Riemannsumme der durch den
geschwungenen Graphen beschriebenen Funktion dar.
170 KAPITEL II. FUNKTIONEN EINER VERANDERLICHEN
Rb
Proposition 3.5.5. Fur a b und f : [a, b] R stetig gilt a
f =
lim S r (f ).
r
Rb
Erganzung 3.5.6. In der Notation a f (x) dx, die auf den Philosophen R und
Mathematiker Leibniz zuruckgeht, bedeutet das Integralzeichen ein S wie
Summe und dx meint die Differenz im x-Wert. Manchmal verwendet
man auch allgemeiner fur eine weitere Funktion g : [a, b] R mit guten
Eigenschaften, etwa fur R g die Differenz zweier monoton wachsender Funk-
tionen,
Pr die Notation f dg, und meint damit den Grenzwert der Summen
i=1 f (ti )(g(ti ) g(ti1 )), dessen Existenz in IV.3.3.1 folgende in groer All-
gemeinheit diskutiert wird.
3.5.7. Man mag versucht sein, die in Proposition 3.5.5 enthaltene Beschrei-
bung gleich als Definition des Integrals zu nehmen. Ich rate davon jedoch ab,
da die Existenz des fraglichen Grenzwerts nicht so leicht zu zeigen ist, und
da auch die zweite unserer Integrationsregeln 3.5.3 aus dieser Definition sehr
viel schlechter herzuleiten ist.
Beweis. Wir definieren zusatzlich zur r-ten Riemann-Summe die r-ten Un-
tersummen und Obersummen durch
r r
r
X r X
S (f ) := (inf f [ti1 , ti ])( ba
r
) und S (f ) := (sup f [ti1 , ti ])( ba
r
)
i=1 i=1
folgern, diese Ungleichungen aufsummieren, R b und die Mitte mit dem auch
bereits bewiesenen Teil 2 des Satzes zu a f zusammenfassen. Damit sind
beide Zeilen von Ungleichungen bewiesen. Nun ist f auf [a, b] gleichmaig
stetig, fur beliebiges > 0 existiert also = > 0 mit |x y| <
|f (x) f (y)| < . Wahlen wir N mit ( baN
) < und nehmen dann r N, so
schwankt unsere Funktion f auf jedem Teilintervall [ti1 , ti ] hochstens um ,
r Rb
mithin gilt 0 S (f ) S r (f ) (b a) und damit |S r (f ) a f | (b a).
Die Proposition ist gezeigt.
3. STETIGKEIT 171
SkriptenBilder/BildBeI.png
Rb
In der Notation a f (x) dx, die auf den Philosophen
R und Mathematiker
Leibniz zuruckgeht, bedeutet das Integralzeichen ein S wie Summe und
dx meint die Differenz im x-Wert.
SkriptenBilder/BildOU.png
Die schraffierte Flache stellt die vierte Obersumme der durch den
geschwungenen Graphen beschriebenen Funktion dar, der kreuzweise
schraffierte Teil ihre Untersumme.
172 KAPITEL II. FUNKTIONEN EINER VERANDERLICHEN
Rb b
+ 2br + rbr
b
Beispiel 3.5.8. 0
x dx = limr r r
2
= limr r(r+1)
2
rb2 nach I.1.1.1
b2
= 2
Mit dieser Konvention gilt dann fur beliebige a, b, c in einem reellen Intervall
I und jede stetige Funktion f : I R die Formel
Z c Z b Z c
f (x) dx = f (x) dx + f (x) dx
a a b
SkriptenBilder/BildARiS.png
4.1.4. Jede nicht vertikale, d.h. nicht zur y-Achse parallele Gerade in der
Ebene ist die Losungsmenge genau einer Gleichung der Gestalt y = a+bx. Die
reelle Zahl b heit in diesem Fall die Steigung unserer Gerade. Anschaulich
bedeutet der Differenzenquotient
f (x) f (p)
xp
die Steigung der Gerade durch die Punkte (p, f (p)) und (x, f (x)). Diese Ge-
rade heit auch eine Sekante, lateinisch fur Schneidende, da sie eben den
Graphen unserer Funktion in den beiden besagten Punkten schneidet. Der
Grenzwert f 0 (p) der Sekantensteigungen bedeutet anschaulich die Steigung
der Tangente, lateinisch fur Beruhrende, an den Graphen von f im Punkt
(p, f (p)). Die Umkehrung dieser Anschauung liefert auch eine prazise Defi-
nition besagter Tangente als der Gerade durch den Punkt (p, f (p)) mit der
Steigung f 0 (p).
176 KAPITEL II. FUNKTIONEN EINER VERANDERLICHEN
SkriptenBilder/BildAb.png
4.1.5. Wir geben noch zwei Umformulierungen der Definition der Differen-
zierbarkeit. Ist D R eine halboffene Teilmenge und p D, so ist nach
3.3.11 eine Funktion f : D R differenzierbar bei p mit Ableitung f 0 (p) = b
genau dann, wenn es eine Funktion : D R gibt, die stetig ist bei p mit
Funktionswert (p) = b derart, da fur alle x D gilt
Lemma 4.1.7. Die Funktion x 7 x1 ist differenzierbar bei jedem Punkt von
R und ihre Ableitung bei einer Stelle p R ist p12 .
1
p1 1
Beweis. Wir rechnen limxp x
xp
= limxp xp
= p12 nach 3.3.12.
4.2 Ableitungsregeln
Proposition 4.2.1. Seien D R halboffen und f, g : D R differen-
zierbar bei einem Punkt p D. So sind auch die Funktionen f + g und f g
differenzierbar bei p und es gilt
(f + g)0 (p) = f 0 (p) + g 0 (p) und (f g)0 (p) = f 0 (p)g(p) + f (p)g 0 (p)
fur Funktionen , , die stetig sind bei Null die dort verschwinden, und er-
halten durch Addieren bzw. Multiplizieren dieser Gleichungen
Nach unseren Kenntnissen uber stetige Funktionen steht aber in der zweiten
eckigen Klammer auf der rechten Seite jeder dieser Gleichungen eine Funkti-
on, die stetig ist bei h = 0 und die dort den Wert Null annimmt.
Beispiel 4.2.3. Zum Beispiel ist 1/x differenzierbar auf R mit Ableitung
1/x2 , und sind f und g differenzierbar, so auch f +g und f g und fur ihre Ab-
leitungen gelten die Summenregel und die Produktregel oder Leibniz-
Regel
(f + g)0 = f 0 + g 0 und (f g)0 = f 0 g + f g 0
4. DIFFERENTIATION UND INTEGRATION 179
Beweis. Teil 1 folgt sofort aus 4.1.7 mit der Kettenregel. Teil 2 folgt aus Teil
1 mit der Produktregel.
4.2.7. Ist D R eine halboffene Teilmenge und sind g, f : D R differen-
zierbar und hat f keine Nullstelle auf D, so ist mithin auch g/f differenzierbar
auf D mit Ableitung 0
g g 0 f gf 0
=
f f2
Lemma 4.2.8 (Ableitung der Exponentialfunktion). Die Exponential-
funktion ist ihre eigene Ableitung, in Formeln exp0 (p) = exp(p) p R.
= 1
P
xi2
nach 3.3.15 und 3.3.14, da ja i=2 i! fur |x| 1 beschrankt ist durch die
Eulersche Zahl e. Um exp0 (p) fur beliebiges p zu bestimmen, rechnen wir
exp(p+h)exp(p)
exp0 (p) = limh0 h
exp(h) 1
= limh0 h
exp(p)
= exp(p)
SkriptenBilder/BildUFA.png
Beweis. Nach unseren Annahmen gibt es eine stetige Funktion ohne Null-
stelle : I R mit f (x) f (p) = (x p)(x) und (p) = f 0 (p). Setzen wir
hier x = f 1 (y), so ist = 1/( f 1 ) : f (I) R eine stetige Funktion mit
(y q)(y) = f 1 (y) f 1 (q) und (q) = 1/f 0 (p).
Beispiel 4.2.10. Die Ableitung des Logarithmus ist mithin
1 1
log0 (q) = =
exp(log q) q
Damit ergibt sich fur alle a R die Ableitung der allgemeinen Potenzen,
also der Funktionen (0, ) R, x 7 xa , zu x 7 axa1 . In der Tat, nach
Definition gilt ja xa = exp(a log x), die Ableitung wird also a x1 exp(a log x) =
axa1 .
Lemma 4.2.11. Die Funktion f : R R,
1/x
e x>0
f (x) =
0 x0
ist beliebig oft differenzierbar.
Beweis. Wir betrachten allgemeiner fur alle n N die Funktion fn : R R,
n 1/x
x e x>0
fn (x) =
0 x0
und zeigen, da sie differenzierbar ist mit Ableitung fn0 = nfn+1 + fn+2 .
Damit sind wir dann naturlich fertig. Das einzige Problem ist die Ableitung
an der Stelle p = 0, wo wir nachweisen mussen, da die Sekantensteigungen
von rechts auch gegen Null streben, da also fur alle n N gilt
Nun wissen wir aber nach der Definition von exp, da fur jedes m N
und x > 0 gilt exp(x) > xm /m!. Fur jedes n N und x > 0 gilt also
exp(1/x) > xn2 /(n + 2)! und wir folgern 0 < xn1 e1/x < (n + 2)! x fur
x > 0.
SkriptenBilder/BildNBM.png
SkriptenBilder/Bild0028.png
Zum Brechungsgesetz
4. DIFFERENTIATION UND INTEGRATION 185
Satz 4.3.7 (von Rolle). Seien a < b aus R gegeben und sei f : [a, b] R
stetig auf dem kompakten Intervall [a, b] und differenzierbar auf dem offenen
Intervall (a, b). Gilt dann f (a) = f (b), so gibt es p (a, b) mit f 0 (p) = 0.
Beweis. Nach 3.4.3 gibt es Punkte p, q [a, b], an denen f sein Maximum und
sein Minimum annimmt. Liegt einer dieser Punkte im Innern (a, b) unseres
Intervalls, so verschwindet dort die Ableitung nach dem vorhergehenden Satz
und wir sind fertig. Nimmt f sein Maximum und sein Minimum auf dem Rand
des Intervalls an, so ist die Funktion f wegen unserer Annahme f (a) = f (b)
konstant und wir sind auch fertig.
f (b) f (a)
f 0 (p) =
ba
Beweis. Man wende den vorhergehenden Satz von Rolle 4.3.7 an auf die
Funktion g : [a, b] R, g(x) = f (x) f (a) (x a) f (b)f
ba
(a)
, die aus f
entsteht durch Subtraktion der globalen Sekanten.
SkriptenBilder/BildMWs.png
f (a) f (b)
f 0 (p) = 0
ab
Wachst f nicht monoton, so finden wir in derselben Weise p I mit f 0 (p) <
0. Das zeigt schon mal . Umgekehrt folgt aus f monoton wachsend, da
alle Sekantensteigungen nichtnegativ sind, und damit auch alle Grenzwerte
von Sekantensteigungen.
Erganzende Ubung 4.3.16. Man zeige, da ein Punkt (x, y) (0, 1)2 genau
dann auf einem Geradensegment der Lange Eins mit einem Ende auf der x-
Achse und dem anderen Ende auf der y-Achse liegt, wenn gilt y 2/3 +x2/3 1.
Hinweis: Man halte x fest und berechne fur alle a [x, 1] die Hohe hx (a) an
der Stelle x eines Brettes der Lange 1, das bei a auf der x-Achse steht und an
die y-Achse angelehnt ist. Dann bestimme man das Maximum dieser Hohen
bei festem x und variablem .
Definition 4.3.17. Wir nennen eine Funktion f : I R auf einem reellen
Intervall I konvex bzw. konkav genau dann, wenn ihr Graph unter bzw.
uber jeder seiner Sekanten liegt, wenn also in Formeln fur alle x < y < z aus
I gilt
f (x) f (y) f (y) f (z)
xy yz
bzw. fur konkave Funktionen.
Ubung 4.3.18. Man zeige, da diese Bedingung gleichbedeutend ist zu
SkriptenBilder/BildBrett.png
Hier ist sxy syz eine direkte Konsequenz der Konvexitat, und da sicher gilt
(x y)sxy + (y z)syz = (x z)sxz , liegt sxz als ein gewichtetes Mittel
zwischen sxy und sxz . Unsere Ungleichungskette schreiben wir nun aus zu
f (x) f (z)
f 0 (x) f 0 (z)
xz
Beweis. Ubung.
Ubung 4.3.22. Gegeben reelle Zahlen a, b 0 und p, q > 1 mit p1 + 1q = 1
zeige man die Youngsche Ungleichung ab p1 ap + q 1 bq . Hinweis: Man
gehe von der Konvexitat der Exponentialfunktion aus.
Ubung 4.3.23. Gegeben reelle Zahlen a, b 0 und p 1 zeige man die
Ungleichung (a + b)p 2p1 (ap + bp ). Hinweis: Man gehe von der Konvexitat
der Funktion [0, ) R, x 7 xp aus.
4. DIFFERENTIATION UND INTEGRATION 191
SkriptenBilder/BildKoKa.png
Links der Graph einer konvexen, rechts der einer konkaven Funktion
192 KAPITEL II. FUNKTIONEN EINER VERANDERLICHEN
SkriptenBilder/BildKov.png
Haben g und g 0 keine Nullstelle auf I\p und existiert der Grenzwert des
Quotienten der Ableitungen limxp (f 0 (x)/g 0 (x)) in R, so existiert auch der
Grenzwert des Quotienten der Funktionen limxp (f (x)/g(x)) in R und es
gilt 0
f (x) f (x)
lim = lim
xp g(x) xp g 0 (x)
SkriptenBilder/BildHop.png
Beweis. Man wende den Satz von Rolle 4.3.7 an auf die Funktion
Jetzt zeigen wir die Regeln von de lHospital. Wir durfen ohne Beschrankung
der Allgemeinheit p 6 I annehmen, indem wir sonst I an der Stelle p in zwei
Teile zerschneiden und den rechtsseitigen und linksseitigen Grenzwert bei p
getrennt betrachten. Fur jede Umgebung W des Grenzwerts
4.5.2. Im Fall
R x x < a ist dies
R a Integral unter Verwendung unserer Konvention
3.5.10 als a f (t) dt = x f (t) dt zu interpretieren.
Beweis. Fur p I rechnen wir
x
F (x) F (p)
Z
1
lim = lim f (t) dt
xp xp xp x p p
Da nun f stetig ist, finden wir fur beliebiges > 0 ein > 0 derart, da aus
|t p| folgt f (p) f (t) f (p) + . Aus 0 < |x p| folgen also
durch Bilden des Integrals und Teilen durch (x p) die Ungleichungen
Z x
1
f (p) f (t) dt f (p) +
xp p
und damit ist gezeigt, da der Ausdruck in der Mitte fur x p gegen f (p)
konvergiert. Es folgt F 0 (p) = f (p) fur alle p I. Ist G : I R auch
differenzierbar mit G0 = f, so verschwindet die Ableitung der Differenz GF.
Nach 4.3.11 ist diese Differenz also konstant, und haben wir dann auch noch
G(a) = 0, so ist sie konstant Null und wir folgern F = G.
Korollar 4.5.3 (Integrieren mit Stammfunktionen). Sei I R ein
halboffenes Intervall und f : I R eine stetige Funktion. Ist G : I R
eine Stammfunktion von f, als da heit eine differenzierbare Funktion mit
Ableitung G0 = f, so gilt fur alle a, b I die Formel
Z b
f (t) dt = G(b) G(a)
a
4. DIFFERENTIATION UND INTEGRATION 197
SkriptenBilder/BildHSID.png
4.6 Integrationsregeln
Satz 4.6.1 (Integration durch Substitution). Gegeben zwei reelle Zahlen
a < b und g : [a, b] R stetig differenzierbar und f : g([a, b]) R stetig gilt
Z b Z g(b)
0
f (g(x))g (x) dx = f (y) dy
a g(a)
wobei im Fall g(b) < g(a) das Integral rechts der Konvention 3.5.10 gema
als das Negative des Integrals uber das Intervall [g(b), g(a)] zu verstehen ist.
4. DIFFERENTIATION UND INTEGRATION 199
SkriptenBilder/BildFuF.png
SkriptenBilder/BildFWU.png
Beweis. Ist g konstant, so verschwinden beide Seiten und die Formel gilt. Ist
sonst F eine Stammfunktion von f, so ist F g nach der Kettenregel 4.2.5
eine Stammfunktion von t 7 f (g(t))g 0 (t), und berechnen wir beide Integrale
mithilfe dieser Stammfunktionen, so ergibt sich auf beiden Seiten der Wert
F (g(b)) F (g(a)).
4.6.3. Wachst g streng monoton, so kann man auch leicht einen anschau-
licheren Beweis geben, indem man a = a0 < a1 < . . . < ar = b aqui-
distant unterteilt und nach dem Mittelwertsatz i (ai1 , ai ) findet mit
g(ai ) g(ai1 ) = g 0 (i )(ai ai1 ). Damit gilt ja die Gleichheit von Riemann-
summen
r
X r
X
0
f (g(i ))g (i )(ai ai1 ) = f (g(i ))(g(ai ) g(ai1 ))
i=1 i=1
4.6.4. Als Gedachtnisstutze, die in IV.3.3 auch echte Bedeutung erhalt, kann
man sich merken, da beim Substituieren, lateinisch ebenso wie Prostituie-
ren fur Ersetzen, von y durch g(x) nicht nur f (y) durch f (g(x)) ersetzt
dy
werden mu, sondern auch dy durch g 0 (x) dx, wie es die Notation g 0 (x) = dx
suggeriert.
Beispiel 4.6.5. Indem wir uns das Integral erst etwas zurechtlegen, erhalten
wir durch die Substitution g(x) = x2 = y, g 0 (x) = 2x dx = dy leicht
Z b Z b Z b2
x dx 1 2x dx 1 dy p 2
= = = 1 + y |ba2 = 1 + x2 |ba
a 1 + x2 2 a 1 + x2 2 a2 1+y
SkriptenBilder/BildSubR.png
verwenden. Auch wenn g nicht umkehrbar ist, kann man in dieser Weise vor-
gehen, statt g 1 () und g 1 () darf man dann eben irgendwelche a, b wahlen
derart, da g auf ganz [a, b] stetig differenzierbar ist und da gilt = g(a)
und = g(b). Meist arbeiten wir sogar ohne explizite Erwahnung der Gren-
zen: Suchen wir nur eine Stammfunktion, so kommt es auf die untere Grenze
eh nicht an und die obere Grenze wird mitgedacht und nach gelungener In-
tegration wieder zurucksubstituiert, wie es unsere Formel fordert.
Beispiel 4.6.7. Wir bestimmen
eine Stammfunktion von f (y) = y 1y
2
durch die Substitution 1 y = x, y = 1 x = g(x), dy = 2x dx zu
R R
y 1 y dy = (1 x2 )x(2x) dx
R
= (2x4 2x2 ) dx
2 5
= 5
x 23 x3
2
= 5
(1 y)2 1 y 32 (1 y) 1 y
Satz 4.6.8 (Partielle Integration). Gegeben reelle Zahlen a < b und zwei
stetig differenzierbare Funktionen f, g : [a, b] R gilt
Z b Z b
0 b
f g = f g|a f 0g
a a
Beweis. Nach der Produktregel gilt f g 0 = (f g)0 f 0 g auf [a, b], folglich stim-
men auch die Integrale dieser Funktionen uberein.
R 2 x R
Beispiele 4.6.9. x e dx = x2 ex 2x ex dx
R
= x2 ex 2x ex + 2 ex dx
= (x2 2x + 2) ex
log x dx = x log x x x1 dx
R R
= x log x x
4.6.10. Ich erklare nun noch einen alternativen Zugang zur Exponentialfunk-
tion, der unsere Definition uber eine a priori unmotivierte Reihe vermeidet.
Suchen wir eine stetig differenzierbare Funktion g : R R>0 mit g 0 = g und
g(0) = 1, so haben wir ja nach der Substitutionsregel
Z x Z x 0 Z g(x)
g (t) 1
x= dt = dt = du
0 0 g(t) 1 u
Man definiert also notgedrungen
Ry 1 eine Funktion log : R>0 R durch die
Vorschrift log(y) = 1 u du, und die gesuchte Funktion g mu deren Um-
kehrfunktion sein.
4. DIFFERENTIATION UND INTEGRATION 203
Erganzende Ubung 4.6.11. Wie konnte ein Autor, der den Zugang 4.6.10 zur
Exponentialfunktion gewahlt hat, die Funktionalgleichung 2.6.8 beweisen?
Erganzende Ubung 4.6.12. Man zeige durch Vergleich mit dem Integral der
Funktion x , da fur jedes > 1 die Reihe
P
k=1 k konvergiert.
Die Funktion cosh nimmt bei x = 0 ihr Minimum an und sinh ist eine Bijek-
tion sinh : R R. Die inverse Abbildung nennt man Area Sinus hyper-
bolicus und bezeichnet sie mit arsinh : R R. Sie lat sich auch elementar
ausdrucken als arsinh(x) = log(x+ x2 + 1) und fur die Ableitung von arsinh
erhalten wir
1
arsinh0 (y) = p
1 + y2
q
da ja gilt sinh0 (x) = cosh(x) = 1 sinh2 (x), sinh0 (arsinh y) = 1 + y 2 .
p
Ahnlich liefert cosh eine Bijektion cosh : [0, ) [1, ), die inverse Ab-
bildung Area Cosinus hyperbolicus arcosh : [1, ) [0, ) kann ge-
schrieben werden als arcosh(x) = log(x + x2 1) und ist differenzierbar
auf (1, ) mit der Ableitung
1
arcosh0 (y) = p
2
y 1
204 KAPITEL II. FUNKTIONEN EINER VERANDERLICHEN
SkriptenBilder/Bildshch.png
SkriptenBilder/Bildgsh.png
SkriptenBilder/Bildgph.png
Vorschau 5.1.2. Sobald Sie die komplexen Zahlen kennengelernt haben, wer-
den Sie unschwer erkennen, da dieser Satz ganz genauso und mit demselben
Beweis auch gilt, wenn wir darin uberall reell durch komplex ersetzen.
Beweis. Die Glieder einer konvergenten Reihe sind beschrankt, unter unseren
Annahmen gibt es also eine endliche Schranke B mit |a z | B fur alle .
Aus |x| < |z| folgt aus der Konvergenz der geometrischen Reihe 2.5.5 dann
X
X
X
|a x |
|a z | |x/z| B |x/z| <
=0 =0 =0
Ubung 5.1.4. Ist (a )N eine Folge von von Null verschiedenen reellen Zahlen
und existiert der Grenzwert lim |a /a+1P | in [0, ], so ist dieser Grenz-
wert der Konvergenzradius der Potenzreihe
=0 a x .
Beispiel 5.1.6. Dieser Satz liefert unmittelbar einen zweiten Beweis fur die
bereits in 4.2.8 bewiesene Tatsache, da die Exponentialfunktion ihre eigene
Ableitung ist.
5. POTENZREIHEN UND HOHERE ABLEITUNGEN 209
5.1.7. Der Beweis dieses Satzes wird den groten Teil dieses Abschnitts ein-
nehmen. Wir zeigen in 5.1.13, da jede durch eine Potenzreihe definierte
Funktion stetig ist, und zeigen die weitergehenden Aussagen in 5.1.15. Zu-
nachst jedoch mussen wir einige technische Hilfsmittel bereitstellen.
Definition 5.1.8. Sei D eine Menge, (fn )nN eine Folge von Funktionen
fn : D R und f : D R eine weitere Funktion.
1. Wir sagen, die Folge fn konvergiert punktweise gegen die Funktion
f genau dann, wenn fur alle x D gilt limn fn (x) = f (x).
SkriptenBilder/BildPuG.png
Bei gleichmaiger Konvergenz mussen fur jedes > 0 fast alle fn auf dem
ganzen Definitionsbereich D im -Schlauch um f bleiben.
SkriptenBilder/BildPuK.png
P
Da =0 |a | konvergiert, gibt es fur jedes > 0 ein N N mit
X
|a | <
=N +1
Beweis. Nach Proposition 5.1.11 und Satz 5.1.10 ist unsere Funktion fur alle
[0, r) stetig auf [, ] als gleichmaiger Grenzwert stetiger Funktionen.
Daraus folgt muhelos, da sie stetig ist auf ganz (r, r).
Beweis. Fur alle > 0 gibt es N N derart, da gilt |f (x) fn (x)| < fur
alle n N und alle x [a, b]. Es folgt
Z b Z b Z b Z b
f fn = (f fn ) |f fn | (b a)
a a a a
fur alle n N.
SkriptenBilder/BildGII.png
SkriptenBilder/BildGKA.png
Pz = |x/|
fur
1
< 1. Nach dem Majorantenkriterium konvergiert also die Reihe
P =1 b x . Dann wissen wir
Paber nach Teil 1, da fur die Funktion f (x) =
1
=1 b x unser g(x) = b
=0 x eine Stammfunktion ist.
Definition 5.1.16. Die n-te Ableitung einer Funktion f bezeichnen wir,
falls sie existiert, mit f (n) . Es ist also f (0) = f, f (1) = f 0 , f (2) = f 00 und
allgemein f (n+1) = (f (n) )0 .
5.1.17. Ist eine Funktion f : (r,Pr) R gegeben durch die fur x (r, r)
konvergente Potenzreihe f (x) =
=0 a x , so folgt aus 5.1.15 sofort
f (n) (0) = n! an
Wenn also in anderen Worten eine fest vorgegebene Funktion f in einer Um-
gebung des Nullpunkts durch eine Potenzreihe dargestellt werden kann, so
mu unsere Funktion dort beliebig oft differenzierbar sein und die fragliche
Potenzreihe ist die Reihe
X f () (0)
x
=0
!
214 KAPITEL II. FUNKTIONEN EINER VERANDERLICHEN
Diese Potenzreihe hinwiederum kann man ganz allgemein fur jede in einer
Umgebung des Nullpunkts beliebig oft differenzierbare Funktion erklaren. Sie
heit dann die Taylorreihe besagter Funktion oder genauer ihre Taylorrei-
he am Nullpunkt, mu aber keineswegs positiven Konvergenzradius haben
und mu, selbst wenn sie positiven Konvergenzradius hat, keineswegs gegen
besagte Funktion konvergieren. Zum Beispiel hat nach 4.2.11 die Funktion
1/x
e x>0
f (x) =
0 x0
die durch eine kurze Rechnung gezeigt wird. Aus (1 + x)f 0 (x) = f (x)
und f (0) = 1 folgt aber bereits f (x) = (1 + x) , denn setzt man (x) =
f (x)/(1 + x) , so gilt (0) = 1 und
x2 x3
log(1 + x) = x + ... x (1, 1)
2 3
ergibt sich, indem wir die geometrische Reihe (1 + x)1 = 1 x + x2 x3 . . .
gliedweise integrieren. Ahnlich ergibt sich die Entwicklung von arsinh(x) in
eine Potenzreihe, indem wir die binomische Reihe zu (1 + x2 )1/2 gliedweise
integrieren.
2
Beispiel 5.1.22. Um die funfte Ableitung bei x = 0 von (ex sinh x) bestim-
men, rechnen wir
2 x4 x6
ex = 1 + x2 + 2
+ 3!
+ ...
x3 x5
sinh x = x + 3!
+ 5!
+ ...
2
ex sinh x = x + x3 ( 3!1 + 1) + x5 1 1 1
5!
+ 3!
+ 2
+ ...
5.1.23. Die Formel fur die binomische Reihe kann umgeschrieben werden zur
nun fur alle y (0, 2) gultigen Darstellung
X
y = (y 1)k
k=0
k
X f () (p)
h
=0
!
Auch wenn die Partialsummen dieser Reihe nicht gegen f (p+h) konvergieren
mussen, liefern sie doch die bestmoglichen Approximationen von f (p + h)
durch Polynome in h von einem vorgegebenen maximalen Grad, wie wir im
folgenden Abschnitt 5.2 ausfuhren werden.
Erganzende Ubung 5.1.24. Eine Funktion, die fur jeden Punkt ihres Defini-
tionsbereichs in einer Umgebung besagten Punktes durch eine Potenzreihe
dargestellt werden kann, heit analytisch. Wir werden erst in VIII.1.7.7 im
Rahmen der Funktionentheorie zeigen, da Potenzreihen analytische Funk-
tionen liefern: Dort geht es mit den Tricks der Funktionentheorie sehr elegant,
wir konnten es aber etwas weniger elegant auch hier schon zeigen. Man zeige:
Stimmen zwei auf demselbem reellen Intervall definierte analytische Funktio-
nen auf der Umgebung eines Punktes aus unserem Intervall uberein, so sind
sie gleich. Hinweis: Man betrachte das Supremum der Menge aller Punkte,
an denen unsere beiden Funktionen ubereinstimmen.
Erganzende Ubung 5.1.26. Wir wurfeln mit einem Wurfel eine unendlich lan-
ge Zahlenreihe. Anschaulich ist klar, da der durchschnittliche Abstand zwi-
schen zwei aufeinanderfolgenden Einsen gerade Sechs sein mu. Betrachtet
man nun die Wahrscheinlichkeiten, da die nachste Eins beim nachsten Wurf,
beim ubernachsten Wurf etc. kommt, multipliziert sie jeweils mit Eins, Zwei
etc. und summiert diese Produkte auf, so sollte sich auch dieser dieser durch-
schnittliche Abstand ergeben. Die Aufgabe ist nun, zu beweisen, da die
Reihe
n1
X 5 1
n
n=1
6 6
5.2 Taylorentwicklung
5.2.1. Um im Folgenden auch den Fall n = 0 zulassen zu durfen, vereinbaren
wir, da 0-mal differenzierbar bei p zu verstehen sein soll als stetig bei p.
Satz 5.2.2 (Taylorentwicklung). Seien I R ein halboffenes Intervall,
p I ein Punkt und f : I R eine Funktion, deren (n 1)-te Ableitung
f (n1) auf ganz I existiert und deren n-te Ableitung f (n) (p) bei p existiert. So
gilt:
1. Es gibt genau ein Polynom Q vom Grad n mit der Eigenschaft
f (x) = Q(x) + (x p)n (x p)
fur eine Funktion mit limh0 (h) = 0.
2. Dieses Polynom kann auch charakterisiert werden als das eindeutig be-
stimmte Polynom Q vom Grad n, dessen Ableitungen bei p bis zur
n-ten Ableitung einschlielich mit den entsprechenden Ableitungen bei
p unserer Funktion f ubereinstimmen, in Formeln f () (p) = Q() (p) fur
0 n.
5.2.3. Wir nennen Q das Approximationspolynom bis zur Ordnung n
an f bei p. Der Graph des Approximationspolynoms bis zur ersten Ordnung
heit die Tangente an den Graphen von f im Punkt (p, f (p)), der Graph des
Approximationspolynoms bis zur zweiten Ordnung die Schmiegeparabel.
Beweis. Sicher gibt es genau ein Polynom Q, das die Bedingung aus Teil 2
erfullt, namlich das Polynom
f (2) (p) f (n) (p)
Q(x) = f (p) + f 0 (p)(x p) + (x p)2 + . . . + (x p)n
2! n!
das aus den ersten n + 1 Termen der Taylorreihe von f beim Entwicklungs-
punkt p besteht. Betrachten wir fur dieses Polynom Q die Differenz r = f Q,
so verschwinden die ersten n Ableitungen von r bei x = p und wir erhalten
durch wiederholte Anwendung der Regeln von de lHospital 4.4.1 und die
Definition von r(n) (p) in der Tat
r(x) r(n1) (x) r(n) (p)
lim = . . . = lim = =0
xp (x p)n xp n! (x p) n!
Damit bleibt nur noch zu zeigen, da kein anderes Polynom Q die Bedingung
aus Teil 1 erfullen kann. In der Tat folgt aber fur zwei Polynome vom Grad
n aus
Q(x) Q(x)
lim =0
xp (x p)n
218 KAPITEL II. FUNKTIONEN EINER VERANDERLICHEN
SkriptenBilder/BildSchP.png
P
Beweis. Wir kurzen die Summe wie zuvor mit = Q(x) ab. Fur den Rest
r(x) = f (x) Q(x) verschwinden, wie wir bereits wissen, die ersten n Ab-
leitungen bei x = p, und unter unseren zusatzlichen Voraussetzungen ist r
sogar (n + 1)-mal differenzierbar auf ganz I mit r(n+1) = f (n+1) . Um daraus
die beiden Darstellungen des Restglieds zu erhalten, brauchen wir nur zwei
einfache Rechnungen.
1. Mit dem verallgemeinerten Mittelwertsatz und der Erkenntnis, da Nenner
und Zahler bei x = p verschwinden, erhalten wir unter der Annahme p 6= x
sofort
r(x) r0 (1 ) r00 (2 ) r(n+1) ()
= = = . . . =
(x p)n+1 (n + 1)(1 p)n n(n + 1)(2 p)n1 (n + 1)!
220 KAPITEL II. FUNKTIONEN EINER VERANDERLICHEN
Polynom Q charakterisiert wird durch die Bedingungen Q() (p) = f () (p) fur
0 n.
f + g np P + Q und f g np P Q
g f np Q P
5.3.5. Im Fall n = 0 spezialisiert dieser Satz zur Stetigkeit von Summen und
Produkten 3.1.16 sowie Verknupfungen 3.1.6. Im Fall n = 1 spezialisiert er
zur Summenregel 4.2.1, Produktregel 4.2.1 und Kettenregel 4.2.5.
Beweis. 1. Das bleibt dem Leser uberlassen. Im Fall der Summe gilt das sogar
fur beliebige Funktionen P und Q, im Fall des Produkts reicht anstelle der
Polynomialitat die zusatzliche Annahme, da P und Q in einer Umgebung
von p beschrankt sind.
2. Wir zeigen zunachst g f np Q f und dann Q f np Q P. Fur die erste
Aussage schreiben wir g(y) = Q(y) + (y f (p))n (y f (p)) fur stetig bei
Null mit Funktionswert Null. Durch Einsetzen von y = f (x) und Erweitern
des letzten Terms mit (x p)n erhalten wir
n
n f (x) f (p)
(g f )(x) = (Q f )(x) + (x p) (f (x) f (p))
xp
x2 x4 x6
a0 + a1 x + . . . + a6 x6 = 1 + bx8 + . . .
1+ + +
2 4! 6!
1 (1)j(1) (1)j(i)
X
... =0
i! j(1) j(i)
j(1)+...+j(i)=k
5. POTENZREIHEN UND HOHERE ABLEITUNGEN 223
Die erzeugende P Funktion der Folge der Catalan-Zahlen alias die formale
Potenzreihe P = n0 Cn xn erfullt demnach im Ring der formalen Laurent-
reihen aus ?? die Formel xP 2 = P 1 alias P 2 x1 P + x1 = 0. Damit folgt,
immer im Ring der formalen Laurentreihen, eine Identitat der Form
r
1 1 1 1 1 4x
P = =
2x 4x2 x 2x
falls die fragliche Wurzel im Ring der formalen Laurentreihen existieren sollte,
wobei das Vorzeichen noch zu bestimmen ist. Nach 5.3.7 existiert diese Wurzel
jedoch in der Tat und kann beschrieben werden durch die binomische Reihe
X 1/2
1 4x = (4x)n
n
n=0
Deren konstanter Term ist Eins, so da fur unser Vorzeichen nur das Minus
in Frage kommt. Damit mu notwendig gelten
1 1 4x
P =
2x
Die Koeffizienten unserer binomischen Reihe lassen sich vereinfachen zu
1/2 n n 1 1 1 3 2n + 3
(1) 4 = ... (1)n 4n
n n! 2 2 2 2
1
= (1 3 . . . (2n 3))2n
n!
2(2(n 1))!
=
(n 1)!(n 1)!
224 KAPITEL II. FUNKTIONEN EINER VERANDERLICHEN
wobei die letzte Identitat nur fur n 1 stimmt. Setzen wir nun alles zusam-
men, so ergibt sich wie gewunscht
1 2n
Cn =
n+1 n
1 1 1
1 + + . . . = log 2
2 3 4
zeigen. Wenn wir x = 1 in die Reihenentwicklung von log(1 + x) einsetzen
durften, so folgte das sofort. Die Schwierigkeit liegt darin, da wir bisher nur
fur |x| < 1 nachgewiesen haben, da unsere Potenzreihe aus 5.1.21 gegen
log(1 + x) konvergiert. Der folgende Satz hilft uns, diese Schwierigkeit zu
uberwinden, und wird auch in 7.6.16 bei der Herleitung der wunderbaren
Formel 4 = 1 13 + 15 71 . . . benotigt. Beide Formeln sehe aber mehr als
schone Bluten und weniger als zentrale Inhalte an, und davon abgesehen spielt
der abelsche Grenzwersatz im weiteren Verlauf der Vorlesung keine Rolle.
Vorschau 5.4.3. Fur diejenigen Leser, die bereits mit komplexen Potenzreihen
vertraut sind, sei bemerkt, da die entsprechende Aussage im Komplexen in
dieser Form nicht mehr gilt. Mehr dazu finden Sie etwa in VIII.1.7.14.
Fur alle > 0 finden wir nun wegen der Konvergenz unserer Reihe ein N
derart, da fur alle n, m mit N n m gilt |an + . . . + am | . Fur alle
n, m mit N n m und alle x [0, 1] folgt daraus die Abschatzung
Pm
k
k=n a k x (xn xm ) + xm
Diese Abschatzung zeigt die gleichmaige Konvergenz der Folge der Partial-
summen auf [0, 1] und damit die Stetigkeit der Grenzfunktion.
Vorschau 5.4.4. Lat sich die durch eine Potenzreihe im Inneren des Konver-
genzintervalls definierte Funktion stetig auf einen Randpunkt fortsetzen, so
mu die Potenzreihe an besagtem Randpunkt keineswegs konvergieren. Neh-
men wir der Einfachkeit halber an, da das KonvergenzintervallP(1, 1) ist
und der fragliche Randpunkt die 1, so folgt diePKonvergenz von an jedoch
n
aus der stetigen Fortsetzbarkeit der Funktion an x von x [0, 1) auf [0, 1]
zusammen mit der Tauber-Bedingung, da die Folge nan betragsmaig
beschrankt sein moge. Unter der starkeren Annahme limn nan = 0 wurde
das bereits von Tauber gezeigt.
226 KAPITEL II. FUNKTIONEN EINER VERANDERLICHEN
SkriptenBilder/BildVFe.png
5. Es ist auch oft nutzlich, sich f wirklich als eine Abbildung vorzustellen.
Die Abbildung x 7 (x, x) ist in diesem Bild zum Beispiel die diagonale
228 KAPITEL II. FUNKTIONEN EINER VERANDERLICHEN
SkriptenBilder/BildNiveauB.png
SkriptenBilder/BildNiveauA.png
2
p Niveaulinien und der Graph der Funktion f : R R,
Die
(x, y) 7 x2 + y 2 . Der Graph dieser Funktion hat die Gestalt einer Eistute
mit dem Offnungswinkel 90 , die mit ihrer Spitze senkrecht auf den
Ursprung in der xy-Ebene steht.
SkriptenBilder/BildGSp.png
SkriptenBilder/BildBSp.png
Die Darstellung als bewegtes Teilchen und der Graph der Funktion
f : R R2 , z 7 (cos(2z/(0, 4)), sin(2z/(0, 4))). Anders als im Text
haben wir hier eine Funktion der z-Koordinate dargestellt.
6. STETIGKEIT IN MEHREREN VERANDERLICHEN 229
Einbettung der Zahlengerade in die Ebene, und (x, y) 7 (y, x) ist die
Spiegelung am Bild unserer diagonalen Einbettung.
6.1.2. Ich will den Begriff der Stetigkeit nun statt fur Abbildungen Rn Rm
gleich im allgemeineren Rahmen der sogenannten metrischen Raume disku-
tieren, bei dem die bisherige stark von Koordinaten abhangige Darstellung
von einer mehr abstrakt-geometrischen Sichtweise abgelost wird. Dieser ko-
ordinatenfreie Zugang benotigt zwar einen groeren begrifflichen Aufwand,
aber ich denke, dieser Aufwand lohnt, und zwar aus den folgenden Grun-
den: Erstens umfat unser Rahmen so auch unendlichdimensionale Raume
wie zum Beispiel die fur die Quantenmechanik wichtigen Hilbertraume. Zwei-
tens treten in meinen Augen auch schon im endlichdimensionalen Kontext
die Zusammenhange bei einer koordinatenfreien Behandlung klarer hervor.
Man kennt das aus der Physik: Rechnet man wie ublich mit Einheiten, die ja
mathematisch schlicht Basen eindimensionaler Vektorraume sind, so treten
auch die Konsistenz und der Sinn physikalischer Formeln viel klarer zu Tage,
als wenn man mit bloen Zahlen arbeitet.
1. d(x, y) = 0 x = y;
Ein metrischer Raum ist ein Paar X = (X, d) bestehend aus einer Menge
X und einer Metrik d auf X.
SkriptenBilder/BildDrei.png
eine Metrik. Wenn nichts anderes gesagt ist, fassen wir den Rn stets auf als
einen metrischen Raum mit dem Betragsabstand als Metrik. Diese Metrik
ist zwar weniger anschaulich ist als der euklidische Abstand, lat sich aber
einfacher handhaben.
Beispiel 6.2.4. Jede Teilmenge eines metrischen Raums ist mit der induzier-
ten Metrik selbst ein metrischer Raum.
Definition 6.2.5. Sei X ein metrischer Raum. Fur x X und > 0 be-
zeichne
B(x; ) = {z X | d(x, z) < }
den -Ball um x oder auch die -Kugel um x oder auch die -Umgebung
von x.
Beispiel 6.2.6. Fur den euklidischen Abstand im R3 ist der Ball um x mit
Radius anschaulich tatsachlich ein Ball. Fur den Betragsabstand hat B(x; )
dahingegen die Gestalt eines Wurfels mit Mittelpunkt x und Seitenlange 2.
SkriptenBilder/BildBall.png
Balle in der Ebene fur den Betragsabstand und den euklidischen Abstand
6. STETIGKEIT IN MEHREREN VERANDERLICHEN 233
6.2.11. Unter einer Umgebungsbasis eines Punktes versteht man eine Men-
ge von Umgebungen besagten Punktes derart, da jede seiner Umgebungen
mindestens eine Umgebung unseres Systems umfat. Zum Beispiel bilden alle
-Umgebungen eines Punktes eine solche Umgebungsbasis. Um die Stetigkeit
einer Abbildung f in einem Punkt p nachzuweisen, mussen wir offensichtlich
nur fur alle Mengen aus einer Umgebungsbasis seines Bildes f (p) prufen, da
es jeweils eine Umgebung von p gibt, die dahinein abgebildet wird. Gleichbe-
deutend zur Stetigkeit einer Abbildung f im Punkt p ist also insbesondere
die Forderung, da es fur jedes > 0 ein = > 0 gibt derart, da gilt
f (B(p; )) B(f (p); ).
Beispiel 6.2.12. Einfache Beispiele fur stetige Abbildungen sind Einbettungen
von einem Teilraum, konstante Abbildungen, oder auch die Projektion eines
Rn auf eine Koordinate. In diesen Fallen konnen wir einfach = nehmen.
Beispiel 6.2.13. Als etwas kompliziertere Beispiele bemerken wir, da die
Addition und die Multiplikation R2 R, (x, y) 7 x+y bzw. (x, y) 7 xy
stetig sind. Das ist im Wesentlichen die Aussage der ersten beiden Teile von
Lemma 2.1.37.
6.2.14 (Partiell stetig impliziert nicht stetig). Es gibt Funktionen f :
R2 R derart, da sowohl x 7 f (x, b) als auch y 7 f (a, y) stetig sind
fur alle b bzw. alle a, da aber dennoch die Funktion f selbst nicht stetig
ist. Als Beispiel betrachte man die Funktion mit (x, y) 7 xy/(x2 + y 2 ) fur
(x, y) 6= (0, 0) und (0, 0) 7 0. Sie ist nicht stetig am Nullpunkt nach dem an-
schlieenden Satz 6.2.15, da namlich ihre Verknupfung mit R R2 , t 7 (t, t)
nicht stetig ist bei t = 0. Die Stetigkeit von t 7 (t, t) hinwiederum mag man
aus der Komponentenregel 6.2.18 folgern. Der Anschauung mag die Erkennt-
nis helfen, da unsere merkwurdige Funktion, wenn man vom Ursprung selbst
einmal absieht, auf allen Geraden durch den Ursprung konstant ist. Auf den
beiden Koordinatenachsen ist unsere Funktion konstant Null, auf allen an-
deren Geraden durch den Ursprung jedoch nimmt sie nur am Ursprung den
Wert Null an und sonst konstant einen von Null verschiedenen Wert.
Beispiel 6.2.17. Der Betragsabstand auf Rn+m ist die Produktmetrik zu den
Betragsabstanden auf Rn und Rm .
Proposition 6.2.18 (Komponentenregel). Seien Z und X1 , . . . , Xn me-
trische Raume und fi : Z Xi Abbildungen. Genau dann ist die Abbildung
f = (f1 , . . . , fn ) : Z X1 . . . Xn stetig, wenn alle fi stetig sind.
6.2.19. Wenden wir diese Proposition an mit f der Identitat auf einem Pro-
dukt, so impliziert die Stetigkeit der Identitat, da alle Projektionsabbildungen
pri : X1 . . . Xn Xi stetig sein mussen.
Beweis. Da die Projektionen pri Abstande zwischen Punkten nie vergroern,
konnen wir ihre Stetigkeit direkt zeigen, indem wir jeweils = nehmen.
Ist f stetig, so sind folglich auch die fi = pri f stetig als Verknupfungen
stetiger Abbildungen. Sind umgekehrt alle fi stetig in p, so gibt es fur jedes
> 0 gewisse i mit d(p, z) < i di (fi (p), fi (z)) < , wo di die Metrik auf
Xi bezeichnet. Nehmen wir = inf i , so gilt
(x, y) 7 (x sinh(y), x2 y 3 )
ist stetig. In der Tat reicht es nach der Komponentenregel zu zeigen, da ihre
beiden Komponenten f1 und f2 stetig sind. Wir zeigen das nur fur die erste
Komponente und uberlassen die Behandlung der zweiten Komponente dem
Leser. Warum also ist die Abbildung f1 : R2 R, (x, y) 7 x sinh(y) stetig?
6. STETIGKEIT IN MEHREREN VERANDERLICHEN 235
Nun, (x, y) 7 x ist stetig nach 6.2.19 als Projektion auf eine Koordinate,
(x, y) 7 y desgleichen, (x, y) 7 sinh(y) dann auch als Verknupfung steti-
ger Funktionen, und schlielich auch (x, y) 7 x sinh(y) als Produkt stetiger
Funktionen.
Ubung 6.2.22. Ist (X, d) ein metrischer Raum, so ist fur alle z X die
Abbildung X R, x 7 d(x, z) stetig. Hinweis: Dreiecksungleichung. Ist
allgemeiner A X eine nichtleere Teilmenge, so ist auch die Abbildung
dA : X R gegeben durch dA (x) = inf{d(x, a) | a A} stetig.
Ubung 6.2.23. Ist (X, d) ein metrischer Raum, so ist die Metrik stetig als
Abbildung d : X X R.
Ubung 6.2.24. Wir versehen den Korper der komplexen Zahlen C mit der
Metrik d(z, w) = |z w|. Man zeige, da das in der Tat eine Metrik ist, und
da die Addition und die Multiplikation stetige Abbildungen C C C
sind und das Bilden des Inversen eine stetige Abbildung C C .
Erganzende Ubung 6.2.25. Man zeige, da das Invertieren von Matrizen eine
stetige Abbildung GL(n; C) GL(n; C) ist. Hinweis: Cramersche Regel ??.
Ubung 6.2.26. Sei f : X Y eine Abbildung von metrischen Raumen, die
Abstande nicht verkleinert, in Formeln d(f (x), f (z)) d(x, z) x, z X.
Man zeige, da f injektiv ist und f 1 : f (X) X stetig.
6.3.2. Der Grenzwert einer Folge ist eindeutig, wenn er existiert. Das folgt
wie im Beweis von 2.1.21 daraus, da nach 6.2.9 je zwei verschiedene Punkte
eines metrischen Raums disjunkte Umgebungen besitzen.
Ubung 6.3.3. Sei (xn , yn ) eine Folge im Produkt X Y der metrischen Rau-
me X und Y . Genau dann konvergiert unsere Folge gegen (x, y), wenn xn
gegen x konvergiert und yn gegen y. Man formuliere und beweise auch die
offensichtliche Verallgemeinerung auf beliebige endliche Produkte metrischer
Raume.
236 KAPITEL II. FUNKTIONEN EINER VERANDERLICHEN
SkriptenBilder/BildKoFo.png
Beispiel 6.3.5. Sei D eine Menge und X ein metrischer Raum. Auf dem
Raum Ensb (D, X) aller beschrankten Abbildungen f : D X kann man
eine Metrik erklaren durch die Vorschrift
lim fn = f
n
Ubung 6.3.7. Fur beschrankte Abbildungen von einer Menge D in einen me-
trischen Raum X ist auch in dieser Allgemeinheit gleichmaige Konvergenz
gleichbedeutend zur Konvergenz im Raum Ensb (D, X) mit seiner eben er-
klarten Metrik der gleichmaigen Konvergenz.
Ubung 6.3.8. Fur jede konvergente Folge in einem metrischen Raum ist die
Menge der Folgenglieder beschrankt.
Ubung 6.3.9 (Stetigkeit als Folgenstetigkeit). Sei f : X Y eine Abbil-
dung von metrischen Raumen. Genau dann ist f stetig in p, wenn fur jede
Folge xn mit limn xn = p gilt limn f (xn ) = f (p). Hinweis: 3.3.29.
238 KAPITEL II. FUNKTIONEN EINER VERANDERLICHEN
6.4.2. Wenn wir eine Menge einfach nur abgeschlossen nennen, so in der
Hoffnung, dem Leser sei klar, in Bezug auf welchen groeren Raum X dies
abgeschlossen gemeint ist. Ist X ein metrischer Raum und sind U Y X
Teilmengen, so meint U Y , da U abgeschlossen ist als Teilmenge des
V
SkriptenBilder/BildOBall.png
Illustration zu Beispiel 6.4.9: Ein Ball in einem metrischen Raum ist stets
offen.
6. STETIGKEIT IN MEHREREN VERANDERLICHEN 241
Definition 6.5.3. Eine Topologie T auf einer Menge X ist ein System
von Teilmengen T P(X), das stabil ist unter dem Bilden von endlichen
Schnitten und beliebigen Vereinigungen. In Formeln ausgedruckt fordern wir
von einer Topologie also:
Ein topologischer Raum ist ein Paar (X, T ) bestehend aus einer Menge
mitsamt einer Topologie. Statt U T schreiben wir meist
U X
und nennen U eine offene Teilmenge von X. Die Notation ist jedoch
unublich.
Beispiel 6.5.9 (Topologie auf den erweiterten reellen Zahlen). Auf un-
serer erweiterten reellen Zahlengeraden R erklaren wir eine Topologie durch
die Vorschrift, da eine Menge U R offen sein moge genau dann, wenn
sie fur jedes ihrer Elemente eine Umgebung im Sinne von 2.1.8 ist. Unsere
Umgebungen im Sinne von 2.1.8 sind dann auch genau die Umgebungen fur
diese Topologie im Sinne von 6.5.4, und eine Abbildung R R ist offen-
sichtlich topologisch stetig im Sinne der obigen Definition 6.5.6 genau dann,
wenn sie stetig ist im Sinne unserer Definition 3.1.3. Um die Beziehung zu
unserem Stetigkeitsbegriff 3.1.3 fur Abbildungen von einer Teilmenge D R
nach R zu klaren, vereinbaren wir zunachst, in welcher Weise Teilmengen
topologischer Raume mit einer Topologie versehen werden sollen.
Definition 6.5.10. Ist X ein topologischer Raum und Y X eine Teilmen-
ge, so erklart man die induzierte Topologie oder Spurtopologie auf Y
durch die Vorschrift
U Y V X mit U = V Y
In Worten ist also eine Teilmenge von Y offen fur die induzierte Topologie
genau dann, wenn sie der Schnitt von Y mit einer offenen Teilmenge von X
ist. Ab jetzt fassen wir stillschweigend jede Teilmenge Y eines topologischen
Raums X auf als topologischen Raum mit der induzierten Topologie.
Ubung 6.5.11. Man zeige, da das in 6.5.10 beschriebene Mengensystem auf
einer Teilmenge eines topologischen Raums in der Tat eine Topologie auf
besagter Teilmenge liefert, und da die Einbettungsabbildung stetig ist.
6.5.12. Wenn wir eine Menge einfach nur offen nennen, so in der Hoffnung,
dem Leser sei klar, in Bezug auf welchen groeren Raum X dies offen ge-
meint ist. Ist X ein topologischer Raum und sind M Y X Teilmengen,
so meint M Y , da M offen ist als Teilmenge des Raums Y mit seiner
induzierten Topologie.
Ubung 6.5.13. Man zeige, da auf einer Teilmenge eines metrischen Raums
die Spurtopologie zur metrischen Topologie mit der Topologie zur induzierten
Metrik ubereinstimmt.
Beispiel 6.5.14. Gegeben eine Teilmenge D R und eine Abbildung f : D
R ist f stetig an einer Stelle p D im Sinne von 3.1.3 genau dann, wenn
sie stetig ist bei p im topologischen Sinne fur die auf D induzierte Topologie.
Desgleichen ist unsere Abbildung stetig im Sinne von 3.1.3 genau dann, wenn
sie stetig ist im topologischen Sinne.
Ubung 6.5.15. Man zeige fur jeden topologischen Raum: Der Schnitt von
zwei Umgebungen eines Punktes ist wieder eine Umgebung besagten Punk-
tes. Jede Umgebung eines Punktes kann verkleinert werden zu einer offenen
Umgebung desselben Punktes.
244 KAPITEL II. FUNKTIONEN EINER VERANDERLICHEN
Ubung 6.5.16. Eine Teilmenge eines topologischen Raums ist offen genau
dann, wenn sie fur jeden ihrer Punkte eine Umgebung ist.
Ubung 6.5.17. Sei X ein topologischer Raum und U X eine offene Teilmen-
ge. So ist eine Teilmenge M U offen in U genau dann, wenn sie offen ist in
X. In Formeln gilt unter der Voraussetzung U X fur Teilmengen M U
also (M U M X).
6.5.19. Insbesondere gilt das auch fur einen Abbildung zwischen metrischen
Raumen.
schlicht alle Teilmengen als offen ansehen. Einen topologischen Raum mit
der diskreten Topologie nennen wir auch kurz einen diskreten Raum.
Beispiele 6.5.23. Jede konstante Abbildung ist stetig. Die Identitat auf einem
topologischen Raum ist immer stetig. Jede Abbildung in einen Raum mit
der Klumpentopologie ist stetig. Jede Abbildung aus einem Raum mit der
diskreten Topologie ist stetig.
Erganzende Ubung 6.5.24. Auf jeder Menge kann man die koendliche To-
pologie erklaren durch die Vorschrift, da auer der leeren Menge nur die
Komplemente endlicher Mengen offen sein sollen.
Erganzende Ubung 6.5.25. Auf jeder partiell geordneten Menge kann man
die Ordnungstopologie, auch genannt Alexandroff-Topologie, erklaren
durch die Vorschrift, da genau die Teilmengen offen sein sollen, die mit
einem Element auch jedes kleinere Element enthalten. Genau dann entsteht
eine Topologie in dieser Weise aus einer partiellen Ordnung, wenn es fur jedes
Element eine kleinste offene Menge gibt, die es umfat.
Definition 6.5.26. Eine Teilmenge M eines topologischen Raums X heit
abgeschlossen oder praziser abgeschlossen in X und wir schreiben in
Formeln M X genau dann, wenn ihr Komplement X\M offen ist.
V
6.5.27. Wenn wir eine Menge einfach nur abgeschlossen nennen, so in der
Hoffnung, dem Leser sei klar, in Bezug auf welchen groeren Raum X dies
abgeschlossen gemeint ist. Ist X ein topologischer Raum und sind M
Y X Teilmengen, so meint M V Y , da M abgeschlossen ist als Teilmen-
ge des Raums Y mit seiner induzierten Topologie 6.5.10. Die Terminologie
kommt vom Fall metrischer Raume her, in dem die Komplemente offener
Mengen gerade diejenigen Teilmengen waren, die abgeschlossen sind unter
dem Bilden von Grenzwerten.
Ubung 6.5.28. Gegeben ein topologischer Raum X mit einer Teilmenge Y
zeige man: A Y B X mit A = B Y .
V V
Diese Formel gilt ganz allgemein fur jedes System M P(X) von Teilmen-
gen einer Menge X.
Definition 6.5.31. Gegeben ein topologischer Raum X und eine Teilmenge
M X gibt es stets eine kleinste abgeschlossene Teilmenge von X, die M
umfat, namlich den Schnitt uber alle abgeschlossenen Teilmengen von X,
die M umfassen. Wir notieren diesen Schnitt ClX (M ) = Cl(M ) = M und
nennen sie den Abschlu von M oder genauer den Abschlu von M in
X.
6.5.32. Diese Notation beit sich mit unserer Notation R fur die erweiterten
reellen Zahlen. Ich hoffe, da der Leser aus dem Kontext erschlieen kann,
was jeweils gemeint ist. Immerhin ist R auch der Abschlu von R in den
erweiterten reellen Zahlen mit ihrer Topologie aus 6.5.9.
6.5.33. Eine Abbildung ist stetig genau dann, wenn darunter das Urbild jeder
abgeschlossenen Menge abgeschlossen ist: Das folgt unmittelbar aus dem ent-
sprechenden Satz 6.5.18 fur offene Mengen, da das Urbild des Komplements
einer Menge stets das Komplement ihres Urbilds ist.
Beispiel 6.5.34. Wir geben einen neuen Beweis fur die Erhaltung von Un-
gleichungen im Grenzwert 2.1.35, der zwar nur fur reelle Folgen mit reellen
Grenzwerten funktioniert, aber dafur viele Moglichkeiten der Verallgemeine-
rung aufzeigt. Zunachst ist die Menge H = {(x, y) R2 | x y} abgeschlos-
sen in R2 nach 6.5.33 als Urbild der abgeschlossenen Menge [0, ) R unter
V
Beweis. Ist f stetig, so sind alle f |U stetig als Verknupfung von f mit der
stetigen Inklusion U , X. Sind andererseits alle f |U stetig, so ist fur alle
W Y und alle U U das Urbild f 1 (W ) U offen in U , nach 6.5.17
ist also f 1 (W ) U sogar offen in X, und damit ist dann naturlich auch
6. STETIGKEIT IN MEHREREN VERANDERLICHEN 247
f 1 (B) abgeschlossen ist in X. Da aber gilt f 1 (B) = f11 (B) . . . fn1 (B)
und fi1 (B) Ai nach Annahme folgt die Proposition aus 6.5.29 und den
V
Definitionen.
genau dann, wenn jede Umgebung von b fast alle Glieder unserer Folge ent-
halt. Gleichbedeutend konnen wir ebensogut auch fordern, da jede offene
Menge um b fast alle Glieder unserer Folge enthalt.
SkriptenBilder/BildHauR.png
Ubung 6.6.4. Konvergiert eine Folge von stetigen Funktionen von einem to-
pologischen Raum in einen metrischen Raum gleichmaig, so ist auch die
Grenzfunktion stetig. Hinweis: Man kopiere den Beweis von 5.1.10.
Definition 6.6.5. Ein Punkt eines topologischen Raums heit ein Hau-
fungspunkt genau dann, wenn jede seiner Umgebungen auch noch andere
Punkte unseres Raums enthalt, wenn also in anderen Worten die nur aus
besagtem Punkt bestehende Menge nicht offen ist. Ist D X eine Teilmen-
ge eines topologischen Raums und p X ein Haufungspunkt von D {p}
im Sinne der vorhergehenden Definition, so sagen wir auch, p sei ein ein
Haufungspunkt von D in X oder p X sei ein Haufungspunkt von
D. Will ich betonen, da ich einen Haufungspunkt von D in D meine, so
spreche ich auch von einem internen Haufungspunkt von D.
genau dann, wenn es fur jede Umgebung W des Grenzwerts b eine Umgebung
W 0 des Punktes p gibt mit f (W 0 \p) W .
Ubung 6.6.10. Auch in der Allgemeinheit von 6.6.8 ist der Grenzwert eindeu-
tig, wenn er existiert und der Wertebereich Hausdorff ist.
Ubung 6.6.11. Seien X, Y topologische Raume, p X ein Haufungspunkt
und f : X Y eine Abbildung. Man zeige, da auch in dieser Allgemein-
heit limxp f (x) = f (p) gleichbedeutend ist zur Stetigkeit von f bei p. Man
diskutiere des weiteren Analoga zu 3.3.21.
Ubung 6.6.12. Seien X ein topologischer Raum, p X ein Haufungspunkt
und fi : X\p Yi Abbildungen in metrische Raume fur 1 i n. Sei
Y = Y1 . . . Yn das Produkt und f = (f1 , . . . , fn ) : X Y . So ist
limxp f (x) = b fur b = (b1 , . . . , bn ) gleichbedeutend zu limxp fi (x) = bi i.
Ubung 6.6.13 (Quetschlemma). Seien X ein topologischer Raum, p X
ein Haufungspunkt und f, g, h : X\p R Funktionen mit der Eigenschaft
f (x) g(x) h(x) x X\p. So folgt aus limxp f (x) = b = limxp h(x)
bereits limxp g(x) = b.
Ubung 6.6.14. Im Fall einer Abbildung in einen metrischen Raum mit Metrik
d ist limxp f (x) = y gleichbedeutend zu limxp d(f (x), y) = 0.
Erganzung 6.6.15. Gegeben Abbildungen f : X Y , g : X Z von
topologischen Raumen mit Y Hausdorff und Punkte x X, y Y , z Z
findet man manchmal die Notation
lim f (x) = y
g(x)z
Das soll dann bedeuten, da es fur jede Umgebung U von y eine Umgebung
V von z gibt mit g(x) (V \z) f (x) U . Zum Beispiel gilt fur jedes nicht
konstante Polynom P : C C die Formel lim|z| |P (z)| = .
Erganzung 6.6.16. Um durchgehend mit topologischen Raumen arbeiten zu
konnen, muten wir nun erklaren, wie das Produkt zweier topologischer Rau-
me mit einer Topologie zu versehen ist, und allerhand Eigenschaften wie et-
wa das Analogon der Komponentenregel prufen. Das alles werde ich vorerst
vermeiden und erst in VI.3 diskutieren, weil ich furchte, den Sinn dieser Ab-
straktionen hier noch nicht ausreichend begrunden zu konnen.
6.7.2. Eine Teilmenge A eines metrischen Raums nennen wir kompakt oder
auch ein Kompaktum genau dann, wenn sie kompakt ist als metrischer
Raum mit der induzierten Metrik, wenn also jede Folge in A eine Teilfolge
besitzt, die gegen einen Punkt aus A konvergiert.
Ubung 6.7.3. Endliche Vereinigungen kompakter Teilmengen eines metri-
schen Raums sind stets wieder kompakt.
6.7.4. Jeder kompakte metrische Raum ist beschrankt. Ist in der Tat ein
Raum nicht beschrankt, so finden wir darin eine Folge xn mit d(x0 , xn ) n,
und diese Folge kann nach 6.3.8 keine konvergente Teilfolge haben.
Proposition 6.7.5. Jedes endliche Produkt von kompakten metrischen Rau-
men ist kompakt.
Beweis. Sei X = X1 . . . Xn mit kompakten Xi . Sei eine Folge in X ge-
geben. Da X1 kompakt ist, finden wir eine Teilfolge unserer Folge, die in der
ersten Koordinate konvergiert. Da auch X2 kompakt ist, finden wir von die-
ser Teilfolge hinwiederum eine Teilfolge, die auch in der zweiten Koordinate
konvergiert. Indem wir so weitermachen, finden wir schlielich eine Teilfolge,
die in jeder Koordinate konvergiert. Diese Teilfolge konvergiert dann nach
6.3.3 auch in X.
Lemma 6.7.6. Eine kompakte Teilmenge eines metrischen Raums ist stets
abgeschlossen.
Beweis. Sei X unser Raum und A X unsere Teilmenge. Ist A nicht ab-
geschlossen, so gibt es eine Folge in A, die gegen einen Punkt aus X\A
konvergiert. Solch eine Folge kann aber unmoglich eine Teilfolge haben, die
gegen einen Punkt aus A konvergiert.
Ubung 6.7.7. Eine Teilmenge eines kompakten metrischen Raums ist kom-
pakt genau dann, wenn sie abgeschlossen ist.
Satz 6.7.8 (Heine-Borel). Eine Teilmenge des Rn ist kompakt genau dann,
wenn sie beschrankt und abgeschlossen ist.
Beweis. Nach 6.7.4 und 6.7.6 ist eine kompakte Teilmenge eines metrischen
Raums stets beschrankt und abgeschlossen. In der anderen Richtung wissen
wir schon, da fur jedes k 0 das Intervall [k, k] kompakt ist. Falls ei-
ne Teilmenge A Rn beschrankt ist, finden wir ein k mit A [k, k]n .
Nach 6.7.5 ist nun [k, k]n kompakt, und als abgeschlossene Teilmenge eines
kompakten Raums ist nach 6.7.3 dann auch A selbst kompakt.
Beispiel 6.7.9. Die Menge [0, 1] Q ist abgeschlossen in Q und beschrankt,
ist aber nicht kompakt fur die induzierte Metrik.
252 KAPITEL II. FUNKTIONEN EINER VERANDERLICHEN
Beweis. Mutatis mutandis zeigt das der Beweis von Satz 3.4.11.
Erganzende Ubung 6.7.15. Ist in einem metrischen Raum eine abzahlbare
T Fa-
milie kompakter Teilmengen (Kn )nN gegeben mit leerem Schnitt nN Kn =
, so gibt es schon ein N mit K0 . . . KN = . Das wird verallgemeinert
auf den Fall beliebiger Familien in 6.10.8.
Erganzende Ubung 6.7.16. Sei (X, d) ein metrischer Raum, K X kompakt
und A X abgeschlossen mit A K = . So gibt es > 0 mit d(x, y)
fur alle x A, y K.
Erganzende Ubung 6.7.17. Man zeige, da man auf dem Raum Ens(N, {W, Z})
aller Folgen in der zweielementigen Menge {W, Z} eine Metrik erklaren kann
durch die Vorschrift d(, ) = 2n fur n N die kleinste Zahl mit (n) 6=
6. STETIGKEIT IN MEHREREN VERANDERLICHEN 253
(n), bzw. d(, ) = 0 falls = . Man zeige weiter, da der so gebildete me-
trische Raum kompakt ist. Nebenbei bemerkt denke ich bei W an Wappen
und bei Z an Zahl und bei der Ubung an Anwendungen in der Wahrschein-
lichkeitstheorie.
(p) (q) =
~ (p q) p, q E
Ubung 6.8.9. Jede Verknupfung affiner Abbildungen ist affin. Der lineare An-
teil einer Verknupfung affiner Abbildungen ist die Verknupfung ihrer linearen
Anteile.
Definition 6.9.2. Sei V ein reeller Vektorraum. Eine Norm auf V ist eine
Abbildung k k : V R0 , v 7 kvk derart, da gilt:
1. kvk = || kvk v V, R;
2. kvk = 0 v = 0;
3. kv + wk kvk + kwk v, w V .
Unter einem normierten Vektorraum versteht man ein Paar (V, k k) be-
stehend aus einem Vektorraum V und einer Norm k k auf V .
Erganzung 6.9.3. Fur Leser, die schon mit komplexen Zahlen vertraut sind,
sei noch erwahnt, da man von einer Norm auf einem komplexen Vektorraum
starker fordert, da die erste Bedingung sogar fur alle C gelten soll, wobei
|| als die Norm der komplexen Zahl im Sinne von ?? zu verstehen ist.
6.9.4. Jeder normierte Vektorraum wird ein metrischer Raum vermittels der
durch die Norm induzierten Metrik
d(v, w) = kv wk
Beispiel 6.9.8. Auf dem Rn fur n > 0 definiert man die Maximumsnorm
von v = (v1 , . . . , vn ) durch |v| = kvk = max(|v1 |, . . . , |vn |). Auf dem Raum
V = Ensb (D, R) aller beschrankten reellwertigen Funktionen auf einer Menge
D haben wir die Supremumsnorm, gegeben fur D 6= durch
kf k = sup{|f (x)| | x D}
und im Fall D = als die einzig mogliche Norm auf dem Nullraum. Fur eine
endliche Menge D mit n Punkten erhalten wir unsere Maximumsnorm auf
dem Rn als Spezialfall der Supremumsnorm. Noch allgemeiner definieren wir
fur jeden normierten Vektorraum (W, | |) auf dem Raum V = Ensb (D, W )
aller beschrankten Abbildungen von D nach W die Supremumsnorm durch
kf k = sup{|f (x)| | x D} im Fall D 6= und im Fall D = als die einzig
mogliche Norm auf dem Nullraum. Die zu unserer Supremumsnorm gehorige
Metrik ist in allen diesen Fallen die Metrik der gleichmaigen Konvergenz.
Beispiel 6.9.9. Sind V1 , . . . , Vn normierte Vektorraume, so erklaren wir die
Produktnorm auf ihrem Produkt V1 . . . Vn fur n > 0 durch die Vor-
schrift k(v1 , . . . , vn )k = sup kvi k. Offensichtlich induziert die Produktnorm
die Produktmetrik.
Ubung 6.9.10. Gegeben ein normierter Vektorraum (V, k k) sind die folgenden
Abbildungen stetig: Die Norm k k : V R, die Addition V V V , und
die Multiplikation mit Skalaren R V V . Ist unsere Norm die euklidische
Norm zu einem Skalarprodukt V V R, so ist auch dies Skalarprodukt
stetig. Leser, die bereits mit komplexen Zahlen vertraut sind, zeigen Analoges
auch fur komplexe Vektorraume.
Erganzende Ubung 6.9.11 (Einparameteruntergruppen normierter Vek-
torraume). Die stetigen Gruppenhomomorphismen von der additive Grup-
pe der reellen Zahlen in einen normierten Vektorraum sind genau die linearen
Abbildungen. Hinweis: 3.3.26.
Erganzende Ubung 6.9.12. In einem normierten reellen Vektorraum ist jede
nichtleere offene Teilmenge bereits ein Erzeugendensystem.
Satz 6.9.13 (Stetigkeit linearer Abbildungen). Eine lineare Abbildung
zwischen normierten Vektorraumen f : V W ist stetig genau dann, wenn
es eine Konstante C 0 gibt derart, da gilt
kf (v)k Ckvk v V
6.9.14. Sie werden in 6.9.23 zeigen, da lineare Abbildungen von einem end-
lichdimensionalen normierten Vektorraum in einen beliebigen weiteren nor-
mierten Vektorraum immer stetig sind.
6. STETIGKEIT IN MEHREREN VERANDERLICHEN 257
Ubung 6.9.15. Man zeige: Jede stetige lineare Abbildung zwischen normierten
Vektorraumen ist gleichmaig stetig.
Ubung 6.9.16. Die Menge aller stetigen reellwertigen Funktionen auf einem
Raum X notiere ich C(X, R). Das C steht hier fur englisch continous und
franzosisch continu. Man zeige: Versehen wir die Menge C([a, b], R) aller
stetigen reellwertigen Funktionen auf einem kompakten reellen Intervall [a, b]
Rb
mit der Supremumsnorm, so wird das Integral f 7 a f (t) dt eine stetige
Abbildung C([a, b], R) R.
Ubung 6.9.17. Bezeichnet C 1 ([a, b], R) C([a, b], R) den Teilraum der einmal
stetig differenzierbaren Funktionen, so ist das Ableiten f 7 f 0 keine stetige
Abbildung C 1 ([a, b], R) C([a, b], R).
Ubung 6.9.18. Seien U , V , W normierte Vektorraume. Eine bilineare Abbil-
dung F : U V W ist stetig genau dann, wenn es eine Konstante C > 0
gibt mit kF (u, v)k Ckukkvk. Man formuliere und beweise die analoge Aus-
sage auch fur multilineare Abbildungen.
Ubung 6.9.19. Gegeben eine Menge D und ein normierter Vektorraum V
erklare man auf dem Raum Ensb (D, V ) der beschrankten Abbildungen D
V eine Norm derart, da die zugehorige Metrik die Metrik der gleichmaigen
Konvergenz aus 6.3.5 wird.
SkriptenBilder/BildAQN.png
kvk = kv1 e1 + . . . + vn en k
|v1 | k e1 k + . . . + |vn | k en k
|v| C
K = {v Rn | |v| = 1}
| |-kompakt nach 6.7.8 und nicht leer falls gilt n 1. Nach 6.7.11 nimmt
folglich die Funktion k k auf K ein Minimum a an, und da K nicht den
Nullvektor enthalt, ist dies Minimum notwendig positiv, a > 0. Wir folgern
zunachst einmal a|v| kvk fur alle v K, dann gilt aber naturlich auch
a|v| kvk fur alle R und v K, also a|w| kwk w Rn . Mit
c = 1/a gilt also |w| ckwk w Rn .
Variante zum Schlu des vorhergehenden Beweises. Statt mit Kompaktheit
zu argumentieren, kann man hier alternativ auch mit Induktion uber n und
Vollstandigkeit argumentieren, was uns insbesondere beim Beweis der Ver-
allgemeinerung ?? helfen wird. Die Argumentation verlauft dann wie folgt:
Wir betrachten die affinen Hyperebenen Hi = {x | xi = 1}. Aus der In-
duktionsannahme konnen wir durch Widerspruch folgern, da es positive
Konstanten ai > 0 gibt mit
ai kwk w Hi
6.9.21 uber die Aquivalenz von Normen ist sie dann notwendig offen fur je-
de von einer Norm induzierte Metrik. Die so erklarten offenen Teilmengen
bilden die sogenannte naturliche Topologie auf unserem endlichdimensio-
nalen reellen Raum.
Ubung 6.9.23. Jede lineare Abbildung von einem endlichdimensionalen Vek-
torraum in einen normierten Vektorraum W ist stetig. Sind allgemeiner end-
lichdimensionale Vektorraume V1 , . . . , Vn gegeben, so ist jede multilineare Ab-
bildung V1 . . . Vn W stetig.
Definition 6.9.24. Ist f : V W eine stetige lineare Abbildung normierter
Vektorraume, so heit die kleinstmogliche Konstante C 0 wie in 6.9.13 auch
die Operatornorm kf k von f , in Formeln
kf k = sup{kf (v)k | kvk 1}
Ubung 6.9.25. Sind f : V W und g : W X stetige Abbildungen
zwischen normierten Vektorraumen, so gilt kg f k kgkkf k.
6.9.26. Die stetigen linearen Abbildungen zwischen normierten Vektorrau-
men V, W nennt man auch beschrankte Operatoren, da sie nach 6.9.13
genau die linearen Abbildungen sind, die den Einheitsball auf eine beschrank-
te Menge abbilden. Ich notiere die Menge aller solchen Abbildungen B(V, W )
oder auch BR (V, W ), wenn ich besonders betonen will, da reell-lineare Ab-
bildungen gemeint sind und nicht etwa komplex-lineare Abbildungen, wie
wir sie spater fur gewohnlich betrachten werden. Ich werde die Notation B
benutzen, die Terminologie jedoch vermeiden und nach Moglichkeit von ste-
tigen Operatoren reden, da diese ja keineswegs beschrankte Abbildungen
im Sinne von 6.3.4 zu sein brauchen.
Ubung 6.9.27. Man zeige: Der Raum B(V, W ) aller stetigen linearen Abbil-
dungen zwischen normierten Vektorraumen V, W ist ein Untervektorraum
im Raum Hom(V, W ) aller linearen Abbildungen von V nach W , und die in
6.9.24 eingefuhrte Abbildung f 7 kf k ist eine Norm auf B(V, W ).
Erganzende Ubung 6.9.28. Sind normierte Vektorraume V1 , . . . , Vn und W
gegeben und ist f : V1 . . . Vn W eine stetige multilineare Abbildung,
so heit die kleinstmogliche Konstante C 0 wie in 6.9.18 die Norm von f
und wird notiert
kf k = sup{kf (v1 , . . . , vn )k | kvi k 1}
Man zeige, da wir so eine Norm auf dem Vektorraum B(V1 , . . . , Vn ; W ) aller
stetigen multilinearen Abbildungen erhalten. Weiter zeige man: Die offen-
sichtliche Abbildung liefert einen Isomorphismus von normierten Raumen
B(V1 , B(V2 , . . . , Vn ; W )) B(V1 , . . . , Vn ; W )
6. STETIGKEIT IN MEHREREN VERANDERLICHEN 261
6.10.4. Ich hoffe, da Sie im weiteren Verlauf dieser Vorlesung noch sehen wer-
den, wie wichtig diese Charakterisierung der Kompaktheit ist. Im Kontext to-
pologischer Raume wird Satz 6.10.3 die Definition der Kompaktheit VI.3.3.1:
Ein topologischer Raum heit kompakt oder manchmal auch ausfuhrlicher
uberdeckungskompakt genau dann, wenn jede offene Uberdeckung unse-
res Raums eine endliche Teiluberdeckung besitzt. In der franzosischen Li-
teratur bezeichnet man diese Eigenschaft eines topologischen Raums meist
abweichend als quasikompakt und fordert von einem kompakten Raum zu-
satzlich die Hausdorff-Eigenschaft. Topologische Raume mit der Eigenschaft,
da jede Folge eine konvergente Teilfolge besitzt, heien dahingegen folgen-
kompakt.
Erganzung 6.10.5. Ein Beispiel fur einen uberdeckungskompakten aber nicht
folgenkompakten topologischen Raum finden Sie in VII.4.15.7, ein Beispiel
fur einen folgenkompakten aber nicht uberdeckungskompakten topologischen
Raum in VI.17.4.8 oder ??. Besitzt ein uberdeckungskompakter topologischer
Raum die zusatzliche Eigenschaft, da man fur jeden seiner Punkte eine
Folge von Umgebungen derart finden kann, da jede seiner Umgebungen
mindestens eine Umgebung dieser Folge umfat, so ist er auch folgenkompakt
mit demselben Argument, wie wir es im Beweis des Satzes verwenden.
6.10.6. Sei X eine Menge. Unter einer Uberdeckung einer Teilmenge
Y X durch
S Teilmengen von X versteht man ein Mengensystem U P(X)
mit Y U U U . Man folgert leicht aus 6.10.3, da eine Teilmenge Y eines
metrischen Raums X kompakt ist genau dann, wenn jede Uberdeckung von
Y durch offene Teilmengen von X eine endliche Teiluberdeckung besitzt.
262 KAPITEL II. FUNKTIONEN EINER VERANDERLICHEN
SkriptenBilder/BildUb.png
Beweis. Sei X ein metrischer Raum. Ist X nicht kompakt, so finden wir in
X eine Folge ohne konvergente Teilfolge. Dann besitzt jeder Punkt von X
eine offene Umgebung, die nur endlich viele Folgenglieder enthalt, und alle
diese offenen Umgebungen bilden eine offene Uberdeckung von X ohne end-
liche Teiluberdeckung. Das zeigt die eine Richtung. Den Beweis der anderen
Richtung beginnen wir mit einem Lemma, das auch fur sich genommen oft
hilfreich ist.
Lemma 6.10.7 (Uberdeckungssatz von Lebesgue). Ist X ein kompakter
metrischer Raum und U eine offene Uberdeckung von X, so gibt es ein > 0
derart, da fur alle Punkte x X der -Ball B(x; ) um x ganz in einer der
uberdeckenden offenen Mengen U U enthalten ist.
Erster Beweis. Gabe es kein solches > 0, so konnten wir fur jedes n N1
einen Punkt xn X finden derart, da B(xn ; 1/n) in keinem U U enthalten
ware. Durch Ubergang zu einer Teilfolge konnten wir ohne Beschrankung der
Allgemeinheit zusatzlich annehmen, da die Folge der xn konvergiert, etwa
gegen x X. Nun finden wir jedoch ein U U mit x U und dazu > 0
mit B(x; ) U und dazu N mit d(xN , x) < /2 und 1/N < /2, und dann
galte B(xN ; 1/N ) B(xN ; /2) B(x; ) U im Widerspruch zur Wahl der
xn .