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7 Sprachkritik, Sprachskepsis, Sprachnot
1.7 Sprachkritik, Sprachskepsis, Sprachnot
Unter Sprachkritik versteht man im Allgemeinen die wertende Auseinandersetzung
mit der geltenden Norm und der aktuellen Verwendung einer Sprache. Ein aktuelles
Beispiel dafr wre die bis heute anhaltende Kritik an der Einfhrung einer neuen
deutschen Sprachnorm durch die Rechtschreibreform zwischen 1996 und 2006. In
der Regel beziehen sich sprachkritische uerungen und Verffentlichungen auf
die Vernderungen, Tendenzen und Aufflligkeiten im aktuellen Sprachgebrauch
und alle Formen der Sprachlenkung, die das Denken und die Einstellung der Sprachteilnehmer beeinflussen sollen und die meist politisch motiviert sind. Dazu gehren:
offizielle Sprachregelungen in Bezug auf Einzelbegriffe mit meist wertender
Intention (so waren nach 1949 in der Bundesrepublik fr die DDR Begriffe wie
Zone, Mitteldeutschland oder sogenannte DDR blich; anderes Beispiel:
Fremdarbeiter-Gastarbeiter-auslndischer Arbeitnehmer),
die Definitionsbegrenzung (verordnete Begriffseinengungen: z.B. NS-Zeit: Propaganda Reichsminister fr Volksaufklrung und Propaganda),
die Tabuisierung (Verbot, Meidung von Einzelwrtern) und
der Euphemismus (Freistellung fr Entlassung).
Sprachkritik richtet sich auch auf die Verwendungsgeschichte (Dirne, geil) und
den Missbrauch einzelner Wrter.
Sinn dieser Kritik ist zumeist die Warnung vor einem oder der Hinweis auf einen
Sprachwandel mit dem Ziel, den Bestand der MutterspraSprachpurismus
che zu pflegen und diesen vor fr unangemessen gehaltenen Vernderungen zu bewahren (Sprachpurismus).
Hier ist zwischen der wissenschaftlichen Sprachkritik und ihrer populrwissenschaftlichen Tochter, die oft eher Unterhaltungscharakter hat, zu unterscheiden. So finden
sich auf dem Buchmarkt diverse populr gehaltene Stilratgeber (z.B. von Bastian
Sick: Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod).
Sprachskepsis ist kein wissenschaftlicher Terminus, sondern ein literarhistorischer
und bezeichnet die am Ende des 19. Jahrhunderts aufkommenden Formen des Zweifels an der Leistungsfhgkeit der Sprache (vgl. den Zusammenhang von SpracheDenken-Wirklichkeit). Daraus erwuchs auch die Sprachnot.
Sprachnot ist ebenfalls kein linguistischer Begriff. Er bezieht sich wie der Begriff
Sprachskepsis auf eine besondere sprachkritische und literarische Situation zu Ende
des 19. Jahrhunderts, in der Autoren ein Problem darin sahen, ihrer individuellen
Sicht der Wirklichkeit und ihren vermeintlich neuartigen Gedanken mittels einer allgemeinen, verbrauchten, konventionellen und in ihren Nuancen bereits belasteten
Sprache angemessenen Ausdruck verleihen zu knnen. Auslser fr diese Verunsicherung war neben dem Siegeszug der Naturwissenschaften mit ihren Fachsprachen
v.a. der Aufstieg des Massenmediums Tageszeitung. Man frchtete in dieser Krise,
mit seiner Ausdrucksabsicht an den bereitstehenden Standardisierungen, Worthlsen und Denkschablonen zu scheitern und ersehnte neue Ausdrucksformen. In diesen Zusammenhang ist der Chandos-Brief von Hugo von Hofmannsthal zu stellen.
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1.7.1 Hugo von Hofmannsthal, Chandos-Brief in Auszgen (als gemeinsamer Bezugstext)
1.7.1Hugo von Hofmannsthal, Chandos-Brief in Auszgen
(als gemeinsamer Bezugstext)
Der Autor
Der sterreichische Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal (18741929) entstammte
einer multikulturellen, aber verarmten Aristokratenfamilie. Als exzellenter Schler
machte er schon frh mit Gedichten von sich reden, studierte in Wien Jura und franzsische Philologie, promovierte 1898 und reichte 1901 sogar seine Habilitationsschrift ein. Dann entschied er sich berraschend gegen den akademischen Lehrberuf, heiratete, wurde freier Schriftsteller und verffentlichte Dramen und
Erzhlungen. Um 1900 fiel er in eine Krise, weil er an den
Krise um das Jahr 1900
ihm verbleibenden Ausdrucksmglichkeiten der Sprache
verzweifelte. In diesem Zusammenhang verfasste der
28-jhrige Hofmannsthal seinen autobiografisch gefrbten Brief des Lord Chandos
an Francis Bacon (auch: Ein Brief).
Daten zum Text
Textsorte
fiktiver Brief: Reflexion
Entstehungszeit
Sommer 1902
Erscheinungsort
18./19.10.1902, Der Tag (Berliner Tageszeitung)
Einordnung
Fin de Sicle
Thema
Krise des sprachlichen Ausdrucks; poetologisches Manifest der Poesie
Inhalt
Der fiktive 26-jhrige Philip Lord Chandos, jngerer Sohn des Earl of Bath, entschuldigt am 22. August 1603 gegenber seinem geistigen Mentor Francis Bacon sein literarisches Schweigen mit einer zweijhrigen Schaffenskrise. Er blickt auf seine erfolgreichen Verffentlichungen als 19-jhriger und seine Eindrcke auf einer
Venedigreise als 23-jhriger zurck und erinnert sich seiner vor Schaffenslust trunkenen Plne, ber Heinrich VIII. zu schreiben sowie Fabeln, mythische Erzhlungen und
eine Sammlung von Sentenzen und Reflexionen unter dem Titel Nosce te ipsum
(Erkenne dich selbst) zu verfassen. Zu dieser Zeit vermochte er, alle Erscheinungen
der erlebbaren Welt als Einheit aufzufassen und sich mit
Verlust der Einheit
ihr zu identifizieren. Nun sind ihm der religise wie der
weltliche Glaube an eine solche Einheit abhanden gekommen, ja sogar die Fhigkeit, ber irgendetwas zusammenhngend zu denken
oder zu sprechen28.
28 Hugo von Hofmannsthal: Der Brief des Lord Chandos. Schriften zur Literatur, Kunst und Geschichte. Hrsg. v. Mathias
Mayer. Stuttgart: Reclam, 2000. S.50.
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1.7.1 Hugo von Hofmannsthal, Chandos-Brief in Auszgen (als gemeinsamer Bezugstext)
Er erinnert sich des Beginns seiner Krise, die bei der Verwendung von Abstrakta und
Begriffen des ffentlichen Lebens anfing, sich ber die Unsicherheit im Umgang mit
dem Wahrheitsbegriff fortsetzte und letztlich selbst familire und alltgliche Gesprche erfasste: Er sah sich auerstande, Urteile zu fllen und die ihn umgebende
Welt sprachlich zu ordnen: die abstrakten Worte () zerfielen mir im Munde wie
modrige Pilze.29 Der Versuch, sich in die geordnete und berschaubare Begriffswelt
der Antike zu retten, misslang. Er sieht sich seitdem erfllt von einer sprachlichen
Leere, die ihm nicht gestattet, einfachste Situationen und Verhltnisse zu beschreiben. Sprache erscheint ihm wie vergiftet, und er selbst fhlt sich innerlich ohnmchtig und verzweifelt.
Er sehnt sich danach, seinen tiefen Empfindungen und seinen Anteil nehmenden
Eindrcken Ausdruck zu verschaffen. Alles, auch das Niedrigste, erscheint ihm gleichwertig und ausdruckswrdig. Er meint, dieser Welt nur durch eine kunstsprachliche
Welt von Chiffren gerecht werden zu knnen, da die
Die Sprache der
natrliche Sprache versagt. Am Beispiel der belchelten
stummen Dinge
Liebe des Crassus (ein rmischer Staatsmann) zu seiner
Morne verdeutlicht er sein Verlangen nach einer mystisch erhabenen Offenbarung des Einfachen, Banalen und Hsslichen und nach der
Sprache, in welcher die stummen Dinge zu mir sprechen.30 Da ihm diese nicht
gegeben ist, werde er wohl in keiner Sprache mehr schreiben knnen.
Analyse und Interpretation
Der Schreibstil des Briefes widerlegt seine inhaltliche Aussage. Mit groem rheto
rischen Geschick, sprachlichen Feinheiten, eindringlicher Bildhaftigkeit und raffiniertem zeitgenssischen Dekor beweist der Briefschreiber, dass ihm sehr wohl die
Sprache mit all ihren Mglichkeiten als Ausdruckskraft zur Verfgung steht. Der
Brief rechtfertigt vielmehr einen poetologischen Paradigmenwechsel. Die Position
eines naiven Realismus hinsichtlich der sprachlichen AbJenseits eines naiven
bildbarkeit von Welt und Wirklichkeit wird aufgegeben
Realismus
und ersetzt durch ein neues Darstellungssystem, das zwischen der Welt und ihrer sprachlichen Abbildung die individuelle Mittlerwelt des empfindenden Knstlers setzt. Diese Vermittlungsinstanz
benutzt zwar auch das Zeichensystem der natrlichen Sprache, aber in einem vom
Knstler individuell gestalteten System der Zuordnung von Bezeichnetem und Ausdruck.
Hugo von Hofmannsthal markiert mit diesem Brief den poetologischen Wendepunkt vom Realismus bzw. Naturalismus des 19. Jahrhunderts zu den Schreibweisen
der Moderne, wie sie sich im Symbolismus, Impressionismus und spter im Expressionismus artikulieren sollten.
29 Ebd., S.51.
30 Ebd., S.59.
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1.7.2 Sprachskepsis: Gedichte und Sachtexte zum Thema
1.7.2 Gedichte und Sachtexte zum Thema
Es gibt natrlich eine Vielzahl von mglichen Sachtexten und Gedichten zum Thema
Sprache.
Aus dem Bereich der Gedichte drngen sich Autoren auf wie:
R.M. Rilke, Ich frchte mich so vor der Menschen Wort,
St. George, Das Wort,
G. Benn, Worte,
P. Celan, Wortaufschttung,
I. Bachmann, Ihr Worte,
E. Fried, Zweifel an der Sprache, u.a.
In ihnen wird zumeist die Problematik des poetischen Schreibens formuliert, das Ringen um den angemessenen Ausdruck und auch die Enttuschung und Verzweiflung
angesichts des eigenen Scheiterns.
Die Anzahl der in Frage kommenden sprachtheoretischen Texte zum Bereich
Sprache-Denken-Wirklichkeit ist Legion. Vielleicht knnte man mit sprach
philosophischen Texten von z.B. L. Wittgenstein, F. Nietzsche, F. Mauthner, E. Sapir,
[Link], A. Schaff, P. Weissgerber oder W. Mues rechnen. Sprachkritische Texte
sollten sich vornehmlich auf den aktuellen Sprachwandel beziehen und knnten aus
vielfltigen Verffentlichungen genommen sein. Texte zum Genderlekt (geschlechts
spezifische Sprache), zur Manipulation des Bewusstseins mittels Sprachlenkung und
zur Soziolinguistik allgemein haben sich hingegen etwas berholt.
Problematisch ist es bei Texten zur Medienkritik. Die interessantesten Texte drften
aufgrund ihres technischen und/oder philosophischen
Konsequenzen der
Anforderungsprofils zu speziell und zu anspruchsvoll
neuen Medien
sein, sodass eher Feuilleton- oder populrwissenschaft
liche Texte zu erwarten sind, die die mglichen Konsequenzen einer intensiven Nutzung der neuen Medien diskutieren wie: Verlust des
traditionellen Wertesystems, soziale Isolation, Steigerung der Gewaltbereitschaft,
aber auch: Frderung der kommunikativen Beziehungen und der interaktiven Intelligenz.
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