Geld, Faust
Geld, Faust
Faust, Geld
Bloe Literatur zu werden, das war die Gefahr, der sich die Literatur am Anfang ihrer frhen Moderne ausgesetzt sah. Nicht blo in
Bchern, auf dem Papier zu stehen, sondern dem Leben, seinen
Affekten und individuellen Regungen zum Ausdruck zu verhelfen,
um selber ins Leben eingreifen zu knnen, diese Absicht charakterisierte den frhen Expressionismus, mit dem sich die deutsche
Literatur in der zweiten Hlfte des achtzehnten Jahrhunderts von
den Musterpoetiken ihrer Tradition und vom drckenden Vorbild
der klassizistischen Nachbarliteraturen zu emanzipieren versuchte. Da sie gegen die mechanisch gewordenen Konventionen, die
literarischen wie die gesellschaftlichen, einer autonomen Stimme
Gehr verschaffen msse, dieser Imperativ entsprang der Erfahrung, da die blo literarisch gewordene Literatur an diagnostischer Kraft und somit an Wirkung eingebt hatte; er hatte aber
zur Konsequenz, da ihr Bruch mit der Konvention selber noch im
Medium dieser Konvention, zumindest im Medium der Literatur
reflektiert und die daraus folgenden sei's komischen, sei's tragischen Konflikte selber zum literarischen Thema werden muten.
Das Axiom, da erst der autonom gewordene sprachliche Akt fhig sei, Wirklichkeit zu erfassen, weil allein er Wirklichkeit zu
setzen vermchte, - dies Axiom der Autoritt des Aktes mute
selber problematisch werden.
Wie die Setzungskraft der Sprache bei ihrem Versuch, sich von
den Beschrnkungen der Konvention zu lsen, in Paradoxien gleitet, die fr sie unauflslich sind, wird in keinem Text der Epoche
mit grerer Prgnanz und in keinem mit einem energischeren
Anspruch auf Universalitt thematisiert als in Goethes Faust".
Der elegischen Verabschiedung des Wissens, die das Drama erffnet - Und sehe, da wir nichts wissen knnen!/Das will mir schier
das Herz verbrennen. (364-65) -, folgt die Wendung zur Sprache
der Magie, damit durch Geistes Kraft und Mund - alle Wirkenskraft und Samen, also der ,logos spermatikos' der Stoa, offenbar
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Abhandlungen
werde (378-84).l Um nicht mehr in Worten kramen (385) zu mssen, die ihr Leben in Bchern und Papier (390), in angeraucht
Papier (405) verloren haben, wendet sich Faust alsbald der Tat und
zwar der Tat des Wortes zu -: dem sprachlichen Handeln in der
Form der Beschwrung, der poetischen Invokation, der bersetzung, der halluzinatorischen Vergegenwrtigung und der Verfhrung2. Faust stellt sich als Protagonist eines universellen Sprachaktivismus dar, der die Defizienz blo reproduktiver und durch
Konventionen beschdigter Erkenntnis durch die originre Kraft
sprachlicher Setzung zu kompensieren und sein eigenes Leben wie
das der Welt und ihrer Erscheinungen in Akten der Sprache zu
fundieren versucht. Fausts Drama ist das Drama von Sprachakten
und ein Drama ist es deswegen, weil diese Akte Aporien erzeugen,
die von der Kraft der setzenden Sprache selber nicht auflsbar
sind. Diese Aporien treten im Ersten Teil auer in der bersetzungs-Szene besonders drastisch in derjenigen hervor, in der Faust
mit Mephisto seine Wette eingeht, in der er also, statt bereits
gegebenen Konventionen blo zu folgen, in der Form des Vertrags
selber eine Konvention begrndet und durch diesen Sprachakt den
Rahmen fr seine weiteren Handlungen definiert. Die spezifische
Struktur dieses Kontrakts determiniert nicht blo Aufbau und
Verlauf des Faust-Dramas, sie mu, wenn schon nicht in jedem
Detail, so doch im Prinzip, die Ethik, die Politik und die konomie der Sprache bestimmen, die in ihm inszeniert wird.
Der Vertrag, den Faust mit Mephisto schliet, hat die Form
einer Wette - und zwar einer Wette, deren Gegenstand die Mglichkeit der Wette selber ist. Faust bestreitet nmlich nicht nur,
da Mephisto ihm irgendetwas geben kann, das fhig wre, sein
Streben zur Ruhe zu bringen, seine Aspirationen zu erfllen und
seine Grenzen, die Grenzen des Menschen, zu definieren; er bestreitet berdies, da die Struktur des Handelns und zunchst des
Die im Text eingeklammerten Zahlen geben die Nummern der Verse des FaustDramas an, das als einziges von Goethes Werken hier nach der Hamburger
Ausgabe (ed. Erich Trunz, Christian Wegner: Hamburg 1963) zitiert wird. Aus
Goethes Werken wird im brigen, wenn nicht anders vermerkt, nach der Berliner Ausgabe" des Aufbau-Verlags (Berlin und Weimar) zitiert. Bei Stellenverweisen folgen der Sigle BA die Band- und die Seitenzahl.
Faust, Geld" wurde im Juli/August 1992 geschrieben.
Zur Tat des Wortes in Fausts Neuschreibung der Bibel, also zur Performativitt
der bersetzung und zu einigen weiteren damit zusammenhngenden Problemen, die hier wieder aufgenommen werden, cf. meine frhere Arbeit Die andere
bersetzung des Wortes", in: Bernhard Minetti/Faust", ed. Gerhard Ahrens,
Berlin: Medusa 1983; pp. 82-92.
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sprachlichen Handelns einen Stillstand, eine konsistente Definition und damit vertragliche Verbindlichkeiten berhaupt zult.
Das also ist die Struktur des Vertrags, den er mit dem Teufel
abschliet: da sein Vertrag - wie jeder - ein Vertrag zwischen
Unvertrglichem, ein sich selbst auflsender und also ein unabschliebarer Vertrag ist. Auf die Ankndigung Mephistos Ich gebe
dir, was noch kein Mensch gesehn repliziert Faust: Was willst du
armer Teufel geben?/Ward eines Menschen Geist, in seinem hohen
Streben,/Von deinesgleichen je gefat?/Doch hast du Speise, die
nicht sttigt, hast/Du rotes Gold, das ohne Rast,/Quecksilber gleich,
dir in der Hand zerrinnt,/Ein Spiel, bei dem man nicht gewinnt,/
[.. J?/Zeig mir die Frucht, die fault, eh' man sie bricht,/Und Baume, die sich tglich neu begrnen! (1674-1687) Mephisto, der pariert Mit solchen Schtzen kann ich dienen, offeriert Faust einen
Tausch nach der simplen Formel ,do ut des', in dem ein quivalent durch ein anderes ersetzt werden soll. Gegenber dem mephistophelischen Quidproquo insistiert Faust darauf, da die Gaben
- und zwar nicht nur die des Teufels, sondern alle - substanzlos,
scheinhaft, flchtig, im strengen Sinn also gar keine Gaben und
folglich auch nicht austauschfhig sind: ihnen gehe die von Mephisto behauptete Qualitt ab, einen bleibenden Genu gewhren und
eine bestndige Habe darstellen zu knnen. Da es ein andres
Spiel als das, bei dem man nicht gewinnt, nicht gibt; da der Teufel
- und deshalb heit er arm" - nichts anderes geben kann als das,
was nicht als Besitz festgehalten werden kann, und also immer
etwas schuldig bleibt; da schlielich Faust selbst in keinem Augenblick sich selber zustimmen, mit sich bereinstimmen, sich
selbst gefallen mag (1695), diese Behauptung einer irreduziblen
Nichtidentitt aller Gter und Verhltnisse ist der einzige Inhalt
des Vertrags, den er mit Mephisto abschliet. Da seine Hand sich
um kein Gold schliet, das erst macht sie zu der des Faust. Die
konomie des Faust ist, in Antiphrase zur Bedeutung seines Namens, die der offenen Hand.3
3
Das gesamte Stck wird von Referenzen auf Fausts Namen durchzogen - von
Anfang an wird Faust als lebende Antithese zur Bedeutung seines Namens im
Lateinischen (faustus, der Glckliche) dargestellt; die Bedeutung des deutschen
Wortes ,Faust* wird regelmig mit Bedrohung und Zerstrung assoziiert. Drei
Beispiele mgen an dieser Stelle gengen: Faust zu Mephisto: So setzest du der
ewig regen,/Der heilsam schaffenden Gewalt/Die kalte Teufelsfaust entgegen,/Die
sich vergebens tckisch ballt! (1379-82); der Geisterchor zu Faust: Du hast sie
zerstrt,/Die schne Welt, /Mit mchtiger Faust;/Sie strzt, sie zerfllt! (1608-11);
im vierten Akt des Faust II" flucht der Kaiser seinem Konkurrenten und Spiegelbild: Sei das Gespenst, das, gegen uns erstanden,/Sich Kaiser nennt und Herr von
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Abhandlungen
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Aus dieser Aporie des Vertrags, des Gesellschaftsvertrags zwischen Faust und seinem Gesellen, aber auch zwischen Faust und
sich selbst, aus dieser mithin fr jede Kommunikation konstitutiven und jede beschdigenden Aporie des Versprechens - und in der
Tat alles Sprechens - mu sich fr Faust die Konsequenz ergeben,
da gerade das schriftlich fixierte Wort ein Wortbruch, aber eben
deshalb die Einhaltung des Versprechens seiner Unfixierbarkeit ist.
Nachdem Faust mit seiner nicht nur rhetorischen Frage Und mich
soll ein Versprechen halten? den Kontrakt mit Mephisto abgelehnt
hat, kann er deshalb fortfahren: Doch dieser Wahn ist uns ins Herz
gelegt, /Wer mag sich gern davon befreien?/Beglckt, wer Treue rein
im Busen trgt/Kein Opfer wird ihn je gereuen! (1721-25) Der
Wahn, da ein Versprechen halten knnte, ist nichts, was den, der
spricht, von auen befallen wrde; er liegt im ,Herzen' des Sprechens selbst und kann deshalb Treue heien. Die Unbestndigkeit
der Worte, von der Fausts Verse handeln, ist also in ihnen selbst am
Werk: was zunchst Wahn heit, wird zwei Zeilen spter treulos
Treue genannt. Diese Treue - sie ist die zur Treulosigkeit und ihr
Begriff ist selber treulos gegenber dem, was er bezeichnet -; diese
Treue braucht ihre Fixierung im kontraktuellen Versprechen nicht
zu scheuen, weil darin nichts anderes als seine Unversicherbarkeit
fixiert wird. Das Opfer des Wortes im schriftlichen Kontrakt ist nur
der Vollzug jener Hinflligkeit, die dem Wort ohnedies eigen ist und
deshalb sein Herz, die Treulosigkeit, nicht berhren kann. Das Wort
erstirbt schon in der Feder (1728) - und kann als derart erstorbenes
fr zwei kontradiktorische Versicherungen gleichzeitig stehen: dafr, da es unwandelbar dasselbe bleibt - denn Die Herrschaft fahren Wachs und Leder (1729), die Embleme rechtlicher Stabilitt -,
und dafr, da es, obzwar erstorben, dennoch lebt, als Gespenst
aufsteht und wandelt und in seinem spektralen berleben seine
eigene und jede Stabilitt zunichte macht: Allein ein Pergament,
beschrieben und beprgt,/Ist ein Gespenst, (.,.) (1726-27). Das
Wort, und besonders das im Versprechen gegebene Wort, der Sprachakt, bedeutet also in jedem Fall etwas anderes, als es vorstellt.
Und zwar bedeutet es sein eigenes Vergehen, das Aussetzen der
Handlung und, da diese Handlung eine Einsetzungshandlung ist,
das Aussetzen der originren Setzung, des Gesellschaftsvertrags der
Sprache selbst.
dem Verhltnis zwischen Sorge und Augenblick in Goethes Drama - unbefriedigt
jeden Augenblick (11452) -: denn Heidegger drfte sich in seiner Charakteristik
des Augenblicks nicht nur auf Kierkegaard und Nietzsche beziehen, sondern
ebensosehr auf den Faust".)
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Abhandlungen
Die Signatur - der Kontrakt, der Akt - ist aporetisch. Sie soll
sein Handeln als genau dieses Handeln sichern, mu es dazu aber
einer Regel unterwerfen, die es bindet, entstellt und zu etwas anderem macht, als was es ist, zu einem Gespenst seiner selbst. Und so
beraubt sich der Akt der Signatur, in seinem Vollzug, seiner Authentizitt als Akt. Das Wort wird im Versprechen, der Kontrakt
wird durch seinen Abschlu, Fausts Name wird in seiner Signatur
zur Fratze : Wenn dies dir vllig G'nge tut,/So mag es bei der
Fratze bleiben. (1738-39) sagt Faust zu Mephisto -, und Fratze,
eines der im Drama fast obsessiv wiederholten Worte, heit hier
Farce, Geschwtz und Nichtigkeit. Die Signatur ist gleichzeitig die
Besiegelung des Kontrakts und seine Annullierung, gleichzeitig ein
Sprachakt und seine Revokation. Das bedeutet aber, das die
Handlung, absolut gesetzt, sich von sich selber absolviert, und im
selben Ma, in dem sie als positives Faktum fortbesteht, sich von
aller Faktizitt absetzt und befreit. Das Streben meiner ganzen
Kraft/Ist grade das, was ich verspreche. (1742-43) Was im Versprechen gesetzt wird, ist das, was ber jede Setzung und jedes Versprechen hinausgeht. Die Setzung setzt aus: sie unterbricht sich im
positiv Gesetzten und setzt gleichzeitig, als bloe Setzungskraft
und Streben, als dynamis, nach etwas anderem, einem a limine
Unsetzbaren aus. Diese Struktur der initialen Setzung, eben ihre
Aussetzungsstruktur, hlt die Konzeption des Faust" in der grten Nhe zu Fichtes Theorie der absoluten Tathandlung und rechtfertigt noch Hegels spte Charakteristik des Faust" als die absolute philosophische Tragdie; gleichzeitig markiert die Entzweiung,
die Goethes Drama mit dieser Struktur offenlegt, die Distanz zu
jedem Versuch, den Konflikt innerhalb der Setzung - ihre Diremtion in der Aussetzung - zu schlichten und in der Sphre der
Setzung selber ein Prinzip selbstgengsamer Einheit zu bezeichnen. Da eben diese Vereinigung scheitert, betont Hegel selbst,
wenn er die tragisch versuchte Vermittlung des subjektiven Wissens
und Strebern mit dem Absoluten als den eigentlichen Inhalt des
Faust" bestimmt. Die Vermittlung in einem Einheitsgrund milingt aber, weil schon das subjektive Streben in keiner seiner uerungen eine Entsprechung finden kann und das Subjekt in jeder
Position, die es bezieht, aufs neue auseinandertreibt.5
Hegels Formulierungen sind zitiert nach: G.W.F. Hegel - 'Vorlesungen ber die
sthetik", Bd 3 (Werke in zwanzig Bnden, Bd 15; ed. Moldenhauer/Michel;
Suhrkamp: Frankfurt/M. 1970), p. 557. - Zur Hotho-Edition von Hegels sthetik-Vorlesungen und insbesondere zum Status von Hegels uerungen ber Goe-
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Wie das Wort ist auch die Signatur Fausts nicht ein Symbol, in
dem die lebendige Totalitt des Gemeinten Erscheinung werden
knnte, sondern, sit venia verbo, ein Diabol, in dem das aufeinander Bezogene auseinandergeworfen und die Beziehung zwischen
dem Zeichen und seiner Bedeutung zerrissen wird. In diesem Sinn
ist der Akt der Signatur, der Kontrakt, den Faust mit dem Teufel
schliet, und jeder Sprachakt, der im Rahmen dieses Kontrakts
vollzogen wird, diabolisch.6 Der Kontrakt ist Kontrakt nur, indem
er sich dekontraktiert. Der Sprachakt ein Akt nur, indem er sich
the cf. die instruktive Studie von Annemarie Gethmann-Siefert und Barbara
Stemmrich-Khler Faust: die ,absolute philosophische Tragdie'" in: Hegel-Studien, Bd 18 (Bonn: Bouvier 1983), pp. 23-64.
Hegel kann seine Wendung von der tragisch versuchten Vermittlung nicht so
verstanden haben, da sich darin eine tragisch gelingende Vermittlung abzeichne
oder da ihr Scheitern auch nur im genuinen Sinn - nmlich in dem der griechischen Klassik - tragisch sei. Eine solche Vermittlung ist fr Hegel in der modernen
Tragdie, die er mit grerer Przision auch romantisches Trauerspiel nennt (I.e.,
p. 556), nicht mglich. Dem modernen Prinzip der Partikularisation und Subjektivitt (I.e., p. 557) entspricht es vielmehr, da der Ausgang des romantischen
Trauerspiels, den Hegel dennoch tragisch nennt, die Spannung zwischen zuflliger
Individualitt und dem Substantiellen ihrer Zwecke ungelst lt. Die Entzweiung und damit das, was fr Hegel das eigentlich Moderne ist, findet im Ersten Teil
des Faust", in der Szene ,Wald und Hhle' mit Fausts Apostrophe an den
erhabnen Geist einen besonders drastischen Ausdruck: O da dem Menschen
nichts Vollkommnes wird,/Empfind' ich nun. Du gabst zu dieser Wonne,/Die mich
den Gttern nah und nher bringt,/Mir den Gefhrten, den ich schon nicht mehr/
Entbehren kann, wenn er gleich, kalt undfrech,/Mich vor mir selbst erniedrigt, und
zu Nichts,/Mit einem Worthauch, deine Gaben wandelt. (3240-46) Fausts Erhebung zur gttlichen Vollkommenheit ist mglich nur durch den Teufel, der sie
zunichte macht. Was ihm mit der einen Hand gegeben, wird ihm mit der anderen
genommen. Aber gerade das war der Inhalt von Fausts Wette: da er sie nicht
verlieren knne, weil er durch sie nichts gewinnen wrde. So also, wie fr ihn
jeder Gewinn ein Verlust, so kann am Ende nur sein Verlust ein Gewinn sein.
Diese Logik der absoluten Entzweiung ist keiner tragischen Lsung fhig. Die
beiden streitenden Parteien sind keine im Hegeischen Sinn substantiellen Mchte, sondern die eine ist die Macht der Insubstantialitt, die andere hat Zugang zur
Substanz nur durch die erste, die jeden solchen Zugang verstellt. Goethes Lsung
am Ende des Zweiten Teils - es ist durch nichts bezeugt, da Hegel sie kannte - ist
denn auch keine tragische, sondern eine durch die Intervention der Gnade, eine
ponderaein misteriosa' wie im Trauerspiel. Es ist das Verdienst von Th. W.
Adornos kleiner Studie Zur Schluszene des Faust", diese Intervention als Zsur
im Sinne von Benjamins Aufsatz Goethes Wahlverwandtschaften" gedeutet zu
haben (Noten zur Literatur II; Frankfurt/M.: Suhrkamp 1961, pp. 7-18).
Nach Abschlu dieser Studie werde ich auf eine Analyse dieser Zusammenhnge
aufmerksam, die zu sehr hnlichen Ergebnissen kommt. Sie findet sich in der
reichen sthetik der letzten Dinge" von Christiaan L. Hart-Nibbrig (Suhrkamp:
Frankfurt 1989; pp. 207-09).
138
Abhandlungen
Im Text des Ersten Teils des Faust" wird nicht gesagt - und zwar
weder in einer Regieanweisung, noch in den Partien der dramatis
personae -, da Faust seinen Vertrag mit dem Teufel tatschlich
unterzeichnet. Im ersten Akt des Zweiten Teils ist von einer zweiten Signatur die Rede, aber auch nur die Rede, denn sie findet
nicht als solche, nicht in actu, nicht vor den Augen oder in den
prsentativen Partien der handelnden Personen statt, sondern ist
nur Gegenstand einer Erinnerung, die der Signatar selber nicht
teilt. Diese Szene und, wie sich zeigen wird, Doppelszene markiert
den vorlufigen Abschlu des polit-konomischen Debakels, in
dem das kaiserliche Reich, an dessen Hof sich Faust aufhlt, sein
Rechtssystem, Militr, Administration, die ganze Bevlkerung
und ihre berkommenen Lebensformen sich befinden. Smtliche
gesellschaftlichen, moralischen, politischen und konomischen Institutionen sind im Begriff zu kollabieren, es gibt keinen sozialen
In seinem Brief an Wilhelm von Humboldt vom 17. Mrz 1832 (BA 8, p. 73536).
In dem Brief an Karl Ernst Schubarth vom 3. November 1820 (BA 8, p. 688).
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Organismus mehr, sondern nur noch ein Aggregat von konfligierenden Einzelinteressen - Wer jetzt will seinem Nachbar helfen?/
Ein jeder hat fr sich zu tun. (4847-48) - und selbst die Zentralmacht des Kaisers, bislang Garant gesellschaftlicher Integration
und politischer Gerechtigkeit, zerfllt: Wenn alle schdigen, alle
leiden,/Geht selbst^ die Majestt zu Raub. (4810-11) An die Stelle
einer politischen konomie der Kooperation, des naturwchsigen
Reichtums und seines unproblematischen Genusses ist eine konomie des Mangels, der Schulden und der Schuld getreten, die
noch die Zukunft mit Beschlag belegt. Durch Antizipationen
(4871) und Kredite ist nmlich der gegenwrtige wie der knftige
Besitz schon aufgezehrt, bevor er genossen werden kann: Verpfndet ist der Pfhl im Bette, /Und auf den Tisch kommt vorgegessen
Brot. (4874-75) Fausts Formulierung von der Frucht, die fault, eh'
man sie bricht (1686) hat sich im universal-konomischen Mastab erfllt.
Der zweiten Signatur des Faust-Dramas, derjenigen, die vom
Kaiser unter die Staatskreditscheine gesetzt sein soll, fllt nun die
Aufgabe zu, die in Bankrott geratene politische und gesellschaftliche konomie des Kaiserreiches zu salvieren und mit der Restitution des Staatshaushalts dem Staat selber eine neue Basis zu verschaffen. Als tragfhig kann diese Basis aus Papier und Schrift
indessen nur glaubhaft werden, wenn sie als Schatzanweisung, als
Anweisung auf einen in Grund und Boden verborgenen Schatz
ausgegeben wird. Die Assignatenmatrix, das schicksalschwere
Blatt,/Das alles Weh in Wohl verwandelt hat (6055-56), verweist
deshalb auf ein sogenanntes Pfand als seinen Referenten, von dessen gesicherter44, tatschlich aber blo zugesicherter Existenz dies
Blatt seine Authentifizierung als Wertzeichen empfangen soll: Der
Zettel hier ist tausend Kronen wert./Ihm liegt gesichert, als gewisses
Pfand,/Unzahl vergrabnen Guts im Kaiserland./Nun ist gesorgt,
damit der reiche Schatz, /Sogleich gehoben, diene zum Ersatz.
(6058-62) Die Semiotik des Papiergelds und damit die der politischen Gesellschaft, die sich nach seiner Ratio organisiert, ist die
Semiotik des Kredits und also der Werbeglaubigung durch die
kaiserliche Signatur; aber diese Wertbeglaubigung durch eine
hchste gesellschaftliche Autoritt, hat selber sachlichen Wert nur,
wenn sie durch eine materielle Wertsubstanz gedeckt ist. Doch
grade diese Wertsubstanz gibt es nicht. Der Kredit, den die kaiserliche Unterschrift erteilt, besteht blo in der Fiktion, es werde sie
zu irgendeinem Zeitpunkt in der Zukunft geben. Dieser Kredit hat
also, zukunftsgerichtet wie er ist, die Struktur eines Versprechens,
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Abhandlungen
Karl Marx, Das Kapital", Bd 1 (MEW 23); Berlin: Dietz Verlag 1969, p. 782. Marx, der seit den konomisch-philosophischen Manuskripten von 1844 immer
wieder auf Formulierungen aus dem Ersten Teil des Faust" zurckgegriffen hat,
um Struktur und Funktion des Geldes zu bestimmen, bezieht sich an dieser Stelle
nicht auf Goethes Drama. Der sachliche Gehalt seiner Bemerkungen stimmt
indessen mit dem von Goethes Szene berein und deshalb soll diese Passage hier
im Zusammenhang zitiert sein: Der einzige Teil des sogenannten Nationalreichtums, der wirklich in den Gesamtbesitz der modernen Vlker eingeht, ist - ihre
Staatsschuld. Daher ganz konsequent die moderne Doktrin, da ein Volk umso
reicher wird, je tiefer es sich verschuldet. Der ffentliche Kredit wird zum Credo des
Kapitals. Und mit dem Entstehen der Staatsverschuldung tritt an die Stelle der
Snde gegen den heiligen Geist, fr die keine Verzeihung ist, der Treubruch an der
Staatsschuld./Die ffentliche Schuld wird einer der energischsten Hebel der ursprnglichen Akkumulation. Wie mit dem Schlag der Wnschelrute begabt sie das
unproduktive Geld mit Zeugungskraft und verwandelt es so in Kapital, [...]. Die
Staatsglubiger geben in Wirklichkeit nichts, denn die geliehene Summe wird in
ffentliche leicht bertragbare Schuldscheine verwandelt, die in ihren Hnden
fortfungieren, ganz als wren sie ebensoviel Bargeld. (I.e., pp. 782-83) Die theologischen Konnotationen von Schuld, Glauben und Treue, ihre Assoziation mit
dem heiligen Geist - und ungezhlten anderen Geistern - und die Sexualmetaphorik ihrer Transformation in Kapital spielen in Goethes Szenen eine ebenso
groe Rolle wie in dieser Passage aus Marx' Kritik der politischen konomie",
die hier nur als Beipiel fr einen Argumentations- und Metaphernkomplex zitiert
wird, der alle seine Schriften durchzieht. Und auch die alchimistischen Verbindungen, in die das Faust"-Drama die Geldproduktion stellt, fehlen bei Marx
nicht; er berichtet von Bedingungen, unter denen Kapitalisten klger als die
Alchemisten, aus nichts Gold machten und fahrt fort: die ursprngliche Akkumulation ging vonstatten ohne Vorschu eines Schillings. (I.e., p. 780) Ein Bargeldvorschu wurde nicht gebraucht, weil der Kredit - und also die Verschuldung - selbst
der Vorschu war, der Bargeld, die neue Form von Bargeld, produzierte. Da es
sich fr Marx bei diesem Proze der Erzeugung von Kapital aus Kredit nicht um
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Der ganze erste Akt des Zweiten Faust" gilt der Darstellung
dieses Credo, der dramatischen Analyse der Formen und der Sprache des Kredit. Um glaubhaft zu machen, da es jene Schtze
wirklich gibt, auf die spter die Assignaten verweisen sollen, erinnert Mephisto zunchst an den kaiserlichen Besitzanspruch auf
allen Boden unter Pflugschartiefe, der nach alter Tradition als ,res
nullius* der staatlichen Obrigkeit angehre. Bedenkt doch nur:
f.. J/Wie der und der, so sehr es ihn erschreckte, /Sein Liebstes daund dortwohin versteckteJSo war's von je in mchtiger Rmer
Zeit, /Und so fortan, bis gestern, ja bis heut. /Das alles liegt im
Boden still begraben,/Der Boden ist des Kaisers, der soll's haben.
(4937-38)10 Doch obwohl Mephistos Argument vom kaiserlichen
Besitztitel im Staatsrecht des christlich-rmischen Kaisertums
wohl fundiert ist, stellt es nicht einfach einen Hinweis auf materielle Wertsubstanzen - Gold, Perlen, Edelsteine - dar, die dem
bankrotten Staat zur Liquiditt verhelfen und den Referenten fr
die Wertbehauptung des Papiergelds liefern knnten. Der in den
fortgeschrittensten Wirtschaftstheorien seiner Zeitgenossen von
Adam Smith bis Saint-Simon umfassend belesene und durch seine
finanzpolitische Ttigkeit auch praktisch sachverstndige Goethe
htte eine derartige Naivitt einem Mephisto schwerlich zugemutet.11 Mephistos historisch-juristisches Argument soll blo glaubeine creatio ex nihilo handelt, sondern um seine Erzeugung unter Bedingungen
der desintegrierenden Feudalwirtschaft, beeintrchtigt die strukturelle Bedeutung, die dem Credo bei der Genese des Kapitals zukommt, selbstverstndlich
nicht.
Zum Begriff der ,res nullius' und ihrem Rechtsstatus im kaiserlichen und kniglichen Fiscus des europischen Mittelalters: Ernst Kantorowicz - 'The King's
Two Bodies - A Study in Mediaeval Political Theology* (Princeton University
Press: Princeton 1957; pp. 164-192) und die frhere Studie Christus - Fiscus"
(Synopsis: Festgabe fr Alfred Weber; Heidelberg 1948; pp. 223-235). Die entsprechenden staatsrechtlichen Bestimmungen im Sachsen- und Frankenspiegel
mgen Goethe aus seinem juristischen Studium oder seiner politischen Verwaltungsarbeit in Weimar bekannt gewesen sein. (Der Hinweis auf der Rmer Zeit
deutet freilich auf eine noch frhere Quelle, mglicherweise Caesar, vielleicht
auch Tacitus' Germania" (16), die allerdings nur von unterirdischen Fruchtspeichern berichtet.) Jedenfalls sind Mephistos Argumente historischer Art und
nicht, wie die Schtze, deren Existenz sie plausibel machen sollen, Fiktionen.
Entsprechend reagiert der Schatzmeister mit einem: Das ist jrwahr des alten
Kaisers Recht. (4940)
Bernd Mahl - Goethes konomisches Wissen" (Lang: Frankfurt/M., Bern
1982) enthlt eine detaillierte Darstellung der wirtschaftstheoretischen und polit-konomischen Texte, die Goethe gelesen, selber verfat und deren Publikation er gefrdert hat.
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Abhandlungen
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sind die Khe, so die Katzen grau./Die Tpfe drunten, voll von
Goldgewicht -/Zieh deinen Pflug und ackre sie ans Licht. (5034-38)
Die respektlose Replik Mephistos: Nimm Hack und Spaten, grabe
selber, /Die Bauernarbeit macht dich gro,/Und eine Herde goldner
Klber,/Sie reien sich vom Boden los. (5039-42) Seine Gre hat
der Kaiser fr den Aufklrungskonomen Mephistopheles also
nicht von Gottes und nicht von Gnaden der Natur, sondern allein
aus der Arbeit seiner eigenen Hnde. Sie, so lautet sein Versprechen, wird das Kapital der Khe, die in der Nacht abstrakter
Wertbegriffe grau sind, in die goldenen Klber des Mammon verwandeln.13 Und Arbeit wird seine blo allegorische Rede von den
Schtzen der Natur in die demonstrative Sprache phnomenalen
Reichtums bersetzen. Dann ohne Zaudern, mit Entzcken/
Kannst du dich selbst, wirst die Geliebte schmcken;/Ein leuchtend
Frb- und Glanzgestein erhht/Die Schnheit wie die Majestt
(5043-45) Die Hohheit der Majestt, ihre reprsentative Kraft und
politische Autoritt verdankt sich in letzter Instanz der Arbeit und
jede im emphatischen Sinn gesellschaftliche Erscheinung, jede politische und polit-sthetische, ist wesentlich nichts anderes als ein
fortwhrendes Sichherausarbeiten aus dem Scheinlosen, Aphnomenalen, aus dem Graben, das Mephisto nicht nur mit der Nachbarschaft der Unterwelt (5017), sondern unmittelbar vor Fausts
Tod, kalauernd nach seiner Art, mit dem Grab in Verbindung
bringt (11558) und die man, da er im selben Zusammenhang von
Lesen spricht, auch mit einem gewissen graphein, einem Schreiben
- und Unterschreiben - in Verbindung bringen darf.14 Die Kraft
der Gesellschaft liegt in der produktiven Arbeit, die aus der Erde,
dem Unsichtbaren und Unerfahrbaren, aus der Nhe zum Tod die
Gter frs Leben zutage frdert; sie liegt im ttigen Glauben, der
das Verborgene und niemals gnzlich zu Entbergende in die Welt
der Phnomene fhrt und das feudale System der unmittelbaren
Wertevidenz durch die konomie des Ungegenstndlichen, durch
die Arbeit des Kredits reformiert.
Mephistos Replik auf die feudalen Naivitten des Kaisers enthlt nicht nur eine Lehre ber Arbeitsmoral und Arbeit als Wertsubstrat. Sie belehrt gleichzeitig ber eine Sprache, die der Produktionsform des Werts entspricht. Wenn Mephisto nmlich den
13
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Abhandlungen
Quintilian definiert die Allegorie als Inversion - und Lessing zitiert diese Definition in der ersten der Goethe mit Sicherheit bekannten Abhandlungen ber die
Fabel" - Allegoria, quam Inversionem interpretamur, aliud verbis, aliud sensu
ostendit ac etiam interim contrarium. (Institutio oratoria, lib. VIII. cap. 6. Hier
zitiert nach [Link] - 'Schriften" Bd 1, ed. K. Wlfel, Insel: Frankfurt/M.
1967; p. 10.)
Die Rede von der konstitutiven Selbstverhllung der Natur, die Mephisto in den
Mund gelegt wird, ist selbstverstndlich ein zentraler Teil von Goethes eigener
Naturauffassung, wie sie besonders deutlich in dem aphoristischen Text aus den
achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts Die Natur" formuliert wird. Von ihr
heit es dort: Sie spricht unaufhrlich mit uns und verrt uns ihr Geheimnis nicht
f...] Sie hat sich einen eigenen allumfassenden Sinn vorbehalten, den ihr niemand abmerken kann. [.. JSie treibt's mit vielen so im Verborgenen, da sie'szu
Ende spielt, ehe sie's merken. [...] Sie freut sich an der Illusion. Wer diese in sich
und andern zerstrt, den straft sie als der strengste Tyrann. [.. J Sie ist ganz, und
doch immer unvollendet. [...] Sie verbirgt sich in tausend Namen und Termen,
und ist immer dieselbe. ([Link] - Naturwissenschaftliche Schriften", Erster Teil; Gedenkausgabe, ed. E. Beutler; Artemis: Zrich 1964; pp. 921-24.)-Es
ist im Hinblick auf das Problem der Schrift und ihrer Authentifizierung, dem
sich diese Studie an einer spteren Stelle zuzuwenden hat, mehr als eine Kuriositt, da Goethe in seinen Erluterungen zu dieser Arbeit 1828 bemerkt, er knne
sich faktisch... nicht erinnern, diese Betrachtungen verfat zu haben, sie stimmten aber mit seinen damaligen Vorstellungen berein und seien von einer wohlbe-
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Entzug, Ist allegorisch verfat: das von ihr Offenbarte ist etwas
anderes als sie selbst. Und so mu die Sprache von ihren Schtzen
und von ihr als Schatz immer etwas anderes und wieder anderes
meinen als sie sagt: sie mu selber die Arbeit des Bedeutens sein,
die in der Abwesenheit endgltiger Evidenz sich unendlich fortsetzen, immer weitere Bedeutungen produzieren mu, aber jede von
ihnen blo als geglaubte, keine als unmittelbar sinnlich gewi darstellen kann. Arbeit ist ttiger und ttig nach seiner Besttigung
suchender Glaube, die unablssige praktische Beziehung auf ein
nie gegebenes Gut - heie es Reichtum, Bildung, Glck oder Sinn
-, und seine sprachliche Form ist der Proze der Allegorie.16
Technische ReInterpretation der Natur als ,natura naturans4,
Produktionstheorie des Wertes und allegorische Sprachform geben
sich nun aber ausgerechnet Im Part des Mephisto ein Stelldichein:
er ist der Geist, der stets verneint und kraft seiner negativen Intentionen stets das Gute schafft (1335-38), der negative Dialektiker
der Produktion.17 Seine Verbindung zur Unterwelt, zum Finstern,
Unaufgeklrten ist nicht die des Obskurantisten, sondern dessen,
kannten Hand geschrieben, deren ich mich in den achtziger Jahren in meinen
Geschften zu bedienen pflegte. (I.e., p. 925) Heinrich Funck hat dagegen den
Nachweis zu erbringen versucht, da G. Chr. Tobler der alleinige Verfasser
dieses Aufsatzes war; in: Heinrich Funck: G. Chr. Tobler, der Verfasser des
pseudo-goetheschen Hymnus ,Die Natur* " (in: Zrcher Taschenbuch auf das
Jahr 1924"; Zrich 1923; pp. 71-97).
Es ist hier nicht der Ort, der Vorgeschichte dieser Konfiguration von Glaube,
Arbeit und Allegorie - und das heit sowohl der Sozial- wie der Erkenntnisgeschichte dieser drei groen Kategorien - nachzugehen. Aber sie tritt in der
deutschen Reformation, die das solafide verkndet und das sola labore praktiziert, nicht zum erstenmal und in den groen onto-theologischen Diskussionen
ber Glauben und Wissen um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert nicht zum
letztenmal im Zusammenhang der Reformulierung semiotischer Probleme auf.
Die Erbauung (aedificatio ) des Glaubens durch die Allegorie ist schon das
Thema der mittelalterlichen exegetischen Literatur. Der heilige Bernhard
schreibt: Transivimus allegoriarum umbras, aedifleata estfides ; Aeired de Rievaulx: Haec ad aedificationem fidei dieta sint; Jean de Kelso ber die Arbeit des
Exegeten: Dum per allegoriae exercitium mysteria historia pandit, in arcem fidei
fabricam mentis extollit. (Smtliche Zitate nach: Henri de Lubac - 'Exegese
M6di6val, Les quatre sens de rScriture", v. 1,2; Paris: Aubier 1959; pp. 530-31.)
Whrend aber der Glaube - und hier ist immer der christliche gemeint - durch
die Arbeit der Allegorie aufgebaut wird, bedarf es schon des Glaubens, um die
Allegorie berhaupt als Allegorie zu erkennen (I.e., p. 529).
Als eine Figur der Arbeit des Negativen wird Mephisto auch vom ,Herm' im
Prolog im Himmel charakterisiert: Des Menschen Ttigkeit kann allzuleicht
erschlaffen,/Er liebt sich bald die unbedingte Ruh;/Drum geh* ich gern ihm den
Geselln zu,/Der reizt und wirkt und mu als Teufel schaffen.- (340-48)
146
Abhandlungen
der auf der Unabschliebarkeit der Arbeit und schlielich auf der
zyklischen Immergleichheit und Vergeblichkeit der Produktion
besteht.18 Aber wenn Mephisto zum Glauben einldt, hat man
Grund, an diesem Glauben selbst zu zweifeln und diesen Zweifel
als genau das Moment des Glaubens zu verstehen, das ihn zur
fortgesetzten Suche nach Besttigung im Handeln oder nach Anerkennung im Glauben anderer antreibt.
Die Arbeit der Anerkennung ist also in allen juristischen, mythologischen und alchemistischen Masken, unter denen Mephisto sie
empfiehlt, das wahre Geheimnis staatlichen Reichtums und gesellschaftlicher Kohrenz. Als immer unabgeschlossener Proze gesellschaftlicher Produktion - und der Produktion der Gesellschaft
- ist diese Arbeit die Ttigkeit des Glaubens, fragil, zweifelhaft
und widerrufbar, im Aufschub unmittelbarer Evidenz indessen
immer wieder Raum fr Hypothesen und Fiktionen gebend. Und
so ist diese Arbeit des Glaubens nicht nur das Geheimnis der
Masken, unter denen sie sich darstellt, sie ist selber Produktion
von Masken, literarischen und konomischen Figuren des Kredits,
und die Gesellschaft, die sich in ihrem Medium konstituiert, eine
Gesellschaft aus Kreditfiktion und Hypothekenpoesie. Dem Kaiser, dem unbelehrten Dilettanten der Unmittelbarkeit, mu, als er
sich auf die Schatzsuche machen will, bedeutet werden, er habe
zunchst mit den bloen Masken der Schatzproduktion vorlieb zu
nehmen und msse, bevor er sich dem Reichtum selbst zuwenden
knne, sich erst im Glauben an ihn ben. Erst mssen wir in
Fassung uns vershnenJDas Untre durch das Obere verdienen./
Wer Gutes will, der sei erst gut;/[.. J/Wer Wunder hofft, der strke
seinen Glauben. (5051-56). In der Mummenschanz, die mit diesen
Worten angekndigt wird, treten dann nicht Schtze, sondern in
der Tat die Figuren des Glaubens, der Arbeits- und Handelsgesell18
In seinem Nekrolog auf Faust, den man sich nicht ohne einen Ton der Klage zu
denken hat, rsoniert Mephisto: Was soll uns denn das ew'ge Schaffen!/Geschaffenes zu nichts hinwegzuraffen!/Da ist's vorbei!" Was ist daran zu lesen?/Es ist so
gut als war' es nicht gewesen,/Und treibt sich doch im Kreis, als wenn es wre.
(11598-602) Dies ist das desolate Fazit, das den Worten des Chors ber die
stehengebliebene Uhr folgt: Sie schweigt wie Mitternacht. Schwer zu glauben,
da Nietzsche seine Lehre von der ewigen Wiederkehr des Gleichen im dritten
Teil von Also sprach Zarathustra", da er das andere Tanzlied* von der tiefen
Mitternacht nicht auch gegen den mephistophelischen Befund geschrieben hat. Mephistos trbsinnige Darstellung der ewigen Wiederkehr hat ihr Pendant an
den Worten der Erichtho, die am Eingang der Klassischen Walpurgisnacht stehen: Wie oft schon wiederholt' sich's! wird sich immerfort/Ins Ewige wiederholen
...(7012-13)
147
schaft in mythologischer Maskerade auf-: Krmerinrien und Waren als bukolische Grtnerinnen (5115), Weberinnen als griechische Schicksalsgottheiten (5305-5344), gewinnbringende Ttigkeit
als Gttin Viktoria (5449-56), Arbeiter als Gnomen (5840-63). Die
Sprache der Kreditkonomie ist nicht die der unmittelbaren sinnlichen Vergegenwrtigung im Symbol, sondern die des virtuell unendlichen Aufschubs der Bedeutung in der Allegorie. Ihr Erkenntnisgehalt bleibt dem Zweifel ausgesetzt und deshalb ist sie nicht
Gegenstand des Wissens, sondern der Vermutung, der Konjektur,
allenfalls der Konvention und immer wieder des Glaubens. Und
glaublich wiederum ist sie nicht ihrer Wahrscheinlichkeit, noch
weniger ihrer Wahrheit wegen, sondern weil die Erscheinungen,
die sie hervorruft, Gegenstnde ausschlielich des Glaubens, nach
Verstandesbegriffen aber unmglich sind. Mit Augen schaut nun,
was ihr khn begehrt,/Unmglich isfs, drum eben glaubenswert.
(6419-20)19 So sagt Mephisto kurz bevor der erste Akt des Zweiten
Die Inversion dieser Formulierung erscheint im dritten Akt; dort sagt der Chor
zu Phorkyas-Mephisto - und diesmal beziehen sich die Worte auf das Liebesidyll
zwischen Faust und Helena -: Hren mchten wir am liebsten, was wir gar nicht
glauben knnen (9583).
Gegenstand der poetischen Darstellung ist nach der Lehre der Aristotelischen
Poetik" das Mgliche und somit Allgemeine, whrend die historische Darstellung auf das wirklich Geschehene, Besondere eingeschrnkt bleibt - daher die
philosophische berlegenheit der Dichtung ber die Geschichtsschreibung. Das
Mgliche (dynaton) ist fr Aristoteles aber zugleich das Glaubwrdige (pithanon)
(1451 b). Kein Zweifel, da Mephistos Apercu als Replik auf die aristotelische
Poetik zu verstehen ist. (Goethe hat sich 1826 und 27, also whrend der Wiederaufnahme der Arbeit am Zweiten Faust", mehrfach intensiv mit Aristoteles'
Poetik" befat und seine Gedanken zur werkimmanenten Katharsis 1827 in
dem Aufsatz Nachlese zu Aristoteles' Poetik" verffentlicht. Cf. BA 18, pp.
121-25.) Faust selber wird im zweiten Akt des Zweiten Teils von Manto durch
seine Beziehung zum Unmglichen charakterisiert: Den lieb' ich, sagt sie zu
Chiron, der Unmgliches begehrt. (7488)
Einen weiteren Aspekt der Faust'schen Poetik des Unmglichen, in dem sie sich
mit der des Erhabenen berhrt, zeigen die programmatischen (genauer postgrammatischen) Schluverse des Chorus mysticus, in denen es heit: Das Unzulngliche,/Hier wird's Ereignis;/Das Unbeschreibliche,/Hier ist's getan (1210609). Unzulnglich* ist das, was sich dem Zugriff, dem Zulangen entzieht - das
macht eine der aus dem Nachla verffentlichten Maximen und Reflexionen"
deutlich, in der Goethe notiert: Das Unzulngliche widerstrebt mehr, als man
denken sollte, dem Auslangenden. (BA 18, p. 648) Das Unzulngliche, durch
keine Handlung und keine Vorstellung Erlangbare, durch keine Beschreibung
Erreichbare, das fr Wissen und Glauben Unmgliche ist das Ereignis der Gnade, die im Schluakt des Zweiten Faust" interveniert und die Goethe im gesamten Faust"-Drama am Werk gesehen haben mag. (Zur Deutung des Begriffs das
Unzulngliche Weiteres in der Studie von Hildebrecht Hommel Das ,Unzu-
148
Abhandlungen
Eine der Figuren der Mummenschanz ist der Knabe Lenker. Unter
allen Gestalten der Scheinbarkeit und Flchtigkeit ist er die flchtigste, die einzige, die den Maskenzug vor seinem Ende verlt,
und diejenige, in der die Flchtigkeit und Scheinbarkeit von allen
andren zum Thema wird. Sie ist eine Figur der Figuralitt. Den
Herold, dessen Amt es ist, die einzelnen Masken vorzustellen und
zu erklren, fordert er auf: Herold auf. nach deiner Weise,/Ehe wir
von euch entfliehen,/Uns zu schildern, uns zu nennen;/Denn wir
sind Allegorien,/Und so solltest du uns kennen. (5528-32) Da der
Hofhermeneut seines exegetischen Amtes nicht walten, sie nicht
beim Namen nennen, sondern blo ihre Erscheinung beschreiben
kann, stellt der Knabe Lenker sich selber vor: Bin die Verschwendung, bin die Poesie,/Bin der Poet, der sich vollendet,/Wenn er sein
eigenst Gut verschwendet (5573-75) Lenker ist also die Allegorie
der Poesie. Oder vielmehr: er nennt sich die Allegorie der Poesie.
Die Selbstbenennung des Allegorischen kann aber nicht anders als
zweideutig und widersprchlich sein. Denn sie erklrt zum einen,
da sie eine Allegorie, zum andern, da noch diese Erklrung
selber allegorisch, da sie also keine Allegorie, sondern eine Allegorie der Allegorie und also sowohl eine Allegorie - und zwar
Meta-Allegorie - wie auch keine Allegorie sei.20 Sie ist, mit einem
lngliche* im Chorus mysticus (Faust II) ein Nachklang aus Euripides", in:
Hildebrecht Hommel - Symbola, Kleine Schriften zur Literatur- und Kulturgeschichte der Antike", Bd II (Olms: Hildesheim 1988), pp. 185-99.)
Der erste, der diese fr die Struktur des gesamten Textes kardinale Wendung der
Allegorie in ihrer Selbstbenennung erkannt hat, ist Heinz Schlaffer, der in Faust
Zweiter Teil - Die Allegorie des 19. Jahrhunderts" (Metzler: Stuttgart 1981)
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Abhandlungen
Da es gibt, was es selbst nicht hat, ist fr Plotin (Eimeaden" VI 7, 15) die
Auszeichnung des Einen, Guten, das zugleich ein Schnes ist: dieser plotinische
Gedanke mag von Goethe in die Charakteristik des Knaben Lenker aufgenommen worden sein. Zu anderen Plotinspuren in Goethes Texten cf. Funoten 34
und 37. (Zum plotinischen Motiv des Gebens cf. die schne Studie Le Bien
donne ce qu'il n'a pas" von Jean-Louis Chr6tien in seinem Buch La voix nue",
Paris: Minuit 1990; pp. 259-74.)
151
gibt sich den Schein des Gebens. Wenn auf die Forderung hin,
seine Knste sehen zu lassen, Lenker seine Gaben umherschnippt,
nmlich in kurzen Sten um sich wirft, und dazu sagt Hier seht
mich nur ein Schnippchen schlagen (5582), dann ist dies Umherschnippen von Geschenken ein literalisiertes Wortspiel. ,Ein
Schnippchen schlagen' bedeutet ,m die Irre fhren', Ruschen6,
und Perlen, Spangen, Juwelen immerfort umherschnippend gibt
Lenker seine Gaben und gibt sein Geben also selber vor. Was er
gibt, sind Worte vom Geben - und auch deshalb gilt von ihm, da
er austeilt, was dem Gott des Reichtums fehlt: mit dem Reichtum
nmlich verteilt er zugleich den Mangel Allegorie - und also Verschwendung - der Allegorie, ist Lenkers Poesie nicht eigentlich
Gabe, sondern Vorgabe jeder Gabe, der Anschein des Gebens,
der jeder mglichen Gabe mitgegeben sein mu, ohne sich in einer
einzigen in eine manifeste Habe verwandeln zu knnen. Sie ist
inappropriierbarer, nur unter der Zumutung seines Selbstdementi
gltiger Kredit: Kredit im Stand der Diskreditierung. Von dem,
der seine Geschenke zu fassen versucht, heit es: Was einer noch so
emsig griffe,/Des hat er wirklich schlechten Lohn,/Die Gabe flattert
ihm davon./Es lst sich aufdas Perlenband, /Ihm krabbeln Kfer in
der Hand (559S-99).23
Adam Mler hat in seinen Vorlesungen Die Elemente der Staatskunst" 1809
zur Verdeutlichung des Doppelcharakters allen Reichtums, Privateigentum und
Nationaleigentum gleichzeitig zu sein, zwischen dem Besitz von Produktionsund Konsumtionsgtern auf der einen Seite und auf der anderen dem Besitz von
Gtern unterschieden, die aus der Zirkulationssphre ohne Schaden herausgenommen werden knnen, weil ihnen nur ein pretium affectionis zukommt. Als
Beispiel fr Sachen mit individuellem Wert nennt Mller mehrfach Conchylien,
Insecten und andere Naturmerkwrdigkeiten (Adam Mler - Die Elemente der
Staatskunst", Bd 1; Jena: Gustav Fischer 1922; pp. 341-44). In dem Augenblick,
in dem ein Gegenstand dem Tausch und damit dem gesellschaftlichen Kontinuum, das allgemeinen Wert verleiht, entzogen wird, hrt es auf, Besitz der
Menschheit zu sein und verliert seinen brgerlichen Wert. Mller schreibt: Der
Reichthum ist also kein Begriff; er liegt nicht in den bloen Sachen, er lt sich
nicht festhalten, indem man die Sachen festhlt, oder vermehrt (l.c.,p. 348) -:
indem der Reichtum festgehalten wird, verwandelt er sich, so kann man Mllers
Argument fortsetzen, in Insekten, Kfer. Die Nhe von Goethes Versen zur
Theorie Mllers ist umso aufflliger, als dessen Nationalkonomie eine konomie des kaiserlichen Worts, des National-Worts ist und ihm erlaubt, vom Papieroder Credit-Geld als Wort-Geld zu sprechen, dessen ,Idee' eine allen Individuen
der brgerlichen Gesellschaft inhrierende Eigenschaft ist. (I.e., p. 353-54) Die
Substanz der Gesellschaft ist fr Mller das poeto-konomische Wort, das WortGeld. Und dies Geld bewirkt die Poetisierung, Harmonisierung, Romantisierung
der Gesellschaft. Goethe geht von einem hnlichen Befund nur aus, um seine
Implikationen kritisch aufzulsen.
152
Abhandlungen
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ist nicht auer in seiner Erscheinung, denn diese ist nicht die
akzidentelle einer Sache, die sich hinter der Erscheinung verbergen
knnte, sondern die wesentliche, vermge deren es diese Sache
allererst gibt. So wie Faust zu Beginn desselben Aktes sagt Am
farbigen Abglanz haben wir das Leben (4727), so knnte Lenker
sagen, am Glnze selber haben wir sein Wesen. Was die Poesie als
Erscheinung darbietet, ist nicht derivative Nachahmung einer vorgegebenen Substanz, keine mimetische Nachbildung und Komplettierung eines in der ,Natur4, etwa als ,Schatz\ vorgegebenen
Modells und auch kein Zeichen, das auf einen von ihm unabhngigen Gegenstand referieren wrde. Diese Erscheinung ist vielmehr
die Form - und die einzige Form -, in der eine Substanz, ein
Modell, ein Gegenstand sich darstellt: nicht seine Nachahmung,
sondern seine Vorfhrung, seine Hervorbringung, seine Produktion selbst. Trug ist diese Erscheinung nur fr den, der in ihm das
Ding an sich, die Sache selbst oder das Mittel zu ihr sucht. Wer sie
als die wesentliche Ferne des Nchsten sieht, dem erscheint sie als
Schnheit. In der Parallelszene zur Fabrikation des Kreditgelds
wird sie in der Gestalt der Helena auf die Bhne zitiert und entzieht
sich dem Zugriff von Faust so wie zuvor sich die Gaben des Lenkers
und Plutos Reichtum dem Griff der Habgierigen entzogen. Weil
Schnheit statt die Verhllung des Wesens das Wesen selbst in
Erstverffentlichung in Zur Morphologie" kannte, hat es, eine bemerkenswerte
Raritt, wohl vollstndig in seiner Vorlesung zur Einleitung in den naturphilosophischen Teil seiner Enzyklopdie der philosophischen Wissenschaften" zitiert;
aus Mitschriften oder Exzerpten ist es dann dem ,Zusatz' zum 246 einverleibt
worden. Die Affinitt zwischen Hegel und Goethe in gerade diesem Punkt verdient bemerkt zu werden, weil sie sich ber die Grenzen der Naturphilosophie
ins Gebiet der sthetik fortsetzt und dort insbesondere in der Bestimmung, das
Schne sei das sinnliche Scheinen der Idee, deutlich wird (Vorlesungen ber die
sthetik", Bd 1; I.e., p. 151). Diese Affinitt zwischen ihren expliziten kunsttheoretischen Positionen sagt freilich noch nichts ber die uerst kritische literarische Transformation, der Goethe seine berzeugungen unterwarf und die bei
Hegel kaum auf Verstndnis stoen konnte.
Whrend er hier auf der Untrennbarkeit von Schale und Wesen, Schein und Sein
besteht, macht Goethe ihre Trennung im vierten Akt als Taktik im Kampf der
Kaiser zum Thema. Dort sagt Mephisto von den Undinen: Durch Weiberknste,
schwer zu kennen,/Verstehen sie vom Sein den Schein zu trennen, /Und jeder
schwrt, das sei das Sein. (10714-16) So taktisch diese Trennung sein mag - und
sie erscheint hier, wie bei Goethe meistens, im Zusammenhang mit dem Wasser
und seinen Lichtreflexen -, die konsequente Inversion von Schein in Sein, die
ihr folgt, wiederholt nur die Ontologisierung des blo Phnomenalen, die schon
mit dem Satz von der Kontinuitt zwischen Schale und Wesen behauptet wird.
Nie ist die Gefahr ihrer Mischung bei Goethe grer als dort, wo er der Faszination durch die Elemente, Wasser und Feuer, erliegt.
154
Abhandlungen
Walter Benjamin hat die Aura als einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie
sein mag, definiert. Er hat es in einem Kontext getan, dem Essay Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit", in dem, und zwar bei
der ersten Nennung dieses Begriffs, ein Hinweis auf Goethes Faust" auftaucht,
der kaum willkrlicher erscheinen knnte (Walter Benjamin - Gesammelte
Schriften, Bd 1.2; Frankfurt/M.: Suhrkamp 1974; p. 477). Ein spterer Hinweis,
in der Studie ber einige Motive bei Baudelaire", macht es aber wahrscheinlich, da Benjamins Definition der Aura durch die raum-zeitlichen Kategorien
von Nhe und Ferne aus dem Faust" und zwar aus der Phantasmagorie der
Helena gewonnen ist. Benjamin schreibt nmlich im Zusammenhang einer erneuten Diskussion des Begriffs der Aura in der Baudelaire-Studie: Soweit die
Kunst auf das Schne ausgeht und es, wenn auch noch so schlicht, , wiedergibt',
holt sie es (wie Faust die Helena) aus der Tiefe der Zeit herauf. (I.e., 12, p. 646) In
der Szene, auf die Benjamin hier anspielt, sagt aber Faust, im Blick auf Helenas
Bild und in der Angst, es knnte entschwinden: So fern sie war, wie kann sie
nher sein! (6556) Nach diesen Worten versucht er die Erscheinung - die von
ihm als einmalig empfundene Erscheinung der Schnheit - dieses Bildes zu
retten, fat es an und fallt in einer Explosion ohnmchtig zu Boden. Der Versuch
der modernen Massen, des Gegenstands in seinem Bilde habhaft zu werden, ist
einer der Grnde, wie Benjamin schreibt, fr die Entschlung des Gegenstandes
aus seiner Hlle, die Zertrmmerung der Aura (I.e., I 2, p. 477) - Fausts Versuch,
des Bildes der Helena habhaft zu werden, lst die Explosion ihrer Erscheinung
aus, weil er jene Trennung von Wesen und Schale, jene Entschlung des Bildes zu
bewerkstelligen versucht, die dem Herold vom Lenker, den Physikern von Goethes Allerdings" verwiesen worden ist, da diese Schale, diese Erscheinung selbst
das Wesen sei.
Sofern sie war, wie kann sie nher sein! - dieser Vers ist nicht der einzige, der im
Faust" die Erscheinung der Schnheit durch die Verschrnkung von Nhe und
Ferne definiert. Er findet sein Echo in einem Vers aus dem Liebesduett zwischen
Faust und Helena im Dritten Akt, in dem diese selbst sich charakterisiert: Ich
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Abhandlungen
Und deshalb ist fr Goethe das, was sich der Anschauung darbietet, vom E r h a benen berhrt, das die Totalitt der Sinnlichkeit bersteigt. Goethe, der m i t
Kants Dritter Kritik gut vertraut war, mag seine Prsentation von Lenker u n d
Plutus auch nach dem Modell des Verhltnisses zwischen Schnem und Erhabenem angelegt haben. Und wenn der Herold, von Lenker aufgefordert, den G o t t
des Reichtums zu beschreiben, sagt Das Wrdige beschreibt sich nicht (5562),
dann mag, in diesem Kontext einer literarischen Diskussion von Preis und W e r t ,
der Wrde und dem Wrdigen hier diejenige Bedeutung beigelegt sein, die K a n t
in der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten" diesen Begriffen zugeschrieben
hat: Was sich auf die allgemeinen menschlichen Neigungen und Bedrfnisse
bezieht, hat einen Marktpreis; das, was, auch ohne ein Bedrfnis vorauszusetzen,
einem gewissen Geschmacke, d. I einem Wohlgefallen am bloen zwecklosen
Spiel unserer Gemtskrfte, gem ist, einen Affektionspreis; das aber, was die
Bedingung ausmacht, unter der allein etwas Zweck an sich selbst sein kann, hat
nicht blo einen relativen Wert, d. I einen Preis, sondern einen Innern Wert, d. i.
Wrde. (B 77; I. Kant - Werke in zwlf Bnden, Bd VII; ed. W. Weischedel; I n s e l
Verlag: Frankfurt/M. 1956; p. 68) Hat nun das Wohlgefallen am bloen zwecklosen Spiel unserer Gemtskrfte, also die Erfahrung des Schnen, blo einen W e r t
und ist insofern mit dem Marktwert vergleichbar, so hat fr Kant allein d a s
moralische Gesetz, genauer die Gesetzgebung einen Wert, welcher ber allen
Preis erhaben, heilig ist und keine quivalente kennt, weil erst er allen Wert
bestimmt (I.e., B 79). Deshalb kann gesagt werden, da allen Werterscheinungen,
seien es solche des Marktes oder solche des Gefhls, ein mit ihnen inkommensurabler Wert, die Wrde, als ihr Bestimmungsgrund eingesenkt ist. Als Grand u n d
absoluter Indifferenzpunkt aller Werte entzieht sich die Wrde aber jeder D a r stellung in einem Wert, da erst sie die Verleihung und Gebung des Werts, d i e
Darstellung selbst ist. Deshalb lt sie sich nicht beschreiben. Die Verse aus d e m
,Chorus mysticus* der Schluszene des Faust" visieren genau diesen Zusammenhang: Das Unbeschreibliche,/Hier ist's getan (12108-09); und die Rede v o m
Heilig ffentlich Geheimnis aus dem Gedicht Epirrhema" (BA1, p. 545) desgleichen. Was sich der Anschauung wie der Beschreibung entzieht, ist die Offenbarkeit selbst, deshalb heit sie das Geheimnis, das Mystische - in einem Sinn, d e r
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dem des Mystischen am Ende von Wittgensteins Tractatus" eng verwandt ist.
Geheimnis ist also nicht, was der Anschauung verborgen und unter bestimmten
Bedingungen enthllbar ist, sondern das Faktum, da es Anschauung berhaupt
gibt; erhaben nicht der Wert, der grer als andere Werte ist, sondern das Faktum des Daseins von Werten berhaupt. (Jochen Hrisch geht in anderer Richtung den Motiven von Rtsel und Geheimnis in seiner materialreichen Studie
Das Leben war ihnen ein Rtsel4' nach, in: Die andere Goethezeit", Mnchen:
Fink 1992; pp. 172-188.)
Zitiert nach: BA 8, p. 659.
An dieser Stelle mag daran erinnert sein, da die rmische Antike auer Mnemosyne, Gedchtnis, einen zweiten Namen fr die Mutter der Musen und der
Inspiration', der Begabung mit Geist, kannte, nmlich Moneta, die Wamerin"
und Mahnerin", die Bewahrerin der republikanischen Schtze. Zur Deutung
ihres Namens aus moneo cf. Cicero - de divinatione I, 101 und II, 69. Zur
Myelographie der Moneta cf. Benjamin Hederich - Grndliches mythologisches Lexikon", Leipzig 1770, Sp. 1661-63.
ber die Taufe Jesu heit es bei Lukas (nach der Lutherschen bersetzung): und
der heilige Geist fuhr hernieder in leiblicher Gestalt auf ihn wie eine Taube. Und
eine Stimme kam aus dem Himmel, die sprach: Du bist mein lieber Sohn, an dem
ich Wohlgefallen habe. (3, 22)
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Abhandlungen
Bist Geist von meinem Geiste (5623) und Mein lieber Sohn, an dir
hab' ich Gefallen (5628) - seine Vaterschaft besttigt hat, kann
Lenker aus der Einheit von Vater und Sohn den ,Geist' ausgieen:
Auf dem und jenem Kopfe glht/Ein Flmrnchen, das ich angesprht/Von einem zu dem andern hpft's,/An diesem hlt sich's,
dem entschlpft's (5632-35)30. Die Gesellschaft der Geist- und
Sprachbegabten ist die Gesellschaft derer, die die Mnze der Poeten empfangen haben, es ist, Goethe lt keinen Zweifel daran, die
Gesellschaft des skularisierten, des monetarisierten Pfingstwunders.31
Die theologischen Mucken' dieser poeto-politischen konomie
sind in der Mummenschanz nicht ohne eine gewisse sachliche
Ironie in Szene gesetzt. Nicht nur das den ganzen Faust" skandierende Motiv der Konversion von Geist in Geister und Gespenster,
die in der Rede vom Papiergespenst der Gulden (6198) auch den
pneumatologischen Geist der Poesie ereilt; In dieser Szene vor
allem die systematische Extension der klassischen Analogie zwischen Wort und Mnze auf das gesamte christologisch-trinitarische Schema und also auf die Analogie zwischen Vater und Plutus,
Sohn und Lenker (Logos), heiligem Geist und unheiligem Geiz
fhrt den Begriff einer Gesellschaft aus phnomenaler Produktion
an die Grenze, an der sie in ihre eigene Parodie umschlgt. Zusammen mit dem Reichtum und also als sein unablsliches Komplement - und prziser Deplement - wird nmlich von Lenker die
Allegorie des Geizes in die Gesellschaft gefhrt und damit dasjeni30
159
ge, was den Reichtum zurckhlt und sich der Verschwendung, die
ihn herbeifuhrt, widersetzt. In der Maske des Geizes ist es Mephisto, der den Part des Geistes, und ist es also das Prinzip rationaler
Entzweiung, das die Stelle des synthesierenden und generalisierenden Pneuma bernimmt. Die christologische Ordnung, auf die
Goethe mit Nachdruck in der Lukas-Paraphrase des Verses Mein
lieber Sohn, an dir hob' ich Gefallen verweist, ist also mit der
Einfhrung des Geizes nicht nur verkehrt; in sie wird ein Moment
materieller Latenz eingefhrt, das ihrer Erscheinungslogik strikt
entgegenluft und die Ordnung der Vereinigung in ihrem Kulminationspunkt, der Erscheinung des Geistes, durch eine Figur der
Entzweiung und drastischen Stofflichkeit zerreit. Und zerreit
durch eine Paronomasie, die das Wort Geist und den Wortgeist
selber in seinen materiellen Widerstand, in Geiz verwandelt. Das
Stichwort, auf das hin der Abgemagerte zum ersten Mal den Mund
auftut, ist das Wort ausgebrannt in Lenkers Rede von dem pneumatischen Flmmchen - das Wort also, das die inhrente Kargheit
der Verschwendung selber, die Armut noch des gebendsten Wortes
und den immanenten Geiz des Geistes zu erkennen gibt: An diesem hlt sich 's, dem entschlpft 's, /Gar selten aberflammt's empor, I
Und leuchtet rasch in kurzem Flor;/Doch vielen, eh' man's noch
erkannt,/Verlischt es, traurig ausgebrannt. (5635-5639) Die Erscheinung des Geistes - und weiter des Reichtums, Sinns, Wesens,
Lebens - in der Flamme, der poetischen Rede, der Mnze der
Poeten mndet nicht in einer gleichmig bereicherten und belebten Gesellschaft, nicht in der Parusie einer polit-konomischen
Idee, sondern in ihrer Parodie, der Geist im Geiz, der Vershner
im Marterholz (5671), die Verschwendung in der Drftigkeit. Und
sie luft nicht auf allgemeine Erleuchtung oder ihr rationalistisches
Substitut, universelle Aufklrung, hinaus, sondern auf ihr Ausbrennen und trauriges Verlschen. Sprache und Geld, die beiden
beherrschenden Erscheinungs- und Kommunikationsformen der
Gesellschaft, zeigen, zahlen und sagen am Ende nur noch als ausgebrannte - und da ihr Ausbrennen und Verlschen von Anfang an
dem Wesen ihres Scheinens angehrt, zeigen sie wesentlich ihre
Opazitt und sagen ihre Unmitteilbarkeit - die Intransparenz und
Inapparenz einer Mitteilung, die gleichwohl das Medium des gesellschaftlichen Verkehrs und der Vergesellschaftung selbst ist.
Das Wesen erscheint nicht, ohne im Schein aller seiner historischen und mythischen, seiner Sprach- und Wertfiguren zu verbrennen. Da die konomie der Produktion, der Erscheinung und der
Arbeit, der Sprache wie des Geldes eine konomie nicht nur des
160
Abhandlungen
Was sich nach Lenkers Auftritt abspielt - der Brand der phnomenalen Welt - steht am Anfang der Kreditgeldemission. Es ist die
Urszene oder Urphantasie des Kapitals, die Szene des Kapitals
selbst, seiner Kapitalisierung, die sich im Brand der Phnomene
abspielt. Nachdem Lenker den Mummenschanz verlassen und
Geiz und Habsucht vorgetreten sind, zieht unter der Maske des
Pan der Kaiser mit seinem Gefolge ein, setzt sich ber den von
Plutus gezogenen Bannkreis um das mitgebrachte Gold hinweg
und gert bei einem neugierig-gierigen Blick in die siedende
Schatzkiste zusammen mit dem gesamten Hofstaat in Brand. In
diesem Maskenbrand wird die spter vergessene Signatur unter die
Assignaten gesetzt. Und daran hat Lenker, die Verschwendung, die
Poesie ihren Anteil Lenker, der Heraus-Lenker des Reichtums in
seineflammendeErscheinung, ist nmlich nicht nur der christopoetologische Produzent von Verkrperungen der universellen
Wertsubstanz des Geglaubten. Die Formel Mein lieber Sohn, an dir
hat' ich Gefallen bezieht sich nicht blo auf die Anerkennung Jesu
durch seinen himmlischen Vater, sondern zitiert wie die Mehrzahl
der anderen Gestalten in der Mummenschanz-Prozession auch
einen griechischen Mythos, nmlich den von der vterlichen Anerkennung, die der knabenhafte Lenker des vierspnnigen Sonnenwagens, Phaeton, sucht.32 Da Phaethon die verbale Anerkennung
32
Goethe hat nach Auskunft seines Tagebuchs die Arbeit an der MummenschanzSzene am 1. Januar 1828 abgeschlossen. Seit Mitte 1821 hat er sich intensiv mit
den Fragmenten der Phaeton-Tragdie des Euripides befat, deren Rekonstruktion und Kommentar er fr zwei Zeitschriften-Artikel 1823 ('Phaeton4, Tragdie des Euripides" und Zu ,Phaeton* des Euripides*4) und fr einen dritten
(Euripides" Phaeton") im Dezember 1826, also ein knappes Jahr vor der
Arbeit an der Mummenschanz*, niederschrieb (BA 18, pp. 80-98). In dem, was
er eine der herrlichsten Produktionen des groen Tragikers nannte (I.e., p. 93),
konnte Goethe die Motive des Sonnenmythos, der Anerkennung und der politischen Verfassung (I.e., p. 87), der Degradierung des himmlischen Sonnenvaters
zum irdischen Besitzer von Goldschtzen, der Verbindung von Phaeton mit
161
162
Abhandlungen
Zur antiken Ekpyrosis-Literatur cf. Max Pohlenz - Die Stoa - Geschichte einer
geistigen Bewegung", Gttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1948; Bd 1, pp.
78-81; Bd 2, pp. 45-47. Die Pyrologie des Heraklit, die bei Pohlenz in diesem
Zusammenhang eine erstaunlich geringe Rolle spielt, drfte auf diese Literatur
den grten Einflu gehabt haben. Fr den Zusammenhang zwischen Feuer,
Gold und Waren am bedeutsamsten ist sein Fragment B 90: Alles ist austauschbar gegen Feuer und Feuer gegen alles, wie mit dem Gold die Waren und Waren
mit dem Gold. Das Feuer in den Schriften Plotins, einem der Lieblingsautoren
des jungen Goethe (cf. BA 13, p. 881), mag in diese und die Unzahl der anderen
Brandszenen in Goethes Schriften ebenfalls hineinspielen, die im Meister", in
der Novelle", in den Wahlverwandtschaften", in Selige Sehnsucht", im
Faust" selbst. - Fr die Gegenwart der stoischen Ekpyrosis-Mythe unter Goe-
163
Alls der Allegorien, die nun vom Feuer ergriffen wird - Ein ganzer
Maskenklump verbrennt (5943) -, das Feuer greift ber die bloe
Vorstellung, die Masken und ihre Bedeutung hinaus auf ihre Trger ber und droht noch diese, den Kaiser und seine Welt, zu
verschlingen - Der Kaiser brennt und seine Schar. (5953) Das
Skandalon dieser Szene liegt also darin, da das Feuer der Ekpyrosis nicht mehr ein allegorisch oder auch nur antiallegorisch beschrnktes ist, sondern diejenige Erscheinung, in der alle Erscheinung und aller Schein, der theatralische der Mummenschanz und
ihrer mythologischen Parallelfiguren, der allegorische Schein ihrer
historischen und konomischen Bedeutungen, mitsamt ihrem Widerpart, der planen Dramenrealitt, zu verbrennen droht: Uns
droht ein allgemeiner Brand. /Des Jammers Ma ist bervoll, /Ich
wei nicht, wer uns retten soll. /Ein Aschenhaufen einer Nacht/Liegt
morgen reiche Kaiserpracht. (5965-69) Wie von den Gaben des
Lenkers nur Kfer, vom Hhenflug des Euphorion blo seine prosaischen Attribute, Kleid, Mantel und Lyra, brigbleiben, so droht
von der Mummenschanz-Allegorie und dem All der in ihr dargestellten und der sie darstellenden Welt gesellschaftlicher Produktion nur Asche zu bleiben. Produktion - und par excellence die
poetische Produktion, wie sie in Lenker allegorisiert wird - ist
Phnomenalisierung. Aber da das Wesen der Erscheinung in ihr
selber und nicht in einer verborgenen Substanz liegt, verbrennen
in ihrer Produktion die Phnomene, ihr Eidos verglht, die Aisthesis erlischt. Goethes sthetik ist eine, die alles sthetische seinem
Aschermittwoch aussetzt.35
thes Zeitgenossen zeugt der zweite Abschnitt" von Kants Schrift Der Streit der
Fakultten" in dem Absatz ,Von der terroristischen Vorstellungsart der Menschengeschichte' (A 136), in: I. Kant - Werke in zwlf Bnden (ed. Weischedel);
Frankfurt/M.: Insel 1964, Bd XI, p. 353.
Fll burn my books! - Ah, Mephistophilis!" lauten die letzten Worte des Faustus
in The Tragical History of Doctor Faustus" von Christopher Marlowe - und
auch als Echo und berbietung dieser Ankndigung kann die Brandszene in
Faust II" gelesen werden. Ihr Vorspiel kann man in dem in Feuer verwandelten
Wein von Auerbachs Keller sehen (2299-2311), ihre mrderische Ausweitung im
Brand der Htte von Philemon und Baucis lesen, ihre hllischen und himmlischen Qualitten in den Szenen Grablegung' und ,Himmelfahrt\
(Zu Marlowe's Fll burn my books!" cf. die fulminante Meditation Musique en
texte et musique antitexte" von Michel Leiris in: Langage Tangage", Gallimard:
Paris 1985; pp. 73 sqq..) (Eine kritische Pyrontologie ganz eigener Art bietet
Jacques Derridas faszinierender Text Feu, la cendre", Edition Des Femmes:
Paris 1987.)
164
Abhandlungen
Die im ersten Akt von Faust II** versammelten, sei's kombinierten, sei's parallelisierten mythischen Figuren sind smtlich Figuren hybrider Produktion und folgen durchweg einer ,ikarischen*
Logik: in ihnen erhebt sich eine Figur zur Darstellung einer ihr
inkommensurablen Sphre, scheitert und lt als Markierung der
Inkommensurabilitt einen unscheinbaren oder abstoenden
Rest, Kfer, Hllen oder Asche zurck. Es ist in allen Fllen, und
das heit hier auch in allen Strzen, die Verschwendung der Darstellung, die im Zitat dieser Mythen der Darstellung in Szene gesetzt wird. Ihre Verschwendung ist also nicht mehr nur eine des
dargestellten Reichtums, der bedeuteten Sprache, des erscheinenden Geistes, sondern ist Verschwendung der Darstellung, des Bedeutens und des Erscheinens selber. Ihre Verschwendung ist
schrankenlose Generositt im Austeilen von Gaben und ebenso
schrankenloses Zum-Verschwinden-Bringen des Gebens. Das
reine Erscheinen kann nicht mehr erscheinen. Die ungetrbte
Sichtbarkeit ist unsichtbar. Universell geworden, verzehrt die
Phnomenalisierung sich selber; die totalisierte Produktion strzt
um in Selbstkonsumtion; und der Reichtum - des Sinns, des Wesens, des Lebens und der Geschichte - hat nichts mehr, wohin er
noch deuten knnte, mu an sich selber verglhen und, traurig
ausgebrannt, scheinlos, deutungs- und erinnerungslos, in Asche
zerfallen.
Das Theater, das Goethe in der Brandszene der Mummenschanz
schreibt, in der er die akkumulierte Geschichte der Gottheiten des
Scheinens und der Erscheinung, der knstlerischen Produktion
und der apophantischen Sprache Revue passieren lt, um sie
ihrem Vergehen zu berantworten, ist in Wahrheit ein Theater der
Unanschaulichkeit, der Aphanisis, des Atheatralen. Und ein Theater nicht mehr der Produktion der Bedeutung, sondern ihrer Tilgung; nicht mehr der Semiose, sondern der Asemiose. Und so sehr
es sich als monumentale Anamnesis der Geschichte des Theatralischen prsentiert, ist es zugleich das Theater der Amnesie, der
Verschwendung und des Vergessens des Theaters.
Der Brand, in dem die Erscheinung des Reichtums kulminiert
und der jede Art von Erscheinung vertilgt, ergreift wie die Wahrnehmung der Mitwelt auch das Gedchtnis der Nachwelt. Plutus
kndigt es an: Nun wird sich gleich ein Greulichstes erugnenj
Hartnckig wird es Welt und Nachwelt leugnen (5917-18), und am
nchsten Tag - es ist, gem der Reduktion aller Erscheinung auf
Asche, ein Aschermittwoch - wird der Kaiser sich tatschlich nicht
mehr daran erinnern, da er in der Nacht zuvor unter der Maske
165
des Pan die Assignatenmatrix unterzeichnet hat. Auf die Nachricht des Marschalks, die Reichskonomie sei saniert, Rechnung
fr Rechnung [sei] berichtigt (6041), und auf die Verlesung des
Assignatentextes kann der Kaiser nur alarmiert antworten: Ich
ahne Frevel ungeheuren Trug!/Wer flschte hier des Kaisers Namenszug? (6063-64) Der Augenblick der Signatur ist der Augenblick einer Krise der Autoritt. In der Unterschrift soll sich die
epistemische, politische und konomische, die wahrheits- und gesellschaftsstiftende Gewalt und damit in letzter Instanz die Kraft
der Selbstsetzung des Kaisers und seines Staats manifestieren; aber
indem sie es tut, hat sie sich schon an eine Form des Scheins
entuert, die sie dem Verdacht der Flschung, die die von ihr
inaugurierte Politik der Korruption und ihre konomie dem Ruin
aussetzt. Die Flschung der Signatur kme nmlich der Usurpation der kaiserlichen Autoritt gleich, sie wrde die Wirtschaft des
Staates und damit diesen selbst anstatt auf die Realitt auf einen
bloen Anschein des Reichtums, auf den Schein substantiellen
Wertes, nicht auf diesen selber grnden und somit die Gesellschaft
in eine allgemeine und schrankenlose Mummenschanz, ihre eigene
Allegorie pervertieren. Aber gerade diese Ersetzung des wirklichen
Reichtums durch den scheinbaren - somit auch der authentischen
Unterschrift durch die geflschte - wird vom Inhalt des schicksalschweren Blatts" der Assignatenmatrix sanktioniert: Der Zettel
hier ist tausend Kronen wert./Ihm liegt gesichert, als gewisses
Pfand,/Unzahl vergrabnen Guts im Kaiserland./Nun ist gesorgt,
damit der reiche Schatz,/Sogleich gehoben, diene zum Ersatz.
(6058-62) Das kaiserliche Dekret statuiert mit der quivalenz von
Kreditgeld und Schatz, schriftlicher Anweisung und materieller
Wertsubstanz auch die allgemeine quivalenz der beiden Oppositionsterme Schein und Wesen - und damit zugleich die quivalenz zwischen der authentischen Unterschrift und ihrer Kopie.
Unter dem Zeichen des generalisierten Quidproquo gibt es keine
authentische Signatur, keine authentische Authentifizierung
mehr, weil Authentizitt, Autoritt und polit-konomische Zentralmacht damit selber in Kategorien des Scheins verwandelt sind.
Der Kaiser war nicht der Kaiser selbst, als er die Schatzanweisung
unterzeichnete, er war blo sein Akteur, seine Kopie, seine Maske
und kann sich, da er nicht im Vollbesitz seiner Autoritt handelte,
an seine Tat auch nicht erinnern: sie war, als er sie vollzog, schon
nicht mehr seine Tat. Die Signatur, die einen Wert zu definieren,
zu bewahren und ins Gedchtnis einzuprgen bestimmt ist, verfllt in ihrem Vollzug der Amnesie. Sie vollzieht sich als ihre eigene
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Abhandlungen
Tilgung, lscht sich und die Erinnerung an sie aus -: und zwar
nicht erst, weil sie das Gesetz der quivalenz von Wirklichkeit
und Schein ratifiziert, sondern weil sie die Setzung der Signatarmacht - wie jede Setzung es mu - rckhaltlos an jene Sphre der
Erscheinung und des Scheins entuert, die den Widerhalt an
einer anderen Realitt zunichte macht und deshalb an sich selbst
verschwinden mu. Die Signatur sollte Setzung einer neuen Realitt sein; sie ist aber nur ein Schein mehr im Zug der Mummenschanz. Sie sollte polit-konomische Position sein und ist nur
eine weitere von den sthetischen Produktionen, die sich nicht
fassen und nicht behalten lassen. Der Zug der Unterschrift entzieht sie.
Die Signatur vollzieht sich als Selbstverbrennung. Indem er unterzeichnet, brennt der Kaiser. Das ist die Auskunft der Allegorese,
die der Bericht des Schatzmeisters ber die Signaturszene liefert.
Dieser Bericht etabliert die strikte Identitt zwischen der Szene, in
der der Kaiser in der Pansmaske in Brand gert, und derjenigen, in
der er den Staatskreditschein unterzeichnet. Den von der Assignatenemission skandalisierten Kaiser mahnt der Schatzmeister, als
wre Erinnerung das Heilmittel gegen die absolute Entuerung
seiner selbst in der Signatur: Erinnre dich! hast selbst es unterschrieben;/Erst heute nacht Du standst als groer Pan,/Der Kanzler sprach mit uns zu dir heran:/,, Gewhre dir das hohe Festvergngen,/Des Volkes Heil, mit wenig Federzgen/VDu zogst sie rein,
dann ward's in dieser Nacht/Durch Tausendknstler schnell vertausendfacht/Damit die Wohltat allen gleich gedeihe, /So stempelten
wir gleich die ganze Reihe,/Zehn, Dreiig, Fnfzig, Hundert sind
parat. (6066-6075) Der Bericht des Schatzmeisters bietet die rationale Interpretation dessen, was in der voraufgehenden Mummenschanz-Szene in allegorischem Gewand vorgetragen wurde -: der
Satz Du standst als groer Fan, /Der Kanzler sprach mit uns zu dir
heran bezieht sich auf die Demarche der Deputation der Gnomen
(an den groen Fan), in der sie ihm Eine Quelle wunderbar empfehlen, Die bequem verspricht zu geben,/Was kaum zu erreichen war
(5906-08); die Formulierung Gewhre dir [.J/Des Volkes Heil
(6069-70) nimmt die Wendung derselben Deputierten wieder auf,
in der es hie Jeder Schatz in deinen Hnden/Kommt der ganzen
Welt zugut (5912-13). Die wenigen Federzge, zu denen der Kaiser bewogen wird, finden dementsprechend ihr allegorisches Korrelat in dem Vorgang, in dem sich Pan ber die Quelle wunderbar,
die Feuerquelle der Schatzkiste des Plutus neigt, sein Bart abfllt
und entflammt zurckfliegt, um die anderen Masken und schlie-
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lieh noch ihre Trger in Brand zu setzen.36 Der Bart entflammt und
fliegt zurck (5935) - allzu evident ist die metonymische Beziehung zwischen dem Flug des brennenden Bartes und den Federzgen (6070) und weiterhin den Flchtigen, den Assignaten, die sich
mit Blitzeswink zerstreuen (6086-87), als da nicht im Aufflammen des Bartes der Vollzug der Signatur, in der Proliferation des
Brandes die der Assignaten gelesen werden mte. Und allzu deutlich zitiert wiederum der Blick des Pan in die Feuerquelle - Er
bckt sich tief hineinzuschaun (5930) - den Blick des mythischen
Narzi in die spiegelnde Quelle, als da in dieser Signaturszene
nicht das Drama ,narzitischer' Selbstentflammung lesbar wrde.37 Des Kaisers eigene Erinnerung bietet ihm denn auch das
Die Reihe der Korrespondenzen zwischen dem Auftritt Pans und der Assignatenemission liee sich fortsetzen. Insbesondere ist es die Formulierung das
schicksalschwere Blatt das seine Entsprechung sowohl in der vom Chor der
Nymphen beschriebenen panischen Stille findet, in der Sich nicht das Blatt am
Zweige regt (5885), wie in der Gestalt der wilden Mnner, die, Den Fichtenstamm in rechter Hand/ Und um den Leib ein wulstig Band,/Den derbsten Schurz
von Zweig und Blatt, die Leibwache des Pan bilden (5869-70). Die phallischapotropische Funktion dieser Bilder ist ebenso deutlich wie die Beziehung von
Stamm und Blatt auf die Schreibszene. Sie setzen insofern jene Geste fort, mit
der kurz zuvor die Allegorie des Geizes, unverkennbar von Mephisto gespielt,
aus dem Gold der Schatzkiste eine phallische Figur formt, um die erregten
Frauen zu schrecken (5767-5782; cf. Goethes Entwurf in BA 8, p. 658). Die
Reihe ,Gold-Phallus-Stift-Schrift-Blatt* findet schlielich in der panischen
Brandszene ihre Fortsetzung, wenn der ,Bart' des Kaisers ins Feuer fllt und
verbrennt: Nun aberfallt sein Bart hinein! - / Wer mag das glatte Kinn Wohlsein?/
Die Hand verbirgt es unserm Blick. - (5931-33) Da es sich hier um eine Kastrationsphantasie handelt, hat als erster Kenneth Burke in seinem anregenden
Faust II- The Ideas behind the Imagery" nahegelegt (in: Language as Symbolic Action", University of California Press: Berkeley 1966; p. 18o).
In der Faust-Literatur wird immer wieder auf den Narzimus des Kaisers hingewiesen, ohne da diese Assoziation je spezifiziert und ber die Grenzen eines
vagen und angesichts der allegorischen Struktur des Textes unstatthaften Psychologismus hinausgefhrt und auf eine solide philologische Basis gestellt wrde. Zu den mythologischen Subtexten und besser Paratexten der Verbrennungsszene gehrt aber neben den schon zitierten auch die Darstellung des Narzi in
Ovids Metamorphosen" - einem Gedicht, das fr den Verfasser der Metamorphose der Pflanzen" und der Metamorphose der Tiere" genau seit der Zeit
seiner ersten Beschftigung mit dem Faust-Stoff in Straburg (BA 13, pp. 44546) von allergrter Bedeutung gewesen ist und das er im Zusammenhang seiner
Rekonstruktionsarbeit an den Euripideischen Phaeton"-Fragmenten, also in
unmittelbarer Nachbarschaft zur Arbeit am Ersten Akt von Faust II" wiederzulesen Anla hatte (cf. Funote 32). Im Epyllion von Narzi, dessen erster Teil der
Spannung zwischen copia" (Flle) und copia" (Mannigfaltigung, Abbild) gewidmet ist (III, 391-92,466), heit es im zweiten Teil von Narzi: dumquepetit,
petitur pariterque accendit et ardet (III, 426) [wird verlangend verlangt, ent-
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Abhandlungen
brennt zugleich und entzndet]; quid videat, nescit: sed quod videt, uritur Mo
(430) [wei nicht, was er da schaut, doch was er schaut, daran brennt er]; uror
amore meUflammas moveoque feroque (464) [In Liebe brenn ich zu mir, errege
und leide die Flammen]; und, mit einer fr die spte Stoa insgesamt wichtigen
Verschrnkung von Bildern der Feuchtigkeit und des Feuers, in der fr Goethes
Transformation der Mythe entscheidenden Klimax: ut intabescere flavae/ igne
levi cerae matutinaeque pruinae/sole tepente solent, sie attenuatus amore/ liquitur et tecto paulatim carpitur igni (487-490) [Wie das gelbliche Wachs in gelindem/ Feuer zerschmilzt, wie der Reif des Morgens in wrmender Sonne/ langsam
vergeht, so schwindet er hin, von der Liebe entkrftet, und verzehrt sich allmhlich in unerschaubaren Flammen] (mit der bersetzung von Erich Rsch zitiert
nach: Publius Ovidius Naso - Metamorphosen"; Mnchen: Heimeran 1979).
Als Versenkung in das Schattenreich des Hades wird der Versuch des Narzi,
sich seines eigenen Bildes zu bemchtigen, von Plotin gedeutet - und zwar in
demselben Traktat ber das Schne - und sein Feuer - in den Enneaden" (I 6,
8), aus dem Goethe sich 1805 den Satz notiert Neque vero oculos unquam videret
solem, nisifactus solaris esset. Ennead. IL. VI.C.9.faXioet5r|<;),den er spter in
die Verse bertrgt War nicht das Auge sonnenhaft,/ Die Sonne knnt es nie
erblicken (BA 1, 667 und Kommentar I.e., p. 980; und: Leopoldina-Edition von
Goethes Schriften zur Naturwissenschaft II 3, pp. 17 und 390 sqq.).
Der vierte Akt des Faust II", in vielem eine Replik auf den ersten, wiederholt
die Assoziation des Kaisers mit den Motiven des Pan (9999-10004, 10780), der
,narzitischen' Spiegelung und des Feuers, wenn es um seine kriegerische Konfrontation mit dem Gegenkaiser, seinem Gespenst (10469) und Doppelgnger
geht: Selbstndigfhlt' ich meine Brust besiegelt, /Als ich mich dort im Feuerreich
bespiegelt;/ Das Element drang grlich auf mich los,/ Es war nur Schein, allein
der Schein war gro. (10417-20) Diese Verse sind ebensosehr Phantasie ber die
Begegnung mit dem Feind im Schlachtenfeuer wie Erinnerung an den Blick in
den Feuerspiegel aus dem ersten Akt. Der Sieg im darauffolgenden Gefecht wird
dann tatschlich nur durch Spiegeleffekte gewonnen (cf. 10584-92, 10736-40)
und die Neuverteilung der Rechte unmittelbar danach durch kaiserliche Signatur bekrftigt (cf. 10927-29,10971-74,11021-22,11042). Ein um's andre Mal ist
das Feuer ein Spiegel, der Spiegel Feuer und Narzi brennt, indem er sieht.
Es ist in diesem Zusammenhang bemerkenswert, da derjenige Text, der vor dem
Goetheschen - und vor den bekannten von Shakespeare - die komplexeste Darstellung des Geldes und nherhin der Geldfalschung enthlt, der XXX. Gesang
von Dantes Inferno", auer einer Referenz auf Semele und Troja (sie spielen ihre
Rolle auch im Zweiten Akt von Faust II") die Erzhlung von einer geflschten
Unterschrift und die Metapher vom specchio diNarcisso enthlt - Motive, die fr
Goethes Behandlung des Geld-Problems ebenso bedeutsam sind wie Dantes Technik, seine Figuren jeweils paarig, in asymmetrischen Verdopplungen auftreten zu
lassen. Da Goethe bei der Arbeit am Zweiten Faust" die Divina Commedia"
gegenwrtig gewesen sein mu, versteht sich nicht nur aus den Paradiso"Allusionen der Schluszene. Im September 1826, etwa ein Jahr vor der Niederschrift des Ersten Aktes, studiert er fr einige Wochen intensiv die Streckfu'sche
bersetzung des Inferno" und verfat einen kurzen Aufsatz zu Dantes poetischer
Verfahrensweise (BA 18, pp. 330-333, und Kommentar, pp. 844-45).
Das Rtsel der Verbindung, die Goethe zwischen Pan und Narzi in der Figur
des Kaisers herstellt, lst sich nicht, aber bekommt etwas mehr Kontur, wenn
man daran denkt, da Pan nach griechischer Sage mit der Nymphe Echo, der
Begleiterin des Narzi, vermhlt war (cf. B. Hederich - Grndliches mythologi-
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nen. Wenn Faust also auf der Unvorstellbarkeit und Undenkbarkeit des Reichtums insistiert und alle Bilder und Begriffe abweist,
die den Anschein erwecken knnten, sie seien das sinnliche quivalent seiner Unermelichkeit; wenn er in diesem Zusammenhang
weiterhin den insbesondere von Kant und Schiller mit dem Erhabenen assoziierten Begriff der Wrde gebraucht, um den absoluten
Wert, das Grenzenlose aller Wertverleihung zu charakterisieren,
dann spricht er, so knnte man sagen, von einem Fiskalisch-Erhabenen, von jenem absoluten Wert, eben der Wrde, die alle Wertschtzungen begrndet, aber selber nie Gegenstand einer Wertbestimmung werden kann. Da der absolute Wert im Unterschied zu
allen durch Relationen bestimmbaren Werten keine Darstellung in
einer stofflichen Substanz, dem Gold zum Beispiel, duldet, und da
er als ein Grenzenloses auch der Determination durch Begriffe
entgleitet, bleibt der einzige Zugang zu seinem Bereich den wrdigen . . . Geistern und ihrem Vertrauen vorbehalten: das FiskalischErhabene ist eine Kategorie des Glaubens und, historisch spezifischer, des unbegrenzten und durch keine blo rationalen Entscheidungen begrenzbaren Staatskredits.40
40
Zum Begriff der Wrde und des Erhabenen bei Kant cf. Funote 26. - Der
Begriff des Fiskalisch-Erhabenen, in Analogie zum Kantschen Begriff des Mathematisch-Erhabenen gebildet, unterhlt zu diesem selbstverstndlich nur ein
problematisches Verhltnis: denn whrend dieser eine rein formale Bestimmung
- und tatschlich eine Bestimmung jenseits aller Formalisieningsfahigkeit darstellt, charakterisiert der Begriff des Fiskalisch-Erhabenen ein inhaltliches
und damit zugleich ein historisches Moment am Erhabenen. Was die Faust"Verse, zu deren Charakterisierung er hier gebraucht wird, sagen, erfllt deutlich
genug die Minimaldefinition des Erhabenen, die Kant in der Dritten Kritik gibt:
es auch nur denken zu knnen, fordert ein Vermgen des Gemtes - Goethe sagt
des ,Geistes* -, das jeden Mastab der Sinne und darber hinaus Verstandesbegriffe und Einbildungskraft bertrifft (B 85). Erhaben ist also der Reichtum fr
Faust nicht etwa im Hinblick auf seinen mglichen Nutzen, sondern grade durch
das grenzenlose Surplus ber jeden erdenklichen Gebrauch, der von ihm gemacht werden knnte. Es gibt keinen Standard, an dem dieser Reichtum noch
gemessen werden knnte, auer jenem, der in der reinen Inadquation der
Einbildungskraft an sich selbst - nach Kants Formulierung in dem Geflihl der
Beraubung der Freiheit der Einbildungskraft durch sich selbst (B 117) - liegt und
bei Kant den Namen der moralischen Gesetzgebung in der Idee der Freiheit
trgt. Glaube heit bei Kant das Vertrauen auf die Verheiung des moralischen
Gesetzes (B 463) und ist also das Verhalten zu den Postulaten, die sich aus der
Tatsache der Freiheitsidee ergeben. Das Vertrauen, das dagegen Faust beschwrt, ist Vertrauen in die Affinitt des Geistes mit der Unermelichkeit der
Natur, also Vertrauen in ein Ideal der Natur, nicht in die Idee der Freiheit (die
fr Kant Faktum ist und keines Glaubens bedarf). Wenn Faust von dem durch
173
Das Schema der Metapher ist selber keine Metapher mehr, unterhlt keine natrliche und keine hnlichkeitsbeziehung zu dem
in ihr Dargestellten, ja, alle derartigen Beziehungen und somit das
in ihnen Dargestellte selbst werden durch dies Schema, das die
Form der Darstellung, der Produktion und der Konvention ist,
berhaupt erst mglich. In ihm sind sie, diesseits aller Naturwchsigkeit, gesetzt. Deshalb erscheinen smtliche Beziehungen, in denen sich der Reichtum darstellt, als konventionelle und dementsprechend allegorische Verhltnisse. Verba valent sicut nummi.
Aber es ist ein Unterschied unter dem Gelde. Es gibt goldne, Silberden Staatskredit verliehenen Reichtum als von Naturschtzen redet, so beweist er
damit, da er, mehr als Mephisto, von der neuen konomie selbst noch mystifiziert ist: der Wertstandard, den er in die Natur legt, ist in Wahrheit der knstliche,
der ,frei' gesetzte Schein, der Geldschein, der mit dem Kredit ausgegeben wird.
N u r der Narr wird am Ende das geschenkte Papiergeld noch in Lndereien und
damit in einen Naturalwert investieren, der obsolet geworden ist.
Von einem Fiskalisch-Erhabenen zu reden, empfiehlt sich aber nicht nur, weil
Goethe konomische und meta-sthetische Kategorien (die Allegorie, das Erhabene) miteinander verschrnkt, um Thema und Medium seiner Darstellung ineinander zu reflektieren; dieser Begriff wird hier auch vorgeschlagen, um daraufhinzuweisen, da die poetologisch-ethische Diskussion des 18. und 19. Jahrhunderts
u m den Begriff des Erhabenen sich in dem Ma intensiviert, in dem das traditionelle Wertsubstrat, das Gold, in der politischen konomie der europischen Staaten an Bedeutung einbt und in seiner Funktion als Wertstandard von teilweise
enormen und mit der realen Produktivitt schlecht balancierten Staatskrediten
abgelst wird. Die wirtschaftlichen Krisen des 18. Jahrhunderts sind im wesentlichen Krisen im Umgang mit der neuen Kreditgeldwhrung. Angefangen vom
konomischen Debakel, das in Frankreich 1716 mit der Banknoten- und Aktienausgabe durch John Law einsetzt, ber den englischen Staatsbankrott 1720, ber
das sterreichische Papiergeldexperiment 1759 bis zur Assignatenschwemme
whrend der franzsischen Revolutionsjahre ist die europische Wirtschaftspolitik von Katastrophen skandiert, die regelmig vom Miverhltnis zwischen
Kreditgeld und realer Produktion ausgelst werden. Die Destabilisierung, die die
neue Finanzpolitik an den natrlichen' Wertstandards vollzieht, schlgt in der
Sprach- und Kunsttheorie derselben Zeit als Destabilisierung der Referentialittsansprche der Zeichen durch. Die Reinterpretation des Erhabenen schreibt sich in
diesen Zusammenhang der Denaturalisierung aller tradierten Grundmae ein bei Goethe durch die Neubestimmung des Verhltnisses zwischen Geist und Phnomenalitt, bei Kant, radikaler, durch die Reduktion aller Gewiheiten auf
Freiheit. Einige Aspekte dieser Vernderungen in der Geld- und Sprachkonomie
- freilich weder solche, die mit der Kreditwirtschaft, noch solche, die mit dem
Status des Erhabenen zu tun haben - werden von Michel Foucault dargestellt in
Les Mots et les Choses" (Gallimard: Paris 1966), einige andere Aspekte in den
Arbeiten von Marc Shell, The Economy of Literature" (Johns Hopkins University Press: Baltimore 1978) und Money, Language and Thought" (University of
California Press: Berkeley 1982) - beide mit interessanten Beobachtungen zum
Faust" -, und in Brian Rotmans Signifying Nothing - The Semiotics of Zero"
(Macmillan Press: London 1987).
174
Abhandlungen
ne, kupfernde Mnzen und auch Papiergeld. In den erstem ist mehr
oder weniger Realitt, in dem letzten nur Konvention. So notiert
Goethe unter dem Titel Symbolik" und schreibt dem Papiergeld
jene Geltung durch Konvention zu, die traditionell mit der Allegorie in Verbindung gebracht wird.41 Wert und Wertproduktion knnen sich nicht als Gegenstnde der Erkenntnis oder des unmittelbaren Selbstgefhls darbieten - der Kaiser wei nichts von seiner
Unterschrift und kann sich nicht an sie erinnern -, sondern nur als
Gegenstnde eines durch andere vermittelten Vertrauens, des
Glaubens und also des Kredits erscheinen - und Konventionalitt
der Allegorie heit ja gerade dies: bereinkunft in einer blo angenommenen, geglaubten und im Glauben fundierten Bedeutungszuschreibung. So wie der Kaiser In der Wertquelle nicht sich selbst,
sondern nur das Idol der Konventionalitt des Werts erkennt, so
erkennt er seine Assignaten nur als von anderen anerkannte, als
von einer neuen Konvention akkreditierte Wertzeichen an: Und
meinen Leuten gilt's fr gutes Gold?/Dem Heer, dem Hofe gngfs
zu vollem Sold?/So sehr mich's wundert, mu ichfs gelten lassen.
(6083-85) Papiergeld ist Geld nicht einfach, weil die staatliche
Autoritt es als Substitut des Goldes dekretiert, sondern weil es
den Leuten auf Grund dieses Dekrets als ein solches Substitut^'//.
Erst der Glaube, den andere in das Versprechen des Kaisers setzen,
erst der Kredit, den sie dem Kredit gewhren, authentifiziert die
kaiserliche Signatur und erst diese Gegenzeichnung seiner Unterschrift kann ihn selbst bewegen, sie fr gutes Gold gelten zu lassen.
Mit seiner Anerkennung der Assignaten macht sich der Kaiser
zum Spiegelbild desjenigen Bildes, als das er sich im Glauben
seiner Leute findet - er macht sich damit buchstblich zum Objekt
der Spekulation einer Gesellschaft, die sich ihrerseits allein durch
den Mechanismus der Spiegelung und Wiederspiegelung des Geglaubten, durch Spekulation konstituiert. Das ist die Logik des
Kapitals in Goethes Szenen: da es nicht einfach dem Kredit entspringt, sondern dem Kredit, der dem Kredit gegeben wird, der
Spekulation des Kredits mit sich selbst. Kapital ist der sich selbst
heckende, der in seiner Spiegelung sich erzeugende, in seiner Spiegelung sich besttigende Kredit. Das Geld der Spekulation: eine
Wertrealitt, die sich aus der Idealitt, der immer spekularen und
immer gespenstischen Idealitt wechselseitiger Anerkennung
J.W. Goethe - Naturwissenschaftliche Schriften, Erster Teil (Gedenkausgabe der
Werke, Briefe und Gesprche; ed Ernst Beutler); Artemis: Zrich und Stuttgart
1964; p. 855.
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gebiert, in der das Anerkannte kein Erkanntes, sondern ein Geglaubtes, Supponiertes, Hypothetisches ist, in dem sich das Reale
seiner Produktionsbedingungen verliert.
Das grenzenlose Vertrauen (6118), das den gesellschaftlichen
Verband, die Konventionen seiner sprachlichen und seiner finanziellen Verkehrsformen definiert, tendiert dazu, Sprache, Geld
und Gesellschaft in eine leere Phantasmagorie zu verflchtigen.
Zum idealen Teile [von Geschichte und Universum] gehrt der Kredit, zum realen Besitztum, physische Macht pp. - so heit es in den
Maximen und Reflexionen". Und Goethe hlt an dem in diesem
Satz reklamierten Realittsfundus auch noch des Kredits fest,
wenn er fortfahrt: Der Kredit ist eine durch reale Leistungen erzeugte Idee der Zuverlssigkeit*2 Wenn aber die einmal geffnete
Diskrepanz zwischen Idealitt und Realitt durch reale Leistungen
nicht mehr gedeckt werden kann - und das mu im selben Augenblick geschehen, in dem die Idee von der realen Leistung, der
Kredit vom realen Besitztum sich emanzipiert, im selben Augenblick mithin, in dem er eben Kredit wird -, dann wird die Realitt
zum Schuldner der Idee und die Idee, ursprnglich durch reale
Leistungen erzeugt, zehrt nun ihrerseits deren Realitt auf. Die
Idee ist das durch den ttigen Glauben, durch die Arbeit des Negativen an allen materiellen Wertsubstanzen produzierte und also
immer nur geglaubte, immer nur kreditierte Kapital. Das Reale
der Arbeit wird aber von der Idee, die von ihm produziert worden
ist, ihrerseits derealisiert - und im selben Zug wird die Idee der
Zuverlssigkeit, der Kredit selbst getilgt. Alles Ideelle, sobald
es vom Realen gefordert wird, zehrt endlich dieses und sich selbst
auf. So der Kredit (Papiergeld) das Silber und sich selbst45
BA 18, p. 618. Die beiden Reflexionen tragen die Nummern 946 und 947.
BA 18, p. 520 (Nummer 315). - Aus einer Bemerkung in den Noten und
Abhandlungen zu besserem Verstndnis des West-stlichen Divan" lt sich
entnehmen, da Goethe in bereinstimmung mit den meisten seiner Zeitgenossen im Kredit-, respektive Papiergeld eine Whrung sah, die sich vor allem durch
die Unverllichkeit ihres Wertes auszeichnete. Goethe schreibt dort unter dem
Titel Verwahrung": Wenn jemand Wort und Ausdruck als heilige Zeugnisse
betrachtet und sie nicht etwa, wie Scheidemnze und Papiergeld, nur zu schnellem, augenblicklichem Verkehr bringen, sondern im geistigen Handel und Wandel als wahres quivalent ausgetauscht wissen will, so kann man ihm nicht verbeln, da er aufmerksam macht, wie herkmmliche Ausdrcke, woran niemand
mehr Arges hat, doch einen schdlichen Einflu verben, Ansichten verdstern,
den Begriff entstellen und ganzen Fchern eine falsche Richtung geben. (BA 3, p.
231) Nicht nur werden hier alter Tradition gem Sprache und Geld unter dem
Zeichen der quivalenz analogisiert - verba valent sicut nummi -, Goethe be-
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Vertrauen ist das Credo des Kapitals und ein Credo, das Kapital
produziert. Es ist, unter Umstnden, die nicht von ihm selbst
gemacht sind, die ursprngliche Akkumulation des Kapitals durch
Selbstkreditierung - und, wohlgemerkt, durch Selbstkreditierung
auch noch in der glubigen Arbeit, die sich an den Naturstoffen
und dem Realen der historischen gesellschaftlichen Beziehungen
bettigt, um sie in die Idee der Zuverlssigkeit zu transformieren:
in die Idee des Kapitals, in die Idee, in das Kapital aus glubiger
Arbeit und Kredit, in den Schein, der selber Wesen ist, in das
Gespenst-Gespinst (6199), als der der Kapital-Schein umgeht und
zirkuliert, bis er verschwindet. Als Akt des Glaubens, als Kreditierungsakt, der seine eigene Realitt produziert und zerstrt, als ein
actus fidei ist es zugleich das Autodafe der Kreditgesellschaft, von
dem ihre Konventionen und Allegorien, ihre Sprach-, Wert- und
Selbstsetzungen ebenso schrankenlos erzeugt wie verzehrt werden.
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nen Blttern' und seiner Schrift spekuliert, einen virtuell unendlichen sozio-kulturellen Reichtum erzeugt, ihn an sich und sich an
ihm entflammt: zum gesellschaftlich-konomischen Phnomen
macht und in Asche legt. Denn die textuellen Replikate und Reflektionen multiplizieren und zerstreuen wie die kaiserlichen
Tausendknstler" das Bild, das sich in ihnen entzndet, mit so
vielen Brechungen und Varianten, da kein Narzi, und hiee er
Goethe, sich darin wiedererkennen kann, ohne seine Gestalt darber einzuben.48 Faust" ist das spekulativ erzeugte, das, wie
alles andere aus Kredit gezogene, literarische Geld und , Goethe'
sein Gott: in der kreditkapitalistischen Konflagration, die er entfacht, einer numismatischen Theophanie des literarischen Selbst und des Literarischen selbst -, steht er selber in Flammen.
Das Gesetz, dem die dramatische Verdopplungstechnik folgt, ist
dasselbe Gesetz der Substitution - oder der Metapher -, dem die
Selbstbespiegelung des Kaisers, der Ersatz der Bodenschtze durch
die Assignaten und schlielich deren mechanische Reproduktion
unterstehen. Nur prsentiert sich hier die Substitution nicht als
identische Wiederkehr des Gleichen, sondern als Substitution und
Komplettierung des jeweils anderen durch das, was ihm fehlt:
durch seine Verkehrung und seine Negation. Die Wiederholung
zeigt das Reversbild des Wiederholten und die Wiederholung des
Bildes also dessen Auflsung. Dieser Proze, spekular wie er ist,
knnte dialektisch heien, wenn er auf die Ineinsbildung der Gegenstze statt auf die unaufhaltsame Proliferation von Spaltungen
und Paradoxien hinausliefe. In der Tat ist aber die Wiederholung,
die Goethe inszeniert, eine Macht des Wiedererkennens nur, indem sie eine des Vergessens ist, eine Macht der Affirmation nur,
solange sie mit ihrer kritischen Zersetzung einhergeht, eine Funktion der Mimesis blo, sofern sie eine der Auflsung des Bildes,
der Schrift und der Sprache ist. Die Reproduktion der Assignaten
mag in der Ausbreitung des Feuers ihr Gegenstck finden - doch
das Papiergeld salviert die Politkonomie des Reiches, whrend
In einer kleinen Arbeit von 1823, Julius Caesars Triumphzug, gemalt von
Mantegna" widmet Goethe einem kompositorischen Scherz besondere Aufmerksamkeit: es ist wegen der Stellung der Figuren auf Mantegnas Bild nicht zu
unterscheiden, ob das Wickelkind von der alten oder der jungen Frau getragen
wird. Da ein Glied zwei Figuren zugehren knne, diese Mglichkeit wird in der
Interpretation der Brand- als Signaturszene in die andere umgekehrt, da zwei
Darstellungen Varianten ein und derselben Szene sein, zwei Glieder einer einzigen Figur zugehren knnen - die Einheit4 dieser Figur wie ihrer Glieder tritt
also nur als erborgte und revozierbare hervor. (BA 20, pp. 324-25)
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Parekbase ist diese Rede des Plutus, obgleich sie weder ans Publikum gerichtet
ist, noch die Theater-Illusion des ganzen Dramas durchbricht. Aber Plutus
nimmt mit diesen Worten nicht mehr einfach an der dramatischen Aktion teil,
sondern kommentiert sie als einer, der Distanz zu ihr wahrt, von auen. Er zeigt
sie - und verhlt sich darin nicht unhnlich dem Akteur im nicht-aristotelischen
Drama Brechts, der seine Gesten, statt sie blo zu verwenden, selber zeigt.
Plutus* Rede stellt als Voraussage das, was folgt, gleichsam in Anfuhrungszeichen, und ihre Fortsetzung in den Versen 5970-86 weist den Brand nachtrglich
als bloen Schein eines Brandes aus. Dieser Bruch der diskursiven Kohrenz ist
eine der fr den dramatischen Stil des gesamten Faust" konstitutiven Techniken, die insbesondere das Verhltnis zwischen dem heroischen Ton Fausts und
dem sarkastischen des Mephisto definiert. Mephistos Part ist eine fortgesetzte
Parekbase. So kann ihn Helena tadeln: Du fllst/ Ganz aus der Rolle (9048-49).
Und wenn er selber Faust auffordert So fat Euch doch und fallt nicht aus der
Rolle! (6501), dann wird, nicht aus der Rolle zu fallen, zum Imperativ, eben nur
eine Rolle zu spielen, nicht aber mit ihr sich zu identifizieren.
Stab und Buchstabe werden auch an anderer Stelle in Goethes Werk miteinande:
assoziiert. Auf das Gedicht Offenbar Geheimnis", das wie Epirrhema" und sc
viele andere das Thema des Mystischen umspielt, antwortet im Divan" Der
Wink", in dem Goethe schreibt: da ein Wort nicht einfach gelte, / Das mte sich
von selbst verstehn./ Das Wort ist ein Fcher! Zwischen den Stben/ Blicken ein
Paar schne Augen hervor. (BA 3, p. 30) Nach dem Modell der Zugehrigkeit
,eines Gliedes zu zwei verschiedenen Figuren*, lt hier der Text die Stbe
zugleich die des metaphorischen Fchers, der frs Wort steht, und die Buchstaben sein, aus denen jedes geschriebene Wort zusammengesetzt ist.
Wenig frher mute der Heroldsstab des Plutus schon einmal dazu herhalten,
Schein von Wahrheit, den Maskenspa vom Volk zu scheiden, das ihn fr bare
Mnze nehmen will. In den an den Herold gerichteten Worten des Plutus wird
deutlich, da der Stab auch hier als Emblem eines apotropischen Schreibwerkzeugs dient: Ich tauch' ihn [den Stab] rasch in Sud und Glut. -/Nun, Masken, seid
auf eurer Hut!/ Wie's blitzt und platzt, in Funken sprht!/Der Stab, schon ist er
angeglht,/ Wer sich zu nah herangedrngt,/ Ist unbarmherzig gleich versengt(5741-5747)
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Die Schrift interveniert als Halt: als Unterbrechung der Maskenparade und ihrer allegorischen Illusion, als Aufhaltung und Verzgerung des Blicks in den Feuerquell, als Eindmmung und Zurckhaltung des Brands und als Behalten der Erinnerung an ihn. Halt!
(5520) ist das erste Wort, mit dem Lenker, die Poesie, auf die
Bhne tritt. Das ,Erugnis* ist ,Erugnis' nur, weil sein katastrophischer Verlauf vom Halt der Schrift zurckgestemmt und abgebrochen wird. Die Parekbase tritt also als kritische Gewalt ins
Mittel, aber nicht, indem sie zwischen bloem Schein und Wesen
scheidet, sondern indem sie den Schein selber vor dem ihm wesentlichen Vergehn bewahrt. Die Schrift ist der Katechon der Erscheinungswelt. Sie vollzieht die Rettung der Phnomene, indem
sie diese vor ihrem Umschlag in reine Erscheinungen, in Feuer,
zurckhlt und dadurch fhig wird, sie als Phnomene zu exhibieren. Das heit aber, da sie, mchtiger als Erscheinung und
Schein, mchtiger auch als ihr reines Naturelement, das Feuer, aus
dem Bann der Phnomenalitt und ihrer Paradoxien heraustritt
als Gewalt der Distanzierung, der Ernchterung und der Lschung
der Phnomene. Lschend berall bekmpfet,/Ihr, die lindernden,
die feuchten, /Wandelt in ein Wetterleuchten/Solcher eitlen
Flamme Spiel! - (5981-84) - so gebietet Plutus den Wolken und
lt sie auf den Masken- und Palastbrand niederregnen.52 Was,
vom Schlag des Stabes ausgelst, so niederregnet, ist die Schrift,
nicht die Feuerschrift, die der verstellte Kaiser unter seine Assignate setzt, sondern eine, die das Feuer lscht und es auf seinen
prosaischen Schein reduziert. Die gesamte Brandszene und mithin
Diese Wolken sind nicht nur der Gegenstand von Goethes langjhrigen metereologischen Untersuchungen gewesen, ihnen hat er nicht nur eine Reihe von Gedichten gewidmet, die zu Howards Ehrengedchtnis" zum Beispiel, sie figurieren von Anfang bis Ende des Zweiten Faust" als einer der bedeutsamsten Topoi
des Transports, der Erhebung und Verwandlung, und besonders im Dritten Akt
als schner Schein - als die Gewnder der Helena, die sie bei ihrem Verschwinden in Fausts Armen zurcklt: Helenens Gewnde lsen sich in Wolken auf
umgeben Faust, heben ihn in die Hhe und ziehen mit ihm vorber. (9954-55) Als
Helenas Gewand ist die Wolke der Schein der Schnheit selbst. In ihr erscheinen
ihm die mythische Geliebte, ihre Mutter und deren Konkurrentin: von meiner
Wolke Tragewerk sagt er: Sie teilt sich wandelnd, wogenhaft, vernderlich./Doch
will sich 's modeln. - Ja! das Auge trgt mich nicht! -/Aufsonnbeglnzten Pfhlen
herrlich hingestreckt, / Zwar riesenhaft, ein gttergleiches Fraungebild, / Ich seh 's!
Junonen hnlich, Leda'n, Helenen,/ Wie majesttisch lieblich mir's im Auge
schwankt./ Ach! schon verrckt sich 's! Formlos breit und aufgetrmt/ Ruht es in
Osten, fernen Eisgebirgen gleich,/ Und spiegelt blendend flucht'ger Tage groen
Sinn. (10041-54)
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Als den eines Kanzlisten des eigenen Innern hat Walter Benjamin den Sprachgestus des alten Goethe charakterisiert. Die Wahl des Konjunktivs in einem
seiner letzten Briefe verrt, so schreibt er, da das den Schreibenden beherrschende Geflihl von sich aus nicht den Weg zur Schrift, zum Ausdruck mehr
verlangt, da Goethe als Kanzlist des eigenen Innern esverlautbart. (Illuminationen", Frankfurt/M.: Suhrkamp 1961; p. 292.) Die Tendenz zum Inexpressiven,
zur Distanzierung von den eigenen Gefhlen, Stoffen und Verfahren tritt in der
hier besprochenen Szene des Faust" als ektheatralische Parekbase hervor: als
Rede der Absetzung von der Rede, als Rede des Schreibers, des Kopisten, der
nicht agiert, sondern ,ad acta' legt.
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seine Geltung.54 Und suspendiert, wenn schon nicht gnzlich diskreditiert, ist durch sie genauer die Autoritt des imperialen Einsetzimgsaktes, der Signatur, des mit ihr erzeugten Geldes und die
gesamte Logik von Tausch, Tuschung, spekulativer Selbstverifikation und Kapitalisierung, die sich aus ihm entspinnt. Geld immer Geld des Glaubens und des Kredits, auf den eine Gesellschaft ihre Verkehrsformen und also sich selbst als Gesellschaft, als
das Geld ,Gesellschaff grndet -, Geld ist fortan eben dies: blo
geglaubter Wert, Papier und verbrennbar, und ist als Kreditgeld
sogar selber sein Brand; aber die Sprache der Aufhaltung und
Aussetzung setzt keinen bestndigeren Wert an die Stelle des instabilen und sich selber entsetzenden Wertes der Setzung, nicht Gold
an die Stelle von Papier, nicht die gediegene Konstatierung an die
Stelle der windigen Persuasion, sondern ffnet und limitiert nur
den Spielraum, in dem verschiedene Setzungsfunktionen sich entfalten, miteinander assoziieren und sich aufheben knnen. Das
Papiergespenst der Gulden (6198), auch wenn es als Gespenst-Gespinst (6199) das soziale Gewebe der Kreditgesellschaft knpft, ist
verscheuchbar, denn die Prinzipien seines Werts, Produktion,
Substitution und Kredit, sind nicht die einzigen, die im Bereich
der Sprache wirksam sind, und sind in der Tat smtlich einer
sprachlichen und gesellschaftlichen Funktion - oder Dysfunktion
- ausgesetzt, die fhig ist, sie zu lschen: einer Sprache, die nicht
setzt, nicht produziert, nicht substituiert und keinen Kredit gibt;
einer Sprache, die den schnen Schein des Geldes und den Handel
und Wandel der spekulierenden Gesellschaft, die in ihm sich selbst
erzeugt und erkennt, unterbricht; und einer Sprache, die die Produktionen der poeto-politischen konomie genauso wie den Glauben, der sie trgt, aussetzen lt.
Die Logik der poetischen Gabe und ihrer Verausgabung, die
Logik der Setzung und ihrer immediaten Nichtigsetzung, der Produktion durch Arbeit, Kredit und Signatur und ihrer Distribution
und Dilapidation in Assignaten - die Logik der spekulativen
Selbsterzeugung und Selbstverbrennung, der generatio spontanea
und des spodologischen Ruins -, das ist die transzendentale Logik
des Kapitals, der Wertidee, die Logik der Kapitalisierung, der
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Den Begriff des Afformativen habe ich in einer Diskussion der Sprach- und
Politiktheorie Walter Benjamins entwickelt in AfTormativ, Streik"; in: Was
heit darstellen?", ed. Christiaan Hart-Nibbrig, Frankfurt/Suhrkamp 1994 (zuerst englisch als Affbrmative, Strike" in: Cardozo Law Review, vol. 13, 4
(1991), pp. 1133-58; und in: The Philosophy of Walter Benjamin", ed. Andrew
Benjamin, London: Routledge 1993).
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genug sein kann: auch er ist noch ein Teil, der letzte, der Mummenschanz, auch er wird noch aufgefhrt von Allegorien, und wenn
das Feuer, auch es ein allegorisches, ein Flammengaukelspiel
(5987), gelscht wird, dann ebensosehr um den Glauben an es zu
ernchtern, wie um die Etablierung der Kreditkonomie zu retten.
Die Axiologie sprachlicher Setzungen wird durch die Intervention
der afformativen Sprache ebenso erschttert wie die Kreditsthetik einer Kunst, die im Begriff ist, den gesamten Bereich des gesellschaftlichen Handelns zu bermchtigen; aber beide werden nicht
nur au&ehalten, eingeklammert und in ihrer Geltung suspendiert,
sie werden auch, wenngleich verndert, konservativ, er halten. Der
Schritt, mit dem sich der Zweite Faust" entschiedener als mit
dieser Parekbase des Plutus von den Illusionen des Halts, der
Stillstellung, der Vorstellbarkeit absetzt, ist der zu den Mttern, Ins
Unbetretene,/Nicht zu Betretende (6223-24). Er geschieht nicht auf
der Bhne.