MEW Band11
MEW Band11
WERKE BAND 14
KARL MARX
FRIEDRICH ENGELS
WERKE
0
DIETZ V E R L A G
1987
BERLIN
KARL MARX
FRIEDRICH ENGELS
B A N D 14
<s
DIETZ V E R L A G B E R L I N
Vorwort
Der vierzehnte Band der Werke von Karl Marx und Friedrich Engels
enthlt einen Zyklus von Aufstzen, die von ihnen fr das brgerlich-fortschrittliche Konversationslexikon The New American Cyclopaedia" geschrieben wurden, sowie das groe polemische Werk Herr Vogt" von
Marx. Zeitlich schlieen sich diese Arbeiten in ihrer Abfassung (Juli 1857
bis November 1860) an die Werke an, die in die Bnde 12 und 13 und teilweise in Band 15 der vorliegenden Ausgabe aufgenommen wurden.
Wie auch andere Werke der Begrnder des Marxismus in dieser Periode
beziehen sich die in den vorliegenden Band aufgenommenen Arbeiten auf
die beginnende Belebung der proletarischen und demokratischen Bewegung. Die erste Weltwirtschaftskrise in der Geschichte des Kapitalismus
1857/1858 bereitete den Boden vor fr einen neuen Aufschwung des revolutionren Klassenkampfes des Proletariats, fr das Anwachsen der ahtifeudalistischen Volksbewegung in einer Reihe von Lndern und des nationalen Befreiungskampfes der unterdrckten Vlker. Mit besonderer
Schrfe zeichnen sich aufs neue die Aufgaben der Vernichtung der Reste
des Feudalismus, der Liquidierung der nationalen Unterdrckung und der
Einigung der politisch zersplitterten Lnder - Deutschland und Italien ab. Da die Bourgeoisie sich immer mehr zu einer konterrevolutionren
Kraft entwickelte, wurde zur Hauptkraft fr die revolutionre Lsung
dieser Aufgaben das europische Proletariat, fr das die Durchfhrung der
brgerlichen Reformen, die infolge der Niederlage der Revolution von
1848/49 unvollendet blieben, eine notwendige Etappe auf dem Wege zur
proletarischen Revolution war.
Das Hereinnahen der revolutionren Ereignisse, die immer komplizierter werdende internationale Lage, die, wie der Krieg Frankreichs und
Piemonts gegen sterreich von 1859 zeigte, mit groen kriegerischen Erschtterungen schwanger ging, veranlaten die Fhrer der Arbeiterklasse
der Gesellschaft fhrten. Engels weist diese Gesetzmigkeit an dem Beispiel der frhen brgerlichen Revolutionen, in erster Linie am Beispiel der
franzsischen brgerlichen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts, und der
Kriege des revolutionren Frankreichs gegen die Koalition der feudalabsolutistischen Staaten Europas nach. Er zeigt, da gerade in diesen
Kriegen das militrische Schpfertum der Volksmassen, der unmittelbaren Teilnehmer an dem bewaffneten Kampf, in Erscheinung trat,
die neue Formen des Kampfes und des taktischen Vorgehens, welche den
neuen Bedingungen entsprachen, suchten und fanden. Spter wurde dies
in der Organisation und den Reglements der Armeen bekrftigt und durch
die Ttigkeit der militrischen Fhrer, der Feldherren usw., in ein System
gebracht. Groe Bedeutung ma Engels dem Befreiungskampf der Vlker
gegen fremdlndische Eroberer bei, zum Beispiel den Kriegen der Schweizer gegen die sterreichischen und burgundischen Feudalherren, dem Kriege
der Niederlnder gegen die spanische Herrschaft im 16. Jahrhundert, dem
Unabhngigkeitskrieg der nordamerikanischen Kolonien Ende des 1 [Link], den Kriegen der europischen Vlker gegen das napoleonische
Joch Anfang des 19. Jahrhunderts, dem nationalen Befreiungskrieg Ungarns 1848/49 usw. Mit der Geschichte dieser Kriege befat sich Engels
nicht nur in seinen groen Arbeiten fr die Enzyklopdie, sondern auch
in einer Reihe kleinerer Artikel, wie Albuera", Buda" (Ofen) und anderen.
Die militrischen Arbeiten von Engels widerlegten die Konzeption
vieler brgerlicher Militrtheoretiker ber die Unvernderlichkeit und
Ewigkeit der Prinzipien der Kriegskunst. Indem er die der Strategie und
Taktik eigenen dialektischen Gesetzmigkeiten aufdeckt, weist Engels
nach, da die strategischen und taktischen Regeln, die unter bestimmten
historischen Bedingungen vorteilhaft sind, Bankrott erlitten, wenn sie in
einer vernderten Lage angewandt wurden. So lenkt Engels z.B. in dem
Artikel Blindheim" bei der Analyse einer der groen Schlachten Anfang
des 18. Jahrhunderts die Aufmerksamkeit darauf, da die Umstnde, die
bei der damaligen Lineartaktik die Ursache fr die Niederlage der franzsischen Armee waren, im 19. Jahrhundert, bei der Anwendung des
Schar mutzierens" in Verbindung mit Kolonnen, als einen der grten
Vorteile" betrachtet werden muten (siehe vorl. Band, S. 246). Die Entwicklung der Kriegskunst stellte Engels im ganzen als einen komplizierten,
fortschreitenden Proze der allmhlichen Vervollkommnung dar. Er deckte
die enge Wechselbeziehung der verschiedenen Seiten dieses Prozesses
auf. In seinen Arbeiten zeigt Engels die Rolle des Zusammenwirkens der
dem Niveau des Bewutseins und der moralischen Haltung ihrer Kmpfer
bestimmt, die in vielem vom Charakter der Kriege abhngig sind. Groe
Bedeutung mit Engels dem Kampfgeist der Armee bei. So betont Engels,
wenn er von Kavalleriegefechten spricht, da im entscheidenden Augenblick
des Zusammenstoes von zwei Kavalleriemassen das moralische Element,
die Tapferkeit, ... hier sogleich in materielle Gewalt umgewandelt" wird
(siehe vorl. Band, S.307). Engels nennt auch andere Faktoren, die im Kampfe
wirksam sind: der Einflu des Gelndes, das Vorhandensein von Reserven,
der operative Charakter des Oberkommandos, die Kunst der Heerfhrer.
Einen bedeutenden Platz rumt Engels in seinen Arbeiten der Beurteilung der Ttigkeit groer Feldherren, Heeresreformatoren, Ingenieuren und Erfindern ein, wobei er in dieser Einschtzung von einer wahrhaft wissenschaftlichen Auffassung der Rolle der Massen und der Persnlichkeit in der Geschichte ausgeht. Engels zeigt, da die Ttigkeit der hervorragenden Feldherren durchaus nicht von der willkrlichen Eingebung
ihrer Phantasie bestimmt wird, sondern vor allem von den materiellen
Vorbedingungen, die nicht von ihrem Willen abhngen: Die Rolle des
Feldherrn, hebt Engels hervor, besteht in der klugen Anwendung jener
Formen und Methoden der Kriegfhrung und des Gefechts, die durch die
objektive historische Entwicklung der bewaffneten Streitkrfte gegeben
sind, sowie in der zweckmigsten Ausnutzung neuer technischer Mittel
und jener Vernderungen in der Zusammensetzung und der kmpferischen
Qualitt der Armeen, die unter dem Einflu der Vernderungen in der
Gesellschaftsordnung entstehen. Engels hielt es z.B. fr das Verdienst
Napoleons, da er die aus der franzsischen brgerlichen Revolution
Ende des 18. Jahrhunderts hervorgegangene neue Art der Kriegfhrung in
ein regulres System" brachte (siehe vorl. Band, S. 37). Engels trat
gegen den fr die brgerliche Geschichtsschreibung charakteristischen
Kult und die Idealisierung der Feldherren auf und stellte in der Ttigkeit
selbst der grten von ihnen Zge der Beschrnktheit und Widersprchlichkeit fest, die ihre klassenbedingten Wurzeln hatten. So_ fhrte er den
Nachweis, da Friedrich II. neben seinen militrischen Erfolgen die
Armee faktisch auf die unvergleichliche Schande von Jena und Auerstedt"
vorbereitete und auerdem die Grundlage fr jene Pedanterie und strenge
Zucht, die seitdem die Preuen kennzeichnete" schuf (siehe vorl. Band,
S. 362). In der Strategie und Taktik Napoleons wies Engels Elemente des
Abenteurertums nach, das Vorhandensein einseitiger Entschlsse und
Fehlschlsse wie die Aufstellung riesiger Kolonnen, wodurch er manche
Schlacht verlor" (siehe vorl. Band, S. 311).
war, weil die Geschichte der Kriegskunst vieler Lnder in jener Zeit
noch nicht ausgearbeitet war. So erwhnt Engels in seinen Artikeln z.B.
nur flchtig die russische Kriegskunst und berhrt die Geschichte der russischen Armee hauptschlich in den von ihm gemeinsam mit Marx verfaten Biographien einiger militrischer Fhrer Rulands (in den Artikeln
Barclay de Tolly" und Bennigsen"). In einzelnen Fllen unterliefen
Engels, da er die tendenzisen Arbeiten der westeuropischen Historiker
benutzte und keine Mglichkeit hatte, sie mit objektiveren Untersuchungen
zu vergleichen, Ungenauigkeiten in der Darstellung einiger Seiten der russischen Kriegsgeschichte. Solche Ungenauigkeiten sind z.B. in dem Artikel
Borodino" enthalten. In diesem Artikel wird eine einseitige Beurteilung
der Ergebnisse der Schlacht von Borodino gegeben und, wie in dem
Aufsatz Barclay de Tolly", die Rolle des groen russischen Feldherrn
M. I. Kutusow herabgesetzt. Engels war es auch nicht mglich, bei dem
damaligen Stand der Geschichte der Kriegswissenschaft voll und ganz den
Beitrag der Vlker des Ostens zur Kriegskunst darzustellen, obwohl er an
verschiedenen Stellen seiner Arbeiten die groe historische Bedeutung der
Entdeckung des Schiepulvers in China und die von den Chinesen wie
auch von den Indern und Arabern auf dem Gebiete der Anwendung der
Feuerwaffen gemachten Erfindungen erwhnt.
Eine Reihe der von Engels fr die New American Cyclopaedia" geschriebenen Arbeiten sind den Lndern des Ostens gewidmet, die zum
Gegenstand der Eroberungsbestrebungen der europischen kapitalistischen
Staaten wurden. Diese Arbeiten wenden sich gegen das Raubsystem der
Unterjochung und Ausbeutung der Vlker Asiens und Afrikas durch die
Bourgeoisie der konomisch entwickelten Lnder, gegen die Politik der
kolonialen Eroberer und Abenteurer. Sie zeugen von jener gespannten
Aufmerksamkeit, mit der Marx und Engels das Schicksal der Vlker des
Ostens und ihre nationale Befreiungsbewegung beobachteten.
In den Artikeln Afghanistan", Algerien", Birma" weist Engels auf
die materiellen Ressourcen dieser Lnder hin, die die Gier nach Kolonisation in den kapitalistischen Rubern weckten, welche die wirtschaftliche
Rckstndigkeit und die halbpatriarchalische Ordnung obiger Lnder ausnutzten und sie in einen Schauplatz der Plnderung verwandelten. Engels
stellte fest, da die englischen Kolonisatoren im Ergebnis des ersten und
zweiten Birmanischen Krieges (1824-1826 und 1852) Birma ausraubten,
indem sie es seines fruchtbarsten Territoriums" und des Zugangs zum
Meere beraubten (siehe vorl. Band S. 275). Er entlarvte die Intrigen
der englischen Agenten in Afghanistan, die grobe Einmischung der
XVI
Vorwort
oder diplomatische Karriere dank der Revolution, die militrischen Talenten groe Mglichkeiten bot" (siehe vorl. Band, S. 91). Unter den Bedingungen der sich entwickelnden Herrschaft der konterrevolutionren Grobourgeoisie erwuchsen aus ihnen habgierige Ritter des Profits (Bourrienne,
Brune), nach Rang, Titeln und vakanten" Thronen drstende Emporkmmlinge (Bernadotte), prinzipienlose Karrieristen, bereit, jedem beliebigen Regime zu dienen (Berthier). Die von Marx verfaten Biographien
der napoleonischen Marschlle geben eine anschauliche Vorstellung von
den Gepflogenheiten der bourgeoisen Oberschicht des Kaiserreichs
Napoleons I.
In dem Artikel Bugeaud" zeichnet Marx das treffende Bild eines
typischen und grausamen Reaktionrs, eines wahren Dieners des Regimes
der brgerlichen Juli-Monarchie, das sich durch blutige Auseinandersetzungen mit den franzsischen Arbeitern, schndliche und grausame
Methoden der Bezwingung Algeriens und Kolonialabenteurertum in Marokko auszeichnete. Eine andere charakteristische konterrevolutionre
Gestalt jener Zeit war der englische General Beresford, der Fhrer einer
Reihe kolonialer Eroberungsexpeditionen und Teilnehmer an der Unterdrckung der revolutionren Bewegung in Brasilien und Portugal.
Ein breites historisches Gemlde ist die von Marx und Engels verfate
Biographie des Generalfeldmarschalls Blcher. Die Ttigkeit dieses hervorragenden deutschen Feldherrn und Patrioten ist darin auf dem Hintergrunde des Befreiungskrieges des deutschen Volkes und anderer Vlker
gegen die napoleonische Herrschaft dargestellt. Marx und Engels zeigen
die bedeutende Rolle Blchers in den Feldzgen von 1813-1815 gegen das
napoleonische Frankreich, unterstreichen, da er im hchsten Grade den
allgemeinen Ha gegen Napoleon" teilte und beim Volk wegen seiner
plebejischen Passionen" Popularitt geno, und waren der Ansicht, da
Blcher der rechte General fr die militrischen Operationen von 1813
bis 1815" war, die teils den Charakter eines regulren und teils den eines
Insurrektionskrieges trugen" (siehe vorl. Band, S. 186).
Der Artikel Blum" von Marx und der von ihm zusammen mit Engels
geschriebene Artikel Bern" sind den Biographien revolutionrer Fhrer
gewidmet. Das Bild Robert Blums, eines angesehenen Fhrers der Revolution von 1848, der ein Opfer des konterrevolutionren Terrors wurde,
zeigt, da Marx, der sich der Beschrnktheit und der gemigten Ansichten
der deutschen kleinbrgerlichen Demokraten bewut war, diejenigen von
ihnen hoch schtzte, die im Gegensatz zu den Vulgrdemokraten den Interessen des Volkes die Treue bewahrten. In dem Artikel, der Josef Bern
Vorwort
XVII
Marx schtzte die von Vogt erneuerte Hetzkampagne gegen die proletarischen Revolutionre als das Bestreben der Bourgeoisie ein, der sich
formierenden Partei des Proletariats einen entscheidenden Schlag zu versetzen und sie in den Augen der Gesellschaft moralisch zu vernichten.
Zu allen Zeiten und an allen Orten", schreibt Marx, haben die Sykophanten der herrschenden Klasse stets in dieser infamen Weise die literarischen "und politischen Vorkmpfer der unterdrckten Klassen verleumdet." (Siehe vorl. Band, S.429.) Eine groe Gefahr bildete Vogts Auftreten
auch deswegen, weil der Verfasser der verleumderischen Broschre als
Demokrat galt, in demokratischen Kreisen Einflu hatte und im brgerlichen Publikum als Gelehrter, Naturforscher und Politiker Autoritt geno.
Besonders wichtig war es, Vogt und seine Nachbeter in Deutschland zu
entlarven, wo den proletarischen Revolutionren ein scharfer Kampf um
die revolutionr-demokratische Einigung des Landes bevorstand und es
notwendig war, ihren Einflu auf die Massen zu festigen. Marx schrieb am
23. Februar 1860 an Freiligrath, da der Kampf gegen Vogt entscheidend
sei fr die historische Vindikation der Partei und fr ihre sptere Stellung
in Deutschland". Auf diese Weise verteidigte Marx in der Polemik gegen
Vogt nicht nur die vergangene revolutionre Ttigkeit der proletarischen
Revolutionre, sondern auch die der knftigen proletarischen Partei.
In seiner polemischen Schrift enthllt Marx vollstndig den lgenhaften Charakter aller Behauptungen Vogts und berfhrt ihn als vorstzlichen Flscher und Verleumder. Den bswilligen Erfindungen Vogts
stellt Marx das wahre Bild der internationalen kommunistischen Bewegung,
der Entstehung und Ttigkeit des Bundes der Kommunisten gegenber.
In Kapitel IV seiner Arbeit (Techows Brief") gibt Marx eine kurze, aber
beraus inhaltsreiche Skizze der Geschichte dieser ersten internationalen
kommunistischen Organisation. Wie in diesem Kapitel, so zeichnet Marx
auch in einer Reihe anderer (Kapitel III Polizistisches" und Kapitel VI
Vogt und die ,Neue Rheinische Zeitimg'") die historischen Bedingungen,
unter denen die Ttigkeit des Bundes der Kommunisten stattfand, zeigt
dessen Charakter und Ziel, den Kampf der proletarischen Richtung in ihm
gegen die sektiererischen^EIemente. Im Hinblick auf die Ursachen der Spaltung im Bund der Kommunisten, die durch die desorganisierenden Aktionen der Fraktion Willich-Schapper hervorgerufen worden war, betont
Marx die Schdlichkeit der abenteuerlich-verschwrerischen Taktik dieser
sektiererischen Fraktion und weist nach, da eine solche Taktik mit den
wahren Aufgaben einer proletarischen Partei unvereinbar ist. Am Beispiel
des Klner Prozesses, der Verfolgung der Redakteure der Neuen Rhei-
nischen Zeitung" und anderer Hetzaktionen gegen die Fhrer des Bundes
der Kommunisten entlarvt Marx die niedertrchtigen Methoden, die von
dem preuischen Polizeistaat und den herrschenden Klassen Deutschlands
und anderer Lnder gegen die kommunistische Bewegung angewandt
wurden.
Marx' Buch Herr Vogt", in dem zum erstenmal in der marxistischen
Literatur eine vollstndige Darstellung der frhen Etappe des Kampfes von
Marx und Engels fr die proletarische Partei gegeben ist, ist eine der Arbeiten, die das Fundament zu einem echt wissenschaftlichen Studium der
Geschichte des Bundes der Kommunisten legten. Neben der von Marx
verfaten Broschre Enthllungen ber den Kommunisten-Proze zu
Kln* und Engels* Artikel Der Kommunisten-Proze zu Kln" (siehe
Band 8 unserer Ausgabe) war dieses Buch der Anfang der marxistischen
Geschichtsschreibung auf dem Gebiete der Geschichte der internationalen
kommunistischen Bewegung.
Indem er Vogt als bsartigen Verleumder und gehssigen Menschen
kennzeichnet, enthllt Marx die ganze abstoende Mentalitt dieses Helden
der deutschen kleinbrgerlichen Emigrantenkreise. Er entlarvt den falschen
Demokratismus Vogts und zeigt jene unschne Rolle, die Vogt in der deutschen Revolution 1848/49 und in der Schweizer Emigration gespielt hat.
Marx nimmt Vogt den Nimbus und verspottet seine Ttigkeit als die eines
der typischen feigen und beschrnkten Fhrer der linken kleinbrgerlichen
Fraktion des Frankfurter Parlaments und Mitglieds der kurzlebigen Regierung (der Reichsregentschaft"), die von dem Rumpfparlament" in der
Endphase der Revolution geschaffen worden war. Im Kapitel VI (Vogt und
die .Neue Rheinische Zeitung'") zeigt Marx, da die Ttigkeit Vogts in
den Jahren 1848/49 in Wirklichkeit konterrevolutionren Charakter hatte.
In einer Reihe von Abschnitten fhrt Marx Schriftstcke an, die beweisen,
da Vogt, der die proletarischen Revolutionre verleumderisch der Verbindung mit der Polizei beschuldigte, selbst mehrfach den konterrevolutionren Schweizer Behrden Polizeidienste in ihrem Kampfe gegen die
Arbeiter und die demokratischen Organisationen erwiesen hatte. Die Streitschrift von Marx enthlt scharfe satirische uerungen, welche die Weltanschauung Vogts geieln, jenen flachen Vulgrmaterialismus, von dem
seine Arbeiten auf dem Gebiete der Naturkunde durchdrungen sind. Diese
uerungen sind nicht nur wohlgezielte Schlge gegen Vogt, sondern auch
gegen die ganze Richtung deutscher Vulgrmaterialisten (Bchner, Moleschott und andere).
Eine zentrale Stelle in dem Buch Herr Vogt" nimmt die Entlarvung
Vogts als bezahlten bonapartistischen Agenten ein, wozu er in den fnfziger Jahren wurde. Dem sind die Kapitel VIII, IX und X des Buches
gewidmet (D-D Vogt und seine Studien", Agentur" und Patrone und
Mitstrolche"). Schon aus den von Vogt im Mrz 1859 - am Vorabend des
Krieges von Frankreich und Piemont gegen sterreich - verffentlichten
Studien zur gegenwrtigen Lage Europas" wie auch aus anderen seiner
mndlichen und schriftlichen Auslassungen gewann Marx die berzeugung von der engeren Verbindung Vogts mit den bonapartistischen Kreisen. In seiner Schrift beweist Marx, da Vogts Studien" nichts anderes
sind als eine bertragung der Artikel aus dem Moniteur", dem offiziellen
Organ des Zweiten Kaiserreichs, und der bonapartistischen, im Verlage
Dentu in Paris herausgekommenen Propagandaschriften in die deutsche
Sprache. Marx betont, da die gedruckten Auslassungen Vogts von seinen
Herren fr die ideologische Bearbeitung der ffentlichen Meinung Europas
und besonders Deutschlands gebraucht wurden, um Napoleon III. die
Durchfhrung seiner auenpolitischen Abenteuer zu erleichtern. Vogt
war nach der treffenden uerung von Marx blo eins der unzhligen
Mundstcke ..., durch die der groteske Bauchredner der Tuilerien
sich selbst in fremden Zungen vernehmen lie" (siehe vorl. Band, S. 516).
Marx weist nach, da Vogt mit einer von den Anfhrern des Zweiten
Kaiserreichs in den verschiedenen Lndern geschaffenen, weitverzweigten
Agentur verbunden war. Vogt spielte die Rolle des Werbers der bonapartistischen Agenten, denen er den franzsischen Futtertrog" hinhielt. Mit
unnachahmlichem Sarkasmus zeichnet Marx die Patrone und Mitstrolche" Vogts, unter ihnen auch einen Staatsmann wie James Fazy, das
Haupt der Genfer Regierung, der eine direkte Abmachung mit Napoleon III. traf und die nationalen Interessen der Schweiz verriet. Indem er
Vogt und seine Helfershelfer als Komplicen bei den Intrigen Napoleons III.
entlarvte und zeigte, da Vogt in seiner ganzen politischen Ttigkeit ein
Werkzeug der bonapartistischen Intrigen in den demokratischen Kreisen
war, warnte Marx vor der Gefahr des Eindringens bonapartistischer Agenten in das demokratische und proletarische Zentrum. Das Werk von Marx,
das der bonapartistischen Agentur einen Schlag versetzte, dient bis zur
heutigen Zeit als Muster der Entlarvung der weit verbreiteten und bis
zum heutigen Tage herrschenden brgerlichen Methoden der Bestechung,
der Benutzung bezahlter Agenten, in Sold genommener Schriftsteller und
Journalisten zwecks reaktionrer Propaganda und Zersetzungsttigkeit.
Spter verffentlichte, zur Zeit der Abfassung des Pamphlets Marx unbekannte Dokumente besttigten die Richtigkeit seiner Meinung, da Vogt
bezahlter bonapartistischer Agent war. In den von der franzsischen Regierung nach dem Sturz des Zweiten Kaiserreichs verffentlichten Unterlagen
ber die Aufwendungen aus den Geheimfonds Louis-Napoleons erwies sich,
da Vogt im August 1859 aus diesen Fonds 40 000 Francs erhalten hat.
Die Enthllung der Beziehungen Vogts zu den bonapartistischen Kreisen wuchs in der Streitschrift von Marx zu einer breiten, allseitigen Entlarvung des bonapartistischen Regimes in Frankreich. Marx und Engels
hielten das bonapartistische Frankreich in jener Zeit fr eine der Hauptsttzen der Reaktion in Europa. Unter diesem wurde der Bonapartismus eine Regierungsform, die hervorwchst aus dem konterrevolutionren
Wesen der Bourgeoisie in einer Zeit der demokratischen Umgestaltungen
und der demokratischen Revolution" (W. I. Lenin, Werke, Band 25, Berlin 1960, S. 260) - nicht nur zu einer franzsischen, sondern zu einer internationalen Erscheinung. Im Fahrwasser der Politik des Zweiten Kaiserreichs, die ihre Netze ber ganz Europa ausspannte, befanden sich die
Regierungen einiger kleiner Staaten. Die herrschenden Klassen einer Reihe
von Lndern - Sardinien, Preuen und andere - zeigten bonapartistische
Tendenzen und die Neigung, die Regenten des Zweiten Kaiserreichs nachzuahmen. Den Kampf gegen den Bonapartismus hielten Marx und Engels
fr eine der Hauptaufgaben des internationalen Proletariats.
In Herr Vogt" zog Marx gewissermaen die Bilanz seines vielfachen
publizistischen Auftretens gegen das Regime Napoleons III. Indem er eine
tiefgrndige Charakteristik des Wesens des Bonapartismus entwickelte, die
von ihm schon in der Schrift Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte" gegeben war, fhrt Marx den Nachweis, da die spezifischen Zge
des bonapartistischen Regimes die Politik des Lavierens zwischen den
Klassen, die scheinbare Selbstndigkeit der staatlichen Behrden, das
demagogische Appellieren an alle Gesellschaftsschichten, der verschleierte
Schutz der Interessen der ausbeutenden Oberschicht und die Benutzung
der reaktionrsten Elemente der Armee als Hauptsttze waren. Die Methoden der Herrschaft der konterrevolutionren Grobourgeoisie in Gestalt
der bonapartistischen Diktatur entlarvend, zeigt Marx, da fr das Regime
des Zweiten Kaiserreichs die Herrschaft des Polizeiterrors, hemmungslose Brsenspekulationen und das Wten der Soldateska und zgelloser
Abenteurer kennzeichnend waren, und da zum Arsenal der politischen
Mittel dieses Regimes Erpressung, Bestechung, grobe Demagogie, vorgetuschtes und geheucheltes Kokettieren mit der nationalen und revolutionren Bewegung, die Verfhrung einzelner Gesellschaftsschichten durch
Almosen und die Benutzung krimineller Elemente gehrten.
der Arbeiterbewegung noch schrfer und genauer. Herr Vogt" zeugt von
der ungeheuren Belesenheit Marx' auf dem Gebiete der schnen Literatur.
Es ist sicher die beste polemische Schrift, die Du noch geschrieben",
uerte sich Engels in seinem Briefe an Marx vom 19. Dezember 1860.
Die Streitschrift Herr Vogt" von Marx ist ein vom Kampfgeist der
Parteilichkeit und Unvershnlichkeit den Feinden der proletarischen Bewegung gegenber durchdrungenes Werk. Hieraus ist auch hauptschlich
die Geringschtzung zu erklren, mit der die opportunistischen Fhrer der
II. Internationale und der deutschen Sozialdemokratie sich dazu verhielten.
Da es eine wichtige Etappe im Kampfe von Marx fr die Befreiung des
Proletariats vom Einflu der kleinbrgerlichen Ideologie, fr die Schaffung
der Partei des Proletariats darstellt, bewahrte das Pamphlet Herr Vogt"
seine ungeheure Bedeutung nicht nur als wichtige Quelle zum Studium der
Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung, des Auftretens von Marx
und Engels gegen den Bonapartismus und andere reaktionre Krfte, sondern auch gleichzeitig als Muster einer leidenschaftlichen Verteidigung der
Interessen der Arbeiterklasse und einer vernichtenden Abfuhr fr die gehssigen Gegner des Kommunismus...
Institut fr Marxismus-Leninismus
beim ZK der KPdSU
KARL MARX
und
FRIEDRICH ENGELS
Juli 1857 -November 1860
THE NEW
AMERIC CYCLOPiEDIA:
f a p l s r
gixffitsij
w
GfMIRIL
KNOWLEDGE.
XSITED B7
VOLUME L
A-ARAGUAY.
D.
NEW Y O R K :
APPLETON
AND
346 4 3 BROADWAY.
LONDON:
16 L I T T L E
HDCCC.1VUL
COMPANY,
BEI TAIN.
Friedrich Engels
Armee" 1
Armee - die organisierte Einheit bewaffneter Menschen, die ein Staat
zum Zwecke des offensiven oder defensiven Krieges unterhlt. Das gyptische Heer ist die erste Armee aus der Geschichte des Altertums, ber die
wir etwas Genaueres wissen. Ihre groe Ruhmeszeit fllt mit der Herrschaft
von Ramses Il.(Sesostris) zusammen, und die Malereien und Inschriften,
die auf den zahlreichen Denkmlern aus der Zeit seiner Herrschaft von
seinen Heldentaten berichten, bilden die Hauptquelle unserer Kenntnis
ber gyptische Militrangelegenheiten. Die Kriegerkaste gyptens war in
zwei Klassen geteilt, die hermotybii und die calasirii. In ihrer Bltezeit war
die erste 160 000, die andere 250 000 Mann stark. Wahrscheinlich unterschieden sich diese beiden Klassen nur durch Alter oder Dienstzeit voneinander, so da die calasirii nach einer gewissen Anzahl von Jahren zu den
-hermotybii oder zur Reserve bergingen. Die gesamte Armee war in einer
Art Militrkolonien angesiedelt, und jedem Mann wurde als Entschdigung
fr seine Dienste ein reichlicher Bodenanteil gewhrt. Diese Kolonien lagen
meistens im unteren Teil des Landes, wo Angriffe der benachbarten asiatischen Staaten zu erwarten waren; nur einige Kolonien wurden am oberen
Nil angelegt, da die thiopier keine sehr gefhrlichen Gegner waren. Die
Strke des Heeres lag in seiner Infanterie und besonders in den Bogenschtzen. Neben diesen letzteren gab es Fusoldaten, die verschiedenartig
bewaffnet und entsprechend ihrer Bewaffnung in Bataillone'21 aufgeteilt
waren: Lanzentrger, Schwertkmpfer, Keulentrger, Schleuderer etc. Die
Infanterie wurde von zahlreichen Streitwagen untersttzt, die von je zwei
Mann besetzt waren, einem Wagenlenker und einem Bogenschtzen.
Kavallerie erscheint auf den Denkmlern nicht. Eine vereinzelte Zeichnung,
die einen Mann zu Pferde darstellt, wird als der rmischen Epoche angehrig betrachtet, und es scheint erwiesen, da der Gebrauch des Pferdes
zum Reiten und die Kavallerie den gyptern erst durch ihre asiatischen
Nachbarn bekannt wurde. Nach bereinstimmenden Ansichten der Althistoriker ist sicher, da sie in einer spteren Periode eine starke Reiterei
hatten, die, wie jede Kavallerie im Altertum, an den Flgeln der Infanterie
kmpfte. Die Schutzausrstung der gypter bestand aus Schilden, Helmen
und Brustharnischen oder Panzerhemden aus verschiedenem Material. Ihre
Art, eine befestigte Stellung anzugreifen, zeigt viele der Mittel und Knste,
die den Griechen und Rmern bekannt waren. Sie verwandten die testudo,
das heit die Schildkrte, die vinea131 und die Sturmleiter; da sie jedoch
auch die Anwendung beweglicher Belagerungstrme kannten und da sie
Mauem unterminierten, wie Sir [Link] behauptet, ist nur eine Vermutung [4) . Seit der Zeit des Psammetich I. wurde ein Korps griechischer
Sldner unterhalten, die auch in Untergypten angesiedelt wurden.
Assyrien liefert uns das frheste Beispiel jener asiatischen Heere, die
ber tausend Jahre lang um den Besitz der Lnder zwischen dem Mittelmeer
und dem Indus kmpften. Auch dort, wie in gypten, sind die Denkmler
die Hauptquelle unserer Informationen. Die Infanterie scheint in ihrer
Bewaffnung der gyptischen hnlich gewesen zu sein, obwohl der Bogen
anscheinend weniger Bedeutung hatte und die Angriffs- und Verteidigungswaffen im allgemeinen besser und ansehnlicher waren. Auerdem gab es
dort wegen der greren Ausdehnung des Reiches mannigfaltigere Waffen.
Speer, Bogen, Schwert und Dolch waren die Hauptwaffen. Assyrer aus der
Armee des Xerxes werden auch mit eisenbeschlagenen Keulen dargestellt.
Die Schutzausrstung bestand aus einem Helm (oft sehr geschmackvoll gearbeitet), einem Panzerhemd aus Filz oder Leder und einem Schild. Einen
wichtigen Teil des Heeres bildeten noch die Streitwagen; diese hatten zwei
Mann Besatzung, Wobei der Lenker den Bogenschtzen mit seinem Schild
decken mute. Viele von denen, die in Streitwagen kmpfen, sind in langen
Panzerhemden dargestellt. Auerdem gab es die Kavallerie, der wir hier
zum ersten Male begegnen. Auf den frhesten Skulpturen sitzt der Reiter
auf dem bloen Rcken seines Pferdes, spter ist eine ArtPolster eingefhrt,
und auf einer Skulptur ist ein,hoher Sattel abgebildet, der dem jetzt im
Orient blichen hnelt. Die Kavallerie kann sich schwerlich von der der
Perser und spterer Vlker des Orients unterschieden haben: leichte irregulre Reiterei, in ungeordneten Schwrmen angreifend, leicht zurckzuschlagen von einer gut bewaffneten, festgefgten Infanterie, aber furchtbar fr
eine ungeordnete oder geschlagene Armee. Demgem stand sie im Rang
niedriger als die Kmpfer der Streitwagen, die anscheinend die aristokratische Waffengattung der Armee gebildet haben. In der Taktik der Infanterie
scheinen einige Fortschritte in Richtung auf regelmige Bewegungen und
Anwesenheit des letzteren erklrt uns die von den Griechen zahlenmig
so hoch eingeschtzte Strke der persischen Heere. Die Soldaten waren,
ihrer Nationalitt entsprechend, mit Bogen, Wurfspieen, Speeren, Schwertern, Keulen, Dolchen, Schleudern usw. bewaffnet. Das Kontingent jeder
Provinz hatte seinen eigenen Befehlshaber; nach Herodot scheinen sie in
Zehner-, Hunderter-, Tausendergruppen usw. mit Fhrern fr jede dezimale Unterabteilung eingeteilt gewesen zu sein. Die Befehlsgewalt ber
groe Heeresteile oder Heeresflgel wurde im allgemeinen Mitgliedern
der kniglichen Familie bertragen. In der Infanterie bildeten die Perser
und die anderen arischen Nationen (Meder und Baktrer) die Elite. Sie
waren mit Bogen, Speeren mittlerer Gre und einem kurzen Schwert bewaffnet; der Kopf war durch eine Art Turban geschtzt und der Krper
durch einen mit eisernen Schuppen bedeckten Mantel; der Schild war meist
Flechtwerk. Doch diese Elite wurde ebenso wie die brige persische Infanterie elend geschlagen, sobald sie auch nur den kleinsten Einheiten der
Griechen gegenberstand, und ihre schwerflligen und ungeordneten
Haufen scheinen zu jeglichem Widerstand, auer einem passiven gegenber
den ersten Phalangen von Sparta und Athen, vllig unfhig gewesen zu sein.
Zeugnisse dafr sind Marathon, Plat, Mykale und die Thermopylen.[6J
Die Streitwagen, die in der persischen Armee das letzte Mal in der Geschichte
erscheinen, mgen auf ganz ebenem Gelnde ntzlich gewesen sein, wenn
sie gegen einen so bunten Haufen, wie ihn das persische Fuvolk selbst
darstellte, gerichtet waren, aber gegen eine feste Masse von Speertrgern,
wie sie die Griechen bildeten, oder gegen leichte Truppen, die sich die Unebenheit des Bodens zunutze machten, waren sie mehr als nutzlos. Das
geringste Hindernis brachte sie zum Stehen. In der Schlacht scheuten die
Pferde, und nunmehr ungezgelt, stampften sie die eigene Infanterie nieder.
Was die Kavallerie betrifft, so liefern uns die frheren Perioden des
Reiches wenig Beweise fr ihre Vortrefflichkeit. Auf der Ebene von Marathon - einem guten Kavalleriegelnde - befanden sich 10 000 Berittene,
dennoch konnten sie die Reihen der Athener nicht sprengen. In spteren
Zeiten zeichnete sich die persische Kavallerie am Granikos'71 aus, wo sie,
in einer Linie formiert, die Spitzen der makedonischen Kolonnen berfiel,
als diese aus den Furten des Flusses hervorkamen, und sie ber den Haufen
rannte, bevor sie sich entfalten konnten. So widersetzte sich die persische
Kavallerie erfolgreich lngere Zeit der Avantgarde Alexanders unter Ptolemus bis zum Eintreffen des Hauptkorps, an dessen Flanken die leichten
Truppen manvrierten, woraufhin die persische Kavallerie, die keine zweite
Linie oder Reserve hatte, sich zurckziehen mute. Aber zu dieser Zeit
war das persische Heer durch das Eindringen eines griechischen Elements
in Form griechischer Sldner gestrkt worden, die bald nach Xerxes vom
Knig in Sold genommen wurden, und die Kavallerietaktik, die von Memnon am Granikos angewandt wurde, ist so ausgesprochen unasiatisch, da
wir sie in Ermangelung genauer Informationen ohne weiteres griechischem
Einflu zuschreiben knnen.
Die Armeen Griechenlands sind die ersten, von deren detaillierter
Organisation wir umfassende und genaue Kenntnis besitzen. Man kann
sagen, da mit ihnen die Geschichte der Taktik, besonders der Infanterietaktik, beginnt. Ohne bei einem Bericht ber das Kriegssystem des heroischen
Zeitalters von Griechenland zu verweilen, wie es bei Homer beschrieben
wird, als die Reiterei unbekannt war, der Adel und die Anfhrer in Streitwagen kmpften oder zu einem Zweikampf mit einem ebenbrtigen Gegner
aus dem Wagen stiegen, und als die Infanterie wenig besser gewesen zu sein
scheint als die der Asiaten, gehen wir sogleich ber zur militrischen Strke
Athens in seiner Bltezeit. In Athen war jeder frei geborene Mann zum
Kriegsdienst verpflichtet. Nur die Inhaber von bestimmten ffentlichen
mtern und in frheren Zeiten die vierte oder rmste Klasse der Freien
waren ausgenommen.[8-1 Es war ein Milizsystem, das auf Sklaverei fute.
Jeder Jugendliche war bei Erreichung seines 18. Lebensjahres verpflichtet,
2 Jahre Dienst zu tun, besonders beim Schutz der Grenzen. Whrend dieser
Zeit wurde seine militrische Ausbildung abgeschlossen. Danach blieb er
bis zu seinem 60. Lebensjahr dienstpflichtig. Im Kriegsfalle setzte die
Volksversammlung die Anzahl der Mnner fest, die eingezogen werden
sollten. Nur in uersten Fllen griff man zu levdes en masse (panstratia).
Die strategi, von denen jhrlich 10 vom Volke gewhlt wurden, muten
diese Truppen ausheben und organisieren, so da die Mnner eines jeden
Stammes (Phyle) je eine Einheit unter einem Phylarch bildeten. Die Phylarchen wurden ebenso wie die Taxiarchen oder Hauptleute der Einheiten
vom Volke gewhlt. Dieses ganze Aufgebot bildete die schwere Infanterie
(hoplitae), bestimmt fr die Phalanx oder tiefe Linienformation der Speerkmpfer, die ursprnglich die ganze bewaffnete Streitkraft bildete und
spter, nachdem leichte Truppen und Kavallerie hinzugekommen waren,
ihre Hauptsttze blieb - das Korps, das die Schlacht entschied. Die Phalanx wurde verschieden tief formiert; wir finden Phalangen erwhnt, die 8,
12 und 25 Mann tief waren. Die Rstung der Hopliten bestand aus einem
Brustharnisch oder Corselet, Helm, ovalen Schild, Speer und kurzen
Schwert. Die Strke der athenischen Phalanx war der Angriff; ihre Attacke
war wegen ihres heftigen Stoes berhmt, besonders nachdem Miltiades
bei Marathon die Beschleunigung des Schrittes whrend des Angriffs eingefhrt hatte, so da sie im Lauf den Feind berfiel. In der Defensive war
ihr die festere und geschlossenere Phalanx Spartas berlegen. Whrend bei
Marathon die gesamte Streitmacht der Athener aus einer schwerbewaffneten
Phalanx von 10 000 Hopliten bestand, hatten sie bei Plat auer 8000 Hopliten die gleiche Anzahl leichter Truppen. Die drohende Gefahr der persischen Einflle machte eine Erweiterung der Militrdienstpflicht erforderlich; die rmste Klasse, die der Theten, wurde aufgeboten. Sie wurden zu
leichten Truppen formiert (gymnetae, psili), die keinerlei Schutzausrstung
oder nur einen runden Schild hatten und mit einem Handspeer und Wurfspeeren bewaffnet waren. Mit der Ausdehnung der Macht Athens wurden
seine leichten Truppen durch Kontingente seiner Bundesgenossen191 und
sogar durch Sldnertruppen verstrkt. Akarnanen, Atolier und Kreter,
berhmt als Bogenschtzen und Schleuderer, kamen hinzu. Eine zwischen
ihnen und der hoplitae liegende Art von Truppen wurde gebildet, die
peltastae, die hnlich wie die leichten Truppen bewaffnet, aber imstande
war, eine Stellung zu besetzen und zu halten. Sie hatte jedoch wenig Bedeutimg, bis Iphikrates sie nach dem Peloponnesischen Krieg1101 reorganisierte. Die leichten Truppen der Athener genossen wegen ihrer Intelligenz
und ihrer Schnelligkeit sowohl im Entschlu als auch in der Ausfhrung
einen guten Ruf. Bei mehreren Gelegenheiten, wahrscheinlich auf schwierigem Gelnde, widerstanden sie sogar der Phalanx Spartas erfolgreich. Die
athenische Kavallerie wurde zu einer Zeit eingefhrt, als die Republik schon
reich und mchtig war. Das gebirgige Gelnde Attikas war fr diese
Waffengattung ungnstig, doch die Nachbarschaft von Thessalien und
Botien - Lnder, reich ein Pferden und daher die ersten, die eine Reiterei
bildeten - veranlate bald deren Einfhrung in den anderen Staaten
Griechenlands. Die athenische Kavallerie, die erst 300, dann 600 und sogar
1000 Mann stark war, setzte sich aus den reichsten Brgern zusammen und
bildete sogar in Friedenszeiten ein stehendes Korps. Sie war eine sehr wirksame Truppe, uerst wachsam, intelligent und khn. In der Schlacht war
sie ebenso wie die leichten Truppen im allgemeinen an den Flgeln der
Phalanx aufgestellt. In spteren Zeiten unterhielten die Athener auch
200 Sldner berittener Bogenschtzen (hippotoxotae). Der athenische Soldat erhielt bis zur Zeit des Perikles keine Lhnung. Danach wurden
2 Oboli (auerdem 2 weitere fr Proviant, den der Soldat auftreiben mute)
gegeben, und manchmal bekamen selbst die Hopliten nicht mehr als
2 Drachmen. Die unteren Fhrer erhielten doppelte Lhnung, Reiter
dreifache, Befehlshaber vierfache. Die schwere Kavallerie kostete allein
in Friedenszeiten 40 Talente (40 000 Dollar) pro Jahr, whrend des Krieges
bedeutend mehr. Schlachtordnung und Kampfweise waren uerst einfach: Die Phalanx bildete das Zentrum, wobei die Mnner ihre Speere in
Angriffsstellung brachten und die ganze Front mit ihren Schilden deckten.
Sie griffen die feindliche Phalanx in einer parallelen Front an. Wenn der
erste Ansturm nicht gengte, um die Schlachtordnung des Feindes zu
durchbrechen, wurde die Schlacht im Nahkampf mit dem Schwert entschieden. Gleichzeitig griffen die leichten Truppen und die Kavallerie entweder die entsprechenden Truppen des Feindes an oder versuchten an der
Flanke und im Rcken der Phalanx zu operieren und sich jede dort eintretende Unordnung zunutze zu machen. Im Falle eines Sieges nahmen sie
die Verfolgung auf, im Falle einer Niederlage deckten sie den Rckzug so
gut wie mglich. Die leichten Truppen und die Kavallerie wurden auch
fr Kundschafterdienste und fr Streifzge verwandt; sie beunruhigten
unablssig den Feind auf dem Marsch, besonders wenn er durch einen Engpa mute, und versuchten seinen Tro und die Nachzgler gefangenzunehmen.
Die Schlachtordnung war also sehr einfach: Die Phalanx kmpfte immer
als Ganzes; ihre Unterteilung in kleinere Einheiten hatte keine taktische
Bedeutung, denn deren Kommandeure hatten keine andere Aufgabe, als
darauf zu achten, da die Ordnung der Phalanx nicht gestrt oder zumindest
schnell wiederhergestellt wurde. Worin die Strke der athenischen Heere
whrend der Perserkriege bestand, haben wir oben an einigen Beispielen
gezeigt. Zu Beginn des Peloponnesischen Krieges betrug ihre Streitmacht
13 000 Hopliten fr den Felddienst, 16 000 (die jngsten und ltesten Soldaten) fr den Garnisondienst, 1200 Reiter und 1600 Bogenschtzen.
Nach den Berechnungen von Bckh waren die Truppen, die gegen Syrakus
geschickt wurden, 38 560 Mann stark, nachgesandte Verstrkungen
26 000 Mann, im ganzen fast 65 000 Mann. Nach dem vollstndigen Zusammenbruch dieses militrischen Unternehmens'111 war Athen ebenso erschpft wie Frankreich nach dem russischen Feldzug von 1812.
Sparta war Griechenlands Militrstaat par excellence. Wenn die allgemeine gymnastische Erziehung der Athener die Beweglichkeit ebensosehr
wie die physische Strke des Krpers entwickelte, so richteten die Spartaner ihr Augenmerk vorwiegend auf Strke, Ausdauer und Hrte. Sie
schtzten Sndhaftigkeit in den Reihen und militrische Ehre hher als
Intelligenz. Der Athener wurde so ausgebildet, als wre er fr den Kampf
bei den leichten Truppen bestimmt, im Kriege jedoch erhielt er einen
festen Platz in der schweren Phalanx. Der Spartaner wurde im Gegensatz
dazu nur zum Dienst in der Phalanx und zu weiter nichts erzogen. Daraus
ergab sich, da, solange die Phalanx die Schlacht entschied, der Spartaner
am Ende im Vorteil war. In Sparta wurde jeder freie Brger von seinem
20. bis 60. Lebensjahr in Armeelisten gefhrt. Die ephori legten die Anzahl
der Auszuhebenden fest, und im allgemeinen wurden Mnner mittleren
Alters zwischen 30 und 40 Jahren ausgewhlt. Wie in Athen wurden die
Mnner aus gleichemStamm oder gleicher Gegend in die gleiche Truppeneinheit eingereiht. Die Organisation des Heeres war auf Brderschaften
(enomotiae) aufgebaut, die von Lykurg eingefhrt worden waren, wovon 2
eine Pentekostys bildeten; 2 Pentekostyen wurden zu einem Lochos vereinigt und 8 Pentekostyen oder 4 Lochen zu einer Mora. Das war die
Organisation zu Xenophons Zeiten; in frheren Perioden scheint sie
variiert zu haben. Die Strke einer Mora wird unterschiedlich von 400 bis
900 Mann angegeben und soll zu einer bestimmten Zeit 600 Mann betragen haben. Diese verschiedenen Truppenkrper freier Spartaner bildeten
die Phalanx. Sie bestand aus Hopliten, die mit einem Speer, einem kurzen
Schwert und einem um den Hals befestigten Schild bewaffnet waren.
Spter fhrte Kleomenes den groen karischen Schild ein, der mittels eines
Bandes am linken Arm befestigt war und beide Hnde des Soldaten frei
lie. Die Spartaner betrachteten es fr ihre Mnner als entehrend, nach
einer Niederlage ohne Schild zurckzukehren. Das Zurckbringen des
Schildes bewies, da der Rckzug in guter Ordnung und in geschlossener
Phalanx erfolgt war, whrend einzelne Flchtlinge, die um ihr Leben liefen,
natrlich den plumpen Schild wegwerfen muten. Die spartanische Phalanx hatte im allgemeinen eine Tiefe von 8 Mann, aber manchmal wurde
die Tiefe dadurch verdoppelt, da man einen Flgel hinter den anderen
stellte. Die Mnner scheinen im Schritt marschiert zu sein; auch einige
elementare Evolutionen waren gebruchlich, wie der Frontwechsel nach
hinten durch Kehrtwendung eines jeden Mannes, der Vormarsch oder das
Zurckziehen eines Flgels durch Schwenkung etc., doch scheinen sie
erst in einer spteren Periode eingefhrt worden zu sein. In ihrer Bltezeit
kannte die spartanische Phalanx ebenso wie die der Athener nur den Angriff von parllelen Fronten. Die Reihen waren auf dem Marsch 6 Fu
voneinander entfernt, beim Angriff 3 Fu und in einer Position zur Abwehr des Angriffs nur 1% Fu. Die Armee wurde von einem der Knige
befehligt, der mit seinem Gefolge (damosia) eine Stellung im Zentrum der
Phalanx einnahm. Spter, als die Anzahl der freien Spartaner betrchtlich
zurckgegangen war, wurde die Strke der Phalanx durch eine Auswahl
unterworfener Periken1121 aufrechterhalten. Die Kavallerie betrug nie mehr
als ungefhr 600 Mann, die in Trupps (ulami) von 50 Mann eingeteilt waren.
Sie deckte nur die Flanken. Auerdem bestand eine Einheit von 300 Berittenen, die Elite der Jugend Spartas, doch saen sie in der Schlacht ab
und bildeten um den Knig eine Art Leibgarde von Hopliten. Als leichte
Truppen gab es die Skiriten, Bewohner der Berge bei Arkadien, die gewhnlich den linken Flgel deckten. Die Hopliten der Phalanx hatten
auerdem Heloten1131 als Diener, die in der Schlacht als Plnkler kmpfen
sollten; so brachten bei Plat die 5000 Hopliten 35 000 leichtbewaffnete
Heloten mit, doch finden wir in der Geschichte nichts ber deren Taten
verzeichnet.
Nach dem Peloponnesischen Krieg erfuhr die einfache Taktik der Griechen beachtliche Vernderungen. In der Schlacht bei Leuktra[141 mute
sich Epaminondas mit einer kleinen Streitmacht von Thebanern der weit
zahlreicheren und bis dahin unberwindlichen spartanischen Phalanx entgegenstellen. Der gewhnliche parallele Frontalangriff wre hier die sichere
Niederlage gewesen, da beide Flgel des Epaminondas von der lngeren
Front des Feindes berflgelt worden wren. Anstatt in Linie vorzurcken,
formierte Epaminondas seine Armee zu einer tiefen Kolonne und marschierte
in Richtung auf den Flgel der spartanischen Phalanx, auf dem sich der
Knig aufhielt. Es gelang ihm, die Linie der Spartaner an diesem, dem entscheidenden Punkt zu durchbrechen. Dann lie er seine Truppen eine
Schwenkung machen, und indem sie sich nach beiden Seiten bewegten, umgingen sie die durchbrochene Linie der Spartaner, die keine neue Front
bilden konnten, ohne ihre taktische Ordnung zu verlieren. Bei der Schlacht
von Mantinea1151 formierten die Spartaner ihre Phalanx mit grerer Tiefe,
aber trotzdem brach die thebanische Kolonne wieder durch. Agesilaos in
Sparta, Timotheos, Iphikrates und Chabrias in Athen fhrten ebenfalls
nderungen in der Taktik der Infanterie ein. Iphikrates verbesserte die
peltastae, eine Art leichter Truppen, die jedoch im Notfalle fhig waren, in
Linie zu kmpfen. Sie waren mit einem kleinen runden Schild, einem
Koller aus festem Leinen und einem langen Holzspeer bewaffnet. Chabrias
lie die ersten Glieder der Phalanx, wenn sie in der Verteidigung waren,
niederknien, um den Angriff des Feindes aufzufangen. Volle Karrees, andere
Kolonnen etc. wurden eingefhrt, und demgem bildete die Entfaltung
einen Bestandteil der elementaren Taktik. Zur gleichen Zeit wurde der
leichten Infanterie aller Gattungen grere Aufmerksamkeit geschenkt.
Mehrere Waffengattungen wurden den barbarischen und halbbarbarischen
Nachbarn der Griechen entlehnt, wie Bogenschtzen, beritten und zu Fu,
Schleuderer etc.
Die Mehrzahl der Soldaten dieser Periode bestand aus Sldnern. Die
wohlhabenden Brger fanden es bequemer, einen Ersatzmann zu bezahlen,
als selbst Dienst zu tun. Der Charakter der Phalanx als des ausgesprochen
nationalen Teiles der Armee, zu dem nur die freien Brger des Staates zugelassen waren, litt so unter dieser Beimischung von Sldnern, die kein
Brgerrecht besaen. Kurz vor Beginn der makedonischen Epoche wurden
Griechenland und seine Kolonien ebensosehr ein Markt fr Glcksritter
und Soldner wie die Schweiz im 18. und 19. Jahrhundert. Die gyptischen
Knige hatten schon frhzeitig ein Korps griechischer Truppen gebildet.
Spter gab auch der persische Knig seiner Armee mit der Zulassung einer
Einheit griechischer Sldner eine gewisse Festigkeit. Die Anfhrer dieser
Einheiten waren regelrechte Condottieri, geradeso wie die Italiens im
16. Jahrhundert.
Whrend dieser Zeit wurden, besonders bei den Athenern, Kriegsmaschinen eingefhrt, die Steine, Pfeile und Brandgeschosse schleuderten.
Schon Perikles benutzte einige hnliche Maschinen bei der Belagerung von
Samos[16]. Bei Belagerungen wurde eine Kontravallationslinie mit Graben
und Brustwehr angelegt, die den Ort einschlo, und versucht, die Kriegsmaschinen in beherrschender Stellung nahe der Mauern aufzustellen. Um
die Mauern zum Einsturz zu bringen, wurde gewhnlich miniert. Beim Angriff bildete die Kolonne den synaspismus, das heit, die ueren Reihen
hielten ihre Schilde vor sich, und die inneren Reihen hielten sie ber ihre
Kpfe, um ein Dach (bei den Rmern testudo genannt) gegen die Wurfgeschosse des Feindes zu bilden.
Whrend so die griechische Kriegskunst hauptschlich darauf gerichtet
war, das nachgiebige Material der Sldnerhaufen in allerlei neue und knstliche Formationen zu bringen und neue Arten leichter Truppen anzuwenden oder zu erfinden zum Nachteil der alten dorischen schweren Phalanx,
die zu jener Zeit allein Schlachten entscheiden konnte, wuchs eine Monarchie heran, die. durch Annahme edler wirklichen Verbesserungen einen
Truppenkrper schwerer Infanterie von so kolossalem Ausma schuf, da
keine Armee, mit der er in Berhrung kam, seinem Angriff widerstehen
konnte. Philipp von Makedonien formierte ein stehendes Heer von ungefhr 30 000 Mann Infanterie und 3000 Mann Kavallerie. Der Hauptteil
der Armee war eine riesige Phalanx von ungefhr 16 000 oder 18 000 Mann,
die nach dem Prinzip der spartanischen Phalanx, aber mit verbesserter Bewaffnung, aufgebaut war. Der kleine griechische Schild wurde durch den groen lnglichen karischen Schild ersetzt und der mittelgroe Speer durch den
makedonischen Spie (sarissa) von 24 Fu Lnge. Die Tiefe dieser Phalanx
variierte unter Philipp von 8 bis 10, 12 oder 24 Mann. Durch die riesige
Lnge der Spiee konnte, wenn sie nach vorn ausgerichtet waren, jedes
der 6 vorderen Glieder die Spitzen aus dem ersten Glied hervorragen
lassen. Der regulre Vormarsch einer so langen Front von 1000 bis 2000
Mann setzt eine Vollkommenheit der militrischen Grundausbildung voraus, mit der man sich daher stndig beschftigte. Alexander vervollstndigte
diese Organisation. Seine Phalanx war normalerweise 16384 Mann stark,
das heit 1024 Mann nebeneinander und 16 Mann tief. Die 16 Mann starke
Reihe (Lochos) wurde von einem Lochagos gefhrt, der in der Frontreihe
stand. 2 Reihen bildeten eine Dilochia, 2 Dilochien eine Tetrarchia,
2 Tetrarchien eine Taxis, von der wieder je 2 eine Xenagia oder Syntagma,
16 Mann nebeneinander und 16 Mann tief, bildeten. Dies war die Einheit
zur Entfaltung der Krfte. Marschiert wurde in Kolonnen von Xenagien
mit 16 Mann nebeneinander. 16 Xenagien (die 8 Pentakosiarchien oder
4 Chiliarchien oder 2 Telarchien entsprachen) bildeten eine kleine Phalanx,
2 kleine Phalangen eine Diphalangia und 4 eine Tetraphalangia oder die
eigentliche Phalanx. Jede dieser Unterabteilungen hatte ihren entsprechenden Kommandeur. Die Diphalangia des rechten Flgels wurde Kopf genannt, die des linken Flgels Schwanz oder Nachhut. Immer wenn eine
auerordentliche Festigkeit erforderlich war, nahm der linke Flgel hinter
dem rechten Aufstellung und bildete eine Front von 512 Mann mit 32 Mann
Tiefe. Andererseits konnte dadurch, da man die 8 hinteren Glieder zur
Linken der vorderen Glieder aufmarschieren lie, die Ausdehnung der
Front verdoppelt und deren Tiefe auf 8 Mann reduziert werden. Der Abstand zwischen den Reihen und Gliedern war dem der Spartaner hnlich,
doch war die geschlossene Ordnung so kompakt, da sich der einzelne Soldat in der Mitte der Phalanx nicht drehen konnte. In der Schlacht wurden
keine Abstnde zwischen den Unterabteilungen der Phalanx gestattet;
/ das Ganze bildete eine ununterbrochene Linie, die en muraille angriff. Die
Phalanx wurde ausschlielich von makedonischen Freiwilligen gebildet, obwohl nach der Eroberung Griechenlands1171 auch Griechen eintreten konnten. Die Soldaten waren alle schwerbewaffnete Hopliten. Auer Schild und
Spie trugen sie Helm und Schwert, obwohl der Nahkampf mit dieser
Waffe nach dem Angriff dieses Waldes von Spieen nicht sehr oft erforderlich gewesen sein kann. Allerdings lag der Fall anders, wenn die Phalanx
der rmischen Legion standhalten mute. Das ganze System der Phalanx
litt seit den frhesten dorischen Zeiten bis zum Zusammenbruch des makedonischen Reiches unter einem groen Nachteil; ihm fehlte die Beweglichkeit. Diese langen, tiefen Linien konnten sich nur auf einer gleichmigen
als Kavallerie oder als Infanterie kmpfen sollten. Die Dragoner des 16.
und der folgenden Jahrhunderte sind eine vollendete Kopie davon, wie wir
weiterhin sehen werden. Wir besitzen jedoch keine Unterlagen darber, ob
diese hybriden Truppen der Antike in ihrer doppelten Aufgabe erfolgreicher
waren als die modernen Dragoner.
So sah die Zusammensetzung des Heeres aus, mit dem Alexander das
Land zwischen dem Mittelmeer, dem Oxus und dem Satledsch eroberte.
Was die Strke des Heeres betrifft, so bestand es bei Arbela aus 2 groen
Phalangen der Hopliten (sagen wir 30 000 Mann), 2 Halbphalangen der
Peltasten (16000), 4000 Mann Kavallerie und 6000 Mann irregulren
Truppen, im ganzen ungefhr 56 000 Mann. Am Granikos betrug seine
Streitmacht aller Waffengattungen 35 000 Mann, von denen 5000 Mann
Kavallerie waren.
ber die karthagische Armee wissen wir keine Einzelheiten, sogar die
Strke der Streitmacht, mit der Hannibal die Alpen berquerte, ist umstritten. Die Heere der Nachfolger Alexanders zeigen keine Verbesserungen
seiner Formationen; die Einfhrung von Elefanten war nur von kurzer
Dauer. Diese Tiere waren, wenn sie durch Feuer scheu wurden, fr ihre
eigenen Truppen gefhrlicher als fr den Feind. Die spteren griechischen
Armeen (unter dem Achischen Bund'191) wurden teils nach dem makedonischen, teils nach dem rmischen System formiert.
Die rmische Armee bietet uns das vollstndigste System der Infanterietaktik, das zu einer Zeit entwickelt wurde, als das Schiepulver noch unbekannt war. Die Vorherrschaft der schweren Infanterie und kompakter
Einheiten bleibt erhalten, doch es kommen hinzu: die Beweglichkeit getrennter kleinerer Einheiten, die Mglichkeiten des Kampfes auf unebenem
Boden, die Aufstellung mehrerer Linien hintereinander, teils als Untersttzung und Hilfe, teils sogar als mchtige Reserve, und schlielich ein
Ausbildungssystem des einzelnen Soldaten, das sogar noch zweckmiger
war als das System Spartas. Infolgedessen berwanden die Rmer jede
ihnen entgegentretende Kriegsmacht, die makedonische Phalanx ebenso wie
die numidische Reiterei.
In Rom war jeder Brger vom 17. bis 45. oder 50. Lebensjahr dienstpflichtig, wenn er nicht zur niedrigsten Klasse gehrte oder in 20 Feldzgen
zu Fu oder in 10 als Reiter gedient hatte. Gewhnlich wurden nur die
jngeren Mnner ausgewhlt. Der Drill des Soldaten war sehr streng und
darauf gerichtet, die krperlichen Krfte in jeder denkbaren Weise zu entwickeln. Laufen, Springen, Voltigieren, Klettern, Ringen, Schwimmen,
erst nackt, dann mit voller Ausrstung, wurden neben der regulren Aus-
und zwar vom niedrigsten, dem zweiten Zenturio des letzten oder zehnten
Manipels der hastati bis zum ersten Zenturio des ersten Manipels der triarii
(primus pilus), der bei Abwesenheit eines hheren Befehlshabers sogar das
Kommando ber die ganze Legion bernahm. Im allgemeinen befehligte
der primus pilus alle triarii, ebenso wie der primus princeps (der erste
Zenturio des ersten Manipels der principes) alle principes und der primus
hastatus alle hastati der Legion befehligte.
In einer frheren Zeit wurde die Legion abwechselnd von ihren 6 Kriegstribunen befehligt; jeder von ihnen bernahm das Kommando fr 2 Monate.
Nach dem ersten Brgerkrieg1221 wurden Legaten als stndige Befehlshaber
an die Spitze jeder Legion gestellt; die Tribunen waren jetzt meist Kommandeure, die mit den Stabs- oder mit Verwaltungsangelegenheiten betraut wurden. Der Unterschied in der Bewaffnung der drei Linien verschwand noch vor der Zeit des Marius. Alle drei Linien der Legion wurden
mit dem pilum ausgerstet, das nun die nationale Waffe der Rmer bildete.
Auch der qualitative Unterschied zwischen den drei Linien verschwand
bald, soweit er auf Alter und Lnge der Dienstzeit beruhte. Nach Berichten
von Sallust erschienen in der Schlacht des Metellus gegen Jugurtha[2S1 zum
letzten Male hastati, principes und triarii. Marius bildete nun aus den
30 Manipeln der Legion 10 Kohorten und stellte diese in 2 Linien von je
5 Kohorten auf. Gleichzeitig wurde die normale Strke der Kohorte auf
600 Mann erhht. Die erste Kohorte unter dem primus pilus trug den
Legionsadler1241. Die Kavallerie blieb in Trmen zu je 30 Reitern formiert
und hatte 3 Dekurionen, von denen der erste die Turme befehligte. Die
Ausrstung der rmischen Infanterie bestand aus einem halbzylinderfrmigen Schild, 4 mal 21/2 Fu gro, aus Holz gefertigt, mit Leder bezogen und mit eisernen Beschlgen verstrkt; in der Mitte hatte er einen
Hcker (umbo), um Speerste zu parieren. Der Helm war aus Bronze,
hatte gewhnlich hinten eine Verlngerung, um den Nacken zu schtzen,
und wurde mit Lederbndern befestigt, die mit Bronzeschuppen besetzt
waren. Der Brustharnisch, etwa ein Fu im Quadrat, war an einem Ledercorselet mit geschuppten Riemen, die ber die Schulter reichten, befestigt;
bei den Zenturionen bestand er aus einem mit Bronzeschuppen bedeckten
Panzerhemd. Das rechte Bein, das beim Schwertsto durch das Vorstellen
exponiert wurde, war durch eine Bronzeplatte geschtzt. Auer dem kurzen
Schwert, das mehr zum Stoen als zum Schlagen benutzt wurde, trugen die
Soldaten das pilum, einen schweren Speer, dessen hlzerner 41/2 Fu langer
Schaft mit einer eisernen Spitze von IV2 Fu verlngert war, also insgesamt 6 Fu lang und - bei einem Querschnitt des hlzernen Teils von
21/a Quadratzoll - ungefhr 10 oder 11 Pfund schwer. Wenn das pilum aus
einer Entfernung von 10 oder 15 Schritt geworfen wurde, durchbohrte es
oft Schild und Brustharnisch und warf fast immer den Gegner um. Die
leichtbewaffneten velites trugen leichte, kurze Wurfspeere. In den spteren
Perioden der Republik, als die barbarischen Hilfstruppen den leichten
Dienst bernahmen, verschwand diese Art der Truppen vollstndig. Die
Kavallerie war mit einer Ausrstung versehen, hnlich der der Infanterie,
nmlich einer Lanze und einem lngeren Schwert. Aber die eigentliche
rmische Kavallerie war nicht sehr gut und zog es vor, abgesessen zu
kmpfen. Sie wurde spter gnzlich abgeschafft und durch numidische,
spanische, gallische und germanische Reiter ersetzt.
Die taktische Aufstellung der rmischen Truppen gestattete groe Beweglichkeit. Die Manipel wurden in Intervallen formiert, die der frontalen
Breite entsprachen; ihre Tiefe variierte zwischen 5 oder 6 bis 10 Mann. Die
Manipel der zweiten Linie fanden hinter den Intervallen der ersten Manipel
Aufstellung, die triarii noch weiter hinten, aber in einer ununterbrochenen
Linie. Wenn die Umstnde es verlangten, konnten die Manipel jeder Linie
seitlich aufschlieen, das heit eine ununterbrochene Linie formieren, oder
die Manipel der zweiten Linie konnten vorrcken, um die Intervalle der
ersten aufzufllen; dort, wo grere Tiefe erforderlich war, schlssen die
Manipel der principes jeder hinter dem entsprechenden Manipel der
hastati auf und verdoppelten deren Tiefe. Als sie den Elefanten des Pyrrhos t2SI gegenberstanden, formierten sich alle drei Linien mit Intervallen,
wobei jeder Manipel genau hinter dem vorderen Manipel stand, um Platz
zu lassen, damit die Tiere geradeswegs die Schlachtordnung durchliefen.
In dieser Formation war die Schwerflligkeit der Phalanx in jeder Weise
erfolgreich berwunden. Die Legion konnte sich, ohne ihre Schlachtordnung zu zerstren, in einem Gelnde bewegen und manvrieren, in das
sich die Phalanx nicht ohne grtes Risiko vorwagen durfte. Um ein Hindernis zu passieren, muten hchstens ein oder zwei Manipel ihre Frontlinie
verkrzen, und in wenigen Augenblicken war die Front wiederhergestellt.
Die Legion konnte ihre ganze Front mit leichten Truppen decken, da sich
diese beim Vormarsch der Linie durch die Intervalle zurckziehen konnten. Doch den Hauptvorteil bildete die Aufstellung in mehreren Linien,
die, den Erfordernissen der Situation entsprechend, nacheinander in den
Kampf geschickt wurden. Bei der Phalanx mute der Angriff mit einem
einzigen Sto entschieden werden. Es gab keine frischen Reservetruppen,
die im Falle eines Mierfolgs den Kampf aufgenommen htten - mit diesem
Fall war in der Tat nie gerechnet worden. Dagegen konnte die Legion mit
ihren leichten Truppen und der Kavallerie den Feind auf seiner ganzen
Front ins Gefecht ziehen - sie konnte dem Vormarsch der gegnerischen
Phalanx ihre erste Linie der hastati gegenberstellen, die nicht so leicht zu
schlagen war, da zumindest 6 der 10 Manipel zunchst einzeln htten zerschlagen werden mssen - sie konnte die Krfte des Feindes durch den
Vormarsch der principes zermrben und schlielich den Sieg durch die
triarii entscheiden. Auf diese Weise blieben die Truppen und der Verlauf
der Schlacht in der Hand des Feldherm, whrend die Phalanx, war sie einmal ins Gefecht gezogen worden, unwiderruflich mit ihrer ganzen Strke
eingesetzt war und den Kampf zu Ende fhren mute. Wenn der rmische
Feldherr die Schlacht abbrechen wollte, gestattete ihm die Organisation der
Legionen, mit seinen Reserven eine Stellung zu beziehen, whrend sich die
vorher unmittelbar am Kampf beteiligten Truppen durch die Intervalle zurckzogen und ihrerseits eine Stellung einnahmen. In jedem Fall war immer
ein Teil der Truppen in guter Ordnung, denn sogar wenn die triarii zurckgeschlagen wurden, hatten sich die zwei ersten Linien hinter ihnen wieder
formiert. Als die Legionen des Flamminus in den Ebenen Thessaliens
auf die Phalanx Philipps'261 stieen, wurde ihr erster Angriff sofort zurckgeschlagen; doch als ein Angriff auf den anderen folgte, ermdeten die
Makedonier und verloren einen Teil der Festigkeit ihrer Formation, und
wo immer sich ein Zeichen von Unordnung einstellte, gab es einen rmischen Manipel, der einen Einbruch in die schwerfllige Masse versuchte.
Als schlielich 20 Manipel die Flanken und den Rcken der Phalanx angriffen, konnte der taktische Zusammenhalt nicht lnger aufrechterhalten
werden; die tiefe Linie lste sich in einen Schwrm von Flchtenden auf,
und die Schlacht war verloren.
Gegen die Reiterei formierte die Legion den orbis, eine Art Karree mit
dem Tro in der Mitte. War auf dem Marsch ein Angriff zu befrchten, so
formierte sie die legio [Link] Art ausgedehnte Kolonne mit einer
breiten Front, den Tro im Zentrum. Dies war natrlich nur auf offenem
Gelnde mglich, wo sich die Marschlinie quer ber das Land erstrecken
konnte.
Zu Csars Zeiten wurden die Legionen meist aus Freiwilligen in Italien
rekrutiert. Nach dem Bundesgenossenkrieg1271 wurde das Brgerrecht und
damit die Militrdienstpflicht auf ganz Italien ausgedehnt, und demzufolge
waren weit mehr Mnner verfgbar als erforderlich. Die Bezahlung war
ungefhr gleich dem Verdienst eines Arbeitenden; daher gab es gengend
Rekruten, auch wenn man nicht auf die allgemeine Aushebung zuriickgriff.
Nur in Ausnahmefllen rekrutierte man die Legionen in den Provinzen; so
von zahlreichen Schreibern und Ordonnanzen untersttzt. Dem Stab angegliedert waren die tribuni militum und die oben erwhnten jungen Freiwilligen (contubernales, comites praetorii), die als Adjutanten, Ordonnanzoffiziere Dienst taten. In der Schlacht jedoch kmpften sie wie die einfachen Soldaten in Linie, und zwar in den Reihen der cohors praetoria, die
aus Liktoren, Schreibern, Dienern, Kundschaftern (speculatores) und
Ordonnanzen (apparitores) des Hauptquartiers bestanden. Der Feldherr
hatte auerdem eine Art Leibwache, aus Veteranen bestehend, die sich freiwillig auf den Ruf ihres frheren Feldherrn hin wieder gemeldet hatten.
Diese Truppe, die beim Marsch beritten war, aber abgesessen kmpfte,
wurde als die Elite der Armee betrachtet. Sie trug und bewachte das
vexillum, das Signalbanner der gesamten Armee. Fr die Schlacht formierte
Csar seine Truppen gewhnlich in 3 Linien; in der ersten standen 4 Kohorten jeder Legion, in der zweiten und dritten je 3; die Kohorten der
zweiten Linie richteten sich auf die Intervalle der ersten aus. Die zweite
Linie mute die erste untersttzen, whrend die dritte Linie eine allgemeine Reserve fr entscheidende Manver gegen die Front oder die
Flanke des Feindes oder zur Abwehr seiner entscheidenden Angriffe bildete. Gelang es dem Feind, die Frontlinie so weit zu berflgeln, da ihre
Verlngerung notwendig wurde, verteilte man die Armee auf nur 2 Linien.
Eine einzige Linie (acies simplex) wurde nur im uersten Notfalle und
dann ohne Intervall zwischen den Kohorten angewandt; bei derVerteidigung
eines Lagers war sie jedoch die Regel, da die Linie noch 8-10 Mann tief
war und eine Reserve aus den Mnnern bilden konnte, die keinen Platz auf
dem Parapett hatten.
Augustus vervollstndigte das Werk, die rmischen Truppen zu einem
regulren stehenden Heer umzubilden. Er hatte 25 Legionen ber das
ganze Reich verteilt, von denen 8 am Rhein (diese galten als die Hauptkraft,
praecipuum robur, der Armee), 3 in Spanien, 2 in Afrika, 2 in gypten,
4 in Syrien und Kleinasien und 6 in den Donaulndern standen. In Italien
waren ausgewhlte Truppen stationiert, die nur in diesem Lande rekrutiert wurden und die den Schutz des Kaisers bernahmen; diese bestanden
aus 12, spter aus 14 Kohorten. Auerdem hatte die Stadt Rom 7 Kohorten
Munizipalwaehen (vigiles), die ursprnglich aus freigelassenen Sklaven gebildet wurden. Neben dieser regulren Armee muten die Provinzen wie
frher ihre leichten HilfStruppen stellen, die nun meist in eine Art Miliz
fr Garnison- und Polizeidienst verwandelt wurden. An bedrohten Grenzen jedoch wurden nicht nur diese Hilfstruppen, sondern auch auslndische
Sldner im aktiven Dienst gehalten. Die Anzahl der Legionen stieg unter
Trajanus auf 30, unter Septimius Severus auf 33. Neben ihren Nummern
hatten die Legionen auch Namen nach ihren Standorten (L[egio] Germanica, L[egio] Italica), nach Kaisern (L[egio] Augusta), nach Gttern
(L[egio] Primigenia, Lfegio] Apollinaris) oder als ehrenvolle Auszeichnungen (L[egio] fidelis, L[egio] pia, Lfegio] invicta). Die Organisation der
Legion machte einige Vernderungen durch. Der Befehlshaber wurde nun
praefectus genannt. Die Strke der ersten Kohorte wurde verdoppelt
(cohors milliaria) und die normale Strke der Legion auf 6100 Mann bei
der Infanterie und 726 Mann bei der Kavallerie erhht. Dies sollte das
Minimum sein, und falls notwendig, sollten eine oder mehrere cohortes
milliariae hinzugefgt werden. Die cohors milliaria wurde von einem
Militrtribun befehligt, die anderen von Tribunen oder praepositi; der
Rang des Zenturio wurde so auf die unteren Anfhrer beschrnkt. Die
Aufnahme von Freigelassenen oder Sklaven, von Einheimischen aus den
Provinzen und Leuten allerlei Art in die Legionen wurde zur Regel; das
rmische Brgerrecht war fr die Prtorianer nur in Italien erforderlich,
und sogar dort wurde es spter aufgehoben. Der rmische Nationalcharakter der Armee wurde bald durch das Eindringen barbarischer und halbbarbarischer, romanisierter und nichtromanisierter Elemente verwssert;
nur die Kommandeure waren nach wie vor rmischer Herkunft. Diese
Verschlechterung der Elemente, aus denen sich die Armee zusammensetzte, wirkte sich sehr bald auf Ausrstung und Taktik aus. Der schwere
Brustharnisch und das pilum wurden abgeschafft. Das mhevolle Ausbildungssystem, das die Welteroberer geformt hatte, wurde vernachlssigt.
Unntzes Gefolge und Luxus wurden fr die Armee zur Notwendigkeit,
und die impedimenta (Tro) wuchsen, whrend Strke und Ausdauer der
Armee abnahmen. Der Niedergang zeigte sich ebenso wie seinerzeit in
Griechenland in der Vernachlssigung der schweren Linieninfanterie, in
einer trichten Vorliebe fr alle Arten leichter Ausrstung und Annahme
barbarischer Ausrstungen und Kampfweisen. So finden wir unzhlige
Klassifizierungen der leichten Truppen (auxiliatores, exculcatores, jaculatores, excursatores, praecursatores, scutati, funditores, balistarii, tragularii), mit vielerlei Arten von Wurfgeschossen bewaffnet, und wir erfahren
von Vegetius, da die Kavallerie in Nachahmung der Goten, Alanen und
Hunnen verbessert worden war t29] . Schlielich hrte jeglicher Unterschied
in Ausrstung und Bewaffnung zwischen Rmern und Barbaren auf, und
die Germanen, physisch und moralisch berlegen, berrannten die Einheiten der entromanisierten Legionen. Der Eroberung des Abendlandes
durch die Germanen stellte sich daher nur ein kleiner berrest entgegen,
!
ein schwacher Abglanz der alten rmischen Taktik; aber sogar dieser kleine
berrest wurde nun zerstrt.
Das ganze Mittelalter ist eine ebenso unfruchtbare Periode fr die
Entwicklung der Taktik wie fr jede andere Wissenschaft. Das Feudalsystem war im wesentlichen ein Gegner der Disziplin, obgleich es in seinen
ersten Anfngen eine militrische Organisation war. Rebellionen und Abspaltungen groer Vasallen mit ihren Kontingenten fanden stndig statt.
Die Befehlserteilung an die Anfhrer wurde gewhnlich zu einem lrmenden Kriegsrat, wodurch alle ausgedehnten Operationen unmglich
gemacht wurden. Kriege waren daher selten auf entscheidende Punkte gerichtet; Kmpfe um den Besitz einer einzigen Ortschaft fllten ganze Feldzge aus. Die einzigen greren Operationen dieser Periode (wenn man die
verworrene Zeit vom 6. bis 12. Jahrhundert auer acht lt) sind die Kriegszge der deutschen Kaiser nach Italien und die Kreuzzge'301 - die einen
so ergebnislos wie die anderen.
Die Infanterie des Mittelalters, die sich aus den feudalen Lehnsmnnern
und einem Teil der Bauernschaft zusammensetzte, bestand hauptschlich
aus Pikenieren und war meist erbrmlich. Fr die Ritter, vllig eisengepanzert, war es spielend einfach, in diesen ungeschtzten Haufen zu
reiten und willkrlich dreinzuschlagen. Ein Teil der Infanterie auf dem
Festland Europas war mit der Armbrust bewaffnet, whrend in England der
Langbogen zur nationalen Waffe der Bauernschaft wurde. Dieser Langbogen war eine furchtbare Waffe und sicherte den Englndern die berlegenheit ber die Franzosen bei Cr6cy, Poitiers und Azincourt1311. Leicht
vor dem Regen zu schtzen, der zeitweilig die Armbrust untauglich machte,
erzielte der Pfeil des Langbogens Entfernungen von ber 200 Yard, also
nicht viel weniger als die wirksame Reichweite der alten glatten Muskete.
Der Pfeil durchdrang ein Brett von Zollstrke und durchschlug sogar den
Brustharnisch. So behauptete der Langbogen seinen Platz lange Zeit sogar
gegen die ersten Handfeuerwaffen, besonders da es mglich war, in der gleichen Zeit sechs Pfeile abzuschieen, in der die Muskete jener Epoche einmal
geladen und abgefeuert werden konnte. Noch Ende des 16. Jahrhunderts
versuchte Knigin Elisabeth, den nationalen Langbogen als Kriegswaffe wieder einzufhren. Er erwies sich besonders wirksam gegen die Kavallerie. Die
Pfeile verwundeten oder tteten die Pferde, und selbst wenn die Rstung
der Krieger sich als schufest erwies, wurden die ihrer Pferde beraubten
Ritter kampfunfhig und gewhnlich gefangengenommen. Die Bogenschtzen kmpften entweder ausgeschwrmt oder in Linie. Die Kavallerie
war die entscheidende Waffengattung des Mittelalters. Die Ritter in voller
Die Kenntnis von der Zusammensetzung und dem Gebrauch des Schiepulvers verbreitete sich von den Arabern in Spanien nach Frankreich und
dem brigen Europa; die Araber selbst erhielten es von weiter stlich lebenden Nationen, die es wiederum von den ursprnglichen Erfindern, den
Chinesen, hatten. In der ersten Hlfte des 14. Jahrhunderts wurden die
ersten Kanonen bei den europischen Armeen eingefhrt; das waren schwere,
plumpe Artilleriestcke, die Steinkugeln warfen und nur fr den Belagerungskrieg taugten. Es wurden jedoch bald leichte Waffen erfunden. So
versorgte sich die StadtPerugia in Italien im Jahre 1364 mit 500 Handrohren,
die nicht lnger als 8 Zoll waren. Das war der Ansto zur Herstellung von
Pistolen (nach Pistoja in Toskana benannt). Nicht lange danach wurden
lngere und schwerere Handrohre (arquebuses) angefertigt, die unserer
jetzigen Muskete entsprechen. Da sie aber ein kurzes und schweres Rohr
hatten, war ihre Reichweite nur gering; das Luntenschlo machte ein genaues Zielen fast unmglich; auerdem hatte diese Muskete fast jeden
anderen nur denkbaren Nachteil. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts gab es
in Westeuropa keine militrische Streitmacht ohne Artillerie und Arkebusiere. Der Einflu der neuen Waffe auf die allgemeine Taktik war jedoch
sehr wenig sichtbar. Fr die groen wie die kleinen Feuerwaffen wurde
eine sehr lange Zeit zum Laden gebraucht, und infolge ihrer Schwerflligkeit und Kostspieligkeit hatten sie um 1450 nicht einmal die Armbrust verdrngt.
In der Zwischenzeit trugen der allgemeine Verfall des feudalen Systems
und das Entstehen von Stdten dazu bei, die Zusammensetzung der Armeen
zu verndern. Die greren Vasallen waren entweder durch eine Zentralgewalt unterworfen worden wie in Freinkreich, oder sie waren sozusagen
unabhngige Souverne wie in Deutschland und Italien geworden. Die
Macht des niederen Adels wurde von der Zentralgewalt, die ein Bndnis
mit den Stdten einging, gebrochen. Die feudalen Armeen hrten auf zu
bestehen; neue Armeen wurden aus den zahlreichen Sldnern gebildet,
denen es nun durch den Verfall des Feudalismus freistand, jenen zu dienen,
die sie bezahlten. So entstand etwas Ahnliches wie ein stehendes Heer; aber
diese Sldner - Mnner aus allen Nationen, die schwer im Zaum zu halten
waren und unregelmig entlohnt wurden - verbten sehr schwere Ausschreitungen. In Frankreich bildete Knig Karl VII. daher eine stndige
Streitmacht aus Einheimischen. Im Jahre 1445 hob er 15 compagnies
d'ordonnance1 von je 600 Mann aus im ganzen 9000 Mann Kavallerie,
1
Ordonnanzkompanien, die Hauptschlich aus den Reihen des Adels rekrutiert wurden
Formierung der Armeen groen Einflu. Spanier wie Hollnder verbesserten alle Waffen betrchtlich. Bisher muten in den Sldnerarmeen alle
Mnner, die sich zum Militrdienst anboten, voll ausgerstet, bewaffnet
und mit der Waffe vertraut sein. In diesem langen Krieg jedoch, 40 Jahre
auf einem kleinen Landstrich gefhrt, wurden verfgbare Reloruten dieser
Art bald rar. Die Hollnder muten sich mit solchen tauglichen Freiwilligen
begngen, die sie auftreiben konnten, und die Regierung stand nun vor
der Notwendigkeit, diese ausbilden zu lassen. Moritz von Nassau verfate
das erste Exerzierreglement der modernen Zeit und legte somit den Grundstein fr die einheitliche Ausbildung einer ganzen Armee. Die Infanterie
begann wieder im Schritt zu marschieren; sie gewann viel an Einheitlichkeit und Festigkeit. Formiert wurde sie nun in kleineren Einheiten; die
Kompanien, bisher 400-500, wurden auf 200 und 150 Mann reduziert;
10 Kompanien bildeten ein Regiment. Die verbesserte Muskete gewann an
Boden gegenber der Pike. Ein Drittel der gesamten Infanterie bestand
aus Musketieren, die in jeder Kompanie mit den Pikenieren vermischt
waren. Diese, nur zum Nahkampf erforderlich, behielten ihren Helm, Brstharnisch und Stahlhandschuhe; die Musketiere wurden von jeglicher
Schutzausrstung befreit. Die Pikeniere formierten sich gewhnlich in
2 Gliedern, die Musketiere in 5-8 Gliedern; sobald das erste Glied gefeuert
hatte, zog es sich zum Laden zurck. Noch grere Vernderungen vollzogen sich in der Kavallerie, und auch hier wurde Moritz von Nassau
fhrend. Wegen der Unmglichkeit, eine schwere Kavallerie gepanzerter
Reiter zu bilden, organisierte er eine Einheit leichter Reiterei, die in Deutschland rekrutiert wurde und mit einem Helm, einem Kra, einer Armrstung, Stahlhandschuhen und langen Stiefeln ausgerstet war; da diese
Reiter mit der Lanze der schwerbewaffneten spanischen Kavallerie nicht
ebenbrtig gewesen wren, bewaffnete er sie mit Schwert und langen Pistolen. Diese neue Gattung von Reitern, die unseren modernen Krassieren
nahekommt, erwies sich den weit weniger zahlreichen und weniger beweglichen spanischen Reitern bald berlegen, deren Pferde sie niederschossen,
bevor diese langsame Masse ber sie hereinbrach. Moritz von Nassau hatte
seine Krassiere ebenso gut gedrillt wie seipe Infanterie; er erreichte einen
solchen Stand, da er es wagen konnte, mit ihren groen und kleinen Einheiten in der Schlacht Frontwechsel und andere Evolutionen vorzunehmen.
Auch Alba fand es bald notwendig, seine leichte Reiterei zu verbessern. Bisher taugte sie nur fr Scharmtzel und den Einzelkam'pf, doch unter seiner
Leitung lernte sie es bald, ebenso wie die schwere Kavallerie, als geschlossene
Masse anzugreifen. Die Aufstellung der Kavallerie blieb noch 5-8 Glieder
tief. Um diese Zeit fhrte Heinrich IV. von Frankreich eine neue Art
Reiterei ein, die Dragoner, die ursprnglich als Infanterie verwandt wurden
und nur beritten waren, um schneller von Ort zu Ort zu kommen. Wenige
Jahre nach ihrer Einfhrung verwandte man sie auch als Kavallerie und
rstete sie fr diesen doppelten Dienst aus. Die Dragoner hatten weder
eine Rstung noch hohe Stiefel, sondern nur einen Kavalleriesbel und
manchmal eine Lanze; auerdem trugen sie die Infanteriemuskete oder
einen krzeren Karabiner. Diese Truppen erfllten jedoch nicht die Erwartungen, die zu ihrer Formierung gefhrt hatten. Sie wurden bald ein Teil
der regulren Kavallerie und hrten auf, als Infanterie zu kmpfen. (Zar
Nikolaus von Ruland unternahm den Versuch, die ursprnglichen Dragoner wieder einzufhren. Er bildete eine Einheit von 16 000 Mann, die
sowohl im Kampf zu Fu als auch fr den Reiterkampf geeignet war. Sie
hatte aber nie Gelegenheit, whrend der Schlacht abzusitzen, sondern
kmpfte immer als Kavallerie. Deshalb wurde sie aufgelst und als
Kavalleriedragoner der brigen russischen Kavallerie einverleibt.) In der
Artillerie behielten die Franzosen ihre einmal gewonnene berlegenheit.
Um diese Zeit wurde von ihnen das Zugtau erfunden und von Heinrich IV.
die Karttsche eingefhrt. Auch die Spanier und Hollnder machten ihre
Artillerie leichter und vereinfachten sie, doch blieb sie noch immer eine
schwerfllige Angelegenheit, und die leichten, beweglichen Kanonen wirksamen Kalibers und grerer Reichweite waren noch unbekannt.
Mit dem Dreiigjhrigen Krieg137' beginnt die Periode Gustav Adolfs,
des groen Militrreformators des 17. Jahrhunderts. Seine Infanterieregimenter waren zu zwei Dritteln aus Musketieren und zu einem Drittel
aus Pikenieren zusammengesetzt. Einige Regimenter bestanden nur aus
Musketieren. Die Musketen waren um so viel leichter geworden, da das
Auflagegestell berflssig wurde. Gustav Adolf fhrte auch Papierpatronen
ein, die das Laden sehr erleichterten. Die tiefe Formation wurde aufgegeben; seine Pikeniere standen 6, seine Musketiere nur 3 Mann tief. Diese
wurden zum Feuern in Pelotons und in einzelnen Gliedern ausgebildet.
Die schwerflligen Regimenter von 2000 oder 3000 Mann reduzierte man
auf 1300 oder 1400 Mann und teilte sie in 8 Kompanien ein; 2 Regimenter
wurden zu einer Brigade formiert. Mit dieser Formation besiegte Gustav
Adolf die dichten Massen seiner Gegner, die oft wie eine Kolonne oder ein
volles Karree von 30 Reihen Tiefe aufgestellt waren und auf die seine
Artillerie eine schreckliche Wirkung ausbte. Die Kavallerie wurde nach
hnlichen Prinzipien reorganisiert. Die gepanzerten Reiter wurden vollstndig abgeschafft. Bei den Krassieren verzichtete man auf die Arm-
Panzerungen und einige andere zwecklose Stcke der Rstung; sie wurden
dadurch wesentlich leichter und beweglicher. Gustav Adolfs Dragoner
kmpften fast immer als Kavallerie. Krassiere wie Dragoner wurden nur
3 Glieder tief formiert und hatten ausdrckliche Anweisung, keine Zeit mit
dem Schieen zu verlieren, sondern sofort mit dem Sbel in der Hand anzugreifen. Sie waren in Eskadronen von 125 Mann eingeteilt. Die Artillerie
wurde durch das Hinzukommen leichter Kanonen verbessert. Die Lederkanonen Gustav Adolfs sind berhmt, sie wurden aber nicht lange beibehalten, sondern durch gueiserne Vierpfnder ersetzt, die jetzt so leicht
waren, da sie von zwei Pferden gezogen werden konnten. Diese Kanonen
konnten in der gleichen Zeit sechsmal abgefeuert werden, in der ein Musketier zweimal scho. Jedem Infanterieregiment waren 2 Vierpfnder zugeteilt.
So wurde die Trennung zwischen leichter und schwerer Feldartillerie vollzogen; die leichten Kanonen begleiteten die Infanterie, whrend die schweren Geschtze in der Reserve blieben oder fr die ganze Dauer der Schlacht
in Stellung gingen. Die damaligen Armeen zeigen das langsam wachsende
bergewicht der Infanterie ber die Kavallerie. In der Schlacht bei Leipzig,
1631, hatte Gustav Adolf 19 000 Mann Infanterie und 11 000 Mann Kavallerie, Tilly 31 000 Mann Infanterie und 13 000 Mann Kavallerie. Im Jahre
1632 hatte Wallenstein bei Ltzen 24 000 Mann Infanterie und 16 000 Mann
Kavallerie (in 170 Eskadronen). Die Anzahl der Kanonen stieg weiterhin
mit der Einfhrung leichter Stcke. Die Schweden hatten oft 5-12 Kanonen
auf je 1000 Mann, und in der Schlacht am Lech erzwang Gustav Adolf den
bergang ber diesen Flu unter dem Schutz des Feuers von 72 schweren
Geschtzen.1381
Whrend der zweiten Hlfte des 17. und der ersten Hlfte des 18. Jahrhunderts wurden mit der allgemeinen Einfhrung des Bajonetts die Pike
und die gesamte Schutzrstung der Infanterie endgltig beseitigt. Das
Bajonett, da um 1640 in Frankreich erfunden wurde, brauchte 80 Jahre,
um sich gegen die Pike durchzusetzen. Zuerst bernahmen die sterreicher
das Bajonett fr ihre gesamte Infanterie, als nchste die Preuen, whrend
die Franzosen die Pike bis 1703 und die Russen bis 1721 beibehielten. Das
Steinschlogewehr, in Frankreich ungefhr um die gleiche Zeit wie das
Bajonett erfunden, wurde ebenfalls vor 1700 allmhlich bei den meisten
Armeen eingefhrt. Es verkrzte den Vorgang des Ladens wesentlich,
schtzte das Pulver auf der Pfanne einigermaen vor dem Regen und trug
deshalb sehr viel zur Abschaffung der Pike bei. Das Abfeuern ging jedoch
immer noch so langsam vonstatten, da ein Mann nicht mehr als 24 bis
36 Patronen in einer Schlacht verbrauchen konnte, bis in der zweiten Hlfte
zosen durchbrachen das neue System und begannen wieder, sich nur auf
den Sbel zu verlassen. Die Tiefe der Kavallerieformationen wurde noch
weiter herabgesetzt, und zwar von 4 auf 3 Reiter. Die Artilleriegeschtze
wurden jetzt leichter und die Verwendung von Kartuschen und Karttschen
allgemein. Eine weitere groe Neuerung bedeutete die Einbeziehung der
Artillerie in die Armee. Obgleich die Geschtze bis zu dieser Zeit dem
Staat gehrten, waren die Mnner, die sie bedienten, keine eigentlichen
Soldaten, sondern bildeten eine Art Gilde, und die Artillerie wurde nicht
als Waffengattung, sondern als Handwerk betrachtet. Ihre Vorgesetzten
hatten keinen Rang in der Armee und wurden eher den Schneidermeistern
oder Zimmerleuten gleichgestellt, als da man sie als Gentlemen, die ein
Offizierspatent in der Tasche trugen, ansah. Um diese Zeit jedoch wurde
die Artillerie zu einem festen Bestandteil der Armee und in Kompanien
und Bataillone eingeteilt; die Mnner wurden regulre Soldaten, und ihre
Vorgesetzten bekamen ihren Rang wie die Offiziere der Infanterie und
Kavallerie. Die durch diese nderung hervorgerufene Zentralisation
und Bestndigkeit dieser Waffengattung bahnte den Weg fr die Wissenschaft der Artillerie, die sich unter dem alten System nicht entwickeln
konnte.
Der bergang von der tiefen Formation zur Linie, von der Pike zur
Muskete, von der berlegenheit der Kavallerie zur berlegenheit der
Infanterie war so nach und nach vollendet worden, als Friedrich der Groe
seine Feldzge und damit die klassische ra der Lineartaktik begann. Er
formierte seine Infanterie 3 Mann tief und lie sie in einer Minute fnfmal
feuern. Gleich in seiner ersten Schlacht bei Mollwitz'401 marschierte diese
Infanterie in Linie auf und schlug mit ihrem schnellen Feuer alle Angriffe
der sterreichischen Kavallerie zurck, die gerade die preuische Reiterei in
die Flucht gejagt hatte. Nachdem die preuische Infanterie die Kavallerie
der sterreicher erledigt hatte, griff sie die sterreichische Infanterie an,
besiegte sie und gewann so die Schlacht. Der Versuch, Karrees gegen die
Kavallerie zu bilden, wurde in groen Schlachten nie unternommen, sondern nur dann, wenn die Infanterie auf dem Marsch von feindlicher Kavallerie berrascht wurde. War die Infanterie in einer Schlacht von der Kavallerie bedroht, formierten sich die uersten Flgel der Infanterie en
potence, und dies wurde allgemein als ausreichend befunden. Um den
sterreichischen Panduren wirksam zu begegnen, bildete Friedrich hnliche
irregulre Truppen der Infanterie und Kavallerie, verlie sich aber in der
Schlacht nie auf diese und setzte sie selten ein. Der langsame Vormarsch
der stndig feuernden Linie entschied seine Schlachten. Die von seinem
Friedrich Wilhelm I.
besonderen Punkt der feindlichen Linie geworfen wurde; sie war die Form,
sich dem Feind zu nhern, sich dann zu entfalten und, falls das Gelnde und
der Stand des Gefechts es erforderlich machten, dem Feind Feuerlinien entgegenzustellen. Die gegenseitige Untersttzung der drei Waffengattungen
entwickelte sich zu ihrer vollen Strke durch ihr Zusammenwirken in
kleinen Einheiten und durch die Kombination der drei Kampfarten;
Schtzenschwrme, Schtzenlinie und Kolonne bildeten die groe taktische berlegenheit der modernen Armeen. Auf diese Weise wurde jede
Art Gelnde zum Kampf geeignet, und zu den wichtigsten Eigenschaften
eines Befehlshabers gehrte nun die Fhigkeit, schnell die Vor- und
Nachteile des Gelndes abzuschtzen und sofort seine Truppen zweckentsprechend einzusetzen. Nicht nur fr den Oberbefehlshaber, sondern
auch fr die untergeordneten Offiziere waren jetzt diese Qualitten und
die allgemeine Befhigung zu selbstndigem Kommando eine Notwendigkeit. Korps, Divisionen, Brigaden und Detachements wurden stets vor
Situationen gestellt, bei denen ihre Kommandeure auf eigene Verantwortung handeln muten. Das Schlachtfeld wies nicht mehr lange ununterbrochene Infanterielinien auf, die in einer weiten Ebene mit Kavallerie an
den Flgeln aufgestellt waren, sondern einzelne Korps und Divisionen
standen in Kolonnen massiert hinter Drfern, Straen oder Hgeln versteckt, voneinander durch ziemlich groe Zwischenrume getrennt, whrend nur ein kleiner Teil der Truppen tatschlich im Schtzen- und Artilleriegefecht verwickelt war, bis der entscheidende Moment nahte. Die
Schlachtlinien dehnten sich der Anzahl der Truppen und dem Charakter
dieser Formation entsprechend aus; es war jetzt nicht ntig, jeden Zwischenraum mit einer dem Feind sichtbaren Linie auszufllen, solange Truppen
zur Hand waren, um aufzurcken, wenn erforderlich. Die Umgehung der
Flanken wurde jetzt gewhnlich zu einer strategischen Operation; die strkere Armee schob sich vllig zwischen die schwchere und deren Verbindungslinien, so da eine einzige Niederlage zur Vernichtung einer ganzen
Armee fhren und einen Feldzug entscheiden konnte. Es war das bevorzugte taktische Manver, das Zentrum des Feindes mit frischen Truppen
zu durchbrechen, sobald die Lage ergab, da dieser seine letzten Reserven
eingesetzt hatte. Waren Reserven in der Lineartaktik fehl am Platze und der
Schlagkraft der Armee im entscheidenden Moment abtrglich, so wurden
sie jetzt das Hauptmittel, das eine Kampfhandlung entschied. Die Schlachtordnung dehnte sich in der Front und auch in der Tiefe aus: Von der
Schtzenlinie bis zur Position der Reserven betrug die Tiefe sehr oft 2 [engl.]
Meilen und mehr. Kurzum, wenn das neue System auch weniger Drill und
Paradepedanterie erforderte, so verlangte es doch weit grere Schnelligkeit, Anstrengung und Intelligenz von jedem, vom hchsten Kommandeur
ebenso wie vom einfachsten Schtzen; jede seit Napoleon gemachte neue
Verbesserung geht in dieser Richtung.
Die Vernderungen in der Ausrstung der Armeen waren in dieser Zeit
nur unwesentlich. Die stndigen Kriege lieen wenig Raum fr solche Verbesserungen, deren Einfhrung Zeit erfordert. Zwei sehr wichtige Neuerungen vollzogen sich in der franzsischen Armee kurz vor der Revolution: die
Einfhrung eines neuen Musketenmodells mit verringertem Kaliber und
geringerem Spielraum, das auerdem einen geschweiften Kolben an Stelle
des bisher gebruchlichen geraden hatte. Diese sorgfltiger gearbeitete
Waffe trug viel zur berlegenheit der franzsischen Schtzen bei und blieb
das Modell, nach dem mit unwesentlichen nderungen die Musketen aller
Armeen bis zur Einfhrung des Perkussionsschlosses konstruiert waren.
Die zweite Neuerung war die Vereinfachung und Verbesserung der Artillerie durch Gribeauval. Die franzsische Artillerie befand sich unter
Ludwig XV. in einem vllig vernachlssigten Zustand; die Geschtze hatten
alle mglichen Kaliber, die Lafetten waren altmodisch, und die Modelle,
nach denen sie gebaut, waren nicht einmal einheitlich. Es gelang Gribeauval,
der whrend des Siebenjhrigen Krieges[43] bei den sterreichern gedient
und dort bessere Modelle gesehen hatte, die Anzahl der Kaliber zu vermindern, die Modelle zu vereinheitlichen und zu verbessern und so das
ganze System erheblich zu vereinfachen. Eis waren Gribeauvals Geschtze
und Lafetten, mit denen Napoleon seine Kriege fhrte. Die englische
Artillerie, die sich bei Ausbruch des Krieges mit Frankreich in uerst
schlechtem Zustand befand, wurde nach und nach, wenn auch langsam,
wesentlich verbessert. So entstand die Blockschwanzlafette, die seitdem
viele Armeen des Kontinents bernahmen, und auch die Einrichtung, die
Fuartilleristen auf den Protzen und den Munitionswagen unterzubringen.
Die von Friedrich dem Groen erstmals geschaffene reitende Artillerie
wurde whrend der Zeit Napoleons besonders von ihm selbst gepflegt und
ihre eigentliche Taktik berhaupt erst entwickelt. Nach Beendigung des
Krieges stellte es sich heraus, da die Briten in dieser Waffengattung am
leistungsfhigsten waren. Von allen groen europischen Armeen ist die
sterreichische die einzige, die an Stelle reitender Artillerie Batterien verwendet, bei denen die Mnner auf dafr vorgesehenen Wagen sitzen.
Die deutschen Armeen behielten noch immer die besondere Kategorie
der mit Bchsen bewaffneten Infanterie bei, und das neue System des
Kampfes in Schtzenlinie gab dieser Waffe neue Bedeutung. Diese Bchse
wurde besonders entwickelt und 1838 von den Franzosen bernommen, die
in Algerien eine Handfeuerwaffe von groer Reichweite bentigten. Man
formierte die tirailleurs de Vincennes, spter chasseurs a pied und brachte
sie auf einen bisher unerreichten Stand der Wirksamkeit. Diese Formation
gab Anla zu groen Verbesserungen bei den Gewehren, und dadurch
wurden sowohl die Reichweite als auch die Przision in einem hervorragenden Mae erhht. Dabei wurden Namen wie Delvigne, Thouvenin,
Minie berhmt. Fr die gesamte Infanterie der meisten Armeen fhrte man
zwischen 1830 und 1840 das Perkussionsschlo ein; wie immer waren Englnder und Russen die letzten. Inzwischen waren von verschiedenen Lndern groe Anstrengungen gemacht worden, die Handfeuerwaffen noch
weiter zu verbessern und ein Gewehr von grerer Reichweite zu schaffen,
mit dem die gesamte Infanterie ausgerstet werden konnte. So fhrten die
Preuen das Zndnadelgewehr ein, einen gezogenen Hinterlader, der sehr
schnell feuern konnte und eine groe Reichweite hatte; die aus Belgien
stammende Erfindung wurde durch die Preuen wesentlich verbessert. Alle
leichten Bataillone erhielten dieses Gewehr; fr den brigen Teil der Infanterie wurden die alten Waffen vor kurzem durch einen sehr einfachen
Proze zu Mini-Gewehren umgearbeitet. Diesmal waren die Englnder die
ersten, die ihre gesamte Infanterie mit einer vorzglichen Waffe, nmlich
dem Enfield-Gewehr, einem leicht vernderten Minie, ausrsteten. Die
berlegenheit dieses Gewehrs erwies sich in vollem Umfange auf der Krim
und rettete die Englnder bei Inkerman[441.
In der Taktik der Infanterie und Kavallerie fanden keine wesentlichen
Vernderungen statt, wenn wir von der groen Verbesserung der Taktik
der leichten Infanterie durch die franzsischen chasseurs und dem neuen
preuischen System der Kompaniekolonnen absehen, welches zweifellos,
vielleicht mit einigen Variationen, bald seiner groen taktischen Vorteile
wegen Allgemeingut werden wird. Bei den Russen und sterreichern ist
die Formation noch 3 Mann tief, die Englnder formieren seit Napoleons
Zeiten 2 Mann tief. Die Preuen marschieren in 3 Reihen, kmpfen aber
meist in 2 Reihen Tiefe, wobei die 3. Reihe Schtzenzge und die Reserve
bildet. Die Franzosen formierten bisher 3 Mann tief, kmpften auf der
Krim 2 Mann tief und fhren diese Formation in der ganzen Armee ein.
Was die Kavallerie anbelangt, so wurde der fehlgeschlagene russische Versuch, die Dragoner des 17. Jahrhunderts wieder einzufhren, bereits erwhnt.
Bei der Artillerie wurden in jeder Armee wesentliche Verbesserungen
der Details und eine Vereinfachung der Kaliber, der Rdermodelle,
Kavallerie, htten sie nicht die Kosaken. Die beste leichte Kavallerie haben
zweifellos die sterreicher: die nationalen ungarischen und polnischen
Husaren.
Die gleiche Einteilung gilt fr die Artillerie mit Ausnahme der franzsischen, die, wie bereits festgestellt, jetzt nur ein Kaliber hat. Bei den anderen
Armeen gibt es je nach den Kalibern ihrer Geschtze noch leichte und
schwere Batterien. Die leichte Artillerie wird wiederum in reitende und
Fuartillerie unterteilt, wobei besonders die erstere dazu bestimmt ist, mit
der Kavallerie gemeinsam zu operieren. Die sterreicher haben, wie festgestellt, keine reitende Artillerie, die Englnder und Franzosen keine eigentliche Fuartillerie, da die Mnner auf Protzen und Munitionswagen befrdert werden.
Die Infanterie ist in Kompanien, Bataillone und Regimenter formiert.
Das Bataillon ist die taktische Einheit; es ist die Form, in der, von ein paar
Ausnahmefllen abgesehen, die Truppen kmpfen. Ein Bataillon darf darum nicht zu stark sein, damit es durch Stimme und Auge seines Kommandeurs gefhrt werden kann; es darf aber auch nicht zu schwach sein, damit
es als selbstndige Einheit in der Schlacht, auch nach Verlusten whrend
einer Kampagne, noch aktionsfhig ist. Daher variiert die Strke des Bataillons zwischen 600 und 1400 Mann; 800 bis 1000 Mann bilden den
Durchschnitt. Die Einteilung eines Bataillons in Kompanien hat zum Ziel:
die Festsetzung seiner manvrierfhigen Unterabteilungen, die Beherrschung der Einzelheiten der Ausbildung durch die Mannschaften und die
bequemere wirtschaftliche Verwaltung. In Wirklichkeit erscheinen die
Kompanien nur bei Scharmtzeln als selbstndige Einheiten und bei den
Preuen bei der Formierung von Kompaniekolonnen, wobei jede der
4 Kompanien eine Kolonne von 3 Zgen bildet. Diese Formation setzt
starke Kompanien voraus, und sie zhlen daher in Preuen 250 Mann. Die
Anzahl der Kompanien in einem Bataillon variiert ebenso wie ihre Strke.
Die Englnder haben 10 Kompanien, jede 90 bis 120 Mann stark, die Russen
und Preuen 4, mit je 250 Mann, die Franzosen und sterreicher 6 von verschiedener Strke. Die Bataillone werden zu Regimentern formiert; das geschieht mehr aus administrativen und disziplinarischen Grnden und um
die Einheitlichkeit der Ausbildung zu sichern als zu irgendeinem taktischen
Zweck; in Kriegsformationen werden daher die Bataillone eines Regiments
oft getrennt. In Ruland und sterreich hat jedes Regiment 4, in Preuen 3,
in Frankreich 2 Stammbataillone auer dem Depotbataillon; in England
bestehen die meisten Regimenter im Frieden aus nur 1 Bataillon. Die
Kavallerie wird in Eskadronen und Regimenter gegliedert. Die 100 bis
200 Mann starke Eskadron bildet die taktische und administrative Einheit;
nur die Englnder unterteilen die Eskadron zu administrativen Zwecken
in 2 Trupps. Zu einem Regiment gehren 3 bis 10 Stammeskadronen. In
Friedenszeiten haben die Briten nur 3 Eskadronen mit ungefhr je 120 Reitern, die Preuen 4 mit je 150, die Franzosen 5 mit je 180 bis 200, die sterreicher 6 oder 8 mit je 200 und die Russen 6 bis 10 mit je 150 bis 170 Reitern. Bei der Kavallerie ist das Regiment eine Einheit von taktischer Bedeutung, da ein Regiment ber die Mittel verfgt, einen selbstndigen
Angriff zu fhren, bei dem sich die Eskadronen gegenseitig untersttzen;
zu diesem Zweck wird es in gengender Strke formiert, nmlich 500 bis
1600 Mann Reiterei. Nur die Briten haben so schwache Regimenter, da
sie gezwungen sind, 4 oder 5 davon zu 1 Brigade zusammenzufassen;
dagegen sind die sterreichischen und russischen Regimenter in vielen
Fllen ebenso stark wie eine durchschnittliche Brigade. Die Franzosen
haben nominell sehr starke Regimenter, doch traten sie bisher in wesentlich
reduzierter Zahl zum Kampf an, da es ihnen an Pferden mangelte.
Die Artillerie wird in Batterien formiert; die Einteilung dieser Waffengattung in Regimenter oder Brigaden erfolgt nur fr Friedenszwecke, da
in den meisten Fllen die Batterien beim aktiven Einsatz voneinander getrennt und nur so eingesetzt werden. Eine Batterie hat als Minimum
4 Geschtze, die sterreicher haben 8 und die Franzosen und Englnder
6 in jeder Batterie.
Schtzen oder andere Truppen ausgesprochen leichter Infanterie sind
gewhnlich nur in Bataillonen und Kompanien und nicht in Regimentern
organisiert, da sich der Charakter dieser Waffengattung nicht mit ihrer
Zusammenfassung zu groen Einheiten vertrgt. Das gleiche gilt fr Sappeure und Mineure, die brigens nur einen sehr kleinen Teil der Armee
ausmachen. Lediglich die Franzosen machen in diesem Fall eine Ausnahme,
doch zhlen ihre 3 Regimenter Sappeure und Mineure im ganzen nur
6 Bataillone.
In Friedenszeiten wird die Formierung der meisten Armeen im allgemeinen mit dem Regiment als abgeschlossen betrachtet. Die greren
Einheiten, die Brigaden, Divisionen und Armeekorps, werden meistens
erst bei Kriegsausbruch formiert. Nur die Russen und Preuen haben ihre
Armee durchorganisiert und die hheren Kommandos wie zur Kriegszeit
besetzt. In Preuen trgt dies jedoch einen vllig formalen Charakter, solange nicht mindestens ein ganzes Armeekorps mobilisiert wird, was die
Einberufung der Landwehr einer ganzen Provinz voraussetzt, und wenn in
Ruland die Truppenteile tatschlich zu Regimentern formiert sind, so
Krimkrieg 1853-1856
Um die Kommandeure der Armeen, Armeekorps und Divisionen zu befhigen - jeden auf seinem Gebiet
die ihnen einvertrauten Truppen zu
fhren, wird in allen Armeen, mit Ausnahme der britischen, ein besonderes
Offizierskorps formiert, das als Stab bezeichnet wird. Die Funktionen dieser
Offiziere erstrecken sich auf das Erkunden und Skizzieren des Gelndes,
auf dem die Armee vorgeht oder eventuell vorgehen soll, und auf die Mithilfe bei der Ausarbeitung von Operationsplnen sowie ihrer detaillierten
Anordnung, damit keine Zeit verlorengeht, keine Verwirrung entsteht und
die Truppen keinen unntzen Strapazen ausgesetzt werden. Diese Offiziere
nehmen daher sehr wichtige Stellungen ein und sollten eine grndliche,
abgeschlossene militrische Ausbildung mit voller Kenntnis der Fhigkeiten einer jeden Waffengattung auf dem Marsch und in der Schlacht besitzen. Deshalb werden sie in allen Lndern aus dem Kreis der fhigsten
Personen ausgewhlt und in den hchsten Militrschulen sorgfltig ausgebildet. Nur die Englnder glauben, da sich jeder Subalterne oder jeder
Offizier, der aus der Armee schlechthin ausgewhlt wird, fr eine solche
Position eignet, und die Folge davon ist, da ihr Stab mittelmig und die
Armee nur zu den langsamsten und einfachsten Manvern imstande ist,
whrend der Kommandeur, falls er berhaupt verantwortungsbewut handelt, die gesamte Stabsarbeit selbst machen mu. Zu einer Division kann
selten mehr als ein Stabsoffizier gehren; ein Armeekorps hat seinen eigenen
Stab unter der Leitung eines hheren Offiziers oder eines Stabsoffiziers,
und eine Armee hat einen vollstndigen Stab mit mehreren Generalen
unter einem Stabschef, der in dringenden Fllen seine Befehle im Namen
des Armeebefehlshabers erteilt. Dem Stabschef unterstehen in der britischen
Friedrich Engels
Adjutant
Adjutant - ein assistierender Offizier oder aide de camp, der Kommandeuren grerer oder kleinerer Truppenkrper beigegeben ist. In der Regel
hat jeder Kommandeur eines Infanteriebataillons oder eines Kavallerieregiments einen Adjutanten; die Befehlshaber von Brigaden, Divisionen
und Armeekorps und der Oberbefehlshaber haben einen oder mehrere, je
nach der Wichtigkeit der Kommandobehrde. Der Adjutant hat die Befehle seines Chefs bekanntzugeben und fr ihre Ausfhrung zu sorgen, wie
auch die fr seinen Chef bestimmten Meldungen entgegenzunehmen oder
einzuholen. Ihm unterliegt daher in hohem Mae die innere Organisation
seines Truppenkrpers. Er regelt den Dienstablauf zwischen den entsprechenden Abteilungen und gibt die Tagesbefehle aus; gleichzeitig ist
er eine Art Sekretr seines Chefs, fhrt die Korrespondenz mit Auenabteilungen und den vorgesetzten Dienststellen, ordnet die tglichen Meldungen und Berichte zu bersichten und fhrt das Tagebuch und die
Statistiken seines Truppenkrpers. Greren Truppenkrpern ist heute
gewhnlich ein regulrer Stab beigegeben, der sich aus dem Stab der Armee
rekrutiert und einem Chef des Stabes" untersteht. Dieser bernimmt die
hheren Funktionen des Adjutanten und berlt dem Adjutanten lediglich die bermittlung von Befehlen und die Einteilung des routinemigen
inneren Dienstes des Korps. Die Verfahrensweise in solchen Fllen ist indessen in den verschiedenen Armeen so unterschiedlich, da es unmglich
ist, hier auch nur ein allgemeines Bild davon zu geben. So gibt es kaum
zwei Armeen, in denen die Aufgaben des Adjutanten eines ArmeekorpsBefehlshabers vllig bereinstimmen. Neben diesen wirklichen Adjutanten sind gem den Bedrfnissen monarchistischer Institutionen in fast
allen europischen Staaten Scharen von nominellen Generaladjutanten des
Monarchen geschaffen worden, deren Funktionen nur zum Schein bestehen, auer wenn sie bei ihrem Herrn zum Dienst beordert sind; und
selbst dann sind diese Funktionen rein formeller Natur.
Geschrieben zwischen 11. Juli und 10. August 1857.
Aus dem Englischen.
Friedrich Engels
Albuera
Albuera - Dorf und Flchen in der spanischen Provinz Estremadura,
etwa 12 Meilen sdstlich von Badajoz. Im Frhjahr 1811 belagerten die
Briten Badajoz, das damals in der Hand der Franzosen war, und bten auf
die Festung einen sehr starken Druck aus.1451 Beresford deckte bei Albuera
die Belagerung mit etwa 10000 Englndern und Deutschen und 20 000
portugiesischen und spanischen Soldaten. Soult rckte mit dem verfgbaren
Teil der andalusischen Armee vor und griff ihn am 16. Mai an. Der rechte
Flgel der Englnder war auf einer Hgelkuppe postiert, von wo aus sich
eine sattelfrmige Verlngerung entlang des englischen Zentrums und
linken Flgels erstreckte. Nach vorn war die Stellung durch den AlbueraFlu gedeckt. Soult erkannte sogleich, da diese Hgelkuppe der beherrschende Punkt der Stellung und der Schlssel zu ihr war; das Zentrum und
den linken Flgel besetzte er daher nur, whrend er gegen den rechten Flgel
der Englnder einen Angriff en masse vorbereitete. Trotz des Einspruchs
seiner Offiziere hatte Beresford nahezu alle englischen und deutschen Soldaten auf dem linken Flgel des Zentrums postiert, so da die Verteidigung
der Hhe fast ausschlielich spanischen Aufgeboten zufiel. Demgem
wichen die Spanier sehr bald zurck, als Soults Infanterie in dichten Kolonnen konzentrisch die Hhe hinauf vorrckte, und die ganze britische
Stellung war sofort umfat. Nachdem Beresford es mehrmals abgelehnt
hatte, britische oder deutsche Truppen an den rechten Flgel zu entsenden,
befahl in diesem kritischen Augenblick ein ihm untergeordneter Stabsoffizier1 auf eigene Verantwortung das Vorrcken von etwa 7000 englischen
Soldaten. Sie entfalteten sich auf der Rckseite der sattelfrmigen Hhe,
fegten mit ihrem Feuer die ersten franzsischen Bataillone hinweg, und als
sie an der Hhe ankamen, fanden sie sie von einer in Verwirrung geratenen
1
Hardinge
Masse tiefer Kolonnen besetzt, die keinen Platz zur Entfaltung hatten.
Gegen diese rckten sie vor. Das Feuer ihrer entfalteten Linie hatte eine
mrderische Wirkung auf die dichten Massen, und als die Briten schlielich mit aufgepflanztem Bajonett strmten, flohen die Franzosen in Auflsung die Hhe hinab. Dieser verzweifelte Einsatz kostete die Englnder
fast vier Fnftel ihrer Truppen an Toten und Verwundeten; aber die
Schlacht war entschieden, und Soult zog sich zurck, wenngleich die Belagerung von Badajoz einige Tage danach aufgehoben wurde.
Geschrieben zwischen 11. Juli und 10. August 1857.
Aus dem Englischen.
Friedrich Engels
Alma
Alma - ein kleiner Flu auf der Krim, der von den Hhen nahe Bachtschissarai in westlicher Richtung fliet und in die Kalamita-Bucht, zwischen Eupatoria und Sewastopol, mndet. Das sdliche Ufer dieses Flusses,
das in der Mndungsgegend sehr steil ansteigt und das gesamte gegenberliegende Ufer beherrscht, wurde whrend des vergangenen russisch-trkischen Krieges von Frst Menschikow als Verteidigungsstellung ausgewhlt,
in der er den Angriff der alliierten Armeen, die gerade auf der Krim gelandet waren, auffangen wollte.
Die unter seinem Kommando stehenden Krfte umfaten 42 Bataillone,
16 Eskadronen, 1100 Kosaken und 96 Geschtze, insgesamt 35 000 Mann.
Die Alliierten landeten am 14. September 1854 etwas nrdlich der Alma
28 000 Franzosen (4 Divisionen), 28 000 Englnder (5 Infanteriedivisionen
und 1 Kavalleriedivision) und 6000 Trken. Ihre Artillerie war genau so
zahlreich wie die der Russen, und zwar 72 franzsische und 24 englische
Geschtze. Die russische Stellung war scheinbar ziemlich stark, bot aber
in Wirklichkeit viele schwache Punkte. Ihre Front dehnte sich nahezu
5 Meilen aus, viel zu lang fr die geringe Anzahl von Truppen, die Menschikow zur Verfgung stand. Der rechte Flgel war vllig ungedeckt,
whrend der linke (da das Feuer der alliierten Flotten die Kste beherrschte)
die Stellung nicht bis zum Meer ausdehnen konnte und deshalb unter dem
gleichen Mangel litt. Der Plan der Alliierten grndete sich auf diese Tatsachen. Die russische Front sollte durch Scheinangriffe beschftigt werden,
whrend die Franzosen unter der Deckung der 5 Flotteneinheiten den
linken Flgel der Russen umgehen und die Englnder unter dem Schutz
ihrer Kavallerie den rechten Flgel umfassen sollten.
Am 20. fand der Angriff statt. Er sollte bei Morgengrauen durchgefhrt
werden, doch wegen der langsamen Bewegungen der Englnder konnten
es die Franzosen nicht wagen, vor dieser Zeit ber den Flu vorzugehen.
Auf dem uersten rechten Flgel der Franzosen passierte Bosquets Division den Flu, der fast berall seicht war, und erstieg die steilen Anhhen
des Sdufers, ohne auf den geringsten Widerstand zu stoen. Unter groen
Mhen gelang es auch, 12 Geschtze auf das Plateau hinaufzubringen. Links
von Bosquet brachte Canrobert seine Division ber den Flu, und diese begann, sich auf dem Plateau zu entwickeln, whrend Prinz Napoleons Division die Grten, Weinberge und Huser des Dorfes Alma-Tamak von den
russischen Tirailleuren suberte. Allen diesen Angriffen, die mit 29 Bataillonen unternommen wurden, setzte Menschikow in seiner ersten und zweiten
Linie nur 9 Bataillone entgegen, zu deren Untersttzung bald noch weitere
7 eintrafen. Diese 16 Bataillone, untersttzt von 40 Geschtzen und 4 Husareneskadronen, muten den Hauptsto des mit weit berlegenen Krften
gefhrten Angriffs der Franzosen aushalten, die bald von den restlichen
9 Bataillonen der Division Foreys untersttzt wurden. So waren alle Truppen
Saint-Arnauds eingesetzt, mit Ausnahme der Trken, die in Reserve blieben. Das Resultat konnte nicht lange zweifelhaft bleiben. Die Russen gaben
langsam nach und zogen sich, so gut es ging, geordnet zurck.
Inzwischen hatten die Englnder ihren Angriff begonnen. Ungefhr um
4 Uhr hatte das Feuer der Geschtze Bosquets von der Hhe des Plateaus
aus auf dem linken Flgel der russischen Stellung gezeigt, da die Schlacht
im vollen Gange war; etwa eine Stunde spter griff die englische Tirailleurlinie die der Russen an. Die Englnder hatten den Plan aufgegeben, den
rechten Flgel der Russen zu umfassen, da die russische Kavallerie, die
ohne Kosaken doppelt so stark war wie die britische, diesen Flgel so gut
deckte, da sie sogar den englischen linken Flgel bedrohte. Deshalb beschlo Lord Raglan, die vor ihm stehenden Russen frontal anzugreifen.
Er warf sich auf ihr Zentrum mit Browns leichter Division und Evans'
Division in der ersten Linie; die beiden Divisionen des Herzogs von Cambridge und des Generals England bildeten die zweite Linie., whrend die
Reserve (Cathcarts Division), von der Kavallerie untersttzt, hinter dem
linken Flgel folgte. Die erste Linie entwickelte sich, griff zwei Drfer vor
ihrer Front an und berschritt die Alma, nachdem sie die Russen vertrieben
hatte. Hier gehen die Berichte auseinander. Die Englnder behaupten entschieden, da ihre leichte Division die Brustwehr erreicht htte, hinter der
die Russen ihre schwere Artillerie aufgestellt hatten, wren aber dann
zurckgeschlagen worden. Die Russen erklren, da die leichte Division
niemals richtig ber den Flu gekommen wre, geschweige denn den
Steilhang hinauf, auf dem diese Brustwehr errichtet worden war. Auf jeden
Fall folgte die zweite Linie dicht hinter der ersten, entwickelte sich, mute
Friedrich Engels
Arkebuse
Arkebuse (aus dem franzsischen arquebuse, manchmal flschlich harquebuse" geschrieben, und im Englischen, besonders an der schottischen
Grenze, zu hagbut" oder hackbut" verflscht) - die frheste Form der
Muskete, die wirklich im Felde fr militrische Zwecke nutzbar wurde.
Schon 1485, in der Schlacht bei Bosworth[46!, kam sie unter der Bezeichnung Handbchse in Gebrauch, was nichts anderes war als ein kurzer
Eisenzylinder, der an einem Ende wie bei einem Hinterlader verschlossen
und mit einem Zndloch versehen war; er wurde am Ende eines starken
Holzschaftes befestigt, der dem Griff eines Speers oder einer Hellebarde
glich. Diese Handbchse oder Miniaturkanone wurde mit Hackblei oder
kleinen Kugeln sowie grobkrnigem Schiepulver geladen und mit Hilfe
einer Lunte, die an das Zndloch gefhrt wurde, abgefeuert. Dabei ruhte
die Waffe auf der Schulter des Mannes im ersten Glied - eines Pikeniers
oder Hellebardiers - und wurde vom Soldaten des zweiten Gliedes mit
Hilfe des Handgriffs gerichtet und abgefeuert, natrlich aber ohne zu zielen.
Sogar noch frher, in der Schlacht von Azincourt1311, waren die Briten
nach Halls Chronik mit feurigen Handbchsen" bewaffnet. Diese altertmlichen Feuerwaffen waren indessen so unbeholfen und langsam im Gebrauch, da sie trotz ihres gewaltigen Knalls und ungewohnten Aussehens
wenig oder gar keine Wirkung hervorriefen. Obwohl in den ersten Jahren
der Herrschaft Heinrichs VIII. das Feuer der spanischen Arkebusiere den
Sieg in der Schlacht bei Pavia[35] errang, behauptete sich der Langbogen
noch immer als die berlegene Waffe vermge seiner Treffsicherheit, seiner
Reichweite und Durchschlagskraft; und sogar noch unter der Regierung
von Elisabeth spricht man vom Langbogen als der Knigin der Waffen",
obwohl sie Musketiere in ihrer Armee hatte und Heinrich IV. von Frank-
reich mit einer Truppe von berittenen Arkebusieren untersttzte, die von
Oberst James, einem Vorfahren des bekannten Romanschriftstellers1, befehligt wurde. Unter ihrer Regierung wurde diese Waffe wesentlich verbessert, obwohl sie noch immer so lang und unhandlich war, da sie nur
von einem gegabelten Auflagegestell aus abgefeuert werden konnte, das vor
dem Schtzen in die Erde gestoen wurde; dieses unerlliche Instrument
war manchmal mit einer Pike oder einem Hellebardenkopf versehen, so
da es, schrg in die Erde gestemmt, auch als Palisade dienen konnte. Die
Lufe dieser alten Stcke sind uerst lang, aus sehr dickem Metall, gewhnlich mit kleiner Bohrung und manchmal schon gezogen, wie im Falle
des Stckes, das noch im Hamilton-Palast in Schottland aufbewahrt wird
und mit dem Hamilton of Bothwellhaugh 1570 den Regenten Murray erscho. Sie wurden gezndet mit Hilfe einer Lunten- oder Dochtrolle aus
prpariertem Hanf, die wie bei einem modernen Luntenschlo durch
einen Hammer gezogen war; dabei schlug der Hammer, wenn er durch
das Ziehen des Abzugs freigelassen war, die entzndete Lunte in die Pfanne
und brachte das Stck zur Entladung. Zur gegebenen Zeit wich das Luntenschlo dem Radschlo, in dem der Feuerstein ber der Pfanne so angebracht
war, da er feststand und ein Zahnrad mit Hilfe einer Feder gegen seinen
Rand in schnelle Bewegung gesetzt wurde, um einen Funkenregen in das
darunterliegende Pulver zu schicken. Auf das Radschlo folgte das sogenannte Schnappschlo. Das war der erste unfrmige Ansatz zu dem Steinschlo, das durch Joseph Manton zu solcher Vollendung gebracht wurde
und das erst seit wenigen Jahren durch das Zndhtchen endgltig verdrngt worden ist; eine schnellere und unfehlbarere Zndvorrichtung als
diese ist schwer vorstellbar. Das Schnappschlo erlangte Verwendung fr
kostbare Pistolen, Schrotflinten und erlesene Musketons whrend der englischen Brgerkriege'471, doch ihre Seltenheit und ihr hoher Preis verhinderten ihre allgemeine Verwendung auer als Waffen von Edelleuten und Offizieren von Rang, whrend das Luntenschlo noch immer die Waffe der
Mannschaften blieb. Es ist bemerkenswert, da von der Erfindung der verbesserten Arkebuse bis in die jngste Zeit hinein hinsichtlich der bloen
Ausfhrung des Laufs und des genauen Fluges der Kugel weit weniger
Fortschritte erzielt worden sind als man sich vorgestellt htte. Die Schwierigkeit des richtigen Zielens scheint allein aus der mangelhaften Methode
des Feuerns, der Schwerflligkeit des Stckes und der uerst langsamen
Zndung entstanden zu sein, denn es zeigt sich, da viele Arkebusenlufe,
1
besonders die aus spanischer Produktion, mit groer Genauigkeit und sogar
ungewhnlicher Durchschlagskraft auf weite Entfernungen schssen, nachdem sie entsprechend dem Perkussionsprinzip umgearbeitet, neu geschattet
und richtig ausbalanciert worden waren.
Geschrieben zwischen 11. Juli und 10. August 1857.
Aus dem Englischen.
Friedrich Engels
Airey1431
Airey, Sir Richard, Ritter des Bath-Ordens, Generalmajor und zur Zeit
Generalquartiermeister der britischen Armee, trat 1821 als Fhnrich in den
Heeresdienst ein, wurde 1825 zum Hauptmann, 1851 zum Oberstleutnant
ernannt und bernahm als solcher 1854 das Kommando ber eine Brigade
in der Armee im Osten. Im September 1854, kurz bevor die Krim-Expedition von Varna aus in See ging, wurde er zum Generalquartiermeister der
Expeditionstruppen ernannt und gehrt als solcher zu den 6 bis 8 Offizieren,
die beschuldigt worden sind, unter dem Kommando Lord Raglans die englische Armee durch Routine, vorgebliche Pflichterfllung und Mangel an
gesundem Menschenverstand und Energie vernichtet zu haben. Airey war
die Aufgabe zugefallen, den Verteilungsmodus festzulegen, nach dem die
verschiedenen Artikel der Feldausrstung, Zelte, Mntel, Decken und
Stiefel an die verschiedenen Regimenter ausgegeben werden sollten. Nacht
seinem eigenen Eingestndnis (vor dem Untersuchungsausschu von
Chelsea)
gab es seit der ersten Woche im Dezember 1854 nicht einen einzigen Tag, an dem In
Balaklawa nicht ein betrchtlicher Vorrat an warmer Kleidung vorhanden war, und zu
eben derselben Zeit litten Regimenter an der Front in den Schtzengrben bitteren
Mangel an eben diesen Artikeln, die 7 bis 8 Meilen entfernt fr sie bereit lagen".
Dies, sagte er, wre nicht seine Schuld, denn es htte niemals die geringste Schwierigkeit gegeben, seine Unterschrift zur Genehmigung des Empfangs solcher Artikel zu bekommen. Im Gegenteil, er hlt sich zugute, den
routinemigen Ablauf der Genehmigung, Reduzierung oder Ablehnung
von Anforderungen, die durch die Divisions- oder Regimentsoffiziere an
ihn gerichtet wurden, so weit wie mglich abgekrzt und vereinfacht zu
haben.
Geschrieben zwischen 11. Juli und 10. August 1857.
Aus dem Englischen.
Friedrich Engels
Aspem
Aspern und Eling - eine Stadt und ein Dorf am nrdlichen Ufer der
Donau, erstere ungefhr eine halbe, letzteres ungefhr 2 League unterhalb
Wiens auf den weiten Auen des Marchfeldes gelegen, das sich vom Strom
bis zu den bewaldeten Hhen des Bisamberges hinzieht, sind berhmt durch
die zweitgige mrderische Schlacht zwischen den Franzosen und den
sterreichern am 21. und 22. Mai 1809 und die erste Niederlage des Kaisers Napoleon, der hier von Erzherzog Karl geschlagen und zum Rckzug gezwungen wurde.
Zu Beginn des Feldzuges hatte Napoleon mit der Groen Armee'491
seinen Weg durch Tirol genommen, die Flsse Inn und Isar aufwrts, hatte
den Erzherzog Karl bei Eggmhl besiegt und ihn bei Regensburg, das er
im Sturm nahm, ber die Donau in die Berge Bhmens getrieben; damit
hatte er sich zwischen die sterreichische Armee und die Hauptstadt geschoben'501; war dann, nachdem er Davout mit 40 000 Mann detachiert
hatte, um den sterreichischen General hinzuhalten, donauabwrts gezogen
und hatte sich zum Herrn von Wien gemacht; whrenddessen rckten
Napoleons Generale Eugene Beauharnais und Macdonald von der italienischen Seite her siegreich durch Dalmatien, Krain und das Murtal aufwrts - in dem Jellachich schwer geschlagen wurde - vor, um sich mit ihrem
Oberkommandierenden zu vereinigen. Inzwischen bezog Erzherzog Karl,
der sich seit seiner Niederlage bei Eggmhl langsam auf dem nrdlichen
Ufer der Donau stromabwrts bewegt hatte - in der Hoffnung, eine gnstige
Gelegenheit zu einem aussichtsreichen Kampf zu finden und das Kaiserreich. unmittelbar vor den Toren der Hauptstadt zu retten - , mit seiner
Armee auf dem Bisamberg Stellung, gegenber der Insel Lobau und einem
anderen kleinen Inselchen, die hier die Donau in vier Arme teilen.
Der Erzherzog stand an der Spitze von 100 000 Mann und wartete
stndlich darauf, sich mit den 40 000 Mann seines Bruders, des Erzherzogs
Johann, zu vereinigen, die sich auf 60 000 Mann erhht htten, wenn sich
dieser, wie ihm ausdrcklich befohlen, mit Kolowrat bei Linz vereinigt
und damit eine beherrschende Stellung im Rcken und an der Hauptverbindungslinie Napoleons bezogen htte.
Napoleon hatte unter seinem eigenen Oberbefehl 80 000 vortreffliche,
einsatzbereite Soldaten konzentriert, darunter die kaiserliche Garde und die
Reservekavallerie von Besseres, und beabsichtigte, ber die Donau zu setzen
und dem Erzherzog [Karl] eine Schlacht zu liefern, in der Hoffnung, ihn vor
dem Eintreffen seiner Verstrkungen zu vernichten. Zu diesem Zweck
schlug er eine sehr stabile Brcke, getragen von 68 groen Booten und
9 riesigen Flen, vom rechten Ufer zur Insel Lobau und eine leichtere
Brcke aus Pontons von der Insel Lobau zum Marchfeld, halbwegs zwischen den Ortschaften Aspern und Eling; und am Morgen des 21. Juni
begann er mit uerster Schnelligkeit und Sorgfalt seine Truppen berzusetzen. Der sterreichische Befehlshaber beobachtete von seiner Stellung
auf dem Berg aus dieses unbesonnene Manver, durch das der Kaiser sein
riesiges Heer ber einen breiten und reienden Strom mit Hilfe einer einzigen Brcke brachte, die nur ein langsames und allmhliches Defilieren der
Soldaten aller Waffengattungen ber ihren langen und schmalen Ubergang
gestatten konnte - schwierig fr die Kavallerie, noch schwieriger fr die
Artillerie - und die, falls man ihn zum Rckzug zwang, kaum eine Mglichkeit bot, die Armee in Sicherheit zu bringen. Als Erzherzog Karl dies
wahrnahm, entschlo er sich, unverzglich die Gelegenheit zu nutzen, das
halbe franzsische Heer auf dem nrdlichen Ufer zu vernichten, solange der
andere Teil der Armee noch die Brcke passierte oder sich am Sdufer befand. Er befahl Kolowrat, Nordmann und den anderen kommandierenden
Offizieren, die stromaufwrts standen, Boote mit schwerem Material und
Brennstoffen bereitzuhalten, um zu gegebener Zeit die Brcken zu zerstren, und hielt dabei seine groe Armee auer Sicht; seiner Kavallerie
und den Vorposten erteilte er den Befehl, nur zum Schein Widerstand zu
leisten und dann vor den vorrckenden Franzosen, die von Mass6na befehligt wurden, zurckzuweichen. Um 12 Uhr, als mehr als 40 000 Franzosen sich bereits auf dem nrdlichen Ufer befanden, war das Manver des
Gegners gengend weit fortgeschritten, so da Erzherzog Karl die Initiative
ergreifen konnte.
Zu diesem Zeitpunkt warf er sich mit 80 000 Mann, darunter 14 000
Mann ausgezeichnete Kavallerie, und 288 Geschtzen von den bewaldeten
Hhen des Bisamberges auf den Feind, wobei er die beiden Ortschaften
Aspern und Eling in Napoleons Flanken zu den Hauptpunkten seines
FRANZSISCHE ARMEE
C
3 Standort
Bewegung
Kavallerie
X
Pontonbrcken
STERREICHISCHE ARMEE
Bewegung
llllllllllllll Infanterie
Kavallerie
ri>Artillerie
Angriffs machte; der zentrale Raum zwischen diesen beiden starken, meist
aus Steingebuden bestehenden und von Gartenmauern und vielen Einfriedungen umgebenen Orten wurde von gewaltigen sterreichischen Batterien besetzt, die hauptschlich von Kavallerie und im Rcken von Hohenzollerns Infanteriereserve gedeckt wurden. Der Kampf whrend der beiden
Flankenangriffe war furchtbar, die Wucht der Angriffe und die Hartnckigkeit der Verteidigung fast beispiellos in der Kriegsgeschichte. Beide Ortschaften wechselten mehrere Male den Besitzer und die sterreichische
Artillerie wtete so furchtbar in den franzsischen Linien, da Napoleon
eine groe Kavallerieattacke befahl, um nach Mglichkeit die Batterien zu
erobern. Die ausgezeichneten franzsischen Gardekrassiere griffen mit
ihrer blichen ungestmen Tapferkeit an, schlugen die sterreichische
Reiterei in die Flucht und htten die Geschtze erobert; doch diese wurden
schnell zurckgezogen, und die Infanterie bildete Karrees, die, wie spter
bei Waterloo'511, allen Versuchen widerstanden, ihre feste Formation zu
durchbrechen, schlielich die Reiterei abwehrten und sie zwangen, sich
aufgelst und dezimiert zu ihren eigenen Linien zurckzuziehen. Inzwischen wurde Aspern von den sterreichern eingenommen; ihr Zentrum
gewann langsam, aber unaufhaltsam an Boden, trotz des Heldenmuts der
Krassiere, die immer wieder mit stndig verringerter Anzahl angriffen und
allein die franzsischen Linien vor einem feindlichen Durchbruch bewahrten.
Die Nacht brachte eine kurze Unterbrechung des Kampfes; aber die
Franzosen hatten in einer entscheidenden Schlacht eine klare Niederlage
erlitten; ihre linke Flanke war umgangen, ihr Zentrum fast bis zu den
Brcken zurckgedrngt worden; und obwohl Eling auf ihrem rechten
Flgel durch die Tapferkeit von Lannes gehalten worden war, war es von
den sterreichern eingeschlossen, die auf ihren Waffen zwischen den toten
Franzosen schliefen und nur auf den Tagesanbruch warteten, um erneut
anzugreifen.
Whrend der ganzen Nacht jedoch zogen frische Truppen ber die
Brcken und strmten auf das Marchfeld, und bei Tagesanbruch hatte
Napoleon nach all den Verlusten des Vortages volle 70 000 Mann auf dem
Schlachtfeld, whrend Davout an der Spitze von weiteren 30 000 Mann
berzusetzen begann. Die Schlacht begann mit erneuten Angriffen auf die
beiden umstrittenen Ortschaften; Eling wurde von den sterreichern eingenommen und Aspern von den Franzosen zurckerobert. Beide Orte
waren Schauplatz verzweifelter, den ganzen Tag andauernder Kmpfe, und
beide wechselten mehrere Male im Nahkampf den Besitzer, blieben jedoch
zuletzt in den Hnden der sterreicher, die gegen Abend ihre Artillerie
ber beide Ortschaften hinaus vorschoben und ihr Kreuzfeuer wirksam in
den Rcken der Franzosen verlegten. Aber whrend dieser blutigen Kmpfe
hatte Napoleon, der dank groer Verstrkungen der Notwendigkeit enthoben war, aus der Defensive heraus zu handeln, zu seinem Lieblingsmanver Zuflucht genommen, einem berwltigenden Angriff auf das
Zentrum. An der Spitze einer riesigen Kolonne von ber 20 000 Mann
Infanterie, der 200 Geschtze vorausgingen und gewaltige Kavalleriekrfte
folgten, lie er Lannes und Oudinot das sterreichische Zentrum direkt
angreifen, wo die Linien am schwchsten schienen, zwischen dem linken
Flgel von Hohenzollern und dem rechten von Rosenberg. Zuerst schien
dieser wuchtige Angriff vllig gelungen zu sein; die sterreichischen Linien
wurden durchbrochen und eine gewaltige Lcke zwischen Hohenzollern
und Rosenberg gerissen, in die die Kavallerie mit erschreckendem Ungestm eindrang und sich glatt bis zu den weit hinten stehenden Reserven
des Frsten von Reu durchschlug. Schon pflanzte sich der Ruf fort, da
die Schlacht verloren sei; aber Erzherzog Karl war der schwierigen Lage
gewachsen; die Grenadiere der Reserve wurden im Eiltempo herangebracht
und schachbrettfrmig in Karrees aufgestellt; die zahlreichen Dragoner
des Frsten von Liechtenstein schlssen im Galopp auf, und mit der Fahne
des Zachschen Regiments in der Hand, nahm der tapfere Frst den Kampf
wieder auf.
Die riesige Kolonne unter Lannes konnte nicht weiter vordringen, sondern wurde zum Stehen gebracht und begann mit den Karrees ein Feuergefecht; unfhig, sich zu entfalten, wurde sie von dem konzentrierten Feuer
der Batterien aus halber Musketenschuweite zusammengeschossen. Vergeblich strmte die Kavallerie gegen die Bajonette der Karrees an, doch
keines wankte oder wurde durchbrochen, bis schlielich die sterreichischen
Dragoner der Reserve mit lautem Geschrei hervorbrachen und ihrerseits die
franzsischen Krassiere angriffen, sie auseinandersprengten, in Unordnung zu ihrer Infanterie zurcktrieben und das Durcheineinder vollstndig
machten. Unmittelbar nach diesem Rckschlag durchbrach Hohenzollern
mit 6 ungarischen Grenadierregimentern auf der rechten Seite des Zentrums die franzsischen Linien und trieb alles bis hinter Eling vor sich
her, das zusammen mit Aspern endgltig von den sterreichern erobert
wurde. Whrend das sterreichische Zentrum jetzt die im vollen Rckzug
zur Insel Lobau begriffene franzsische Armee trotz deren beispiellosen
Anstrengungen vor sich hertrieb, nahmen die sterreichischen Batterien
von diesen Ortschaften aus die Brcken unter ein vernichtendes Kreuz-
feuer, wobei jeder Schu auf die zusammengeballten Massen von Menschen
und Pferden verheerend wirkte.
Um die gefahrvolle Lage der Franzosen noch zu verschlimmern, wurde
inzwischen die Brcke, die die Insel Lobau mit dem sdlichen Ufer verband,
von den sterreichischen Brandern und Flen zerstrt und den Franzosen
jedes Entkommen von der Insel fr den Augenblick unmglich gemacht.
Indessen hielt die beispiellose Standhaftigkeit der franzsischen Nachhut
die sterreicher in Schach, bis gegen Mitternacht, nachdem sich der letzte
der Feinde vom Schlachtfeld auf die Insel zurckgezogen hatte, der Donner
der sterreichischen Batterien schwieg und die erschpften Artilleristen,
vllig entkrftet von den Anstrengungen dieses beispiellosen und ruhmreichen Tages, neben ihren Geschtzen einschliefen.
7000 Franzosen wurden von den Siegern auf dem Schlachtfeld begraben;
29 793 wurden als Verwundete oder Gefangene nach Wien gebracht. Lannes und Saint-Hilaire waren tdlich verwundet und starben einige Tage
spter. Auf Seiten der sterreicher waren 87 hhere Offiziere und 4200 Soldaten gefallen, auerdem 16 300 verwundet. Aber der direkt vor den Toren
und fast in Sichtweite der Hauptstadt errungene Sieg war vollstndig; der
Feind, gebrochen, besiegt und entmutigt, war auf der kleinen Insel Lobau
zusammengedrngt, und wre Erzherzog Johann, dem ihm erteilten Befehl
entsprechend, am Morgen nach der Niederlage von Aspern mit 60 000 Mann
frischer Truppen im Rcken der Franzosen aufmarschiert, so wre das Ergebnis unschwer abzusehen gewesen.
Aber Napoleons Stunde war noch nicht gekommen, und die Vlker
muten noch vier weitere Jahre leiden, ehe der endgltige Sturz des kriegerischen Kolosses auf den Schlachtfeldern von Leipzig1521 und Waterloo
ihnen ihre verlorene Freiheit wiedergeben sollte.
Geschrieben zwischen 14. Juli und 10. August 1857.
Aus dem Englischen.
Friedrich Engels
Angriff
Angriff bedeutet im allgemeinen strategischen Sinne das Ergreifen der
Initiative in einem Scharmtzel, einem Gefecht, einem Treffen oder in
einer regelrechten Schlacht. Dabei mu notwendigerweise immer eine Seite
mit offensiven, die andere mit defensiven Operationen beginnen. Der Angriff gilt allgemein als die erfolgreichere Operation, und darum leiten
Armeen, die in der Defensive handeln, d.h. in Kriegen streng defensiven
Charakters, oft offensive Operationen ein und liefern selbst in defensiven
Kampagnen offensive Aktionen. In einem solchen Fall soll erreicht werden,
da die sich verteidigende Armee durch Wechsel von Ort und Schauplatz
der Kampfhandlung die Berechnungen des Gegners strt, ihn von seiner
Operationsbasis wegzieht und ihn zwingt, zu andern Zeiten und an andern
Orten zu kmpfen, als er erwartet und in seinen Vorbereitungen bercksichtigt hatte und die mglicherweise fr ihn ungnstig sein knnen.
Die zwei bemerkenswertesten Beispiele von Offensivoperationen und
direkten Angriffen in streng defensiven Kampagnen finden sich bei den
beiden groartigen Feldzgen Napoleons: in dem von 1814, der seine Verbannung nach Elba zur Folge hatte, und in dem von 1815, der mit der
Niederlage bei Waterloo1511 und der bergabe von Paris beendet wurde.
In beiden dieser auergewhnlichen Kampagnen griff der streng im Sinne
der Defensive eines angegriffenen Landes handelnde Heerfhrer seine
Gegner von allen Seiten und bei jeder Gelegenheit an; und obwohl er den
Eindringlingen in der Regel zahlenmig weit unterlegen war, verstand er
es zu jeder Zeit, dem Feind im Angriff berlegen und im allgemeinen auch
siegreich zu sein. Der unglckliche Ausgang dieser beiden Kampagnen
schmlert weder ihre Konzeption noch ihre Details. Sie wurden beide verloren aus Grnden, die vllig unabhngig von ihrem Plan oder dessen Ausfhrung waren; es waren Ursachen politischer und strategischer Natur, in
der Hauptsache die gewaltige materielle berlegenheit der Verbndeten
und die Unmglichkeit, da eine Nation - von einem Vierteljahrhundert Krieg erschpft - dem Angriff einer Welt in Waffen widerstehen
kann.
Es wird behauptet, da von zwei sich auf dem Schlachtfeld gegenberstehenden Armeen jene Armee die entscheidende berlegenheit hat, die
die Initiative ergreift oder, mit andern Worten, angreift. Es scheint aber,
da diejenigen, die diese Anschauung vertreten, durch die Glanzleistung
einiger groer Generale und ein oder zwei groer militrischer Nationen
geblendet wurden, die ihre Erfolge Angriffen grten Ausmaes verdanken.
Diese Meinung bedarf einer betrchtlichen Einschrnkung. Epaminondas,
Alexander, Hannibal, Csar, und nicht zu vergessen, Napoleon I. waren ausgesprochen Generale, die den Angriff bevorzugten; sie errangen alle ihre
groen Siege sowie ihre groen Rckschlge vornehmlich in Aktionen, bei
denen sie die Initiative ergriffen hatten. Die. Franzosen verdanken alles
dem Ungestm ihres beinahe unwiderstehlichen Angriffs und ihrer
schnellen Auffassungsgabe, die sie befhigt, ihre Erfolge zu nutzen und das
Migeschick ihrer Feinde in einen vollstndigen Zusammenbruch umzuwandeln. In der Verteidigung sind sie keineswegs so gut.
Die Geschichte der grten Schlachten der Welt scheint zu beweisen,
da die defensive Aktion die sicherste ist, wenn die angegriffene Armee gengend Ausdauer besitzt, um hartnckig Widerstand zu leisten, bis das
Feuer der Angreifer nachlt, bis sich Erschpfung und die Reaktion beim
Angreifer einstellen und sie dann ihrerseits zur Offensive und zum Angriff
bergehen kann. Es gibt aber nur wenige Armeen oder berhaupt selten
Vlker mit der Fhigkeit, solche Schlachten zu schlagen. Sogar die Rmer,
obwohl groartig in der Verteidigung befestigter Stdte und erstaunlich
gut bei offensiven Operationen im Felde, erwarben sich in der Defensive
keinen Ruhm; ihre Geschichte weist keine einzige Schlacht auf, in der sie
am Ende eines Tages voller Rckschlge und Verteidigungskmpfe schlielich zum Angriff bergingen und gewannen. Dies gilt auch im allgemeinen
fr die franzsischen Armeen und Heerfhrer. Dagegen schlugen die Griechen viele ihrer besten Schlachten, wie die von Marathon, den Thermopylen, Plat161 und viele andere, aber besonders die letzterwhnte, nach
dem Plan, dem Angriff des Gegners so lange standzuhalten, bis er nachlt,
und dann ihrerseits gegen die halberschpften und berraschten Angreifer
zur Offensive berzugehen. Das gleiche System war jahrhundertelang von
den Englndern und im greren Mastabe auch von den Schweizern und
Deutschen angewandt worden. Es hatte sich im allgemeinen bei den Armeen
dieser Vlker und spter auch bei den Amerikanern gut bewhrt. Die
der zu sagen pflegte, da er bei seinen besten Siegen nur die Schlachten
des Epaminondas noch einmal schlug".
Eis ist bemerkenswert, da die Griechen, im allgemeinen auch die Franzosen ebenso wie die Russen und die sterreicher, ihre besten Schlachten
durch Kolonnenangriffe gewonnen haben, die, wenn sie nicht wirksam aufgehalten und zum Stehen gebracht wurden, das Zentrum des Gegners durchbrachen und alles vor sich hertrieben. Die Rmer, die Englnder und die
Amerikaner haben fast unvernderlich, ob beim Angriff oder bei der Verteidigung, in Linie gekmpft und kmpfen auch heute noch so; in dieser
Formation gelang es ihnen immer, mit ihrem Zentrum den anstrmenden
Kolonnen Widerstand zu leisten und sie in Schach zu halten, bis sie durch
den Vormarsch ihrer Flgel die Flanken ihres Feindes umfassen und ihn
zermalmen konnten. Es ist bemerkenswert, da die Englnder immer dann
eine Katastrophe erlebten, wenn sie von ihrer 2 Mann tiefen Linie als ihrer
quasi-nationalen Angriffsordnung abwichen und wie bei Fontenoy und
Chippewa[54] in Kolonnen strmten. Beinahe unwiderstehlich drngt sich
die Schlufolgerung auf, da der zentrale Angriff durch die Kolonne gegen
feste und standhafte Truppen uerst fehlerhaft ist, obwohl sein Erfolg
gegen einen Feind von geringer physischer Strke und Disziplin und besonders mit einem demoralisierten Kampfgeist gesichert ist.
Wird eine anzugreifende Redoute oder Feldbefestigung nur durch Infanterie verteidigt, dann knnen die Angreifer sofort zum Sturm vorgehen;
wird sie jedoch auch durch Kanonen verteidigt, dann mssen zunchst die
Kanonen durch Kanonen zum Schweigen gebracht werden. Die Kanonade
wird durchgefhrt, um die Palisaden zu zerstren, die Geschtze zum
Schweigen zu bringen, die Brustwehr umzupflgen und dadurch ein Zurckziehen der verteidigungsbereiten Geschtze ins Innere zu erzwingen. Nachdem die-angreifende Artillerie auf diese Weise ihre Wirkung erzielt hat,
umfat die leichte Infanterie, in erster Linie Schtzen, einen Teil des Verteidigungswerkes, wobei sie ihr Feuer auf den Kamm der Brustwehr richtet, um die Verteidiger zu zwingen, entweder sich berhaupt nicht zu zeigen
oder wenigstens bereilt zu feuern. Die Schtzen nhern sich allmhlich
und konzentrieren sich auf ihr Ziel. Es werden Angriffskolonnen gebildet,
denen mit xten und Leitern ausgerstete Soldaten vorausgehen. Manchmal haben die Soldaten der ersfen Reihe auch Faschinen, die als Deckung
und auch zum Fllen des Grabens dienen sollen. Die Geschtze des Verteidigungswerkes werden nun wieder vorgebracht und auf die anstrmenden Kolonnen gerichtet. Die angreifenden Schtzen verstrken ihr Feuer,
wobei sie besonders auf die Artilleristen der Verteidigung zielen, die mg-
licherweise versuchen, ihre Geschtze neu zu laden. Wenn es den Strmenden gelingt, den Graben zu erreichen, ist es entscheidend, da sie beim
Ansturm gemeinsam handeln und gleichzeitig von allen Seiten ins Verteidigungswerk eindringen. Sie verweilen daher einen Augenblick auf dem
Rand und warten auf das vereinbarte Signal; beim Erklettern der Brustwehr werden sie von Haubitzengranaten, rollenden Steinen und Baumstmmen getroffen und oben von den Verteidigern mit dem Bajonett oder
dem Gewehrkolben empfangen. Der Positionsvorteil liegt noch immer bei
den Verteidigern, aber der Angriffsgeist gibt den Strmenden groe moralische berlegenheit, und wenn das Verteidigungswerk nicht durch andere ""
Werke an seinen Flanken gedeckt ist, so wird es schwer sein - wenn auch
nicht ganz beispiellos - gerade in diesem Augenblick einen khnen Ansturm
abzuwehren.
Zeitweilige Verteidigungswerke knnen durch berrumpelung oder
offenen Vorsto angegriffen werden, und in beiden Fllen ist es oberste
Pflicht des Kommandeurs, durch Spione oder Aufklrung die bestmglichsten Informationen ber den Charakter des VerteidigungsWerkes, seine Besatzung, Verteidigungsmittel und Ressourcen zu erhalten.
Die Infanterie wird oft nur auf sich selbst gestellt in den Angriff geworfen, wobei sie sich dann auf ihre eigene reiche Erfindungsgabe verlassen
mu, wie z.B. Verhaue mit brennenden Scheiten anznden, kleine Grben
mit Heubndeln fllen, unter Schutz einer feuernden Gruppe die Palisaden
auf Leitern hinaufklettern, verbarrikadierte Tren oder Fenster mit einem
Sack Pulver sprengen, und durch solche entschiedene und khne Manahmen wird sie zumeist imstande sein, jedes gewhnliche Hindernis zu
berwinden.
Geschrieben zwischen 14. Juli und 10. August 1857.
Aus dem Englischen.
Friedrich Engels
Afghanistan
Afghanistan - ein weitrumiges Land in Asien, nordwestlich von Indien.
Es liegt zwischen Persien und Indien und, der anderen Richtung nach,
zwischen dem Hindukusch und dem Indischen Ozean. Frher umfate
es die persischen Provinzen Khorassan und Kohistan, dazu Herat, Belutschistan, Kaschmir und Sind sowie einen betrchtlichen Teil des Pandschab.
In seinen gegenwrtigen Grenzen leben wahrscheinlich nicht mehr als
4000 000 Einwohner. Die Oberflchengestaltung Afghanistans ist sehr
unregelmig; hohe Tafellnder, weit ausgedehnte Gebirgszge, tiefe Tler
und Schluchten. Wie alle gebirgigen Tropenlnder bietet es eine groe
klimatische Vielfalt. Im Hindukusch sind die hohen Gipfel das ganze Jahr
hindurch schneebedeckt, whrend in den Tlern das Thermometer bis auf
13001 ansteigt. Die Hitze ist in den stlichen Teilen grer als in den westlichen, aber im allgemeinen ist das Klima khler als in Indien, und obwohl
die Temperaturunterschiede zwischen Sommer und Winter und zwischen
Tag und Nacht sehr gro sind, hat das Land im allgemeinen ein gesundes
Klima. Die hufigsten Krankheiten sind Fieber, Katarrhe und Augenentzndungen. Zuweilen treten die Pocken verheerend auf. Der Boden ist von
einer ppigen Fruchtbarkeit. Dattelpalmen gedeihen in den Oasen der
sandigen Einden, Zuckerrohr und Baumwolle in den warmen Tlern, und
europische Obst- und Gemsearten wachsen im berflu an den Bergterrassen bis zu einer Hhe von 6000 bis 7000 Fu. Die Berge sind mit
stattlichen Wldern bedeckt, in denen Bren, Wlfe und Fchse zu Hause
sind, whrend sich Lwe, Leopard und Tiger in Gebieten finden, die ihrer
Lebensweise entsprechen. Auch fehlen nicht die Tiere, die fr den Menschen nutzbar sind. Es gibt eine hervorragende Schafzucht aus der persischen oder fettschwnzigen Rasse. Die Pferde sind von gutem Wuchs und
1
guter Abstammung. Kamel und Esel werden als Lasttiere verwendet, und
Ziegen, Hunde und Katzen gibt es in groer Zahl. Auer dem Hindukusch,
einer Fortsetzung des Himalaja, zieht sich im Sdwesten eine Gebirgskette hin, das sogenannte Salimangebirge; und zwischen Afghanistan und
Balch verluft unter dem Namen Paropamis ein Gebirgszug, ber den
jedoch in Europa wenig bekannt ist. Es gibt wenig Flsse, die bedeutendsten sind der Hilmend und der Kabul. Sie entspringen im Hindukusch,
von wo der Kabul nach Osten fliet und bei Attock in den Indus mndet;
der Hilmend fliet in westlicher Richtung durch das Gebiet von Sedschestan
und mndet in den Zareh-See. Der Hilmend hat wie der Nil die Eigentmlichkeit, jedes Jahr ber seine Ufer zu treten und befruchtet so den Boden,
der auerhalb des Bereichs der berschwemmungen aus Sandwste besteht. Die wichtigsten Stdte Afghanistans sind seine Hauptstadt Kabul,
Ghasni, Peschawar und Kandahar. Kabul ist eine schne Stadt, auf 34 10'
nrdlicher Breite und 60 43' stlicher Lnge am Flu gleichen Namens
gelegen. Die Huser sind aus Holz, reinlich und gerumig, und da die
Stadt von schnen Grten umringt ist, bietet sie einen sehr geflligen Anblick. Sie ist von Drfern umgeben und liegt inmitten einer weiten, von
niedrigen Bergen umschlossenen Ebene. Ihr bedeutendstes Baudenkmal ist
das Grab des Kaisers Baber. Peschawar ist eine groe Stadt mit einer auf
100 000 geschtzten Einwohnerzahl. Ghasni, eine Stadt mit bedeutender
Vergangenheit, einstmals die Hauptstadt des bedeutenden Sultans Machmud, hat seinen alten Glanz eingebt und ist jetzt ein armseliger Ort. In
seiner Nhe befindet sich die Grabsttte Machmuds. Kandahar wurde erst
1754 gegrndet. Es liegt an der Stelle einer lteren Stadt. Einige Jahre war
es die Hauptstadt, 1774 jedoch wurde der Sitz der Regierung nach Kabul
verlegt. Es soll 100 000 Einwohner haben. Nahe der Stadt ist das Grabmal
Schah Achmeds, des Grnders der Stadt, eine so geheiligte Zufluchtssttte,
da nicht einmal der Knig einen Verbrecher herausholen lassen darf, der
in seinen Mauern Schutz gefunden hat.
Die geographische Lage Afghanistans und der eigentmliche Charakter
des Volkes verleihen dem Lande im Zusammenhang mit den Geschicken
Zentralasiens eine politische Bedeutung, die kaum berschtzt werden kann.
Die Regierungsform ist eine Monarchie, aber die Macht des Knigs ber
seine stolzen und ungestmen Untertanen ist autokratisch und sehr unsicher. Das Knigreich ist in Provinzen eingeteilt, die jeweils von einem
Reprsentanten des Herrschers verwaltet werden, der die Abgaben an den
Staat einsammelt und sie in die Hauptstadt schickt.
Die Afghanen sind ein tapferes, zhes und freiheitsliebendes Volk; sie
um den Schah1 dazu zu bewegen, in Indien einzufallen, whrend die britische Regierung in Indien ihren Vertreter2 an den Hof Schah Schudschahs
sandte, um diesen gegen Persien aufzustacheln. In dieser Periode kam
Randschit Singh zu Macht und Ruhm. Er war ein Huptling der Sikhs,
und kraft seiner groen Fhigkeiten machte er sein Land unabhngig von
den Afghanen und errichtete ein Knigreich im Pandschab, wodurch er
sich den Titel eines Maharadschah (oberster Radschah) und den Respekt
der englisch-indischen Regierung erwarb. Dem Usurpator Machmud war
es jedoch nicht lange vergnnt, seinen Triumph zu genieen. Fath-Khan,
sein Wesir, der jeweils zwischen Machmud und Schah Schudschah geschwankt hatte, wie es ihm gerade sein Ehrgeiz oder das augenblickliche
Interesse eingaben, wurde von Kamran, demSohn des Knigs, ergriffen, geblendet und spter grausam gettet. Die mchtige Sippe des getteten
Wesirs schwor, seinen Tod zu rchen. Die Marionette Schah Schudschah
wurde wiederum vorgeschoben und Machmud vertrieben. Da indessen
Schah Schudschah rgernis erregte, wurde er bald darauf abgesetzt und
an seiner Stelle einer seiner Brder gekrnt. Machmud floh nach Herat, das
in seinem Besitz blieb, und nach seinem Tode im Jahre 1829 folgte ihm
sein Sohn Kamran als Herrscher ber dieses Gebiet. Der Stamm der
Bairakschi, der nun die oberste Macht erlangt hatte, teilte das Land unter
sich auf, doch wie dort so blich entzweite er sich und war sich nur einig
gegen einen gemeinsamen Feind. Einer der Brder, Muhammad-Khan,
war im Besitz der Stadt Peschawar, wofr er an Randschit Singh Tribut
zahlte; einem anderen gehrte Ghasni, einem dritten Kandahar, whrend Dost Muhammad, der mchtigste der Familie, in Kabul seine Macht
ausbte.
Zu diesem Frsten wurde 1835 Hauptmann Alexander Burnes als Gesandter geschickt, als Ruland und England in Persien und Zentralasien
gegeneinander intrigierten. Er schlug ein Bndnis vor, das Dost Muhammad
nur zu bereitwillig akzeptierte; aber die englisch-indische Regierung forderte alles von ihm, whrend sie ihm absolut nichts als Gegenleistung bot.
Inzwischen, nmlich 1838, belagerten die Perser mit russischer Hilfe und
Beratung Herat, den Schlssel zu Afghanistan und Indien t60) ; ein persischer
und ein russischer Agent trafen in Kabul ein, und Dost Muhammad wurde
schlielich durch die stndige Ablehnung jeder positiven Verpflichtung
seitens der Briten gezwungen, Angebote der anderen Seite entgegenzunehmen. Burnes reiste ab, und Lord Auckland, der damalige General1
Feth Ali-Schah -
Elphinstone
gouverneur von Indien, entschied sich unter dem Einflu seines Sekretrs
[Link], Dost Muhammad fr das zu strafen, was er ihm selbst
aufgezwungen hatte. Er beschlo, ihn zu entthronen und Schah Schudschah
einzusetzen, der zu jener Zeit Pensionr der indischen Regierung war. Es
wurde ein Vertrag mit Schah Schudschah und den Sikhs abgeschlossen;
der Schah begann eine Armee zu sammeln, die von den Briten bezahlt und
von ihren Offizieren gefhrt wurde, und am Satledsch wurde eine englischindische Streitmacht zusammengezogen. Macnaghten sollte, von Burnes
untersttzt, die Expedition in der Eigenschaft eines Gesandten in Afghanistan begleiten. Inzwischen hatten die Perser die Belagerung von Herat aufgehoben, und damit entfiel der einzige ernsthafte Vorwand zum Einschreiten in Afghanistan; trotzdem marschierte die Armee im Dezember 1838 in
Sind ein und zwang dieses Land zur Unterwerfung und Zahlung eines
Tributs zugunsten der Sikhs und Schah Schudschahs161-1. Am 20. Februar
1839 setzte die britische Armee ber den Indus. Sie bestand aus etwa
12 000 Mann und einem Lagergefolge von ber 40 000, neben den neuen Aufgeboten des Schahs. Im Mrz wurde der Bolan-Pa berschritten; Mangel
an Proviant und Fourage begann sich bemerkbar zu machen, die Kamele
blieben zu Hunderten am Wege liegen, und ein groer Teil der Bagage ging
verloren. Am 7. April nherte sich die Armee dem Khojuk-Pa, berschritt
ihn, ohne Widerstand zu finden, und marschierte am 25. April in Kandahar
ein, das die afghanischen Frsten, Brder von Dost Muhammad, aufgegeben hatten. Nach einer Ruhepause von zwei Monaten rckte Sir John
Keane, der Befehlshaber, mit dem Gros der Armee nach Norden vor und
lie eine Brigade unter Nott in Kandahar zurck. Ghasni, das unbezwingbare Bollwerk Afghanistans, wurde am 22. Juli eingenommen, nachdem ein
berlufer die Nachricht gebracht hatte, da das Tor nach Kabul als einziges nicht zugemauert war; daraufhin wurde es gesprengt und dann die
Festung gestrmt. Nach dieser Katastrophe lste sich die Armee, die Dost
Muhammad zusammengebracht hatte, sofort auf, und am 6. August ffnete
auch Kabul seine Tore. Schah Schudschah wurde mit allen Zeremonien
auf den Thron gesetzt, aber die Zgel der Regierung blieben in Hnden
Macnaghtens, der auch alle Ausgaben Schah Schudschahs aus der indischen
Staatskasse bezahlte.
Die Eroberung Afghanistans schien abgeschlossen zu sein, und ein betrchtlicher Teil der Truppen wurde zurckgeschickt. Aber die Afghan en
gaben sich keineswegs damit zufrieden, von den Feringhi Kafirs (den europischen Unglubigen) beherrscht zu werden, und whrend der Jah re 1840
und 1841 folgte in den einzelnen Teilen des Landes ein Aufstand dem
fernung vom Lager, die noch dazu durch ummauerte Grten und ein
weiteres kleines Fort, das die Englnder nicht besetzt hielten, von ihnen
getrennt waren. Die Zitadelle von Kabul, Bala Hissar, htte feste und ausgezeichnete Winterquartiere fr die ganze Armee geboten, doch um Schah
Schudschah gefllig zu sein, wurde sie nicht besetzt. Am 2. November 1841
brach der Aufstand los. Alexander Burnes' Haus in der Stadt wurde angegriffen und er selbst gettet. Der britische General 1 unternahm nichts,
und da der Aufstand auf keine Gegenwehr stie, gewann er an Strke.
Vllig hilflos, allen mglichen einander widersprechenden Ratschlgen
ausgeliefert, brachte Elphinstone sehr bald alles in eine solche Verwirrung,
wie sie Napoleon mit den drei Worten ordre, contre-ordre, desordre2 bezeichnete. Selbst jetzt wurde Bala Hissar nicht besetzt. Gegen Tausende
Aufstndischer wurden ein paar Kompanien geschickt und natrlich geschlagen. Das ermutigte die Afghanen noch mehr. Am [Link] wurden die Forts nahe dem Lager besetzt. Am 9. November nahmen die Afghanen das Versorgungsfort (das nur eine Besatzung von 80 Mann hatte),
und die Briten waren somit auf Hungerrationen gesetzt. Am 5. sprach
Elphinstone bereits davon, freien Abzug aus dem Lande zu erkaufen. Faktisch hatten seine Unentschlossenheit und Unfhigkeit Mitte November
die Truppen soweit demoralisiert, da weder die Europer noch die Sepoys[62) imstande waren, den Afghanen in offener Feldschlacht zu begegnen.
Dann begannen die Verhandlungen, in deren Verlauf Macnaghten bei einer
Unterredung mit afghanischen Huptlingen ermordet wurde. Schnee begann die Erde zu bedecker, der Proviant war knapp. Schlielich wurde am
1. Januar eine Kapitulation unterzeichnet. Alles Geld, 190 000 Pfd. St.,
mute den Afghanen ausgehndigt und auerdem noch Wechsel ber
weitere 140 000 Pfd. St. akzeptiert werden. Mit Ausnahme von 6 Sechspfndern und 3 Gebirgsgeschtzen mute die gesamte Artillerie und die
Munition zurckgelassen werden. Ganz Afghanistan mute gerumt werden. Die Huptlinge ihrerseits versprachen sicheres Geleit, Proviant und
Zugvieh.
Am 5. Januar marschierten die Briten ab, 4500 Soldaten und ein Lagergefolge von 12 000 Menschen. Ein Tagesmarsch gengte, um die letzten
Reste der Ordnung zu zerstren und Soldaten und Lagergefolge zu einem
einzigen hoffnungslosen Durcheinander zusammenzuwrfeln, wodurch
jeder Widerstand unmglich gemacht wurde. Schnee und Klte und der
Mangel an Proviant hatten eine Wirkung wie bei Napoleons Rckzug aus
1
Friedrich Engels
Verhau
Verhau oder Abattis - im militrisch-strategischen Sinne ein Hindernis
aus gefllten Bumen, hufig gebraucht unter den der Eigenart des Gebirgskrieges entsprechenden schwierigen Bedingungen. Wenn notwendig, werden
die Bume nebeneinander mit den Zweigen nach auen gelegt, um die Angreifer abzuwehren, wobei die Stmme als Brustwehr fr die Verteidiger
dienen. Soll ein Verhau z. B. zur Verteidigung eines Gebirgspasses dienen,
so werden die ste des Baumes entblttert und angespitzt, die Stmme im
Boden eingegraben und die Zweige verflochten, um eine Art chevaux de
frise 1 zu bilden.
Geschrieben um den 10. August 1857.
Aus dem Englischen.
spanischer Reiter
Friedrich Engels
Barbette
Barbette. - Wenn die Geschtze einer Batterie so hoch aufgestellt sind,
da sie ber den Kamm der Brustwehr und nicht wie blich durch Schiescharten feuern, so nennt man das en barbette. Um die Geschtze auf diese
Hhe zu bringen, werden verschiedene Mittel angewandt. In Feldbefestigungen bildet eine Aufschttung hinter der Brustwehr den Stand fr das
Geschtz. In einer permanenten Befestigung hebt die gewhnliche gleitende Lafette oder das drehbare Rahmengestell das Geschtz auf die erforderliche Hhe. Geschtze, en barbette aufgestellt, haben nicht dieselbe
Deckung vor dem Feuer des Gegners wie jene, die durch Schiescharten
feuern. Sie werden daher nur dann so plaziert, wenn in die Brustwehr
keine Schiescharten eingebaut werden knnen, weil diese sie erheblich
schwchen wrde, oder wenn es wnschenswert ist, die Reichweite der
Geschtze mehr nach rechts und links auszudehnen, als es mit Schiescharten mglich wre. Deswegen werden Geschtze en barbette aufgestellt:
in Feldbefestigungen, in den ausspringenden Winkeln des Befestigungswerkes und in Kstenbatterien, die dazu bestimmt sind, ihr Feuer auf
Schiffe zu richten, besonders, wenn die Brustwehr aus Mauerwerk besteht.
Um die Geschtze vor dem Enfilierfeuer zu schtzen, werden, wenn notwendig, Querwlle und Bonnets errichtet.
Geschrieben um den 14. September 1857.
Aus dem Englischen.
Friedrich Engels
Bastion
Bastion. - In alten Festungen waren die Mauern der Stdte durch runde
oder quadratische Trme flankiert, von denen aus die Bogenschtzen und
Kriegsmaschinen ihre Geschosse auf den strmenden Feind lenken konnten,
nachdem er vor dem Graben zum Stehen gebracht worden war. Bei der
Einfhrung der Artillerie in Europa wurden diese Trme betrchtlich
vergrert, und Anfang des 16. Jahrhunderts schlielich bauten die italienischen Ingenieure sie vieleckig,> statt rund oder quadratisch, und entwickelten so die Bastion. Sie ist ein unregelmiges Fnfeck, dessen eine
Seite so dem Innern der Festung zugewandt ist, da der gegenberliegende
ausspringende Winkel auf das offene Feld gerichtet ist. Die zwei lngeren,
den ausspringenden Winkel bildenden Seiten werden Facen, die zwei krzeren, die die Facen mit der Stadtmauer oder dem Festungswall verbinden,
Flanken genannt. Die Facen sind dazu bestimmt, das Geschtzfeuer aus
groer Entfernung zu erwidern, whrend das Feuer aus den Flanken den
Graben schtzen soll. Die ersten italienischen Bastionen zeigten noch
Spuren ihrer Herkunft von den alten Trmen. Sie schlssen eng an die
Hauptwlle an; der ausspringende Winkel war sehr stumpf, die Facen kurz
und die Brustwehr mit Mauerwerk bis ganz nach oben verkleidet. In solchen
kleinen Bastionen war die Hauptaufgabe der Flanken die Verteidigung des
Grabens vor der Kurtine, die zwei Bastionen verband. Deshalb legte man
die Flanken rechtwinklig zur Kurtine an. Diese Bastionen waren entweder
auf die Winkel des Vielecks, das den ganzen Enceinte des Festimgswerkes
bildete, verteilt, oder es wurde, wenn eine Seite des Vielecks so lang war,
da sich ein Teil nicht innerhalb des wirksamen Gewehrfeuers der beiden
vorragenden Flanken befand, eine Zwischenbastion, genannt biatta forma,
in ihrer Mitte angelegt. Mit der sich vervollkommnenden Belagerungsartillerie des 17. Jahrhunderts wurden grere Bastionen notwendig, und
die Kurtine verlor sehr bald ihre Bedeutung, da die Bastionen jetzt die
Hauptangriffsobjekte waren. Die Funktion der Flanken wurde ebenfalls verndert: sie hatten jetzt hauptschlich den Graben vor der Face der gegenberliegenden Bastion zu bestreichen, und statt senkrecht zur Kurtine
wurden sie senkrecht zur Verlngerung dieser Face angelegt, die Defenselinie genannt wurde. Die Hhe der Mauerwerkverkleidung wurde so weit
verringert, da das Glacis oder die Brustwehr der niederen Auenwerke
sie vor direktem Beschu schtzten. So machten die Bastionen bei den Vertretern der alten franzsischen und deutschen Schule und spter bei Vauban und Coehoorn viele Vernderungen in Form und Gre durch, bis ungefhr 1740 Cormontaigne eine Arbeit ber das Befestigungssystem mit
Bastionen verffentlichte; sein System wurde allgemein fr das Vollkommenste auf diesem Gebiet gehalten. Seine Bastionen sind so gro wie nur
mglich; seine Flanken stehen fast, aber nicht ganz senkrecht zu den Defenselinien, und groe Verbesserungen wurden in den Auenwerken gemacht.
Bastionen sind entweder voll oder hohl. Im ersten Falle ist die ganze
Innenflche auf die Hhe des Festigungswalles gehoben, im letzteren verluft
der Festungswall um das Innere der Bastion, breit genug, um das Bedienen
der Geschtze zu ermglichen, und hinterlt einen Hohlraum in der Mitte
des Festungswerkes. In vollen Bastionen werden manchmal Kavaliere errichtet: Befestigungen, deren Seiten parallel zu denen der Bastion verlaufen
und hoch genug emporgezogen sind, damit die Kanonen ber die Brustwehr feuern knnen. In der beherrschenden Hhe solcher Kavaliere werden
im allgemeinen Geschtze mit grter Reichweite aufgestellt, um den
Feind aus grerer Entfernung zu stren.
Das Befestigungssystem auf der Grundlage von Bastionen war vom
16. bis Ende des 18. Jahrhunderts das einzig bekannte, bis Montalembert
mehrere neue Systeme ohne Bastionen hervorbrachte, unter denen das polygonale oder Caponniere-System fr Inlandfestungen und das System der
kasemattierten Forts mit mehreren Stockwerkbatterien den meisten Anklang gefunden haben.
Geschrieben um den 14. September 1857.
Aus dem Englischen.
Friedrich Engels
Bajonett
Bajonett. - Diese Waffe, jetzt allgemein fr die ganze Linieninfanterie
eingefhrt, ist, wie man annimmt, in Frankreich (offensichtlich in Bayonne,
wonach sie benannt ist) um 1640 erfunden worden. Nach anderen Berichten
bernahmen sie die Hollnder von den Malayen, die ihren Kris oder Dolch
auf ihre Flinte pflanzten. In Frankreich wurde das Bajonett 1679 eingefhrt.
Bis zu dieser Zeit hatten die Musketiere keine wirksame Waffe fr den Nahkampf, und man mute ihnen daher Pikeniere zuteilen, damit sie vor einem
nahen Feind geschtzt waren. Das Bajonett befhigte die Musketiere, der
Kavallerie oder den Pikenieren Widerstand zu leisten und verdrngte so allmhlich die letztere Waffengattung. Ursprnglich war es an einem Stock befestigt, der in den Flintenlauf eingefhrt wurde; aber da es so den Soldaten
mit aufgepflanztem Bajonett am Schieen hinderte, wurde spter der Zylinder, der den Gewehrlauf umschliet, erfunden. Die Pike selbst blieb
noch ber ein halbes Jahrhundert lang als Infanteriewaffe erhalten. Die
sterreicher waren die ersten, die sie fr ihre ganze Linieninfanterie gegen
die Flinte und das Bajonett vertauschten. Die Preuen folgten im Jahre
1689. Die Franzosen schafften die Pike erst 1703 vllig ab, die Russen nicht
vor 1721. Die Schlacht von Speyer im Jahre 1703'-631 war die erste, in der
die Infanterie mit aufgepflanzten Bajonetten zum Angriff vorging. Fr die
leichte Infanterie ist das Bajonett jetzt im allgemeinen durch eine kurze,
gerade und dolchartige Klinge ersetzt worden, die in einer Schiene seitwrts der Mndung des Gewehrs befestigt werden kann. Natrlich ist es
so weniger gut befestigt, da aber diese Art der Infanterie nur in Ausnahmefllen in Linien zum Einsatz .kommt, wird dieser Mangel durch die Vielfalt
der Anwendungsmglichkeiten dieser Waffe ausgeglichen.
Geschrieben um den 14. September 1857.
Aus dem Englischen.
Bei der Rckkehr Napoleons von Elba traf er zu spt aus Polen ein, um
noch an der Schlacht von Waterloo1511 mitzuwirken, machte dann jedoch die
zweite Invasion Frankreichs mit. Er starb auf einer Reise nach Karlsbad.
Die letzten Jahre seines Lebens waren durch Verleumdung getrbt. Er war
zweifellos der beste von Alexanders Generalen, bescheiden, standhaft, entschlossen und besa viel gesunden Menschenverstand.
Geschrieben zwischen 10. und 15. September 1857.
Aus dem Englischen.
Karl Marx
Berthier
Berthier, Louis-Alexandre, Marschall von Frankreich, Frst und Herzog
von Neuchatel und Valengin, Frst von Wagram, geboren am 20. November
1753 zu Versailles, am [Link] 1815 zu Bamberg ermordet. Er wurde von
seinem Vater, dem Chef des Topographenkorps unter LudwigXVI., zum
Soldaten erzogen. Vom kniglichen topographischen Bro ging er in den
aktiven Dienst ber, zuerst als Leutnant in den Generalstab und anschlieend als Hauptmann der Dragoner. Whrend des amerikanischen Unabhngigkeitskrieges[421 diente er unter Lafayette. 1789 ernannte ihn Ludwig XVI. zum Generalmajor der Nationalgarde von Versailles, und am
5. und 6. Oktober 1789 soy^ie auch am 19. Februar 17911711 leistete er der
kniglichen Familie gute Dienste. Er erkannte jedoch, da die Revolution
militrischen Talenten groe Mglichkeiten bot, und so finden wir ihn abwechselnd als Chef des Generalstabs unter Lafayette, Luckner und Custine.
Whrend der Schreckensherrschaft vermied er es, Verdacht zu erregen, indem er Eifer im Krieg der Vendee1721 an den Tag legte. Sein persnlicher
Mut bei der Verteidigung von Saumur am 12. Juni 1793 sicherte ihm
eine ehrenvolle Erwhnung in den Berichten der Kommissare des Konvents. Nach dem 9. Thermidor1731 wurde er zum Chef des Generalstabs
Kellermanns ernannt und trug, indem er auf die Besetzung der Linie
bei Borghetto durch die franzsische Armee bestand, dazu bei, da der
Vormarsch des Gegners zum Stillstand kam. So war sein Ruf als Chef des
Generalstabs schon begrndet, bevor Bonaparte ihn fr diesen Posten auserwhlte. Er bewhrte sich auch als guter Divisionsgeneral in den Schlachten bei Mondovi ([Link] 1796), Lodi ([Link] 1796), Codogno ([Link]
1796) und Rivoli (14. Januar 1797) whrend der Kampagne von 1796 bis
1797.
Er war von schwachem Charakter, aber zh und energisch und mit der
Konstitution eines Herkules, die es ihm gestattete, 8 Nchte hintereinander
Friedrich Engels
Algerien1821
Algerien - ein Teil Nordafrikas, ehemals das trkische Paschalik Algier,
doch seit 1830 zu den berseeischen Herrschaftsgebieten Frankreichs zhlend. Es wird im Norden vom Mittelmeer begrenzt, im Osten von Tunis, im
Westen von Marokko und im Sden von der Groen Sahara. Die grte
Lngenausdehnung von Osten nach Westen betrgt 500 Meilen, die grte
Breite von Norden nach Sden 200 Meilen. Die Gebirgskette des Atlas ist
eines der hervorragenden natrlichen Merkmale des Landes und trennt das
Ackerland an der Meereskste von der Wste. Sie bildet auch die Wasserscheide dieses Gebietes nach Norden und Sden. Die Hauptkette des
Gebirges verluft von Osten nach Westen, doch ist das ganze Gebiet mit
Auslufern der zentralen Bergkette in allen Richtungen durchzogen. Der x
hchste der im westlichen Teil gelegenen Berge ist der Mount Wanaschris,
der Mns Zalacus des Ptolemus; im stlichen Teil sind es der Dschurdschura und der Aures. Diese Berge erreichen eine Hhe von fast 7000 Fu.
Der bedeutendste Flu ist der Schiliff. Es gibt auch Flsse von ansehnlicher
Gre, die an der Sdseite des Atlas entspringen und in der Wste versiegen. Keiner dieser Flsse ist schiffbar. Im Sommer sind sie fast ausgetrocknet, im Frhling aber berfluten sie eine betrchtliche Landflche
und machen den Boden fruchtbar.
Das Klima wird von einigen Reisenden als gesund angesehen. Augenentzndungen und Hautkrankheiten sind weit verbreitet. Angeblich gibt
es in Algerien keine endemischen Fiebererkrankungen, aber die groe Anzahl der franzsischen Truppen, die den Seuchen erlagen, lassen offensichtlich eine andere Schlufolgerung zu. Die Atmosphre ist rein und klar,
und der Sommer ist sehr hei; im Winter erlebt man gelegentlich, besonders im Bergland, eine sehr rauhe Witterung. Am Rande der Wste ist
der Boden unfruchtbar und sandig, doch zwischen den bergigen Gegenden
ist er fruchtbar, besonders in der Nhe der Flsse; Getreide aller Art,
europisches Obst und Sdfrchte, Blumen, vor allem Rosen von bemerkenswerter Schnheit, und eine Sorte Zuckerrohr, welche die grte und ertragreichste aller bekannten Sorten sein soll, gedeihen in Algerien. Haustiere
aller Arten gibt es die Menge. Die Pferde sind ohne Frage vortrefflich, die
Esel haben einen schnen Wuchs und werden vielfach als Reittiere verwendet. Das algerische Kamel und das Dromedar sind ganz hervorragend.
Das Merino-Schaf - und Spanien wurde damit zuerst aus Algerien versorgt - , ist hier heimisch, ebenso der numidische Lwe, der Panther und
der Leopard. Straue, Schlangen, Skorpione sowie andere giftige Reptilien
gibt es im Lande im berflu.
Die Berber, Kabylen oderMazigh-unter diesen drei Bezeichnungen sind
sie bekannt - sollen die Ureinwohner Algeriens sein. Von ihrer Stammesgeschichte ist wenig mehr bekannt, als da sie einst ganz Nordwestafrika bewohnten und auch an der Ostkste zu finden sind. Die Kabylen leben in den
Gebirgsgegenden. Die anderen Einwohner sind Araber, die Nachkommen
der mohammedanischen Eroberer, sowie Mauren, Trken, Kulugli[83J,
Juden und Neger und schlielich Franzosen. Die Bevlkerungszahl im
Jahre 1852 betrug 2 078 035, wovon 134115 Europer aller Nationen
waren, neben einer Armee von 100 000 Mann. Die Kabylen sind ein fleiiger Volksstamm, sie leben in regelrechten Drfern, sind ausgezeichnete
Ackerbauern und arbeiten in Bergwerken, bei der Metallbearbeitung und
in Werksttten fr Rohwolle und Baumwolle. Sie stellen Schiepulver und
Seife her, sammeln Honig und Wachs und versorgen die Stdte mit Geflgel, Obst und anderen Nahrungsmitteln. Die Araber folgen den Sitten
ihrer Vorfahren, sie fhren ein Nomadenleben und verlegen ihre Lager von
Ort zu Ort, je nach den Erfordernissen der Weidegrnde oder anderen Notwendigkeiten. Die Mauren sind wahrscheinlich von allen Einwohnern die
am wenigsten angesehenen. Sie wohnen in den Stdten und fhren ein
ppigeres Leben als die Araber oder die Kabylen. Infolge stndiger Unterdrckung durch ihre trkischen Herrscher sind sie furchtsam, haben sich
aber dennoch ihre Grausamkeit und Rachsucht erhalten und stehen in
moralischer Beziehung auf sehr niedriger Stufe.
Die wichtigsten Stdte Algeriens sind die Hauptstadt Algier, Constantine, mit einer Bevlkerung von etwa 20 000 Menschen, und Bona, eine befestigte Stadt an der Meereskste, die 1847 etwa 10 000 Einwohner zhlte.
In der Nhe dieser Stadt befinden sich die Pltze der Korallenfischerei,
die von den Fischern aus Frankreich und Italien aufgesucht werden. Bougie
liegt am Golf gleichen Namens. Die Inbesitznahme dieses Ortes wurde
durch die Ausschreitungen der Kabylen in der Nachbarschaft beschleunigt,
die eine franzsische Brigg zum Stranden brachten, indem sie ihr Ankertau
durchschnitten, sie dann plnderten und die Besatzung niedermachten.
Im Innern Algeriens, besonders in der Provinz Constantine, befinden
sich noch berreste aus dem Altertum, unter anderen die Ruinen der antiken
Stadt Lambessa; erhalten sind berreste der Stadttore, Teile eines Amphitheaters und ein Mausoleum, das von korinthischen Sulen getragen wird.
An der Kste liegen Coleah und Scherschel, das alte Julia Caesarea, ein
Ort von einiger Bedeutung fr die Franzosen. Es war dies die Residenz von
Juba, und in seiner Umgebung befinden sich antike berreste. Oran ist eine
befestigte Stadt. Sie blieb bis 1792 im Besitz der Spanier. Tlemcen, seinerzeit die Residenz Abd el Kaders, liegt in einer fruchtbaren Gegend; die alte
Stadt wurde 1670 durch Feuer und die neue Stadt fast ganz voii den Franzosen zerstrt. In ihren Mauern werden Teppiche und Wolldecken hergestellt. Sdlich des Atlas liegt das Zaab, das alte Gaetulia. Der Hauptort ist
Biskra; dessen Einwohner sind friedfertige Leute und sehr beliebt in den
nrdlichen Hfen als Hausknechte und Packtrger.
Algerien ist nacheinander von den Rmern, den Vandalen und den
Arabern erobert worden. Als die Mauren 1492 aus Spanien vertrieben wurden, schickte Ferdinand eine Expedition nach Algerien und drohte nach
der Einnahme von Oran, Bougie und Algier mit der Unterwerfung des
ganzen Landes. Selim Eutemi, der Emir der Metidschah, einer fruchtbaren
Ebene in der Nhe von Algier, war nicht in der Lage, es mit dem mchtigen
Eindringling aufzunehmen, und bat die Trken um Untersttzung, die ihm
daraufhin den berchtigten Korsaren Barbarossa Horuk zu Hilfe sandten.
Horuk landete 1516, und nachdem er sich zum Herrn des Landes gemacht
und Selim Eutemi mit eigener Hand erschlagen hatte, griff er die Spanier
an. Nach Kriegshandlungen mit wechselndem Glck mute er sich jedoch
nach Tlemcen zurckziehen. Die Stadt wurde durch eine spanische Armee
belagert, er selbst gefangengenommen und 1518 hingerichtet. Horuks Bruder
Cheireddin wurde sein Nachfolger. Er wandte sich um Hilfe an Sultan
Selim I. und erkannte diesen Frsten als seinen Souvern an. Demzufolge
ernannte ihn Selim zum Pascha von Algier und sandte ihm Truppen, mit
denen er die Spanier zurckschlagen und sich schlielich zum Herrn des
Landes machen konnte. Seine Unternehmungen gegen die Christen im
Mittelmeer brachten ihm von Suleiman I. die Wrde eines KapudanPaschas ein. Karl V. machte einen Versuch, die spanische Herrschaft
wiederherzustellen, und 1541 setzte eine starke Expedition von 370 Schiffen
v und 30 000 Mann ber das Mittelmeer. Aber ein schrecklicher Sturm und
ein Erdbeben zerstreuten die Flotte und schnitten alle Verbindungen
zwischen ihr und der Armee ab. Schutzlos den zermrbenden Angriffen
eines wagemutigen Feindes ausgesetzt, muten die Truppen sich wieder
einschiffen und unter Verlust von 8000 Mann, 15 Kriegsschiffen und
140 Transportschiffen die Flucht ergreifen. Von dieser Zeit an gab es
endlose Feindseligkeiten zwischen den Barbareskenstaaten1841 und den
Malteser-Rittern185 hieraus entsprang jenes System der Seeruberei, das
die algerischen Korsaren im Mittelmeer so gefrchtet machte und dem
sich die christlichen Mchte so lange unterwarfen. Die Englnder unter
Blake, die Franzosen unter Duquesne, die Hollnder und andere Mchte
griffen Algier zu verschiedenen Zeitpunkten an; nachdem Duquesne die
Stadt zweimal bombardiert hatte, sandte der Dei nach dem franzsischen
Konsul Ludwigs XIV., und, nachdem er von ihm die Kosten des Bombardements erfahren hatte, sagte der Dei spttisch, da er fr die Hlfte dieses
Geldes selbst die Stadt niedergebrannt htte.
Trotz des stndigen Widerstandes der europischen Mchte wurde das
Kaperunwesen fortgesetzt; und selbst die Ksten Spaniens und Italiens
wurden manchmal von den Desperados heimgesucht, die dieses schreckliche Gewerbe - Krieg und Plnderung - weiter fortfhrten. Tausende
christlicher Sklaven schmachteten stndig in algerischer Gefangenschaft,
und Gesellschaften frommer Mnner wurden gebildet, deren ausdrckliches Ziel es war, Jahr fr Jahr zwischen Europa und Algier hin und her
zu fahren, um die Gefangenen mit den Summen loszukaufen, die ihnen von
deren Verwandten anvertraut worden waren. Inzwischen war die Oberhoheit der trkischen Regierung auf den bloen Namen reduziert worden.
Die Deis wurden durch die Janitscharen gewhlt und hatten ihre Unabhngigkeit von der Pforte verkndet. Der letzte trkische Pascha war 1705
von Dei Ibrahim vertrieben worden; in strmischen Wahlen ernannten die
Janitscharen neue Anfhrer, die sie oft im Verlaufe von Meutereien ermordeten. Die Janitscharen wurden aus den Kreisen trkischer Einwanderer geworben, und kein Eingeborener wurde in ihre Reihen aufgenommen, selbst wenn es sich um Shne von Janitscharen mit eingeborenen
Frauen handelte. Der Dei sandte gelegentlich Geschenke nach Konstantinopel als Zeichen seiner nominellen Untertanentreue, doch wurde jedweder regelmige Tribut eingestellt, und die Trken, durch ihre stndigen
Kmpfe mit den Russen behindert, waren zu schwach, um die Rebellen
einer weit entfernten Provinz zu zchtigen. Es war der jungen Republik
der Vereinigten Staaten vorbehalten, den Weg zur Abschaffung der ungeheuerlichen Tyrannei zu weisen. Whrend der Kriege der Franzsischen
Revolution und der napoleonischen Feldzge hatten die starken Flotten im
Mittelmeer den Handel geschtzt, und die Algerier waren gezwungen gewesen, zeitweilig ihre ungesetzlichen Eintreibungen einzustellen. Nach
der Wiederherstellung des Friedens nahmen die Algerier ihre Raubzge
wieder auf; doch die Amerikaner, die 1795 noch gezwungen waren, dem
Beispiel europischer Nationen zu folgen und dem Dei Subsidien fr die
Aufrechterhaltung des Friedens zu zahlen, verweigerten jetzt den Tribut.
1815 bemchtigte sich der Kommodore Decatur bei einem Kampf mit
einem algerischen Geschwader einer Fregatte und einer Brigg und segelte
in die Bucht von Algier, wo er den Dei zwang, alle amerikanischen Gefangenen auszuliefern und jedem knftigen Anspruch auf Tribut zu entsagen. Diesem khnen Beispiel folgten die Englnder, die 1816 unter Lord
Exmouth die Stadt bombardierten, sie in Asche legten und so den Dei
zwangen, seine Gefangenen herauszugeben. Dies war jedoch nur eine Bestrafung, denn die Freibeuterei hrte damit nicht auf; noch 1826 kaperten
die Algerier ganz offen italienische Schiffe im Mittelmeer und dehnten ihre
Streifzge sogar bis in die Nordsee aus .1818 ging die Herrschaft an HusseinBei ber. Als 1823 der Wohnsitz des franzsischen Konsuls geplndert und
verschiedentlich Gewalttaten gegen Schiffe verbt wurden, die unter franzsischer Flagge segelten, wurde Genugtuung verlangt, jedoch ohne Erfolg.
Schlielich beleidigte der Dei von Algier persnlich den franzsischen
Konsul und bediente sich respektloser Ausdrcke gegen den Knig von
Frankreich, der einen Brief nicht beantwortete, den der Dei wegen einer
Schuld der franzsischen. Regierung an jdische Kaufleute geschrieben
hatte, die ihrerseits bei Hussein verschuldet waren.'861 Um eine Entschuldigung zu erzwingen, wurde ein franzsisches Geschwader entsandt, das
Algier blockierte. Verhandlungen wurden zwischen Frankreich, Mechmed
Ali und der Pforte erffnet, in deren Verlauf Mechmed Ali es auf sich nahm,
mit Untersttzung Frankreichs Algier zu erobern und einen regelmigen
Tribut an den Sultan zu zahlen, in dessen Namen er die Regierungsgeschfte fhren wrde. Die Verhandlungen wurden abgebrochen, teils
wegen der Opposition Englands und teils, weil Mechmed Ali und Frankreich
sich nicht ber die konkreten Manahmen einigen konnten, wie der Plan
zu verwirklichen sei. Die Regierung Karls X. unternahm nun allein eine Expedition gegen Algier, und am 13. Juni 1830 landete eine Armee von 38 000
Mann Infanterie und 4000 Mann Kavallerie unter dem Kommando von
General Bourmont vor Algier. Hussein-Dei hatte eine Armee von 60 000
Mann aufgeboten, um ihnen zu begegnen, aber da er ihre Landung zugelassen hatte, konnte er keinen wirksamen Widerstand leisten, und Algier
kapitulierte am 4. Juli unter der Bedingung, da das Privateigentum der
Bewohner und die Religion des Landes respektiert wrden und da dem
Dei und seinen Trken freier Abzug gewhrt wrde. Die Franzosen ergriffen Besitz von der Stadt. Unter der Beute befanden sich 12 Kriegsschiffe, 1500 Bronzekanonen und fast 10 Millionen Dollar in klingender
Mnze. Sie legten sofort eine Garnison nach Algier und errichteten eine
Militrverwaltung. Die Regierung Karls X. hatte beabsichtigt, Algier dem
Sultan zu bergeben, und Instruktionen dieses Inhalts waren bereits auf
dem Wege nach Konstantinopel, als die Juli-Ereignisse von 1830 Karl X.
entthronten [87J . Eine der ersten Manhmen seines Nachfolgers1 bestand
in der Entscheidung, auf der Eroberung zu bestehen, und an Stelle von
Bourmont wurde Clausel als Oberbefehlshaber nach Algier geschickt.
Von der ersten Besetzung Algeriens durch die Franzosen bis zum heutigen Tage ist das unglckliche Land der Schauplatz endlosen Blutvergieens,
des Raubes und der Gewalttaten gewesen. Jede Stadt, ob gro oder klein,
ist Haus fr Haus unter unermelichen Opfern erobert worden. Die Araber- und Kabylenstmme, denen die Unabhngigkeit kostbar und der Ha
auf die Fremdherrschaft teurer ist als das eigene Leben, sind durch die
schrecklichen Razzien, in deren Verlauf Behausungen und Eigentum verbrannt und zerstrt, die Ernte auf dem Halm vernichtet und die Unglcklichen, die brigblieben, niedergemetzelt oder allen Schrecken der Lust und
Brutalitt ausgesetzt wurden, berwltigt und entmutigt worden. An diesem
barbarischen System der Kriegfhrung haben die Franzosen gegen alle
Gebote der Menschlichkeit, der Zivilisation und des Christentums festgehalten. Zur Rechtfertigung wird behauptet, da die Kabylen grausam
und mordlustig seien, da sie ihre Gefangenen martern und da Milde bei
Wilden nicht am Platze sei. Die Politik einer zivilisierten Regierung, die
sich auf die lex talionis2 beruft, kann sehr wohl in Zweifel gezogen werden.
Und wenn man den Baum nach seinen Frchten beurteilt, dann kann man
nur sagen, da nach einer Ausgabe von vermutlich 100 Millionen Dollar
und hunderttausenden geopferten Menschenleben Algerien nichts weiter ist
als eine Kriegsschule fr franzsische Generale und Soldaten, in welcher
alle die franzsischen Offiziere, die sich im Krimkrieg Lorbeeren erwarben,
ihre militrische Ausbildung und Kampferfahrung erhielten. Wie ein Vergleich der Anzahl der Europer mit der der Einheimischen zeigt, ist auch
der Kolonisierungsversuch gegenwrtig als ein fast vlliger Mierfolg zu
betrachten; und dies in einem der fruchtbarsten Lnder der Welt, der alten
Kornkammer Italiens, 20 Stunden von Frankreich entfernt, wo nur eins
1
Louis-Philippe -
fehlt: die Sicherheit fr Leben und Eigentum, die von militrischen Freunden und grausamen Feinden bedroht wird. Ob dieser Mierfolg einer angeborenen Charakterschwache der Franzosen zuzuschreiben ist, die sie fr
Auswanderung ungeeignet macht, oder einer unverstndigen rtlichen Verwaltung - das zu beurteilen liegt nicht in unserer Kompetenz. Alle bedeutenden Stdte, Constantine, Bona und Bougie, Arzew, Mostaganem und
Tlemcen, wurden mit all den damit einhergehenden Schrecken im Sturm
genommen. Die Eingeborenen hatten sich schon widerwillig ihren trkischen Herrschern unterworfen, die zumindest fr sich beanspruchen konnten, der gleichen Religion zu sein; aber sie sahen keine Vorzge in der
sogenannten Zivilisation der neuen Regierung, gegen die sie auerdem die
ganze Abneigung des religisen Fanatismus empfanden. Jeder Gouverneur
erschien nur, um die Hrten seines Vorgngers zu wiederholen; Proklamationen verkndeten die wohlwollendsten Absichten, aber die Besatzungsarmee, die Truppenbewegungen, die furchtbaren, von beiden Seiten verbten Grausamkeiten, sie alle widerlegten die Friedens- und Wohlwollensbeteuerungen.
Im Jahre 1831 war Baron Pichon zum Zivilintendanten ernannt worden,
und er bemhte sich, ein System der Zivilverwaltung einzurichten, das mit
der Militrregierung zusammen vorgehen sollte, aber die Kontrolle, die
seine Manahmen dem Generalgouverneur auferlegt htten, verrgerte
Savary, den Herzog von Rovigo, Napoleons ehemaligen Polizeiminister,
und auf seine Vorstellung hin wurde Pichon abberufen. Unter Savary wurde
Algerien zum Exil all derer, die infolge ihrer politischen oder sozialen Vergehen mit dem Gesetz in Konflikt gekommen waren; gleichzeitig wurde
in Algerien eine Fremdenlegion aufgestellt, deren Soldaten es verboten war,
die Stdte zu betreten. Der Deputiertenkammer wurde 1833 eine Petition
vorgelegt, in der festgestellt wurde:
Seit 3 Jahren ertragen wir alle mglichen Ungerechtigkeiten. So oft wir Beschwerden erhoben, wurden neue Grausamkeiten besonders gegen diejenigen verbt, von
welchen die Beschwerden herrhrten. Nun wagt niemand mehr, sich voran zu stellen,
und darum trgt auch diese Bittschrift keine Unterschriften. 0 meine Herren, wir beschwren Sie im Namen der Menschlichkeit, befreien Sie uns von dieser schmhlichen
Tyrannei, erlsen Sie uns aus den Sklavenketten. Will man das Land mit der Militrregierung behalten, soll hier keine Zivilverwaltung stattfinden, so geht es zu Grunde,
weil es niemals Frieden bekommen wird."
Voirol einige Manahmen eingeleitet worden, welche die Erbitterung lindern sollten: die Trockenlegung von Smpfen, Verbesserung der Straen
und die Aufstellung einer Eingeborenenmiliz. Nach der Rckkehr des Marschalls Clausel, unter welchem eine erste und uerst unglckselige Expedition gegen Constantine stattfand [88) , wurden diese Manahmen jedoch
eingestellt. Seine Regierungsttigkeit war so unzulnglich, da 1836einePetition, die von 54 in der Provinz in fhrender Position stehenden Persnlichkeiten unterzeichnet war, nach Paris gesandt wurde, mit der Bitte, eine
Untersuchung der unter seiner Regierung verbten Mibruche einzuleiten.
Dies fhrte schlielich zu Clauseis Rcktritt. Die ganze Regierungsperiode
Louis-Philippes war erfllt von Versuchen zur Kolonisation, die nur auf
Bodenspekulation hinausliefen, zur militrischen Kolonisation, die nutzlos
war, da die Siedler, wenn sie sich mehr als eine Schuweite von ihren Blockhusern entfernten, ihres Lebens nicht sicher waren, fernerhin von Versuchen, den stlichen Teil Algeriens zu besiedeln und Abd el Kader aus
Oran und dem Westen zu vertreiben t89] . Die Niederlage dieses rastlosen und
unerschrockenen Anfhrers befriedete das Land so weit, da der groe
Stamm der Hamianes Garabas sofort seine Unterwerfung erklrte.
Zur Zeit der Revolution von 1848 wurde General Cavaignac in Nachfolge des Herzogs von Aumale zum Generalgouverneur der Provinz ernannt, und dieser sowie der Prinz von Joinville, der sich ebenfalls in Algerien befand, traten zurck. Doch die Republik schien in der Verwaltung dieser Provinz nicht mehr Glck zu haben als die Monarchie.
Whrend ihres kurzen Bestehens lsten mehrere Gouverneure einander ab.
Kolonisten wurden ausgeschickt, um den Boden zu bestellen, aber sie
kamen um oder gaben voller Widerwillen auf. Im Jahre 1849 marschierte
General Pelissier gegen mehrere Stmme und die Drfer der Beni Sillem.
Ihre Ernte und alles erreichbare Eigentum wurden wie gewhnlich verbrannt und zerstrt, weil sie den Tribut verweigerten. Als in Zaab, einem
fruchtbaren Gebiet am Rande der Wste, groe Erregung infolge der Predigten eines Marabuts1901 aufgekommen war, wurde eine Expedition von
1200 Mann ausgesandt, die von der Bevlkerung geschlagen wurde. Es
stellte sich nun heraus, da die Revolte weit verbreitet war und durch geheime Vereinigungen, die Sidi Abderrahman" hieen, geschrt wurde,
deren Hauptziel die Ausrottung der Franzosen war. Die Rebellen wurden
erst niedergeschlagen, als man eine Expedition unter den Generalen Canrobert und Herbillon gegen sie ausgesandt hatte; und die Belagerung der
arabischen Stadt Zaatscha bewies, da die Eingeborenen weder den Mut
verloren noch Zuneigung fr die Eindringlinge gefat hatten. Die Stadt
widerstand 51 Tage lang den Angriffen der Belagerer und wurde schlielich
im Sturm genommen. Klein-Kabylien ergab sich erst 1851, als General
Saint-Arnaud es unterwarf und dadurch eine Verbindungslinie zwischen
Philippeville und Constantine herstellte.
Die franzsischen Bulletins und Zeitungen sind voll von Erklrungen
ber den Frieden und den Wohlstand in Algerien. Sie sind jedoch nichts als
ein Zugestndnis an die nationale Eitelkeit. Selbst heute ist das Land in
seinem Innern genauso wenig kolonisiert wie frher. Die franzsische
Oberhoheit besteht mit Ausnahme an der Kste und in der Nhe der
Stdte nur in der Einbildung. Die Stmme behaupten noch immer ihre
Unabhngigkeit und geben ihrem Ha gegenber dem franzsischen Regime Ausdruck; das abscheuliche System der Razzien wurde noch nicht
aufgegeben. So wurde 1857 von Marschall Randon eine erfolgreiche Razzia
auf die Drfer und Wohnsttten der bisher nicht unterworfenen Kabylen
veranstaltet, um ihr Territorium den franzsischen Besitzungen einzuverleiben. Die Eingeborenen werden noch immer mit der eisernen Faust regiert,
und stndige Aufstnde zeugen von der Unsicherheit des franzsischen
Besatzungsregimes und von der Hohlheit eines Friedens, der mit derartigen
Mitteln aufrechterhalten wird. Eine Gerichtsverhandlung, die im August
1857 in Oran stattfand und in der Hauptmann Doineau, der Prsident des
Bureaux Arabes[91), fr schuldig befunden wurde, einen prominenten und
reichen Eingeborenen ermordet zu haben, enthllte in der Tat, mit welcher
zur Gewohnheit gewordenen Grausamkeit und Despotie franzsische Beamten, selbst untergeordneten Dienstgrades, ihre Macht ausben, was
ganz zu Recht die Aufmerksamkeit der Welt auf sich lenkte.
Gegenwrtig ist die Kolonialverwaltung auf die drei Provinzen Constantine im Osten, Algier im Zentrum und Oran im Westen verteilt. Das
Land untersteht einem Generalgpuverneur, der gleichzeitig Oberbefehlshaber ist. Ihm zur Seite stehen ein Sekretr und ein Zivilintendant sowie
ein Beirat, der sich aus dem Direktor fr Zivilangelegenheiten, dem Befehlshaber der Marine, dem Militrintendanten und dem Generalprokurator zusammensetzt, dessen Aufgabe darin besteht, die Verfgungen des
Gouverneurs zu bekrftigen. Der Conseil des contentieux1 zu Algier ist fr
zivile und kriminelle Rechtsberschreitungen zustndig. Die Provinzen, in
denen eine Zivilverwaltung organisiert wurde, haben Brgermeister, Richter und Polizeikommissare. Die Stmme der Eingeborenen, die sich zur
mohammedanischen Religion bekennen, haben noch ihre Kadis; doch ist
1
Begutachtungsrat
Friedrich Engels
Munition
Munition - Gesamtbegriff fr Geschosse, Ladungen und Zndmittel,
also fr die Verwendung von Feuerwaffen erforderliche Dinge, die, wie
dieses Wort allgemein verstanden wird, gebrauchsfertig sind. So besteht
die Munition fr Handfeuerwaffen aus Patronen und Zndhtchen (letztere sind natrlich bei der Verwendung von Steinschlssern oder Zndnadelgewehren nicht erforderlich); Munition fr Feldartillerie besteht aus
Geschossen, gefllten Bomben, Karttschen, Schrapnells, Kartuschen,
Schlagrhren, Lunten, Zndruten etc., sowie aus Raketen fr Raketenbatterien. In Festungen und bei Belagerungen wird das Pulver gewhnlich
in Fssern aufbewahrt und in Kartuschen gefllt, wenn diese bentigt
werden; das geschieht auch mit den verschiedenen Mischungen, die
whrend einer Belagerung Verwendung finden. Hohlgeschosse werden
ebenfalls an Ort und Stelle gefllt. Die Menge der Munition, die eine
Armee mit ins Feld fhrt, hngt von den Umstnden ab. Gewhnlich ist
ein Infanterist mit sechzig Schu ausgerstet, selten mehr; eine hnliche
Menge pro Mann fhrt die Armee in Wagen mit sich, whrend weitere
Vorrte mit Parkkolonnen ein oder zwei Tagesmrsche zurck folgen. Die
Feldartillerie fhrt immer zwischen 150 bis 200 Schu Munition pro Kanone, teils in Protzksten, teils in besonderen Wagen, mit der Batterie mit;
weitere 200 Schu befinden, sich gewhnlich bei der Munitionsreserve der
Armee, und ein dritter Vorrat folgt mit den Parkkolonnen. Das ist bei den
meisten zivilisierten Armeen die Regel und betrifft selbstverstndlich nur
den Beginn eines Feldzuges; nach einigen Monaten Gefechtsttigkeit sind
die Munitionsreserven gewhnlich sehr erschpft, vielleicht nach einer unglcklichen Schlacht sogar gnzlich verloren, und ihr Ersatz ist meist
schwierig und langwierig.
Geschrieben um den 17. September 1857.
Aus dem Englischen.
Bennigsen1921
Bennigsen, Levin August Theophil, Graf von, russischer General, geboren am 10. Februar 1745 zu Braunschweig, wo sein Vater als Oberst in
der Garde diente; gestorben am 3. Oktober 1826. Er verbrachte fnf Jahre
als Page am hannoverschen Hof Georgs II., trat in die hannoverische
Armee ein und nahm, zum Hauptmann der Garde zu Fu aufgerckt, am
letzten Feldzug des Siebenjhrigen Krieges143' teil. Seine auerordentliche
Leidenschaft fr das schne Geschlecht erregte damals mehr Aufsehen als
seine Kriegstaten. Um die Tochter des Barons von Steinberg, des hannoverschen Gesandten am Wiener Hof, zu heiraten, nahm er seinen Abschied,
zog sich auf sein hannoversches Gut Banteln zurck, geriet durch sein verschwenderisches Leben hoffnungslos in Schulden und beschlo nach dem
Tode seiner Frau, durch Eintritt in den russischen Militrdienst sein Vermgen wiederherzustellen. Von Katharina II. zum Oberstleutnant ernannt,
diente er anfangs unter Rumjanzew gegen die Trken und dann unter
Suworow gegen den Rebellen Pugatschow. Whrend eines ihm gewhrten
Urlaubs reiste er nach Hannover, um Mlle. von Schwiegelt, eine wegen
ihrer Schnheit berhmte Dame, heimzufhren. Nach Ruland zurckgekehrt, erhielt er durch die Protektion Rumjanzews und Potjomkins das
Kommando eines Regiments. Als er sich 1788 bei der Belagerung von
Otschakow1931 ausgezeichnet hatte, wurde er zum Brigadegeneral ernannt.
Im polnischen Feldzug von-1793/1794 kommandierte er ein fliegendes
Korps, wurde nach den Gefechten bei Oschmjany und Solli zum General
ernannt, entschied den Sieg bei Wilna[94), als er an der Spitze der Kavallerie
das Zentrum der polnischen Armee durchbrach, und wurde wegen einiger
khner Handstreiche, die er an den Ufern des unteren Njemen erfolgreich
durchfhrte, von Katharina II. mit dem St.-Wladimir-Orden, einem Ehrensbel und zweihundert Leibeigenen belohnt. Whrend des polnischen Feldzuges zeigte er die Eigenschaften eines guten Kavallerieoffiziers - Feuer,
Lobgesnge
ein Ende setzte. Fr die kampflose Besetzung Hamburgs, die er dann durchfhrte, forderte und erhielt er neue Ehren und Einknfte. Von 1814 bis
1818 hatte er den Oberbefehl ber die Sdarmee in Bessarabien und zog
sich dann endgltig auf sein Gut im Hannoverschen zurck, wo er starb,
nachdem er den grten Teil seines Vermgens verschwendet und seine
Kinder arm in russischen Diensten zurckgelassen hatte.
Geschrieben zwischen 10. und 22. September 1857.
Aus dem Englischen.
Karl Marx
Blum
Blum, Robert, einer der Mrtyrer der deutschen Revolution, geboren
am [Link] 1807 in Kln, hingerichtet am [Link] 1848 in
Wien. Er war der Sohn eines armen Fabindergesellen, der 1815 starb und
drei Kinder und eine notleidende Witwe hinterlie, die 1816 einen einfachen Schifferknecht heiratete. Diese zweite Heirat erwies sich als unglcklich, und das Ellend der Familie erreichte whrend der Hungersnot
von 1816/1817 einen Hhepunkt. 1819 erhielt der junge Robert, der dem
katholischen Glauben angehrte, eine Anstellung als Mediener; dann
wurde er Lehrling bei einem Goldschmied, spter bei einem Grtler, und
nach deutschem Brauch schlielich Wandergeselle, konnte jedoch die Erfordernisse seines Handwerks nicht erfllen und mute nach kurzer Abwesenheit nach Kln zurckkehren. Hier fand er Beschftigung in einer
Laternenfabrik; sein Prinzipal fand Gefallen an ihm und lie ihn zu einer
Stellung im Kontor aufrcken. Blum mute seinen Patron auf seinen Reisen
durch die sdlichen Staaten Deutschlands begleiten und wohnte in den
Jahren 1829/1830 bei ihm in Berlin. In dieser Zeit war er durch emsige
Anstrengungen bemht, eine Art enzyklopdischer Bildung zu erwerben,
ohne jedoch eine besondere Vorliebe oder auergewhnliche Begabung fr
irgendeine bestimmte Wissenschaft zu verraten. Als er 1830 zum Militrdienst einberufen wurde, zu dem jeder preuische Untertan verpflichtet
ist, brachen die Beziehungen zu seinem Gnner ab. Nach sechswchigem
Dienst aus der Armee entlassen, fand er seine Stellung besetzt und kehrte
wieder in fast derselben Lage nach Kln zurck, in der er es zweimal verlassen hatte. Dort veranlate ihn das Elend seiner Eltern und seine eigene
Hilflosigkeit, die ihm von Herrn Ringelgardt, dem Direktor des Klner
Theaters, angebotene Stellung eines Theaterdieners anzunehmen. Obwohl seine Beziehung zur Bhne untergeordneter Natur war, lenkte sie
seine Aufmerksamkeit auf die dramatische Literatur, und die politische
Erregung, welche die franzsische Julirevolution in ganz Rheinpreuen hervorgerufen hatte, ermglichte es ihm, Eingang in bestimmte politische
Kreise zu finden und Gedichte in Lokalzeitungen zu verffentlichen.
Im Jahre 1831 bertrug Ringelgardt, der inzwischen nach Leipzig bergesiedelt war, Blum den Posten eines Kassierers und Sekretrs des Stadttheaters in Leipzig; in dieser Stellung blieb er bis 1847. Von 1831 bis 1837
verfate er Beitrge fr Leipziger Familienbltter, wie den Komet", die
Abend-Zeitung" 1971 , etc. und gab ein Theaterlexikon", den Verfassungsfreund", ein politisches Taschenbuch unter dem Titel Vorwrts"
etc. heraus. Seine Schriften tragen den Stempel einer gewissen hausbackenen Mittelmigkeit. Seine spteren Erzeugnisse waren auerdem
durch ein berma an schlechtem Geschmack verdorben. Seine politische
Laufbahn begann 1837, wo er als Sprecher einer Abordnung Leipziger
Brger eine [Link] zwei oppositionelle Abgeordnete 1 der Schsischen
Stndeversammlung berreichte. 1840 war er Mitstifter und 1841 Vorsitzender des Schillervereins sowie Mitvorstand des deutschen LiteraturVereins'98^ Seine Beitrge zu den Schsischen Vaterlands-Blttern"1991,
einer politischen Zeitschrift, machten ihn zum populrsten Journalisten
Sachsens und zum besonderen Gegenstand der Verfolgung durch die Regierung. Der sogenannte Deutschkatholizismus11001 fand in ihm einen
eifrigen Parteignger. Er grndete 1845 die deutschkatholische Gemeinde
in Leipzig und wurde ihr geistiger Fhrer. Als sich am 13. August 1845
eine riesige Menge bewaffneter Brger und .Studenten vor der Schtzenkaserne in Leipzig versammelte und diese zu strmen drohte, um den tags
zuvor erfolgten mrderischen berfall eines Schtzenbataillons11011 zu
rchen, rief Blum mit Hilfe seiner volkstmlichen Redekunst die erregten
Massen auf, nicht von den gesetzlichen Mitteln des Widerstandes abzuweichen, und stellte sich an die Spitze der Verhandlungen um gesetzliche
Genugtuung. Als Lohn fr seine Bemhungen erneuerte die schsische
Regierung ihre Verfolgungen gegen ihn, die 1848 mit der Unterdrckung der
Vaterlands-Bltter" endeten.
Bei Ausbruch der Februarrevolution 1848 wurde er zum Haupt der
liberalen Partei Sachsens, grndete den Vaterlandsverein'1021, der bald ber
40 000 Mitglieder zhlte, und erwies sich berhaupt als unermdlicher Agitator. Von der Stadt Leipzig in das Vorparlament entsandt, wirkte er dort
als Vizeprsident und trug dazu bei, diese Krperschaft zu erhalten, indem
er den Austritt en masse der Opposition verhinderte. Nach der Auflsung
1
Karl Marx
Bourrienne
Bourrienne, Louis-Antoine Fauvelet de, Privatsekretr Napoleons, geboren am 9. Juli 1769 in Sens, gestorben in der Nhe von Caen am 7. Februar 1834. Er trat 1778 in die Militrschule von Brienne ein und war dort
etwa 6 Jahre Mitschler Napoleons. Von 1789 bis 1792 verbrachte er seine
Zeit als Attache an der franzsischen Botschaft in Wien, als Student des
internationalen Rechts und der nordischen Sprachen in Leipzig und. am
Hofe von Poniatowski in Warschau. Nach seiner Rckkehr nach Paris erneuerte er seine vertrauten Beziehungen zu Napoleon, der damals ein armer
Offizier ohne Freunde war; aber die entscheidende Wendung, die die revolutionren Ereignisse nach dem 20. Juni I792[1051 nahmen, veranlaten ihn,
wieder nach Deutschland zu gehen. 1795 fuhr er jedoch nach Paris zurck
und begegnete dort erneut Napoleon, der ihn jedoch khl behandelte; aber
als er sich gegen Ende 1796 wieder an ihn gewandt hatte, wurde er ins
Hauptquartier gerufen und sofort zum Privatsekretr Napoleons ernannt.
Nach dem zweiten italienischen Feldzug11061 erhielt Bourrienne den Titel
eines Staatsrats, wurde in den Tuilerien untergebracht und zum Familienkreise des Eisten Konsuls zugelassen. 1802 machte das Bankhaus Coulon,
Armeelieferant, dessen Teilhaber Bourrienne insgeheim geworden war und
dem er das lukrative Geschft der Lieferung der ganzen Kavallerieausrstung verschafft hatte, mit einem Defizit von 3 Millionen Bankrott; der Chef
des Hauses verschwand, und Bourrienne wurde nach Hamburg versetzt.
1806 wurde er beauftragt, die strikte Durchfhrung von Napoleons Kontinentalsystem11071 in Hamburg zu beaufsichtigen. Da der Hamburger
Senat, von dem er 2 000 000 Francs erhalten hatte, und Zar Alexander,
dessen Verwandten, den Herzog von Mecklenburg, er ebenfalls mit Geldstrafe belegt hatte, ihn der Veruntreuung beschuldigten, sandte Napoleon
eine Kommission zur Untersuchung seines Verhaltens und befahl ihm,
1 000 000 Francs an die kaiserliche Schatzkammer zurckzuzahlen.
So lebte er, ein in Ungnade gefallener und ruinierter Mann, in Paris bis
zu Napoleons Untergang im Jahre 1814; dann erschien er wieder auf der
Bildflche, erhielt seine Million von der franzsischen provisorischen Regierung1811 zurckgezahlt, wurde von ihr zum Generaldirektor der Post ernannt, dann voii diesem Posten durch Ludwig XVIII. abgesetzt, jedoch
von demselben Frsten bei den ersten Gerchten von Napoleons Rckkehr
von Elba zum Prfekten der Pariser Polizei ernannt, einem Posten, den er
acht Tage innehatte. Da Napoleon ihn in seinem Dekret vom 13. Mrz aus
Lyon von der allgemeinen Amnestie ausgeschlossen hatte, folgte er Ludwig XVIII. nach Belgien, wurde von dort nach Hamburg geschickt und
nach seiner Rckkehr nach Paris zum Staatsrat, spter zum Staatsminister
gemacht. Seine Geldverlegenheiten zwangen ihn, 1828 in Belgien auf einem
Landsitz der Herzogin von Brancas in Fontaine l'Eveque, unweit von Charleroy, Zuflucht zu suchen. Hier schrieb er, untersttzt von Herrn de
Villemarest und anderen, seine Memoiren" (10 Bnde, Oktav)11081, die
1829 in Paris erschienen und groe Aufregung hervorriefen. Er starb im
r
Irrenhaus.
Geschrieben am 22. September 1857.
Aus dem Englischen.
Friedrich Engels
Schlacht
Schlacht. - Der Zusammensto von zwei feindlichen Truppenkrpern
wird Schlacht genannt, wenn diese die Hauptarmeen beider Seiten bilden
oder zumindest selbstndig auf ihrem eigenen, separaten Kriegsschauplatz
in Aktion treten.
Vor der Einfhrung des Schiepulvers wurden alle Schlachten durch
den Kampf Mann gegen Mann entschieden. Bei den Griechen und Makedoniern fhrte der Angriff der geschlossenen, von Speeren starrenden Phalanx, gefolgt von einem kurzen Kampf mit Schwertern, die Entscheidung _
herbei. Bei den Rmern lie der Angriff der Legion durch ihre Aufstellung
in 3 Linien einen erneuten Angriff der zweiten und eine die Entscheidung herbeifhrende Bewegung der dritten Linie zu. Die rmische Linie ging bis auf
10 oder 15 Yard an den Feind heran, schleuderte ihre pila, sehr schwere
Wurfspiee, auf ihn und griff dann mit dem Schwert an. Wurde die erste
Linie zum Stehen gebracht, so rckte die zweite durch die Intervalle der
ersten vor, und war der Widerstand noch nicht gebrochen, so fiel die dritte
Linie, d. h. die Reserve, ber das Zentrum des Feindes oder einen seiner
Flgel her.
Im Mittelalter muten die Angriffe der gepanzerten Kavallerie der
Ritter die Hauptkampfhandlungen entscheiden, bis die Einfhrung der
Artillerie und der Handfeuerwaffen das bergewicht der Infanterie wieder
herstellte. Von dieser Zeit an war die berlegenheit in der Anzahl sowie
die Konstruktion der Feuerwaffen einer Armee das Hauptelement in der
Schlacht, bis im Verlauf des 18. Jahrhunderts alle Armeen Europas ihre
Infanterie mit Musketen ausgerstet und eine ungefhre Gleichheit der
Qualitt ihrer Feuerwaffen erreicht hatten. Nun wurde die in einer bestimmten Zeit mit durchschnittlicher Przision abgefeuerte Anzahl von
Schssen zum entscheidenden Element. Die Infanterie war in langen
Linien, 3 Mann tief, aufgestellt. Sie wurde mit uerster Sorgfalt gedrillt,
ganzen Zeit Angriffe, Gegenangriffe und Truppenbewegungen mit unterschiedlichem Erfolg einander ablsen.
Gegenwrtig wird eine Schlacht allgemein von der Avantgarde der
Angreifer begonnen, die Schtzen werden vorgeschickt und dauernd untersttzt. Sobald diese auf ernsthaften Widerstand stoen, was im allgemeinen
auf einem zur Verteidigung gnstigen Gelnde erfolgt, rckt die leichte
Artillerie vor, gedeckt durch Schtzentrupps und kleine Gruppen von
Kavallerie, und die Hauptgruppe der Avantgarde geht in Stellung. In der
Regel folgt eine Kanonade, und eine Menge Munition wird vergeudet, um
das Rekognoszieren zu erleichtern und den Feind zu veranlassen, seine
Strke zu zeigen. In der Zwischenzeit trifft Division auf Division ein, die den bis dahin bekanntgewordenen Manahmen des Feindes entsprechend in ihre Kampfstellungen gefhrt werden. An den fr einen Angriff gnstigen Punkten werden Schtzenschwrme vorgeschickt und, wenn notwendig,
durch Infanterielinien und Artillerie untersttzt. Flankenangriffe werden
vorbereitet und Truppen fr den Angriff auf die wichtigen Punkte vor der
Hauptstellung des Feindes konzentriert, der seinerseits Gegenmanahmen
trifft. Einige Truppenbewegungen werden durchgefhrt, um Verteidigungsstellungen oder einen bevorstehenden Angriff durch einen Gegenangriff zu
bedrohen.
Die Armee rckt nach und nach an den Feind, die Punkte des Angriffs
werden endgltig festgelegt, und die Masse der Truppen rckt aus den bisherigen gedeckten Positionen vor. Das auf die anzugreifenden Stellungen
gerichtete Feuer der Infanterielinien und das der Artillerie ist nun vorherrschend. Es folgt der Vormarsch der fr den Angriff bestimmten Truppen,
gelegentlich von einem nicht sehr umfangreichen Kavallerieangriff unterbrochen. Der Kampf um wichtige Punkte hat nun begonnen; diese werden
erobert und vom Gegner wieder zurckerobert, wobei frische Truppen abwechselnd von jeder Seite vorgeschickt werden. Die Abstnde zwischen
diesen Punkten werden jetzt zum Schlachtfeld fr aufmarschierende Infanterielinien und fr gelegentliche Bajonettangriffe, die jedoch kaum zu einem
ernsthaften Kampf Mann gegen Mann fhren; hingegen wird in Drfern,
Bauernhfen, Verschanzungen usw. das Bajonett hufig genug wirksam
benutzt. Sobald sich die Mglichkeit bietet, jagt auch die Kavallerie auf
diesem offenen Gelnde nach vorn, wobei die Artillerie weiterfeuert und in
neue Stellungen vorrckt.
So zeichnen sich im Hin und Her der Schlacht die Absichten, die Anordnungen und vor allen Dingen die Strke der beiden sich bekmpfenden
Armeen deutlicher ab. Es nehmen immer mehr Truppen am Kampf teil.
und es zeigt sich bald, welche Seite die grte Anzahl frischer Krfte fr den
endgltigen und entscheidenden Angriff in Reserve hat. Entweder war die
angreifende Seite bisher erfolgreich und riskiert es nun, ihre Reserve auf das
Zentrum oder den Flgel der sich verteidigenden Seite zu werfen, oder aber
der Angriff wurde bis dahin zurckgewiesen und kann nicht durch frische
Truppen aufrechterhalten werden; in diesem Falle werden die Verteidiger
mglicherweise ihre Reserve einsetzen und durch einen machtvollen Angriff
die Zurckweisung des Gegners in eine Niederlage fr ihn verwandeln. In
den meisten Fllen ist der entscheidende Angriff gegen einen Abschnitt der
feindlichen Front gerichtet, um deren Linie zu durchbrechen. Auf diesen
bestimmten Abschnitt wird so viel Artillerie wie mglich konzentriert; die
Infanterie geht in geschlossener Masse vor, und sobald sich ihr Angriff als
erfolgreich erwiesen hat, sprengt die Kavallerie in die so entstandene
Bresche, entfaltet sich nach links und rechts, greift die feindliche Linie in
den Flanken und im Rcken an und rollt sie, wie man sagt, nach ihren beiden
Flgeln auf. Solch ein Angriff mu jedoch, um wirklich entscheidend zu
sein, mit starken Krften unternommen werden, und zwar erst dann,
wenn der Feind seine letzten Reserven eingesetzt hat. Andernfalls wrden die erlittenen Verluste in keinem Verhltnis zu den sehr geringen
Ergebnissen stehen und knnten sogar den Verlust der Schlacht verursachen.
In den meisten Fllen wird ein Befehlshaber eine Schlacht, die eine
zweifellos ungnstige Wendung nimmt, eher abbrechen als seine letzten
Reserven einsetzen und den entscheidenden Angriff seines Feindes abwarten. Bei der gegenwrtigen Organisation und Taktik kann dies mit verhltnismig geringen Verlusten geschehen, da nach einer gut gefhrten
Schlacht die Krfte des Gegners im allgemeinen ebenfalls erschpft sind.
Die Reserven und die Artillerie beziehen weiter hinten eine neue Stellung,
unter deren Deckung sich die Truppen allmhlich vom Feinde lsen und
zurckziehen. Dann hngt es von der Schnelligkeit der Verfolgung ab, ob
der Rckzug geordnet durchgefhrt werden kann oder nicht. Der Feind
wird seine Kavallerie gegen die Truppen schicken, die sich zu lsen versuchen. Zur Untersttzung der letzteren mu deshalb die eigene Kavallerie
bereitstehen.
Wenn aber die Kavallerie des sich zurckziehenden Truppenkrpers in
die Flucht geschlagen worden ist und seine Infanterie eingeholt wird, ehe
sie auer Reichweite ist, wird die Niederlage allgemein, und die Nachhut
wird in ihrer neuen Verteidigungsstellung schwere Kmpfe zu bestehen
haben, falls nicht, wie meistens, die Nacht anbricht.
Friedrich Engels
Batterie1"11
Batterie. - Bei der Feldartillerie bedeutet dieser Ausdruck eine Anzahl
Geschtze, von 4 bis 12, mit den erforderlichen Pferden, Artilleristen und
der Ausrstung, die gewhnlich dazu bestimmt sind, zusammen eingesetzt
zu werden. Die Briten und Franzosen haben 6, die Preuen und sterreicher 8, die Russen 8 oder 12 Geschtze in jeder Batterie. Feldbatterien
werden eingeteilt in leichte, schwere und Haubitzenbatterien; in einigen
Lndern gibt es auerdem Gebirgsbatterien. Bei der Beschreibung einer
Schlachtposition wird das Wort Batterie auch gebraucht, um einen Platz
zu bezeichnen, wo Geschtze aufgestellt sind. Bei der Belagerungsartillerie
bedeutet Batterie entweder eine der Festungslinien, die mit Geschtzen
bestckt ist, oder im besonderen eine bestimmte Anzahl von Geschtzen,
die zum Angriff auf eine Festung in einer Linie aufgestellt und durch eine
Brustwehr gedeckt sind. Der Aufbau dieser Brustwehr und des Geschtzstandes fr die Kanonen ist das, was unter der Aufstellung einer Batterie
verstanden wird. Unterscheidet man sie nach ihrem Profil, so gibt es erhhte, halbversenkte oder versenkte Batterien; der Bestckung nach sind es
Batterien, bestehend aus Geschtzen, Haubitzen oder Mrsern; unterscheidet man sie jedoch nach ihrer Deckung, so gibt es Batterien mit Schiescharten, Barbette-Batterien1 (ohne Schiescharten) und kasemattierte
Batterien (gegen Bomben geschtzte). Unterscheidet man die Batterien
nach dem fr sie bestimmten Zweck, so gibt es Demontierbatterien, welche
dazu angelegt wurden, durch frontales Feuer die Geschtze in einer der
Festungslinien zu demontieren; Rikoschettbatterien, die besonders einzelne
Wall-Linien der Lnge nach bestreichen, wobei die Geschosse und Granaten
genau die Brustwehr abkmmen, in niedrigen Sprngen weiterhpfen und
lngs der Linie mehrmals aufschlagen; Mrserbatterien dienen zum Bom1
Friedrich Engels
Biwak
Biwak (frz.1, wahrscheinlich vom deutschen bei" und Wache") - das
Lagern von Truppen bei Nacht im Freien, ohne Zelte, wobei jeder Soldat
in seinen Kleidern schlft, seine Waffen neben sich. In den Kriegen des
Altertums waren die Truppen durch Zelte geschtzt, wie durch transportierbare Stdte. Im Mittelalter erhielten die Truppen der Feudalherren
und Knige in den am Wege liegenden Burgen und Klstern Unterkunft.
Die Volksmassen, die sich aus religisem Enthusiasmus in die Kreuzzge
nach Asien strzten1301, stellten eher lrmende Rotten dar als eine Armee;
und all diese Menschen, mit Ausnahme der Anfhrer - der Ritter und
Frsten - und ihres unmittelbaren Gefolges, biwakierten auf dem Boden wie
die wilden Nomadenstmme, die in den Ebenen Asiens herumstreifen. Mit
der Rckkehr zur regulren Kriegsfhrung tauchten wieder die Zeltlager
auf und wurden whrend der letzten zwei Jahrhunderte in Europa allgemein. Aber in den gigantischen Kriegen Napoleons fand man, da rasche
Bewegungen wichtiger waren als die Gesundheit der Soldaten, und der
Luxus der Zelte verschwand von den Schlachtfeldern Europas, auer bei
den englischen Heeren, wo. sie bisweilen noch benutzt wurden. Ganze
Armeen biwakierten um Lagerfeuer oder, wenn die Nhe des Feindes es
erforderte, auch ohne Feuer und schliefen auf Stroh oder vielleicht auch
auf dem nackten Boden, whrend ein Teil der Soldaten Wache hielt. Von
den Biwaks, die die Geschichte kennt, ist keins durch Poesie und Malerei
so berhmt geworden wie das am Abend vor der Schlacht bei Austerlitz.11121
Geschrieben um den 28. September 1857.
Aus dem Englischen.
- bivouac = Beiwacht
Friedrich Engels
Blindage
Blindage - in der Befestigungskunst eine Vorrichtung, die den Feind
daran hindert, zu sehen, was an einem bestimmten Ort vor sich geht. Das
sind z. B. die am inneren Kamm einer Batterie angebrachten und ber die
Brustwehren hinweg fortgefhrten Faschinen; sie erschweren es, aus der
Entfernung etwas durch die Schiescharte wahrzunehmen. Vollstndigere
Blindagen sind bisweilen an den Schiescharten befestigt und bestehen aus
2 starken Planken, die von beiden Seiten zusammenzuschieben sind, so da
die Schiescharten durch sie vllig geschlossen werden knnen. Wenn die
Feuerlinie stets auf denselben Punkt gerichtet ist, brauchen die Schiescharten nicht geffnet zu werden, nachdem das Geschtz herangefhrt
worden ist, da sie eine eingeschnittene ffnung fr den Durchla des Geschtzrohrs haben. Wenn erforderlich, wird die ffnung durch eine bewegliche Klappe geschlossen. Andere Blindagen werden dazu benutzt, die
Kanoniere einer Batterie gegen Vertikalfeuer zu schtzen; sie bestehen aus
glatten, starken Balken, die mit dem einen Ende auf den inneren Kamm der
Brustwehr gelegt sind, mit dem anderen auf den Erdboden. Wenn die
Granaten nicht sehr schwer sind und nicht in fast vertikaler Richtung herunterkommen, durchschlagen sie eine solche Blindage nicht, sondern berhren sie nur und prallen im Winkel ab. Beim Bau von Grben werden
besondere Arten von Blindagen benutzt, um die Sappeure vor Beschu zu
schtzen; sie stehen auf Rdern und knnen mit dem Fortschreiten der
Arbeit leicht weiterbewegt werden. Gegen Gewehrfeuer gengt ein Schutz
aus starken Brettern, die an den Auenseiten mit Eisenblech beschlagen
und von starken Hlzern gesttzt werden. Gegen Kanonenfeuer sind groe
viereckige Kisten oder Rahmen, mit Erde gefllt, Sandscke oder Faschinen
notwendig. Die gewhnlichste Art der Sappeur-Blindage besteht aus einem
sehr groen Schanzkorb oder Zylinder aus Weidenrutengeflecht, mit Faschinen gefllt, der von Arbeitern vor den Sappeuren hergerollt wird.
Wenn der Laufgraben von oben abgedeckt werden mu, wird die Blindage
aus viereckigen Balken gebaut, die oben quer darbergelegt und mit Faschinen sowie mit Erde bedeckt werden, um sie gengend gegen Bombenund Granatenbeschu zu sichern.
Geschrieben um den 28. September 1857.
Aus dem Englischen.
Friedrich Engels
Bonnet
Bonnet - in der Befestigungskunst eine querlaufende Erhhung der
Brustwehr oder Traverse mit Brustwehr, die verwendet wird, um entweder den Feind daran zu hindern, von einem erhhten Punkt aus in das
Innere eines Befestigungswerks zu blicken oder um in Barbette-Batterien
die Kanoniere und Geschtze gegen Flankenfeuer zu schtzen. Bei diesen
letzteren Batterien mssen die Geschtze, die ber die Krone der Brustwehr feuern, auf hohen, querlaufenden Bettungen aufgestellt werden, auf
denen die Geschtzlafette ruht, zurckrollt und wieder vorgeschoben wird.
Die Kanoniere sind daher teilweise, whrend sie das Geschtz bedienen,
dem Feuer des Feindes ausgesetzt; fr sie ist Flanken- oder Rikoschettfeuer besonders gefhrlich, da das zu treffende Ziel fast doppelt so hoch ist
wie bei Batterien mit Schiescharten und niedrigen Geschtzlafetten. Um
dies zu verhindern, werden Traversen oder Querwlle zwischen den Geschtzen errichtet, die um so viel hher als die Brustwehr gebaut werden
mssen, da sie die Kanoniere vllig decken, wenn sie sich auf der Bettung
befinden. Diese Erhhung erstreckt sich von der Traverse her ber die
ganze Breite der Brustwehr. Sie schrnkt den Schwenkungsbereich der
Geschtze auf einen Winkel von 90 bis 120 ein, wenn ein Geschtz ein
Bonnet auf beiden Seiten hat.
Bonnet Pretre oder Quote d'Hirondelle (Schwalbenschwanz) - in der
Feldbefestigungskunst eine Verschanzung mit zwei vorspringenden. Winkeln und einem einspringenden Winkel dazwischen. Der letztere betrgt
immer 90, die beiden vorspringenden Winkel meist 60, so da die beiden
Auenfacen lnger als die inneren sind und hinten auseinandergehen. Diese
Befestigungsanlage wird manchmal fr kleine Brckenkpfe benutzt oder
in anderen Fllen zur Verteidigung des Eingangs zu einem Defilee.
Geschrieben um den 28. September 1857.
Aus dem Englischen.
Bern"131
Bern, Joseph, polnischer General, geboren 1795 zu Tarnow in Galizien;
gestorben 10. Dezember 1850. Der Ha gegen Ruland war die Leidenschaft seines Lebens. Zu der Zeit, als Napoleon durch Siege und Proklamationen den Glauben an das Wiedererstehen Polens entfacht hatte,
trat Bern in das Kadettenkorps zu Warschau ein und erhielt seine militrische Ausbildung in der von General Pelletier geleiteten Artillerieschule.
Beim Verlassen dieser Schule wurde er zum Leutnant der reitenden Artillerie ernannt und diente als solcher unter Davout und Macdonald im
Feldzug von 1812. Fr seine Teilnahme an der Verteidigung Danzigs [U4i
erhielt er das Kreuz der Ehrenlegion und kehrte nach der bergabe dieser
Festung nach Polen zurck. Da Zar Alexander eine groe Vorliebe fr die
polnische Nation hatte, reorganisierte er die polnische Armee, in die Bern
1815 als Artillerieoffizier eintrat, aber bald wegen eines Duells mit seinem
Vorgesetzten entlassen wurde. Man berief ihn jedoch spter als militrfachlichen Lehrer an die Artillerieschule in Warschau und befrderte ihn zum
Hauptmann. Er fhrte nun die Congrevesche Rakete in die polnische Armee
ein und legte die dabei gemachten Erfahrungen in einem Werk nieder, das
ursprnglich in franzsischer Sprache verffentlicht und dann ins Deutsche
bersetzt wurde. Bern war streitschtig und unbotmig und wurde in den
Jahren von 1820 bis 1825 mehrmals vor ein Kriegsgericht gestellt, mit Gefngnis bestraft, freigelassen, wieder eingesperrt und zuletzt nach Kock,
einem entlegenen polnischen Dorf, geschickt, wo er unter strenger Polizeiaufsicht stumpfsinnig dahinlebte. Aus der polnischen Armee wurde Bern erst
mit dem Tode Alexanders entlassen, und Konstantin verlor ihn durch den
Petersburger Aufstand [u51 aus den Augen. Nachdem Bern Russisch-Polen
verlassen hatte, zog er sich nach Lemberg zurck, wo er in einer groen
Destillation Aufseher wurde und ein Buch ber die Verwendung des Dampfes zur Destillierung von Alkohol verfate.
Als 1830 der Warschauer Aufstand ausbrach, schlo er sich diesem an;
nach wenigen Monaten wurde er Major der Artillerie und kmpfte im Mai
1831 in der Schlacht bei Ostrolenka[116), wo er durch seine Geschicklichkeit
und Ausdauer auffiel, mit der er gegen die berlegenen russischen Batterien
kmpfte. Als die Angriffe der polnischen Armee gegen die Russen, die den
Narew berschritten hatten, endgltig zurckgeschlagen waren, deckte er
den Rckzug durch einen khnen Vorsto mit all seinen Geschtzen. Er
wurde nun zum Obersten, bald danach zum General und zum Oberkommandierenden der polnischen Artillerie ernannt. Bei dem russischen
Sturm auf Warschau kmpfte er tapfer, doch beging er als Kommandeur
den Fehler, seine 40 Geschtze nicht einzusetzen und zuzulassen, da die
Russen Wola, den wichtigsten Punkt der Verteidigung, erobern konnten.
Nach dem Fall Warschaus ging Bern mit dem Rest der Armee nach Preuen, drngte die Mnner, ihre Waffen vor den Preuen nicht niederzulegen,
und provozierte so einen blutigen und unntigen Kampf, den man damals
die Schlacht von Fischau nannte. Bern verlie dann die Armee, organisierte
in Deutschland Komitees zur Untersttzung polnischer Emigranten und
ging anschlieend nach Paris.
Sein ungewhnlicher Charakter, in dem eine eifrige Neigung fr die
exakten Wissenschaften und rastloser Tatendrang miteinander verschmolzen, hatte zur Folge, da er sich bereitwilligst in abenteuerliche Unternehmen einlie, deren Fehlschlag seinen Feinden dienlich war. So wurde
er, nachdem er 1833 auf eigene Verantwortung vergeblich versucht hatte,
eine polnische Legion fr Dom Pedro aufzustellen tu7) , als Verrter denunziert, und einer seiner enttuschten Landsleute scho in Bourges auf ihn,
wo Bern die Polen fr seine Legion werben wollte. In den Jahren 1834 bis
1848 verbrachte er seine Zeit mit Reisen durch Portugal, Spanien, Holland,
Belgien und Frankreich.
Als 1848 im sterreichischen Teil Polens die ersten revolutionren Anzeichen sichtbar wurden, eilte er nach Lemberg und von dort am [Link] nach Wien; alles, weis hier zur Verstrkung der Verteidigungsanlagen
und zur Organisierung der revolutionren Krfte getan wurde, war seinen
persnlichen Anstrengungen zu verdanken. Nach der regellosen Flucht, worin am [Link] ein Ausfall der unter seiner Fhrung stehenden Wiener
Mobilgarde11181 endete, entrangen sich seinen Lippen bittere Vorwrfe, die
mit lauten Anklagen des Verrats beantwortet wurden. Trotz ihrer Absurditt lsten diese Anklagen eine solche Wirkung aus, da Bern vor ein Kriegsgericht gestellt worden wre, wenn man nicht einen Aufstand der polnischen
Legion befrchtet htte. Nach seiner bemerkenswerten Verteidigung der
groen Barrikade in der Jgerzeile am 28. Oktober und nach der Erffnung
von Verhandlungen zwischen dem Wiener Gemeinderat und dem Frsten
Windischgrtz verschwand er. Mitrauen, durch seine mysterise Flucht
noch verstrkt, verfolgte ihn von Wien nach Pest, und als er der ungarischen
Regierung den klugen Rat gab, die Aufstellung einer besonderen polnischen
Legion nicht zuzulassen, feuerte ein Pole namens Kolodjecki auf den vermeintlichen Verrter einen Pistolenschu ab, der Bern ernstlich verwundete.
Der Krieg in Siebenbrgen, dessen Fhrung die ungarische Regierung
Bern anvertraute, es dabei jedoch seinem eigenen Scharfsinn berlie, die
Armeen dafr zu finden, bildet den wichtigsten Abschnitt seiner militrischen Laufbahn und beleuchtet klar die charakteristischen Merkmale seiner
Feldherrnkunst. Er erffnete den ersten Feldzug Ende Dezember 1848 mit
einer Truppe von ungefhr 8000 Mann, die schlecht bewaffnet sowie hastig
zusammengestellt worden war und sich aus den verschiedenartigsten
Elementen zusammensetzte: aus unausgebildeten ungarischen Rekruten,
Honveds l u s l , Wiener Flchtlingen und einer kleinen Schar Polen, ein buntscheckiger Haufe, der bei seinem Vormarsch in Siebenbrgen durch stndig neu hinzustrmende Szekler tl20] , Sachsen, Slawen und Rumnen verstrkt wurde. Nach etvVa 2 Monaten hatte Bern seinen Feldzug beendet
und Puchner mit einer sterreichischen Armee von 20 000 Mann, Engelhardt mit den Hilfstruppen von 6000 Russen sowie Urban mit seinen
Rubertruppen besiegt. Als er letzteren dazu gezwungen hatte, in der Bukowina Zuflucht zu suchen, und die beiden inderen, sich in die Walachei
zurckzuziehen, hatte er ganz Siebenbrgen in der Hand, b is auf die kleine
Festung Karlsburg. Durch khne berraschungen, verwegene Manver,
Gewaltmrsche und das groe Vertrauen, das er durch sein eigenes Beispiel
bei seinen Truppen zu erwecken wute, durch geschickte Auswahl sicherer
Pltze und dadurch, da er im entscheidenden Moment stets Artillerieuntersttzung gewhrte, erwies er sich in diesem ersten Feldzug als erstklassiger General fr den Partisanenkampf und Kleinkrieg im Gebirge. Er
zeigte sich auch als Meister in der Kunst, schnell eine Armee aufzustellen
und zu disziplinieren; da er sich jedoch mit den ersten rohen Umrissen einer
Organisation zufriedengab und es vernachlssigte, einen Kern auserlesener
Truppen zu schaffen, was vor allem notwendig war, mute seine improvisierte Armee bei den ersten ernsten Mierfolgen wie ein Traum vergehen.
Als er in Siebenbrgen die Macht ausbte, verschaffte er sich dadurch
hohes Ansehen, da er die von den magyarischen Kommissaren beabsichtigten sinnlosen und unklugen Grausamkeiten verhinderte. Die Politik der Ausshnung zwischen den sich bekmpfenden Nationalitten half ihm, seine
Streitkrfte in einigen Monaten auf 40 000 bis 50 000 Mann zu erhhen, die
mit Kavallerie und Artillerie wohl versehen waren. Wenn trotzdem einige
bewundernswerte Manver - die Kampagne in das Banat11211, die er mit
dieser zahlenmig starken Armee unternahm - keine dauerhaften Ergebnisse brachten, so mu man bercksichtigen, da ihm durch die Zusammenarbeit mit dem unfhigen ungarischen General die Hnde gebunden waren.
Der Einfall starker russischer Krfte in Siebenbrgen und die darauffolgenden Niederlagen der Magyaren riefen Bern zum Schauplatz seines
ersten Feldzuges zurck. Nachdem er vergeblich versucht hatte, durch sein
Eindringen in das Moldaugebiet ein Ablenkungsmanver im Rcken des
Feindes durchzufhren, kehrte er nach Siebenbrgen zurck und wurde
dort am 31. Juli bei Schburg von den dreimal so starken russischen Truppen unter Lders vllig in die Flucht geschlagen. Er selbst entging der
Gefangennahme nur dadurch, da er in einen Morast sprang, aus dem ihn
zufllig einige versprengte ungarische Husaren befreien konnten. Nachdem
er die Reste seiner Armee gesammelt hatte, strmte er Hermannstadt am
[Link] zum zweiten Male, mute den Ort aber aus Mangel ein Verstrkung bald wieder aufgeben. Am [Link] wandte er sich nach einem
unglcklichen Gefecht wieder nach Ungarn zurck, wo er zur rechten Zeit
einkam, um die Niederlage in der entscheidenden Schlacht bei Temesvr [122]
mitzuerleben. Nach einem vergeblichen Versuch, bei Lugos zum letzten
Mal mit den verbliebenen meigyarischen Truppen Widerstand zu leisten,
kehrte er nach Siebenbrgen zurck, hielt sich dort gegen eine bermacht
bis zum [Link] und war dann gezwungen, auf trkischem Gebiet Zuflucht zu suchen.
Um sich ein neues Bettigungsfeld gegen Ruland zu schaffen, nahm
Bern den mohammedanischen Glauben an und erhielt vom Sultan die
Wrde eines Paschas unter dem Namen Amurat sowie ein Kommando in
der trkischen Armee; doch auf Vorstellungen der europischen Mchte
wurde Bern nach Aleppo verbannt. Es gelang ihm dort, einige blutige Exzesse zu unterdrcken, die im November 1850 von der mohammedanischen
Bevlkerung an christlichen Einwohnern verbt wurden [123] ; etwa einen
Monat spter starb er an einem heftigen Fieber, jede rztliche Hilfe dabei
ablehnend.
Geschrieben in der zweiten Septemberhlfte 1857.
Aus dem Englischen.
Karl Marx
Bessieres
Bessikres, Jean-Baptiste, Marschall des franzsischen Kaiserreichs, geboren in Praissac im Departement Lot am 6. August 1768, gefallen bei
Ltzen am [Link] 1813. Er trat 1791 in die Konstitutionelle Garde" tl24)
Ludwigs XVI. ein, diente als Unteroffizier bei den berittenen Chasseurs
der Pyrenen und wurde bald darauf Hauptmann der Chasseurs. Nach
dem Siege bei Roveredo am 4. September 1796 befrderte ihn Napoleon
auf dem Schlachtfeld zum Obersten. Whrend des italienischen Feldzugs
von 1796/1797 war er Kommandeur der Guiden [125 ' beim Oberbefehlshaber; dann war er Oberst derselben Truppe in Agypten[76) und blieb mit ihr
den grten Teil seines Lebens verbunden. 1802 wurde er zum Divisionsgeneral und 1804 zum Marschall des Kaiserreichs ernannt. Er focht in den
Schlachten von Roveredo, Rivolit74], Saint-Jean-d'Acre, Abukir und Marengo1781, wo er den letzten entscheidenden Kavallerieangriff befehligte,
sowie bei Austerlitz tll2! , Jena[126], Eylau1651 und Friedland1.1808 erhielt er
das Kommando ber eine Armee von 18 000 Mann, die in der spanischen
Provinz Salamanca stationiert war, und mute bei seiner Ankunft feststellen,
da General Cuesta eine Stellung zwischen Valladolid und Burgos bezogen
hatte und dadurch die Verbindungslinie von Madrid mit Frankreich abzuschneiden drohte. Bessieres griff ihn an und errang den Sieg von Medinade-Rioseco. Nach dem Fehlschlag der englischen Walcheren-Expedition11271
ernannte Napoleon Bessieres an Stelle von Bernadotte zum Kommandeur
der Armee in Belgien. Im selben Jahre (1809) wurde er Herzog von Istrien.
An der Spitze einer Kavalleriedivision schlug er den sterreichischen General
Hohenzollern in der Schlacht bei Eling2 in die Flucht. Whrend des Feldzugs nach Ruland war er Oberbefehlshaber der Gardekavallerie und bei der
Erffnimg des deutschen Feldzugs von 1813 Befehlshaber der gesamten
1
Bosquet11291
Bosquet, Marie-Joseph, Marschall von Frankreich, 1810 in Pau im
Departement Basses Pyren^es geboren. Er besuchte ab 1829 die Polytechnische Schule in Paris, ab 1831 die Militrschule in Metz, wurde 1833
Unterleutnant der Artillerie und ging als solcher mit dem 10. Artillerieregiment 1834 nach Algerien. Als sich dort einmal eine kleine franzsische
Abteilung in einer sehr kritischen Lage befand und der kommandierende
Offizier nicht wute, wie er seine Truppen aus dem Gefecht herausfhren
sollte, trat der junge Bosquet vor und entwickelte einen Plan, der zur vlligen Niederlage des Feindes fhrte. 1836 wurde er zum Leutnant, 1839 zum
Hauptmann, 1842 zum Major, 1845 zum Oberstleutnant und 1848 zum
Obersten befrdert und noch im gleichen Jahre unter der republikanischen
Regierung zum Brigadegeneral. Whrend des Feldzugs gegen die Kabylen
18511 wurde er verwundet, als er mit seiner Brigade den Engpa ber den
Menegal erstrmte. Seine Befrderung in den Rang eines Divisionsgenerals
wurde wegen seiner Zurckhaltung gegenber Louis-Napoleon unterlassen; aber als Truppen zum Kriege in die Trkei geschickt wurden, erhielt er das Kommando der 2. Division.
In der Schlacht an der Alma2 fhrte er den Umgehungsangriff des
franzsischen rechten Flgels auf den russischen linken Flgel mit einer
Energie und Schnelligkeit aus, die auch von den Russen anerkannt wurde,
und brachte sogar seine Artillerie durch weglose, als impraktikabel geltende Schluchten aufs Plateau. Es mu jedoch hinzugefgt werden, da er
bei dieser Gelegenheit einen an Zahl weit schwcheren Gegner vor sich
gehabt hat.
Bei Balaklawa war er sofort bei der Hand, den rechten englischen Flgel
zu degagieren, so da der Rest der englischen leichten Kavallerie sich unter
1
dem Schutz seiner Truppen zurckziehen konnte, und den Russen die Lust
verging, weiter vorzugehen.'130' Bei Inkerman war er schon frhmorgens
bereit, die Englnder mit 3 Bataillonen und 2 Batterien zu untersttzen. Da
dieses Anerbieten abgelehnt wurde, stellte er dann 3 franzsische Brigaden
hinter dem englischen rechten Flgel auf und rckte mit zwei dieser Brigaden um 11 Uhr in die Schlachtlinie, worauf die Russen den Rckzug antreten muten. Ohne diesen Entsatz wren die Englnder vollstndig vernichtet worden, da sie alle ihre Truppen engagiert und keine Reserven
mehr verfgbar hatten, whrend die Russen noch 16 frische Bataillone besaen. Bosquet hat sich also als Chef des Korps, das dazu bestimmt war,
die alliierten Streitkrfte am Tschornaja-Abhang zu decken, bei jeder Gelegenheit durch Promptheit, Wachsamkeit und Aktivitt ausgezeichnet. Er
nahm an dem Sturm auf den Malachow11311 teil und wurde danach zum
Marschall ernannt und 1856 zum Senator.
Geschrieben zwischen 22. und 29. September 1857.
Aus dem Englischen.
Karl Marx
Brune
Brune, Guillaume-Marie-Anne, Marschall des franzsischen Kaiserreichs, geboren am [Link] 1763 in Brives-la-Gaillarde, gestorben am
2. August 1815 in Avignon. Sein Vater sandte ihn nach Paris, damit er Jura
studiere, aber nach Verlassen der Universitt zwangen ihn finanzielle
Schwierigkeiten, Buchdrucker zu werden. Bei Ausbruch der Revolution
verffentlichte er gemeinsam mit Gautier und Jourgniac de Saint-M&rd
das Journal general de la Cour et de la Ville"'1321. Er schlo sich bald der
Partei der Revolution an, trat in die Nationalgarde ein und wurde ein leidenschaftliches Mitglied des Klubs der Cordeliers'1331. Sein hoher Wuchs, sein
kriegerisches Aussehen und sein strmischer Patriotismus machten ihn zu
einem der militrischen Fhrer des Volkes bei der Demonstration von 1791
auf dem Marsfeld, die von Lafayettes Nationalgarde zerschlagen wurde.'1341
Als man ihn ins Gefngnis warf und sich das Gercht verbreitete, die Anhnger des Hofes versuchten, sich seiner durch abscheuliche Mittel zu entledigen, war es Danton, der seine Befreiung erwirkte. Der Protektion des
letzteren, zu dessen prominenten Parteigngern er wurde, verdankte er
seine militrische Befrderung whrend der berhmten Septembertage
1792'1351 sowie seine pltzliche Erhebung in den Rang eines Obersten und
Generaladjutanten am 12. Oktober 1792. Er diente unter Dumouriez in Belgien, wurde gegen die Fderierten von Calvados gesandt, die unter General
Puisaye auf Paris marschierten, und schlug sie ohne groe Schwierigkeit.
Danach wurde er zum Brigadegeneral ernannt und nahm an der Schlacht
von Hondschoote11361 teil. Der Wohlfahrtsausschu betraute ihn mrt der
Mission, die aufstndischen Bewegungen in der Gironde niederzuschlagen,
was er mit uerster Hrte tat.'1371
Nach Dantons Verhaftung erwartete man, da er zur Befreiung seines
Freundes und Protektors herbeieilen wrde, aber er hielt sich in den ersten
Augenblicken der Gefahr klug zurck und brachte es fertig, ber die Zeit der
Schreckensherrschaft mit heiler Haut davonzukommen. Nach dem [Link] schlo er sich wiederum den damals siegreichen Dantonisten11381 an
und folgte Freron nach Marseille und Avignon. Am 13. Vendemiaire
(5. Oktober 1795) kmpfte er als einer der Bonaparte unterstellten Generale
gegen die aufrhrerischen Sektionen von Paris.11391 Nachdem er das Direktorium bei der Niederschlagung der Verschwrung im Lager von Grenelle
(9. Sept. 1796)11401 untersttzt hatte, trat er in die italienische Armee, in die
Division von Massena, ein und zeichnete sich whrend des ganzen Feldzugs
durch groe Unerschrockenheit aus. Bonaparte, der die Fhrer der Cordeliers sich geneigt machen wollte, schrieb einen Teil seines Erfolges bei
Rivoli den Anstrengungen Brnes zu, ernannte ihn auf dem Schlachtfelde
zum Divisionsgeneral und veranlate das Direktorium, ihn als Kommandeur
der zweiten Division der italienischen Armee einzusetzen, auf einen Posten,
der durch Augereaus Abreise nach Paris frei geworden war.
Nach dem Frieden von Campoformio11411 wurde er vom Direktorium
mit der Mission betraut, erst die Schweizer in Sicherheit zu wiegen, dann
ihre Rte zu entzweien und schlielich, als zu diesem Zweck eine Armee
konzentriert worden war, ber den Kanton Bern herzufallen und sich des
Staatsschatzes zu bemchtigen,wobei Brune es verga, ein Verzeichnis des
Raubes aufzustellen. Wiederum durch Manver, die mehr diplomatischen
als militrischen Charakter hatten, zwang er Karl Emanuel, den Knig von
Sardinien und offensichtlichen Verbndeten von Frankreich, ihm die Zitadelle von Turin auszuliefern (3. Juli 1798). Der Batavische Feldzug [142) ,
der etwa 2 Monate dauerte, bildet das groe Ereignis in Brnes militrischer Laufbahn. In diesem Feldzug schlug er die verbndeten englischen
und russischen Streitkrfte unter dem Herzog von York, der vor ihm kapitulieren und sich verpflichten mute, alle franzsischen Gefangenen herauszugeben, die die Englnder seit Beginn des Anti-Jakobiner-Kriegs gemacht
hatten. Nach dem Staatsstreich vom 18. Brumaire ernannte Bonaparte
Brune zum Mitglied des neu geschaffenen Staatsrats und schickte ihn dann
gegen die Royalisten der Bretagne.
Im Jahre 1800 zur italienischen Armee entsandt, besetzte Brune drei
feindliche Lager, die an der Volta errichtet worden waren, trieb den Feind
hinter diesen Flu und ergriff Manahmen, um den Flu sofort zu berschreiten. Seinen Befehlen entsprechend sollte die Armee den bergang
an zwei Stellen vollziehen: der rechte Flgel unter General Dupont zwischen einer Mhle am Ufer der Volta und dem Dorfe Pozzolo; der linke
Flgel unter Brune selbst bei Monbazon. Als der zweite Teil der Operationen auf Schwierigkeiten stie, gab Brune Befehl, seine Durchfhrung um
Friedrich Engels
Bombe
Bombe oder Granate - hohles Eisengescho fr schwere Kanonen und
Mrser, das mit Pulver gefllt ist und in betrchtliche Hhe geschossen
wird mit der Absicht, durch die Kraft seines Falls und seiner Explosion zu
wirken. Sie sind im allgemeinen die grten von allen Geschossen, da ein
Mrser, der krzer ist als jede andere Geschtzklasse, um so grer in
Durchmesser und Rohrmndung sein kann. Heute werden in der Regel
Bomben von 10, II und 13 Zoll verwandt; die Franzosen benutzten 1832
bei der Belagerung von Antwerpen11461 einen Mrser und Granaten mit
einem Kaliber von 24 Zoll, die in Belgien gegossen wurden. Das in einer
Bombe enthaltene Pulver wird durch einen Znder - eine Zndrhre, die
mit einer langsam brennenden Mischung gefllt ist, welche beim Abfeuern
des Mrsers Feuer fngt - zur Explosion gebracht. Diese Znder sind so
beschaffen, da das Gescho in so kurzer Zeit wie nur mglich nach Erreichen seines Ziels explodiert, manchmal unmittelbar bevor es den Boden
erreicht. Auer Pulver enthlt die Granate manchmal einige Brandstze
einer Valenciennes-Mischung[147], um brennbare Objekte anzuznden; es
wird jedoch behauptet, diese Brandstze seien nutzlos, da sie bei der Explosion in winzige Teilchen zerspringen, und die Brandwirkung von Granaten ohne solchen Zusatz sei um nichts geringer. Bomben werden in Winkeln
von 15 bis 45, in der Regel jedoch von 30 bis 45, geschleudert, wobei die
greren Geschosse mit kleineren Ladungen die verhltnismig grte
Schuweite bei etwa 45 haben, whrend kleinere Geschosse mit greren
Ladungen bei etwa 30 ihre grte Weite erreichen. Die Ladung ist in
allen Fllen verhltnismig klein: eine 13zllige Bombe, die 200 lbs. wiegt
und aus einem Mrser mit einer Elevation von 45 geschleudert wird, erreicht bei einer Ladung von 3V2 [Link] eine Schuweite von 1000 Yard,
bei einer Ladung von 20 lbs., d. h. 1 / 10 ihres Gewichts, 4200 Yard. Die
Wirkung einer solchen Bombe, die aus einer enormen Hhe herunter-
kommt, ist betrchtlich, wenn sie auf zerstrbare Objekte fllt. Sie durchschlgt alle Etagen eines Hauses und Gewlbedecken von betrchtlicher
Strke; obwohl eine 13zllige Granate nur etwa 7 lbs. Pulver enthlt, gleicht
ihre Explosivwirkung der einer Mine, und die Splitter fliegen, wenn sie auf
keine Hindernisse stoen, 800 bis 1000 Yard weit. Wenn sie aber auf
weichen Boden fllt, grbt sie sich bis zu einer Tiefe von 8 bis 12 Fu in die
Erde und erstickt oder explodiert, ohne Schaden zu verursachen. Bomben
werden daher oft als kleine Minen oder fougasses benutzt, die an solchen
Stellen, wo der Feind passieren mu, etwa einen Fu tief in die Erde eingebettet werden; um sie zu entznden, benutzt man eine langsam brennende Lunte oder Zndschnur. In dieser Gestalt tauchen sie zum ersten
Mal in der Geschichte auf: Die Chinesen verwandten nach ihren Chroniken
mehrere Jahrhunderte vor unserer Zeit mit berstenden Mischungen und
kleinen Metallstcken gefllte Metallkugeln, die mit Hilfe einer langsam
brennenden Lunte entzndet wurden. Man benutzte sie zur Verteidigung
von Defileen, indem man sie dort bei Annherung des Feindes niederlegte. 1232, bei der Belagerung von Kai-fang-fu, lieen die Chinesen whrend eines Angriffs von den Brustwehren Bomben auf die anstrmenden
Mongolen hinunterrollen. Machmud-Schah von Gudscherat schleuderte
bei der Belagerung von Champaneer im Jahre 1484 Bomben in die Stadt.
In Europa schssen zu Beginn des 14. Jahrhunderts - nicht zu erwhnen
frhere Flle zweifelhafteren Charakters - die Araber in Spanien und nach
ihnen die Spanier Granaten und Brandgeschosse aus Geschtzen; aber die
Kostspieligkeit und die Schwierigkeit, Hohlgeschosse herzustellen, verhinderten lange ihre breitere Verwendung. Erst seit der Mitte des ^ . J a h r hunderts sind sie ein wichtiger Bestandteil der Belagerungsartillerie geworden.
Geschrieben um den 5. Oktober 1857.
Aus dem Englischen.
Friedrich Engels
Bombardier
Bombardier - ursprnglich der Soldat, der einen Mrser in der Mrserbatterie bedient, heute aber in einigen Armeen auch Bezeichnung fr einen
Unteroffizier der Artillerie, mit einer etwas niedrigeren Charge als der
Sergeant. Die Hauptaufgabe eines Bombardiers ist im allgemeinen das
Richten des Geschtzes. In sterreich hat man ein Bombardierkorps gebildet, das eine Schule zur Ausbildung von Artillerieunteroffizieren ist,
eine Institution, die viel zur wirksamen und wissenschaftlichen Art der Bedienung ihrer Kanonen beigetragen hat, wodurch sich diese Waffengattung
der sterreichischen Armee auszeichnet.
Geschrieben um den 5. Oktober 1857.
Aus dem Englischen.
Friedrich Engels
Bombardement
Bombardement - die Beschieung einer Stadt oder Festung mit Bomben
oder Granaten, um sie in Brand zu setzen. Ein Bombardement erfolgt entweder unsystematisch, wenn Schiffe, Feldbatterien oder eine verhltnismig geringe Zahl von Belagerungsbatterien Granaten auf einen Ort abfeuern, um die Einwohner und die Garnison einzuschchtern und zu einer
schnellen bergabe zu veranlassen, sowie zu anderen Zwecken; oder das
Bombardement erfolgt systematisch und stellt dann eine der Methoden der
Vorbereitung eines Angriffs auf einen befestigten Ort dar. Der Angriff
durch systematisches Bombardement wurde zum ersten Mal von den Preuen
1815, nach der Schlacht bei Waterloo'511, bei der Belagerung der Festungen
in Nordfrankreich eingefhrt. Da die franzsische Armee und die Anhnger
Bonapartes damals sehr entmutigt waren und die brige Bevlkerung sich
nach Frieden sehnte, glaubte man, in diesem Falle auf die Formalitten des
alten methodischen Angriffs verzichten und statt dessen ein kurzes und
schweres Bombardement durchfhren zu knnen, das Brnde und Explosionen von Magazinen verursachen und allen Einwohnern des Ortes die
Nachtruhe rauben wrde. Dadurch hoffte man in kurzer Zeit eine bergabe zu erzwingen, und zwar entweder durch den moralischen Druck der
Einwohner auf den Kommandanten oder durch das tatschliche Ausma
der verursachten Zerstrungen sowie durch Erschpfung der Garnison. Der
systematische Angriff durch direktes Feuer auf die Verteidigungsanlagen
wurde zwar weiterhin angewandt, doch war er nun im Vergleich zum
Vertikalfeuer und Beschu aus schweren Haubitzen zu einem zweitrangigen
Mittel geworden. In einigen Fllen war ein unsystematisches Bombardement ausreichend, in anderen jedoch mute man zu einem systematischen
Bombardement bergehen; aber in beiden Fllen wurde das Ziel erreicht.
Heutzutage ist es eine Maxime in der Belagerungstheorie, da es ebenso
wichtig ist (wenn nicht wichtiger), durch Vertikalfeuer die Ressourcen zu
Friedrich Engels
Bombardiergaliote
Bombardiergaliote - ein Ausdruck, heute allgemein zur Bezeichnung von
Kanonenbooten lteren Typs (galiotes a bombes) angewandt. Sie wurden
ziemlich stabil gebaut, damit sie der von dem Rcksto des Mrsers verursachten Erschtterung standhalten konnten; sie waren 60 bis 70 Fu
lang, hatten eine Tragfhigkeit von 100 bis 150 Bruttoregistertonnen und
einen Tiefgang von 8-9 Fu und waren in der Regel Zweimaster. Auf
ihnen befanden sich gewhnlich zwei Mrser und einige Kanonen. Die
Segelfhigkeit dieser Schiffe war natrlich sehr gering. Ein Tender, im allgemeinen eine Brigg, war ihnen beigegeben, auf dem sich die Kanoniere und
der grere Teil der Munition befanden, bis der Kampf begann.
Geschrieben um den 5. Oktober 1857.
Aus dem Englischen.
Friedrich Engels
Bombenschiff
Bombenschiff oder Mrserboot - die gebruchliche Bezeichnung fr den
moderneren Typ von Schiffen, die mit Mrsern bestckt sind. Bis zum
russischen Kriege 1 hatten diese Schiffe der britischen Flotte 8 oder 9 Fu
Tiefgang und waren auer mit zwei 10-ZolI-Mrsern noch mit vier Achtundsechzigpfndem und sechs achtzehnpfndigen Karronaden bestckt.
Als der russische Krieg die Seekriegfhrung in seichten Gewssern und
einem Netz von Kanlen notwendig machte und wegen der starken Seefronten der russischen Festungen, die"jedem direkten Angriff durch Schiffe
widerstanden, Mrserboote erforderlich wurden, mute ein neuer Typ von
Bombenschiffen entwickelt werden. Die so neuerbauten Schiffe sind etwa
60 Fu lang, haben eine groe Breite im Rumpf, einen runden Bug wie eine
hollndische Galeone, einen flachen Kiel, 6 oder 7 Fu Tiefgang, und werden mit Dampf angetrieben. Sie sind mit zwei zehn- bis dreizehnzlligen
Mrsern sowie einigen Feldkanonen oder Karronaden bestckt, um Enterkommandos durch Karttschenfeuer zurckzuschlagen, haben aber keine
schweren Geschtze. Sie wurden mit groer Wirkung bei Sweaborg'1491
angewandt, das sie aus einer Entfernung von 4000 Yard bombardierten.
Geschrieben um den 5. Oktober 1857.
Aus dem Englischen.
Krimkrieg 1853-1856
Friedrich Engels
Bombensicher
Bombensicher - die Beschaffenheit einer Bedachung, stark genug, der
Erschtterung durch darauffallende Bomben standzuhalten. Bei den gegenwrtig gebruchlichen auerordentlich groen Kalibern ist es fast unmglich und sicherlich bis jetzt fr die meisten bombensicher gedeckten Gebude nicht ntig, nach absoluter Sicherheit vor Vertikalfeuer zu trachten.
Ein rundes Gewlbe von 31l2 Fu Strke am Schlustein wird den meisten
Granaten standhalten, und selbst eine einzelne 13zllige Granate knnte
nicht durchschlagen, eine zweite jedoch in den meisten Fllen. Absolut
bombensichere Bauwerke sind daher nur Pulvermagazine, Laboratorien
etc., wo eine einzige Granate eine ungeheure Explosion verursachen
wrde. Starke Gewlbe, mit 3 oder 4 Fu Erde bedeckt, bieten die grte
Sicherheit. Fr gewhnliche Kasematten brauchen die Decken nicht so
stark zu sein, da es wenig wahrscheinlich ist, da Granaten wieder auf dieselbe Stelle auftreffen. Zum provisorischen Schutz gegen Granaten sichert
man die Gebude durch eine Decke aus dicht aneinandergelegte Balken,
ber denen man Faschinen anbringt, auf die etwas Dung und schlielich
Erde gestreut werden. Die Einfhrung von kasemattierten Batterien und
Forts sowie Defensivkasematten, die gewhnlich am inneren Abhang des
Walls entlang, jedoch nicht weit von ihm eingelegt sind, hat die Zahl der
bombensicheren Gebude in Festungen bedeutend vermehrt; bei der
gegenwrtigen Methode, heftige, Tag und Nacht andauernde Bombardements mit einem regulren Angriff auf eine Festung zu kombinieren, kann
von einer Besatzung nicht erwartet werden, da sie standhlt, wenn keine
wirksame Deckung vorhanden ist, unter deren Schutz die dienstfreien
Soldaten ausruhen und ihre Krfte wiederherstellen knnen. Deshalb wird
die Anlage solcher Bauwerke beim Bau moderner Festungen wahrscheinlich
in noch strkerem Mae erfolgen.
Geschrieben um den 5. Oktober 1857.
Aus dem Englischen.
Friedrich Engels
Brcke11501
Brche, militrische. - Die Kunst, provisorische Brcken zum berschreiten von groen Flssen und schmalen Meeresarmen durch Truppen
zu bauen, war schon den Alten wohlbekannt, deren Bauwerke in dieser Hinsicht manchmal von erstaunlicher Gre sind. Darius berschritt den Bosporus und die Donau und Xerxes den Hellespont auf Schiffsbrcken, deren
Beschreibung wir bei Herodot finden. Die Armee des Xerxes schlug
2 Brcken ber die Dardanellen, die erste aus 360 Schiffen, die an Bug und
Heck lngsseits verankert waren, und deren Kiele stromabwrts zeigten;
die Khne waren miteinander durch starke Taue verbunden, ber welche
Bohlen gelegt wurden, die an beiden Seiten durch Querhlzer befestigt und
in Erde gebettet waren. Die zweite Brcke hatte 314 Schiffe und war hnlich
gebaut. Nach Arrianos war der Armee Alexanders ein regulrer PontonTrain mit leichten Khnen angeschlossen. Die Rmer hatten mit Tierhuten
bezogene Fahrzeuge aus Flechtwerk, welche die hlzerne Plattform einer
Brcke tragen sollten; sie bildeten bis zum Ende des Imperiums einen Teil
des Trains ihrer Armeen. Sie verstanden es aber auch, eine festere Kriegsbrcke zu schlagen, wenn ein reiender Flu zu berqueren war, wie die
berhmten Pfahlbrcken beweisen, auf denen Csar den Rhein berschritt.'1511
Wir finden keinen Hinweis, da es im Mittelalter besondere Brckenausrstung gegeben hat, aber im Dreiigjhrigen Kriege'371 fhrten die verschiedenen beteiligten Armeen Material mit sich, um Brcken ber die
groen Flsse Deutschlands zu schlagen. Die dazu verwandten Schiffe
waren sehr schwer und im allgemeinen aus Eichenholz. Der Bodenbelag der
Brcke wurde auf Bcke gelegt, die auf den Bden dieser Schiffe standen.
Die Hollnder verwendeten als erste ein kleineres Fahrzeug mit flachem
Boden, fast senkrechten Seiten und spitzem Bug und Heck, bei denen beide
Enden in einer geneigten Flche ber die Wasseroberflche hinausragten.
Sie bestanden aus einem hlzernen Bootsgerippe, das mit Blechen bezogen
war; diese Fahrzeuge nannte man Pontons. Nach Folard nehmen auch die
einem hnlichen Bootsgerippe, das mit Leder berzogen ist. Die Preuen
sollen die ersten gewesen sein, die ihre Pontons quer in Abschnitte geteilt
haben, um zu verhindern, da sie durch ein Leck sinken knnen. Ihre Pontons sind aus Holz und haben flache Bden. Die Spannweite oder lichte
Entfernung zwischen den Pontons variiert beim Bau von Brcken je nach
Umstnden zwischen 8 und 16 Fu. Seit 1832 haben die Hollnder und die
Piemontesen Ponton-Trains, die denen in der sterreichischen Armee hnlich sind. Der belgische Ponton hat einen spitzen Bug, ist aber am Heck
nicht verjngt. In allen Armeen des Kontinents fhrt der Ponton-Train
kleine Boote zum Ausbringen der Anker mit sich.
Die britische Armee und die der Vereinigten Staaten haben die Verwendung von Booten fr die Bildung ihrer Ponton-Trains gnzlich abgeschafft und auf allen Seiten geschlossene Hohlzylinder aus leichtem Material zum Tragen ihrer Brcken eingefhrt. In England wurden 1836 die
zylindrischen Pontons mit konischen, hemisphrischen oder parabolischen
Enden, wie sie 1828 von Oberst Blanchard konstruiert worden sind, eingefhrt und alle anderen Arten abgeschafft. Der grere britische Ponton
ist 24x/2 Fu lang und 2 Fu 8 Zoll im Durchmesser. Er ist aus Weiblech
hergestellt, das um eine Reihe von Blechreifen gelegt ist, die durch Speichen in Form von Hohlzylindern aus Blech gehalten werden. Ein grerer
Blechzylinder von 1/4 Zoll im Durchmesser bildet ihre gemeinsame Achse
und verluft durch die ganze Lnge des Pontons.
In den Vereinigten Staaten sind Experimente mit zylindrischen Pontons
aus Gummi gemacht worden. 1836 baute Hauptmann (spter Oberst) Lane
mit solchen Pontons Brcken ber einen tiefen und reienden Flu in
Alabama, und 1839 bot Armstrong hnliche Schwimmkrper an, die in aufgeblasenem Zustand 18 Fu lang und 18 Zoll im Durchmesser waren und
je 39 lbs. wogen und von denen drei ein Brckenglied bilden sollten. Pontons aus aufgeblasenem Gummi wurden 1846 in der Armee der Vereinigten
Staaten eingefhrt und im Krieg gegen Mexiko11521 verwendet. Sie sind
wegen ihres geringen Gewichts und des wenigen Raums, den sie zusammengefaltet einnehmen, sehr leicht zu tragen, teilen aber, da sie durch
Reibung auf Kies usw. leicht beschdigt und unbrauchbar werden, die gewhnlichen Mngel aller zylindrischen Pontons. Diese-bestehen in folgendem: Wenn sie bis zur Hlfte ihrer Hhe im Wasser sind, wird ihr Tiefgang
bei gleichbleibender Belastung immer grer, also das Gegenteil von dem,
was der Fall sein sollte; in den Enden ihrer Zylinder verfangen sich auerdem leicht Schwemmstoffe, und schlielich mssen jeweils zwei durch einen
Bodenbelag zu einem Flo verbunden werden, ehe man sie im Wasser
bewegen kann, whrendPontons aus Khnen genauso zu unabhngiger Bewegung im Wasser fhig sind wie gewhnliche Boote und dazu dienen knnen,
eine Truppenabteilung schnell ber den Flu zu rudern. Um die Tragkraft des zylindrischen Pontons mit der des Schiffspontons zu vergleichen,
mag folgendes gengen: Der franzsische Ponton trgt etwa 20 Fu der
Brcke und hat eine Tragfhigkeit (ohne das Gewicht des Oberbaus) von
mehr als 150 cwt. Ein britisches Flo von zwei Pontons, das etwa die gleiche
Brckenlnge trgt, hat eine Tragfhigkeit, ohne den Oberbau, von nur
77 cwt., wobei nur die Hlfte dieser Belastung die Sicherheit garantiert.
Auer den Pontons umfat ein Ponton-Train Ruder, Bootshaken, Anker, Taue etc., die ntig sind, um die Pontons im Wasser fortzubewegen
und sie an ihrem Platz zu befestigen, sowie Balken und Bohlen (Brckenbelag) fr die Fahrbahn der Brcke. Bei Verwendung von Schiffspontons
wird im allgemeinen jeder Ponton an seiner Stelle festgemacht und dann die
Balken und Brckenbohlen darbergelegt; bei zylindrischen Pontons werden zwei zu einem Flo verbunden, das in der entsprechenden Entfernung
vom Ende der Brcke verankert und mit ihm durch Balken und Brckenbohlen verbunden wird. Wo es die Umstnde zulassen, werden ganze Glieder, die aus 3, 4 oder 5 berbrckten Pontons bestehen, in geschtzten
Pltzen oberhalb der fr die Brcke vorgesehenen Stelle errichtet und nacheinander in ihre Positionen eingeschwommen. In einigen Fllen wird mit
sehr erfahrenen Pontonnieren die ganze Brcke auf einem Ufer des Flusses
gebaut und mit Hilfe der Strmung herumgeschwenkt, wenn der bergang
vollzogen werden soll. So verfuhr Napoleon, als er am Tag vor der Schlacht
bei Wagram1801 seine Armee ber die Donau brachte. Dieser ganze Feldzug ist auerordentlich lehrreich, besonders was das berqueren groer
Flsse mit Hilfe von Kriegsbrcken angesichts des Gegners betrifft.
Ponton-Trains sind indessen nicht immer verfgbar, und daher mu der
Genieoffizier darauf vorbereitet sein, im Notfall ohne sie eine Brcke ber
einen Flu zu schlagen. Fr diesen Zweck gibt es die verschiedensten
Materialien und Bauweisen. Die greren Schiffsarten, die sich gewhnlich
auf schiffbaren Flssen finden, werden zum Bau von Schiffsbrcken verwendet. Wenn es keine Khne gibt und die Tiefe des Flusses oder die
Beschaffenheit des Flubodens die Verwendung von schwimmenden Trgern notwendig machen, knnen Fle aus Baumstmmen oder Fssern
und andere schwimmfhige Krper benutzt werden. Wenn der Flu seicht
ist und einen festen und leidlich ebenen Grund hat, werden stehende
Trger gebaut, die entweder aus Jochen bestehen, welche die haltbarste und
sicherste Brckenart bilden, aber viel Zeit und Arbeit erfordern, oder aus
Bcken, die leicht und schnell hergestellt werden knnen. Manchmal bilden Wagen, die mit Faschinen usw. beladen und an den tieferen Stellen des
Flusses versenkt werden, den geeigneten Untergrund fr den Bodenbelag
einer Brcke. berschwemmte Gebiete, Morste etc. werden mit Hilfe
von Schanzkrben berbrckt. Fr schmale Flsse und enge Schluchten,
die nur von Infanterie berquert werden mssen, werden verschiedene
Arten von Hngebrcken verwendet, die gewhnlich durch starke Taue gehalten werden.
Das Schlagen einer Kriegsbrcke unmittelbar unter dem Feuer des
Feindes kommt heutzutage nur selten vor; doch darf die Mglichkeit des
Widerstandes niemals auer acht gelassen werden. Aus diesem Grunde
wird die Brcke im allgemeinen in einem einspringenden Bogen des Flusses
geschlagen, so da die rechts und links placierte Artillerie das Terrain des
gegenberliegenden Ufers nahe der Stelle, wo die Brcke enden soll, beherrscht und so ihren Bau deckt. Das konkave Ufer ist auerdem gewhnlich hher als das konvexe, und somit kommt in den meisten Fllen zum
Vorteil des Kreuzfeuers noch der Vorteil der beherrschenden Stellung hinzu.
Die Infanterie wird in Booten oder Pontons hinbergerudert und unmittelbar vor der Brcke in Stellung gebracht. Eine schwimmende Brcke kann
gebaut werden, um Kavallerie und einige leichte Geschtze berzusetzen.
Ist ein Flu durch Inseln in mehrere Arme geteilt oder eine Stelle direkt
unterhalb der Einmndung eines kleineren Flusses vorhanden, so ist das
ebenfalls von Vorteil. Im letzteren, manchmal aber auch im ersten Falle
knnen die einzelnen Glieder der Brcke an einer gedeckten Stelle des
Flusses zusammengesetzt und dann mit der Strmung eingeschwommen
werden. Die angreifende Seite, die gewhnlich zwischen vielen gnstigen
Punkten an einem langen Fluabschnitt zu whlen hat, kann ihren Gegner
leicht durch Scheinangriffe tuschen und dann den wirklichen bergang an
einem entfernten Punkt durchfhren. Die Gefahr der Zersplitterung der Verteidigungskrfte an solch einem langen Fluabschnitt ist so gro, da man
es gegenwrtig vorzieht, sie in einiger Entfernung vom Flu konzentriert
zu halten und sie geschlossen gegen den wirklichen bergangspunkt zu
fhren, sobald er ausfindig gemacht worden ist und ehe der Feind seine
gesamte Armee hinberbringen konnte. Das sind die Grnde dafr, da
der Brckenschlag ber einen der greren Flsse Europas in keinem der
Kriege seit der Franzsischen Revolution auf ernsten Widerstand stie.
Geschrieben um den 14. Oktober 1857.
Aus dem Englischen.
Karl Marx
Bernadette1'531
Bernadotte, Jean-Baptiste-Jules, Marschall des franzsischen Kaiserreichs, Frst von Pontecorvo und, unter dem Namen Karl XIV. Johann,
Knig von Schweden und Norwegen, wurde am 26. Januar 1764 zu Pau im
Departement Basses Pyr6nes geboren und starb am 8. Mrz 1844 im
kniglichen Palast zu Stockholm. Er war der Sohn eines Advokaten und
wurde fr diesen Beruf ausgebildet; aber seine militrischen Neigungen veranlaten ihn, sich 1780 heimlich bei der kniglichen Marine zu melden,
wo er bei Ausbruch der Franzsischen Revolution in den Rang eines
Sergeanten aufgerckt war. Damals begann sein schneller Aufstieg. 1792
diente er bereits als Oberst in der Armee von Custine, kommandierte 1793
eine Halbbrigade, wurde noch im selben Jahre durch die Gnnerschaft
KUbers zum Brigadegeneral befrdert und trug als Divisionsgeneral der
Sambre- und Maas-Armee unter Kleber und Jourdan zum Sieg bei Fleurus
am 26. Juni 1794, zum Erfolg bei Jlich und zur Kapitulation von Maastricht bei.[154] Er leistete ebenfalls gute Dienste im Feldzug von 1795/1796
gegen die sterreichischen Generale Clerfayt und Kray sowie den Erzherzog
Karl. Als er Anfang 1797 vom Direktorium den Auftrag erhielt, 20 000 Mann
als Verstrkung zur italienischen Armee zu fhren, bestimmte sein erstes
Zusammentreffen mit Napoleon in Italien ihre knftigen Beziehungen.
Trotz der ihm eigenen Gromtigkeit hegte Napoleon eine kleinliche
und mitrauische Eifersucht gegenber der Rhein-Armee und ihren
Generalen. Er begriff sofort, da Bernadotte eine unabhngige Karriere
anstrebte. Der letztere war zu sehr Gascogner, um nicht seinerseits den
Abstand zwischen einem Genie wie Napoleon und einem Mann von Talent
wie er selbst richtig einzuschtzen. Daher ihre gegenseitige Abneigung.
Whrend der Invasion in Istrien'155' zeichnete sich Bernadotte beim bergang ber den Tagliamento, wo er die Vorhut befehligte, und bei der Einnahme der Festung Gradisca am 19. Mrz 1797 aus.
Folgen des von Bernadotte vorstzlich gemachten groben Fehlers ab. Napoleon unterzeichnete einen Befehl, Bernadotte vor ein Kriegsgericht zu stellen, hob ihn aber nach weiteren Erwgungen wieder auf. Nach der Schlacht
bei Jena schlug Bernadotte gemeinsam mit Soult und Murat die Preuen
am 17. Oktober bei Halle, verfolgte den preuischen General Blcher bis
nach Lbeck und trug zu dessen Kapitulation bei Ratekau am 7. November
1806 bei. Auerdem schlug er die Russen am 25. Januar 1807 in den Ebenen
bei Mohrungen, unweit Thorn.
Nach dem Frieden von Tilsit sollten franzsische Truppen gem dem
zwischen Napoleon und Dnemark geschlossenen Bndnis die Dnischen
Inseln besetzen, um von dort aus gegen Schweden vorzugehen.11581 In
Ubereinstimmung damit erhielt Bernadotte am 23. Mrz 1808, demselben
Tage, da Ruland in Finnland einfiel, den Befehl, nach Seeland vorzurcken,
um zusammen mit den Dnen in Schweden einzudringen, dessen Knig1
zu entthronen und das Land zwischen Dnemark und Ruland aufzuteilen eine seltsame Mission fr einen Mann, der bald darauf in Stockholm regieren sollte. Er berquerte den Belt und traf an der Spitze von 32 000 Franzosen, Hollndern und Spaniern auf Seeland ein, wobei 10 000 Spanier
unter dem Kommando von General de la Romana es fertigbrachten, sich mit
Hilfe der englischen Flotte davonzumachen. Bernadotte unternahm nichts
und bewirkte nichts bei seinem Aufenthlt auf Seeland. Nach Deutschland
zurckgerufen, um dort an dem neuen Krieg zwischen Frankreich und
sterreich teilzunehmen, erhielt er das Kommando ber das hauptschlich aus Sachsen bestehende neunte Korps.
Die Schlacht bei Wagram am 5. und 6. Juli 18091801 gab seinen Miverstndnissen mit Napoleon neue Nahrung. Am ersten Schlachttage wurde
Eugene Beauharnais, der in der Nhe von Wagram vorgerckt und in die
Mitte der feindlichen Reserven gestoen war, nicht gengend von Bernadotte untersttzt, der mit seinen Truppen zu spt und nicht entschieden
genug eingegriffen hatte. In Front und Flanke angegriffen, wurde Eugene
heftig auf Napoleons Garde zurckgeworfen, und der erste Schock des
franzsischen Angriffs wurde somit durch Bernadottes laues Benehmen
abgeschwcht, der whrenddessen das Dorf Adlerklaa im Zentrum der
franzsischen Armee, aber etwas vor der franzsischen Linie, besetzt hatte.
Am folgenden Tage, um sechs Uhr frh, als die sterreicher zu einem
konzentrischen Angriff vorrckten, stand Bernadotte vor Adlerklaa, anstatt
dieses Dorf zu besetzen und in seine Frontlinie einzubeziehen. Als die ster1
reicher kamen, fand er diese Position zu gewagt und zog sich auf ein Plateau
hinter Adlerldaa zurck, aber lie das Dorf unbesetzt, das Bellegardes sterreicher sofort besetzten. Hierdurch wurde das franzsische Zentrum gefhrdet, und Massna, der es kommandierte, schickte eine Division vor, die
Adlerklaa wieder nahm, aber von d'Aspres Grenadieren abermals herausgeworfen wurde. Jetzt kam Napoleon selbst und bernahm die Leitung,
entwarf einen neuen Schlachtplan und vereitelte dadurch die Manver der
sterreicher. So hatte also Bernadotte wiederum, wie bei Auerstedt, den Erfolg des Tages gefhrdet. Er seinerseits beklagte sich darber, da Napoleon
unter Verletzung aller militrischen Regeln General Dupas, dessen franzsische Division zu Bernadottes Korps gehrte, befohlen hatte, selbstndig
unter Umgehung seines, nmlich Bernadottes, Kommandos zu handeln.
Der von ihm eingereichte Abschied wurde angenommen, nachdem Napoleon von einem Tagesbefehl erfahren hatte, den Bernadotte an seine
Sachsen gerichtet hatte und der nicht mit dem kaiserlichen Bulletin bereinstimmte.
Kurz nach seiner Ankunft in Paris, wo er mit Fouch6 zu intrigieren begann, veranlate die Walcheren-Expedition (30. Juli 1809)11271 das franzsische Ministerium in Abwesenheit des Kaisers, Bernadotte mit der Verteidigung Antwerpens zu betrauen. Die groben Fehler der Englnder
machten ein Vorgehen Bernadottes unntig; aber er benutzte die Gelegenheit, in einer an seine Truppen gerichteten Proklamation die Beschuldigung
gegen Napoleon einzuflechten, da dieser es unterlassen habe, die notwendigen Manahmen zur Verteidigung der belgischen Kste einzuleiten..
Er wurde seines Postens enthoben. Als er bei seiner Rckkehr nach Paris
aufgefordert wurde, die Stadt zu verlassen und sich auf sein Frstentum
Pontecorvo zu begeben und sich weigerte, diesem Befehl nachzukommen,
wurde er nach Wien bestellt. Nach mehreren heftigen Auseinandersetzungen mit Napoleon in Schnbrunn [I59) bernahm er das Generalgouvernement von Rom, eine Art Ehrenexil.
Die Umstnde, die zu seiner Wahl zum Kronprinzen von Schweden
fhrten, waren noch lange nach seinem Tode nicht vllig geklrt. Karl XIII.
sandte, nachdem er Karl August, den Herzog von Augustenburg, als Sohn
und Erben der schwedischen Krone adoptiert hatte, Graf Wrede nach Paris,
um fr den Herzog um die Hand der Prinzessin Charlotta, der Tochter von
Lucien Bonaparte, anzuhalten. Nach dem pltzlichen Tode des Herzogs von
Augustenburg am [Link] 1810 drngte Ruland Karl XIII. zur Adoption
des Herzogs von Oldenburg, whrend Napoleon die Ansprche Friedrichs VI., des Knigs von Dnemark, untersttzte. Der alte Knig selbst
bot die Thronfolge dem Bruder des verstorbenen Herzogs von Augustenburg an und schickte Baron Mrner mit Instruktionen zu General Wrede,
die diesem zur Pflicht machten, Napoleon von der Wahl des Knigs zu
berzeugen. Mrner jedoch, ein junger Mann, der zu der sehr groen einflureichen Partei in Schweden gehrte, die damals die Wiedergeburt ihres
Landes nur durch ein enges Bndnis mit Frankreich erhoffte, nahm es bei
seiner Ankunft in Paris auf sich, im Einverstndnis mit Lapie, einem jungen
franzsischen Genieoffizier, mit Signeul, dem schwedischen Generalkonsul,
und mit Graf Wrede selbst, Bernadotte als Kandidaten fr den schwedischen
Thron vorzuschlagen, wobei sie alle darauf bedacht waren, ihre Schritte
vor Graf Lagerbjelke, dem schwedischen Minister in den Tuilerien, geheimzuhalten; auerdem waren alle durch eine Reihe von Miverstndnissen, die Bernadotte geschickt aufrechterhielt, fest davon berzeugt, da
dieser tatschlich der Kandidat Napoleons war. Demgem schickten
Wrede und Signeul am 29. Juni Depeschen an den schwedischen Minister
fr Auswrtige Angelegenheiten, worin sie ankndigten, da Napoleon sehr
erfreut wre, wenn die knigliche Thronfolge seinem Vertreter und Verwandten angeboten wrde. Trotz des Widerstandes seitens Karl XIII.
whlte der Reichstag zu Oerebro am 21. August 1810 Bernadotte zum Kronprinzen von Schweden. Der Knig war ebenfalls gezwungen, ihn als seinen
Sohn unter dem Namen Karl Johann zu adoptieren. Napoleon befahl
Bernadotte widerwillig und uerst ungndig, die angebotene Wrde anzunehmen. Bernadotte, der am 28. September 1810 Paris verlassen hatte,
landete am 21 .Oktober in Heisingborg, schwor dort dem katholischen Glauben ab, kam am [Link] in Stockholm an, nahm am [Link] an
der Versammlung der Reichsstnde teil und bernahm von diesem Moment
an die Zgel des Staates. Seit dem unglcklichen Frieden zu Frederikshamm 1661 war der vorherrschende Gedanke in Schweden die Wiedereroberung Finnlands, ohne welches angeblich, wie Napoleon am 28. Februar
1811 an Alexander schrieb, Schweden aufgehrt hatte zu existieren", zumindest als eine von Ruland unabhngige Macht. Nur durch ein enges
Bndnis mit Napoleon konnten die Schweden hoffen, diese Provinz wiederzuerlangen. Und dieser berzeugung verdankte Bernadotte seine Wahl.
Whrend der Erkrankung des Knigs, die vom 17. Mrz 1811 bis 7. Januar
1812 dauerte, wurde Karl Johann zum Regenten bestimmt; aber das war
nur eine Frage der Etikette, denn er fhrte bereits vom Tage seiner Ankunft
an alle Geschfte.
Napoleon, selbst zu sehr Parven, um die empfindlichen Stellen seines
Exleutnants zu schonen, zwang ihn am [Link] 1810-entgegen einer
ratifizieren und ermglichte dadurch dem russischen Admiral Tschitschagow, seine Truppen von den Donau-Ufern abzuziehen und an der Flanke
der franzsischen Armee zu operieren. Er vermittelte ebenfalls beim Frieden von rebro, der am 18. Juli 1812 zwischen England auf der einen und
Ruland und Schweden auf der anderen Seite geschlossen wurde.'1611 Alexander, ber die ersten Erfolge Napoleons bestrzt, lud Karl Johann zu
einer Unterredung ein und bot ihm gleichzeitig den Oberbefehl ber die
russischen Armeen an. Karl Johann, der klug genug war, das letztere Angebot abzulehnen, nahm die Einladung an. Am 27. August traf er in Abo
ein, wo er Alexander sehr niedergedrckt und zu Friedensangeboten geneigt
vorfand. Da er selbst schon zu weit gegangen war, um noch zurck zu knnen,
rttelte er den schwankenden Zaren auf, indem er ihm nachwies, da die
scheinbaren Erfolge Napoleons zu dessen Untergang fhren mten. Die
Zusammenkunft endete mit dem sogenannten Vertrag von Abo[1621, dem
ein geheimer Artikel beigefgt war, der dem Bndnis den Charakter eines
Familienvertrages gab. Tatschlich erhielt Karl Johann nichts als Versprechungen, whrend Ruland sich ohne das geringste Opfer das in jenem
Augenblick unschtzbare Bndnis mit Schweden sicherte. Durch authentische Berichte ist es krzlich besttigt worden, da es damals allein von
Bernadotte abhing, Finnland an Schweden zurckzubringen; aber der Gascogner Herrscher, verfhrt durch Alexanders Schmeichelei, da eines Tages
die franzsische Kaiserkrone, wenn sie von Napoleons Haupt falle, auf seinem
ruhen knnte", betrachtete Schweden bereits als einen bloen pis aller 1 .
Nach dem Rckzug der Franzosen aus Moskau brach er offiziell die
diplomatischen Beziehungen zu Frankreich ab, und als England ihm durch
den Vertrag vom 3. Mrz 1813 Norwegen garantierte, trat er der Koalition
bei.11631 Ausgestattet mit englischen Subsidien, landete er im Mai 1813 mit
25 000 Schweden in Stralsund und rckte gegen die Elbe vor. Whrend des
Waffenstillstands vom 4. Juni 181311641 spielt er eine wichtige Rolle bei dem
Zusammentreffen in Trachenberg, wo Alexander ihn dem preuischen
Knig 2 vorstellte und wo der allgemeine Feldzugsplan festgelegt wurde.
Als Oberbefehlshaber der Nordarmee, die sich aus Schweden, Russen,
Preuen, Englndern, Hanseaten und norddeutschen Truppen zusammensetzte, unterhielt er sehr zweideutige Beziehungen zur franzsischen Armee,
die von einem Individuum, das des fteren in seinem Hauptquartier als
Freund auftauchte, eingefdelt worden waren und auf seiner Annahme
beruhten, die Franzosen wrden freudig Napoleons Herrschaft gegen die
1
Notbehelf -
Adel wieder einzusetzen und sich selbst ein absolutes Veto und das Recht
zur Entlassung aller Zivilbeamten und Offiziere zu sichern. Dieser Versuch
gab Anla zu ernsten Konflikten und fhrte sogar am 18. Mai 1828 zu einer
Kavallerieattacke auf die Bevlkerung von Christiania, die den Jahrestag
ihrer Verfassung feierte. Ein allgemeiner Aufstand schien unvermeidlich,
als die franzsische Revolution von 1830 den Knig veranlate, sich zeitweilig zu vershnlichen Schritten zu bequemen. Doch Norwegen, fr dessen
Einverleibung er alles geopfert hatte, blieb whrend seiner gesamten Regierungszeit eine stndige Quelle von Schwierigkeiten. Seit den ersten Tagen
der franzsischen Revolution von 1830 gab es in Europa nur einen einzigen
Mann, der den Knig von Schweden fr den geeigneten Anwrter auf die
franzsische Krone hielt, und dieser Mann war Bernadotte selbst. Immer
von neuem wiederholte er vor dem diplomatischen Vertreter Frankreichs in
Stockholm: Wie konnte es geschehen, da Laffitte nicht an mich gedacht
hat?". Die vernderte Lage Europas und vor allem der polnische Aufstand
lieen ihn fr einen Augenblick daran denken, gegen Ruland Front zu
machen. Seine in diesem Sinne an Lord Palmerston gerichteten Angebote
stieen auf brske Ablehnung, und er mute seine zeitweiligen Gedanken
an Selbstndigkeit durch den Abschlu eines Bndnisses mit Zar Nikolaus
am 23. Juni 1834 ben, durch den er zu einem Vasallen Rulands wurde.
Seitdem war seine Politik in Schweden durch Eingriffe in die Pressefreiheit,
durch Verfolgungen wegen lese-majest^1 und durch den Widerstand gegenber fortschrittlichen Manahmen, sogar solchen wie der Emanzipation der
Industrie von den alten Gesetzen der Znfte und Korporationen, gekennzeichnet. Indem er die Eiferschteleien der verschiedenen Stnde, die im
schwedischen Reichstag vertreten waren, gegeneinander ausspielte, konnte
er lange Zeit mit Erfolg jegliche Bewegung ersticken; aber die liberalen
Resolutionen des Reichstags von 1844, die vom Reichstag 1845 laut Verfassung zum Gesetz erhoben werden sollten, drohten seine Politik endgltig
zum Scheitern zu bringen, als er pltzlich starb.
Wenn Schweden sich whrend der Regierungszeit Karls XIV. vom
Elend und Unglck der zurckliegenden anderthalb Jahrhunderte teilweise
erholen konnte, so ist das nicht Bernadotte zu verdanken, sondern ausschlielich den Energien der Nation selbst und den Auswirkungen eines
langen Friedens.
Geschrieben zwischen 17. September und 15. Oktober 1857.
Aus dem Englischen.
1
Majesttsbeleidigung
Armada"651
Armada, Spanische - die groe Kriegsflotte, die von dem spanischen
Knig Philipp II. im Jahre 1588 zur Eroberung Englands ausgesandt wurde,
um dadurch
Gott zu dienen und in seine Kirche sehr viele reuige Seelen zurckzufhren, die von
den Ketzern, den Feinden unseres heiligen katholischen Glaubens, unterdrckt und
ihren Sekten und der Unglckseligkeit Untertan gemacht werden" (Expedit. Hispan.
in Angl. Vera Descriptio", A. D. 1588).
laut obiger Quelle fr 6 Monate mit Proviant versehen. Diese Flotte, die
damals nicht ihresgleichen hatte, sollte zur flmischen Kste segeln, wo unter
ihrem Schutz eine weitere Armee von 30 000 Fusoldaten und 4000 Reitern
unter dem Herzog von Parma an Bord von flachen Schiffen gehen sollte, die
speziell fr diesen Zweck gebaut und mit aus der Ostsee kommenden Matrosen bemannt waren. Gemeinsam sollten sie dann nach England segeln.
In England hatte Knigin Elisabeth ihre Flotte durch energische Bemhungen von ursprnglich 30 Schiffen auf ungefhr 180 Schiffe verschiedener Gre gebracht, die jedoch in dieser Beziehung im allgemeinen
den Spaniern unterlegen waren. Sie waren allerdings mit 17 500 Matrosen
bemannt und besaen dadurch eine weit zahlreichere Besatzung als die
spanische Flotte.
Die militrischen Krfte Englands setzten sich aus zwei Armeen zusammen: eine aus 18 500 Mann unter dem Grafen von Leicester, die dem
Feind sofort gegenbertreten sollte; die andere aus 45 000 Mann zum persnlichen Schutz der Knigin. Nach einem Manuskript im Britischen Museum mit dem Titel Details of the English Force Assembled to Oppose
the Spanish Armada", ([Link]. 18 * c. XXI.) wurden auerdem 2000 Mann
Infanterie aus den Niederlanden erwartet.
Die Armada sollte Lissabon Anfang Mai verlassen, doch durch den Tod
des Admirals Santa Cruz und seines Vizeadmirals hatte sich die Abfahrt
verzgert. Daraufhin wurde der Herzog von Medina Sidonia, ein Mann,
dem die Seekriegfhrung vollstndig fremd war, zum Oberbefehlshaber
der Flotte ernannt; sein Vizeadmiral Martinez de Recalde jedoch war ein
erfahrener Seemann. Als die Flotte am 29. Mai 1588 Lissabon verlassen
hatte, um in Coruna Proviant an Bord zu nehmen, wurde sie durch einen
heftigen Sturm zerstreut, und obwohl alle Schiffe bis auf vier in Coruna
eintrafen, waren sie doch betrchtlich beschdigt und muten repariert
werden. Als England die Nachrichten erreichten, da die Flotte vllig kampfunfhig sei, befahl die Regierung, die eigenen Schiffe abzutakeln; doch
Admiral Lord Howard handelte gegen diese Order, segelte nach Coruna,
berzeugte sich von der wirklichen Lage und setzte nach seiner Rckkehr
die Vorbereitungen fr den Krieg fort. Als ihm bald danach berichtet wurde,
da die Armada in Sicht gekommen war, lichtete er die Anker und folgte
ihr den Kanal hinauf, wobei er die spanischen Schiffe beunruhigte, so oft sich
eine Gelegenheit dazu bot. Die Spanier hatten inzwischen Kurs auf die
flandrische Kste genommen und hielten sich dabei mglichst dicht beieinander. In den verschiedenen kleineren Gefechten, die stattfanden, errangen die Englnder mit ihren wendigeren und strker bemannten Schiffen
sowie durch ihr besseres seemnnisches Knnen stets den Sieg ber die
schwerflligen, unterbemannten und mit Soldaten vollgestopften spanischen
Galeonen. Auerdem war die Bedienung der spanischen Artillerie sehr
schlecht, sie zielte fast immer zu hoch. Auf der Hhe von Calais warf die
Armada Anker und wartete auf die Flotte des Herzogs von Parma aus den
flmischen Hfen; doch bald traf die Nachricht ein, da seine Schiffe gefechtsunfhig seien und die Hfen nicht verlassen knnten, bevor nicht
die Armada den Kanal passiert und das englisch-hollndische Blockadegeschwader vertrieben habe. Mit Rcksicht darauf lichtete die Armada wie-,
der Anker, aber als sie in Sichtnhe Dnkirchens war, geriet sie, zwischen
der englischen Flotte auf der einen und der hollndischen auf der anderen
Seite, in eine Flaute. Lord Howard bereitete Brander vor, und als in der
Nacht des 7. August die Brise wieder aufkam, lie er 8 davon gegen den
Feind treiben. Die Brander riefen in der spanischen Flotte eine vllige
Panik hervor. Einige Schiffe lichteten Anker, andre kappten ihre Taue und
trieben vor dem Wind; die ganze Flotte geriet in Verwirrung, mehrere
Schiffe rammten sich gegenseitig und wurden kampfuntauglich. Am Morgen war die Ordnung bei weitem noch nicht wiederhergestellt, und die verschiedenen Geschwader waren weit und breit zerstreut. Alsdann griff Lord
Howard, der durch die von dem Adel und der Gentry ausgersteten Schiffe
sowie von dem Blockadegeschwader unter Lord Byron Verstrkung erhalten
hatte und von Sir Francis Drake vortrefflich untersttzt wurde, den Feind
um 4 Uhr morgens an. Die Schlacht oder besser Jagd (da die Englnder
offensichtlich in jeder Beziehung im Angriff berlegen waren), zog sich bis
zum Einbruch der Dunkelheit hin. Die Spanier kmpften tapfer, doch ihre
schwerflligen Schiffe waren fr Manver in engen Gewssern und fr
einen beweglichen Kampf ungeeignet. Sie wurden vollstndig geschlagen
und erlitten schwere Verluste.
Da die Vereinigung mit den Transportschiffen des Herzogs von Parma
so vereitelt worden war, kam eine Landung in England durch die Armada
allein nicht in Frage. Es stellte sich heraus, da der grere Teil der an Bord
befindlichen Lebensrnittel verbraucht worden war, und da jetzt der Zugang
nach Spanisch-Flandern unmglich war, blieb nichts anderes brig, als
nach Spanien zurckzukehren und neuen Proviant aufzunehmen. (Siehe
Certain Advertisements out of Ireland, Concerning the Losses and Distresses Happened to the Spanish Navie on the Coast of Ireland", London 1588 Untersuchung des Emanuel Fremosa, der auf dem 110O-Tonnen-Flaggschiff San Juan" des Admirals Recalde diente.) Da die Durchfahrt durch
den Kanal ebenfalls durch die englische Flotte gesperrt war, blieb kein
Fitzwilliam
Ayacucho11661
Ayacucho - Departement in der Republik Peru; Einwohnerzahl 131 921.
In der Nhe seiner wichtigsten Stadt, die ebenfalls Ayacucho heit, wurde
die Schlacht geschlagen, die endgltig die Unabhngigkeit SpanischSdamerikas sicherte.
Nach der Schlacht von Junin (6. August 1824)[167) versuchte der spanische
Vizeknig, General la Serna, durch verschiedene Manver die Kommunikationen der Armee der Aufstndischen unter General Sucre abzuschneiden. Als er damit keinen Erfolg hatte, zog er schlielich seinen Gegner auf
die Ebene von Ayacucho, wo die Spanier eine Verteidigungsstellung auf
einer Hhe bezogen hatten. Sie zhlten 13 Bataillone Infanterie, dazu Artillerie und Kavallerie, insgesamt 9310 Mann. Am 8. Dezember 1824 kamen
die Vorhuten beider Armeen ins Treffen, und am folgenden Tag rckte
Sucre mit 5780 Mann zum Angriff vor. Die zweite kolumbianische Division
unter General Cordoba griff den linken Flgel der Spanier an und brachte
ihn sogleich in Verwirrung. Die peruanische Division unter General La Mar
stie am linken Flgel auf hartnckigeren Widerstand und konnte nicht vorrcken, solange die Reserven unter General Lara nicht herangekommen
waren. Da der Feind nun berall zurckwich, wurde die Kavallerie zur
Verfolgung eingesetzt, welche die spanische Reiterei zerstreute und die
Niederlage der Infanterie vollkommen machte. Die Spanier hatten unter
den Gefallenen sechs Generale und verloren insgesamt 2600 Mann an Toten,
Verwundeten und Gefangenen, unter den letzteren befand sich der Vizeknig. Die Verluste der Sdamerikaner betrugen ein General und 308 Offiziere und Soldaten an Toten und 520 Verwundete, unter ihnen sechs
Generale. Am nchsten Tage unterschrieb General Canterac, an den das
Kommando der spanischen Armee bergegangen war, die Kapitulation,
derzufolge nicht nur er und alle seine Truppen zu Kriegsgefangenen erklrt wurden, sondern auch alle spanischen Truppen in Peru, alle militri-
sehen Einrichtungen, die Artillerie und die Magazine sowie ganz Peru, soweit es noch in den Hnden der Spanier war (Cuzco, Arequipa, Puno,
Quilca etc.), den Aufstndischen bergeben werden muten. Die Truppen,
die somit als Kriegsgefangene bergeben wurden, beliefen sich insgesamt
auf fast 12 000 Mann. Damit war die spanische Herrschaft endgltig gebrochen, und am 25. August 1825 proklamierte der Kongre von Chuquisaca die Unabhngigkeit der Republik Bolivien.
Mit Ayacuchos" bezeichnete man in Spanien Espartero und seine
militrischen Kampfgefhrten. Ein Teil der um ihn gruppierten Militrkamarilla hatte mit ihm zusammen am Krieg gegen die sdamerikanische
Insurrektion teilgenommen, wo sie nicht nur durch ihre Waffenbrderschaft, sondern auch durch die ihnen gemeinsame Abenteuerlust miteinander verbunden waren und sich noch whrend des Krieges verpflichtet
hatten, einander nach ihrer Rckkehr nach Spanien auch in politischen
Dingen zu untersttzen. Diese Verpflichtung haben sie, sehr zu ihrem
gegenseitigen Vorteil, gewissenhaft eingehalten. Der Spitzname Ayacuchos" war eine Anspielung darauf, da Espartero und seine Anhnger
wesentlich zu dem unglcklichen Ausgang dieser Schlacht beigetragen htten. Das ist indessen falsch, obwohl diese Version so emsig verbreitet worden ist, da ihr sogar heute noch in Spanien allgemein Glauben geschenkt
wird. Espartero war bei der Schlacht von Ayacucho nicht nur nicht dabei,
sondern er war nicht einmal in Amerika, als sie geschlagen wurde, denn er
befand sich auf der berfahrt nach Spanien, wohin ihn Vizeknig Ia Serna
mit Depeschen fr Ferdinahd VII. geschickt hatte. Er hatte sich am-5. Juni
1824 in Quilca auf der britischen Brigg Tiber" eingeschifft, kam am
28. September in Cadiz und am 12. Oktober in Madrid an und segelte dann
von Bordeaux aus an demselben 9. Dezember 1824 wieder nach Amerika ab,
an dem die Schlacht von Ayacucho ausgetragen wurde. (Siehe Don Jos6
Segundo Florez: Espartero", Madrid 1844, 4 Bd., und Principe: Espartero", Madrid 1848).
Geschrieben zwischen 21. September
und 23. Oktober 1857.
Aus dem Englischen.
Blcher11681
Blcher, Gebhard Leberecht von, Frst von Wahlstatt, preuischer
Feldmarschall, wurde am 16. Dezember 1742 in Rostock, MecklenburgSchwerin, geboren und starb in Krieblowitz in Schlesien am 12. September
1819. Er wurde 1754 als Knabe nach der Insel Rgen geschickt und trug
sich dort heimlich in ein schwedisches Husarenregiment als Fhnrich ein,
um gegen Friedrich II. von Preuen zu dienen. Im Feldzug von 1758 gefangengenommen, wurde er nach einem Jahr Gefangenschaft und nach
seiner Entlassung aus dem schwedischen Dienst berredet, in die preuische
Armee einzutreten. Am 3. Mrz 1771 ernannte man ihn zum Stabsrittmeister der Kavallerie. Als im Jahre 1778 Rittmeister von Jgerfeld, ein
unehelicher Sohn des Markgrafen von Schwedt, an seiner Statt auf den
vakanten Posten des Majors berufen wurde, schrieb er an Friedrich II.:
Site, der von Jgerfeld, der kein anderes Verdienst hat, als der Sohn des Markgrafen von Schwedt zu sein, ist mir vorgezogen worden. Ich bitte Ew. Majestt um
meinen Abschied."
Als Antwort befahl Friedrich II., ihn ins Gefngnis zu werfen, doch als
sich Blcher trotz der aus irgendeinem Grunde hinausgezgerten Strafe
weigerte, seinen Brief zurckzunehmen, bewilligte der Knig seine Eingabe
in einer Note folgenden Inhalts: Der Rittmeister von Blcher kann sich
zum Teufel scheren." Er zog sich nun nach Polnisch-Schlesien zurck,
heiratete bald darauf, wurde Landwirt, erwarb ein kleines Gut in Pommern,
und nach dem Tode Friedrichs II. trat er wieder in sein ehemaliges Regiment als Major ein, unter der ausdrcklichen Bedingung, da seine Ernennung auf das Jahr 1779 zurckdatiert wrde. Einige Monate spter starb
seine Frau. Nachdem er an der unblutigen Invasion Hollands[169] teilgenommen hatte, wurde er am 3. Juni 1788 zum Oberstleutnant ernannt.
Am 20. August 1790 wurde er Oberst und Kommandeur des 1. Bataillons
jenes Husarenregiments, in das er 1760 eingetreten war.
Whrend der Kampagne in der Pfalz gegen das republikanische Frankreich im Jahre 1794 zeichnete er sich als Fhrer der leichten Kavallerie
aus. Nach dem siegreichen Gefecht von Kirrweiler am [Link] 1794, zum
Generalmajor befrdert, sicherten ihm die Kmpfe von Luxemburg,
Kaiserslautern, Morschheim, Weidenthal, Edesheim und Edenkoben ein
steigendes Ansehen. Whrend er die Franzosen durch freche coups de
main und erfolgreiche Unternehmungen in bestndigem Alarm hielt, versumte er niemals, das Hauptquartier mit den besten Nachrichten ber die
Bewegung des Feindes zu versehen. Sein whrend des Feldzugs geschriebenes Tagebuch, das 1796 von seinem Adjutanten Graf Goltz verffentlicht wurde, wird trotz des ungefgen Stils als klassisches Werk ber den
Vorposten- und Patrouillendienst betrachtet. Nach dem Baseler Frieden11701
heiratete Blcher wieder. Als Friedrich Wilhelm III. auf den Thron kam,
ernannte er Blcher zum Generalleutnant; in dieser Eigenschaft besetzte er
Erfurt, Mhlhausen und Mnster und war dort als Gouverneur eingesetzt.
1805 wurde von ihm ein kleines Korps bei Bayreuth zusammengestellt, um
die unmittelbaren Auswirkungen der Schlacht von Austerlitz tu21 fr Preuen zu beobachten, nmlich die Besetzung des Frstentums Ansbach durch
das Korps Bernadottes.
Im Jahre 1806 fhrte er die preuische Avantgarde in der Schlacht bei
Auerstedt[1261. Sein Angriff wurde jedoch durch das frchterliche Feuer
der Artillerie Davouts gebrochen, und sein Rat,, den Angriff mit neuen
Krften und der gesamten Kavallerie zu wiederholen, wurde vom preuischen Knig abgelehnt. Nach der doppelten Niederlage bei Auerstedt und
Jena zog er sich elbabwrts zurck, whrend Napoleon den Hauptteil der
preuischen Armee in einer einzigen wilden Jagd von Jena nach Stettin
trieb. Auf seiner Rckzugsbewegung nahm Blcher die Reste verschiedener
Korps auf, wodurch seine Armee auf ungefhr 25 000 Mann anwuchs. Sein
Rckzug nach Lbeck vor den vereinigten Krften von Soult, Bernadotte
und Murat bildet eine der wenigen ehrenvollen Episoden in dieser Epoche
deutscher Erniedrigung. Da Lbeck neutrales Territorium war, forderte
er dadurch, da er die Straen dieser offenen Stadt zum Schauplatz eines
erbitterten Kampfes machte und sie einer dreitgigen Plnderung durch die
franzsische Soldateska aussetzte, zur schrfsten Verurteilung seiner Handlungsweise heraus; doch unter den bestehenden Verhltnissen war es das
wichtigste, dem deutschen Volk zumindest ein Beispiel entschlossenen
Widerstandes zu geben. Aus Lbeck hinausgeworfen, mute er schlielich
am 7. November 1806 in der Ebene von Ratekau kapitulieren, stellte aber die
ausdrckliche Bedingung, da schriftlich festgehalten werde, die ber-
Wie viele der Marschlle Napoleons war er nicht imstande, eine Karte
zu lesen. Die Schlesische Armee war aus drei corps d'arm^e zusammengesetzt: 40 000 Russen unter Graf Langeron, 16 000 Mann unter Baron
von Sacken und ein preuisches Korps von 40 000 Mann unter General
York. Blchers Stellung an der Spitze dieser heterogenen Armee war uerst
schwierig. Langeron, der schon eine selbstndige Befehlsgewalt ausgebt
hatte und dem es widerstrebte, unter einem auslndischen General zu
dienen, war berdies bekannt, da Blcher geheime Order erhalten hatte,
sich auf die Defensive zu beschrnken, aber er hatte berhaupt keine
Ahnung, da letzterer am [Link] in einer Unterredung mit Barclay de
Tolly bei Reichenbach die Erlaubnis erlangt hatte, den Umstnden entsprechend zu handeln. So hielt sich Langeron fr berechtigt, Befehle immer
dann zu miachten, wenn der Oberkommandierende von dem vereinbarten
Plan abzuweichen schien, und in dieser rebellischen Haltung wurde er von
General York krftig untersttzt.
Die aus dieser Lage der Dinge heraufziehende Gefahr wurde immer
drohender, bis die Schlacht an der Katzbach Blcher jene Gewalt ber
seine Armee gab, die sie bis vor die Tore von Paris fhrte. Marschall Macdonald, von Napoleon beauftragt, die Schlesische Armee in das Innere
Schlesiens zurckzutreiben, begann am 26. August die Schlacht mit einem
Angriff auf Blchers Vorposten, die von Prausnitz bis Kroitsch standen,
wo die Neie in die Katzbach fliet. Die sogenannte Schlacht an der Katzbach bestand in Wirklichkeit aus 4 verschiedenen Treffen. Das erste war
die Vertreibung von ungefhr 8 franzsischen Bataillonen, die kaum ein
Zehntel der feindlichen Krfte ausmachten, von einem Plateau hinter einer
Erhebung auf dem rechten Ufer der Neie durch einen Bajonettangriff, und
dieser fhrte zu Ergebnissen, die in gar keinem Verhltnis zu seiner eigentlichen Bedeutung standen, und zwar aus folgenden Grnden:
Die von dem Plateau fliehenden Truppen wurden nicht bei Niedercrayn
gesammelt und hinter der Katzbach bei Kroitsch belassen - in diesem Fall
htte ihre Flucht berhaupt keinen Einflu auf den anderen Teil der franzsischen Armee gehabt;
die unter Sacken und Langeron auf dem linken Ufer der Neie stehenden Korps brachten dem Feind bis zum Einbruch der Nacht verschiedene
Niederlagen bei;
Marschall Macdonald, der persnlich auf dem linken Ufer der Neie
kommandierte, hatte sich gegen Langerons Angriffe bis 7 Uhr abends nur
schwach verteidigt und lie seine Truppen sofort nach Sonnenuntergang
in einem solchen Zustand der Erschpfung nach Goldberg marschieren,
da sie nicht mehr kmpfen konnten und dem Feind in die Hnde fallen
muten;
und schlielich, auf Grund der Witterungsverhltnisse in dieser Jahreszeit, lieen heftige Regenflle die sonst unbedeutenden Flsse, die die
flchtenden Franzosen berqueren muten - die Neie, die Katzbach, die
Deichsel und die Bober - , zu reienden Strmen anschwellen und machten
die Straen beinahe unpassierbar. So geschah es, da die an sich unbedeutende Schlacht an der Katzbach in den Bergen an der linken Flanke der
Schlesischen Armee mit Untersttzung der Landwehr dazu fhrte, da
18 000 bis 20 000 Mann gefangengenommen sowie ber 200 Geschtze und
mehr als 300 Munitions-, Kranken- und Bagagewagen mit Bagage etc. erbeutet wurden.
Nach der Schlacht setzte Blcher alles daran, seine Streitkrfte anzuspornen, ihre uerste Kraft fr die Verfolgung des Feindes aufzubieten,
wobei er ihnen mit Recht vor Augen hielt, da sie sich, wenn sie tchtig
darauf losgehen, eine neue Schlacht sparen". Am [Link] berschritt
er mit seiner Armee die Neie, und am 4. marschierte er durch Bischofswerda, um sich in Bautzen zu sammeln. Durch diese Bewegung rettete er
die Hauptarmee, die, am 27. August in Dresden geschlagen und zum Rckzug ber das Erzgebirge gezwungen, nun aus einer gefhrlichen Lage befreit worden war1173'; Napoleon war infolgedessen gezwungen, mit Verstrkungen nach Bautzen vorzurcken, um dort die Armee aufzunehmen,
die an der Katzbach geschlagen worden war, und der Schlesischen Armee
eine Schlacht zu liefern. Whrend Blcher im Sdosten Sachsens am rechten Ufer der Elbe stand, wich er stets einer Schlacht, wenn sie von Napoleon angeboten wurde, durch eine Reihe von Rckzgen und Vormrschen
aus, aber kmpfte, wenn er einzelnen Detachements der franzsischen
Armee gegenberstand. Am 22., 23. und 24. September fhrte er einen
Flankenmarsch rechts vom Feinde durch, wobei er in Eilmrschen zur unteren Elbe, in die Nhe der Nordarmee, vorrckte. Am 2. Oktober schlug
er eine Pontonbrcke ber die Elbe bei Elster und setzte am Morgen des 3.
seine Armee ber. Diese Bewegung, die nicht nur khn, sondern sogar waghalsig war, da er seine Verbindungslinien vollstndig aufgab, war durch
hhere politische Grnde bedingt und fhrte schlielich zur Schlacht bei
Leipzig t52] , welche die langsame und bervorsichtige Hauptarmee nie gewagt htte, wenn nicht Blcher gewesen wre.
Die Nordarmee unter dem Oberbefehl Bernadottes war ungefhr
90 000 Mann stark, und es war daher von grter Bedeutung, da sie nach
Sachsen marschierte. Durch Blchers enge Verbindung mit Blow und
Chaussee von Magdeburg nach Halle passierten, erhielt Blcher die Nachricht, da Bernadotte trotz seines eindeutigen Versprechens bei Wettin
keine Brcke gebaut htte, sondern entschlossen wre, diese Chaussee in
Eilmrschen entlangzuziehen.
Napoleon sah, da die Nordarmee und die Schlesische Armee einer
Schlacht auswichen, die er ihnen durch eine Konzentration bei Dben angeboten hatte, und wute, da das ohne einen Rckzug ber die Elbe nicht
zu vermeiden war; er Wute aber gleichzeitig auch, da er bis zu einem Zusammentreffen mit der Hauptarmee nur noch 4 Tage Zeit hatte und dann
zwischen zwei Feuer geraten wrde; deshalb unternahm er einen Marsch
auf das rechte Elbufer nach Wittenberg zu, um durch dieses Tuschungsmanver die Nordarmee und die Schlesische Armee ber die Elbe zu ziehen
und dann einen schnellen Schlag gegen die Hauptarmee zu fhren. Bernadotte, der um seine Verbindungslinien mit Schweden besorgt war, gab auch
wirklich seiner Armee den Befehl, ber eine bei Aken gebaute Brcke
ohne Verzug auf das rechte Ufer der Elbe zu setzen, und am gleichen Tage,
dem 13. Oktober, informierte er Blcher, da der Zar Alexander ihn (Blcher) aus gewissen wichtigen Grnden unter seinen Befehl gestellt habe.
Dementsprechend forderte er ihn auf, seinen Bewegungen auf das rechte
Ufer der Elbe zu folgen. Htte Blcher bei dieser Gelegenheit weniger Entschlukraft gezeigt und wre er der Nordarmee gefolgt, so wre der Feldzug
verloren gewesen, denn dann wren die Schlesische und die Nordarmee,
zusammen ungefhr 200 000 Mann, in der Schlacht bei Leipzig nicht dabeigewesen. Er schrieb Bernadotte als Antwort, da Napoleon nach all seinen
Informationen gar nicht daran denke, den Schauplatz des Krieges auf das
rechte Elbufer zu verlegen, sondern sie irrefhren wolle. Zugleich beschwor-,
er Bernadotte, seine beabsichtigte Bewegung ber die Elbe aufzugeben.
Nachdem Blcher inzwischen immer wieder und wieder die Hauptarmee
aufgefordert hatte, nach Leipzig vorzustoen, und vorgeschlagen hatte, dort
mit ihr zusammenzutreffen, erhielt er endlich am [Link] die langerwartete Zustimmung. Er rckte sofort nach Leipzig vor, whrend sich
Bernadotte nach Petersberg zurckzog. Auf seinem Marsch von Halle nach
Leipzig am 16. Oktober schlug Blcher bei Mckern das 6. franzsische
Armeekorps unter Marmont in einer heien Schlacht, in der er 54 Geschtze erbeutete. Er sandte Bernadotte, der am ersten Tag der Schlacht
bei Leipzig nicht zugegen war, unverzglich einen Bericht ber den Ausgang des Kampfes. Am zweiten Kampftage, dem 17. Oktober, vertrieb
Blcher den Feind vom rechten Ufer der Parthe mit Ausnahme einiger
Huser und Verschanzungen nahe dem Halleschen Tor. Am 18. hatte er
Er wies nachdrcklich auf die groen Vorteile eines Angriffs der Verbndeten auf Napoleon bei Brienne hin, bevor dieser den Rest seiner
Truppen heranbringen konnte, und bot sich selbst fr diesen Angriff an,
wenn er nur whrend der Abwesenheit Yorks Verstrkung erhalten knne.
Die Erwgung, da die Armee in dem den Tal der Aube nicht bestehen
knne und, wenn sie nicht angreife, zurckweichen msse, hatte zur Folge,
da sich sein Rat durchsetzte. Man entschied sich fr die Schlacht, aber
Frst Schwarzenberg stellte Blcher nur das Korps des Kronprinzen von
Wrttemberg (40 000 Mann), das von Gyulay (12 000) und das von Wrede
(12 000) zur Verfgung, anstatt die vorhandenen vereinten Krfte auf den
Feind zu werfen. Napoleon seinerseits wute nichts von dem Eintreffen
der Hauptarmee, noch vermutete er etwas. Als ihm am [Link] gegen
1 Uhr mittags gemeldet wurde, da Blcher vorrcke, wollte er es nicht
glauben. Nachdem er sich dessen vergewissert hatte, bestieg er sein Pferd
mit dem Gedanken, einer Schlacht auszuweichen, und gab Berthier entsprechende Befehle. Als er jedoch zwischen dem alten Brienne und La
Rothifere zu der jungen Garde' 176 ' kam, die, als sich der Kampflrm nherte,
zu den Waffen gegriffen hatte, wurde er mit solchem Enthusiasmus empfangen, da er sich in der Lage glaubte, die Gelegenheit wahrzunehmen, und
ausrief: L'artillerie en avant!" 1 So begann sich gegen 4 Uhr die Affre
von La Rothi&re ernsthaft zu entwickeln. Nach dem ersten Rckschlag
nahm Napoleon jedoch persnlich keinen Anteil mehr an der Schlacht. Da
sich seine Infanterie in dem Dorf La Rothifere festgesetzt hatte, war der
Kampf lang und hartnckig, und Blcher mute sogar seine Reserven heranholen. Die Franzosen wurden nicht vor 11 Uhr nachts aus dem Dorf getrieben, als Napoleon den Rckzug seiner Armee befahl, die einen Verlust
von 4000 bis 5000 Toten und Verwundeten, 2500 Gefangenen und 53 Geschtzen erlitten hatte. Wenn die Verbndeten, die damals nur einen Sechstagemarsch von Paris entfernt waren, krftig vorgestoen wren, htte Napoleon ihrer gewaltigen zahlenmigen berlegenheit erliegen mssen;
doch die Monarchen, immer noch ngstlich alles vermeidend, was Napoleon
von einem Friedensschlu auf dem Kongre von Chtillon abhalten knnte,
lieen es zu, da Frst Schwarzenberg, der Oberbefehlshaber der Hauptarmee, jeden Vorwand benutzte, um einem entscheidenden Kampf aus dem
Wege zu gehen.
Whrend Napoleon Marmont befahl, auf dem rechten Ufer der Aube
nach Ramerupt zurckzugehen, und er sich selbst durch einen Flankenmarsch nach Troyes zurckzog, teilte sich die Armee der Verbndeten in
zwei Armeen. Die Hauptarmee rckte langsam nach Troyes vor, und die
Schlesische Armee marschierte zur Marne, wo Blcher sicher war, auf
York und einen Teil der unter dem Befehl von Langeron und Kleist stehenden Korps zu stoen, so da seine Gesamtkrfte auf 50 000 Mann ansteigen
1
den Verbndeten mit ihrem Vormarsch nach Paris beantwortet. Am 30. Mrz
fand die Schlacht vor Paris statt, in der die Schlesische Armee den Montmartre strmte.
Obwohl Blcher seit der Schlacht von Laon noch nicht wiederhergestellt
war, erschien er zu Pferde, mit einem Schirm ber den Augen, fr kurze
Zeit auf dem Schlachtfeld. Doch nach der Kapitulation von Paris legte er
sein Kommando unter dem Vorwand seiner Krankheit nieder; der wirkliche
Grund war jedoch sein offen ausgesprochener Franzosenha, der mit der
diplomatischen Haltung im Widerspruch stand, die die verbndeten Herrscher glaubten an den Tag legen zu mssen. So betrat er am 31 .Mrz Paris
als Privatmann. Whrend des gesamten Feldzugs von 1814 reprsentierte er
allein in der Armee der Verbndeten das Prinzip der Offensive. Durch die
Schlacht von La Rothiere beschmte er die Chtillon-Friedensstifter; durch
seine Entschlossenheit bei Mery rettete er die Verbndeten vor einem verderblichen Rckzug, und durch die Schlacht von Laon entschied er die
erste Kapitulation von Paris.
Nach dem ersten Frieden von Paris1177' begleitete er Zar Alexander und
Knig Friedrich Wilhelm von Preuen bei deren Besuch nach England, wo
er als der Held des Tages gefeiert wurde. Er wurde mit allen militrischen
Orden Europas berschttet; der Knig von Preuen stiftete fr ihn den
Orden des Eisernen Kreuzes1, der Prinzregent von England 2 gab ihm sein
Portrt, und die Oxford-Universitt verlieh ihm den akademischen Grad
eines Doktors der Rechte.
Im Jahre 1815 wiederum entschied er den letzten Feldzug gegen Napoleon. Obwohl jetzt 73 Jahre alt, bestand er nach der unglcklichen Schlacht
bei Ligny am [Link] darauf, seine in die Flucht geschlagene Armee neu
zu formieren und dem Sieger auf den Fersen zu bleiben; dadurch war
Blcher in der Lage, am Abend des 18. Juni auf dem Schlachtfeld von
Waterloo'51' zu erscheinen, eine Heldentat, wie sie in der Kriegsgeschichte
noch nicht dagewesen war. Seine Verfolgung der fliehenden Franzosen nach
dieser Schlacht von Waterloo nach Paris hat nur in Napoleons auergewhnlicher Verfolgung der Preuen von Jena nach Stettin eine Parallele. Blcher
betrat jetzt Paris an der Spitze seiner Armee und verfehlte auch nicht, Mffling, seinen Oberquartiermeister, als militrischen Generalgouvemeur von
Paris einzusetzen. Er bestand darauf, da Napoleon erschossen und die
Jenaer Brcke gesprengt werde sowie die Schtze, die von den Franzosen in
1
zes -
Blcher erhielt ein besonderes, mit Strahlen umgebenes Grokreuz des Eisernen KreuGeorg
den verschiedenen Hauptstdten geraubt worden waren, den ursprnglichen Eigentmern zurckgegeben werden. Seine erste Forderung wurde
von Wellington zunichte gemacht und die zweite von den verbndeten
Monarchen, lediglich die letzte wurde realisiert. Drei Monate blieb Blcher
in Paris, wo er die Spieltische fr rouge-et-noir1 sehr ausgiebig besuchte.
Am Jahrestag der Schlacht an der Katzbach stattete er seiner Geburtsstadt
Rostock einen Besuch ab, wo sich die Einwohner zusammenfanden, um
ihm zu Ehren ein Denkmal zu errichten. Bei seinem Tode hatte die gesamte
preuische Armee 8 Tage Trauer.
Le vieux diable"2, wie er von Napoleon genannt wurde, Marschall
Vorwrts", wie er bei den Russen in der Schlesischen Armee hie, war vor
allem ein Kavalleriegeneral. Auf diesem Gebiet zeichnete er sich aus, da es
nur taktische Anforderungen stellte, aber kein strategisches Wissen verlangte. Er teilte im hchsten Grade den allgemeinen Ha gegen Napoleon
und gegen die Franzosen und war beim Volk wegen seiner plebejischen
Passionen, wegen seines urwchsigen gesunden Menschenverstandes, wegen
seiner groben Manieren und seiner rauhen Redeweise beliebt, die allerdings bei passender Gelegenheit einen Anflug glhender Beredsamkeit erhielt. Er war das Muster eines Soldaten. Da er ein Beispiel an Tapferkeit
in der Schlacht und an Unermdlichkeit bei Anstrengungen gab; da er
einen faszinierenden Einflu auf den einfachen Soldaten ausbte; da sich
mit seiner tollkhnen Bravour sein Scharfblick auf dem Terrain, seine
Raschheit des Entschlusses in schwierigen Situationen, seine Zhigkeit in
der Verteidigung, die seiner Energie im Angriff gleichkam, verbanden und
da er klug genug war, bei einfacheren Kombinationen selbst den richtigen
Weg zu finden und sich bei schwierigeren auf Gneisenau zu verlassen, war
er der rechte General fr die militrischen Operationen von 1813 bis 1815,
die teils den Charakter eines regulren und teils den eines Insurrektionskrieges trugen.
Geschrieben 22. September bis 30. Oktober 1857.
Aus dem Englischen.
Glcksspiel -
Friedrich Engels
Artillerie
Artillerie. - Eis wird jetzt fast allgemein anerkannt, da die Erfindung
des Schiepulvers und seine Anwendung zum Schleudern schwerer Krper
in eine gegebene Richtung aus dem Osten stammt. In China und Indien ist
Salpeter eine natrliche, sich an der Erdoberflche bildende Kristallisation,
und verstndlicherweise wurden die Bewohner dieser Lnder bald mit
seinen Eigenschaften bekannt. Feuerwerkskrper aus Mischungen dieses
Salzes mit anderen leichtentzndbaren Bestandteilen wurden schon in sehr
frher Zeit in China hergestellt und sowohl fr Kriegszwecke als auch fr
ffentliche Festlichkeiten verwandt. Wir wissen nicht, wann die besondere
Mischung von Salpeter, Schwefel und Holzkohle bekannt wurde, deren
Explosionsfhigkeit ihr eine so gewaltige Bedeutung gegeben hat. Nach
einigen chinesischen Chroniken, die Monsieur Paravey 1850 in einem Bericht an die franzsische Akademie erwhnt11781, waren Geschtze schon
618 v.u.Z. bekannt. In anderen alten chinesischen Schriften sind Feuerblle, die aus Bambusrohren geschossen wurden, und eine Art von Sprengkugeln beschrieben. Auf jeden Fall scheinen in frheren Perioden der
chinesischen Geschichte Schiepulver und Kanonen nicht in einer fr
kriegerische Zwecke geeigneten Form entwickelt gewesen zu sein, denn
das erste wirklich nachweisbare Beispiel ihrer umfassenden Anwendung
stammt aus einer spteren Zeit, nmlich aus dem Jahre 1232 unserer Zeitrechnung, als sich die von den Mongolen in Kai-fang-fu belagerten Chinesen mit Kanonen, die Steinkugeln schleuderten, verteidigten und Sprengkugeln, Petarden und andere auf Schiepulver basierende Feuerwerkskrper
benutzten.
Nach dem Zeugnis der griechischen Schriftsteller Alian, Ktesias, Philostratos und Themistios hatten die Hindus wahrscheinlich schon zur Zeit
Alexanders des Groen fr Kriegszwecke verwendbare Feuerwerkskrper.
Das war jedoch durchaus noch kein Schiepulver, obwohl Salpeter in reich-
Hchem Mae in dieser Mischung enthalten gewesen sein mag. In den Hindugesetzen wird auf eine Art Feuerwaffe hingewiesen; eindeutig ist in ihnen
das Schiepulver erwhnt, und nach Prof. [Link] wird seine Zusammensetzung auch in alten medizinischen Werken der Hindus beschrieben. Kanonen jedoch werden zum erstenmal zu einem Zeitpunkt erwhnt,
der mit dem ltesten eindeutig nachweisbaren Datum ihres Auftauchens
in China beinahe zusammenfllt. Um 1200 spricht Hased in seinen Gedichten von Feuermaschinen, die Kugeln schleudern, deren Pfeifen bis in
eine Entfernung von 10 coss (1500 Yard) zu hren war. Ungefhr im Jahre
1258 hren wir von Feuerwerkskrpern auf Wagen, die dem Knig von
Delhi gehrten. Hundert Jahre spter wurde in Indien allgemein Artillerie
verwandt, und als 1498 die Portugiesen dorthin kamen, stellten sie fest, da
die Inder im Gebrauch der Feuerwaffen ebensoweit fortgeschritten waren
wie sie selbst.
Die Araber bernahmen von den Chinesen und den Hindus Salpeter und
Feuerwerk. Zwei der arabischen Namen fr Salpeter bedeuten Chinasalz
und Chinaschnee. Arabische Schriftsteller des Altertums erwhnen chinesisches rotes und weies Feuer. Auch die Verwendung von Brandstzen
fllt ungefhr in die gleiche Zeit wie die groe arabische Invasion in Asien
und Afrika11791. Gar nicht zu reden von der Maujanitz, einer gleichsam
mythischen Feuerwaffe, die Mohammed gekannt und benutzt haben soll.
Sicher ist, da die byzantinischen Griechen ihre erste Kenntnis des Feuerwerks (das spter zum griechischen Feuer entwickelt wurde) von ihren
arabischen Feinden erhalten hatten. Ein Schreiber des 9. Jahrhunderts,
Marcus Graecus, nennt eine Mischung aus sechs Teilen Salpeter, zwei
Teilen Schwefel und einem Teil Kohle, die der richtigen Zusammensetzung
des Schiepulvers sehr nahekommt. Roger Bacon beschreibt dies mit ziemlicher Genauigkeit als erster aller europischen Schriftsteller 1216 in seinem
Liber de Nullitate Magiae"[1S01; aber ein volles Jahrhundert lang verstehen die westlichen Vlker nichts damit anzufangen. Die Araber hingegen
haben offenbar aus den von den Chinesen bernommenen Erfahrungen sehr
bald 'Nutzen gezogen. Nach Condes Geschichte der Mauren in Spanien
wurden 1118 bei der Belagerung von Saragossa Kanonen benutzt, und 1132
wurde in Spanien unter anderen Kanonen eine Art Feldschlange mit einem
Kaliber von 4 Pfund gegossen11811. Wie berichtet wird, soll Abd el Mumen
im Jahre 1156 Mohadia bei Bona in Algerien mit Feuerwaffen eingenommen
haben, und im folgenden Jahr wurde Niebla in Spanien gegen die Kastilier
mit Feuermaschinen, die Bolzen und Steine schleuderten, verteidigt. Wenn
auch die Beschaffenheit der Maschinen, die von den Arabern im 12. Jahr-
Hohlgeschossen sehr gering. Die Geschosse waren gewhnlich runde Steinkugeln, fr kleine Kaliber manchmal eiserne Bolzen.
Jedoch trotz all dieser Nachteile wurden Geschtze nicht nur bei Belagerungen und zur Verteidigung von Stdten benutzt, sondern auch auf
dem Schlachtfeld und an Bord von Kriegsschiffen. Schon sehr frh, im
Jahre 1386, kaperten die Englnder zwei franzsische Schiffe, die mit
Kanonen bestckt waren. Wenn die Stcke, die aus der Mary Rose"
(1545 gesunken) geborgen wurden, als Anhaltspunkt dienen drfen, so
waren jene ersten Schiffsgeschtze einfach in einem zu diesem Zweck
ausgehhlten Holzblock eingelassen und befestigt, so da sie nicht eleviert
werden konnten.
Im Verlauf des [Link] wurden betrchtliche Verbesserungen
sowohl in der Bauart als auch in der Anwendung der Artillerie vorgenommen. Man begann, Kanonen aus Eisen, Kupfer oder Bronze zu gieen. Das
bewegliche Kammerstck kam auer Gebrauch. Die ganze Kanone wurde
aus einem Stck gegossen. Die besten Gieereien waren in Frankreich und
Deutschland. In Frankreich versuchte man auch erstmalig, Kanonen whrend einer Belagerung vorwrtszubewegen und unter Deckung aufzustellen.
Um 1450 wurde eine Art Verschanzung eingefhrt, und bald darauf bauten
die Brder Bureau die ersten Breschbatterien, mit deren Hilfe der Knig
von Frankreich, Karl VII., in einem Jahr alle Orte zurckeroberte, die ihm
die Englnder genommen hatten.
Die grten Verbesserungen nahm jedoch Karl VIII. von Frankreich
vor. Er schaffte endgltig das abnehmbare Kammerstck ab, go seine
Kanonen aus Bronze und in einem Stck, fhrte Schildzapfen sowie Lafetten auf Rdern ein und verwandte nur eiserne Geschosse. Er verringerte
auch das Kaliber der Geschtze und nahm die leichteren regelmig ins Feld
mit. Davon lag die doppelte Kanone auf einer vierrdrigen, von 35 Pferden
gezogenen Lafette. Die brigen Geschtze hatten zweirdrige Lafetten,
deren Schwanz auf dem Boden schleifte und die von 24 bis hinunter zu
2 Pferden gezogen wurden. Ein Trupp von Kanonieren wurde jeder Kanone zugeteilt und der Dienst so organisiert, da damit das erste von anderen
Truppen abgesonderte Korps von Feldartillerie entstand. Die leichteren
Kaliber waren beweglich genug, um mit den anderen Truppen gemeinsam
whrend des Kampfes die Position zu wechseln und sogar mit der Kavallerie
mitzukommen. Diese neue Waffe war es, der Karl VIII. seine berraschenden Erfolge in Italien verdankte. Die italienischen Geschtze wurden nach
wie vor von Ochsen gezogen; sie waren immer noch aus verschiedenen
Teilen zusammengesetzt und muten, wenn die Position erreicht war, auf
in der Herstellung von Geschtzen, whrend die Erfindung der Kaliberskala von Hartmann, durch die jeder Teil einer Kanone in seiner Proportion zum Durchmesser der Seele gemessen wurde, einen gewissen Standard
fr den Bau von Geschtzen gab und den Weg fr die Einfhrung fester
theoretischer Grundstze und allgemeiner, auf Erfahrung begrndeter Regeln ebnete.
Eine der ersten Auswirkungen der verbesserten Artillerie war ein vlliger
Wandel in der Befestigungskunst. Seit der Zeit der assyrischen und babylonischen Monarchien hatte diese Kunst nur wenig Fortschritte gemacht.
Aber jetzt schlugen die neuen Feuerwaffen berall eine Bresche in die
Steinwlle alten Systems, und ein neues mute entwickelt werden. Die
Verteidigungswerke muten so gebaut sein, da so wenig Mauerwerk wie
mglich dem direkten Feuer des Belagerers ausgesetzt war und da sie die
Mglichkeit boten, auf ihren Wllen schwere Artillerie aufzustellen. Der
alte Steinwall wurde durch einen Erdwall ersetzt, der nur mit Mauerwerk
verkleidet war, und der kleine flankierende Turm wurde in eine groe fnfeckige Bastion verwandelt. Allmhlich deckte man das ganze Mauerwerk,
das fr die Befestigung verwandt worden war, mit auenliegenden Erdwerken gegen direktes Feuer. Mitte des 17. Jahrhunderts wurde die Verteidigung eines befestigten Ortes wieder relativ strker als der Angriff, bis
Vauban erneut dem Angriff das bergewicht gab.
Bisher wurden die Geschtze so geladen, da man loses Pulver in die
Kanone schaufelte. Um 1600 verkrzte die Einfhrung von Kartuschen,
Leinenbeutel mit der vorgeschriebenen Menge Pulver, die fr das Laden
notwendige Zeitspanne und sicherte durch die so erreichte grere Gleichmigkeit der Ladung eine grere Przision des Feuers. Um diese Zeit
wurde noch eine andere wichtige Erfindung gemacht, die des Traubengeschosses und der Karttsche. Auch der Bau von Feldkanonen fr Hohlgeschosse gehrt in diese Periode.
Die zahlreichen Belagerungen, die whrend des Krieges Spaniens gegen
die Niederlande136-1 stattfanden, trugen sehr viel zur Verbesserung der zur
Verteidigung und beim Angriff von Ortschaften verwandten Artillerie bei,
besonders in bezug auf die Verwendung von Mrsern und Haubitzen, von
Granaten, Brandgeschossen und rotglhenden Kugeln, sowieauf die Zusammensetzung von Zndern und anderen militrischen Feuerwerkskrpern.
Die zu Beginn des 17. Jahrhunderts benutzten Kaliber hatten noch immer alle
mglichen Gren, vom Achtundvierzigpfnder bis zu den kleinsten Falkonetten fr halbpfndige Kugeln.
Trotz aller Verbesserungen war die Feldartillerie noch so unvollkommen,
da diese ganze Vielfalt von Kalibern ntig war, um ungefhr die Wirkung
hervorzubringen, die wir heute mit ein paar mittelgroen Kanonen, zwischen dem Sechs- und Zwlfpfnder, erzielen. Die leichten Kaliber hatten
zu jener Zeit Beweglichkeit, aber keine Wirkung; die schweren Kaliber
hatten Wirkung, aber keine Beweglichkeit; die dazwischenliegenden hatten
weder das eine noch das andere in einem fr alle Zwecke ausreichenden
Mae. Dementsprechend wurden alle Kaliber beibehalten und waren bunt
durcheinandergewrfelt, wobei jede Batterie gewhnlich aus einem regelrechten Sortiment von Kanonen bestand.
Die Elevation wurde dem Geschtz durch einen Richtkeil gegeben. Die
Lafetten waren noch plump, und natrlich war fr jedes Kaliber ein eigenes
Modell ntig, so da es nahezu unmglich war, Ersatzrder und -lafetten
ins Feld mitzunehmen. Die Achsen bestanden aus Holz, und es gab unterschiedliche Gren fr jedes Kaliber. Dazu kam, da die Mae der Kanonen und Lafetten nicht einmal fr ein einziges Kaliber die gleichen
waren; berall gab es eine Menge Stcke alter Bauart und viele Unterschiede
der Konstruktion in den verschiedenen Werksttten eines Landes.
Kartuschen waren noch auf Kanonen in Festungen beschrnkt; im Felde
wurde die Kanone mit losem Pulver geladen, welches man mittels einer
Ladeschaufel einfhrte, worauf ein Ladepfropfen und danach das Gescho
fest angesetzt wurden. Gleichermaen wurde loses Pulver in das Zndloch
hineingestopft, und der ganze Vorgang vollzog sich auerordentlich langsam.
Die Kanoniere wurden nicht als regulre Soldaten betrachtet, sondern
bildeten eine eigene Gilde, die sich aus Lehrlingen ergnzte. Sie muten
einen Schwur ablegen, die Mysterien und die Geheimniskrmerei ihres
Handwerks nicht zu enthllen. Bei Kriegsausbruch nahmen die Kriegfhrenden so viele von ihnen in ihre Dienste, wie sie ber ihren Friedensbestand hinaus bekommen konnten. Jeder dieser Kanoniere oder Bombardiere erhielt das Kommando ber ein Geschtz, hatte ein Reitpferd, Lehrlinge und so viele Berufsgehilfen, wie er brauchte, neben der erforderlichen
Anzahl Leute, um schwere Stcke zu transportieren. Die Kanoniere oder
Bombardiere erhielten die vierfache Lhnung eines Soldaten. Wenn ein
Krieg ausbrach, mietete man die Pferde fr die Artillerie bei einem Unternehmer, der auch das Geschirr und die Kutscher stellte.
In der Schlacht wurden die Geschtze in einer Reihe vor der Linie aufgestellt und abgeprotzt, die Pferde ausgespannt. War ein Vormarsch befohlen, so bespannte man die Protzen und protzte die Kanonen auf;
manchmal, bei kleinen Entfernungen, wurden die leichteren Kaliber von
den Mannschaften transportiert. Pulver und Kugeln fhrte man in besonderen Wagen, mit, die Protzen hatten noch keine Munitionsksten. Manvrieren, Laden, Zndpulveraufschtten, Richten und Feuern waren nach
unseren heutigen Begriffen sehr langwierige Operationen; mit einer so unvollkommenen Maschinerie und dem niedrigen Entwicklungsstand der
Artilleriewissenschaft mu die Anzahl der Treffer wirklich sehr gering gewesen sein.
Das Erscheinen Gustav Adolfs in Deutschland whrend des Dreiigjhrigen Krieges[3?1 kennzeichnet einen gewaltigen Fortschritt in der Artillerie. Dieser groe Kriegsmann schaffte die besonders kleinen Kaliber ab,
die er zuerst durch seine sogenannten Lederkanonen, d. h. leichte schmiedeeiserne Rohre, mit Stricken und Leder verkleidet, ersetzte. Diese waren nur
fr Karttschenfeuer vorgesehen, das damit erstmalig im Feldkrieg benutzt wurde. Bis dahin war seine Verwendung auf die Verteidigung des
Grabens in Festungen beschrnkt gewesen. Gleichzeitig mit der Traubenschuladung und den Karttschen fhrte er auch Kartuschen in seine Feldartillerie ein. Da sich die Lederkanonen als nicht sehr dauerhaft erwiesen,
ersetzte man sie durch leichte gueiserne Vierpfnder von 16 Kalibern
Lnge, die mit Lafette 6 Zentner wogen und von 2 Pferden gezogen wurden. Jedem Infanterieregiment waren 2 dieser Kanonen zugeteilt. So entstand die Regimentsartillerie, die man in vielen Armeen bis zum Beginn
dieses Jahrhunderts beibehielt, und verdrngte die alten kleinkalibrigen,
aber verhltnismig plumpen Kanonen. Ursprnglich nur fr Karttschenfeuer bestimmt, diente sie jedoch auch sehr bald zum Feuern von Vollkugeln. Die schweren Geschtze wurden gesondert gehalten und zu machtvollen Batterien formiert, die an den Flgeln oder vor dem Zentrum der
Armee eine fr sie vorteilhafte Position einnahmen.
So wurde durch die Trennung der leichten von der schweren Artillerie
und durch die Aufstellung der Batterien die Taktik der Feldartillerie begrndet. Es war General Torstenson, Generalinspekteur der schwedischen
Artillerie, der hauptschlich zu diesen Ergebnissen beitrug. Dadurch wurde
die Feldartillerie zum erstenmal eine unabhngige, bestimmten eigenen
Regeln fr ihre Verwendung in der Schlacht unterworfene Waffengattung.
Zwei weitere wichtige Erfindungen wurden um diese Zeit gemacht: um
1650 die horizontale Richtschraube, wie sie bis zu Gribeauvals Zeiten im
Gebrauch war, und um 1697 Schlagrhren, gefllt mit Pulver fr die Zndung, an Stelle der Methode, Pulver in das Zndloch zu stoen. Dadurch
wurde das Zielen und Laden sehr erleichtert. Eine andere groe Verbesse-
rung war die Erfindung des Zugtaues fr das Manvrieren bei kurzen Entfernungen.
Die Anzahl der whrend des [Link] ins Feld mitgefhrten
Geschtze war sehr gro. Zu Greifenhagen hatte Gustav Adolf 80 Stcke
bei 20 000 Mann, zu Frankfurt an der Oder 200 Stcke bei 18 000 Mann' 1851 .
Artillerietrains von 100 bis 200 Geschtzen waren whrend der Kriege Ludwigs XIV. eine sehr alltgliche Erscheinung. Bei Malplaquet11861 wurden
auf beiden Seiten nahezu 300 Geschtze eingesetzt; das war die grte
Menge Artillerie, die bis dahin auf einem einzigen Schlachtfeld konzentriert worden war. Zu dieser Zeit wurden gewhnlich auch Mrser mit ins
Feld genommen.
Die Franzosen behaupteten noch immer ihre berlegenheit in der Artillerie. Sie waren die ersten, die das alte Gildensystem abschafften und die
Kanoniere ab regulre Soldaten fhrten, indem sie 1671 ein Artillerieregiment formierten und die verschiedenen Pflichten sowie die Rangordnung der Offiziere regelten. So wurde diese Dienstart als eine unabhngige
Waffengattung anerkannt und die Ausbildung der Offiziere und Mannschaften vom Staat bernommen. Eine Artillerieschule, die mindestens
50 Jahre als einzige bestand, wurde im Jahre 1690 in Frankreich gegrndet.
Ein fr diese Zeit sehr gutes Handbuch der Artilleriewissenschaft wurde
von Saint-Remy 1697 herausgegeben'1871. Aber noch war die Geheimniskrmerei, die das Rtsel" der Geschtzkunst umgab, so gro, da viele
Verbesserungen, die in anderen Lndern angewandt wurden, bis dato in
Frankreich unbekannt waren und der Aufbau sowie die Zusammensetzung
der Artillerie in den europischen Lndern sich stark voneinander unterschied. So hatten die Franzosen noch nicht die in Holland erfundene Haubitze bernommen, die vor 1700 in die meisten Armeen eingegangen war.
Protzksten fr Munition, zuerst durch Moritz von Nassau eingefhrt,
waren in Frankreich unbekannt und wurden berhaupt nur wenig eingewandt,
denn das Rohr, die Lafette und die Protze waren zu schwer, als da das
Geschtz noch zustzlich mit dem Gewicht der Munition htte belastet
werden knnen. Man hatte wohl die sehr kleinen Kaliber bis 3 Pfund einschlielich beseitigt, aber die leichte Regimentsartillerie blieb in Frankreich
unbekannt.
Die Ladungen, die in der bisher betrachteten Zeit in der Artillerie fr
Keinonen verwandt wurden, waren allgemein sehr schwer, ursprnglich
ebensoschwer wie die Kugeln. Deshalb waren sie trotz geringer Qualitt des
Pulvers doch weitaus strker in der Wirkung als die jetzt gebruchlichen
und eine der Hauptursachen fr das gewaltige Gewicht der Kanonen. Um
feuer entschieden wurden. Demzufolge hatte Friedrich II. alle seine Zwlfpfnder in derselben Lnge und im selben Gewicht gieen lassen. Im Jahr
1753 folgten die sterreicher ebenso wie auch die meisten anderen Staaten
diesem Beispiel. Friedrich selbst rstete seine Reserveartillerie im letzten
Teil seiner Regierungszeit aber wieder mit langen, mchtigen Keinonen aus,
da ihn seine Erfahrung bei Leuthen J109] von ihrer berlegenen Wirkung
berzeugt hatte. Friedrich der Groe fhrte eine neue Waffengattung ein,
indem er die Kanoniere einiger seiner Batterien beritten machte und so die
reitende Artillerie schuf, dazu bestimmt, der Kavallerie die gleiche Untersttzung zu bieten, die die Fuartillerie der Infanterie bot. Die neue Waffengattung erwies sich als auerordentlich wirksam und wurde sehr bald von
den meisten Armeen bernommen. Einige Armeen, wie z. B. die sterreichische, lieen statt dessen die Kanoniere auf besonderen Wagen aufsitzen.
In den Armeen des 18. Jahrhunderts war der Anteil der Geschtze noch
immer sehr gro. Friedrich der Groe hatte im Jahre 1756 fr 70 000 Mann
206 Kanonen, 1762 fr 67 000 Mann 275 und 1778 fr 180 000 Mann
811 Keinonen. Diese waren, mit Ausnahme der Regimentsgeschtze, welche
ihren Bataillonen folgten, in Batterien von verschiedener Gre, je 6 bis
20 Geschtze, formiert. Die Regimentsgeschtze rckten mit der Infanterie
vor, whrend die Batterien aus den gewhlten Stellungen feuerten und
manchmal in eine zweite Stellung vorrckten, aber hier gewhnlich bis
zum Ausgang der Schlacht verblieben. In ihrer Beweglichkeit lieen die Geschtze noch sehr viel zu wnschen brig, und der Verlust der Schlacht bei
Kunersdorf 11101 wurde dadurch verschuldet, da es unmglich war, im entscheidenden Moment Artillerie heranzubringen. Der preuische General
Tempelhoff fhrte auch Feldmrserbatterien ein, bei denen die leichten
Mrser auf dem Rcken von Maultieren transportiert wurden; man schaffte
diese jedoch bald wieder ab, als sich ihre Unbrauchbarkeit im Kriege von
1792/1793 erwies.
'
Der wissenschaftliche Zweig der Artillerie wurde in dieser Zeit besonders in Deutschland gepflegt. Struensee und Tempelhoff schrieben ber
dieses Thema brauchbare Werke, der fhrende Artilleriefachmann seiner
Zeit war jedoch Scharnhorst. Sein Handbuch der Artillerie ist die erste
wirklich umfassende Abhandlung ber diesen Gegenstand, whrend sein
schon 1787 herausgegebenes Handbuch fr Offiziere die erste wissenschaftliche Entwicklung der Taktik der Feldartillerie enthlt. Seine Werke, obwohl in vieler Hinsicht veraltet, sind immer noch klassisch. Im sterreichischen Dienst lieferten General Vega, im spanischen General Moria, im
allen Teilen Europas erobert hatte, auch diese Kaliber in der Armee Eingang fanden. Die gesamte Feldartillerie wurde in Batterien zu je 6 Geschtzen formiert; davon war eins gewhnlich eine Haubitze, die brigen
waren Kanonen. Aber wenn es auch nur wenige oder gar keine nderungen
im Material der Artillerie gab, so gab es doch eine gewaltige nderung in
ihrer Taktik. Obwohl die Anzahl der Kanonen durch den Wegfall der Regimentsgeschtze etwas herabgesetzt war, wurde die Wirkung der Artillerie
in der Schlacht durch ihre meisterhafte Anwendung erhht. Napoleon verwandte eine Anzahl leichter Kanonen, die den Infanteriedivisionen zugeteilt
wurden, um eine Schlacht zu beginnen, um den Feind zu zwingen, seine
Strke zu zeigen etc., whrend die Masse der Artillerie in Reserve gehalten
wurde, bis der entscheidende Angriffspunkt bestimmt war. Dann wurden
pltzlich riesige Batterien formiert, die sich alle auf diesen Punkt konzentrierten und durch eine gewaltige Kanonade den endgltigen Angriff der
Infanteriereserven vorbereiteten. Bei Friedland 1 formierte man auf diese
Weise 70 Kanonen, bei Wagram180' 100 Kanonen in Linie, bei Borodino2
bereitete eine Batterie von 80 Kanonen den Angriff Neys auf Semenowskoje
vor. Andererseits erforderten die von Napoleon gebildeten groen Massen
der Reservekavallerie eine entsprechende Streitkraft reitende Artillerie zu
ihrer Untersttzung. Diese Waffengattung fand wieder die vollste Aufmerksamkeit und war sehr zahlreich in den franzsischen Armeen vertreten, in
denen ihre richtige taktische Verwendung zuerst praktisch begrndet
wurde. Ohne Gribeauvals Verbesserungen wre diese neue Verwendung der
Artillerie unmglich gewesen, und da eine Vernderung der Taktik notwendig geworden war, fanden diese Verbesserungen allmhlich und mit geringen Abwandlungen ihren Weg in alle europischen Armeen.
Die britische Artillerie war zu Beginn des franzsischen Revolutionskrieges uerst vernachlssigt und hinter anderen Nationen sehr zurckgeblieben. Sie hatte 2 Regimentsgeschtze fr jedes Bataillon, aber keine
Reserveartillerie. Die Geschtze hatten ein Einzelgespann, die Kutscher
gingen mit langen Peitschen nebenher. Pferde und Kutscher waren gemietet.
Das matriel war von sehr altmodischer Bauart, und mit Ausnahme von sehr
kurzen Entfernungen konnten die Geschtze nur im Schritt-Tempo fortbewegt werden. Reitende Artillerie war unbekannt. Aber nach 1800, als durch
die Erfahrung die Unzulnglichkeit dieses Systems offenbar wurde, reorganisierte Major Spearman die Artillerie von Grund auf. Die Protzen wurden
fr ein Doppelgespann eingerichtet, je 6 Geschtze zu einer Batterie
1
Geschogewichts betrgt. In jeder Batterie gibt es zwei 24pfndige Fnfeinhalbzollhaubitzen. Sechspfnder und Zwlfpfnder wurden im letzten
russischen Krieg 1 berhaupt nicht eingesetzt. Zwei Radgren sind im
Gebrauch. Sowohl bei der englischen als auch bei der franzsischen Fuartillerie sitzen die Kanoniere whrend der taktischen Bewegungen auf den
Protzen und Munitionswagen.
Die preuische Armee ist mit Sechs- und Zwlfpfndern von 18 Kalibern Lnge ausgerstet, deren Gewicht das 145fache und deren Ladung
ein Drittel des Geschogewichts betrgt. Die Haubitzen haben ein Kaliber
von fnfeinhalb und sechseinhalb Zoll. Eine Batterie besteht aus 6 Kanonen
und 2 Haubitzen. Es gibt zwei Rad- und Achsentypen und einen Protzentyp. Die Lafetten entsprechen der Konstruktion Gribeauvals. Fr schnelle
taktische Bewegungen sitzen bei der Fuartillerie 5 Kanoniere, die ausreichen, um das Geschtz zu bedienen, auf dem Protzkasten und auf den
Pferden an der rechten Seite; die brigen 3 folgen, so gut sie knnen. Die
Munitionswagen sind deshalb nicht, wie im franzsischen und britischen
Heer, bei den Geschtzen, sondern bilden eine Kolonne fr sich und werden
whrend des Kampfes auerhalb der Schuweite gehalten. Der verbesserte
englische Munitionswagen wurde 1842 bernommen.
Die sterreichische Artillerie hat Sechs- und Zwlfpfnder von 16 Kalibern Lnge, 135mal so schwer wie das Gescho und mit einer Ladung, die
ein Viertel des Geschogewichts betrgt. Die Haubitzen sind denen des
preuischen Heeres hnlich. Sechs Kanonen und zwei Haubitzen bilden
eine Batterie.
Die russische Artillerie hat Sechs- und Zwlfpfnder, 18 Kaliber lang,
150mal so schwer wie das Gescho, mit einer Ladung von einem Drittel des
Geschogewichts. Die Haubitzen haben ein Kaliber von 5 und 6 Zoll.
Dem Kaliber und der Bestimmung entsprechend, bilden entweder 8 oder
12 Geschtze eine Batterie, wovon die eine Hlfte Kanonen und die andere
Haubitzen sind.
Die sardinische Armee hat Acht- und Sechzehnpfnder mit entsprechend groen Haubitzen. Die kleineren deutschen Armeen haben alle
Sechs- und Zwlfpfnder, die Spanier Acht- und Zwlfpfnder, die Portugiesen, Schweden, Dnen, Belgier, Hollnder und Neapolitaner Sechs- und
Zwlfpfnder.
Der Vorsprung, den die britische Artillerie durch Major Spearmans
Reorganisation gewonnen hatte, trug gemeinsam mit dem dadurch in dieser
1
Krimkrieg 1853-1856
hohle oder andere Geschosse durch ein Geschtz vorwrts zu treiben, die
ermittelten Proportionen von Schuweite, Elevation und Ladung, die Auswirkungen des Spielraums und anderer Ursachen der Abweichung, die
Wahrscheinlichkeiten, das Ziel zu treffen, und die mannigfaltigen Umstnde,
die in der Kriegfhrung eintreten knnen, machen die Artilleriewissenschaft aus.
Obwohl die Tatsache, da ein schwerer Krper, der in vacuo in eine
andere als die vertikale Richtung geschleudert wird, in seinem Flug eine
Parabel beschreibt, das Grundgesetz dieser Wissenschaft ist, so ndert jedoch der Luftwiderstand, der mit der Geschwindigkeit des sich bewegenden
Krpers zunimmt, die Anwendung der Parabeltheorie in der Geschtzpraxis sehr wesentlich. Daher weicht die Fluglinie bei Kanonen, die ihr
Gescho mit einer Anfangsgeschwindigkeit von 1400 bis 1700 Fu in der
Sekunde herausschleudern, betrchtlich von der theoretischen Parabel ab,
und zwar so weit, da mit ihnen die grte Schuweite bei einer Elevation
von nur ungefhr 20 Grad erreicht wird, whrend sie nach der Parabeltheorie
bei 45 Grad liegen sollte. Praktische Versuche haben mit ziemlicher Genauigkeit diese Abweichungen festgestellt und damit die richtige Elevation fr
jede Kategorie von Geschtzen bei gegebener Ladung und Schuweite festgelegt. Es gibt aber noch andere Umstnde, die den Flug eines Geschosses
beeinflussen. Da ist vor allem der Spielraum, das heit die Differenz, um die
der Durchmesser des Geschosses geringer sein mu als der Durchmesser
der Bohrung, um das Laden zu erleichtern. Er verursacht erstens ein
Entweichen des sich ausdehnenden Gases bei Explosion der Ladung,
also eine Verminderung der Treibkraft, und zweitens eine Abweichung
in der Schurichtung, wodurch eine vertikale oder horizontale Streuung
eintritt.
Auerdem sind zu bercksichtigen die unvermeidliche Ungleichmigkeit des Gewichts der Ladung oder ihrer Verfassung zur Zeit ihrer Verwendung, ferner die Exzentrizitt des Geschosses, d.h., da der Schwerpunkt der Kugel nicht mit ihrem Mittelpunkt zusammenfllt, wodurch
Abweichungen entstehen, die entsprechend der Stellung dieser Punkte zueinander im Moment des Feuerns variieren, und viele andere Ursachen,
welche unter scheinbar gleichen Bedingungen des Fluges voneinander abweichende Resultate bewirken.
Wir haben gesehen, da fr Feldgeschtze eine Ladung von einem
Drittel des Geschogewichts und eine Lnge von 16 bis 18 Kalibern beinahe berall bernommen wurde. Mit derartigen Ladungen wird beim
Kernschu (die Kanone wird horizontal gerichtet) das Gescho nach
ungefhr 300 Yard den Boden berhren; durch Elevieren der Kanone kann
diese Schuweite bis zu 3000 oder 4000 Yard erhht werden. Bei einer solchen Schuweite besteht jedoch nicht die geringste Wahrscheinlichkeit,
das Ziel zu treffen, und beim Cebrauchsschieen berschreitet die Schuweite der Feldkanonen nicht 1400-1500 Yard; bei dieser Entfernung
kann aber kaum erwartet werden, da von 6 oder 8 Schssen einer ins Ziel
geht. Die wirksamste Schuweite, innerhalb derer die Kanone zum Ausgang der Schlacht beitragen kann, liegt fr Vollkugeln und Granaten
zwischen 600 und 1100 Yard, und bei dieser Schuweite ist die Wahrscheinlichkeit, ins Ziel zu treffen, tatschlich weit grer. So rechnet man,
da bei 700 Yard ungefhr 50 Prozent, bei 900 Yard ungefhr 35 Prozent,
bei 1100 Yard 25 Prozent aller aus einem Sechspfnder abgefeuerten Geschosse ein Ziel treffen werden, das die Front eines Bataillons in Angriffskolonne darstellt (34 Yard lang und 2 Yard hoch). Die Neun- und Zwlfpfnder mgen etwas bessere Resultate ergeben. Bei einigen Experimenten,
die 1850 in Frankreich durchgefhrt wurden, erzielten die damals gebruchlichen Acht- und Zwlfpfnder gegen ein Ziel von 30 X 3 Metern
(eine Truppe Kavallerie darstellend) folgende Resultate:
Zwlfpfnder, Treffer
Achtpfnder, Treffer
500 m
600 m
700 m
800m
900m
64%
67%
54%
44%
43%
40%
37%
28%
32%
28%
Obwohl das Ziel um die Hlfte hher war, blieb das Ergebnis hier unter
dem oben angegebenen Durchschnitt.
Bei Feldhaubitzen ist die Ladung im Verhltnis zum Gewicht des Geschosses betrchtlich geringer als bei Kanonen. Die Ursachen dafr sind die
geringe Lnge des Geschtzes (7-10 Kaliber) und die Notwendigkeit, es
mit groer Elevation abzufeuern. Der Rckschlag einer stark elevierten
Haubitze, der sowohl nach unten als auch nach hinten wirkt, wrde die
Lafette bei einer schweren Ladimg so beanspruchen, da sie nach wenigen
Schssen gebrauchsunfhig wre. Das ist der Grund, warum bei den meisten Artillerien des europischen Kontinents fr dieselbe Feldhaubitze verschiedene Ladungen verwandt werden; deshalb mu der Kanonier eine
gegebene Schuweite durch unterschiedliche Kombinationen der Ladung
und Elevation erreichen. Wo dies, wie in der britischen Artillerie, nicht der
Fall ist, ist die gewhlte Elevation notwendigerweise sehr niedrig und bersteigt kaum die der Kanonen; die Schu Weitentabellen der britischen
24pfndigen Haubitzen mit zweieinhalb Pfund Ladung zeigen bei 4 Grad
nicht mehr als 1050 Yard an; der Neunpfiinder dagegen erreicht bei gleicher
Elevation eine Schuweite von 1400 Yard. Bei den meisten deutschen
Armeen ist eine besonders kurze Haubitze in Gebrauch, die man auf 16 bis
20 Grad elevieren kann und die deshalb hnlich wie ein Mrser wirkt; ihre
Ladung ist notwendigerweise nur klein. Sie hat gegenber der gewhnlichen
langen Haubitze den Vorteil, da sie ihre Granaten hinter Bodenwellen
etc. in gedeckte Stellungen werfen kann. Wenn auch dieser Vorteil gegenber beweglichen Objekten, wie Truppen, zweifelhafter Natur ist, so ist er
doch dort von groer Bedeutung, wo das vor direktem Feuer geschtzte
Objekt unbeweglich ist. Fr direktes Feuer sind diese Haubitzen wegen
ihrer geringen Lnge (6-7 Kaliber) und ihrer geringen Schuweite so gut
wie nutzlos. Um unterschiedliche Schuweiten bei einer fr einen bestimmten Zweck (direktes Feuer oder Bombardieren) festgelegten Elevation
zu erreichen, variiert die Ladung notwendigerweise sehr stark; in der preuischen Feldartillerie, in der diese Haubitzen noch verwandt werden, gibt
es nicht weniger als zwlf verschiedene Ladungen. Im brigen ist die Haubitze nur ein sehr unvollkommenes Geschtz, und je frher sie von einem
wirksamen Feldgeschtz fr Sprenggranaten in den Hintergrund gedrngt
wird, desto besser.
Die schweren Geschtze, die in Festungen, bei Belagerungen und zur
Kriegsausrstung der Marine verwandt werden, sind verschiedenartig. Bis
zum vergangenen russischen Krieg war es nicht blich, im Belagerungskrieg schwerere Geschtze als Vierundzwanzigpfnder einzusetzen, oder
allerhchstens ein paar Zweiunddreiigpfnder. Seit der Belagerung von
Sewastopol sind jedoch Belagerungs- und Schiffsgeschtze identisch,
besser, die Wirkung der schweren Schiffsgeschtze auf Trancheen und
Befestigungswerke hat sich als so unerwartet berlegen gegenber den blichen leichten Belagerungsgeschtzen erwiesen, da der Belagerungskrieg
in Zukunft in groem Mae von solchen schweren Schiffsgeschtzen entschieden werden wird.
Sowohl in der Belagerungs- als auch in der Marineartillerie gibt es gewhnlich verschiedene Geschtzmodelle desselben Kalibers. Es gibt sowohl
leichte und kurze Geschtze als auch lange und schwere. Da die Beweglichkeit von geringerer Bedeutung ist, werden fr besondere Zwecke oft
Kanonen von 22 bis 25 Kalibern Lnge hergestellt, wovon einige infolge
dieser greren Lnge in der Praxis so przis wie Gewehre sind. Eine der
besten dieser Art ist der preuische aus Bronze bestehende Vierundzwanzigpfnder von 10 Fu, 4 Zoll oder 22 Kalibern Lnge und einem
Gewicht von 60 Zentnern. Bei einer Belagerung gibt es keine Kanone, die
sten Ladungen verwandt, und diese haben bei einigen sehr schweren und
massiven Geschtzen die Hlfte des Geschogewichts. Im ganzen jedoch
kann man ein Viertel als eine gute Durchschnittsladung fr Belagerungszwecke ansehen, manchmal auf ein Drittel einsteigend, bei anderen auf ein
Sechstel absinkend. Auf den Kriegsschiffen gibt es gewhnlich drei Kategorien von Ladungen fr jedes Geschtz: die groe Ladung fr Gefechtsmanver auf weite Entfernungen, Verfolgung etc., die mittlere Ladung fr
Seegefechte bei durchschnittlichen Distanzen, die reduzierte Ladung beim
Schieen mit Kettenkugeln und aus nchster Nhe. Fr die langen Zweiunddreiigpfnder entsprechen die Ladungen 5 / l e , 1 / l und 3 / ltt des Geschogewichts. Fr kurze, leichte Kanonen und fr Bombenkanonen sind diese
Proportionen natrlich noch weiter reduziert; aber auch bei den letzteren
ist die Ladung fr Hohlgeschosse geringer als fr Vollkugeln.
Neben Kanonen und Bombenkanonen werden schwere Haubitzen und
Mrser in die Belagerungs- und Schiffsartillerie aufgenommen. Haubitzen
sind kurze Geschtze auf Lafetten und dazu bestimmt, mit einer Elevation
bis zu 12 bzw. 30 Grad Granaten zu feuern. Mrser sind noch krzere Geschtze, die auf Blcken befestigt sind und dazu dienen, Bomben mit einer
Elevation zu werfen, die gewhnlich 20 Grad berschreitet und sogar bis zu
60 Grad ansteigt. Beides sind Geschtze mit Kammern; i. e., die Kammer
oder der Teil des Rohres, der die Ladung aufnehmen soll, ist im Durchmesser kleiner als der Flug oder die eigentliche Bohrung. Haubitzen haben
selten ein Kaliber ber 8 Zoll, Mrser jedoch bis zu 13, 15 und mehr Zoll.
Die Flugbahn einer Bombe von einem Mrser ist wegen der geringen Ladung C/20 bis 1li0 des Geschogewichts) und seiner betrchtlichen Elevation
weniger vom Luftwiderstand beeintrchtigt, und hier kann die Parabeltheorie bei Schuberechnungen ohne wesendiche Abweichung von den
praktischen Ergebnissen angewandt werden. Mrserbomben sollen entweder durch die Explosion wirken und als Brandbomben durch den
Flammenstrahl der Znder leicht brennbare Objekte in Brand setzen oder
auch durch ihr Gewicht gewlbte und auf andere Weise gesicherte Bedachungen durchschlagen. Im letzteren Fall wird die grere Elevation
bevorzugt, weil sie die grte Flughhe und die hchste Fallgeschwindigkeit ergibt. Haubitzengeschosse sollen erst durch ihren Aufschlag und dann
durch die Explosion wirken; Der Mrser wirft durch seine groe Elevation
sowie durch die geringe Anfangsgeschwindigkeit der Bombe und den dadurch entstehenden geringen Luftwiderstand sein Gescho weiter als irgendein anderes Geschtz. Da das zu bombardierende Objekt gewhnlich eine
ganze Stadt ist, erfordert das Feuer nur eine geringe Przision, und deshalb
erstreckt sich die wirksame Reichweite der schweren Mrser auf 4000 Yard
und mehr; aus dieser Entfernung wurde Sweaborg11431 von den englischfranzsischen Mrserbooten bombardiert.
Die Anwendung dieser verschiedenen Arten von Geschtzen, Geschossen und Ladungen whrend einer Belagerung wird unter dem entsprechenden Titel 1 behandelt werden. Die Anwendung der Schiffsartillerie
bildet fast die gesamte Elementartaktik der Kriegsmarine im Seekampf und
gehrt deshalb nicht zu diesem Thema; so bleibt uns nur noch, einige Bemerkungen ber die Anwendung und die Taktik der Feldartillerie zu
machen.
Die Artillerie hat keine Waffen fr den Nahkampf, alle ihre Krfte sind
auf die Fernwirkung ihres Feuers konzentriert. Darber hinaus ist sie nur
so lange in Kampfbereitschaft, wie sie sich in Stellung befindet; sobald sie
aufprotzt oder das Zugtau fr eine Bewegung befestigt, ist sie vorbergehend kampfunfhig. Aus diesen beiden Grnden ist sie von allen drei
Waffengattungen die defensivste. Ihre Angriffskraft ist in der Tat sehr begrenzt, da Angriff Vorwrtsbewegung bedeutet und sein Kulminationspunkt
der Anprall von Stahl gegen Stahl ist. Das kritische Stadium fr die Artillerie
ist deshalb das Vorrcken, das Stellungbeziehen und die Vorbereitung zum
Kampf unter feindlichem Beschu. Ihr Deployieren zur Feuerlinie, ihre einleitenden Bewegungen mssen entweder durch Bodenhindernisse oder
durch Truppenlinien verschleiert werden. Daher mu sie, um sich nicht
einem Flankenfeuer auszusetzen, eine Position parallel zu der Linie erreichen, die eingenommen werden soll, und dann vorrcken, um dem Feind
direkt gegenber in Stellung zu gehen.
Die Wahl der Stellung ist eine Sache von grter Wichtigkeit sowohl in
bezug auf die Wirkung des Feuers einer Batterie als auch des auf sie selbst
gerichteten Feuers. Die Geschtze so aufzustellen, da sie auf den Feind
so durchschlagend wie mglich wirken, ist erstes Gebot, die Sicherung vor
feindlichem Beschu das zweite. Eine gute Stellung mu einen festen und
ebenen Standplatz fr die Rder und Lafettenschwnze der Kanonen bieten.
Wenn die Rder nicht auf gleicher Ebene stehen, ist kein gutes Schieen
mglich, und wenn sich der Lafettenschwanz in den Boden grbt, wird die
Lafette durch den Rckschlag sehr schnell zerbrechen. Die Stellung mu
auerdem eine freie Sicht ber das vom Feind besetzte Gelnde gestatten
und so viel Bewegungsfreiheit wie mglich bieten.
Schlielich mu das davorliegende Gelnde, zwischen der Batterie und
1
dem Feind, fr die Wirkung unserer Waffen gnstig sein und, wenn mglich, ungnstig fr die Wirkung der Waffen des Feindes. Am gnstigsten ist
ein festes und ebenes Gelnde, das den Vorteil des Rikoschettierens bietet
und das kurzgefeuerte Gescho den Feind nach dem ersten Aufschlag treffen lt. Es ist erstaunlich, wie die Bodenbeschaffenheit die Wirkung der
Artillerie beeinflut. Auf weichem Boden wird das Gescho beim Aufschlag abweichen oder regelwidrig abprallen, wenn es nicht sofort steckenbleibt. Die Richtung der Furchen in gepflgtem Land spielt besonders fr
Karttschen- und Schrapnellfeuer eine groe Rolle; wenn sie quer verlaufen, whlen sich die meisten Geschostcke in sie hinein. Wenn der
Boden direkt vor uns weich, wellig oder gebrochen ist, aber weiter zum
Feind hin eben und hart, so wird er unsere Feuerwirkung begnstigen und
uns vor der feindlichen schtzen. Einen Abhang von mehr als 5 Grad Neigung hinab- bzw. hinaufzuschieen oder vom Gipfel eines Hgels auf den
eines anderen zu feuern, ist sehr ungnstig.
Unsere Sicherheit vor feindlichem Beschu wird schon durch sehr kleine
Objekte erhht. Ein dnner Zaun, der kaum unsere Stellung verdeckt, eine
Strauchgruppe oder hochstehendes Getreide werden den Gegner daran hindern, richtig zu zielen. Eine kleine steile Bodenerhebung, auf dem unsere
Kanonen aufgestellt sind, wird die gefhrlichsten Geschosse des Feindes
abfangen. Ein Damm gibt eine kapitale Brustwehr, doch der beste Schutz
ist der Kamm einer leichten Bodenwelle, hinter der wir unsere Kanonen
so weit zurckziehen, da der Feind nichts als die Mndung sieht. In dieser
Position wird jeder Schu, der den Boden vor uns trifft, nach dem Aufprall
hoch ber unsere Kpfe hinwegspringen. Noch besser ist es, wenn wir fr
unsere Kanonen auf dem Kamm eine Stellung ausheben knnen, ungefhr
2 Fu tief, nach hinten zum Abhang zu abflachend, um so den ganzen
ueren Abhang des Hgels zu beherrschen. Die Franzosen unter Napoleon
waren auerordentlich geschickt im Aufstellen ihrer Kanonen, und von
ihnen haben alle anderen Nationen diese Kunst erlernt. In bezug auf den
Feind mu die Stellung so gewhlt sein, da sie frei von Flanken- oder
Enfilierfeuer ist; in bezug auf unsere eigenen Truppen darf sie deren Bewegungen nicht hemmen. Der gewhnliche Abstand nebeneinanderstehender
Kanonen betrgt 20 Yard, aber es ist nicht ntig, sich streng an eine dieser
Regeln des Exerzierplatzes zu halten. Einmal in Stellung, stehen die Protzen
dicht hinter ihren Kanonen, whrend die Wagen bei einigen Armeen in
Deckung bleiben. Dort, wo die Wagen zum Aufsitzen der Mannschaften benutzt werden, mssen auch sie sich der Gefahr aussetzen, in den Wirkungsbereich der Geschosse zu gelangen.
Die Batterie richtet ihr Feuer auf den Teil der feindlichen Krfte, der
im Moment unsere Stellung am meisten bedroht. Soll unsere Infanterie angreifen, so feuert die Batterie entweder auf die gegenberliegende Artillerie,
wenn diese noch zum Schweigen gebracht werden mu, oder auf die Massen
der Infanterie, falls diese sich zeigen. Wenn jedoch ein Teil des Feindes
ernsthaft zum Angriff bergeht, so mu man das Feuer auf ihn richten,
ohne Rcksicht auf die feindliche Artillerie, die auf uns schiet. Unser
Feuer gegen die feindliche Artillerie wird am wirksamsten sein, wenn diese
nicht erwidern kann, i. e., wenn sie aufprotzt, die Stellung wechselt oder
abprotzt. In solchen Augenblicken richten ein paar gutgezielte Schsse die
grte Verwirrung an.
Die alte Regel, da sich Artillerie, abgesehen von dringenden, entscheidenden Momenten, der Infanterie nicht weiter als auf 300 Yard, das
heit dem Bereich der Handfeuerwaffen, nhern soll, wird jetzt bald berholt
sein. Mit der wachsenden Schuweite moderner Gewehre kann sich die Feldartillerie, wenn sie wirksam sein soll, nicht lnger aus der Gewehrschuweite
heraushalten, und eine Kanone mit ihrer Protze, denPferden und Kanonieren
bildet eine Gruppe, gro genug, da Scharfschtzen bei 600 Yard Entfernung
mit dem Mini6- oder Enfield-Gewehr darauf schieen knnen. Die althergebrachte Anschauung, da, wer lange leben will, zur Artillerie gehen soll,
ist nicht mehr richtig, da augenscheinlich der Einsatz von Scharfschtzen in
Zukunft der wirksamste Weg zur Bekmpfung der Artillerie sein wird; und
wo ist das Schlachtfeld, auf dem man nicht 600 Yard von jeder mglichen
Artilleriestellung entfernt eine ausgezeichnete Deckung fr Scharfschtzen
finden knnte?
Gegenber vorrckenden Linien oder Kolonnen der Infanterie ist die
Artillerie bis jetzt immer im Vorteil gewesen. Ein paar wirksame Karttschensalven oder einige Vollkugeln, die eine tiefe Kolonne durchpflgen,
haben eine erschreckend abkhlende Wirkung. Je nher der Angriff kommt,
desto wirkungsvoller wird unsere Ttigkeit, und selbst im letzten Augenblick knnen wir unsere Kanonen einem Gegner von solcher Langsamkeit
leicht entziehen, obwohl es noch zweifelhaft bleiben mu, ob nicht eine
Linie von chasseurs de Vincennes1, die im pas gymnastique2 vorrcken,
ber uns herfallen wrde, bevor wir aufgeprotzt haben.
Gegenber der Kavallerie sichert Kaltbltigkeit der Artillerie den Vorteil. Wenn letztere ihr Karltschenfeuer bis auf 100 Yard zurckhlt und
dann eine gutgezielte Ladung abfeuert, so wird die Kavallerie ziemlich
1
franzsische Jger zu Fu -
Laufschritt
weit -weg sein, -wenn sich der Rauch verzogen hat. Aufzuprotzen und die
Flucht zu versuchen wre auf jeden Fall das schlechteste Verfahren; denn
die Kavallerie wrde die Geschtze sicherlich berholen.
Bei Artillerie gegen Artillerie entscheiden das Gelnde, die Kaliber, das
zahlenmige Verhltnis der Geschtze und wie diese eingesetzt werden.
Es mu jedoch bemerkt werden, da, obwohl die groen Kaliber bei groen
Schuweiten einen unbestrittenen Vorteil haben, sich die kleineren Kaliber
in ihrer Wirkung den groen in dem Mae nhern, wie die Schuweiten
abnehmen, und bei kurzen Entfernungen ihnen beinahe gleich sind. Bei
Borodino bestand die Artillerie Napoleons hauptschlich aus Drei- und
Vierpfndern, whrend bei den Russen die zahlreichen Zwlfpfnder
vorherrschten; doch schnitten die kleinen franzsischen Kannchen entschieden am besten ab.
Bei der Untersttzung der Infanterie oder Kavallerie mu die Artillerie
immer eine Position an deren Flanke beziehen. Wenn die Infanterie vorrckt, rckt die Artillerie in Halbbatterien oder Abteilungen in einer Hhe
mit der Schtzenlinie vor, oder vielmehr vor dem Gros der Infanterie. Sobald sich die Infanteriemassen auf den Bajonettangriff vorbereiten, bewegt
sich die: Artillerie im Trab bis auf 400 Yard an den Feind heran und bereitet
den Angriff durch Schnellfeuer mit Karttschen vor. Falls der Angriff
zurckgeschlagen wird, erffnet die Artillerie wieder ihr Feuer auf den nachfolgenden Feind, bis sie zum Rckzug gezwungen ist; gelingt aber der Angriff, trgt ihr Feuer betrchtlich dazu bei, einen vollen Erfolg zu erzielen,
wobei die eine Hlfte der Kanonen feuert, whrend die andere vorrckt.
Die reitende Artillerie als Untersttzung der Kavallerie verleiht dieser
etwas von dem defensiven Element, welches der Kavallerie naturgem gnzlich fehlt; sie ist jetzt einer der beliebtesten Dienstzweige und wurde in
allen europischen Armeen in hohem Mae vervollkommnet. Obwohl dafr
vorgesehen, auf Kavalleriegelnde und gemeinsam mit der Kavallerie zu
handeln, so gibt es doch keine reitende Artillerie auf der Welt, die nicht
bereit wre, ber ein Gelnde zu galoppieren, auf dem ihre eigene Kavallerie
nicht folgen kann, ohne Ordnung und Zusammenhalt zu opfern. Die reitende Artillerie eines jeden Landes bringt die khnsten und geschicktesten
Reiter der Armee hervor, die ihren besonderen Stolz dareinsetzen werden,
an groen Kampftagen mit den Kanonen und allem Drum und Dran ungeachtet aller Hindernisse vorzupreschen, vor denen die Kavallerie haltmachen mte.
Die Taktik der reitenden Artillerie besteht in Khnheit und Kaltbltigkeit. Schnelligkeit, pltzliches Auftreten, rasches Feuern, die Bereitschaft,
sich jederzeit in Bewegung zu setzen und jeden Weg zu nehmen, der fr die
Kavallerie zu schwierig ist - , das sind die Hauptqualitten einer guten reitenden Artillerie. Bei diesem stndigen Positionswechsel ist eine Wahl der
Stellungen selten mglich. Jede Stellung, die nahe am Feind und der Kavallerie nicht im Wege liegt, ist gut. Gerade whrend der Ebbe und Flut der
Kampfhandlungen der Kavallerie hat die Artillerie, die die vorrckenden
und zurckflutenden Wellen umgibt, in jedem Augenblick ihre berlegene
Reitkunst und Geistesgegenwart zu beweisen, indem sie in diesem wogenden Meer ber alle Gelndearten hinwegprescht, wo nicht jede Kavallerie
folgen kann oder will.
Beim Angriff und bei der Verteidigung von Stellungen ist die Artillerietaktik hnlich. Die Hauptsache ist immer, jenen Punkt unter Feuer zu nehmen, von dem der Verteidigung unmittelbar Gefahr droht oder von dem
aus beim Angriff unser Vorrcken am wirksamsten aufgehalten werden
kann. Auch die Zerstrung wesentlicher Hindernisse bildet einen Teil ihrer
Pflichten, und hier werden die unterschiedlichen Kaliber und Geschtzarten ihrer Beschaffenheit und ihrer Wirkung entsprechend eingesetzt:
Haubitzen, um Huser in Brand zu setzen, schwere Kanonen, um Tore,
Mauern und Barrikaden zusammenzuschieen.
All diese Bemerkungen betreffen die Artillerie, die in jeder Armee den
Divisionen angeschlossen ist. Aber die bedeutendsten Erfolge werden in
groen und entscheidenden Schlachten von der Reserveartillerie erzielt.
Fast den ganzen Tag auer Sicht und Schuweite gehalten, wird sie in
Massen auf den entscheidenden Punkt vorrcken, sobald die Zeit fr den
Endkampf gekommen ist. Zu einem Halbmond formiert, eine Meile lang
oder lnger, konzentriert sie ihr zerstrendes Feuer auf einen verhltnismig kleinen Punkt. Wenn dort nicht eine ebenbrtige Massierung von
Geschtzen vorhanden ist, um ihr entgegenzutreten, so ist die Angelegenheit durch eine halbe Stunde Schnellfeuer erledigt. Unter dem Hagel der
heulenden Geschosse schwinden die Krfte des Feindes dahin; die intakt
gebliebenen Reserven der Infanterie gehen vor - ein letzter kurzer, heftiger
Kampf, und der Sieg ist errungen. So bereitete Napoleon den Vormarsch
Macdonalds bei Wagram1801 vor, und der Widerstand wurde gebrochen, bevor die drei in einer Kolonne vorrckenden Divisionen einen Schu abgefeuert oder ein Bajonett gekreuzt hatten. Erst seit diesen groen Tagen kann
man von dem Bestehen einer Taktik der Feldartillerie sprechen.
Geschrieben Mitte Oktober
bis 26. November 1857.
Aus dem Englischen.
Karl Marx
Bugeaud"891
Bugeaai de la Picannerie, Thomas-Robert, Herzog von Isly, Marschall
von Frankreich, geboren zu Limoges im Oktober 1784, gestorben in Paris
am 10. Juni 1849. Er trat 1804 als gemeiner Soldat in die franzsische
Armee ein, wurde im Feldzug von 1805 Korporal, diente als Unterleutnant
im Feldzug Preuens gegen Polen (1806/1807), war 1811 als Major bei den
Belagerungen von Lerida, Tortosa und Tarragona dabei und wurde nach
der Schlacht bei Ordal in Katalonien!1901'zum Oberstleutnant befrdert.
Nach der ersten Rckkehr der Bourbonen feierte Oberst Bugeaud die weie
Lilie [isii in einigen Knttelversen; aber da man ber diese poetischen Ergsse ziemlich geringschtzig hinwegging, schlo er sich whrend der
Hundert Tage11451 wieder der Partei Napoleons an, der ihn an der Spitze
des 14. Linienregiments zur Alpenarmee sandte. Bei der zweiten Rckkehr
der Bourbonen zog er sich nach Excideuil auf das Gut seines Vaters zurck.
Zur Zeit der Intervention des Herzogs von Angoulfcme in Spanien [192] bot
er seinen Degen den Bourbonen an, aber da man das Anerbieten ablehnte,
wurde er zum Liberalen und schlo sich der Bewegung ein, die schlielich
zur Revolution von 1830 fhrte.
Im Jahre 1831 wurde Bugeaud zum Mitglied der Deputiertenkammer
gewhlt und von Louis-Philippe zum Generalmajor befrdert. 1833 zum
Kommandanten der Zitadelle von Blaye ernannt, wo die Herzogin von Berry
seiner Obhut anvertraut war, erntete er jedoch keine Lorbeeren aus der Art
und Weise, wie er seine Mission erfllte, und wurde danach unter dem
Namen Ex-Kerkermeister von Blaye" bekannt. Als sich bei den Debatten
in der Deputiertenkammer am 16. Januar 1834 Herr Larabit ber Soults
Militrdiktatur beklagte, unterbrach ihn Bugeaud mit den Worten: Gehorsam ist des Soldaten erste Pflicht", worauf ein anderer Abgeordneter,
Herr Dulong, beiend fragte: Was nun, wenn einem befohlen wird,
Abd er Rahman
die Alpenarmee Bugeaud, der auch von dem Departement CharenteInferieure als Abgeordneter in die Nationalversammlung gewhlt wurde.
Bugeaud verffentlichte mehrere literarische Erzeugnisse, die hauptschlich
Algerien betreffen.11985 Im August 1852 wurde ihm in Algier und in seiner
Vaterstadt ein Denkmal errichtet.
Geschrieben am 27. November 1857.
Aus dem Englischen.
Karl Marx
Bolivary Ponte"991
Bolivar y Ponte, Simon, der Befreier" Kolumbiens, geboren am 24. Juli
1783 in Caracas, gestorben in San Pedro, nahe Santa Marta, am 17. Dezember 1830. Er war der Sohn einer der Familien Mantuanas, die zur Zeit
der spanischen Oberhoheit den kreolischen Adel in Venezuela bildeten.
Entsprechend dem Brauch wohlhabender Amerikaner jener Zeit wurde er
im frhen Alter von 14 Jahren nach Europa geschickt. Von Spanien ging
er nach Frankreich und hielt sich einige Jahre in Paris auf. 1802 vermhlte
er sich in Madrid und kehrte dann nach Venezuela zurck, wo seine Frau
pltzlich am gelben Fieber starb. Danach ging er ein zweites Mal nach
Europa und wohnte 1804 der Krnung Napoleons zum Kaiser bei und war
auch zugegen, als dieser 1805 die Eiserne Krone der Lombardei entgegennahm [200]. 1809 kehrte er nach Hause zurck, und trotz des Drngens seines
Vetters Jos6 Flix Ribas lehnte er es ab, sich der Revolution anzuschlieen,
die am 19. April 1810 in Caracas ausbrach1-201'; aber nach diesem Ereignis
nahm er einen Auftrag ein, nach London zu gehen, um Waffen zu kaufen
und die Protektion der britischen Regierung zu erbitten. Nach auen hin
gut empfangen von dem Marquis von Wellesley, dem damaligen Minister
des Auswrtigen, erreichte er nichts anderes als die Erlaubnis, Waffen
gegen bares Geld und bei Zahlung hohen Zolls auszufhren. Nach seiner
Rckkehr von London zog er sich wieder ins Privatleben zurck, bis er im
September 1811 von General Miranda, damals Oberbefehlshaber der aufstndischen Land- und Seestreitkrfte, veranlat wurde, den Rang eines
Oberstleutnants im Stab und das Kommando ber Puerto Cabello, die
strkste Festung von Venezuela, anzunehmen.
Als es den spanischen Kriegsgefangenen, die Miranda regelmig nach
Puerto Cabello zu senden pflegte, um sie in der Zitadelle unter Bewachung
festzuhalten, gelungen war, ihre Wachen zu berrumpeln und zu berwltigen und sich der Zitadelle zu bemchtigen, obwohl sie unbewaffnet
waren, whrend Bolivar ber eine starke Garnison und groe Waffenmagazine verfgte, schiffte er sich nachts berstrzt mit acht seiner Offiziere
ein, ohne seine eigenen Truppen zu benachrichtigen, kam bei Tagesanbruch in La Guayra an und zog sich auf sein Gut in San Mateo zurck.
Als die Garnison von der Flucht ihres Kommandanten Kenntnis erhielt,
zog sie sich geordnet aus der Festung zurck, die sofort von den Spaniern
unter Monteverde besetzt wurde. Dieses Ereignis gab den Ausschlag zugunsten Spaniens und zwang Miranda, im Auftrag des Kongresses am
26. Juli 1812 den Vertrag von Vittoria zu unterschreiben, der Venezuela
wieder der spanischen Herrschaft unterwarf. Am 30. Juli kam Miranda in
La Guayra an, wo er sich an Bord eines englischen Schiffes begeben wollte.
Als er den Kommandanten des Ortes, Oberst Manuel Maria Casas, besuchte, traf er eine zahlreiche Gesellschaft an, unter ihnen Don Miguel
Pena und Simon Bolivar, die ihn berredeten, wenigstens eine Nacht in
Casas Haus zu bleiben. Um 2 Uhr morgens, als Miranda fest schlief, betraten Casas, Pena und Bolivar mit vier bewaffneten Soldaten sein Zimmer,
nahmen vorsorglich seinen Degen und seine Pistole an sich, weckten ihn
dann und hieen ihn grob aufstehen und sich anziehen, fesselten ihn und
lieferten ihn schlielich an Monteverde aus, der ihn nach Cadiz schickte,
wo er nach einigen Jahren der Gefangenschaft in Ketten starb. Diese Tat,
zu der man als Vorwand benutzte, Miranda habe durch die Kapitulation
von Vittoria sein Land verraten, verschaffte Bolivar die besondere Gunst
Monteverdes, so da dieser, als Bolivar seinen Pa von ihm verlangte, erklrte: Oberst Bolivars Bitte sollte erfllt werden als Belohnung fr den
durch die Auslieferung Mirandas dem Knig von Spanien geleisteten
Dienst." 12021
So wurde also Bolivar gestattet, nach Cura^ao zu segeln, wo er sechs
Wochen verbrachte und von wo er sich dann in Begleitung seines Vetters
Ribas in die kleine Republik Cartagena begab. Noch vor ihrer Ankunft war
eine groe Anzahl Soldaten, die unter General Miranda gedient hatten, nach
Cartagena geflchtet. Ribas schlug ihnen vor, eine Expedition gegen die
Spanier in Venezuela zu unternehmen und Bolivar als ihren Oberbefehlshaber anzuerkennen. Den ersten Vorschlag griffen sie eifrig auf; gegen den
letzteren strubten sie sich, willigten aber schlielich unter der Bedingung
ein, da Ribas Stellvertreter des Befehlshabers werde. Manuel Rodrfguez
Torrices, der Prsident der Republik Cartagena, fgte den so fr Bolivar geworbenen 300 Soldaten noch 500 Mann unter dem Kommando seines Vetters Manuel Castillo hinzu. Die Expedition brach Anfang Januar 1813 auf.
Da es wegen des Oberbefehls zwischen Bolivar und Castillo zu Differenzen
kam, zog letzterer pltzlich mit seinen Granadern ab. Bolivar schlug
seinerseits vor, Castillos Beispiel zu folgen und nach Cartagena zurckzukehren, aber Ribas berredete ihn schlielich, seinen Weg wenigstens bis
Bogota fortzusetzen, zu jener Zeit Sitz des Kongresses von Neu-Granada.
Sie wurden gut-empfangen, in jeder Weise untersttzt und vom Kongre
beide zu Generalen befrdert, -und, nachdem sie ihre kleine Armee in zwei
Kolonnen aufgeteilt hatten, marschierten sie auf verschiedenen Wegen nach
Caracas. Je weiter sie vorrckten, desto mehr strmten ihnen Verstrkungen
zu; die grausamen Ausschreitungen der Spanier wirkten berall als Rekrutierungssergeanten fr die Armee der Unabhngigen. Die Widerstandskraft der Spanier war gebrochen, teils weil sich drei Viertel ihrer Armee aus
Einheimischen zusammensetzte, die bei jedem Treffen zum Gegner berliefen, teils durch die Feigheit solcher Generale wie Tiscar, Cajigal und
Fierro, die bei jeder Gelegenheit ihre eigenen Truppen verlieen. So geschah es, da Santiago Marino, ein einfacher Jugendlicher, es fertigbrachte,
die Spanier aus den Provinzen Cumana und Barcelona genau zur gleichen
Zeit zu vertreiben, als Bolivar durch die westlichen Provinzen vorrckte.
Den einzigen ernsthaften Widerstand setzten die Spanier der Kolonne von
Ribas entgegen, der jedoch General Monteverde bei Los Taguanes in die
Flucht schlug und ihn zwang, sich in Puerto Cabello mit dem Rest seiner
Truppen zu verschanzen.
Als der Gouverneur von Caracas, General Fierro, von dem Herannahen
Bolivars hrte, sandte er Parlamentre aus, um die Kapitulation anzubieten,
die in Vittoria unterzeichnet wurde; aber Fierro, von pltzlicher Panik gepackt, machte sich, ohne die Rckkehr seiner eigenen Emissre abzuwarten,
nachts heimlich davon und berlie mehr als 1500 Spanier auf Gnade und
Ungnade dem Feinde. Bolivar wurde nun durch einen ffentlichen Triumphzug geehrt. In einem Triumphwagen stehend, barhaupt, in voller Uniform,
einen kleinen Stab in seiner Hand schwingend, wurde Bolivar von 12 weigekleideten, mit den Nationalfarben geschmckten jungen Damen, die alle
aus den ersten Familien von Caracas ausgewhlt worden waren, in etwa
einer halben Stunde von den Stadttoren bis zu seiner Residenz gezogen.
Er ernannte sich selbst zum Diktator und Befreier der westlichen Provinzen Venezuelas" - Marino hatte den Titel Diktator der stlichen Provinzen" angenommen - schuf den Orden des Befreiers", bildete ein auserlesenes Truppenkorps, nannte es seine Leibgarde und umgab sich mit
dem Glnze eines Hofes. Aber wie die meisten seiner Landsleute war er
jeder lnger whrenden Anstrengung abgeneigt, und seine Diktatur artete
bald in eine Militranarchie aus, in der die wichtigsten Angelegenheiten den
Hnden von Favoriten berlassen blieben, die die Finanzen des Landes
verschleuderten und dann zu widerwrtigen Mitteln griffen, um sie wieder
in Ordnung zu bringen. So verwandelte sich der neue Enthusiasmus des
Volkes bald in Unzufriedenheit, und die verstreuten Krfte des Feindes
hatten Zeit, sich zu erholen. Whrend Anfang August 1813 Monteverde
in der Festung Puerto Cabello eingeschlossen und der spanischen Armee nur
ein schmaler Landstreifen im nordwestlichen Teil Venezuelas verblieben
war, hatte bereits drei Monate spter der Befreier sein Prestige verloren,
und Caracas war durch das pltzliche Auftauchen der siegreichen Spanier
unter Boves in seiner Nachbarschaft bedroht. Um seine wankende Macht zu
festigen, versammelte Bolivar am [Link] 1814 eine Junta der einflureichsten Einwohner von Caracas und erklrte, er sei nicht gewillt, lnger die
Last der Diktatur zu tragen. Hurtado Mendoza bewies seinerseits in einer
langen Rede
die Notwendigkeit, die Oberhoheit in den Hnden von General Bolivar zu belassen,
bis der Kongre von Neu-Granada zusammentreten und Venezuela unter einer Regierung vereinigt werden knnte". t203]
Diktatoren auf ihrer Flucht gefolgt wren, wre alles verloren gewesen.
Von General Arismendi bei ihrer Ankunft in Juan Griego auf der Insel
Margarita als Deserteure behandelt und aufgefordert, abzureisen, segelten
sie nach Carupano, von wo aus sie sich, da sie von Oberst Bermdez hnlich
empfangen wurden, nach Cartagena begaben. Dort verffentlichten sie, um
ihre Flucht zu bemnteln, zu ihrer Rechtfertigung ein Memorandum in
hochtnenden Phrasen.
Da Bolivar sich einer Verschwrung zum Sturz der Regierung von
Cartagena angeschlossen hatte, mute er diese kleine Republik verlassen
und ging nach Tunja, wo der Kongre der Fderativen Republik NeuGranada seinen Sitz hatte.[204) Zu dieser Zeit stand die Provinz Cundinamarca an der Spitze der unabhngigen Provinzen, die sich weigerten, den
granadischen Fderatiwertrag anzunehmen, whrend Quito, Pasto, Santa
Marta und andere Provinzen noch in der Macht der Spanier blieben. Bolivar, der am 22. November 1814 in Tunja ankam, wurde vom Kongre zum
Oberbefehlshaber der fderativen Streitkrfte ernannt und erhielt den
doppelten Auftrag, den Prsidenten der Provinz Cundinamarca zu zwingen,
die Autoritt des Kongresses anzuerkennen, und dann gegen Santa Marta
zu marschieren, den einzigen befestigten Seehafen Neu-Granadas, der noch
in den Hnden der Spanier war. Der erste Auftrag wurde ohne Schwierigkeiten erledigt, da Bogota, die Hauptstadt der unzufriedenen Provinz, eine
unbefestigte Stadt war. Obwohl die Stadt kapituliert hatte, erlaubte Bolivar
seinen Soldaten, sie 48 Stunden lang zu plndern. In Santa Marta hatte der
spanische General Montalvo, der eine schwache Garnison von weniger als
200 Mann und eine Festung in miserablem Verteidigungszustand hatte,
schon ein franzsisches Schiff bestellt, um seine eigene Flucht zu sichern,
whrend die Einwohner der Stadt Botschaft an Bolivar sandten, da sie bei
seinem Erscheinen die Tore ffnen und die Garnison hinaustreiben wrden.
Aber statt gegen die Spanier von Santa Marta zu marschieren, wie ihm vom
Kongre befohlen worden war, gab er seinem Ha gegenber Castillo, dem
Kommandanten von Cartagena, nach und fhrte nach eigenem Ermessen
seine Truppen gegen die letztgenannte Stadt, die ein integraler Bestandteil
der Fderativen Republik war. Zurckgeschlagen, schlug er bei La Papa,
einem groen Hgel, ungefhr einen Kanonenschu von Cartagena entfernt,
sein Lager auf und richtete eine einzige kleine Kanone als Batterie gegen
eine mit etwa 80 Kanonen versehene Festung. Dann ging er von der Belagerung zur Blockade ber, die bis Anfang Mai dauerte und kein anderes
Ergebnis hatte als die Dezimierung seiner Armee von 2400 auf etwa 700
Mann durch Desertion und Krankheit. Inzwischen war am 25. Mrz 1815
eine groe spanische Expedition von Cadiz unter General Morillo auf der
Insel Margarita eingetroffen, die sofort mchtige Verstrkungen nach Santa
Marta geworfen und bald darauf Cartagena selbst eingenommen Jiatte.
Vorher jedoch, am 10. Mai 1815, hatte sich Bolivar mit etwa einem Dutzend
seiner Offiziere auf einer bewaffneten englischen Brigg nach Jamaika eingeschifft. An diesem Zufluchtsort angekommen, verffentlichte er erneut
eine Proklamation, in der er sich als das Opfer eines geheimen Feindes oder
einer Partei hinstellte und seine Flucht vor den herannahenden Spaniern
als einen Rcktritt vom Kommando aus Rcksicht auf den ffentlichen
Frieden verteidigte.
Whrend seines achtmonatigen Aufenthalts in Kingston leisteten die von
ihm in Venezuela zurckgelassenen Generale und General Arismendi auf
der Insel Margarita den spanischen Waffen hartnckigen Widerstand. Aber
nachdem Ribas, dem Bolivar seinen Ruhm verdankte, nach der Einnahme
von Maturin von den Spaniern erschossen worden war, erschien dort an
seiner Stelle ein anderer Mann mit noch greren Fhigkeiten auf der
Bhne, der als Auslnder keine selbstndige Rolle in der sdamerikanischen Revolution spielen konnte, und sich daher entschlo, in Bolivars
Dienste zu treten. Das war Luis Brion. Um den Revolutionren Hilfe zu
bringen, war er mit einer mit 24 Kanonen bestckten Korvette, die er zum
groen Teil auf eigene Kosten ausgestattet hatte, mit 14 000 Gewehren und
einer groen Menge Kriegsmaterial von London nach Cartagena abgesegelt.
Da er zu spt eintraf und den Aufstndischen schon nicht mehr ntzlich
sein konnte, schiffte er sich nach Cayes auf Haiti ein'2051, wohin sich viele
patriotische Emigranten nach der bergabe von Cartagena geflchtet
hatten. Bolivar hatte sich inzwischen ebenfalls von Kingston nach Porte
au Prince begeben, wo P6tion, der Prsident von Haiti, ihm auf sein Versprechen hin, die Sklaven zu befreien, umfangreiche materielle Untersttzung fr eine neue Expedition gegen die Spanier in Venezuela anbot.
In Cayes traf er Brion und die anderen Emigranten und schlug sich selbst
in einer allgemeinen Zusammenkunft zum Chef der neuen Expedition vor,
unter der Bedingung, da bis zur Einberufung eines allgemeinen Kongresses die zivile und militrische Gewalt in seiner Hand vereint werde.
Da die Mehrheit diese Bedingung annahm, segelte die Expedition am
[Link] 1816 mit Bolivar als Kommandeur und Brion als Admiral ab. Auf
Margarita gelang es Bolivar, Arismendi zu gewinnen, den Kommandanten
der Insel, dem es gelungen war, die Spanier so weit zurckzudrngen, da
ihnen nur noch ein einziger Ort, Pampatar, verblieben war. Auf Bolivars
offizielles Versprechen, einen Nationalkongre in Venezuela einzuberufen,
sobald er Herr des Landes sein wrde, rief Arismendi in der Kathedrale von
La Villa dei Norte eine Junta zusammen und proklamierte Bolivar ffentlich zum Oberbefehlshaber der Republiken Venezuela und Neu-Granada.
Am 31 .Mai 1816 landete Bolivar in Carupano, wagte es aber nicht, Marino
und Piar daran zu hindern, sich von ihm zu trennen und auf eigene Faust
gegen Cumana Krieg zu fhren. Durch diese Trennung geschwcht, setzte
er auf Brions Rat Segel nach Ocumare, wo er am 3. Juli 1816 mit 13 Schiffen
eintraf, von denen nur 7 bewaffnet waren. Seine Armee bestand aus nur
650 Mann, die durch die Anwerbung von Negern, deren Befreiung er verkndet hatte, auf etwa 800 Mann anwuchs. In Ocumare gab er wiederum
eine Proklamation heraus, in der er versprach, die Tyrannen auszurotten"
und das Volk zusammenzurufen, damit es seine Abgeordneten in den
Kongre benenne". Bei seinem Vorrcken in Richtung auf Valencia stie
er unweit von Ocumare auf den spanischen General Morales an der Spitze
von etwa 200 Soldaten und 100 Mann Miliz. Als Morales Schtzen Bolivars
Avantgarde zerstreut hatten, verlor dieser, wie ein Augenzeuge berichtet,
alle Geistesgegenwart, sprach kein Wort, wandte rasch sein Pferd und floh mit
verhngten Zgeln gegen Ocumare zu, durchritt in vollem Galopp das Dorf, erreichte die benachbarte Bucht, sprang vom Pferd, setzte sich in ein Boot und
gelangte so an Bord der .Diana", gab Befehl, da das ganze Geschwader ihm auf
die kleine Insel Buen Ayre folgen sollte, und lie alle seine Gefhrten ohne irgendwelche Hilfsmittel zurck". [206]
Auf Brions Vorwrfe und Ermahnungen hin schlo er sich wieder den
anderen Kommandeuren an der Kste von Cumana an, da er jedoch von
ihnen unfreundlich empfangen wurde und Piar ihm drohte, ihn vor ein
Kriegsgericht als Deserteur und Feigling zu bringen, wandte er sich sofort
wieder nach Cayes. Nach monatelangen Anstrengungen gelang es Brion
schlielich, die Mehrheit der militrischen Fhrer Venezuelas, die fhlten,
da es wenigstens ein nominelles Zentrum geben mte, davon zu berzeugen, Bolivar als ihren Oberbefehlshaber zurckzurufen, unter der ausdrcklichen Bedingung, da er den Kongre einberufen und sich nicht in
die Zivilverwaltung einmengen sollte. Am [Link] 1816 traf er mit
den Waffen, der Munition und den von P6tion gelieferten Vorrten in
Barcelona ein. Als sich ihm am 2. Januar 1817 Arismendi anschlo, verkndete er am 4. Januar das Kriegsrecht und die Vereinigung der gesamten
Macht in seiner Hand; aber 5 Tage spter, als Arismendi in einen von den
Spaniern gelegten Hinterhalt geraten war, flh der Diktator nach Barcelona. Die Truppen sammelten sich emeut in Barcelona, wohin Brion
wurden Morillo und la Torre bei Achaguas in die Flucht geschlagen und
wren vllig vernichtet worden, wenn Bolivar eine Vereinigung seiner
eigenen Truppen mit denen von Paez und Marino zustande gebracht htte.
Auf alle Flle fhrten die Siege von Paez zur Besetzung der Provinz Barima,
wodurch fr Bolivar der Weg nach Neu-Granada frei wurde. Da hier alles
von Santander vorbereitet war, entschieden die auslndischen Truppen, die
hauptschlich aus Englndern bestanden, das Schicksal Neu-Granadas
durch eine Reihe von Siegen, die am [Link] und [Link] sowie am [Link] 12071 in der Provinz Tunja errungen wurden. Am 12. August zog Bolivar
im Triumph in Bogota ein, whrend die Spanier, gegen die sich alle Provinzen Neu-Granadas erhoben hatten, sich in der befestigten Stadt Mompox
verschanzten.
Nachdem er den granadischen Kongre in Bogota eingesetzt und
General Santander zum Oberbefehlshaber ernannt hatte, marschierte Bolivar nach Pamplona, wo er etwa zwei Monate mit Festen und Bllen verbrachte. Am 3. November kam er in Montecal in Venezuela an, wohin er
die patriotisch gesinnten Fhrer dieses Landes mit ihren Truppen befohlen
hatte. Mit einem Schatz von etwa 2 000 000 Dollar, die durch erzwungene
Kontributionen von den Einwohnern Neu-Granadas erhoben worden
waren, und mit einer verfgbaren Streitkraft von etwa 9000 Mann, von der
ein Drittel aus gut disziplinierten Englndern, Iren, Hannoveranern und
anderen Auslndern bestand, konnte er nun einem Feinde entgegentreten,
der aller Hilfsquellen beraubt, dessen nominelle Streitkrfte auf etwa
4500 Mann reduziert und von denen zwei Drittel Einheimische waren, auf
die sich die Spanier also nicht verlassen konnten. Da Morillo sich von San
Fernando de Apure nach San Carlos zurckzog, verfolgte Bolivar ihn bis
Calabozo, so da die feindlichen Hauptquartiere nur zwei Tagesmrsche
voneinander entfernt waren. Wre Bolivar khn vorgestoen, so htten
seine europischen Truppen allein gengt, die Spanier zu vernichten; aber
er zog es vor, den Krieg noch 5 Jahre hinzuziehen.
Im Oktober 1819 hatte der Kongre von Angostura den von ihm ernannten Zea gezwungen, zurckzutreten und an seiner Stelle Arismendi
gewhlt. Als Bolivar diese Nachricht erhielt, marschierte er pltzlich mit
seiner Auslnder-Legion nach Angostura, berraschte Arismendi, der nur
ber 600 Einheimische verfgte, verbannte ihn nach der Insel Margarita
und setzte Zea wieder in seine Wrden ein. Dr. Rosci, der Bolivar mit der
Perspektive einer Zentralmacht begeisterte, brachte ihn dazu, Neu-Granada
und Venezuela als Republik Kolumbien" zu proklamieren, ein Grundgesetz fr den neuen Staat zu verffentlichen, das von Rosci entworfen
erreicht hatte, wo er sich mit dem Rest seiner Truppen verschanzte. Puerto
Cabello htte sich bei einem raschen Vorrcken der siegreichen Armee unweigerlich ergeben mssen, aber Bolivar verlor seine Zeit, indem er sich in
Valencia und Caracas feiern lie. Am 21. September 1821 kapitulierte die
starke Festung Cartagena vor Santander. Die letzten Waffen taten in Venezuela - die Seeschlacht bei Maracaibo im August 1823 und die erzwungene
bergabe von Puerto Cabello im Juli 1824 - waren beide das Werk Padillas.
Die Revolution auf der Insel Leon, die O'Donnells Expedition an der Abfahrt hinderte, sowie der Beistand der britischen Legion hatten offensichtlich den Ausgang der Dinge zugunsten der Kolumbianer entschieden.
Der kolumbianische Kongre erffnete seine Sitzungen im Januar 1821
in Cucuta; am [Link] verffentlichte er die neue Verfassung und verlngerte, nachdem Bolivar wieder gedroht hatte abzutreten, dessen Vollmachten. Nachdem er die neue Verfassung unterzeichnet hatte, erhielt
Bolivar die Erlaubnis, die Kampagne von Quito (1822) zu unternehmen,
wohin sich die Spanier, nachdem sie durch eine allgemeine Volkserhebung
von der Landenge von Panama vertrieben worden waren, sich zurckgezogen hatten.I210] Diese Kampagne, die mit der Einverleibung von Quito,
Pasto und Guayaquil in Kolumbien endete, fhrten dem Namen nach
Bolivar und General Sucre, aber die wenigen Erfolge des Korps waren ganz
und gar den britischen Offizieren, besonders Oberst Sands, zu danken. Whrend der Kampagnen gegen die Spanier in Ober- und Unterperu 1 von
1823/1824 hielt Bolivar es nicht lnger fr ntig, den Feldherrn zu
spielen, sondern berlie die ganze militrische Fhrung General Sucre
und beschrnkte sich selbst auf triumphale Einzge, Manifeste und die
Proklamation von Verfassungen. Durch seine kolumbianische Leibgarde
beeinflute er die Entscheidungen des Kongresses von Lima, der ihm am
10. Februar 1823 die Diktatur bertrug, whrend er sich durch ein neues
Abdankungsmanver die Wiederwahl zum Prsidenten von Kolumbien
sicherte. Inzwischen hatte sich seine Position gefestigt, teils durch die offizielle Anerkennung des neuen Staates durch England, teils durch Sucres
Eroberung der Provinzen von Oberperu, die letzterer zu der unabhngigen
Republik Bolivien vereinte. Hier, wo Sucres Bajonette den Vorrang hatten,
lie Bolivar seinen Neigungen zum Despotismus freien Lauf und fhrte
den Code Boliviano ein, eine Nachahmung des Code Napol6on l2nl . Er beabsichtigte, diesen Code von Bolivien auf Peru zu bertragen und von Peru
auf Kolumbien, um die ersten beiden Staaten durch kolumbianische Trup1
vornehmen Gesellschaft
Friedrich Engels
Kampagne
'Kampagne. - Dieser Ausdruck wird sehr oft gebraucht, um die militrischen Operationen zu bezeichnen, die whrend eines Krieges innerhalb
eines Jahres durchgefhrt werden; aber wenn diese Operationen an zwei
oder mehr voneinander unabhngigen Kriegsschaupltzen stattfinden, wre
es kaum logisch, ihre Gesamtheit unter der Bezeichnung Kampagne zusammenzufassen. So umfat das, wa? vage als die Kampagne von 1800 bezeichnet werden kann, eigentlich zwei verschiedene Kampagnen, die vllig
unabhngig voneinander gefhrt wurden: die Kampagne in Italien (Marengo)[78] und die Kampagne in Deutschland (Hohenlinden)1214'. Andrerseits
ist, seitdem man aufgehrt hat, Winterquartiere zu beziehen, das Ende des
Jahres nicht immer die Grenze zwischen dem Ende einer bestimmten Reihe
kriegerischer Operationen und dem Anfang einer anderen. Heutzutage
spielen viele andere militrische und politische Erwgungen im Kriege eine
weit wichtigere Rolle als der Wechsel der Jahreszeiten. So zerfllt jede der
beiden Kampagnen von 1800 in zwei selbstndige Abschnitte: ein allgemeiner Waffenstillstand, der sich ber die Zeit von Juli bis September erstreckte, trennt sie, und obgleich die Kampagne in Deutschland im Dezember 1800 zu Ende ging, dauerte die italienische noch die ganze erste
Hlfte des Januar 1801 an. Clausewitz stellt richtig fest, da der Feldzug
von 1812 offensichtlich nicht am 31 .Dezember jenes Jahres endigte, als die
Franzosen noch am Njemen und in vollem Rckzug waren, sondern bis sie
im Februar 1813 ber die Elbe gingen12151, wo sie ihre Krfte sammelten,
da der Antrieb, der sie heimwrts marschieren lie, aufgehrt hatte zu
wirken. Da der Winter jedoch immer in unseren Breiten eine Jahreszeit
bleibt, in der Erschpfung und Anstrengungen kmpfende Armeen bermig verringern, so fllt sehr oft mit dieser Jahreszeit die gegenseitige
Einstellung militrischer Operationen und die Wiederherstellung der Krfte
Friedrich Engels
Kapitn
Kapitn - der Rang, der den Kommandeur einer Infanteriekompanie
oder einer Kavallerieeskadron oder den Chefoffizier eines Kriegsschiffs bezeichnet. In den meisten Armeen des europischen Kontinents werden die
Kapitne [bzw. Hauptleute] als Subalterne angesehen; in der britischen
Armee bilden sie einen Mittelrang zwischen dem Stabs- und dem Subalternoffizier, wobei zur letzten Kategorie nur jene Offiziere gehren, die
das Offizierspatent haben, aber kein ihrem Range entsprechendes direktes
und stndiges Kommando ausben. In der Armee der Vereinigten Staaten
ist der Kapitn fr Waffen, Munition, Bekleidung usw. der unter seinem
Kommando stehenden Kompanie verantwortlich. Die Pflichten eines Kapitns in der Kriegsmarine sind sehr umfassend, und sein Posten ist ein sehr
verantwortlicher. In der britischen Flotte steht er bis zum Ablauf von
3 Jahren vom Datum seiner Bestallung ab im gleichen Rang wie ein Oberstleutnant in der Armee und rckt dann in den Rang eines Obersten auf.
Frher war es dem Kapitn in der franzsischen Flotte bei Todesstrafe
verboten, sein Schiff zu verlassen, und er mute es eher in die Luft sprengen, als es in die Hnde des Feindes fallen zu lassen. Kapitne werden auch
die Schiffsfhrer von Kauffahrtei- oder Passagierschiffen genannt und verschiedene niedere Offiziere auf Linienschiffen, wie Kapitn des Vorderdecks, des Schiffsraums, des Gromars*, des Vormars* etc. Das Wort
Kapitn ist italienischen Ursprungs1 und bezeichnet einen Mann, der
irgendwo an der Spitze steht, und in diesem Sinne wird es oft als .Synonym
fr Oberbefehlshaber gebraucht, besonders hinsichtlich seiner Fhigkeiten
als Feldherr.
Geschrieben um den 7. Januar 1858.
Aus dem Englischen.
1
ital.: capitano
Friedrich Engels
Karabiner12161
Karabiner - ein Gewehr mit kurzem Lauf, mit dem die Kavallerie ausgerstet ist. Damit der Karabiner zu Pferde leicht geladen werden kann,
sollte der Lauf nicht mehr als 2 Fu 6 Zoll lang sein, es sei denn, es ist ein
Hinterlader; und um leicht mit nur einer Hand bedient zu werden, mu
sein Gewicht geringer sein als das eines Infanteriegewehrs. Auch das Kaliber ist bei den meisten Heeren viel kleiner als das einer Infanteriefeuerwaffe. Der Karabiner kann entweder einen glatten oder einen gezogenen
Lauf haben; im ersteren Falle wird seine Wirkung betrchtlich unter der
einer gewhnlichen Muskete liegen, im zweiten Falle wird er sie bei migen
Entfernungen an Przision bertreffen. Im britischen Heer besitzt die
Kavallerie Karabiner mit glattem Lauf; in der russischen Kavallerie hat die
gesamte leichte Kavallerie gezogene Karabiner, whrend die Krassiere zu
einem Viertel gezogene und die brigen glattlufige Karabiner haben.
Auch die Artillerie hat in einigen Heeren (besonders franzsischen und
englischen) Karabiner; die britischen sind nach dem Prinzip des neuen
Enfield-Gewehrs konstruiert12171. Karabinerfeuer war eine Zeitlang die
Hauptform des Kavalleriegefechts, ist aber jetzt hauptschlich beim Vorpostendienst und bei Kavalleriescharmtzeln blich. In franzsischen militrwissenschaftlichen Werken bedeutet der Ausdruck carabine" immer
ein gezogenes Infanteriegewehr, whrend fr einen Kavalleriekarabiner
das Wort mousqueton" angewandt wird.
Geschrieben am 21. Januar 1858.
Aus dem Englischen.
Friedrich Engels
Karronade
Karronade - ein kurzes Geschtz aus Gueisen, das zuerst 1779 in der
Gieerei in Carron, Schottland, fr die Verwendung in der britischen
Marine konstruiert und zum erstenmal gegen die Vereinigten Staaten angewandt wurde.12181 Die Karronaden haben keinen Schildzapfen, sondern
ein Hemmtau in der Mitte unter dem Geschtz, wodurch sie an der Lafette
befestigt werden. Das Rohr hat eine Kammer, und die Mndung ist ausgehhlt wie eine Tasse. Die Karronaden sind sehr kurz und leicht, etwa 60
oder 70 lbs. des Geschtzes entfallen auf I lb. Gewicht des massiven Geschosses, die Lnge variiert von 7 bis 8 Kaliber. Die Ladung kann infolgedessen nur schwach sein und betrgt 1I16 bis */8 des Geschogewichts.
Karronaden fanden bei ihrer ersten Einfhrung in der Marine sehr
gnstige Aufnahme. Ihre Leichtigkeit und ihr unbedeutender Rcksto gestatteten, eine grere Anzahl von ihnen an Bord der kleinen Kriegsschiffe jener Zeit aufzustellen. Ihre Reichweiten schienen verhltnismig
gro; dies wurde hervorgerufen 1. durch eine Reduzierung des Spielraums
der Kugel im Rohr, 2. durch ihren groen Steigungswinkel, der aus der
Dicke des Metalls am Boden des Geschtzes und der Krze des Geschtzrohrs entsteht. Das groe Metallgewicht, das von ihnen verschossen wurde,
gab ihnen bei dicht aufeinander folgendem Abschu eine furchtbare Wirkung. Sie wurden um 1800 in das Heer der Vereinigten Staaten eingefhrt.
Es wurde jedoch bald festgestellt, da diese Geschtzart nicht mit lngeren
und schwereren Geschtzen konkurrieren konnte, die ihre Geschosse mit
voller Ladung und bei niedrigerer Elevation abfeuerten. So wurde ermittelt,
da die gewhnlichen langen Kanonen des britischen Heeres bei 2 Elevation und die Bombengeschtze bei 3 die gleiche Reichweite haben wie
die Karronaden entsprechenden Kalibers bei 5 (nmlich etwa 1200 Yard).
Und da mit zunehmender Elevation die Treffsicherheit abnimmt, kommt
die Anwendung von Karronaden bei mehr als 1200 Yard und einer
Friedrich Engels
Karttsche12'91
Karttsche oder Bchsenkarttsche - besteht ans einer Anzahl schmiedeeiserner Kugeln, die in eine Blechbchse von zylindrischer Gestalt gepackt
sind. Die Kugeln fr die Feldartillerie sind regelmig in Lagen geschichtet, aber fr die meisten Arten der Belagerungs- und Schiffsgeschtze werden sie nur in die Bchse geworfen, bis sie gefllt ist, wonach der Deckel
aufgeltet wird. Zwischen einem Ende der Bchse und der Ladung ist ein
hlzerner Boden eingefgt. Das Gewicht der Kugel variiert entsprechend
den verschiedenen Geschtzarten und den Reglements jedes Heeres. Die
Englnder haben fr ihre schweren Schiffsgeschtze Kugeln von 8 oz. bis
zu 3 lbs.; fr ihre 9pfnder-Feldkanonen IV2- und 5 oz.-Kugeln, von denen
126 bzw. 41 eine Bchse fr eine Ladung fllen. Die Preuen verwenden
41 Kugeln, von denen jede V32 des Gewichts der entsprechenden Vollkugel
wiegt. Die Franzosen hatten bis 1854 beinahe das gleiche Verfahren; auf
welche Weise sie es seit der Einfhrung der neuen Haubitze gendert haben
mgen, knnen wir nicht sagen. Fr die Belagerungs- und Festungsartillerie
sind die Kugeln manchmal in einem Beutel um eine aus dem hlzernen
Boden hervorragende Spindel geordnet, entweder in Form einer Traube
(woher der Name Traubengescho stammt) oder in regelmigen Lagen
mit runden Holz- oder Eisenplatten zwischen jeder Lage, wobei das Ganze
in einem Leinwandbeutel steckt.
Die jngst eingefhrte Art ist die kugelfrmige Karttsche, gewhnlich
nach ihrem Erfinder, dem britischen General Shrapnel, Schrapnellgranate
genannt. Sie besteht aus einer dnnwandigen gueisernen Kugel (von V3
bis 3U Zoll dickem Eisen) mit einer Trenn- oder Scheidewand in der Mitte.
Der untere Teil ist dazu bestimmt, eine Explosivladung aufzunehmen, der
obere enthlt bleierne Gewehrkugeln. Ein Znder wird eingesetzt, der eine
sorgfltig zubereitete Mischung enthlt, auf deren genau berechnetes Abbrennen man sich verlassen kann. Eine Mischung wird zwischen die Blei-
kugeln gebracht, damit sie nicht rtteln. Bei der Verwendung im Felde
wird der Znder auf die Lnge zugeschnitten, die fr die Entfernung vom
Feinde erforderlich ist, und in die Granate eingefhrt. Bei 50 bis 70 Yard
vom Feinde ist der Znder bis zum Boden durchgebrannt und bringt die
Granate zur Explosion, so da die Kugeln genau so gegen den Feind geschleudert werden, als ob eine gewhnliche Karttsche auf die Stelle abgefeuert worden wre, wo die Granate explodiert. Die Przision der Zndungen, die gegenwrtig bei verschiedenen Heeren erreicht wird, ist sehr
gro, und so befhigt dieses neue Gescho den Kanonier, die exakte Wirkung von Traubengeschossen auf Reichweiten zu erzielen, bei denen frher
nur Vollkugeln angewandt werden konnten. Das gewhnliche Hohlgescho
wirkt bis zu 200 Yard uerst vernichtend, aber es kann bis zu 500 Yard
angewandt werden; seine Wirkung gegen vorrckende Infanterie- oder
Kavallerie-Linien in geschlossener Formation ist furchtbar, gegen Tirailleurs ist es von geringem Nutzen; gegen Kolonnen werden Vollkugeln
meistens zweckmiger sein. Die runde Karttsche ist andererseits hchst
wirksam bei Entfernungen von 600 bis 1400 Yard, und mit entsprechender Elevation und langem Znder kann sie auf noch grere Reichweiten mit der Wahrscheinlichkeit einer Wirkung abgeschossen werden.
Wegen ihrer Explosion in der Nhe des Feindes, wobei der Kugelhagel
dicht zusammengehalten wird, kann sie erfolgreich gegen Truppen in fast
jeder Formation auer bei Tirailleurs angewandt werden. Nach der Einfhrung der runden Karttsche wurde diese in fast allen europischen
Heeren angewandt, sobald eine geeignete Zndmischung bei jedem erfunden war; das bildete die einzige Schwierigkeit; und von den groen
europischen Mchten hatte allein Frankreich in diesem Punkt noch keinen
Erfolg. Weitere Experimente, Zuflle oder Bestechungen werden jedoch
ohne Zweifel diese Macht bald in den Besitz des Geheimnisses bringen.
Geschrieben um den 21. Januar 1858.
Aus dem Englischen.
Friedrich Engels
Karkasse
Karkasse - eine mit einer entzndbaren Mischung gefllte Granate,
deren Flamme durch 3 oder 4 Lcher heraustritt und so heftig ist, da sie
kaum gelscht werden kann. Karkassen werden in derselben Weise wie
gewhnliche Granaten von Mrsern, Haubitzen und Kanonen abgeschossen
und brennen 8 bis 10 Minuten. Die Mischung wird entweder ber einem
Feuer geschmolzen und hei in die Granaten gegossen, oder sie wird mit
Hilfe eines flssigen Fetts zu einer verdichteten Masse verarbeitet und dann
in die Granate gestopft. Die Zndlcher werden mit Korken oder Holzstpseln verschlossen, durch die eine mit Zndmischung gefllte Hlse in
die Granate fhrt. Frher wurden diese Karkassen wie die jetzigen Schrapnellgranaten mit einer Trenn- oder Scheidewand gegossen, wobei der
Bodenteil dazu bestimmt war, eine Explosivladung Schiepulver aufzunehmen; aber dieses umstndliche Verfahren hat man heute aufgegeben.
Frher war eine andere Art von Karkassen in Gebrauch, die hnlich einem
leichten Ball konstruiert war: zwei kreisfrmige Eisenreifen, die einander im
rechten Winkel kreuzten und mit Segeltuch bespannt waren, wodurch ein
unvollstndiger sphroidischer Krper gebildet wurde, den man mit einer
hnlichen Mischung, die meistens Schiepulver und Pech enthielt, fllte.
Diese Karkassen hat man jedoch abgeschafft, weil ihre groe Leichtigkeit es
fast unmglich machte, sie ber eine grere Entfernung oder mit einiger Przision abzufeuern. Die Mischungen zum Fllen unserer modernen Karkassen
variieren erheblich, aber sie bestehen insgesamt hauptschlich aus Salpeter
und Schwefel, mit einer harzigen oder fettigen Substanz gemischt. So benutzt das preuische Heer 75 Teile Salpeter, 25 Teile Schwefel, 7 Teile gemahlenes Schiepulver und 33 Teile Kolophonium. Die Briten benutzen
100 Teile Salpeter, 40 Teile Schwefel, 30 Teile Harz, 10 Teile Antimon,
10 Teile Talg und 10 Teile Terpentin. Karkassen werden hauptschlich
bei Bombardements angewandt und bisweilen beim Beschu von Kriegsschiffen; allerdings wurden sie im letzteren Fall fast gnzlich von rotglhenden Kugeln abgelst, die leichter herzustellen, von grerer Przision
und weit grerer Zndwirkung sind.
Geschrieben um den 21. Januar 1858.
Aus dem Englischen.
Friedrich Engels
Patrone
Patrone - eine Hlse oder ein Beutel aus Papier, Pergament oder Flanell,
worin die genaue Menge Schiepulver enthalten ist, die man fr die Ladung
einer Feuerwaffe braucht, und wozu in einigen Fllen das Gescho beigefgt wird. Im Gegensatz zur Kugelpatrone enthlt die Platzpatrone fr
Handfeuerwaffen kein Gescho. Bei allen Patronen fr Handfeuerwaffen
wird Papier als Ladepfropfen verwandt und dieser hinuntergestoen. Die Patrone fr das franzsische Mini6- und das englische Enfield-Gewehr wird
an einem Ende in Fett getaucht, um das Hinunterstoen zu erleichtern. Die
des preuischen Zndnadelgewehrs enthlt auerdem den Zndsatz, der
vermittels der Nadel gezndet wird. Geschtzkartuschen werden gewhnlich aus Flanell oder anderem leichten Wollstoff hergestellt. Bei einigen
Armeen wird, wenn irgend mglich, zumindest beim Felddienst, das Gescho mit Hilfe eines Holzbodens mit der Kartusche verbunden. Die Franzosen haben dieses System teilweise sogar in ihrer Marine eingefhrt. Bei
den Briten sind Kartusche und Gescho sowohl bei der Feld- als auch bei
der Schiffs- und Belagerungsartillerie noch getrennt.
Eine sinnreiche Methode zur Herstellung von Papierpatronen ohne
Naht ist krzlich im kniglichen Arsenal von Woolwich in England eingefhrt worden. Metallene, zylindrische Hohlformen, gerade gro genug,
um eine Patrone berzustreifen, werden mit einer Vielzahl kleiner Lcher
versehen, und wenn sie in dem weichen Brei, aus dem das Patronenpapier
hergestellt wird, gelegt und dann mit dem Rezipienten einer Luftpumpe
verbunden werden, sind sie sofort mit einer dnnen Papierschicht berzogen. Diese bildet nach dem Trocknen eine fertige Papierhlse. Mehrere
Formen werden gleichzeitig verwendet, und jede einzelne ist mit einer Wollhlle berzogen, hnlich einem Handschuhfinger, auf der sich der Brei
ansammelt; und dieser, mit ihr zusammen abgenommen, dient als die Ausftterung, mit der die besten Patronensorten versehen sind.
Fr Jagdflinten ist eine Patronenart in Gebrauch, die aus einem Drahtgeflecht hergestellt ist, das nur das Schrot enthlt. Es ist von einer Papierhlle umschlossen. Die Schrotladung wird mit Knochenpulver vermischt,
um ihr Dichte zu geben. Wenn die Flinte abgeschossen ist, fliegt das Schrot
ohne Streuung ber eine lngere Strecke als bei irgendeiner anderen Art
der Ladung.
Geschrieben um den 21. Januar 1858.
Aus dem Englischen.
Friedrich Engels
Berme
Bernte - in der Befestigungskunst ein horizontaler Bodenabsatz, der
zwischen dem oberen inneren Grabenrand und der ueren Bschung der
Brustwehr eines Festungswerks stehengelassen wird. Sie wird gewhnlich
etwa drei Fu breit gemacht. Ihr Hauptzweck liegt darin, die Brustwehr zu
verstrken und zu verhindern, da die Erde, aus der sie besteht, bei starkem Regen, Tauwetter etc. in den Graben hineinrutscht. Manchmal kann
sie auch als ein uerer Verbindungsgang um das Festungswerk herum
dienen. Es darf jedoch nicht bersehen werden, da die Berme als ein sehr
gnstiger Ruhe- und Sammelplatz fr die strmenden und eskaladierenden
Detachements dient; infolgedessen wird sie bei stndigen Befestigungen
vllig weggelassen und in anderen durch einen mit Schiescharten versehenen Wall geschtzt, wodurch eine gedeckte Feuerlinie fr Infanterie
gebildet wird. Bei der Feldbefestigung oder bei der Anlage von Belagerungsbatterien mit einem davor befindlichen Graben ist eine Berme gewhnlich
unerllich, da die Grabenbschung kaum jemals verkleidet ist, und ohne
einen solchen Absatz wrden sowohl Bschung als auch Brustwehr bald
durch den Wechsel der Witterung einfallen.
Geschrieben um den 28. Januar 1858.
Aus dem Englischen.
Friedrich Engels
Blindheim
Blindheim bzw. Blenheim - ein Dorf etwa 23 Meilen von Augsburg in
Bayern, der Schauplatz einer groen Schlacht, die am 13. August 1704 zwischen den Englndern und sterreichern unter Marlborough und Prinz
Eugen und den Franzosen und Bayern unter Marschall Tallard, Marsin und
dem Kurfrsten von Bayern1 geschlagen wurde. Da die sterreichischen
Staaten durch eine direkte Invasion seitens Deutschlands bedroht waren,
eilte Marlborough ihnen aus Flandern zu Hilfe. Die Alliierten einigten sich,
in Italien, den Niederlanden und am Niederrhein in der Defensive zu bleiben
und alle ihre verfgbaren Truppen an der Donau zu konzentrieren. Nach
der Erstrmung der bayrischen Verschanzungen auf dem Schellenberg
berschritt Marlborough die Donau und vereinigte sich mit Eugen, wonach beide sofort zum Angriff auf den Feind losmarschierten. Sie stieen
auf ihn hinter dem Sumpfgebiet des Nebelflusses, von den stark besetzten
Drfern Blindheim und Kitzingen flankiert. Die Franzosen hielten den
rechten Flgel besetzt, die Bayern den linken. Ihre Schlachtlinie war nahezu
fnf Meilen breit; jede Armee hatte ihre Kavallerie an den Flanken, so
da ein Teil des Zentrums von der franzsischen wie von der bayrischen
Kavallerie gebildet wurde. Trotzdem war nach den damals geltenden Regeln der Taktik die Position noch nicht richtig bezogen worden. Die Masse
der franzsischen Infanterie, 27 Bataillone, war in Blindheim zusammengedrngt, demzufolge in einer Position, welche fr Truppen damaliger
Organisation, die nur fr den Kampf in Linie auf freiem Felde verwendet
wurden, vllig hoffnungslos war. Der Angriff der Englnder und sterreicher berraschte sie jedoch in dieser gefhrlichen Lage, und Marlborough nutzte sehr bald alle Vorteile, die die Gelegenheit ihm bot.
Nachdem er Blindheim vergeblich angegriffen hatte, zog er pltzlich seine
1
Hauptmacht zum Zentrum zusammen und durchbrach mit ihr das Zentrum seines Gegners. Eugen wurde leicht mit den auf diese Weise isolierten
Bayern fertig und nahm die allgemeine Verfolgung auf, whrend Marlborough, nachdem er den in Blindheim eingeschlossenen 18 000 Franzosen
den Rckweg vollkommen abgeschnitten hatte, diese zur Niederlegung der
Waffen zwang. Unter ihnen befand sich Marschall Tallard. Die Gesamtverluste der Franzosen und Bayern betrugen 33 000 Tote, Verwundete und
Gefangene, die der Sieger etwa 11 000 Mann. Die Schlacht entschied den
Feldzug, Bayern fiel in die Hnde der sterreicher, und das Prestige Ludwigs XIV. war dahin.
Diese Schlacht ist in bezug auf die Taktik hchst interessant, da sie sehr
deutlich den immensen Unterschied zwischen der damaligen und heutigen
Taktik zeigt. Gerade der Umstand, den mein jetzt als einen der grten Vorteile fr eine Verteidigungsstellung einsehen wrde, nmlich der Besitz
zweier Drfer vor den Flanken, war mit Truppen des 18. Jahrhunderts die
Ursache der Niederlage. Zu jener Zeit war die Infanterie fr ein derartiges
Scharmutzieren und einen scheinbar irregulren Kampf, die heute ein von
guten Truppen besetztes Dorf mit Steinhusern nahezu uneinnehmbar
machen, vollkommen unfhig. Diese Schlacht wird in Frankreich und auf
dem Kontinent gewhnlich die Schlacht bei Hochstdt genannt, nach
einem in der Nhe liegenden Stdtchen dieses Namens, das bereits durch
eine am 20. September des vorhergehenden Jahres dort gefhrte Schlacht
bekannt wurde.'2201
Geschrieben um den 28. Januar 1858.
Aus dem Englischen.
Friedrich Engels
Borodino122,1
Borodino - ein Dorf in Ruland, am linken Ufer der Kolotscha, ungefhr
2 Meilen vor deren Mndung in die Moskwa. Nach diesem Dorf benennen
die Russen die groe Schlacht von 1812, die den Besitz von Moskau entschied; die Franzosen nennen sie die Schlacht an der Moskwa oder bei
Moshaisk. Das Schlachtfeld liegt am rechten Ufer der Kolotscha. Der
rechte russische Flgel wurde durch diesen Flu von seiner Mndung in
die Moskwa bis Borodino gedeckt; der linke Flgel war en potence1 hinter
einen Bach und eine Schlucht zurckgezogen, die sich von der uersten
Linken bei Utiza nach Borodino erstreckt. Hinter dieser Schlucht gibt es zwei
Hgel, die mit unvollstndigen Redouten oder Lnetten gekrnt waren; von
ihnen hie die dem Zentrum am nchsten gelegene Rajewski-Redote,
die auf dem Hgel weiter links gelegenen drei nannte man BagrationLnetten. Zwischen diesen beiden Hgeln liegt eine andere Schlucht, nach
dem dahinter liegenden Dorf Semenowskoje benannt, die von dem russischen linken Flgel nach der ersten Schlucht verluft und sich mit ihr, ungefhr 1000Yard vor der Kolotscha, verbindet. Die Hauptstrae nach Moskau
fhrt an Borodino vorbei, die alte Strae bei Utiza nach Moshaisk verluft
im Rcken der russischen Stellung. Diese sich ber rund 9000 Yard erstreckende Linie wurde von ungefhr 130 000 Russen gehalten und Borodino vor dem Zentrum besetzt. Der russische Oberkommandierende war
General Kutusow. Seine Truppen waren in 2 Armeen geteilt; die grere
unter Barclay de Tolly hielt den rechten Flgel und das Zentrum, die
kleinere unter Bagration stand auf dem linken. Die Stellung war sehr schlecht
gewhlt; denn durch einen erfolgreichen Angriff auf den linken Flgel
wren der rechte und das Zentrum vllig umgangen worden, und wenn
die Franzosen Moshaisk erreicht htten, ehe sich der russische rechte Flgel
1
in Hakenstellung
zurckgezogen hatte - was durchaus mglich war -, dann wren die Russen
hoffnungslos verloren gewesen. Doch Kutusow blieb keine andere Wahl,
nachdem er einmal die von Barclay ausgesuchte ausgezeichnete Stellung
von Zarewo Saimistsche abgelehnt hatte.1691
Die von Napoleon persnlich gefhrten Franzosen waren ungefhr
125 000 Mann stark; nachdem sie die Russen am 5. September 1812 neuen
Stils (26. August alten Stils1) aus einigen leichten Verschanzungen auf deren
linken Flgel vertrieben hatten, wurden sie am 7. zur Schlacht aufgestellt.
Napoleons Plan grndete sich auf die Irrtmer Kutusows; er beschrnkte sich
darauf, das russische Zentrum zu beobachten und konzentrierte seine Krfte
gegen den linken Flgel, den er bezwingen wollte, um sich dann den Weg nach
Moshaisk zu bahnen. Dementsprechend hatte Vizeknig Eugene den Befehl
erhalten, einen Scheinangriff auf Borodino zu unternehmen; Ney und Davout sollten danach Bagration und die nach ihm benannten Lnetten angreifen, whrend Poniatowski den uersten linken Flgel der Russen bei
Utiza umgehen sollte. Sobald die Schlacht in vollem Gange wre, sollte
Vizeknig Eugene die Kolotscha passieren und die Rajewski-Lnette angreifen. So berstieg die gesamte wirklich angegriffene Front nicht die
Lnge von 5000 Yard und gestattete es, auf jeden Yard der Front 26 Mann zu
stellen, eine noch nicht dagewesene Tiefe der Schlachtordnung, der auch
die furchtbaren Verluste der Russen durch Artilleriefeuer zugeschrieben
werden mssen. Beim Morgengrauen rckte Poniatowski gegen Utiza vor
und nahm es ein, doch sein Gegner Tutschkow warf ihn wieder hinaus. Da
Tutschkow spter eine Division zur Untersttzung Bagrations schicken
mute, eroberten die Polen das Dorf zurck. Um 6 Uhr griff Davout die
eigentliche Linke der Bagration-Schanzen an. Er rckte unter dem schweren
Feuer der Zwlfpfnder vor, denen er nur Drei- und Vierpfnder entgegensetzen konnte. Eine halbe Stunde spter griff Ney die eigentliche Rechte
dieser Lnetten an. Sie wurden genommen und zurckerobert, und ein erbitterter und unentschiedener Kampf folgte.
Bagration erkannte jedoch sehr gut die groe Streitmacht mit der im
Hintergrund stehenden machtvollen Reserve und franzsischen Garde, die
gegen ihn aufgeboten wurde. Es gab keinen Zweifel ber den wirklichen
Angriffspunkt. Deshalb raffte er alle verfgbaren Truppen zusammen, forderte eine Division des Rajewski-Korps, eine weitere des Tutschkow-Korps
sowie Garden und Grenadiere aus der Reservearmee an und bat Barclay,
das gesamte Korps von Baggowut zu schicken. Diese Verstrkungen, die
1
Julianischer Kalender
sich auf mehr als 30 000 Mann beliefen, wurden sofort in Marsch gesetzt;
allein aus der Reservearmee erhielt Bagration 17 Garde- und Grenadierbataillone und 2 Batterien Zwlfpfnder. Sie konnten jedoch nicht vor
10 Uhr am Ort zur Verfgung stehen, und bereits vor diesem Zeitpunkt
unternahmen Davout und Ney ihren zweiten Angriff auf die Verschanzungen, nahmen sie ein und trieben die Russen ber die SemenowskojeSchlucht. Bagration schickte seine Krassiere vor; ein regelloser Kampf
von groer Heftigkeit folgte, in dem die Russen Boden zurckgewannen,
als ihre Verstrkungen eintrafen, aber wieder hinter die Schlucht zurckgetrieben wurden, als Davout seine Reservedivision einsetzte. Beide Seiten
erlitten ungeheure Verluste; fast alle hheren Offiziere wurden gettet oder
verwundet, Bagration selbst wurde tdlich getroffen. Jetzt endlich nahm
Kutusow einigen Anteil an der Schlacht und lie Dochturow das Kommando
ber den linken Flgel bernehmen und seinen eigenen Generalstabschef
Toll die Verteidigungsmanahmen an Ort und Stelle berwachen. Kurz
nach 10 Uhr kamen die 17 Garde- und Grenadierbataillone und die Division
von Wassiltschikow in Semenoviskoje an. Das Baggowutsche Korps wurde
geteilt, eine Division wurde zu Rajewski, eine andere zu Tutschkow und die
Kavallerie an die rechte Flanke gesandt. Inzwischen setzten die Franzosen
ihre Angriffe fort. Die westflische Division rckte im Wald gegen den
oberen Teil der Schlucht vor, whrend General Friant diese Schlucht berschritt, ohne jedoch dort Fu fassen zu knnen. Die Russen wurden jetzt
(halb 11 Uhr) durch Borosdins Krassiere aus der Reservearmee und
durch einen Teil der Korffschen Kavallerie verstrkt, doch sie waren bereits
zu sehr zermrbt, um zum Angriff vorzugehen. Ungefhr zur gleichen Zeit
bereiteten die Franzosen einen gewaltigen Kavallerieangriff vor. Im russischen Zentrum hatte Eugfene Beauharnais um 6 Uhr morgens Borodino
eingenommen, die Kolotscha berschritten und den Feind zurckgetrieben. Er kehrte jedoch schnell zurck und berschritt weiter oben den Flu
erneut, um - mit den italienischen Garden, der Division von Broussier
(Italiener), den Divisionen von Gerard und Morand sowie der Kavallerie
von Grouchy - Rajewski und die Redoute anzugreifen, die dessen Namen
trug. Borodino blieb besetzt. Der bergang der Truppen von Beauharnais
verursachte eine Verzgerang; sein Angriff konnte kaum vor 10 Uhr beginnen. Die Rajewski-Redoute war von der Division Paskewitschs besetzt,
die zu ihrer Linken von Wassiltschikow untersttzt wurde und das Korps
Dochturows als Reserve hatte. Gegen 11 Uhr wurde die Redoute von den
Franzosen genommen, die Division Paskewitschs vollstndig aufgerieben
und vom Schlachtfelde getrieben. Doch Wassiltschikow und Dochturow
eroberten die Redoute wieder zurck; die Division des Herzogs Eugen
von Wrttemberg traf zur rechten Zeit ein, und jetzt befahl Barclay dem
Korps Ostermanns, im Rcken als neue Reserve Stellung zu nehmen. Mit
diesem Korps wurde die letzte einsatzfhige Einheit der russischen Infanterie in Schuweite gebracht; jetzt blieben nur 6 Gardebataillone als Reserve. Eug&ne Beauhamais ging gegen 12 Uhr gerade ein zweites Mal zum
Angriff auf die Rajewski-Redoute vor, als russische Kavallerie auf dem
linken Ufer der Kolotscha erschien.'2221 Der Angriff wurde gestoppt und
Truppen gegen die Kavallerie vorgeschickt. Doch die Russen konnten
weder Borodino nehmen noch das sumpfige Gelnde der Woina-Schlucht
berschreiten und muten sich in die Nhe von Zodock zurckziehen; sie
hatten nichts weiter erreicht, als bis zu einem gewissen Grade Napoleons
Absichten durchkreuzt.
Inzwischen hatten Ney und Davout, die auf dem Bagration-Hgel standen, ber die Semenowskoje-Schlucht hinweg die russischen Massen mit
starkem Feuer belegt. Ganz pltzlich setzte sich die franzsische Kavallerie
in Bewegung. Rechts von Semenowskoje griff Nansouty die russische Infanterie mit vollem Erfolg an, bis ihn Sievers' Kavallerie in die Flanke nahm
und zurcktrieb. Zur Linken rckten die 3000 Reiter Latour-Maubourgs in
2 Kolonnen vor; die erste wurde von 2 schsischen Krassierregimentem angefhrt und berritt zweimal 3 russische Grenadierbataillone, die sich gerade zu einem Karree formierten; aber dieser Teil der franzsischen Kavallerie wurde ebenfalls von der russischen Kavallerie in die Flanke genommen.
Ein polnisches Krassierregiment vollendete die Zerschlagung der russischen Grenadiere, doch diese wurden wieder in die Schlucht zurckgetrieben, wo die zweite Kolonne, 2 westflische Krassierregimenter und
ein polnisches Ulanenregiment, die Russen zurckschlug. Als dadurch der
Boden gesichert war, berschritt die Infanterie von Ney und Davout die
Schlucht. Friant besetzte Semenowskoje; die brigen Russen, die hier gekmpft hatten, Grenadiere, Garde und Linie, wurden endgltig zurckgetrieben und ihre Niederlage wurde durch die franzsische Kavallerie vollendet.
Sie flohen in kleinen, ungeordneten Gruppen nach Moshaisk und konnten
erst spt in der Nacht gesammelt werden; nur die 3 Garderegimenter bewahrten etwas Ordnung. So setzte sich der franzsische rechte Flgel,
nachdem er den russischen linken besiegt hatte, schon um 12 Uhr in einer
Position direkt im Rcken des russischen Zentrums fest; daraufhin drangen
Davout und Ney in Napoleon, seiner eigenen Taktik gem den Sieg zu
vollenden und die Garden bei Semenowskoje im Rcken der Russen einzusetzen. Napoleon weigerte sich jedoch, und Ney und Davout, deren
Friedrich Engels
Bidassoa
Bidassoa - ein kleiner Flu der baskischen Provinzen Spaniens, bekannt
wegen der an seinen Ufern gefhrten Schlachten zwischen den Franzosen
unter Soult und den Englndern, Spaniern und Portugiesen unter Wellington. Nach der Niederlage von Vittoria im Jahre 1813[22SI sammelte Soult
seine Truppen in einer Stellung, deren rechter Flgel sich gegenber von
Fuenterrabia am Meer hinzog und die Bidassoa vor sich hatte, whrend das
Zentrum und der linke Flgel sich ber verschiedene Hgelketten nach
Saint-Jean-de-Luz erstreckten. Von dieser Position aus versuchte er, der eingeschlossenen Garnison von Pamplona zu Hilfe zu kommen, wurde aber
zurckgeschlagen. San Sebastian, von Wellington belagert, wurde hart
bedrngt, und Soult beschlo, den Gegner zu zwingen, die Belagerung aufzuheben. Von seiner Position am Unterlauf der Bidassoa aus waren es nur
neun Meilen bis Oyarzun, einem Dorf an der Strae nach San Sebastian;
und wenn er dieses Dorf nehmen konnte, mute die Belagerung aufgehoben
werden. Demgem zog er gegen Ende August 1813 zwei Kolonnen an der
Bidassoa zusammen. Die eine, am linken Flgel, unter General Clausel,
die aus 20 000 Mann und 29 Kanonen bestand, bezog Stellung auf einer
Hgelkette gegenber Vera (einem Ort, hinter dem der Oberlauf des Flusses sich in der Hand der Alliierten'befand), whrend General Reillemit
18 000 Mann und einer Reserve von 7000 Mann unter Foy stromabwrts,
nahe der Strae von Bayonne nach Irun, Aufstellung nahm. Das franzsische befestigte Lager im Rcken wurde von d'Erlon mit zwei Divisionen
besetzt, um eine etwaige Umgehungsbewegung des rechten Flgels der
Alliierten abzuwehren.
Wellington war von Soults Plan unterrichtet worden und hatte alle Vorsichtsmaregeln getroffen. Der uerste linke Flgel seiner Stellung, vorn
durch die zum Flutgebiet gehrende Mndung der Bidassoa gedeckt, war
gut verschanzt, wenn auch nur schwach besetzt; das Zentrum, das von den
uerst gratigen und schroffen Bergrcken von San Marcial gebildet wurde,
war mit Feldschanzen befestigt und wurde von Freires Spaniern gehalten,
whrend die 1. britische Division als Reserve links dahinter, nchst der
Strae nach Irun, stand. Der rechte Flgel auf den felsigen Abhngen des
Berges Pena de Haya wurde von Longas Spaniern und der 4. englisch-portugiesischen Division gehalten, wobei Inglis* Brigade der 7. Division ihn
mit der leichten Division bei Vera und mit den Truppen, die schon frher
nach rechts in die Berge geschickt worden waren, verband. Soults Plan bestand darin: Reille sollte San Marcial (das er zu einem Brckenkopf fr
sptere Operationen machen wollte) nehmen und die Alliierten gegen ihren
rechten Flgel in die Schluchten des Pena de Haya treiben, somit die Landstrae fr Foy frei machend, der auf ihr geradewegs nach Oyarzun vorrcken sollte, whrend Clausel, nach Zurcklassung einer Division zur
Beobachtung Veras, ein wenig unterhalb dieses Ortes die Bidassoa berschreiten und alle Truppen, die sich ihm in den Weg stellten, den Pena de
Haya hinauftreiben sollte, auf diese Weise Reilles Angriff untersttzend
und flankierend.
Am Morgen des 31. August wateten Reilles Truppen in mehreren Kolonnen durch den Flu, nahmen den ersten Hhenzug von San Marcial im
Sturm und rckten gegen die hheren, die Gegend beherrschenden Kmme
dieser Berggruppe vor. Aber bei diesem schwierigen Gelnde gerieten seine
mangelhaft gefhrten Truppen in Unordnung, Plnkler und Reserven wurden miteinander verwickelt und stellenweise zu ungeordneten Haufen zusammengeballt, als die spanischen Kolonnen den Berg hinunterstrmten
und sie zum Flu zurcktrieben. Ein zweiter Angriff war zunchst erfolgreicher und brachte die Franzosen bis zur spanischen Stellung, aber dann
war ihre Kraft erschpft, und ein erneutes Vorgehen der Spanier trieb sie
in groer Unordnung zurck an die Bidassoa. Nachdem Soult inzwischen
erfahren hatte, da Clauseis Angriff glcklich verlaufen war, da er langsam
am Pena de Haya Boden gewann und Portugiesen, Spanier und Briten vor
sich her trieb, war er gerade dabei, Kolonnen aus Reilles Reserven und Foys
Truppen fr einen dritten und entscheidenden Angriff zu bilden, als die
Nachricht eintraf, da d'Erlon durch starke Krfte in seinem Lager angegriffen worden war. Wellington hatte, sobald die Konzentration der Franzosen am Unterlauf der Bidassoa keinen Zweifel mehr an dem tatschlichen
Ziel des Angriffs lie, smtlichen Truppen seines uersten rechten Flgels,
die in den Bergen lagen, befohlen, alles Einzugreifen, was vor ihnen war.
Dieser Angriff, obwohl zurckgeschlagen, war sehr ernst und konnte mglicherweise wiederholt werden. Zur gleichen Zeit wurde ein Teil der
' i i San
Sebastian
A u f s t e l l u n g und B e w e g u n g der
ellllerre.. T r u p p e n
f r a n z s i s c h e n Truppen
|>-
Alliierte Artillerie
20 km
regellos ankamen, wurden sie vernichtet, und die gesamte Linie, einschlielich der Schlsselposition, des Berges Croix de Bouquets, wurde genommen,
bevor irgendwelche Reserven ankommen konnten. Das Lager von Biriatu
und Bildox, das Reille mit Clausel verband, wurde dadurch, da Freire
den Mandale-Berg nahm, umgangen und aufgegeben. Reilles Truppen zogen
sich ungeordnet zurck, bis sie bei Urogne von Soult aufgehalten wurden,
der in aller Eile von Espelette mit den Reserven eintraf. Bereits dort wurde
er von einem Angriff auf Urdax unterrichtet, aber er war keinen Augenblick ber das wahre Ziel des Angriffs im Zweifel und marschierte zur
unteren Bidassoa, wo er zu spt ankam, um die Schlacht zu wenden. Das
britische Zentrum hatte inzwischen Clausel eingegriffen und eroberte
schrittweise sowohl durch Frontal- als auch durch Flankenangriffe seine
Stellung. Gegen Abend war er auf dem hchsten Punkt des Kammes, dem
Grand Rhune, zusammengedrngt und gab am nchsten Tag diesen Berg
auf. Die Verluste der Franzosen betrugen etwa 1400, die der Alliierten
etwa 1600 an Toten und Verwundeten. Die berrumplung war so gut
durchgefhrt, da die eigentliche Verteidigung der franzsischen Stellungen
von nur 10 000 Mann erfolgen mute, die, als 33 000 Alliierte sie heftig
angriffen, aus ihren Stellungen geworfen wurden, noch ehe irgendwelche
Reserven zu ihrer Untersttzung kommen konnten.
Geschrieben um den 11. Februar 1858.
Aus dem Englischen.
Friedrich Engels
Buda
Buda oder Ofen - eine Stadt am westlichen Ufer der Donau, ehemals
die Hauptstadt Ungarns und jetzt der Hauptort in der Umgebung von
Pest. Die Stadt und ihre sieben Vorstdte, darunter Alt-Ofen, das 1850 angeschlossen wurde, zhlt 45 653 Einwohner, ohne die Garnison und die
Studenten. In gerader Linie ist sie von Wien 135 Meilen in sdstlicher
und von Belgrad 200 Meilen in nordwestlicher Richtung entfernt. Sie war
frher mit der Stadt Pest, die am anderen Fluufer liegt, durch eine
Schiffsbrcke verbunden, seit 1849 ist sie es durch eine 1250 Fu lange
Kettenbrcke; ein Tunnel zur Verbindung der Brcke mit der Festung ist
seit 1852 im Bau. Buda hat einen Umfang von etwa neun Meilen und ist
um den Schloberg herum gebaut, einem alleinstehenden, steil abfallenden
Felsen. Der zentrale und hchste Teil der Stadt, die sogenannte Festung,
ist der regelmigste und enthlt viele schne Gebude und Pltze. Diese
Festung ist von Wllen umgeben, von denen aus sich die verschiedenen
Vorstdte zum Flu hin erstrecken. Die bedeutendsten Bauwerke der
Stadt sind das Knigliche Schlo, ein viereckiger Bau von 564 Fu Lnge
mit 203 Zimmern, die Kirche Mari Himmelfahrt und die Garnisonkirche,
beides gotische Bauwerke, das Zeughaus, der Staatspalast und das Rathaus.
Buda besitzt zwlf rmisch-katholische Kirchen, eine griechische Kirche
und eine Synagoge, mehrere Mnchs- und Nonnenklster, ein Theater
und viele bedeutende militrische, Erziehungs- und wohlttige Einrichtungen. Mehrere Verlage und drei Zeitschriften sind hier etabliert. Das
Observatorium, in dem sich auch die Druckerei der Pester Universitt
befindet, ist auf einer Anhhe im Sden der Stadt errichtet, 516 Fu ber
dem Spiegel des Mittelmeeres, und keine Kosten wurden gescheut, um es
mit den besten Instrumenten auszustatten. In verschiedenen Vorstdten
gibt es heie Schwefelquellen, und berreste von Bdern sind erhalten, die
hier von den Rmern und Trken, den frheren Bewohnern des Ortes,
angelegt worden waren. Die wichtigste Erwerbsquelle der Stadt ist der Wein
(hauptschlich Rotweine, die den Burgunderweinen hneln), der auf den
Weinbergen der benachbarten Hhen angebaut und in einem Ausma von
schtzungsweise 4 500 000 Gallonen jhrlich gekeltert wird. Auerdem gibt
es Kanonengieereien und einige Fabriken fr Seide, Samt, Baumwollstoffe und Leder. Die Schiffe der Donau-Dampfschiffahrts-Gesellschaft werden hier gebaut, wodurch etwa 600 Personen Beschftigung finden. Buda
ist die herkmmliche Residenz des Gouverneurs von Ungarn und der
Staatsbehrden.
Man nimmt an, da diese Stadt die Lage des in den Reisebeschreibungen des Antoninus"12251 erwhnten Aquincum einnimmt. Whrend der
ungarischen Monarchie war Buda die Residenz der Knige, durch die es,
besonders durch Matthias den Groen, erweitert und verschnt wurde.
Unter Suleiman dem Prchtigen nahmen es 1526 die Trken ein, aber im
nchsten Jahr wurde es wieder zurckerobert. 1529 fiel es wiederum den
Trken in die Hnde und blieb in ihrem Besitz bis 1686, als es schlielich
von Karl von Lothringen zurckerobert und 1784 wieder zum Sitz der
Regierung gemacht wurde. Buda ist im Laufe der Geschichte nicht weniger
als 20mal belagert worden. Die letzte Belagerung fand im Mai 1849 statt,
als die ungarische Armee unter Grgey die sterreichischen Truppen bis
zur westlichen Grenze des Knigreichs zurckgetrieben hatte. Hinsichtlich der weiteren Operationen wurden zwei Plne errtert: erstens, die
gewonnenen Vorteile durch eine heftige Verfolgung des Feindes bis auf
dessen eigenen Boden auszuweiten, seine Krfte zu zersprengen, ehe die
Russen, die zu der Zeit gegen Ungarn marschierten, herangekommen sein
konnten, und zu versuchen, in Wien die Revolution hervorzurufen; oder
vor Komorn in der Defensive zu bleiben und ein starkes Korps zur Belagerung Budas zu detachieren, wo die sterreicher bei ihrem Rckzug eine
Besatzung zurckgelassen hatten. Grgey behauptet, da Kossuth und
Klapka auf dem letzteren Plan bestanden htten, aber Klapka beteuert,
nichts davon zu wissen, da Kossuth einen solchen Befehl geschickt habe
und leugnet, jemals selbst zu diesem Schritt geraten zu haben. Nach einem
Vergleich der schriftlichen uerungen Grgeys und Klapkas mssen wir
jedoch bekennen, da es noch sehr zweifelhaft bleibt, wen die Schuld fr
den Marsch auf Buda trifft, und da die von Klapka eingefhrten Beweise
keineswegs berzeugend sind. Grgey schreibt auch, da sein Entschlu
weiterhin durch den vlligen Mangel an Feldartilleriemunition und einderen
Vorrten und durch seine eigene Uberzeugung bestimmt war, da die
Armee sich geweigert haben wrde, die Grenze zu berschreiten. Jeden-
falls wurden alle offensiven Bewegungen eingestellt, und Grgey marschierte mit 30 000 Mann nach Buda. Durch diesen Schritt wurde die letzte
Chance zur Rettung Ungarns verpat. Den sterreichern wurde Gelegenheit gegeben, sich von ihren Niederlagen zu erholen, ihre Truppen zu
reorganisieren, und nach sechs Wochen, als die Russen an den Grenzen
Ungarns erschienen, gingen sie mit einer Strke von 127 000 Mann wieder
vor, whrend noch zwei Reservekorps in der Aufstellung begriffen waren.
So bildet die Belagerung Budas den Wendepunkt des ungarischen Krieges
von 1848/1849, und wenn es wirklich jemals verrterische Beziehungen zwischen Grgey und den sterreichern gegeben haben sollte, mssen sie um
diese Zeit stattgefunden haben.
Die Festung von Buda war nur ein schwacher berrest jenes alten Bollwerks der Trken, in dem sie so oft alle Angriffe der ungarischen und
kaiserlichen Armeen zurckgeschlagen hatten. Die Grben und Wlle waren
eingeebnet, und nur noch die Hauptwlle waren briggeblieben, Bauten
von betrchtlicher Hhe, die mit Mauerwerk verkleidet waren. In ihren
allgemeinen Umrissen bildete die Festung ein Rechteck, dessen Seiten
mehr oder weniger unregelmig durchbrochen waren, so da sie ein recht
wirksames Flankenfeuer gestatteten. Eine neuerlich angelegte Verschanzung
fhrte von der Ostseite zur Donau hinab und schtzte das Wasserwerk,
von dem die Festung mit Wasser versorgt wurde. Die Besatzung unter
Generalmajor Hentzi, einem tapferen und entschlossenen Offizier, bestand
aus vier Bataillonen, etwa einer Kompanie Sappeure und dem notwendigen
Anteil an Kanonieren. Fndundsiebzig Geschtze waren auf den Wllen
aufgestellt. Nachdem Grgey die Einschlieung der Stadt vollendet hatte
und eine kurze Kanonade durch schwere Feldgeschtze erfolgt war, forderte
er die Besatzung zur Kapitulation auf. Als diese abgelehnt wurde, befahl er
Kmety, das Wasserwerk zu strmen. Unter dem Schutz des Feuers aller
verfgbaren Geschtze rckte seine Kolonne vor, aber die Artillerie der Verschanzung, die ihre Marschlinie bestrich, jagte sie bald wieder zurck. Es
war somit bewiesen, da ein direkter Angriff niemals zur Einnahme des
Platzes fhren wrde, und da ein Artillerieangriff unerllich war, um zuerst eine gangbare Bresche zu schieen. Eis standen aber keine schwereren
Geschtze als Zwlfpfnder zur Verfgung, und selbst fr diese mangelte
es an Munition. Nach einiger Zeit jedoch trafen vier Vierundzwanzigpfnder und ein Achtzehnpfnder und danach sechs Mrser aus Komorn
ein. Eine Breschbatterie wurde auf einer Anhhe, 500 Yard von der Nordwestecke des Walles entfernt, aufgestellt und erffnete am 15. Mai das
Feuer. Vor diesem Tage hatte Hentzi ohne jeden Anla und ohne jede
Friedrich Engels
Brckenkopf
Brckenkopf oder tete de pont - in der Befestigungskunst eine stndige
oder Feldbefestigung, die an der dem Feind zugewandten Seite einer
Brcke errichtet wird, um die Brcke zu schtzen und der Partei, die sie im
Besitz hat, das Manverieren an beiden Ufern des Flusses zu ermglichen.
Ein Brckenkopf ist unerllich fr jene ausgedehnten modernen Festungen, die an groen Flssen oder an dem Vereinigungspunkt von zwei Flssen liegen. In einem solchen Fall wird der Brckenkopf im allgemeinen
durch eine Vorstadt auf der gegenberliegenden Seite gebildet, die regulr
befestigt ist. So ist Kastel der Brckenkopf von Mainz, Ehrenbreitstein der
von Koblenz und Deutz der von Kln. Sobald die Franzosen whrend des
Revolutionskrieges Besitz von Kehl ergriffen hatten, verwandelten sie es in
einen Brckenkopf fr Straburg. In England kann Gosport als Brckenkopf von Portsmouth angesehen werden, obwohl es dort keine Brcke gibt
und obwohl Portsmouth andere und sehr bedeutende Aufgaben zu erfllen
hat. Wie in diesem letzteren Fall wird eine Befestigung auf der dem Feinde
zugewandten Seite eines Flusses oder Meeresarmes oft Brckenkopf genannt, auch wenn es dort keine Brcke gibt, da die Befestigung die gleichen
Aufgaben erfllt und strategisch gesehen in dieselbe Klasse gehrt, weil sie
die Mglichkeit gibt, unter ihrem Schutz Truppen zu landen und Vorbereitungen fr offensive Operationen zu treffen. Spricht man von der
Position einer Armee, die sich hinter einem groen Flu befindet, dann werden alle Stellungen, die sie an seinem gegenberliegenden Ufer einnimmt,
ihre Brckenkpfe genannt, ganz gleich ob sie Festungen, verschanzte Drfer oder regulre Feldschanzen sind, da sie alle der Armee gestatten, in
Sicherheit auf die andere Seite zu debouchieren. So waren 1813, als Napoleons Rckzug aus Ruland hinter der Elbe aufhrte, Hamburg, Magdeburg, Wittenberg und Torgau seine Brckenkpfe am rechten Ufer dieses
Flusses. In der Feldbefestigung sind Brckenkpfe meist sehr einfache
Schanzen, die aus einem bonnet pretre 1 oder manchmal einem Hornwerk
oder Kronwerk bestehen, nach dem Flu zu offen und mit einer Redoute
dicht vor der Brcke. Manchmal knnen ein kleines Dorf, eine Gruppe von
Bauernhusern oder anderen Gebuden nahe einer Brcke in einen ausreichenden Brckenkopf verwandelt werden, wenn sie gut fr die Verteidigung eingerichtet werden, denn bei der gegenwrtigen Taktik der leichten Infanterie knnen solche Objekte, wenn sie berhaupt zur Verteidigung
taugen, so verwendet werden, da sie einen ebenso groen oder noch greren Widerstand ermglichen als irgendwelche Feldschanzen, die nach den
Regeln der Befestigungskunst aufgeworfen sind.
Geschrieben um den 11. Februar 1858.
Aus dem Englischen.
Friedrich Engels
Katapult
Katapult (gr. [Link] = gegen und mSMco = schleudern) - eine altertmliche Kriegsmaschine zum Schleudern von Steinen, Wurfspieen und anderen Geschossen, in Syrakus zur Zeit der Herrschaft von Dionysios dem
lteren erfunden. Es funktionierte nach demPrinzip des Bogens und bestand
aus einem Holzgerst, von dem ein Teil elastisch und mit straffen Haaroder Sehnenstrngen versehen war. Die Katapulte hatten verschiedene Ausmae und waren entweder fr den Einsatz im Felde oder fr Bombardierungen bestimmt. Mit dem grten konnte man sechs Fu lange und
60 Pfund schwere Balken bis zu einer Entfernung von 400 Schritt werfen,
und Josephus gibt Beispiele, wo sie groe Steine ber eine Entfernung von
einer viertel Meile schleuderten. Die Rmer verwendeten 300 davon bei
der Belagerung Jerusalems.12261 Seit der Zeit Julius Csars wird das Katapult von lateinischen Autoren nicht von der ballista unterschieden, die ursprnglich nur dazu verwendet worden war, Steinmassen zu schleudern.
Geschrieben um den 18. Februar 1858.
Aus dem Englischen.
Friedrich Engels
Lager
Lager - ein Ruheplatz fr Truppen fr eine Nacht oder fr lngere
Zeit, entweder in Zelten oder im Biwak oder mit irgendeinem Schutz, der
schnell aufgebaut werden kann. Truppen werden einquartiert, wenn sie
ber verschiedene Drfer verteilt sind oder wenn sie nach Beendigung
eines Feldzugs in Htten untergebracht werden. Kasernen sind stndige
militrische Quartiere. Zelte wurden von Napoleon fr ungesund gehalten, er zog es vor, da der Soldat im Biwak lag und mit den Fen dem
Feuer zugewandt schlief, durch leichte Schutzwnde und Lauben vor
dem Winde geschtzt. Major Sibley von der amerikanischen Armee hat
ein Zelt eingefhrt, das 20 Kavalleriesoldaten mit ihrer Montur beherbergen kann, wobei alle mit den Fen einem Feuer in seiner Mitte
zugewandt schlafen. Biwakzelte sind in der franzsischen Armee seit 1837
eingefhrt. Sie bestehen aus einem mit Kautschuk imprgnierten Baumwollgewebe und sind so wasserdicht gemacht. Jeder Mann trgt einen Teil
dieses Materials, und die verschiedenen Stcke sind schnell durch Haspen
zusammengefgt. Bei der Auswahl eines Lagers ist es wesentlich, da es
in angemessener Entfernung gutes Wasser gibt; auch die Nhe von Wldern
spielt eine groe Rolle, da diese Feuerholz und Schutz bieten. Gute Straen,
Kanle oder schiffbare Strme sind wichtig, um die Truppen mit dem
Lebensnotwendigen zu versehen, wenn sie fr eine lngere Zeit im Lager
leben. Die Nhe von Smpfen oder stehendem Wasser sollte gemieden
werden. Soll ein Boden zur Verteidigung geeignet sein, so mu er Truppenbewegungen zulassen. Soweit wie mglich sollten Kavallerie und Infanterie
in einer einzigen Linie untergebracht werden, erstere an den Flgeln, letztere im Zentrum. Schutzdcher oder Htten sollten, soweit es die Bodenbeschaffenheit zult, in Reihen errichtet werden, die im rechten Winkel
zur Front verlaufen und sich von einem Ende des Lagers zum anderen
erstrecken. Fr die Anlage eines Lagers knnen jedoch keine Universalregeln festgelegt werden, sondern der Kommandeur mu den Umstnden
entsprechend entscheiden, ob er seine Armee in ein oder zwei Linien untergliedern soll, und ber die jeweiligen Positionen von Infanterie, Kavallerie
und Artillerie. Die Lagerwachen sind: 1. die Lagerwache, die dazu dient,
gute Ordnung und Disziplin aufrechtzuerhalten, Desertionen zu verhindern und Alarm zu geben; 2. Infanterie- und Kavallerie-Detachements,
abkommandierte Feldwachen, die vorn und an den Flanken aufgestellt
werden, um die Rekognoszierungsabteilungen des Feindes abzufangen und
rechtzeitig eine feindliche Annherung zu melden; und 3. Groe Wachen
oder Vorposten, das sind groe Abteilungen, die in umliegenden Drfern,
in Bauernhusern oder kleinen Feldverschanzungen postiert sind, von denen
aus sie die Bewegungen des Feindes beobachten knnen. Sie sollten vom
Lager nicht so weit entfernt sein, da sie im Falle eines Angriffs ohne Untersttzung wren. Unmittelbar nach Ankunft auf dem Gelnde wird die
Anzahl der fr Wachen und Feldwachen zu stellenden Mnner im einzelnen festgelegt, die von ihnen zu besetzenden Posten werden bezeichnet,
die Stellen fr die Verteilung des Proviants genannt und im allgemeinen
alle Anordnungen fr den inneren und ueren Polizei- und Lagerdienst
getroffen.
Eines der ltesten in der Geschichte erwhnten Lager ist das der Israeliten bei ihrem Auszug aus gypten. Es bildete ein groes Viereck, das fr
die verschiedenen Stmme aufgeteilt war, in der Mitte befand sich das
Lager der Leviten mit dem Tabernakel [2271 und es besa ein Haupttor oder
einen Eingang mit einem angrenzenden offenen Platz, der gleichzeitig Forum
und Marktplatz war. Aber die Anordnung, die Dimensionen und die Verschanzungen der regulren militrischen Lager der Hebrer oder ihrer
Feinde knnen kaum ausfindig gemacht werden.
Das Lager der Griechen vor Troja war dicht an der Meereskste, um
ihre Schiffe zu schtzen, die an Land gezogen waren; es war in getrennte
Quartiere fr die verschiedenen Stmme geteilt und befestigt, mit Wllen,
die Fronten zur Stadt und zur See hin, und mit einem ueren hohen Erdhgel, der durch hlzerne Trme gegen die Ausflle der Belagerten verstrkt war. Die tapfersten ihrer Anfhrer, wie Achilles und Ajax, waren an
den uersten Enden postiert. Das Lager der Spartaner war rund und nicht
hne Vorsichtsmaregeln, wie Wachen und berittene Posten.
Das rmische Lager variierte je nach der Jahreszeit, der Zeitdauer, fr
die es bezogen werden sollte, der Zahl der Legionen wie auch der Bodenbeschaffenheit und anderen Umstnden. Ein Historiker aus der Zeit des
Imperiums 1 erwhnt Lager jeder Gestalt, runde, lngliche etc., aber die vornehmliche Form des rmischen Lagers war viereckig. Sein Platz wurde von
Auguren bestimmt und den vier Himmelsrichtungen entsprechend mit der
Front gegen Sonnenaufgang; es wurde mit einem Gnomon ausgemessent228);
ein Viereck mit 700 Fu Seitenlnge wurde fr 20 000 Mann als ausreichend
angesehen. Es wurde in einen oberen und unteren Teil geteilt, die durch
einen groen offenen Raum und zwei Hauptlinien (decumana und cardo),
die von Osten nach Westen und von Norden nach Sden liefen, sowie
durch mehrere Straen getrennt waren. Es hatte vier Tore, deren Haupttore
das Decumen und das prtorianische waren, die bei Todesstrafe kein Soldat
ohne Erlaubnis passieren durfte, und war umgeben von einer aus einem
Graben und einem Erdwall bestehenden Schutzwehr, die durch einen
Zwischenraum von 200 Fu vom inneren Lager getrennt war. Alle diese
Verschanzungen wurden von den Soldaten selber angelegt, die die Spitzhacke und den Spaten ebenso gewandt handhabten wie das Schwert oder
die Lanze; sie ebneten den Boden, errichteten die Palisaden, die sie um die
Verschanzungen herum in einer Art Zaun von unregelmigen Stacheln
anlegten. In der Mitte der oberen Abteilung war der Pavillon des Feldherrn
(Praetorium), der ein Quadrat von 200 Fu Seitenlnge bildete; um ihn
herum das auguraculum, das quaestorium oder die Quartiere des Armeeschatzmeisters, das Forum, das als eine Art Markt und als Versammlungsort diente, sowie die Zelte der legati, die der Tribunen ihren entsprechenden
Legionen gegenber und die der Kommandeure der auslndischen Hilfstruppen. In der unteren Abteilung waren die Zelte der subalternen Offiziere
und der Legionen, der rmischen Kavallerie, der triarii, der principes, der
hastati etc.; und an den Flanken, sorgfltig voneinander getrennt, die
Kompanien der auslndischen Kavallerie und Infanterie. Die Zelte waren
mit Fellen bedeckt, in jedem waren 10 Soldaten und ihr decanus untergebracht, die Zenturionen und Standartentrger an der Spitze ihrer Kompanien. Zwischen den beiden Abteilungen, auf dem Raum, der principia
genannt wurde, war die Tribne des Feldherrn zur Ausbung der Rechtsprechung sowie fr Ansprachen, der Altar, die geheiligten Gtterbilder
und die nicht minder geheiligten militrischen Embleme. In Ausnahmefllen wurde das Lager mit einem steinernen Wall umgeben, und bisweilen
waren sogar die Soldatenquartiere aus dem gleichen Material. Das ganze Lager bot den Anblick einer Stadt; es war die einzige Festung, welche die Rmer
bauten. Zu den dauerhaftesten Denkmlern der rmischen Okkupation
1
Josephus Flavius
Friedrich Engels
Coehoom
Coehoorn bzw. Cohoorn, Menno van, Baron - ein hollndischer General
und Ingenieur - geboren 1641 in Friesland, gestorben am 17. Mai 1704 in
Den Haag. Im Alter von 16 Jahren erhielt er ein Hauptmannspatent, zeichnete sich bei der Belagerung von Maastricht aus und spter in den Schlachten von Seneffe, Kassel, Saint Denis und Fleurus1230'. Whrend der Zeit,in
der er nicht im aktiven Dienst stand, widmete er dem Fortifikationswesen
viel Aufmerksamkeit mit dem Ziele, die Chancen der Belagerer und der Belagerten einander anzugleichen, nachdem das neue System seines Zeitgenossen Vauban letzteren groe Vorteile gebracht hatte. Als noch verhltnismig junger Mann errang er sich einen Namen als Ingenieur, und
als er sein mittleres Lebensalter erreicht hatte, war er anerkannt der beste
Offizier dieser Waffe im hollndischen Dienst. Der Prinz von Oranien versprach ihm eine Oberstenstelle, aber da er ziemlich nachlssig in der Erfllung des Versprechens war, zog sich Coehoorn verschnupft zurck mit der
Absicht, seine Dienste den Franzosen anzubieten. Auf Befehl des Prinzen
wurden jedoch seine Frau und 8 Kinder als Geiseln fr seine Rckkehr
verhaftet, was ihn rasch zurckbrachte, worauf er den versprochenen Rang
erhielt und spterhin nacheinander zum General der Artillerie, Generaldirektor fr Befestigungsbau und Gouverneur von Flandern ernannt wurde.
Sein ganzes Leben stand in enger Verbindung mit den Verteidigungsanlagen der Niederlande. Bei der Belagerung von Grave 1674 erfand und
benutzte er zum ersten Male die kleinen Mrser, die sogenannten Coehoorns
zum Werfen von Granaten, und im folgenden Jahre errang er den Beifall
Vaubans, weil er erfolgreich die Maas berquerte und eine Bastion nahm,
die man durch den Flu fr geschtzt gehalten hatte. Nach dem Frieden
von Nymwegen (1678)12311 wurde er zur Verstrkung verschiedener schon
befestigter Pltze herangezogen; Nymwegen, Breda, Mannheim, seitdem
geschleift, und Bergen-op-Zoom bezeugen den Wert seines Systems. Den
letztgenannten Platz hielt er fr sein Meisterstck, obgleich er nach langer
Belagerung 1747 von Marschall de Lowendal genommen wurde. Whrend
der Feldzge von 1688 bis 1691 war er im aktiven Dienst12321. Die Belagerung von Namur im Jahre 1692 gab ihm Gelegenheit, sein System an dem
Vaubans zu erproben, denn diese beiden groen Ingenieure standen dort
einander gegenber, Coehoorn in der Verteidigung eines Werks, das er zum
Schutze der Zitadelle errichtet hatte, und Vauban, der es zu bezwingen
versuchte. Coehoorn verteidigte es hartnckig, aber nachdem er gefhrlich
verwundet worden war, war er gezwungen, sich seinem Gegner zu ergeben,
der seine Tapferkeit und Geschicklichkeit gromtig besttigte. Er wurde
spter beim Angriff auf Trarbach, Limburg und Lige herangezogen und
1695 half er, Namur wieder zu nehmen. Im Spanischen Erbfolgekrieg1631
belagerte er der Reihe nach Venloo, Stephensworth, Ruremonde, Lige
und nahm im Jahre 1703 Bonn am Rhein nach dreitgiger Kanonade durch
schwere Artillerie, untersttzt durch Granatfeuer von 500 Coehoorns. Danach ging er nach Hollndisch-Flandern, wo er mehrere Siege ber die
Franzosen errang und die Belagerung von Huy leitete. Das war seine letzte
Diensthandlung, denn er starb bald danach an Apoplexie, whrend er auf
eine Unterredung mit dem Herzog von Marlborough ber den Plan fr
eine neue Kampagne wartete.
Coehoorns grtes Werk, Nieuwe Vestingbouw", wurde in Leeuwarden
1685 in Folio-Format herausgebracht und in mehrere fremde Sprachen
bersetzt. Seine Plne sind meistens den hollndischen Festungen oder
ihnen hnlichen, auf nur einige Fu ber dem Wasserspiegel liegendem
Boden erbauten, angepat. Wo immer es auszufhren ging, umgab er seine
Anlagen mit zwei Grben, den ueren voll Wasser, den inneren trocken
und im allgemeinen von etwa 125 Fu Breite, der den Belagerten und in
einigen Fllen den Kavalleriedetachements als place d'armes 1 diente. Die
Theorie seines Systems sowohl fr den Angriff als auch fr die Verteidigung
war die berlegenheit einer kombinierten Masse ber Einzelfeuer. Als
Militrexperte wurde Coehoorn ungeheure Verschwendung an Menschenleben vorgeworfen, worin er in ungnstigem Gegensatz zu Vauban stand,
der die Menschen schonte. Persnlich war er geradezu, ehrlich, tapfer und
hate Schmeichelei. Er lehnte Anerbieten mehrerer auslndischer Regierungen ab. Karl II. von England schlug ihn zum Ritter. Er wurde in
Wijkel, in der Nhe von Sneek in Friesland, begraben, wo man ihm zum
Gedchtnis ein Denkmal errichtet.
Geschrieben zweite Januarhlfte/Februar 1858.
Aus dem Englischen.
1
Waffenplatz
Friedrich Engels
Brescia
Brescia - eine Provinz der Lombardei, begrenzt von Bergamo und Tirol
im Norden, Verona und Mantua im Westen, Cremona im Sden, Lodi und
Bergamo im Osten. Flche: 1300 Quadratmeilen; Einwohnerzahl 350 000.
Die Fruchtbarkeit des Bodens ist fr die auserlesensten Erzeugnisse gnstig, und einer der wichtigsten Wirtschaftszweige ist der Seidenhandel;
jhrlich werden 1 000 000 Pfund Seide hergestellt; die Anzahl der Seidenmanufakturen betrgt 27 und der Seidenwebereien 1046. Etwa 70 000 lbs.
vorzglicher Wolle werden jhrlich erzeugt, und es gibt nicht weniger als
45 Wollmanufakturen, 40 Fabriken von WoIl-undBaumwollwaren, 13 Tuchfabriken, 27 Gold-, Silber- und Bronzewaren-, 12 Eisenwaren- und Porzellanfabriken, 7 Druckereien, 137 Eisenhttenwerke und Werke zur Verhttung anderer Metalle (Brescia-Stahl geniet Weltruf) und 77 Feuerwaffen- und Rstungsfabriken, deren hervorragende Erzeugnisse Brescia
in frheren Zeiten den Namen l'Armata 1 eintrugen. Butter, Kse, Weizen,
Mais, Heu, Flachs, Kastanien, l und Wein tragen zustzlich zum Wohlstand bei. Der Handel der Provinz vollzieht sich hauptschlich in der
Hauptstadt gleichen Namens.
Die Stadt (ehemals Brixia) hat eine Bevlkerung von 40 000 und liegt
an den Flssen Mella und Garza, am Fue eines Hgels. Die starke Burg
auf dem Gipfel des Hgels wurde in frheren Zeiten Falke der Lombardei
genannt. Die Stadt ist solide gebaut, freundlich und belebt, wegen ihrer
zahlreichen Springbrunnen bekannt, von denen es, auer einigen 100 in
Privathusern, nicht weniger als 72 auf den Straen und Pltzen gibt. Die
alte Kathedrale und die anderen Kirchen enthalten viele Gemlde der groen italienischen Meister. Die neue Kathedrale oder Duomo Nuovo wurde
1604 begonnen, aber das Kuppelgewlbe wurde erst 1825 vollendet. Der
1
die Waffenschmiede
Hauptschmuck der Kirche von Santa Afra ist Tizians Ertappte Ehebrecherin". Es gibt insgesamt ber 20 Kirchen, die alle wegen ihrer Kunstschtze bekannt sind. Zu den bemerkenswerten ffentlichen Gebuden gehrt der Palazzo della Loggia auf der Piazza Vecchia, der als Rathaus gedacht war und dessen schne Fassade sehr unter dem Bombardement im
April 1849 gelitten hat. Den Palazzo Tosi schenkte Graf Tosi der Stadt, er
enthlt unter vielen berhmten Bildern den berhmten Heiland" von
Raffael. Die Bildergalerien in den Palsten Averoldi, Fenaroli, Lecchi,
Martinengo und in anderen Palsten sind gleichfalls wegen ihrer Kunstschtze bekannt. Eine ganze Strae, II Corso del Teatro, hat die Fronten
der zweiten Etagen mit biblischen, mythologischen und historischen Malereien geschmckt. Die Biblioteca Quirinina, die in der Mitte des 1 [Link] von Kardinal Quirini gegrndet wurde, enthlt an die 80 000
Bnde und auerdem eine umfangreiche Sammlung seltener Manuskripte
und Gegenstnde des Altertums. Das einzigartigste Denkmal Brescias ist
der Friedhof (Campo Santo), der schnste in Italien, 1810 angelegt; er
besteht aus einem Vorplatz, um den die Grber und eine Reihe von Zypressen halbkreisfrmig angelegt sind. Brescia ist der Sitz der Provinzialregierung, eines Bistums, eines Handelsgerichts und anderer Gerichtshfe.
Eis hat verschiedene Wohlttigkeitseinrichtungen, ein theologisches Seminar, 2 Gymnasien, ein Lyzeum, einen botanischen Garten, ein Antiquittenkabinett und ein Kabinett fr Naturgeschichte, eine Landwirtschaftsgesellschaft, mehrere Akademien, die Philharmonie ist eine der
ltesten in Italien, ein Kasino, ein schnes Theater und einen groen Marktplatz auerhalb der Stadt fr die jhrliche Messe - eine Zeit groer Geschftigkeit und Freude. Die Wochenzeitschrift von Brescia heit Giornale
della provincia Bresciana". Ein rmischer Marmortempel wurde 1822 in der
Nhe ausgegraben. Brescia ist durch die Eisenbahn mit Verona und anderen
italienischen Stdten verbunden.
Man nimmt an, da die Stadt von den Etruskern gegrndet wurde.
Nach dem Zusammenbruch des rmischen Imperiums wurde sie von den
Goten geplndert und ging spter in die Hnde der Franken ber. Otto
der Groe erhob sie in den Rang einer freien Reichsstadt, aber die Streitigkeiten zwischen den Guelfen und Ghibellinen[2S31 wurden fr die Stadt
eine Quelle der Unruhe. Nachdem sie eine Zeitlang unter der Herrschaft
der Herren von Verona gewesen war, fiel sie 1378 in die Hnde der Mailnder. 1426 wurde sie von Carmagnola genommen; 1438 von Piccinino belagert; 1509 ergab sie sich den Franzosen; 1512 wurde sie von dem venezianischen General Gritti erbeutet, aber spterhin durch Gaston de Foix
befreit. Whrend des [Link] drei weiteren Belagerungen ausgesetzt, blieb sie im Besitz Venedigs bis zum Sturz dieser Republik [234) .
Whrend der napoleonischen ra war sie die Hauptstadt des Departements
Mella. In der Revolution von 1849 erhoben sich die Einwohner von Brescia
gegen die Herrschaft sterreichs, der sie seit 1814 unterworfengewesen
waren. Die Stadt wurde am 30. Mrz von General Haynau bombardiert und
hielt sich bis zum Mittag des 2. April, als sie gezwungen wurde, sich zu ergeben und einen Tribut in Hhe von 1 200 000 Dollar zu zahlen, um ihre
vllige Zerstrung abzuwenden.
Geschrieben um den 24. Februar 1858.
Aus dem Englischen.
Friedrich Engels
Birma
Birma oder das Knigreich Ava - ein ausgedehnter Staat im Sdosten
Asiens, jenseits des Ganges, frher viel grer als gegenwrtig. Seine frheren Grenzen waren zwischen 9 und 27 nrdlicher Breite; es erstreckte
sich in einer Lnge von 1000 Meilen und ber 600 in der Breite. Gegenwrtig reicht das Gebiet Birmas von I925' bis 28 15' nrdlicher Breite
und von 932' bis 1004CK stlicher Lnge, einen Raum von 540 Meilen
in der Lnge von Norden nach Sden und 420 Meilen in der Breite mit
einer Bodenflche von etwa 200 000 Quadratmeilen umfassend. Es wird
im Westen von der Provinz Aracan begrenzt, die durch den birmesischen
Vertrag von 1826 an die Briten abgetreten wurde, und durch die kleinen
Staaten Tiperah, Munnipoor und Assam, von denen es durch hohe Gebirgskmme getrennt ist; im Sden liegt die krzlich durch die Briten erworbene
britische Provinz Pegu[2351, im Norden Ober-Assam und Tibet und im
Osten China. Die Bevlkerungszahl berschreitet nach Capt. Henry Yule
nicht 3 000 000.
Seit der Abtretung Pegus an die Briten hat Birma weder Alluvial-Ebenen
noch eine Seekste, seine sdliche Grenze liegt mindestens 200 Meilen von
den Mndungen des Irawadi entfernt, und das Land steigt allmhlich von
dieser Grenze nach dem Norden zu an. Etwa 300 Meilen sind Hochland,
und darber hinaus ist es rauh und gebirgig. Dieses Territorium wird von
drei groen Strmen bewssert, dem Irawadi, seinem Nebenflu, dem
Khyen-Dwen, und dem Salwin. Diese Flsse haben ihre Quellen in der
nrdlichen Gebirgskette und flieen in sdlicher Richtung zum Indischen
Ozean.
Obgleich Birma seines fruchtbarsten Territoriums beraubt worden ist,
kann man das verbliebene keinesfalls unfruchtbar nennen. In den Wldern
gibt es wertvolles Holz im berflu; darunter nimmt Teakholz, das zum
Schiffsbau verwendet wird, einen hervorragenden Platz ein. Fast jede der
in Indien bekannten Holzarten ist auch in Birma zu finden. Eis werden
zum Reiten benutzt und sind selten mehr als dreizehn Hnde 1 hoch. Der
Ochse ist das Zug- und Lasttier im Norden, der Bffel im Sden.
An Minerahen wird in den Betten mehrerer Strme Gold gefunden,
das im Sand von den Gebirgen herabgefhrt wird. An der chinesischen
Grenze, in Bor-twang, werden Silberminen ausgebeutet. Die jhrliche Ausbeute an gewonnenem Gold und Silber ist auf annhernd 1 000 000 Dollar
geschtzt worden. Im stlichen Teil von Laos ist Eisen im berflu vorhanden; es wird aber so primitiv bearbeitet, da 30-40% des Metalls beim
Schmiedeproze verlorengehen. Die Erdlbohrungen an den Ufern des
Irawadi bringen 8 000 000 lbs. jhrlich. Kupfer, Zinn, Blei und Antimon
gibt es, wie bekannt ist, in Laos, aber es ist zweifelhaft, ob irgendwelche
dieser Metalle in betrchtlichen Mengen gewonnen werden, da die Bevlkerung die Methoden ihrer Gewinnung nicht kennt. Die Berge in der
Nhe der Stadt Ava liefern Kalkstein von hervorragender Qualitt; reiner
Bildsulen-Marmor wird 40 Meilen von der Hauptstadt entfernt an den
Ufern des Irawadi gefunden; Bernstein gibt es in solcher Menge, da er in
Ava zu dem niedrigen Preise von 1 Dollar pro lb. verkauft wird; und
Salpeter, Natron, Salz und Kohle sind ber das ganze Land weithin verbreitet, obgleich letztere wenig verwandt wird. Das reichlich gewonnene
Erdl wird von allen Schichten Birmas als Brennstoff fr Lampen und als
Schutzmittel gegen Insekten benutzt. Es wird in Eimern aus engen Brunnen?
Schchten aus einer Tiefe von 210 bis 300 Fu geschpft; es quillt aus dem
Boden wie ein natrlicher Springbrunnen. Terpentin wird in verschiedenen
Teilen des Landes gefunden und in groer Menge nach China exportiert.
Der orientalische Saphir, Rubin, Topas und Amethyst sowie verschiedene
Arten gelblich-grner Beryllen und roter Spinellen werden in zwei Distrikten in den Bachbetten gefunden. Alle Edelsteine mit einem Wert von
mehr als 50 Dollar werden von der Krone beansprucht und der Schatzkammer bersandt, auerdem wird es Fremden nicht gestattet, nach den
Steinen zu suchen.
Aus allem, was gesagt wurde, ist ersichtlich, da die Birmanen nur
geringe Fortschritte in der Ausbimg handwerklicher Knste gemacht
haben. Der gesamte Proze der Baumwollherstellung wird von Frauen
durchgefhrt; sie benutzen einen einfachen Webstuhl und zeigen verhltnismig wenig Kunstsinn und Geschicklichkeit. Porzellan wird aus China
importiert; britische Baumwollstoffe werden eingefhrt und sogar im Innern wohlfeiler verkauft als die einheimischen Erzeugnisse; obgleich die
1
etwa 1,32 m
Birmanen Eisen schmelzen, wird Stahl von Bengalen eingefhrt; Seide wird
an verschiedenen Orten hergestellt, aber aus chinesischer Rohseide; und whrend eine sehr groe Vielfalt von Waren importiert wird, sind die Exporte
verhltnismig unbedeutend; jene nach China, mit dem die Birmanen ihren
ausgedehntesten Handel fhren, bestehen in Rohbaumwolle, Schmuckfedern, hauptschlich des blauen Nuhhers, ebaren Schwalbennestern,
Elfenbein, den Hrnern des Nashbrns und den Geweihen des Rotwilds
und einigen geringeren Arten von Edelsteinen. Im Austausch dagegen
fhren die Birmanen bearbeitetes Kupfer, Schwefelarsen, Quecksilber,
Zinnoberrot, Eisenpfannen, Messingdraht, Zinn, Blei, Alaun, Silber,
Gold und Blattgold, Steingut, Farben, Teppiche, Rhabarber, Tee, Honig,
Rohseide, Samte, chinesische Spirituosen, Moschus, Grnspan, getrocknete
Frchte, Papier, Fcher, Schirme, Schuhe und Bekleidung ein. Gold- und
Silberschmuck von sehr grober Ausfhrung wird in verschiedenen Teilen
des Landes angefertigt; Waffen, Scheren und Zimmermanns Werkzeuge
werden in Ava hergestellt; Gtzenbilder werden in betrchtlicher Anzahl
etwa 40 Meilen von Ava gehauen, wo man einen Berg aus reinem weiem
Marmor gefunden hat. Die Whrung befindet sich in einem elenden Zustand. Blei, Silber und Gold, alle ungeprgt, bilden das Zirkulationsmittel.
Ein groer Teil des Handels vollzieht sich wegen der Schwierigkeiten, die
die Ausfhrung kleiner Zahlungen verursacht, auf dem Wege des Tausches.
Die edlen Metalle mssen jedesmal gewogen und geprft werden, wenn sie
in andere Hnde bergehen, wofr Bankiers etwa 3 1 / 2 % fordern. Die Zinsen
betragen jhrlich 25 bis 60%. Petroleum ist der gebruchlichste Konsumtionsartikel. Gegen Petroleum werden Salpeter, Kalk, Papier, Lackarbeiten, Baumwoll- und Seidenfabrikate, Eisen- und Messingarbeiten,
Zucker, Tamarinde etc. getauscht. Das Yonnet-ni (das Standardsilber des
Landes) ist im allgemeinen mit 10-15% Kupfer legiert. Unter 85/n)o wird
die Legierung nicht als Zahlungsmittel anerkannt; dieser Feinheitsgrad
wird in dem fr Steuern gezahlten Gelde gefordert.
Die Einknfte des Reiches ergeben sich aus einer Haussteuer, die dem
Dorfe auferlegt wird; die Dorfbehrden schtzen die Hausbesitzer danach
entsprechend ihrer Zahlungsfhigkeit ein. Diese Steuer ist sehr verschieden,
von 6 Tikals je Hausbesitzer in Prome bis zu 27 Tikals in Tongho. Militrdienstpflichtige, Bauern der kniglichen Domne und Handwerker, die mit
ffentlichen Arbeiten betraut sind, sind von dieser Steuer befreit. Die Hhe
der Bodensteuer richtet sich nach dem Ernteertrag. Die Tabaksteuer wird
in Geld gezahlt; fr die brigen Kulturen werden 5% in Naturalien gezahlt. Die Bauern der kniglichen Lndereien zahlen mehr als die Hlfte
ihrer Ertrge. Fischereihfen an See und Flu werden entweder zu einer festgesetzten Gebhr oder gegen einen Anteil vom Fang an getrocknetem Fisch
verpachtet. Diese verschiedenen Einknfte werden durch die Beamten der
Krone und fr deren Verwendung eingezogen, jeder von ihnen erhlt
seiner Bedeutung entsprechend einen greren oder kleineren Distrikt,
von dessen Ertrgen er lebt." Das knigliche Einkommen wird aus dem
Verkauf von Monopolen der Krone gewonnen, unter denen das hauptschlichste Baumwolle ist. Dieses Monopol wird so gehandhabt, da die Einwohner gezwungen werden, bestimmte Artikel zu festgesetzten niedrigen
Preisen an die Beamten der Krone zu liefern, welche sie mit einem enormen
Aufschlag verkaufen. So wird Blei durch die Erzeuger zu dem Satze von
5 Tikals je Bis oder 3,6 lbs. abgeliefert, und Seine Majestt verkauft es
zu dem Satze von 20 Tikals. Die kniglichen Einknfte belaufen sich,
wie behauptet wird, auf etwa 1 820 000 Tikals oder 227 500 Pfd. St.
jhrlich, wozu ein weiterer Betrag von 44 250 Pfd. St. addiert werden
mu, der sich aus gewissen Zllen ergibt, die in besonderen Distrikten erhoben werden. Diese Gelder erhalten den kniglichen Haushalt. Dieses
Steuersystem, obgleich despotisch, ist in seinen Einzelheiten ungewhnlich
einfach; und ein weiteres Beispiel der Einfachheit in der Regierungsweise ist
die Art, in der die Armee in die Lage versetzt wird, sich selbst zu erhalten
oder wie sie letztlich vom Volke erhalten werden mu. Es gibt verschiedene
Arten der Anwerbung; in einigen Distrikten wird das Freiwilligen-System
angewandt, whrend in anderen je 16 Familien gezwungen werden, 2 Mann
bewaffnet und ausgerstet zu stellen. Sie sind ferner verpflichtet, diesen
Rekruten monatlich 56 lbs. Reis und 5 Rupien zu liefern. In der Provinz
Padoung wird jeder Soldat bei 2 Familien einquartiert, die 5 Acres steuerfreies Land erhalten und dem Krieger den halben Ernteertrag und 25 Rupien jhrlich zu liefern haben, auerdem Holz und andere unbedeutendere
Dinge des tglichen Bedarfs. Der Hauptmann von 50 Mann erhlt
10 Tikals (der Tikal ist P/4 Dollar oder 21/2 Rupien wert) von je 6 Familien
und die Hlfte des Ernteertrages von einer siebenten. Der Bo oder Hundertschaftsfhrer wird durch die Arbeit von 52 Familien erhalten, und der
Bogyi oder Oberst erhebt seinen Sold von seinen eigenen Offizieren und
Soldaten. Der birmanische Soldat kmpft unter gnstigen Umstnden gut,
aber der wesentlichste Vorzug eines birmanischen Armeekorps liegt im
Fehlen der Impedimente; der Soldat trgt sein Bett (eine Hngematte) an
einem Ende seiner Muskete, seinen Kessel am anderen und seine Lebensmittelvorrte (Reis) in einem Tuch um die Hfte.
Im Krperbau scheinen die Birmanen von derselben Rasse zu sein wie
die Einwohner der Lnder zwischen Hindustan und China, wobei sie mehr
vom Mongolen- als vom Hindu-Typ haben. Sie sind klein, stmmig, gut
proportioniert, fleischig, aber beweglich, mit groen Backenknochen,
schrg gestellten Augen, brauner, aber niemals sehr dunkler Gesichtsfarbe,
grobem, schlichtem, schwarzem Haar und vollerem Bart als ihre Nachbarn,
die Siamesen. Major Allen billigt ihnen in einer Denkschrift ber die ostindische Regierung Offenheit, einen starken Sinn fr das Komische, betrchtliche Hilfsbereitschaft, geringen Patriotismus, aber viel Heimat- und
Familienliebe zu, auerdem verhltnismig wenig Vorurteil gegen
Fremde und eine Bereitschaft, sich die Kenntnis neuer Knste anzueignen,
wenn sie nicht mit zuviel geistiger Anstrengung verbunden sind. Sie sind
schlaue Hndler und haben ein gut Teil eines gewissen Unternehmungsgeistes; sie sind mig, haben jedoch geringe Ausdauer; sie verfgen ber
mehr List als Mut; wenn auch von Natur nicht blutdrstig, haben sie die
Grausamkeiten ihrer verschiedenen Knige phlegmatisch ertragen; und
ohne von Natur Lgner und Betrger zu sein, sind sie doch groe Prahler
und unzuverlssig.
Die Birmanen sind dem Glauben nach Buddhisten und haben die Zeremonien ihrer Religion von der Vermischung mit anderen Religionen freier
gehalten, als es sonst irgendwo in Indien und China der Fall ist. Die birmanischen Buddhisten vermeiden in gewisser Hinsicht den Bilderkult, der in
China gebt wird, und ihre Mnche sind mehr als gewhnlich ihren Gelbden der Armut und des Zlibats treu. Gegen Ende des letzten Jahrhunderts hatten sich von der birmanischen Staatsreligion zwei Sekten oder
Abarten des alten Glaubens abgelst. Die erste von ihnen hatte einen in gewisser Hinsicht dem Pantheismus hnlichen Glauben, wonach die Gottheit ber und durch die ganze Welt und ihre Geschpfe verbreitet ist, in
ihren hchsten Entwicklungsstadien jedoch in den Buddhisten selbst erscheint. Die andere lehnt die Lehre von der Seelenwanderung und die
Bilderverehrung sowie das Klostersystem der Buddhisten vollstndig ab,
sie betrachtet den Tod als die Pforte zu einem ewigen Glck oder Elend, je
nach dem Verhalten des Hingeschiedenen und verehrt einen hchsten und
alles schaffenden Geist (Nat). Der derzeitige Knig1, der ein eifriger Anhnger seines Glaubens ist, hat bereits 14 dieser Ketzer ffentlich verbrennen lassen, deren beide Gruppen gleichermaen ungesetzlich sind.
Dessen ungeachtet sind sie laut Capt. Yule sehr zahlreich, huldigen jedoch
ihrem Glauben insgeheim.
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Menduhn-Men
Die Frhgeschichte Birmas ist nur wenig bekannt. Das Reich erlangte
den Hhepunkt seiner Macht im [Link], als Pegu die Hauptstadt
war. Um den Beginn des 16. Jahrhunderts wurde der Staat in mehrere
kleinere und unabhngige Regierungen gespalten, die gegeneinander Krieg
fhrten; und im Jahre 1554, als der Knig Tschen-bayu-Majyajen die Stadt
Ava einnahm, hatte er sich das ganze Tal des Irawadi unterworfen und sogar Siam Untertan gemacht. Nach verschiedenen Vernderungen erhob
Alompra, der Grnder der gegenwrtigen Dynastie (er starb 1760), noch
einmal das Reich zu einer Macht und Ausdehnung, die der frheren ungefhr gleichkam. Von dieser Zeit an haben die Briten davon die fruchtbarsten und wertvollsten Provinzen genommen.
Die Regierungsform von Birma ist reiner Despotismus, der Knig,
dessen einer Titel Herr ber Leben und Tod" ist, verhngt Gefngnisund Geldstrafen, Folter oder Tod nach seinem erhabenen Willen. Die Regierung wird im einzelnen von dem hlwot-dau oder Staatsrat ausgebt,
dessen Vorsitz der vorher benannte rechtmige Thronfolger oder, wenn
kein Nachfolger benannt ist, einPrinz kniglichen Geblts fhrt. In gewhnlichen Zeiten setzt sich der Rat aus vier Ministern zusammen, die jedoch
keine bestimmten Ressorts haben, sondern so handeln, wie es der Zufall
fgt. Sie bilden auch einen hohen Gerichtshof, vor den Prozesse zur endgltigen Entscheidung gebracht werden; und in ihrer persnlichen Eigenschaft haben sie die Macht, Urteile zu fllen in Angelegenheiten, die nicht vor
den Kollektivrat gebracht werden. Da sie 10% des Eigentums im Proze fr
die Kosten des Urteils behalten, beziehen sie recht hbsche Einknfte aus
dieser Quelle. Hieraus und aus anderen Eigentmlichkeiten der birmanischen Regierung ist leicht zu ersehen, da dem Volke selten Gerechtigkeit
zuteil wird. Jeder Beamte ist zugleich ein Plnderer; die Richter sind kuflich, die Polizei ist machtlos, Ruber und Diebe sind zahlreich, Leben und
Eigentum sind unsicher, und es fehlt jeder Antrieb zum Fortschritt. Nahe
der Hauptstadt ist die Macht des Knigs furchtbar und tyrannisch. Sie
nimmt mit der Entfernung ab, so da in den entlegeneren Provinzen das
Volk den Forderungen des Herrn des weien Elefanten nur wenig Rechnung trgt, seine eigenen Gouverneure whlt, die vom Knig besttigt
werden, und der Regierung nur geringen Tribut zahlt. Tatschlich bieten
die an China grenzenden Provinzen das kuriose Schauspiel eines Volkes,
das zufrieden unter zwei Regierungen lebt, der chinesischen und der birmanischen, die gleichen Anteil an der Besttigung der Gouverneure dieser
Gebiete haben, aber weise im allgemeinen die gleichen Mnner einsetzen. Nichtsdestoweniger haben verschiedene britische Missionen Birma
Friedrich Engels
Bomarsund
Bomarsund - ein enger Kanal zwischen den Alandsinseln und Vard
beim Eingang zum Bottnischen Meerbusen. Die russischen Festungen am
Hafen von Bomarsund sind whrend des Krieges 1854 durch die britische
und franzsische Flotte zerstrt worden. Die nach Bomarsund fhrenden
Kanle wurden Ende Juli von 4 britischen Schiffen und einigen kleinen
Dampfern blockiert. Kurz danach trafen Abteilungen der verbndeten
Flotten mit den Admiralen Napier und Parseval-Deschenes ein, denen am
7. August die Linienschiffe mit General Baraguay d'Hilliers und 12000
Mann, meist Franzosen, folgten. Der russische Kommandeur, General
Bodisco, wurde am 16. August gezwungen, sich zu ergeben, und die Verbndeten besetzten die Insel bis zum Ende des Monats, wonach die ganze
Festung gesprengt wurde. Die Siegestrophen waren 112 Kanonen mit
Lafetten, 79 ohne Lafetten, 3 Mrser, 7 Feldgeschtze und 2235 Gefangene.
Diese Belagerung war insofern von grundlegendem militrischen Interesse,
weil dadurch die Frage der Verwendung ungeschtzter Mauerwerke bei
Festungen mit Landfronten entschieden war.
Geschrieben um den 18. Mrz 1858.
Aus dem Englischen.
Beresford12361
Beresford, William Carr, Viscount, britischer General, geboren am
2. Oktober 1768 in Irland, gestorben am 8. Januar 1854 in Kent, unehelicher
Sohn von George, dem ersten Marquis von Waterford. Trat im Alter von
16 Jahren in die Armee ein und diente in Nova Scotia bis 1790. Whrend
dieser Zeit verlor er durch einen fahrlssigen Schu eines Offizierskameraden
ein Auge. Er diente in Toulon, Korsika, Westindien (unter Abercromby),
Ostindien und gypten (unter Baird). Bei seiner Rckkehr 1800 wurde er
durch Patent zum Obersten befrdert. Danach diente er in Irland, wirkte
bei der Eroberung des Kaps der Guten Hoffnung und (als Brigadegeneral)
beim Angriff auf Buenos Aires 1806 mit, wo er gezwungen wurde, sich zu
ergeben, aber schlielich entkam. 1807 befehligte er die Streitkrfte, die
Madeira einnahmen, und wurde zum Gouverneur dieser Insel ernannt.1-2371
1808 wurde er Generalmajor, und nachdem er mit den englischen Streitkrften in Portugal eingetroffen war, betraute man ihn mit der gesamten
Organisation der portugiesischen Armee, einschlielich der Miliz. Er war
einer der Beauftragten, die die Bedingungen der berhmten Konvention
von Cintra festlegten; whrend des Rckzugs auf Coruna und bei der
Schlacht war er zugegen und sicherte die Einschiffung der Truppen Sir
John Moores12381. Im Mrz 1809 wurde er zum Marschall und Generalissimus der portugiesischen Armee befrdert, die durch ihn bald zu einer
sowohl im Angriff als auch in der Verteidigung ausgezeichneten Streitkraft
entwickelt wurde. Er kmpfte whrend des ganzen Krieges auf der Halbinsel, wobei er bis zu dessen Beendigung 1814 Wellington tatkrftig untersttzte. Bei der einzigen wesentlichen Gelegenheit jedoch, als er 1811 in
der Schlacht von Albuera das Oberkommando innehatte, entfaltete er sehr
geringe Feldherrnknste, und die Schlacht wre ohne die Tat eines Subalternen, der sein en Befehlen zuwiderhandelte1, verloren gewesen. Er nahm an
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Friedrich Engels
Kavallerie
Kavallerie (franzsisch cavalerie, von cavalier = Reiter, von cheval
= Pferd) - ein Truppenkrper zu Pferde. Die Verwendung des Pferdes zum
Reiten und die Einfhrung berittener Truppen in Armeen stammte naturgem aus jenen Lndern, in denen das Pferd beheimatet war und wo das
Klima und der Graswuchs die Entwicklung all seiner physischen Eigenschaften begnstigten. Whrend das Pferd in Europa und im tropischen
Asien bald zu einem plumpen Tier oder einem im Wachstum zurckgebliebenen Pony degenerierte, erzielte die Zucht Arabiens, Persiens, Kleinasiens, gyptens und der Nordkste Afrikas groe Schnheit, Schnelligkeit, Gelehrigkeit und Ausdauer. Das Pferd scheint jedoch zunchst nur
als Zugtier verwendet worden zu sein; zumindest tritt in der Kriegsgeschichte der Streitwagen viel frher auf als der bewaffnete Reiter. Auf
den gyptischen Denkmlern sind viele Streitwagen zu sehen, aber, von
einer einzigen Ausnahme abgesehen, keine Reiter; und diese Ausnahme
stammt wahrscheinlich aus der rmischen Zeit. Doch es unterliegt keinem
Zweifel, da die gypter mindestens einige Jahrhunderte vor der Eroberung
des Landes durch die Perser eine zahlenmig starke Kavallerie besaen;
der Befehlshaber dieser Waffengattung wird mehr als einmal unter den
wichtigsten Beamten des Hofes genannt. Sehr wahrscheinlich lernten die
gypter die Kavallerie whrend ihres Krieges mit den Assyrern kennen,
denn auf den assyrischen Denkmlern sind oft Reiter dargestellt, und ihre
sehr frhzeitige Verwendung bei den assyrischen Heeren im Kriege ist mit
Sicherheit festgestellt worden. Auch der Sattel scheint von ihnen zu stammen. Auf den lteren Skulpturen reitet der Soldat auf dem bloen Rcken
des Tieres; in einer spteren Epoche finden wir eine Art Polster oder Kissen
vor und schlielich einen hohen Sattel, hnlich dem heute berall im Osten
gebruchlichen.
Die Perser und Meder waren bei ihrem Eintritt in die Geschichte Reiter-
Vlker. Obwohl sie den Streitwagen beibehielten und ihm sogar den aus
alten Zeiten stammenden Vorrang ber die jngere Waffengattung, die
Kavallerie, lieen, erhielt diese durch die groe zahlenmige Strke der
Berittenen doch eine Bedeutung, die sie in frheren Armeen niemals besessen hatte. Die Kavallerie der Assyrer, gypter und Perser war die gleiche,
wie sie im Osten noch vorherrscht und wie sie bis in die jngste Zeit in
Nordafrika, Asien und Osteuropa ausnahmslos verwendet wurde, nmlich
irregulre Kavallerie.
Als die Griechen aber ihre Pferde durch Kreuzungen mit den stlichen
Rassen so weit verbessert hatten, da sie fr Kavalleriezwecke geeignet
waren, begannen sie diese Waffengattung nach einem neuen Prinzip zu
organisieren. Sie sind die Schpfer sowohl der regulren Infanterie als auch
der regulren Kavallerie. Sie formierten die Massen der Krieger in festen
Einheiten, bewaffneten sie, rsteten sie zweckentsprechend aus und lehrten
sie, gemeinsam zu handeln, sich in Reih und Glied zu bewegen, in einer
bestimmten taktischen Formation zusammenzuhalten und so die ganze
Wucht ihrer konzentrierten und vorrckenden Masse auf einen bestimmten
Punkt der feindlichen Front zu werfen. In dieser Form organisiert, erwiesen
sie sich berall den unausgebildeten, schwerflligen und ungezgelten Haufen berlegen, welche die Asiaten gegen sie fhrten. Bis zu der Zeit, da die
Perser selbst eine Kavallerie mehr regulrer Art gebildet hatten, ist uns kein
Beispiel eines Kampfes griechischer Kavallerie gegen persische Reiter bekannt; doch es kann keinen Zweifel darber geben, da das Resultat das
gleiche gewesen wre wie bei einem Treffen der Infanterie beider Vlker.
Kavallerie wurde zunchst nur von den Pferdezucht treibenden Vlkern
Griechenlands organisiert, z. B. von den Thessaliern und Botiern; doch
sehr bald danach stellten die Athener neben berittenen Bogenschtzen
fr den Vorpostendienst und zum Schwrmen auch eine Einheit schwerer
Kavallerie auf. Die Spartaner hatten aus der Elite ihrer Jugend ebenfalls
eine berittene Leibgarde gebildet, doch sie setzten in die Kavallerie kein
Vertrauen und iieen sie daher im Kampf abgesessen als Infanterie kmpfen.
Die Perser lernten von den Griechen Kleinasiens und auch von den in
ihrer Armee dienenden griechischen Sldnern die Formierung regulrer
Kavallerie, und zweifellos war ein ansehnlicher Teil der gegen Alexander
den Groen kmpfenden persischen Reiterei mehr oder weniger darin gebt, regulr in geschlossenen Abteilungen zu agieren.
Den Makedoniern waren sie jedoch nicht gewachsen. Bei diesem Volk
war das Reiten ein fr die adligen Jnglinge unerllicher Teil ihrer Bildung,
und die Kavallerie nahm in ihrer Armee eine erstrangige Stellung ein. Die
Zentrum des Feindes und griff dessen rechten Flgel im Rcken an. Damit
war die Schlacht gewonnen, und seit dem Tage zhlt Alexander zu den
grten Kavalleriegeneralen aller Zeiten. Als Krnung dieser Tat verfolgte
seine Kavallerie den fliehenden Feind so ungestm, da seine Vorhut am
nchsten Tage 75 Meilen vom Schlachtfeld entfernt stand.
Es ist sehr interessant festzustellen, da die allgemeinen Grundstze
der Kavallerietaktik damals ebensogut beherrscht wurden wie heute. Infanterie in ihrer Marschformation oder whrend eines Formationswechsels
angreifen; Kavallerie grundstzlich in den Flanken angreifen; aus jeder
Lcke in der feindlichen Linie Nutzen ziehen, indem man sich dort hineinstrzt und dann nach rechts oder links einschwenkt, um die neben einer
solchen Lcke stehenden Truppen in der Flanke und im Rcken zu fassen;
einen Sieg durch die schnelle und unerbittliche Verfolgung des zerschlagenen Feindes ausntzen - diese Regeln gehren zu den ersten und wichtigsten, die jeder Kavallerieoffizier heute lernen mu. Nach Alexanders Tod
hren wir nichts mehr von jener ausgezeichneten Kavallerie Griechenlands
und Makedoniens. In Griechenland berwog wieder die Infanterie; auch in
Asien wie in gypten zerfiel die Reiterei bald.
Die Rmer sind niemals Reiter gewesen. Die zahlenmig geringe, zu
den Legionen gehrende Kavallerie kmpfte lieber zu Fu. Ihre Pferde
waren minderwertig, und die Mnner konnten nicht reiten.
Im Sden des Mittelmeerraumes jedoch wurde eine Kavallerie geschaffen, die der Alexanders nicht nur gleichkam, sondern sie sogar in den
Schatten stellte. Den karthagischen Feldherren Hamilkar und Hannibal
war es gelungen, neben ihren numidischen irregulren Reitern eine erstklassige regulre Kavallerie aufzustellen und damit eine Waffe zu schaffen,
die ihnen fast berall den Sieg sicherte. Die Berber Nordafrikas, zumindest
aus den Ebenen, sind bis zum heutigen Tage ein Reitervolk, und das herrliche Berberpferd, das Hannibals Krieger mit einer bisher unbekannten
Geschwindigkeit und Vehemenz in die tiefen Massen der rmischen Infanterie hineintrug, trgt noch heute die besten Regimenter der ganzen franzsischen Kavallerie, die chasseurs d'Afrique, und wird von ihnen als das
beste Kriegspferd berhaupt anerkannt. Die karthagische Infanterie war
der rmischen weit unterlegen, sogar nachdem sie von ihren beiden groen
Feldherren lange Zeit ausgebildet worden war; sie htte im Kampf gegen
die rmischen Legionen nicht die geringste Chance gehabt, wre sie nicht
von jener Kavallerie untersttzt worden, durch die allein sich Hannibal
16 Jahre in Italien behaupten konnte.12421 Als diese Kavallerie aufgerieben
war, nicht durch das Schwert des Feindes, sondern durch den stndigen
der Geschichte der Kavallerie. Der Adel wandte sich berall der Reiterei
zu und bildete unter der Bezeichnung Geharnischte (gens d'armes) eine
Reitertrupp schwerster Art, in der nicht nur die Reiter, sondern auch die
Pferde mit Metallharnischen gepanzert waren. Die erste Schlacht, in der
eine solche Kavallerie auftrat, war die bei Poitiers, wo Karl Martell 732 die
Flut der arabischen Invasion zurckschlug. Die frnkische Ritterschaft unter
Eudes, dem Herzog von Aquitanien, durchbrach die Reihen der Mauren
und nahm ihr Lager. Doch eine solche Truppe war nicht zur Verfolgung
geeignet, und die Araber konnten sich daher unter dem Schutz ihrer unermdlichen irregulren Reiterei unbehelligt nach Spanien zurckziehen.
Diese Schlacht ist der Beginn einer Reihe von Kriegen, in denen die massive,
aber schwerfllige regulre Kavallerie des Westens die beweglichen Irregulren des Ostens mit wechselndem Erfolg bekmpfte. Fast whrend des
ganzen 10. Jahrhunderts kreuzten die deutschen Ritter die Klingen mit den
wilden ungarischen Reitern und schlugen sie 933 bei Merseburg sowie 955
am Lech12451 vernichtend durch ihre geschlossene Schlachtordnung. Die
spanische Ritterschaft bekmpfte die Mauren, die in ihr Land eingefallen
waren, mehrere Jahrhunderte lang und besiegte sie schlielich. Als die
abendlndischen schweren Ritter" jedoch whrend der Kreuzzge1301 den
Kriegsschauplatz in die stliche Heimat ihrer Gegner verlegten, wurden sie
ihrerseits geschlagen und in den meisten Fllen vllig vernichtet; weder sie
noch ihre Pferde konnten das Klima, die ungeheuer langen Mrsche und
den Mangel an geeigneter Nahrung und an Futter ertragen.
Diesen Kreuzzgen folgte ein neuer Einfall stlicher Reiter in Europa,
der der Mongolen. Nachdem diese Ruland und die polnischen Provinzen
berrannt hatten, stieen sie 1241 bei Wahlstatt in Schlesien auf eine vereinigte polnische und deutsche Armee12461. Nach langem Kampf besiegten
die Asiaten die erschpften gep>anzerten Ritter, doch der Sieg war so teuer
erkauft, da er die Kraft der Eindringlinge brach. Die Mongolen drangen
nicht weiter vor, hrten infolge ihrer Uneinigkeit bald auf, gefhrlich zu
sein, und wurden zurckgetrieben.
Das gesamte Mittelalter hindurch blieb die Kavallerie die Hauptwaffe
aller Armeen; bei den stlichen Vlkern hatte die leichte irregulre Reiterei
diese Stellung schon immer innegehabt; bei den Vlkern Westeuropas war
in dieser Zeit die von der Ritterschaft gebildete schwere regulre Kavallerie
die Waffe, die jede Schlacht entschied. Diese Vorrangstellung der Berittenen ergab sich weniger aus ihrer eigenen Vortrefflichkeit - denn die Irregulren des Ostens waren zu diszipliniertem Kampf unfhig, und die
Regulren des Westens waren in ihren Bewegungen unglaublich schwer-
fllig sondern war in erster Linie eine Folge der schlechten Qualitt der
Infanterie. Asiaten wie Europer verachteten diese Waffengattung; sie
setzte sich aus jenen zusammen, die sich kein Pferd leisten konnten, hauptschlich also aus Sklaven und Leibeigenen. Fr die Futruppen gab es
keine eigene Organisation; ohne Rstung, mit Spie und Schwert als die
einzigen Waffen, konnten sie wohl hier und da durch ihre tiefgegliederte
Formation den wilden, aber undisziplinierten Angriffen stlicher Reiter
widerstehen, aber von den unverwundbaren Rittern des Westens wurden
sie unweigerlich niedergeritten. Die einzige Ausnahme bildete die englische
Infanterie, deren Strke auf ihrer furchtbaren Waffe, dem Langbogen, beruhte. Der zahlenmige Anteil der europischen Kavallerie dieser Zeit
war im Verhltnis zur brigen Armee sicher nicht so gro, wie er es wenige
Jahrhunderte spter war oder sogar heute noch ist. Die Ritter waren nicht
sehr zahlreich, und wir knnen feststellen, da an vielen groen Schlachten
nicht mehr als 800 oder 1000 teilgenommen haben. Doch sie reichten im
allgemeinen aus, um mit jeder Anzahl Fusoldaten fertig zu werden, sobald
es ihnen gelungen war, die feindlichen Ritter aus dem Felde zu schlagen.
Gewhnlich kmpften diese Ritter in Linie, in einem Glied; das hintere
Glied wurde aus Knappen gebildet, die im allgemeinen eine unvollstndigere und weniger schwere Rstimg trugen. Waren diese Linien erst einmal
mitten in die Reihen des Gegners eingedrungen, so lsten sie sich bald in
einzelne Kmpfer auf, und die Schlacht wurde im unmittelbaren Kampf
Mann gegen Mann beendet. Spter, als allmhlich Feuerwaffen in Gebrauch
kamen, wurden tiefgegliederte Formationen gebildet, gewhnlich Karrees;
doch zu jener Zeit waren die Tage des Ritterstandes bereits gezhlt.
Whrend des 15. Jahrhunderts wurde nicht nur die Artillerie auf dem
Schlachtfeld eingefhrt und ein Teil der Infanterie, die Schtzen der damaligen Zeit, mit Musketen bewaffnet, sondern auch der Charakter der
Infanterie berhaupt wandelte sich. Diese Waffengattung wurde nun durch
Anwerbung von Sldnern gebildet, die den Kriegsdienst zu ihrem Beruf
machten. Die deutschen Landsknechte1 und die Schweizer waren solche Berufssoldaten, und sie fhrten sehr bald regulrere Formationen und taktische
Bewegungen ein. In gewisser Beziehung lebte die alte dorische und makedonische Phalanx wieder auf; ein Helm und ein Brustharnisch schtzten
die Soldaten einigermaen gegen Lanze und Sbel der Kavallerie; als die
schweizerische Infanterie bei Novara (1513)[2471 die franzsische Ritterschaft tatschlich aus dem Felde schlug, war fr solche zwar tapferen, aber
1
schwerflligen Reiter kein Platz mehr. Nach der Erhebung der Niederlande
gegen Spanien finden wir daher eine neue Art der Kavallerie, die Deutschen
Reiter1 (reitres bei den Franzosen), die wie die Infanterie durch Freiwilligenwerbung aufgestellt wurden und mit Helm und Brustharnisch, Schwert und
Pistolen bewaffnet waren. Sie waren ebenso schwerfllig wie die heutigen
Krassiere, jedoch weit leichter als die Ritter. Sie bewiesen bald ihre berlegenheit gegenber den schweren Rittern. Diese verschwanden jetzt und
mit ihnen die Lanze; das Schwert und kurze Feuerwaffen bildeten von nun
an die allgemeine Bewaffnung der Kavallerie.
Etwa zur gleichen Zeit (Ende des 16. Jahrhunderts) wurde die hybride
Truppengattung der Dragoner eingefhrt, zuerst in Frankreich und dann
in den anderen Lndern Europas. Mit Musketen bewaffnet, sollten sie je
nach den Umstnden entweder als Infanterie oder als Kavallerie kmpfen.
Ein hnliches Korps mit der Bezeichnung dimachae hatte Alexander der
Groe gebildet, aber das war bisher nicht nachgeahmt worden. Die Dragoner des 16. Jahrhunderts hielten sich lnger, doch gegen Mitte des
18. Jahrhunderts hatten sie berall auer dem Namen ihren hybriden
Charakter verloren und wurden allgemein als Kavallerie eingesetzt. Das
wichtigste Kennzeichen ihrer Formation war, da sie ab erste regulre
Kavallerietruppe berhaupt keine Schutzausrstung mehr trugen. Zar
Nikolaus von Ruland versuchte erneut in groem Umfang, wirklich hybride Dragoner zu schaffen; doch es erwies sich bald, da sie vor dem Feind
stets als Kavallerie eingesetzt werden muten, und deshalb verwandelte
sie Alexander II. sehr bald in gewhnliche Kavallerie die ebenso wie die
Husaren oder Krassiere darauf verzichtete, abgesessen zu kmpfen.
Moritz von Oranien, der groe niederlndische Feldherr, formierte seine
Reiter1 zum erstenmal hnlich unserer heutigen taktischen Gliederung. &
lehrte sie, Attacken und taktische Manver in einzelnen Abteilungen und
in mehr ab einem Glied auszufhren, zu schwenken, haltzumachen, Kolonne und Linie zu bilden sowie in einzelnen Eskadronen und Trupps die
Front zu wechseln, ohne in Unordnung zu geraten. So wurde ein Kavalleriegefecht nicht mehr durch einen einzigen Angriff der gesamten Masse entschieden, sondern durch aufeinanderfolgendie Angriffe einzelner Eskadronen und Linien, die sich gegenseitig untersttzten. Die Kavallerie Moritz
von Oraniens war im allgemeinen 5 Glieder tief aufgestellt. In anderen
Armeen kmpfte sie in tiefgestaffelten Formationen, und wo eine Linienformation angewandt wurde, war sie noch 5 bis 8 Glieder tief.
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Das 17. Jahrhundert, das mit den kostspieligen Rittern endgltig Schlu
gemacht hatte, erhhte die zahlenmige Strke der Kavallerie in einem
gewaltigen Ausma. In keiner Armee war der Anteil dieser Waffengattung
jemals so gro. Im Dreiigjhrigen Krieg [87] bestand im allgemeinen jede
Armee zu zwei Fnfteln bis nahezu der Hlfte aus Kavallerie, in einzelnen
Fllen kamen zwei Reiter auf einen Fusoldaten. Gustav Adolf steht an der
Spitze der Kavalleriekommandeure dieser Zeit. Seine berittenen Truppen
bestanden aus Krassieren und Dragonern, wobei letztere fast immer als
Kavallerie kmpften. Auch seine Krassiere waren viel leichter als die des
Kaisers und bewiesen bald ihre unbestreitbare berlegenheit. Die schwedische Kavallerie war in 3 Gliedern formiert; im Gegensatz zu den Krassieren der meisten Armeen, deren Hauptwaffe die Pistole war, hatte sie
Order, nicht mit dem Schieen Zeit zu verlieren, sondern den Feind mit
dem Sbel in der Hand anzugreifen. In dieser Zeit wurde die Kavallerie,
die whrend des Mittelalters im allgemeinen im Zentrum stand, wieder wie
im Altertum auf den Flgeln der Armee aufgestellt und dort in 2 Linien
formiert.
In England brachte der Brgerkrieg1471 zwei ausgezeichnete Kavalleriefhrer hervor. Prinz Ruprecht auf der royalistischen Seite besa zwar den
Schneid" eines Kavalleriegenerals, aber fast immer lie er sich zu sehr
hinreien, verlor dann die Gewalt ber seine Kavallerie und war von dem
unmittelbaren Geschehen vor ihm so gefangengenommen, da der General in
ihm stets hinter dem khnen Dragoner" zurcktrat. Auf der anderen Seite
war Cromwell, ein weit besserer General, der ebensoviel Schneid besa, wo
es erforderlich war; er behielt seine Soldaten gut in der Hand, hielt stets
eine Reserve fr unvorhergesehene Ereignisse und entscheidende Bewegungen zurck, verstand zu manvrieren und trug dadurch im allgemeinen den
Sieg ber seinen hitzkpfigen Gegner davon. Er gewann die Schlachten bei
Marston Moor und Naseby'2481 nur durch seine Kavallerie.
Bei den meisten Armeen blieb in der Schlacht die Feuerwaffe noch das
Hauptkampfmittel der Kavallerie, ausgenommen bei den Schweden und
Englndern. In Frankreich, Preuen und sterreich wurde die Kavallerie
darin ausgebildet, den Karabiner genauso zu gebrauchen wie die Infanterie
die Muskete. Sie feuerte vom Pferde aus in Rotten, Zgen, Gliedern etc.,
wobei die Linie whrend dieser Zeit stillstand; wenn angegriffen wurde,
rckte die Kavallerie im Trab vor, hielt in kurzer Entfernung vor dem Gegner, feuerte eine Salve ab, zog den Sbel und ging dann zur Attacke ber.
Das wirksame Feuer der langen Infanterielinien hatte jedes Vertrauen zu
einem Angriff der Kavallerie erschttert, die nicht mehr durch den Har-
nisch geschtzt war; als Folge davon wurde das Reiten vernachlssigt, Bewegungen konnten nicht in schneller Gangart ausgefhrt werden, aber selbst
bei langsamer Gangart kam es hufig zu Unfllen bei Reiter und Pferd. Bei
der Ausbildung sa die Kavallerie meistens ab, und ihre Offiziere hatten
berhaupt keine Vorstellung, wie die Kavallerie in der Schlacht gefhrt
werden mute. Allerdings griffen die Franzosen manchmal mit blanker
Waffe an, und Karl XII. von Schweden attackierte, getreu der nationalen
Tradition, stets in vollem Galopp, ohne zu feuern, zersprengte Kavallerie
und Infanterie und eroberte in einigen Fllen sogar schwache Feldbefestigungen.
Erst Friedrich dem Groen und seinem groen Kavalleriegeneral Seydlitz war es vorbehalten, die berittene Truppe vllig umzugestalten und sie
zum Gipfel des Ruhms zu fhren. Die preuische Kavallerie, schwere Soldaten auf plumpen Pferden, nur im Schieen ausgebildet, so wie sie Friedrichs Vater 1 seinem Sohn hinterlassen hatte, wurde bei Mollwitz (1741)1401
im Handumdrehen geschlagen. Doch kaum war der erste Schlesische
Krieg12493 zu Ende, als Friedrich seine Kavallerie vllig reorganisierte.
Schieen und Fudienst wurden in den Hintergrund gedrngt und dem
Reiten mehr Beachtung geschenkt.
Alle taktischen Manver sind mit grter Schnelligkeit, alle Schwenkungen in
kurzem Galopp auszufhren. Die Kavallerieoffiziere mssen die Leute vor allem zu
vollendeten Reitern erziehen, die Krassiere mssen ebenso wendig und geschickt zu
Pferd sein wie ein Husar und mit dem Gebrauch des Sbels wohlvertraut sein."
Friedrich Wilhelm I.
Karabiner in der Hand zu empfangen, wurde in sehr vielen Fllen von der
franzsischen Kavallerie beibehalten, und in jedem dieser Flle wurde sie geschlagen. Das jngste Beispiel dafr lieferte Dannigkow (5. April 1813)t2541,
wo etwa 1200 Mann franzsische Kavallerie so einen Angriff von 400 Preuen erwarteten und trotz ihrer zahlenmigen berlegenheit vollstndig
geschlagen wurden. Bei Napoleons Taktik wurde der Einsatz groer Kavalleriemassen zu einer so starren Regel, da nicht nur die Divisionskavallerie bis zur vlligen Wertlosigkeit geschwcht wurde, sondern Napoleon
vernachlssigte bei diesen Massen auch oft den aufeinanderfolgenden Einsatz seiner Truppen, einen der wichtigsten Grundstze der modernen Taktik, der sogar mehr noch fr die Kavallerie als fr die Infanterie gilt. Er
fhrte den Kavallerieangriff in Kolonne ein und stellte sogar ganze Kavalleriekorps zu einer einzigen riesigen Kolonne zusammen; in solchen Formationen wurde das Herauslsen einer einzelnen Eskadron oder eines Regiments und jeder Versuch zu deployieren vllig unmglich. Seine Kavalleriegenerale entsprachen ebenfalls nicht den Anforderungen, und selbst
der glnzendste unter ihnen, Murat, htte einem Seydlitz gegenber nur
eine klgliche Figur abgegeben.
Whrend der Kriege von 1.813,1814 und 1815 hatte die Kavallerietaktik
auf seiten der Gegner Napoleons zweifellos Fortschritte gemacht. Obwohl
man in starkem Mae nach Napoleons System handelte, Kavallerie in groen Massen in Reserve zu halten und dadurch den greren Teil der Kavallerie sehr oft vllig aus einem Kampf auszuschalten, versuchte man doch
in einer Reihe von Fllen zu Friedrichs Taktik zurckzukehren. In der
preuischen Armee lebte der alte Geist wieder auf. Blcher war der erste,
der seine Kavallerie khner und im allgemeinen erfolgreich einsetzte. Der
berfall bei Haynau (1813) ' 172) , wo 20 preuische Eskadronen 8 franzsische
Bataillone niederritten und 18 Kanonen erbeuteten, kennzeichnet einen
Wendepunkt in der modernen Geschichte der Kavallerie und bildet einen
glcklichen Gegensatz zu der Taktik bei Ltzen, wo die Verbndeten
18 000 Reiter ausschlielich in Reserve hielten, bis die Schlacht verloren war,
obwohl kein gnstigeres Kavalleriegelnde htte gefunden werden knnen.
Die Englnder hatten das System, groe Kavalleriemassen zu formieren,
niemals bernommen und hatten daher viele Erfolge, obwohl Napier selbst
zugibt, da ihre Kavallerie damals nicht so gut war wie die der Franzosen.
Bei Waterloo [51] (wo, nebenbei bemerkt, die franzsischen Krassiere ausnahmsweise in vollem Galopp angriffen) wurde die englische Kavallerie
ausgezeichnet gefhrt und war im allgemeinen erfolgreich, ausgenommen
dann, wenn sie in ihren Nationalfehler verfiel und der Fhrung entglitt.
Seit dem Frieden von 1815 hat die napoleonische Taktik wieder der
Friedrichs Platz gemacht, obwohl sie in den Reglements der meisten Armeen
noch beibehalten wurde. Dem Reiten wird mehr Aufmerksamkeit geschenkt,
wenn auch noch lngst nicht in dem notwendigen Ausma. Der Gedanke,
den Feind mit dem Karabiner in der Hand zu empfangen, ist verpnt; berall gilt wieder Friedrichs Regel, da jeder Kavalleriekommandeur die Kassation verdient, der sich vom Feind angreifen lt, statt selbst anzugreifen.
Der Galopp ist wieder die Gangart beim Angriff, und der Angriff in Kolonne ist durch Angriffe in aufeinanderliegenden Linien abgelst worden;
dabei wurde die Kavallerie so aufgestellt, da ein Flankenangriff mglich
war und das Ganze whrend des Angriffs in einzelnen Teilen manvrieren
konnte. Doch vieles bleibt noch zu tun brig. Grere Beachtung des
Reitens, besonders querfeldein, grere Angleichung an den Sattel und
Sitz des Jagdreitens, und vor allem Verminderung der vom Pferde zu tragenden Last sind Verbesserungen, die ausnahmslos in jeder Armee gefordert
werden.
Wenden wir uns nun nach der Geschichte der Kavallerie ihrer gegenwrtigen Organisation und Taktik zu. Die Rekrutierung der Kavallerie, soweit sie die Soldaten betrifft, unterscheidet sich im groen und ganzen nicht
von der Art und Weise, in der sich die anderen Waffengattungen in jedem
Lande rekrutieren. In einigen Staaten sind jedoch die Einwohner bestimmter Bezirke fr diesen Dienst vorgesehen: so in Ruland die Malorussen
(Einwohner Kleinrulands) und in Preuen die Polen. sterreich rekrutiert
die schwere Kavallerie in den deutschen Gebieten und in Bhmen, die
Husaren ausschlielich in Ungarn und die Ulanen meist in den polnischen
Provinzen. Die Aufbringung der Pferde verdient jedoch besondere Beachtung. In England, wo die gesamte Kavallerie in Kriegszeiten nicht mehr als
10 000 Pferde bentigt, hat die Regierung keine Schwierigkeit, diese zu
kaufen. Um der Armee aber solche Pferde zu sichern, die noch nicht eingespannt wurden und etwa bis 5 Jahre alt sind, werden dreijhrige Fohlen,
meist aus der Yorkshire-Zucht, gekauft und auf Staatskosten in Koppeln
gehalten, bis sie zur Verwendung geeignet sind. Der fr die Fohlen gezahlte Preis (20 bis 25 Pfund Sterling) und der berflu an guten Pferden
im Lande machen die britische Kavallerie sicher zur bestberittenen der
Welt. In Ruland herrscht ein hnlicher berflu an Pferden, doch ist die
Rasse minderwertiger als die englische. Die Remonteoffiziere kaufen die
Pferde en gros in den Sd- und Westprovinzen des Reiches, meist von jdischen Hndlern; die untauglichen verkaufen sie wieder und verteilen die
Pferde ihrer Farbe entsprechend an die verschiedenen Regimenter (in
einem russischen Regiment haben alle Pferde die gleiche Farbe). Der Oberst
wird gleichsam als Eigentmer der Pferde angesehen; fr eine ihm ausgezahlte feste Summe mu er das Regiment in gut berittenem Zustand
halten. Die Pferde sollen 8 Jahre durchhalten. Frher wurden sie aus den
groen Gestten Wolhyniens und der Ukraine bezogen, wo sie in edler
Freiheit aufwachsen, doch das Einreiten fr Kavalleriezwecke war so
schwierig, da man davon absehen mute. In Osterreich werden die Pferde
zum Teil gekauft, aber der grere Teil wird neuerdings von den staatlichen Gestten geliefert, welche jedes Jahr ber 5000 fnfjhrige Kavalleriepferde abgeben knnen. Im Falle einer auergewhnlichen Beanspruchung
kann sich ein an Pferden so reiches Land wie sterreich auf seine Inlandmrkte verlassen. Preuen mute vor 60 Jahren fast alle seine Pferde im
Ausland kaufen, doch jetzt kann es seine gesamte Kavallerie, Linie wie
Landwehr 1 , aus dem Inland mit Pferden versorgen. Fr die Linie werden
die Pferde im Alter von 3 Jahren von Remontekommissren gekauft und in
Koppeln geschickt, bis sie alt genug fr den Dienst sind; pro Jahr werden
3500 bentigt. Bei der Mobilmachung der Landwehrkavallerie2 knnen
ebenso wie die Mnner alle Pferde im Leinde zum Dienst eingezogen werden; es wird jedoch eine Entschdigung von 40 bis 70 Dollar fr sie gezahlt.
Es gibt dreimal soviel diensttaugliche Pferde im Lande, wie gebraucht werden. Frankreich ist von allen Lndern Europas mit Pferden am schlechtesten
dran. Obwohl oft gut und sogar ausgezeichnet fr das Gespann, ist die
Rasse im allgemeinen ungeeignet fr den Sattel. Seit langem bestehen staatliche Gestte (haras), doch nicht mit dem Erfolg, den andere Gestte hatten.
1838 konnten sie und die mit ihnen verbundenen Remontekoppeln keine
1000 gekauften oder aus staatlicher Zucht stammenden Pferde liefern.
General La Roche-Aymon berechnete, da es in Frankreich insgesamt
keine 20 000 fr den Kavalleriedienst tauglichen Pferde zwischen 4 und
7 Jahren gbe. Obwohl die Koppeln und Gestte neuerdings sehr verbessert
worden sind, reichen sie noch immer nicht aus, um die Armee voll zu versorgen. Algerien liefert eine ausgezeichnete Rasse Kavalleriepferde, und die
besten Regimenter der Armee, die chasseurs d'Afrique, werden ausschlielich mit ihnen versehen, whrend die anderen Regimenter kaum welche erhalten. Im Mobilmachungsfalle sind die Franzosen daher gezwungen, im
Ausland zu kaufen, manchmal in England, doch meist in Norddeutschland,
wo sie nicht die besten Pferde erhalten, obwohl sie jedes Pferd fast 100 Dollar
1
ebenso: Landwehr-
Putzzeug und im Feldzug auch Proviant fr den Reiter und Futter fr sich
selbst zu tragen. Das Gesamtgewicht dieser Last variiert bei den verschiedenen Armeen und Arten der Kavallerie zwischen 250 und 300 Pfund fr
die schwere Marschausrstung, ein Gewicht, das ungeheuer erscheint,
wenn man vergleicht, was zivile Reitpferde zu tragen haben. Dieses berladen der Pferde ist der schwchste Punkt jeder Kavallerie. In dieser Hinsicht sind berall groe Reformen notwendig. Das Gewicht von Mann und
Ausrstung kann und mu reduziert werden, doch solange das augenblickliche System besteht, mu diese Belastung der Pferde stets bercksichtigt
werden, wenn man die Fhigkeiten der Kavallerie in ihrer Leistung und
Ausdauer beurteilen will.
Die schwere Kavallerie, die aus krftigen, doch mglichst leichten Reitern auf starken Pferden besteht, mu hauptschlich durch die Strke eines
geschlossenen, massiven Angriffs wirken. Dies erfordert Kraft, Ausdauer
und ein bestimmtes Krpergewicht, wenn es auch nicht zu gro sein darf,
damit die Kavallerie beweglich bleibt. Sie mu schnell in ihren Bewegungen
sein, doch nicht mehr, als sich mit bester Ordnung vereinbaren lt. Sobald die schwere Kavallerie zum Angriff formiert ist, mu sie in erster Linie
geradeaus reiten; und was ihr auch in den Weg kommt, mu durch ihren
Angriff hinweggefegt werden. Der einzelne Reiter braucht nicht so gut reiten zu knnen wie bei der leichten Kavallerie, aber er mu sein Pferd vllig
in der Gewalt haben und daran gewhnt sein, streng geradeaus und in fest
geschlossener Formation zu reiten. Ihre Pferde mssen folglich fr Schenkeldruck weniger empfindlich sein, auch sollen sie die Hinterhand nicht zu weit
nach vorn bringen; sie sollen im Trab gut ausgreifen und darein gewhnt
sein, in einem ordentlichen gestreckten Galopp gut zusammenzuhalten.
Die leichte Kavallerie, mit flinkeren Mnnern und schnelleren Pferden,
hat dagegen durch ihre Schnelligkeit und Allgegenwart zu wirken. Was ihr
an Gewicht fehlt, mu durch Schnelligkeit und Aktivitt wettgemacht werden. Sie wird mit grtem Ungestm attackieren; doch wenn es gnstig
erscheint, wird sie eine Flucht vortuschen, um durch pltzlichen Frontwechsel dem Feind in die Flanke zu fallen. berlegene Schnelligkeit und
Tauglichkeit fr den Einzelkampf machen die leichte Kavallerie zur Verfolgung besonders geeignet. Ihre Fhrer brauchen einen schnelleren Blick
und grere Geistesgegenwart als die der schweren Reiterei. Die Mnner
mssen im einzelnen bessere Reiter sein; sie mssen ihre Pferde vllig in
der Hand haben, aus dem Stand in vollen Galopp fallen und sofort wieder
auf der Stelle halten, schnell wenden und gut springen knnen. Die Pferde
mssen zh und schnell sein. Sie mssen weich im Maul sein und gut auf
Die taktische Einheit in der Kavallerie ist die Eskadron, die so viel
Mann umfat, wie ein Kommandeur mit seiner Stimme und durch seinen
unmittelbaren Einflu whrend der taktischen Manver unter Kontrolle
halten kann. Die Strke einer Eskadron schwankt zwischen 100 Mann (in
England) und 200 Mann (in Frankreich); die der anderen Armeen bewegt
sich ebenfalls innerhalb dieser Grenzen. Vier, sechs, acht oder zehn Eskadronen bilden ein Regiment. Die schwchsten Regimenter sind die englischen (400 bis 480 Mann), die strksten die der sterreichischen leichten
Reiterei (1600 Mann). Starke Regimenter werden leicht schwerfllig, zu
schwache werden in einem Feldzug sehr bald aufgerieben. So betrug die in
5 Regimentern zu je 2 Eskadronen formierte britische leichte Brigade bei
Balaklawa[130], knapp zwei Monate nach Erffnung des Feldzugs, kaum
700 Mann oder gerade halb so viel wie ein einziges russisches Husarenregiment bei Kriegsstrke. Besondere Formationen sind: bei den Briten der
Trupp oder die Halbeskadron und bei den sterreichern die Abteilung oder
Doppeleskadron, ein Zwischenglied, das es allein einem Kommandeur mglich macht, die starken sterreichischen Reiterregimenter zu befehligen.
Bis zur Zeit Friedrichs des Groen war jede Kavallerie mindestens
3 Glieder tief gestaffelt. 1743 formierte Friedrich erstmals seine Husaren
2 Glieder tief, und in der Schlacht bei Robach hatte er seine schwere
Kavallerie in derselben Weise aufgestellt. Nach dem Siebenjhrigen Krieg
wurde diese Aufstellung von allen anderen Armeen bernommen und ist
jetzt die einzig gebruchliche. Zu taktischen Manvern ist die Eskadron
in 4 Abteilungen unterteilt. Das Schwenken von der Linie in die offene
Kolonne der Abteilungen und von der Kolonne zurck in die Linie bildet
die hauptschliche und grundlegende Evolution aller Kavalleriemanver.
Die meisten anderen Evolutionen werden nur angewandt entweder auf dem
Marsch (der Flankenmarsch z dritt etc.) oder in auergewhnlichen Fllen
(die geschlossene Kolonne in Zgen oder Eskadronen). Der Einsatz der
Kavallerie in der Schlacht besteht vorwiegend im Kampf Mann gegen Mann ;
die Anwendung der Schuwaffe spielt bei ihr nur eine untergeordnete
Rolle; der Stahl - entweder Sbel oder Lanze - ist ihre Hauptwaffe, und
jede Aktion der Kavallerie ist auf den Angriff gerichtet.
So ist der Angriff das Kriterium fr alle Bewegungen, taktischen Manver und Positionen der Kavallerie. Alles, was den Schwung des Angriffs
hemmt, ist fehlerhaft. Die Wucht des Angriffs wird dadurch erreicht, da
man alle Kraft von Mann und Pferd auf den Hhepunkt, den Augenblick
des unmittelbaren Auftreffens auf den Feind, hinfhrt. Um dies zu erreichen,
mu man sich dem Gegner mit allmhlich zunehmender Geschwindigkeit
nhern, so da die Pferde erst kurz vor dem Feind ihre schnellste Gangart
anschlagen. Nun ist aber die Ausfhrung eines solchen Angriffs wohl das
Schwierigste, was von der Kavallerie verlangt werden kann. Eis ist auerordentlich schwer, beim Heranreiten in schneller werdender Gangart vllige
Ordnung und vlligen Zusammenhalt zu wahren, besonders, wenn das zu
berwindende Gelnde nicht ganz eben ist. Hier zeigt sich, wie schwierig,
aber auch wie wichtig es ist, streng geradeaus zu reiten, denn wenn nicht
jeder Reiter seine Richtung einhlt, entsteht in den Gliedern ein Gedrnge,
das bald vom Zentrum zu den Flanken und von den Flanken zum Zentrum
hin- und herflutet; die Pferde werden erregt und unruhig, ihre unterschiedliche Schnelligkeit und ihr unterschiedliches Temperament wirken sich aus,
und bald jagt die ganze Linie in einem tollen Durcheinander dahin und
zeigt alles andere als jenen festen Zusammenhalt, der allein den Erfolg
sichern kann. Kurz vor dem Feind werden dann die Pferde natrlich versuchen auszubrechen, statt in die ihnen gegenberstehende oder sich bewegende Masse hineinzustrmen, und das mssen die Reiter verhindern,
da sonst der Angriff bestimmt scheitert. Der Reiter mu daher nicht nur
die feste Entschlossenheit besitzen, in die feindliche Linie einzubrechen,
sondern er mu auch vllig Herr ber sein Pferd sein. Die Reglements
der verschiedenen Armeen enthalten unterschiedliche Regeln fr die Art
des Vorgehens der angreifenden Kavallerie, doch alle stimmen in dem einen
Punkt berein, da sich die Linie mglichst zuerst im Schritt bewegt, dann
im Trab, 300 bis 150 Yard vor dem Feind in kurzem Galopp, allmhlich
zum gestreckten Galopp bergeht und 20 bis 30 Yard vor dem Feind die
schnellste Gangart erreicht. Alle diese Reglements sind jedoch vielen Ausnahmen unterworfen. Die Bodenbeschaffenheit, das Wetter, der Zustand
der Pferde etc. mssen bei jedem praktischen Fall in Betracht gezogen
werden.
Wenn bei einem Angriff Kavallerie gegen Kavallerie beide Seiten wirklich aufeinanderstoen, was bei weitem der ungewhnlichste Fall bei Kavallerietreffen ist, haben die Sbel whrend des Zusammenpralls selbst wenig
Nutzen. Hier ist es die Wucht der einen Masse, welche die andere zum
Wanken bringt und zerschmettert. Das moralische Element, die Tapferkeit, wird hier sogleich in materielle Gewalt umgewandelt; die tapferste
Eskadron wird mit dem grten Selbstvertrauen, mit grter Entschlukraft, Schnelligkeit, ensemble und mit grtem Zusammenhalt weiterreiten.
Daher kommt es, da keine Kavallerie Groes leisten kann, wenn sie nicht
viel Schneid" dabei aufweist. Doch sobald sich die Reihen der einen Seite
auflsen, treten die Sbel und mit ihnen das reiterliche Knnen des einzelnen
des Angriffs ist nicht an jedem Punkt gleich gro; viele Kavalleristen werden unvermeidlich in Einzelkmpfe verwickelt oder verfolgen den Gegner;
nur ein verhltnismig kleiner Teil, der meist zum zweiten Glied gehrt,
bleibt annhernd in Linie. Das ist der gefhrlichste Augenblick fr die
Kavallerie; eine kleine Abteilung frischer Soldaten, gegen sie geworfen,
wrde ihr den Sieg aus der Hand reien. Das Kriterium einer wirklichen
guten Kavallerie ist daher schnelles Sammeln nach einem Angriff, und gerade in diesem Punkt zeigen nicht nur junge, sondern auch bereits erfahrene
und tapfere Truppen Mngel. Die britische Kavallerie, die die feurigsten
Pferde reitet, entgleitet besonders leicht der Fhrung und hat fast berall
schwer dafr gebt (z.B. bei Waterloo und Balaklawa).
Wenn zum Sammeln geblasen worden ist, wird die Verfolgung im allgemeinen einigen Abteilungen oder Eskadronen berlassen, die speziell
oder durch allgemeine Reglements fr diese Aufgabe vorgesehen sind,
whrend sich das Gros der Truppen neu ordnet, um gegen edle unerwarteten Ereignisse gewappnet zu sein. Denn das Durcheinander nach einem
Angriff, selbst in den Reihen der Sieger, reizt den Gegner geradezu, stets eine
Reserve bereit zu haben, die bei einem Mierfolg des ersten Angriffs vorgeschickt werden kann; deshalb ist es immer das oberste Gesetz in der Kavallerietaktik gewesen, niemals mehr als einen Teil der verfgbaren Truppen
auf einmal einzusetzen. Dieser allgemein