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7.1gottes Code

Das Dokument behandelt die Suche nach dem Verständnis des Lebens und des Todes durch Wissenschaftler, insbesondere durch Professor Dr. Henry Lebib, der die Biosoftware des menschlichen Gehirns entschlüsseln möchte. Es wird beschrieben, wie er durch Experimente den Sterbeprozess untersucht und die Möglichkeit des geistigen Klonens von Individuen erforscht, was zu ethischen und philosophischen Fragen über die Natur des Lebens und des Schöpfers führt. Der Text kritisiert die anhaltende Abhängigkeit von religiösen Vorstellungen und fordert eine nüchterne Auseinandersetzung mit der menschlichen Existenz.

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Das Dokument behandelt die Suche nach dem Verständnis des Lebens und des Todes durch Wissenschaftler, insbesondere durch Professor Dr. Henry Lebib, der die Biosoftware des menschlichen Gehirns entschlüsseln möchte. Es wird beschrieben, wie er durch Experimente den Sterbeprozess untersucht und die Möglichkeit des geistigen Klonens von Individuen erforscht, was zu ethischen und philosophischen Fragen über die Natur des Lebens und des Schöpfers führt. Der Text kritisiert die anhaltende Abhängigkeit von religiösen Vorstellungen und fordert eine nüchterne Auseinandersetzung mit der menschlichen Existenz.

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5

DER GOTTES-CODE

Bibelmde Christen wollen wissen und nicht glauben


Vorwort
Die Geheimnisse des Lebens und des Todes zu lften, prgen
das Sinnen und Trachten der Mchtigen und Gelehrten seit
Anbeginn der ersten denkenden Lebewesen vor mehr als
fnfzehntausend Jahren. Auffallend bei den frhen Urmen-
schen ist, dass mit wachsendem Verstand und Wissen die
Selbstherrlichkeit und Macht ber Natur und Tierwelt zu-
nahmen. Als Rechtfertigung ihrer Besonderheit ersannen sie
unsichtbare Gtter mit bernatrlichen Merkmalen und F-
higkeiten, denen sie sich erst unterwarfen und an deren Sei-
te sie sich spter stellten. In der Phantasie und im Erfin-
dungsgeist hat sich die Menschheit damals wie heute keine
Grenzen gesetzt. Die geistige Erschaffung realittsfremder
Scheinwelten ist allgegenwrtig und muss als ein Zeichen
von Unfhigkeit im Umgang mit dem gesunden Menschen-
verstand eingestuft werden. Trotz aller wissenschaftlichen
Erkenntnisse der Gegenwart beherrschen immer noch vor-
sintflutliche Vorstellungen unser Denken und Handeln. Aus
dieser Jahrtausende alten Problematik der Standortbestim-
mung menschlicher Existenz, Intelligenz und Wahrneh-
mungsfhigkeit resultieren die um Grenordungen gewal-
tigeren Vorstellungsfehler beim Abgang eines Sterbenden
von der Lebensbhne. Altertmliche Sichtweisen, religise
Einfalt und naive Wunschvorstellungen sind aus purer Angst
vor einer nchternen und schmerzhaften Wahrheit selbst in
modernen Gesellschaftssystemen nach wie vor fest veran-
kert. Das eigene Sterben wird konsequent mit philosophi-
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schen und religisen Fantastereien verschleiert, obwohl wir
heute ganz genau wissen, dass es den biblischen Schp-
fungsakt nie gab, da uns das Leben und das Sterben von den
Tieren weitervererbt wurde. Das besttigen die Neurowis-
senschaften zweifelsfrei, wonach die genetische Deckung von
Mensch und Schimpanse bei neunundneunzig Prozent liegt.
Whrend sich die Genomforschung mit der Genetik, also der
fest programmierten Biohardware, beschftigt und groe Er-
folge im medizinischen und medikamentsen Bereich er-
zielt, gewinnt die Biotronik mehr und mehr an Bedeutung,
welche unter anderem die Biosoftware in unseren Gehirnen
entschlsselt.
Der amerikanische Hirnforscher Dr. Henry Lebib, Profes-
sor an der namhaften University of Hollywood, lernt wh-
rend einer internationalen Fachtagung fr intelligente Ma-
schinenwesen in New York City eine europische Kollegin
kennen, die ihn mit ihren theoretischen Vorhersagen zum
Ablauf des Todes fasziniert und zu einer interdisziplinren
Zusammenarbeit berreden kann. Das Ziel dieser transat-
lantischen Kooperation ist es, die in unseren Kpfen ver-
steckte Biosoftware zu entschlsseln und manipulierbar zu
machen. Der Professor und sein Team haben sich im ersten
Schritt ihrer streng geheimen Forschungsaktivitten vorge-
nommen, den Ablauf des Sterbens experimentell zu entrt-
seln, um die Menschheit endgltig von der Ungewissheit
und Geisel des Todes zu befreien. In spektakulren Experi-
menten bringt der US-Professor die Gehirne seiner Testper-
sonen Stck fr Stck in den Nahtodbereich und weiter an
die Grenze zur Ewigkeit, ehe er sie wieder ins irdische Leben
zurckholt. Mit diesen knstlichen Auferstehungsreisen sei-
ner Probanden erlangt sein National Institute of Biotronics
Weltruhm, da seine patentierte BFTD-Methode eine virtuel-
le Animation im Gehirn auslst, die das weitere Leben der
Betreffenden vllig neu justiert und die als Bioreset bei der
Therapierung vieler seelischer Leiden uerst erfolgreich
7
anwendbar ist. Der ehrgeizige Professor wagt schlielich das
Unfassbare, den knstlichen Schritt in das Ewige Leben im
Jenseits und zwar mit einem vom Schdel isolierten Gehirn.
Dabei muss er erkennen, dass es einen Zeitpunkt beim Ster-
ben gibt, ab dem eine Rckkehr seiner lebenden Gehirne in
die irdische Welt nicht mehr mglich ist. Das Gehirn lscht
sich in dieser Phase des Sterbeprozesses weitgehend selbst,
das heit, die Persnlichkeitssoftware und damit die betref-
fende Person sind nicht mehr existent. Diese Aussagen sind
ernchternd und lassen den frommen Menschheitstraum,
vom Abbild der irdischen Vllerei ins himmlische Jenseits,
endgltig platzen. Noch schlimmer, der Professor entdeckt,
dass die unsichtbare Hyperintelligenz des Schpfers nicht an
Materie gebunden ist und er begreift, weshalb sich Gott we-
der um den Einzelnen noch um Gerechtigkeit noch um das
ganze Elend in der Welt kmmern kann. Diese offenkundi-
gen Handlungsschwchen sowie die unbersehbaren Schp-
fungsmngel zwingen Professor Lebib schlielich zu der bit-
teren Erkenntnis, dass der Schpfer weder vollkommen
noch allmchtig ist.
Da der Zelltod eines Lebewesens gentechnisch vorpro-
grammiert ist, kommt der Professor auf die auergewhnli-
che Idee, die Persnlichkeitssoftware eines Menschen aus
dem Grohirn auszulesen und durch Ablegen auf einem ex-
ternen Datenspeicher unsterblich zu machen. Dem For-
scherteam des Professors gelingt es tatschlich mit Hilfe ei-
nes hochauflsenden 3D-Neuronenscanners die kompletten
Synapsenzustnde eines vom Krper getrennten Schdels e-
lektronisch abzutasten und auf den riesigen Massenspei-
chern mehrerer Rechenzentren abzulegen. Und schnell wird
einer breiten ffentlichkeit klar, dass diese Weltsensation
der Menschheit erstmals die Mglichkeit des geistigen Soft-
wareklonens von Lebewesen jeder Art erffnet. Der Profes-
sor erhlt hohe Auszeichnungen und ein Vermgen an Li-
zenzeinnahmen, die er komplett an Bedrftige in aller Welt
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verschenkt. Unermdlich mahnt er in vielen Vortrgen und
Interviews vor dem Missbrauch seiner Entdeckung, denn er
wei genau, dass man jetzt einen Soldaten ebenso wie ein
Genie oder einen Mrder als Dutzendware herstellen kann.
Das einzige ungelste Problem fr den Wissenschaftler und
sein Klonprojekt ist zu diesem Zeitpunkt noch die Bereitstel-
lung unprogrammierter, also neutraler Krperhardware. Der
Professor ersinnt schlielich eine geniale Lsung fr die Be-
schaffung ausgewachsener und besitzerloser Menschenkr-
per, in die er die Software zweier schdelloser Unfallopfer
implementiert. Das unheimliche Klonexperiment in neue
Krper gelingt und es zerfetzt mit einem Schlag den Jahr-
tausende alten Vorhang zwischen dem Diesseits und Jen-
seits, zwischen dem Leben und Tod.
Dieses interdisziplinre Werk richtet sich an Menschen,
die den Mut und das Talent haben, sich ihrer Zuflligkeit,
Winzigkeit und Einsamkeit im Universum bewusst zu wer-
den und die dennoch eine Sinnbestimmung kognitiven Le-
bens suchen. Denkende Menschen also, die sich nicht lnger
mit einfltigen, religisen Wunschbildern belgen, sondern
den greifbaren Erkenntniswahrheiten zu Schpfung,
Wohlstand, Elend und Tod stellen wollen. Dabei hilft dieses
visionre Buch, denn es ist ein nchterner Abgleich mensch-
licher Existenz mit den Zielvorgaben der Evolution, und es
macht dem aufmerksamen Leser die hohen Erwartungen
deutlich, die der unwissbare Schpfer an uns intelligente Le-
bewesen stellt. Gewidmet sei dieses Buch den Milliarden Zu-
kurz-Gekommener, die durch das brutale Zufallsprinzip der
Natur sowie die malose Konsumgier der Wohlstandslnder
zu einem kurzen und grausamen Dasein auf unserem Plane-
ten verdammt sind.

LDJCDBDEANTMCC, anno 2004 Susej Dog

(Alle Rechte vorbehalten)
9
Die sichtbarste Ordnung im Universum
ist das Periodensystem der Elemente.
Der Rest ist eher ein geordnetes Chaos.


Erstes Kapitel
Whrend der gut besuchten Abschlusskundgebung einer in-
ternationalen Konferenz ber intelligente Maschinenwesen
in New York gibt ein sichtlich bewegter Chairman den mehr
als tausend Teilnehmern aus ber zwanzig Lndern die trau-
rige Nachricht bekannt, dass eine junge Fachkollegin und
Vortragende aus Europa letzte Nacht in ihrem Hotelzimmer
ermordet aufgefunden worden sei.
Zu den Hintergrnden der Tat, so erklrt er den scho-
ckierten Zuhrern im groen Sitzungssaal des Tagungsge-
budes weiter, kann die Polizei noch keine Angaben machen,
es sei aber nicht auszuschlieen, dass das Motiv mit ihren
brisanten Forschungsergebnissen zusammenhngt. Der
Konferenz-Chair bittet die anwesenden Wissenschaftler und
Industrievertreter sich zu einer Schweigeminute von ihren
Pltzen zu erheben, um der getteten Kollegin die letzte Eh-
re zu erweisen.
Nach einer anschlieenden, kurzen Analyse zum Verlauf
und Erfolg dieser traditionsreichen Veranstaltung beschliet
der amerikanische Vorsitzende unter starkem Beifall die
dreitgige Konferenz, welche mit ber zweihundert Einzel-
vortrgen, Tutorials und Workshops ein wahres Mammut-
programm angeboten hat. Er wnscht den Teilnehmern aus
aller Welt eine gute Heimreise und ein baldiges Wiedersehen
im nchsten Jahr, wenn diese internationale Fachkonferenz
von einer renommierten Universitt im westaustralischen
Perth organisiert und ausgetragen wird.
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Gleich im Anschluss an die Abschlusszeremonie bilden
sich auf den Gngen des noblen Tagungshotels, das in einem
der Wolkenkratzer im Sden von Manhattan liegt, viele klei-
ne Grppchen, die aufgeregt ber den hinterhltigen Mord-
anschlag auf die sympathische Wissenschaftlerin diskutie-
ren. Man munkelt, dass diese junge Kollegin mit Gift
umgebracht worden sei. Nur warum?
Unter den Tagungsteilnehmern befindet sich auch ein a-
merikanischer Gehirnchirurg und Hirnforscher, namens
Professor Dr. Henry W. Lebib, der sich in den vergangenen
Tagen zwischen den Vortrgen mehrere Male mit der er-
mordeten Kollegin unterhalten hatte. Tief beeindruckt ha-
ben ihn dabei ihre logischen Denkanstze zur technischen
Betrachtung des menschlichen Gehirns und der gespeicher-
ten Biosoftware. Whrend des Galadinners am vorgestrigen
Abend hatte er ihr noch seine fachliche Untersttzung zuge-
sagt und nun dieses tragische und jhe Ende.
Auf dem Weg zum Taxistand vor der berdachten Ein-
gangsempore des mchtigen Tagungshotels am Hudson Ri-
ver nimmt er sich fest vor, dieses kollegiale Versprechen ein-
zulsen und mitzuhelfen, den von ihr vorhergesagten
Todesablauf und das Ewige Leben durch medizinische Expe-
rimente zu besttigen. Jedenfalls jede Menge Licht und
Klarheit in das Jahrtausende alte Dunkel des Todes zu brin-
gen.
Genau erinnert er sich jetzt wieder an ihre beeindrucken-
den Worte whrend einer Vortragspause:
Leider knnen wir bis heute die biologische Lebens- und
Sterbesoftware in den Neuronen unseres Gehirns weder aus-
lesen noch entschlsseln. Ich schlage deshalb vor, dass man
den Todesablauf knstlich herbeifhrt und den Sterbenden
anschlieend wieder aus dem geistigen Jenseits zurckholt,
damit er uns seine Erlebnisse schildern kann.
Und Professor Dr. Lebib hatte bei dieser uerst interes-
santen Unterhaltung den festen Eindruck, dass sich diese e-
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legante und charmante Mdchenfrau ber die Konsequen-
zen solcher Erkenntnisse fr die Menschheit vollkommen im
Klaren war. Das htte wirklich eine wunderbare und frucht-
bare Zusammenarbeit mit Frau Dog werden knnen, denkt
der Professor, als sein Taxi im Abflugbereich des Airports
anhlt und ihm die Wagentr vom Fahrer geffnet wird.
Nach dem Einchecken im Flughafengebude und der Si-
cherheitskontrolle geht er in einen der vielen exklusiven
Souvenirshops, um fr seine Lieben zu Hause in Kalifornien
ein paar Erinnerungsstcke aus New York zu erstehen. Da-
nach macht er es sich im Abflugbereich auf einer Sitzbank
bequem und schiebt die Tagungs-CD in seinen Laptop, den
er mit seinem Handgepck auf einem kleinen Tisch abstellt.
Als er den schriftlichen Tagungsbeitrag der europischen
Kollegin endlich mit dem Dateimanager findet und anklickt,
ist er sehr erstaunt darber, dass dieser statt der blichen
sechs bis acht Seiten sage und schreibe zweihundertvierund-
fnfzig Seiten lang ist und auerdem nicht in englischer
Sprache abgefasst wurde. Bei einem auf Papier ausgedruck-
ten Tagungsband, denkt er, wre dieses Versehen den Ver-
antwortlichen des Programm-Komittees bestimmt sofort
aufgefallen. Nur bei den digitalen Speichermglichkeiten auf
Compact-Disketten, den so genannten CDs, spielt der Um-
fang eines Beitrags heutzutage keine so wichtige Rolle mehr,
da die Kapazitten dieser glnzenden Scheiben gewaltig
sind.
Als das Groraumflugzeug pnktlich zum Nonstopflug
nach Los Angeles in den strahlend blauen Abendhimmel -
ber New Jersey in Richtung Westkste abhebt, berlegt Pro-
fessor Lebib bereits fieberhaft, wer ihm dieses umfangreiche
Paper mglichst schnell bersetzen knnte. Hatte nicht einer
seiner wissenschaftlichen Mitarbeiter am Institut auf einer
Weihnachtsfeier mal erwhnt, dass seine Vorfahren aus Eu-
ropa stammten? Und war das nicht sogar dasselbe Land, wie
das der Ermordeten, versucht er sich zu erinnern?
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Der knapp sechsstndige Heimflug ber den nordameri-
kanischen Kontinent ist begleitet von starken Luftturbulen-
zen, so dass die Fluggste whrend der ganzen Zeit ange-
schnallt bleiben mssen. Das ppige Mittagessen kann
daher auch nur eingenommen werden, wenn man das Tab-
lett stndig mit einer Hand festhlt, was aber den Genuss
dieser Kstlichkeiten nicht schmlert.
Nach einer abschlieenden Tasse Kaffee und einem ausge-
reiften Brandy greift Professor Lebib zum Telefonhrer in
seiner Armlehne, um seine Rasselbande zu Hause anzuru-
fen. Seit seine Frau vor drei Jahren ihn und die Kinder ber-
raschend im Stich gelassen hatte, muss er seinen Job am In-
stitut fr Biotronics und seine Pflichten als allein
erziehender Vater Tag fr Tag von neuem unter einen Hut
bringen. Diese Doppelfunktion beschert ihm dreihundert-
fnfundsechzig Mal im Jahr einen Sechzehnstundentag und
dazu ein Leben, das auf der einen Seite sinnerfllt und
schn, aber auf der anderen Seite sehr hart und einsam ist.
Doch er liebt seine Kinder ber alles und wrde jede Ent-
behrung fr sie auf sich nehmen. Jedenfalls so lange er die-
sem Doppelstress gewachsen ist.
Hallo Carol, mein Schatz, begrt er seine lteste Toch-
ter am anderen Ende der Leitung, ist alles in Ordnung zu
Hause?
Sie ist im November zwanzig Jahre alt geworden und sei-
ne groe, zuverlssige Sttze, ohne deren Hilfe der allein er-
ziehende Vater dieser enormen Doppelbelastung niemals
gewachsen wre. Mit ihrem auergewhnlichen Verantwor-
tungsbewusstsein kmmert sie sich neben ihrer Ausbildung
zur Steuerexpertin an einem staatlichen College in der City
um den umfangreichen Haushalt und beaufsichtigt nebenbei
die Hausaufgaben der kleineren Geschwister. Sie ist einfach
ein auergewhnliches Mdchen.
Es ist alles bestens, Dad. Unsere Mannschaft einschlie-
lich Kater freuen sich schon riesig auf deine Heimkehr.
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Carol, sag bitte den Kleinen, wir gehen alle gemeinsam
am Abend irgendwo schick essen. Ich bin gegen neunzehn
Uhr bei euch. Ach ja, damit fr die Kinder die Zeit schneller
vergeht, verrate ihnen bitte, dass ich jedem ein kleines Ge-
schenk am John F. Kennedy-Airport gekauft habe. Bis dann
mein Darling, bye-bye und tschss.
Entspannt lehnt sich Dr. Lebib in seinen gerumigen Sitz
in der Businessclass zurck und schliet die Augen. Wie im
Traum ziehen die wunderbaren Jahre seines heilen Ehe- und
Familienlebens in seinen Gedanken vorber. Bis zu jenem
schwarzen Tag vor einigen Jahren, als ein besonders harter
Schicksalsschlag seine familire Idylle mit einem jhen Ende
zerstrte. Dieses schmerzliche Erlebnis hatte, aber vor allem
das Seelenleben seiner Frau, fr immer aus dem Gleichge-
wicht gebracht und sie in tiefe Depressionen, Zweifel und
Wut gestrzt, was dann schlielich in einer aussichtslosen
Tablettensucht endete.
Sie lebt jetzt bei anderen Menschen in einer fremden
Stadt, weit weg von uns, und sie ist dennoch genauso ein-
sam, verzweifelt und unglcklich wie ich, denkt Professor
Lebib leise vor sich hin. Trotzdem gibt es wohl kein Zurck.
Zu gro sind die Narben und Risse, die dieser schmerzliche
Weggang und das ganze Drumherum in allen von uns hin-
terlassen hat. Sie wird diesen Teufelskreis aus Sucht und
Schuld wahrscheinlich weder erkennen noch
berwinden knnen und deshalb immer den Kontakt zu Lei-
densgenossen brauchen. Warum mssen biologische Lebe-
wesen nur so gefhlsbetont programmiert sein? Vielleicht
finden sich bei den bevorstehenden Untersuchungen am iso-
lierten menschlichen Gehirn neue Erkenntnisse, die mir
mehr Verstndnis bringen und vielleicht meinen Schmerz
etwas lindern helfen.
Bei jedem der vorwurfsvollen und irrationalen Anrufe sei-
ner Frau sprt er die traurige Gewissheit, dass es das wun-
derbare Mdchen, das er vor ber zwanzig Jahren geheiratet
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hatte, nicht mehr gibt. Diese jahrelange Tablettensucht hat
ihre Persnlichkeitsstruktur total verndert und die unzhli-
gen Streitereien, um nichts und wieder nichts haben ihr b-
riges dazu beigetragen.
Der Videofilm, der an Bord der United Airlines auf der
Ost-West-Route heute gezeigt wird, ist einer dieser niveaulo-
sen Actionstreifen, weshalb Dr. Lebib den Flachbildschirm
in der Rckenlehne seines Vordermanns abschaltet und
stattdessen auf klassische Musik ber die Ohrhrer um-
schaltet. Er bringt seinen Sitz in Ruheposition und gibt sich
ganz den entspannenden Klngen und seinen Gedanken hin.

Pnktlich um 16.35 Uhr Ortszeit landet die Maschine auf
dem internationalen Flughafen von Los Angeles, wo Dr. Le-
bib seinen amerikanischen Familienwagen, einen neunsitzi-
gen Suburban von General Motors mit dem bulligen 5,7-
Liter-V8-Benzinmotor, im hinteren Bereich fr Langzeitpar-
ker vor vier Tagen abgestellt hatte. Nach Entrichten der
Parkgebhr bringt ihn der Flughafen-Highway schnell in
Richtung Hollywood, wo er vor vielen Jahren ein gerumiges
Haus mit Garten fr seine Familie gekauft hatte.
Die Ausstattung und Lage sind nicht zu vergleichen mit
den Prunkbauten und Parkgrundstcken im benachbarten
Beverly Hills, aber zu dieser versnobten Gesellschaft hatten
er und seine Familie ohnehin noch nie gehren wollen. Der
groe Vorteil des dreihundert Quadratmeter groen Stein-
hauses liegt in der kurzen Entfernung zu seinem Arbeitsplatz
und den nahe gelegenen Schulen fr die Kinder.
Nur so ist es ihm mglich, zwischen zwei Vorlesungsstun-
den, Seminarblcken, Laborpraktika, Fakulttssitzungen
oder kollegialen Besprechungen nach Hause zu fahren, um
das Mittagessen fr seine Kinder zuzubereiten, zu verteilen
und nach dem Tischgebet wieder Kittelschrze mit Anzug
und Krawatte zu tauschen. Whrend seiner Abwesenheit am
Nachmittag beaufsichtigen dann die Greren die Hausauf-
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gaben der Kleineren. Alle ziehen dabei solidarisch an einem
Strang und bilden ein starkes Team.
Mit Kindermdchen und Hauspersonal hatte Professor
Lebib in der Vergangenheit mehr negative Erfahrungen ge-
macht als wirkliche Entlastung bekommen, weshalb er jetzt
erst mal bei dieser do it yourself-Variante bleiben mchte.
Alles in allem luft es ja ganz ordentlich, nur besonders be-
friedigend oder gar optimal ist dieser Zustand mit Sicherheit
nicht. In letzter Zeit reift in ihm der Entschluss, eine Haus-
hlterin einzustellen, um eine dauerhafte und professionelle
Entlastung von seinen Haushaltspflichten zu erhalten.
Als er die Garagenauffahrt zu seinem Grundstck hoch-
fhrt, sieht er bereits seine Kinder, die wie auf einem W-
scheseil aufgereiht am Fenster stehen und ihm wild und
ausgelassen zuwinken.
Henry, was wrdest du nur ohne deine tolle Mannschaft
anfangen? Na ja, wahrscheinlich auch nur dem blden Geld
und prallen Leben hinterher rennen, mich viel wichtiger
nehmen als ich wirklich bin, halt sein wie die allermeisten
Menschen um mich herum.
Mit diesen Gedanken stimmt sich Dr. Lebib auf seinen
schweren Zweitjob ein, der ihn soeben wieder voll im Griff
hat. Der kleine Ausflug nach New York in die Welt der so ge-
nannten Erfolgreichen und Gebildeten war beruflich und
menschlich fr ihn wichtig, aber er ist hiermit beendet.

Nachdem der allein erziehende Familienvater jedes einzelne
seiner Kinder mit einem dicken Kuss und einer innigen Um-
armung begrt hat, lsst er sich geduldig die vielen Bege-
benheiten erzhlen, die sich whrend seiner Abwesenheit
zugetragen haben. Dabei erfhrt er auch, dass seine groe
Mannschaft ber Weihnachten bei seiner Frau zur Familien-
feier antreten muss, um deren zahlreichen Gsten vorge-
fhrt zu werden.
16
Ich habe Mama gestern angerufen, aber sie war sehr be-
schftigt und hatte wie immer keine Zeit fr mich, Daddy,
piepste die Kleinste auf seinem Scho.
Ach weit du, mein Schatz, ich bin sicher, dass deine
Mam viel zu tun hatte, aber sie holt ber die Feiertage be-
stimmt alles mit euch nach, trstet Professor Lebib seine
Rasselbande.
Als er die vielen Mitbringsel an seine Kinder endlich kor-
rekt verteilt hat, gibt der Vater das Kommando zum Ab-
marsch. Mit seinem Suburban, einem Luxury Level Truck,
geht es ab zu einem gepflegten mexikanischen Restaurant in
die Innenstadt, wo die kleinen und groen Familienmitglie-
der vom schnauzbrtigen Besitzer des Lokals wie immer
freundlich empfangen werden.
Whrend eines ausgiebigen Dinners in ausgelassener At-
mosphre fliegen die Wortfetzen kreuz und quer ber den
Tisch. Professor Lebib hat bei diesen Aktionen alle Hnde
voll zu tun, dass die Kleinen beim Essen nicht einschlafen,
die Mittleren keine Glser umwerfen und die Greren auch
zu ihrem Rederecht kommen.
Nach anderthalb Stunden schaut der Vater mit einem pr-
fenden Blick auf seine Uhr und meldet sich zu Wort:
Kinder, wir mssen langsam aufbrechen, denn morgen
frh ist wieder Schule und auch ich muss schon beizeiten
aufstehen. Auf mich warten eine Besprechung mit meinen
Mitarbeitern und eine Doppelstunde Vorlesung.
Auf dem Nachhauseweg legt Caroline, die seit dem Weg-
gang der Mutter als lteste automatisch das Recht auf den
Beifahrersitz erworben hat, eine topaktuelle Musik-CD in
den Player ein und der Vater dreht zur Freude der Kinder die
Lautstrke ziemlich weit auf.
Bei dieser tollen Stimmung und nach unserem leckeren
Mahl werden meine Kleinen heute Nacht bestimmt wie m-
de Ruber einschlafen, brllt Dr. Lebib noch zu seiner gro-
17
en Tochter, ehe er sich der schnen Familienharmonie und
Idylle ebenfalls hingibt.
Zu Hause angekommen, sind die ersten Krieger bereits auf
ihren Sitzen eingeschlafen und mssen erst mhsam wie-
derbelebt werden. Caroline verschwindet mit den Kindern
zum Zhneputzen in das Badezimmer in der mittleren Etage
des dreistckigen Einfamilienhauses und bringt jeden Ein-
zelnen in sein kuscheliges Bett.
Der Hausherr lsst sich in einen der bequemen Lederses-
sel im Wohnzimmer fallen, um sich die Nachrichten im
Fernsehen anzusehen. Gegen Ende der Sendung wird er
hellhrig, als ein Beitrag ber seine ermordete Kollegin aus
Europa ausgestrahlt wird. Danach handelt es sich um einen
Giftmord, bei dem auch der Bruder der Getteten ums Le-
ben kam.
Der Kommentator verweist ausdrcklich darauf, dass
nach Angaben der rtlichen Polizei die Spur und das Motiv
fr diesen heimtckischen Doppelmord aus den Vereinigten
Staaten von Amerika hinausweisen. Professor Lebib nimmt
sich erneut vor, gleich morgen frh die bersetzung des Ta-
gungsbeitrags der jungen Wissenschaftlerin zu veranlassen.
Als die Nachrichtensendung zu Ende ist, geht der einsame
Vater alle Kinderzimmer der Reihe nach durch, um mit sei-
nen Kleinen ein Gute-Nacht-Gebet zu sprechen und ihnen
einen dicken Kuss zu geben. Infolge der sechsstndigen
Zeitverschiebung zwischen der Ost- und Westkste ber-
kommt ihn jetzt auch eine bleierne Mdigkeit.
Da Caroline den Abend bei ihrem Freund verbringt, ent-
schliet er sich, ebenfalls schon frh zu Bett zu gehen und
auf seine obligatorische Zigarre vor dem offenen Kamin zu
verzichten. Es fllt ihm leicht, schlafen zu gehen, da er wei,
dass sein Stubentiger bereits im Ehebett auf ihn wartet.

Nach dem gemeinsamen Frhstck im Esszimmer bringt
Caroline die Kinder mit ihrem kleinen Citycar zur Schule
18
und Professor Dr. Lebib eilt zu seinem Institut auf dem
Campus der hiesigen Universittsklinik. Seine Sekretrin,
Mrs. Johnson, begrt ihn mit dem Hinweis, dass alle wis-
senschaftlichen Mitarbeiter im Besprechungszimmer anwe-
send seien.
Doch zuvor geht der Professor noch schnell den groen
Stapel Post durch, der sich whrend seiner Abwesenheit auf
seinem Schreibtisch angesammelt hat.
Seit zehn Jahren ist er nun schon Direktor des National
Institute of Biotronics, kurz auch NIB genannt. Diese Ein-
richtung war damals weltweit die erste dieser Art und soll
unter anderem der intensiven Erforschung des menschli-
chen Gehirns und dessen Zusammenspiel ber ein weitver-
zweigtes Nervennetz mit den verschiedenen Organen, Mus-
keln und Sinnesorganen oder elektronischer Nachbildungen
dienen.
Dieses weite Forschungsfeld von der Biologie bis hin zur
Technik war auch der Grund fr ihn gewesen, an der inter-
nationalen Konferenz ber intelligente Maschinenwesen in
New York teilzunehmen. Denn die funktionalen Zusammen-
hnge von elektronischen Gehirnen in technischen Robotern
und den biologischen Ablufen in Lebewesen sind frappie-
rend und nicht von der Hand zu weisen.

Guten Morgen, Ladies and Gentlemen, begrt er die An-
wesenden, als er das gerumige Besprechungszimmer im
ersten Stock des Instituts betritt. Seinem langjhrigen Ober-
assistenten und Stellvertreter Dr. Fred Snider gibt er mit
dem Kopf unauffllig ein Zeichen, dass er ihn im Anschluss
an diese Veranstaltung in seinem Bro sprechen mchte.
Mit wenigen Stzen klrt er seine Mitarbeiter vorab ber
die neuen Erkenntnisse und Denkanstze auf, die er von den
Experten der technischen Disziplinen aus New York mitge-
bracht hat. Und er fhrt fort:
19
Wir mssen unser Augenmerk in Zukunft verstrkt auch
auf die biologische Software konzentrieren, die in den Ge-
hirnen von Lebewesen durch die Schpfung abgelegt ist. Nur
das optimale Zusammenwirken von Hardware und Software
macht einen Organismus erst voll funktionsfhig. Da gibt es
zwischen Lebewesen und intelligenten Maschinen berhaupt
keine Unterschiede. Allerdings wird die Entschlsselung die-
ser Biosoftware groe Kraftanstrengungen von uns allen er-
fordern und viel Zeit in Anspruch nehmen.
Bei einem Rundblick ber den Tisch sieht der Professor in
die neugierigen und zustimmenden Gesichter seiner Mitar-
beiter, die seinen Vorschlgen bisher immer voll motiviert
gefolgt sind. Nur so konnten die groen Erfolge seines Insti-
tuts auf dem Gebiet der intelligenten Organprothesen, wie
knstliche Hnde, Beine, Stimmbnder und Ohren, letztend-
lich erzielt werden.
Der Professor kndigt zum Abschluss noch eine ausfhrli-
che Besprechung und Einteilung der Mitarbeiter in Arbeits-
gruppen fr die nchste oder bernchste Woche an. Dann
wendet er sich ganz speziell an seine beiden neuen Dokto-
randen, die erst vor wenigen Wochen ihren Master of Scien-
ce am NIB abgelegt haben, und sagt:
Meine Herren, genauere Angaben zu Ihren zuknftigen
Forschungsschwerpunkten und detaillierte Anweisungen fr
die weitere Vorgehensweise Ihrer nchsten Arbeitsschritte
erhalten Sie in Krze von meinem Stellvertreter, Dr. Snider.
Professor Lebib erhebt sich mit den Worten:
Ich danke Ihnen allen fr Ihre Aufmerksamkeit. Have a
nice day, von seinem Platz und verlsst das Besprechungs-
zimmer.
Nachdem sich die kleine Versammlung aufgelst hat,
macht er sich mit seinem Stellvertreter und Vertrauten auf
den Weg zu seinem Bro.
Mrs. Johnson, bitte bringen Sie uns zwei Tassen Kaffee
und sorgen Sie dafr, dass wir nicht gestrt werden.
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Mit diesen Worten gehen die beiden Wissenschaftler in
das modern eingerichtete Arbeitszimmer des Professors.
Fred, nimm doch bitte Platz, ich muss dir noch ein paar
merkwrdige Dinge von meiner Tagungsreise an die Ostks-
te erzhlen. Stell dir vor, ich habe in New York eine junge
Wissenschaftlerin aus Europa kennen gelernt, die an der
Nahtstelle zwischen Mensch und Roboter gearbeitet hat und
erstaunliche Ergebnisse erzielt haben muss.
Wieso sprichst du von der Kollegin in der Vergangenheit,
Henry? greift der Kollege jetzt in das Gesprch ein und fragt
seinen Duzfreund weiter:
Ist die Kollegin denn verschwunden?
Professor Dr. Lebib holt tief Luft, ehe er antwortet:
Schlimmer noch, Fred, sie wurde whrend der Tagung in
ihrem Hotelzimmer vergiftet aufgefunden. Und wenn du
mich fragst, dann hat das mit ihren Forschungsergebnissen
zu tun. Deshalb wollte ich dich auch so dringend sprechen.
Knntest du dich bitte darum kmmern, dass jemand mg-
lichst schnell ihren Tagungsbeitrag fr mich bersetzt?
Mit diesen Worten berreicht er seinem verdutzten Ge-
genber die Tagungs-CD der Veranstaltung.
Zum einen ist der Beitrag der europischen Kollegin er-
staunlich umfangreich ausgefallen und zum anderen wurde
er in ihrer Heimatsprache verfasst. Ich schtze, dass da
deutlich mehr drin steht als das, was sie auf der Konferenz
vorgetragen hat.
In Ordnung, Henry, ich werde mich sofort darum km-
mern. Meines Wissens kommt unser neuer Austauschwis-
senschaftler aus dem Land der Ermordeten.
Danke Fred, aber mache bitte ein bisschen Druck, damit
wir uns mglichst bald mit den Aussagen dieser interessan-
ten Schrift nher beschftigen knnen. Ich hatte nmlich
whrend der Konferenz ausgiebig Gelegenheit, mich mit der
jungen Frau zu unterhalten und ich bin mir sicher, dass ihre
Erkenntnisse unsere laufenden Forschungsaktivitten in i-
21
dealer Weise ergnzen, inhaltlich erweitern und uns einen
gewaltigen Schritt vorwrts bringen werden.
Ein klein wenig mehr knntest du mir schon verraten,
reagiert Dr. Snider auf das soeben Gehrte.
Der Professor ruspert sich und erwidert:
Fred, nur so viel, wir werden in den nchsten Jahren ver-
suchen, den Ablauf des Todes und des Ewigen Lebens expe-
rimentell zu entschlsseln. Wir werden den knstlichen
Nahtod mit Rckkehrgarantie fr jedermann mglich ma-
chen. Von dem wissenschaftlichen Glanz und dem ffentli-
chen Interesse der Medien an solch spektakulren For-
schungsergebnissen ganz zu schweigen.
Mit diesem positiven Ausblick auf eine gesicherte Zukunft
des Instituts trinken die beiden Freunde ihre Tassen leer
und gehen auseinander.

Ein kurzer Blick auf seine Armbanduhr signalisiert dem Pro-
fessor, dass er in wenigen Minuten seine Vorlesung ber den
Aufbau und die Funktion des menschlichen Nervensystems
im Experimentalhrsaal beginnen muss.
Er greift nach seinem postkartengroen Laptop, auf den er
die Grafiken fr diese Veranstaltung von seinem Desktop ge-
laden hat und verlsst sein Bro. Im Vorbeigehen sagt er zu
seiner Sekretrin noch:
Mrs. Johnson, ich bin in ungefhr drei Stunden wieder
zurck an meinem Schreibtisch. Ach ja, bitte halten Sie mir
den Nachmittag frei von Terminen, damit wir gemeinsam
die liegen gebliebene Post erledigen knnen.

Die Veranstaltung ist wie immer gut besucht, denkt Dr. Le-
bib, als er den Hrsaal betritt. Die Studentinnen und Stu-
denten stellen ihre Unterhaltungen ein und sind gespannt,
was ihnen der Professor heute vortragen wird.
Meine verehrten Anwesenden, lassen Sie mich meine
Ausfhrungen der letzten Stunde noch einmal zusammen-
22
fassend wiederholen. Wie Sie sich vielleicht erinnern, ver-
steht man unter dem Begriff Biotronic die Wissenschaft -
ber das Zusammenspiel von Biologie und Technik, also von
organischen und elektronischen Baugruppen, wie zum Bei-
spiel bei knstlichen Herzen, intelligenten Gelenken und
Prothesen, die vom Gehirn gesteuert und gelenkt werden.
Diese Wissenschaftsrichtung steht im direkten Vergleich
und in Konkurrenz zu der rasant wachsenden Gentechnolo-
gie, die das Heranzchten von Organen und deren Verpflan-
zung zum Ziel hat. Sehr wahrscheinlich werden in naher Zu-
kunft diese beiden noch sehr jungen Disziplinen strker
zusammenwachsen, da sich daraus enorme Synergieeffekte
fr die Heilung und die Erhhung der Lebenserwartung des
Menschen erwarten lassen.
Der Professor holt etwas Luft und fhrt mit seiner Grund-
lagenvorlesung fort, die fr die Studenten des fnften Se-
mesters als Pflichtveranstaltung in ihrem Studienverlaufs-
plan aufgefhrt ist:
Eine entscheidende Rolle kommt bei all diesen biowis-
senschaftlichen Vorhaben dem weitverzweigten Nervensys-
tem der Lebewesen zu, da es die Steuerimpulse vom Gehirn
an die so genannten Aktoren und die Informationen von den
Sinnesorganen an das Gehirn weiterleitet. Diese Fhigkeit
der schnellen Informationsbertragung macht die Lebewe-
sen den Pflanzen weit berlegen, da diese keine Nervenzel-
len besitzen. Der schnelle Datenaustausch zwischen den
Sinnesorganen und dem steuernden Gehirn sowie dessen so-
fortige Reaktionsmglichkeit ber die Muskeln ist die
Grundvoraussetzung, dass sich Lebewesen von A nach B be-
wegen und auf Gefahrensituationen blitzschnell reagieren
knnen. Meine Damen und Herren, mit den langsamen Re-
aktionszeiten von Pflanzen wre das Krabbeln eines Kfers
ebenso undenkbar wie der Flug eines Schmetterlings.
Whrend der Professor an seinem Laptop herumhantiert,
hlt er in seinem Vortrag nicht inne:
23
Das Nervensystem ist in seiner Leistungsfhigkeit und
Vielfalt wahrlich eine Meisterleistung der Evolution. Bevor
ich Ihnen erklre, wie die Nervenzellen aufgebaut sind und
Informationen weiterleiten, lassen Sie mich noch darauf
hinweisen, dass das Gehirn selbst aus vielen Milliarden Ner-
venzellen, auch Neuronen genannt, aufgebaut ist.
Die Abmessungen von Nervenzellen liegen blicherweise
in der Grenordnung von normalen Krperzellen, das heit
bei einigen Millionsteln eines Meters, also im Mikrometer-
bereich. Lediglich zur berbrckung langer Wege im R-
ckenmark gibt es noch die so genannten Neuriten, das sind
Nervenfden, die bis zu einem Meter lang sein knnen.
blicherweise sind die einzelnen Nervenzellen wie an ei-
ner Schnur aneinandergereiht. Damit sie die Informationen
in Form von elektrischen Impulsen weiterleiten knnen, be-
sitzt jede Nervenzelle an ihrer Oberflche Tausende von
Verbindungsstellen, die so genannten Synapsen. Man kann
diese biologischen Kontaktierungen mit den Ltstellen in
Halbleiterschaltungen vergleichen. Wegen dieser guten Kon-
takteigenschaften der Nervenbahnen knnen Informationen
und Reize mit Geschwindigkeiten von einigen Hundert Ki-
lometern pro Stunde weitergeleitet werden.
Sie mssen sich das wie eine Eisenkette vorstellen, bei
welcher der elektrische Strom von Glied zu Folgeglied fliet.
Die Neuronen, die am Ende einer Nervenkette die Kontakt-
stellen zu Hunderten von Muskelfasern herstellen, sind ak-
torische Neuronen. In Anlehnung an die elektrische An-
triebstechnik nennt man solche Muskelbereiche auch einen
biologischen Motor. Ebenso bezeichnet man Nervenbahnen,
die Informationen von den Sinnesorganen zum Gehirn wei-
terleiten, als sensorische Neuronen.
Sie sehen, verehrte Studenten, dass die funktionale ber-
einstimmung zwischen biologischen Lebewesen und techni-
schen Maschinenwesen nicht zu bersehen ist. Und dieser
24
Tatsache verdankt die Biotronic letztendlich ihre Existenz-
berechtigung und ihre bisherigen Erfolge.
Der Professor fhrt dann den Studenten die verschiede-
nen Nervensysteme der unterschiedlich hoch entwickelten
Lebewesen der Reihe nach vor, um schlielich auf die kom-
plizierte Struktur beim Menschen zu kommen. Er klickt da-
bei immer wieder die entsprechenden Grafiken auf seinem
Laptop an, die dann ber einen
Beamer berdimensional an die Wand projiziert werden.
Dabei fhrt er aus:
Der menschliche Krper hat zwei getrennte Nervensys-
teme, nmlich das Rckenmark mit seinen Verstelungen zu
den Armen und Beinen sowie das vegetative Nervensystem,
ber das die Steuerung der inneren Organe vllig automa-
tisch abluft. Durch diese Auftrennung in zwei unabhngige
Datenkanle ist zum Beispiel die Regelung der Krpertem-
peratur, des Blutdrucks, der Herzfrequenz und vieler ande-
rer lebenswichtiger Krperfunktionen der Kontrolle durch
unseren Willen entzogen. Beide Nervensysteme sind aller-
dings an einigen Stellen miteinander vernetzt. Dies erklrt,
warum es manchen Menschen doch gelingt, durch intensi-
ves, autogenes Training einen gewissen Einfluss auf das ve-
getative Nervensystem zu erhalten.
Der Hauptnervenstrang aller Wirbeltiere ist jedoch das
Rckenmark, das vom Steibein bis hoch in den Kopf hinein
reicht. Am oberen Ende des Rckenmarks im Kopfbereich
liegt eine besonders starke Ansammlung von Nervenzellen,
die man wegen ihrer besonderen Fhigkeiten als das Gehirn
bezeichnet. Die biologische Verdrahtung von Abermilliarden
Neuronen machen das Gehirn zu einer programmierten
Steuer- und Regeleinheit fr den gesamten Krper, hnlich
wie die Elektronengehirne von Robotern, nur wesentlich
leistungsfhiger.
Ein leises Buzzern der Hrsaaluhr lsst den Professor die
heutige Vorlesung mit den Worten beenden:
25
Liebe Studentinnen und Studenten, unsere Zeit ist leider
schon wieder um. In der nchsten Stunde werden Sie mehr
ber das menschliche Gehirn, als einer riesigen Konzentrati-
on und Verschaltung von Nervenzellen, erfahren.
Ich danke Ihnen fr Ihre Aufmerksamkeit und wnsche
Ihnen noch einen schnen Tag.
Professor Lebib schaltet den Laptop ab und verstaut ihn in
seiner Westentasche. Dann eilt er zum Ausgang des Instituts
und schwingt sich auf sein Fahrrad, um im Eiltempo nach
Hause zu radeln. Es ist ein schner, sonniger Tag und viel zu
schade, um sich faul ins Auto zu setzen und die Umwelt ge-
dankenlos mit tdlichem Gift zu belasten.
Hallo Papa, da kommst du ja endlich. Was gibt es denn
heute zu essen?, rufen ihm seine Kinder von der Garagen-
einfahrt entgegen, als er in einem groen Bogen auf sein
Grundstck einbiegt.
Hello Kids, lasst euch bitte berraschen, ist seine knap-
pe Antwort.
Nach einer herzlichen Umarmung verschwinden alle gut
gelaunt ber die Verandatreppe im Haus.
Freunde, da ich gleich wieder weg muss, machen wir uns
eine heie Suppe und ein paar Pizzen im Backofen warm.
Und als Nachspeise gibt es ein leckeres Vanilleeis mit war-
mer Erdbeersauce. Einverstanden?
Der Professor wei aus Erfahrung, dass mit diesem Men-
vorschlag alle gut zufrieden sind und er fordert seine Kinder
wie immer auf:
Bis ich alles zubereitet habe, geht bitte auf eure Zimmer
und fangt schon mal mit euren Hausaufgaben an. Ich gebe
euch Bescheid, wenn der Tisch gedeckt werden muss.
Whrend er sich an die Kchenarbeit macht, geht ihm das
Manuskript der vergifteten Kollegin wieder durch den Kopf.
Es ist in der Tat sehr wenig ber die in unseren Gehirnen ge-
speicherte Biosoftware bekannt. Wir wissen allenfalls, wel-
che Gehirnteile fr welche Steueraufgaben und Denkprozes-
26
se zustndig sind. Dabei knnen die verschiedenen Biopro-
gramme nicht gelesen, sondern nur an den Reaktionen der
einzelnen Organe und am Verhaltensmuster des Gesamtsys-
tems erahnt werden.
Und, dass nach der Vorhersage der europischen Kollegin
das Gehirn trotz totem Krper noch einige Zeit weiterarbei-
ten soll, lsst ihn nicht mehr los. Als der Professor ein paar
Eier in die Suppe schlgt, steht fr ihn fest:
Wir mssen herausfinden, was zwischen dem klinischen
und dem biologischen Tod eines Menschen in seinem Kopf
abluft und zwar zweifelsfrei durch reproduzierbare Expe-
rimente. Die Todesphase ist schlielich ein existenzielles Er-
lebnis eines jeden Lebewesens und ich sehe mehr und mehr
die Chance, dieses Geheimnis endlich zu entrtseln.

Alle Mann an den Tisch, das Essen ist fertig.
Bei diesen erlsenden Worten nehmen die Kinder ihre
Pltze am Esstisch ein, whrend Professor Lebib die Suppe
und die aufgeschnittenen Pizzen reihum verteilt. Nach ei-
nem Tischgebet lassen es sich die Kinder und ihr akademi-
scher Koch gut schmecken. Ab und zu werfen die Greren
dem dicken, bettelnden Hauskater heimlich kleine Stck-
chen Salami auf den Fuboden, die er gierig und schmatzend
verschlingt.
In die allgemeine Ausgelassenheit hinein fragt Professor
Lebib seine Tochter am anderen Ende des Tisches:
Sag mal, Caroline, weit du, wer an meinem Schreibtisch
gewesen ist? Ich vermisse seit einigen Tagen die Berechti-
gungskarte fr mein Sparkonto. Und das, obwohl die Schub-
laden wie immer abgeschlossen waren.
Die Tochter zuckt frmlich zusammen:
Entschuldige, Daddy, das habe ich ja ganz vergessen. Die
Mama hat uns whrend deiner Tagungsreise nach New York
besucht und sie war auch lngere Zeit in deinem Arbeits-
zimmer.
27
Der Vater sieht ihre innere Aufgeregtheit und beruhigte
sie auch gleich mit den Worten:
Ist schon okay, mein groer Schatz, das Sparbuch ist ja
Gott sei Dank sicher in meinem Aktenschrank am Institut
verwahrt.
Mit ein paar lustigen Geschichten lenkt der nachdenkliche
Vater seine Mannschaft von diesem unangenehmen Thema
ab.
Dieses Sparbuch mit ein paar Tausend Dollar Guthaben
hatte er sich vor einigen Jahren aus reiner Verzweiflung an-
gelegt, als seine Frau zum x-ten Male gedroht hat, ihm erst
die Kinder, dann das Haus und schlielich das Gehalt per
Gerichtsbeschluss wegnehmen zu lassen.
Natrlich wei Dr. Lebib, dass das alles nicht so einfach
sein wird, wie sie sich das in ihrem Hasswahn vorstellt, und
dass er gengend Beweise fr ihr extremes Verhalten und ih-
re jahrelange Tablettensucht vorlegen kann. Trotzdem
macht er gute Miene zu diesem bsen Spiel und bringt jedes
Opfer, um seine Kinder vor irgendwelchen Entscheidungen
und ffentlichen Schlammschlachten zu schtzen.
Er nahm sich fest vor, gleich nach der Mittagspause in
seinem Bro nach seinen persnlichen Unterlagen und dem
Sparbuch zu sehen. Nachdem alle zu Ende gegessen haben,
steht der Vater auf und entschuldigt sich mit den Worten:
Kinder, ich muss jetzt aber schleunigst wieder an meinen
Schreibtisch im Institut. Bitte bringt nach dem Dessert erst
die Kche in Ordnung, macht dann eure Hausaufgaben zu
Ende und seid anstndig, bis ich gegen sechs Uhr wieder
komme. Ihr wisst, keine Action, damit nichts passiert. Sollte
irgendetwas Besonderes sein, ruft mich im Bro an oder
kommt schnell vorbei. Bis spter.

Am Nachmittag steht ein chirurgischer Eingriff im kleinen
Operationssaal des Instituts auf dem Programm, bei dem ei-
nem Patienten eine knstliche Hand implementiert werden
28
soll. Dies ist am National Institute of Biotronics (NIB) von
Professor Lebib inzwischen ein Routineeingriff, bei dem die
Erfolgschancen fr eine befriedigende Wiederherstellung
der Greiffunktionen sehr hoch liegen.
Nicht zuletzt deshalb kommen sehr viele Patienten auch
aus bersee. Die Kapazitt des Chirurgen-Teams ist schon
seit lngerer Zeit voll ausgeschpft, weshalb die Warteliste
fr einen OP-Termin immer lnger wird. Eine zweite Trans-
plantationsmglichkeit muss daher mglichst schnell aufge-
baut werden. Die Antrge an die Hochschulleitung und an
das zustndige Ministerium sind bereits auf den Weg ge-
bracht und die Entscheidung kann nicht mehr allzu lange
auf sich warten lassen.
Im ersten Schritt mssen bei dieser praktisch unblutigen
Operation die fr die Motorik wichtigsten Nervenbahnen lo-
kalisiert und die Synapsen der Nervenenden an winzige Im-
pulsadapter angeschlossen werden, die wiederum die Infor-
mationen vom Gehirn drahtlos ber ein Funkmodem der
knstlichen Hand bermitteln. Diese besteht aus einem
hoch elastischen Kunststoff, welcher der Konsistenz von
menschlichen Gliedmaen sehr nahe kommt.
Die Energieversorgung der Mikrometer kleinen Impuls-
adapter mit integrierten Sendern sitzt unter der Haut des
Patienten, wodurch die Entzndungsgefahr im Alltag des
Trgers absolut gering bleibt. ber eine induktive Aufladung
der Akkus entfallen sptere chirurgische Eingriffe.
In smtlichen Gelenken sind dreidimensionale Mikroan-
triebe eingebaut, damit die knstliche Hand alle gewohnten
Freiheitsgrade besitzt. Die elektrische Energie fr diese klei-
nen Muskelantriebe kommt aus mehreren in die Hand ein-
gebauten Flachakkus, deren Kapazitt fr eine mittlere Be-
triebsdauer von zehn Stunden ausgelegt ist. Die knstliche
Hand ist ber eine versteckte Spannvorrichtung fest mit
dem Armstumpf verbunden und kann bei Bedarf jederzeit
problemlos abgenommen werden. Die Akkus werden in den
29
Nachtstunden entweder mit einem Verbindungskabel oder
ebenfalls berhrungslos bei abgenommener Prothese aufge-
laden.
Da die kleinen Sender eine Reichweite von einem halben
Meter besitzen, kann die knstliche Hand auch bewegt wer-
den, ohne dass sie am Arm des Patienten angebracht ist.
Diese Demonstration im Hrsaal geht den Studenten jedes
Mal unter die Haut, insbesondere Studentinnen haben bei
diesem makabren Anblick schon fluchtartig den Saal verlas-
sen. Damit allerdings kein Patient die Hand eines anderen
Patienten bewegen kann, arbeiten alle Prothesen generell
mit unterschiedlichen Frequenzen und Codes.
Obwohl die bei solchen Operationen verwendeten knstli-
chen Gliedmaen allesamt am Institut fr Biotronic entwi-
ckelt wurden, war eine Auslagerung der Fertigung in eine
Spezialfirma fr medizinische Gerte aus Kapazittsgrnden
unumgnglich. Mit den Einnahmen aus den Lizenzvertrgen
bestreiten Professor Dr. Lebib und seine Mitarbeiter gr-
tenteils die laufenden Forschungsaktivitten des Instituts
auf diesem weiten Feld, um amputierten Patienten mg-
lichst viel Lebensqualitt wiederzugeben.
Solche Eingriffe fhrt der Professor in den letzten Jahren
nicht mehr selbst durch. Da verlsst er sich voll und ganz auf
seinen Stellvertreter und Freund Dr. Snider, der von weite-
ren Mitarbeitern und Studenten der hheren Semester assis-
tiert wird.
Nach einem prfenden Blick durch die Glasscheibe zum
Operationssaal geht der Direktor des NIB in sein Bro, um
mit seiner Sekretrin die in den letzten Tagen liegen geblie-
bene Post zu erledigen. Bevor er die Unterschriftenmappe
beiseite legt, meint er mehr beilufig:
Sagen Sie mal, Mrs. Johnson, war denn in den letzten
Tagen meine Frau hier am Institut?
Die Sekretrin ist von dieser Frage etwas berrascht und
versucht sich zu erinnern. Schlielich erwidert sie:
30
Es tut mir Leid, Chef, aber bei mir war sie mit Sicherheit
nicht, daran knnte ich mich erinnern. Nachdem was sich
diese Frau alles schon geleistet hat, passt man besonders gut
auf und meidet am besten jeglichen Kontakt mit ihr.
Der Professor hlt seine Sekretrin ber sein Privatleben
einigermaen auf dem Laufenden, damit falsche Spekulatio-
nen und dummes Gerede erst gar nicht aufkommen konn-
ten. Im brigen mag Mrs. Johnson seine Kinder sehr und sie
ist immer besonders nett, wenn das eine oder andere ihn
mal nach der Schule besuchen kommt.
Nachdem sie sein Bro verlassen hat, holt der Professor
einen ganz bestimmten Aktenordner aus dem Schrank und
beginnt diesen angespannt durchzublttern. Er findet sein
Sparbuch versteckt zwischen zwei Schriftstcken und atmet
erleichtert auf.
Gott sei Dank, hat sie wenigstens meinen kleinen Notgro-
schen nicht entdeckt, denkt er in sich hinein, als er pltzlich
feststellt, dass am Ende des Aktenordners der braune Um-
schlag mit all den vielen Drohbriefen und Selbstmordabsich-
ten, die er in den letzten Jahren von seiner Frau bekommen
hatte, vollstndig leer gerumt ist.
Dann war sie also doch in meinem Bro und hat alles be-
seitigt, womit ich ihr vielleicht htte die Augen ffnen kn-
nen. Oder hat sie in ihrem Wahn vielleicht auch nur Angst,
dass ich dieses Material gegen sie verwenden wrde?, redet
Dr. Lebib mit sich selbst und weiter:
Sie kann eigentlich nur in der Zeit, als ich in New York
gewesen bin, mit meinem Institutsschlssel, hchstwahr-
scheinlich nach Feierabend, hier eingedrungen sein. Henry,
was ist nur aus deinen Trumen geworden? Das hast du
wirklich nicht verdient. Du kannst gespannt sein, welche
Gemeinheit sie sich als Nchstes fr dich ausdenkt.
Dann diktiert er Mrs. Johnson noch ein paar Briefe an ei-
nige Berufskollegen in San Franzisko, Chicago, New York,
Miami, New Orleans, Dallas und Houston. Darin bittet er
31
diese hflichst um eine schnelle Nachricht, falls sie einen
Unfallpatienten mit irreparablem Krper aber intaktem
Kopf beziehungsweise Gehirn in ihren Krankenhusern ein-
geliefert bekmen.

Mit seinem Laptop unterm Arm betritt der Professor an die-
sem Morgen den kleinen Hrsaal des National Institute of
Biotronics (NIB), um seine Vorlesung ber den Aufbau und
die Funktion der biologischen Gehirne abzuhalten. Nachdem
er die richtige Graphik mit seinem Dateimanager gefunden
und ber den Beamer an die Hrsaalwand geworfen hat, be-
ginnt er seinen Vortrag mit den Worten:
Meine sehr geehrten Studentinnen und Studenten, wie
Sie aus der letzten Vorlesungsstunde sicherlich noch wissen,
besteht jedes einzelne Gehirn aus einer unvorstellbaren An-
zahl von Nervenzellen, den so genannten Neuronen. Man
rechnet alleine im menschlichen Grohirn mit einem Netz-
werk von mehr als vierzehn Milliarden Neuronen. Das Ge-
hirn in seiner Substanz ist der Informationstrger biologi-
scher Lebenssoftware und somit die Schaltzentrale fr alle
Aktivitten eines Lebewesens.
Dem Gehirn kommt die Aufgabe der Steuerung und Rege-
lung des Gesamtsystems zu, damit der betreffende Krper
zum einen betriebsbereit ist und zum anderen seine ihm ei-
genen Funktionen wahrnehmen kann. Fr die Ausgabe von
Befehlen an die Gliedmaen und die Aufnahme von Reizen
der Sinnesorgane steht dem Gehirn ein weitverzweigtes Netz
an Nervenketten zur Verfgung.
Vergleicht man ein Lebewesen mit einem intelligenten
Roboter, so entspricht das biologische Gehirn dem elektro-
nischen Computer, das Nervensystem der Verkabelung
durch einen Datenbus und die Anschlsse an die Muskeln
und Sensoren den Ltstellen.
Anhand einer Computeranimation lsst der Professor jetzt
einen oberhalb der Augenhhlen rundherum geffneten
32
Menschenschdel ber den Projektor an der Wand kreisen,
wodurch fr die Betrachter alle Bereiche des Gehirns drei-
dimensional und farblich abgestuft sichtbar werden.
Die gelblich weie Substanz des Grohirns hat die Form
und das Aussehen einer berdimensionalen Walnuss und
nimmt den meisten Raum unter der oberen Schdeldecke
ein. Die Hirnrinde ist reich gefaltet und in der Form zweier
halbkugelfrmiger Hlften angeordnet. Nach einer kleinen
Pause erklrt der Professor seinen staunenden Studenten
weiter:
Man spricht wegen der symmetrischen Anordnung auch
von einer linken und rechten Gehirnhlfte. Beide Teile des
Grohirns sind ber lngere Nervenbahnen, so genannte
Neuriten, miteinander verbunden, so dass ein stndiger In-
formationsaustausch mglich ist.
Im Grohirn, liebe Zuhrer, findet unser bewusstes Erle-
ben statt, da die Informationen der Sinnesorgane hier an-
kommen, empfunden und verarbeitet werden und das Er-
gebnis der Auswertung in Form von Befehlen an die
Muskeln weitergeleitet wird.
Professor Lebib holt etwas Luft und ergnzt:
Neuere Forschungen belegen, dass im Grohirn nicht nur
unser Leben gefhlsmig stattfindet, sondern dass in die-
sem Hirnabschnitt auch unser Gedchtnis sitzt. Diese rum-
liche Nhe von Persnlichkeit und Gewissen ist logisch,
denn in unserem Gedchtnis sind nicht nur aktuelle Daten
der Gegenwart abgelegt, nein dort ist unser gesamtes Leben
abgespeichert.
Mit einem Mausklick lsst der Professor nun mittels einer
Computeranimation das Grohirn Stck fr Stck abtragen.
Unter der einige Zentimeter dicken Hirnrinde kommt eine
weie Substanz zum Vorschein, deren Nervenzellen Infor-
mationen lediglich weiterleiten und nicht verarbeiten.
33
Etwas unterhalb der Mitte des Grohirns, in Hhe der
Augenhhlen, zeigt die Animation jetzt das etwa faustgroe
Zwischenhirn.
Und der Kommentar des Dozenten:
Im Zwischenhirn werden smtliche Informationen der
Sinnesorgane vorverarbeitet, ehe sie an das Grogehirn wei-
tergeleitet werden. Interessant, meine Damen und Herren,
aber ist die Verbindung des vegetativen Nervensystems mit
dem Zwischenhirn, wodurch diesem besonders geschtzten
Hirnteil im Inneren des Grohirns die Aufgabe einer wichti-
gen Schaltzentrale fr unsere automatisierten Krperfunkti-
onen und Hormonsteuerung zufllt.
Den Augenhhlen gegenberliegend schliet sich dem
Zwischenhirn das Kleingehirn an, das die Informationen der
Gleichgewichtsorgane auswertet und die Bewegungsmotorik
des Menschen ber die Muskeln steuert.
Unter dem Zwischenhirn liegen noch das Mittelhirn, das
fr die Reflexe zustndig ist und das eher kleine Nachhirn,
das die Atemmuskulatur steuert und das stufenlos in das
Rckenmark bergeht.
Whrend im Grohirn die meisten Vorgnge fr den Men-
schen bewusst und fhlbar ablaufen, verrichten Zwischen-
hirn, Kleinhirn, Mittelhirn und Nachhirn ihre Arbeit im Un-
terbewusstsein und sind somit unserem Willen nicht
zugnglich.
Inzwischen sind die virtuellen Schnitte der Computerani-
mation am unteren, rhrenfrmigen Ende der Gehirnmasse
angekommen, das wie ein gebndeltes Kabel aus Abertau-
senden feinster Nervendrhtchen in die Wirbelsule ein-
mndet.
Im Hrsaal des Instituts fr Biotronics ist es gespenstisch
still geworden. Jeder der Anwesenden hat wohl arge Prob-
leme sich vorzustellen, dass es in ihm genauso aussehen soll.
Die Erkenntnis, dass unser Gehirn ein hoch komplexer bio-
logischer Parallelcomputer ist, in dem sich unsere Persn-
34
lichkeit lediglich in einem kleinen Teilprogramm wiederfin-
det, fllt den jungen Leuten im Hrsaal schwer.
Der Professor sieht die Enttuschung in den Gesichtern
seiner Studenten und meint beruhigend:
Wenn der erste Eindruck vom Aufbau des menschlichen
Gehirns auch sehr ernchternd sein mag, so gibt es doch ei-
nen ganz erheblichen Unterschied zu elektronischen Compu-
tergehirnen. Denn, obwohl die heutigen Prozessorchips ber
erstaunliche Rechenleistungen und Datendurchstze verf-
gen, sind ihre Fhigkeiten immer beschrnkt auf die binre
Informationsverarbeitung mit Nullen und Einsen.
Gefhle, meine lieben Zuhrer, lassen sich aber nicht digi-
talisieren, sondern nur empfinden. Und dieser urgewaltige
Unterschied macht uns zu Lebewesen und nicht zu techni-
schen Roboterwesen. Es sind somit nicht nur Intelligenz,
Willenskraft und Entscheidungsvielfalt, die ein Lebewesen
ausmachen, sondern in erster Linie die Abhngigkeit unse-
rer Programmierung und Steuerung von Gefhlen und Emp-
findungen.
Eine sprbare Erleichterung machte sich bei diesen Wor-
ten des Professors unter den Studenten breit. Fr jeden der
Anwesenden schien seine Einzigartigkeit und Wichtigkeit
zunchst erst mal gerettet zu sein.
Die restlichen zehn Minuten bis zum Ende der Vorle-
sungsstunde beantwortet Professor Lebib noch einige Fra-
gen und er verweist zum Abschluss auf die nchste Stunde,
wenn er die Informationsverarbeitung im Nervensystem vor-
tragen wird.
Auf dem Weg in sein Bro begegnet er seinem Stellvertre-
ter und Freund Dr. Snider, der ihn mit Handschlag begrt:
Hallo, Henry, hast du einen Augenblick Zeit?
Professor Lebib fhrt sich mit der flachen Hand durch
seine graumelierten Haare und antwortet:
35
Natrlich Fred, komm, wir gehen auf eine Tasse Kaffee in
mein Bro. Hast du schon etwas von der bersetzung der
europischen Kollegin gehrt?
Genau darber wollte ich mit dir sprechen, Henry. Die
bersetzung liegt mir seit gestern vor und ich habe schon
einen ersten Blick hinein geworfen. Wenn du einverstanden
bist, werde ich mich in den nchsten Tagen etwas intensiver
mit diesem gesellschaftskritischen Werk auseinanderset-
zen.
Einverstanden, Fred. Wie wre es denn, wenn ihr uns am
Wochenende zu Hause besuchen kommt, dann knnten wir
beide beim Barbecue ausfhrlich ber diese Arbeit spre-
chen.
Gute Idee, meine Familie wird sich bestimmt freuen, bye
Henry.
Mit diesen Worten verabschiedet sich Dr. Snider und
macht sich mit krftigen Schritten in Richtung Operations-
saal auf, wo um elf Uhr dreiig Uhr die nchste knstliche
Hand auf dem Dienstplan steht.

Das Klingeln des Telefons unterbricht Professor Lebib bei
seiner Arbeit am Schreibtisch:
Hier Lebib, was gibt es, Mrs. Johnson?
Herr Professor, auf Leitung drei ist eine Angestellte Ihrer
Hausbank, die Sie dringend sprechen mchte.
Professor Lebib bernimmt das Telefonat und beginnt ein
freundliches Gesprch mit der Bankangestellten, deren Fa-
milie er seit vielen Jahren durch Schulkontakte der Kinder
persnlich kennt. Whrend einer Fachtagung hatte er vor
Jahren deren Ferienhaus am Strand von San Diego fr ein
paar Tage gemietet. Die Anruferin ist eine sehr freundliche
und sympathische Frau, die allerdings heute einen nervsen
Eindruck macht. Als htte er es geahnt, kommt sie auch
schon zum Grund ihres Anrufs:
36
Herr Professor, es tut mir sehr Leid, aber ich habe hier
eine Vollmacht vorliegen, wonach Ihre gesamten Ersparnis-
se und die Sparkonten der Kinder von ihrer Frau aufgelst
und auf deren Konto berwiesen werden sollen. Bitte verste-
hen Sie mich nicht falsch, aber ich habe den dringenden
Verdacht, dass Ihre Unterschrift auf diesem Dokument ge-
flscht ist.
Der Professor berlegt kurz und antwortet der von seiner
Frau menschlich enttuschten Angestellten und Bekannten:
Sie haben vollkommen richtig gehandelt, indem Sie mich
gleich angerufen haben, denn ich habe tatschlich eine sol-
che Vollmacht zu keinem Zeitpunkt unterschrieben. Bitte
lassen Sie die Angelegenheit erst mal auf Ihrem Schreibtisch
liegen. Ich werde mich darum kmmern und Sie bis sptes-
tens morgen frh in Ihrem Bro aufsuchen. Good bye, Mrs.
Greece.
Deutlich sprt der Professor die Erleichterung seiner Ge-
sprchspartnerin, als er den Hrer auflegt.
Auf diesen Schrecken holt er sich einen doppelten Whisky
aus seiner kleinen Schrankbar, legt an seinem Schreibtisch
die Fe hoch und zndet sich eine dicke Zigarre an. Welche
kriminellen Hsslichkeiten lsst sich denn meine Frau noch
einfallen, um mich fertig zumachen und zu ruinieren, geht es
ihm durch den Kopf.
Und als die ersten Kringel Zigarrenqualm aus seinem
Mund aufsteigen, fallen ihm auch all die anderen Unge-
reimtheiten der letzten Zeit wieder ein. Zum Beispiel als sei-
ne Nochehefrau vor einigen Monaten den eigenen Sohn bei
der Polizei angezeigt und fr vier Wochen ins Jugendge-
fngnis gebracht hat, weil dieser bei einer gnstigen
Gelegenheit einen greren Betrag aus ihrer Geldkassette
entwendet hatte.
Was der Junge getan hat, war bestimmt nicht in Ordnung,
aber diesen Schritt gegen eines seiner Kinder wrde der Pro-
fessor nicht bers Herz bringen, da ist er sich ganz sicher.
37
Damit sein Sohn diesen schweren Gang nicht alleine antre-
ten musste, hat der Vater ihn bis vor die Gefngnistr ge-
bracht und ihm jeden Tag einen Brief in die Zelle geschickt.
Ein Telefonat am selben Abend von zu Hause mit seiner
Frau macht Professor Lebib schnell klar, dass er keine ande-
re Wahl hat, als der Auflsung der Konten zu ihren Gunsten
zuzustimmen, will er nicht die Kinder, das Haus und sein
Einkommen verlieren. Wie er doch diese ewigen Drohungen
hasst, aber aus Liebe zu seinen Kindern muss er wohl oder
bel auch dieses finanzielle Opfer bringen. Nur was passiert,
wenn sie hat, was sie will?
Sollte er nicht besser auf seine Freunde hren und endlich
den lngst flligen Schlussstrich ziehen. Der allein erziehen-
de Vater nimmt sich fest vor, in den nchsten Tagen einen
Anwalt aufzusuchen, um sich ausfhrlich beraten zu lassen
und dem ganzen Spuk mglichst bald ein Ende zu bereiten.

Carol, brauchen wir noch irgendetwas Essbares oder Ge-
trnke fr unseren heutigen Grillnachmittag?, fragt der
Professor seine Tochter, whrend er weiter den alten gussei-
sernen Familiengrill auf der Veranda aufbaut.
Nein Dad, wir haben an alles gedacht. Wann wird denn
Fred mit seiner Familie bei uns eintreffen?
Der Vater muss nicht mehr antworten, denn in diesem
Augenblick biegt der altmodische Chevrolet der Sniders be-
reits von der ruhigen Wohnstrae auf die Toreinfahrt ein.
Die wartenden Kinder des Professors laufen dem Wagen
entgegen, um ihre Spielkameraden zu begren. Dieser stellt
noch schnell den Getrnkekorb auf den Tisch, damit sich die
kleinen und groen Gste erst mal erfrischen knnen.
Whrend Freds Frau Syndia und Caroline nach der Be-
grung wohlgelaunt im Haus verschwinden, die Kinder ih-
re Trinkbecher gensslich leeren und dann im Garten spie-
len, machen es sich die beiden Freunde und Kollegen auf der
berdachten Terrasse gemtlich.
38
Gibt es etwas Neues von deiner Frau, Henry? Du wirkst
ein wenig traurig und abgespannt, beginnt Fred das Ge-
sprch. Sein Gegenber hebt etwas mde die Schultern und
meint:
Lass uns erst mal einen krftigen Schluck trinken, dann
erzhle ich dir die letzten Attacken meiner Frau gegen mich.
Bier oder Wein, Fred?
Whrend Professor Lebib von der Urkundenflschung
und Kontoauflsung berichtet, sieht man seinem Freund
immer mehr die Wut im Gesicht aufsteigen. Schlielich
meint er ziemlich erregt:
Weit du, Henry, mir will einfach nicht in den Kopf, wa-
rum deine Frau dich und die Kinder damals verlassen hat,
dich als uninteressant und schlecht empfindet, sich aber an
deinem Geld und Konto weiterhin bedient. Ob das was mit
mangelndem Charakter zu tun hat?
Lass gut sein, Fred. Das ganze Drama hat sich ja schon
lange angekndigt. Du erinnerst dich vielleicht, schon als sie
noch bei uns war, musste sie immer ihren Willen durchset-
zen. Und wie oft war ich mit den Kindern alleine, zum Bei-
spiel, wenn sie sich teuren Schnheitsoperationen unterzo-
gen hat oder stundenlang am Telefon mit irgendwelchen
Randfiguren, Loosern, Aussteigern und Scheinheiligen der
Gesellschaft ber Gott und die Welt philosophiert und ge-
jammert hat.
Dr. Snider nickt und gibt seinem Freund, wie schon so oft
in der Vergangenheit, den Rat:
Henry, es wird allerhchste Zeit, dass du dir eine neue
Lebenspartnerin suchst und dich von deiner Frau scheiden
lsst. Sonst wird dieser Horror bis an das Ende deiner Tage
so weitergehen. Da bin ich mir inzwischen absolut sicher.
Professor Lebib nickt stumm und fordert seinen Ge-
sprchspartner auf:
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Bitte lass uns dieses traurige Thema beenden und statt-
dessen ber das interessante Buch der europischen Kolle-
gin sprechen. Hast du es dabei, Fred?
Whrend Dr. Snider das bersetzte Manuskript aus sei-
nem Wagen holt, fngt Professor Lebib schon damit an,
Holzkohle in den Grill zu schtten und mit dem Anznder zu
entfachen. Seiner Tochter gibt er durch das geffnete K-
chenfenster ein Zeichen, dass er in ungefhr zwanzig Minu-
ten das Grillfleisch bentigen wird.
Die beiden Freunde machen es sich im Schatten der Kas-
tanienbume wieder bequem und Dr. Snider gibt einen
Kurzbericht zum Inhalt des Werkes:
Unsere europische Kollegin beginnt ihre Arbeit mit der
nchternen Feststellung, dass trotz der groartigen techni-
schen Errungenschaften, der gewaltigen medizinischen
Fortschritte und der sexuellen Aufgeklrtheit des einund-
zwanzigsten Jahrhunderts, immer noch mittelalterliche Vor-
stellungen, abenteuerliche Mrchen, haarstrubende Wun-
der und realittsfremde Gleichnisse unsere Erwartungen an
den Tod und das Ewigen Leben prgen.
Sie rumt in ihrem Buch mit diesen unhaltbaren Lgenge-
schichten und Wunschbildern schonungslos auf, beleuchtet
die fundamentalen Lebenssulen aus religiser, gesell-
schaftspolitischer sowie naturwissenschaftlicher Sicht und
gewinnt berraschende und unangenehme Erkenntnisse, die
jeden Einzelnen von uns direkt angehen und massiv fordern.
Henry, ich kann mir sehr gut vorstellen, dass ihre moder-
nen und logischen Aussagen ber die Schpfung und den
Tod sowie die Verknpfung von Wohlstand und Elend in
Kirchenkreisen, Sekten und bei Vermgenden auf strikte Ab-
lehnung gestoen sind, und dass sich eine Verschwrung ge-
gen sie gebildet hat, welche die Verffentlichung ihrer kom-
pletten Forschungsergebnisse aus reinem Eigennutz und
Machterhalt verhindern wollte. Und genau deshalb wurde
40
diese junge Frau bei einem hinterhltigen Mordanschlag
whrend der Tagung in New York kaltbltig ausgeschaltet.
Dr. Snider macht eine kurze Pause, um an seinem Drink
zu nippen, ehe er fortfhrt:
Eine wesentliche Erkenntnis unserer Kollegin aus Europa
ist, dass am bergang zwischen Leben und Tod eine vllig
neue Zeitrechnung beginnt, die der Sterbende als Ewigkeit
empfindet. An deren Anfang steht eine Rckblende in Form
eines virtuellen Lebensfilms. Ihre eigene geistige Wiederge-
burt, so schreibt sie, ist die ergreifende Lebensgeschichte ei-
nes zarten, vietnamesischen Mdchens, das die ersten Jahre
seines Daseins in unsglichem Elend und Leid verbringen
musste. Hunger und Einsamkeit haben ihren geschundenen
und misshandelten Krper todkrank gemacht. Doch das
Schicksal gibt ihr eine Chance, als sie eines Tages von einer
europischen Familie liebevoll aufgenommen und adoptiert
wird. Das ungerechte Nebeneinander von menschenunwr-
digen Lebensbedingungen in der Dritten Welt und ver-
schwenderischem Luxus in den Wohlstandslndern hat
nicht nur ihre Kindheit, sondern ihr ganzes weiteres Leben
bestimmt.
Als geistige Zuschauerin des eigenen Lebensfilms, so sagt
die europische Kollegin voraus, begegnet man noch einmal
allen Personen und Stationen seines irdischen Daseins. Und
man wird erfahren, dass die Bewertung seiner Lebenstaten
nicht dem eigenen Willen, sondern einer hheren Instanz
unterliegt. Aber auch, dass die Loslsung der Seele vom
Krper nicht im Himmel, sondern im Geist stattfindet. Am
Ende seiner Lebensrckblende taucht der Sterbende schwe-
relos in ein gleiendes Licht der Sinne und Gefhle, das be-
gleitet wird von einem Feuerwerk an wohliger Wrme und
Geborgenheit und den bergang zum Ewigen Leben ankn-
digt.
Professor Lebib schaut seinen Freund etwas unglubig an
und stellt ihm die Frage:
41
Das heit doch im Klartext, dass diese Kollegin den Ab-
lauf des Todes und des Ewigen Lebens geahnt hat. Fred, jetzt
verstehe ich auch, warum sie mich um meine Mitarbeit gebe-
ten hat. Sie wollte von mir die praktische Besttigung ihrer
Theorie, um die Menschheit von der schrecklichen Unge-
wissheit und Geisel des Ablebens zu befreien.
Dr. Snider scheint von der Denkweise der ermordeten
Kollegin vollkommen berzeugt zu sein und erwidert:
Ja, Henry. Sie ist sich ihrer Sache sehr sicher und macht
in ihrem Buch auch konkrete Vorschlge, wie man den vir-
tuellen, also scheinbaren Tod im Gehirn auslsen und wie-
der rckgngig machen kann. Wenn uns das gelingen sollte,
htte das weitreichende Folgen fr die Menschheit. Der ei-
gene Todesablauf wre mit einem Male fr jeden berechen-
bar und ohne zu sterben erlebbar. Ich vermute mal, dass
hnlich wie bei den vielen bekannten Nahtoderlebnissen
nach dieser existenziellen Todeserfahrung fr die meisten
Menschen ein Weiterleben so wie bisher nicht mehr vor-
stellbar wre.
Der Professor hat whrend des Gesprchs damit begon-
nen, das Grillfleisch und die Wrstchen auf das mit Alumi-
niumfolie belegte Rost zu legen. Seine Stirn liegt immer noch
in Falten, als er sich jetzt setzt und eine Zigarre entzndet.
Weit du, Fred, es ist in der Tat erstaunlich, wie wenig
wir Menschen doch vom Lebensende wissen. Im Grunde ge-
nommen berhaupt nichts Konkretes oder Greifbares. Allen-
falls verschwommene Vorstellungen, die letztendlich darauf
hinauslaufen, dass wir im Jenseits ein noch herrlicheres Da-
sein fr immer fristen wollen. Das ist natrlich absolut un-
realistisch und jeder Einzelne ahnt es auch. Ich glaube, wir
verdrngen dieses Thema bewusst, weil wir eine schreckliche
Angst vor unserem Abgang von der Lebensbhne haben. Fr
mich liegt diese Kollegin absolut richtig, wenn sie vermutet,
dass man die Wahrheit unseres Daseins in der Entschlsse-
42
lung des Todes suchen muss. Wir drfen nicht lnger das ir-
dische Leben der Vllerei auf den Tod projizieren.
Bei diesem Stichwort fallen Dr. Snider die Worte der Au-
torin im Vorwort ein und er sagt:
Genau das sind auch ihre Worte, Henry, welche sie an
Menschen richtet, die sich der Realitt stellen wollen, und
die es endgltig leid sind, sich noch lnger hinter frommen
Lgen und selbstgerechten Sprchen zu verstecken. Moder-
ne Menschen, die anerkennen, dass das ganze Chaos aus
Materie und Leben auf der Welt zwar den Zufall nutzt, aber
dennoch einer hheren Ordnung unterliegt und die dieses
Bioprogramm des Schpfers in sich suchen und danach le-
ben wollen.
Weiter berichtet er von den vielen im Buch angesproche-
nen Beispielen, welche die schrecklichen Zusammenhnge
von berfluss und Elend anschaulich belegen. Aber auch
von den nahe liegenden Vergleichen und Gemeinsamkeiten
zwischen intelligenten Maschinenwesen und biologischen
Lebewesen. Insbesondere die Rckschlsse auf die Urpro-
grammierung unserer Seele als ein Bereich in unserem Ge-
hirn und die Funktion des Gewissens als Massenspeicher
unseres gesamten Lebens lassen ein deutliches Interesse in
den Augen des Professors erkennen.
Dr. Snider fasst schlielich zusammen:
Das Anliegen dieser Frau, die dem Elend in der Dritten
Welt durch Zufall entronnen ist, besteht darin, als morali-
scher Anwalt der rmsten der Armen aufzutreten, damit de-
ren unverschuldetes Elend und sinnloses Leid von uns kapi-
talistischen Ausbeutern nicht mehr kollektiv verdrngt
werden knnen. Ihre Erkenntnisse und Aussagen sind ein
unangenehmer und hsslicher Spiegel fr alle bersatten,
Wohlhabenden und Scheinheiligen in der ganzen Welt, die
sich natrlich keiner Schuld bewusst sind und die ihren
Reichtum und Luxus am liebsten auch noch mit in die Ewig-
keit nehmen wollen.
43
Also, wenn ich dich richtig verstehe, Fred, schaltet sich
der Professor jetzt in den ausfhrlichen Bericht seines
Freundes ein, dann bezeichnet unsere ermordete Kollegin
das in den reichen Lndern berall und in den armen Ln-
dern konzentriert vorhandene, egoistische und malose
Wohlstandsverhalten als ein Verbrechen an den Armen und
sie verspricht allen bersatten die ausgleichende Gerechtig-
keit im Tode. Diese Sichtweise ist logisch und berzeugt
mich, denn die modernen Erkenntnisse und Schlussfolge-
rungen dieser jungen Frau widersprechen den elementaren
Aussagen der Weltreligionen nicht. Diese Tatsache ist sehr
wichtig, denn sie stellt unsere zuknftigen Experimente auf
eine fest fundierte Wertebasis, die den meisten Menschen
vertraut ist. Fred, langsam bin ich wirklich gespannt, ob es
uns tatschlich gelingen wird, die Wahrheit des Todes expe-
rimentell zu entrtseln.
Die ernste Unterhaltung der beiden Wissenschaftler wird
abrupt unterbrochen, als nmlich die ganze Kinderhorde mit
lautem Geschrei ins Freie strmt, um im Garten Ball- und
Fangspiele zu machen. Caroline und Freds Frau Syndia sig-
nalisieren aus dem Kchenfenster, dass die Fachsimpelei
jetzt beendet werden muss, damit die hungrigen Buche der
Kinder ihr Recht bekommen. Dabei zeigen sie auf leckere Sa-
late, Grillsaucen und Baguettestangen, die nur darauf war-
ten, von der gut gelaunten Meute verspeist zu werden.
Es ist wie immer ein schner und familirer Sonntag-
nachmittag mit viel Entspannung und guter Laune. Die
Stunden fliegen nur so dahin und als Dr. Snider nach Ein-
bruch der Dunkelheit seine Familie zum Aufbruch drngt,
nimmt ihn Professor Lebib noch kurz zur Seite und flstert
ihm ins Ohr:
Fred, wir mssen uns unbedingt in den nchsten Tagen
am Institut zusammensetzen und eine Strategie fr die wei-
tere Vorgehensweise entwickeln, damit wir mglichst bald
einige Forscherteams auf Detailprobleme ansetzen knnen.
44
Ich berlege schon die ganze Zeit, ob wir uns auch um das
moralische Anliegen der Kollegin kmmern oder nur auf die
rein naturwissenschaftlichen Aussagen konzentrieren sol-
len.
Okay, Henry, ich werde mir ebenfalls in den nchsten
Tagen einige Gedanken in dieser Richtung machen und uns
ein Diskussionspapier schriftlich ausarbeiten. Danke fr den
schnen Nachmittag und bis morgen an der Uni. Tschss
Henry, tschau Caroline, bye-bye Kinder.
Nachdem der alte Caprice Classic Station der Sniders um
die Ecke gebogen ist, bringt Professor Lebib seine mden
Kinder zunchst ins Badezimmer und dann ins Bett. Nach
diesem ausgelassenen Tag kehrt sehr schnell Ruhe in dem
groen Haus ein und der Professor macht es sich mit seiner
erwachsenen Tochter noch ein bisschen vor dem Fernseher
bequem. Dabei lsst er seinen Gedanken freien Lauf.
Was hat diese Kollegin aus Europa nur mit ihren klaren
und logischen Betrachtungen angestoen?, geht es ihm wh-
rend des Fernsehfilms durch den Kopf.
Im Prinzip sind doch dem interessierten Menschen alle
Fakten hinreichend bekannt. Und dass bermiger Kon-
sum auf Kosten der Umwelt und der Armen geht, wei heut-
zutage auch schon jedes Kind. Liebe deinen Nchsten wie
dich selbst, so steht es bereits in der Bibel. Warum gibt es
dann aber blo diese allgegenwrtige Scheinheiligkeit unter
den Wohlstandsmenschen?
Die Werbeunterbrechung im TV-Kanal geht an seinem
Bewusstsein spurlos vorber.
Wenn man genauer hinschaut, doch eigentlich nur, damit
alles beim Alten bleiben kann. Das ist wie mit dem Ketten-
raucher, der sich den alten Opa mit Pfeife als Alibi fr seine
Nikotinsucht aussucht.
Oder die vielen Nichtraucher, die eine hitzige, ffentliche
Diskussion ber ein Rauchverbot fhren und die Raucher
manchmal bereits in die Verbrecherecke rcken. Diese
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scheinheiligen Nichtraucher ignorieren bewusst, dass sie mit
ihrem Auto millionenmal mehr an giftigen Abgasen auspus-
ten, als ein Raucher qualmt. Keiner dieser egoistischen
Heuchler kme auf die nahe liegende und logische Forde-
rung, nicht nur das Rauchen, sondern auch den Autoverkehr
abzuschaffen.
Dieser Vergleich verursacht dem allein erziehenden Fami-
lienvater ein leichtes Unbehagen und er konstatiert leise:
Diese Scheinheiligkeit hat System und ist lngst berall im
tglichen Leben, der Politik und den Kirchen gngige Le-
bensphilosophie geworden. Welchen Schwindel stellen zum
Beispiel internationale Klimagipfel dar, wenn man genau
wei, dass sich das Verkehrsaufkommen zu Lande und in
der Luft in den nchsten zehn Jahren verdoppeln wird. Sol-
che scheinheiligen internationalen Konferenzen sind realis-
tisch betrachtet selbst nur eine bloe Umweltverschmut-
zung, welche die vielen Teilnehmer durch ihre weiten
Anreisen und ihren luxurisen Aufenthalt verursachen.
Oder die scheinheiligen Politiker, die es bereits als einen
Erfolg darstellen, wenn die erbrmliche Entwicklungshilfe
das Vorjahresniveau gehalten hat und stattdessen dem eige-
nen Volk lieber weitere Wohltaten versprechen, ohne zu sa-
gen, woher unser aller Wohlstand berhaupt wirklich
kommt. Aber was soll es, kein Mensch regt sich darber auf,
denn das Verschweigen der grausamen Wahrheit empfinden
die Menschen dankbar als Absolution, als Freibrief sozusa-
gen von ganz oben.
hnlich wie im Gottesdienst in der Kirche oder in der Mo-
schee, wo man trotz der stndigen eigenen Verste gegen
die zehn Gebote immer wieder die Gewissheit und Garantie
auf ein warmes Pltzchen im Himmel vermittelt bekommt,
gegen Gehorsam und Cash versteht sich.
Es muss wohl das Wechselspiel zwischen der unbndigen
Gier auf der einen Seite und dem schlechten Gewissen auf
der anderen Seite sein, das Menschen aller Nationen, Glau-
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bensrichtungen und Gehaltsklassen in diese armselige
Scheinheiligkeit treibt.

Mit einem leichten Seufzer versucht der Professor sich
wieder dem Fernsehfilm zu widmen. Seine Gedanken krei-
sen allerdings weiterhin um die alles entscheidende Frage:
Werden wir in der Stunde des irdischen Abschieds Re-
chenschaft fr unser zurckliegendes Leben ablegen ms-
sen? Wird die Bestrafung fr schlimme Fehler und Unterlas-
sungen gerecht sein und wird dieses so genannte Fegefeuer
tatschlich im Kopf des Sterbenden stattfinden, so wie es die
europische Kollegin in ihrem Buch beschrieben hat?

Obwohl er noch nie zuvor darber nachgedacht hat, scheint
dem Professor die Aussage logisch, dass Tiere mit Sicherheit
im Tod keine Rechenschaft ber ihr Leben ablegen mssen.
Da diese keinen eigenen Willen besitzen, wird ihr Leben aus-
schlielich von den programmierten Instinkten und Verhal-
tensweisen bestimmt, denen sie keinen Verstand entgegen-
zusetzen haben. Tiere haben einen Instinkt, aber bestimmt
keine Seele oder Gewissen. Sie sind deshalb biologische Ro-
boter, die ihre Biosoftware im Gehirn streng ausfhren. Ihr
Todesablauf wird mangels Versten nur himmlisch schn
sein.
Wir Menschen jedoch, sinniert der Professor weiter, ha-
ben vom Schpfer ein Empfinden fr Gut und Bse in unse-
re Seelen einprogrammiert bekommen. Dort steht sozusagen
als innere Stimme, wie wir unser Leben gestalten sollen.
Und was wir aus unseren Mglichkeiten machen und wie wir
uns in bestimmten Situationen verhalten haben, das wird in
unserem Gewissen wie in einer Blackbox bis zum Lebensen-
de aufgezeichnet.
Und er fragt sich, ist das nicht eine eindeutige Kurskorrek-
tur der Schpfung, eine gewollte Abkehr vom Urprinzip des
Strkeren, nach dem grausamen Motto Fressen und Gefres-
47
senwerden? Selbstverstndlich, denkt er, ist mit dem trauri-
gen Momentanzustand der Menschheit fr die Evolution das
Endziel noch lange nicht erreicht.
Und mit einem Schlag kommen dem Professor erhebliche
Zweifel daran, ob das von den Religionsgemeinschaften so
viel gepriesene Paradies berhaupt am Anfang der Mensch-
heitsgeschichte gestanden haben kann. Denn man wei doch
inzwischen ganz genau, als sich der Mensch in der frhesten
Steinzeit allmhlich von der Tierwelt abgehoben hat,
herrschten barbarische Lebensregeln. Vielleicht aber, sin-
niert Professor Lebib weiter, haben unsere Vorfahren da-
mals einfach noch zu wenig Verstand und Intelligenz beses-
sen. Nur, sind wir modernen Menschen denn heute viel
weiter als diese Primitiven? Allzu viele Zeitgenossen scheint
es nicht zu geben, die das Talent und die Gre besitzen, ih-
ren Willen ber ihre Gier und Scheinheiligkeit zu stellen. Fr
die meisten Mitmenschen, denkt der Hirnforscher weiter, ist
das trgerische Gefhl, alles richtig zu machen und alles im
Griff zu haben, sowieso nur eine wohltuende Illusion, die ih-
nen von einer Deutungssoftware in der Hirnrinde vorgegau-
kelt wird. Es bleibt die Frage, ist das Paradies auf Erden
nicht der Anfang, sondern das Fernziel der evolutionren
Entwicklungsgeschichte menschlichen Lebens? Vieles
spricht dafr.
Daddy, entweder du schaust jetzt mit mir den Film weiter
an, oder ich gehe zu Bett, mit dieser drohenden Bemerkung
seiner Tochter Caroline gibt der Vater sich einen inneren
Ruck und stellt alle weiteren berlegungen zu diesem heik-
len Thema auf morgen oder bermorgen oder vielleicht fr
immer zurck.
48
In groen Atomverbnden herrscht
bereits eine chaotische Ordnung,
die der Statistik unterliegt.


Zweites Kapitel
Professor Dr. Lebib hat es an diesem sonnigen Aprilvormit-
tag besonders eilig, um rechtzeitig sein Institut an der bio-
wissenschaftlichen Fakultt zu erreichen. Alle vierzehn wis-
senschaftlichen Mitarbeiter sind auf seine Veranlassung hin
von der Sekretrin zu einer groen Kollegenbesprechung am
National Institute of Biotronics zusammengerufen worden.
Als leitender Direktor mchte er seinen Mitarbeiterstab heu-
te Morgen ber die bevorstehende Grndung einer neuen
Forschungsdisziplin ausfhrlich informieren und die damit
verbundenen, organisatorischen Aktivitten am NIB ge-
meinsam diskutieren.
Auf dem Flur kommt ihm schon von weitem das leise Ge-
murmel seiner Mitarbeiter entgegen. Beim Betreten des Be-
sprechungszimmers verstummen schlagartig alle Gerusche.
Als Chef dieses weit ber die Landesgrenzen hinaus bekann-
ten Instituts begrt er seine hoch qualifizierten Kollegen
und Mitarbeiter mit einem persnlichen Handschlag.
Nach einigen einleitenden Worten berichtet der Professor
und Direktor des NIB dann sehr ausfhrlich ber seine For-
schungsreise nach New York City und verteilt einige mitge-
brachten Tagungsprogramme an seine gespannten Mitarbei-
ter. Als er auf den Giftmord an einer Vortragenden zu
sprechen kommt, beginnen alle hastig zu blttern. Er bittet
seine Zuhrer um Ruhe, bevor er sie Schritt fr Schritt mit
den logischen Vergleichen und Erkenntnissen aus der Verf-
49
fentlichung seiner europischen Kollegin nher vertraut
macht.
Wie ich Ihnen bereits in unserer kurzen Besprechung vor
zwei Wochen mitgeteilt habe, handelte diese internationale
Tagung ber intelligente Maschinenwesen und das Spekt-
rum der Vortrge reichte von kleinsten Bewegungsrobotern
mit biologisch orientierter Programmierung bis hin zu neu-
ronalen Steueralgorithmen zur Qualittsverbesserung in der
Petrochemie und Stahlindustrie.
Gentlemen, auf dieser alle zwei Jahre stattfindenden Kon-
ferenz in New York City war die gesamte Weltspitze an Kon-
strukteuren, Ingenieuren und Informatikern vertreten. Ins-
besondere habe ich whrend der drei Konferenztage eine
europische Kollegin kennen gelernt, die mit Hilfe der tech-
nischen Kenntnisse ber Roboterwesen die weitaus kompli-
zierteren Ablufe in Lebewesen erklrt und damit die Vor-
stellungen von Krper und Geist, von Leben und Tod in
einem vollkommen neuen Licht darstellt.
Durch ihre logische und technische Sicht menschlicher
Existenz habe ich richtungsweisende Anregungen und Ideen
fr unsere weiteren Forschungsaktivitten im Bereich der
Biotronics mitgebracht.
Aus dem Augenwinkel heraus sieht er mit Genugtuung,
dass ihm seine Mitarbeiter frmlich an den Lippen hngen.
Ohne seine innere Zufriedenheit zu zeigen, fhrt er weiter
aus:
Diese junge Wissenschaftlerin vertritt nmlich die Auf-
fassung, dass das so genannte Ewige Leben zwischen dem
Ausfall der Herzttigkeit und dem Absterben der Hirnzellen
eines Lebewesens stattfindet. Die Betonung legte sie dabei
auf Lebewesen, das heit, ihre Aussagen betreffen Tiere ge-
nauso wie uns Menschen. Und genau dieser Aspekt, dear
Colleagues, hat mich damals neugierig gemacht.
Denn sptestens seit der Entschlsselung der menschli-
chen Gene wissen wir doch ganz genau, dass der biologische
50
Unterschied zwischen allen Lebewesen sehr gering ist, oder
andersherum ausgedrckt, dass der Mensch auch nur eine
von Abermillionen Varianten der Schpfungsvielfalt aus
Krperhardware und Lebenssoftware ist.
Und da die Evolution im Laufe der Jahrmillionen keine
Sprnge gemacht hat, muss uns Menschen logischerweise
nicht nur das Leben, sondern auch der Sterbensprozess von
den Tieren bertragen worden sein.
Im Besprechungszimmer des NIB herrscht absolute Ruhe
und eine greifbare Gespanntheit als der Professor tief Luft
holt und berichtet weiter:
Wie wir alle wissen, liegt zwischen dem klinischen Tod,
also dem Zusammenbruch der gesamten Blutversorgung bei
Herzstillstand sowie dem biologischen Tod, also dem Ab-
sterben der Gehirnzellen, eine Zeitspanne von ungefhr vier
Minuten oder zweihundertvierzig Sekunden.
Nach den Schlussfolgerungen der ermordeten, europi-
schen Kollegin kann in dieser fr irdische Mastbe sehr
kurzen Zeit unser vom Krper den Sinnesorganen und dem
Willen befreites biologisches Computergehirn allerdings un-
vorstellbare Datenmengen bewltigen.
Und sie folgert weiter, dass in dieser kurzen irdischen Zeit
fr einen Sterbenden die Unendlichkeit liegt, die mit einer
geistigen Wiedergeburt des komplett abgespeicherten Le-
bens in der Form einer gefhlsechten Computeranimation
beginnt und dann in die so genannte Ewigkeit bergeht.
Um die Grenordnungen des geistigen Softwaretimings
zu veranschaulichen, benutzt der Professor auch weiterhin
die Worte der europischen Wissenschaftlerin:
Setzt man fr den virtuellen Schnelldurchlauf der gesam-
ten Lebenserinnerungen den Bruchteil einer Sekunde an, so
empfindet der Sterbende die restliche Laufzeit in seinem
Gehirn als ewig. Nach diesen Ablufen ist das sterbende Le-
bewesen aber endgltig am Ende seines Daseins angelangt
51
und definitiv tot, egal in welcher Dimension man die Zeit
misst.
Der Betreffende ist hardwaremig defekt und seine Per-
snlichkeitssoftware im Grohirn ist fr immer gelscht.
Der Verstorbene existiert allenfalls noch als Information in
der Erinnerung seiner Hinterbliebenen, also noch lebender
Gehirne oder materiell ber seine Hinterlassenschaften.
Den folgenden Satz spricht er dann besonders langsam
und deutlich aus:
Die mit der Zeugung weitergegebenen Bioinformationen
der Eizelle und der Samenzelle, die jedes Lebewesen einma-
lig machen, seinen individuellen Aufbau organisieren und
das Gesamtsystem zusammenhalten, gehen beim Sterben fr
immer verloren, da die Krperhardware des Toten von Kopf
bis Fu wieder in ihre einzelnen Atome zerfllt. Das gilt fr
alle Menschen und alle Tiere, ja sogar fr Pflanzen gleicher-
maen.
Der Professor sprt, dass seine Zuhrer jetzt mehr wissen
wollen und beginnt hastig in seinen Unterlagen zu blttern,
um die Stelle zu finden, an der etwas mehr zu dem Lebens-
film gesagt wird. Als er die entsprechende Seite endlich auf-
geschlagen hat, zitiert er:
Das komplette Leben, so die Aussage der Kollegin, ist mit
all seinen guten und schlechten Erlebnissen und Taten ein-
zig und allein im Kopf eines jeden Menschen abgespeichert.
Eine Verarbeitung und Bewertung auf dem Weg zum Ewigen
Leben kann sich deshalb auch nur im Gehirn eines Sterben-
den abspielen. Man kann sich demnach den Todesanfang
wie einen Traum vorstellen, in dem zunchst das ganze Le-
ben Schritt fr Schritt nochmals als geistige Wiedergeburt
gefhlsmig durchlebt und verarbeitet wird.
Whrend dieses virtuellen Lebensfilms erscheinen
schreckliche und verletzende Erlebnisse mit einem gewissen
Abstand und Fehler beziehungsweise Verbrechen werden
52
schmerzlich und intensiv erfahren. Eine Art gefhlsmiger
Rollentausch mit dem Zwang zur Reue.
Mit der Antwort auf die sich automatisch aufdrngende
Folgefrage, was denn danach kommt, lsst der Professor sich
etwas Zeit, um die Spannung und Aufnahmebereitschaft sei-
ner Mitarbeiter zu erhhen. Schlielich liest er die entspre-
chende Stelle aus seiner bersetzung vor:
Nach den letzten Bildern seiner Lebensrckblende, die je
nach gelebtem Leben ein schner Traum oder mehr ein Alp-
traum sein knnen, taucht der Sterbende durch eine Tunnel-
rhre in das gleiende Licht und die angenehme Wrme der
Ewigkeit ein, begleitet von einem unendlichen, geistigen Or-
gasmus der glcklichsten Gefhle und Empfindungen sowie
einem nie gekannten Ausma an Ruhe und Geborgenheit.
Genau genommen die Gefhle und Emotionen, nach denen
jeder Mensch sein Leben lang vergeblich gesucht hat.
Ladies and Gentlemen, diese modernen Aussagen decken
sich widerspruchslos mit den gewachsenen Glaubensvorstel-
lungen der unterschiedlichen Vlker und Kulturen. Auf der
anderen Seite bringt diese kritische Analyse alle religisen
Vereinigungen, Gruppen, Institutionen und Organisationen
wieder auf den Boden der Tatsachen zurck, denn sie zer-
strt deren zurechtgezimmerte und frei erfundene Verbin-
dung ins Jenseits und entlarvt deren Prediger als scheinhei-
lige Lgner und Heuchler, als eiskalte Machtmenschen,
gierige Geschftemacher und skrupellose Schmarotzer. Und
aus dieser Tatsache heraus ist es keinesfalls verwunderlich,
dass diese tapfere, junge Kollegin schlielich das unschuldi-
ge Opfer einer fanatischen Verschwrung wurde.
Mit diesen Worten versucht der Professor die Gefhrlich-
keit solcher Frontalangriffe auf das mittelalterliche Gedan-
kengut selbst in unserer modernen Informations- und Wis-
sensgesellschaft aufzuzeigen. Er wirft einen ernsten Blick in
die akademische Runde und fhrt schlielich fort:
53
Dear Members, es wird uns eine groe Ehre sein, diese
gedanklichen Betrachtungen so weit als mglich durch Ex-
perimente am lebenden Menschen zu besttigen. Das sind
wir der toten Kollegin ebenso schuldig wie der gesamten
Menschheit. Denn auch und gerade in unseren aufgeklrten
Wohlstandslndern bereitet die Ungewissheit und Unwis-
senheit ber das eigene Lebensende und den Ablauf des To-
des jedem Menschen immer noch schreckliche Angst.
Dem Tod seinen Schrecken zu nehmen und dadurch die
denkenden Lebewesen endlich von dieser Jahrtausende al-
ten Geisel zu befreien, daran werden wir in den nchsten
Jahren hart arbeiten mssen. Und gestatten Sie mir bitte
zum Schluss noch den wichtigen Hinweis darauf, dass unse-
re Untersuchungen und Experimente zunchst vertraulich
durchgefhrt werden mssen, damit uns die Religionsfana-
tiker nicht schon im Vorfeld die Bude einrennen oder gar
einreien. Im Mittelalter htte man uns fr dieses bibel-
feindliche Vorhaben allesamt auf dem Scheiterhaufen ver-
brannt. I thank you for your attention.
Nach einer kleinen Pause fgt der Professor noch an:
Ladies and Gentlemen, Sie mssen mich nun entschuldi-
gen, denn ich bin mit dem Haushaltsausschuss unserer Uni-
versitt verabredet, um ber unsere rumlichen Erweite-
rungsplne fr das gerade besprochene Forschungsprojekt
zu verhandeln. Mein Stellvertreter und Kollege Dr. Snider
wird Ihnen gleich die ersten Etappen unseres zuknftigen
Forschungsplans etwas ausfhrlicher vorstellen und an-
schlieend Arbeitsgruppen bilden. Dieses Projekt wird
hausintern den Arbeitstitel BFTD 21 tragen, was als Abkr-
zung fr Back From The Death im einundzwanzigsten
Jahrhundert stehen soll.
Unter lautem Beifall seiner Mitarbeiter reicht Professor
Lebib das Mikrofon an seinen Stellvertreter und Freund wei-
ter. Bevor der Institutsdirektor das Besprechungszimmer
verlsst, flstert er diesem noch ins Ohr:
54
Du Fred, wir treffen uns spter auf einen Drink in mei-
nem Bro. Ich muss jetzt noch schnell meine Kinder zum
Flughafen bringen, denn es ist mal wieder ein Wochenende
bei meiner Frau in Las Vegas angesagt. Also, dann bis
gleich.
Dr. Snider nickt dem Freund und Kollegen verstndnisvoll
zu, ehe er mit seinen Ausfhrungen beginnt:
Wie unser Chef schon sagte, werden wir unser Hauptau-
genmerk in einem ersten groen Schritt auf die Frage lenken
mssen, welche Informationen lsen in unserem Gehirn den
Todesablauf aus, um dann daraus resultierend prfen und
entscheiden zu knnen, wie man diesen Sterbensprozess
knstlich herbeifhren und in seiner Tiefe gezielt steuern
und wieder rckgngig machen kann.
Wir werden die einzelnen Zwischenschritte bis hin zum
individuellen Todeserlebnis quasi mit Rckkehrgarantie
sehr sorgfltig untersuchen und dieses hochsensible For-
schungsprojekt, wegen seiner ethischen und moralischen
Dimensionen, ab sofort unter hchste Geheimhaltung nach
drauen stellen.
Der stellvertretende Institutsleiter, Dr. Snider, lsst ein
Formular umgehen, das die anwesenden Wissenschaftler
mit ihrem Namen, Datum und eigenhndiger Unterschrift
versehen mssen.
Darin verpflichtet sich jeder einzelne Mitarbeiter rechtlich
verbindlich, dass er keinerlei Informationen und Kenntnisse,
die mit diesem Forschungsprojekt zusammenhngen, an
Personen oder Institutionen auerhalb des NIB weitergeben
wird. Bei Zuwiderhandlung muss der Betreffende mit seiner
sofortigen Entlassung und einer empfindlich hohen Geld-
strafe rechnen.
Nachdem diese Formalitten geklrt sind, fhrt der Stell-
vertreter des Institutsdirektors mit seinen Erklrungen fort:
Dear Colleagues, Professor Lebib und ich haben ein Ar-
beitspapier erstellt, das wir auf einen Zeitraum von fnf Jah-
55
ren angelegt haben. In dieser Zeit wird es unseren Teams
hoffentlich gelingen, mit ihren Forschungsarbeiten endlich
przise Antworten auf die elementaren Fragen der aufge-
klrten Menschheit unseres dritten Jahrtausends zu geben.
Dann verteilt Dr. Snider an die ungeduldig miteinander
diskutierenden Mitarbeiter zahlreiche Kopien der bisher
vorliegenden Plne, die er in den letzten Tagen am Personal-
computer ausgearbeitet hat.
Als erster Meilenstein ist in diesem technical paper die
Entwicklung eines Medikaments aufgefhrt, das die Nerven-
enden vorbergehend elektrisch hochohmig macht und so
den Informationsfluss von den Sinnesorganen ber die Sy-
napsen zum Gehirn unterbindet.
Diese Flssigkeit soll je nach Dosierung bis zu einigen Mi-
nuten wirksam sein und dem Patienten in die Nervenenden
gespritzt werden. Nach den Vorgaben des Chiefs soll dieses
stimulierende Medikament den Namen Sensolon tragen.
Bei der Zusammensetzung der ersten Arbeitsgruppe, die
diese isolierende Nervenflssigkeit entwickeln und produ-
zieren soll, achtet Dr. Snider darauf, dass einer der beiden
jungen Assistenten mit eingebunden wird, um die
gewonnenen Erkenntnisse und das Know-how lngerfristig
an das NIB zu binden. Viele der hoch talentierten,
akademischen Mitarbeiter sitzen nmlich nur auf befristeten
Zeitvertrgen und werden sich aus diesem Grunde in den
nchsten ein, zwei Jahren nach neuen Jobs umsehen
mssen. In die zweite Arbeitsgruppe beruft Dr. Snider neben dem
anderen Institutsneuling auch einen erfahrenen Wissen-
schaftler aus der Allgemeinmedizin. Als Gruppenleiter soll
dieser mit seinem Team die Frage untersuchen, wie das
menschliche Gehirn den klinischen Tod erkennt und wie ei-
nem lebenden Wesen dieser Zustand vorgetuscht werden
kann.
Mit einer abschlieenden Bemerkung beendet der stellver-
tretende Institutsleiter die Besprechung:
56
Bitte, Ladies and Gentlemen, beginnen Sie zgig mit Ih-
rer Arbeit, denn bereits auf bernchste Woche hat der Pro-
fessor wieder eine Lagebesprechung anberaumt. Sollten zwi-
schenzeitlich Fragen oder Probleme auftreten, dann wissen
Sie ja, wo Sie mich finden. Ich danke Ihnen und wnsche
uns allen viel Erfolg.
Die meisten der Anwesenden verlassen mit nachdenkli-
chen Gesichtszgen das Besprechungszimmer, ist ihnen
doch zum ersten Mal klargeworden, dass die Gehirnsubstanz
nur eine neuronale, biologische Computerhardware ist, dass
aber deren Softwareprogramm und Informationsgehalt un-
sere Persnlichkeit und unser Lebens-Ich ausmacht.
Und es ist mit einem Mal, als ob sich fr die ehrgeizigen
Wissenschaftler neben der bekannten Realitt allmhlich ei-
ne unsichtbare Vision breit macht.
Ein junger Schwarzafrikaner bringt es gegenber seinem
asiatischen Kollegen auf den Punkt:
Ken, it is great. Ich habe es verstanden. Unser Krper be-
steht aus einem Verbund von zehn hoch siebenundzwanzig
Atomen, die wiederum ber die feste Software der Gene zu
vielen Abermilliarden Zellen, Zellverbnden und Organen
organisiert sind. Da aber biologische Hardware irgendwann
ihren Geist aufgibt, mssen wir Lebewesen altern und ster-
ben.
Unser geistiges Ich hingegen ist eine gespeicherte Infor-
mation, die nicht zwangslufig an eine bestimmte Krper-
hardware gebunden sein muss. Du kennst das doch aus der
Datenverarbeitung, dass Software unabhngig vom Daten-
trger ist.
Ob Lochkarten oder Magnetbnder, ob Floppydisks,
Compact Disketten oder Speicherchips, der Information und
Software ist das egal, sie ist austauschbar, beliebig oft ko-
pierbar und damit ewig haltbar. Na, alles klar, my friend?

57
Dr. Snider hat inzwischen das Mikrofon abgeschaltet und
eilt mit schnellen Schritten zum Operationssaal rmisch drei
des Instituts, wo er zu einem knstlichen Arm bereits von
seinem OP-Team erwartet wird.
Der Patient ist ein kleines Mdchen, das sich nichts sehn-
licher wnscht, als seine Mutter einmal fest in ihre Arme
nehmen zu knnen. Sie wird zwar noch viele Prothesen im
Laufe ihrer Entwicklung bekommen mssen, denkt Dr. Sni-
der, whrend er sich die Hnde desinfiziert, aber den opera-
tiven Eingriff hat sie nur einmal.
Die elektronischen Adapter einschlielich der Mikrosen-
der an den Nervenenden werden fr immer in ihrem Krper
bleiben und unermdlich ihren Dienst tun.

Am spten Nachmittag sitzen die beiden Freunde und Kolle-
gen endlich gemtlich im Direktorenzimmer des Instituts
fr Biotronics bei einer Tasse Kaffee und einem wohl tempe-
rierten Brandy zusammen. Beide haben die Beine auf den
Tisch gelegt und unterhalten sich angeregt ber die bevor-
stehenden Untersuchungen, Versuche und Testreihen. Und
sie verspren einen bermchtigen Tatendrang, endlich die-
se geheimnisvolle Tr ins virtuelle Jenseits fr die Mensch-
heit zu ffnen.
Ein Telefonanruf von auerhalb unterbricht abrupt die
angeregte Unterhaltung:
Hallo Kinder, seit ihr gut bei eurer Mutter angekommen?
Prima, dann macht euch ein paar schne Tage und kommt
mir nchste Woche wieder gesund und munter zurck. Gebt
mir aber vorher noch Bescheid, wann eure Maschine landet,
damit ich euch pnktlich am Flughafen abholen kann. Gru
an eure Mami und bye-bye, meine Lieben.
Sag mal Henry, nimmt Dr. Snider die Unterhaltung wie-
der auf, gibt es etwas Neues von deiner selbstherrlichen
Frau?
58
Professor Lebib wirkt noch ein wenig in Gedanken
versunken als er antwortet:
Wie mans nimmt, Fred. Ich habe von meinem groen
Sohn gehrt, dass sie im Krankenhaus war und vor zwei Wo-
chen entlassen wurde. Angeblich hatte sie wegen eines Abs-
zesses eine Operation am offenen Bauch. Muss wohl sehr
kritisch gewesen sein. Ich frage mich immer fter, wo soll
dieses ganze familire und menschliche Chaos und diese
schreckliche Ungewissheit uns alle nur noch hinfhren?
Der Freund ruspert sich und meint:
Weit du Henry, irgendwo kommt mir das alles wie ein
schlechter Film vor. Unsere Familien kennen sich ja nun
schon sehr lange und ihr seid fr uns immer ein Traum, eine
richtige Vorzeigefamilie, gewesen.
Es ist so traurig, wenn man mit ansehen muss, dass aus-
gerechnet euch das Schicksal vieler Ehen ereilt hat. Fr die
Kinder ist es allemal schlimm, wenn sich die Eltern trennen,
auch wenn das in aller Sachlichkeit erfolgt. Nur wenn die
Trennung, wie in deiner Situation, in einem Vernichtungs-
krieg endet, ist das fr alle Beteiligten die Hlle.
Der Professor und Freund nickt und nimmt einen krfti-
gen Schluck aus seinem Cognac-Schwenker:
Warten wir erst mal ab, was die Kids an Neuigkeiten von
ihrer Mutter mitbringen. Ich habe inzwischen gelernt, mit
unangenehmen berraschungen zu leben. Mich kann so
leicht nichts mehr umhauen. Im brigen halte ich mich
strikt an den pragmatischen berlebensgrundsatz:
Was ich absolut nicht beeinflussen kann, darf mich nicht
aufregen.
Mit einem gedanklichen Schwenk wechselt der Instituts-
Chief das leidige Thema um seine verkorkste Ehe:
Fred, mal was anderes, wir mssen unbedingt noch ber
eine Kleinigkeit sprechen, die ich heute morgen bei der Sit-
zung im Besprechungszimmer vergessen hatte. Mir ist nm-
lich wichtig, dass wir parallel zur Entwicklung von Sensolon
59
versuchen mssen, schnellstmglich geeignete Testpersonen
zu finden, denen wir diese isolierende Flssigkeit spritzen
knnen.
Ist bereits geschehen, Henry, beruhigt ihn der Freund
und fgt noch an:
Ich habe gestern am schwarzen Brett einen Aushang an-
gebracht, der Studenten auffordert, sich als Probanden zu
melden, gegen eine kleine Entschdigung versteht sich. Un-
serer Arbeitsgruppe habe ich aufgetragen, dass sie bei der
Entwicklung von Sensolon auf den pharmakologischen Er-
kenntnissen ber die lokale Ansthesie aufbauen soll. Denn
die rtliche Betubung von Krperstellen basiert ebenfalls
auf dem Effekt, die Schmerzreize einer Wunde nicht an das
Gehirn zu bermitteln.
Erst wenn alle wissenschaftlichen Daten vorliegen, kn-
nen wir die Effizienz der vorhandenen Prparate steigern,
deren Wirkungszeit verkrzen und besser beeinflussbar ma-
chen, sowie die unangenehmen Nachwirkungen mglichst
vermeiden.

Die ganze folgende Woche ber arbeitet Professor Lebib bis
in die spten Abendstunden an seinem Schreibtisch am In-
stitut of
Biotronics, um nicht alleine in dem groen Einfamilienhaus
sein zu mssen. Da Caroline die kinderfreie Woche bei ih-
rem Freund verbringt, bleibt als Gesprchspartner nur der
Hauskater fr ihn brig.
Ungeduldig und ein wenig nervs verlsst der Professor
am Freitag Vormittag sein Bro mit dem Hinweis an seine
Sekretrin:
Mrs. Johnson, ich muss kurz weg und meine Kinder vom
Flughafen abholen. Bin gegen zwei Uhr nachmittags sptes-
tens wieder zurck.
Es ist ein sehr heier Sommertag in Kalifornien. Er fhrt
mit dem Fahrstuhl nach unten und schwingt sich in seinen
60
bulligen Suburban mit dem berdimensionalen GMC-
Zeichen auf dem Khlergrill, schaltet die beiden Klimaanla-
gen an und fhrt Richtung Highway 101, der ihn dann direkt
zum L.A. International Airport bringt.
Beim Gedanken an seine Mannschaft berkommt den
Professor ein warmes Glcksgefhl, und er denkt voller Vor-
freude an die bernchste Woche, wo er fr seinen vierzehn-
tgigen Sommerurlaub ein feines Strandhaus fr neun Per-
sonen plus Haustier in der Nhe von San Diego gebucht hat.
Nachdem der Professor die Stadtautobahn in unmittelba-
rer Flughafennhe verlassen hat, ordnet er sich in die Spur
Arrival ein, die ihn zu den unteren Etagen der Terminals
fr die ankommenden Fluggste bringt. Er hat Glck und
findet sofort einen Kurzzeitparkplatz fr seinen knapp sechs
Meter langen Wagen. Nach wenigen Augenblicken steht er
bereits im groen Menschenpulk der anderen Abholer hinter
den Absperrstangen in der Ankunftshalle.
Der Anzeigetafel konnte man entnehmen, dass die Ma-
schine der Kinder schon gelandet war. Ungeduldig bewegt
sich der Professor von einem Bein auf das andere. Er hat
pltzlich so ein merkwrdiges Gefhl in der Magengegend.
Als die ersten Fluggste mit ihren Koffern dem Ausgang
zustreben erfasst den Professor eine innere Unruhe. Er stellt
sich auf die Zehenspitzen, um mglichst weit in die An-
kunftshalle blicken zu knnen. Weit und breit ist nichts von
seinen Kindern zu entdecken. Trotzdem wartet er noch ab,
bis das letzte Gepckstck vom rotierenden Kofferband ver-
schwunden ist, ehe er sich zum Informationsschalter auf-
macht.
Entschuldigen Sie, Madam. Knnen Sie mir bitte sagen,
ob auf dem TWA-Flug 0013 aus Las Vegas Kinder mit dem
Namen Lebib gebucht waren. Ich bin der Vater und kann
meine Kinder nirgendwo finden.
Einen Augenblick, Sir, ich werde mit meinem Computer
in der Passagierliste nachsehen.
61
Nach ein paar unendlichen Sekunden zuckt sie mit den
Schultern und sagt:
Sorry, tut mir sehr Leid, aber der Name Lebib erscheint
nicht ein einziges Mal auf der Bordliste. Sonderbar, denn das
Flugzeug war nicht berbucht; aber vielleicht kommen Ihre
Kinder mit der nchsten Maschine heute Abend.
Mit den freundlichen Worten:
Have a nice day, wendet sie sich bereits dem nchsten
Ratsuchenden zu.
Okay, Lady, many thanks for your help, murmelt der
Professor hinterher und verlsst den Informationsschalter.
Er steuert auf eine der gegenberliegenden Telefonzellen zu,
um sich Gewissheit ber den Verbleib seiner Kinder zu ver-
schaffen. Nachdem er seine Kreditkarte in den Schlitz des
Fernsprechers gesteckt und gewhlt hat, ist auch sofort seine
Frau an der Strippe. Diese lsst ihn erst gar nicht zu Wort
kommen und erffnet ihm ohne Umschweife:
Die Kinder bleiben jetzt bei mir, Henry. Ich habe sie be-
reits hier in Las Vegas an den entsprechenden Schulen an-
gemeldet. Du hast dich nicht richtig um sie gekmmert und
sie verwahrlosen lassen. Und damit ist jetzt Schluss.
Ohne eine Antwort zu geben, legt der Professor auf. Er
wei aus den vielen Gesprchen in der Vergangenheit, dass
eine Diskussion mit dieser Frau reine Zeitverschwendung
ist, da sie immer ihren Willen durchsetzt, und zwar ohne jeg-
liche Rcksichtnahme auf ihre Mitmenschen. Ganz im Ge-
genteil, sie agiert mit allen Mitteln und ohne jeglichen Sinn
und Verstand.
Nach diesem Kurztelefonat bewegt sich der kinderlose Va-
ter mde zu einer der vielen Snackbars im Ankunftsbereich
des Flughafens, um sich in aller Ruhe ein khles Glas Cam-
pari-Orange zu genehmigen und ber alles nachzudenken:
Dann hat meine Frau ihre Drohung jetzt tatschlich wahr-
gemacht und mir die Kinder entzogen. Was kann ich nur da-
gegen unternehmen? Ich liebe meine Kinder ber alles und
62
das wei sie ganz genau. Es ist nun schon knapp vier Jahre
her, dass sie uns ber Nacht verlassen und im Stich gelassen
hat. In dieser langen Zeit waren Caroline und ich alleine fr
die kleineren Kinder verantwortlich. Wir mussten, nein, wir
durften sie ernhren, pflegen, kleiden, einschulen, erziehen,
trsten und drcken.
Den ersten, nahe liegenden Gedanken, nmlich die Kinder
wieder mit Gewalt zurckzuholen, verwirft er ganz schnell,
denn dieses Gezerre wrde die kleinen Seelen zerreien.
Und er murmelt vor sich hin:
Hoffentlich werden mich meine Kleinen nicht so schnell
vergessen. Es kann dauern, wenn ich gerichtlich vorgehe;
denn die Mhlen der Justiz mahlen bekanntlich langsam.
Auf dem Rckweg trstet er sich mit dem Gedanken, dass
kein Richter der Welt diese wahnsinnige Kette rcksichtslo-
ser Aktionen gegen ihn und die Kinder legalisieren kann.
Und er nimmt sich felsenfest vor, gleich Morgen anwaltliche
Beratung in Anspruch zu nehmen.
Am Institut angekommen, ruft er seine Tochter Caroline
bei deren Freund an, um sie ber die traurige Entwicklung
zu informieren. Er schildert mit wenigen Stzen seine Erleb-
nisse am Flughafen:
Nun, mein Liebling, sind wir erst mal mit unserem Haus-
kater ganz alleine in dem groen Haus. Da du wegen deiner
Ausbildung bernchste Woche keine Zeit hast, werde ich
wohl oder bel den Sommerurlaub am Strand alleine mit
unserem Stubentiger verbringen mssen.
Diese Vorstellung lst ein befreiendes Lachen bei seiner
groen Tochter aus. Und ernst fgt er noch an:
Aber Spa beiseite, Caroline, ich, beziehungsweise wir
beide, werden fest zusammenstehen und so lange kmpfen,
bis die Kinder wieder bei uns sind. Daran mssen wir fest
glauben. Nur machen wir uns darauf gefasst, dass deine
Mutter als Nchstes das Haus beanspruchen und gewaltige
Unterhaltsforderungen stellen wird. Diese Drohungen hat
63
sie in ihrem krankhaften Wahn ja oft genug schon ausgesto-
en.
Der Hass deiner Mutter auf mich wird erst dann zur Neige
gehen, wenn sie mir alles genommen hat. Und genau das gilt
es zu verhindern.
Bye-bye, mein Schatz. Gru an deinen Freund und vergiss
unseren Spielabend am kommenden Freitag nicht.
Ein leises Piepen am anderen Ende der Leitung zeigt an,
dass der Akku des schnurlosen Telefons aufgeladen werden
muss.
Wir freuen uns schon, Dad. Ich werde versuchen etwas
eher da zu sein, um dir deine Wsche zu waschen und zu b-
geln. Mache es gut und lass dich nicht unterkriegen. Du
kannst dich immer auf mich verlassen, denn ich liebe dich
von ganzem Herzen und halte fest zu dir.

Der Professor vermisst das Treiben seiner Rasselbande am
nchsten Morgen und den vielen folgenden Tagen sehr. Al-
leine zu frhstcken ist eine Lebenserfahrung, auf die er
gerne noch zwanzig, dreiig Jahre verzichtet htte. Aller-
dings fllt ihm mehr und mehr auf, dass er pltzlich alle Zeit
der Welt hat. Er denkt an die alltgliche Hektik, bis das letz-
te Kind das Haus in Richtung Schule verlassen hatte. Sind
die richtigen Bcher und Hefte, der Malkasten, der Zeichen-
block, die Entschuldigung, das Geld fr die Klassenkasse,
der unterschriebene Besttigungsabschnitt fr irgendeine
Schulfeier oder einen Elternabend und die Schulbrote ein-
gepackt?
Und immer wieder der gehetzte Blick auf die Zeiger der
allgegenwrtigen Uhren. Oft blieben ihm nur noch wenige
Minuten bis zum Vorlesungsbeginn, wenn er abgekmpft
das Haus auf seinem Rennrad verlie. Heute bleibt ihm so-
gar noch ausreichend Zeit, den dickbuchigen Kater so rich-
tig durchzukneten, bevor er sich entspannt auf den Sattel
64
seines Drahtesels schwingt und mit einem Liedchen auf den
Lippen den warmen Frhlingsmorgen geniet.

Der Hrsaal ist wie immer gut gefllt. Als verantwortlicher
Direktor kann Professor Lebib seit vielen Jahren mit groer
Genugtuung in den Rechenschaftsberichten des Instituts fr
den Rektoratsbericht vermerken, dass die Erstsemesterzah-
len der enrolled
students stetig steigen. Das liegt in erster Linie daran, dass
sich die Studienrichtung Biotronics hautnah an den aktuel-
len Bedrfnissen des Marktes orientiert und dadurch allen
Fachabsolventen exzellente Berufsaussichten erffnet, aber
es liegt auch daran, dass dieses zukunftstrchtige Fachgebiet
glcklicherweise das Interesse vieler junger Menschen im
ganzen Land trifft.
Nachdem der Professor seinen Laptop mit dem Beamer
des Hrsaals verkabelt hat, verstummen allmhlich die Ein-
zelgesprche unter der Studentenschaft. Whrend einer
freundlichen Begrung und einer kurzen Zusammenfas-
sung des bisher behandelten Vorlesungsstoffs whlt der Pro-
fessor eine Graphik auf seinem Laptop an, die den prinzi-
piellen Aufbau einer Krperzelle als buntes Bild in
bergre an der Hrsaalwand erscheinen lsst.
Bei seinen anschlieenden Erluterungen fhrt er die Zu-
hrer mit Hilfe seines roten Laserpointers durch die dreidi-
mensionale Struktur einer wabenfrmigen Standardzelle an
der Leinwand des abgedunkelten Hrsaals.
Dear Students, wie Sie wissen, sind Zellen biologische
Grundbausteine, aus denen sich die Hardware der Lebewe-
sen und Pflanzen zusammensetzt. Im einfachsten Falle kn-
nen das Einzeller sein oder aber Organe und Krper, die aus
Millionen und Milliarden Einzelzellen aufgebaut sind.
Wie Sie auf der 3D-Graphik sehr deutlich sehen knnen,
grenzen sich Zellen gegenseitig durch eine Zellmembran ab,
deren Beschaffenheit je nach Einsatzort der Zelle sehr unter-
65
schiedlich sein kann. Bei Organzellen ist die Hlle zum Bei-
spiel weich und elastisch, wohingegen Hautzellen sehr hart
und widerstandsfhig sind.
Die Hllen der Zellen sind durch feine Rhrchen mit den
Nachbarzellen verbunden, ber welche die Zellen Informati-
onen in Form von Makromoleklen, so genannte Botenstof-
fe, untereinander austauschen knnen. Das Innere der Zell-
haut ist mit einem gallertartigen Cytoplasma aufgefllt, in
dem als aufflligstes Bestandteil der kugelfrmige Zellkern
frei schwimmt.
Auch der Zellkern selbst ist von einer dnnen Hlle um-
geben, die ebenfalls ber Kernporen biologische Informatio-
nen in Form von Makromoleklen mit dem Cytoplasma aus-
tauschen kann. Den weitaus grten Anteil der
Makromolekle im Cytoplasma bilden die Proteine, die als
Informationstrger dienen und beim Aufbau von komplexen
Zellstrukturen und deren Anpassung an sich ndernde Um-
gebungsbedingungen eine magebende Rolle spielen.
Nach einer kurzen Atempause fhrt er fort:
Die wichtigste Aufgabe einer Zelle, Ladies and Gentle-
men, kommt dem Zellkern zu, da dieser als Schaltzentrale
die Eigenschaften der Zelle und das Zusammenwirken im
Zellverbund steuert. Der genaue Verwendungszweck, die
Funktionsmerkmale sowie der Einsatzort der betreffenden
Zelle einschlielich ihrer Oberflchenbeschaffenheit sind in
den Genen als DNA-Sequenzen fest programmiert, wobei die
Gene selbst auf den Chromosomenstzen im Zellkern abge-
legt sind. Man kann sich zum Beispiel einen menschlichen
Zellkern und dessen Chromosomenpaar wie ein Hhnerei
mit zwei Dottern vorstellen. Doch dazu spter etwas mehr.
Ein dunkelhutiger Student in einer der mittleren Reihen
hebt den Finger und stellt nach einer auffordernden Kopf-
bewegung des Professors seine Frage:
66
Wie knnte man sich diese aufwndige Programmierung
einer biologischen Zelle mit den Bildern der Mikrocompu-
tertechnik plausibel machen?
Der Professor ruspert sich ein wenig, ehe er antwortet:
Im Prinzip dadurch, dass man diese hardwaremige
Urprogrammierung durch unterschiedlich codierte Genstrei-
fen in den Zellkernen mit der Festprogrammierung im ROM
eines Mikrochips vergleicht, die eine gewisse Grundfunktion
des elektronischen Bausteins festlegt und auf die dessen
Anwendungssoftware zurckgreift. Interessant und auer-
gewhnlich bei Zellen ist jedoch, dass sich die Geninforma-
tionen des Zellkerns ber Botenstoffe, so genannte Proteine,
umprogrammieren lassen. Diese anwendungsbezogene Pro-
grammierbarkeit der Zellen macht die Evolution berhaupt
erst mglich und gibt der Natur unbegrenzte Eingriffsmg-
lichkeiten in die Gestaltung von Lebewesen und Pflanzen.
Und weiter:
Gravierende Anpassungen des Erbgutes, dear Students,
finden allerdings eher langsam statt. Fr die Entwicklung
neuer Lebewesen und Lebensformen bentigt die Natur
sehr, sehr viel Zeit. Zeitspannen von Jahrtausenden und
Jahrmillionen sind von Anbeginn der Zeitmastab fr die
Evolution gewesen. Gemessen an der Lebenserwartung eines
Menschen dauern solche Vorgnge natrlich unendlich lan-
ge.
Der Professor blickt zu dem Fragesteller, der durch Ni-
cken anzeigt, dass er mit der Antwort zufrieden gestellt ist.
Mit einem Zoombefehl steuert der Vortragende die Gra-
phiksoftware jetzt auf den gelb markierten Zellkern zu, bis
dieser die gesamte Leinwand ausfllt und seinen inneren
Aufbau preisgibt. Alle Anwesenden verfolgen aufmerksam
die erklrenden Worte des Dozenten:
Diese Grafik, Ladies and Gentlemen, zeigt die Chromo-
somen eines menschlichen Zellkerns in bunter Darstellung.
Sehr deutlich knnen Sie erkennen, dass die insgesamt
67
sechsundvierzig Chromosomenfden des Menschen paar-
weise auftreten und zwar jeweils ein Satz von der Mutter und
ein Satz vom Vater. Dies gilt im brigen auch bei tierischen
Zellen.
Das heit bei einer menschlichen Krperzelle stammen
von jedem Elternteil jeweils dreiundzwanzig Chromosomen.
Auf den Chromosomenfden wiederum liegen die gesamten
Erbinformationen eines Lebewesens in Form von Genen, die
von den Eltern an die Nachkommen komplett weitergeben
werden.
Ladies and Gentlemen, aus dieser elementaren Tatsache
heraus ist es bereits ersichtlich, dass jeder von uns zu einem
hohen Prozentsatz das Aussehen, die Veranlagungen und die
Eigenschaften seiner Erzeuger sowie deren Vorfahren in sich
trgt.
Diese schlssige Aussage stt auf allgemeines Kopfni-
cken unter den Zuhrern, was der Professor mit einer gewis-
sen Genugtuung zur Kenntnis nimmt. Bevor er seine Vorle-
sung fortsetzt, beamt er eine neue Graphik an die Wand, die
den Aufbau der Gene etwas deutlicher zeigt.
Mit seinem Lichtgriffel zeigt er auf eine spiralfrmige Li-
nie und erlutert:
Die Gene enthalten smtliche Erbanlagen des betreffen-
den Lebewesens. Sie stellen eine Art Festprogramm dar, wo-
bei die Codierung und die Bioinformation in Form von un-
terschiedlichen DNA-Streifen dicht gepackt auf einer Spirale
angeordnet sind. Mit Hilfe der DNA-Suren lassen sich so
Milliarden unterschiedlicher Befehle in den Zellen quasi als
Strichcode darstellen. Dabei hat die Natur diese extrem lan-
ge Kette an Organisationsbefehlen wiederum in Sequenzen
unterteilt, in die sie bestimmte Merkmale der Zellen und der
Organe programmiert hat. Zum Beispiel, ob es sich um eine
Augenzelle handelt, ob die Augenfarbe blau ist und die An-
zahl der Augen zwei oder mehr sein soll, und so weiter.
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Der Professor legt seinen Laserpointer zur Seite und
schaltet seinen Laptop ab. Mit einer Fernbedienung stellt er
die Saalbeleuchtung etwas heller. Nachdem sich die meisten
der Zuhrer in eine neue Sitzposition gebracht haben, fhrt
der Professor in seiner Vorlesung fort:
Mit diesem strukturellen Aufbau und Zusammenhalt bio-
logischer Hardware mchte ich dieses Teilgebiet frs Erste
abschlieen. Wir werden gelegentlich immer wieder darauf
zurckkommen, da wir uns in den folgenden Vorlesungs-
stunden mehr mit dem interaktiven Zusammenspiel der -
bergeordneten Hirnsoftware und den fest programmierten
Organen beschftigen werden.
Sollten Sie mehr ber die zurzeit sehr aktuellen und inten-
siven Forschungsarbeiten und Erkenntnisse der Gentechnik
wissen wollen, so mchte ich Sie auf die speziellen Vorlesun-
gen meines Kollegen vom Genom-Institut hinweisen.
Exakt mit dem Klingelzeichen der Hrsaaluhr beendet
Professor Lebib seine Vorlesung und verabschiedet sich mit
dem Hinweis auf einen Aushang am schwarzen Brett des In-
stituts.

Auf dem Weg zu seinem Bro begegnet Professor Lebib am
nchsten Morgen seinem Kollegen Dr. Snider, den er freund-
lich mit den Worten begrt:
Hallo Fred, wie wre es mit einer flotten Tasse Kaffee
und einem kurzen Plausch in meinem Bro?
Henry, tut mir Leid, aber ich werde dringend im OP er-
wartet. Vielleicht etwas spter, so in einer Stunde?
Ist okay, Fred. Ich muss ja auch gleich weg, um mich an-
waltlich beraten zu lassen. Mein Termin ist Downtown in ei-
ner halben Stunde.
Wie, anwaltlich beraten lassen? Mchtest du deine
Scheidung jetzt doch einreichen?
Nein Fred, viel schlimmer. Meine Kinder sind komplett
nicht zurckgekommen und werden von ihrer Mutter in Las
69
Vegas festgehalten. Ich muss einen Weg finden, sie
schnellstmglich und legal wieder zu mir zurckzuholen. Die
ganze Geschichte erzhle ich dir spter, wenn ich wieder am
Institut bin. Bis dann.

Die Anwltin, die sich der Professor aus den Yellow Pages
des Telefonbuches ausgesucht hatte, wohnt nur wenige Hu-
serblocks weiter, was er bequem mit dem Fahrrad erledigen
kann. Die Anwaltskanzlei liegt im sechsten Stockwerk eines
supermodernen Geschftshauses.
Eine brnette Sekretrin am ovalfrmigen Tresen der ge-
rumigen Empfangshalle bringt ihn, nachdem er sich vorge-
stellt hat, in eines der Besprechungszimmer und bietet ihm
eine Tasse Kaffe an. Dankend lehnt der Professor ab und
macht es sich stattdessen in einem der schwarzen Lederses-
sel bequem.
Kurz darauf hrt er dezente, weibliche Schritte, die sich
der verschlossenen Tr nhern und mit einem leichten
Schwung betritt eine attraktive Frau Mitte bis Ende vierzig
das gerumige Zimmer.
Nach einem kurzen Smalltalk mit der Anwltin schildert
Professor Lebib ausfhrlich seine Ehesituation mit all den
Streitigkeiten, dem berraschenden Auszug und den stndi-
gen Drohungen, den Einbrchen und den Diebsthlen, der
Tablettensucht und dem Vernichtungswahn sowie den neu-
esten Entwicklungsstand mit den Kindern.
Wissen Sie, ich liebe meine Kinder ber alles und mchte
sie gerne wieder um mich herum haben. Sie sind mein Leben
und ohne ihr Lachen und Streiten, ohne ihre physische Ge-
genwart komme ich mir daheim wie in einem Geisterhaus
vor. Allerdings muss das Zurckkommen schnell geschehen,
denn wie ich meine Frau nur zu gut kenne, bekommen unse-
re Kinder eine intensive Gehirnwsche. Diese Frau wird in
ihrem Wahn nicht eher ruhen, bis die Kinder im Schlaf auf-
70
sagen knnen, dass sie bei ihr bleiben wollen. Meine Kleinen
tun mir ja so Leid. Was kann ich im Augenblick nur tun?
Well, Professor Doktor Lebib, da sie beide das gemein-
same Sorgerecht ausben und darber hinaus keine Gefahr
einer Kindesentziehung, zum Beispiel ins Ausland, besteht,
sind Ihnen erst mal die Hnde gebunden. Und ich muss Ih-
nen leider sagen, dass gerichtliche Schritte in Familienange-
legenheiten lange dauern knnen und im Ergebnis vllig of-
fen sind. Nicht umsonst sagt man ja, fragen Sie drei Richter
und Sie bekommen fnf Antworten. Doch Spa beiseite, wir
mssen sofort einen Antrag hoher Dringlichkeit beim Fami-
liengericht fr das Aufenthaltsbestimmungsrecht der Kinder
stellen und zweitens versuchen, ber eine einstweilige Ver-
fgung die Kinder schon vor der Verhandlung zu Ihnen zu-
rckzuholen.
Der Professor macht eine nachdenkliche Mine, als er
fragt:
Wie gro sehen Sie denn meine Chancen, dass ich die
Kinder zurckbekomme oder wenigstens bald wiedersehen
darf? Ich bin bereit, alles Menschenmgliche zu tun und je-
des erdenkliche Opfer zu bringen, damit meine Kinder end-
lich wieder bei mir sein knnen.
Die erfahrene Anwltin zgert etwas, bevor sie dem resig-
niert und traurig dreinblickenden Vater antwortet:
Um ehrlich zu sein, Herr Professor, sehen die Chancen
fr Vter in der Regel eher schlecht aus, was allerdings nicht
heit, dass Vter gar keine Rechte htten. Die Richter gehen
aus ihrer tglichen Erfahrung im Gerichtssaal davon aus,
dass eine Mutter sich intensiver um die Kinder kmmert als
ein Vater. Das hat auch damit zu tun, dass in den allermeis-
ten Fllen der Vater die Familie verlsst und sich einen
Dreck um deren Unterhalt und Wohlergehen kmmert. Dies
gilt um so mehr in kinderreichen Familien wie der ihren.
71
Die Anwltin erkundigt sich zwischendurch, ob die Emp-
fangsdame Professor Lebib etwas zu trinken angeboten ha-
be, ehe sie fortfhrt:
Wenn wir auerdem noch das Pech haben, an einen lte-
ren Richter zu geraten, der schon seinen Vorruhestand im
Auge hat, kann es gut mglich sein, dass bei der Urteilsfin-
dung ihre Gesamtsituation nicht ausreichend bercksichtig
wird. Allerdings besteht in einem solchen Falle immer noch
die Mglichkeit fr uns, in die Berufung zu gehen.
Aus den Augenwinkeln heraus stellt sie fest, dass ihr Ge-
genber von diesen Aussichten nicht besonders begeistert zu
sein scheint und meint deshalb beruhigend:
Damit ich gleich im Anschluss an unsere Unterhaltung
die ntigen Schritte in die Wege leiten kann, mchte ich Sie,
Herr Professor Lebib, bitten, mir noch einen Mandatsauf-
trag schriftlich zu erteilen. Ich werde Sie dann ber alle er-
forderlichen Schriftstze auf dem Laufenden halten. Natr-
lich wird die Gegenseite durch das Gericht ber unseren
Antrag informiert werden und reagieren. Wir sollten uns un-
ter Umstnden in den nchsten Tagen noch einmal zur Fein-
abstimmung unserer Vorgehensweise zusammensetzen.
Sie erhebt sich, um ein entsprechendes Formular aus ei-
nem der vielen Regale zu holen und es ihrem Mandanten zur
Unterschrift vorzulegen. Professor Lebib liest sich das Blatt
aufmerksam durch und zeichnet es schlielich mit den trau-
rigen Worten ab.
Ich htte mir nie in meinem Leben trumen lassen, dass
ich jemals in eine solche Situation kommen knnte. Es ist
schon furchtbar, von seinem Ehepartner verlassen zu wer-
den, aber dann auch noch alle seine Kinder zu verlieren, ist
die Hlle auf Erden. Wenn ich nur daran denke, dass ich die-
sen Sommer alleine in Urlaub fahren muss, knnte ich ver-
zweifeln.
72
Trotz dieser wenig erfreulichen und dsteren Aussichten
danke ich Ihnen vielmals und stehe natrlich fr Rckfragen
jederzeit zu Ihrer Verfgung. Bye-bye, Mrs. Lawyer.

In Gedanken versunken schwingt sich der Professor auf sein
silbergraues Rennrad und fhrt zurck zu seinem Institut.
Als er sein gerumiges Bro betritt, sitzt sein Freund Dr.
Snider bereits auf der Besuchercouch und geniet eine wohl-
riechende Tasse Kaffee und einen schottischen Whisky.
Hallo Henry, ich war so frei und habe es mir ein wenig
gemtlich gemacht. Du siehst ja nicht gerade optimistisch
aus. War die Auskunft deines Anwalts nicht ermutigend?
Es war eine Anwltin, Fred. Aber du hast Recht, die
Chancen, meine Kinder wieder zurckzuholen, sind nicht die
besten. Wir leben in einem Land, in dem die Kinder von den
Mttern grogezogen werden. Vter sind zwar die Haupter-
nhrer der Familien, aber im Falle einer Trennung macht
man aus ihnen gerne einsame Melkkhe.
Siehst du jetzt nicht ein bisschen zu schwarz, Henry?
Mag sein, Fred, aber die Zeit arbeitet gegen mich. Denn,
bis es in einigen Monaten zu einer Gerichtsverhandlung
kommt, sind meine Kinder von ihrer Mutter umprogram-
miert. Und das vom Gericht angeforderte Gutachten des zu-
stndigen Jugendamtes kann ich mir ganz genau vorstellen.
Weit du, Fred, unsere Gesetze und Richter gehen generell
von lieben Mttern und bsen Vtern aus. Ich glaube, darin
liegt das Problem.
Ein leises Klopfen an der massiven Eichentr unterbricht
die Unterhaltung und im Trrahmen erscheint die Sekret-
rin des Professors, Mrs. Johnson, mit einem Kaffeetablett in
der einen Hand und einem Bndel Briefe in der anderen. Sie
giet den beiden Wissenschaftlern Kaffee ein und legt die
Briefe mit der Bemerkung auf den Schreibtisch ihres Profes-
sors:
73
Chief, Ihre Frau hat whrend Ihrer Abwesenheit angeru-
fen. Soweit ich ihren Wortschwall verstanden habe, geht es
wohl um ein Wertgutachten fr Ihr Haus.
Danke, Mrs. Johnson, ich werde spter zurckrufen,
antwortet der Professor, wobei er genau wei, dass das nicht
ntig sein wird. Denn es ist mal wieder Vollmond und in die-
sen Tagen spielt seine Nochehefrau schon seit vielen Jahren
besonders verrckt.
Was ich dich noch fragen wollte, Fred. Wie weit ist denn
die Entwicklung unserer Isolierflssigkeit Sensolon voran-
gekommen?, will der Professor jetzt von seinem Freund
wissen.
Well, Henry, das sieht sehr gut aus. Wir sind so weit, dass
wir in Krze erste Experimente an Probanden durchfhren
knnen. Auch haben sich bereits einige Testpersonen auf
meinen Aushang am schwarzen Brett hin gemeldet. Mch-
test du gerne selbst dabei sein?
Of course, Fred. Ich mchte von Anfang an bei jedem
Entwicklungsschritt dabei sein. Da ich ja momentan die Kit-
telschrze zu Hause nicht mehr anziehen muss, habe ich den
Kopf freier und kann mich gedanklich sehr intensiv mit un-
serem Forschungsprojekt BFTD 21 beschftigen. Ich bin der
Meinung, wir sollten die Wirkung der Flssigkeit erst an den
Extremitten testen und ganz gezielt Arme, Beine, Hnde
oder einzelne Finger fr definierte Zeitabschnitte absolut ge-
fhllos machen.
Im nchsten Schritt versuchen wir dann punktgenau die
Hrnerven und Sehnerven fr wenige Sekunden abzuschal-
ten. Bin gespannt, welch ein Gefhl das ist, pltzlich blind
oder taub zu sein. Wichtig dabei ist, dass wir ber die Dosis
die Wirkungsdauer exakt beeinflussen knnen. Ich denke da
an eine zeitliche Auflsung von circa einer Sekunde?
Nach den bisherigen Forschungsergebnissen scheint das
durchaus machbar zu sein, entgegnet Dr. Snider und legt
seine Sicht des weiteren Vorgehens dar.
74
Wenn wir tatschlich einen Menschen fr kurze Zeit ins
Jenseits schicken wollen, dann drfen wir nicht nur die Sin-
nesorgane und deren Steuermechanismen abschalten, son-
dern mssen auf jeden Fall garantieren, dass die vegetativen
Biosysteme weiterlaufen, ohne dass das Gehirn daran betei-
ligt ist. Das wird insbesondere bei der Ansteuerung des
Herzmuskels problematisch werden, Henry.
Der Professor scheint angestrengt nachzudenken und es
dauert eine Reihe von Augenblicken, ehe er dem Freund und
Kollegen antwortet.
Du hast mit deiner Vermutung schon Recht, Fred. Es
wird vielleicht nicht funktionieren, wenn wir nur das R-
ckenmark mittels Sensolon am Ausgang des Nachhirns fr
ankommende und abgehende Informationen undurchlssig
machen. Aber bedenke, dass wir das Blockieren des Infor-
mationsaustausches zwischen Gehirn und Krper ja beliebig
kurz durchfhren knnen.
Und ein Totalsausfall der Steuerbefehle von ein, zwei Se-
kunden wird den Krperorganen bestimmt nicht schaden.
Viel mehr sehe ich ein Problem darin, dass das Gehirn ber
eine intakte Blutzufuhr unseren Trick durchschaut und zum
Beispiel ber den Blutdruck erkennt, dass der Krper noch
lange nicht klinisch tot ist.
Nach einem kurzen Nippen an seiner Kaffeetasse antwor-
tet Dr. Snider wie aus der Pistole geschossen:
Well, wenn es mehr nicht ist, Henry, dann klemmen wir
eben die Halsschlagadern kurzzeitig ab, damit der Blutdruck
im Kopf drastisch abnimmt und tuschen damit dem Gehirn
einen virtuellen Herzstillstand vor.
An eine hnlich Manahme hatte der Professor vor kur-
zem auch schon gedacht und hrt weiterhin seinem Freund
interessiert zu.
Du siehst, Henry, wir mssen die Sache mglichst schnell
angehen, damit wir uns langsam, aber stetig zum knstli-
chen Nahtoderlebnis mit Rckkehrgarantie vorarbeiten
75
knnen. Ohne das Feedback und die Informationen der Pro-
banden kommen wir erst mal nicht weiter.
Der Professor nickt zustimmend und weil in demselben
Augenblick das Telefon auf dem Schreibtisch klingelt, tren-
nen sich die beiden Freunde mit einem herzlichen Hand-
schlag.
Hier spricht Professor Lebib. Hallo, wer ist denn da? Ach
du bist es, mein ser Spatz. Das ist aber nett, dass du dei-
nen einsamen Vater anrufst.
Am anderen Ende der Leitung ist eine seiner greren
Tchter in Las Vegas, die ziemlich kurzsilbrig und verstrt
dem Vater mitteilt, dass sie und die anderen Geschwister
nicht mehr zu ihm nach Hause kommen wollen. Der Profes-
sor ist nicht sonderlich berrascht, denn er sprt ganz deut-
lich die Gehemmtheit und Unsicherheit seiner Tochter, was
sich nur durch die Nhe seiner eiskalten Frau am Telefonh-
rer erklren lsst.
Ist schon gut, mein Kind. Wir bereden das ein andermal.
Habt ihr mein Pckchen mit den Kinderzeitschriften und
den Sigkeiten letzte Woche bekommen? Ja, dann schicke
ich euch in Zukunft regelmig eine kleine Aufmerksamkeit.
Mach dir bitte keine Sorgen und sage den anderen, dass wir
uns bald wiedersehen werden. Ich liebe dich und ich denke
jeden Tag an euch Rasselbande.
Um sein Kind nicht unntig zu belasten und noch lnger
diesem inneren Druck auszusetzen, beendet er schweren
Herzens das Gesprch mit ein paar flotten Sprchen und
Nettigkeiten.
Nachdem die Verbindung unterbrochen und im Hrer nur
noch der dumpfe Dauerton der Telefongesellschaft zu hren
ist, lehnt sich Professor Lebib in seinem schwarzen Schreib-
tischsessel seufzend zurck. Er beginnt nachzudenken und
zu grbeln.
Jetzt sind die Kinder erst wenige Tage weg von hier und
schon hat es ihre Mutter geschafft, sie mir total zu entfrem-
76
den. Wie macht diese Frau das blo, dass sich alle Menschen
in ihrer Umgebung bedingungslos unterordnen und sich
nach ihren Befehlen richten. So viel Macht ber andere
Menschen zu besitzen und auszuben, kann einem richtig
Angst machen. Das hat schon was mit Sektenfhrerqualit-
ten zu tun.
Meine armen Kinder mssen sich wie kleine Sklaven vor-
kommen. Was hatten wir doch fr ein tolles und legeres Le-
ben hier in L.A. Ich wollte nie Macht ber die Kids ausben,
sondern immer nur der gute Freund meiner Kinder sein.
Natrlich waren ihre Manieren und schulischen Leistun-
gen nicht unbedingt so perfekt und hervorragend, wie sich
das ihre Mutter vorgestellt hat. Aber die Lehrer uerten
sich immer zufrieden und von allen Seiten wurde mir best-
tigt, wie anstndig und gut erzogen die Kinder seien. Das
wird sich jetzt unter ihrem Drill bestimmt deutlich verbes-
sern, da bin ich mir ganz sicher.
Mit gemischten Gefhlen denkt der Professor bei diesen
Vorstellungen an seine bevorstehende Gerichtsverhandlung
um das Sorgerecht der Kinder in den nchsten Monaten. Er
trstet sich ein wenig damit, dass er fr seine Kinder immer
alles gegeben hat. Vielleicht war es genug, vielleicht aber
auch nicht.

Fr die heutige, zweistndige Vorlesung ber die Steuerung
und Regelung biologischer Ablufe hat sich Professor Lebib
besonders intensiv vorbereitet. Gilt es doch die bisherigen
Erkenntnisse ber den Aufbau und die Funktionsweise bio-
logischer Zellen zu erweitern und den Bogen zu den inneren
Kontrollmechanismen und den berlagerten Organisations-
strukturen kompletter Lebewesen zu spannen.
Der Professor hat sich vorgenommen, sehr weit auszuho-
len und bei den Atomen, also den Urbausteinen der Materie,
Molekle und der Zellen zu beginnen. Mit seinem Laptop
wirft er ber den Beamer zunchst das Bild eines Wasser-
77
stoffatoms an die Wand. Die Studenten lauschen interessiert
seinen Worten.
Dear Students, das Wasserstoffatom ist das einfachste
und leichteste Atom, das wir im Periodensystem der Ele-
mente finden. Sein Kern besteht aus einem Proton und
Neutron, die zum Ladungsausgleich von einem Elektron
umkreist werden. Es sind unterschiedliche Krfte in Ato-
men, die sich in ihrer Summe zu Null addieren und dadurch
fr ein stabiles Gleichgewicht sorgen.
Sie finden dieses Atommodell auch in der Makrowelt der
Planeten wieder. So umkreisen unsere Erde und ihre Nach-
barplaneten wie Elektronen die Sonne, die quasi den Atom-
kern darstellt. Viele Sonnensysteme bilden das Universum,
whrend sich im Kleinen viele Atome zu Moleklen und viele
Molekle zu unterschiedlicher Materie und vielerlei Stoffen
zusammenschlieen.
Der Professor beugt sich zu seinem Laptop und lsst eine
neue Graphik auf der Leinwand erscheinen, die ein Wasser-
molekl in dreidimensionaler Darstellung wiedergibt. Sein
Kommentar dazu:
Das Wassermolekl besteht aus zwei Wasserstoffatomen
und einem Sauerstoffatom, die durch den Austausch ihrer
umkreisenden Elektronen auf stabilen Bahnen zusammen-
gehalten werden. Die Ordnung und den Zusammenhalt der
Materie stellen demnach Krfte her, die an elementare Na-
turgesetze gebunden sind. Man kann auch von einer fest
programmierten Krfteordnung sprechen.
Mit einem Fingerdruck wechselt das Bild an der Wand in
eine biologische Standardzelle, wie sie der Professor in der
letzten Vorlesungsstunde vorgestellt und erlutert hat. Auf-
bauend auf seine damaligen Ausfhrungen ergnzt er:
Obwohl die Zelle einen Verbund aus unzhligen Einzel-
atomen darstellt, sind es in biologischen Hardwarestruktu-
ren nicht nur Krfte, die den ganzen Atomverbund stabil zu-
sammenhalten, sondern hier hat die Natur in Jahrmillionen
78
etwas geschaffen, was man als eine Art Festprogrammierung
im Sinne von Codierung bezeichnen muss.
Wie wir aus den vorangegangenen Stunden wissen, trgt
jede Zelle eines Lebewesens auf ihren DNA-Streifen einen
biologischen Code, der ihre Aufgabe genau definiert. Natr-
lich ist dieser Code an sich nichts Unerklrliches, da er ledig-
lich ber die unterschiedliche Anordnung, man kann auch
sagen Bitstruktur, einiger verschiedener Suremolekle der
Natur die Mglichkeit erffnet, die vielen Atome in Zellen
fr diverse Aufgaben und Funktionen zu programmieren.
Der Professor macht eine kleine Pause in seinem Vortrag,
ehe er den staunenden Stundenten weiter ausfhrt:
Man knnte aber auch so weit gehen und sagen, an den
Gencodes erkennt man die Programmierung des Lebens und
damit die Handschrift der Schpfung. Diesen Zusammenhalt
von groen Atomverbnden durch eine hardwaremig ab-
gelegte Programmstruktur in den einzelnen Zellkernen gibt
es in toter Materie, wie zum Beispiel Wasser, Sand, Luft, Me-
tallen et cetera nicht.
Diese variable und vielfltige Organisationsform ist aus-
schlielich ein Merkmal des biologischen Lebens. Wie sich
die Evolution im Laufe der Jahrmilliarden diese auerge-
whnliche Mglichkeit geschaffen hat, wie sich also verein-
facht ausgedrckt, aus Materie letztendlich Leben entwi-
ckeln konnte, wird sehr wahrscheinlich fr ewig das
Geheimnis der Schpfung bleiben.
Doch, Ladies and Gentlemen, bei diesem aus der Sicht
der Physik unmglichen Aggregatzustand ist es ja, wie wir
alle wissen, nicht geblieben. Mit Hilfe der fest programmier-
ten Ordnungssoftware in den Zellkernen war es der Evoluti-
on zunchst nur mglich, einfache Vielzeller und Pflanzen zu
entwickeln. Die Umprogrammierung der DNA-Streifen in
den Genen mittels Proteinen ist sehr langwierig und bietet
der Natur in erster Linie die Mglichkeit, die Hardware der
Lebewesen zu variieren und zum Beispiel an vernderte Le-
79
bensbedingungen anzupassen oder neue Lebensformen aus-
zuprobieren.
Professor Lebib holt tief Luft, ehe er fortfhrt:
Einen entscheidenden Schritt hat die Evolution mit der
Entwicklung von Nervenzellen getan, die eine schnelle In-
formationsaufnahme und Verarbeitung ermglichen. Damit
konnte die Evolution grere und kompliziertere Lebewesen
hervorbringen, die sich nicht nur schneller fortbewegen,
sondern auch blitzschnell auf Situationen einstellen konn-
ten.
Der festen Gen-Programmierung in den Zellen hat die E-
volution somit im Laufe von vielen Jahrmillionen eine quasi
frei programmierbare und lernfhige Software in den Ge-
hirnzellen, oder wie man auch sagt, den Neuronen berla-
gert. Natrlich war diese lernfhige Hirnsoftware bei den
ersten Lebewesen dieser verschachtelten Programmierung
sehr primitiv und hat sich erst im Laufe von Jahrtausenden
zu dem entwickelt, was wir heute vorfinden.
Diese stetige Weiterentwicklung der Hirnsoftware knnen
Sie alleine schon daran erkennen, dass gewisse Programm-
routinen ebenso wie die dazugehrige Hardware bei Tier
und Mensch dieselben sind, wobei viele Programme unbe-
einflussbar im Hintergrund des Gehirns ablaufen. Ich erin-
nere dabei an unser vegetatives Nervensystem, welches zum
Beispiel die Atmung und den Herzschlag steuert.
Und weiter:
Der weitaus kleinere Softwareanteil im Gehirn ist lebe-
wesenspezifisch und entwickelt sich in Abhngigkeit von der
vererbten Veranlagung, den Lebensumstnden und dem
Lernwillen. Ein ganz wesentlicher Aspekt dabei ist, dass bio-
logische Gehirne die Fhigkeit besitzen, neben der reinen In-
formationsverarbeitung auch noch Gefhle wahrzunehmen.
Diese Abhngigkeit der Software von Gefhlen und
Schmerzen ist bei Elektrogehirnen nicht mglich und kann
deshalb einem Roboter nicht einprogrammiert werden. La-
80
dies and Gentlemen, so gesehen werden technische Maschi-
nen auf Siliziumbasis immer ohne Gefhlsleben sein.
Mit der Hand gibt Professor Lebib einem Finger zeigen-
den Studenten am Fenster ein stummes Zeichen fr die
Mglichkeit, eine Frage loszuwerden:
Sir, knnen Roboter jemals schlauer sein als Menschen?
Ich frage deshalb, weil die modernen Hochleistungsrechner
der neueren Generation sogar einen Weltmeister im Schach-
spiel besiegen knnen.
Mit der Formulierung der Antwort lsst sich der erfahrene
Hochschullehrer etwas Zeit. Zu gut kennt er die ngste der
Bevlkerung vor diesen technischen Rechenriesen. Um sei-
nen Studenten realistische Argumente fr ihr spteres Be-
rufsleben an die Hand zu geben, sagt er schlielich:
Well, Mr. Student, Ihre Frage ist in diesem Zusammen-
hang durchaus nahe liegend. Aber genau an diesem Punkt
zeigt sich doch der gravierende Unterschied zwischen uns
Menschen und den programmierten Robotern mit Silizium-
gehirnen sehr deutlich. Sie haben Recht, ein Schachcompu-
ter kann einen Weltmeister schlagen, allerdings ohne dabei
zu wissen, dass er, der Computer, berhaupt Schach spielt
oder gar zu fhlen und zu begreifen, dass er gewonnen hat.
Das Einzige, was ein Computer besser kann als der
Mensch, besteht doch lediglich darin, dass er Zahlen und In-
formationen schneller nach mathematischen und logischen
Bedingungen verknpfen kann.
Ladies and Gentlemen, dass ein Computer kein Gefhls-
empfinden besitzt, bewirkt automatisch auch, dass er kein
Selbstbewusstsein haben kann. Elektronengehirne mit ihren
Nullen und Einsen sind sich nicht selbst bewusst; und das
heit mit anderen Worten, sie wissen noch nicht einmal,
dass es sie berhaupt gibt.
Letztendlich, dear Students, wissen und fhlen Computer
berhaupt nichts, da sie nur stur irgendwelche Befehlslisten
81
und Zahlenreihen abarbeiten knnen. Es sind im Grunde
genommen tote Maschinen. Sie sind weit weniger als Tiere.
Diese Argumentation scheint bei der Zuhrerschaft anzu-
kommen. Auf den Gesichtern der jungen Studenten steht
deutlich geschrieben, dass das Gesagte irgendwie logisch fr
sie ist, wenn man sich den Sachverhalt so nchtern betrach-
tet.
Nach ein paar Minuten ergnzt der Professor seine Aus-
fhrungen noch etwas:
Man muss dabei allerdings bedenken, dass Tiere und
Kleinkinder ebenfalls kein ausgeprgtes Selbstbewusstsein
haben. Das bleibt bei Tieren ihr ganzes Leben lang so und
beim Menschen entwickelt sich die Selbstwahrnehmung erst
nach den ersten Lebensjahren. Im Gegensatz zu Robotern,
dear Students, knnen aber die Tiere sehr wohl Gefhle und
Empfindungen wahrnehmen, verarbeiten und darauf reagie-
ren, weshalb diese Emotionen ihr Verhalten und Wohlbefin-
den entscheidend beeinflussen.
Ladies and Gentlemen, sie sehen daran ganz klar und ein-
deutig, dass Computer und Roboter eigentlich genauso we-
nig zu frchten sind, wie all die anderen technischen Erfin-
dungen unserer Zeit. Es sind zwar komplizierte Maschinen,
aber ohne emotionale und persnliche Wesensmerkmale.
Und wenn man den Stromschalter umlegt, sind sie mause-
tot.
Der Universittslehrer beschliet seine heutige Vorle-
sungsstunde mit der Bemerkung:
Die zentrale Frage fr unsere weiteren berlegungen
wird es in den nchsten Vorlesungsstunden daher sein, Er-
klrungen fr das Zusammenspiel von biologischer Software
und gefhlsmigen Empfindungen zu finden. Machen Sie
sich schon mal auf erstaunliche Erkenntnisse gefasst. I
thank you for your interest.

82
Es gibt Materie und Geist,
also Atome und Intelligenz,
sprich Hardware und Information.
Alle Lebewesen bestehen aus beidem.


Drittes Kapitel
Es ist der letzte Tag im August und die Sonne scheint aus
Leibeskrften vom Himmel. Ein idealer Tag zum Ausspan-
nen und Genieen. Nicht so fr Professor Lebib, der um elf
Uhr dreiig mit seiner Tochter Caroline und deren Freund
vor dem Haupteingang des City-Council-Building verabredet
ist. Die Gerichtsverhandlung Dr. Lebib/Lebib ist auf zwlf
Uhr angesetzt und das Erscheinen aller Beteiligten war im
Anschreiben des Gerichts ausdrcklich angeordnet.
Die Sicherheitsmanahmen fr das Betreten des Gerichts-
gebudes erinnern den Professor an den Sicherheits-Check
in den Abflughallen der Airports. Seine Aktentasche wird
durchleuchtet und sein Gang durch den elektronischen
Rahmen bleibt nach Ablegen der Armbanduhr piepfrei.
Der Professor ist sichtlich nervs, geht es fr ihn doch um
die alles entscheidende Frage, wo die gemeinsamen Kinder
in Zukunft leben sollen. Seit Ostern hat er keines der Kinder
mehr gesehen oder gesprochen. Alle Geschenke und Briefe,
die er Woche fr Woche nach Las Vegas geschickt hatte,
blieben unbeantwortet. Wie oft hat er sich gefragt, ob seine
Pckchen berhaupt bei den Kindern angekommen sind.
Und jedes Mal, wenn er in letzter Zeit Las Vegas anrief, hie
es nur lapidar, die Kinder seien fr ihn nicht zu sprechen.
Vater und Tochter plus deren Freund setzen sich auf eine
schlichte Holzbank gegenber des in der Vorladung ausge-
wiesenen Gerichtssaals Nr. 3108 im dritten Stock. Weit und
83
breit kann der leicht nervse Professor nichts von seiner Ex-
Frau oder seinen geliebten Kindern erkennen.
Auch als kurz vor zwlf Uhr die Anwltin des Professors
eintrifft, ist von der gegnerischen Seite immer noch nichts zu
sehen. Genau Punkt zwlf Uhr, als der zustndige Richter
das Verhandlungszimmer aufschliet, erscheint schlielich
seine Frau plus Rechtsbeistand auf der Bildflche. Von den
Kindern ist weit und breit keine Spur zu sehen. Als die Ge-
richtstr weit offen steht, betreten die beiden Parteien wort-
los den Gerichtssaal und nehmen an zwei gegenberliegen-
den Tischen vor dem etwas erhhten Richterpult Platz.
Der ergraute Richter erffnet die Sitzung und klrt zu-
nchst mit den beiden Anwlten einige verfahrenstechnische
Details. Da kein Gerichtschreiber vorgesehen ist, diktiert der
Mann in der schwarzen Robe die wesentlichen Details der
Sitzung in ein Mikrofon. Dabei spricht er nacheinander die
beiden Elternteile an und versucht herauszufinden, wer wie
viel Zeit fr die Erziehung der Kinder aufbringen kann. Die-
ser Punkt ging nicht auf das Konto des Professors, da dieser
als erfolgreicher Wissenschaftler und mehrfacher Buchautor
mit einer hohen Wochenarbeitszeit vom Mann in Schwarz
eingestuft wird. Hingegen schienen die zwei Stunden tgli-
ches Engagement seiner Frau fr eine wohlttige Einrich-
tung den Richter vollkommen zu berzeugen.
Der Professor sprt diese ungnstige Ausgangslage sofort
und entgegnet mit fester Stimme:
Sehr geehrter Herr Richter, ich bitte Sie zu bercksichti-
gen, dass ich die letzten Jahre alle unsere Kinder bei mir
hatte und in dieser langen Zeit Beruf und Familie sehr wohl
miteinander verbinden konnte. Meine achtzehnjhrige
Tochter Caroline hat mich dabei tatkrftig untersttzt und
wird Ihnen besttigen, dass wir diese harte, aber auch sch-
ne Aufgabe gemeinsam gemeistert haben. Von meiner Frau
kam in den letzten dreieinhalb Jahren weder praktische Hil-
fe noch moralische Untersttzung. Einzig und allein flossen
84
stndig nur Hass, Drohungen und Befehle ber das Telefon
in unser Heim.
Und der Professor fhrt fort:
Fr das Wohl und die Zufriedenheit von Kindern zhlt
aber in erster Linie, dass man stndig bei ihnen oder jeder-
zeit erreichbar ist. Meine Kinder sind in meinem Bro an der
Universitt tagtglich ein- und ausgegangen. Sie wussten
immer, wo sie mich finden konnten. Das bloe Hochrech-
nen, Sir, von Arbeitsstunden bringt gar nichts, wenn man
bedenkt, dass meine Frau die meiste Zeit des Tages depres-
siv am Telefonhrer hngt und fr die Kinder nicht an-
sprechbar ist.
Dieses Statement scheint dem Richter berhaupt nicht ins
Konzept zu passen, denn er wechselt sofort das Thema und
belehrt den verblfften Professor:
Fr mich sind Sachargumente der Ehepartner bei Strei-
tigkeiten um das Aufenthaltsbestimmungsrecht von Kindern
eher nebenschlich. Ich lasse mich bei der Urteilsfindung in
erster Linie von den Wnschen der Kinder leiten, wo sie in
Zukunft leben mchten. Und deshalb mchte ich jetzt ganz
gerne mit Ihren Kindern sprechen, und zwar ohne Beisein
der Eltern und der Anwlte.
Zu der Ehefrau gewandt stellt er die Frage:
Frau Lebib, Sie haben die Kinder doch mit hierher nach
Los Angeles gebracht?
Diese berzieht ihr Gesicht mit einem scheinheiligen
Grinsen und erwidert klebrig s:
Natrlich Herr Richter, ich habe meine Kinder in Beglei-
tung eines jungen Mannes in der Cafeteria des Gerichtsge-
budes abgesetzt. Sie sollten sich bei einer kleinen Erfri-
schung von den Strapazen der Anreise erholen.
Der Professor muss sich eisern zusammennehmen und
denkt in sich hinein:
Typisch, sie redet von ihren Kindern, als wenn es mich gar
nicht gbe. Ich scheine bei ihren Vorstellungen vollkommen
85
berflssig geworden zu sein. Und dabei lebt die ganze Fa-
milie doch ausschlielich von meinem Gehalt. Ohne mich
und meinen Status gbe es diese Familie berhaupt nicht.
Diese Frau war in ihrem ganzen Leben nie berufsttig und
sitzt dennoch auf unseren Ersparnissen genauso selbstver-
stndlich wie auf den paar Krten ihrer armen Eltern. Aber
ihre Unschuldsmasche scheint den Richter zu beeindrucken.
Ein leichtes Klopfen des Richterhammers auf dem Tisch
reit den Professor aus seinen Gedanken und er hrt den
Richter sagen:
Meine Damen und Herren, wir unterbrechen jetzt die Sit-
zung fr eine halbe Stunde. Ich werde mich erst mal mit den
Kindern in der Cafeteria unterhalten, um so einen besseren
Einblick in diese Gesamtsituation ihrer auergewhnlichen
Familienverhltnisse zu erhalten.
Sprachs, zog seine schwarze Richterrobe aus und ver-
schwand in einem der zahlreichen Gerichtskorridore.
Die beiden Parteien verlassen ebenfalls den Verhand-
lungsraum und nehmen auf getrennten Bnken in der mit
feinem Kopfsteinpflaster ausgelegten Vorhalle Platz. Caroli-
ne, die Tochter des Professors, platzt vor Neugier und fragt
ihren Vater ungeduldig:
Na, Dad, wie ist die Verhandlung bisher gelaufen?
Was soll ich sagen, Caroline, ich habe den Eindruck, dass
der Richter mehr auf der Seite deiner Mutter steht und mei-
ne Argumente ignoriert. Immerhin hat mich die Gegenseite
in ihren Schriftstcken als Macho, Alkoholiker und Lgner
hingestellt und der Richter hat dies stillschweigend hinge-
nommen. Meine beweisbaren Vorwrfe des Tablettenmiss-
brauchs, der Urkundenflschung und der Vernichtungsdro-
hungen hingegen hat er einfach bergangen.
Inzwischen ist auch die Anwltin des Professors hinzuge-
kommen und besttigt mit einem Kopfnicken die Aussagen
des Vaters. Und sie fgt hinzu:
86
Wenn ich mir jetzt noch vorstelle, dass die Kinder, aus
welchen Grnden auch immer, vor dem Richter gerade aus-
sagen, dass sie bei der Mutter bleiben wollen, dann bleibt fr
das Urteil nur wenig Spielraum zu Ihren Gunsten, Herr Pro-
fessor Lebib. Tut mir Leid.
Dieser wiegt nur schweigend mit dem Kopf zu dem Gehr-
ten, hat er sich doch schon lngst hnliche Gedanken ge-
macht. Und nach einer Weile sagt er:
Htte ich doch blo das Aufenthaltsbestimmungsrecht
schon vor Monaten oder Jahren beantragt, als die Kinder
noch bei mir zu Hause wohnten. Das war ein groer Fehler,
den meine Frau jetzt eiskalt ausnutzt.
Die folgenden Minuten ziehen sich fr die Anwesenden
wie eine kleine Ewigkeit dahin. Als der Richter endlich zu-
rckkehrt, springen alle Beteiligten wie elektrisiert von ihren
Holzbnken auf und eilen in Richtung Sitzungssaal. Die
knisternde Spannung und die plagende Ungewissheit ber
den Ausgang der Verhandlung machen die Sommerhitze fr
den Professor fast unertrglich.
Endlich hebt der Richter den Kopf von seinen Notizen und
berichtet von seinem kleinen Ausflug zu den Kindern in die
Cafeteria des Gerichts:
Die Befragung der Kinder war fr mich sehr wichtig und
uerst aufschlussreich, da alle einstimmig ausgesagt haben,
bei der Mutter bleiben zu wollen. Ihre Grnde liegen vor al-
lem darin, dass sie mit ihren Geschwistern zusammenblei-
ben knnen und dass sie Freunde in ihren neuen Schulen ge-
funden haben, die sie nicht schon wieder verlieren mchten.
Das klingt doch berzeugend, oder?
Der Richter schaut ber seinen Brillenrand in die kleine
Runde und fordert den Vater per Blickkontakt um seine Re-
aktion auf. Dieser atmet schwer durch und antwortet mit
sichtlicher Anstrengung um Beherrschung:
Well, Sir, diese Aussagen habe ich irgendwie erwartet,
denn sie sind irgendwo fr geschundene Kinderseelen ver-
87
stndlich. Alle Kinder wnschen sich nichts mehr als ein be-
rechenbares und zuverlssiges Lebensumfeld. Doch in unse-
rem Falle muss man bedenken, dass die Kinder bis vor weni-
gen Wochen noch bei mir gelebt haben und damals dasselbe
fr ihr damaliges zu Hause hier vor Ihnen ausgesagt htten.
Der Professor holt tief Luft und fhrt fort:
Nur, Ladies and Gentlemen, wer hat denn diesen alten
Zustand mit Gewalt und ohne Rcksicht auf die Gefhle der
Kinder gendert? Darf es sein, dass eine Mutter ihre Kinder
erst im Stich lsst und sie dann irgendwann wieder nach
Lust und Laune zu sich holt?
Diese Fragen lsst der Professor einige Zeit im Raume
stehen und auf die Anwesenden einwirken. In Gedanken
entschliet er sich spontan, die mit Sicherheit stattgefunde-
ne Gehirnwsche an seinen Kinder nicht zu erwhnen, da
der Richter offensichtlich nicht objektiv ist. Stattdessen
weist er auf einen anderen wichtigen Aspekt hin.
Ich habe Sie, hohes Gericht, bereits auf den angeschlage-
nen seelischen und krperlichen Gesundheitszustand mei-
ner Frau hingewiesen und Ihnen darber hinaus Schriftst-
cke vorgelegt, die eindeutig belegen, dass sie mich ruinieren
will. Es ist davon auszugehen, dass dieser physische und
psychische Verfall, infolge der immer noch bestehenden
Tablettensucht, weiter fortschreiten wird.
Der Professor macht eine kleine Pause, ehe er seine Be-
frchtungen ausspricht:
Wenn ich jetzt per Gerichtsbeschluss die Kinder und
dann im nchsten Schritt durch Geldforderungen meiner
Frau auch noch unser Haus verliere, wie soll ich dann im
Notfall meine Kinder je wieder aufnehmen knnen? Und,
wie soll mich meine groe Kinderschar bers Wochenende
in einer kleinen Mietswohnung besuchen kommen?
Das, Euer Ehren, scheint in dem teuflischen Plan meiner
Frau auch gar nicht vorgesehen zu sein, denn ich habe meine
Kinder seit vielen Monaten nicht mehr gesehen oder gespro-
88
chen. Smtliche Briefe und Pckchen, die ich meinen Kin-
dern bisher nach Las Vegas geschickt habe, blieben unbe-
antwortet. Selbst heute hat meine Frau die Kinder vor mir
versteckt und das wird sich nicht ndern, auch wenn Sie mir
per richterlicher Anordnung nur das einfache Besuchsrecht
alle vierzehn Tage zusprechen sollten. Das knnte ich allen-
falls mit Untersttzung der Polizei durchsetzen; und das
mchte ich meinen Kindern auf gar keinen Fall antun.
Diese plausiblen Zukunftssorgen des Professors scheinen
den Familienrichter mit einem Mal nachdenklich zu stim-
men. Aus diesem Blickwinkel sieht die Sache natrlich etwas
anders aus. Und das Wohl der Kinder sollte mit seiner Ent-
scheidung natrlich auch langfristig gesichert sein. Mit ei-
nem prfenden Blick auf seine alte, silberne Armbanduhr
beschliet er ohne jegliche Vorankndigung:
Ladies and Gentlemen, die Sitzung wird bis auf weiteres
vertagt. Ich werde eine umfassende Stellungnahme des hie-
sigen Jugendamtes anfordern, die diese Befrchtungen des
Vaters im Sinne der Kinder bewertet.
Zur Mutter gewandt gibt er zu bedenken:
Mrs. Lebib, Ihr jahrelanger Tablettenkonsum ist in der
Tat problematisch und birgt ein groes Gesundheitsrisiko
fr Sie und Ihre zuknftigen Betreuungsmglichkeiten den
vielen Kindern gegenber. Ich mchte Ihnen deshalb drin-
gend empfehlen, sich einem Arzt anzuvertrauen und mg-
lichst schnell eine Therapie zu beginnen.
Nach diesen persnlichen Worten, die nicht im Protokoll
erscheinen werden, greift er zu seinem Hammer, klopft ein-
mal mittelschwer auf den Tisch und verkndet weiter:
Ladies and Gentlemen, bis zum nchsten Termin in ein
bis zwei Monaten bleiben die Kinder erst einmal bei der
Mutter. Die Sitzung ist geschlossen.
Der Vater packt seine Unterlagen enttuscht zusammen
und verlsst als Erster das Verhandlungszimmer. Seine
Rechtsanwltin folgt ihm kurz hinterher. Sie entschuldigt
89
sich auf dem Flur bei Professor Lebib, seiner Tochter und
deren Freund mit dem Hinweis auf einen weiteren Gerichts-
termin. Bevor sie geht, trstet sie den Professor noch mit
den Worten:
Wissen Sie Dr. Lebib, mit der Vertagung ist das Urteil
noch vllig offen. Ich gebe zu, dass der Richter im Moment
noch mehr auf der Seite Ihrer Frau steht. Wir mssen bei
der nchsten Verhandlung unbedingt nochmals auf den Um-
stand hinweisen, dass Sie Ihre Kinder seit Monaten nicht
mehr kontaktieren durften. Mit dem Wegsperren gesteht Ih-
re Frau doch indirekt ein, dass sie Ihnen die Kinder einfach
entzogen hat. Sie befrchtet, dass Sie, Herr Professor, bei ei-
nem Besuch der Kinder dasselbe tun knnten.
Whrend die Schritte der Anwltin auf den weiten Fluren
verhallen, legt sich dem Vater eine Zentnerlast auf sein Herz.
Da er im Moment nicht alleine sein mchte, ldt er seine
beiden jungen Begleiter auf eine Tasse Kaffee in ein nahe ge-
legenes Straencaf ein. Einen Zusammensto mit seiner
Frau und den Kindern in der Gerichtskantine meidet er be-
wusst, da er keine neuen Wunden in den kleinen Kinderher-
zen aufreien mchte.
Auf dem Weg aus dem Gerichtsgebude atmet er tief
durch und meint mit leiser Stimme:
Caroline, irgendwie habe ich ein seltsam fremdes und
bedrckendes Gefhl in mir, ganz so, als ob ich in einem
schrecklichen Film mitspielen wrde oder jeden Augenblick
aus einem schlimmen Traum erwachen msste. Diese innere
Beklemmung und Fassungslosigkeit kann man nicht be-
schreiben.
Ich glaube, wir lassen unsere Kleinen am besten in Ruhe
nach Las Vegas zurckfliegen, damit sie sich nicht unntig
aufregen. Die wissen sonst berhaupt nicht mehr, woran sie
glauben sollen.
Im Caf angekommen fhrt er fort:
90
Die Kinder durften jetzt schon so lange keinen Kontakt
mehr zu uns aufnehmen, dass mein Rckzug im Moment
wohl das Vernnftigste sein wird. Wer wei, ob mich meine
Kinder in ein paar Monaten berhaupt noch besuchen wol-
len?
Die beiden jungen Leute nicken und versuchen den Vater
von seiner unbersehbaren Traurigkeit und Hilflosigkeit et-
was abzulenken. Nach einer Tasse Kaffee und einem Stck
Kuchen verabschiedet man sich und Professor Lebib geht
einsam und verlassen den weiten Weg zu Fu nach Hause.
Die heie Mittagssonne nimmt er nicht wahr, denn seine
Gedanken kreisen nur um seine geliebten Kinder und wie es
jetzt weitergehen soll. Ein Leben ohne seine Mannschaft,
ohne all die unzhligen Freuden und den allgegenwrtigen
Stress, kann er sich nur sehr schwer vorstellen.
Und zum ersten Mal hilft ihm sein bewhrtes Lebensmot-
to Was man nicht ndern kann, muss man akzeptieren
nicht wirklich weiter.

An einem der nchsten Arbeitstage begegnen sich die beiden
Kollegen und Freunde, Professor Dr. Lebib und Dr. Snider,
auf dem Korridor des Instituts. Der Gesichtsausdruck des
Professors sieht ziemlich deprimiert aus, als ihn sein Freund
leise fragt:
Na Henry, was macht denn euer Rosenkrieg?
Professor Lebib hebt schwerfllig seine Schultern und
entgegnet mit belegter Stimme:
Ja weit du, Fred, ich wrde es lieber als einen Vernich-
tungskrieg bezeichnen. Die Kinder reichen meiner Frau
nicht, jetzt will sie mein Gehalt und das Haus. ber ihre
Anwltin lie sie mir dieser Tage ihre Unterhaltsansprche
mitteilen. Danach kann ich mich beim Sozialamt sofort in
die Warteschlange stellen.
Diese Irre will nicht nur einen groen Teil meiner Ein-
knfte, nein, sie mchte alles. Das Sonderbare fr mich ist
91
nur, dass es erwachsene Menschen in schwarzen Roben gibt,
die diesen Wahnsinn auch noch untersttzen. Am liebsten
wrde ich alles hinschmeien und in ein fernes Land aus-
wandern, damit ich von diesen primitiven Auseinanderset-
zungen und den ganzen armseligen Streitereien nichts mehr
mitbekommen muss. Den Preis fr diesen Irrsinn zahlen al-
leine unsere Kinder. Deshalb Fred, muss einer loslassen und
das bin ich.
Dr. Snider legt seine Hand auf die Schulter des Kollegen
und versucht ihn zu trsten:
Ich bin mir auch sehr sicher, dass dein Loslassen der ein-
zig richtige Weg fr dich und deine Kinder ist. Mir fllt dazu
eine Geschichte von Knig Salomon ein, in der sich zwei
Frauen um ein Baby streiten. Jede behauptet, es sei das ihre.
Daraufhin entscheidet der Knig, dass die beiden Frauen
rechts und links an den Armen des Kindes ziehen sollen,
denn die strkere Mutter werde schon die richtige sein und
solle das Kind behalten. Und als das kleine Kind vor
Schmerzen schrie und das Gezerre unertrglich wurde, lie
die echte Mutter los, um ihrem Kind nicht weiter zu scha-
den. Sie hatte es vor grerem Schaden bewahrt und es da-
bei gleichzeitig verloren.
Whrend Professor Lebib die biblischen Worte seines
Freundes durch den Kopf gehen, gibt er mit einem Mal et-
was sehr Persnliches aus seiner Vergangenheit preis, das
Dr. Snider sehr erstaunt:
Fred, heute wei ich, dass man niemals eine Frau heira-
ten darf, deren Mutter man von Anfang an nicht ausstehen
konnte. Ich habe mich bereits damals gefragt, wie eine so
hinterhltige und unsympathische Schwiegermutter eine
solch liebenswerte Tochter gebren konnte. Und jetzt
kommt es, Fred, dieser Drachen hat sich auch noch damit
gebrstet, dass sie den leiblichen Vater ihrer Tochter zum
Teufel gejagt habe. Natrlich hat dieses Monster ihren zwei-
ten Ehepartner systematisch versklavt und so ihrer Tochter
92
vorgelebt, wie man mit Mnnern umgeht. Da meine Frau in
ihrer Jugend auerdem sehr viel alleine gelassen wurde, hat
sie sich in eine Scheinwelt geflchtet, die sie whrend unse-
rer Ehe nur kurzzeitig verlie.
Dr. Snider entgegnet auf diese berraschende Offenba-
rung des Kollegen und Freundes ziemlich nchtern:
Dann wird mir aber einiges klarer, Henry. Das was du da
sagst, lsst die wundersame Wandlung deiner Frau in einem
ganz anderen Licht erscheinen. Wir beide sind Neurowissen-
schaftler und wissen doch ganz genau, dass frher oder sp-
ter die vererbten Gene das Schicksal eines jeden Menschen
sind. Und wie geht denn dieser hssliche Streit jetzt weiter,
Henry? Wann lsst du dich denn endlich scheiden?, will der
Freund noch wissen.
Professor Lebib zuckt mit den Schultern und trinkt seine
Kaffeetasse leer. Gedankenversunken antwortet er:
Ich werde alles tun, damit die finanzielle Zukunft meiner
Kinder gesichert ist und ich mglichst bald diese Abhngig-
keit von meiner scheinheiligen und kriminellen Nochehefrau
los werde. Du hast ganz Recht, Fred, ich sollte tatschlich
schnell die Scheidung einreichen und mich nach einer neuen
Lebensgefhrtin umsehen, um endlich wieder ein ruhiges
und ausgeglichenes Leben fhren zu knnen. Und deshalb
muss ich endlich einen dicken Schlussstrich unter dieses
traurige Kapitel meines Lebens ziehen.
Die trstenden Worte seines Kollegen und Freundes ma-
chen dem Professor Mut und Hoffnung zugleich:
Henry, Du wirst sehen, dass nach der Scheidung Ruhe
und Frieden fr dich und die Kinder einkehren werden. Ich
kann mir gut vorstellen, dass die Kinder dann sehr bald wie-
der einen Draht zu dir hierher finden. Im Augenblick ist die
Atmosphre fr deine Kinder zu sehr emotional aufgeheizt,
so dass sie meinen, sie mssten sich definitiv fr eine Seite
entscheiden. Das wird sich beruhigen, da bin ich mir ganz si-
cher. Die Zeit, mein Lieber, arbeitet fr dich.
93

Die Uhr signalisiert dem Professor, dass er in zwanzig Minu-
ten bereits im kleinen Hrsaal seines Instituts seine zwei-
stndige Grundlagenvorlesung ber die Steuermechanismen
des menschlichen Krpers abhalten muss. Die beiden Insti-
tutsleiter trennen sich per Handschlag. Als Professor Lebib
wieder alleine ist, greift er zum Telefonhrer und ruft beim
zustndigen Jugendamt an, da er vor einigen Tagen eine
Aufforderung zu einer Terminabsprache mit der Post erhal-
ten hatte.
Hello, hier spricht Professor Lebib. Sie haben mich um
einen Rckruf gebeten.
Yes, Sir, das ist richtig. Es geht um das laufende Verfah-
ren beim Familiengericht. Der zustndige Richter hat unsere
Behrde um eine Stellungnahme gebeten. Mein Name ist
Mrs. Dogan und ich wrde mich gerne in den nchsten Ta-
gen mit Ihnen unterhalten. Wann wrde es Ihnen denn pas-
sen?
Well, Mrs. Dogan, im Prinzip habe ich wenig Zeit, aber
ich werde mich fr diese wichtige Angelegenheit natrlich
frei machen. Geht es auch ziemlich kurzfristig? Ich bin zum
Beispiel morgen frh die ersten drei Stunden vorlesungsfrei
und knnte mich fr eine halbe Stunde von meinen admi-
nistrativen Verpflichtungen losreien.
Das passt mir auch, Sir. Was halten Sie davon, wenn ich
Sie zu Hause oder in Ihrem Bro besuche?
No Problem. Sagen wir gegen zehn Uhr hier in meinem
Bro an der Universitt. Das Institut of Biotronics ist, vom
Haupteingang kommend, sehr gut ausgeschildert. Dann bis
morgen, Mrs. Dogan. Bye-bye.
Good bye, Professor Lebib.
Klick. Tuuuuut.
Professor Lebib kontrolliert noch schnell den Ladezustand
seines Laptops, ehe er sich zum Hrsaal drei des Instituts
aufmacht. Auf dem Weg dahin begegnet ihm seine Studentin
94
Malsi Narok, die ihn froh gelaunt begrt und in den Vorle-
sungsraum begleitet. Whrend er sein Vortrags-Equipment
aufbaut, beginnt er bereits mit einer kurzen Zusammenfas-
sung des bisherigen Vorlesungsstoffs:
Ladies and Gentlemen, wie ich Ihnen in den letzten
Stunden schon berichtet habe, handelt es sich bei Lebewesen
um hierarchisch strukturierte Regelsysteme, bei denen einer
langsamen, inneren Regelmechanik in den Zellkernen eine
schnelle Regelsoftware in den Neuronen des Gehirns berla-
gert ist. Das Besondere an der im Gehirn abgespeicherten
Software ist, dass sie Gefhle empfinden und verarbeiten
kann.
Dieses interaktive Zusammenspiel von biologischer Soft-
ware und das gefhlsmige Empfinden der Informationen
von den Sinnesorganen kann nur auf biologischer Hirn-
hardware erfolgen. Mit anderen Worten, die Siliziumgehirne
unserer Computer sind dazu prinzipiell nicht in der Lage.
Professor Lebib unterbricht seine Ausfhrungen kurz, da
sich die Netzkabel des Beamers und des Laptops zur Steck-
dose hin verheddert haben und er Abhilfe schaffen muss. Er
nimmt sich bei dieser Gelegenheit fest vor, dafr zu sorgen,
dass mglichst bald in allen Hrslen kabellose Projektions-
gerte und Computer fest installiert werden. Diese ewige
Fummelei mit der Verkabelung ist einfach nicht mehr zeit-
gem, geht es ihm durch den Kopf.
Als er wieder ins Auditorium blickt, erhebt eine Studentin
ihren Finger, um eine Frage zu stellen. Der Professor nickt
ihr aufmunternd zu.
Sir, die Frage, die ich mir schon die ganze Zeit stelle, ist
die folgende, wenn der Mensch vom Tier abstammt, sind wir
dann letztendlich nicht blo eine verbesserte Version des tie-
rischen Lebens, sozusagen eine zufllige Weiterentwicklung
unserer Vorgngermodelle?
Der Professor ist etwas irritiert, denn mit einer solch
nchternen Frage aus dem Mund einer jungen Frau hat er
95
absolut nicht gerechnet. Sollten seine uerungen bereits
erste Frchte tragen? Mit einem Mal muss er wieder an die
junge Wissenschaftlerin aus Europa denken, die ihn ber-
haupt erst auf diesen Gedankenweg gebracht hat. Anschei-
nend sind die modernen Menschen unserer Zeit tatschlich
reif fr eine realistische Bestandsaufnahme ihrer kognitiven
Existenz.
Mit ruhiger Stimme beantwortet er die Frage:
Young Miss, Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen.
Der Unterschied zwischen uns Menschen und den Tieren be-
steht allenfalls in der weiterentwickelten Lernfhigkeit und
Wahrnehmungsfhigkeit des menschlichen Gehirns. Was die
Krperhardware und die Festprogrammierung in den Genen
angeht, so gibt es prinzipiell so gut wie keine Unterschiede.
Sie haben auch Recht, wenn Sie von einer zuflligen Stra-
tegienderung der Natur sprechen, denn die Evolution nutzt
geradezu auffllig den Zufall. Auf diese Weise sind alle Le-
bewesen erschaffen und viele wieder verworfen worden.
Viele Mglichkeiten zur Entwicklung menschlichen Le-
bens mssen schon in der Zellsoftware der Urlebewesen ge-
steckt haben. Es kam von auen nichts Substanzielles hinzu,
auer Anpassungszwnge an die vorhandenen Umgebungs-
bedingungen. Um besser berleben zu knnen, wurden die
Informationen ber die Umgebung sowohl in den Zellgenen
zur Verbesserung der Krperhardware verarbeitet und ge-
nutzt, als auch zur Optimierung der bergeordneten Hirn-
software. Alles was ein jedes Lebewesen ausmacht, hat sich
ber lange Zeitrume entwickelt und wird sich stndig wei-
terentwickeln. Man muss es leider so nchtern sehen.
Die Studentin bedankt sich bei Professor Lebib fr seine
ausfhrliche Antwort und bittet ihn, eine weitere Frage stel-
len zu drfen. Dieser nickt und sie fragt ohne zu zgern:
Ich habe immer mehr den Eindruck, dass die Schpfung
nur im biologischen Detail betrachtet genial erscheint, in ei-
ner Gesamtbetrachtung aber groe Unzulnglichkeiten auf-
96
weist. Das fngt bei Krankheiten an, die willkrlich ber die
einzelnen Lebewesen hereinfallen, oder Missbildungen der
Krperhardware, sowie mentale, optische, intellektuelle Un-
terschiede und geistige Defekte. Von Kriegen gar nicht zu
sprechen.
Die Antwort des Professors fllt eher realphilosophisch
aus:
Solche Fragen, Lady, sollten wir uns als Naturwissen-
schaftler gar nicht erst stellen, denn sie lassen sich weder
umfassend noch annhernd befriedigend beantworten. Viel-
leicht gestatten Sie mir an dieser Stelle dennoch einen simp-
len Vergleich. Nehmen wir statt des Schpfers einen Auto-
konstrukteur, der versucht, perfekte Autos zu bauen. Zum
einen wird er es weder schaffen, Defekte und Mngel an ein-
zelnen Fahrzeugen zu verhindern, noch wird es ihm gelin-
gen, direkten Einfluss auf den Autoverkehr zu nehmen. In
allen Fllen regiert in dominanter Weise der Zufall. Eine be-
scheidene Eingriffsmglichkeit besteht fr den Autobauer
bzw. den Schpfer nur in einer stetigen Verbesserung der
Fahrzeuge bzw. Lebewesen. Ob es sich dabei um Autos,
Lastkraftwagen oder Mopeds handelt, ist aus dieser Sicht
ebenso unerheblich wie die Unterscheidung der Lebewesen
in Pflanzen, Tiere und Menschen. Und was wrden wir erst
dazu sagen, wenn sich ein Auto Gedanken ber seinen Kon-
strukteur machen wrde. Das ist in etwa die Situation, in der
wir uns befinden.
Nach dieser ernchternden Sichtweise menschlicher
Wichtigkeit schwenkt Professor Lebib wieder auf die eigent-
liche Fragestellung der Studentin ein:
Sie haben natrlich Recht, es ist in der Tat sehr schwer,
unter diesen Aspekten einen wahren Sinn des Lebens zu
entdecken. Das liegt ganz einfach daran, dass Menschen
auch nur Geschpfe sind, die ihren Schpfer nicht wahr-
nehmen knnen.
97
Selbst die vielen religisen und weltlichen Fantastereien,
Wunschvorstellungen und Theorien der letzten Jahrtausen-
de ndern nichts daran, dass wir Menschen Gott genauso
wenig hnlich sind wie ein Auto oder ein Roboter einem
Menschen. Und verlngert man die Schiene Mensch-
Roboter gedanklich in den transzendenten Bereich Schp-
fer-Mensch-Roboter, so kommt man auch keinen Schritt
weiter.
Die Antwort nach dem Sinn unseres rein zuflligen Da-
seins werden wir mit unserem beschrnkten Horizont daher
noch weniger finden, als ein Roboter den Sinn seines Da-
seins erkennen kann. Wenn es denn einen hheren Lebens-
sinn fr das einzelne Lebewesen berhaupt gibt.
Wir Menschen sind fr die Natur nur zweibeinige Lebewe-
sen mit bestimmten Merkmalen, sozusagen nur eine von vie-
len Gattungen. Das anzuerkennen, ist nun mal bitter und
den meisten Menschen nicht mglich. Doch das Interessante
unserer Epoche ist, dass sich die Menschheit mit jeder neu-
en Entdeckung und Erkenntnis vom Thron herunterholt, auf
den sie sich vor Tausenden von Jahren selbst gestellt hat,
wobei die groe Masse der Menschen das gar nicht wahr-
nimmt.
Der Professor sieht ein Dutzend erhobener Finger im Au-
ditorium. Er entscheidet sich, noch eine letzte Frage zuzulas-
sen und erteilt einem farbigen Studenten das Wort. Dieser
legt auch gleich los:
Sir, gibt es wenigstens Vorstellungen, wohin sich das Le-
ben entwickeln knnte?
Die Antwort des Professors fllt etwas knapp aus:
Wenn wir nicht wissen, warum wir leben, wie sollen wir
dann vorhersagen knnen, in welche Richtung sich die Evo-
lution entwickeln wird? Leben als Ganzes heit von Anbe-
ginn an, die in den Genen gespeicherten Erbinformationen
weiter zu geben. Dadurch wird die Natur die Intelligenz und
Anpassungsfhigkeit seiner Lebewesen weiter erhhen. Das
98
Schicksal des einzelnen Lebewesens bleibt dabei weiterhin
ohne Bedeutung.
Doch dann rumt er ein:
Allerdings sind wir Menschen als einzige Lebewesen mit
einem Gewissen ausgestattet. Daraus knnte man eine Ab-
kehr der Schpfung vom brutalen Prinzip der natrlichen
Auslese der Besten und Strksten ablesen. Dieser Prozess ist
mit Sicherheit langfristig angelegt und wir sind lediglich der
bescheidene Anfang.
Und zum ersten Mal streift der Hochschullehrer vor Stu-
denten das Thema des neuen Sonderforschungsbereichs:
Bestimmt haben Sie von unserem Projekt BFTD 21 ge-
hrt und wurden dadurch zu wilden Spekulationen und vie-
len Fragen inspiriert. Ich mchte deshalb an dieser Stelle al-
len Interessierten sagen, dass wir mit unseren
Untersuchungen zunchst den exakten Ablauf des Todes er-
forschen wollen, um uns dann tiefere Gedanken ber die
Schpfung zu machen. Auch hoffen wir, aus den Ergebnissen
des Projekts moralische und ethische Sinnaussagen treffen
zu knnen. Die Schlsse fr sein weiteres Leben kann dann
jeder selbst aus unseren Erkenntnissen ziehen.
Bewusst hat der Professor jegliche Anspielungen auf die
praktischen Experimente vermieden. Er holt tief Luft und
beendet das uralte Moralthema der Menschheit mit den
Worten:
Ladies and Gentlemen, lassen Sie uns wieder auf den Bo-
den der naturwissenschaftlichen Tatsachen zurckkehren
und mit unserem Vorlesungsstoff fortfahren. Unser heutiges
Thema sollte die Steuerung und Regelung biologischer Le-
bewesen sein. Dabei spielen, wie bereits erwhnt, Gefhle
eine alles entscheidende Rolle, denn sie sind die Nahtstelle
zwischen Biohardware und Biosoftware, zwischen meinem
Krper und meinem Ich im Kopf.
Aus dem Augenwinkel schaut der Dozent auf seine Arm-
banduhr und stellt fest, dass die erste Vorlesungsstunde be-
99
reits vorbei ist. Trotzdem redet er weiter, bis es im Hrsaal
leicht summt:
Den Schlssel fr dieses geheimnisvolle Zusammenspiel,
Ladies and Gentlemen, hat die Natur in die Neuronen unse-
res Gehirns abgelegt. Genau dort ist unsere Persnlichkeits-
software, also unser Ich, abgespeichert und genau an dieser
Stelle im Kopf empfinden wir Schmerzen und andere Gefh-
le. Sie drfen also gespannt sein.
Wir machen jetzt eine kleine Pause von zehn Minuten und
dann werden wir uns die Steuerungs- und Regelungsmecha-
nismen in unserem Krpersystem anhand von Beispielen
etwas genauer ansehen.
Die Studentengruppe erhebt sich von den Sthlen und
wandert in Richtung Cafeteria, um einen kleinen Imbiss zu
sich zu nehmen. Professor Lebib eilt indessen in sein Ar-
beitszimmer, wo bereits seine Sekretrin, Mrs. Johnson, mit
wichtigen Unterlagen zur Unterschrift wartet. Ein Tsschen
Kaffee mit Milch und einer Tablette Sstoff hat sie ihrem
Chef wie immer auf den Schreibtisch gestellt.
Dieser nimmt einen kleinen Schluck und denkt, whrend
er die Bauantrge fr die Institutserweiterung unterschreibt,
fr einen kleinen Augenblick an seine Kinderschar, die er
unendlich vermisst. Was hatten wir doch fr eine tolle,
stressige Zeit. Und im gleichen Augenblick, wieso gibt es
skrupellose Menschen wie seine Frau, die ber andere Men-
schen Macht ausben mssen?
Ein kurzer Blick auf die Zimmeruhr zeigt dem geplagten
Familienvater beim Zusammenklappen der Unterschriften-
mappe an, dass er die Vorlesung fortfhren muss.

Von seinem Laptop wirft Professor Lebib ber den Beamer
die bunte Grafikdatei eines menschlichen Krpers an die
Wand des Hrsaals, wobei die Muskeln, Nervenstrnge und
das Gehirn farblich besonders hervorgehoben sind. Sein
Kommentar dazu:
100
Dear Students, das menschliche Wesen ist eine konse-
quente Weiterentwicklung, Verbesserung und Optimierung
der tierischen Lebewesen und wir Menschen sind mit Si-
cherheit nur ein vorlufiges Zwischenprodukt der Evolution
auf unserer Erde. Das Zusammenspiel unserer Krperhard-
ware und Biosoftware ist die aktuelle Antwort der Natur auf
die Forderung nach optimaler Anpassung und Reaktion auf
die Umwelt. Dazu hat uns die Natur mit einer Reihe von
Sinnesorganen fr die Wahrnehmung von Umwelteinfls-
sen, Sinneszellen fr die Verarbeitung der eingehenden In-
formationen und der richtigen Schlussfolgerung, sowie Or-
ganen und Muskeln fr deren schnelle Ausfhrung
ausgestattet.
Aber, dear Students, wie Sie wissen, haben wir von der
Natur lngst nicht fr alle Umwelteinflsse Sensoren be-
kommen. So knnen wir weder Magnetfelder noch Hochfre-
quenzwellen oder radioaktive Strahlung wahrnehmen. W-
ren diese Einflsse allerdings von existenzieller Bedrohung
fr das Leben insgesamt, wrden sich entsprechende Sin-
nesorgane im Laufe der Zeit mit Sicherheit entwickeln.
Professor Lebib greift zu seinem Laserpointer und beginnt
seine Ausfhrungen mit einem anschaulichen Beispiel. Er
unterstreicht seine Worte optisch, indem er die angespro-
chenen Krperpartien an der Wand markiert:
Nehmen wir an, ein Lebewesen hat Hunger. Dazu gibt es
im Magen-Darm-Trakt eine Reihe von Sensorzellen, die den
Mangel an Kalorien erkennen und messen knnen. Diese e-
lektrische Information ber den Energiebedarf des Krpers
kann aber dem Grohirn, in dem sich quasi unser Leben ab-
spielt, nicht als physikalischer Messwert bermittelt werden,
sondern muss in das Gefhl Hunger umgewandelt werden.
Dafr ist das Zwischenhirn zustndig, das die elektrischen
Signale der Sinnesorgane bewertet und in Gefhle wie Hun-
ger, Durst, Angst, Freude, Schmerz etc. umwandelt und un-
serer Persnlichkeitssoftware im Grohirn bermittelt, die
101
diese Gefhle wahrnimmt, verarbeitet und dann Entschei-
dungen trifft, beziehungsweise Reaktionen auslst.
Durch Tastendruck am Laptop erscheint dasselbe Krper-
bild mit einer neuen farblichen Markierung. Der Kommentar
des Vortragenden dazu:
Der Weg von der Entscheidung im Grohirn bis zu den
Reaktionen der Muskeln erfolgt ebenfalls nicht direkt. Um
bei unserem Beispiel zu bleiben, reagieren wir auf das Hun-
gergefhl dadurch, dass wir zum Khlschrank gehen und
uns etwas Essbares besorgen. Dazu mssen die Muskeln an
den Armen, Hnden, Beinen und Fen aktiviert werden.
Diese Aufgabe delegiert unser Grohirn an das Zwischen-
hirn, das wiederum die feinmotorischen Bewegungen der
vielen Muskelfasern veranlasst und koordiniert. Fr die Be-
wltigung dieser komplizierten Vorgnge und der Verarbei-
tung des hohen Datendurchsatzes benutzt das Zwischenhirn
die Untersttzung des Kleinhirns, in dem die Programme fr
alle Bewegungsablufe abgespeichert sind.
Diese komplizierten Steuer- und Regelbefehle laufen dann
ber die Nervenstrnge des Rckenmarks in die Arme und
Beine. Entsprechend werden die Mechanismen beim Kau-
vorgang, beim Geschmacksempfinden und schlielich beim
Eintreffen des Vllegefhls koordiniert. Sie sehen, so kom-
plex die einzelnen Steuer- und Regelaufgaben auch sind, in
ihrer Grundstruktur erinnern sie an den Programmablauf in
Maschinen und Robotern. Mit dem einzigen Unterschied,
dass diese die Informationen der Sensoren direkt, das heit
ohne Gefhle, in ihren Elektronengehirnen verarbeiten.
Zum Vergleich blendet Professor Lebib einen zweibeini-
gen Roboter ein und ergnzt seine Ausfhrungen:
Eine Gefhlszwischenstufe gibt es in Siliziumgehirnen
der intelligenten Maschinenwesen nicht. Sie mssen ein kal-
tes und totes Leben fristen. Wir werden uns bei unseren wei-
teren Betrachtungen auf die gefhlsbasierte Interaktion zwi-
schen dem Grohirn und dem Zwischenhirn konzentrieren,
102
denn in diesem Bereich liegt der eigentliche Unterschied
zwischen biologischen und technischen Lebewesen. Beson-
ders interessant in diesem Zusammenhang ist, dass wir im
Traum ein lukullisches Mahl quasi virtuell zu uns nehmen
knnen und dabei schmecken und riechen, als ob wir tat-
schlich essen wrden. Dies zeigt, dass auch umgekehrt das
Grohirn beim Zwischenhirn Gefhle anfordern kann.
Dieses Wahrnehmen von Gefhlen und Empfindungen im
Vorderhirn zeigt eindeutig, dass unser Bewusstsein im Kopf
stattfindet und legt den Schluss nahe, dass das von der Ge-
burt bis zur Gegenwart gelebte Leben eines Individuums in
dessen Gehirn abgespeichert ist, quasi wie in einer Black-
box.
Mit diesen Worten schaltet der Universittsdozent seinen
Laptop und Beamer ab. Bevor er die Vorlesung beendet,
verweist er noch auf die nchste Stunde, in der er ber die
ungeheuren Speicherkapazitten des menschlichen Gehirns
vortragen wird. Die Studenten bedanken sich zum Schluss
wie blich mit einem krftigen Klopfen auf die Bnke bei ih-
rem Lehrer.

Pnktlich um zehn Uhr am nchsten Vormittag klopft es an
die Brotr des Professors. Seine Sekretrin, Mrs. Johnson,
begleitet eine Frau Ende der Vierziger herein, die sie als Mrs.
Dogan vom hiesigen Jugendamt vorstellt. Professor Lebib
begrt seine Besucherin, bietet ihr einen Platz auf der Be-
suchercouch an und fragt, ob sie eine Tasse Kaffee trinken
mchte. Auf ihr Yes please, Sir, bittet er seine Sekretrin
mit einem vertrauten Blick, dies zu veranlassen.
Mrs. Dogan, wie Sie mir bereits am Telefon gesagt haben,
mssen Sie einen Bericht fr das hiesige High-Court anferti-
gen. Inwieweit sind Sie denn ber meine traurige Familien-
angelegenheit informiert?
Die Dame vom Jugendamt zupft ihren Rock etwas zu-
recht, blttert in ihren Unterlagen und meint:
103
Allzu viele Fakten sind mir nicht bekannt. Ich kenne den
Zwischenbericht des Gerichts, in dem nur steht, dass die E-
heleute Lebib getrennt leben und sich um das Aufenthalts-
bestimmungsrecht der Kinder streiten. Ferner hat uns der
Richter darber informiert, dass Sie groe Bedenken haben,
was die Gesundheit Ihrer Frau angeht und um eine Stel-
lungnahme gebeten.
Der Professor giet seinem Gast aus der gerade hereinge-
brachten Kaffeekanne eine Tasse ein und erwidert dabei:
Am besten, ich zhle Ihnen nochmals alle Fakten auf, die
mich zu dieser Aussage vor Gericht bewegt haben.
Erstens, ich liebe meine Kinderschar ber alles und mch-
te sie selbstverstndlich nicht verlieren. Immerhin habe ich
drei Jahre lang mit ihnen alleine gelebt, nachdem meine
Frau uns damals
ber Nacht hat sitzen gelassen.
Zweitens, meine Frau ist seit vielen Jahren tablettensch-
tig und dadurch sowohl psychisch als auch physisch sehr an-
geschlagen. Ihr Gesundheitszustand und ihr Sozialverhalten
besttigen eindrucksvoll die Risiken und Nebenwirkungen,
die auf dem Beipackzettel ihrer Tabletten abgedruckt sind.
Drittens, meine Frau ist an einer gtlichen Einigung im
Sinne aller Beteiligten berhaupt nicht interessiert, denn sie
hat mir mehrere Male schriftlich mitgeteilt, dass sie mich
ruinieren wolle. Smtliche Aktivitten ihrerseits besttigen
das.
Mrs. Dogan, ich habe dem Richter in der Verhandlung alle
meine Vorwrfe und Bedenken mit Schriftstcken und Do-
kumenten belegt und damit einen Aufschub sowie dieses Ge-
sprch mit Ihnen erreicht. Von Ihnen wird es jetzt abhngen,
ob ich meine Kinder wiedersehe oder nicht.
Der Professor reicht der Dame vom Jugendamt einen di-
cken Ordner, in dem er alle Fakten, Vorkommnisse, Briefe,
Dokumente und Rezepte in chronologischer Reihenfolge
eingeheftet hat. Mrs. Dogan beginnt zu blttern und zeigt
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sich sehr erstaunt ber den offenen Krieg, den Mrs. Lebib
ohne Rcksicht auf Verluste gegen ihren Noch-Ehemann
austrgt und fragt:
Herr Professor, knnte ich mir diese Unterlagen fr ein
paar Tage ausleihen. Der Stoff ist so umfangreich, dass ich
mich damit in aller Ruhe in meinem Bro beschftigen
muss.
Gewiss, Mrs. Dogan. Allerdings sind die Papiere in die-
sem Ordner fast ausschlielich Originale. Ich lasse Ihnen
von meiner Sekretrin Kopien anfertigen, die Sie dann gerne
mitnehmen knnen.
ber sein Telefon veranlasst er die ntigen Schritte.
Nachdem der Professor sich und seinem Gast eine zweite
Tasse Kaffee eingegossen hat, greift er das Gesprch wieder
auf:
Es ist davon auszugehen, dass dieser krperliche und see-
lische Verfall meiner Frau weiter fortschreiten wird. Nach-
dem sie nun alle Kinder vor mir weggesperrt hat, versucht
sie mir das Haus und mein Gehalt wegzunehmen. Wie soll
ich jemals wieder eines meiner Kinder bei mir aufnehmen
knnen, wenn ich ruiniert bin und zum Beispiel in einer
kleinen Mietswohnung leben muss?
Mrs. Dogans Gesicht wirkt ziemlich finster, als sie den
Professor fragt:
Was heit denn: die Kinder weggesperrt?
Dieser glaubt einen Funken von Verstndnis in den Augen
der Jugendamtvertreterin zu sehen und erwidert:
Well, Madam, es ist unglaublich, aber leider wahr. Ich
darf meine Kinder schon seit vielen Monaten weder sehen
noch am Telefon sprechen. Jedes Mal, wenn ich in Las Vegas
anrufe, heit es, die Kinder seien fr mich nicht zu sprechen
und meine Geschenkpckchen, die ich regelmig schicke,
werden kontrolliert und kommen teilweise wieder zurck.
Da meine Frau sehr viel verreist, werden meine Kinder
von Angestellten beaufsichtigt, whrend ich hier alleine he-
105
rumsitzen muss. Das ist doch nicht normal und schon gar
nicht zum Wohle der Kinder. Bitte, Mrs. Dogan, helfen Sie
mir, damit dieser Wahnsinn mglichst bald ein Ende hat
und ich meine Kinder wieder sehen und sprechen kann.
Mrs. Dogan rckt auf ihrem Sitzplatz unruhig hin und her,
als knne sie es kaum erwarten, ihre Eindrcke zu Papier zu
bringen. Schlielich erwidert sie:
Ich verspreche Ihnen, Sir, dass ich schnellstmglich ein
entsprechendes Gutachten anfertigen und dem Familienge-
richt zuschicken werde. Ihre Sorge, Herr Professor, dass Sie
ohne Ihr gerumiges Umfeld die Kinder nicht mehr empfan-
gen oder gar aufnehmen knnen, teile ich uneingeschrnkt.
Im brigen wird Ihnen der Richter mit Sicherheit einen aus-
reichenden, finanziellen Grundstock zusprechen, damit Sie
auch in Zukunft Ihrem Job als Wissenschaftler und Hoch-
schullehrer adquat nachgehen knnen. Denn als Sozialhil-
feempfnger in einem Obdachlosenheim ntzen Sie Ihrer
geldgierigen Frau schlielich auch nichts.
Professor Lebib winkt mde mit den Hnden ab, als er mit
Blick auf seine Vergangenheit sagt:
Ich glaube mehr und mehr, es geht meiner Nochehefrau
weniger um mein Geld, als vielmehr mich am Boden zu se-
hen. Ich frage mich nur, warum? Schlielich habe ich immer
alles mit meiner Familie geteilt und nicht im Traum daran
gedacht, meine Lieben jemals im Stich zu lassen.
Mrs. Dogan nickt verstndnisvoll und verspricht dem ver-
lassenen Familienvater nochmals:
Sir, ich werde Sie untersttzen, so gut ich kann, damit Ih-
re Frau Sie nicht ruinieren kann und Sie endlich wieder Kon-
takt zu Ihren Kindern bekommen. Was diese rcksichtslose
Person mit ihrer eigenen Gesundheit und ihrem Privatleben
macht, ist deren persnliche Angelegenheit. Als zustndiges
Jugendamt knnen wir es aber nicht zulassen, dass darunter
alle Familienmitglieder leiden mssen oder gar in einen Ab-
wrtssog mit hineingerissen werden.
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Die Frau vom Jugendamt erkundigt sich bei Professor Le-
bib freundlich nach der genauen Uhrzeit und erhebt sich
schlielich vom Sofa mit den Worten:
Herr Professor, ich werde mich erst mal im Amt mit eini-
gen Kollegen besprechen und Ihnen den Entwurf meines
Gutachtens in den nchsten Tagen zur Durchsicht zuschi-
cken. Wir sollten dann miteinander telefonieren oder uns
noch einmal zusammensetzen.
By-bye, Professor Lebib.
Der Professor ist sichtlich erleichtert, bedankt sich fr die
Untersttzung und verabschiedet seinen Gast mit einem
krftigen Handschlag. Im Sekretariat hndigt die Sekretrin,
wie besprochen, Mrs. Dogan einen dicken Packen Kopien im
Vorbeigehen aus und bringt die Besucherin noch zur Auen-
tr des Instituts.
Die Zeit bis zu seiner Vorlesung um halb zwlf verbringt
Professor Lebib mit dem Aufarbeiten der vielen Stapel Pa-
pier, die sich in den letzten Wochen auf seinem Schreibtisch
angesammelt haben.
Nach diesem Gesprch mit dem Jugendamt kann er wie-
der etwas hoffnungsvoller in die nahe Zukunft blicken. So
jedenfalls empfindet er seine momentane Situation. In aller
Ruhe trinkt er seine Tasse leer und geht die entsprechenden
Graphikdateien auf seinem Laptop fr die nchste Vorle-
sungsstunde der Reihe nach durch.
Dann macht er sich auf den Weg zum kleinen Hrsaal des
Instituts und verkabelt seinen tragbaren Personalcomputer
mit dem Beamer. Seine erste Figur, die er an die Wand pro-
jiziert, zeigt die Oberflche einer Nervenzelle mit den ange-
dockten Synapsen in bunter, dreidimensionaler Darstellung.
Professor Lebib begrt seine Studenten kurz und beginnt
sofort mit seinen Erluterungen:
Wie Sie sich vielleicht noch erinnern knnen, besteht un-
ser Grohirn aus mehr als zehn hoch zehn der in der Gra-
phik dargestellten Neuronen. Um die informationstechni-
107
schen Mglichkeiten dieser ungeheuren Anzahl von ber
zehn Milliarden Nervenzellen eines einzigen Hirnbereichs
besser beurteilen zu knnen, mssen wir uns erst mal die
Leistungsfhigkeit einer einzelnen Hirnzelle vergegenwrti-
gen.
Mit seinem Lichtgriffel weist er auf kleine bluliche Bah-
nen hin, den so genannten Synapsen, die auf der Zelloberfl-
che in groer Anzahl verlaufen und deren Enden wie Leiter-
bahnen in elektronischen Schaltungen quasi verltet sind.
Und er erklrt:
Ladies and Gentlemen, jede einzelne unserer Hirnzellen
besitzt zwischen tausend und zehntausend solcher Ltstel-
len. Beim genaueren Hinsehen stellt man allerdings fest,
dass die Synapsenenden mit der Zelloberflche nicht fest
verwachsen sind, sondern dass es einen kleinen Zwischen-
raum gibt, den so genannten
Synapsenspalt. In diesem Spalt knnen die Synapsenend-
kpfchen Spannungspotenziale fr die elektrische Weiterlei-
tung von Impulsen und Informationen aufbauen.
Insofern muss man diese biologischen Ltstellen eher als
biologische Schalter im Sinne von elektronischen Halbleiter-
schaltern sehen. Das bedeutet, dass die Leistungsfhigkeit
einer Nervenzelle in der Sprache der Computertechnik der
Schaltkapazitt von circa zehntausend Transistoren ent-
spricht. Und das auf geometrischen Abmessungen von Tau-
sendsteln Millimetern, Ladies and Gentlemen.
Darum ist der Unterschied zwischen einem kompletten
Biogehirn und einem Elektronengehirn bergewaltig, wenn
man erst mal die Verknpfungsmglichkeiten beider Syste-
me betrachtet. Alleine das Grohirn verfgt in der Summe
ber mehr als zehn hoch vierzehn Synapsenkpfchen, das
entspricht hundert Billionen Transistoren in einer Compu-
terschaltung.
108
Da der Professor bei diesen Zahlen nur unglubige Blicke
im Auditorium erkennt, benutzt er nochmals einen anschau-
lichen Vergleich:
Damit Sie sich diese riesigen Mengen an Informations-
bits
berhaupt noch vorstellen knnen, mchte ich bei dem Ver-
gleich mit Rechnerchips bleiben. Nehmen wir an, dass auf
einem hchst-integrierten Halbleiterchip von der Gre ei-
ner kleinen Mnze zehn Millionen Transistoren verschaltet
sind, dann bruchte man alleine fr die rechentechnische
Leistungsfhigkeit unseres Grohirns mehr als zehn Millio-
nen solcher Halbleiterchips.
Und weiter:
Well, in den bisher realisierten Hchstleistungsrechnern
fr wissenschaftliche Anwendungen sind gerade mal ein
paar Hundert Rechnerchips im Parallelverbund vereinigt.
Sie sehen, dear
Students, welche Innovation und welcher Quantensprung
bezglich Packungsdichte und Schaltungskapazitt fr die
Computerbranche im bergang von den Halbleiterchips zu
den Biochips steckt.
In der Hoffnung seine Studenten nicht zu berfordern,
fhrt der Professor in seinen Ausfhrungen weiter:
Die Information besteht in beiden Systemen aus elektri-
schen Potenzialen, die im Falle von Halbleiterzellen eindeu-
tig sind und nur die beiden binren Zustnde Spannung da
oder Spannung nicht da annehmen knnen. Man spricht
auch von EIN oder AUS des Transistorschalters, bezie-
hungsweise von logisch NULL oder logisch EINS.
Beim Informationstransport in Biozellen kommen an den
Synapsen frequenzmodulierte Impulsketten an. Durch Aus-
senden von Moleklen in die Membran der Empfngerzelle
bauen die am Informationskanal beteiligten Synapsen mit
ihren Endkpfchen ein steigendes Potenzial auf, das beim
berschreiten einer Schwelle ber die betreffende Nerven-
109
zelle an die Synapsen der nchsten Nervenzelle weitergelei-
tet wird.
An den Gesichtern erkennt Professor Lebib, dass das Ge-
sagte den Zuhrern nicht besonders verstndlich geworden
ist. Und deshalb fgt er schnell an:
Ich mchte Sie bitten, diesen Mechanismus bei der Wei-
terleitung von Bioinformationen erst einmal nur zur Kennt-
nis zu nehmen. Denn, wir werden uns im Weiteren wieder
verstrkt der Information als solcher und deren software-
mige Verarbeitung im Gehirn zuwenden. Dabei ist der de-
taillierte Informationsweg in den Nervenzellen und Neuro-
nen eher nebenschlich. Sie mssen das so sehen, wenn man
die Programme eines Personalcomputers benutzt oder neue
schreibt, muss man die Schaltzustnde der Mikrochips ja
auch nicht kennen. Das eine ist die Hardware, das andere ist
die Software und genau auf die wollen wir in Zukunft wieder
hauptschlich unser Augenmerk richten.
Ein Aufatmen geht bei diesen Worten durch den voll be-
setzten Hrsaal. Der Professor kann die etwas technikscheue
Einstellung seiner Studenten verstehen, muss doch das in-
terdisziplinre Bewusstsein fr dieses neue Fachgebiet der
Biotronics erst noch in ihren Kpfen heranwachsen.
Bei dem Wort Computer fiel dem Hochschullehrer ein
wichtiges Unterscheidungsmerkmal ein, auf das er seine
Studenten noch mit den Stzen hinweist:
Whrend unser Gehirn in seiner Komplexitt einem
Computer weit berlegen ist, liegt das Elektronengehirn in
seinen Bitraten beim Datenaustausch mit der Peripherie
haushoch ber unseren geistigen Fhigkeiten. Dieser Um-
stand macht die Kommunikation zum Beispiel zwischen
Menschen so extrem langsam. Man kann diese Schnittstel-
lenmerkmale selbstverstndlich auch anschaulich formulie-
ren. Das heit, die Informationen, die man als Mensch an
einem Tag aufnehmen und verarbeiten kann, tauschen
Computer im Bruchteil einer Sekunde miteinander aus.
110
Ein allgemeines Raunen geht bei diesem anschaulichen
Vergleich durch die Zuhrerschaft. Als sich das einsetzende
Gemurmel der Anwesenden wieder beruhigt hat, setzt Pro-
fessor Lebib seinen Vortrag fort:
Aber auch was die Speicherzeit der im Gehirn eingehen-
den Informationen angeht, sind wir Menschen einem Com-
puter hoffnungslos unterlegen. Zum einen nehmen wir den
grten Teil der von unserer Umgebung ausgehenden In-
formationen berhaupt nicht wahr.
Zweitens ist die Aufnahmekapazitt unseres biologischen
Kurzzeitspeichers sehr klein und dessen Inhalt geht inner-
halb weniger Sekunden bereits wieder verloren.
Drittens mssen die Informationen in unserem mittelfris-
tigen Speicher stndig wiederholt, gebt oder betont wer-
den, um sie vor der Lschung nach wenigen Stunden zu be-
wahren.
Viertens wird berhaupt nur ein ganz geringer Teil von
wenigen Prozentpunkten der aufgenommenen Informatio-
nen in unserem Langzeitspeicher fr immer, sozusagen le-
benslang, abgelegt.
Um seine Studenten mental etwas zu entlasten, ent-
schliet sich der Professor fr einen praktischen Vergleich,
den jeder von sich selbst kennt:
Ladies and Gentlemen, als akademisch gebildete Men-
schen kommt Ihnen das Gesagte bestimmt nicht fremd vor.
Jeder von Ihnen wei, dass Lernen ein sehr anstrengender
Prozess ist, bei dem man durch Kopfarbeit das Gehirn pro-
grammieren muss. Auerdem muss das erlernte Wissen
stndig wiederholt und benutzt werden, sonst geht es schnell
wieder verloren.
Er tippt eine neue Graphik auf dem Flachbildschirm sei-
nes Laptops an und erlutert seinen Zuhrern:
Um Informationen und Wissen in den Neuronen des Ge-
hirns abzuspeichern, bentigen diese Nervenzellen chemi-
sche Energie, die nur unter hoher Konzentration und An-
111
strengung im Kopf aufgebracht werden kann. Wissen zu be-
halten erfordert zustzliche geistige Kraftanstrengungen.
Und weiter:
Kopfarbeit, dear Students, fhrt zu einer vermehrten E-
nergiezufuhr in den Synapsenspalten, die dadurch eine
leichte Verfilzung bekommen und so ihre Schaltfhigkeit
verbessern. Im Volksmund spricht man in diesem Zusam-
menhang nicht ohne Grund von Hirnschmalz.
Professor Lebib blickt auf die Uhr und sieht, dass ihm nur
noch fnf Minuten bis zum Ende der heutigen Vorlesungs-
stunde bleiben. Er entschliet sich spontan, nochmals peri-
pher auf den neuen Sonderforschungsbereich an seinem In-
stitut einzugehen:
Ladies and Gentlemen, wenn es uns eines Tages gelingt,
das Gehirn von auen mit energiereichen Impulsen zu pro-
grammieren, knnten die riesigen Leistungsreserven unse-
res Gehirns quasi im Schlaf mitgenutzt werden. Sie mssen
wissen, dass selbst ein Genie nur zehn Prozent seiner geisti-
gen Fhigkeiten ausnutzt. Das heit, neunzig Prozent der
Gehirnkapazitt liegen selbst bei einem extrem intelligenten
Menschen noch brach und knnten programmiert werden.
Ein Raunen quer durch die Studentenschaft zeigt dem
Professor an, dass diese Vorstellung auf allgemeines Interes-
se stt. Halb im Spa fgt er noch an:
Vielleicht knnen wir schon bald jedem Menschen das
gewnschte Wissen einfach ber eine technisch-biologische
Schnittstelle per Kabel einprogrammieren, aktualisieren o-
der auffrischen. Wenn man so will, Intelligenz aus dem Au-
tomaten zu Fast-Food-Preisen. Natrlich, Ladies and Gent-
lemen, darf eine externe Programmierung des Gehirns nicht
zu schnell erfolgen, da sonst lokale berhitzungen die Sy-
napsen und Neuronen zerstren wrden.
Wir arbeiten am NIB mit vierzehn Wissenschaftlern sehr
intensiv an diesen und hnlichen Fragestellungen. Sollte der
eine oder andere unter Ihnen Interesse an dieser Zukunfts-
112
forschung finden, knnen Sie sich im Rahmen einer Stu-
dienarbeit, Diplomarbeit
oder Doktorarbeit bei uns wissenschaftlich qualifizieren.
Nhere Ausknfte erhalten Sie in meiner Sprechstunde oder
bei meinem Kollegen Dr. Snider.

Professor Lebib hat nebenbei seine Utensilien zusammenge-
packt und eilt nun in Richtung Bro, wo er mit seinem
Freund zum Mittagstisch verabredet ist. Seit der Professor
alleine zu Hause mit seinem Stubentiger leben muss, geht er
wieder hufiger mit Dr. Snider in der Mensa essen.

An einem der folgenden Nachmittage ruft Professor Lebib
beim Jugendamt der Stadt an, um sich ber die Stellung-
nahme der zustndigen Sachbearbeiterin, Mrs. Dogan, zu
erkundigen. Irgendwie hat er schon seit Tagen ein merkwr-
diges Gefhl. Warum hat sie sich nicht, wie vor ber drei
Wochen in seinem Bro an der Universitt abgesprochen,
zwischendurch telefonisch rckgekoppelt?
Nach dreimaligem Klingeln in der Leitung, meldet sich ei-
ne Frauenstimme:
Stdtisches Jugendamt, Dogan.
Hello, Mrs. Dogan. Hier ist Professor Lebib. Ich wollte
mich erkundigen, wie weit Sie mit Ihrem Gutachten fr das
Familiengericht gekommen sind.
Das verlegene Ruspern am anderen Ende der Leitung
lsst nichts Gutes vermuten:
Well, Professor Lebib, nach Rcksprache und Beratung
mit meinen Kollegen und meinem Vorgesetzten, kann ich
Ihre Bedenken nicht mehr uneingeschrnkt teilen. Ihren
Kindern geht es in Las Vegas ganz gut, sie wollen nicht mehr
zurck und Ihre Frau scheint alles gut im Griff zu haben. Der
von Ihnen befrchtete Ernstfall, dass Sie die Kinder viel-
leicht eines Tages wieder aufnehmen mssten, wird von uns
als nicht besonders wahrscheinlich angesehen.
113
Der Professor sieht seine schlimmsten Befrchtungen bes-
ttigt und erwidert hastig:
Entschuldigen Sie bitte, wenn ich Sie unterbreche. Das
entspricht doch berhaupt nicht mehr dem, was Sie mir ge-
genber geuert haben. Warum haben Sie Ihre Meinung
um hundertachtzig Grad gendert, Mrs. Dogan? Woher
kommt denn die pltzliche Angst vor der eigenen Courage?
Mit diesen Worten macht der Professor seiner aufkeimen-
den Enttuschung Luft. Als vom anderen Ende keine Reakti-
on kommt, fgt er noch an:
Anscheinend hat Ihnen meine Frau erfolgreich gedroht,
dass sie mit einem Fernsehteam in Ihrem Bro aufkreuzen
wird, wenn Sie ihre Wnsche nicht befriedigen. Das ist eine
alte Masche von ihr, in der sie bung hat und mit der sie
schon oft widerspenstige Staatsdiener weichgeklopft hat.
Sollte mich nicht wundern, wenn dem zustndigen Famili-
enrichter diese Behandlung auch noch bevorsteht.
Um nicht allzu schlecht dazustehen, gibt die Dame vom
Jugendamt dem enttuschten Vater noch einen Rat:
Es tut mir sehr Leid, Herr Dr. Lebib, dass ich nicht mehr
fr Sie tun kann. Aber ich musste in meinem Gutachten auch
Rcksicht auf die Meinung meines Chefs nehmen. Wenn Sie
wollen, gebe ich Ihnen die Adresse eines erfahrenen An-
walts, der sich schon oft in solchen Auseinandersetzungen
erfolgreich fr Vter vor Gericht durchgesetzt hat.
Der Professor lehnt mrrisch mit den Worten ab:
Vielen Dank fr dieses Angebot. Aber das ist es ja gerade,
was ich nicht mchte, dass nmlich meine Kinder auch wei-
terhin immer wieder von irgendwelchen Gutachtern ausge-
quetscht und drangsaliert werden.
Thanks, Mrs. Dogan and good-bye.
Der Professor legt sichtlich resigniert den Hrer auf und
atmet tief durch. Dabei berlegt er fieberhaft, wie schafft es
diese Frau immer wieder, dass jeder nach ihrer Pfeife tanzt?
Wenn das ber lange Telefonleitungen bei fremden Men-
114
schen schon so gut funktioniert, unter welchem immensen
Druck mssen dann erst seine Kinder stehen, die ihr lokal
ausgeliefert und intellektuell unterlegen sind?
Es wird ihm schlagartig bewusst, dass mit diesem mutter-
freundlichen Gutachten seines Jugendamtes der anstehende
Gerichtsprozess bereits zu hundert Prozent fr ihn verloren
ist.
Dennoch, Professor Lebib fhlt sich mit einem Male ei-
genartig leicht ums Herz und pltzlich erinnert er sich an die
Worte eines mnnlichen Leidensgenossen, der vor Tagen in
einer Talkshow im Fernsehen sagte:
Die Trennung von meinen Kindern war die Hlle fr
mich; aber dieser Schmerz wurde weitgehend durch die
Freiheit vor den Hasstiraden meiner Ex wieder aufgehoben.
Unterm Strich war die Scheidung fr mich und die Kinder
ein Segen, der uns berhaupt erst die Chance auf einen zag-
haften Neubeginn in den Folgejahren gegeben hat.
Auf die Frage des Moderators der Sendung, ob er sich vor-
stellen knne, warum in so vielen Ehen aus Liebe allzu
schnell Hass wird, erwiderte der Talkgast damals spontan:
Well, meine Scheidung liegt nun Jahre zurck und ich
habe wieder einen normalen Kontakt zu meinen Kindern,
die inzwischen leider schon sehr gro geworden sind. Natr-
lich habe ich mir auch viele Gedanken zu Ihrer Frage ge-
macht. Fr mich sieht die Sache inzwischen sehr einfach aus
und ich bekomme das berall in meinem Bekanntenkreis
immer wieder anschaulich besttigt.
Er schluckt vor innerer Aufregung und fhrt schlielich
wie ein Wasserfall fort:
Die Ehen beginnen immer hoffnungsvoll, weil neben der
frischen Liebe vor allen Dingen der unbndige Wunsch der
meist jungen Ehefrauen nach Nachwuchs fr ein erflltes
Liebesleben sorgt. Sind die Nachkommen in der gewnsch-
ten Anzahl da, lsst das Liebesleben kontinuierlich nach, bis
die Ehefrauen dann im Alter zwischen vierzig und fnfzig
115
meist berhaupt keine Lust mehr auf Sex verspren. Die e-
helichen Pflichten schlafen ein und die Mnner stehen mit
ihren Trieben pltzlich mutterseelenallein da.
Der Moderator unterbrach seinen Gast in der Sendung auf
Kanal zweihundertzehn mit keinem Wort, da er ganz genau
das groe Interesse seines Studiopublikums sprte. In einer
Totalaufnahme war damals weiter zu sehen und zu hren:
Als normaler Mann hat man in dieser neuen Phase seines
Lebens eigentlich nur zwei Mglichkeiten. Entweder man ar-
rangiert sich, verzichtet gewaltsam auf Sex und program-
miert damit unweigerlich sein Prostataleiden vor oder man
ist konsequent, geht fremd und lsst sich scheiden. Die erste
Mglichkeit wird am meisten gewhlt, da man seinen gesell-
schaftlichen Status wahren und den angestauten Druck sei-
ner besseren Ehehlfte tagtglich mit kleineren Sticheleien
und Gemeinheiten heimzahlen kann. Diese Lsung ist aber
unbefriedigend und geht auf die Knochen.
Eine spontane Lachsalve unterbrach in der damaligen
Sendung den Redner, der sich des humoristischen Inhalts
seiner Aussage gar nicht bewusst war. Der Hobbyphilosoph
war aber noch nicht am Ende seiner Erkenntnisse ange-
kommen:
Die zweite Variante hingegen ist sehr teuer und am An-
fang extrem schmerzlich, da die Kinder bei der Mutter blei-
ben und meist noch nicht erwachsen sind. Langfristig aber
ist diese Lsung die einzig wahre Chance, seinem Leben
wieder eine sinnvolle Richtung zu geben. Ich persnlich ha-
be mir inzwischen wieder eine neue Familie aufgebaut und
ich freue mich riesig ber die hufigen Besuche meiner Kin-
der aus erster Ehe. Mit meiner Ex habe ich keinerlei Kontak-
te mehr.
Das Publikum bedankte sich mit einem tosenden Beifall
bei dem Redner.

116
Die Mine des Professors hat sich bei dieser fast vergessenen
Erinnerung merklich aufgehellt und er redet leise zu sich
selbst:
Sehr wahrscheinlich werde auch ich das eine oder andere
meiner Kinder erst wiedersehen, wenn diese erwachsene
Menschen geworden sind und auerdem der Hasswahn ih-
rer Mutter nicht alle Vernunft und Erinnerungen in ihren
Herzen zerstrt hat. Und fr eine neue Beziehung, Henry,
wre es auch allerhchste Zeit. Was kannst du schlielich
dafr, dass das Bedrfnis nach Streicheleinheiten und das
Verlangen nach sexueller Befriedigung bei Mnnern ber
vierzig Jahre noch lngst nicht eingeschlafen sind? Hat die
Evolution bei der Programmierung von Mnnern und Frau-
en einen Fehler gemacht? Und heit das am Ende, dass Ehe-
paare gar nicht auf Gedeih und Verderb zusammenbleiben
mssen, so wie es uns die Moralapostel der Kirchen stndig
predigen?
Nach einem kleinen Schluck aus seinem Brandy-
Schwenker greift Professor Lebib energisch zum Telefonh-
rer, um seine Anwltin anzurufen und ihr den Auftrag zu er-
teilen, die Scheidung von seiner Frau beim hiesigen Famili-
engericht unverzglich einzureichen.
Das drngende Gefhl, endlich diese grauenhafte Situati-
on fr seine Kinder und sich beenden zu mssen, beginnt in
ihm zu keimen. Er sprt genau, dass er sein Privatleben wie-
der selbst in die Hand nehmen und einen Neuanfang starten
mchte. Wie es aussieht, leider ohne seine Kinder. Zunchst
jedenfalls.
Der nachdenkliche Vater geniet die wohltuende Wrme
des hochprozentigen Brandys im Bauch und er ist sich abso-
lut sicher, dass er mit seiner Nochehefrau kein einziges Wort
mehr reden wird, solange er lebt. Das werden selbst seine
Kinder eines Tages verstehen. Da ist er sich ganz sicher.

117
Lebewesen und Pflanzen sind
programmierte Materie, mit
kurzem Haltbarkeitsdatum.


Viertes Kapitel
Die schwarze Limousine der amerikanischen Unternehmer-
familie Narok verlsst, wie an jedem Werktagmorgen, die
von einem Park umschlossene Nobelvilla im feinen Berverly
Hills, um die einzige Tochter des Hauses zum College im na-
he gelegenen Hollywood zu chauffieren. Auffallend an dem
sieben Meter dreiundzwanzig langen Luxuswagen ist der
Trauerflor am Emblem auf der linken Seite der Motorhaube.
Elektronische Gerte von Narok-Electronics genieen Welt-
ruf und werden in vielen Montagewerken berall auf dem
Globus produziert und in die Geschfte gebracht. Die Pro-
duktpalette reicht von intelligenten, elektrischen Haushalts-
gerten, sowie technischen Spitzenprodukten fr die Auto-
mobil- und Luftfahrtindustrie, bis hin zu modernsten,
medizintechnischen Apparaten fr Arztpraxen und Kran-
kenhuser. Der Firmengrnder, Mr. Gerry W. Narok senior,
verstand es, seit der Betriebsbernahme von seinen Eltern
vor dreiig Jahren, qualitativ hochwertige Produkte durch
konsequente Automation der Produktionslinien und stndi-
ge Motivation der Mitarbeiter zu erschwinglichen Preisen
herzustellen und untersttzt durch eine aggressiv-
intelligente Werbestrategie an den Mann beziehungsweise
die Frau zu bringen. Leider blieben beim Ausbau der alten
Fabrikationsanlagen in ein modernes, hoch automatisiertes
Weltunternehmen und bei der Realisierung zweistelliger
Wachstumsraten groe Teile seines Privatlebens auf der
Strecke.
118
Auf dem farbigen Display des bordeigenen Multimedia-
Systems lsst die fnfundzwanzigjhrige Studentin noch-
mals die letzte Vorlesungsstunde in Bioelektronics ablaufen,
um fr die nchste Veranstaltung optimal vorbereitet zu
sein. Sie hat sich vorgenommen, in maximal zwei Jahren ihr
Studium mit summa cum laude abzuschlieen, um sich mit
guten Chancen auf eine Doktorandenstelle am National In-
stitute of Biotronics bewerben zu knnen.
An der groen Auffahrt zum Unigelnde hlt der indisch-
stmmige Chauffeur an und entnimmt dem Kofferraum ei-
nen zusammengeklappten Elektro-Rollstuhl, den er behut-
sam ffnet und arretiert. Er hilft seiner gehbehinderten
Insassin in die bequeme Fahrhilfe und stellt ihr wie immer
die Frage:
Madam, soll ich Sie wirklich nicht bis zum Hrsaal be-
gleiten und Ihnen die schwere Aktentasche tragen?
Mrs. Malsi Narok lchelt und meint:
Not necessary, Ajulellah. Das kurze Stck schaffe ich
schon alleine. Bitte holen Sie mich um high noon hier wieder
ab, damit ich rechtzeitig zum Lunch zu Hause bin.
Mit einer hflichen Verbeugung verabschiedet sich der
dunkelhutige Fahrer von der Tochter seines gewaltsam ver-
storbenen Brtchengebers:
Okay, bye-bye, Mrs. Narok. I wish you a nice and suc-
cessful day.
Der Chauffeur schwingt sich hinter das Lenkrad der dun-
kel lackierten Limousine und wartet noch am Straenrand,
bis sein gehbehinderter Fahrgast in der Menge der Studenten
in Richtung Hauptportal verschwunden ist. Whrend der
Heimfahrt kommen Bilder der Erinnerung in ihm hoch und er
denkt angespannt vor sich hin:
Was fr ein groes, hbsches und tapferes Mdchen sie
immer noch ist. Sie hatte damals groes Glck, als sie bei
dem hinterhltigen Attentat auf ihren berhmten Vater Gerry
Narok nur ganz knapp dem Tod entronnen ist. Die ferngezn-
119
dete, zehn Kilogramm schwere Plastikbombe war auf der
Fahrerseite unter der Motorhaube versteckt und hatte den
Vater auf der Stelle gettet. Nur der Umstand, dass das Md-
chen im hinteren Teil des langen Wagens sa, hat ihr das Le-
ben gerettet. Allerdings blieb sie nicht unverletzt, denn die
Wucht der Detonation hat ihr beide Beine zerfetzt. Das war
vor vielen Jahren, als Malsi noch ein Teenager war und ihr
Vater sie persnlich zur Highschool gefahren hatte. War es
Schicksal oder einfach nur Riesenglck, dass ich ausgerech-
net an diesem grauenhaften Tag frei hatte?
Und so sieht es der in dunkler Uniform gekleidete Chauf-
feur als seine heilige Pflicht an, wie ein Schutzengel auf das
junge Frulein und deren leidgeprfte Mutter aufzupassen
und sie ber den schweren Verlust hinwegzutrsten. Dieser
feige Mordanschlag hat seinen Seniorchef mehr oder weni-
ger durch Zufall und stellvertretend fr alle Wirtschaftsbosse
getroffen, da ein persnliches Motiv durch das Bekenner-
schreiben am Tatort von der Polizei mit hoher Wahrschein-
lichkeit ausgeschlossen werden konnte.
Die beiden mutmalichen Tter und Terroristen stamm-
ten aus der Linken US-Szene, die aus fanatischem Wahn
wahllos Attentate auf Prominente aus Politik und Wirtschaft
ausben. Die Tter seines Chefs wurden bereits zehn Monate
spter bei der Vorbereitung eines hnlichen Attentats ge-
schnappt und in einem medienwirksamen Schauprozess zu
mehrfachen Todesstrafen verurteilt. In dieser traurigen und
hektischen Zeit war die indische Ruhe und Ausgeglichenheit
des Butlers fr die trauernde Mutter und Tochter von gro-
em Nutzen. Nur, so fragt sich der asiatische Mann, was
ntzt den Hinterbliebenen der Opfer, wenn der Mord nicht
sofort geshnt wird und die Mrder vielleicht jahrelang in
der Todeszelle auf ihre Hinrichtung warten? Die Leidtragen-
den bleiben mit ihrem Schmerz stets alleine zurck und Ver-
geltung, wann und wie auch immer, hilft bei der Trauer um
einen geliebten Menschen sowieso nur wenig.
120
Wie im Film ziehen die letzten Jahre im Haus Narok am
berhmten Boulevard Drive in Beverly Hills an seinem geis-
tigen Auge vorber und er sieht die unendliche Trauerzeit
der Mutter, die pltzliche Leere und Sprachlosigkeit in die-
sem groen Luxushaus, dann Jahre spter die prachtvolle
Hochzeit der jungen Lady mit ihrem Mrchenprinzen, die
wundervolle Hochzeitsreise rund um den Globus und die
vielen anderen Reisen in allen Himmelsrichtungen, auf die
er das junge Paar als Bodyguard, Chauffeur und Butler be-
gleiten durfte. Mrs. Narok junior hatte whrend all den Jah-
ren in bewundernswerter Weise gelernt, mit ihrer Behinde-
rung umzugehen und zu leben. Allerdings fiel ihm auf, dass
ihr neben der krperlichen Behinderung ihre ungewollte
Kinderlosigkeit sehr zu schaffen machte und dadurch in die
Beziehung zu ihrem Ehemann stark belastet wurde. Die Ge-
sprche beim Breakfast, Lunch und Diner wurden in letzter
Zeit immer krzer und einsilbiger und sind seit dem Semes-
terbeginn der jungen Frau fast ganz eingeschlafen.
Ihr fnf Jahre lterer Ehemann war von Anfang an strikt
gegen die Studienplne seiner Frau und er hatte deshalb
auch schon des fteren mit ihr heftig gestritten und mit sei-
nem Auszug aus der Villa gedroht. Trotzdem hat seine Ehe-
frau und Juniorchefin des Milliardenschweren Narok-
Imperiums das Studium der Biotronics an der hiesigen Uni-
versitt aufgenommen. Insbesondere weil ihr der Instituts-
leiter, Professor Dr. Lebib, mit der Aussicht auf intelligente
Beinprothesen neuen Lebensmut gemacht hat.
Das war ein unbeschreibliches Glcksgefhl fr die bein-
amputierte junge Frau, als ihr der Professor bei einer Vorun-
tersuchung vor ca. zwei Jahren sein neues Verfahren vorge-
stellt hatte. Spontan hatte sie sich entschlossen, diese
einmalige Chance auf ein neues Leben ohne Rollstuhl zu er-
greifen.
Auerdem lie sie sich damals gleich als Gasthrerin fr
Biotronics an der University of Hollywood immatrikulieren,
121
und bereits nach den ersten Schnupper- und Vorlesungs-
stunden stand fr sie fest, dass sie diese fantastischen Mg-
lichkeiten moderner Prothetik intensiv studieren wollte, um
ihr Wissen dann spter ebenfalls an Patienten weitergeben
zu knnen. Von diesem eingeschlagenen Weg lie sie sich
durch niemanden mehr abbringen, auch nicht von ihrem
Ehemann.

Als Ajulellah die stretched Limousine die Zufahrt zum An-
wesen der Unternehmerfamilie hoch lenkt, sieht er Mrs. Na-
rok senior zwischen den hohen Marmorsulen der ber-
dachten Eingangsterrasse ungeduldig auf- und abgehen.
Seit dem gewaltsamen Tod ihres Ehemanns hat sie sich
voll ganz im Familienkonzern engagiert und die ehrgeizigen
Visionen sowie die unternehmerischen Zielvorstellungen ih-
res Mannes durch ihre persnlichen Ideale und sozialen
Vorstellungen gegen alle Widerstnde beharrlich ersetzt.
Aber Selbstbescheidenheit und Verzicht, unabhngig vom
Umsatz und Gewinn gegenber dem profitorientierten Ma-
nagement der Firma durchzusetzen, war und ist fr sie im-
mer noch sehr schwer. Und dennoch waren es gerade die
unkonventionellen und sozialen Entscheidungen dieser zier-
lichen Frau, welche die Umstze in den letzten Jahren gegen
den Trend berproportional steigen lieen.
Der indische Chauffeur stoppt und ffnet seiner Senior-
chefin mit einer leichten Verbeugung die hintere Wagentr.
Elegant lsst sie sich auf das luxurise Sofa im Font des kli-
matisierten Wagens gleiten. Wie immer kommt aus dem CD-
Player eine entspannende Instrumentalmusik mit fernstli-
chem Hintergrund und auf dem kleinen Party-Tisch liegen
die wichtigsten Tageszeitungen aus aller Welt.
Der Fahrer bringt seine attraktive Seniorchefin ber den
stark befahrenen Highway einhundertfnf in die City von
Los Angeles, wo das Hauptverwaltungsgebude in einem vor
Erdbeben sicheren Hochhaus untergebracht ist. Gegen Ende
122
der einstndigen Fahrt erzhlt Mrs. Narok dem Chauffeur
durch die Trennscheibe, dass sie heute Morgen fr ungefhr
eine Stunde an einer Vorstandssitzung teilnehmen muss, in
der als einziger Tagesordnungspunkt die Errichtung eines
Hilfsfonds oder einer Stiftung gegen das Elend in der Welt
steht. Weitere Einzelheiten gibt die Witwe nicht bekannt,
aber dem Fahrer fllt schon seit geraumer Zeit auf, dass sie
ihre hohen Ansprche in Sachen Luxus mehr und mehr in
Frage zu stellen scheint. Wie sonst sollte sich der indische
Angestellte das unbersehbare Engagement seiner Vorge-
setzten fr die Vergessenen, Ausgebeuteten und Chancenlo-
sen in groen Teilen unserer Welt erklren.
So zum Beispiel der vllig verwahrloste und stark gehbe-
hinderte Bettler in der Fugngerzone, den sie letzten Monat
spontan beim Stop an einer Kreuzung angesprochen und
zum Frhstck in ein nahe gelegenes Caf eingeladen hatte.
Die traurige Lebensgeschichte und die aussichtslose Per-
spektive dieses armen, hoffnungslosen Menschen hat sie so
mitgenommen, dass sie ihm gleich in ihrer Firma eine ad-
quate Beschftigung im Logistikbereich anbot.
Oder der traurige Einwandererjunge, der vor der luxuri-
sen Eingangshalle des neu erffneten Shoppingtempels mit
seiner alten Geige stand und vom Sicherheitsdienst gerade
in die Mangel genommen wurde. Mrs. Narok lie die Limou-
sine stoppen und bat den weinenden und verzweifelten Jun-
gen zu sich in den Wagen. Aufgrund ihrer Beziehungen war
es fr sie eine Kleinigkeit, auch diesem Zu-kurz-
Gekommenen samt seiner bettlgerigen Mutter und geistig
retardierten Schwester eine stabile Zukunftsperspektive zu
geben.
Solche Aktionen dieser groen, eleganten Dame und Che-
fin von sechseinhalbtausend Angestellten und Arbeitern fin-
den die volle Sympathie und Bewunderung ihres Fahrers,
der das unsgliche Elend und das menschenverachtende Ne-
beneinander von Armut und Reichtum aus seiner Heimat In-
123
dien nur allzu gut kennt. Bevor die dunkelgekleidete Witwe
mit dem unendlichen Menschenstrom im Verwaltungsge-
bude der Konzernzentrale verschwindet, weist sie ihren
Chauffeur noch an:
Ajulellah, bitte warten Sie hier im Wagen auf mich. Ich
bin in einer guten Stunde wieder zurck. Auf der Rckfahrt
nach Beverly Hills holen wir dann zusammen meine Tochter
Malsi von der Universitt ab. Ach ja, noch etwas, bitte laden
Sie im Wagen die White-House News aus dem Internet her-
unter und drucken Sie mir den in der Presse gro aufge-
machten Beitrag ber die Entwicklungshilfe-Diskussion im
Senat aus. Bye-bye and see you later.
124
Nach der Vorlesung bittet Professor Lebib seine begabte
Studentin Malsi Narok noch zu einem kurzen Gesprch in
sein Arbeitszimmer im dritten Stock des Instituts of Biotro-
nics. Nachdem beide Platz genommen haben, erffnet er das
Gesprch mit den Worten:
Mrs. Narok, ich habe mit meinem Stellvertreter Dr. Sni-
der Ihren Krankheitsfall nochmals durchgesprochen und wir
sind bereingekommen, dass wir nchste Woche die Mikro-
adapter bei Ihnen einpflanzen und die Vermessung der
Beinprothesen vornehmen mchten. Wre ihnen Dienstag-
vormittag zehn Uhr passend?
Die junge Frau schaut ihn berrascht an und muss mit
den Trnen kmpfen, denn so lange hatte sie auf diesen Au-
genblick gewartet. berglcklich sagt sie zu und als ob sie
es nicht glauben kann, fragt sie ihren Professor und Lehrer:
Sir, werde ich nach der Behandlung tatschlich wieder al-
leine gehen knnen?
Der Direktor des Instituts fr Biotronics der Universitt
von Hollywood nickt und meint:
Sie werden sich wieder ohne fremde Hilfe frei bewegen
knnen. Und ich versichere Ihnen, dass auer Ihnen keinem
Menschen ihre mechanische Gehhilfe auffallen wird. Die
Beinprothesen werden von den Nervenzellen direkt ange-
steuert, so dass ein normaler aufrechter Gang wie mit echten
Beinen mglich ist.
Und er fgt noch scherzhaft hinzu:
Am New-York-Marathon sollten Sie allerdings erst mal
nicht teilnehmen. Ansonsten knnen Sie mit Ihren neuen
Beinen alles machen, was Sie wollen. Selbst in die Hocke ge-
hen oder hinknien werden sie nach dem kleinen operativen
Eingriff ohne Schwierigkeiten bewerkstelligen knnen.
Der Professor verabschiedet sich von seiner Patientin und
schickt sie zu seiner Sekretrin ins Vorzimmer, damit diese
die persnlichen Daten aufnehmen kann.
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Mit Trnen des Glcks in den Augen verlsst Mrs. Narok
junior mit ihrem elektrischen Rollstuhl das Unigelnde, um
auf ihren Chauffeur zu warten. Bereits nach wenigen Minu-
ten biegt die schwarze Limousine um die Ecke und hlt di-
rekt vor der jungen Frau im Rollstuhl an. Der Fahrer begrt
sie und hilft ihr in das gerumige Wageninnere der Limousi-
ne, in dem Malsi Narok von ihrer Mutter herzlich in die Ar-
me genommen wird.
Aufgeregt erzhlt die Tochter von ihrem Gesprch mit
Professor Lebib und mit jedem Satz hellt sich das Gesicht
der Mutter mehr und mehr auf. Sie gibt ihrer Tochter einen
dicken Kuss und flstert mit belegter Stimme:
Malsi, ich freue mich riesig fr dich. Wenn du wieder
laufen kannst, werden wir gemeinsam viel unternehmen,
das verspreche ich dir. Was haben wir nicht alles in den letz-
ten Jahren durchmachen mssen. Das knnen wir jetzt,
dank moderner Biomedizin, alles nachholen. Okay, my dar-
ling?
Yes, Mum. Ich kann es kaum erwarten, dass es losgeht.
Die beiden Frauen genieen schweigend und eng anein-
ander gelehnt den Rest des Weges. Nebenbei liest die Mutter
den Ausdruck aus den White-House News, den der Chauffeur
fein suberlich auf ihre Armlehne gelegt hat. Zwischendurch
schttelt sie stumm den Kopf. Auf dem Paper steht unter
anderem zu lesen, dass die Entwicklungshilfe der Vereinig-
ten Staaten von Amerika gerade mal vier Dollar pro US-
Brger und Jahr betrage, und dass damit die Kluft zwischen
medizinischer Versorgung und Ernhrung sowie Krankhei-
ten und Elend in der Dritten Welt nicht beseitigt werden
knne.
Um ihre Tochter mit solch unschnen Wahrheiten nicht zu
belasten, fragt sie sich leise wie im Selbstgesprch: Wie gut
lassen es sich doch die Menschen dagegen in den
Wohlstandsstaaten rund um den Globus gehen. Es gibt kei-
nerlei Einschrnkungen, denn alles ist im berfluss vorhan-
126
den. Doch, warum muss es diese Ungerechtigkeit berhaupt
geben? Gelten die viel beschworenen Menschenrechte, Sozi-
algesetze und Bibelsprche doch nicht fr alle? Es ist gera-
dezu grotesk, wir Amerikaner genieen den hchsten
Wohlstand auf der Welt, ohne zu fragen, wer den Preis dafr
bezahlt.
Mit einem leisen Seufzer voller Selbstvorwrfe lsst sie
ihren Gedanken weiter freien Lauf:
Ein solcher Luxuswahn, wie ihn wir Reichen zelebrieren,
steht keinem einzigen Menschen auf der Welt zu und ist mit
gar nichts, aber auch mit berhaupt nichts zu rechtfertigen.
Mehr als eine sinnvolle Beschftigung, ausreichend zu Essen
und ein warmes Pltzchen hat die Natur keinem einzigen
Menschen auf dieser Welt zugedacht. Nicht, solange es Men-
schen gibt, die nichts von diesen drei Dingen haben.
Aber wenn es unbedingt etwas mehr sein muss, dann auf
keinen Fall fr unsere aufgeblasenen Promis im Jetset, die
hirnlosen Bubis im Ballsport, die coolen PS-Protze im Mo-
torsport, die eingebildeten Schmalzkpfe im Showbusiness
oder die unersttlichen Schmarotzer, Faulenzer und Parasi-
ten rund um die vielen fetten Erbschaftskuchen, sondern al-
lenfalls fr die armen Kinder in der Dritten Welt, die vier-
zehn Stunden tglich Teppiche fr einen Hungerlohn
knpfen, Schuhe ohne Ende putzen, sich pausenlos prostitu-
ieren mssen oder Tag fr Tag Erwachsenenarbeit ohne jeg-
liche Perspektive verrichten mssen oder fr die verlassenen
und verwahrlosten Kinder, die auf Mllhalden arbeiten und
leben mssen, aber ganz besonders fr diejenigen, die twen-
tyfour hours a day, seven days a week unschuldig bis zu ih-
rem bitteren und frhen Lebensende elendig Hunger leiden
mssen.
Und Mrs. Narok senior kommt, wie so oft in den letzten
Wochen und Monaten, zu dem bitteren Schluss:
Frane, Reichtmer anhufen bedeutet immer, andere um
ihr Leben betrgen. Denn, Kapital kann nur vermehrt wer-
127
den, wenn irgendwo in der Wertschpfungskette Menschen
betrogen werden. Und das geht letztendlich am einfachsten
durch niedrige Rohstoffpreise ganz am Anfang der Wert-
schpfungskette. Diese Spottpreise sind seit fnfzig Jahren
unverndert niedrig und werden den armen Rohstofflndern
auf dem Weltmarkt aufdiktiert.
Der Kapitalismus ist ohne Zweifel das tdliche Zahlungs-
mittel der Wohlstandslnder, in diesem unwrdigen Raubau
der Vorrte der Erde. Und ich mchte fr den Rest meines
Lebens nicht mehr zu dieser gierigen Mrderbande aus Rei-
chen und Vermgenden dazugehren.
Ihr Gesichtsausdruck wirkt jetzt sehr entschlossen, als
sie sich im Stillen vorwurfsvoll fragt:
Warum habe ich diese elementaren Zusammenhnge so
lange nicht sehen wollen? Wie kann ich mein jahrelanges
Verbrechen und Unrecht durch hemmungslosen Konsum
auf Kosten von Menschenleben, durch Aufschichten eines
menschlichen Leichenbergs jemals vor meinen Gewissen
verantworten?
Und sie schwrt sich:
Ich werde meinen Weg der Reue, Demut, Nchstenliebe
und des Verzichts unbeirrt weitergehen und unser legal er-
schwindeltes Familienkapital mglichst schnell wieder
dorthin zurckgeben, wo es gestohlen wurde.
Erst als die Luxuslimousine in die groe Einfahrt zur Na-
rok-Villa einbiegt, wird die Seniorchefin von ihren selbst-
kritischen Gedanken abgelenkt. Mrs. Narok nimmt sich beim
Aussteigen fest vor, mit ihrer Tochter nach deren Operation
ein ernstes Gesprch ber dieses Thema zu fhren.

Nach der Aufnahme der Patientin Malsi Narok im Kran-
kentrakt des Institute of Biotronics werden zunchst die bei-
den Beinstmpfe mit Hilfe von Laserstrahlen dreidimensio-
nal vermessen. Diese geometrischen Daten werden in einem
Rechner abgespeichert, der dann mittels einer speziellen
128
Software die Beinprothesen vollstndig dimensioniert und
auf dem Bildschirm sichtbar macht.
Auf einem elektronischen Datentrger geht das Ergebnis
anschlieend in die CNC Frsmaschine einer mit dem NIB
kooperierenden, orthopdischen Spezialfirma, um das Alu-
miniumgerst fr die Prothesen herzustellen. Darin werden
die vielen einzelnen Elektroantriebe eingebaut und mit der
Elektronik und dem elektrischen Energiespeicher ber so
genannte Feld- und Energiebusse verdrahtet. Zum Abschluss
werden die knstlichen Beinprothesen noch mit einer haut-
hnlichen Plastikmasse vergossen, so dass sie optisch von
echten Beinen kaum noch zu unterscheiden sind. Die Befes-
tigung der Prothesen an den Stmpfen erfolgt mit einem
speziellen Verschlussmechanismus, der einen sicheren Halt
garantiert.
In einer fnfstndigen Routineoperation werden der Pati-
entin am Nachmittag im Operationssaal rmisch drei die
Mikroadapter an die Synapsen der Nervenenden an beiden
Beinstmpfen eingepflanzt. Diese feinchirurgischen Arbei-
ten mssen mit uerster Przision erfolgen und werden von
Dr. Snider unter dem Mikroskop durchgefhrt.
Da die Operation unter lokaler Betubung stattfindet, ver-
gewissert sich der Arzt stndig durch einen Blick auf die Pati-
entin, ob er die Behandlung fortsetzen kann. Ohne irgend-
welche Zwischenflle platziert er die vielen winzig kleinen
Chips, die spter ber Funk die Steuerbefehle des Gehirns
an die elektrischen Antriebe der Beinprothesen bermitteln
werden.
Solche Beinkorsette mit Fernsteuerung durch Muskelim-
pulse hat das Team um Dr. Snider bereits schon mehrere
hundert Male an beinamputierten Patienten eingesetzt und
zwar immer mit hundertprozentigem Erfolg. Auch beim Ver-
lust von Armen und Hnden wird diese Methode seit vielen
Jahren sehr erfolgreich angewandt. Der Patient bleibt in der
Regel nach der Operation und dem Anpassen der Prothesen
129
noch drei Wochen unter rztlicher Aufsicht. Dieser Zeitraum
ist fr die Aktivierung und das Training der fr die Bewe-
gungsmotorik zustndigen Gehirnzellen ntig, damit sich die
Steuerung und Regelung der intelligenten Elektronikprothe-
sen durch die Hirnstrme optimal einstellt. Danach kann der
Patient in den allermeisten Fllen auf seinen eigenen Beinen
das Institut verlassen.
Diese so genannte Eingewhnungszeit von Biosoftware
und
Elektronikhardware verlngert sich allerdings deutlich,
wenn der Verlust der Gliedmaen schon etwas lnger zu-
rckliegt.
Hallo Malsi, wie fhlst du dich?
Mit diesen Worten strmt eine berglckliche Mutter in
das Einzelzimmer ihrer Tochter im Patienten und Training
Center des Instituts fr Biotronics.
Die knstlichen Beine des Mdchens verdeckt ein moder-
ner Hosenanzug, so dass sie auf den ersten Blick keinerlei
Aufflligkeiten aufweist. Lachend erwidert sie:
Hi Mum, mir geht es wunderbar. Ich habe bereits groe
Fortschritte mit meinen feinmotorischen Grundbungen
gemacht. Professor Lebib ist zuversichtlich, dass ich plan-
mig in ein bis zwei Wochen entlassen werden kann.
Die beiden Frauen tauschen alle Neuigkeiten der letzten
Stunden und Tage miteinander aus. Sie sprhen nur so vor
Optimismus und die Freude ber den aktuellen Gesund-
heitszustand der Patientin und die Zuversicht in die Zukunft
sind frmlich zu greifen.
Nach zwei Stunden harmonischer Zweisamkeit und Zu-
neigung zwischen den beiden leidgeprften Frauen bringt
die Stationsschwester Malsi in den Gymnastikraum, wo die-
se ihre tglichen Bewegungsbungen absolvieren muss.
Mrs. Narok senior besucht die Station seit der Operation
ihrer Tochter tglich und ist jedes Mal von neuem erstaunt
ber die enormen Bewegungsfortschritte, die das kopfge-
130
steuerte Gehkorsett ihrem Kind ermglicht. Nach zwei Wo-
chen kommt die junge Frau bereits ihrer Mutter und ihrem
Ehemann den Stationsflur ohne fremde Hilfe auf den neuen
Beinen entgegen. Die drei Menschen fallen sich ohne Worte
in die Arme und halten inne ber diese wundersame Wende
in ihrem Leben.
Malsi ldt ihre Mutter und ihren staunenden Mann zu ei-
ner Tasse Kaffee in die nahe gelegene Cafeteria der Universi-
tt ein, was ihre Angehrigen voller Stolz gerne annehmen.
Fr einen Auenstehenden wirkt der Gang vollkommen
normal, zumal die knstliche Gehhilfe von den Kleidern
vollstndig verdeckt ist. Selbst das Platznehmen auf dem
Stuhl wirkt absolut natrlich und die junge Frau registriert
so manch bewundernden Studentenblick aus ihren Augen-
winkeln.
Die Formalitten zur Entlassung hatte Malsi bereits am
Vormittag erledigt. Sie verabschiedet sich noch rasch vom
Personal der Station und drckt Dr. Snider, der gerade mit
der Krankenvisite begonnen hat, ganz fest und dankbar die
Hand, ehe das Familientrio mit dem Fahrstuhl zum Ausgang
des Instituts of Biotronics eilt.
Der loyale und zurckhaltende Chauffeur hat die schwarze
Limousine direkt an der Pforte des Instituts geparkt.
Er kann beim Anblick der jungen Frau seine Verwunde-
rung nicht verbergen und sagt in seinem etwas singenden
Englisch:
Meinen Glckwunsch, Mrs. Narok, ich freue mich von
ganzem Herzen fr Sie und fr das neue Leben, das nun vor
Ihnen liegt.
Thanks, Ajulellah. Ach, bitte holen Sie meine Koffer beim
Pfrtner ab, damit wir alle vier gleich gemeinsam nach Hau-
se fahren und meinen neuen Lebensabschnitt gebhrend fei-
ern knnen.
131
Malsi wei allerdings zu diesem Zeitpunkt nicht, dass ihre
Mutter eine groe Welcome-Party organisiert und alle
Freunde und Verwandte der Familie eingeladen hat.
Beim Eintreffen der Limousine am Eingang zum Narok-
Besitz wird ein gigantisches Feuerwerk auf dem von einem
pyrotechnischen Team prparierten Grundstck der Familie
abgebrannt und alle geladenen Gste haben sich auf der Ter-
rasse versammelt, um der jungen Frau Hello and God
bless you zu wnschen. Anschlieend ldt die Mutter, trotz
aller moralischen Bedenken, zu einer verschwenderischen
Barbecue-Party rund um den groen Swimmingpool ein.
Schlielich geht es um die Genesung ihrer Tochter und da
muss man das Elend in der Welt auch mal fr einen Augen-
blick vergessen drfen, waren ihre Gedanken, mit denen sie
diesen Luxus vor ihrem Gewissen gerechtfertigt hat. Der mit
der Organisation beauftragte Party-Service hat an diesem
Tag alle Hnde voll zu tun, um die Wnsche der ausgelasse-
nen und verwhnten Gesellschaft zu befriedigen.
Weit nach Mitternacht entschuldigt sich Malsi etwas mde
bei den Gsten und sucht ihr Schlafzimmer auf. An dem et-
was schwerflligen Gang wird allgemein ihre allzu ver-
stndliche Erschpfung abgelesen. Was die feine Gesell-
schaft allerdings nicht sieht ist, dass die Ladekontrollanzeige
der elektrischen Beinprothesen seit einiger Zeit vibriert und
der Trgerin anzeigt, dass ein Aufladen der integrierten
zwlf Stunden Akkus dringend erforderlich wird. Dieses Auf-
tanken der knstlichen Gehilfen mit neuer Kraft und Ener-
gie dauert circa vier Stunden und erledigt sich an der Steck-
dose sozusagen automatisch im Schlaf.

In den folgenden Monaten strzt sich Malsi Narok noch
mehr als bisher in ihr Studium der Biotronics. Mit aller Ge-
walt will sie nun als freibeweglicher Mensch schnellstmg-
lich ihren Masterabschluss schaffen und sich an der weite-
ren Erforschung dieses hoch interessanten
132
Forschungsgebiets aktiv beteiligen. Der Bcherberg auf ih-
rem Schreibtisch wird daher immer hher und die Aktenta-
sche fr die vielen Vorlesungen und Seminare immer schwe-
rer.
An ihre knstlichen Beine hat sich die Studentin nun, drei
Monate nach der Operation, voll gewhnt und fr Auenste-
hende ist sie wieder wie frher eine wunderschne Md-
chenfrau, die einen sehr selbstbewussten Eindruck hinter-
lsst. Allerdings muss sie sich selbst, vor allem in den heien
Sommermonaten, erst noch damit abfinden, dass sie viel-
leicht nie wieder Kleider und Rcke anziehen kann.
Auf dem Weg vom Hrsaal zur Cafeteria wird sie von ei-
nem Aushang am schwarzen Brett des Instituts of Biotronics
wie magisch angezogen, darauf steht zu lesen:
Die Forschergruppe um Professor Lebib sucht ab sofort
Studenten und Mitarbeiter, die sich freiwillig als Testper-
sonen fr das Forschungsprojekt BFTD 21 zur Verfgung
stellen. Dabei handelt es sich um streng vertrauliche
Testreihen, die die Probanden zur absoluten
Verschwiegenheit verpflichten. Die Bezahlung erfolgt nach
den Bestimmungen des ffentlichen Dienstes. Nhere In-
formationen erhalten Sie beim Direktor des NIB oder dem
stellvertretenden Institutsleiter. Unterschrift Dr. Snider.
Dann stimmt es also doch, denkt Malsi, was man in Stu-
dentenkreisen schon seit langem munkelt, dass nmlich
streng geheime Experimente am Institute for Biotronics ge-
plant sind, die etwas mit dem Ablauf des Sterbens und des
Todes zu tun haben sollen. Einer der Studenten hat sogar
herausbekommen, dass die ominse Abkrzung BFTD fr
Back From The Death steht.
Ohne dagegen angehen zu knnen, drngen sich der jun-
gen Frau beim Lesen dieses Aushangs wieder die letzten Bil-
der ihres Vaters in der explodierenden Limousine ins Unter-
bewusstsein. Wie mag er wohl seinen grauenvollen Tod
133
erlebt haben? Bleibt berhaupt noch Zeit zum Sterben, wenn
das Gehirn blitzartig zerfetzt wird?
Solchen Fragen ging sie in letzter Zeit bewusst aus dem
Wege. Mit einem inneren Ruck reit sie sich gedanklich von
der schwarzen Tafel los. Sie eilt in Richtung Zentralgebude,
um ihre neue Studienfreundin Nema in der Cafeteria zu tref-
fen und eine feine Tasse Cappuccino mit Sahne zu genieen.
Die beiden unterschiedlichen Studentinnen kennen sich erst
seit einigen Wochen nher. Whrend Malsi aus einer reichen
Wohlstandsfamilie kommt, sind die Eltern von Nema arme
Einwanderer aus Sdamerika, die sich beide fr die Finan-
zierung des teuren Studiums ihrer Tochter Tag fr Tag
krumm legen mssen.
Es sind nicht die sozialen Gegenstze, die diese beiden
Frauen anziehen, sondern vielmehr ihr gemeinsames
Schicksal. Auch Nema ist gehandicaped und sitzt im Roll-
stuhl. Eine verschttete Tellermine hatte ihr im Kindesalter
beim Spielen auf dem Felde den Unterleib zerfetzt. Da die
Eltern einen Krankenhausaufenthalt nicht bezahlen konnten,
wurde sie nur notdrftig medizinisch versorgt und nach we-
nigen Tagen wieder nach Hause geschickt.
Aufgrund dieser Fehlversorgung und der vielen vergange-
nen Jahre sind fr Nema die Chancen auf eine erfolgreiche
Transplantation von intelligenten Gehhilfen sehr gering.
Wenn sich Malsi manchmal im Stillen mit Nema vergleicht,
dann sind sie beide zwar unschuldige Opfer sinnloser Ge-
walt, allerdings wurde ihr medizinische Hilfe aufgrund ihrer
sozialen Herkunft nie verweigert.
Und sie fragt sich in der letzten Zeit immer hufiger, wa-
rum ihr diese malose Ungerechtigkeit im goldenen
Wohlstandskfig vorher nie bewusst geworden ist. Hat sie all
die Jahre nur kollektiv mit den anderen Reichen und ber-
satten weggeschaut, das allgegenwrtige Elend auf der Welt
verdrngt oder der Einfachheit halber als Gott gegeben ak-
zeptiert? Wie mag ihre Mutter wohl darber denken?
134
Schon von weitem sieht Malsi ihre Freundin Nema an
dem speziell fr Rollstuhlfahrer reservierten Tisch im hinte-
ren Bereich der Cafeteria sitzen. Der studierte Kellner ser-
viert ihr gerade einen heien Tee mit Zitrone.
Hello Nema, tut mir Leid, dass ich mich etwas versptet
habe. Wartest du schon lange auf mich?
Hi Malsi, no problem. Ich bin auch gerade erst vor weni-
gen Minuten hier angekommen. Wie war denn die Vorle-
sung bei Professor Lebib heute Vormittag?
Malsi legt ihre College Mappe auf einen freien Stuhl und
setzt sich mit den Worten:
Wir haben heute wieder einmal ber die Speicherung -
bergeordneter Software in unserem Gehirn gesprochen.
Dabei hat uns Professor Lebib aufgezeigt, wie im Laufe
der Jahrmillionen die Evolution eine frei programmierbare
Biosoftware entwickelt hat, die unabhngig von der Krper-
hardware ist und die man als Persnlichkeitssoftware eines
Lebewesens bezeichnet. Soweit ich das verstanden habe, las-
sen sich mit dieser Erkenntnis die Begriffe wie Gewissen,
Seele oder Selbstwahrnehmung berhaupt erst vernnftig
im neurobiologischen und physikalisch-technischen Sinne
erklren. Nema, die Zukunftsaussichten des Fachgebiets Bi-
otronics sind einerseits fantastisch, aber andererseits auch
bengstigend.
Wieso bengstigend, Malsi. Du warst doch immer begeis-
tert von den Mglichkeiten dieser interdisziplinren Fach-
richtung aus Biologie und Technik. Auerdem hast du mit
deiner technischen Gehhilfe doch schon groen Nutzen aus
den Forschungsergebnissen gezogen.
Stimmt, aber das meine ich ja gar nicht, erwidert Malsi
spontan ihrer Freundin, sondern vielmehr, was diese For-
schung in Zukunft noch alles ber unser innerstes Seelenle-
ben herausfinden kann. Ich habe gerade einen uerst inte-
ressanten Aushang am NIB gelesen und ich berlege, ob ich
135
mich fr die Experimente als Testperson zur Verfgung
stellen soll.
Typisch Malsi, kichert Nema und fgt etwas provozie-
rend hinzu:
Gerade noch etwas Angst und im nchsten Augenblick
schon mittendrin im Geschehen. Wir knnten ja versuchen,
Professor Lebib oder einem seiner Mitarbeiter in der nchs-
ten Vorlesungsstunde ein paar dieser Geheimnisse zu entlo-
cken.
Einverstanden, antwortet Malsi ihrer Freundin, weit
du, Nema, ich htte beim besten Willen schon gerne ge-
wusst, ob und wenn ja, welche Lebensregeln in unsere See-
len einprogrammiert sind. Aber auch warum es diese him-
melschreienden Ungerechtigkeiten bezglich der Gesundheit
und der Lebensverhltnisse eines Menschendaseins gibt.
Die beiden Studentinnen plaudern noch eine ganze Weile
mit ein paar Kommilitonen am Nachbartisch, ehe sie sich
verabschieden und auf den gemeinsamen Nachhauseweg
machen. Malsi und Nema studieren dieselbe Fachrichtung
und besuchen somit auch dieselben Vorlesungen. Es hat
Malsi einige berredungsknste gekostet, ihre Freundin da-
zu zu bewegen, mit ihr die groe Limousine zu teilen.
Es ist Nema immer noch nicht ganz recht, da der groe,
schwarze Wagen in ihrer bescheidenen Wohnsiedlung jedes
Mal fr einiges Aufsehen sorgt. Aber wenn sie bedenkt, wie
oft sie wegen ihres Handicaps in ffentlichen Verkehrsmit-
teln gehnselt und belstigt wurde, dann scheint ihr diese
Luxuslsung eindeutig das kleinere bel zu sein.
Auch fr den Chauffeur Ajulellah ist es eine groe innere
Befriedigung, dass er jeden Tag auf dem Weg zur Universitt
den kleinen Umweg fr dieses bedauernswerte junge Fru-
lein fahren darf. Er hat es weder vergessen noch verdrngt,
dass er vor Jahren ganz in der Nhe in einem herunterge-
kommenen Altbau gewohnt hat, bevor er in die Dienste von
136
Mr. Narok getreten ist und eine kleine Dienstwohnung in ei-
nem der Nebengebude beziehen durfte.
Wenn er die schwere Limousine durch die vergammelten
Straen dieser heruntergekommenen Gegend lenkt, muss er
jedes Mal daran denken, mit welchen elementaren Proble-
men sich diese so genannten kleinen Leute tagtglich he-
rumschlagen mssen, um zu berleben.
Auf der anderen Seite, wei er, interessiert es die reiche
Gesellschaft nicht im Geringsten, dass Wohlstand und ber-
fluss nur durch Betrug angehuft werden knnen. Und es
belastet sie schon berhaupt nicht, wie wenig an Ressourcen
ihre Raffgier fr den Rest der Welt brig lsst.
Der Profit von uns Unternehmern, Ajulellah, muss auf je-
den Fall immer stimmen. Und das tut er auch, da man den
Gewinn eines gesunden Unternehmens ber den Kostenfak-
tor Arbeit, also die Beschftigtenzahl und die Personalkos-
ten, in weiten Grenzen je nach Konjunktur und Auftragslage
steuern kann. Glaube mir, mein Lieber, ohne jhrlich stei-
gende Millionengewinne msste auch ich meine Betriebe so-
fort schlieen beziehungsweise abstoen. So sind nun mal
die Spielregeln des Kapitalismus.
Diese kapitalistische und egoistische Sichtweise seines
Vorgesetzten hatte dem Fahrer schon damals nicht gefallen.
Solche Einstellungen scheinen aber unter den Vermgenden
blich zu sein und werden mit scheinheiligen Argumenten
und kapitalistischen Weisheiten gesellschaftlich glattgeb-
gelt. Nur was daran sozial oder moralisch einwandfrei sein
soll, kann er mit seinem einfachen Verstand beim besten
Willen nicht begreifen, auch nicht die kameradschaftlichen
Worte, die ihm der ermordete Mr. Narock damals nach dem
Verbandstreffen mittelstndischer Unternehmer gut gelaunt
verraten hat:
Weit du, Ajulellah, Argumente fr die Gewinnmaximie-
rung durch Risikoabwlzung auf die Schultern der abhngig
Beschftigten gibt es wie Sand am Meer. Da knnen wir
137
Firmenbesitzer uns bequem hinter den Spielregeln und Ge-
setzen des freien Marktes verstecken.
Und nach einem Schlummertrunk aus der bordeigenen
Getrnkebar przisierte er damals noch:
Beliebte Formulierungen fr die ffentliche Unterneh-
mensdarstellung und gngige Druckmittel gegen lstige
Lohnforderungen sind appellierende Hinweise auf die hohen
Lohnnebenkosten, die viel zu kurzen Arbeitszeiten, der all-
gemeine Kostendruck, die harte Konkurrenz, die Globalisie-
rung der Mrkte, Produktivittssteigerung, immer krzere
Innovationszyklen der Produkte, und so weiter und so fort.
Ganz deutlich hat Ajulellah jetzt die Worte seines frheren
Arbeitgebers wieder im Ohr. Auf seine Bemerkung nach hin-
ten durch die Trennscheibe der Limousine, dass eine Null-
runde bei mehreren Millionen Dollar Nettogewinn leichter
zu verschmerzen sei, als bei ein paar tausend Dollar Jah-
reseinkommen, kann sich Ajulellah nur an ein leichtes
Grunzen seines Chefs erinnern:
Der Begriff reich, mein lieber Freund, ist relativ. Ein
Arbeiter bei uns zum Beispiel ist steinreich im Verhltnis
zu seinen Kollegen in der Dritten Welt. Aber gibt unsere ar-
beitende Bevlkerung denn deshalb etwas Nennenswertes an
die Armen ab?
Mit der versteckten Aussage, dass alle satten Menschen
gleich gierig sind, schien das Thema fr den steinreichen
Firmenboss erledigt zu sein.
Der Chauffeur kann sich mit dieser, leider Gottes richtigen
und nicht von der Hand zu weisenden Sichtweise seines
Vorgesetzten trotzdem nur sehr schwer zufrieden geben.
Auch nicht, seit er in diesen vornehmen Kreisen erkannt hat,
dass es in der so genannten High Society nicht nur Licht,
sondern auch viel Schatten gibt. Zwar haben die meisten die-
ser schillernden Persnlichkeiten keine finanziellen Sorgen,
aber mental und psychisch sind viele ganz arm dran.
138
Dennoch beschleichen ihn oft groe Zweifel ber die irdi-
sche Gerechtigkeit, wenn er die hemmungslose Verschwen-
dung und den selbstverstndlichen Konsum vom Feinsten
auf den Partys der Reichen miterleben muss. Insbesondere
wenn er sich vorstellt, wie viele Jahre er fr die immensen
Kosten eines einzigen Partyabends arbeiten msste. Haben
Menschen wirklich einen unterschiedlichen Stellenwert oder
hat sich diese Einteilung lediglich durch einen willkrlichen
Zufall ergeben? Aber, so fragt er sich auch, wrden sich denn
die Armen und Elenden anders verhalten, wenn sie pltzlich
reich wren?
Mit solchen Gedankenspielen vertreibt er sich in der Regel
die lange Wartezeit im Personalraum, bis er dann weit nach
Mitternacht die mehr oder weniger betrunkenen Partygste
nach Hause chauffieren und anschlieend in den frhen Mor-
genstunden noch den vornehmen Unrat aus dem Wagen
rumen darf. Gott sei Dank, so trstet er sich in letzter Zeit,
scheint sich seine Seniorchefin mit diesem kollektiven Ver-
drngen der Zusammenhnge von arm und reich nicht mehr
zufrieden zu geben. Er ist unheimlich gespannt auf ihre
nchsten Schritte.

Malsi Narok kommt an diesem Morgen absichtlich etwas
frher zur Universitt, um im Sekretariat des Instituts of Bi-
otronics einen Gesprchstermin mit Professor Lebib zu ver-
einbaren. Zufllig sieht dieser seine prominente Studentin
durch die offene Tr und bittet sie mit einem kurzen Wink
zu sich herein. Freundlich bietet er ihr einen Platz an und er-
kundigt sich nach ihrem Befinden. Insbesondere interessie-
ren ihn ihre Erfahrungen mit den neuen Gehhilfen.
Die Studentin schildert ihm berschwnglich von ihrem
neuen Leben auf eigenen Beinen und bedankt sich nochmals
fr die wiedergewonnene Lebensqualitt. Dann kommt sie
zu ihrem eigentlichen Anliegen: Sir, ich habe vorgestern
den Aushang am schwarzen Brett Ihres Instituts gelesen und
139
mchte mich als Probandin fr die vorgesehenen Testreihen
am lebenden Objekt zur Verfgung stellen.
Der Professor setzt seine Brille ab und blickt der Studentin
fest in die Augen:
Mrs. Narok, ich muss Sie zunchst darber informieren,
dass diese Versuche fr die Testpersonen nicht ganz unge-
fhrlich sind, da wir den Ablauf nicht exakt vorhersagen
knnen. Doch vielleicht erklren Sie mir erst einmal, warum
Sie sich diesem Risiko aussetzen wollen.
Malsi rckt etwas nervs auf ihrem Sessel, ehe sie dem
Professor offen ins Gesicht schaut und antwortet:
Es sind eigentlich drei Grnde, die mich drngen an die-
sem Projekt mitzuarbeiten. Zum einen ist es meine Dank-
barkeit Ihnen und Ihrem Team gegenber, verbunden mit ei-
nem starken Interesse an den weiteren
Forschungsaktivitten auf diesem Fachgebiet. Zum zweiten
mchte ich in einem knstlichen BFTD-Erlebnis meinem
verstorbenen Vater mglichst schnell noch einmal ganz nah
begegnen drfen, auch wenn das nur rein virtuell sein kann.
Bevor die junge Frau weiterspricht, tupft sie sich mit ei-
nem Taschentuch ihre feuchten Augen und gerteten Wan-
gen ab. Dann sagt sie:
Und zum dritten, Professor Lebib, schreckt mich der Tod
nicht mehr. Ich hatte bisher ein luxurises Leben und dabei
schon so viele schne Dinge und Erlebnisse erfahren drfen,
die den allermeisten Menschen zeitlebens verschlossen blei-
ben. Sir, bitte nehmen Sie mich als Probandin in Ihr Team
auf, denn ich mchte mit der Teilnahme an diesem Projekt
meinem Leben eine neue Richtung geben.
Professor Lebib zgert mit der Antwort etwas, zu sehr ha-
ben ihn die Worte dieser jungen Frau beeindruckt. Ihre Ar-
gumente erscheinen ihm plausibel, so dass er ihr nach eini-
ger Zeit fest in die Augen blickt und sagt: Young Lady, Sie
scheinen sich ja schon sehr viele Gedanken zu unserem Pro-
jekt gemacht zu haben. Anscheinend konnten Sie am
140
schwarzen Brett sogar zwischen den Zeilen lesen. In der Tat
brauchen wir Testpersonen, die sich engagiert in dieses Pro-
jekt mit einbringen, denn es geht hierbei um die Entschls-
selung des Todes. Das ist eine unvorstellbar schwierige Auf-
gabe. Und ob es uns gelingen wird, das menschliche Gehirn
mit seinen hochintelligenten Fhigkeiten und Mglichkeiten
zu berlisten, ist sowohl medizinisch als auch philosophisch
noch sehr fraglich.
Der Professor lsst seine Worte auf die junge Frau in aller
Ruhe einwirken. Da er weder ein Zgern noch ein Erstaunen
auf ihren Gesichtszgen erkennen kann, streckt er nach ei-
ner kleinen Pause die Hand zu seiner Studentin aus und
meint mit freundlicher Mine:
Mrs. Narok, ich begre Sie in unserem Team. Sie haben
mich berzeugt und ich freue mich schon jetzt auf unsere
Zusammenarbeit. Bitte schauen Sie in den nchsten Tagen
im Sekretariat bei Mrs. Johnson, meiner Sekretrin, vorbei
und lassen Sie sich einen Vertrag als studentische Hilfskraft
ausstellen. Damit gehen Sie dann zu Dr. Snider, der Sie per
Unterschrift zur absoluten Verschwiegenheit verpflichten
wird. Das ist eine Grundvoraussetzung fr die Mitarbeit an
diesem brisanten Projekt.
Der Professor nippt an seiner rotumrandeten Kaffeetasse,
die er vor Urzeiten von einem Pharmavertreter als Werbege-
schenk erhalten hatte, ehe er weiterspricht:
Sie verstehen sicherlich, dass wir unsere Forschungser-
gebnisse erst dann nach drauen an die ffentlichkeit geben
knnen, wenn wir Sie vollstndig kennen und wissenschaft-
lich bewertet haben. Schlielich geht es hier um ein hoch
sensibles Thema der Menschheit. Und es geht jeden von uns
an, da jeder Mensch wissen mchte und sollte, wie die
Schpfung seinen eigenen Tod organisiert hat.
Professor Lebib erhebt sich von seinem schweren Schreib-
tischstuhl und verabschiedet sich von Malsi mit den freund-
lichen Worten:
141
Many thanks, dass Sie sich als Probandin fr unsere ers-
ten Testreihen zur Verfgung stellen wollen. Sie sollten sich
schon mal den Donnerstag nchste Woche in Ihrem Termin-
kalender ankreuzen. Dort findet nmlich eine erste Bespre-
chung statt und zwar mit allen Probanden, die sich bis dahin
gemeldet haben. Bye-bye Mrs. Narok.
Nachdem seine Studentin die Eichentr hinter sich ge-
schlossen hat, greift Professor Lebib zu seinem Telefon und
lsst sich von der integrierten Mensteuerung mit seinem
Freund Dr. Snider verbinden:
Hi Fred, ich bin jetzt so weit. Du kannst zu mir herber-
kommen, damit wir den neuesten Stand unserer For-
schungsarbeiten besprechen knnen. Stell dir vor, die Toch-
ter aus dem Narok-Konzern hat sich bei mir gerade als
Testperson fr unsere erste Testreihe beworben.
Mensch Henry, das ist doch groartig, dann knnten wir
vielleicht unsere Zusammenarbeit mit dieser Firma auf dem
Gebiet der Elektronik fr die neue Generation von intelligen-
ten Prothesen endlich intensivieren. Ich bin in zehn Minuten
in deinem Bro.
Der Professor nutzt diese Zeit, um sich durch die beiden
Unterschriftenmappen auf seinem Schreibtisch durchzuar-
beiten. Als es an seiner Tr klopft, begrt er seinen Stell-
vertreter mit einem krftigen Handschlag. Die beiden Freun-
de legen ihre Aktenbndel auf den Tisch und machen es sich
auf der Couch bequem. Nachdem sie sich eine Tasse Kaffee
eingeschenkt haben, beginnt Dr. Snider das Gesprch:
Die Entwicklungsarbeiten an der informationshemmen-
den Flssigkeit Sensolon kommen gut voran. Dem zustndi-
gen Forscherteam ist es gelungen, Makromolekle zu entwi-
ckeln, die sich hnlich wie die Morphine von
Schmerztabletten an der Zellwand anlagern und einen Wei-
tertransport von Zellinformationen ber die Synapsen ver-
hindern.
142
Durch Variation der Transmittereigenschaften kann die
Blockierzeit des Informationsflusses in den fr unsere Un-
tersuchungen relevanten Sekundenbereich gelegt werden.
Erste Tests haben die Kollegen bereits an Musen erfolgreich
durchgefhrt. Nebenwirkungen konnten dabei nicht festge-
stellt werden, so dass einer Erprobung an unseren Testper-
sonen eigentlich nichts mehr im Wege steht. Vorausgesetzt
natrlich, dass du damit einverstanden bist, Henry.
Professor Lebib ist uerst zufrieden mit dem Gehrten
und antwortet seinem Freund: Fred, du weit allerdings
genauso gut wie ich, dass wir uns einen Fehlschlag generell
nicht leisten knnen. Fred, in diesem frhen Stadium wren
negative Schlagzeilen das sichere Ende fr unsere Arbeiten.
Wir mssen bei der Auswahl unserer Testpersonen und bei
der Durchfhrung unserer Testreihen sehr vorsichtig und
besonnen vorgehen. Ich habe daher schon mal fr Donners-
tag nchster Woche eine Besprechung mit allen in Frage
kommenden Probanden angesetzt. Das Sekretariat wird dir
ebenfalls eine Kopie des Anschreibens zukommen lassen.
Wir mssen die Testpersonen vor Beginn der Experimente
umfassend informieren und gesundheitlich grndlich tes-
ten, damit wir optimale Ergebnisse erzielen.
Der Stellvertreter nippt an seinem Kaffee und erwidert:
Genau das wollte ich dir auch schon vorschlagen, Henry.
Und was mir auch noch eingefallen ist, sollten wir darber
hinaus die Tests nicht beim zustndigen Gesundheitsamt
anmelden und uns genehmigen lassen? Sonst machen die
uns bereits beim ersten Fehlversuch den Laden hier dicht.
Der Professor antwortet spontan:
Well Fred, natrlich hast du Recht. Nur berleg doch
mal, was wird denn dann aus der, bei solch sensiblen Unter-
suchungen dringend erforderlichen Geheimhaltung? Wenn
wir mit unserem Vorhaben zu einer Behrde gehen, dann
knnen wir es gleich in der Tagespresse bekannt machen.
Die Konsequenz wre unweigerlich die, dass wir vor Repor-
143
tern, Fotografen und Kameras keinen einzigen Schritt mehr
machen knnten und andere Institute uns dann den Braten
aus der Rhre nehmen wrden.
Fred, du kannst mir glauben, es hat mich schon groe An-
strengungen gekostet, die geplanten Erweiterungen unseres
Instituts alleine mit der gestiegenen Anzahl von Prothesen-
patienten vor der Haushalts- und Planungskommission zu
begrnden. No, no, no Fred, wir mssen dieses Risiko ein-
gehen, wenn wir zum Erfolg kommen wollen.
Der Professor scheint absolut berzeugt zu sein von der
Richtigkeit seiner Entscheidung. Er geht zu seinem schwe-
ren Eichenschrank und giet jeweils einen krftigen Schluck
Whisky in zwei Glser.
Dr. Snider schaut etwas verdutzt und meint schlielich:
Ist es nicht etwas verfrht, Henry, schon jetzt auf unse-
ren Erfolg anzustoen?
Absolut richtig, mein guter Freund, erwidert der Profes-
sor, ich mchte mit dir auch nicht auf unser Projekt BFTD
21 anstoen, sondern darauf, dass ich seit gestern von mei-
ner Frau, pardon Exfrau, offiziell geschieden bin.
Der Freund schttelt dem Professor berschwnglich die
Hand und kann diese Neuigkeit kaum in Worte fassen:
Henry, ich gratuliere dir von ganzem Herzen, dass du
dem Wrgegriff dieser falschen Schlange endlich entronnen
bist. Nun kannst du dein Leben wieder selbst in die Hand
nehmen. Und wieso ging das jetzt auf einmal so schnell?,
will Dr. Snider noch wissen.
Der Professor erhebt sein Glas und prostet dem Freund
zu. Beide nehmen einen krftigen Schluck, so als mssten sie
eine Portion bitterster Galle hinuntersplen. Sichtlich er-
leichtert sagt Professor Lebib:
Well, mglich wurde das schnelle Ende letztendlich nur
dadurch, dass ich in der Gerichtsverhandlung praktisch auf
alles verzichtet habe, was mir jemals wichtig war. Das
heit, sowohl das Aufenthaltsbestimmungsrecht fr meine
144
Kinder, unsere Ersparnisse, den Familienschmuck als auch
den grten Batzen meines Gehalts. Noch nicht einmal das
freie Besuchsrecht hat mir dieser Tattergreis von Richter zu-
gestanden. Aber darber reden wir noch. Glaube mir, ich
habe meiner Exfrau nur deshalb alles in ihren gefrigen
Rachen geschmissen, damit ich endlich meine Ruhe habe
und wieder etwas Lebensqualitt zurckgewinnen kann.
Das Einzige, Fred, was sie mir in ihrem kranken Hass
und Wahn bis heute nicht wegnehmen konnte, sind meine
Selbstachtung und mein Stolz. Das wird ihr bestimmt ir-
gendwann spter aufgehen, wenn ihr die momentanen Tri-
umphgefhle in den Hnden zerronnen sind.
Dr. Snider nickt und reckt dabei seine beiden Daumen
nach
oben, um seinem Freund ein optisches Siegesgefhl zu ver-
mitteln. Nach einem krftigen Schulterklopfen unter Freun-
den stellt Dr. Snider eine Frage, die ihm schon lange unter
den Ngeln brennt:
Sag mal, Henry, warum hat dich denn deine Frau damals
vor einigen Jahren berhaupt verlassen?
Der Professor nimmt ein kleines Schlckchen, ehe er sei-
nem Kollegen und Freund antwortet:
Well, Fred, es sind inzwischen etwas mehr als vier Jahre
vergangen, seit mich meine Ex von heute auf morgen mit
den Kindern und Haustieren im Stich gelassen hat. In den
ersten beiden Jahren dachte ich tatschlich, dass es meine
Schuld gewesen sei und dass sie es mit mir einfach nicht
mehr ausgehalten hat. Dieses nagende Schuldgefhl hat sich
im Laufe der Jahre mehr und mehr relativiert und heute fra-
ge ich mich, wie eine Mutter ihre Kinder, die Haustiere und
ihren Partner, der mit ihr zwanzig Jahre durch dick und
dnn gegangen ist, einfach zurcklassen konnte. Ich htte
meinen Lieben so etwas niemals antun knnen.
Und nach einer kleinen Atempause fgt der einst kinder-
reiche Familienvater noch an:
145
Auch habe ich mich lange gefragt, warum sie mit ihren
persnlichen Problemen unsere unschuldigen Kinder so un-
endlich qult und ihnen ihren Vater wegnimmt. Ich glaube
heute, dass es ein inneres Ungleichgewicht bei ihr ist, das sie
nicht zuordnen und kontrollieren kann und deshalb auf
meine Kosten und auf Kosten der Kinder auslebt.
Der Freund hat aufmerksam zugehrt und in Gedanken
seine eigene Situation analysiert, als er sagt:
Well, Henry, das soll es bei starken Frauen hufig in die-
ser Intensitt geben und hat meist etwas mit unerfllten
Wnschen und Vorstellungen, aber auch mit dem schleichen-
den Verlust an Jugend und Schnheit zu tun. In den meisten
Fllen bereuen solche egozentrischen Frauen ihre Trennung
irgendwann bitter, insbesondere wenn sie schmerzlich er-
fahren mssen, dass sie nicht nur ihren Ex, sondern mit ihm
auch den grten Teil ihrer Vergangenheit fr immer verlo-
ren haben.
Professor Lebib nickt und meint:
Weit du, Fred, wir Mnner sind zwar geduldige Esel,
aber einmal ist auch bei uns das Fass voll und dann gibt es
kein Zurck mehr. Ich wnsche dir von ganzem Herzen,
mein Freund, dass dir diese schlimmen Erfahrungen erspart
bleiben.
Dr. Snider schttelt den Kopf und erwidert:
Das wird bei uns sehr wahrscheinlich nicht passieren
knnen, da Syndia deutlich jnger ist als ich und wir beide
aus konservativen Familien kommen, in denen Begriffe wie
Treue und Zuverlssigkeit sehr wichtig sind und Ehebruch
oder Scheidung bereits als eine groe Schande angesehen
werden.
Professor Lebib giet noch ein kleines Schlckchen nach
und prostet seinem Freund erneut zu. Fred Snider prostet
zurck und nimmt die gelste Mine seines Gegenber mit
Genugtuung zur Kenntnis. Er erhebt sich wenige Minuten
146
spter aus seinem bequemen Sessel, als er einen flchtigen
Blick auf seine digitale Armbanduhr geworfen hatte:
Tut mir Leid, Henry, aber ich muss jetzt leider dringend
weg. Man erwartet mich bereits seit zehn Minuten im Opera-
tionssaal. Wir sehen uns sptestens bermorgen zur Bespre-
chung mit den Probanden wieder. Bye-bye, my friend und
willkommen zurck im normalen Leben.
147
Der Schpfer ist nur Geist,
also reine Information.
Denn nur Software
ist unsterblich.


Fnftes Kapitel
Pnktlich um zehn Uhr betreten Professor Lebib und sein
Kollege Dr. Snider an diesem Donnerstag den kleinen Hr-
saal ihres Instituts, in welchem drei Studenten und eine Stu-
dentin aufgeregt miteinander diskutieren. Die beiden Wis-
senschaftler wollen heute mit den vier Bewerbern eine erste
Besprechung zum Thema knstlicher Nahtod durchfhren,
um sie auf die Risiken und mglichen Nebenwirkungen der
anstehenden Testreihen hinzuweisen.
Nach ein paar allgemeinen Erklrungen zum Forschungs-
projekt BFTD 21 selbst wird der Professor zu seinen Testper-
sonen dann etwas konkreter:
Lady and Gentlemen, ich mchte Ihnen gegenber nicht
verhehlen, dass es neben den rein physischen Risiken
hchstwahrscheinlich psychische Folgeerscheinungen fr
die Probanden geben wird.
Denn wir werden versuchen, sie mittels knstlicher Ein-
griffe fr wenige Augenblicke in den so genannten Nahtod-
bereich zu bringen und sie dann wieder ins Leben zurckho-
len. Dieses virtuelle Erlebnis wird dann allerdings mit hoher
Wahrscheinlichkeit ihr weiteres Leben stark beeinflussen.
Auf die Zwischenfrage einer der Studenten, worauf er die-
se Vermutungen denn sttze, antwortet der Professor:
Aus den vielen bekannten Berichten von natrlichen
Nahtoderlebnissen der letzten hundert und mehr Jahre wis-
sen wir nmlich, dass kaum einer der Betroffenen sein Le-
148
ben in der gewohnten Weise fortgefhrt hat. Viele waren von
diesem unerklrlichen Erlebnis so verunsichert, dass sie es
lange Zeit nicht gewagt haben, mit jemandem darber zu
sprechen. Denn alle Schilderungen der Nahtoten beginnen
mit dem Verlassen des Krpers in eine Art Schwebezustand
in heller Umgebung. Auerdem erfolgt in dieser ersten Stufe
des Sterbens eine kritische Aufarbeitung des bisherigen Le-
bens. Diese geistige Rckblende mit dem Zwang zur Reue
fhrt dazu, dass im Falle einer Rckkehr der Blickwinkel fr
das weitere Leben vllig neu justiert ist.
Als die beiden Hochschuldozenten in die Runde der Kan-
didaten blicken, sehen sie in Gesichter, die irgendwie ein
mulmiges Gefhl zum Ausdruck bringen.
Die sich anschlieende Diskussion zeigt dann auch sehr
schnell und deutlich, dass die drei mnnlichen Bewerber ei-
gentlich nur nach Argumenten suchen, um mit heiler Haut
aus dieser Interessensbekundung wieder aussteigen zu kn-
nen. Dieser unmittelbare Kontakt zum eigenen Tod ist den
jungen Leuten dann doch uerst suspekt und extrem un-
heimlich.
Der Professor ergreift nach einigen Minuten des allgemei-
nen Schweigens und Nachdenkens wieder das Wort:
Gentlemen, ich respektiere Ihre Argumente und kann Sie
gut verstehen. Ich danke Ihnen, dass Sie sich schon im Vor-
feld unserer Untersuchungen klar entschieden haben. Sie
sind hiermit entlassen und knnen gehen. Many thanks, a-
gain.
Zu seiner Studentin gewandt stellt Professor Lebib nach
einer kurzen Verschnaufpause die Frage:
Well, Mrs. Narok, wie steht es mit Ihnen? Wollen Sie sich
immer noch auf dieses groe Abenteuer einlassen und als
erster Mensch einen knstlichen Nahtod erleben?
Ohne mit der Wimper zu zucken, erwidert die junge Frau:
149
Of course, Professor Lebib, an meinen Beweggrnden hat
sich nichts gendert. Auerdem habe ich volles Vertrauen in
Ihre Methode und in Ihr Team.
Verstndnisvoll nickend macht der Professor daraufhin
den Vorschlag:
Okay, Young Lady, da wir jetzt nur noch zu dritt sind,
schlage ich vor, dass wir die weiteren Einzelheiten bei einer
gemtlichen Tasse Kaffee in meinem Bro besprechen, und
fordert per Handzeichen seinen Freund Dr. Snider und die
Studentin Malsi Narok auf, ihm in Richtung Dienstzimmer
zu folgen.
Dort erwartet ihn bereits seine Sekretrin, Mrs. Johnson,
mit einer prall gefllten Unterschriftenmappe. Die vielen
Antrge, Stellungnahmen, Gutachten, Geschftsbriefe und
Hrerscheine in den einzelnen Mappenfchern unterzeich-
net der Professor blind, whrend der sich anschlieenden
Unterhaltung. Als langjhriger Vorgesetzter und Institutsdi-
rektor wei er ganz genau, dass er sich auf die Gewissenhaf-
tigkeit und Loyalitt seiner Sekretrin hundertprozentig ver-
lassen kann.
Zu seiner Studentin und Probandin gewandt, beginnt Pro-
fessor Lebib nach kurzem Blttern in der dicken Mappe die
eigentliche Unterhaltung:
Mrs. Narok, nachdem Sie nun wissen, was auf Sie zu-
kommt, wollen wir die mglichen Risiken und den Ablauf
des Experiments etwas detaillierter besprechen. Sollten Sie
Fragen haben, drfen Sie mich jederzeit unterbrechen.
Malsi Narok sitzt etwas unruhig in ihrem Sessel, nickt a-
ber fest entschlossen. Der Professor fhrt weiter aus:
Mein Kollege Dr. Snider und ich haben den Ablauf be-
reits in den letzten Tage durchgesprochen und wie folgt fest-
gelegt. Wir werden Ihnen bei vollem Bewusstsein Schritt fr
Schritt den gesamten Informationsfluss ber die Nerven-
bahnen vom und zum Gehirn unterbrechen. Das machen wir
durch groflchige Injektion unserer impulshemmenden
150
Flssigkeit Sensolon in den Nervenstrang am Halswirbel.
Dadurch werden Sie smtliche Gefhle und jegliche Kontrol-
le ber Ihren Krper, beziehungsweise ber Ihre Gliedma-
en verlieren.
Der erfahrene Arzt und Wissenschaftler schaut immer
wieder auf die Gesichtszge seiner Probandin, um etwaige
Unklarheiten im Vorfeld zu vermeiden. Er nimmt ihren of-
fenen und aufmerksamen Blick zur Kenntnis und fhrt fort:
Wir stellen die Wirkungsdauer der Informationshem-
mung im ersten Versuch auf circa eine Viertelminute ein, da
wir nicht wissen, wie lange die anschlieende Unterbre-
chung der Energiezufuhr zum Kopf dauern muss, um ihrem
Gehirn einen klinischen Tod vorzutuschen.
Mrs. Narok, Sie sollten auch wissen, dass bei der Informa-
tionssperre vom Gehirn zu den Organen und umgekehrt na-
trlich die Steuerimpulse fr Ihr Herz ausfallen werden und
wir von einem Herzschrittmacher diese Funktion berneh-
men lassen. Wir mssen dabei auf den schlimmsten Fall,
den so genannten worst case vorbereitet sein und uns auf
eine etwaige Reanimation der Herzttigkeit vorsichtshalber
einstellen. Ich bin jedoch fest davon berzeugt, dass daraus
keine Gefahr fr Ihr Leben resultieren wird, denn erstens ist
der Zeitraum der Informationsunterbrechung sehr kurz und
zweitens sind Sie in einem der best ausgestatteten Operati-
onsrume der Vereinigten Staaten von Amerika.
Wir werden Ihren Krper nach dem ersten Versuch
selbstverstndlich erst wieder in seinen Normalzustand ver-
setzen und Ihre Stellungnahme einholen, bevor wir einen
zweiten Versuch starten sollten. Sie knnen gewiss sein, dass
wir nichts, aber auch berhaupt nichts ohne Ihre Zustim-
mung unternehmen werden. Darauf gebe ich Ihnen mein
Ehrenwort.
Dr. Snider nickt bei diesen Ausfhrungen seines Vorge-
setzten und erklrt der Studentin nun die einzelnen Operati-
151
onsschritte, die fr die geplante, kurzzeitige Unterbrechung
der Blutzufuhr zum Gehirn notwendig sein werden:
Wir wollen im ersten Experimentierstadium versuchen,
diesen Zustand mglichst unblutig herzustellen, das heit,
ohne eine operative Freilegung der Halsschlagadern auszu-
kommen. Dazu mssen wir die Adern durch die Haut exakt
lokalisieren und mit einer geeigneten Apparatur schnell und
fr kurze Zeitintervalle abklemmen knnen.
Aus diesem Grunde sind einige Vorexperimente notwen-
dig, insbesondere um die Magnetaktoren der Stopvorrich-
tung krpergerecht zu entwickeln und um ihren Krper und
Geist auf die ungewohnte Abschaltung einzelner Krperteile
vorzubereiten. Wenn Sie es einrichten knnen, sollten wir ab
morgen mit den erforderlichen Vortests beginnen.
Malsi nickt zustimmend und versichert am nchsten Vor-
mittag um neun Uhr im Labor des Instituts zu erscheinen.
Mit dieser ersten Abstimmung der Vorgehensweise lst der
Professor die Besprechung auf und verspricht beim Verab-
schieden seiner Probandin, morgen bei den Vortests eben-
falls anwesend zu sein.

Dr. Snider desinfiziert sich die Hnde und lsst sich von ei-
nem Assistenten im Vorraum des Operationssaals die Gum-
mihandschuhe berziehen. Er kontrolliert anschlieend die
Einwegspritzen auf dem Tableau vor dem Operationstisch,
welche mit Sensolon unterschiedlicher Wirkungsdauer ge-
fllt sind. Die bereits in unzhligen Tierversuchen ermittelte,
effektive Unterbrechungszeit des Informationsflusses ber
die Synapsenkpfchen der Nervenzellen steht als groe Zahl
in Sekunden mit aufgedruckt.
Das siebenteilige Spritzenbesteck beginnt mit Sensolon
50, das eine Hemmzeit von circa fnfzig Sekunden aufweist,
und ist in Zehnerschritten bis Sensolon 120 vorbereitet.
Damit will das Team zunchst die Hand der Probandin
knapp eine Minute vollkommen gefhlstot machen.
152

Pnktlich um neun Uhr klopft Malsi Narok auf den Buzzer
an der Elektrotr des verschlossenen Operationsvorzim-
mers, um das sechskpfige Team auf sich aufmerksam zu
machen.
Dr. Snider ffnet per Knopfdruck die codegesicherte Tr
von innen und begrt die Studentin froh gelaunt mit den
aufbauenden Worten:
Good Morning, Mrs. Narok, nice to see you. Sie knnen
absolut relaxed bleiben und die nchsten ein bis zwei Stun-
den locker ber sich ergehen lassen. Bei den heutigen Vor-
tests drfen Sie sogar ihre Straenkleidung anbehalten. Le-
diglich die Schuhe mssen sie ablegen. Sobald Professor
Lebib anwesend ist, werden wir auch sofort mit den Experi-
menten beginnen.
Malsi streift ihre weien Jogging-Schuhe ab und stellt sie
fein suberlich in das dafr vorgesehene Regal. Dann setzt
sie sich auf einen der Sthle und harrt der Dinge, die da
kommen.
In Gedanken sieht sie ihren verstorbenen Vater, der ihr so
viel bedeutet hat und der ihr mit sinnloser Gewalt bei dem
grausamen Attentat genommen wurde. Sie sieht ihren egois-
tischen und verstndnislosen Mann, der vor ein paar Tagen
seine Koffer gepackt und ohne ein Wort die Villa verlassen
hat und sie sieht ihre Mutter, die sie heute Morgen vor die-
sen unheimlichen Experimenten eindringlich mit den Wor-
ten gewarnt hat:
Mein Kind, du hast schon so viel in deinem Leben mit-
gemacht und bist erst seit kurzem wieder einigermaen kr-
perlich hergestellt. Warum mchtest du dieses Risiko fr
dich und deine Gesundheit eingehen?
Malsi lchelte und nahm ihre Mutter am Frhstckstisch
lieb in den Arm. Dann flsterte sie:
Mum, bitte versuche mich zu verstehen. Ich muss es fr
mich tun, vielleicht gerade um meine Vergangenheit aufzu-
153
arbeiten. Weit du, wenn man sich das Leben genauer be-
trachtet, ist doch jedes Individuum letztendlich immer mit
sich und seinen Problemen alleine. Und wer mit sich alleine
nichts anzufangen wei oder mit seiner Situation nicht zu-
recht kommt, der strzt zwangslufig irgendwann ab.
Die junge Frau wird beim Eintreten des Professor wieder
in die Realitt zurckgeholt. Als sie den Chirurg in seinem
dunkelgrnen Operationsoverall vor sich stehen sieht, muss
sie an ihre letzte Behandlung bezglich ihrer Gehhilfen den-
ken.
Good morning, Mrs. Narok. Haben Sie gut geschlafen
und fhlen Sie sich fit genug, um mit uns ein neues Tor in
der Menschheitsgeschichte aufzustoen?
Well, Sir, ich fhle mich sehr wohl und ich bin mchtig
gespannt, was die nchsten Tage und Wochen fr mich brin-
gen werden.
Um mit einem hnlich geflgelten Ausdruck auf die erha-
bene Bemerkung von Professor Lebib zu antworten, fgt sie
noch schnell an:
Ladies and Gentlemen, ich bin bereit, der Menschheit
und der Wissenschaft zu dienen.
Ihre gromtige Bemerkung wurde von den Anwesenden
mit einem kleinen Applaus honoriert.
Professor Lebib bringt seine Probandin zum Operations-
tisch, welchen er per Knopfdruck ziemlich weit herunter-
fhrt, damit sie sich entspannt hinlegen kann. Durch ihren
Hosenanzug hat er fr einen Augenblick ganz bersehen,
dass seine Testperson intelligente Gehhilfen trgt. Inzwi-
schen haben sich auch Dr. Snider und das gesamte Forscher-
team um den Operationstisch versammelt.
An seine Patientin gewandt sagt er:
Mrs. Narok, mein Kollege wird Ihnen jetzt eine Dosis
Sensolon 50 in Ihr rechtes Handgelenk spritzen. In die linke
Hand geben wir Ihnen eine Stoppuhr. Bitte drcken Sie den
Knopf der Uhr erst dann, wenn sich Ihre rechte Hand taub
154
anfhlt und drcken Sie den Knopf erneut, wenn wieder Le-
ben in die rechte Hand zurckkehrt. So knnen wir die ge-
naue Wirkungsdauer unserer impulshemmenden Flssigkeit
ermitteln.
Einer der jungen Assistenten stellt ein Tischmikrofon vor
der Patientin auf und meint:
Mrs. Narok, wir werden Ihre Gefhle und Empfindungen
whrend der gesamten Testreihe auf Band aufnehmen und
dann spter auswerten. Bitte sagen Sie uns alles, was Sie
fhlen und was in Ihnen vorgeht.
Dr. Snider nimmt die Einwegspritze mit der Aufschrift
Sensolon 50 vom Tableau, nachdem eine Assistentin das
Handgelenk der Probandin desinfiziert hat. Er beruhigt sei-
ne Patientin und sagt:
Das wird jetzt gleich ein bisschen pieken und dann wird
Ihre Hand schlagartig lahm. Bitte denken Sie daran, dass al-
les was in Ihnen mental vorgeht, fr unsere Untersuchungen
auerordentlich wichtig ist. Deshalb sprechen Sie Ihre Emp-
findungen ungeniert aus.
Malsi Narok nickt und drckt bereits wenige Sekunden
nach dem Einstich der Injektionsnadel die Stoppuhr in ihrer
linken Hand. Ihr Kommentar dazu:
Meine rechte Hand ist jetzt vollkommen gefhllos.
Zum Beweis hebt sie ihren rechten Arm hoch, an dem wie
leblos ihre Hand baumelt. Der Professor greift nach der
Hand, um sie nach eventuellen Restreaktionen zu prfen.
Doch mit einem Blick zu seinem Team gibt er zu verstehen,
dass Mrs. Narok keine Kontrolle mehr hat.
Der Zeiger der Stoppuhr zhlt derweil unaufhrlich die
Sekunden, whrend die Patientin ins Mikrofon spricht:
Der bergang von der Normalfunktion meiner Hand in
den gefhllosen Zustand ging blitzschnell. Pltzlich war jeg-
licher Kontakt zu meiner Hand beziehungsweise jegliche
Rckmeldung von meiner Hand unterbrochen. Es ist, als
wenn man sie vllig schmerzfrei amputiert htte. Ich spre
155
eine gewisse Entlastung in meinem Kopf. Man kann es ver-
gleichen mit dem langsamen bergang in den Schlafzu-
stand. Ich kann mir vorstellen, dass man beim Blockieren
smtlicher Krperfunktionen so eine Art ...
Noch bevor sie am Ende ihrer Vermutung angelangt ist,
bettigt sie bereits wieder den Knopf der Stoppuhr. Dann
vervollstndigt sie ihren begonnenen Satz:
... also, ich meinte, dass man dann sehr wahrscheinlich
eine Art Schlaf mit offenen Augen erlebt.
Der Professor nickt ihr zu und besttigt, dass er hnliches
erwartet hat. Nach einem Blick auf die Stoppuhr, deren Dis-
play exakt 51:37 anzeigt, bemerkt er zufrieden:
Good Job, meine Herren. Die gemessene Wirkungsdauer
liegt perfekt im Zeitrahmen und scheint tatschlich die Er-
gebnisse aus den Tierversuchen zu besttigen.
Zu seiner Versuchsperson gewandt sagt er:
Mrs. Narok, sind Sie fr einen weiteren Versuch bereit?
Wir wollen im nchsten Schritt Ihren Geruchssinn und dann
Ihre Sehfhigkeit abschalten. Doch zuvor drfen Sie sich
noch ein paar Minuten ausruhen und entspannen. Meine
Mitarbeiter werden in der Zwischenzeit im Selbstversuch die
von Ihnen gemachten Messergebnisse quasi berbesttigen.
Malsi Narok lehnt sich zurck auf die inzwischen hochge-
stellte Endplatte des Operationstisches. Amsiert sieht sie
den Assistenten zu, die sich der Reihe nach ber ihre knst-
lich abgestorbenen Hnde und Fe amsieren und mit
Scherzen lustig machen.
Nach circa dreiig Minuten kommen Professor Lebib und
Dr. Snider in den Operationssaal zurck und fhren ihre
Experimente fort. Die Probandin nimmt wieder die Stopp-
uhr in die Hand und bekommt anschlieend von Dr. Snider
in beide Innenohren Sensolon 50 injiziert, das schlagartig
die Funktion ihrer Hrnerven unterbindet.
Sie drckt auf den Knopf der Stoppuhr und schaut er-
staunt in die Runde, ob sie an den Lippen und Gesten der
156
anwesenden Forscher etwas Informatives ablesen kann. Und
zum ersten Mal wird ihr bewusst, wie schwierig das tgliche
Leben fr schwerhrige Menschen sein muss. Malsi ist abso-
lut ruhig, da sie aus dem vorangegangenen Experiment wei,
dass ihr Gehr schnell wieder zurckkommt. Trotzdem traut
sie sich in dieser ungewohnten Situation kein Wort zu sagen.
Sie zuckt mit den Schultern und lchelt verschmitzt zu-
rck, als Professor Lebib sie anspricht, um ihren Zustand zu
testen. Und insgeheim denkt sie, wie schlimm muss es erst
sein, wenn man sein Augenlicht verloren hat. Als pltzlich
wieder erste Gesprchsfetzen an ihr Ohr dringen, bettigt
Malsi den Knopf der Stoppuhr und reicht den Zeitmesser an
Professor Lebib weiter.
Dieser nickt zufrieden, als er auf dem Ziffernblatt eine ef-
fektive Wirkungsdauer von dreiundfnfzig Sekunden abliest.
Zu Mrs. Narok gewandt meint er:
Sehr gut, dear Student. Das haben Sie perfekt gemacht.
Ich bin sehr zufrieden mit dem Verlauf unserer ersten Test-
reihe. Sie drfen jetzt wieder ein paar Minuten relaxen und
sich ber unsere tauben Assistenten amsieren.
An den Gesichtern der jungen Wissenschaftler erkennt sie
aber sofort, dass diese Art von Behinderung weit weniger
lustig empfunden wird, als die Lhmung von Hnden und
Fen. Und sie macht sich innerlich bereit fr den bevorste-
henden Sinnesausfall des Augenlichts.
Professor Lebib sieht ihren angespannten Gesichtsaus-
druck und erklrt seiner Probandin mit beruhigenden Wor-
ten:
Dont worry. Natrlich werden wir die informations-
hemmende Flssigkeit nicht in Ihre Augennerven injizieren.
Diese Schmerzen werden wir Ihnen selbstverstndlich nicht
zumuten. Stattdessen wollen wir versuchen, die Nervenzel-
len an der Oberflche ihrer Pupillen mit Sensolon abzuschal-
ten. Ob diese Manahme ausreicht, um Sie vorbergehend
157
blind zu machen, soll zunchst an einem Auge getestet wer-
den.
Malsi nickt mutig und Dr. Snider reicht ihr die Stoppuhr,
bevor er etwas Sensolon auf die rechte Pupille der Patientin
auftrgt. Da die Probandin zunchst nicht reagiert, erhht er
die Dosis etwas. Und wie erwartet drckt Malsi Narok end-
lich auf den Knopf der Stoppuhr.
Zufrieden schauen sich die beiden Seniorwissenschaftler
an und versuchen mit Lichtblitzen, eine Reaktion des vor-
bergehend toten Auges zu erreichen. Alle Symptome deuten
aber darauf hin, dass der Informationsfluss dieses Auges
zum Gehirn definitiv unterbrochen ist.
Die Besttigung erhalten die Forscher auch prompt von
ihrer tapferen und etwas verunsicherten Versuchsperson:
Sir, mein rechtes Auge ist absolut blind. Ich kann ber-
haupt nichts mehr damit sehen. Es ist ein eigenartiges Ge-
fhl. Ganz anders, als wenn man schlft oder die Augen nur
schliet. Irgendwie fehlt mir etwas Wesentliches, etwas mit
dem ich quasi stndig in Verbindung stehe, mit dem ich le-
be. Es ist furchtbar, als Sehender das Augenlicht zu verlie-
ren.
Ungeduldig schauen die Wissenschaftler bei diesen Aus-
sagen auf Malsis Hand und knnen es nicht erwarten, dass
sie den Knopf der Stoppuhr drckt.
Endlich nach langen und qulenden sechsundfnfzig Se-
kunden hlt sie die Stoppuhr an und signalisiert, dass ihre
Sehfhigkeit wieder zurckgekehrt ist. Erleichtert atmen die
Umstehenden auf und machen keinen Hehl aus ihrer ber-
groen Freude ber den durchschlagenden Erfolg ihrer bis-
herigen Forschungsarbeit.
Insbesondere die wissenschaftlichen Assistenten von Pro-
fessor Lebib knnen es nun nicht mehr erwarten, auch die-
sen besonderen Sinnesausfall der Augen am eigenen Leib zu
erfahren.
158
Professor Lebib nimmt am Ende der Mitarbeitertests ei-
nen Computerausdruck der gesammelten Daten mit Genug-
tuung von seinem Stellvertreter Dr. Snider entgegen und
verlsst den Operationssaal mit der Bemerkung:
Ladies and Gentlemen, ich bedanke mich bei Ihnen allen
fr Ihr Engagement und Ihre Teamarbeit. Wir werden uns
nchste Woche zur gleichen Zeit wieder hier treffen und die
ersten Versuche zur Unterbrechung der Blutzufuhr zum Ge-
hirn vornehmen.
Zu seiner Studentin gewandt fragt er:
Ist Freitag neun Uhr fr Sie okay, Mrs. Narok?
Diese nickt dem Professor zustimmend zu. Spontan be-
schliet der Institutsdirektor seine Mitarbeiter und die Pro-
bandin zum Mittagessen in die Mensa einzuladen. Zumal er
am Vormittag beim Vorbeiradeln auf der Schiefertafel am
Eingang gelesen hat, dass heute sein Lieblingsfischgericht
auf dem Speisezettel steht.

Auf dem Nachhauseweg lsst sich Malsi Narok im Fond der
stretched US-Limousine die Erlebnisse und Eindrcke des
Vormittags nochmals durch den Kopf gehen. Sie fhlt sich
federleicht und sinniert leise vor sich hin: Es ist schon ein
seltsames Gefhl, wenn die Gliedmaen und Sinnesorgane
vom Gehirn abgekoppelt werden. Muss man sich so den -
bergang vom Leben zum klinischen Tod vorstellen?
Bedeutet Sterben am Ende eine Art Befreiung von der le-
benslangen Gefangenschaft in unseren Krpern? In diesem
Punkt hat ihr Professor bestimmt Recht, wenn er sagt:
Der Irrtum der allermeisten Menschen besteht darin,
dass sie sich mit ihrem Krper identifizieren. Das ist anima-
lisch, primitiv und falsch. Das individuelle Ich oder der so
genannte Geist eines Menschen reduziert sich auf seine per-
snliche Software, die in seinem Grohirn einprogrammiert
ist.
159
Mit einem Mal wird sie hellhrig und fragt sich, nur was
kommt nach der Loslsung des Geistes vom Krper auf den
Betreffenden zu? Eine innere Unruhe macht sich in ihr breit
und sie wnscht sich den Tag mglichst schnell herbei, an
dem sie eine Antwort auf diese Ungewissheit bekommt.

Von weitem sieht sie ihre elegante Mutter in der groen Auf-
fahrt zu ihrem luxurisen Elternhaus stehen und die Rosen-
bumchen am Portal mit einer Heckenschere beschneiden.
Mrs. Narok senior legt beim Anblick der Limousine die Gar-
tengerte ab und schliet sogleich ihre Tochter in die Arme.
Eine wohlige Wrme der Verbundenheit und Liebe durch-
strmt die beiden Frauen.
Hello, my dear, schn, dass du da bist. Ich habe uns ein
feines Mahl zubereitet. Geh schon mal voraus, ich werde mir
nur noch schnell die Gartenschrze abbinden und die Gerte
wegrumen.
Ihren dunkelbraunen Chauffeur, Ajulellah, bittet sie, drei
Gedecke im Speisesaal aufzulegen, denn sie ldt ihn eben-
falls zum Lunch ein. Dieser ziert sich zunchst etwas, da er
sich gem seiner indischen Kastenerziehung des hohen
Standesunterschieds bewusst ist. Doch seine angeborene
Neugierde bewegt ihn ebenso schnell dazu, die Einladung
seiner Chefin dankend anzunehmen.
Whrend des Mittagessens erzhlt Malsi in aller Ausfhr-
lichkeit von ihren Experimenten an der Universitt. Am Ess-
verhalten ihrer Mutter, insbesondere aber des indischen
Dieners konnte man die Wirkung ihrer Worte ablesen. Zeit-
weise hingen beide wie gebannt an ihren Lippen und waren
unfhig auch nur einen Happen hinunterzuschlucken.
Mit ein paar flapsigen Bemerkungen zu den bevorstehen-
den Untersuchungen und Tests und zur knstlichen Herbei-
fhrung des klinischen Todes wartet Malsi bis zum Ende des
Dessert. Der hinduistisch erzogene Butler kommt aus dem
Staunen nicht mehr heraus, da er fest an seine Wiedergeburt
160
in einem anderen Krper glaubt und sich ein endgltiges
Lebensende beim besten Willen nicht vorstellen kann und
mag.
Mrs. Narok senior setzt sich mit ihrer Tochter nach dem
Lunch auf die groe Sonnenterrasse, wo Ajulellah den bei-
den Damen einen Sonnenschirm aufspannt und anschlie-
end einen Mokka serviert.
Well, Malsi, ich mchte schon seit langem mit dir ber
ein Thema sprechen, das mich mehr und mehr beschftigt.
Eigentlich msste ich sagen, das mich mehr und mehr be-
lastet.
Mit diesen Worten versucht die Mutter das Gesprch in
die gewnschte Richtung zu lenken.
Ihre Tochter schaut sie verwundert an und fragt:
Mum, ich verstehe dich nicht. Mchtest du vielleicht wie-
der eine neue Partnerschaft eingehen? Das ist absolut okay
nach all den vielen einsamen und schweren Jahren, die du
hinter dich bringen musstest. Ich glaube, auch Daddy wrde
sich wnschen, dass du wieder einen starken und ehrlichen
Partner an deiner Seite hast. Am besten gehen wir gemein-
sam auf Partnersuche, da ja meine Ehe gescheitert ist.
No, no, my dear. Das ist nicht mein Hauptproblem, wor-
ber ich mit dir sprechen mchte. Es geht mir vielmehr dar-
um, von dir zu erfahren, ob auch du manchmal ber die Zu-
sammenhnge von Wohlstand und Armut nachdenkst. Ob
du dir bewusst bist, wie unendlich gut es uns geht. Aber vor
allem, auf wessen Kosten wir so gut leben?
Mrs. Narok senior schaut gespannt auf ihre Tochter. Was
wird sie erwidern? Die Mutter rechnet mit allen mglichen
Ausflchten, nur nicht damit, was sie jetzt zu hren be-
kommt. Malsi blickt der Mutter fest in die Augen, als sie mit
klarer und fester Stimme antwortet:
Du wirst es nicht glauben, aber auch ich berlege schon
seit lngerer Zeit, wann und wie ich dich am besten auf die-
ses heikle Thema ansprechen knnte. Well, das schwere
161
Schicksal meiner Studienkollegin Nema hat mich sehr nach-
denklich gemacht und deshalb beschftige ich mich mit dem
Elend und Leid auf der Welt seit geraumer Zeit.
Ist das die Studentin, die morgens immer mit dir im Wa-
gen zur Universitt fhrt?, mchte die Mutter wissen.
Yes, Mum, erwidert Malsi und fhrt fort:
Es sind zwei Dinge, die mir einfach nicht in den Kopf
wollen. Zum einen sind es Willkr und Zufall, mit denen
man in seine Lebensverhltnisse hineingeboren wird und
auf die man absolut keinen Einfluss hat. Da dies leider so ist,
darf der Startpunkt eines Lebewesens nicht automatisch das
Schicksal fr sein ganzes Leben bleiben. Und zum anderen
sind es die Selbstverstndlichkeit und Arroganz von uns
Wohlhabenden, mit denen wir unser zuflliges Glck in An-
spruch nehmen und auf Kosten der rmsten und Armen mit
allen Mitteln verteidigen und durchsetzen. Das heit fr
mich, dass es unsere christliche Pflicht wre, dieses allge-
meine Chaos an Elend und Not in der Welt durch persnli-
chen Verzicht zu beseitigen, anstatt es mit sinnlosem Beten
an den lieben Gott abzugeben.
Nach einer kleinen Pause, in der die beiden Frauen tief
durchatmen, kommt Malsi Narok auf den Punkt:
Natrlich denkt man dabei an seine eigene Lebenssitua-
tion, die man ehrlicherweise als sehr luxuris bezeichnen
muss. Und diese Erkenntnis hat mich in letzter Zeit so nach-
denklich gemacht, dass ich fest entschlossen bin, meinem
weiteren Leben unbedingt eine neue, sinnerfllte Richtung
zu geben. Mum, ich mchte deshalb meine Fhigkeiten als
rztin in den Dienst der Armen und Schwachen stellen.
Liebevoll nimmt die Mutter beide Hnde ihrer Tochter in
die ihren und sagt mit belegter Stimme:
Mein liebes Kind, genau diese traurigen Gedanken ver-
folgen mich ebenfalls seit lngerer Zeit und sie lasten schwer
auf meinem Gewissen. Wie konnten wir nur so dumm und
162
egoistisch sein und diesen ungeheuren Wohlstand und Lu-
xus jahrelang gedankenlos in Anspruch nehmen!
Und als kleine Entschuldigung an ihre Tochter fgt sie ih-
rer reumtigen Erkenntnis noch schnell an:
Ich habe daher vor Monaten schon einschneidende
Schritte in unserer Firma in die Wege eingeleitet, um dieser
Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit nachhaltig entge-
genzuwirken. Gott sei Dank wei ich jetzt, dass du, mein
Liebling, damit einverstanden bist und meine fr die meis-
ten Menschen unverstndlichen Entscheidungen mittragen
wirst.
Beide Frauen nehmen einen Schluck aus ihren kleinen,
goldumrandeten Mokkatassen und lcheln sich verstndnis-
voll an. Nachdem Ajulellah die Porzellantsschen neu aufge-
fllt hat, ergreift die Mutter wieder das Wort:
Weit du, Malsi, ich kann es nicht mehr ertragen, dass
wir alle in Saus und Braus leben, obwohl gleichzeitig Milli-
arden Menschen fr diesen Wohlstand hungern mssen. Das
hat doch mit Zivilisation nichts zu tun, das ist die reine Bar-
barei und Anarchie.
Um ihre harten Worte mit Fakten zu unterlegen, erklrt
die Mutter weiter:
Wenn man sich nur die vielen Aberbillionen an Rckla-
gen auf den Sparkonten der Wohlstandslnder anschaut,
Geld also, das ihre Besitzer absolut nicht brauchen, oder
wenn man sich die Unsummen betrachtet, die weltweit fr
Urlaubsreisen jedes Jahr ausgegeben werden, oder wenn
man gar die astronomischen Betrge nimmt, die auf der
ganzen Welt fr Militr und Rstung verpulvert werden,
dann wird einem schnell klar, dass mit diesen Summen auch
die Milliarden armer Menschen in der Dritten Welt ein men-
schenwrdiges Leben fhren knnten, anstatt in unserer
wirtschaftlichen Wertschpfungskette zermahlen zu werden.
Unsere kapitalistische Ausbeutung und Raffgier ist ein
163
Verbrechen, das die Grueltaten von Diktatoren und Terro-
risten noch tausendfach bertrifft.
Malsi nickt zustimmend und ergnzt:
Im Prinzip mssten sich die Vermgenden noch nicht
einmal nennenswert einschrnken, allenfalls auf das ber-
flssige verzichten. Aber noch nicht einmal dazu sind wir be-
reit. Mum, auch ich schme mich vor meinem Gewissen -
ber diesen egoistischen Frevel, den wir Reiche an den Armen
begehen.
Bei diesen ehrlichen Worten nimmt Mrs. Narok senior ih-
re Tochter liebevoll in den Arm und meint beruhigend:
Wir beide, my dear, werden das im Rahmen unserer per-
snlichen Mglichkeiten ndern. Wenn du einverstanden
bist, werden wir uns Schritt fr Schritt von unserem immen-
sen Reichtum trennen und in Zukunft ein bescheidenes Le-
ben fhren. Irgendwer aus unseren Wohlstandsreihen muss
endlich den Anfang machen und auf all die anderen Mittter
mit dem Finger zeigen, damit diese nicht weiterhin ihre
grausamen und unmenschlichen Wohlstandsverbrechen kol-
lektiv verdrngen knnen. Sie sollen wissen, dass sie mit je-
dem ihrer Dollarbndel viele Menschenleben auslschen
und den zum Himmel stinkenden Leichenberg auf ihrem
Wohlstandskonto vergrern.
Eine unangenehme Gnsehaut luft der Mutter ber den
Rcken, als sie rckblickend zu Malsi sagt:
Wenn ich nur daran denke, wie stolz wir bisher immer
waren, auf der Best of-Liste der hundert reichsten US-
Familien einen vorderen Platz zu belegen. Ich mchte unse-
ren Namen nie mehr wieder auf dieser Rankingliste von
Verbrechern und Massenmrdern lesen, dafr werde ich
sorgen.
Die Tochter nickt der Mutter zustimmend zu und ergnzt:
Es ist schon eine verrckte Welt, in der man voller Stolz
auf seine Millionen und Milliarden hinweisen kann und fr
diese mrderische Raffgier auch noch allseits bewundert
164
wird. Das hat wohl damit zu tun, dass jeder einzelne Mensch
diese Gier irgendwo in sich trgt und deshalb anstelle der
Reichen hchstwahrscheinlich genauso handeln wrde. Wa-
rum nehmen nur so wenige Menschen den Kampf gegen die
Folgen unseres beschmenden Konsumwahns aktiv auf,
Mum?
Die lebenserfahrene Mutter antwortet ihrer Tochter mit
einer wohlberlegten Vermutung:
Well Malsi, ich glaube, dass die Masse der Menschen ein-
fach das nachlebt, was ihnen die so genannten Idole, Promi-
nenten und Wrdentrger vorleben oder die Werbung ein-
hmmert. Der groe Teil einer Wohlstandsgesellschaft kann
nmlich mit Begriffen wie persnliche Freiheit, Nchstenlie-
be und Zivilcourage absolut nichts anfangen. Diese Men-
schen setzen ihre Freiheiten gleich mit Hobby, Urlaub und
Konsum. Leider sind auch die meisten Promis und Idole mit
stumpfer Einfallslosigkeit und Geldgier gestraft, so dass sich
im Laufe vieler Wohlstandsjahre eine allgemeine Verwahrlo-
sung bei uns breitgemacht hat, die sich in Begriffen wie
Geld, Konsum und Sex erschpft. Back to the animal, kann
ich dazu nur sagen.
Diese Aussagen ihrer Mutter nutzt Malsi, um einen
Schwenk zu den bevorstehen BFTD-Experimenten am Nati-
onal Institute of Biotronics zu machen:
Du hast vollkommen Recht, Mum. Diese Merkmale un-
terscheiden den Menschen bestimmt nicht von den Tieren.
Im Gegenteil, Tiere fressen nur so viel, bis sie satt sind. Der
Mensch hingegen frisst sich in seiner malosen Gier prak-
tisch um seinen Verstand, insbesondere wenn man neben
der Nahrungsaufnahme auch den Konsum von Luxusgtern
bercksichtigt. Aber genau der Verstand ist der einzige Un-
terschied zwischen uns Menschen und den Tieren. Nicht der
Krper macht einen Menschen aus, sondern seine geistige
Persnlichkeit. So hnlich hat es uns Professor Lebib mal in
einer Vorlesungsstunde erklrt.
165
Wie sollen denn nun diese unheimlichen Experimente an
eurer Universitt weitergehen, welche du vorhin beim Lunch
kurz erwhnt hast?, mchte die beunruhigte Mutter von ih-
rer Tochter wissen.
Malsi ruspert sich, bevor sie antwortet:
Nchste Woche werden die Wissenschaftler um Professor
Lebib damit beginnen, eine unblutige Methode zu entwi-
ckeln, um den Sauerstofftransport des Blutes zum Gehirn
vollstndig fr kurze Augenblicke zu unterbinden.
Und wozu soll das gut sein?, unterbricht Mrs. Narok se-
nior ihre Tochter.
Well Mum, damit soll dem Gehirn der klinische Tod des
Krpers vorgetuscht werden, um es dazu zu bringen, den
geistigen Ablauf des Todes einzuleiten.
Bei diesen Worten muss die Mutter schwer schlucken und
sie erwidert in schlimmer Vorahnung:
Und sollen diese bengstigenden Experimente womg-
lich an dir durchgefhrt werden. Weit du wirklich, worauf
du dich da einlsst, my Darling?
Malsi streichelt ber die unruhigen Hnde ihrer besorgten
Mutter, als sie sagt:
Of course, Mum. Sieh es doch mal so, wenn die Experi-
mente des Professors erfolgreich sind, dann wird die
Menschheit von der qulenden Ungewissheit des Todes end-
gltig befreit sein und alle religisen und philosophischen
Spekulationen und Hirngespinste der letzten zehntausend
Jahre sind mit einem Schlag vom Tisch. Dann wei jeder
Mensch ganz genau, was in der Stunde des Todes auf ihn zu-
kommen wird.
Das Allerbeste aber wird sein, dass mit dieser Methode je-
der Mensch seinen Tod schon zu Lebzeiten erleben und ab-
arbeiten kann, sofern er das natrlich mchte. Mum, glaube
mir, es ist fr mich eine groe Ehre mit diesem gewagten
Schritt den geheimnisvollen Vorhang ins Jenseits aufzurei-
en.
166
Malsis Mutter sieht die Entschlossenheit in den Augen ih-
rer Tochter blitzen und stellt deshalb keine weiteren Fragen
mehr. Allerdings kann sie sich im Augenblick nicht vorstel-
len, Genaueres ber ihren eigenen Tod wissen zu wollen. Ir-
gendwie hat diese Ungewissheit auch ihre positiven Seiten,
denkt sie, man kann viel leichter verdrngen, zurechtbiegen
und heile Welt spielen, zumindest eine ganze Zeit lang.
Das Schweigen ihrer Mutter nutzt Malsi fr einen wichti-
gen Hinweis bezglich ihrer Indiskretion, die sie gerade als
Probandin begangen hat:
Please Mum, sprich mit niemanden ber die bevorste-
henden Experimente. Das ganze Forschungsprojekt unter-
liegt nmlich der hchsten Geheimhaltungsstufe. Ich musste
dafr unterschreiben, dass ich keinem Menschen Interna
weitergeben werde, ansonsten droht mir eine empfindliche
Geldstrafe. Eventuelle Risiken und Nebenwirkungen wh-
rend und nach den BFTD-Tests muss ich natrlich selbst
tragen.
Und pltzlich hat Malsi eine Idee:
Aber sag mal, Mum, soll ich vielleicht den Professor be-
knien, damit du als meine nchste Angehrige bei den
kommenden Experimenten dabei sein darfst?
Die Mutter nickt mehrmals stumm und schliet ihre Toch-
ter Malsi stolz in die Arme.

Die Stimmung der Anwesenden im Operationssaal des NIB
ist an diesem Freitagmorgen sehr angespannt. Alle Blicke
sind auf eine Apparatur neben dem Operationstisch ge-
bannt, deren Funktion von Dr. Snider gerade erklrt wird:
Ladies and Gentlemen, ich habe mir von unserer Zulie-
ferfirma fr intelligente Prothesen diesen Durchflusskon-
troller zur technischen Durchfhrung der heutigen Experi-
mente entwickeln lassen. Freundlicherweise haben uns die
Konstrukteure der Firma dieses Gert speziell auf unseren
Anwendungsfall optimiert. Wenn die Frequenz und Gau-
167
zahl der Magnetfelder wie berechnet ausreicht, knnen wir
den Durchfluss in den Arterien und Venen unserer Proban-
din unblutig regulieren.
Er erklrt den Kollegen weiter, dass mit den hoch energe-
tischen, magnetischen Wanderfeldern das Blut in den Adern
schlagartig zum Stillstand gebracht wird, so als ob man es
blitzschnell eingefroren htte. Mittels integrierter Drucksen-
soren knne auerdem der Blutdruck vor und hinter diesen
Durchflusskontrollern mit einer Genauigkeit beziehungswei-
se Fehlertoleranz von unter einem Prozent bestimmt wer-
den.
In diesem Augenblick ertnt der Buzzer der codegesicher-
ten Eingangstr zum sterilen Operationsbereich. Der stell-
vertretende Institutsleiter, Dr. Snider, gibt der assistieren-
den Krankenschwester ein Handzeichen, die Tr zu ffnen
und ruft ihr hinterher:
Bitte machen Sie die Patientin fr unsere Tests bereit.
Kleiner OP-Status gengt.
An seine Kollegen gewandt fhrt Dr. Snider fort:
Gentlemen, die Aktoren des Gerts mssen mglichst
weit die Blutadern rechts und links am Hals der Patientin
umschlieen.
Dabei zeigt er auf mehrere kleine, ferromagnetische Zan-
gen, die ein wenig an Haarspangen von Teenagern erinnern.
Zur Bedienung des medizinischen Gerts sagt er noch:
ber die Tastatur knnen wir die Unterbrechungszeit der
Blutzufuhr in Zehntelsekundenschritten einstellen. Die Ge-
schwindigkeit der Unterbrechung selbst knnen wir in Form
einer Rampe vorgeben, ebenso die Wiederherstellung der
Blutzirkulation am Ende eines Tests. Mit diesen Variations-
mglichkeiten drften wir dem Effekt eines pltzlichen
Herzstillstands schon sehr nahe kommen.
Professor Lebib hat die ganze Zeit im Hintergrund das Ge-
schehen im Operationssaal verfolgt. Er winkt seinen Stell-
vertreter zu sich und fragt:
168
Sag mal Fred, wolltest du heute schon den knstlichen
Nahtod einleiten? Wir hatten doch besprochen, erst mal die-
ses Gert anzupassen und eventuell nchste Woche mit den
eigentlichen BFTD-Versuchen zu beginnen.
Der Freund nickt und entschuldigt sich:
Wir werden unseren Fahrplan natrlich nicht ndern,
Henry. Die heutigen Tests dienen in erster Linie dazu, die
anatomische Form der Adapter zu optimieren und die Gau-
strken und Frequenzwerte der polysolenoiden Magnet-
feldspulen zu ermitteln, die wir bei unserer Probandin ben-
tigen. Auerdem mssen wir heute und eventuell in den
nchsten Tagen Messverfahren testen, um den effektiven
Blutstopp zum Gehirn zeitlich exakt bestimmen zu knnen.
Ich konnte dich gestern Abend leider telefonisch nicht mehr
erreichen und ber den neuesten Stand informieren.
Yes right, Fred. Ich war auf Einladung der Familie bei
den Naroks. Die Mutter unserer Probandin hatte mich um
ein Gesprch bezglich der geheimen Eingriffe nchste Wo-
che gebeten. Dabei hat sie mir meine Zustimmung abgerun-
gen, beim knstlichen Nahtod ihrer Tochter dabei sein zu
drfen. Ich hoffe, du bist damit einverstanden, dass ich ja
gesagt habe, klrt der Professor seinen Freund und Kolle-
gen ber seine gestrigen Aktivitten auf und fhrt fort:
By the way, Fred, sie wird unsere Geheimhaltungsstufe
selbstverstndlich respektieren. Diese attraktive Frau strahlt
eine angenehme Herzlichkeit und ansteckende Freundlich-
keit aus und sieht darber hinaus auch noch blendend aus.
Bei meinem Besuch fiel mir auf, dass zwischen der Mutter
und der Tochter optisch berhaupt keine hnlichkeit be-
steht. Diese hat wohl viel von ihrem verstorbenen Vater mit-
bekommen.
Der Freund kann sich bei diesen Worten ein leises Pfeifen
nicht verkneifen:
Das sind aber vollkommen neue Tne aus deinem Mund,
Henry. Sag mal, kann es sein, dass dir diese Frau gefllt?
169
Professor Lebib lchelt ein wenig verlegen, als er seinem
Freund mit einem Kopfschwenk zu verstehen gibt, dass jetzt
erst mal die anstehenden Tests fr ihn wichtig sind.
In diesem Augenblick kommt Malsi in Begleitung der
Krankenschwester in den Operationssaal. Professor Lebib
begrt seine Probandin mit einem krftigen Hndedruck
und erkundigt sich unter anderem nach ihrem Wohlbefin-
den:
Mrs. Narok, schn, dass Sie da sind. Wir haben die heuti-
gen Aktivitten bereits mit Ihnen besprochen. Meine Kolle-
gen werden zunchst die elektronischen Magnetaktoren an
die anatomischen Verhltnisse in Ihrem Halsbereich anpas-
sen, damit eine sichere und zuverlssige Funktionsweise
whrend der Tests garantiert ist. Parallel dazu werden wir
Ihnen Drucksensoren implementieren, die eine exakte, ex-
terne Bestimmung des Innendrucks in Ihren Adern erlau-
ben. Diese Vorbereitungen fr unser groes Experiment
nchste Woche sind fr Sie so gut wie schmerzfrei.
Aus den blaugrnen Augen seiner Testperson strahlt ihn
eine innere Zuversicht und Bereitschaft an, dass er sich be-
ruhigt mit den Worten verabschieden kann:
Sorry, ich muss Sie leider fr ein paar Minuten mit mei-
nem Team alleine lassen. Vom Rektorat wurde eine fr alle
Institutsleiter wichtige Sitzung ber die Verteilung der glo-
balen Haushaltsmittel kurzfristig anberaumt. Ich verspreche
Ihnen, sobald meine Besprechung mit den anderen Insti-
tutsdirektoren und dem Kanzler der Universitt beendet ist,
komme ich wieder hierher zurck.
Malsi lchelt den Professor an und sagt:
No problem, Sir, gehen Sie ruhig zu Ihrer Sitzung. Ich be-
finde mich hier bei Dr. Snider und seinen Kollegen in den
besten Hnden.

Als der Professor nach circa einer Stunde wieder in den OP-
Bereich zurckkommt, signalisiert ihm sein Kollege Dr. Sni-
170
der mit erhobenen Daumen, dass die Vorbereitungen erfolg-
reich verlaufen:
Henry, die Aktoren arbeiten einwandfrei. Wir haben die
Rampen optimal eingestellt und knnen durch Variation der
Unterbrechungszeit die Probandin schon bis zum Ein-
schlummern bringen. Sie empfindet die Eingriffe auf keinen
Fall als unangenehm oder als unnatrlich, sie klagt lediglich
ber ein leichtes Schwindelgefhl.
Der Professor klopft seinem Freund auf die Schulter und
informiert ihn ber den Ausgang der Sitzung:
Mit dem Bau des neuen Krankenhaustrakts soll bereits
bernchsten Monat begonnen werden. Die achtstelligen
Baukosten stehen in voller Hhe zur Verfgung und die
Baugre reicht aus, um neben der Erweiterung der intelli-
genten Prothetikabteilung auch noch unser BFTD-Team be-
quem unterzubringen. Glaubst du, Fred, dass wir nchste
Woche das Experiment der Experimente wagen knnen?
Dr. Snider nickt berzeugt mit dem Kopf und meint:
Bis auf ein paar Feinarbeiten, die wir im Laufe der Woche
aber mit Sicherheit erledigen knnen, steht unserem wissen-
schaftlichen Durchbruch ber das erste knstliche Todeser-
lebnis nichts mehr im Wege.
Beim Rasieren am frhen Morgen stellt Professor Lebib fest,
dass er feuchte Hnde hat und innerlich erheblich ange-
spannt ist. Natrlich wei er genau, woher seine physische
und psychische Angespanntheit kommen, denn schlielich
soll heute Vormittag zum ersten Mal bei einem Menschen
der knstliche Nahtod herbeigefhrt werden.
Die unzhligen Vorbereitungen zu diesem atemberauben-
den Experiment hat sein sechskpfiges Forscherteam in den
letzten Wochen mit uerster Przision und einem ungeheu-
ren Einsatzwillen durchgezogen. Und immer wieder muss
Professor Lebib an seine junge Kollegin aus Europa denken,
die diesen groen Tag so sehr herbeigesehnt hat, ihn aber
leider nicht mehr miterleben darf.
171
Den Beginn des Experiments, das weiterhin die interne
Bezeichnung BFTD 21 trgt, hat der Professor auf zehn Uhr
festgelegt. Neben seinen wissenschaftlichen Kollegen wird
nur noch die Mutter seiner Probandin anwesend sein. Aus-
schlaggebend fr die Anwesenheit der Mutter war auch, dass
der Professor nach diesem spektakulren Eingriff die Ge-
heimhaltungsstufe seiner BFTD-Forschungsarbeiten erst-
mals lockern und endlich die ffentlichkeit informieren
mchte.
Egal wie dieses khne Experiment auch ausgehen mag. So
jedenfalls hat er es mit seinem Stellvertreter Dr. Snider ab-
gesprochen und deshalb bereits vor Wochen die Medien in
einer breit gestreuten Mitteilung zu einer Pressekonferenz
fr morgen in den groen Hrsaal seines Instituts eingela-
den.
Professor Lebib bindet sich noch schnell eine Krawatte
um und steigt fnf Minuten spter auf sein Fahrrad, das er
aus dem Keller seiner neuen Bleibe hoch trgt. Diese hat er
ber ein Inserat in der Tageszeitung ausfindig gemacht und
erst vor einigen Tagen mit seinem Stubentiger bezogen.
Auf Drngen seiner fanatischen Exfrau, die die Zwangs-
versteigerung des gemeinsamen Hauses beantragt hatte,
musste er nach seiner Scheidung ausziehen. Mit einem ber-
schaubaren Bankkredit hat er sich diese kleine Eigentums-
wohnung in einem ordentlichen Mehrfamilienhaus gekauft.
Professor Lebib fhlt sich inzwischen rundherum wohl in
seinem neuen Reich und er geniet es frmlich, nicht mehr
den groen Garten und das riesige Haus in Schuss halten zu
mssen. Allerdings vermisst er Tag fr Tag seine liebe Kin-
derschar immer noch sehr, auch wenn der letzte Kontakt be-
reits zwei Jahre zurckliegt. Es vergeht kaum eine Nacht, in
der er nicht von seinen kleinen Lieblingen trumt.
Insbesondere an den Wochenenden verkriecht er sich
frmlich hinter seiner Arbeit, um blo keine Einsamkeit und
Leere aufkommen zu lassen. Und manchmal fragt er sich re-
172
signiert, warum kann es bei mir nicht sein, wie bei all den
anderen geschiedenen Vtern in seinem Umfeld, die von ih-
ren Kindern regelmig ein oder zweimal im Monat ber das
Wochenende besucht werden?
Wieso darf eine Mutter die gemeinsamen Kinder vor dem
Vater wegsperren und gleichzeitig dessen Unterhalt kassie-
ren? Dabei fallen ihm die salbungsvollen Worte des Famili-
enrichters wieder ein, der bei der Scheidungsverhandlung
stets vom Wohle der Kinder gesprochen hatte. Entweder
spinnt der oder ich spinne, geht es dem betrogenen Vater
durch den Kopf.

Gegen acht Uhr sitzt Professor Lebib an seinem Schreibtisch
und diktiert ein paar Briefe auf das Bandgert, ehe er seinen
Freund Dr. Snider anruft und zu einer Tasse Kaffe in sein
Bro einldt. Noch vor dem ersten Schluck besttigt Dr. Sni-
der seinem Freund, dass alle Vorkehrungen im kleinen Ope-
rationssaal bereits getroffen seien und dass die Testperson
ebenfalls schon anwesend sei. Und weiter:
Henry, ich habe ein unheimlich gutes Gefhl, was den
Ausgang unseres Experiments angeht. Alles deutet darauf
hin, dass die ermordete Kollegin aus Europa mit ihren logi-
schen berlegungen Recht behlt und dass wir heute den
praktischen Nachweis ihrer Vermutungen erbringen werden.
Ich glaube, ab morgen wird im religisen, philosophischen
und gesellschaftlichen Denken nichts mehr so bleiben kn-
nen, wie es mal war. Dann fallen die alten Zpfe endgltig
und mit ihnen die ewig Gestrigen.
Professor Lebib lsst sich von diesen Emotionen bereitwil-
lig anstecken, hat doch auch er schon den ganzen Morgen
ein unbeschreiblich positives und gutes Gefhl im Bauch:
Fred, man kann die Zeit leider nicht aufhalten und schon
gar nicht solche aufregenden Glcksmomente wie diesen
konservieren. Lass uns dieses Highlight unserer Karriere,
diesen gemeinsamen Erfolg und diese tiefe, fachliche Befrie-
173
digung niemals vergessen, auch wenn alles bald Geschichte
sein wird.
Die beiden Freunde genieen den dampfenden Kaffee und
besprechen letzte Details zu dem unmittelbar bevorstehen-
den BFTD-21 Experiment und der ffentlichen Vorstellung
der Ergebnisse auf der morgigen Pressekonferenz.
Als sich die beiden Wissenschaftler auf den Weg zum Ope-
rationssaal machen, begegnen sie auf dem Flur Mrs. Narok
senior. Professor Lebib begrt die attraktive Witwe des Na-
rok Imperiums mit einem freundlichen Handschlag und
macht sie anschlieend mit seinem Freund Dr. Snider be-
kannt.
Zu dritt gehen sie dann durch die Sicherheitsschleuse des
hoch sterilen Operationstrakts, wo die Studentin und Pro-
bandin bereits entspannt auf dem OP-Tisch liegt. Aus dem
Augenwinkel sieht der Professor, dass seine wissenschaftli-
chen Assistenten gerade dabei sind, die Schaltaktoren mit
den integrierten Drucksensoren an die Halsschlagadern der
Testperson anzulegen.
Dr. Snider weist die Krankenschwester an, die Mutter der
Probandin mit der entsprechenden Hygienekleidung zu ver-
sorgen. Nach dem blichen Desinfektionsritual und dem An-
legen und Verschnren des Operationskittels begrt Pro-
fessor Lebib alle Anwesenden in dem gespenstisch ruhigen
OP:
Ladies and Gentlemen, wir alle wissen, welch fundamen-
tale Bedeutung unser Experiment mit dem knstlichen Nah-
tod fr die gesamte Menschheit hat. Was wir heute vorha-
ben, ist ein gewagter Blick hinter die Kulisse des Lebens. Wir
bewegen uns ein groes Stck auf dem Weg zum Ewigen Le-
ben und stoen das Tor zum Jenseits einen gewaltigen Spalt
auf. Dr. Snider und ich sind sehr zuversichtlich, was den
Ausgang dieses geistigen Ausflugs ins Nirwana angeht.
Dann geht der Professor zur Feinabstimmung nochmals
alle Einzelheiten des bevorstehenden Experiments mit sei-
174
nen Kollegen Schritt fr Schritt durch und meint zum
Schluss:
Well, Gentlemen, holen wir uns den Erfolg und lassen wir
einen winzigen Softwaresprung im Grohirn zu einem rie-
sengroen Schritt fr die Aufklrung der Menschheit wer-
den.
Professor Lebib drckt seiner Studentin Malsi fest die
Hand, ehe er seinen Mitarbeitern durch ein leichtes Nicken
mit dem Kopf das Zeichen fr den Start des ersten, knstli-
chen Back-from-the-death-Erlebnis der Welt gibt.
Die Handgriffe der wissenschaftlichen Mitarbeiter sind
przise wie ein Uhrwerk und tausendmal eingebt worden.
Whrend Dr. Snider eine effektive Blutunterbrechung von
drei Sekunden ber die Tastatur in den Durchflusskontroller
eingibt, setzen die Assistenten mehrere Einwegspritzen am
Halswirbel, den Hrnerven und den Pupillen an. Alle starren
wie gespannt auf die Anzeige des Blutdrucksensors im Vor-
derhirn. Nach Unterschreiten einer Mindestmarke nahe Null
mssen sie die Unterbrechung der Nervenbahnen vom R-
ckenmark, den Ohren und Augen zum Gehirn verzgerungs-
frei mit Sensolon 50 einleiten.
Die folgenden Augenblicke verrinnen fr die Anwesenden
wie eine Ewigkeit. Die junge Patientin liegt mit offenen Au-
gen vllig entspannt und bewegungslos auf dem Operations-
tisch. Fr einen Auenstehenden knnte es sich ohne Weite-
res um eine Tote handeln, wenn da nicht die vielen
Schluche und Apparate wren, die stndig Gerusche und
Anzeigennderungen von sich geben wrden.
Nach Ablauf der drei Sekunden absolutem Druckabfall im
Gehirn der Probandin fhrt die programmierte Steuerelekt-
ronik des Durchflusscontrollers den Blutdruck wieder lang-
sam auf seinen Normalwert hoch.
Professor Lebib beobachtet mit konzentriertem Blick die
ganze Zeit ber die Herzttigkeit der Probandin, damit er bei
einem
175
eventuellen Ausbleiben der Steuerimpulse fr den Herzmus-
kel sofort eingreifen kann. Der konstante Blutdruck im Kr-
per der Testperson zeigt dem Wissenschaftler jedoch, dass
die Verbindung vom Mittelhirn ber das vegetative Nerven-
system zu den Schrittmacherzellen im Vorhof des Herzmus-
kels whrend des Experiments nicht unterbrochen war. Zu-
frieden nickt er seinen Kollegen zu.
Es herrscht eine gespenstische Stille im Operationssaal
des National Institute of Biotronics. Aber zur groen Er-
leichterung der gesamten Mannschaft kehrt nach wenigen
Augenblicken bereits wieder Leben in die Augen der Patien-
tin zurck. Und es scheint, als ob Malsi Narok sehr weit
weggewesen sei und erst langsam in ihre Situation auf dem
Operationstisch zurckfinden msse.
Der Professor gibt den anderen Kollegen mit einem Finger
vor dem Mund das Zeichen, sich weiterhin ruhig zu verhal-
ten. Gespannt starrt er auf die Patientin und wartet geduldig
auf deren erste Reaktion.
Malsi blickt zunchst erstaunt in die Gesichter der umste-
henden Personen und lchelt etwas verlegen. Ihr Ge-
sichtsausdruck verrt, dass sie sich an den Ausgangspunkt
ihrer Reise ins Jenseits als den Ort ihrer Rckkehr erst ein-
stellen muss.
Wie gebannt lauschen die Wissenschaftler jetzt den ersten
Worten der Probandin, die einen festen Blickkontakt mit ih-
rer Mutter aufnimmt:
Wo ... bin ich? Warum ... bin ich nicht mehr dort, wo ich
gerade noch war? Ich wollte doch nicht mehr zurck ... in
meinen Krper.
Mit einem verkrampften Lcheln im Gesicht versucht
Malsi Zeit zu gewinnen, um sich zu vergegenwrtigen, dass
sie nicht mehr in der geistigen Welt ist, in der sie vor einer
Sekunde noch war. Stockend erzhlt sie den angespannten
Zuhrern:
176
Ich war auf einer wunderschnen Traumreise, die eine
eigenartig frohe und gelste Stimmungslage in mir ausgelst
hat. Dieses warme und glckliche Gefhl lie mich von An-
fang an nicht mehr los und eine Rckkehr in mein altes Le-
ben kam fr mich, bis vor wenigen Augenblicken, definitiv
nicht mehr in Frage.
Meine knstliche Totenreise ins Jenseits begann damit,
dass der Operationssaal mit einem Mal in einem gleienden
Licht erstrahlte und ich ber allem stand. Pltzlich sah ich
mich selbst leblos auf dem OP-Tisch liegen und ich fhlte
mich dabei federleicht. Mir war eigentlich sofort klar, dass
ich aus meinem Krper herausgeschlpft bin und irgendwie
wusste ich ganz sicher, dass ich so etwas wie auferstanden
bin.
Auf die neugierige Orientierungsfrage an meine unge-
wohnte Umgebung Wo bin ich hier?, antwortete mir eine
angenehme Stimme aus dem Hintergrund Du bist bei uns,
wir werden uns um dich kmmern. Es war eigenartig, aber
die ganze Zeit ber im Jenseits hatte ich das warme und be-
schtzte Gefhl, nicht alleine zu sein, ohne dass ich jeman-
den bewusst wahrgenommen habe. Ich war frei wie ein Vo-
gel und sah zeitweise die Erde als Kugel aus der
Weltraumperspektive.
Meine unsichtbaren Begleiter machten mich stndig dar-
auf aufmerksam, dass sie mir jeden Wunsch erfllen knn-
ten. Mum, es war einfach traumhaft schn. Das waren zu je-
dem Augenblick abertausendmal mehr Glcksgefhle, als
uns das ganze irdische Leben geben kann.
Nach einer kurzen Atempause greift Malsi nach der Hand
ihrer Mutter und fhrt mit ihren Erlebnissen aus der Toten-
welt fort:
Zwischendurch habe ich auch mein ganzes bisheriges Le-
ben nochmals in allen Einzelheiten durchlebt. Ich habe mit
Vater gesprochen und Scherze gemacht, genauso wie frher,
als er noch bei uns gelebt hat. Es war nur viel, viel schner
177
als die Realitt damals, es war einfach wie im Paradies. Da-
bei hatte auch das grausame Attentat auf Dad in meinem
Lebensfilm seine Schrecken verloren.
Meine Behinderung durch die knstlichen Beinprothesen
habe ich berhaupt nicht empfunden oder wahrgenommen,
diese Nebenschlichkeit kam in keiner Weise vor. berhaupt
fllt mir jetzt auf, dass praktisch alle krper- und luxusorien-
tierten Merkmale und Kriterien unseres irdischen Daseins,
wie Aussehen und Haarfarbe, Auftreten und Erscheinung
oder sozialer Status und Herkunft, im Ablauf meiner Todes-
erlebnisse eher bedeutungslos waren.
Allerdings, Mum, haben mich einige Lebenssituationen
whrend meiner persnlichen Lebensrckblende sehr inten-
siv beschftigt. Insbesondere die Aufarbeitung der unange-
nehmen Bilder aus unseren Urlaubsreisen in alle Welt, die
ich all die Jahre verdrngt habe.
berrascht schaut die Mutter auf ihr ernstes Kind und
fragt schlielich verdutzt:
Malsi, wie soll ich das verstehen? Du hast doch in deinem
ganzen Leben keiner Fliege etwas zuleide getan. Ganz im
Gegenteil, du hast doch selbst viel Schlimmes durchmachen
mssen.
Malsi lt sich mit der Antwort etwas Zeit:
Well, Mum. Ich habe nie mit dir darber gesprochen. A-
ber, da war zum Beispiel die traurige Situation in Afrika, als
ein kleiner Junge meinen Mann und mich auf offener Strae
ansprach und uns irgendetwas fr ihn Wichtiges sagen woll-
te. Da er uns die ganze Zeit auf Schritt und Tritt gefolgt ist,
haben wir schlielich mit ihm geschimpft und sind in einem
Bus einfach weggefahren.
Ich werde die traurigen Augen des armen Jungen nie ver-
gessen, als er neben unserem Busfenster noch ein kleines
Stck hergerannt ist, bis ihn seine Krfte verlieen. Das habe
ich all die Jahre schmerzhaft in mir getragen und in meinem
BFTD-Erlebnis bitter bereut. Bestimmt hatte der Junge, auf
178
dessen zerlumptem T-Shirt in verwaschenen Lettern Se-
cond stand, ein groes Problem, das er alleine nicht lsen
konnte und deshalb Hilfe bei uns gesucht hat.
War er vielleicht ohne Eltern und musste sich trotz seiner
drei, vier Jahre schon um kleinere Geschwister kmmern,
oder lebte er in einem der verwahrlosten Kinderheime oder
gar mutterseelenallein auf der Strae? Htte ich ihm doch
blo damals geholfen, denn uns geht es doch so unendlich
gut.

Malsis Mutter beugt sich zu ihrer Tochter und gibt ihr ei-
nen zarten Kuss auf die Wange und erwidert:
Weit du, mein Kind. So wie du trgt jeder Mensch ir-
gendwelche schmerzhaften Erinnerungen mit sich herum,
bei denen man versagt hat und die man nicht mehr korrigie-
ren oder ungeschehen machen kann.
Es ist schn von dir zu hren, dass man sein schlechtes
Gewissen sptestens im Tode bereuen und erleichtern muss,
damit die Seele frei wird fr das, was danach kommen mag.
Dieser Gefhlsausgleich, den man im Tod erfhrt und den
du, mein Schatz, gerade erlebt hast, gibt doch dem irdischen
Leben eines Menschen berhaupt erst einen tieferen Sinn.
Malsi legt ihre Hand auf den Arm der Mutter und berich-
tet weiter von ihrer virtuellen Todesreise ins Jenseits:
Weniger schlimm empfand ich die Situation auf unserer
Urlaubstour durch Sdamerika, als sich beim Essen in ei-
nem Restaurant in Mexiko eine ganze Schar von Straen-
kindern die Nasen an der Fensterscheibe plattdrckten und
uns wie exotische Wesen beobachtet hatten. Mein Mann
stand nach einiger Zeit auf und hat die Bande verscheucht.
Warum allerdings, frage ich mich seither, haben wir die
ganze Sippschaft damals nicht einfach an unseren Tisch ge-
wunken und zum Essen eingeladen. Ein solches Highlight
htten diese armen Kreaturen ihr ganzes Leben nicht mehr
vergessen.
179
Obwohl sich die Augen der Mutter bei diesen Erzhlungen
mit Trnen gefllt haben, fhrt Malsi fort:
Anders hingegen war die Situation in den Straen von
Kalkutta, whrend unserer mehrwchigen Indienreise, als
ich von einer jungen Mutter mit einem halb verhungerten
Kind auf dem Arm verschchtert angebettelt wurde. Mum,
ich durfte in meinem Todesfilm noch einmal die strahlenden
Augen dieser Frau erleben, als ich mit ihr in einen kleinen
Supermarkt gegangen bin und ihre Existenzsorgen der
nchsten Tage gelindert habe.
Den kleinen Betrag, den ich ihr beim Verlassen des Ge-
schftes noch zugesteckt habe, wollte diese anstndige Frau
nicht annehmen. Mum, es ist wunderbar und befreiend,
wenn man teilt und die Belohnung ist tausendfach.
Dann erzhlt Malsi weitere Einzelheiten vom Ablauf ihrer
BFTD-Reise, zum Beispiel, dass sie von ihren virtuellen Be-
gleitern zwischendurch immer wieder gefragt wurde, welche
Lnder sie besuchen und wohin sie gehen mchte. Sie hatte
in dieser Phase des Sterbeprozesses das Gefhl, dass alles,
was sie wolle, auch mglich sei.
Zum Schluss bekrftigt sie nochmals, dass sie bei dieser
geistigen Jenseitsreise zu keiner Sekunde den Wunsch ver-
sprt habe, in ihr altes Leben zurckkehren zu wollen.
Die unvorhergesehene Wende auf meiner Jenseitsreise,
so berichtet sie etwas aufgewhlt weiter, kam dann auch
wie ein harter Paukenschlag, als nmlich ihre geistigen Be-
gleiter urpltzlich befahlen Du musst zurck in deinen leib-
lichen Krper.
Bei dieser nahtodtypischen Aussage schaltet sich der Pro-
fessor in das Gesprch ein und erlutert:
Ladies and Gentlemen, das muss genau zu dem Zeitpunkt
passiert sein, als wir die Blutzufuhr zum Gehirn der Proban-
din wieder hergestellt haben. Ich glaube, das war kein Au-
genblick zu frh. Denn, wenn das Gehirn erst begonnen hat,
das sich anschlieende Softwarepaket des Ewigen Lebens
180
abzuarbeiten, ist eine Wiederkehr ins irdische Leben hchst
unwahrscheinlich oder gar unmglich.
Erleichterung auf breiter Front macht sich jetzt im Nach-
hinein breit, dass dieser traurige Fall, durch die perfekte
Vorbereitung der Experimente, der Probandin und dem
Team erspart geblieben ist.
In diese erlsende Stimmung hinein ergreift der Professor
wieder das Wort:
Der geschilderte Ablauf der ersten Todesphase deckt sich
mit den unzhligen Nahtodberichten, die es schon seit alters
her gibt. Dabei muss man aber gerade bei sehr lange zurck-
liegenden Erlebnissen uerst kritisch sein, da im Laufe der
Jahrzehnte und Jahrhunderte sehr viel dazu gedichtet und
mit der betreffenden Weltanschauung ausgeschmckt wur-
de.
Ich habe allerdings erst krzlich von einem hnlichen
Nahtodfall in einer medizinischen Fachzeitschrift gelesen,
wo einer Patientin whrend einer Operation ein Blutgerinn-
sel die Sauerstoffzufuhr zum Gehirn schlagartig unterbro-
chen hat und das rzteteam durch Glck die Embolie mit
Gegenmanahmen in krzester Zeit beheben konnte.
Diese natrliche Nahtodursache ist noch am ehesten ver-
gleichbar mit unserer knstlichen Methode. Hchstwahr-
scheinlich ist unser BFTD-Erlebnis sogar schner und inten-
siver, da wir zustzlich die Sinnesorgane mit Sensolon auer
Betrieb setzen.
Der Institutsdirektor kommt jetzt in seinen Ausfhrungen
auf die erstaunlichen bereinstimmungen smtlicher Nah-
todberichte zu sprechen:
Dieses Loslsen von den Zwngen des Krpers ist eine
Befreiung unseres Geistes von den Sinnesorganen, die uns
ein Leben lang vermittelt haben, dass wir faktisch an der
Erdoberflche festkleben. Diese berwindung der Gravitati-
on drckt sich im Todesablauf als ein uerst angenehmes
Schweben durch den zeitlosen Raum aus, das schlielich auf
181
ein noch helleres und wrmeres Licht am Ende eines Tun-
nels zufhrt. Dieser Bereich der virtuellen Todesanimation,
Ladies and Gentlemen, kndigt dem betreffenden Sterben-
den die herannahende, paradiesische Ewigkeit an.
An seine Testperson gewandt, stellt Professor Lebib eine
Frage, um die von seiner europischen Kollegin vorherge-
sagte Zeittransformation zu prfen:
Well, Mrs. Narok, wenn Sie Ihren Ausflug ins Jenseits
zeitlich quantifizieren mssten, wie lange glauben Sie denn,
woanders gewesen zu sein?
Malsi antwortet prompt:
Sir, ich habe die ganzen Stationen meines Lebens und
auch die etwas sonderbaren Umgebungsbedingungen so-
wohl zeitlich als auch emotional als absolut real empfunden.
Es war wie im echten Leben, nur dass halt auch Dinge pas-
sierten, die es auf Erden nicht gibt.
Der Professor nickt bei diesen Worten seiner Studentin
und fasst das Gehrte fr seine Mitarbeiter zusammen:
Gentlemen, wir knnen damit feststellen, dass sich das
Zeitempfinden eines Lebewesens beim Sterben extrem ver-
langsamt, das heit, wenn sein Gehirn vom Krper funktio-
nal entkoppelt wird. Sekunden im Diesseits werden dann zu
Ewigkeiten im Jenseits. Das klingt vielleicht etwas berra-
schend und befremdend, aber bedenken Sie dabei stets, dass
ein Traum auch nur Bruchteile einer Sekunde dauert.
In seinen folgenden Ausfhrungen geht der Professor zum
Schluss noch kurz auf die weiteren Forschungsaktivitten
seines Instituts ein, um seine hochmotivierten Mitarbeiter
auf dem Laufenden zu halten:
Zum einen, dear Colleagues, werden wir die vielfltigen
Therapiemglichkeiten eines BFTD 21-Erlebnisses auf den
unterschiedlichen Krankheitsfeldern untersuchen, um
schnellstens zu einer behrdlichen Zulassung zu kommen.
Damit knnen wir dann weitere Forschungsvorhaben finan-
zieren und zum Beispiel der Frage nachgehen, was kommt
182
danach? Ich werde parallel dazu alle Hebel in Bewegung set-
zen, damit wir einen unheilbar Kranken finden, der sich fr
diese hchstwahrscheinlich tdlichen Experimente zur Ver-
fgung stellt.
Ladies and Gentlemen, ich danke Ihnen allen fr ihre bis-
herige Mitarbeit an diesem Projekt und mchte sie bitten,
bei der Pressekonferenz morgen frh anwesend zu sein.

Auf dem Flur verabschiedet sich Professor Lebib von seiner
tapferen Studentin sowie deren attraktiven Mutter, die eine
magische Anziehungskraft auf den Hochschullehrer auszu-
ben scheint. Dieser berlegt fieberhaft, wie er dieser ange-
nehmen Person nher kommen knnte. Schlielich nimmt
er sich ein Herz und fragt ziemlich unromantisch:
Mrs. Narok, wre es unhflich, wenn ich Sie und Ihre
Tochter zur Feier des Tages zum Abendessen einladen wr-
de? Sie wrden mir, wenn Sie annehmen, eine riesengroe
Freude machen? Wie wre es morgen, wenn der ganze Me-
dienrummel vorbei ist?
Auf eine Einladung dieses erfolgreichen und berhmten
Forschers war Mrs. Narok senior nicht vorbereitet, so dass
sie, um etwas Zeit zu gewinnen, erst mal ihre Tochter Malsi
anschaut. Diese schttelt aber bereits den Kopf und sagt:
Mich msst ihr bitte entschuldigen, denn ich bin mit
meiner Freundin Nema verabredet. Wir wollen morgen A-
bend ins Kino gehen.
Die zierliche und hbsche Industriellenwitwe zgert mit
ihrer Antwort etwas, da sie seit dem Attentat auf ihren Mann
alle Einladungen und Verabredungen mit dem anderen Ge-
schlecht stets freundlich abgelehnt hat. Sollte sie nach all
den einsamen Jahren bei einem interessanten Mann wie
Professor Lebib eine Ausnahme oder besser einen Neuan-
fang machen? Leider wei sie berhaupt nichts von diesem
Mann, auer, dass er unheimliche Experimente mit dem In-
nersten eines Menschen durchfhrt.
183
Professor Lebib sprt intuitiv ihr Zgern und erwidert:
Mrs. Narok, ich muss keine Rcksicht auf eine Frau oder
Familie nehmen. Ich bin seit einiger Zeit geschieden und
wrde mich riesig freuen, endlich mal wieder mit einer
schnen Lady ausgehen zu drfen.
Dabei setzt er sein breitestes Lachen und eine unschuldige
Mine auf, um seinem Wunsch Nachdruck zu verleihen. Die
Angesprochene kann dieser sympathischen Einladung nicht
lnger widerstehen und sagt:
Okay Sir, lassen Sie uns in den nchsten Tagen telefonie-
ren und einen Termin vereinbaren. Ich freue mich ebenfalls
sehr auf ein Abendessen mit Ihnen und auf Ihre Gesell-
schaft. Zeigen Sie uns bitte noch den Weg zum Ausgang und
zu unserem Wagen?
Nachdem der Chauffeur Ajulellah den beiden Frauen beim
Einsteigen in die stretched Limousine vor dem Institutsein-
gang behilflich war und abgefahren ist, winkt der Professor
noch eine ganze Weile gedankenversunken hinterher.

Nach ein paar Kilometern des Schweigens schaltet Mrs.
Narok ber die voll digitale Musikanlage einen lokalen
Rundfunksender ein, um die entspannte Atmosphre im
Fond des klimatisierten Wagens mit einer schnen Melodie
zu untermalen. Sie legt den Arm um ihre Tochter und ge-
niet mit halb geschlossenen Augen diesen Augenblick.
Als auf halbem Weg nach Beverly Hills die News zur vol-
len Stunde ausgestrahlt werden, horcht Mrs. Narok auf,
denn der Nachrichtensprecher verliest die Meldung:
Ladies and Gentlemen, der Welternhrungsgipfel in A-
mor-City, an dem einhundertachtundfnfzig Staaten teilge-
nommen haben, hat in seiner Abschlusskundgebung die Ab-
sichtserklrung bekannt gegeben, in den nchsten fnfzehn
Jahren die Zahl der hungernden Menschen zu halbieren.
Gegenwrtig sterben tglich noch vierundzwanzigtausend
Kinder an den Folgen chronischer Unterernhrung. Auer-
184
dem wurde von den Teilnehmern angeprangert, dass die
Wohlstandsstaaten mit ihren Welthandelshemmnissen den
armen Lndern ihre Existenzgrundlagen entziehen.
Und nun ins Inland. Wieder kostet eine prominente
Scheidung in Beverly Hills den Ehemann Millionen Dollars
an ...!
Mrs. Narok senior dreht mit der Fernbedienung den Sen-
der leiser und fragt ihre Tochter:
Hast du das eben im Radio gehrt, Malsi. Das ist doch ein
Armutszeugnis der Zivilisation, eine riesengroe Schande
der Satten, einfach der blanke Hohn. Da akzeptiert man, oh-
ne mit der Wimper zu zucken, den Hungertod von Millionen
und gibt indirekt auch noch zu, dass man daran Schuld sei.
Weit du, Malsi, ich frage mich immer mehr, was das fr
eine feine Gesellschaft ist, die nach jedem grausamen Ter-
roranschlag in der Welt davon spricht, dass nichts mehr so
sein wird wie bisher und gleichzeitig die um Grenordnun-
gen schlimmeren Folgen, nein, abscheulichen Grueltaten,
des eigenen Kapitalterrorismus mit zehn Millionen Hunger-
toden pro Jahr eiskalt weitertreibt. Diese Scheinheiligkeit
hat sich selbst bei der Rechtfertigung von Friedenskriegen
bestens bewhrt, wo die Menschenrechte klammheimlich
sinkenden Benzinpreisen und steigenden Aktien geopfert
werden.
Malsi nickt ihrer Mutter zustimmend zu, als sie antwortet:
Wenn ich mir berlege, Mum, dass der reichste Mann der
Welt auf hundert Milliarden Dollar sitzt, dann knnte bereits
dieser eine Mensch den millionenfachen Hungertod einfach
durch ein bisschen Nchstenliebe verhindern. Und die rest-
lichen achthundert Millionen hungrigen Muler auf der Welt
knnten sich unsere Landsleute auf der Bestenliste der
Reichsten problemlos untereinander aufteilen.
Dann wre der Hunger nicht in fnfzehn Jahren halbiert,
sondern morgen endgltig vorbei. Und wenn gar alle Rei-
chen der ganzen Welt zusammenlegen, knnten auch die
185
rmsten ein menschenwrdiges und glckliches Leben fh-
ren.
Malsis Mutter seufzt leise in sich hinein und hat mit ei-
nem Mal eine Idee:
My dear, du weit doch, dass wir nchsten Monat bei Phil
Gatterman zu seiner alljhrlichen Poolparty eingeladen sind,
wo im groen Rahmen seine neuesten Umsatzzuwchse und
Profiterwartungen medientrchtig gefeiert werden. Ich glau-
be, mein Kind, wir sollten Gattermans Einladung annehmen
und auf dieser Luxus-Party den Superreichen mal so richtig
die gute Stimmung verderben, indem wir beide die nackten
Tatsachen und grausigen Fakten unter dieses verlogene und
egoistische Promivolk bringen.
Und die Mutter spinnt ihre Plne weiter:
Wie bei jedem feuchtfrhlichen Abschluss eines Ge-
schftsjahres blich, sind auch diesmal wieder hochkartige
Vertreter aus Politik und Wirtschaft sowie einige Fernseh-
sender live bei diesem Spektakel dabei. Was hltst du davon,
Malsi, ein letztes Mal unter den Reichen und Schnen zu
sein. Nach unserem freiwilligen Ausstieg aus der High-
Society werden wir von diesen Leuten ohnehin wie die Pest
gemieden werden.
Malsi Narok ist von dieser Vorstellung begeistert und er-
gnzt mit innerer Genugtuung:
Warum sollen die in der Nachrichtensendung doch im-
merhin kurz erwhnten, achthundert Millionen Menschen
weiterhin brav vor sich hin hungern und sterben, whrend
ihre Henker rauschende Feste feiern?
Du hast Recht, Mum, es wird Zeit, dass jemand aus diesen
so genannten vornehmen Kreisen aufsteht und dieses him-
melschreiende Unrecht der Reichen ffentlich anprangert.
Und da wir Naroks mit gutem Beispiel vorangehen wollen,
sind wir am ehesten glaubwrdig und finden hoffentlich die
richtigen Worte und Argumente fr mglichst viele Nach-
ahmer.
186
Etwas ironisch fgt die Mutter noch an:
Legen wir Phil Gatterman und seiner vornehmen Gesell-
schaft endlich ihre Abertausenden verwesender und stin-
kender Menschenkadaver in den Keller.
187
Die physische Macht
des Schpfers ist gleich null,
denn er besitzt keine Hardware.
Der Schpfer wirkt und lebt
allein durch seine Geschpfe.

Sechstes Kapitel
Der Andrang und das Durcheinander auf den Gngen des
National Institute of Biotronics der Universitt von Holly-
wood erinnern an diesem sonnigen Sommertag eher an eine
aufgescheuchte Schar gackernder Hhner als an eine aka-
demische Bildungsanstalt.
Zu der von Professor Lebib initiierten Pressekonferenz
sind sowohl die Vertreter der berregionalen Tageszeitun-
gen, der vielen Radiostationen im Groraum von Los Ange-
les als auch die Teams amerikanischer Fernsehsender in
groer Zahl erschienen. In dem allgemeinen Medienrummel
und Chaos verwandelte sich der Institutshrsaal innerhalb
einer Stunde in ein hell erleuchtetes Fernsehstudio und der
Auenbereich des vierstckigen Campusgebudes in einen
terrestrischen Antennendschungel.
Professor Lebib hat dieses hektische Treiben mit Genug-
tuung zur Kenntnis genommen, als er sein Rennrad am
Fahrradstnder mit dem Zahlenschloss anbindet und dann
inkognito zu seinem Bro schleicht. Er mchte damit ver-
meiden, dass er vor jeder Kamera und vor jedem Mikrofon
seine Message x-mal wiederholen muss.
Pnktlich um zehn Uhr betritt der Institutsdirektor mit
seinem Stellvertreter und seinen Mitarbeitern den Hrsaal
durch einen Nebeneingang. Whrend seine wissenschaftli-
chen Kollegen in der ersten Reihe Platz nehmen, geht der
188
Professor zum Rednerpult und hngt sich ein schnurloses
Mikrofon um den Hals. Mit seinem Zeigefinger tippt er
leicht gegen den kleinen Mikrofonkopf, um die Betriebsbe-
reitschaft der hochmodernen Verstrkeranlage zu berpr-
fen.
Als sein Klopfen leicht verstrkt von den Lautsprechern
zurckschallt, erffnet Professor Lebib die Pressekonferenz
mit den Worten:
Ladies and Gentlemen, ich bin Professor Lebib und be-
gre Sie im Namen der University of Hollywood. Meine
Mitarbeiter und ich freuen uns ber Ihren Besuch am NIB
und wir mchten uns herzlich fr Ihr zahlreiches Erscheinen
bedanken. Wir versprechen Ihnen, dass sich der heutige
Vormittag fr immer in Ihre Erinnerung einbrennen wird
und Sie ganz bestimmt auf Ihre journalistischen Kosten
kommen werden.
Wie ich Ihnen in unserem Anschreiben schon mitgeteilt
habe, mchten wir mit dieser Veranstaltung der ffentlich-
keit eine medizinische Weltneuheit vorstellen, die es erst-
mals erlaubt, die Geheimnisse des Todes und seines genauen
Ablaufes zu erfahren, ohne wirklich sterben zu mssen.
Der Professor hlt etwas inne, da sich bei diesen spektaku-
lren Ankndigungen der Geruschpegel im Hrsaal deut-
lich erhht hat. Natrlich mchte jeder der vielen Pressever-
treter der erste sein, der seinen Lesern, Zuhrern oder
Zuschauern von diesem sensationellen Topereignis berich-
tet. Als sich die Hektik etwas gelegt hat, fhrt Professor Le-
bib fort:
Meinen Mitarbeitern und mir ist es gestern gelungen, ei-
ne junge Frau in den knstlichen Nahtod zu schicken und sie
anschlieend wieder ins Leben zurckzuholen. Um etwaigen
Fragen schon im Vorfeld zu begegnen, werden Sie sicher
verstehen, dass ich an meine rztliche Schweigepflicht ge-
bunden bin und Ihnen die
Identitt der betreffenden Person nicht preisgeben darf.
189
Dennoch werde ich Ihnen sowohl ber das Experiment als
auch ber die Todeserlebnisse der Probandin umfassend be-
richten.
Langsam breitet sich eine angespannte Ruhe im Auditori-
um aus. Der gefragte Professor schildert seinen Zuhrern,
unter denen sich auch viele Studenten seiner Fakultt befin-
den, in allen Einzelheiten die erforderlichen, technischen
Voraussetzungen, um eine knstliche Todeserfahrung mit
Rckkehrgarantie verantwortungsvoll durchfhren zu kn-
nen. Er streift dabei bewusst seine Motivation zu diesen Un-
tersuchungen und er erwhnt auch die interessante Be-
kanntschaft mit der jungen, europischen Kollegin whrend
einer Konferenz in New York City vor mehr als zwei Jahren.
Da die meisten der anwesenden Fernsehteams live berich-
ten, blickt Professor Lebib jetzt direkt in die laufenden Ka-
meras und sagt mit todernster Mine:
Ladies and Gentlemen, worber ich Ihnen nun berichten
werde, wird Sie fr den Rest Ihres Lebens nicht mehr loslas-
sen. Sie werden Zeitzeuge sein, wie wir mit unseren Experi-
menten am lebenden Objekt, die Menschheit von der Geisel
des Todes befreien.
Der Vortragende mchte gerade zum nchsten Satz anset-
zen, als aus dem Hintergrund ein verkabelter Mann die Wor-
te cut, cut brllt, was dem Redner signalisiert, dass das
laufende Programm nun fr einen Werbeblock unterbrochen
wird. Der koordinierende Fernsehredakteur scheint hoch zu-
frieden, denn er dreht sich im Kreis und streckt dabei acht
Finger in die Hhe, was wohl bedeuten soll, dass bereits acht
Millionen Zuschauer vor den Bildschirmen sitzen und das
mit steigender Tendenz.
Als nach sieben zhen Minuten der Professor per Hand-
zeichen mitgeteilt bekommt, dass er wieder auf Sendung ist,
erklrt er den Zuschauern in einer Art Zusammenfassung die
wichtigsten Schilderungen seiner Probandin und er endet
mit der informativen Bemerkung:
190
Well, die Darstellung unserer Testperson vom Ablauf des
ersten Todesabschnitts deckt sich vollkommen mit den un-
zhligen Schilderungen von Menschen, die durch Ausnah-
mesituationen spontan ein natrliches Nahtoderlebnis er-
fahren haben. Das ist interessant und beruhigend zugleich.
Der groe Fortschritt unserer Tests besteht darin, dass wir
diesen Anfangszustand des Sterbens zu jeder Zeit und an je-
dermann knstlich herstellen knnen.
Ein leichtes Frsteln macht sich unter den Zuhrern im
Saal bei dem Gedanken an einen lebendigen Blick in das
Reich der Toten breit. berhaupt scheint den Anwesenden
so langsam erst bewusst zu werden, auf welche grausige
Thematik sie sich mit der Teilnahme an dieser Veranstaltung
berhaupt eingelassen haben.
Nmlich, die Beleuchtung und Begegnung mit einem Le-
bensabschnitt, dem man zwar nicht entgehen kann, den man
aber mit aller Gewalt kollektiv verdrngt. Obwohl oder gera-
de weil um einen herum tagtglich Menschen sterben. Er-
schwerend zu diesem unangenehmen Thema kommt fr die
Zuhrer noch hinzu, dass der Vortragende keinerlei Zweifel
aufkommen lsst, was die Richtigkeit und Aussagefhigkeit
seiner Untersuchungen fr jeden einzelnen Menschen an-
geht.
Das Drcken in der Magengegend der Zuhrer nimmt bei
den weiteren Ausfhrungen des Professors dann auch gleich
deutlich zu, als er sagt:
Wie wir von unserer Probandin quasi aus erster Hand
gehrt und erfahren haben, besteht die erste Stufe des Todes
darin, seinen im Gehirn abgespeicherten, ganz persnlichen
Lebensverlauf emotional aufzuarbeiten. Dabei wird das Ge-
wissen, in dem quasi als Blackbox die wesentlichen Daten
unseres Lebens abgespeichert sind, mit der Seele software-
mig abgeglichen, was zu einer erheblichen Aktivierung der
Gefhlsmolekle fhrt.
191
Das heit, jeder Mensch muss in der Stunde des irdischen
Abschieds Rechenschaft gegenber der Schpfung ablegen,
was er aus seinem Leben gemacht hat. Dieser, mit den Reli-
gionen im Einklang stehende Todesablauf findet allerdings
nicht im Himmel, sondern in einem bestimmten Software-
abschnitt im Gehirn des Sterbenden statt. Nach Aussagen
der Testperson ist der eigene Wille dabei vollkommen ohne
Belang, weshalb Lebenslgen beim Sterben nicht mehr mg-
lich sind.
Mehr scherzhaft fgt der gut gelaunte Wissenschaftler
noch fr seine jngeren Zuhrer an:
Stellen Sie sich einfach vor, dass unser im Gewissen ab-
gespeicherter Lebensverlauf in der Stunde des Todes sozu-
sagen ber einen Virenscanner gejagt und dabei von bsen
Abweichungen zu der vom Schpfer vorgegebenen Referenz
in der Seele schmerzhaft gesubert wird.
Professor Lebib hat sich bei der Vorbereitung auf dieses
Interview fest vorgenommen, die Schlussfolgerungen und
die Konsequenzen seiner Untersuchungen und Erkenntnisse
auf die unterschiedlichen Glaubenslehren der Vlker nicht
auszuklammern. Er fhrt fort:
Von dieser Kontrollfunktion, Ladies and Gentlemen, ahnt
und wei die Menschheit mehr oder weniger seit Anbeginn
und sie ist von den Religionen im Laufe der Jahrhunderte in
Ermangelung realistischer Sichtweisen zum Beispiel als Fe-
gefeuer oder als Abrechnung der Snden oder als Prfung
am Himmelstor beschrieben worden.
Und weiter:
Nach der geistigen Wiedergeburt fhrt das Todespro-
gramm den Sterbenden in ein gleiendes Licht, gekenn-
zeichnet durch unendliche Wrme und Geborgenheit. Und
genau vor diesem Eintritt in die Ewigkeit haben wir unsere
Probandin wieder ins irdische Leben zurckgeholt. Denn aus
dem sich daran anschlieenden quasi ewig langen Todesab-
schnitt gibt es sehr wahrscheinlich kein Zurck mehr.
192
Den angespannten Journalisten und Zuhrern wird es
noch etwas unangenehmer in ihrer Haut, als der Professor
nach einem kurzen Ruspern in seiner Analyse fortfhrt:
Wie gesagt, dieses BFTD-Erlebnis deckt sich mit den un-
zhligen, bekannten Berichten von quasi scheintoten Men-
schen, denen durch Ausnahmesituationen, wie groe Ent-
behrungen, Schockzustnde, Operationen und hnliches,
vllig unvorbereitet ein so genanntes natrliches Nahtoder-
lebnis widerfahren ist. Mit unseren Experimenten haben wir
jetzt allerdings erstmals bewiesen, dass man dem menschli-
chen Gehirn den Tod auch knstlich vortuschen kann.
Und die folgenden Worte des Professors sind den Zuh-
rern
ebenfalls unheimlich und verursachen dem einen oder ande-
ren kleine Schauer auf dem Rcken:
Ladies and Gentlemen, man geht sogar davon aus, dass
selbst die Religionsbegrnder, wie der Jude Moses, der
Christ Jesus oder der Islamist Mohammed natrliche Nah-
toderlebnisse infolge schwerer Entbehrungen oder epilepti-
scher Anflle hatten und hchst wahrscheinlich erst dadurch
fest zu ihrer Berufung und Gottesnhe gefunden haben. Man
kann also sicher sein, dass auch unsere knstlichen BFTD-
Erlebnisse den betreffenden Menschen positiv verndern.
Bis heute war dieses virtuelle Reiseerlebnis ins Jenseits
leider auf wenige Menschen beschrnkt. Dank unserer Me-
thode ist dieser geistige Erneuerungstrip nun fr jeden Men-
schen ohne jegliche Anstrengungen und Entbehrungen mg-
lich. Damit kann dieses nebulse Thema endlich
enttabuisiert und schon zu Lebzeiten offen ber den Tod ge-
sprochen werden. Auf die Chancen und Risiken bei knstli-
chen BFTD-21 Nahtoderlebnissen gehe ich gleich am Ende
meiner Ausfhrungen noch etwas nher ein.
Fr die Mitarbeiter und Studenten des Instituts sowie die
Vertreter aus Presse, Funk und Fernsehen hat der Hrsaal
mit einem Mal eine unheimlich gespannte Atmosphre aus
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Magie und Katakomben, aus Himmel und Hlle, aus Dies-
seits und Jenseits, aus Sterbebett und Leichenhalle, was je-
dem Einzelnen der Anwesenden das Herz hher schlagen
lsst, verbunden mit einem schalen Geschmack im Mund.
Denn keiner der Zuhrer im Saal kann sich erinnern, je-
mals mit einem Jenseitsreisenden gesprochen zu haben und
jetzt sitzt vielleicht der erste knstliche Nahtote irgendwo
mitten unter ihnen. Um seine nervsen Zuhrer wieder auf
den Boden der Realitt zurckzuholen, fhrt der Professor
in seinem Vortrag weiter aus:
Aber, Ladies and Gentlemen, es sind nicht nur physische
Ausnahmesituationen, die unser Gehirn veranlassen, das
Geheimnis des Todes preiszugeben. Durch groe geistige
Anstrengungen gelingt es einigen Menschen sogar, meditativ
diesen Softwaresprung herzustellen. Und je tiefer man durch
Meditation sein Grohirn steuern kann, desto nher kommt
man dem ewigen Licht im so genannten Jenseits.
Und ob man dieses gleiende Licht am Tunnellende als
Nirwana oder Himmel oder Paradies oder Gottesreich oder
sonst wie bezeichnet ist gnzlich nebenschlich.
Um seine Veranstaltung nicht als Religionsunterricht en-
den zu lassen, rckt er das Gesagte noch etwas zurecht:
Ladies and Gentlemen, das alles zeigt nur die groe Un-
fhigkeit der Betroffenen, ihre Jenseitserlebnisse realistisch
einzuordnen, beziehungsweise einordnen zu wollen. Statt-
dessen deuten diese Menschen die virtuellen Reisen ihres
Gehirns als eine Besonderheit ihrer Person und lesen daraus
eine persnliche Verbindung zum Schpfer ab, die allen
Menschen mit normalen Lebensumstnden verwehrt bleibt.
Und schlielich sein Fazit:
Well, mit unserem knstlichen Todeserlebnis plus Rck-
kehrgarantie wollen wir der ganzen Welt zeigen, dass man
kein Meisterguru sein muss, um ein Erleuchteter zu werden
und um am Paradies schnuppern zu drfen.
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Die Frchte jahrelanger, abgeschiedener Meditation sind
mit unserer Methode fr alle Menschen in wenigen Sekun-
den zum Nulltarif zu haben. Somit kann ich allen Erleuch-
tungsfanatikern, Kirchenfrsten, Mnchen und Nonnen nur
raten, dass sie ihr irdisches Leben nicht mehr sinnlos in Ab-
geschiedenheit vergeuden, sondern es im Sinne der Schp-
fung positiv nutzen und den Todessprung in aller Ruhe ab-
warten.
Weiter sagt er:
Auerdem, Ladies and Gentlemen, ist zu vermuten, dass
man sein bisheriges, im Kopf abgespeichertes Leben nur
beim ersten Todeserlebnis abarbeiten muss und bei allen
anderen Reisen ins Jenseits stets sofort zu einem geistigen
Orgasmus der Gefhle und Wrme kommt. Insofern macht
bertriebene Meditation mit Sicherheit schtig und kann
wie Drogenkonsum im geistigen Selbstmord enden. Es lohnt
sich ab heute nicht mehr, fr ein solch vorweggenommenes
Todeserlebnis auf ein normal gelebtes und sinnerflltes Le-
ben zu verzichten.
Ein Blick auf seine Uhr zeigt dem Professor, dass er lang-
sam zum Ende seiner Ausfhrungen kommen muss. Er
wundert sich ohnehin schon die ganze Zeit, dass ihn noch
keiner der schtzungsweise fnfundfnfzig Medienvertreter
und Studenten bisher unterbrochen hat. Der Vollstndigkeit
halber fgt er deshalb hinzu:
Denn, liebe Zuhrer, mit unserer Methode des knstli-
chen Nahtodes haben wir bewiesen, dass diese virtuellen
Jenseitserlebnisse bei jedem Normalbrger im Unterbe-
wusstein abgespeichert sind und im Falle des Ablebens als
geistiger Film im Kopf des Sterbenden ablaufen. Man muss
sich nicht mehr ein Leben lang mit qulenden Fragen ber
seinen Tod geieln, denn bald bekommt man unsere BFTD-
Erlebnisse und Jenseitserfahrungen sogar auf Kranken-
schein.
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Ein Raunen geht durch den Saal und veranlasst den Pro-
fessor, seine Ausfhrungen zu unterbrechen. Verwundert
schaut er in die Runde, bis ihm bewusst wird, dass sich seine
Zuhrer ber das Wort Krankenschein zu ereifern scheinen.
Deshalb entschliet er sich zu dem Kommentar:
Ladies and Gentlemen, yes, wir stehen tatschlich seit
kurzer Zeit mit dem Gesundheitsministerium in Verhand-
lung ber eine allgemeine Zulassung, da BFTD-Erlebnisse
einem biologischen Reset der Lebenssoftware quasi einem
neuen Hochlauf entsprechen und deshalb hchstwahr-
scheinlich sehr erfolgreich als Therapie fr viele Krankheiten
psychischen Ursprungs eingesetzt werden knnen. Sozusa-
gen um mit einem Klick aus verfahrenen Lebenssituationen
herauszukommen.
Die voraussichtlichen Kosten von ein paar hundert Dollar
werden deshalb auch bereitwillig von allen Krankenkassen
bernommen. Der Bioreset kann mit einem Neustart der
Software bei Computern verglichen werden. Auch hier ist die
Rckkehr eines festgefahrenen Personal Computers zu sei-
nen ursprnglichen Programmen nur durch Bettigen der
Reset-Taste mglich.
Als der Professor beim Blick ber den Brillenrand erste
Auflsungserscheinungen im Auditorium feststellt, geht er
routiniert zum Ende seiner Ausfhrungen ber:
Ladies und Gentlemen lassen Sie mich bitte noch einen
wichtigen Schlusssatz zu unserer Testperson sagen, damit
Sie sehen, welche Risiken und Nebenwirkungen solche Er-
lebnisse haben knnen. Well, unsere Probandin kommt aus
einem wohl behteten, vermgenden Elternhaus, das ihr ein
sorgenfreies Leben in Luxus und Komfort ermglicht. Trotz-
dem hat diese junge Frau nach ihrem gestrigen BFTD-21 Er-
lebnis unwiderruflich fr sich beschlossen, einen vollkom-
men neuen Lebensweg einzuschlagen. Ihre vorgezogene
Begegnung mit dem Tod habe sich, wie sie selbst sagt, see-
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lisch und moralisch positiv auf ihr weiteres Leben ausge-
wirkt.
Sie will fortan ein bescheidenes Leben fhren und sich
von ihrem gesamten Besitz und Luxus trennen. Mit den fi-
nanziellen Erlsen will sie wohlttige Organisationen in ih-
rem Kampf gegen Not und Elend untersttzen. Als Grund
gibt sie menschliche Nchstenliebe zu den rmsten der Ar-
men und Verantwortung gegenber der Schpfung an.
Bei seinem letzten Satz muss der Professor gegen einen
hohen Geruschpegel anreden. Deshalb hlt er das Mikrofon
direkt vor seinen Mund. Seine letzten Worte sind:
Damit, meine Damen und Herren, will ich meine Ausfh-
rungen frs Erste beenden. Fr eventuelle Fragen stehen
meine Mitarbeiter und ich selbstverstndlich gerne zur Ver-
fgung. Many thanks for your attention, gehen allerdings
bereits im allgemeinen Tumult unter.
ber drei Viertel der Medienvertreter sind schon in ihre
bertragungswagen nach drauen verschwunden, whrend
andere auf dem Institutsflur mit ihren Handys herumhantie-
ren, um sich Sendezeiten und Druckpltze zu reservieren.
Die wenigen Journalisten, die noch im Hrsaal anwesend
sind, verwickeln den Professor und seine Mitarbeiter in in-
tensive Einzelgesprche, die erst nach einer halben Stunde
mit dem Buzzern der Hrsaaluhr ein Ende finden.
Der bekannte Moderator eines namhaften Fernsehkanals
nagelt den Professor auf einen Sendetermin in einer der
nchsten Wochen fest, um in der gesellschaftskritischen
Talkshow Whats up noch weitere Hintergrundinformatio-
nen zu diesem hoch interessanten Thema an seine an-
spruchsvollen Zuschauer weitergeben zu knnen.
Als der Professor nach der wohlverdienten Mittagspause
mit seinen Mitarbeitern von der Universittsmensa zum In-
stitut zurckkommt, ist der ganze Medienspuk wie vom Erd-
boden verschwunden. Professor Lebib hat sich vorgenom-
men, den Nachmittag seinen Aktenordnern mit anstehenden
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Forschungsvorhaben, Mitarbeiterangelegenheiten und Pa-
tentverwertungsverfahren zu widmen.
Den Unterlagen entnimmt der Wissenschaftler, dass der
Erweiterungsbau seines Instituts fr die enorm gestiegene
Zahl an Anmeldungen im Bereich der intelligenten Prothe-
sen rechtzeitig fertiggestellt wird, und dass der von ihm vor-
gesehene Kapazittsberhang fr die ersten BFTD-Patienten
ausreichen msste, um diese Methode effektiv zur Lebens-
hilfe, Sinnfindung und Therapie mglichst vieler Patienten
einsetzen zu knnen. Alle negativen Prognosen ber die Re-
sonanz und Akzeptanz in der Bevlkerung zum knstlichen
Sterbevorgang mit Rckkehrgarantie aus Kollegenkreisen
haben sich glcklicherweise nicht besttigt. Zugegebener-
maen waren auch er und sein Stellvertreter Dr. Snider von
Anfang an etwas unsicher, jedoch eher mit optimistischer
Tendenz.
Seine Patenteinnahmen aus Lizenzvertrgen mit Pharma-
konzernen haben inzwischen eine stolze Summe erreicht
und der Professor berlegt schon seit Wochen, wie er das
viele Geld bestmglich verwenden knnte. Auf jeden Fall
wird er jedem seiner Kinder ein kleines Anfangskapital fr
deren Zukunft auf ein persnliches Sparkonto legen, das
dann jedem Kind ab seinem achtzehnten Lebensjahr zur
persnlichen Verfgung stehen wird.
Was mache ich nur mit dem restlichen Megabatzen, denkt
der Professor beim Anblick der vielen Nullen vor dem
Komma auf seinen Bankkontoauszgen? Er nimmt sich vor,
diese angenehme Aufgabe eventuell am Abend bei einem
Glschen Brandy, einer Zigarre und in netter Gesellschaft zu
lsen.

Um neunzehn Uhr dreiig schwingt sich Professor Lebib gut
gelaunt hinter das Lenkrad seines twotone Suburban und
steuert in Richtung Beverly Hills. Fr heute Abend hat er
sich mit Mrs. Narok senior telefonisch zum Dinner verabre-
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det. Er ist trotz der jahrelangen Frauenabstinenz weder ner-
vs noch aufgeregt, freut sich aber unheimlich auf das Ren-
dezvous mit dieser reifen und attraktiven Mdchenfrau aus
den feinen Kreisen von Los Angeles.
Auf dem Rcksitz liegt ein groer Blumenstrau, den er
auf dem Rckweg von seinem Immobilienmakler noch
schnell besorgt und mit groer Mhe auf dem Rennrad nach
Hause gebracht hat. Dabei gehen ihm stndig die Worte des
Maklers durch den Kopf, auf seine Frage nach einem solven-
ten Kaufinteressenten fr sein leer stehendes Haus:
Its a hard time, Professor Lebib, wir haben zwar mehrere
potenzielle Kaufinteressenten fr ihr Haus gefunden, aber
wegen der von