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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 277 4.2 2. Begriffe Stre und Streproze . . . . . . 278 3. Stressoren und ihre Zusammenhnge mit psychischen Strungen . . . . . . . . . . . . 3.1 Mgliche Zusammenhnge . . . . . . . . . . . . . 3.2 Kritische Lebensereignisse (Makrostressoren) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.2.1 Begriff Kritische Lebensereignisse . . . . 3.2.2 Zusammenhnge mit psychischen Strungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.3 Traumatische Ereignisse und traumatischer Stre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.3.1 Die Begriffe Trauma und traumatischer Stre . . . . . . . . . . . . . . . . 3.3.2 Zusammenhnge mit psychischen Strungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.4 Alltagsbelastungen (Mikrostressoren) und ihre Wirkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.5 Chronische Belastungen und ihre Wirkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Merkmale der Belastungsverarbeitung (Coping) als Vermittlungsfaktor . . . . . . . . . . . . . . . . . 287 4.2.1 Konzepte der Belastungsverarbeitung . . . 287 4.2.2 Einflsse der Belastungsbewltigung auf Wohlbefinden und psychische Strungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 291 4.3 Merkmale der sozialen Umwelt als Belastungsmoderatoren . . . . . . . . . . . . . 291 4.3.1 Soziales Netzwerk, Soziale Untersttzung . . . 291 4.3.2 Einflsse des Sozialen Netzwerkes und der Sozialen Untersttzung auf Wohlbefinden und psychische Strungen . . . . . . . . . . . . 292 5. Erfassung von Belastungen, Belastungsreaktionen, Belastungsverarbeitung (Coping) und Sozialem Netzwerk, Sozialer Untersttzung . . . . . . . . . . . . . . . . 295 5.1 Erfassung von Stressoren . . . . . . . . . . . . . . 295 5.2 Erfassung von Belastungsreaktionen . . . . . 297 5.3 Belastungsverarbeitung . . . . . . . . . . . . . . . . 298 5.4 Soziales Netzwerk, Soziale Untersttzung . . . 299 6. Bilanz 4. Faktoren, die den Zusammenhang von Stressoren mit psychischen Strungen moderieren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 286 4.1 Persnlichkeitsmerkmale als Vermittlungsfaktor . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 286 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 302 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 302
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7. Literatur
1. Einleitung
Da vorbergehende schwere oder kleinere und mittlere chronische Belastungen Ursache oder Auslser psychischer Strungen sein knnen, ist keine Erkenntnis der neueren Forschung. Robert Burton, ein gelehrter Oxforder Kanonikus, hat bereits 1621 in seinem Buch ber die
Herrn Lic. phil. Marius Zbinden danken wir fr hilfreiche Hinweise bei der Vorbereitung dieses Kapitels.
Anatomie der Melancholie die noxischen Einflsse von Ereignissen wie unglckliche Heirat, Verarmung usw. auf depressive Strungen beschrieben. Dieses Wissen gehrt zum Erfahrungsschatz aller Kulturen, die deswegen fr die Bewltigung schwerer Belastungen wie z.B. den Tod von Angehrigen oder den Abschied von geliebten Personen Rituale entwickelt haben. Unklar ist indessen, ob solche Ereignisse wirklich Ursache oder Auslser sind; wie die groe Variabilitt der Reaktionen auf Belastungen zu
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erklren ist; warum gewisse Personen sehr schnell mit Beeintrchtigungen gewisser psychischer und/oder somatischer Funktionen reagieren und andere es verstehen, aus Nten Tugenden zu machen oder sich als resistent erweisen. Ebenso besitzt das Alltagswissen keine klaren und abgesicherten Taxonomien von Belastungsarten. Derartige Fragen sucht die moderne Streforschung zu beantworten. Die Streforschung hat unterschiedliche Wurzeln und Stationen, auf die hier nicht eingegangen werden kann. Einige Stichworte sollen dies verdeutlichen: tierexperimentelle Forschung von Cannon, psychosomatische Streforschung von Wolff, endokrinologische Forschung von Selye, Life-event-Forschung von Holmes und Rahe, psychologisches Stremodell von Lazarus, kologische Anstze zum Einflu der Umwelt auf den Menschen, Erforschung der Arbeitsbelastungen, Traumaforschung (insbesondere Kriegstrauma), Erforschung interpersonaler Belastungen, Angstforschung, Aktivierungsforschung, Krankheitsbewltigung (vgl. Goldberger & Breznitz, 1993; Lazarus, 1991). Der folgende Text soll einen Einblick in den Stellenwert der Strekonzepte fr die tiologie und Bedingungsanalyse psychischer Strungen geben.
mit seiner Umwelt. Lazarus und Launier (1981) gehen davon aus, da der transaktionale Proze mit einer spezifischen Bewertung eines Ereignisses und der eigenen Bewltigungsressourcen beginnt, woraus gegebenenfalls Streemotionen resultieren. Auf diese Phase des Prozesses folgen adaptive Reaktionen (Coping). Stre reprsentiert keinen statischen Zustand, sondern stellt ein dynamisches Geschehen dar, das in stndiger und reziproker Interaktion (= Transaktion) zwischen Individuum und Umwelt abluft. Eine weitere wichtige Differenzierung wurde von Selye (1986) durch die Begriffe Eustress und Distress vorgenommen. Als Eustress wird ein Gleichgewichtsverlust dann bezeichnet, wenn das Subjekt eine Entsprechung von Beanspruchung und verfgbaren Ressourcen erlebt. Der Begriff Distress ist fr jene psychischen Zustnde und Prozesse vorbehalten, bei denen mindestens vorbergehend die Relation zwischen Beanspruchung und Ressourcen zu Ungunsten der Ressourcen als gestrt erscheint. Auf der Ebene der Stressoren knnen die Ereignisse nach dem Ausma ihrer negativen Valenz und nach der fr die Adaptation erforderlichen Zeit systematisiert werden (vgl. Abb. 1). Je nachdem spricht die Streforschung eher von kritischen Lebensereignissen, traumatischen Belastungen, Alltagsstressoren oder von chronischen Stressoren. Stressoren knnen die physische, psychische oder soziale Integritt beeintrchtigen. Ein gebrochenes Bein bedroht zunchst die physische Integritt, wogegen eine schwere Beleidigung die psychische und die soziale Integritt beeintrchtigt. Auf der Reaktionsseite knnen emotionale, physiologische und behaviorale Strereaktionen unterschieden werden. Typische emotionale Strereaktionen sind Angst, Trauer oder rger; als behaviorale Reaktionen spielen Flucht und Attacke eine besondere Rolle. Die physiologischen Reaktionsmuster sind hochkomplex und knnen hier nicht abgehandelt werden (vgl. Birbaumer & Schmidt, 1996; Debus, Erdmann & Kallus, 1995). ber das komplexe Zusammenwirken der verschiedenen psychologischen Faktoren, die das Streerleben beeinflussen, gibt es zahlreiche Modelle (z. B. Filipp, 1990). Belastende Ereignisse allein verursachen selten psychische Strungen (vgl. Abschnitt 3.2.2). Erst im Zusam-
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Negative Valenz
Alltagswidrigkeiten
Jahre
menspiel mit verschiedenen inneren und usseren Faktoren fhren Stressoren zur milungenen Adaptation. ber einige dieser Faktoren liegen heute empirische Befunde vor. Abbildung 2 zeigt in Anlehnung an Cohen (1992) und Folkman und Lazarus (1988) die wichtigsten psychologischen Faktoren, die das Stregeschehen vermitteln und moderieren. Ausgangspunkte sind strevolle Ereignisse (Stressoren). Zentrale vermittelnde Faktoren auf Seiten des Individuums sind die Bewertungs-
prozesse, die die Beurteilungen der Ereignisse nach verschiedenen Gesichtspunkten (Kontrollierbarkeit, Ursachenzuschreibungen etc.) reprsentieren. Diese determinieren die Art und Intensitt der Strereaktionen wesentlich mit, ebenso wie die individuellen Anpassungs- und Bewltigungsprozesse des Umgangs mit den Belastungen. Dieser Proze wird durch Persnlichkeitsfaktoren, Bewltigungstendenzen und -stile und Variablen der Sozialen Untersttzung und vorhandener Bezugspersonen auf komple-
Persnlichkeitsfaktoren
Abbildung 2: Schema der Struktur des Belastungserlebens und -verarbeitens und moderierender Einflufaktoren
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xe Weise moderiert (vgl. dazu ausfhrlicher Cohen, 1992). Persnlichkeits- und soziale Merkmale knnen zu einer Intensivierung wie auch zu einer Reduktion in der Art, Intensitt und Dauer der Strereaktion beitragen (Cohen, 1992; Lazarus & Folkman, 1984). Ob diese Faktoren Belastungen erhhen oder puffern, hngt von vielen Bedingungen ab, u.a. von ihrer Beschaffenheit, aber auch von der Art der Belastung und ihrer Interaktion mit den anderen Moderator- und Vermittlungsvariablen. Die folgenden Ausfhrungen orientieren sich an diesem Schema: Zunchst werden zentrale Formen von Stressoren und deren Folgen dargestellt. Anschlieend werden Faktoren errtert, die das Streerleben moderieren: Persnlichkeitsfaktoren, Copingtendenzen und Merkmale des Sozialen Netzwerkes und der Sozialen Untersttzung. Schlielich werden Untersuchungsverfahren zur Erfassung von Stressoren, Strereaktionen, Copingtendenzen und Netzwerk- und Untersttzungsmerkmalen vorgestellt.
duums fr die Entstehung einer bestimmten Strung vorhanden sein mu. Moderierende Wirkung: Stressoren knnen eine vorhandene Strungsbedingung intensivieren und den Proze ber einen bestimmten Grenzwert heben, so da die Strung offensichtlich wird. Bei vielen Pubertts- und Adoleszenzproblemen kann eine solche moderierende Funktion angenommen werden. Auslsende Wirkung: Stressoren knnen die Strung auch nur auslsen, indem sie als Triggerereignis im Vorfeld einer Strung wirken oder am Ende einer lngeren Belastungsperiode als Ereignis den Belastungspegel ber die Resistenzschwelle heben und so zu einer Strungsmanifestation beitragen. Zum Teil werden derartige Funktionen im Zusammenhang mit der Auslsung schizophrener Schbe angenommen. Das Hinzukommen eines belastenden Ereignisses knnte in diesem Fall zu einer Aktivierung maladaptiver Bewltigungs- und Verarbeitungsprozesse und dem berschreiten einer kritischen Schwelle bei bereits bestehenden prodromalen Symptomen fhren. Strungsprotektive Funktionen: Das Auftreten eines belastenden Ereignisses kann aber auch zu einer Aktivierung personaler und sozialer Ressourcen und dabei auch zu einer Vernderung im Umgang mit dem vohandenen psychischen Problem fhren. Neben einfachen linearen Funktionen belastender Ereignisse sind auch komplexere Zusammenhnge unter Bercksichtigung anderer Variablen von Bedeutung. Ebenso knnen Stressoren auch eine verlaufssteuernde Funktion bei Vorhandensein einer Strung bernehmen (z. B. moderierender Effekt).
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und lokalisierbar, was sie von chronischen Stressoren abhebt. (2) Sie machen eine qualitativstrukturelle Neuorganisation des Person-Umweltgefges erforderlich, was sie von passageren Adaptationsleistungen unterscheidet. (3) Die affektiven Reaktionen sind nachhaltig und stellen nicht nur kurzfristige Emotionen dar, wie sie im Alltag regelmig vorkommen. Dementsprechend erfordern sie eine mittlere bis gelegentlich lngere Adaptationszeit und einen hheren Adaptationsaufwand als Alltagsstressoren (vgl. Abb. 1). Wir nennen sie deshalb Makrostressoren (s. auch Katschnig, 1980; Filipp, 1990; Plancherel, 1998). Als normative kritische Lebensereignisse werden sie bezeichnet, wenn sie wegen ihrer biologischen oder kulturellen Grundlage vorhersagbar sind (z. B. die Pubertt, Einschulung) und bei allen Mitgliedern einer Kultur mehr oder weniger sicher auftreten. Entsprechend sind die nicht-normativen kritischen Lebensereignisse durch ihre Pltzlichkeit und Nichtvorhersagbarkeit charakterisiert, wie z. B. der pltzliche Tod einer nahen Person. Als kritische Lebensereignisse knnen sowohl positive (= erwnschte, mit sozial deutlich positiven Valenzen verknpfte Ereignisse, wie Heirat, Geburt eines Kindes etc.) wie auch negative (= unerwnschte, vorrangig mit negativen Emotionen wie Trauer, Angst, Deprimiertheit einhergehende) Ereignisse in Frage kommen. In beiden Fllen wird wenn auch in unterschiedlicher Weise das psychische System nachhaltig fr eine Adaptationsleistung beansprucht. Unterschiedliche Folgen knnen ebenfalls erwartet werden je nach dem, ob es sich um sogenannte abhngige (dependent) bzw. unabhngige (independent) Ereignisse handelt. Bei abhngigen Ereignissen knnen die Ursachen mindestens teilweise eigenen Handlungen oder Unterlassungen des Individuums zugeschrieben werden (z. B. schwere zwischenmenschliche Zerwrfnisse). Unabhngige Ereignisse beruhen auf ueren Ursachen, wie z. B. dem Verlust des Arbeitsplatzes aufgrund einer Firmenschlieung. Neben den genannten Aspekten (Normativitt, Valenz, Abhngigkeit) entscheiden noch eine Reihe anderer Merkmale von Lebensereignissen und Stressoren ber ihren Effekt auf das Befinden und die Gesundheit eines Menschen. Die bisherige Forschung hat folgende, zum Teil voneinander abhngige sieben Dimensionen
als wichtig erscheinen lassen (vgl. dazu auch Lazarus & Folkman, 1984; Thoits, 1983): (1) die Intensitt und Dauer eines Ereignisses; (2) das Vorliegen eines Einzelereignisses vs. die Kumulation von Ereignissen und Belastungen; (3) das Ausma an Vernderung, welches ein Ereignis nach sich zieht, und der Aufwand der Wiederanpassungsleistung nach seinem Auftritt; (4) die Vorhersagbarkeit und die Wahrscheinlichkeit des Auftretens sowie des Zeitpunktes des Auftretens (= Ereignis und zeitliche Sicherheit/ Unsicherheit des Ereignisses) und damit verbunden die Mglichkeit zur prventiven Anpassung an das Ereignis und zur vorbereitenden Bewltigung; (5) die Neuheit und Unkenntnis des Ereignisses; (6) die Ambiguitt und mangelnde Przision und (7) seine Kontrollierbarkeit. Goodyear (1994) macht auf verschiedene Konstellationen von Lebensereignissen aufmerksam, die im Vorfeld von Strungen unterschieden werden knnen. Lebensereignisse knnen gleichzeitig oder sequentiell auftreten. Ihre Wirkung kann additiv oder multiplikativ sein. Bezglich der Wirkungspfade belastender Ereignisse sind verschiedene theoretische Modelle entwickelt worden. Plancherel, Bolognini und Nunez (1994) geben einen berblick ber die sogenannten Puffer Modelle, die die Ressourcen als protektive Faktoren miteinbeziehen (s. Abb. 3). Je nach Konstellation knnen unterschiedliche Wirkungen erwartet werden. Das gilt auch fr die Wirkung der chronischen und der Alltagsstressoren. Auf moderierende Faktoren (z.B. Persnlichkeitsmerkmale) wird in Abschnitt 4 eingegangen.
3.2.2 Zusammenhnge mit psychischen Strungen Zusammenhnge mit kritischen Lebensereignissen wurden bisher bei verschiedenen Strungen am intensivsten bei den depressiven (vgl. Kessler, 1997) untersucht. Im folgenden wird daher primr auf diese eingegangen; Angst- und schizophrene Strungen werden nur am Rande abgehandelt (andere Strungen s. z. B. Fiedler, 1995; Goldberger & Breznitz, 1993). Da die sogenannten posttraumatischen Belastungsstrungen vor allem mit traumatischen Lebens-
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(1) Moderationsmodell
R S D
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ereignissen in Verbindung gebracht werden, werden diese in einem eigenen Abschnitt (traumatische Ereignisse) behandelt. Verschiedene Untersuchungen zeigen eine erhhte Auftretensrate von kritischen Lebensereignissen im Vorfeld von depressiven Strungen. Bereits Brown und Harris (1978) konnten in einer methodisch vorbildlichen, aber retrospektiven Studie, die u. a. chronischen Stre und soziale Untersttzung kontrollierte, eine im Vergleich zu Kontrollpersonen erhhte Hufung von bedrohlichen oder Verlustereignissen als Antezedentien von depressiven Strungen feststellen, was in spteren Arbeiten besttigt wurde. Kessler (1997) fat die heutige Befundlage wie folgt zusammen: (1) Die Assoziation zwischen dem Erleben kritischer Lebensereignisse und dem Auftreten von major-depressiven Episoden kann konsistent festgestellt werden. (2) Das Ausma der Verknpfung variiert zwischen den Studien in Abhngigkeit von den verwendeten Verfahren zur Erfassung der Lebensereignisse und (3) in Abhngigkeit von der negativen Valenz der Ereignisse. Kontextuelle Informationen zu den Ereignissen erh-
hen die Assoziationsstrken. Analoge Ergebnisse berichtet Johnson (1986) in seiner bersicht fr depressive Strungen bei Jugendlichen. Kritische Lebensereignisse im Vorfeld von depressiven Episoden scheinen auch einen gewissen Vorhersagewert fr den Verlauf der Therapie zu haben. Die Befundlage darf aber nicht darber hinweg tuschen, da die allermeisten einschlgigen Studien von der Versuchsanlage her nicht ausreichen, um einen kausalen Zusammenhang schlssig zu beweisen (z. B. retrospektive Studien). Wenngleich klinische Erfahrungen und Beobachtungen, aber auch theoretische berlegungen (z. B. Eysencks Theorie der Angstentstehung; die psychophysiologische Theorie der Panikstrung) darauf hinweisen, da viele Angststrungen durch belastende Ereignisse ausgelst werden, ist die empirische Evidenz im Vergleich zur Depression weniger einheitlich. Darber hinaus fehlen fr verschiedene Angststrungen methodisch akzeptable Studien (auch hier vor allem retrospektive Studien); lediglich fr die Panikstrung, die Agoraphobie und die Zwangsstrung liegen ausreichend kla-
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re Befunde vor (vgl. Edelmann, 1992). Demnach knnen kritische Lebensereignisse bei Vorhandensein entsprechender Prdisposition der Betroffenen vor allem als traumatische Lebensbelastungen Angststrungen oder andere psychopathologische Symptome auslsen (Edelmann, 1992). Umfassender sind die Beitrge zur Schizophrenie, zu der verschiedene methodisch befriedigende Studien (u. a. prospektive) vorliegen; doch ist auch hier die Befundlage nicht eindeutig. Bebbington (1996) kommt aufgrund seines berblicks ber 17 retrospektive und prospektive Studien zum Ergebnis, da es keine sicheren Hinweise dafr gebe, da kritische Lebensereignisse an der Auslsung einer Schizophrenie beteiligt seien. Es finden sich aber Hinweise, da kritische Lebensereignisse einen zwar geringen, aber nicht immer eindeutigen Einflu auf den Verlauf einer Schizophrenie haben. Von Bedeutung fr Auslsung und Verlauf sind aber auch kleinere alltgliche Lebensbelastungen (s. unten). So sind vor allem chronische familire Belastungen zu nennen, wie sie im Konzept der Expressed Emotions (Leff, 1996) diskutiert werden. Weiter kommt Bebbington (1996) zum Schlu, da bei der Auslsung und Verlaufssteuerung der Schizophrenie im Gegensatz zu depressiven Strungen und Angststrungen chronische Bedingungen sowie alltgliche Lebensbelastungen von grerer Bedeutung sind als kritische Lebensereignisse.
eher unklar und wird teilweise zirkulr definiert als ein Ereignis hoher Intensitt mit gleichzeitig fehlender adquater Bewltigungsmglichkeit und einer berlastung der Anpassungskapazitt des Individuums mit Anpassungsund Belastungsstrungen als Folge (vgl. z. B. Freedy & Hobfoll, 1995). Nach DSM-IV (American Psychiatric Association, 1996) ist ein traumatisches Ereignis dann gegeben, wenn es mit dem Tod, der Androhung des Todes, einer schweren Verletzung oder einer anderen Bedrohung der krperlichen Integritt assoziiert ist. Dabei kann das betreffende Ereignis die Person direkt oder indirekt ber enge und nahestehende Bezugspersonen betreffen. Ein Trauma kann aber auch dadurch entstehen, da eine Person Zeuge einer schweren Bedrohung, Verletzung oder Ttung einer fremden Person wird. Unter einer traumatischen Belastung kann man daher eine spezifische Klasse kritischer Lebensereignisse verstehen, die durch folgende Charakteristika zu umschreiben ist: unerwnscht; uerst negative Valenz aufgrund der intensiven Bedrohung des (eigenen) Lebens; hohe Intensitt; schwer bis gar nicht kontrollierbar; in der Regel berforderung der Bewltigungsmglichkeiten; Vorhersagbarkeit meist nicht gegeben. Fr viele der Betroffenen besitzen sie ausgesprochene Neuheit und brechen oft jh und unvorhergesehen herein. Die Wiederanpassungsleistung ist enorm, da oft nicht nur die Person selbst, sondern auch noch andere nahestehende Personen und abhngig von der Art des Ereignisses auch materielle Gter und gelegentlich die gesamte soziale und personale Existenz des Opfers betroffen sind (z. B. Wirbelsturm, erlittenes Gewaltverbrechen). Insofern kann man auch sagen, da Opfer traumatischer Ereignisse Mehrfachbelastungen und hufig auch noch einer Reihe von Belastungsfolgen einschlielich ihrer Viktimisierung, d. h. einer negativen, ausgrenzenden Behandlung durch die Umwelt, ausgesetzt sind. Neben Kriegstraumata bei Soldaten und Zivilbevlkerung werden vermehrt auch zivile traumatische Belastungen erforscht (vgl. fr berblicke: Freedy & Hobfoll, 1995) wie z. B. Naturkatastrophen (z.B. Erdbeben), technische Katastrophen (z. B. Bahnunflle), Gewaltverbrechen (z. B.Vergewaltigung, Geiselnahme), lebensbedrohende Ereignisse (z. B. schwere (Verkehrs-) Unflle).
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3.3.2 Zusammenhnge mit psychischen Strungen Trotz der Intensitt der traumatischen Ereignisse, der extrem negativen Valenz und der intensiven Anpassungsleistung, die sie von den Betroffenen abverlangen, sind die Reaktionen auf derartige Ereignisse sehr unterschiedlich; bei den meisten Betroffenen klingen sie nach einer angemessenen Zeit (in der Regel zwischen vier und sechs Wochen) wieder ab bzw. werden verarbeitet; das Ereignis und die Erlebnisse werden in das eigene Selbstkonzept integriert. Dies soll jedoch nicht darber hinwegtuschen, da Traumata bei den Betroffenen in der Regel intensive Spuren in Form psychischer Vernderungen hinterlassen, die sie sich allerdings nur bei einem Teil der Betroffenen zu einer psychischen Strung entwickeln. Zu bercksichtigen ist, da derartige Strungen sehr heterogen sein knnen: direkter (Minuten, Stunden) oder verzgerter (nach Tagen, Wochen oder Monaten) Strungseintritt, mittelmige bis sehr starke Ausprgung, Variation der betroffenen psychischen Systeme, Dauer der Betroffenheit etc. Sowohl ICD-10, als auch DSM-IV enthalten diagnostische Kategorien, die Reaktionen auf traumatische Ereignisse klassifizieren. In der ICD-10 werden Belastungs- und Anpassungsstrungen in der Strungsgruppe F43 kodiert, wobei unterschieden wird zwischen akuten Belastungsreaktionen (F43.0; Dauer: Stunde, Tage), Anpassungsstrungen (F43.2; Dauer: Wochen, < 6 Monate), posttraumatischen Belastungsstrungen (F43.1; Auftreten mit Latenz; Dauer offen). Zustzlich zur Gruppe F43 ist noch eine weitere Gruppe von Relevanz, die Persnlichkeitsvernderungen infolge extremer Belastungen beschreibt (F62.0). Neben den in der ICD-10 und dem DSM-IV angesprochenen Belastungs- und Anpassungsstrungen sind bei Opfern schwerer Belastungen hufig auch andere psychische Strungen und Reaktionen zu beobachten. Am intensivsten beforscht wurde die sogenannte posttraumatische Belastungsstrung (posttraumatic stress-disorder PTSD; Saigh, 1995; Foa & Meadows, 1997). Nach ICD-10 und DSM-IV ist diese Strung u.a. wie folgt charakterisiert: Wiedererleben der traumatischen Erfahrungen (Trume, Gedanken, etc.), Vermeidung von mit dem Trauma verbundenen Reizen (Gedanken,
Menschen, Orten, etc.), Reduktion der allgemeinen Erlebensfhigkeit (sozialer Rckzug, Verlust an emotionaler Reagibilitt etc.), Erinnerungslcken an das Trauma; Symptome wie Schlafstrungen, Konzentrationsprobleme etc.). Die empirische Forschung konnte relativ deutliche Zusammenhnge zwischen dem Auftreten traumatischer Ereignisse und der Auslsung eines PTSD aufzeigen, wobei fr Kriegsereignisse die deutlichsten, aber auch fr andere Ereignisse Zusammenhnge beobachtet werden konnten. Wenig erforscht ist dagegen der Verlauf des PTSD ebenso wie die Faktoren, die die Dauer, den Verlauf und den Ausgang der Strung mitbestimmen.
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nannt: Probleme mit dem Krpergewicht und dem eigenen Aussehen, Gesundheitsprobleme eines Familienmitgliedes und daraus resultierende Notwendigkeit zur Pflege, rgernisse mit der Haushaltsfhrung, Preissteigerungen bei Lebensmitteln und Haushaltsgtern, Arbeitsstre, Geldsorgen und Steuerzahlungen, etc. ber derartige Ereignisse hinaus knnen Alltagsbelastungen auch mit herkmmlichen Begriffen erfat und kategorisiert werden; als Beispiele seien genannt Arbeitsbelastungen (zu viel Arbeit; Konflikte im Arbeitsleben, Zeitdruck etc.), interpersonale und soziale Belastungen (z. B. Konflikte, Reibereien, Falschheit erleben etc.; vgl. Lettner, 1994), Rollenbelastungen (z. B. Doppelrollen wie Hausfrau und Berufsttigkeit). Nach Lazarus und seinen Mitarbeitern gibt es jedoch nicht nur negative Alltagsereignisse, sondern auch sogenannte uplifts, die mit positiven Emotionen und Erlebnissen einhergehen. Diese knnten zu einer Pufferung negativer Ereignisse und Belastungen (= Reduktion der Anflligkeit durch Schutz) beitragen. Diese berlegungen konnten aber nicht besttigt werden, weshalb dieser Ansatz nicht weiter verfolgt wurde. Theoretisch wurden sowohl von der LazarusGruppe wie auch von anderen Forschern verschiedene Modelle errtert, die sowohl unabhngige, wie auch moderierende Funktionen der Alltagsbelastungen beinhalteten. So wurde z. B. angenommen (vgl. Kanner et al., 1981), da Alltagsbelastungen direkte und unabhngige Effekte auf das Befinden und das psychische und somatische Funktionieren ausben knnen, indem sie unabhngig von greren Belastungen auftreten; sie knnen aber auch Effekte grerer oder chronischer Belastungen verstrken; so fhrt z.B. der Verlust des Partners zu einer Unzahl an Alltagsbelastungen, die mit einem Partner nicht gegeben sind, wie z.B. Erledigungen selbst durchfhren zu mssen, weniger Geld zur Verfgung zu haben etc. Empirisch kann die strungsvermittelnde Potenz belastender Alltagsereignisse als gut besttigt angesehen werden. Probleme zeigten die vorliegenden Studien allerdings bei der Erforschung der Richtung des Effekts. Denn es zeigten sich sowohl relativ hohe Zusammenhnge zwischen dem Auftreten von Alltagsereignissen und nachfolgenden Befindenstrbungen, wie
auch umgekehrt ein gewisser Zusammenhang zwischen vorhandenen psychischen Symptomen und dem Auftreten von Belastungen zu beobachten ist. Ebenso gibt es gut belegte Hinweise dafr, da die pathogene Wirkung der Trait-Angst fr das Auftreten psychischer Symptome durch die Alltagsbelastungen moderiert wird (Kohn, Lafreniere & Gurevich, 1991). Kritisch kann gegen die bisherige Forschung eingewendet werden, da es letztlich noch keine wirklich verlliche Taxonomie alltglicher Belastungen gibt, da viele Ereignisse eher als Symptome psychischer Beschwerden denn als unabhngige Ereignisse angesehen werden knnen, da die Belastung eines Ereignisses nicht unabhngig ist von subjektiven Bewertungen und von der Stimmung des Betroffenen und da Alltagsereignisse ihrerseits in einem sehr komplexen Ursache-Wirkungsgefge zueinander stehen.
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4. Faktoren, die den Zusammenhang von Stressoren mit psychischen Strungen moderieren
Wie bereits in der Einleitung erwhnt, reagieren nicht alle Menschen auf gleiche Stressoren in hnlicher Weise. Offensichtlich lassen sich die Wirkungen von Belastungsfaktoren nur sehr begrenzt vorhersagen. Das bedeutet, da zwischen den Stressoren und ihren Wirkungen noch andere Faktoren eine vermittelnde Funktion ausben mssen. Dazu zhlen die im folgenden dargestellten Persnlichkeitseigenschaften, Belastungsbewltigungskompetenzen (Copingtendenzen) und soziale Faktoren (Soziales Netzwerk, Soziale Untersttzung).
Konstrukt charakterisierenden Dimensionen Commitment (Sinn- und Zielorientierung der Person), Kontrolle (Kontrollberzeugung) und Herausforderung (berzeugung, da Vernderungen zum Leben gehren und die Mglichkeit zu Wachstum enthalten) moderieren die Wirkungen von Stressoren, indem sie deren kognitive Interpretation (appraisal) selbstwertfrdernd beeinflussen und die Bewltigungsressourcen des Individuums aktivieren (vgl. Maddi, 1990). Das Konzept berlappt sich mit anderen Konstrukten, wie etwa jenem des Kohrenzsinnes (sense of coherence), dem der Selbstwirksamkeit (self-efficacy) von Bandura oder auch mit der Optimismus-Variable. Als moderierende Faktoren fr Streemotionen werden State-trait-Merkmale wie z.B. Angst und rger diskutiert. Mehrere Studien zeigen, da hoher Trait-rger bzw. chronischer rger und Hostilitt signifikant mit hherem Risiko fr kardiovaskulre Erkrankungen verbunden sind (Booth-Kewley & Friedman, 1987; vgl auch Schwenkmezger & Hank, 1995). Endler und Edwards (1982) haben in ihrem Interaktionsmodell der Angst postuliert, da Trait-Angst und Trait-rger individuelle Prdispositionen darstellen, in Stresituationen mit einer erhhten Wahrscheinlichkeit mit Angst oder mit rger zu reagieren. Neben den genannten Persnlichkeitseigenschaften werden auch Abwehrstile als weitere Persnlichkeitsmerkmale gezhlt, die das Stregeschehen beeinflussen. Sigmund Freud hatte in seinem Werk das Konzept der Abwehrmechanismen entwickelt, das von Anna Freud (1936/1964) weitergefhrt wurde. In der modernen Persnlichkeitsforschung haben vor allem die Verdrngung und die Verleugnung eine gewisse Weiterentwicklung im RepressionKonstrukt erfahren. Nach Anna Freud (1936/ 1964) war die Funktionsrichtung der Verdrngung zur Beseitigung von bedrohlichen Triebimpulsen nach innen gerichtet. Die Verleugnung dagegen schtzt das Ich als Vorstufe der Abwehr vor bedrohlichen Aspekten der Auenwelt. Analog stellt die Intellektualisierung eine nach innen, die Wachsamkeit eine nach auen gerichtete Gefahrenverhtung dar. Die psychoanalytischen Konzepte standen Pate fr das Repression-Sensitization-Konstrukt. Dieses Konstrukt basiert auf der von Bruner formulierten Theorie, wonach der Wahrnehmungsvorgang
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wesentlich durch Hypothesen, d. h. Erwartungen, gesteuert wird, mit denen das Subjekt dem Wahrzunehmenden begegnet. Bezglich dieser Erwartungen knnen interindividuelle Unterschiede festgestellt werden. Eriksen (1951) postulierte hierfr zwei elementare Grundformen, nmlich vermeidungs- versus aufmerksamkeitsorientierte Angstabwehr bzw. Angstreduzierung, wobei die beiden Abwehrstile als eindimensionales bipolares Persnlichkeitskonstrukt verstanden werden (s. auch Krohne, 1996). In der gleichen Tradition ist das Monitor/ Blunter-Konzept von Miller (1989) zu sehen (to monitor = berwachen; to blunt = abstumpfen). Hohe Tendenz zum monitoring charakterisiert Personen, die nach viel Information vor gefahrvollen Situationen (z. B. vor medizinischen Eingriffen) suchen. Die sogenannten blunters dagegen ziehen es vor, sich in gleichen Situationen eher zu zerstreuen oder zu entspannen; sie sind Informationsvermeider. Miller (1987) erfat die beiden kognitiven Stile mit zwei Skalen, die negativ (r = -.45) korreliert sind. Die beiden Tendenzen sind bei unterschiedlichen Typen von Situationen unterschiedlich adaptiv. Wenn die Kontrollierbarkeit der Situation hoch ist, bringen Personen mit starker Monitor- und niedriger BluntingNeigung die adquaten Voraussetzungen mit. Bei niedriger Kontrollierbarkeit verhlt es sich umgekehrt (Miller, 1989). Auswirkungen auf das Krankheitsverhalten zeigten sich u.a. in der Studie von Miller, Brody und Summerton (1988), indem Low-monitor-Personen eher zu spt und high-monitor-Personen eher zu frh zum Arzt gehen. Unterscheidet sich das Millersche Konzept abgesehen von der empirischen Erfassungsweise der Variablen nicht wirklich vom ursprnglichen Repression-Sensitization-Konzept, so geht Krohne (1996) mit seinem Ansatz der Bewltigungsmodi innerhalb der Persnlichkeitsforschung neue Wege. Vigilanz und kognitive Vermeidung stellen in seinem Konzept zwei getrennte Persnlichkeitsvariablen dar. Die beiden Konstrukte werden anders als die deskriptive Repression-Sensitization-Dimension auf einer explikativen Grundlage eingefhrt. Die Funktion von Vigilanz als Aufmerksamkeitsverhalten ist die Reduktion von Unsicherheit. Kognitive Vermeidung zielt dagegen darauf ab, den Organismus von erregungsinduzierenden
Stimuli abzuschirmen und wirkt damit prventiv. Erklrt werden die beiden Tendenzen durch spezifische Ausprgungen der Intoleranz gegenber Unsicherheit und emotionaler Erregung. Zahlreiche Untersuchungen im Labor und Feld zeigen die klinische Relevanz des Modells fr verschiedene Anwendungen, z. B. fr Strereaktionen vor, whrend und nach Operationen (Krohne, Fuchs & Slangen, 1994; Kohlmann, 1997).
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A. Strungsbergreifender Teil IV: tiologie/Bedingungsanalyse Tabelle 1: Wichtige psychoanalytische Abwehrmechanismen Das Ich versucht nach der Vorstellung von Freud unter dem Einflu der ber-Ich-Ansprche kompromittierende Triebansprche abzuwehren. Den Schutz vor inneren Reizen, der die Funktion hat, dem Bewutsein bedrohliche Reize fernzuhalten, er wirbt sich der Mensch im Laufe der Entwicklung durch den Aufbau der Abwehrmechanismen. Projektion Verleugnung Rationalisierung Angstauslsende Wnsche oder Gefhle werden externalisiert und anderen zugeschrieben. Eine potentiell traumatisierende Realitt wird nicht als solche wahrgenommen. Angstbesetzte Probleme werden intellektuell erklr t und damit ihres bedrohenden Gehaltes entledigt. Unakzeptierte, bedrohende Impulse werden durch Transformation ins Gegenteil neutralisiert (z. B. Frsorge anstelle von Aggression). Angstauslsende Gedanken, Bilder oder Erinnerungen werden in das Unbewute abgedrngt oder ihre Reprsentanz im Bewutsein verhinder t. bergang einer psychischen Organisationsform zu einer frheren Stufe, die einfachere Strukturen aufweist. Kulturell akzeptierte Umsetzung sexueller Triebe in einen nicht-sexuellen, allgemein akzeptierten Entfaltungsbereich (u. a. knstlerische, intellektuelle, soziale Bereiche). Konfliktlsung erfolgt durch bernahme der Werte, Anschauungen usw. einer anderen Person.
Reaktionsbildung
Verdrngung
Regression
Sublimierung
Identifikation
sondern auch innere, wie Ziele, Werte, Bewertungen, deren Ignorieren oder Nichtrealisierung fr die Person negative Folgen zu haben drohen. Durch die sogenannte primre Bewertung (primary appraisal) berwacht der Organismus im Wachzustand permanent, ob sich Vernderungen ereignen, die eine Adaptation zur Erhaltung des Wohlbefindens erfordern. Werden Ereignisse als irrelevant bewertet, so haben sie auer einer Orientierungsreaktion keine weiteren Prozesse zur Folge. Ein zweiter Typus von Ereignissen, der ebenfalls keine adaptiven Prozesse auslst, besteht in angenehmen Situationen, die keinen Bewltigungsbedarf erkennen lassen (z. B. eine gelungene Leistung). Der dritte Typus ist durch Adaptationsbedarf charakterisiert (vgl. Abb. 4). Das Bewertungsergebnis wird als Resultante einer Wechselwirkung zwischen der primren und der sekundren Situationsbewertung angenommen, die in der Einschtzung der verfgbaren Ressourcen zur Lsung des Problems besteht und die simultan stattfinden kann. Zu den inneren Ressourcen zhlen Personvariablen wie Widerstandsfhigkeit, emotionale Stabilitt, Attributionstendenzen usw., wie sie u. a. in Abschnitt 4.1 beschrieben sind; zu den Ressour-
cen aus der Umwelt gehren u. a. Merkmale des Sozialen Netzwerkes (s. unten). Wird das Verhltnis von Anforderungen und Fhigkeiten als ausgeglichen erlebt, so folgt die Einschtzung der Situation als Herausforderung, was der Definition von Eustress entspricht. Einschtzungen des Stressors als Schdigung und/oder Verlust lsen Beeintrchtigungen des Selbstwertgefhls, Trauer oder eventuell rger als Emotionen aus. Angst wird als Folge der Bewertung einer Situation als bedrohlich angenommen. Die Streemotionen mobilisieren die Person in gerichteter Weise im Sinne der Vernderung ihrer action readiness (Frijda, 1987) fr bestimmte adaptive Reaktionen (Coping). Die Copingreaktionen knnen instrumentell darauf abzielen, die Umwelt oder das Selbst (oder beides) zu beeinflussen, was vom Anpassungsmodus her als systemexterne Assimilation oder systeminterne Akkomodation charakterisiert werden kann. Dem entspricht partiell die Unterscheidung von problembezogenem (problem focused) vs. emotionsbezogenem (emotion focused) Coping als bergeordnete Bewltigungsmodi (Lazarus, 1966). Als spezielle Bewltigungsmodi thematisieren Lazarus und Launier (1981) die Informationssuche und -unterdrckung, die
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Primre Bewertung
Sekundre Bewertung
Verlust Schaden
Bedrohung
Herausforderung
Trauer
Angst
pos. Aktivierung
direkte Aktion und Aktionshemmung und intrapsychische Bewltigungsformen, wie die Aufmerksamkeitslenkung, Beruhigung usw. Die durch adaptive Reaktionen erzeugten Folgen werden einer erneuten Bewertung (re-appraisal) unterzogen, worauf abhngig vom Ergebnis gegebenenfalls weitere Bewltigungshandlungen folgen. Holahan, Moos und Schaefer (1996) fassen die verschiedenen adaptiven Reaktionsklassen unter den beiden Hauptkategorien Annherung (approach) und Vermeidung (avoidance) zusammen; fr beide Kategorien unterscheiden sie eine kognitive und behaviorale Variante. Schwarzer (1993) erweiterte das Modell von Lazarus und integrierte Kontrollund Selbstkonzepte in sein Modell.
Im Zusammenhang mit der Bewltigung werden hufig auch Abwehrprozesse diskutiert (z. B. Nusko, 1986). Diese knnen unter den intrapsychischen Copingmodalitten von Lazarus eingeordnet werden. Viele Autoren stellen der erlebnisorientierten Abwehr die verhaltensorientierte Bewltigung gegenber. Haan (1977) charakterisiert die Copingprozesse als zielgerichtete, flexible und realittsangemessene Adaptationshandlungen, whrend Abwehrprozesse als zwanghafte, rigide und realittsverzerrende Varianten verstanden werden. Fr eigentlich pathologische Anpassungsformen verwendet sie den Begriff fragmentary processes (Fragmentierungsprozesse).
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Perrez und Reicherts (1992) haben einzelne Aspekte des psychologischen Strekonzeptes von Lazarus auf der Grundlage eines funktionalen Konzeptes weiterentwickelt. Insbesondere wurde die kognitiv-phnomenologische Perspektive, die sich fr die kognitiven Prozesse beschreibend an Erlebensdimensionen wie Bedrohung, Herausforderung usw. angelehnt hatte, durch eine Perspektive erweitert, die strker den theoretischen Konzepten der Kontroll-, Appraisal-/Emotions- und Attributionstheorien verpflichtet ist. Als theoretisch relevant werden Appraisal-Merkmale dann verstanden, wenn sie Emotionen vorhersagen lassen und in einem funktionalen Zusammenhang mit der Adaptationsleistung vermutet werden. Ihre CopingTaxonomie ordnet die Bewltigungshandlungen und -reaktionen nach dem Kriterium, ob sie (1) situations- (= stressor-), (2) reprsentations- oder (3) evaluationsbezogen sind (s. Tab. 2). Die reprsentationsbezogenen Reaktionen verndern durch Informationssuche oder -unterdrckung die kognitive Reprsentation des Stressors, whrend die evaluationsbezogenen durch Sinnstiftung, Umbewertung oder auch
durch Zielvernderung die Einstellung zum Stressor verndern. Aufbauend auf dieser Taxonomie lassen sich nomopragmatische Hypothesen erstellen (vgl. Kap. 3 und 4/Wissenschaftstheorie); sie lassen sich in Verhaltensregeln im Sinne von technologischen Regeln umwandeln, die fr bestimmte Ziele unter gewissen Ausgangsbedingungen Handlungsempfehlungen abgeben. Die folgenden Aussagen stellen Beispiele fr derartige Empfehlungen dar: Bei Situationen, die kontrollierbar, wenig aus sich heraus wandelbar (d.h. die sich mit geringer Wahrscheinlichkeit aus eigener Dynamik zum Guten wandeln) und deutlich negativ valent sind, stellt eine aktive Einflunahme auf den Stressor eine wirkungsvolle Reaktion fr den Abbau des Stressors und damit fr die Wiederherstellung der Homostase dar. Bei hochwandelbaren Situationen dagegen ist Passivitt funktional. Flucht (z. B. Wechsel des schwer ertrglichen Arbeitsplatzes) wird als funktional postuliert, wenn der Stressor weder kontrollierbar noch wandelbar, hoch negativ valent und Flucht mglich ist.
Tabelle 2: Taxonomie der Copingreaktionen und -handlungen (Perrez & Reicherts, 1992, S.30)
291
4.2.2 Einflsse der Belastungsbewltigung auf Wohlbefinden und psychische Strungen In verschiedenen Untersuchungen konnte gezeigt werden (Reicherts, 1998; Perrez & Matathia, 1993), da Personen, die die auf der angefhrten Taxonomie basierenden Verhaltensregeln hufiger bercksichtigen, Stre effektiver bewltigen und in verschiedenen Kriterien der seelischen Gesundheit hhere Werte aufweisen als Vergleichsgruppen. Es konnte auch gezeigt werden, da Depressive erwartungsgem bestimmte Verhaltensregeln zu verletzen neigen, wie z.B. kontrollierbare Stressoren aktiv zu beeinflussen. Major Depressive unterschtzen die Kontrollierbarkeit und Wandelbarkeit von Stressoren und zeigen mehr Passivitt (Reicherts, Kaeslin, Scheurer, Fleischhauer & Perrez, 1987; Perrez, 1988). Angemessenes Coping setzt auch voraus, da die Merkmale der Situation angemessen wahrgenommen werden. Systematische Fehler der Situationseinschtzung, wie sie bei Depressiven (Unterschtzung der Kontrollierbarkeit) oder rgerpatienten (berschtzung der Internalitt und der Kontrollierbarkeit bei der Ursachenzuschreibung) festgestellt werden, bezeichnet Scherer als Appraisal Pathologie, die sowohl fr die Bedingungsanalyse des Problems wie auch fr die Therapie bedeutungsvoll sein kann. Die inadquate Bewertung von Situationen fhrt zu inadquaten Emotionen, die ihrerseits den Organismus dysfunktional fr die adaptativen Reaktionen vorbereiten (Kaiser & Scherer, in press). Den Einflu der Appraisalvariablen auf die Emotionsregulierung hat Scherer (1988, 1993) in verschiedenen Studien przisiert. Fr die Emotion rger haben Laux und Weber (1990) und fr depressive Strungen Lazarus (1991) vertiefte Analysen der kognitiven Prozesse durchgefhrt. Haben sich die meisten Studien zur Wirkung der Belastungsbewltigung auf das individuelle Coping konzentriert, so konnte Bodenmann (1995) zeigen, da untersttzende Belastungsbewltigung das dyadische Coping eine moderierende positive Wirkung zwischen subjektiv erlebten Belastungen des Partners und dessen Interaktionsverhalten hat. Es vermittelt zwischen Alltagsbelastungen und Partnerschaftszufriedenheit und ist ein Prdiktor fr die Sta-
bilitt der Beziehung. Laux und Schtz (1996) analysierten auf der Ebene von Familien die moderierende Wirkung des sozialen Copings.
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interaktionale (z. B. Dauer der Beziehung) und funktionale Merkmale (z.B. Untersttzung, Belastung; Baumann & Laireiter, 1995). Zur Definition und Operationalisierung werden meistens folgende Kriterien entweder einzeln oder kombiniert verwendet: die subjektive Bedeutung eines Menschen (affektives Netzwerk), seine Rollenzugehrigkeit (z. B. Partner, Verwandter, Nachbar etc.; Rollennetzwerk), die (Untersttzungs-)Funktionen (Austausch- oder Untersttzungsnetzwerk) und die Kontaktfrequenz (interaktives Netzwerk). Hufig werden auch bestimmte Einzelrollen mit dem Netzwerkbegriff verknpft und so z. B. das Verwandtschafts-, das Freundschafts- oder das Arbeitsnetzwerk definiert. Unter Sozialer Untersttzung ist die Befriedigung spezifischer sozialer Bedrfnisse nach Nhe, Geborgenheit, Information, praktische Hilfe, Entspannung und Beruhigung etc. zu verstehen (Veiel & Ihle, 1993). Damit beschreibt der Begriff einen zentralen funktionalen Aspekt sozialer Beziehungen und Beziehungsnetzwerke. Die Forschung der achtziger Jahre fhrte in Abhngigkeit der Betrachtungs- und Erfassungsperspektive zu folgenden weiteren Differenzierungen des Begriffes: Konstruktkomponenten: wahrgenommene Untersttzung (perceived support, d.h. Kognitionen/ berzeugungen, untersttzt zu sein); erhaltene Untersttzung oder real applizierte und ausgetauschte Untersttzung (enacted support); Verfgbarkeit untersttzender Personen und Helfer in Form des Untersttzungsnetzwerkes bzw. Untersttzungsressourcen (support network). Situationsbezug: Alltagsbelastungen versus Makrostressoren (kritische Lebensereignisse). Quellen der Untersttzung: RollentrgerInnen (PartnerIn, Verwandte etc.). Untersttzungsinhalte: Meist wird zwischen zwei globalen Klassen unterschieden (psychologische vs. instrumentelle Untersttzung), die ihrerseits wiederum in verschiedene Subkategorien unterteilt werden (psychologische Untersttzung: emotionale, kognitive, selbstwertbezogene etc.; instrumentelle: Ratschlge, Informationen, Arbeit, Geld etc.; Laireiter, 1993b).
4.3.2 Einflsse des Sozialen Netzwerkes und der Sozialen Untersttzung auf Wohlbefinden und psychische Strungen Die Erforschung Sozialer Untersttzung und Sozialer Netzwerke hat zu einer Vielzahl an Publikationen gefhrt, die kaum berblickbar, geschweige denn integrierbar ist (Sarason, Sarason & Gurung, 1997; Laireiter, 1993a; Veiel & Baumann, 1992). Im folgenden sollen daher nur einige wesentliche Aspekte vorgestellt werden. Ursprnglich hat man angenommen, da Soziale Untersttzung die negativen Effekte der belastenden Ereignisse auf das Befinden und die psychischen und somatischen Systeme moderiert, indem das Vorhandensein von Untersttzung mit positiverer Befindlichkeit und einer Reduktion an psychischen und somatischen Symptomen einhergeht. Dieser Effekt, der sich statistisch als ein interaktiver Effekt zwischen Belastungs- und Untersttzungsma zeigt (vgl. Schwarzer & Leppin, 1989), wurde als Puffereffekt bezeichnet. Wenngleich die empirische Evidenz fr diesen Effekt uneinheitlich ist, gibt es doch eine Reihe von Studien, die ihn fr bestimmte Komponenten des Globalkonstrukts Soziale Untersttzung belegen. Sehr viel hufiger als puffernde Effekte konnten in der Forschung jedoch direkte Effekte sogenannte Haupteffekte der Sozialen Untersttzung beobachtet werden; diese Effekte treten unabhngig vom Ausma vorhandener Belastung auf (Rhrle, 1994). Die Widersprche zwischen diesen beiden Effekthypothesen knnen dadurch gelst werden, da die unterschiedlichen Effekte auf unterschiedliche Teilkomponenten der Sozialen Untersttzung zurckgefhrt werden. Aspekte der Integration in ein Soziales Netzwerk wirken allgemein befindensfrderlich (Haupteffekt); das Wissen und die berzeugung, bei den speziellen Anforderungen belastender Lebensereignisse untersttzt zu sein (kognitive, emotionale, Selbstwert-Untersttzung), und das Verfgen ber enge, nahestehende untersttzende Bezugspersonen ber den Zeitraum der Belastung hinweg, tragen eher zur Pufferung der negativen Belastungseffekte bei (Cohen & Wills, 1985). Obwohl diese Befunde im Zusammenhang mit verschiedenen Stressoren beobachtet werden konnten, ist nicht klar, ob diese Bezge auch fr die Manifestation von Strungen im
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engeren Sinn gelten und ob sie bei unterschiedlichen Strungsgruppen repliziert werden knnen (Cohen, 1992). Die am hufigsten eingesetzten Instrumente zur Erfassung von Belastungsreaktionen waren allgemeine Symptomskalen, die ein breites Ma an psychischer und psychophysiologischer Symptomatik erfassen. Verschiedene Studien lassen den Schlu zu, da sich die Dynamik der Zusammenhnge bei klinischen Strungen und insbesondere bei somatischen Erkrankungen anders gestaltet. So konnten z. B. Schwarzer und Leppin (1989) zeigen, da bei psychischen Strungen, insbesondere der Depression, viel deutlichere Zusammenhnge als z. B. bei somatischen Strungen bestehen. Wie Monroe und Johnson (1992) ausfhren, drfte bei psychischen Strungen wiederum die Funktion Sozialer Untersttzung bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Depression (Henderson, 1992) und Angstzustnden eine grere Bedeutung besitzen als bei der Schizophrenie. Trotz der im allgemeinen positiven Bezge zwischen Merkmalen des Sozialen Netzwerkes und der Sozialen Untersttzung und dem Wohlbefinden bzw. dem Fehlen psychischer und psychosomatischer Belastungserscheinungen, darf nicht bersehen werden, da der Anteil dieser Variablen an der Varianzaufklrung relativ gering ist. Die Befunde weisen darauf hin, da die tiologische Bedeutung der Sozialen Untersttzung in einem engen Zusammenhang mit allgemeinen Bedingungen (Risikound Vulnerabilittsfaktoren) der Entstehung psychischer und somatischer Strungen gesehen werden mu. Eine weitere wichtige Erkenntnis der bisherigen Forschung ist die Feststellung, da die einfache Dichotomisierung der Funktionen Sozialer Untersttzung bei Belastungen in Hauptund Puffereffekt als zu kurzgefat anzusehen ist. Es wurden deshalb weitere Modelle entwikkelt (vgl. Plancherel, 1998; Schwarzer & Leppin, 1989; s. auch Abschnitt 3.2.1), wobei Anstze, die sich am Bewltigungsmodell von R. Lazarus orientieren, von besonderer Bedeutung sind. Damit kommt man zu einem um die soziale Dimension erweiterten Stre-Bewltigungsund Untersttzungsmodell (Cohen, 1992; Perkonigg, 1993). Diesem Modell zufolge besitzt die soziale Umwelt und das soziale Beziehungsgefge einer Person nicht nur po-
tentiell protektive, sondern auch belastende Funktionen. In der folgenden Darstellung werden aber primr die protektiven Funktionen errtert. Nach Ansicht verschiedener Autoren knnen insgesamt bis zu fnf positive Effektpfade sozialer Beziehungen und Untersttzung differenziert werden: (1) Sozialer Schildeffekt: Die Effektvermittlung ist auf der Ebene der (beobachtbaren) sozialen Umwelt anzusiedeln, indem das soziale Beziehungsgefge zu einer Reduktion belastender Ereignisse und zu einer Erhhung positiver Erfahrungen und Ereignisse beitrgt (uplifts, positive events), die die Bewltigungskompetenz und die Befindlichkeit des Individuums stabilisieren und sogar erhhen knnen. (2) Kognitiver Schildeffekt: Es kann angenommen werden (vgl. auch Cohen, 1992), da die Wahrnehmung der Verfgbarkeit Sozialer Untersttzung (im Sinne der wahrgenommenen Untersttzung) zu einer Reduktion der Wahrscheinlichkeit, strerelevante Beurteilungen von Ereignissen zu erfahren, beitrgt und gleichzeitig zu einer Erhhung sogenannter irrelevanter oder positiver Umweltwahrnehmungen (= benign appraisals) fhrt. Dies kann zu mehr positiven Einschtzungen objektiver Situationsmerkmale und deren subjektiven Bedeutung veranlassen. (3) Emotionaler Erleichterungs- und Pufferungseffekt: Auf der Ebene der emotionalen Reaktionen auf die Belastung zeigen viele Studien, da bereits das Wissen um die Verfgbarkeit von Bezugspersonen, vor allem aber ihre konkrete Anwesenheit (von Schachter, 1959, als social affiliation bezeichnet) emotionale Reaktionen, insbesondere Angst und Ungewiheit, auf eine bevorstehende oder gerade ablaufende Belastungssituation reduzieren kann, ihr also entgegenarbeitet. Andererseits knnen Defizite an Bezugspersonen und Untersttzung zu einer direkten Reduktion der Befindlichkeit und damit zu einer Erhhung der Anflligkeit gegenber Belastungen beitragen (Cohen & Wills, 1985). (4) Kognitiver Bewltigungs-/Problemlseeffekt: Dieser Wirkungsmechanismus verluft ber den kognitiven Proze des secondary appraisal und beeinflut sowohl diesen wie auch die da-
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bei selegierten Bewltigungsziele und Bewltigungsstrategien. Bereits das Wissen, jemanden fr die Lsung eines bestimmten Problems einsetzen oder fragen zu knnen, bereits die Vorstellung, da eine nahestehende Person das Problem versteht, kann zu einer bewltigungsbezogenen Vernderung der Belastungsreprsentation fhren, reprsentiert in diesem Sinn also eine kognitive Bewltigungsoperation. (5) Soziale Bewltigung/Bewltigungsassistenz: Ein weiterer Effektpfad bezieht sich auf die Funktionen der erhaltenen Untersttzung. Es kann angenommen werden, da real applizierte Untersttzung im Sinne einer Bewltigungsassistenz drei Funktionen besitzt: Sttzung der relevanten psychologischen Bewltigungssysteme (z.B. Strkung der Moral, des Selbstwerts, der Selbsteffizienz), aktive Bewltigungs- und Problemlseuntersttzung (z.B. Hilfestellung beim Erarbeiten von Lsungsmglichkeiten) und direkte Bewltigungsintervention (z. B. Geben von Geld, Abnehmen von Besorgungen). Der Erhalt Sozialer Untersttzung allein ist allerdings, wie die Forschung zeigt, noch kein Garant fr eine erfolgreiche Bewltigung. So betonen verschiedene Autoren (z. B. Cohen, 1992), da es notwendig sei, sich in den Belasteten einfhlen zu knnen und im Bereich der erlebten Belastung erfahren zu sein. Die Untersttzung sollte die aus der Belastung resultierenden Anpassungsund Bewltigungsbedrfnisse adquat erfllen. Sind diese Bedingungen erfllt, kann erst damit gerechnet werden, da Soziale Untersttzung einen entsprechend positiven Effekt auf das Bewltigungsergebnis ausbt. Eine Verknpfung zwischen den allgemeinen Funktions- (Haupt- vs. Puffereffekt) und den fnf spezifischen Vermittlungshypothesen ist aufgrund des unterschiedlichen Auflsungsgrades der beiden Modelle nicht ganz einfach. Nach einer strengen Auslegung der Pufferfunktion (Schwarzer & Leppin, 1989) sollte nur Variante 3 (emotionale Erleichterung/Pufferung) als Puffereffekt akzeptiert werden, allerdings knnen in einer erweiterten und den Bewltigungsproze bercksichtigenden Sichtweise auch Varianten 4 und 5 den Puffereffekten zugeordnet werden, da in diesen die Untersttzung die Bewltigung der Belastung erleichtert. Allgemein werden die beiden Schildeffekte dem
statistischen Haupteffekt zugeschrieben, da sie die Belastung in ihrem Auftreten reduzieren und nicht moderieren (was vom Puffereffekt erwartet wird). Darber hinaus beinhaltet der statistische Haupteffekt sogenannte unabhngige Effekte Sozialer Untersttzung auf die Befindlichkeit, die hier nicht erwhnt wurden, da sie nach dem Postulat dieser Hypothese immer vorhanden sind, egal ob eine Belastung auftritt oder nicht (Schwarzer & Leppin, 1989). Die bisher dargestellten Pfade reprsentieren direkte Effekte Sozialer Untersttzung auf das Befinden und die Gesundheit. Es sind natrlich auch indirekte Effekte, z.B. eine Vermittlung ber das Bewltigungsverhalten, anzunehmen. Ausgehend von einem derart komplexen Verstndnis der Wirkung von Sozialer Untersttzung sind auch bezglich der Entstehung psychischer Strungen komplexe Zusammenhnge zu erwarten. Eine weitere konzeptuelle Differenzierung betrifft das Verhltnis zwischen Belastung und Untersttzung, die nicht als unabhngige Ereignisse anzusehen sind. So fhren viele Belastungen zu einer Reduktion Sozialer Untersttzung, z. B. kann der Verlust eines wichtigen Menschen auch zum Verlust von Untersttzung beitragen (Monroe & Steiner, 1986). Weiter ist zu bercksichtigen, da soziale Beziehungen auch ein erhebliches Belastungsrisiko in sich bergen. Daher finden sich zum Teil hhere Zusammenhnge zwischen sozialer Belastung und Wohlbefinden als zwischen positiv konnotierten Beziehungen und Wohlbefinden (Negativittseffekt; Rook, 1992). Insbesondere kann die Gabe von Untersttzung direkt mit sozialen Belastungen assoziiert sein, z. B. inadquate Untersttzung (z. B. nicht gewnschte Untersttzung, Fehlen positiver Zuwendung), Kritik und Herabsetzung fr Bedrfnis nach Untersttzung, Zuviel an Untersttzung (z. B. berbehtung/Overprotection) (Lettner, 1994; Lettner, Slva & Baumann, 1996). Zusammenfassend ist festzuhalten, da die tiologiebezogene Untersttzungs- und Netzwerkforschung deutlich gemacht hat, da die soziale Umwelt an den Bedingungen psychischer oder somatischer Strungen nicht nur in Form von belastenden Einwirkungen auf das Individuum beteiligt ist, sondern auch als Ressource auf vielfltige Weise die Effekte derartiger Einwirkungen moderiert und abschirmt,
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was zur Entwicklung differenzierter tiologischer Modellvorstellungen gefhrt hat. Es wird deutlich, da das Individuum nicht als passiver Rezipient der (diesmal positiven) Umweltgter zu sehen ist, sondern durch seine aktive Gestaltung der Bewltigungsbemhungen und des Umgangs mit der Belastung zum Empfang von untersttzenden Interventionen aus der Umwelt beitragen kann. Auch diese Kompetenzen und Merkmale sind als zustzliche protektive Faktoren in der Auseinandersetzung mit Lebensbelastungen, chronischen Einwirkungen aus der Umwelt und kleineren Alltagsbelastungen zu sehen.
der Gewichtung sollte das individuelle Risiko, nach der Ansammlung solcher Ereignisse eine psychische oder somatische Strung zu entwikkeln, beurteilt werden. Die vielfache methodische Kritik an der SRRS (Gewichtung theoretisch nicht stimmig; Ereignisse zum Teil Folge einer Strung etc.) fhrte zur Entwicklung einer kaum mehr zu berblickenden Anzahl von Instrumenten, die sich zum Teil sehr stark auf diese Skala beziehen. Die Verfahren unterscheiden sich vor allem in folgenden Spezifikationen: (1) Methodische Aspekte: Fragebogen vs. Interview, Anzahl der erfaten Ereignisse, standardisierte Vorgabe vs. freie Wiedergabe, Zeitraum der Erfassung (Monate bis Jahre), Einschlukriterien (Zeitraum, Schwere, Art, etc. s. Pkt. 2). (2) Inhaltliche Aspekte der Ereignisse: Dauer, Art (Verlust, Gewinn; Bedrohung, Herausforderung usw.), Schwere des Ereignisses, Ausma der Vernderung, Kumulation von Ereignissen, Intensitt der Belastung, Betroffenheit, individuelle vs. kollektive, normative vs. akzidentelle, neue vs. wiederholte (Erfahrenheit mit dem Ereignis), erwnschte vs. unerwnschte, abhngige vs. unabhngige, distinkte vs. chronische Ereignisse, Kontrollierbarkeit, Konfundierung mit psychischer Strung. (3) Auswertungsaspekte: Anzahl der Ereignisse (Summenwerte), Anpassungswerte, Belastungswerte (Gesamt, fr Subbereiche); Lebensbereiche der Ereignisse (Arbeit; Familie etc.), Gewichtung (Schwere, Dauer, Ausma der Vernderung etc.), Intensittswerte (Verlust, Gewinn, Schaden etc.); positive vs. negative Vernderungswerte etc.
Tabelle 3
5. Erfassung von Belastungen, Belastungsreaktionen, Belastungsverarbeitung (Coping) und Sozialem Netzwerk, Sozialer Untersttzung
Bei der Interpretation der Befunde zum Stregeschehen ist es wichtig zu wissen, da die verschiedenen Konstrukte unterschiedlich operationalisiert werden knnen; ein Teil der Varianz beruht daher auf Methodenvarianz. Im folgenden werden Untersuchungsverfahren zur Erfassung von Stressoren, Strereaktion, Bewltigung und Sozialem Netzwerk/Sozialer Untersttzung angefhrt. In der Regel werden aus Platzgrnden nicht die Originalarbeiten, sondern berblicksarbeiten zitiert; auf die Erfassung von Persnlichkeitsfaktoren gem. Abschnitt 4.1 wird nicht eingegangen, da dies den Rahmen sprengen wrde (s. Amelang & Bartussek, 1997; Westhoff, 1993).
fhrt einige Verfahren an (fr weitere berblicke: vgl. Cohen, Kessler & Gordon, 1995; Westhoff, 1993). Als Beispiel fr zwei unterschiedliche, besonders hufig verwendete Verfahren seien genannt: Life-Events- and Difficulties Schedule (LEDS) von Brown (Cohen et al., 1995); Mnchner Ereignis-Liste (MEL) von Maier-Diewald, Wittchen, Hecht und Eilert (Westhoff, 1993). Die LEDS basiert auf einem halbstrukturierten Interview und ist auf die Exploration von Kontextbedingungen der im letzten Jahr aufgetretenen Lebensereignissen aus-
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A. Strungsbergreifender Teil IV: tiologie/Bedingungsanalyse Tabelle 3: Ausgewhlte Verfahren zur Belastungserfassung (Lebensereignisse, Alltagsbelastungen, chronische Belastungen) Verfahren/Autoren Social Readjustment Ratings Scale (SRRS) von Holmes und Rahe (Westhoff, 1993) Selbstbeurteilungsfragebogen Life-Events- and Difficulties-Schedule (LEDS) von Brown und Harris (Cohen et al., 1995) Halbstrukturiertes Interview Belastungsart kritische Lebensereignisse Zeitfenster variabel retrospektiv Itemzahl/Skalen 43/1 (Wiederanpassungswert)
Mnchner Ereignis Liste (MEL) von MaierDiewald, Wittchen, Hecht und Eilert (Westhoff, 1993) Selbstbeurteilungsfragebogen oder standardisiertes Interview Daily Hassles Scale von Kanner, Coyne, Schafer und Lazarus (Westhoff, 1993) Selbstbeurteilungsfragebogen oder standardisiertes Interview Daily Stress Inventor y DSI von Brantley und Jones (Kosarz, Hrabal & Traue, 1997) Selbstbeur teilungsfragebogen, Bilanztagebuch (Eintragung am Abend) COMES/COMRES von Perrez und Reicherts (1989, 1996) Ereignis-Tagebuch (computergesttzte Selbstaufzeichnung)
variabel retrospektiv
Alltagsbelastungen
1 Monat retrospektiv
Alltagsbelastungen
variabel retrospektiv
Alltagsbelastungen
Anmerkung: Alle Ver fahren besitzen Angaben zur Reliabilitt und Validitt.
gerichtet; diese werden nicht vorgegeben, sondern von den Probanden angegeben. Die MEL wird ebenfalls in Rahmen eines Interviews bearbeitet, kann den Probanden aber auch in Form eines Selbstbeurteilungsfragebogens vorgelegt werden. Sie besteht aus einer Liste von Ereignissen, die nach verschiedenen Zeitfenstern (meist 12 Monate) bearbeitet werden. Die Ereignisse werden nach Vorkommen, Intensitt der erlebten Belastung, Kontrollierbarkeit und Erwnschtheit eingeschtzt. Traumatische Ereignisse. Zu diesem Bereich liegen bisher keine systematisch entwickelten Verfahren vor; in Einzelfllen bedient man sich modifizierter Lebensereignis-Skalen. In den meisten bisherigen Studien wurden jedoch spezifische und vorher definierte Einzelereignisse untersucht (Kriegserfahrungen, Raubberflle,
etc.). In einigen Studien wurden Traumata auch aufgrund der Reaktion der Untersuchten eruiert (z.B. Haben Sie im letzten Jahr/in den letzten zwei Jahren ein Ereignis erlebt, das fr Sie so extrem belastend war, da Sie es fast nicht bewltigen konnten, oder das in Ihnen Gefhle der berforderung und extremer Hilflosigkeit ausgelst hat; vgl. Freedy & Dankervoet, 1995). Alltagsbelastungen. Verfahren zur Erfassung von Alltagsbelastungen knnen wie die Verfahren fr kritische Lebensereignisse bezglich methodischer-, inhaltlicher- und Auswertungsaspekte strukturiert werden (berblick s. Cohen et al., 1995; Westhoff, 1993; s. auch Tab. 3). Die bekanntesten Verfahren, die auch im deutschen Sprachraum Verwendung finden, sind die Daily Hassles Scale (auch Hassles and
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Uplifts Scale genannt) von Kanner, Coyne, Schaefer und Lazarus (Westhoff, 1993) und das Daily Stress Inventory (DSI) von Brantley und Jones (Cohen et al., 1995; deutsche bersetzung von Kosarz, Hrabal & Traue, 1997). Die Hassles Scale von Kanner et al. umfat 117 Items und enthlt potentiell unangenehme Alltagsereignisse (Bsp.: einen Gegenstand verlieren); in der Originalform werden die Items auf einer dreistufigen Skala beurteilt, wie sehr sie das Leben im Laufe des letzten Monats gestrt haben. Das DSI von Brantley und Jones besteht aus 60 Items (Bsp.: Man hat mich nicht beachtet), wobei anzugeben ist, ob das Ereignis in dem angegebenen Zeitraum (z. B. ein Tag, ein Monat) aufgetreten ist und wenn ja, wie stark das Ausma der Belastung erlebt wurde. Die statistischen Kennwerte der Skala werden als sehr gut bezeichnet. Im Gegensatz zur Hassles Scale besitzt das DSI weniger Items, die eine Konfundierung der Stressoren mit Streemotionen nahelegen. Neben den erwhnten Verfahren sind auch Instrumente zur Belastungsbewltigung, die vielfach einen Teil zur Erfassung von Alltagsbelastungen enthalten (Bsp. COMES/COMRES von Perrez & Reicherts, 1989, 1996), als Skala zur Erfassung von Alltagsbelastungen zu nennen (s. unten). Chronische Belastungen. Chronische Belastungen knnen ber Verfahren fr kritische Lebensereignisse oder fr Alltagsbelastungen erfat werden, wenn die Dauer der Belastungen miterhoben wird. Darber hinaus werden chronische Belastungen durch spezielle Instrumente bereichsspezifisch gemessen (z. B. Familie, Arbeit, Finanzen; Cohen et al., 1995). Meistens handelt es sich um Selbstbeurteilungsfragebgen, seltener um Interviews. In der Regel sind spezifische Arten von Belastungen, wie auch weitere inhaltliche Bewertungsdimensionen vorgegeben (z.B. Dauer der Belastung, Vernderbarkeit etc.).
beurteilungsfragebgen oder als Interview durchgefhrt werden. Inhaltlich knnen sie sich u. a. auf das Wohlbefinden (Slva, Baumann & Lettner, 1995), auf spezifische Belastungsemotionen (z.B. rger etc.), die Befindlichkeit (Collegium Internationale Psychiatriae Scalarum, 1996), bis hin zu klinischen Symptomen/Syndromen (z. B. Angst-, Depressionsskalen; Stieglitz & Baumann, 1994) oder Diagnosen (ICD-10; DSM-IV) erstrecken. Neben Instrumenten zur Erfassung der emotionalen Reaktionen sind auch Verfahren zur Erfassung von Belastungsreaktionen auf anderen Datenebenen von Bedeutung (z. B. ambulantes Monitoring physiologischer und psychophysiologischer Reaktionen; Fahrenberg & Myrtek, 1996). Fr weitere Details wird auf das Kapitel 7/Diagnostik und die jeweiligen Kapitel zur Klassifikation und Diagnostik von gestrten Funktionen, Funktionsmustern und interpersonellen Systemen verwiesen.
5.3 Belastungsverarbeitung
Verfahren zur Belastungsverarbeitung knnen nach verschiedenen Dimensionen beschrieben werden (berblick s. Rger, Blomert & Frster, 1990; Westhoff, 1993; Stieglitz & Baumann, 1994; Beispiele fr Verfahren s. Tab. 4). Einige wesentliche Dimensionen seien hier angefhrt: Erfassungsmodus: Papier/Bleistift (meiste Verfahren); computeruntersttzt (z. B. COMES/ COMRES von Perrez & Reicherts, 1989, 1996; Fahrenberg & Myrtek, 1996). Datenebene: Neben Verfahren der psychischen Datenebene werden auch Verfahren zur Erfassung psychophysiologischer und biologischer Daten eingesetzt (Fahrenberg & Myrtek, 1996; Cohen et al., 1995). Datenquelle: Vielfach Selbstbeurteilungsfragebgen; vereinzelt Interviews. Beurteilungszeitraum: Vergangenheit (besonders belastendes Ereignis der letzten 6 Monate), Gegenwart (aktuelle Situation), Zukunft (wie wrden Sie sich verhalten?).
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A. Strungsbergreifender Teil IV: tiologie/Bedingungsanalyse Tabelle 4: Ausgewhlte deutschsprachige Verfahren zur Erfassung der Belastungsbewltigung Verfahren/Autoren Zeitraum, Realitt, Verhaltensstichprobe Zukunft: 18 hypothetische Ereignisse Alltag Vergangenheit: 1 reales belastendes Ereignis Vergangenheit/ Gegenwar t: Durchschnitt der realen Ereignisse Vergangenheit: reale spezif. Krankheit Belastungsbereiche allgemein Itemzahl/Skalen
Fragebogen zur Erfassung des Umgangs mit Belastungen im Verlauf (UBV) von Reicherts und Perrez (1993) Selbstbeurteilungsfragebogen Ways of Coping Checklist (WCCL) von Folkman und Lazarus (Westhoff, 1993) Selbstbeurteilungsfragebogen Streverarbeitungsfragebogen (SVF)* von Jahnke, Erdmann und Kallus (Westhoff, 1993) Selbstbeurteilungsfragebogen Fragebogen zur Erfassung der Formen der Krankheits-Bewltigung (FEKB) von Klauer, Filipp und Ferring (Westhoff, 1993) Selbstbeurteilungsfragebogen
allgemein
64/2 (z. T. 58 Skalen; problem- und emotionszentrier tes Coping) 114/9 (z. B. Bagatellisierung, Resignation) (Kurzv. 6 Skalen)
allgemein
Krankheit Schmerz
64/5 (Rumination, Suche nach sozialer Einbindung, Bedrohungsabwehr, Suche nach Informationen, Suche nach Halt in Religion) 142/27 (z. B. Informationssuche, Gefhle ausleben)
Freiburger Fragebogen zur Krankheitsverarbeitung (FKV)** von Muthny (Westhoff, 1993) Selbstbeurteilungsfragebogen
Vergangenheit: reale spezif. Krankheit, Krankheitsereignis (z.B. Diagnosemitt.) od. Zeitraum Gegenwar t: reale Ereignisse pro Zeitinter vall
Krankheit
COMES/COMRES von Perrez und Reicherts (1989, 1996) Ereignis-Tagebuch/Belastung (computergesttzte Selbstaufzeichnung)
allgemein
Anmerkungen: Alle Ver fahren besitzen Angaben zur Reliabilitt und Validitt. * Der SVF liegt auch als situationsbezogene Version vor. ** Der FKV hat verschiedene Versionen (u.a. Kurzversion in Form von Fremdbeurteilung).
Realitt der Belastungssituation: Hypothetische Belastungssituation (z. B. Umgang mit Belastungen im Verlauf UBV von Reicherts & Perrez, 1993); Laborsituationen mit realen oder gefilmten Stressoren; konkret erlebte Belastung im Alltag (Vergangene Belastung: z.B. Ways of Coping Checklist WCCL von Folkman und Lazarus; Westhoff, 1993; Belastung der Gegenwart: z.B. COMES/COMRES); durchschnittliche Belastungssituation ohne Spezifizierung (z. B. Streverarbeitungsfragebogen SVF von Janke, Erdmann und Kallus; s. Westhoff, 1993). Gre der Verhaltensstichprobe: Ein konkretes oder hypothetisches Ereignis (z.B. WCCL); Durchschnitt ber Ereignismenge (z. B. SVF); Verhaltenspopulation (z.B. systematische Selbst-
beobachtung des Alltagsverhaltens mittels Computertagebuch COMES). Bereichsspezifitt: Allgemeine Belastungen (z. B. SVF); Belastung durch Krankheit oder Schmerz (z.B. Fragebogen zur Erfassung von Formen der Krankheitsbewltigung FEKB von Klauer, Filipp und Ferring; Fragebogen zur Krankheitsverarbeitung FKV von Muthny; Westhoff, 1993). Individuelles versus interindividuelles Coping: Die meisten Verfahren beinhalten individuelles Streerleben und -verhalten (z. B. SFV, WCCL, COMES). Zur dyadischen Belastung bzw. Verarbeitung bei Partnerbeziehungen hat Bodenmann (1995) sowohl ein Laborbeobachtungsverfahren als auch einen Fragebogen ent-
299
wickelt. Fr die Messung von Familienbelastung und -bewltigung hat sich die Forschung bis heute vor allem auf kritische Familienereignisse im Sinne von Makrostressoren konzentriert, wobei hufig nur die Eltern befragt wurden. Perrez, Berger und Wilhelm (1998) haben im Anschlu an das COMES/COMRES-Verfahren eine Methode zur computeruntersttzten Selbstbeobachtung von Streerleben und Streverarbeitung in Familien vorgelegt, bei dem alle Familienmitglieder (lter als 13 Jahre) mit Hilfe eines Palmtop-Computers sieben mal pro Tag nach einem Zeit- und Ereignisstichprobenplan Merkmale ihres eigenen und des fremden Verhaltens registrieren. Abgebildet wird das Belastungserleben wie auch der damit verbundene individuelle und interindividuelle Umgang. Altersbereich: Die meisten Verfahren sind fr Erwachsene entwickelt worden. Seiffge-Krenke (1989) hat fr Jugendliche im Alter von 12 bis 20 Jahren einen Coping-Fragebogen konstruiert, der auf einer Matrix aus 8 jugendtypischen hypothetischen Problemsituationen und 20 Copingstrategien beruht. Erfate Merkmale: Je nach Verfahren werden Stressoren (Art, Dauer, Intensitt usw.), Appraisal-Merkmale (Kontrollierbarkeit, Kausalattribution usw.), Merkmale der Streemotionen (Emotionsarten, Intensitt, Dauer usw.) und die Bewltigungsmerkmale (Reaktionstypen) erfat. Meist findet man bei den Bewltigungsformen mehrere Skalen (s. Tab. 4). Die Vielzahl an Freiheitsgraden macht ersichtlich, da der Forschungsstand auch durch die Methodenevarianz beeinflut ist (vgl. Reicherts, 1988). Bisher standen Selbstbeurteilungsfragebogen- und Interviews im Vordergrund, die letztlich Bewltigung nur kursorisch erfassen knnen. In neuerer Zeit sind computeruntersttzte Anstze entwickelt worden, die przieser und differenzierter den dynamischen Verlauf von Bewltigung erfassen. Es ist zu erwarten, da durch derartige Anstze auch wertvolle Impulse zur Theorienbildung gegeben werden.
300
ber eine Kombination derselben abgebildet werden; entsprechend werden jeweils sehr unterschiedliche Teilbereiche des individuellen Beziehungssystems erfat. Neuerdings wurden auch Verfahren zur schwerpunktmigen Registrierung belastender Beziehungen entwickelt (Lettner, 1994; Lettner, Slva & Baumann,
1996). Einen berblick ber die wichtigsten Verfahren findet sich in Laireiter (1993b) und Baumann und Laireiter (1995). In Tabelle 5 sind die wichtigsten deutschsprachigen Verfahren zusammenfassend dargestellt. Im deutschsprachigen Raum am hufigsten benutzt und am intensivsten evaluiert ist das
Tabelle 5: Ausgewhlte deutschsprachige Verfahren zur Erfassung Sozialer Netzwerke und Sozialer Untersttzung Verfahren/Autoren Konstrukte Itemzahl/Skalen
Inter view zum Sozialen Netzwerk und zur Sozialen Untersttzung (SONET) von Baumann et al. (Westhoff, 1993) Standardisiertes Interview Mannheimer Interview zur Sozialen Untersttzung (MISU) von Veiel (Westhoff, 1993) Standardisiertes Interview Social Support Questionnaire (SSQ) 6-ItemKurzversion von Sarason, Sarason, Shearin und Pierce (Westhoff, 1993) Selbstbeurteilungsfragebogen Beziehungs-Inter valltagebuch SONET-T von Laireiter, Baumann, Reisenzein und Untner (1998) Bilanztagebuch/Interaktion Computerisiertes Interaktionstagebuch SONET-CT von Baumann, Thiele, Laireiter und Krebs (1996). Ereignis-Tagebuch/Interaktion (computergesttzte Selbstaufzeichnung Fragebogen zur Sozialen Untersttzung (F-SOZU) von Sommer und Fydrich (Kurzversion SOZU-K-22) (Westhoff, 1993) Selbstbeurteilungsfragebogen Interpersonal Support Evaluation List (ISEL) von Cohen und Hoberman (Laireiter, 1996; Westhoff, 1993) Selbstbeurteilungsfragebogen Social Support Appraisal Scale (SS-A) von Vaux (Laireiter, 1996; Westhoff, 1993) Selbstbeurteilungsfragebogen Inventory of Socially Supportive Behaviors (ISSB) von Barrera (Laireiter, 1996; Westhoff, 1993) Selbstbeurteilungsfragebogen
56/
Untersttzungsnetzwerk
38/
Interaktives Netzwerk
8/1
Interaktives Netzwerk
43/
Wahrgenommene Untersttzung
Wahrgenommene Untersttzung
Wahrgenommene Untersttzung
Erhaltene Untersttzung
40/1
301
von Baumann und seinen MitarbeiterInnen entwickelte Interview zum Sozialen Netzwerk und zur Sozialen Untersttzung (SONET) (Laireiter, Baumann, Feichtinger, Reisenzein & Untner, 1997; Westhoff, 1993). Das Verfahren geht von einem Ansatz kombinierter Kriterien (Rollen-, Interaktions- und affektive Kriterien kombiniert) aus; es hat sich formal und inhaltlich in verschiedensten Studien bewhrt (berblick bei Laireiter et al., 1997). Bei der Sozialen Untersttzung ergibt sich die Differenzierung der Verfahren vor allem aus den Konstruktkomponenten (s. oben). Entsprechend ist zu unterscheiden zwischen Verfahren, die Untersttzungsressourcen (Untersttzungsnetzwerke), wahrgenommene und erhaltene Untersttzung erfassen. (1) Die den ressourcenanalytischen Verfahren zugrundeliegenden Kriterien fhren in den meisten Fllen zur Nennung derjenigen Personen, die im Alltag oder bei kleineren Problemen Untersttzung geben wrden (Zeitbezug: Zukunft), in einigen Fllen wird auch aktuell verabreichte Untersttzung erfragt (Zeitbezug: Gegenwart). Einige wenige Verfahren registrieren auch diejenigen Personen, die bei greren Belastungen und Krisen Untersttzung geben wrden (zuknftiger Zeitbezug). Die im deutschen Sprachraum bekanntesten Instrumente sind das Mannheimer Interview zur Sozialen Untersttzung, MISU von Veiel (Westhoff, 1993) sowie die deutschsprachige bersetzung der 6-Item-Kurzform des Social Support Questionnaire SSQ von Sarason, Sarason, Shearin und Pierce (Westhoff, 1993). Beide Instrumente besitzen ausreichend gute psychometrische Qualitt, ebenso ist ihre Validitt belegt. Verschiedene Instrumente erfassen auch ein belastungsbezogenes Untersttzungsnetzwerk. Allerdings sind diese Instrumente kaum elaboriert und meist Bestandteil eines komplexeren Verfahrens, in dem neben diesen u.a. auch die Art der erlebten Belastungen, die Belastungsbewltigung und die erhaltene Soziale Untersttzung untersucht werden. (2) Aufgrund seiner leichten Operationalisierbarkeit und seiner Konzeption als Persnlichkeitsvariable findet man fr das Konstrukt der wahrgenommenen Untersttzung vergleichsweise
viele Instrumente. Sie sind fast ausschlielich als Selbstbeurteilungsfragebogen konzipiert und beziehen sich in der Regel auf Alltagsbelastungen bzw. nichtbelastungsbezogene Untersttzungswnsche. Die meisten dieser Verfahren orientieren sich an zwei Dimensionen: Quelle und Inhalt der Untersttzung. Es gibt allerdings kein Verfahren, bei welchem beide Aspekte systematisch bercksichtigt werden. Die im deutschen Sprachraum bekanntesten Instrumente sind der Fragebogen zur Sozialen Untersttzung (F-SOZU) von Sommer und Fydrich (Westhoff, 1993) in einer Lang- und einer Kurzform sowie die aus dem Amerikanischen bersetzten Bgen Interpersonal Support Evaluation List ISEL von Cohen und Hoberman und die Social Support-Appraisal Scale SS-A von Vaux (beide: deutsche bersetzung durch Laireiter, 1996; Westhoff, 1993). Psychometrisch konnten vor allem fr den F-SOZU und die SSA-Skala hohe Reliabilittswerte erbracht werden, auch die Validitt kann als gut gesichert angesehen werden. Wahrgenommene Belastungsund Krisenuntersttzung wurde bisher nur sehr selten operationalisiert. (3) Die erhaltene Untersttzung wird teilweise allgemein (ohne Belastungsbezug), teilweise bezglich Belastungen erfat. Dabei werden Tagebuchverfahren oder Interviews und Fragebgen verwendet. Bei den allgemeinen Verfahren ist der auch im deutschen Sprachraum wiederholt verwendete Selbstbeurteilungsfragebogen Inventory of Socially Supportive Behaviors ISSB von Barrera am bekanntesten (deutsche Fassung: Laireiter, 1996; Westhoff, 1993). Dieses Inventar mit in 40 Items das Ausma der im letzten Monat erhaltenen Untersttzungen fr Alltagsbedrfnisse (z. B. Blumengieen, auf die Wohnung schauen, Einkufe erledigen). Von den verschiedenen Tagebuchverfahren, die die erhaltene Untersttzung im Rahmen von Interaktionen messen, sind vor allem das Beziehungstagebuch SONET-T von Laireiter, Reisenzein, Baumann und Untner (1997) sowie das computerisierte Interaktionstagebuch SONET-CT von Baumann, Thiele, Laireiter und Krebs (1996; Weiterentwicklung SONET-CT-96) zu nennen. Wichtig sind Anstze, die die erhaltene Untersttzung belastungsbezogen erfassen. Dies erfolgt sowohl bei Alltagsbelastungen wie auch
302
bei kritischen Lebensereignissen. Zur Erfassung alltagsbezogener Belastungsuntersttzung werden in der Regel Tagebcher (vgl. Laireiter & Thiele, 1995), bei kritischen Lebensereignissen vor allem Interviews, aber auch Selbstbeurteilungsfragebogen eingesetzt. Ein bewhrtes Tagebuch fr Alltagsbelastungen ist das von Perrez und Reicherts (1989, 1996) entwickelte computerisierte Bewltigungstagebuch COMES/ COMRES (Erweiterung mit Sozialer Untersttzung durch Perkonigg, Baumann, Reicherts & Perrez, 1993). Das bekannteste Verfahren zur Erfassung krisenbezogener Untersttzung ist das Support-Interview von Brown (vgl. Brown, 1992), mit dessen Hilfe die von der Umwelt erhaltenen Untersttzungen zur Bewltigung schwerer Lebensbelastungen und chronischer Schwierigkeiten (LEDS; s. oben) exploriert und anhand eines differenzierten Kodierungsschemas beurteilt werden.
Diese psychophysiologischen Zusammenhnge stellen ein eigenes weites Forschungsfeld dar, das hier nicht beschrieben werden konnte. Die zahlreich vorliegenden Einzelbefunde erlauben keine einfachen Antworten auf die meisten der gestellten Forschungsfragen. Einige Entwicklungstrends zeichnen sich wie gezeigt wurde aber ab, so da die Konzepte Stre und Coping wesentliche Kategorien fr die tiologie bzw. Bedingungsanalyse von Strungen darstellen. Bedeutsam sind diese Anstze auch fr die Intervention, was in diesem Kapitel aber nicht dargelegt werden konnte (s. die Interventionskapitel in diesem Lehrbuch).
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6. Bilanz
Stressoren und Strebewltigung stehen in enger Beziehung zu psychischen und somatischen Strungen. Dieser Bezug betrifft mindestens vier Ebenen (Heim & Perrez, 1994): (1) Belastungen knnen (Mit)-Ursachen oder (Mit)-Auslser von Strungen sein. (2) Die noxische Wirkung von Belastungsbedingungen ist abhngig von Persnlichkeitsmerkmalen, von der Art und Weise, wie Personen mit Belastungen umgehen und von Merkmalen der sozialen Umwelt (Soziales Netzwerk, Soziale Untersttzung). (3) Einzelne psychische Strungen lassen sich u. a. auch als charakteristische Modalitten im Umgang mit Belastungen verstehen; z. B. beinhalten depressive Strungen ein typisches Muster von Appraisal-Merkmalen und Copingtendenzen. (4) Psychische Strungen und somatische Krankheiten stellen normalerweise mehr oder weniger gravierende Belastungen dar, von deren Bewltigung die Lebensqualitt und mitunter auch der Krankheitsverlauf mitbeeinflut wird.
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