Besser leben mit Platon (Hintergrund, Wissenschaft, NZZ Online)
20/05/12 3:39 PM
20. Mai 2012, NZZ am Sonntag
Besser leben mit Platon
Jeder mchte glcklich sein aber wie geht das?
Platon-Statue im Stadtzentrum von Athen. (Bild: Imago)
Jeder mchte glcklich sein aber wie geht das? Fr den antiken Philosophen Platon liegt die Antwort auf der Hand: Allein die Philosophie hilft! Denn das Streben nach Wahrheit und Weisheit lsst uns erkennen, was wirklich gut fr uns ist. Wir mssen uns nur darauf einlassen.
Von Nina Streeck
Philosophie macht glcklich. Wer ein gutes Leben zu fhren wnscht, tut mithin gut daran zu philosophieren. Davon ist Platon berzeugt. Er ldt seine Mitmenschen ein, es ihm gleichzutun, und viel bedarf es dafr nicht. Sich zu fragen, wie man leben soll, gengt, um sich mit Platon auf die Philosophie einzulassen. Auch wenn er ber den Aufbau des Kosmos spekuliert oder ber mathematische Zusammenhnge nachdenkt, schwingt im Hintergrund die Frage nach dem glcklichen Leben mit.
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Besser leben mit Platon (Hintergrund, Wissenschaft, NZZ Online)
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Dass Platon sein philosophisches Wirken so versteht, verdankt er seinem Lehrer Sokrates. Er lernt ihn als junger Mann auf den Strassen Athens kennen. Sokrates ist stadtbekannt. Er zieht durch Athen und verwickelt seine Mitbrger in Gesprche, umgeben von einer Gruppe junger Mnner, der sich Platon als etwa 20-Jhriger anschliesst. Ihn beeindruckt, wie es seinem Lehrer gelingt, die scheinbar gesicherten berzeugungen seiner Gesprchspartner als Scheinwissen zu entlarven. Glcklich leben kann nur, wer weiss, was gut fr ihn ist, sagt Sokrates. Damit die eigene Seele keinen Schaden nimmt, muss der Mensch sich auf die Suche nach Wahrheit und Weisheit machen, also philosophieren. Einem seiner Gesprchspartner wirft Sokrates vor: Schmst du dich nicht, dass du dich zwar darum bemhst, wie du zu mglichst viel Geld, zu Ansehen und Ehre kommst, du dich aber nicht um die Vernunft und die Wahrheit sorgst noch darum kmmerst, dass deine Seele mglichst gut werde? Philosophie bedeutet fr Sokrates: Sorge um die Seele tragen. Frmmigkeit was ist das eigentlich?, fragt Sokrates etwa den Priester Euthyphron. Als Mann Gottes sollte dieser Auskunft geben knnen, wie ein gottgeflliges Leben aussieht. Doch der bringt keine befriedigende Antwort hervor, wie hartnckig sein Gesprchspartner auch nachhaken mag. Sokrates provoziert, aber nicht um der Provokation willen. Mit seinen Fragen mchte er die Athener einladen, die eigene Unwissenheit wahrzunehmen und sich auf den Weg zu wahrer Erkenntnis zu machen. Sein Wirken vergleicht er mit dem seiner Mutter, die Hebamme ist: Er verhilft den Menschen dazu, ihre eigenen Gedanken zu gebren. Lieber Philosophie als Politik Obwohl Platon das Schaffen seines Lehrers bewundert, schwebt ihm zunchst eine politische Laufbahn vor. Er stammt aus der Oberschicht, und viele seiner Verwandten sind Politiker. Bei seiner Geburt 428 oder 427 v. Chr. tobt der Peloponnesische Krieg (431404 v. Chr.). Nachdem die Spartaner den Sieg ber Athen errungen haben, setzen sie ein Regime von 30 Mnnern ein, die eine grausame Tyrannei errichten. Platons Onkel Kritias, der Kopf der dreissig, wnscht, sein Neffe mge ihn in der Politik untersttzen. Doch als dieser mitbekommt, wie die Herrscher mit seinem geliebten Lehrer umgehen, wendet er sich angewidert ab. Sokrates soll den unschuldigen Leon von Salamis nach Athen schaffen, wo man diesen tten will. Er weigert sich und kommt nur mit dem Leben davon, weil sich die politischen Verhltnisse derweil gendert haben. Die Demokraten haben die Macht bernommen. Doch auch das neue Regime enttuscht Platon. Im Jahr 399 wird Sokrates zum Tode verurteilt. Er habe fremde Gtter eingefhrt und die Jugend verdorben, heisst es. Platon will mit Politik nun nichts mehr zu tun haben. Die Folge davon war, dass ich, der ich frher so voll Eifer fr die Staatsgeschfte war, beim Hinblick auf diese Zustnde und beim Anblick eines gnzlichen Drunterund-drber-Gehens der Dinge endlich gleichsam eine Art Schwindel bekam, schreibt er in seinem Lebensrckblick, dem Siebten Brief, dessen Echtheit allerdings umstritten ist. Politiker sind offenbar nicht daran interessiert, was fr die Polis gut ist, sondern lassen sich allein von ihren Machtgelsten leiten.
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Glcklich, wer tugendhaft lebt Entschlossen, das Wirken seines Lehrers weiterzufhren, beginnt Platon, schriftlich niederzulegen, worber Sokrates auf den Mrkten und Pltzen debattiert hat. Er schreibt Dialoge, in denen sein Vorbild als Protagonist auftritt. Indem er Zwiegesprche formuliert, bleibt er dem Anliegen Sokrates' treu. Der Leser wird einbezogen und zum Mitdenken aufgefordert. Weil Sokrates selbst nichts Schriftliches hinterlassen hat, lassen sich sokratisches und platonisches Gedankengut nur schwer unterscheiden; im Allgemeinen geht man davon aus, dass Platon in den frhen Dialogen Sokrates zu Wort kommen lsst, whrend er in den mittleren und spten Dialogen sein eigenes Denken entwickelt. Den Anstoss geben ihm die Gesprche, die er an der Seite seines Lehrers belauscht hat, etwa die Diskussion um das gottgefllige Leben, die Platon im Euthyphron festhlt. Wenn Sokrates wissen mchte, was es mit der Tugend der Frmmigkeit auf sich hat, verbirgt sich darin die Frage nach dem guten Leben. Denn glcklich ist, meint Sokrates, wer tugendhaft lebt. Was das bedeutet, lsst sich herausfinden, indem einer vernnftigen berprfung unterworfen wird, was gemeinhin als tugendhaft gilt. Euthyphron ist sich sicher: Es ist im Sinne der Gtter, dass er seinen Vater des Mordes an einem Tagelhner anklagen will. Auf dem Weg zum Gericht begegnet ihm Sokrates, der seinerseits unterwegs ist, um sich gegen den Vorwurf zu verteidigen, er habe neue Gtter eingefhrt. Euthyphron bleibt Sokrates die Antwort schuldig, was Frmmigkeit sei. Lange begreift er die Frage nicht einmal: Sokrates sucht nach der Definition oder, wie er es nennt, der Idee von Frmmigkeit. Damit taucht zum ersten Mal in einem Dialog Platons jener Begriff auf, der sein gesamtes Denken durchzieht: die Idee. Ein Wort, das zu Missverstndnissen einldt. Heute assoziieren wir damit einen Einfall oder eine Phantasie. Platon sucht aber nach einem Kriterium, das ihm ermglicht zu unterscheiden, ob etwas fromm genannt werden darf. Er spricht auch von einem Paradigma oder Urbild, anhand dessen sich Handlungen beurteilen lassen. Platons Anliegen wirkt naheliegend, doch wer sich auf sein Vorgehen einlsst, handelt sich verborgene Voraussetzungen ein. Was Frmmigkeit bedeutet, kann demnach nicht wechselnden Moden unterworfen sein; Werte sind vielmehr objektiv gegeben. In ihrem Gesprch gelingt es Sokrates und Euthyphron nicht, zu einer zufriedenstellenden Bestimmung von Frmmigkeit zu finden. Der Priester bricht das Gesprch schliesslich verrgert ab. Raus aus der Hhle Doch fr Platon ist der Ausgangspunkt fr weitere berlegungen gewonnen. Whrend er sich zunchst an Sokrates' Bestreben orientierte, Definitionen fr Tugendbegriffe zu suchen, geht er nun weiter: Woher wissen wir eigentlich, warum wir jemanden als fromm bezeichnen knnen? Aus der Erfahrung haben wir den Begriff offenbar nicht gewonnen, denn einen perfekt frommen Menschen gibt es nicht. Wenn wir dennoch jemandes Frmmigkeit beurteilen, bentigen wir aber einen vollkommenen Begriff. Platon folgert daraus, dass wir in unserer Seele Urbilder tragen, die wir uns nicht aktiv angeeignet haben. Vielmehr hat die Seele die Urbilder oder Ideen vor der Geburt kennengelernt. Sind wir in unserem Leben etwa mit ungerechtem Verhalten konfrontiert, so
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erinnern wir uns an das Urbild der Gerechtigkeit. Platon nennt dieses Geschehen Anamnesis, Wiedererinnerung. Mit seinen Fragen nach den verschiedenen Tugenden will Sokrates in Erfahrung bringen, was gut fr uns ist. Was aber ist das Gute selbst? Das zu verstehen und zu erstreben, ist unumgnglich, will man ein gutes Leben fhren. Platon wendet sich dem Problem im Dialog Der Staat zu. Seine Enttuschung ber die Politik wird noch einmal greifbar. Eine gute Herrschaft kann nur ausben, wer um das Gute weiss. Machtbewusste Politiker sind dazu nicht in der Lage, weshalb Philosophen die Polis regieren sollten. Doch was das Gute ist, lsst Platon unbeantwortet und erzhlt stattdessen drei Gleichnisse, von denen das Hhlengleichnis das bekannteste ist. In einer Hhle hocken gefesselte Menschen, den Blick auf die Wand gerichtet. Am Eingang hinter ihrem Rcken brennt ein Feuer. Auf der Wand zeichnen sich Schatten von Gegenstnden ab, die hinter den Gefesselten hin und her getragen werden. Weil die Menschen nichts anderes kennen, halten sie die Schatten fr die Wirklichkeit. Wrde nun einer der Gefangenen ans Tageslicht gefhrt, wre er geblendet und verwirrt. Nur unwillig she er ein, dass er zuvor in einer Schattenwelt hauste. Zurck in die Hhle zge es ihn nach dieser Erkenntnis nur noch, um seine Mitgefangenen ber ihren Irrtum aufzuklren woran diese jedoch kein Interesse htten. Im Bild der Hhle wird einer der Kerngedanken Platons sichtbar. Wir haben es mit zwei Welten zu tun: mit der unsrigen, in der uns nur Abbilder begegnen, und mit der wahren Wirklichkeit, der Welt der Ideen, nach der zu streben sich lohnt. Nichts anderes tut der philosophierende Mensch. Doch Platon ist pessimistisch, bei den Hhlenbewohnern auf Gehr zu stossen: Sie wollen in ihrer Scheinwelt verbleiben und den Rckkehrer zuletzt tten wie einst Sokrates.
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