Ingeborg Bachmann
Psalm
1 Schweig mit mir, wie alle Glocken schweigen! In der Nachgeburt der Schrecken sucht das Geschmei nach neuer Nahrung. Zur Ansicht hngt karfreitags eine Hand am Firmament, zwei Finger fehlen ihr, sie kann nicht schwren, da alles, alles nicht gewesen sei und nichts sein wird. Sie taucht ins Wolkenrot, entrckt die neuen Mrder und geht frei. Nachts auf dieser Erde in Fenster greifen, die Linnen zurckschlagen, da der Kranken Heimlichkeit bloliegt, ein Geschwr voll Nahrung, unendliche Schmerzen fr jeden Geschmack. Die Metzger halten, behandschuht, den Atem der Entblten an, der Mond in der Tr fllt zu Boden, la die Scherben liegen, den Henkel Alles war gerichtet fr die letzte lung. (Das Sakrament kann nicht vollzogen werden.) 2 Wie eitel alles ist. Wlze eine Stadt heran, erhebe dich aus dem Staub dieser Stadt, bernimm ein Amt und verstelle dich, um der Blostellung zu entgehen. Lse die Versprechen ein vor einem blinden Spiegel in der Luft, vor einer verschlossenen Tr im Wind. Unbegangen sind die Wege auf der Steilwand des Himmels. 3
O Augen, an dem Sonnenspeicher Erde verbrannt, mit der Regenlast aller Augen beladen, und jetzt versponnen, verwebt von den tragischen Spinnen der Gegenwart 4 In die Mulde meiner Stummheit leg ein Wort und zieh Wlder gro zu beiden Seiten, da mein Mund ganz im Schatten liegt.1
An die Sonne
Schner als der beachtliche Mond und sein geadeltes Licht, Schner als die Sterne, die berhmten Orden der Nacht, Viel schner als der feurige Auftritt eines Kometen Und zu weit Schnrem berufen als jedes andre Gestirn, Weil dein und mein Leben jeden Tag an ihr hngt, ist die Sonne. Schne Sonne, die aufgeht, ihr Werk nicht vergessen hat Und beendet, am schnsten im Sommer, wenn ein Tag An den Ksten verdampft und ohne Kraft gespiegelt die Segel ber dein Aug ziehn, bis du mde wirst und das letzte verkrzt. Ohne die Sonne nimmt auch die Kunst wieder den Schleier, Du erscheinst mir nicht mehr, und die See und der Sand, Von Schatten gepeitscht, fliehen unter mein Lid. Schnes Licht, das uns warm hlt, bewahrt und wunderbar sorgt, Da ich wieder sehe und da ich dich wiedeseh! Nicht Schnres unter der Sonne als unter der Sonne zu sein Nicht Schnres als den Stab im Wasser zu sehn und den Vogel oben, Der seinen Flug berlegt, und unten die Fische im Schwarm, Gefrbt, geformt, in die Welt gekommen mit einer Sendung von Licht, Und den Umkreis zu sehn, das Geviert eines Felds, das Tausendeck meines Lands Und das Kleid, das du angetan hast. Und dein Kleid, glockig und blau! Schnes Blau, in dem die Pfauen spazieren und sich verneigen, Blau der Fernen, der Zonen des Glcks mit den Wettern fr mein Gefhl, Blauer Zufall am Horizont! Und meine begeisterten Augen Weiten sich wieder und blinken und brennen sich wund.
Ingeborg Bachmann, Smtliche Gedichte, Mnchen, Piper, 2009, S. 64-65.
Schne Sonne, der vom Staub noch die grte Bewundrung gebhrt, Drum werde ich nicht wegen dem Mond und den Sternen und nicht, Weil die Nacht mit Kometen prahlt und in mir einen Narren sucht, Sondern deinetwegen und bald endlos und wie um nichts sonst Klage fhren ber den unabwendbaren Verlust meiner Augen.2
Ihr Worte
Fr Nelly Sachs, die Freundin, die Dichterin, in Verehrung
Ihr Worte, auf, mir nach!, und sind wir auch schon weiter, zu weit gegangen, gehts noch einmal weiter, zu keinem Ende gehts. Es hellt nicht auf. Das Wort wird doch nur andre Worte nach sich ziehn, Satz den Satz. So mchte Welt, endgltig, sich aufdrngen, schon gesagt sein. Sagt sie nicht. Worte, mir nach, da nicht endgltig wird nicht diese Wortbegier und Spruch auf Widerspruch! Lat eine Weile jetzt keins der Gefhle sprechen, den Muskel Herz sich anders ben. Lat, sag ich, lat. Ins hchste Ohr nicht, nichts, sag ich, geflstert, zum Tod fall dir nichts ein, la, und mir nach, nicht mild noch bitterlich, nicht trostreich, ohne Trost bezeichnend nicht, so auch nicht zeichenlos
Ebd., S. 146-147.
Und nur nicht dies: das Bild im Staubgespinst, leeres Geroll Von Silben, Sterbenswrter. Kein Sterbenswort, Ihr Worte!3
Ebd., S. 172-173.