Queere Initiativen in Darmstadt – ein Überblick zum Pride Month
Der Juni steht als “Pride Month” für eine bunte, tolerante Gesellschaft und auch als Protest gegen Ungerechtigkeiten und Ausgrenzung. Für unsere aktuelle Ausstellung “Stück für Stück – Perspektiven auf Darmstadts Stadtgeschichte” haben wir die Geschichte queerer Initiativen in den Blick genommen. Dabei sind wir jedoch tiefer abgetaucht, als es die Darstellung in der Präsentation im Haus der Geschichte ermöglicht. Aus diesem Grund findet ihr hier eine Zusammenstellung unserer Rechercheergebnisse, die nur in Teilen für die Ausstellung genutzt werden konnten.
2010 gründete sich der Verein vielbunt e.V. mit dem erklärten Ziel, die Sichtbarkeit von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgender zu erhöhen. Die aktive Vereinstätigkeit erreichte 2016 einen Meilenstein in der Übernahme der Trägerschaft für Räume der Oettinger Villa als „Queeres Zentrum“ und der damit einhergehenden Einrichtung einer erklärten Anlaufstelle für queere Jugendliche. Auch die Jugendgruppe „Farbenfroh“, deren regelmäßige Treffen von rund 30 Teilnehmenden besucht wurden, fand dort ein stabiles, neues Zuhause.

Aus der aktiven Jugendarbeit im Verein stammen auch die in der Ausstellung “Stück für Stück – Perspektiven auf Darmstadts Stadtgeschichte” präsentierten Sticker. Sie wirken identitätsstiftend und kommunizieren die Anliegen der Jugendlichen als politisches Statement niedrigschwellig im öffentlichen Raum. Mit prägnanten Slogans und Symbolik machen sie queere Lebensrealitäten sichtbar, schaffen Wiedererkennung und signalisieren Zugehörigkeit. So vermitteln sie ein Gefühl von Gemeinschaft, regen Gespräche an und tragen dazu bei, Vorurteile abzubauen.
Die Geschichte von vielbunt e.V. kann inzwischen im Stadtarchiv gut nachvollzogen werden. 2023 erklärte sich der Verein bereit, seine Unterlagen aus 13 Jahren Arbeit für mehr Sichtbarkeit und Toleranz gegenüber queeren Menschen dem Stadtarchiv zur Aufbewahrung zu überlassen.1 Doch Dokumente, insbesondere zur Perspektive der Betroffenen, zu den Anfängen der Emanzipationsbewegung von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Trans* in Darmstadt sind in den Archivbeständen weiterhin rar gesät. Insbesondere die Perspektive der Betroffenen selbst fehlt zum größten Teil und lässt sich nicht mit anderen Dokumenten rekonstruieren.
Dabei kann Darmstadt auf eine queere Szene zurückblicken, die sich auch vor der Vereinsgründung von vielbunt für mehr Sichtbarkeit, Anerkennung gegenseitige Unterstützung engagierte. So zog beispielsweise am 27. Juni 1981 eine Demonstration mit ca. 250 Teilnehmenden zum „Schwulen-Befreiungstag“ vom Luisenplatz aus durch die Innenstadt. Organisiert durch eine Kooperation der „Schwulenaktion Süd-West“ mit der „Darmstädter Schwulengruppe“ fand so die erste, heute als Christopher Street Day bekannte, Aktion in Darmstadt statt, um auf die andauernde Unterdrückung von Homosexuellen in Deutschland aufmerksam zu machen. Der Fest-, Gedenk- und Demonstrationstag erinnert an eine Razzia in der Bar „Stonewall Inn“ in der New Yorker Christopher Street im Stadtteil Greenwich Village 1969. Darauffolgenden spontanen Demonstrationen, die sich generell gegen Polizeiwillkür in Kneipen mit queerem Publikum richteten, begegnete die New Yorker Polizei mit Gewalt.2
Die weiter bestehenden Vorurteile und sich daraus ergebende Notwendigkeit, als Gruppe sichtbar zu sein und auf Benachteiligungen hinzuweisen, zeigte sich auch in Gesprächen am Rande der Veranstaltung 1981 in Darmstadt. Obwohl laut Zeitungsberichten unter den Passant*innen Verständnis gegenüber den Anliegen der Demonstrierenden herrschte, kam es auch zu Beschimpfungen und diskriminierenden Äußerungen gegenüber den Teilnehmenden. Doch nicht nur nach außen, sondern auch nach innen wuchs in Darmstadt die Emanzipation der queeren Szene.
Eine Reaktion auf die anhaltende Ausgrenzung war die eigene Organisation von Begegnungsräumen und Gruppen als soziale Treffpunkte und Anlaufstellen. Bis 1990 entwickelten sich so verschiedene Angebote vor allem für Schwule und Lesben: u.a. die Schwulengruppe „Warmstadt“, die Schwulen- und Lesbengruppe „Pink and Purple“ der Darmstädter Hochschulen und der „Offene Lesbentreff“. Diese drei Gruppen formulierten als „Plenum der Darmstädter Schulen- und Lesbengruppen“ die Forderung nach einem gemeinsamen Zentrum als Treffpunkt für kulturelle Veranstaltungen. Nachdem dieser Aufruf erfolglos blieb, wurde in Eigeninitiative mit einer großzügigen Spende einer Privatperson das schwul-lesbische Zentrum „Louisetta“ ins Leben gerufen. 2000 musste es allerdings aufgrund fehlender finanzieller Mittel des Trägervereins SchwuF e.V. bereits wieder seine Türen schließen – jedoch nicht ohne angemessene Abschiedsgala.
Während sich diese Angebote vor allem an Erwachsene richtete, wurde 1996 auch der erste offizielle Treff für schwule Jugendliche eingerichtet. Die Gruppe „Pink Thunder“ (später „Verliebte Jungs“) sollte Gleichaltrige zusammenführen, um über gemeinsame Probleme zu sprechen und Menschen mit ähnlichen Erfahrungen kennen lernen zu können. In den regelmäßigen Treffen und gemeinsamen Aktivitäten fanden zentrale Erfahrungen von Jugendlichen wie das Coming-Out, erste Beziehungen, Mobbing und Ablehnung durch Eltern und Freundeskreis, Selbstakzeptanz und bei Bedarf auch die Vermittlung von psychologischer Beratung Raum. Auch 1998 traf sich die Runde, die von zwei Jugendlichen initiiert worden war, noch wöchentlich in den Räumen der Aids-Hilfe Darmstadt.
Die Jugendarbeit von vielbunt e.V. knüpfte inhaltlich an diese frühen Ansätze an und griff die bereits Ende der 1990er Jahre benannten Themen der Jugendlichen in Darmstadt kontinuierlich auf. Mit der, auch durch die Wissenschaftsstadt Darmstadt und das Land Hessen geförderten, Verankerung in der Oettinger Villa entstand ab 2017 eine zentrale und langfristige Anlaufstelle. Sie bietet bis heute Raum für Austausch, Aufklärung und Unterstützung und trägt dazu bei, queere Jugendliche in ihren jeweiligen Lebenssituationen zu begleiten sowie Toleranz nachhaltig zu fördern.3
Die Ausstellung “Stück für Stück – Perspektiven auf Darmstadts Stadtgeschichte” ist bis 25. September 2026 im Haus der Geschichte zu sehen. Online sind begleitend erarbeitete Ergebnisse von Studierenden der Technischen Universität Darmstadt zu finden, die eine weitere Perspektive auf die präsentierten Objekte ermöglichen: https://darmstadt.de/perspektiven-studierende.
- Your History Matters: Übernahme der Vereinsüberlieferung von vielbunt e.V., Rebekka Friedrich, 2023, https://doi.org/10.58079/ngfq, sowie StadtA DA Best. 44/78 vielbunt e.V. ↩︎
- Stonewall – Die Geschichte des Christopher Street Day, Theresa Rodewald, 2025: https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/content/blog/kulturerbe-erzaehlt-stonewall-die-geschichte-des-christopher-street-day/ ↩︎
- Die hier dargestellte Geschichte der queeren Bewegung kann insbesondere anhand der Überlieferung in StadtA DA Best. 63 2e/2 Geschlechterrollen, Homosexualität, Gender nachvollzogen werden. ↩︎
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Rebekka Friedrich (30. Juni 2026). Queere Initiativen in Darmstadt – ein Überblick zum Pride Month. Stadtarchiv Darmstadt. Abgerufen am 26. Juli 2026 von https://doi.org/10.58079/16hir

