
Ja, es ist eine Sensation. Dem Musikverlag Bärenreiter ist (wie so oft) ein Coup der Extraklasse gelungen: die Zusammenführung, Edition und Veröffentlichung aller fast 6000 bisher erforschten und bekannten Briefe des 1809 in Hamburg geborenen Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy. Allein der Zeitaufwand, der mitbedacht werden muss, wenn Briefe aus früheren Jahrhunderten von FachexpertInnen gelesen und entziffert werden, um sie für das Lesepublikum des 21. Jahrhunderts mit seinen ihm eigenen Schrift- und Lesegewohnheiten zugänglich zu machen, ist mit Sicherheit mit großem Ausmaß verbunden. Der Verlag selbst titutliert sein Ergebnis schlicht mit dem Hinweis “Die Edition der Briefe Felix Mendelssohns ist abgeschlossen.”
Es ist richtig: die Vermessung des menschlichen Selbst hat spätestens mit Denis Diderot und seiner Enzyklopädie begonnen1 und ist dem menschlichen Individuum im 21. Jahrhundert keineswegs fremd2. Außerdem erhellt natürlich die Flut literarischer Selbstbeschreibungen, die einen ihrer höchsten Pegel um 1800 erreicht hat3, den sozio-kulturellen Hintergrund von Subjekten, ohne welche das Erreichen diverser Lebensstationen nur schwer nachvollziehbar wäre. Dennoch handelt es sich bei der Verfassung von Briefen (wie auch in diesem Fall bei Mendelssohn) um einen Akt des Intimen, den die VerfasserInnen wohl nicht vollziehen würden, wenn sie zu Lebzeiten gewusst hätten, dass alles (also hier der Inhalt von beinahe 6000 Briefen) einmal der gesamten Welt zugänglich gemacht werden wird. Der Journalist und Musiker Volker Hagedorn, welcher in der ZEIT die Neuerscheinung aus dem Verlagshaus Bärenreiter in der ZEIT Ausgabe vom 16.11.2017 ausführlich beschreibt, scheint bei der Sichtung der Briefe selbst entdeckt zu haben, dass Mendelssohn Bartholdy eine zu direkte Innenschau beim Schreiben vermied: “Er zählt in seinen Briefen wenig über sein Innenleben, umso mehr über die Außenwelt”, so Hagedorn.
Aufgrund dieser Feststellung ist es legitim zu fragen, ob es sich hier tatsächlich um eine Sensation (im Sinne der Beachtung der Privatsphäre der Person Felix Mendelssohn Bartholdy) handelt. Wie gesagt: die Forschungs- und Editionsarbeit an sich ist ein Meilenstein. Doch in welchem Verhältnis stehen die aus einer Durchleuchtung gewonnenen Informationen eines vergangenen Lebens zum dem, was das betroffene Subjekt (Mendelssohn Bartholdy) selbst durch- und erlebt hat? Sind Bausteine des Selbst, wie Selbstreflexion und Selbstkontrolle, ab dem Moment des Abblebens hinfällig?
Vielleicht ist es sinnvoll, im Rahmen einer so umfangreichen Verlagsarbeit beides zu bedenken. So sollte es nicht um die Sensation als Sensation gehen. Vielmehr entscheidend ist die Bewussteinsmachung, in welchem Umfang einerseits privat gemeinter Inhalt und welche Details davon publiziert werden (der Lauf der Musikwelt wurde bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aller Briefe Mendelssohns nicht unterbrochen), als auch andererseits der Gedanke, dass Briefe, Tagebücher oder andere autobiographische Schriften zwar stets einen inneren Dialog beherbergen, dieser aber zugleich “immer schon an jemanden – mindestens an sich selbst – gerichtet”4 ist, wie Beate Rössler in ihrem letzten Buch “Autonomie. Ein Versuch über das gelungene Leben” ausführt.
1 Eine deutschsprachige Ausgabe der Enzyklopädie, die sehr zu empfehlen ist, erschien 2013 im Verlag Die Andere Bibliothek. Die HerausgeberInnen sind Anette Selg und Rainer Wieland.
2 Christian Grasse und Ariane Greiner haben 2013 in ihrer im Metrolit Verlag erschienenen Publikation “Mein Digitales Ich” beispielhaft zusammengefasst, welche Selbstvermessungen der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts offen stehen.
3 Bei weiterem Interesse bezüglich dem Zusammenhang von sozialem Aufstieg und Autobiographie wird hier Frank Schömers Publikation “Autobiografische Körper-Geschichten” empfohlen.
4 Rössler, Beate 2017: Autonomie. Ein Versuch über das gelungene Leben. Berlin: Suhrkamp. S. 177 f.
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Sven Johann Koblischek, M.A. (26. November 2017). Mendelssohn komplett durchleuchtet – ein wenig zuviel des Guten? DIGITALE AUTOBIOGRAPHIE. Abgerufen am 26. Juli 2026 von https://daan.hypotheses.org/635