
Eine Beobachtung: paßt die Autobiographie als digitale Autobiographie nicht tadellos zur virtuellen Welt? Dieter Thomä spricht einerseits im Rahmen des Erzählens-Über-Sich-Selbst von der Selbstfindung, die ProtagonistInnen im Laufe ihrer autobiographischen Handlungsstränge durchläuft; dem Erzähler einer autobiographischen Handlung aber attestiert Thomä die Selbsterfindung, d.h. die Möglichkeit, die “eigene qualitative Identität zu gestalten, zu konstruieren, zu erfinden”1. Dieser Vorgang scheint ohne Zweifel mit jenem der virtuellen Welt zu korrespondieren, insbesondere durch das “Konstruieren” und “Erfinden”. Auch die virtuelle Welt ist primär nicht existent und gehört aus diesem Grund nach unserer alltäglichen Auffassung nicht zur Realität. Und auch sie wird, wie es der Erzähler einer Autobiographie seiner Identität ermöglicht, “erdacht” und ist eben eine “Konstruktion des Fiktiven”2, folglich ein Ideal, das nur in der Vorstellung existiert. Parallelen, die nicht abzustreiten sind, oder?
1 Thomä, Dieter 2015: Erzähle dich selbst. Lebensgeschichte als philosophisches Problem. 2. Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp. S. 36.
2 Gehmann, Ulrich 2012: Virtuelle und ideale Welten – eine Einführung. In: Virtuelle und Ideale Welten. Hrsg. v. ders. Karlsruhe: KIT Scientific Publishing. S. 7.
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Sven Johann Koblischek, M.A. (6. April 2017). Fiktion, Ideal und Virtualität: Freunde der Utopie. DIGITALE AUTOBIOGRAPHIE. Abgerufen am 27. Juli 2026 von https://daan.hypotheses.org/276