Kleine Welt

Wie ich schrieb, hatte ich am Freitag einen Arzttermin. Anlass war die Besprechung meines großen Blutsbilds im Rahmen eines anlasslosen Gesundheitschecks. Ich ahnte Schlimmes. Erst recht, weil ich am Abend vor der Blutabnahme eine Feier mit Kollegen hatte. Diese und ich selbst waren zwar nicht komplett eskaliert, aber ich bin weit entfernt von nüchtern nach Hause und schließlich in mein Bett gekommen. 

Nun saß ich dort in der Praxis und mein Blutbild war perfekt. Einschließlich der Leberwerte. Da war ich doch sehr überrascht. Ich offenbarte dem Arzt, dass ich ein Alkoholproblem habe. Nun schien er ebenfalls sehr überrascht. Es folgte ein kleines Frage-und-Antwort-Spiel, das ich euch nicht vorenthalten möchte. 

Trinken Sie morgens? – Äh, nein. 

Zittern Sie, wenn Sie aufhören zu trinken? – Nein. Ich hatte noch nie Entzugserscheinungen. Ich bin nur manchmal hart verkatert. Wie heute zum Beispiel.

Haben Sie finanzielle Probleme? – Nein.

Haben Sie Schulden? – Nein. 

Öffnen Sie Ihre Post? – Ja.

Vernachlässigen Sie Ihre Arbeit? – Nein. Homeoffice macht’s möglich. 

Verstehe. Vernachlässigen Sie denn Ihren Hund? – NEIN!! Niemals. Und ich kümmere mich auch um meine Topfpflanzen, falls Sie das noch fragen wollten. 

Stirnrunzeln. Eine Abhängige ohne diese Probleme war in seinem Konzept von Alkoholismus offenbar nicht vorgesehen. Ich fragte mich, ob er von funktionalen Alkoholikerinnen schon mal was gehört hatte. Das wollte ich ihn gerade fragen, als ihm selbst noch eine zielführendere Frage einfiel: 

Warum wollen Sie denn aufhören zu trinken? 

Ah, dachte ich. Jetzt kommen wir der Sache endlich näher und sagte: 

Weil ich erschöpft bin. 
Weil es mich körperlich und geistig zermürbt. 
Weil ich mich schäme. Vor mir und vor anderen.
Weil ich angefangen habe, mich zurückzuziehen. 
Aus Angst zu trinken, gehe ich kaum noch aus. Oft trinke ich dann trotzdem zu Hause, was nun wirklich vollkommen paradox ist. 
Ich gehe kaum noch zum Sport, weil ich zu kaputt bin. 
Meine Welt ist sehr klein geworden. 
Ich möchte das nicht mehr. 

Ich meinte, Erleichterung in seinem Gesicht zu sehen. Und ich war ebenfalls erleichtert, das laut ausgesprochen zu haben. So waren wir beide erleichtert und nun endlich auch mit dem Gesprächsverlauf zufrieden.

That escalated quickly

Wenn erwachsene Kinder sich nicht melden, sagt man, es gehe ihnen gut geht. Wenn ich mich nicht melde, bedeutet es leider das Gegenteil. 

An dem Tag, an dem ich aus dem Urlaub zurückkam, klar, nüchtern und froh mit dem Hund wieder zu Hause zu sein, habe ich ausgepackt, Wäsche gewaschen, die Wohnung geputzt – und dazu wieder Wein getrunken. Fünf Tage hatte ich in einem Umfeld verbracht, in dem alle über meine Abstinenz Bescheid wussten. Das heißt, ich konnte dort nicht trinken. Meine intrinsische Motivation wurde damit an eine externe Struktur übertragen. Ich konnte dort nicht trinken. Ich durfte es aber auch nicht. Das machte mich trotzig. Mit meiner Rückkehr war die externe Struktur weg, meine intrinsische Motivation aber auch irgendwie.  Das ist zumindest meine Erklärung. Denn wie soll man sonst etwas rational erklären, das so vollkommen irrational ist?

Natürlich fand ich mich bald in meinem alten Schweinezyklus wieder, in dem ich werktags abends trinke und mich am Wochenende davon erhole. Heute, freitags, dem wiederkehrenden mentalen und körperlichen Tiefpunkt meiner wöchentlichen Eskapaden hatte ich einen Arzttermin. Ich war hart verkatert und sah auch ziemlich danach aus. Ich habe erzählt, dass ich ein Alkoholproblem habe und dass ich dafür Hilfe brauche. Die bekomme ich jetzt. Erstmal mit einer psychologischen Beratung und vielleicht auch wieder in Form einer ambulanten Suchttherapie. 

Ich bin nicht stolz, dass ich gerade wieder an dem Punkt gelandet bin. Aber ich bin stolz um Hilfe gebeten zu haben, wenn ich sie brauche.  

Und apropos Hilfe: Ja, schreiben hilft mir tatsächlich. Und wie ich gemerkt habe, nicht zu schreiben tut es nicht. Darum schreibe ich jetzt wieder und höre diesmal auch nicht auf. 

NIEMAND BEWEGT SICH

Ich hatte ein Problem. Der Hund und ich wollten am Freitag in den Urlaub. Ok, das klingt jetzt nicht nach einem Problem oder eher nach einem Problem, das viele gerne hätten. Für mich ist verreisen zurzeit allerding ein wenig schwierig und ich erkläre auch warum.

ACHTUNG! NIEMAND BEWEGT SICH! MIR GEHT ES GERADE GUT! Was ich sagen will: Wenn es gerade gut läuft, sollte man die Versuchsanordnung nicht verändern. Routine und Gewohnheiten machen nicht nur den Alltag leichter, sie schaffen Stabilität und Sicherheit gerade bei Krisen und Veränderungen. Nun ist Abstinenz eine Veränderung, bei der es sich für mich besonders empfiehlt, Überraschungen, daraus resultierende Gefühlszustände und Trigger zu vermeiden. 

Reisen ist nun unbestreitbar das Gegenteil von Stabilität und Kontinuität und haben bei mir verlässlich zu Rückfällen geführt: „Ist doch Urlaub. Niemand kennt Dich. Niemand sieht Dich.“ Oder sowas in der Art scheint mir die Suchtstimme zu sagen und stellt mir einen Freifahrtschein für entgrenztes Trinkverhalten aus. Für mich und meine junge Abstinenz ist es daher nicht empfehlenswert gerade zu verreisen. Und erst recht nicht in den Süden zu meinen Freunden, bei denen am ersten Abend eine große Party geplant ist, das ganze Haus von trinkfreudigen Menschen bewohnt und ich mein Zimmer mit der gut gefüllten Hausbar teile. Bei dieser Versuchsanordnung scheint ein Rückfall vorprogrammiert. Also, was tun? 

  1. Die Reise absagen. Das wäre am einfachsten. Ich würde meine Freunde enttäuschen und zudem auch noch mich selbst, da ich mich sehr auf die Reise und das Wiedersehen gefreut hatte. Aber es wäre sicher und vernünftig. 
  2. Hinfahren und hoffen, dass alles gut wird. Ja, da muss ich selbst lachen. Mit so viel realitätsverweigernde Naivität kann ich mich gar nicht selbst belügen. Auch wenn ich es versucht habe. 
  3. Mit den Leuten reden. Ihnen sagen, dass ich gerade nicht trinke, dass ich keinen Alkohol in meinem Zimmer und auch nicht in Reichweite haben möchte. Und ihnen mitteilen, dass ich erst einen Tag später komme, wenn die Party vorbei ist. 

Ich nahm Möglichkeit c). Und erhielt so viel Zuspruch und Verständnis, dass ich immer noch gerührt bin. Nun ist bereits Tag 3 meines Aufenthalts und ich will nicht sagen, dass es leicht ist. Es ist nicht leicht, an einem Ort zu sein, an dem ich sonst gefeiert und getrunken habe und auch nicht mit den Menschen zu sein, mit denen ich sonst gefeiert und getrunken habe. Aber ich bekomme so viel Unterstützung von ebendiesen Menschen, dass es konstant leichter wird. Jeden Tag ein bisschen mehr.  

Der vierte Tag

Ich bin kein geduldiger Mensch. Wobei ich wenige Menschen kenne, die sich für geduldig halten. 

„Hallo, mein Name ist Thorsten. Ich bin extrem geduldig. Ich liebe es zu warten. An der Supermarktkasse suche ich mir immer die längste Schlange, weil ich dabei so herrlich entspannen kann. Wenn ich beim Arzt eine Stunde im Wartezimmer sitzen muss, bringe ich später Blumen als Dank für diese schöne Auszeit vorbei.“ 

Nein, solche Leute kommen in meinem Umfeld eher nicht vor. Das muss nicht repräsentativ für die Gesellschaft sein. Vielleicht suchen geduldige Menschen eher die Nähe zu geduldigen Menschen und deshalb kenne ich so wenig. Denn, wie gesagt, ich bin es nicht. 

Nun braucht Genesung aber Zeit. Dabei ist es egal, ob von einer Grippe, einem Beinbruch oder aktivem Suchtverhalten. Es dauert. Bei Alkoholkonsum erholt sich nach circa fünf Tagen der Körper, danach ganz langsam auch der Geist.

Der Schlaf wird besser. Die Albträume werden weniger. Und ich schwitze auch nicht mehr jede Nacht ein T-Shirt durch. Fünf Tage. Ein sehr überschaubarer Zeitraum. Allerdings nur, wenn man geduldig ist. Wenn man keine Geduld und eine Suchtstimme im Kopf hat, können fünf Tage ziemlich lang werden. Am dritten Tag klingt das meist so:

„Ey, du hast jetzt schon zwei Tage nichts getrunken und fühlst Dich morgens trotzdem wie gerädert? Du schleppst Dich müde durch den Tag und alles scheint anstrengend? Ach, dann kannst Du auch heute Abend wieder trinken. Macht doch ohnehin keinen Unterschied.“ 

Nüchtern betrachtet, ist das natürlich sehr durchschaubarer Unfug. Der geneigte Lesende mag sich fragen, wie ein an sich vernunftbegabter Mensch überhaupt auf sowas reinfallen kann. Und, ja. Das frag‘ ich mich zuweilen auch.

Nun weiß ich mittlerweile, dass die Suchtstimme ein Arschloch ist und nicht gerade mein bestes Wohlergehen im Sinne hat. Sie will sich nur selbst erhalten, koste es, was es wolle zum Beispiel meine physische und psychische Gesundheit. Von daher mache ich, was ich mit Arschlöchern grundsätzlich tue: Ich höre ihnen nicht zu. 

Jim Kwik hat mal geschrieben, „never take criticism from someone you wouldn’t take advice from“. Umgekehrt sollte man auch keine Ratschläge von Arschlöchern annehmen, die versuchen einen umzubringen. Denn nichts anderes würde die Suchtstimme über kurz oder lang tun. 

Montag

Heute ist Montag. Das ist soweit nichts Ungewöhnliches. Schließlich ist jede Woche Montag. 

Montag bedeutet für mich aber meist, dass ich abends trinken will. Das werde ich daher heute recht wahrscheinlich auch wollen. Aber das werde ich heute trotzdem nicht tun. Das weiß ich sicher. Und jetzt wisst ihr das auch. 

Küsschen, Eure Nina

Bis zum letzten Game Over

Als Kind habe ich gerne Jump-’n’-Run-Spiele gespielt. Nicht exzessiv. Video- und Glücksspiele sind eine der wenigen Dinge, bei denen ich keine Suchttendenz entwickle. Mein Gehirn scheint nur auf stoffgebundene Süchte anzuspringen. Aber das ist eine andere Geschichte und ist an einem anderen Ort erzählt. 

Ich weiß nicht, wer von euch ebenfalls Jump-’n’-Runs gezockt hat. Ich zumindest kann mich an die Frustration erinnern, wenn man mit Geduld und Ausdauer ein hohes Level erreicht hat, am Endgegner scheitert und plötzliches Game Over ist. Dann muss man wieder von vorne anfangen und alles nochmal durchspielen: Die ersten Level, die man schon auswendig kennt, die mittleren, die das Risiko enthalten, an kniffligen Stellen zu scheitern, bis man irgendwann mit Glück vielleicht wieder den Punkt erreicht, an dem man vorher schon mal war, und es endlich spannend wird. Schafft man es diesmal?

Ja, und genauso fühlt es sich an, wenn man zum hundertsten Mal mit dem Aufhören anfängt. Die Frustration. Die Wiederholung. Wieder von vorne zu beginnen. Die Unsicherheit, ob man es diesmal schafft.

Doch einen wichtigen Unterschied gibt es zwischen Jump-’n’-Run und süchtigem Verhalten. Der Schwierigkeitsgrad nimmt nicht bei jedem Level zu; es wird leichter mit der Zeit. Der Anfang ist der Endgegner und das ein jedes Mal. Dafür hat man bei beidem, im Spiel wie auch im Leben, unendliche Versuche frei. Bis zum letzten Game Over. 

Laaaaaangweilig

Sucht ist eine der langweiligsten Dinge von der Welt. Das muss man wirklich mal so sagen und ich spreche aus Erfahrung. Früher dachte ich, Konsumieren ist spannend und aufregend. Berauschte Partys, durchgetanzte Nächte, wildes Rumknutschen mit Fremden. Geschichten, die man sich noch Jahre später erzählt. Ja, so war das auch mal. Aber irgendwann wird’s langweilig. Weil sich alles wiederholt. 

Zum Beispiel morgens um 4:00 Uhr aufzuwachen und sich selbst zu verfluchen. Nicht wieder einschlafen zu können vor lauter Selbstvorwürfen. Irgendwann doch wieder einzuschlafen und gerädert mit dem festen Vorsatz aufzuwachen, heute Abend nichts zu trinken. NIE WIEDER Alkohol zu trinken. Das hält eine Weile an. Meist bis zum frühen Nachmittag. Dann kommt die Suchtstimme zurück und ein Glas Wein am Feierabend klingt schon gar nicht mehr absurd und annähernd wieder vorstellbar. Am späten Nachmittag ist man schließlich überzeugt, dass ein Glas Wein zum Runterkommen tatsächlich gar nicht schaden könnte. Gründe findet man immer. So kauft man eine Flasche Wein, trinkt eine Flasche Wein, geht betrunken ins Bett, wacht morgens um 4:00 Uhr auf und alles geht vor vorne los.  

Und das Krasse daran ist: Jede*r Süchtige kennt das. Denn in der Sucht sind alle gleich. Darum erzählen alle Süchtigen die gleichen Geschichten. Darin kann man Trost finden, aber viel mehr ist es langweilig. So zu sein wie alle anderen. Sich zu verhalten wie alle anderen. Geschichten zu erzählen wie alle anderen. 

Aber ich will nicht langweilig sein. 
Ich will keine langweiligen Geschichten erzählen.
Und ich will nicht, dass diese langweiligen Geschichten mein gesamtes Leben sind. 

Schreiben hilft

Schreib, haben sie gesagt. Schreiben hilft, haben sie gesagt. Gut. Dann schreibe ich eben, dachte ich mir. Schreiben kannst Du oder, nun ja, konntest es zumindest mal. Also schreibe ich jetzt hier. Mal wieder. 

Es heißt, jeder macht sich seine Hölle selbst. Ich ergänze: Das Paradies allerdings auch. Und ich habe mir das Paradies geschaffen, zumindest wie ich es mir vorstelle: Ich habe einen Hund. Eine schöne Wohnung. Einen Job, der mir Spaß macht und ermöglicht, viel Zeit mit dem Hund und Freund*innen in- und außerhalb der schönen Wohnung zu verbringen. Das ist toll. Ganz toll. Wäre da nicht mein Problem. Mein altes Problem. Mein bekanntes Problem. Das Problem, an dem ich mich schon seit Jahrzehnten abarbeite und in den letzten Jahren nur schlimmer anstatt besser geworden ist. 

Sartre meint, die Hölle, das sind die anderen. Und, ja. Menschen können echt anstrengend und auch ziemlich scheiße sein. Meine Hölle sind aber nicht die anderen. Meine Hölle ist die Sucht, die beinahe täglich eindringt in das Paradies und alles durcheinanderbringt. Randaliert. Chaotisiert. Also, mehr so innerlich. Denn nach außen hin wirkt alles gut. Bis auf meine Augenringe. Zugegeben. Da helfen auch keine Gesichtsmasken, Augenpads und noch so teure Cremes mehr. Und das nervt mich. Gewaltig! Ich will mein Paradies genießen und diesen Teufel endlich austreiben.

Und nachdem sonst nichts geholfen hat, keine Therapie, keine Selbsthilfegruppe, kein 30-Tage-Online-Programm, keine Ratgeberliteratur und erst recht keine guten Vorsätze, ist mein Exorzismus nun das Schreiben. Denn Schreiben hilft, haben sie gesagt. Und das wollen wir doch mal sehen! 

Ausgewachsen

Es ist lange her. Ja, es muss ziemlich lange her sein. Vermutlich habe ich vor einem Jahr meinen letzten Text geschrieben. Das war so nicht geplant. Es war auch keine Absicht. Es ist einfach passiert. Dabei ist einiges passiert, worüber ich hätte schreiben können: Ich habe zum Beispiel einen neuen Job zum Jahreswechsel angefangen und noch vor dem ersten Arbeitstag eine Liaison mit meinem Chef. Noch vor dem ersten Arbeitstag habe ich sie zwar wieder beendet. Aber dass die Sache nicht durchdacht und nicht so wirklich klug war, brauche ich wohl nicht zu erwähnen. Klar. Menschen können in Anbetracht von Emotionen professionell sein. Das mag vorkommen. Aber mehr wie Albino-Meerschweinchen. Es gibt sie, aber tatsächlich ziemlich selten. Aber ich will mich nicht beschweren. Ich hatte die Sache selbst verbockt und musste irgendwie da durch. 

Und mittlerweile läuft es gut. Richtig gut. Nicht nur im Job, sondern vielmehr insgesamt. Und das ist wohl auch der Grund, warum ich nicht geschrieben habe: Ich borderliner nicht mehr. Also, kaum. Unmerklich. Es mag Situationen geben, in denen ich nicht innehalte und nicht ganz so gelassen reagiere, wie ich es mir vorstelle. Aber in diesem Jahr waren es weniger als fünf. Also nichts, was pathologisch wäre oder dem Gegenüber auffällt. Und mal ehrlich. Ich bin auch nur ein Mensch und eine Ernennung als Buddha oder Dalai Lama hatte ich nie angestrebt. 

Ich weiß nicht, wie’s gekommen ist. Vielleicht haben die Therapien über all die Jahre eingewirkt, wie eine Haarkur oder Creme, und ihre Effekte nun entfaltet. Vielleicht hat es auch „Klick“ gemacht, so dass ich mich annehme, wertschätze und weitestgehend gut finde. Vielleicht hat sich das Borderline mit dem Alter rausgewachsen. Ich weiß es nicht. Vielleicht kommt alles auch zusammen. Ich weiß nur, dass es mir gut geht. Und deshalb habe ich nicht geschrieben. Denn wie soll ich einen Blog über Borderline betreiben, wenn ich nicht mehr damit kämpfe? Wie soll ich für Menschen schreiben, deren Alltag dadurch leidet? 

Doch wenn ich hier sitze und meinen Unterarm betrachte, bleibt dieser Teil mir sehr präsent. Zurzeit besonders vor dem Kontrast der Sommerbräune: Feine dünne Narben von Messern und Rasierklingen. Die ausgefransten Kreise zerdrückter Zigaretten. Und am deutlichsten der Schürhaken aus der Wohnung mit Kamin, die ich zur Zwischenmiete hatte. All das Leid, all die Zerrissenheit, die Leere und die Anspannung, die kaum auszuhalten sind, und mein Leben lange prägten, spiegeln sich in diesem Arm. Und, nun? Nun sitze ich hier und es herrscht sowas wie Frieden. Kein Waffenstillstand. Frieden. 

Und das zu einem Moment, in dem in Europa wieder Krieg herrscht, die Pandemie weiter grassiert und die Klimakatastrophe uns mit aller Wucht verdeutlicht, dass sie nicht zu stoppen ist. Das ist schon paradox. Und ein bisschen schlechtes Timing. Aber vielleicht lässt sich ein Weltuntergang auch besser ertragen, wenn man mit sich im Reinen ist. Ich werde es herausfinden. Ob ich es möchte oder nicht. Und vielleicht darüber schreiben. Sofern das angemessen ist.