Monthly Archives: April 2024

“9 mm Cut” von Sybille Ruge: Ein gepfleger Rasen? Sehr verdächtig!

(c) Suhrkamp

Bereits mit ihrem Debütroman “Davenport 160 x 90” bewies sich die deutsche Autorin Sybille Ruge als ungewöhnliche Stimme im großteils sehr gleich klingenden Krimigenre. Ich schrieb damals darüber: “Wer es gern konventionell mag, der könnte mit diesem wilden Mix aus originellen Figuren, bösen Lebensweisheiten und einem scharfen, aber auch humorvollen Blick für die Realität überfordert sein. Wer sich darauf einlässt, wird belohnt – Krimi oder Nichtkrimi!”

Mit ihrem zweiten Buch “9 mm Cut” legt sie sogar noch einmal nach. Der Name von Hauptfigur Eve Klein ist nur ein Aliasname, mit dem sie ihr Auftraggeber K2 (Kunde zwei, Chef eines internationalen Lebensmittelkonzerns) ausgestattet hat, um beim Sitz seiner Stiftung nach dem Rechten zu sehen. Eve ermittelt großteils in einer Villa, deren penibel gepflegter Rasen auf die titelgebenden neun Milimeter getrimmt wird, während sich im Inneren des Hauses die Ungepflegtheiten und Grausamkeiten des Lebens abspielen.

Wortgewaltig und sprachverliebt (“Ihr Lächeln war von erfrischender Kälte”) übt Ruge Kritik am Kapitalismus und tarnt das als Krimi. Allein Sätze wie folgende sind die Lektüre wert: “Ich spürte meine Gesichtsmuskeln, die die Fasson wahrten. Eine höfische Anspannung, dahinter Krieg. Das ist mit Diplomatie gemeint.” Wunderbar.

7 von 10 Punkten

Sybille Ruge: “9mm Cut”, Suhrkamp Verlag, 232 Seiten.

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“Durch die dunkelste Nacht” von Hervé le Corre: Ein Krimi wie eine Anklage

(c) Suhrkamp

Der französische Autor Hervé le Corre hat einen aufrüttelnden Kriminalroman über Gewalt an Frauen geschrieben. Er erzählt dabei aus drei Perspektiven: Louise wird von ihrem Ex-Freund bedroht und misshandelt, ihr Rettungsanker ist der achtjährige Sohn Sam. Polizist Jourdan ist angesichts der häuslichen Brutalität, mit der er täglich konfrontiert wird, desillusioniert. Und dann gibt es noch einen Frauenmörder, der als Kind selbst missbraucht wurde.

Le Corres Buch ist wahrlich keine angenehme Lektüre, aber eine lohnenswerte. Vor allem dann, wenn er jeweils aus der Sicht von Louise und Jourdan erzählt (ich persönlich wäre ohne den dritten Erzählstrang sehr gut ausgekommen, mein Problem mit Serienmördern ist Lesern dieses Blogs hinlänglich bekannt).

Wie sich Louise durch einen unerträglichen Tag nach dem anderen kämpft, Erniedrigung und Angst erträgt, nur um für Sam da zu sein, das berührt. Denn Louise weiß, dass ihr Peiniger wiederkehren wird: “Sie wird beten, dass er ihr nicht mit einem Fußtritt das Rückgrat bricht. Sie wird beten, aber ihr Gebet, das weiß sie, wird von nichts und niemandem erhört, nirgendwo. Kein Gott. Kein Paradies. Die Hölle ist hier, ohne Horizont oder Jenseits.”

Ebenso berührt es, Jourdan durch seinen unerträglichen beruflichen Alltag zu begleiten. Die Welt aus den Augen eines Mannes zu sehen, der an zu vielen Tatorten war und verzweifelt versucht, seine Mitmenschlichkeit zu bewahren. Der sich in selbstmörderische Situationen begibt, weil er all das nicht mehr ertragen kann. Dies gewalttätigen Männer und was sie ihren Familien antun: “Jourdan weiß nicht, was Männer ins Verderben stürzt. Er will es auch gar nicht mehr wissen. Daher die Wut als einzige Reaktion auf unlösbare Fragen. Letzter Ausweg, ganz hinten in der Sackgasse.”

Aussichtslosigkeit, Angst und Verzweiflung, aber auch zart aufkeimende Hoffnung werden spürbar. Vor allem dann, als sich Louises und Jourdans Weg kreuzen. Aber Achtung, “Durch die dunkelste Nacht” ist ein düsteres Stück Kriminalliteratur, ein sattes Stück Noir. Und wir alle wissen, wie diese Bücher enden.

9 von 10 Punkten

Hervé le Corre: „Durch die dunkelste Nacht“, übersetzt von Anne Thomas, Suhrkamp Verlag, 340 Seiten.

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“Brazilian Psycho” von Joe Thomas: Wo sind hier bloß die Guten?

(c) btb Verlag

Die Logik von Verlagen entzieht sich zuweilen der Leserschaft. So auch im Fall des großartigen São-Paulo-Kriminalromans „Brazilian Psycho“. Obwohl das erste von Joe Thomas auf Deutsch publizierte Buch, ist es bereits der abschließende von vier Bänden rund um den ermittelnden Polizisten Mario Leme. Der Unterschied zu den Vorgängern dürfte darin liegen, dass die Zeitspanne des Erzählten weitaus breiter, nämlich von 2003 bis 2019, gefasst ist. Und Leme nur einer von vielen Protagonisten ist, was auch das umfassende Personenverzeichnis am Ende des Buches unumgänglich macht.

Autor Joe Thomas ist zwar Brite, hat aber mehr als zehn Jahre in São Paulo gelebt. Dass er weiß, wovon er schreibt, merkt man auf jeder Seite. Er porträtiert die Stadt als einen Ort von Korruption und Gewalt. Ob die Gangs in den armen Favelas, die gierigen Geschäftsmänner in teuren Anzügen, brutale Militärs, gekaufte Polizisten, rätselhafte Geheimdienstler oder hochrangige Politiker bis ins Präsidentenamt wie Lula da Silva oder Bolsonaro – wo sind hier bloß die Guten geblieben?

Natürlich gibt es die wenigen Aufrechten wie Leme und seinen Partner Ricardo Lisboa. Zu Beginn des Buches beschäftigt sie der Mord am Direktor einer britischen Schule. Bis der Fall geklärt ist, werden 16 Jahre vergehen, und am Ende ist nur eines klar: Die Lösung eines einzelnen Verbrechens ist hier das geringste Problem.

Um noch einmal auf den Verlag zurückzukommen. Nachdem der Autor sich nun also den Lesern vorstellen durfte, bleibt zu hoffen, dass nun die drei ersten Bände der Serie erscheinen, in denen Mario Leme die alleinige Hauptrolle spielen dürfte.

Der vom Verlag strapazierte Vergleich mit Don Winslow tut Thomas jedenfalls nicht gut. Das steigert die Erwartungen zu sehr. Winslow würde niemals 100 bis 200 Seiten benötigen, um so richtig loszulegen. Aber das macht nichts, Thomas hat seine ganz eigene Art zu erzählen. Das ist nicht immer zielorientiert, aber so hat er eben seine ganz eigene Stimme. Der Brite hat ein wenig schmeichelhaftes Porträt der Stadt São Paulo geschrieben. Episch und außergewöhnlich gut.

8 von 10 Punkten

Joe Thomas: „Brazilian Psycho“, übersetzt von Alexander Wagner, btb-Verlag, 638 Seiten, 18,50 Euro.

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