Wespenstachel und Schlangenhauch

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Der siebte November des Jahres 2007. Ein bedeutsames Datum, zumindest für meine Wenigkeit, begann ich doch an diesem Tag mit der Lektüre von Bernard Cornwells erstem Band der „Sachsen“-Saga, „Das letzte Königreich“, nichtsahnend, dass diese epische Reihe mich noch über einen langen Zeitraum begleiten würde.

Überhaupt war damals keinesfalls absehbar, welch großen Einfluss der britische Schriftsteller auf mich ausüben könnte, denn Fakt ist heute: Seit eben jenem genannten Tag habe ich jedes weitere Werk des Autors nicht nur einfach gelesen, sondern schlichtweg inhaliert, ist es mir gar unmöglich, ein einmal in die Hand genommenes Cornwell-Buch zur Seite zu legen. Wie er vermag es kaum ein anderer im Genre des historischen Romans, Vergangenes lebendig zu machen, den staubigen Schleier der Geschichte hinwegzufegen und den Leser mit unbarmherziger Wucht in diese zu katapultieren – im Falle der „Sachsen“-Saga: das frühe englische Mittelalter der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts.

Dieser Rückblick zu Beginn sei mir gestattet, ist es nämlich gewissermaßen notwendig, ein Resümee aus den vorherigen Bänden zu ziehen, um den inzwischen fünften Teil der Saga entsprechend würdigen und vor allem gerecht einordnen zu können. Gerecht vor allem deshalb, weil Cornwell in keinem seiner vielen Titel auch nur einen Jota von seinem üblichen Erfolgsrezept abweicht. Und die entscheidende Zutat ist immer: Eine Schlacht.

Auf sie läuft meist alles hinaus, sie steht direkt am Gipfel des Spannungsbogens, hängt dräuend wie eine Gewitterwolke über der jeweiligen Handlung. Und an dieser Stelle kommt eben das geniale Moment Cornwells zum Tragen: Obwohl man haargenau weiß, was da auf einen zukommt, obwohl man ahnt wie Uhtred (oder „Sharpe“ in den gleichnamigen Romanen, Derfel in der „Artus“-Trilogie, Thomas of Hookton in der „Grals“-Saga, etc.) sich letztlich im Kampfe schlagen wird, zerbröselt der Autor unseren „Kenne-ich-eh-schon-alles“-Schutzwall mit der Gewalt einer Dampframme. So wie man bei „Dinner for one“ auch jedes Jahr aufs Neue schmunzeln muss, so wenig kann man sich der Faszination der Kriegskunst entziehen, die Cornwell einfach unnachahmlich zu schildern weiß, ohne aber dabei gleichzeitig ein Hohelied auf den gewaltsamen Konflikt zu singen. Die militärhistorische Authentizität steht, trotz manchem Pathos oder gelegentlicher eigener Interpretationen und Ausschmückungen, immer im Vordergrund. Soll heißen: Viel näher am wirklichen Geschehen der damaligen Zeit kann man sich als Leser nicht bewegen. Eine Tatsache, die uns spätestens beim jetzt fünften Band „Das brennende Land“ die gesamte Reihe im Zusammenhang betrachten lässt.

Ein einziges, langes Epos über einen vergessenen Krieger aus der Zeit von König Alfred. Dem einzigen englischen König, der je mit dem Titel „der Große“ bedacht wurde. Und dessen Reich Wessex steht im Jahr 892 inzwischen auf äußerst tönernen Füßen.

Von allen Seiten wird Wessex von seinen Feinden bedroht. Während Harald Bluthaar mit seiner Armee plündernd durch den Süden Englands zieht, geht weitere Gefahr vom Kontinent aus. Jarl Haesten kommt mit über zweihundert Schiffen vom Frankenland aus gesegelt und landet in Mercien. Derart umzingelt, steht es schlecht für den mittlerweile schwer kranken Alfred, dessen Nachbarn nur darauf warten, aus dem möglichen Fall von Wessex selbst Kapital zu schlagen. In dieser entscheidenden Phase des nun schon so lange dauernden Konflikts mit den Dänen, scheinen einmal mehr der Krieger Uhtred und seine Hausmacht das Zünglein an der Waage zu sein. Obwohl dieser den gottesfürchtigen Alfred verachtet, fühlt er ich durch einen Eid an Æthelflæd, seine Tochter, gebunden. Und nachdem diese zuvor nur unter vielen Opfern aus Haestens Klauen gerettet werden konnte (siehe „Schwertgesang“), befindet sich Uhtred im Zwiespalt zwischen der Loyalität und seinen eigenen Interessen, plant er doch seit Jahren, seine Heimat Bebbanburg, zurückzuerobern.

Als die Invasion weiterer Teile Merciens beginnt und die Rufe nach seiner Hilfe lauter werden, greift Uhtred einmal mehr zu seinem Schwert Schlangenhauch. Gemeinsam mit Edward, dem unerfahrenen Sohns Alfreds, zieht er erneut in den Krieg gegen die Dänen …

Wie weiter oben bereits schon angedeutet, widersetzt sich „Das brennende Land“ an vielen Punkten der Geschichte einem Quereinstieg seitens des Lesers, da die eigentliche Handlung zwar durchaus für sich funktioniert, die einzelnen Bände aber allein schon durch die Figuren vielfach verwoben sind und Cornwell nicht (man denke nur an das ewige inhaltliche Wiederkäuen eines Terry Goodkind in der „Schwert-der-Wahrheit“-Reihe) nochmal auf alle elementaren Dinge der Vorgänger eingeht. Das wäre angesichts der Komplexität der „Sachsen“-Saga auch schwer möglich. Rückblickend aus der Sicht eines alten Uhtred erzählt, legt Cornwell diesmal den Fokus mehr auf bisherige Nebencharaktere wie zum Beispiel Æthelflæd, die, geschlagen mit einem Feigling von Mann, in Sturheit und Willen ihrem „Retter“ durchaus Paroli bieten kann. Von Alfred selbst sehen wir diesmal eher wenig, wiewohl der Autor dessen Macht und seine Wichtigkeit für Wessex betont. Überhaupt sind die Reibungspunkte in der wechselvollen Beziehung zwischen Uhtred und seinem König eine durchgehende Konstanz der Romane, die Cornwell nutzt, um seine Figuren weiterzuentwickeln.

Uhtred muss in „Das brennende Land“ einige persönliche Schicksalsschläge hinnehmen, für die unter anderem Skade verantwortlich zeichnet. Eine Hexe im Dienst von Harald Bluthaar, gegen die er fortan einen besonderen Groll hegt. Bei der Ausübung seiner Rache leistet ihm jedoch nicht nur sein Schwert gute Dienste. Auch List und Tücke gehören zu Uhtreds Repertoire. Das muss am Ende auch Haesten erkennen, der, in Beamfleot von den Sachsen belagert, neben vielen Männern auch nach und nach an Siegessicherheit verliert. Diese finale Auseinandersetzung in den sumpfigen Marschen vor dem am Meer gelegenen Stützpunkt ist einmal mehr ein Glanzstück im militärhistorischen Marathonlauf Cornwells.

Rauch, Feuer, schreiende Männer, klirrende Schwerter, hüfthoher Matsch, Regen. Hilflos ist man Cornwells bildreicher Sprache ausgeliefert, die uns mitten ins Getümmel zieht, wo man das Blut zu schmecken und das Salz des Meeres zu riechen glaubt. Einen Titel dieses Autors zu lesen ist mehr als nur ein Zeitvertreib. Es ist ein auf Papier gedruckter, fünfhundert Seiten und mehr währender Adrenalinstoß, welcher primitivste und längst vergessenen geglaubte Eigenschaften in uns weckt. Wie Uhtred findet man urplötzlich Gefallen an der Hitze der Schlacht, reihen wir uns geistig im Schildwall der mit Kettenhemd gepanzerten Sachsen ein, um unseren Gegnern auf den Wehrzäunen Beleidigungen und Schmähungen entgegen zu speien. Cornwell lesen – das ist Kopfkino par excellence, vor dem selbst richtige Leinwandschinken kapitulieren müssen. Und dieser Rausch lässt uns dann am Ende sogar den ein oder anderen Holperer im Handlungskonstrukt übersehen bzw. vergessen. Was bleibt ist ein seltsames Rauschen in den Ohren … und die dringende Gier nach dem nächsten Band der Reihe.

Das brennende Land“ ist – wie erwartet und eigentlich wie immer – ein äußerst überzeugender historischer Roman aus einer der prägendsten Epochen in der englischen Geschichte. Akkurat recherchiert und mit gekonnter Feder dramaturgisch erstklassig inszeniert – ein Muss für jeden Freund des frühen Mittelalters. Plastischer, lebhafter und glaubwürdiger lässt sich das wohl nicht mehr zwischen zwei Buchdeckel bringen.

Wird Uhtred jemals die Bebbanburg zurückerobern? Hat seine Freundschaft zu Ragnar Bestand? Wird er irgendwann vielleicht gar wieder die Seiten wechseln? Ich freue mich auf Antworten darauf und den nächsten Band – „Der sterbende König“.

Wertung: 91 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Bernard Cornwell
  • Titel: Das brennende Land
  • Originaltitel: The Burning Land
  • Übersetzer: Karolina Fell
  • Verlag: Rowohlt
  • Erschienen: 05.2010
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 512
  • ISBN: 978-3499254147

And the streets are mean …

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Lawrence Block – kaum ein anderer Krimi-Autor der jüngeren Literaturgeschichte hat das Subgenre des Hardboiled-Novels wohl derartig nachhaltig beeinflusst, wie der 1938 in Buffalo, New York, geborene US-Autor. Die Menge an Schriftstellern, die ihn in diversen Interviews als ein Vorbild bezeichnen, welches wiederum eine nachhaltige Wirkung auf ihr eigenes Schaffen ausgeübt hat, lässt sich an zwei Händen nicht mehr abzählen. Von Michael Connelly über Linwood Barclay und Don Winslow bis hin zu Ian Rankin. Es gibt kaum einen aus der Szene, der den Namen Lawrence Block nicht voller Ehrfurcht in den Mund nimmt, weswegen es da gut ins Bild passt, dass es auch ausgerechnet Stephen King war, der es sich Anfang der 90er Jahre, anlässlich der Neuauflage von „Die Sünden der Väter“, nicht nehmen ließ, ein ausführliches Vorwort zum Auftakt der Matthew-Scudder-Reihe beizusteuern.

Bevor ich auf Kings Würdigung zu sprechen komme, seien aber vorab erst einmal noch ein paar Worte über den Autor selbst verloren. Denn traurige Tatsache ist, trotz allem internationalen Renommee (darunter fünf (!) Edgar Allan Poe Awards, einem Grand Master Award, einem Cartier Diamond Dagger, drei Shames und zwei Maltese Falcon Awards) – auf dem deutschen Buchmarkt hat er sich niemals wirklich einen Namen machen und nachhaltig Fuß fassen können, haftet ihm scheinbar, wie so vielen anderen Genre-Vertretern auch, das Stigma eines Groschenroman-Autors an. Eine Einschätzung, welche zwar jeglicher Grundlage entbehrt, eventuell aber seinen Ursprung im Frühwerk Blocks hat, welches sich tatsächlich noch an eine gänzlich andere Klientel an Lesern richtete. Und das ihm letztlich für viele Jahre ein Image verlieh, durch das ihm hierzulande vielleicht auch bis heute eine ähnliche Anerkennung, wie zum Beispiel für einen Raymond Chandler, Dashiell Hammett oder Ross MacDonald, versagt geblieben ist. Und das ist etwas, was dringend geändert gehört.

Wirft man einen näheren Blick auf den Lebenslauf von Lawrence Block – der mit inzwischen 86 Jahren immer noch keinerlei Anstalten macht, die Feder an den Nagel zu hängen – so wird jedem Beobachter schnell klar, dass er es hier mit einem Vollblutschriftsteller zu tun hat. Als er nicht mal zwanzig Jahre alt ist, erscheint in der Zeitschrift „Manhunt“ seine erste Kurzgeschichte „You Can’t Loose“. Es folgen etliche weitere Geschichten für Kriminalmagazine wie zum Beispiel „Alfred Hitcock’s Mystery“ und das „Ellery Queen’s Mystery Magazine“. Doch um davon leben und den Output erhöhen zu können, legt er sich gleich auch mehrere Pseudonyme zu, unter denen er Heftromane veröffentlicht, deren pornographischer Inhalt sich in erster Linie an erwachsene Leser richtet. Sie sichern ihn nicht nur finanziell ab, sondern dienen für ihn auch als literarisches Labor, in dem er sich immer wieder aufs Neue ausprobieren und seinen eigenen Stil weiterentwickeln kann. Viele der Veröffentlichungen lassen sich jedoch heute nicht mehr zuordnen, da sich Block nachträglich nur zu wenigen öffentlich bekannt hat. Ganz anders sieht das jedoch mit seinen Kriminalromanen aus.

Früh fängt er auch hier an unter anderem Namen (u.a. Chip Harrison, Howard Bond und Paul Kavanagh) zu publizieren, bis er ab Mitte der 70er Jahre nur noch seinen eigenen verwendet, nachdem ihm bereits knapp zehn Jahre zuvor mit dem ersten Evan Tanner-Band, „The Thief Who Couldn’t Sleep“, endgültig der literarische Durchbruch gelungen war. Der Abenteurer und Weltenbummler Tanner ist aber nicht nur beim Publikum erfolgreich, sondern auch die erste Figur, bei der Block sich nicht von der Lektüre seiner damaligen Lieblingsautoren inspirieren lässt. Ermutigt durch den Erfolg entwickelt er recht bald einen weiteren Charakter, noch nicht ahnend, dass dieser für das nächste halbe Jahrhundert zu einer neuen Referenz im Sub-Genre des Hardboiled werden soll. Sein Name: Matthew „Matt“ Scudder. Ein New Yorker Privatdetektiv, geplagt von Alkoholproblemen und den Geistern seiner polizeilichen Vergangenheit – und damit gleichsam auch Spiegelbild von Block, der zu dieser Zeit wie sein Anti-Held selbst mit erhöhtem Alkoholgenuss und Schreibblockaden kämpft.

Erst 1977 gelingt es dem Autor endgültig trocken zu werden – ein Jahr nach der Veröffentlichung von „Die Sünden der Väter“, einer „Detective Story“ ganz in der Tradition des „Noir“ der 30er und 40er Jahre. Und damit kommen wir nun zum Inhalt des vorliegenden Romans:

New York, Mitte der 1970er Jahre. Matthew „Matt“ Scudder ist ein häufiger, trinkfreudiger Gast in den diversen Bars des Big Apple, nachdem er bei einem Schusswechsel – er war zu dem Zeitpunkt nicht im Einsatz – durch einen Querschläger versehentlich den Tod eines jungen Mädchens verursacht und kurz darauf schwer traumatisiert seinen langjährigen Dienst beim NYPD quittiert hat. Seine Frau, anfangs noch eine Stütze, hat ihn mit den Kindern inzwischen verlassen. Er selbst lebt mittlerweile in einem gemieteten Hotelzimmer im Stadtteil Hell’s Kitchen und verdient sich sein Einkommen als Privatdetektiv ohne Lizenz. Oder wie er es nennt, als jemand, der „Freunden einen Gefallen tut“. Obwohl selbst nicht gläubig, lässt er dabei stets einen Zehnten in den Spendenboxen der hiesigen Kirchen – Buße für seine Schuld, welche ihn langsam, aber stetig in die Alkoholsucht (und im weiteren Verlauf der Reihe fast bis ins Grab) treibt. Eine am Anfang noch unmerkliche Abwärtsspirale, welche nur hin und wieder durch einen Job unterbrochen wird, der seine gesamte Aufmerksamkeit erfordert.

Ein solcher bietet sich Scudder, als er kurz nach der Ermordung der jungen Wendy Hanniford von ihrem Vater, der seit Jahren keinen Kontakt mehr zu seiner Tochter hatte, darum gebeten wird, mehr über die Umstände ihres Todes und die letzten Monate in ihrem Leben herauszufinden. Besonders ersteres erscheint auf den ersten Blick mehr als überflüssig, wurde doch ihr Mörder, ihr Mitbewohner Richard Vanderpoel, blutverschmiert in der Nähe des Tatorts festgenommen, in Windeseile verurteilt und erst vor kurzem tot in seiner Zelle aufgefunden. Seine Schuld an Wendys Tod hat er nie geleugnet, allein über das Motiv schwieg er sich bis zuletzt aus.

Auf den ersten Blick sieht das für Scudder nach leicht verdientem Geld aus und auch wenn er seinen Auftraggeber warnt, dass er Dinge finden könnte, die diesem vielleicht nicht gefallen könnten, nimmt er den Fall an. Doch der „Gefallen für einen Freund“ wirft recht schnell mit jeder weiteren Entdeckung zusätzliche Fragen auf. Hat Wendy Hanniford wirklich als Prostituierte ihr Geld verdient? Und war Richard Vanderpoel tatsächlich ihr letzter Liebhaber? Scudder nutzt seine ganze Erfahrung, die Kontakte bei alten Kollegen und natürlich die auf der Straße, um die wahren Hintergründe offenzulegen …

Block hat den Teil des Mythos, der ebenso Klischee wie Wunscherfüllung ist, beiseite gelegt und ihn durch etwas ersetzt, das sehr viel glaubwürdiger ist. Das Ergebnis ist eine Reihe von Büchern, die genau genommen ein einziges sind – eine urban-alkoholkranke moderne Version der „Pilgerreise“-, mit einer Figur, die ganz und gar über die Gattung hinauswächst, der sie entsprungen ist.

Viel besser als Stephen King im Vorwort zu diesem Roman, kann man wohl kaum die Faszination für diese Reihe und ihre Hauptfigur beschreiben, trifft er damit doch genau den Kern dessen, was Matthew Scudder in der Literatur so einzigartig macht. Lawrence Block gelingt auf knappen zweihundert Seiten nichts Geringeres als der nächste Evolutionsschritt des „Hardboiled“-Novels, indem er seine Figur in einem gänzlich zeitgenössischen New York erdet und dabei sämtliche Romantisierungen oder künstliche Ausschmückungen (und Katzen!) über die Literaturreling wirft.

Übrig bleibt eine menschliche, greifbare und verletzliche Essenz – ein gebrochener Ex-Cop, der darüber aber, wie der Autor selbst, wenig Aufhebens macht oder gar Worte verliert, sondern sich halt einfach stoisch durchs Leben kämpft. Weniger angetrieben von einem Gerechtigkeitssinn, als vielmehr durch die schlichte Notwendigkeit, sein Einkommen zu verdienen und dafür eben die Talente einzusetzen, welche ihm zur Verfügung stehen. Scudder ist dabei weder die Kavallerie am Horizont noch ein Ritter in glänzender Rüstung. Und das macht Block den Leser von Beginn an klar.

Der Privatdetektiv ohne Lizenz lässt keinen Zweifel daran, dass er selbst in der Vergangenheit für Bestechung durchaus empfänglich war, hält allein den Gedanken an eine Polizei, die nicht zumindest zum Teil korrupt ist, für eine realitätsfremde Fantasterei. Er hält mit seiner Meinung nie hinter dem Berg, macht sich selten die Mühe, sich zu verstellen und schreckt auch nicht davor zurück, handgreiflich zu werden, wenn es dem Vorankommen in einem Fall dienlich ist. Kurzum: Scudder ist von Beginn nicht darauf ausgelegt, vom Leser „gemocht“ zu werden, sondern steht sinnbildlich für den gesellschaftlichen Verfall Amerikas nach dem Vietnamkrieg. Einem Land, das seine Unbesiegbarkeit zu diesem Zeitpunkt genauso verloren hat, wie die Illusion der eigenen Unfehlbarkeit und moralischen Überlegenheit.

Die Helden der Vergangenheit, sie sind längst keine mehr und in diesen Zeiten schon gar nicht mehr glaubwürdig vermittelbar. Block hat dies in all der Tragik für sich erkannt und genutzt, um mittels Scudder seiner Leserschaft die begrenzten Möglichkeiten auf dem „Pursuit to Happiness“ aufzuzeigen – und die Opfer, welche es verlangt, um den jeweils eigenen Ziel überhaupt näherzukommen. Die Ehe des Privatdetektivs ist unrettbar kaputt, seine Beziehung zu den Kindern eigentlich non-existent und so etwas wie einen Ehrenkodex kann er sich als Ermittler ohne Lizenz – anders als in Filmen – schlicht nicht leisten. In den Straßenschluchten des Molochs New York überleben auf Dauer nur die Stärksten und Hartnäckigsten, was auch ein nächtlicher Gauner bei seiner Konfrontation mit Scudder zu seinem Leidwesen erfahren muss.

(…) Ich stützte mich neben ihm auf die Knie, nahm seine rechte Hand in meine linke und näherte mein Gesicht dem Seinen. Seine Augen waren weit aufgerissen und er hatte Angst, und darüber war ich froh, denn ich wollte, dass er Angst hatte. Ich wollte, dass er wusste, was Angst war und wie sie sich anfühlte.

Ich sagte: „Hör zu. Diese Straßen sind hart und unerbittlich, und du bist weder hart genug noch unerbittlich genug. Du solltest dir besser eine ehrliche Arbeit suchen, denn du wirst es hier draußen nicht schaffen, weil du zu weich bist. Du denkst, dass es hier draußen leicht ist, aber es ist härter als du jemals gedacht hast, und nun hast du die Gelegenheit, es zu lernen.“

Ich bog die Finger seiner rechten Hand einzeln zurück, bis sie brachen. Nur die vier Finger. Den Daumen ließ ich in Frieden. Er schrie nicht. Ich vermutete, der Schreck blockierte den Schmerz. (…)

Diese Konfrontation ist tatsächlich die einzige körperliche Auseinandersetzung, welche auf den Leser wartet, der ansonsten Scudder vor allem bei seinen Nachforschungen durch New York und Umgebung folgt und dabei immer wieder in Dialogen mit Beteiligten und Verdächtigen neue Indizien zutage fördert. Actionarm, so würde man das aus heutiger Sicht wohl nennen und damit zwar faktisch nicht falsch liegen, aber letztlich wahrscheinlich ein falsches Bild zeichnen, denn „Die Sünden der Väter“ ist tatsächlich von Anfang bis Ende ein formvollendeter Page-Turner. Wie auch seine Kollegen Elmore Leonard oder Donald E. Westlake, so verschwendet auch Lawrence Block in seinem Buch kein Wort zu viel, schnurrt diese fettfreie Schreibe wie ein Achtzylinder-Muscle-Car nur so durch die Handlung, ohne dabei auch nur einmal für eine Pinkelpause anzuhalten. Die Redensart „wie aus einem Guss“ wird ja in Besprechungen (und auch von mir) öfters bemüht, aber hier kommt man halt auch einfach nicht um sie herum.

Lawrence Block erlaubt sich über die komplette Distanz (bis hin zur gelungenen Auflösung) keinen Fauxpas, lässt uns nicht eine Sekunde aus den Fängen, schreibt derart kaptivierend, dass diese in ihrem Kern recht simple und wenig komplexe Geschichte scheinbar Flügel bekommt und uns darauf einfach kurzerhand mit durch die Seiten trägt. Klar, auch „Die Sünden der Väter“ bleibt letztlich den Gesetzen des Detektivromans auf eine gewisse Art und Weise treu, aber es deutet sich bereits in diesem ersten Buch der Reihe an, dass Matthew Scudder doch ein gänzlich neues, vielschichtigeres Exemplar dieser Gattung ist – eins, das auch weit mehr mit seiner Umgebung interagiert und auf der anderen Seite auch von ihr beeinflusst wird. So sehr Scudder diesem Fall daher seinen Stempel aufdrückt – ohne den Schauplatz New York, das wird jetzt schon klar, funktioniert er allenfalls halb so gut. Wer die folgenden Bände liest – was ich nur jedem unbedingt ans Herz lege – wird diese meine Aussage bestätigt sehen.

Wer es bis hierhin noch nicht verstanden hat, dem sei nun an dieser Stelle zusammenfassend nochmal deutlich gesagt:

Die Sünden der Väter“ ist ein dreckiges, nachtschwarzes Brett von einem Kriminalroman, mit dem man sich unbedingt zwei, drei Nächte um die Ohren schlagen sollte, um dafür im Gegenzug von einer besonderen Art der Suspense gefangen genommen zu werden, welche so nur ein Lawrence Block erzeugen kann. Trinkstark und Tough – das mögen viele Protagonisten in diesem Genre sein. Wie menschlich sensibel und subtil der Autor dies jedoch hier inszeniert, das ist tatsächlich einzigartig und vor allem einzigartig gut. Unbedingte Empfehlung und ein Riesendankeschön an Stefan Mommertz, der für die Wiedergeburt Blocks hierzulande in großem Maße verantwortlich zeichnet.

Wertung: 92 von 100 Treffern

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  • Autor: Lawrence Block
  • Titel: Falsches Herz
  • Originaltitel: The Sins of the Fathers
  • Übersetzer: Stefan Mommertz
  • Verlag: CreateSpace Independent Publishing
  • Erschienen: 02/2016
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 202 Seiten
  • ISBN: 978-1523832699

Meine Vorschau, ein Rückblick – Verlagsvorschauen Frühjahr 2024

Dieser Beitrag steht irgendwie sinnbildlich für mein vergangenes letztes Jahr, das gesundheitlich und beruflich so seine Herausforderungen mit sich brachte, denen dieser Blog leider über viele Monate besonders stark zum Opfer fiel. Da stellt man mühsam und langwierig eine Auswahl der (meines Erachtens) interessantesten Titel aus den Frühjahrsvorschauen für 2024 zusammen – nur um diesen Beitrag dann anschließend niemals online zu stellen. Wirklich gut gemacht, Herr Heidsiek.

Als ich heute über diese Archivleiche gestolpert bin, habe ich mich erstmal ziemlich geärgert und dann sehr schnell den Mausecursor Richtung „Entfernen“ bewegt, um dann doch kurz inne zu halten und nachzudenken. Tatsache ist: Viele von euch da draußen werden die untenstehenden Bücher schon längst gekauft und gelesen (manche gar besprochen) haben. Und falls nicht, so sind sie vielleicht bereits seit langem auf eurem Wunschzettel gelandet. Macht es daher überhaupt Sinn, diesen Beitrag nachträglich noch nachzuschieben? Naja, eventuell partiell, denn es könnte ja sein, dass auch andere da draußen in den vergangenen Monaten wenig Zeit hatten, um sich den Vorschauen zu widmen oder, wie ich, einfach mal in Ruhe durch seine Lieblingsblogs zu stöbern. Für den inzwischen eher unwahrscheinlichen Fall, dass ich zu diesen noch zähle, veröffentliche ich diese Liste also nun doch noch nachträglich – und  natürlich weil der Ostwestfale in mir sich einfach ungern eingestehen will, irgendetwas vollkommen umsonst gemacht zu haben.

Hier sind sie also, meine Bücher auf Dir ich euch hättet freuen können, inzwischen schon von euch an Freunde verliehen oder eurerseits mit einen ausführlichen Verriss in einer Rezension vernichtet wurden – und dazwischen hoffentlich auch der eine Titel, den ich ihr übersehen habt und nun unbedingt noch für eure übervolle Sammlung braucht.

Viel Spaß beim abhaken der Liste und nochmals Entschuldigung für die „leichte“ Verspätung.

Euer Stefan

 

ARIADNE VERLAG

13.05.2024

Sara Paretsky – Entsorgt

Hardcover, 978-3867542760, 544 Seiten, 25,00 €

© Ariadne

Beim Versuch, eine abgetauchte Namenlose wiederzufinden, stößt Privatdetektivin V.  I. Warshawski auf daniederliegende städtische Infrastrukturen und hässliche Machenschaften. Und während Chicago noch unter den Spätfolgen des Pandemie-Lockdowns ächzt, legt sie sich mit einer übermächtigen Koalition ruchloser Interessen an …

 

ARS VIVENDI VERLAG

30.04.2024

Ron Rash – Der Friedhofswärter

Hardcover, 978-3747206072, 300 Seiten, 24,00 €

© Ars Vivendi

Blowing Rock, North Carolina, zu Beginn der 1950er Jahre. Der junge Blackburn Grant, seit seiner Kindheit von einer Polioerkrankung gezeichnet, arbeitet als einziger Friedhofswärter der kleinen Stadt in den Appalachen. Sein Leben mit den Toten passt gut zu seiner zurückhaltenden Art, und die gelegentlichen Momente des Unbehagens bringen ihn längst nicht so aus dem Konzept wie die Gespräche mit den Bewohnern der Stadt. Doch als sein einziger Freund Jacob für den Koreakrieg eingezogen wird, bekommt Blackburn die Aufgabe, sich um dessen schwangere Frau Naomi zu kümmern.

Die sechzehnjährige, mittellose Naomi und Jacob sind seit ihrer Hochzeit, die gegen den Willen von Jacobs wohlhabenden Eltern vollzogen wurde, Ausgestoßene in Blowing Rock. Naomi und Blackburn kommen sich näher, und als Jacob im Krieg schwer verwundet wird, entsteht ein Plan, der das Leben von vielen Menschen erschüttern wird …

 

ATRIUM VERLAG

17.04.2024

Eli Cranor – Bis aufs Blut

Hardcover, 978-3855351794, 336 Seiten, 24,00 €

© Atrium

In einem Trailer Park irgendwo in den Ozarks wächst Billy Lowe mit einer drogenabhängigen Mutter und einem gewalttätigen Stiefvater auf. Seine Wut und seinen Schmerz trägt Billy auf das Football Feld, wo sie ihn zu einem sehr guten, aber unberechenbaren Spieler machen. Schon bald verliert Billy beim Training die Kontrolle. Als dann auch noch sein Stiefvater tot aufgefunden wird, nimmt eine unaufhaltsame Verkettung von Ereignissen ihren Anfang, die geprägt ist von Gewalt, Vorurteilen und Hoffnungslosigkeit.

 

BLANVALET VERLAG

17.01.2024

Elly Conway – Argylle

Broschiertes Taschenbuch, 978-3764508180, 544 Seiten, 18,00 €

© Blanvalet

Der russische Milliardär Wassili Federov träumt davon, Russland wieder zu alter Größe zurückzuführen. Als der alte und unbeliebte Präsident zurücktritt, wähnt er seine Zeit gekommen, das Ruder zu übernehmen. Doch um das russische Volk auf seine Seite zu ziehen, bedarf es eines symbolischen Akts. Was wäre, wenn es Federov gelänge, den Russen einen einmaligen Kunstschatz zurückzugeben? Das Bernsteinzimmer! Frances Coffey, die legendäre Chefin des CIA, weiß, dass sie Federovs Machtstreben Einhalt gebieten muss. Sie muss das Bernsteinzimmer vor dem Russen finden. Doch dafür benötigt sie einen ganz besonderen Spion: Argylle – mit einem Rucksack voller Probleme und einer nicht ganz reinen Vergangenheit, aber mit den einzigartigen Fähigkeiten, die benötigt werden, um es mit einem der mächtigsten Männer der Welt aufzunehmen …

 

CROSS CULT VERLAG

03.06.2024

John Gardner – Goldeneye

Taschenbuch, 978-3986664534, 368 Seiten, 18,00 €

© Cross Cult

Der Roman zum Film mit Pierce Brosnan Sie ist wunderschön. Sie ist Russin. Und sie ist sehr, sehr gefährlich. Einst arbeitete Xenia für den KGB, doch nun gehört sie zu Janus, einem mächtigen und ehrgeizigen russischen Verbrechersyndikat, das sich nicht weiter um Ideologien schert. Janus strebt nach Geld und Einfluss: zu den ganz normalen Geschäftsmethoden gehören Diebstahl und Mord. Und nun hat das Oberhaupt des Syndikats GoldenEye gestohlen, ein Satellitensystem der Spitzentechnologie, mit dem sich die Finanzmärkte des Westens erschüttern, ja vielleicht sogar zerstören lassen. Doch Janus hat seinen fest entschlossenen Widersacher unterschätzt: James Bond!

 

DIOGENES VERLAG

20.03.2024

Fuminori Nakamura – Die Flucht

Hardcover, 978-3257072853, 496 Seiten, 26,00 €

© Diogenes

Yamamine Kenji kommt in den Besitz der legendären Teufelstrompete des Komponisten Suzuki. Ihr wird die Macht zugeschrieben, Menschen ihren Willen zu rauben. Bei Recherchen auf den Philippinen trifft Yamamine die junge Ain. Sie verlieben sich, Ain folgt ihm nach Tokio. Dort will die Mafia die Trompete für ihre Zwecke nutzen, und Ain stirbt gewaltsam. Was Yamamine jetzt noch bleibt, ist, das Rätsel der Trompete zu lösen und sich mit der Welt in Liebe zu versöhnen.

 

DROEMER VERLAG

02.04.2024

Val McDermid – Die Gabe der Lüge

Broschiertes Taschenbuch, 978-3426448014, 496 Seiten, 17,99 €

© Droemer

Vor Jahren verschwand in Edinburgh die Studentin Lara Hardie vor ihrer eigenen Haustür – bis heute gibt es keine brauchbaren Spuren, keine Hinweise, keine Leiche.

Bis der Anruf einer Bibliothekarin DCI Karen Pirie einen rätselhaften neuen Fall beschert: Im Nachlass eines kürzlich verstorbenen Schriftstellers wurde ein Manuskript gefunden, dessen Handlung erschreckende Ähnlichkeit mit dem Cold Case der vermissten Studentin aufweist. Das Manuskript scheint der Schlüssel zu sein, um endlich herauszufinden, was mit Lara Hardie geschehen ist. Es gibt da nur ein Problem: Der Autor starb, bevor er es fertigstellen konnte.

Als Karen tiefer gräbt, stößt sie auf ein Spiel aus Verrat und Rache, bei dem Lüge und Wahrheit nicht zu unterscheiden sind und das mehr als eine unerwartete Wendung nimmt.

 

DTV VERLAG

15.02.2024

Susanne Goga – Der Teufel von Tempelhof

Taschenbuch, 978-3423220477, 400 Seiten, 13,00 €

© Dtv

Februar 1929: In einer Grünanlage am Ufer des Gewässers Blanke Hölle wird ein Mann ermordet aufgefunden. Man identifiziert ihn als Dr. Ferdinand Clasen, der in der Nähe in einem Haus wohnte, das im Volksmund Spukvilla genannt wird. Es finden sich Hinweise darauf, dass Dr. Clasen sehr freigiebig mit der Verordnung von Medikamenten war, solange das Honorar stimmte. Ein Mordmotiv? Eine weitere Spur führt Kommissar Leo Wechsler zum Kloster vom Guten Hirten im benachbarten Marienfelde, das ein Erziehungsheim für Mädchen unterhält. Clasen hatte die ärztliche Versorgung der Mädchen übernommen. Gerade ist die junge Erika von dort verschwunden, die von ihm behandelt wurde. Doch wo ist das Mädchen jetzt und könnte sie eine Mörderin sein?

15.02.2024

Barbara Kingsolver – Demon Copperhead

Hardcover, 978-3423283960, 832 Seiten, 28,00 €

© Dtv

Ein Trailer in den Wäldern Virginias. Das Land der Tabakfarmer und Schwarzbrenner, der »Hillbilly-Cadillac«-Stoßstangenaufkleber an rostigen Pickups, aufgegeben von sämtlichen Superhelden und dem Rest der Nation. Hier kommt Demon Copperhead zur Welt – die Mutter ist noch ein Teenie und frisch auf Entzug, der Vater tot. Ein Junge mit kupferroten Haaren, großer Klappe und einem zähen Überlebenswillen, trotz allem, was das Leben für ihn bereithält: Armut, Pflegefamilien, Drogensucht, erste Liebe und unermesslichen Verlust. Es ist seine Geschichte, erzählt in seinen Worten, unbekümmert, vorwitzig, von übersprudelnder Lebenskraft. Ein mitreißender Roman über ein Leben auf Messers Schneide, in dem in jedem Moment Hoffnung aufscheint.

15.02.2024

Elizabeth E. Wein – Code Name Verity

Hardcover, 978-3423765015, 464 Seiten, 17,00 €

© Dtv

Oktober 1943: Ein britisches Flugzeug stürzt im von den Nazis besetzten Frankreich ab. Maddie, die Pilotin, und Geheimagentin »Verity«, die mitfliegt, sind beste Freundinnen. Während Maddie entkommen kann, wird Verity von der Gestapo entdeckt. Sie erlebt den schlimmsten Albtraum einer Spionin, die im feindlichen Gebiet gefasst wurde, denn ihre Verhörer stellen sie vor die Wahl: Entweder sie verrät freiwillig ihre Mission oder die Informationen werden grausam aus ihr herausgefoltert. Verity ist sicher, dass sie selbst nicht überleben wird. Doch wird sie ihre Geheimnisse preisgeben, um so vielleicht das Leben ihrer besten Freundin zu retten?

 

EDITION NAUTILUS VERLAG

04.03.2024

Adam Morris – Bird

Broschiertes Taschenbuch, 978-3960543404, 272 Seiten, 20,00 €

© Edition Nautilus

Der Kunstlehrer denkt, Carson sei einer der Intelligenteren im Knast, die Psychologin sieht nur seine breiten Schultern, der Bewährungshelfer interessiert sich vor allem für die schmuddeligen Details seiner Erzählungen. Immer wieder landet Carson im Bau, wegen Drogengeschichten oder weil er nicht ganz legal an ein Auto gekommen ist. Der Roman folgt dem jungen Aborigine auf seinem Weg im Gefängnis, nach draußen und zurück in die Zelle – ein Kreislauf, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint. Carsons Geschichte wird ausschließlich aus der Perspektive der anderen, zumeist weißen Menschen erzählt, die ihn umgeben. Ihr Blick, sei er wohlwollend oder gleichgültig, begehrlich oder herablassend, zeichnet Carson als komplexen Charakter, der jedoch Spielball eines Systems bleibt, das ihm keine echte Handlungsmacht zugesteht. Erschütternd, aber voller düsterem Humor spiegelt »Bird« im Mikrokosmos des Gefängnissystems die Realität einer noch immer zutiefst segregierten, rassistischen Gesellschaft, in der Freiheit nicht für alle vorgesehen ist.

 

ELSINOR VERLAG

01.01.2024

Boston Teran – Gärten der Trauer

Broschiertes Taschenbuch, 978-3942788786, 212 Seiten, 20,00 €

© Elsinor

GÄRTEN DER TRAUER ist ein brillanter und historisch relevanter Roman. Sein Protagonist John Lourdes, ein Agent des Bureau of Investigation, wird vom US-Außenministerium 1915 nach Konstantinopel geschickt. Der Große Krieg hat begonnen und die Briten wurden soeben von den Türken bei den Dardanellen besiegt. In der Türkei will die Regierung alle christlichen Armenier beiseiteschaffen, der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts bahnt sich an. John Lourdes‘ heimlicher Auftrag besteht darin, einem geächteten Priester namens Malek zu helfen, der als armenischer Volksheld gilt. Lourdes‘ deutscher Gegenspieler Rittmeister Franke führt eine Truppe brutaler Mörder an, die von den Jungtürken aus den Gefängnissen geholt wurden. Mit dieser Soldateska erschafft Franke eine Landschaft voller Angst und Terror. Natürlich geht es auch um Öl. Hier um die Ölfelder von Baku und Basra, die für die kriegführenden Mächte schon im Ersten Weltkrieg Bedeutung hatten. Teran zeigt die Zeichen der Zerstörung der alten Welt und das Entstehen einer Zeit, in der die Barbarei wissenschaftlich wird und sich ökonomische Interessen krebsartig in sämtliche moralische Entscheidungen einfressen.

 

FESTA VERLAG

28.06.2024

Joe R. Lansdale – More Better Deals – Tödliche Geschäfte

Hardcover, 978-3986761363, 336 Seiten, 22,99 €

© Festa

Ed verkauft Gebrauchtwagen, ein Geschäft, das auf manipulierten Kilometerzählern, kaum lesbarem Kleingedruckten und der Überzeugung, dass »Käufer besser aufpassen müssen«, beruht. Er träumt von einer besseren Zukunft. Und das ist genau das, was seine alkoholkranke Mutter sich wünscht, denn sie nervt Ed ständig, endlich etwas zu tun, das seiner Hautfarbe würdig ist. Als er einen Cadillac an Frank und dessen schöne Frau Nancy ausliefert, bekommt Ed endlich die Chance, seinem miserablen Leben zu entkommen. Denn Nancy hat die Nase voll von dem Trottel, der ihr Ehemann ist. Sie beginnt eine Affäre mit Ed und schlägt vor, er soll Frank töten, damit sie an seine Versicherungspolice kommt. Ein verlockendes Angebot: die Frau, das Auto und jede Menge Geld. Aber hat Ed das Zeug dazu, den Plan durchzuziehen?

 

HARPER COLLINS VERLAG

20.02.2024

Daniel Alvarenga – Hundswut

Taschenbuch, 978-3365006726, 288 Seiten, 14,00 €

© HarperCollins

In der bayerischen Provinz will man 1932 noch nichts von dem wissen, was in München vor sich geht. Hier nehmen die Bürger die Dinge noch selbst in die Hand. Als bestialische Morde das Dorf erschüttern, gilt es für den Bürgermeister und seinen Gemeinderat, die Gräueltaten schnellstmöglich aufzuklären. Während man zunächst vermutet, dass ein Wolf im nahen Wald sein Unwesen treibt, verdichten sich bald die Gerüchte, dass es sich um einen menschlichen Täter handeln muss. Dem Hauptverdächtigen, dem Einsiedler Joseph Köhler, soll kurzerhand der Prozess gemacht werden, doch dieser beteuert vehement seine Unschuld. Spätestens als Dorfpfarrer Hias den mittelalterlichen Hexenhammer zu Rate zieht, geraten die Ereignisse außer Kontrolle, und nur die Ehefrauen der Dorfoberhäupter können noch versuchen, dem grausigen Wahnsinn ein Ende zu bereiten.

21.05.2024

Neil Lancaster – Der Pfad des Zorns

Taschenbuch, 978-3365006122, 480 Seiten, 14,00 €

© HarperCollins

Detective Sergeant Max Craigie und das Policing Standards Reassurance Team werden auch bei diesem Fall in die Suche nach gewalttätigen Drogendealern verwickelt. Es scheint, dass die Dealer Informationen von einer hochrangigen Quelle in einer der schottischen Strafverfolgungsbehörden erhalten. Es kommt zu zwei Todesfällen, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Ein unbedeutender Drogendealer am Ufer des Loch Torridon und ein Selbstmörder auf der Erskine-Brücke über den Fluss Clyde in Glasgow, der kurz vor seinem Sturz in den Abgrund behauptet, er habe »Polizisten verbogen und gemordet«. Als die Untersuchungen beginnen, geraten alle Menschen, denen Max sich nahe fühlt, in Gefahr. Schnell wird klar, dass die beiden Vorfälle nicht nur miteinander zusammenhängen, sondern außerdem in Verbindung mit Tam Hardie stehen, der im Gefängnis schmachtet. Doch wie gelingt es dem Straftäter, aus seiner Zelle heraus zu operieren? Und was noch viel wichtiger ist: Wem aus den eigenen Reihen kann man überhaupt noch trauen?

21.05.2024

Don Winslow – City in Ruins

Hardcover, 978-3365005668, 368 Seiten, 24,00 €

© HarperCollins

Danny Ryan ist reich. Reicher, als er es sich je erträumt hätte. Früher war er ein Hafenarbeiter, Mafia-Gang-Mitglied und Gesetzesflüchtling, nun ist Danny ein erfolgreicher Geschäftsmann in Las Vegas. Doch er will mehr.

Als er versucht, ein altes Hotel auf einem erstklassigen Grundstück zu kaufen, löst er einen Krieg zwischen den mächtigsten Männern in Vegas aus. Danny glaubt, seine Vergangenheit begraben zu haben, doch nun droht sie ihn einzuholen. Alte Feinde kehren zurück – mit dem Ziel, ihm alles zu nehmen, was ihm wichtig ist: nicht nur sein Imperium, nicht nur sein Leben, sondern auch seinen Sohn.

Um zu retten, was Danny am meisten liebt, muss er wieder der skrupellose Mann werden, der er einst war – und der er nie wieder sein wollte …

 

HANSERBLAU VERLAG

19.02.2024

Dani Shapiro – Leuchtfeuer

Hardcover, 978-3446279353, 288 Seiten, 23,00 €

© Hanserblau

Eine Sommernacht 1985: In einem Vorort von New York steigen drei betrunkene Teenager in ein Auto – und nichts ist mehr wie zuvor.
Die Geschwister Sarah und Theo zerbrechen fast an der Last des Geheimnisses, das sie seitdem teilen, und selbst 20 Jahre später bestimmt es ihr Leben. Auch ihr Vater Ben, ein pensionierter Arzt, hadert mit seiner Rolle in jener denkwürdigen Nacht. Doch als Bens Begegnung mit dem zehnjährigen Nachbarsjungen Waldo eine Kette von Ereignissen in Gang setzt, droht das Geheimnis zu platzen und ihrer aller Leben in ungeahnte Bahnen zu lenken.

 

HANSER VERLAG

18.03.2024

Percival Everett – James

Hardcover, 978-3446279483, 336 Seiten, 26,00 €

© Hanser

Jim spielt den Dummen. Es wäre zu gefährlich, wenn die Weißen wüssten, wie intelligent und gebildet er ist. Als man ihn nach New Orleans verkaufen will, flieht er mit Huck gen Norden in die Freiheit. Auf dem Mississippi jagt ein Abenteuer das nächste: Stürme, Überschwemmungen, Begegnungen mit Betrügern und Blackface-Sängern. Immer wieder muss Jim mit seiner schwarzen Identität jonglieren, um sich und seinen jugendlichen Freund zu retten. Percival Everetts „James“ ist einer der maßgeblichen Romane unserer Zeit, eine unerhörte Provokation, die an die Grundfesten des amerikanischen Mythos rührt. Ein auf den Kopf gestellter Klassiker, der uns aufrüttelt und fragt: Wie lesen wir heute? Fesselnd, komisch, subversiv.

18.03.2024

Julien Green – Treibgut

Hardcover, 978-3446279513, 304 Seiten, 28,00 €

© Hanser

Die Wiederentdeckung eines Meisterwerks. Nacht in Paris, am Ufer der Seine. Eine Frau streitet mit einem Mann, ruft um Hilfe. Philippe hat sie gesehen, doch er macht einen Schritt rückwärts und geht nach Hause. Von da an steht fest, er ist ein Feigling. Wie soll er weiterleben zwischen seiner Ehefrau, die ihn verachtet, und seiner Schwägerin, die ihn heimlich liebt? Julien Green zeigt die Nachtseite eines Paris, das keine Belle Epoque mehr ist und erzählt von Menschen in einer untergehenden Gesellschaft. Anhand neuer biografischer Quellen kommentiert und glänzend neuübersetzt von Wolfgang Matz.

 

INSEL VERLAG

20.05.2024

Anthony Horowitz – Mord stand nicht im Drehbuch

Hardcover, 978-3458644163, 300 Seiten, 24,00 €

© Insel

»Tut mir leid, Hawthorne. Aber die Antwort ist nein«. Entschieden erklärt Anthony Horowitz die Zusammenarbeit mit Privatdetektiv Daniel Hawthorne für beendet. Er ist mit anderen Dingen beschäftigt, denn sein Theaterstück Mindgame soll in den nächsten Tagen uraufgeführt werden.

Noch während der Premierenfeier macht die vernichtende Besprechung in der Sunday Times die Runde. Vor allem das Skript wird verrissen. Und am nächsten Morgen wird die Kritikerin tot aufgefunden, ermordet mit einem antiken Dolch, der dem Autor gehört, und auf dem seine Fingerabdrücke verteilt sind. Er wird verhaftet, und in seiner Zelle wird ihm voller Verzweiflung klar, dass ihm jetzt nur noch einer helfen kann – Daniel Hawthorne. Aber wird der sich darauf einlassen, nach allem, was vorgefallen ist?

 

KAMPA VERLAG

25.04.2024

Andrea Maria Schenkel – Richtet sie hin!

Broschiertes Taschenbuch, 978-3311120711, 240 Seiten, 16,90 €

© Kampa

Milliardärssohn Harry Kendall Thaw, der Harvard University verwiesen, nachdem er einen Taxifahrer mit einer Schrotflinte durch die Stadt gejagt hatte, war besessen von dem New Yorker Stararchitekten Stanford White. Seine Obsession führte so weit, dass er White 1906 auf der Dachterrasse des von ihm entworfenen Madison Square Garden aus nächster Nähe erschoss. Hans Schmidt, zeit seines Lebens Sonderling und Einzelgänger, ermordete im Herbst 1913 das Hausmädchen seiner Pfarrei in Harlem, zerstückelte ihre Leiche und versenkte sie im Hudson River. Später gab er an, von Gott den Befehl erhalten zu haben, Anna zu opfern. Schmidt ging in die Geschichte ein als einziger Pfarrer, der in den USA hingerichtet wurde. Carl Panzram ermordete nach eigenen Angaben über zwanzig Menschen, suchte immer nach den Schwachen, den Harmlosen, den Ahnungslosen, und wurde doch nur für ein Tötungsdelikt verurteilt.

Bestsellerautorin und Kriminalreporterin Andrea Maria Schenkel hat historische Kriminalfälle gesammelt, recherchiert und aufgeschrieben. Schon 2006, lange vor dem True-Crime-Hype, wurde sie mit ihrem Debütroman Tannöd, der auf einem wahren, bis heute ungelösten Mordfall beruht, schlagartig berühmt. Heute lehrt sie im Rahmen ihres Promotionsstudiums am CUNY John Jay College of Criminal Justice der City University of New York. Was Schenkel am Verbrechen fasziniert, ist das Wesen des Bösen. Ist der Mensch per se böse – oder wird er dazu gemacht?

25.04.2024

William Thorp – Und dann verschwinde ich in die Nacht

Broschiertes Taschenbuch, 978-3311120803, 144 Seiten, 15,90 €

© Kampa

Rancho Cordova, Kalifornien, 1974: Ein Einbrecher versetzt das sonst so idyllische Städtchen in Angst und Schrecken. Wie ein Schatten bewegt er sich über die Dächer, steigt in Wohnungen ein und prügelt die Haustiere brutal zu Tode. »Cordova Cat Burglar« wird er genannt – nur einer von vielen Spitznamen, die ihm im Laufe der 70er- und 80er-Jahre gegeben werden, als er verschiedene Städte an der Westküste terrorisiert. »Visalia Ransacker«, »East Area Rapist«, »Original Night Stalker«, »Golden State Killer« – die Bezeichnungen spiegeln die wachsende Brutalität seiner Taten wider. Vom Einbrecher wird er zum Serienvergewaltiger, später zum kaltblütigen Mörder. Erst Jahre später, als die DNA-Analyse immer flächendeckender angewendet wird, können seine Taten miteinander in Verbindung gebracht werden. Doch bis der Täter tatsächlich identifiziert und gefasst wird, vergehen noch einmal Jahrzehnte. Auf der Basis akribischer Recherchen und intensiver Gespräche mit Ermittler*innen, Angehörigen und Opfern zeichnet William Thorp das Leben des Golden- State-Killers und die Jagd auf ihn nach.

 

KLETT-COTTA VERLAG

16.03.2024

Nicholas Blake – Mord auf der Kreuzfahrt

Hardcover, 978-3608986969, 328 Seiten, 20,00 €

© Klett-Cotta

An Bord der Menelaos, einem Kreuzfahrtschiff in der Ägäis, scheint es, als wüsste jeder über die Angelegenheiten der anderen Bescheid: Eine Lehrerin, die sich von einem Nervenzusammenbruch erholt, wird von einer ehemaligen Schülerin zur Rede gestellt. Ein Intellektueller wird von eben dieser Lehrerin in Verlegenheit gebracht. Eine Verführerin bringt die männlichen Gäste – auch Nigel – ein ums andere Mal in Verlegenheit. Und zu allem Überfluss überwachen zwei Wichtigtuer jeden Passagier des Schiffes auf Schritt und Tritt. Als sich die Leben der Urlauber immer mehr verflechten, scheint Gefahr in der Luft zu liegen. Und dann geschieht tatsächlich ein Mord – und dann noch einer. Plötzlich ist jeder verdächtig. Nigels Urlaub währt also nicht allzu lange, und er muss die Wahrheit aufdecken, bevor ein weiterer Passagier aus dem Leben gerissen wird.

 

KNAUR VERLAG

01.07.2024

Harald Gilbers – Tanzpalast

Taschenbuch, 978-3426530146, 464 Seiten, 12,99 €

© Knaur

Berlin, 1950: Eine junge Frau, die als vermisst gemeldet war, wird schließlich ermordet aufgefunden, ihre Leiche inszeniert wie eine Heiligenikone. Das Brisante: Sie hatte eine Affäre mit einem amerikanischen General. Gab es ein persönliches Motiv, sollte eine »Volksverräterin« bestraft werden, oder stecken gar die Russen hinter dem Mord?

Kommissar Oppenheimer und seine scharfsinnige neue Assistentin Fräulein Murr werden bei dem undurchsichtigen Fall vom afroamerikanischen Zeugen Eugene Peters unterstützt. Doch obwohl das ungleiche Trio unter Hochdruck verschiedenen Spuren folgt, kommen die Ermittlungen nicht recht voran. Dann verschwindet die Ehefrau eines US-Offiziers, und der Fall spitzt sich dramatisch zu …

 

LIEBESKIND VERLAG

04.03.2024

Elmore Leonard – Letztes Gefecht am Saber River

Hardcover, 978-3954381760, 256 Seiten, 22,00 €

© Liebeskind

Paul Cable war für die Konföderierten in den amerikanischen Bürgerkrieg gezogen. In Tennessee hatte er sich dem 8. Texas-Kavallerie-Regiment angeschlossen, das unter dem Befehl von General Nathan Bedford Forrest stand. Als Cable im November 1864 mit seinen Kameraden den Duck River überquerte, um die Unionskavallerie zurückzudrängen, wurde er schwer verwundet. Von da an war der Krieg für ihn vorbei, obwohl im Osten des Landes noch gekämpft wurde. Er kehrt mit seiner Familie nach Arizona zurück, um sein altes Leben wieder aufzunehmen. Aber in Arizona haben sich die Dinge geändert. Vor dem Gesetz gilt Cable als Rebell, und zwei Brüder, beide Anhänger der Union, haben sein Hab und Gut konfisziert. Es scheint, als wäre für Cable der Krieg doch noch nicht vorbei. Denn niemand vertreibt ihn ungestraft von seinem Land …

14.05.2024

Hari Kunzru – Blue Ruin

Hardcover, 978-3954381739, 352 Seiten, 24,00 €

© Liebeskind

Im London der Neunzigerjahre war Jay einer der vielversprechendsten jungen Künstler. Heute hat er keinen festen Wohnsitz, er schläft in seinem Auto und liefert Lebensmittel in Upstate New York aus. Die Pandemie ist in ihrer Hochphase, jeder ist verunsichert und hat Angst. Jay muss eine Lieferung zu einem riesigen, mit einem ausgeklügelten Alarmsystem gesicherten Anwesen bringen, das mitten im Wald liegt. Als man ihm die Tür öffnet, sieht er sich der einen Person gegenüber, mit der er am wenigsten gerechnet hätte … Vor über zwanzig Jahren hatten Jay und Alicia eine stürmische, selbstzerstörerische Beziehung, bis Alicia mit seinem besten Freund Rob durchbrannte, der später in New York zum gefeierten Kunststar aufstieg. Trotz Schutzmaske und seines desolaten Zustands erkennt Alicia Jay sofort und lädt ihn ein, eine Zeit lang auf dem Anwesen Zuflucht zu suchen, zusammen mit Rob und einem befreundeten Paar. Eine schmerzhafte Vergangenheitsbewältigung wird in Gang gesetzt, bei der langsam, aber sicher alles aus dem Ruder läuft …

 

NAGEL & KIMCHE VERLAG

21.05.2024

Audrey Magee – Das Habitat

Hardcover, 978-3312012893, 464 Seiten, 24,00 €

© Nagel & Kimche

Ein Londoner Künstler und ein französischer Linguist landen im Sommer 1979 auf einer abgelegenen irischen Insel. Der Künstler ist angereist, um die zerklüfteten Klippen im Atlantik zu malen, der Linguist, um den Niedergang der irischen Sprache zu verfolgen. Jeder der Männer will die unberührte Insel und seine Bewohner für sich alleine haben: Der eine, um sie in Ruhe zu malen und endlich ein besonderes Kunstwerk zu schaffen, der Andere, um eine Sprache zu retten, die gar nicht die seine ist. Die Spannung zwischen den beiden zieht im Laufe des Sommers Kreise über die gesamte Insel.

Vor dem Hintergrund Nordirlandkonflikts, erzählt der Roman vom harten Leben der Inselbewohner und von ihren Träumen – die sie über die harschen Grenzen ihrer abgeschiedenen Realität hinausführen.

 

OKTOPUS VERLAG

25.01.2024

Josephine Tey – Wie ein Hauch im Wind

Hardcover, 978-3311300564, 320 Seiten, 23,00 €

© Oktopus

Die Bewohner von Salcott St Mary haben es nicht leicht. In dem einst beschaulichen Dörfchen haben sich die überspanntesten Künstlerinnen Londons angesiedelt: Lavinia Fitch, Autorin romantischer Frauenromane, Bühnenstar Marta Hallard und Miss Easton-Dixon, die jährlich ein Buch mit Weihnachtsmärchen veröffentlicht, sind noch die Harmlosesten. Hinzu kommen ein verlogener Rundfunkjournalist, ein arroganter Dramatiker, ein verkrachter Balletttänzer und ein hasserfüllter naturalistischer Schriftsteller. Der Besuch eines kalifornischen Starfotografen mischt die Künstlerkolonie gehörig auf: Alle sind sich einig, dass von Leslie Searle eine schier übermenschliche Attraktivität ausgeht. Und dann verschwindet der geheimnisvolle Schöne spurlos. Alan Grant, Inspector von Scotland Yard und enger Freund von Marta Hallard, wird hinzugezogen. Beinahe jeder der schrulligen Künstlerinnen hätte ein Motiv – und keiner hat ein Alibi. Aber wer von ihnen wäre raffiniert genug für einen so ausgeklügelten Mord, dessen Opfer sich in Luft aufgelöst zu haben scheint?

 

PENDRAGON VERLAG

21.02.2024

Kevin Major – Two for the Tablelands

Broschiertes Taschenbuch, 978-3865328601, 272 Seiten, 18,00 €

© Pendragon

In den neufundländischen Tablelands gibt es viel zu sehen: Malerische Natur, beeindruckende Gesteinsschichten und – eine Leiche. Sebastian Synard, der sich nach seiner ersten unfreiwilligen Mordermittlung eine offizielle Zulassung als Privatdetektiv besorgt hat, stolpert buchstäblich über seinen nächsten Fall. Schnell wird klar, dass es sich bei dem toten Studenten um ein Mordopfer handelt. Doch Synard ist nicht der Einzige, der an der Aufklärung des Falles interessiert ist: Die Tante des Opfers kommt mitsamt einer heißen Spur aus Mexiko angereist. Sie besteht darauf, dass der Stiefvater der Täter sein muss. Synards Entschlossenheit, den Fall aufzuklären, ist so groß, dass er sich sofort in einen Flieger nach Mexiko setzt. Doch die Reise wird weitaus gefährlicher als gedacht.

 

PIPER VERLAG

31.05.2024

Chris Whitaker – In den Farben der Dunkelheit

Hardcover, 978-3492071536, 592 Seiten, 24,00 €

© Piper

Patch ist dreizehn, und weil er nur ein Auge hat, trägt er eine Augenklappe wie ein Pirat. Eines Tages wird er aus seinem Heimatstädtchen Monta Clare, gelegen im Schatten eines gewaltigen Bergmassivs im Mittleren Westen der USA, entführt. Für seine beste Freundin Saint bricht die Welt zusammen. 307 Tage wird Patch in einem stockdunklen Raum gefangen gehalten, gemeinsam mit der geheimnisvollen Grace. Seine Befreiung gelingt, doch als niemand seiner Erzählung von Grace glaubt, gibt es für ihn nur noch ein Ziel: Er muss sie finden und retten. Während Patch dreißig Jahres seines Lebens dieser Obsession widmet, kämpft Saint unerbittlich um die Wahrheit, um ihren Freund, den sie an eine düstere Erinnerung verloren glaubt, und um ihre große Liebe.

 

POLAR VERLAG

15.01.2024

Samuel W. Gailey – Die Schuld

Hardcover, 978-3948392963, 312 Seiten, 26,00 €

© Polar

Seit dem tragischen Unfall, der ihre Kindheit brutal beendete, wird Alice O‘Farrell von ihrer Vergangenheit heimgesucht. Im Jahr 2005 musste sie auf ihren vierjährigen Bruder Jason im Haus ihrer Eltern aufpassen. Er bemalte ihr Schlafzimmer mit Fingernagellack und sie schrie ihn an, sodass er sich verzog. Während sie die Spuren zu beseitigen versuchte, machte er sich auf den Weg in den Keller und schaffte es, sich im Trockner einzuschließen, wo er starb. Von Schuldgefühlen geplagt, rannte Alice von zu Hause weg. Sie lebte auf der Straße unterm Radar, ertränkte ihre Schuld in Alkohol und zog häufig weiter, um nicht gefunden zu werden.

Sechs Jahre später ist sie Alkoholikerin und arbeitet als Barkeeperin in einem heruntergekommenen Striplokal in Harrisburg. Als sie nach einer weiteren betrunkenen Nacht neben der Leiche ihres Chefs aufwacht, findet sie eine Tasche mit Drogen und 91.000 Dollar in bar. Das Geld könnte ein Ausweg sein. Es folgt eine gnadenlose Hetzjagd, angeführt von Sinclair, einem mächtigen Drogenhändler, der unerbittlich und brutal ist. Doch Alice klammert sich an die Hoffnung, dass sie ihr Leben ändern kann. Dass die Dinge besser werden. Dass sie sich eines Tages mit ihren Eltern versöhnen kann und sie ihr vergeben werden.

12.02.2024

Ron Corbett – Cape Diamond

Broschiertes Taschenbuch, 978-3948392925, 360 Seiten, 17,00 €

© Polar

CAPE DIAMOND ist Ron Corbetts zweites Buch mit Frank Yakabuski. Yakabuski ist Polizist in der ktiven Stadt Springeld, am südlichen Rand des Great Boreal Forest Kanadas. Als Augustus Morrissey, der pensionierte Anführer der irischen Verbrecherbande North Shore Shiners, ermordet und an einem Parkzaun hängend aufgefunden wird, gibt es viele Verdächtige. Aber der ungeschliffene Diamant im Wert von 1,2 Millionen US-Dollar, der in Morrisseys Mund gestopft wurde, ist etwas Besonderes. Als dann ein Mitglied der Travellers, einer fast mythischen Schmugglerbande, deren Abstammung auf die mitteleuropäischen Sinti und Roma zurückgeht, ebenfalls ermordet und am selben Zaun hängen gelassen wird, an dem Morrissey gefunden wurde, steht ein Bandenkrieg bevor. Dieser droht den Ort auseinanderzureißen.

Yakabuski bittet seinen Vater, einen inzwischen pensionierten Detektiv, den eine lange Geschichte mit den Banden verbindet, bei der Vernehmung um Rat. Geht es bei dem Konflikt um die Ermordung zweier Männer? Die Entführung eines kleinen Mädchens? Oder möglicherweise um den Diamanten, der in Augustus Morrisseys Mund gefunden wurde? Als ob das für einen Detektiv nicht genug wäre, unternimmt ein Serienmörder einen tödlichen Roadtrip durch die Vereinigten Staaten in Richtung der nördlichen Wasserscheide.

18.03.2024

John Galligan – Bad Axe County

Broschiertes Taschenbuch, 978-3948392949, 350 Seiten, 17,00 €

© Polar

Was in einer ruhigen Landschaft passiert, kann einen manchmal schockieren. So ist es in BAD AXE COUNTY, Wisconsin, wo das Leben einer lebenslustigen Teenagerin auf den Kopf gestellt wurde. Vor zwölf Jahren wurden Heidi Whites Eltern auf ihrer Milchfarm in Wisconsin erschossen. Die Polizei erklärte, dass ihr Vater ihre Mutter und dann sich selbst getötet hatte und schloss den Fall ab. Noch in dieser Nacht fand Heidi den einen Hinweis, von dem sie wusste, dass er zur Wahrheit führen könnte – wenn die Ermittler nur zuhören würden.

Nun, zwölf schwere Jahre später, ist sie Interims-Sheriff von BAD AXE COUNTY. Trotz aller Herausforderungen, zu denen unter anderem das Leben als Ehefrau der lokalen Baseball Legende Harley Kick und Mutter von drei kleinen Kindern gehört, kommt Sheriff Heidi Kick gut in der Männerwelt zurecht. Zumindest mit der einen Hälfte des Countys, die sie gewählt hat. Die andere Hälfte versucht alles, sie wieder loszuwerden. Und als ein tödlicher Eissturm naht, nehmen die Spannungen zu und lange verborgene Geheimnisse kommen an die Oberfläche. Als eisiger Regen Straßen auswäscht und Flüsse über die Ufer treten, findet sich Heidi auf der Spur einer vermissten Teenagerin wieder. Jemand platziert Hinweise, die sie finden soll, und bringt einige unangenehme Wahrheiten ans Licht, die beunruhigend nahe auf ihr Zuhause hinweisen. Heidi muss einen Mord aufklären, ein vermisstes Mädchen retten und ein Monster vor Gericht bringen. Sie steht kurz davor, ihre Gemeinde bis ins Mark zu erschüttern – und herauszufinden, was in der Nacht, in der ihre Eltern starben, wirklich passiert ist.

15.04.2024

Adam LeBor – Zwischen den Korridoren

Hardcover, 978-3948392901, 464 Seiten, 26,00 €

© Polar

ZWISCHEN DEN KORRIDOREN ist der zweite Teil der Danube-Reihe um den Roma-Kommissar Baltazár Kovács und setzt wenige Tage nach der Handlung von „District VIII“ ein. Am frühen Donnerstagmorgen wird Baltazár zu einem Bordell gerufen, das seinem Bruder gehört, wo es einen Zwischenfall im VIP-Raum gegeben hat. Dort erwartet ihn die Leiche eines katarischen Finanziers. Womöglich ein Herzinfarkt. Die Indizien hingegen scheinen manipuliert zu sein. Die Videoaufzeichnungen des Bordells aus der Nacht wurden aus der Ferne gelöscht, und jemand überwacht Baltazár und das Etablissement mit Drohnen.

Es stellt sich heraus, dass der Katarer zu einem Frühstückstreffen mit dem neuen Premierminister verabredet war, um eine Investition zu besprechen, die zur Umgestaltung Ungarns beitragen könnte. Unterdessen steht Baltazárs neue Geliebte, die berühmteste Journalistin des Landes, unter Druck. Ihre Enthüllungen haben den ehemaligen Premierminister Pal zu Fall gebracht, und der sinnt auf Rache. Auf den Korridoren der politischen Macht begegnen wir dem organisierten Verbrechen.

16.05.2024

Gary Phillips – One-Shot Harry

Hardcover, 978-3948392987, 310 Seiten, 26,00 €

© Polar

Mit ONESHOT HARRY begibt sich Garry Phillips auf eine Zeitreise ins Frühjahr 1963, in die letzten Tagen des Goldenen Zeitalters von LA und Hollywood. Doch Rassismus und der Kampf um Bürgerrechte prägen die Schattenseiten der Stadt. Koreakriegsveteran Harry Ingram verdient seinen Lebensunterhalt als Nachrichtenfotograf und Prozessbevollmächtigter. Seine Figur ist Harry Adams nachempfunden, einem damals bekannten schwarzen Fotografen, der den Spitznamen One-Shot Harry“ trug. Da die rassistischen Spannungen am Vorabend der Freedom Rally und der Rede von Martin Luther King zunehmen, läuft er Gefahr, an jedem Tatort, den er fotografiert, zum Opfer zu werden.

Als er über Polizeifunk von einem tödlichen Autounfall erfährt, erkennt er, dass das beschriebene Fahrzeug einem alten Armeekameraden gehört, einem White-Jazz-Trompeter, dessen Mercury in eine Leitplanke am Mulholland Drive gekracht ist. Das LAPD erklärt den Zusammenstoß zum Unfall. Als Ingram seine Fotos entwickelt, bemerkt er jedoch Anzeichen eines Verbrechens. Er fühlt sich gezwungen, Detektiv zu spielen, auch wenn er dabei sein eigenes Leben aufs Spiel setzt. Schon bald sieht er sich angeheuerten Killern ausgesetzt, die für eine Gruppe weißer Rassisten arbeiten.

16.05.2024

Gary Phillips – One-Shot Harry

Broschiertes Taschenbuch, 978-3910918009, 280 Seiten, 17,00 €

© Polar

WENN DIESE BERGE BRENNEN Gewinner des Dashiell Hammett Award 2020 für literarische Exzellenz im Kriminalroman Der gefeierte Autor David Joy kehrt mit einer wilden und zärtlichen Geschichte über einen Vater, einen Süchtigen, einen Gesetzeshüter und die explosiven Ereignisse zurück, die sie vereinen. Als sein süchtiger Sohn mit seinem Dealer in Konflikt gerät, muss Raymond Mathis alles tun, um ihn ein letztes Mal aus der Klemme zu retten. Raymond ist frustriert über die Langsamkeit und die Beschränkungen, die ihm das Gesetz auferlegt und beschließt, die Angelegenheit selbst in die Hand zu nehmen. Nach einem Arbeitsunfall, der ihn arbeitslos machte und ihm nur Schmerzen hinterließ, jagte Denny Rattler jahrelang seinem nächsten Schuss hinterher. Er finanziert seine Drogen sucht durch sorgfältig geplante Diebstähle und hält sich dabei an strenge Regeln, die dafür sorgen, dass er nicht ins Gefängnis kommt. Doch als Denny sich Chancen bieten, Chancen, denen er nicht so leicht widerstehen kann, trifft er zwei Entscheidungen, die alles verändern.

Seit Monaten ist die DEA vergeblich auf der Suche nach Drogen in den Bergen, als ein Hinweis – nur ein Wort – einen Agenten auf den Weg bringt, den Fall aufzuklären. . . aber er wird Hilfe von unerwarteter Seite brauchen. Während der Zufall diese gegensätzlichen Männer, die auf verschiedenen Seiten dieser unerbittlichen Drogenseuche stehen, zusammenbringt, könnte jeder zu der Erkenntnis kommen, dass seine Chance auf Erlösung bei dem anderen liegt.

 

PULP MASTER VERLAG

20.01.2024 (Platzhaltertermin)

Megan Abbott – Wage es nur!

Taschenbuch, 978-3946582182, 300 Seiten, 14,80 €

© Pulp Master

Addy Hanlon war schon immer Beth Cassidys beste Freundin. Beth gibt Befehle, Addy führt sie aus. Gemeinsam dominieren sie das von Wettbewerb geprägte Team der Cheerleader. Bis der neue Coach kommt. Colette French, cool, souverän, eine Abgesandte der Erwachsenenwelt, unerreichbar für Addy und den Rest des Teams, zieht alle in ihr Leben. Nur Beth, verunsichert durch das neue Regiment, bleibt außerhalb des goldenen Zirkels der Trainerin und führt eine subtile und zugleich bösartige Kampagne, um ihre Position als »Top Girl« wiederzuerlangen – sowohl im Team als auch bei Addy. Das traditionell männliche Genre des Noir kommt über Megan Abbotts Cheerleader weiblicher daher. Der zur Schau getragene Teamgeist vermag kaum das Geflecht aus Gehässigkeit und Manipulation zu kaschieren, das die Mädchen zusammenhält.

30.06.2024 (Platzhaltertermin)

Megan Abbott – Queenpin

Taschenbuch, 978-3946582205, 250 Seiten, 15,00 €

© Pulp Master

Die berüchtigte Mafia-Koryphäe Gloria Denton nimmt eine junge Frau unter ihre Fittiche, die für einen heruntergekommenen Nachtclub die Bücher frisierte. Die skrupellose Gloria zeigt ihrer ehrgeizigen, jungen Assistentin, wo es langgeht, und führt sie in die Glitzerwelt der Casinos, Rennbahnen, Wettsalons und des ganz großen Geldes ein. Plötzlich liegt der namenlosen Antiheldin die Welt zu Füßen – solange sie kein Risiko eingeht und sich zum Beispiel nicht in den falschen Mann verliebt. Megan Abbott mixt hier den Stil reißerischer Hardboiled-Romane mit Motiven des Film noir und dem schrillen Glamour späterer Mafia-Epen zu einer extravagant sinnlichen Noir-Coming-of-Age-Geschichte; nur eben mit Frauen in den Hauptrollen.

 

ROWOHLT VERLAG

30.01.2024

Max Annas – Berlin, Siegesallee

Hardcover, 978-3498003166, 288 Seiten, 22,00 €

© Rowohlt

Das Reich im Sommer 1914: Der Völkermord in Deutsch-Südwest liegt Jahre zurück, in den Kolonien herrscht Ruhe, und überhaupt lebt man in prächtigen Zeiten. Da lernen sich in Steglitz bei Berlin drei junge Männer kennen. Joseph Ayang, Sohn eines Kameruner Kolonialbeamten, will Theologie studieren. Friedrich Smith ist der im Reich geborene Sohn eines schwarzen Amerikaners. Ernst, der dritte, wurde von seinem Herrn aus Südwest mitgebracht. Die drei beschließen, dass etwas getan werden muss, um die Verbrechen in den Kolonien zu rächen: Sie bringen nachts Soldaten um, erst einen, dann zwei. Ohne Wirkung.

Die Fabrikantentochter Florentine vom Baum hält es nicht aus in einer Gesellschaft, in der Frauen unfrei sind. Als sie über ihren Bruder die drei Männer kennenlernt, bietet sie ihnen ihre Hilfe an. Und die vier fassen einen ungeheuerlichen Plan: Der Kaiser soll sterben.

12.03.2024

John Wray – Unter Wölfen

Hardcover, 978-3498002466, 448Seiten, 26,00 €

© Rowohlt

Kip Norvald wächst in den späten 80ern in Venice, Florida, bei seiner Oma auf. Kira Hetfield lebt im Trailer ihres Vaters, Leslie Vogler, der androgyne Schwarze in Glamklamotten, bei den jüdischen Adoptiveltern. Nichts in ihrem Leben ist gut und einfach. Was sie zusammenbringt, ist eine neue, unerhörte Musik: Death Metal. Deren reinigende Härte lässt vieles vergessen, Kips psychische Probleme, die Übergiffe von Kiras Vater, Leslies blutiges Gesicht nach einem homophoben Angriff. Die drei wollen nur weg aus diesem toten Winkel Floridas, wo es außer Rentnern, Bullen und Drogenköchen, Sümpfen und Palmen wenig gibt.

Und so steigen sie eines Tages ins Auto und verschwinden in Richtung L.A. – Hauptstadt des Metal, des Glamrock, der legendären Clubs, in ein Dasein voller Freiheit und Risiko. Es dauert lange, bis Kip erkennt, dass seine Liebe zu Kira unerfüllt bleiben mag, aber dass sie ohne ihn von der Dunkelheit verschlungen wird.

 

SUHRKAMP VERLAG

15.01.2024

Hervé le Corre – Durch die dunkelste Nacht

Broschiertes Taschenbuch, 978-3518473696, 340 Seiten, 17,00 €

© Suhrkamp

Ein Killer – unberechenbar und von einer zerstörerischen Wut getrieben – ermordet in den Straßen von Bordeaux Frauen. Jourdan, ein desillusionierter Polizeikommandant, ist ihm auf der Spur. Dabei trifft er auf die alleinerziehende Louise, die sich nach dem Unfalltod ihrer Eltern und Jahren in der Drogenszene mühsam ein neues Leben mit ihrem kleinen Sohn aufgebaut hat.

12.08.2024

Peter Mann – Der Ire

Broschiertes Taschenbuch, 978-3518474266, 473 Seiten, 20,00 €

© Suhrkamp

September 1945. In den Trümmern von Berlin werden zwei Manuskripte gefunden, die jeweils widersprüchliche Versionen des Lebens eines irischen Spions während des Krieges wiedergeben.

Das eine ist das Tagebuch des deutschen Offiziers des militärischen Nachrichtendienstes und Nazi-Gegners Adrian de Groot, der seine Beziehung zu seinem Agenten, Freund und manchmal auch Liebhaber, einem Iren namens Frank Pike, aufzeichnet. In de Groots Erzählung ist Pike ein charismatischer IRA-Kämpfer, der aus dem spanischen Gefängnis entlassen wird, um bei der geplanten deutschen Invasion Großbritanniens zu helfen, der aber nie die Chance bekommt, seinen Pakt mit dem Teufel zu erfüllen.

Das andere Manuskript enthält eine ganz andere Darstellung der Taten des Iren. Unter dem Alter Ego des keltischen Helden Finn McCool tritt Pike hier als der ultimative alliierte Saboteur auf. Sein Auftrag: eine Attentatskampagne auf hochrangige Nazi-Ärzte, die in der Ermordung von Hitlers Leibarzt gipfelt.

Aber welche Variante, welche Version der Wirklichkeit stimmt?

 

ULLSTEIN VERLAG

27.06.2024

James Ellroy – Die Bezauberer

Hardcover, 978-3550202339, 464 Seiten, 26,99 €

© Ullstein

Los Angeles im August 1962: Die Stadt leidet unter einer Hitzewelle. Marilyn Monroe wird tot aufgefunden. Ein halbwegs bekanntes Filmsternchen entführt. Das LAPD schaltet auf Angriff: Kann Chief Bill Parker aus Marilyns Tod Kapital schlagen? Der legendäre Schnüffler Freddy Otash soll ihm Informationen beschaffen. Der unehrenhaft entlassene Ex-Cop ist schmierig und korrupt. Doch er ist der Richtige für den Job. Freddy kämpft sich durch einen menschlichen Dschungel, wo niemand will, dass die Wahrheit ans Licht kommt. Er nimmt sich auch Jack und Bobby Kennedy vor und mit ihnen gleich das ganze Weiße Haus. Und schließlich entlarvt er Marilyn Monroes letztes Spiel, in einem albtraumartigen Los Angeles, das er mit erschaffen hat und das ihn jetzt mit sich selbst konfrontiert: mit seiner Komplizenschaft und seinem Wahn.

 

UNIONSVERLAG

18.03.2024

Jürgen Heimbach – Waldeck

Broschiertes Taschenbuch, 978-3293006072, 352 Seiten, 19,00 €

© Unionsverlag

Silvia will ausbrechen aus der biederen Welt ihres Vaters, in der sie nichts erwartet als die immergleichen miefigen Tapeten. Als sie in seinen Unterlagen eine erschütternde Entdeckung macht, muss sie endgültig verschwinden. Es zieht sie auf das Waldeck-Festival, wo eine junge Generation mit Gitarren und Folksongs aufbegehrt: Gegen den Starrsinn der Alten und die verbohrten Strukturen der Nachkriegszeit.

Währenddessen wittert der in Ungnade gefallene Journalist Ferdinand Broich endlich eine neue Story: Eine Frau will einen ehemaligen SS-Arzt auf der Straße erkannt haben. Doch als Broich die Zeugin wenige Tage später aufsuchen will, ist die bereits tot.

Eine gefährliche Suche nach der Wahrheit beginnt, in einem Deutschland, dessen dunkle Vergangenheit noch bedrohlich nahe ist.

 

WUNDERLICH VERLAG

16.04.2024

Thomas Ziebula – Evas Rache

Hardcover, 978-3805200929, 400 Seiten, 22,00 €

© Wunderlich

Leipzig, 1922. Es will keine Ruhe einkehren in der Wächterburg: Gleich drei Lustmorde in drei Monaten halten Paul Stainer und seine Kollegen in Atem. Stainer tritt auf der Stelle und fällt zunehmend zurück in seine Depression. Dass Junghans und Mona im Liebesglück schwelgen und beschließen zu heiraten, macht es nicht besser. Erst als auf der Technischen Messe Leipzig Eva-Maria Dorn, die Frau eines erfolgreichen Ingenieurs und Unternehmers überfallen wird, glaubt er eine erste Spur zu haben, die ihn zu der „Leipziger Bestie“ führen kann. Stainers Nachforschungen bringen ihn auf die Fährte eines jungen Anarchisten mit dem Tarnnamen „Schlange“, der gerade erst aus russischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrt ist. Zunächst scheint der Fall eindeutig, doch die möglichen Motive sind vielfältig. Schon bald wird klar: Das Verbrechen geht weit über die Lustmorde hinaus – und auch in Eva-Maria Dorn steckt mehr als das unschuldige Opfer…

 

„Jetzt verlöschen die Lichter in ganz Europa …“

© C.H. Beck

Ein menschenverachtender, grausamer Krieg im Osten Europas – gerade jetzt in diesem Moment wiederholt sich einmal mehr die Geschichte. Gelenkt von uns Menschen, die, unfähig aus eben dieser Geschichte zu lernen, scheinbar dazu verdammt sind, immer wieder dieselben Fehler von vorne zu machen, um sich dann, am bitteren Ende, über die daraus resultierenden Folgen ohne ein Gefühl der eigenen Verantwortung zu wundern. Und das, obwohl doch gerade die Literatur das Grauen der Schlachtfelder für nachkommende Generationen in vielerlei eindrücklichen Formen konserviert hat. Ob Erich Maria Remarque oder Arnold Zweig – die Manifeste über die Sinnlosigkeit des Kriegsführens sind heute jedermann so einfach zugänglich, wie keiner Genration zuvor. Und doch – Geschichte wiederholt sich. Gerade jetzt in diesem Moment.

Mehr als ein Jahr ist es nun her, seit ich Daniel Masons Roman „Der Wintersoldat“ aufgewühlt und benommen beendet und gemeinsam mit den ein paar von mir gemachten Notizen an die Seite gelegt hatte. Die Notizen liegen seitdem unberührt am gleichen Platz – und auch die Situation hat sich nicht verändert. Weder gibt es Anzeichen für ein Ende des Krieges in der Ukraine, noch welche für meine anhaltende Lese- und Schreibblockade. Literatur kann zwar ein Portal in eine andere Welt sein, aber im Fall von „Der Wintersoldat“ ist dieses Portal nun mal ein Spiegel, in den man in diesen Zeiten – wie in die täglichen Nachrichten – nur noch äußerst widerwillig blicken will. Die Distanz, mit der man noch vor einigen Jahren, völlig friedensverwöhnt, derartige Literatur konsumieren konnte („Wie schlimm das alles damals war …“), ist der unwiderlegbaren Erkenntnis gewichen, dass alle Warnungen der modernen Weltliteratur verhallt sind und wir uns in Zukunft selbst als eine Generation, die so lange es ging (zu lange?) weggeschaut hat, zwischen den Buchdeckeln wiederfinden werden.

Doch allen Wünschen nach Eskapismus zum Trotz – Masons Werk gebührt hier auf dem Blog einfach eine entsprechende Würdigung im Rahmen einer Besprechung, so schwer ich mir mit dieser im weiteren Verlauf auch tun werde – und auch auf die Gefahr hin, in meiner aktuellen Verfassung zum Kern des Buchs am Ende nicht wirklich vorzudringen, fehlt mir doch seit längerem einfach dieser innere Frieden und diese Ruhe, welche es braucht, wenn man „zur Feder greift“. Aber vielleicht ist innerer Friede auch am Ende gar nicht nötig, um „Der Wintersoldat“ in Angriff zu nehmen, führt uns doch Autor Daniel Mason schließlich direkt in die Wirren des Ersten Weltkriegs hinein:

Februar 1915, ein paar Stunden entfernt von Debrecen im heutigen Ungarn. Ein eiskalter, tiefer Winter hat den Osten Europas fest im Griff und bedeckt die Vegetation der Landschaft unter hohen, scheinbar undurchdringlichen Schneemassen. Inmitten der klirrenden Kälte entsteigt, einsam und verloren, Lucius Krzelewski, 22 Jahre alt und ehemaliger Medizinstudent aus Wien, dem Versorgungszug. Hier, nahe der ungarisch-österreichischen Ostfront in Galizien, soll er, der sich, angesteckt von der Kriegseuphorie des vergangenen Sommers, freiwillig zum Dienst gemeldet hatte, als Sanitätsoffizier den behandelnden Ärzten weit hinter der Front zur Hand gehen und sich um die Verwundeten kümmern. Im fehlen noch zwei ganze Semester bis zum Abschluss, worüber das Oberkommando angesichts der Personalknappheit aber geflissentlich hinwegsieht. Jeder Mann wird gebraucht. Doch wie sehr, versteht Lucius erst, als er zwei Tage später in Begleitung eines berittenen Husaren den Uschok-Pass am Rand der Karpaten erreicht.

Inmitten der ewig weißen Leere wartet in einem Tal ein kleines, abgelegenes Dorf auf ihn. Hier hat die Kaiserlich-und-königliche-Armee eine Kirche kurzerhand in ein notdürftiges Hospital umfunktioniert, das als Lazarett für die Verletzten von der nicht weit entfernten Front dient. Die Ausstattung kann man nur mit Wohlwollen als provisorisch bezeichnen, die hygienischen Zustände innerhalb der Kirchenmauer sind katastrophal und Medikamente Mangelware – doch was Lucius noch mehr entsetzt als der sich ihm bietende Anblick, ist die Tatsache, dass es weit und breit keinen leitenden Arzt gibt. Der letzte, ein Ungar, hat zwei Monate zuvor angesichts all des Leids eines Nachts einfach seinen Posten verlassen und das Weite gesucht, wodurch Lucius – dessen Fachgebiet eigentlich die Neurologie ist und der keinerlei praktische Erfahrung aufweisen kann – nun gezwungenermaßen die vakante Position übernimmt. Große Unterstützung erfährt er vom ersten Tag an durch die pragmatische und forsche Ordensschwester Margarete, die in Abwesenheit eines echten Mediziners die Pflege und Versorgung der Patienten übernommen hat und sofort erkennt, dass sie es nun ist, welche den Neuankömmling irgendwie anlernen muss

Lucius kommen recht schnell selbst Gedanken an Flucht, aber die sich stetig verschärfende Situation an der Front lässt ihm schlicht keine Zeit, diese in die Tat umzusetzen. Die österreichische Armee ist schlecht ausgestattet und der russischen Übermacht zahlenmäßig weit unterlegen. Jeden Tag kommen mehr verletzte Soldaten in dem Dorf an, mitunter bis zur Unkenntlichkeit versehrt und grausam verstümmelt vom Gemetzel des Krieges, von Granaten, Säbeln und Kugeln. Margarete und Lucius arbeiten Tag und Nacht, versuchen die zerbrochenen und zerstörten Körper irgendwie zusammenzuflicken, nehmen wie am Fließband Amputationen vor, kämpfen gegen Typhus und Läuseplagen und stehen fast täglich vor der Entscheidung, bei wem noch ein Rettungsversuch lohnt und bei wem nicht. Die schockierende Realität ist soweit von der Theorie der Universität entfernt, dass Lucius fast an ihr zu zerbrechen droht – wäre da nicht Margarete, die, so scheint es, aus einem endlosen Reservoir ihre Kraft bezieht und ihm immer wieder Hoffnung gibt. Es dauert nicht lange, bis er seine Gefühle für sie entdeckt und sie diese, anfangs noch zögerlich, erwidert.

Die Tatsache, dass Margarete eine Ordensschwester ist (wobei er daran irgendwann zu zweifeln beginnt), spielt für Lucius keine Rolle. Für ihn ist sie die Liebe seines Lebens – und auch der Gedanke auf ein gemeinsames Nachher lässt ihn durchhalten. Bis eines Tages ein ungewöhnlicher Patient in ihr Lazarett gebracht wird. „Der Wintersoldat“ weist äußerlich keinerlei Verletzungen auf, ist aber sichtlich traumatisiert und wurde von der Front abgezogen, weil er das sogenannte Kriegszittern aufweist. Lucius und Margarete sehen sich erstmals mit diesem Krankheitsbild konfrontiert, das immer wieder von Panikattacken und langen Phasen der Lethargie unterbrochen wird. Da der Soldat kein Wort spricht, scheint es nicht möglich, von ihm mehr über seinen Zustand zu erfahren, weshalb Lucius nun die Chance gekommen sieht, die Forschungen aus seinem Studium in der Praxis anwenden zu können. Zwar zeigen sich bald tatsächlich erste Ereignisse, aber diesen Erfolg können sie nicht lange feiern, denn um die ausgedünnten Linien innerhalb der Armee zu verstärken, befiehlt die Generalität allen körperlich halbwegs unversehrten Patienten die Rückkehr an die Front.

Als Lucius versucht, dem Wintersoldaten dieses Schicksal zu ersparen und sich dem Rekrutierungskommando in den Weg stellt, setzt er ungewollt eine folgenschwere Kettenreaktion in Gang. Bereits kurze Zeit später ist der Krieg bis zum Dorf vorgerückt und während plötzlich überall zugleich das Chaos ausbricht, wird Lucius von Margarete getrennt …

Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten, breche ich doch diesen Auszug (der nicht soviel verrät, wie es vielleicht erscheint) bewusst an der Stelle ab, wo „Der Wintersoldat“ nicht nur inhaltlich eine andere Richtung einschlägt, sondern mich persönlich auch endgültig mit Haut und Haaren gepackt hat. Im Umkehrschluss bedeutet das natürlich auch, dass der Weg dorthin ein etwas holpriger ist. Nicht so sehr deswegen, weil Mason seine sprachlichen Mittel – und diese führen uns in der Tat vollkommen authentisch in die Zeit des Ersten Weltkriegs zurück – falsch einsetzt, sondern vielmehr weil uns die Auseinandersetzung mit der damaligen Realität schlichtweg mit jeder Seite mehr und tiefer vom Sessel Richtung Boden schiebt. Die Bezeichnung schwere Kost wird ja oft herangezogen, wenn über Bücher gesprochen wird, die sich in stilistischer Selbstverliebtheit aalen – hier sind es schlicht die historischen Gegebenheiten, welche es lange unmöglich machen, so etwas wie Kurzweil in dieser Lektüre zu finden.

Daniel Masons Schreibe ist bildgewaltig, schonungslos, mitunter erschreckend und auf folgerichtige Art und Weise empathielos. Folgerichtig deshalb, weil der Autor genau eben jene damaligen Zustände entromantisiert zum Leben erweckt und bewusst darauf verzichtet, so etwas wie leere Hoffnungen zu wecken, welche der tatsächliche Kriegsverlauf ohnehin zerstören würde. Während heutzutage bei den meisten der Erste Weltkrieg mit den Stellungskriegen im Norden Frankreichs oder Flanderns assoziiert wird – Erich Maria Remarque hat hier ein gehöriges Maß zu beigetragen – geht in der allgemeinen Wahrnehmung zu oft unter, das auch an den anderen Frontabschnitten Europas auf vergleichbar grausame wie brutale Weise Menschen millionenfach ihren Tod fanden. Und anders als im Westen bedeuteten die sich mitunter schnell bewegenden Fronten im Osten für die Zivilbevölkerung eine noch größere Gefahr. Für sicher gehaltene Städte, weit weg von den Wirren des Krieges, werden urplötzlich Ziel von Beschuss und Bombardierungen. Und eine medizinische Infrastruktur im Hinterland aufzubauen, wird zu einem Vabanquespiel, dem immer wieder auch viele bereits Verwundete zum Opfer fallen.

Genau inmitten diesem winterkalten Menetekel aus verletzten Leibern und zerstörten Leben setzt Daniel Mason uns als Leser aus – und wir reagieren entsprechend. Unwillkürlich und unweigerlich sieht man sich all diesem Schrecken ausgesetzt, blättert man bald vorsichtig und ängstlich zur nächsten Seite, bereits ahnend, dass auch hier nichts Gutes auf einen warten wird, ja, warten kann. Geschickt versetzt uns Mason damit in die gleiche Situation wie seine Protagonisten, welche sich ebenfalls dem entgegenstellen müssen, was ihnen dort täglich an menschlichem Leid in ihrem Lazarett entgegengeworfen wird.

Diese stete Bedrohlichkeit und Hoffnungslosigkeit – die Wellen an Verwundeten und Toten, die frei von jeglichem Mitleid handelnde Generalität der Armee. All das fordert genauso seinen Tribut vom Leser wie von Lucius und Margarete. Und es führt dazu, dass wir nur langsam, wie in den verschneiten Karpaten, Seite für Seite vorankommen, das Gelesene immer wieder verdauen und uns irgendwie mit dem arrangieren müssen, was Mason da nur allzu plastisch zum Leben erweckt. Wer es bis hierhin noch nicht selbst gemerkt hat – zartbesaitet sollte man für diese Lektüre nun wirklich nicht sein. Und ein gehöriges Maß an Geduld mitbringen, denn richtig Fahrt will aus genannten Gründen besonders im ersten Drittel des Romans nicht aufkommen.

Daniel Mason nimmt sich viel Zeit für die Exposition des Schauplatzes rund um das Lazarett und die Ausarbeitung seiner beiden Hauptcharaktere – aber es ist gut investierte Zeit, welche sich auszahlt, ist es doch genau diese enge Bindung, die uns schließlich trotz all den geschilderten Schrecknissen nach und nach für diesen Roman gewinnt, für diese Epoche und seine Menschen einnimmt und unsere Beziehung zu ihnen vertieft. Wir wachsen an und mit diesem Buch – und mit uns Lucius, der von einem irgendwie profillosen, naiven Träumer zu Beginn durch die sich ihm stellenden Herausforderungen einen Reifeprozess vollzieht, an dessen Ende wir uns einem jungen Mann gegenübersehen, der nicht nur sämtliche Illusionen über den Krieg verloren, sondern auch das wichtigste Ziel im Leben für sich persönlich ausgemacht hat: Margarete.

Und damit kommen wir zum meines Erachtens stärksten Abschnitt dieses Romans – der verzweifelten Suche Lucius‘ nach seiner großen Liebe, welche Mason in Rhythmus und Dramaturgie derart punktgenau inszeniert, das sie den Leser bis zur letzten Seite nicht mehr loslassen wird. Immer wieder hält uns der Autor hier die Karotte der Hoffnung unter die Nase, nur um sie uns im letzten Moment wieder wegzuziehen, wodurch die Geschichte ein Tempo entfaltet, das sich vollkommen vom ersten Teil des Buchs unterscheidet. Ob bewusst oder unbewusst – hier reimt sich die Komposition Masons mit den geschichtlichen Ereignissen.

Das Mitteleuropa am Ende des Ersten Weltkriegs – es ist ein völlig anderes als das zuvor. Und es sind auch dieses Kriegsende und seine Auswirkungen, vor allem der Zusammenbruch der k. u. k.-Monarchie, welche ihren Widerhall in Lucius‘ Handlungen und Entscheidungen finden. Ob und wie er letztlich das Ziel seiner langjährigen Suche erreicht, soll hier unerwähnt bleiben. Nicht jedoch, dass mich der Ausgang des Romans auf eine Art und Weise emotional angefasst hat, die mir erst jetzt bewusst macht, wie viel ich tatsächlich in diese Lektüre investiert habe. Der Abschied von den Protagonisten– er ist bitter, schwer und ergreifend und setzt den Punkt unter dem Ausrufezeichen hinter einem großen, intelligenten Anti-Kriegsroman, den ich zu Beginn so tatsächlich nicht erwartet hatte.

Daniel Masons „Der Wintersoldat“ ist in Handlung und Figuren frei erfunden, dennoch aber eine der wohl authentischsten Schilderungen der Schrecknisse an der österreichischen Ostfront und des anschließenden Zusammenbruchs des Vielvölkerstaats. Eine stilistisch und am Ende auch dramaturgisch beeindruckende Auseinandersetzung mit dem verheerenden, entmenschlichenden Irrsinn des Krieges, dessen sprachliche, mitunter herzzerreißende Wucht beim Leser noch recht lange seinen Widerhall finden dürfte.

Wertung: 93 von 100 Treffern

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  • Autor: Daniel Mason
  • Titel: Der Wintersoldat
  • Originaltitel: The Winter Soldier
  • Übersetzer: Sky Nonhoff, Judith Schwaab
  • Verlag: C. H. Beck
  • Erschienen: 12/2019
  • Einband: Hardcover
  • Seiten: 430 Seiten
  • ISBN: 978-3406739613

Auf der Reeperbahn nachts um halb eins

© Suhrkamp

Was lange währt, wird endlich gut – oder? Mehr als fünf Jahre sind inzwischen vergangen, seit ich Christina Benedikt vom (unbedingt empfehlenswerten!) Krimi-Blog „Die dunklen Felle“ hoch und heilig versprach, mich im Gegenzug für ihr Interesse an Scott Lynch, endlich Simone Buchholz‚ Chastity-Riley-Reihe zu widmen. Nun war es dann endlich soweit, wobei ich unseren Deal zum Zeitpunkt des Lesens sogar – Schande über mein Haupt – ganz vergessen hatte und mir das Buch vielmehr von einem meiner vielzähligen Muss-jetzt-endlich-mal-gelesen-werden-Stapel ungeduldige „Blicke“ zuwarf. Wie lange soll ich hier jetzt noch liegen, schien der unausgesprochene und durchaus gerechtfertigte Vorwurf, ist doch die in Hanau gebürtige Autorin mit ihrer Serie inzwischen längst beim zehnten Band angelangt und hat seit Jahren eine feste und scheinbar auch größer werdende Fan-Basis.

Kult ist das Schlagwort, welches im Zusammenhang mit ihren Romanen immer wieder gerne fällt. Insbesondere bei den Nordlichtern unter den Lesern, die vielleicht sogar sich oder ihren Bekanntenkreis in Buchholz‘ aufmerksamen Beobachtungen und dem typischen Kiez-Sprech wiederfinden. Doch das gilt für unzählig viele Lokal-Krimis, von denen beinahe jede Region Deutschlands inzwischen einen aufweisen darf – was also macht nun gerade die Geschichten rund um die etwas raubeinige Protagonistin Chastity Riley so einzigartig?

Nachdem ich nun die Lektüre des Auftakts der Reihe, „Revolverherz“ (die nicht überarbeitete, alte Ausgabe), beendet habe, muss ich zumindest eins schon mal vorab konstatieren: Der Kriminalfall ist es jedenfalls nicht, denn nicht nur wird in dieser Hinsicht schmale Hausmannskost geboten – auch das Spannungselement kommt so gar nicht zur Geltung. Wem es also nach Feierabend nach einem packenden Page-Turner mit Nägelkau-Garantie verlangt, ist bei „Revolverherz“ mit Sicherheit an der vollkommen falschen Adresse. Aber – und ein großes Aber gibt es tatsächlich – die große Stärke von Simone Buchholz liegt auch ganz woanders. Und damit schnell und (sehr) kurz zum Inhalt und dem Schauplatz:

Hamburg, Rotlichtviertel. Hier, ganz in der Nähe von Reeperbahn und Großer Freiheit, wird die skalpierte Leiche einer jungen Tänzerin aufgefunden. Auf ihrem blutigen Haupt eine Perücke drapiert. An den Tatort wird neben Hauptkommissar Faller auch Chastity „Chas“ Riley, die für den Stadtteil St. Pauli zuständige Staatsanwältin, gerufen. Beide sind lange genug im Geschäft, um eine böse Ahnung zu teilen – bei diesem einen Mord wird es nicht bleiben. Sie sollen Recht behalten, denn innerhalb weniger Tage gesellen sich zwei weitere tote Frauen dazu. Tathergang und Vorgehensweise ähneln sich sehr. Und alle arbeiteten in ein und demselben Tanzlokal. Für Faller und Chastity gibt es keinerlei Zweifel: Nach Fritz Honka in den 70er Jahren, macht nun wieder ein Serienmörder den Kiez unsicher. Derart viele Morde sind aber selbst für die hiesige Unterwelt nicht gut fürs Geschäft und so nutzt Riley sämtliche Kontakte, um dem Mörder auf die Spur zu kommen. Es wird ein Wettrennen gegen die Zeit …

Viel mehr gibt es zum Plot auch nicht zu sagen, denn dieser, vielleicht ahnt man es bereits, passt ohne große Probleme zwischen ein Hamburger Fischbrötchen. Zwar bedient sich Buchholz in ihrer Rezeptur bei den typischen Ingredienzen des Genres – es ist jedoch von allem eine gute Handvoll zu wenig. Und das geht direkt bei der Hauptfigur, der Staatsanwältin (!) Chastity Riley, los. Wenn man mal darüber hinwegsieht, dass diese sich in der Regel nicht an Tatorten herumtreiben (um sich dort jedes Mal zu übergeben oder halb ohnmächtig zu werden), Befragungen und Beschattungen durchführen oder gar Obduktionen beiwohnen, bliebe immer noch die Frage offen, warum die Autorin gerade diesen Beruf für ihre Protagonistin gewählt hat, wenn sie doch hier in keinster Weise tätig wird. Im Verlauf der knappen Woche, in welcher die Handlung stattfindet, wird nur einmal ein Besuch am Gericht im Nebensatz erwähnt. Auch ihrem Büro gönnt sie nur eine kurze Stippvisite, wenngleich sie in dieser Zeit mal kurz eben ein psychologisches Profil des Täters erstellt. Eines ihrer Talente, für das es im Text nicht wirklich eine nachvollziehbare Erklärung gibt.

Darauf liegt allerdings auch nicht das Hauptaugenmerk, denn Buchholz lässt das Berufliche – und damit vor allem die eigentliche Arbeit am Mordfall – vollkommen in den Hintergrund treten. Stattdessen begleiten wir die kettenrauchende und trinkfeste Chastity bei ihren nächtlichen Zügen durch Clubs und Bars, feuern gemeinsam mit ihr, einer Freundin und zwei besoffenen Schotten den FC St. Pauli am Millerntor an und werden mehr als einmal (eher ungewollt) Zeuge, wenn sie sich zwischen den Laken mit ihren On-Off-Lover „Klatsche“ wälzt – einem ehemaligen Einbrecher, der jetzt sein Geld mit einem Schlüsseldienst verdient. Und der natürlich beste Beziehungen zu den eher zwielichtigen Gestalten des Rotlichtbezirks pflegt. Eine nützliche Eigenschaft, welche ihn augenscheinlich auch automatisch dazu befugt, den polizeilichen Ermittlungen ungefragt beizuwohnen.

Wenn man bei „Revolverherz“ überhaupt von Ermittlungen sprechen kann, denn die mit dem Mordfall beauftragte Soko handelt frei nach dem Motto „Eile mit Weile“ und lässt sich enervierend viel Zeit. Bestes Beispiel: Nachdem auch die zweite Leiche als Tänzerin aus ein und demselben Nachtclub identifiziert wurde, warten die Kollegen von der Mordkommission lieber noch einen weiteren Mord ab, bevor man schließlich auf die glorreiche Idee kommt, dessen Betreiber mal davon in Kenntnis zu setzen und ein Überwachungsteam vor Ort zu installieren. Realismus geht sicher anders.

Einige Rezensenten merken diesbezüglich an, dass der Kriminalfall noch etwas Feinschliff oder Futter nötig gehabt hätte. Ich würde sogar einen Schritt weitergehen und behaupten – man kann hier eigentlich überhaupt nicht von einem solchen sprechen. Buchholz nutzt die vom Genre gesetzten Standards lediglich als äußerst dünnen Rahmen, in welchem dann das eigentliche Bild die ganze Aufmerksamkeit des Lesers für sich beansprucht. Und damit kommen wir nun zur wirklichen Stärke des Romans: Den Milieu-Beschreibungen. Simone Buchholz, wie ihre (Anti-)Heldin selbst im hessischen Hanau geboren und inzwischen in Hamburg lebend, hat offenbar das Flair ihrer Wahlheimat mit jeder Pore aufgesogen und verinnerlicht. Anders lässt sich nicht erklären, wie plastisch sie diese ganz besondere Atmosphäre des Kiez einfängt, uns mit ihrer knappen, schroffen, aber auch bildreichen Schreibe direkt in das Zwielicht von St. Paulis Gassen katapultiert. Auf der Reeperbahn nachts um halb eins sind große Haie und kleine Fische genauso unterwegs, wie die High Society der Hansestadt. Ein jeder schleppt seine Geheimnisse mit sich herum. Und die Motive mancher sind so undurchsichtig wie das an die Kaimauer klatschende Wasser der Norderelbe.

Buchholz pumpt das Buch bis zum Anschlag mit Lokalkolorit und Dialekt auf, nimmt bei ihren Figurenbeschreibungen jedes Reeperbahn-Klischee mit. Von der alten, warmherzigen Puffmutter über den muskelbepackten Türsteher bis hin zum schmierigen Zuhälter und dem linkischen Kleinganoven. In „Revolverherz“ pulsiert das vielgestaltige Leben in jeder Zeile, vermengt sich abseits der touristischen Attraktionen zu einem gefährlichen Gemisch aus Eifersucht, Neid und unerfüllter Liebe, welches sich jederzeit in zügelloser Gewalt entladen kann. Wie nah Buchholz mit ihrer Darstellung dieses so speziellen Hamburger Stadtteils der Wirklichkeit kommt, werden wohl nur Ortskundige beurteilen können. Tatsache ist jedoch: Es ist gerade diese ihre liebevolle Detailverliebtheit, diese halblegale Szenerie, die letztlich dafür verantwortlich zeichnet, dass man diesen „Krimi“ nur unschwer aus der Hand legen kann. Angelockt wie eine Motte vom Licht der Kneipen, Bars und „Massage“-Salons zieht uns die Lektüre in den Bann und lässt uns vergessen, dass einem der Mörder bereits recht früh vor die Nase gehalten wird. Der Reiz am Verbotenen, am Kiez und der Reeperbahn mit all ihren einmaligen Typen und verschrobenen Gestalten – er wiegt das größtenteils auf.

Was wiederum die Hauptprotagonistin selbst angeht – hier könnten sich dann doch die Geister scheiden, nimmt doch Buchholz jedes Noir-Element mit, was seit Chandler und Hammett Einzug im Genre gehalten hat. Eine dem „Alkohol nicht abgeneigte“, von Komplexen beladende, aber natürlich trotzdem durchweg toughe Anti-Heldin aus komplizierten Elternhaus (Mutter verließ die Familie früh, ihr Vater, ein amerikanischer Soldat, starb als Chastity noch relativ jung war) und mit Bindungsproblemen, welche aber trotzdem sexuell mitnimmt, was sich ihr gerade so in die Arme wirft. Daran ist grundsätzlich auch nichts verkehrt, nur haben bloß die eindeutigen Vorbilder nicht den Fehler gemacht, all das schon so ausführlich in ein knapp 250 Seiten umfassendes Buch zu quetschen.

Meines Erachtens wäre Buchholz besser damit gefahren, ein paar Dinge aus Rileys Vergangenheit, aber auch hinsichtlich ihres Privatlebens erst einmal im Dunkeln zu lassen, um diese in nachfolgenden Bänden näher zu beleuchten. Diesbezüglich macht sie zum Beispiel bei „Klatsche oder dem geheimnisvolle „Faller“ einen weit besseren Job. Das offene Schicksal des Letzteren ist es dann auch, welches bei mir noch am ehesten das Interesse weckt, einen weiteres Buch aus der Reihe zu lesen. Denn so lebendig, farbenfroh und stimmungsvoll auch Buchholz‘ ihr St. Pauli zu Papier gebracht hat – ein Frank Göhre spielt da nochmal in einer ganz anderen Liga. Gut möglich jedoch, dass die Autorin sich diesem Niveau im Verlauf der Serie angenähert hat. Mangels Kenntnis kann ich dazu an dieser Stelle keine Aussage treffen.

Mit dem ersten Chastity-Riley-Band deutet Simone Buchholz ein gewisses Potenzial für den oben erwähnten „Kultfaktor“ bereits an. Ihr Stil ist erfrischend einzigartig, da rotzig und gefühlvoll zugleich. Die Figuren könnten mit einer etwas geduldigeren Ausarbeitung zu echten Sympathieträgern werden. Und wenn in den Nachfolgern der eigentliche Mordfall nicht nur eine Randerscheinung bleibt, ist die deutsche Krimi-Landschaft mit Sicherheit um eine äußerst lesenswerte Facette reicher. Ob ich persönlich jedoch das noch näher herausfinden will, ist angesichts bockstarker Konkurrenz in meinem Bücherregal zumindest aktuell eher fraglich.

Wertung: 83 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Simone Buchholz
  • Titel: Revolverherz
  • Originaltitel:
  • Übersetzer:
  • Verlag: Suhrkamp
  • Erschienen: 01.2023
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 244
  • ISBN: 978-3518472934

Sag es mit Gift

© Bastei Lübbe

Seit weit über zwanzig Jahren sammele ich inzwischen Kriminalliteratur, ergänzt durch eine auch nicht unbeträchtliche Anzahl von Büchern aus anderen Genres und zusammengefasst (oder sollte ich besser zusammengepfercht sagen?) in einer Bibliothek, welche mittlerweile aufgrund des Gewichts die Statik unseres Wohnzimmers in arge Bedrängnis bringt. Man könnte also tatsächlich passenderweise behaupten: „Mord ist aller Laster Anfang“. In meinem Fall ein Laster, das aber wenigstens keine nennenswerten gesundheitlichen Nachteile (von trockenen Augen mal abgesehen) mit sich bringt, wenngleich manch ein literarisches Mahl auf dem Weg zum „Krimi-Gourmet“ rückblickend etwas schwerer im Magen liegt – oder nach objektiven Gesichtspunkten unter äußerst leichter Kost anzusiedeln ist. Bei Ann Grangers Debüt im Spannungsgenre handelt es sich genau um solche.

Nun ist der klassische englische Landhauskrimi per se kein Sub-Genre, in dem sich Schriftsteller in der Vergangenheit in großer Zahl zu ungeahnten künstlerischen, geschweige denn spannungsreichen Höhenflügen aufgeschwungen haben. Wenig überraschend, legt das Lesepublikum doch seit Miss Marples Zeiten hier vor allem Wert auf den richtigen Schauplatz, möglichst verschrobene, skurrile Charaktere und eine dazu passende gediegene, gemütliche Atmosphäre. Die Suspense hat auch deswegen zwischen gehäkelten Tischdecken, weichen Ohrensesseln, knisternden Kaminfeuern und pfeifenden Teekesseln einen mitunter schweren Stand, was dem Erfolg des „Cozys“ allerdings nie abträglich war. Und ich bin ganz ehrlich: Ab und zu ist es tatsächlich ganz entspannend, sich nach all den depressiven, alkoholkranken Ermittlern oder geistesgestörten Serienkillern für die nächste Lektüre in einem idyllischen, abgelegenen englischen Dörfchen zu erholen. Sowohl zwischen den Buchdeckeln, als auch im wahren Leben. So nehme ich daher unseren diesjährigen Urlaub in Oxfordshire, am Rande der Cotswolds, zum Anlass, um Jahre nach dem ersten Kontakt mit diesem Buch, einen etwas kritischeren Rückblick zu wagen und eine Antwort auf die Frage zu suchen: Kann man das heute eigentlich noch lesen? Und konnte man es je?

Im Jahr 1991 hatte Ann Granger – erst als Englischlehrerin, dann im diplomatischen Dienst lange Zeit in Ländern wie Österreich, Frankreich, Deutschland, aber auch in ehemaligen Staaten wie Jugoslawien und der Tschechoslowakei, tätig – unter dem Pseudonym Ann Hulme bereits sechs Bücher veröffentlicht. Sie werden heute gerne im Bereich der „Historic Novels“ verortet, obwohl es sich bei sachlicher Betrachtung allesamt um äußerst kitschige Liebesromane handelt. Entsprechend hoch durften daher wohl die Erwartungen der Krimi-Leser gewesen sein, als im genannten Jahr mit „Mord ist aller Laster Anfang“ der erste Whodunit mit Meredith Mitchell, wie ihre Schöpferin ebenfalls Diplomatin, das Licht der Welt erblickte. Von wenigen Ausnahmen abgesehen – Martha Grimes‘ Inspektor Jury hatte inzwischen eine gewisse Popularität erreicht – war der Landhaus-Krimi zu diesem Zeitpunkt zu einer Randhauserscheinung verkommen. Keine gute Ausgangslage für eine erfolgreiche Reihe, möchte man meinen. 2023, sechzehn Bände (ein 17. ist auf Deutsch für März 2024 angekündigt) und diverse andere Reihen später, muss man konstatieren: Besser hätte es für Ann Granger kaum laufen können, auch wenn der Start ein durchaus holpriger war. Und damit nun zum Inhalt:

Ungarn, Anfang der 90er Jahre. Konsulin Meredith Mitchell erhält von ihrer Cousine Eve Owens einen Brief samt Einladung für die Hochzeit von deren Tochter Sara. Meredith, Saras Patentante und von der ewigen Routine im Dienst des auswärtigen Amts inzwischen mehr als gelangweilt, nimmt die Gelegenheit wahr, dankend an und reist kurz darauf in das kleine (fiktive) Dörfchen Westerfield, nahe Bamford (ebenfalls fiktiv) in Oxfordshire. Zu ihrer Überraschung muss sie feststellen, dass sich in ihrer alten, englischen Heimat einiges verändert hat. Die ehemals allgegenwärtige Landhausidylle hat durch die Errichtung hässlicher Betonbauten sichtlich Schaden genommen, das freundliche, nachbarschaftliche Miteinander sich in Misstrauen und skeptische Zurückhaltung gewandelt. Und selbst im Hause ihrer Cousine, dem alten Wohnsitz des ehemaligen Pfarrers, scheint alles andere als Frieden zu herrschen.

Ein Unbekannter hinterlässt regelmäßig Drohungen in Form makabrer Scherze am Eingangstor, Saras künftiger Gatte fürchtet um sein feines Image und zwischen den angrenzenden Nachbarn, dem alten Bert und dem jungen Künstler Philipp Lorrimer, herrscht Streit aufgrund buddelnder Katzen im preisgekrönten Blumenbeet. Was Meredith anfangs noch als typische Verschrobenheit der Landbevölkerung interpretiert, wird recht bald bitterer Ernst. Erst wird eine der Katzen tot aufgefunden, offensichtlich vergiftet. Dann stolpert sie bei einem Besuch über die schmerzverzerrte Leiche ihres Besitzers. Schon am Vortag klagte Philipp über Bauchkrämpfe und so vermutet Meredith, dass auch hier Gift im Spiel sein muss. Alan Markby, Inspektor bei der Bamforder Polizei und auch geplanter Brautführer, wird mit den Ermittlungen in dem Fall beauftragt – und kreuzt dabei, zu seiner wachsenden Verstimmung, immer wieder die Wege von Meredith, die sich als Hobbydetektivin gebärt und ihrerseits Nachforschungen anstellt. Zeichnet wirklich der alte Bert für die Vergiftung verantwortlich? Und ist Gift überhaupt die einzige Todesursache? Als sie der Wahrheit immer näher kommt, ist es endgültig vorbei mit der Beschaulichkeit im ruhigen Westerfield …

Als ich Mitte 2000er, auch dank des damals noch lebendigen Forums auf der Website Krimi-Couch (nun ein Schatten ihrer selbst), die Perlen der DuMont-Kriminalbibliothek nach und nach für mich entdecken durfte, richtete sich der Blick auf weitere Literatur aus dem Bereich des Whodunit. Seit dem Golden Age hatte sich aber der Spannungsroman, auch dank auf Realismus pochenden Schriftstellern wie Dashiell Hammett oder Raymond Chandler, weiterentwickelt. Morde unter Gentleman in alten Herrenhäusern und in verschlossen Räumen waren lange genau so außer Mode, wie Hobbydetektive mit Anzug und Zigarre. Morde wurden nun immer blutiger und wissenschaftlicher seziert. Und der Leser sollte weniger zum Miträtseln angeregt, als vielmehr durch immer plastischere Schilderungen geschockt und gegruselt werden. Dennoch scheint es gerade zur Jahrhundertwende eine kleine Renaissance des klassischen Mystery-Novels gegeben zu haben. Anfangs noch in Form von Persiflagen oder Hommagen, wie z.B. in Gilbert Adairs „Mord auf ffolkes Manor“, eroberte sich der Whodunit wieder einen Platz in den Buchhandlungen zurück. Und so musste ich letztlich unvermeidlich auch über die Ann Granger Titel – oder besser gesagt über deren sehr einprägsame Cover stolpern.

Konzentriert man sich allein auf die Aufmachung des Buches, so kann man durchaus feststellen: Das Buch hält genau das, was es verspricht. Wer sich über das pittoreske Dorfidyll hinaus aber große Hoffnungen auf einen winkelten, komplexen Plot oder einen Meisterdetektiv wie Miss Marple macht, der kann dieser (zumindest für den ersten Band der Reihe) direkt wieder begraben. Ann Granger vermag es nicht zu kaschieren, dass sie zum allerersten Mal einen Fuß in das Krimi-Genre setzt, denn der Plot knarzt allerorten und ist ähnlich wie schwerfällig, wie die alten Holztüren der Cottages in Westerfield. Zwar gelingt es ihr durchaus, den Schauplatz optisch einen St. Mary Mead von Agatha Christie anzugleichen, bevölkert ihn aber mit wandelnden Klischees, die sich dick eingepackt in Stereotypen kaum bewegen können und daher Lebendigkeit vermissen lassen. Fast scheint es so, als hätte sich Granger hier Punkt für Punkt durch die To-Do-Liste „Was gehört alles in einen Whodunit“ gearbeitet und darüber hinaus vergessen, dass alles auch logisch – und vor allem für den Leser überraschend zu verknüpfen.

Ironischerweise wirken sich diese Schwächen aber weit weniger auf das Lesevergnügen aus, als die Hauptprotagonistin, Meredith Mitchell. Bar jeglichen Sinns für Humor, motzt, zickt, meckert und trampelt die Diplomatin (!) durch die Szenerie, durchgängig im Angriffsmodus auf alles, was auch nur im Begriff ist, Widerworte zu geben oder ihrem Treiben Einhalt zu gebieten. Natürlich hätte es auch ein kleiner Belgier mit Eierkopf oder die alte wirre Oma nie über das Sperrband eines Tatorts geschafft. Es wirkt rückblickend aber dennoch logischer, als die Anwesenheit dieser personifizierten weiblichen Abrissbirne, die so ziemlich alles tut, um den Leser gegen sich aufzubringen. Alan Markby, im weiteren Verlauf der Reihe wichtige zweite Hauptfigur, hat dagegen kaum Raum, um sich entfalten zu können und ist sich daher in erster Linie unseres Mitleids sicher. Eine Mischung also, an der „Mord ist aller Laster Anfang“ eigentlich noch vor Auffinden der ersten Leiche hätte krepieren müssen.

Umso überraschender, dass mich trotzdem irgendetwas an dieser Lektüre um den Finger wickeln konnte, was mit Worten nur schwer zu greifen ist. Meredith nervt, ja. Die Kulisse könnte kaum künstlicher sein, sicher. Aber obwohl diese Mängel so offensichtlich sind, lullt uns Ann Granger mit dieser Tee-und-Keks-vorm-Kamin-Atmosphäre dermaßen geschickt ein, dass man unwillkürlich tiefer in den Sessel sinkt und darüber hinaus die Zeit (und viele der offensichtlichen Kritikpunkte) einfach vergisst. Es ist diese Rutherfordsche Gemütlichkeit, die den Leser in eine warme Decke packt, welche zum Markenzeichen der Reihe werden wird, in „Mord ist aller Laster Anfang“ aber allein noch nicht ausreicht, um eine wirkliche Empfehlung aussprechen zu können. Granger deutet hier zwar ein gewisses Potenzial an, ist aber sichtlich noch auf der Suche nach dem eigenen Stil, mit dem dann auch eine dringend benötigte Leichtigkeit einhergehen könnte.

So ist Meredith Mitchells erster Fall dann nur für diejenigen von Interesse, welche literarische Entschleunigung vom chaotischen Alltag in Form eines Landhaus-Krimis suchen oder Serien immer unbedingt von Anfang an verfolgen möchten. Allen anderen empfehle ich, etwas später in diese sich im weiteren Verlauf tatsächlich stetig steigernde Reihe einzusteigen.

Wertung: 71 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: Ann Granger
  • Titel: Mord ist aller Laster Anfang
  • Originaltitel: Say It with Poison
  • Übersetzer: Edith Walter
  • Verlag: Bastei Lübbe Verlag
  • Erschienen: 10.2022
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 304 Seiten
  • ISBN: 978-3404189113

London Has Fallen

© Rowohlt

Kennen Sie das auch? Sie wollten eigentlich nur zwei, drei Chips aus der Tüte nehmen und plötzlich ist diese aus unerklärlichen Gründen schon gleich wieder leer. Ähnlich könnte es ihnen als Freund historischer Romane bei der Lektüre von Bernard Cornwells Sachsen-Saga gehen, mit welcher es dem in Amerika lebenden Autor in den vergangenen Jahren auf bemerkenswerte Art und Weise gelungen ist, sein Lesepublikum stets nach noch einem Roman mehr gieren zu lassen.

Irgendetwas in seinen Geschichten – und dieses irgendetwas ist nicht ganz einfach zu greifen – birgt ein gewisses Suchtpotenzial in sich, lässt viele blind zum direkten Nachfolger greifen. Wohl wissend, dass Cornwell das Rad nicht neu erfinden, sondern vielmehr seinem üblichen Schema in Aufbau und Erzählung treu bleiben wird. „Kennst du einen, kennst du alle.“ Ein nicht ganz aus der Luft gegriffener Vorwurf an den nur wenig wandlungsreichen Autor, der aber letztlich trotzdem immer noch von einer anderen Erkenntnis abgelöst wird: „LIEST du einen, liest du alle.“

Nachdem mich der Auftakt um den jungen Kämpfer Uhtred nur mit viel Wohlwollen meinerseits überhaupt für einen weiteren Band gewinnen konnte, schlugen die beiden weiteren Bücher „Der weiße Reiter“ und „Die Herren des Nordens“ umso mehr im Hause Heidsiek ein, da Cornwell hier nun genau die richtige Balance für seine doch recht formelhafte Schreibe findet und das ferne Ziel des Protagonisten – die Bebbanburg – äußerst gekonnt wie eine Karotte vor unserer aller Nase baumeln lässt. Aber kann er dieses qualitativ hohe Niveau auch weiterhin halten? „Schwertgesang“, der vierte Teil um Uhtred, den Sachsen, lässt diese Frage nicht lange offen und beantwortet sie bereits nach wenigen Seiten mit einem dicken Ja. Der britische Schriftsteller hat spätestens jetzt seinen Rhythmus gefunden, welcher in erster Linie vom Klang der Schwerter auf den Schildern seiner Protagonisten diktiert wird, denn einmal mehr nimmt das Schlachtengetümmel einen nicht unerheblichen Teil des Buches ein. Es darauf allerdings zu reduzieren, würde „Schwertgesang“ nicht gerecht, nimmt sich Cornwell doch auch wieder ebenso viel Zeit, um ein glaubwürdiges Gemälde des frühen englischen Mittelalters zu zeichnen. Und damit zur Handlung:

Knapp sieben Jahre sind seit den Ereignissen in „Die Herren des Nordens“ vergangen. Uhtred, nach seinen Abenteuern in Northumbrien inzwischen nach Wessex zurückgekehrt, hat sich gemeinsam mit seiner Frau Gisela und seinen Schwurmännern in Coccham (heutiges Cookham, Berkshire) niedergelassen. Dort befestigt er im Auftrag seines Königs Alfred die Stadt und umliegende Gehöfte entlang der Temes (Themse), um diese gegen die weiter anhaltenden Überfälle der Nordmänner zu sichern. Keine leichte Aufgabe, welche noch dadurch erschwert wird, dass Uhtred seitens Alfred nur wenig Unterstützung erhält und die Dänen, unter Führung der Brüder Erik, Sigefried Thurgelson und Graf Haesten, einst selbst in Uhtreds Diensten, über den Seeweg immer mehr Verstärkung bekommen. Ein Angriff scheint nur eine Frage der Zeit. Doch König Alfred ist für sämtliche Warnungen blind, träumt lieber weiter von einem vereinten England und plant stattdessen selbst in die Offensive zu gehen. Sein Ziel: Die Stadt Lundene (London).

Unter der Führung seines verhassten Cousins Æthelred, dem Aldermann von Mercien, soll Uhtred auf Befehl des Königs die von den Dänen besetzte Stadt einnehmen, um einen Brückenkopf für weitere Feldzüge in den Norden zu erhalten und den Seehandel über die Themse zu sichern. Ein riskantes und schwieriges Unterfangen, zumal Æthelred von Strategie und Taktik keinerlei blassen Schimmer hat. Einmal mehr muss sich also Uhtred in seine blutverschmierte Rüstung werfen, um mit List, Tücke und Mut die Kohlen für Alfred aus dem Feuer zu holen…

Vorneweg ein Hinweis für die Leser, welche wie ich, die älteren Rowohlt-Ausgaben ihr Eigen nennen (Ob es bei den neuen korrigiert wurde, entzieht sich meiner Kenntnis): Die auf dem Klappentext des Buches angegebene Jahreszahl 855 ist natürlich ein Fehler seitens des Verlags. Vielmehr spielt sich die hier erzählte Geschichte zwischen den Jahren 885 und 887 nach Christus ab, wenngleich die Geschehnisse rund um Uhtred einmal mehr größtenteils der Fantasie des Autors entsprungen sind (Cornwell gibt dazu auch im Nachwort eine Erklärung ab) und sich nur in einigen Punkten mit den, aus dieser Zeit nur spärlichen erhaltenen historischen Fakten kreuzen.

Das wird vielleicht aber nur denjenigen bitter aufstoßen, welche an der Universität die Angelsachsenchronik im Detail studiert haben, weiß doch der Autor (wie schon zuvor in „Die Herren des Nordens“) diesen kreativen Freiraum bestens zu nutzen. Bernard Cornwell hat über die Jahre ein beeindruckendes Gespür dafür entwickelt, Fiktion und überliefertes Wissen miteinander zu verweben, um es dem Leser informativ und dennoch durchgängig kurzweilig nahe zu bringen. Wie oft wird gerade im Bereich des historischen Romans „das zum Leben erweckte Mittelalter“ fälschlicherweise hymnisch gepriesen. Hier ist dieses Lob tatsächlich mehr als gerechtfertigt, denn obwohl wir sogleich in die Erzählung und damit in diese geschichtliche Epoche eintauchen, wirkt doch vieles aus heutiger Sicht fremd auf uns. Cornwell macht nicht den in diesem Genre so beliebten Fehler, nur Bühne und Requisiten dem damaligen Zeitalter anzupassen – er verdeutlicht auch durch seine Figuren, dass sich die Menschen des frühen Mittelalters, abhängig von ihrer Bildung oder ihrem Stand, mit gänzlich anderen Herausforderungen konfrontiert sahen.

Seit seinem ersten Auftritt in „Das letzte Königreich“ ist besonders der Hauptprotagonist Uhtred in dieser Hinsicht enorm gewachsen und verkörpert glaubwürdig die Summe seiner eigenen Erfahrungen. Er ist vor allem das Ergebnis gewaltsamer Auseinandersetzungen, musste von Klein auf seinen Platz erkämpfen, weswegen wiederum Cornwell erst gar nicht versucht, ihn irgendwie als Sympathieträger beim Leser zu platzieren und anzudienen. Uhtreds große Stärke ist nun mal strategisches Denken und das blutige Kriegshandwerk. Ihm geht es um Ruhm, Ehre, Ansehen und am Ende auch um den finanziellen Vorteil. Ihn daher gleichzeitig als liebevollen, empathischen Familienvater zu zeichnen, würde zwar das potenzielle Lesepublikum dieser Reihe um einiges erweitern – aber gleichzeitig der Authentizität einen Bärendienst erweisen. Somit steht und fällt der Zugang zu dieser Lektüre auch mit dieser Figur. Man liebt oder hasst sie. Dazwischen wird es nicht viel geben. Erstere wird es möglicherweise freuen zu sehen, dass der alte Uhtred, welcher rückblickend als Ich-Erzähler der Geschichten fungiert, diesmal um einiges präsenter ist. Sein Wirken als Chronist der eigenen Abenteuer – die er vor seinen Zuschauern immer wieder in das zwar nicht rechte, aber dafür wahre Licht rücken muss – verleiht Cornwells Schilderungen zusätzlich an Tiefe.

Und wer befürchtet, es in der Sachsen.-Saga mit durchgehend eindimensionalen Charakteren zu tun zu bekommen, dem kann ich diese Angst auch nehmen. Auch wenn ein jeder andere Attribute mit sich bringt, vermeidet er doch jegliche Schwarz-Weiß-Malerei oder zu deutliche Kontraste. Die Motivationen der Figuren sind unterschiedlich – und ändern sich ähnlich häufig wie ihre Bündnisse. Wie in einem guten Krimi kann man sich der Absichten aller Beteiligten nicht durchgängig sicher sein. Und auch das Böse ist nicht immer dänisch und trägt einen roten Vollbart. Ganz im Gegenteil: Während Hollywood-Produktionen wie „King Arthur“ die Invasion der Nordmänner des von den Römern verlassene Britanniens als reinen Verteidigungskampf gegen einen teuflischen Gegner inszenieren, vermeidet Cornwell solche einseitigen Perspektiven und macht es dem Leser – und letztlich damit auch Uhtred – so nicht leicht, eine bevorzugte Seite zu wählen. Es sind gerade diese verschwimmenden Grenzen, diese teils liebenswerten Halunken hüben wie drüben, welche zusätzlich dafür sorgen, dass sich so etwas wie Vorhersagbarkeit oder Langeweile in dieser Reihe erst gar nicht einstellen kann und will.

Ein anderes, zentrales Element ist – neben der unverblümten, rohen, mitunter aber auch schwarzhumorigen Sprache – Cornwells seit jeher wirksamste stilistische Waffe: Die Schlachtenbeschreibungen. Wenn der Autor die Kämpfer nach und nach im Schildwall in Position bringt, wird man unversehens Teil der Erzählung, wird der Leser auf bestürzende Art und Weise in das Getümmel von menschlichen Leibern hineingezogen, wo er im strömenden Regen, Matsch und Blut schreiend losstürmt, um den feindlichen Dänen mit gezogener Waffe das Fürchten zu lehren. Vor Augen dabei eine wackelnde Handkamera, welche das schreckliche Gemetzel in aller Plastizität, aber eben auch unheimlich fesselnd und mitreißend direkt von den Zeilen auf Papier in die Köpfe des gebannten „Zuschauers“ transportiert. Wenn jemand da draußen ein literarisches Äquivalent für Mel Gibsons Epos „Braveheart“ sucht, der wird bei Bernard Cornwell mit höchster Sicherheit fündig. Insbesondere auf den letzten knapp vierzig Seiten brennt der Autor ein Actionfeuerwerk der Extraklasse ab, das in diesem Genre wohl seinesgleichen sucht. Und selten hat der Titel eines Buches dann abschließend auch so gut gepasst, wie hier.

Zusammenfassend bleibt nur zu sagen: Der Griff zur nächsten „Chipstüte“ aus der Feder Bernard Cornwells ist nach der Lektüre von „Schwertgesang“ eigentlich unvermeidlich. Auch der vierte Band der Sachsen-Saga um Uhtred von Bebbanburg – der seiner „Karotte“ erwartungsgemäß auch diesmal kein Stück näher kommt – ist ein unheimlich facetten- und bildreicher, aber auch emotionaler Ausflug ins frühe englische Mittelalter, den ich mit Inbrunst verschlungen habe. Ein Glanzlicht des historischen Romans, zu dem man aber nur greifen sollte, wenn man bereits die Vorgänger kennt.

Wertung: 90 von 100 Trefferneinschuss2

  • Autor: Bernard Cornwell
  • Titel: Schwertgesang
  • Originaltitel: Sword Song
  • Übersetzer: Karolina Fell
  • Verlag: Rowohlt
  • Erschienen: 01.2009
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 480
  • ISBN: 978-3499248023

Kraftwerk des Bösen

© Elsinor

John Buchans „Der Übermensch“, war da nicht mal was? Wer die deutsche Verlagsszene insbesondere im Bereich Kriminalroman in den letzten Jahren genauer verfolgt hat, dem wird nicht entgangen sein, dass dieser Titel bereits 2014 vom Elsinor Verlag veröffentlicht worden ist. Genau ist dabei allerdings das Stichwort, denn wie leider so oft bei kleineren Verlagshäusern, so blieb auch diesem Buch eine größere mediale Reichweite – und damit ein entsprechendes Lesepublikum – verwehrt. Und wenn es sich dann auch noch um einen Klassiker aus der Zeit des Ersten Weltkriegs handelt, scheinen die Chancen nicht selten umso geringer. Wieso also jetzt eine weitere Neuauflage?

Nun, einerseits feierte der klassische Spannungsroman zuletzt ein kleines Revival, wobei dies wohl weniger der großen Nachfrage geschuldet ist, als vielmehr dem Kostenfaktor. Anstatt Übersetzer, Lektoren und neue Lizenzen für großes Geld einzukaufen, bedient man sich bestehender Rechte und auch Übersetzungen, welche man allenfalls nochmal hier und da überarbeitet. Verlage wie zum Beispiel Kampa oder auch der Unionsverlag haben die finanziellen Vorteile in diesem Geschäftsmodell längst für sich entdeckt und entsprechend ihr Programm ausgerichtet. Andererseits gibt es weiterhin Menschen dort draußen, die nicht müde werden, sich für längst vergessene (oder auch bis dato unentdeckte) Krimi-Perlen einzusetzen. Und einer davon ist seit vielen Jahrzehnten Martin Compart – ehemaliger Herausgeber für u.a. so wegweisende Krimi-Reihen wie die „gelben Krimis“ bei Ullstein, die „Schwarze Serie“ von Bastei Lübbe oder die kurzlebige Kollektion DuMont Noir. Er ist es auch, der in der überarbeiteten Ausgabe von „Der Übermensch“ (engl. „The Power House“) wieder ein Nachwort besteuert, das sich am Informationsgehalt der oben genannten Reihen orientiert, fast allein den Kauf schon lohnt – und damit aber eigentlich auch in Inhalt und Umfang eine größere Besprechung des vorliegenden Romans fast gänzlich überflüssig macht.

Was soll ich da jetzt noch ergänzen oder aus dem Text herausholen? Das war so ziemlich mein erster, leicht verzweifelter Gedanke nach der Beendigung dieses Klassikers, welchen Compart – im Kontext der Bedeutung und der Entwicklung des Spionage-Romans (bis hin zum Ursprung des Begriffs Spion an sich) sowie auch mit Fokus auf den Lebenslauf John Buchans – im Anschluss an die eigentliche Geschichte über ganze dreißig Seiten (!!) analysiert. Nun, konzentriere Dich einfach auf den gelesenen Text, würde wohl mein alter Dozent zu mir sagen. Doch genau hier steht man relativ schnell vor dem nächsten Problem, denn „Der Übermensch“ ist eigentlich vom Umfang her weniger ein Roman, als vielmehr eine recht übersichtliche Novelle, welche zudem ohne wirkliche Aktion seitens des Hauptprotagonisten, Edward Leithen, auskommt.

Leithen ist stattdessen der Prototyp des „Clubland Heros“, der, selbst konfrontiert mit lebensbedrohlichen Problemen, diesen weitestgehend von seinem Schreibtisch aus begegnet, wodurch sich wiederum Buchans Geschichte deutlich von vielen zeitgenössischen Kollegen wie Eric Ambler oder W. Somerset Maugham, unterscheidet. Compart spricht hier von einem „romantisierenden Blick“ gegenüber dem eher realistischen Ansatz der genannten Autoren – und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Genau diese stilistische Eigenheit des schottischen Schriftstellers lässt aber eben wenig Raum für eine Auseinandersetzung mit der eigentlichen Handlung – zumindest ohne im gleichen Zug die Essenz, Faszination und vor allem Spannung schon vorweg zu nehmen. Ich will es dennoch versuchen und dabei vermutlich scheitern:

Edward Leithen ist der exemplarische, ja fast schon klischeehaft konservative Vertreter der britischen Oberschicht nach dem Ende der viktorianischen Ära. Wohnhaft in der Metropole London, leistet er seinen Dienst am Empire als Abgeordneter der Tory-Partei im Parlament und ist nebenbei noch am örtlichen Gericht als Anwalt tätig. Sein Leben findet neben diesen beiden Schauplätzen größtenteils in diversen exklusiven Clubs statt, in welchen die erbitterten, aber stets sportlichen Konflikte aus den politischen Sälen Westminsters mit großer Begeisterung fortgesetzt werden. So ist es wenig überraschend, dass zwei seiner besten Freunde dem gegnerischen Lager der Labour-Partei entstammen. Während man sich vor den Augen der allgegenwärtigen Presse in den Auseinandersetzungen nichts schenkt, schätzt man sich privat umso mehr, wenngleich ein jeder darauf bedacht ist, den jeweils anderen mit seinen Leistungen oder Erlebnissen zu beeindrucken.

Während einer geselligen Zusammenkunft ist es dann an Edward Leithen von seinem bis dato größten Abenteuer zu erzählen. Dieses begann mit der urplötzlichen und mysteriösen Flucht eines Bekannten aus London. Sein Name: Charles Pitt-Heron. Schon immer mit dem Ruf eines Draufgänger versehen, sind dessen Freunde dennoch überrascht über die Art und Weise der Abreise. Von seinem Freund Tommy Deloraine erfährt Edward, dass Charles zuletzt in zwielichtigen Kreisen verkehrt hat und nun verzweifelt versucht, diesen zu entkommen. Tommy seinerseits möchte ihm nachreisen und beistehen, weswegen er seinen Freund damit beauftragt, die Ursprünge der unbekannten Gefahr näher zu erforschen. Edward, der einst Charles‘ Ehefrau Ethel sehr zugetan war, kommt nach und nach einer weltumspannenden Verschwörung namens „Das Kraftwerk“ (engl. „The Power House“) auf die Spur und sieht sich schließlich sogar dessen Kopf gegenüber. Als dieser ihm die mitunter nachvollziehbaren Gründe für sein kriminelles Wirken erläutert, steht er vor einer schwierigen Wahl: Soll er den Dingen seinen Lauf lassen oder sein eigenes Leben riskieren, um ein anderes zu retten? Edwards Entscheidung setzt schließlich eine Kette von Ereignissen in Gang, welche von London bis in das ferne Kaschmir ihren Widerhall finden …

John Buchan – ein Name, der heute hierzulande allenfalls Kennern des Genres in Begriff ist, wobei sich diese Kenntnis zumeist auf sein wohl bekanntes Werk, „Die neununddreißig Stufen“, potenziert, dessen Verfilmung durch den damals noch recht jungen Alfred Hitchcock zu den größten britischen Filmen aller Zeiten zählt. Hier, in Großbritannien, ist Buchans Buch auch seit seinem Erscheinen im Jahr 1915 durchgehend lieferbar. Im Verlauf der Jahre hat es wie sein Schöpfer viele Bewunderer gefunden, zu denen u.a. Persönlichkeiten wie der ehemalige amerikanische Theodore Roosevelt zählten. Auch Graham Greene orientierte sich in seiner Arbeit stark am Idol John Buchan, dessen abwechslungsreiches und fast übervolles Leben von Martin Compart in dieser Ausgabe hervorragend herausgearbeitet und gewürdigt wird. Obwohl er nur 64 Jahre alt wurde, tat er sich nicht nur als Schriftsteller und Journalist hervor, sondern war während des Ersten Weltkriegs auch Mitarbeiter im militärischen Geheimdienst und ab 1935 sogar Generalgouverneur von Kanada. Zu seinem umfangreichen Werk gehören neben zweiundvierzig Sachbüchern, vier Gedichtbänden und zehn Biographien auch achtundzwanzig Romane, von denen der erste, „The Half-Hearted“, bereits im Jahr 1900 das Licht der Öffentlichkeit erblickte.

In dieser bis heute unübersetzten klassischen Abenteuergeschichte verhindert der Held namens Lewis eine Invasion durch die Russen. Zehn Jahre später folgt der Leser Buchan in „Trommeln über Transvaal“ (engl. „Prester John“) nach Südafrika, wo sich ein junger Engländer einem verheerenden Aufstand der Schwarzen entgegenstellt. Letzterer ist zwar von der damaligen imperialistischen Ideologie und Doktrin beeinflusst, zeichnet gleichzeitig aber auch ein für diese Zeit überraschend verständnisvolles Bild der südafrikanischen Sichtweise. Aus heutiger Sicht könnte man „Trommeln über Transvaal“ wohlwollend als frühen Polit-Thriller bezeichnen.

Dennoch sollte es nochmal fünf weitere Jahre dauern, bis Buchans literarischer Fingerabdruck auch von einem größeren Publikum wahrgenommen wird. Beeinflusst von den desillusionierenden Eindrücken des Kriegsjahres 1915, begann er mit der Arbeit am bereits erwähnten „Schlüsselwerk“ seiner Schriftstellerkarriere – „Die neununddreißig Stufen“, das noch im gleichen Jahr in Druck ging und zu einem großen Erfolg für Buchan wurde. Ein Erfolg, von dem auch „Der Übermensch“ profitierte, der bereits 1913 als Fortsetzungsroman erschienen war, und drei Jahre später, die Gunst der Stunde nutzend, als gebundene Ausgabe erneut auf den Markt kam. Nach Ansicht von Martin Compart, handelt es sich hierbei um den ersten modernen Spionage-Roman. Und selbst wenn viele Buchan nachfolgende Autoren des Genres bis heute „Die neununddreißig Stufen“ als Blaupause hervorheben – ich bin nach genauer Überlegung durchaus eneigt Compart zuzustimmen.

Um seine Sichtweise zu teilen, bedarf es allerdings auch einer gewissen Erweiterung eben dieser, denn „Der Übermensch“ hat aus heutiger Sicht nur noch wenig mit dem gemeinsam, was wir, geprägt von Protagonisten wie George Smiley oder James Bond, mit diesem Sub-Genre verbinden. Anstatt uns wie später genreüblich an der Seite der fürs Gute streitenden Helden körperlicher Gefahr auszusetzen, entwickelt sich der Spannungsbogen von „Der Übermensch“ größtenteils zwischen den Papierstapeln des Schreibtischs, hinter denen Edward Leithen sitzt und Telegramme verschickt, um die eigentlich der Bedrohung ausgesetzten Akteure zu warnen und in Sicherheit zu bringen. Fast scheint es anfangs so, als hätte Buchan es bewusst vermieden, seine höchstwahrscheinlich eher elitäre Leserschaft direkt mit so primitiven Dingen wie Mord und Totschlag auseinanderzusetzen. Immer wenn sich daher die Häscher den durch die Berge Bucharars und Kaschmirs Charles Pitt-Heron und Tommy Deloraine nähern, sitzen wir Leser im warmen, behaglichen London – relativ unberührt von dem Ausmaß der kriminellen Verschwörung, die Edward bis hierhin relativ dank diverser Gespräche und Schlussfolgerungen unbehelligt aufdecken kann. Zumindest so lang, bis der Hauptprotagonist durch das Element des Zufalls dem Kopf dieses Syndikats gegenübersteht.

Bis zu diesem Zeitpunkt hat uns „Der Übermensch“ zwar relativ temporeich und gefällig, aber auch wenig überraschend oder gar begeisternd von Seite zu Seite zu tragen – nun ändert diese Begegnung in einem dunklen Salon eines alten Landhauses von jetzt auf gleich die ganze Tonalität. Hier, in den Schatten eines brennenden Kaminfeuers, offenbart sich der scheinbar wohlwollende Gastgeber als Drahtzieher des Bösen, als kultivierte und doch gefährliche Spinne im Zentrum eines gewaltigen Netzes. Martin Compart zieht in seinem Nachwort Vergleiche mit Hugo Drax und Ernst Stavro Blofeld, späteren Superverbrechern und Gegenspielern James Bonds, dessen Schöpfer Fleming sich ebenfalls als Autor in der Tradition John Buchans verstand. Und tatsächlich liegen die Parallelen deutlich auf der Hand, erinnert die Enthüllung des Bösewichts frappant an die Konfrontationen von 007 mit den übergroßen Schurken, welche durch die Verfilmungen in die moderne Kultur übergegangen sind. Für mich weckt dieser wortwörtliche Gänsehautmoment – der Dialog zwischen Leithen und dem Kopf des „Kraftwerks“ gehört meines Erachtens zum Besten, was dieses Genre hervorgebracht hat – allerdings Erinnerungen an jemand ganz anderen.

Wenn sich Leithen und sein Gegenüber ein philosophisches Wortduell über ihre gegensätzlichen Weltanschauungen liefern und unser Held dabei, ohne wirklich nachzugeben, in diesem Kräftemessen immer mehr an Boden verliert, verwandelt sich das düstere Zimmer vor meinen Augen in den tosenden Abgrund eines Wasserfalls – in den Schauplatz der unvermeidlichen und entscheidenden Auseinandersetzung zwischen dem Meisterdetektiv Sherlock Holmes und dem Napoleon des Verbrechens, Professor Moriarty. Und Letzterer ist es auch, der hier für mich in Gestalt des großen Gegenspielers eine einprägsame, weil zutiefst unheimliche Wiederauferstehung feiert. Mit dem gleichen diabolischen Genie versehen und ebenso entschlossen, arbeitetet auch das „Kraftwerk“ am Fall der bestehenden, so genannten Ordnung, deren Ineffizienz und Anfälligkeit sich die Organisation aber gleichzeitig zu Nutze macht, um überall ihre eigenen Leute für den vernichtenden Schlag zu positionieren. Wie alle Oberschurken nach ihm (und vor ihm eben ein Moriarty), so gewährt er Leithen – und damit auch uns – einen relativ freigiebigen Blick in seine Absichten. Doch wo heutzutage ein actionreiches Überraschungselement dieser Selbstherrlichkeit ein Ende setzen würde, bleibt in „Der Übermensch“ nur ein mulmiges Gefühl zurück. Zu sehr schneiden sich die Worte von Leithens Gegner durch unser vermeintliches Selbstverständnis. Zu ungewollt und dennoch deutlich, der aktuelle Bezug.

Haben Sie jemals darüber nachgedacht, wie brüchig diese Zivilisation eigentlich ist, auf die wir alle so stolz sind?

Bei Drohungen bleibt es im weiteren Verlauf dann auch nicht mehr. Leithen, der sich als aufrechter Patriot seiner Zeit nicht einschüchtern lassen will, wird damit endgültig zum Hauptziel des vollkommen skrupellosen und an menschlichen Ressourcen nicht armen „Kraftwerks“ und muss fortan alle eigenen Hebel in Bewegung setzen, um am Leben zu bleiben – und um schließlich zum Gegenschlag ausholen zu können. Unterstützt wird er dabei von dem heimlichen Star des Buchs, der in Form des schlagkräftigen „Volkstribuns“ Chapman für ein paar handfeste Momente und damit eine kurzfristige Auflockerung der zupackenden Suspense sorgt (Übrigens fühlte ich mich auch hier an eine weitere Figur aus der Feder Sir Arthur Conan Doyles erinnert: Den temperamentvollen Professor Challenger aus „Die verlorene Welt“). Auch diese zupackende Unterstützung kann letztlich aber nicht verhindern, dass Leithen am Ende in den Straßen Londons noch um sein Leben laufen muss – und damit einem weiteren Stilelement den Boden bereitet, das heute aus keinem Spionage-Thriller mehr wegzudenken ist: Die rasante und atemlose Verfolgungsjagd.

Der Übermensch“, Auftakt einer vierbändigen Reihe um Edward Leithen, ist aber auch abseits seiner Bedeutung für das heutige Sub-Genre des Kriminalromans ein kaptivierendes, unheimlich dichtes Stück Spannungsliteratur, dessen Lektüre immer noch lohnt. Es bleibt zu hoffen, dass Martin Compart und der Elsinor Verlag auch in Zukunft weitere Schätze dieser Qualität aus den Tiefen der Thriller-Geschichte heben können.

Wertung: 87 von 100 Treffern

einschuss2
  • Autor: John Buchan
  • Titel: Der Übermensch
  • Originaltitel: The Power House
  • Übersetzer: Jakob Vandenberg
  • Verlag: Elsinor
  • Erschienen: 05.2022
  • Einband: Broschiertes Taschenbuch
  • Seiten: 160 Seiten
  • ISBN: 978-3942788670

Tears for Fears

© Goldmann

Seit genau 22 Jahren verdingt sich der in Solihull gebürtige Engländer Mark Billingham nun schon als Autor von Kriminalromanen – wohlgemerkt neben seiner weit länger ausgeübten Tätigkeit als Stand-Up-Comedian, welcher er in der Heimat auch in erster Linie seine große Bekanntheit verdankt. Eben jene Bekanntheit, zu der es auf dem deutschen Buchmarkt bis heute nicht wirklich gereicht hat, obwohl seine Werke seit dem Erstling „Der Kuss des Sandmanns“ fast durchgehend veröffentlicht worden sind.

Doch diese Kontinuität täuscht, denn anders als die im Stil durchaus vergleichbare Kollegin Val McDermid, scheint Billingham hierzulande weiterhin auf der Suche nach dem sicheren Hafen zu sein. Zu Beginn noch fester Bestandteil des Goldmann Verlags, gab es anschließend ein kurzes Stelldichein bei Heyne, nur um inzwischen – aufgeteilt zwischen Atrium und Kampa Verlag – veröffentlicht zu werden. Die Tatsache, dass man dabei bereits auf Deutsch erschienene Bücher wieder unter einem neuen Titel herausgebracht hat, schadet nicht nur der Übersichtlichkeit, sondern macht es meines Erachtens auch schwierig, Leser längerfristig an diesen Autor zu binden.

Und genau das wäre durchaus wünschenswert, zählt doch Mark Billingham zu den wirklich lesenswerten Vertretern der britischen Krimi-Szene, wobei hier insbesondere die frühen Bände aus der Reihe Detective Inspector Tom Thorne herausstechen, da sie den klassischen britischen Police-Procedural gekonnt mit Elementen des amerikanischen Psychothrillers erweitern. Nachdem der Auftakt in dieser Hinsicht vor allem durch seine subtile Herangehensweise sowie durch seine unerwartete Reife überraschen und überzeugen konnte, kristallisiert sich nun in „Die Tränen des Mörders“ die eigentliche Marschrichtung mehr und mehr heraus. Und die hinterlässt weit deutlichere Abdrücke im literarischen Kopfsteinpflaster, spart der Autor doch jetzt auch drastischere Szenen nicht aus, was eine gewisse Resistenz in der Magen-Darm-Flora des Lesers voraussetzt. Die Subtilität ist eindeutig einer derben Anschaulichkeit gewichen – wohlgemerkt aber ohne dabei qualitativ in das niveaulose Metzgermilieu von Fitzek, Carter und Co. abzutauchen. Billinghams großes Verdienst ist es, genau hier einen formvollendeten Spagat hinzulegen und mit einem Bein fest im Realismus verankert zu bleiben, was sich besonders in seinem Hauptprotagonisten, Tom Thorne widerspiegelt.

Der sieht sich in „Die Tränen des Mörders“ mit einer Umstrukturierung der Londoner Metropolitan Police konfrontiert, denn die Ereignisse des 11. September haben auch in der Hauptstadt des Vereinigten Königreichs ihren Widerhall gefunden. Mehrere so genannte „Crime Groups“ wurden gebildet und Thorne, verantwortlich für die „Serious Crime Group“, wird nun zumeist mit den Fällen betreut, die in kein Schema passen wollen oder mangels Indizienlage allgemein als unlösbar gelten. Aktuell handelt es sich dabei um zwei Morde an Frauen, welche innerhalb kürzester Zeit hintereinander begangen worden sind. Beide Opfer scheinen auf dem Heimweg den Zug genutzt haben und wurden erwürgt, womit sich allerdings die Ähnlichkeiten auch erschöpfen, denn die Mordmethode war jeweils eine gänzlich andere. Während die allein erziehende Mutter vor den Augen ihres dreijährigen Kindes qualvoll und brutal getötet wurde, ist mit der zweiten verhältnismäßig vorsichtig umgegangen worden. Zudem finden sich bei Letzterer auch Spuren von Körperflüssigkeit – und zwar Tränen.

Sind es etwa die Tränen des Mörders? Und handelt es sich vielleicht um zwei verschiedene Täter? Durch die gewonnenen Erkenntnisse erscheinen jetzt auch zwei frühere Frauenmorde plötzlich in einem völlig neuen Licht. Gemeinsam mit seinem Kollegen Dave Holland und Neuzugang Sarah McEvoy nimmt Thorne die Ermittlungen auf – und scheut dabei auch wieder nicht die Konfrontation mit seinen Vorgesetzten, denen langsam aber sicher die Geduld ausgeht …

Falls jemand nun schon auf den Geschmack gekommen und im Begriff ist, sich dieses Buch (aktuell nur antiquarisch) zuzulegen, der sei dringend darauf hingewiesen, bitte nicht den Klappentext oder die Inhaltsangabe auf der Rückseite zu lesen. Wer immer für diesen Text damals verantwortlich gezeichnet hat, scheint vom Sternzeichen her Spaßverderber zu sein. Anders lässt sich nicht erklären, warum hier gleich die halbe Handlung gespoilert und damit dem etwaigen Lesern ein Großteil des Vergnügens verdorben wird. Doch zurück zum Inhalt zwischen den Buchdeckeln. Was auch bei „Die Tränen des Mörders“ wieder gleich auffällt: Mark Billingham leistet sich auch diesmal relativ wenige Anfängerfehler und schreibt weiterhin wie ein „alter Hase“, was durchaus nicht selbstverständlich ist, wenn man einen Blick auf die Frühwerke anderer Genre-Kollegen wirft, wo doch der ein oder andere einen mehr als holprigen Start hingelegt hat.

Vielleicht liegt es daran, dass Billingham sich vom ersten Band an (den man übrigens vorher unbedingt gelesen haben sollte!) auf seinen Hauptprotagonisten Tom Thorne fokussiert und er eine klare Vorstellung davon zu haben scheint, wohin sich die Figur (zumindest grob) entwickeln soll. Und Thorne ist auch der Triebwagen vor dieser Geschichte, bestimmt durch sein Handeln den Fortschritt der Ermittlungen und bleibt auch abseits der kriminalistischen Entwicklung für uns als Leser durchweg interessant. Vergleiche mit Ian Rankins John Rebus – ebenfalls auf dem Buch platziert – sind dabei jedoch vollkommen unangebracht, Ähnlichkeiten gänzlich aus der Luft gegriffen. Vom Beruf abgesehen, könnten beide kaum unterschiedlicher sein. Nicht nur besticht Thorne durch einen grauenvollen Musikgeschmack (Country), sondern er geht auch wesentlich offensiver mit den sich ihm stellenden Problemen um. Während ein John Rebus allabendlich seine Geister in Drams von Whisky ertränkt, ist Thorne eher Mitglied der Abteilung Attacke, wirft sich bissig, übereifrig und oft am Rande des Zorns in seine Arbeit. Eine Eigenschaft, die auch in diesem Fall deutlich zutage tritt – und ihn mehr als einmal in Schwierigkeiten bringt.

Billingham nimmt sich viel Zeit für seinen (Anti-)Helden, gewährt uns vor allem in Hinsicht auf dessen Beziehung zu seinem Vater neue Einblicke, vergisst darüber hinaus aber nicht, auch die anderen Mitglieder der „Serious Crime Group“ mit einzubeziehen. Wenn man unbedingt Parallelen zu Rankin ziehen möchte, wären sie dann eher in dieser Richtung angebracht, denn wie der Schotte in seinen späteren Romanen, so beginnt auch Billingham bereits hier sein London um weitere Perspektiven zu erweitern (siehe auch die Ausführungen im Epilog). Dave Holland und Phil Hendricks spielen diesmal eine weit größere Rolle als noch im Vorgänger. Und mit Sarah McEvoy gelingt ihm auf Anhieb eine weitere interessante Neubesetzung, deren Handlungsstrang zudem eine gewisse Tragik in sich birgt. Ihr Miteinander deutet daraufhin, dass der Autor seine Arbeit in Punkto Recherche gemacht hat, umschifft er doch geschickt die üblichen Klischees von toughen Bullen mit Sonnenbrille, sondern zeichnet ein authentisches Bild der Polizeiarbeit. Diese Detailtreue findet sich auch in der Ausarbeitung des bzw. der Antagonisten wieder. Anstatt uns Leser wie ein Jeffery Deaver mit stets den gleichen Soziopathen aus dem Sessel holen zu wollen, soll Billingham auch in den kommenden Bänden ein gutes Händchen beweisen, wenn es darum geht, erschreckende und verstörende, aber auch glaubhafte Bösewichte aus dem Hut zu zaubern.

Und wie schaut es beim Spannungsbogen aus? Wenn man zu Kritik ansetzen möchte, bietet sich leider an diesem Punkt die größte Angriffsfläche, denn Billingham bringt sich mit der Konzeption der Morde ein bisschen selbst in Bedrängnis, entnimmt viel zu früh ein elementares Gefahrenmoment aus der Handlung und lässt damit unnötig Dampf aus dem Kessel. Konkreter kann ich leider an dieser Stelle nicht werden, ohne zu viel zu verraten. Aber soviel sei gesagt: Der Autor legt den Hebel dann auch wieder recht schnell um, verengt seinen Fokus noch mehr auf Thorne und baut so erneut eine Suspense auf, die dann auch den Leser durchgängig bis zum Ende trägt, wenngleich dieser keine packende oder gar actionreiche Jagd erwarten sollte. Es handelt sich vielmehr um ein ruhiges, psychologisches Kräftemessen und Katz-und-Maus-Spiel, in dem die Gedanken der Gegenüber im Vordergrund stehen. Durch die konstanten Wechsel zwischen den Erzählebenen bleibt dabei das Tempo dennoch hoch, obwohl es zwischen all den falschen Fährten lange dauert, bis die Ermittler das vor ihnen ausgebreitete Puzzle zusammensetzen können.

Der Weg bis zur Auflösung ist für uns ein ziemlich düsterer und mitunter brutaler, da der Autor, wie bereits angedeutet, durchaus bildreich Tatorte und Handlungen des Mörders in Szene setzt. Die Tonalität passt sich hier eindeutig sowohl den Ereignissen als auch dem Setting selbst an, denn das winterliche London abseits der touristischen Hauptattraktionen kommt entsprechend trist und trostlos daher. Billingham nutzt Schauplätze und Jahreszeit geschickt aus, um bei seinem Publikum die gewünschten Bilder zu erzeugen, so dass man sich nicht selten dabei ertappt, wie Thorne selbst die Kälte zu spüren, dem überhaupt die Ermittlungen sichtlich zu schaffen machen.

Die Tränen des Mörders“ ist eindeutig keine Wohlfüllliteratur und will dies auch an keiner Stelle sein. Vielmehr zeigt der Roman deutlich und unzensiert die bösartigen Abgründe, in welcher der menschliche Geist abtauchen kann, welche Kräfte wirken können, wenn sich gewisse Konstellationen in der Vergangenheit zu deinen Ungunsten verschieben können. Billingham haut uns das unverblümt um die Ohren, nimmt keinerlei Rücksicht auf Etikette – und würde uns fast komplett vergessen lassen, dass hier tatsächlich ein Komiker die Feder geschwungen hat. Wäre, ja wäre da nicht dieser in all der Dunkelheit toll pointierte, zynische Humor, der dem Leser zwischendurch immer wieder ein Schmunzeln ins Gesicht zu zaubern vermag.

Die Auflösung ist letztlich schlüssig, wird jedoch etwas zu kurz und hastig abgehandelt und lässt leider auch ein paar Fragen (Wer war denn nun Caroline genau?) offen, was den Anschein erweckt, dass Billingham hier eventuell etwas unter Zeitdruck geraten ist. Das Gesamtergebnis trübt das nur bedingt. „Die Tränen des Mörders“ ist erneut eine gelungene Mischung zwischen Police-Procederual und Thriller. Keine Neuerfindung des Genres, aber eine nachtschwarze und schonungslose Variation des Bekannten, welche genau das liefert, was das Gros der Leser von einem Krimi erwartet – ziselierte und packende Spannung.

Wertung: 90 von 100 Treffern

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  • Autor: Mark Billingham
  • Titel: Die Tränen des Mörders
  • Originaltitel: Scaredy Cat
  • Übersetzer: Isabella Bruckmaier
  • Verlag: Goldmann
  • Erschienen: 08.2003
  • Einband: Taschenbuch
  • Seiten: 480 Seiten
  • ISBN: 978-3442455379

Die Gasse feiert – Acht Jahre „Crimealley“

Was, schon wieder ein Jahr rum?

Bereits am 18.10.2023, also vor genau einer Woche, feierte die Crime Alley ihren nun schon achten Geburtstag. Da sich aber genau zu dieser Zeit meine Lebensgefährtin einer schwereren Operation unterziehen musste (die sie inzwischen gottseidank gut überstanden hat), erhebe ich mein Glas erst jetzt, um mit euch an dieser Stelle anzustoßen.

Wer in den letzten anderthalb Jahren regelmäßig einen Blick in die kriminelle Gasse reingeworfen hat, wird sich wohl vor allem eins gedacht haben: „Wie man sieht, sieht man nichts.“

Über einen längeren Zeitraum war an dieser Stelle leider keinerlei Aktivität meinerseits festzustellen, was neben beruflichen, vor allem gesundheitliche Gründe hatte. Und der Gedanke, dieses Gässchen einfach sich selbst zu überlassen, ließ sich in dieser schweren Phase nicht immer gänzlich verscheuchen. Im Gegensatz zu vielen anderen Blogs, die scheinbar mühelos seit ihrem Bestehen wie ein Uhrwerk laufen (Ich bin immer wieder beeindruckt, mit welcher Energie einige meiner Kollegen und Kolleginnen hier vorangehen), war die Crime Alley von Beginn eigentlich nur eins: Ein Ort, an dem ich meine Gedanken zu „Papier“ bringen wollte, um ein Buch und meine dazugehörige Rezeption besser in  Erinnerung behalten zu können.

Über die Jahre haben aber tatsächlich einige Gefallen an diesen meinen Gedanken gefunden und im Laufe der Zeit dafür gesorgt, dass aus einer reinen Pflichterfüllung (der monksche Zwang nach der Lektüre auch stets eine Besprechung zu schreiben) eine stetige größere Leidenschaft wurde. Gerade diese ist mir zuletzt aber immer mehr verloren gegangen, was jedoch weniger am Medium Buch oder an meiner Liebe zur Literatur, als vielmehr an den zuletzt unerträglichen alltäglichen Umständen gelegen hat.

Umso überraschter bin ich dann – ich schrieb es an dieser Stelle bereits schon mal – über das dennoch anhaltende Interesse der Stammleser und Follower dieses Blogs. Aufmunternde Nachrichten sind über die Monate immer wieder eingegangen und waren wesentlich dafür mitverantwortlich, dass die kleine Flamme in den Fenstern der kriminellen Gasse nie ganz ausgegangen ist – und jetzt auch wieder etwas heller brennt. Wenn vieles im Leben in die falsche Richtung läuft, man große Entscheidungen treffen muss und sie dennoch mitunter zweifelnd hinterfragt – dann tut es manchmal einfach gut, eine derart ernst gemeinte und vor allem anhaltende Bestätigung zu bekommen.

Die Crimealley ist am Ende natürlich nur ein kleiner Blog unter vielen. In einer Zeit, in der die Reichweite von Blogs gefühlt mehr und mehr schwindet. Und vor allem in einer Zeit, wo es auch das Buch zunehmend schwerer hat, den Weg vom Verlag in die Hände eines Lesers zu finden. Dennoch gefällt mir der Gedanke, dass diese kleine, dunkle Gasse irgendwo einen Platz zwischen all den anderen gefunden hat. Ich freue mich über die vielen interessanten und liebevollen Menschen, mit denen ich dank ihr in all den Jahren in Kontakt treten konnte. Über die Bücher, die ich entdecken und für mich, aber vor allem auch für euch, besprechen durfte.

Wenngleich dieser Blog wohl nie die Kontinuität (und den Output) mitbringen wird, welche sich manch einer vielleicht erhofft (und die ich auch so gerne aufrechterhalten würde), so macht hoffentlich auch dieser Geburtstag deutlich: die Crimealley ist gekommen, um zu bleiben. Weil mir das Schreiben immer noch Spaß macht. Weil es noch so viel spannende und herausragende Literatur zu entdecken gilt. Und weil mir dieser virtuelle Ort längst untrennbar ans Herz gewachsen ist.

Mein Dank geht einmal mehr an die Bloggerkollegen und Bloggerkolleginnen, an die Follower, Besucher und Freunde – an all diejenigen, welche letztlich mit ihrer Treue und Unterstützung dafür verantwortlich waren und sind, dass zu jeder Zeit irgendjemand durch die Gasse schlendert und der Staub sich nie wirklich lange setzen kann. Danke schön, dass ihr meine Faszination immer wieder aufs Neue befeuert.

Bleibt alle gesund, neugierig und „kriminell“.

Ich genehmige mir heute einen „wee dram“ auf euer Wohl. Slàinte Mhath!

Euer Stefan