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Wir haben NICHTS, was auch nur annähernd an den francobelgischen Pop-Mythos Bob Morane heran reicht. Wie armselig ist doch der larmoyante Karl May mit seinen ebenso langweiligen wie dicken Büchern im Vergleich zu den kurzen Pulps von Henri Vernes, die man auf einem Sitz runterziehen kann.
Meine Erste Begegnung mit diesem unvergesslichen Helden der Kindheit hatte ich Mitte der 1960er Jahre, als das WDR-Werbefernsehen in seinem Intermezzo-Programm die Fernsehserie mit Claude Titre und Billy Kearns ausstrahlte.
Garantierte Bubenspannung bis an den Rand des Herzinfarkts! Einmal in der Woche konnte man 25 Minuten lang die Geheimnisse und Mysterien der unbekanntesten Flecken auf diesem Planeten kennen lernen. Zusammen mit Bob, der meistens in die wüstesten Abenteuer geriet, weil er zufällig in eine junge Dame rannte, die tief in der Patsche steckte. Durch die Beweisführung meines holländischen Brieffreundes, den ich besuchte und durch den ich damals schon seltene Paradiese wie Comic-Läden kennen lernte, wurde mir klar, dass ich mit der TV-Serie nur den Bruchteil eines ganzen Universums entdeckt hatte. Da stand ich auf einmal in einer großen Maastrichter Buchhandlung vor einem endlosen Regal mit Bob Morane-Romanen und darunter waren auch noch Kästen mit Bob-Morane-Comic-Alben. Außerdem war in einer Illustrierten seiner Mutter jede Woche eine Seite Fortsetzungscomic. Einmal mehr wurde mir unser unzureichendes Schulsystem deutlich, in dem Flämisch nicht gelehrt wurde. Aber selbst ist der Mann und Robbedoes, Buck Danny, Jerry Spring, Jan Kordaat, Kuifje und Pep motivierten mich zum freiwilligen Sprachstudium.
Und dann geschah ein Wunder!
1965 brachte der Ensslin-Verlag Henri Vernes Romane als kleine Hardcover auf Deutsch heraus! Zwei Jahre lang veröffentlichte Ensslin in jedem Frühjahr drei Romane, im Herbst sechs!.Immer aufeinmal. Jeden Band für satte 3,95 DM! Das stellte die Taschengeldlogistik vor ziemliche Probleme, da ich selbstverständlich die drei oder sechs Titel SOFORT UMGEHEND KOMPLETT AM ERSTVERKAUFSTAG haben musste. Buchhandlung Lehmkuhl ließ ich nicht mal Zeit, die Bücher ins Fenster zu räumen. In den Sommerferien in Como sparte ich mein tägliches Eisgeld. Da kam was zusammen und direkt nach der Rückkehr (wir kamen tief in der Nacht mit dem Auto aus dem Urlaub) zählte ich das Geld auf den Pfennig genau ab und verfluchte die Umsatzfeindlichen Ladenöffnungszeiten der alten Bundesrepublik.
Nach 19 Titeln stellte Ensslin die Veröffentlichung ein. Wahrscheinlich konnten sie von mir nicht leben. Eine der grausamsten Entscheidung in der Geschichte der deutschen Buchkultur. Ein Schaden, der bis heute nicht kompensiert werden konnte. Antiquarisch findet man sie zum Glück noch für moderate Preise:
Die 19 Romane im Ensslin & Laiblin Verlag, Reutlingen, erschienen in jeweiliger Erstauflage von 15000 Exemplaren.
1 1965 Der Schwarze Pfeil / Le démon solitaire
2 1965 Der Schmuck des Maharadschas / Les joyaux du maharajah
3 1965 Im Tal der Brontosaurier / La vallée des
brontosaures
4 1965 Im Zeichen des goldenen Drachen / Le club des longs couteaux
5 1965 Der Tempel der Krokodile / Le temple des crocodiles
6 1965 Der Piratenschatz / L’héritage du flibustier
7 1965 Das Testament des Grafen Alfieri / Echec à la Main Noire
8 1965 Die Göttin mit den grünen Augen / Le tigre des lagunes
9 1965 Der Wüstenprinz / La cité des sables
10 1966 Die indische Drossel / La voix du mainate
11 1966 Der Berg der Götter / Les semeurs de foudre

12 1966 Orly, 12Uhr 30 / Mission à Orly
13 1966 Das Höllenfahrzeug / Le camion infernal
14 1966 Die Blüte des Schlafs / La fleur du sommeil
15 1966 Der Drache der Grafen Fenstone / Le dragon des Fenstone
16 1966 Die Perlenkette / La rivière de perles
17 1967 Die versunkene Galeere / La galère engloutie
18 1967 Die Haifischlagune / Le lagon aux requins
19 1967 Der Teufel von Labrador / Le diable du Labrador
Und wie fing alles an?
1953 startete der in Ath geborene Autor und Weltenbummler Charles Dewisme unter dem Pseudonym Henri Vernes für den belgischen Verlag Marabout die Romanserie um den Journalisten und Weltenbummler. Morane ist eine Abenteurerfigur klassischen Zuschnitts, wie sie heute nicht mehr glaubwürdig wäre. Unbeschwert tobt er durch die Welt, immer auf der Suche nach Abenteuern und um in Bedrängnis geratenen Menschen zu helfen. Als typisches Kind der 5oer Jahre ist er außerstande, die 3.Welt als etwas anderes als einen Abenteuerspielplatz zu sehen oder politische Implikationen des endenden Kolonialismus wahrzunehmen. Mit kurzen Haaren und einem gequält humorvollen Freund – ein irischer Alkoholiker – steht er anfangs immer auf Seiten der Reaktion. Später griff Vernes vor allen Dingen Themen wie Umweltschutz engagiert auf. Besonders die Vernichtung des Regenwaldes und Wilderei treiben ihn und Bob zur Weißglut. Dem Bewußtseinsstand von Vernes widerspiegelnd, veränderten sich Moranes Ansichten und Positionen, aber natürlich nicht sein fanatischer Sinn für Gerechtigkeit.
Die Romanserie wurde sofort ein gigantischer Erfolg in der Franco-belgischen Welt: bisher wurden die über 200 Romane in 14 Sprachen übersetzt mit einer Verbreitung von 3o Millionen Exemplaren. Wie sehr der Mythos in der francobelgischen Pop-Kultur verwurzelt ist, zeigt sich auch darin, dass ihm 1982 die französische Punkband Indochine einen Song gewidmet hat.![indo45[1]](https://martincompart.files.wordpress.com/2010/06/indo451.gif?w=529)
1959 begann eine ebenso erfolgreiche Vermarktung des „letzten Abenteurers“ im Comic; bis heute wurde die ebenso erfolgreiche Comicversion u.a. von folgenden Zeichnern gestaltet: Dino Attanasio, Gerald Forton, William Vance und Felicisimo Coria.
Der Erfolg der Romane veranlasste den französischen.Sender „Europe 1“ Anfang der 6oer Jahre zu einer TV-Serie, die auf den kurzen Romanen basierte. Mit Claude Titre fand man einen Schauspieler, der dem Äußeren von Vernes Helden entsprach und auch großen Spaß an physischer Aktion hatte. Die für damalige Verhältnisse recht aufwendig gestaltete Serie (obwohl man nicht viel Geld hatte und das auch heute wahr nimmt) wurde an exotischen Schauplätzen gedreht und ist ein Klassiker der französischen TV-Serien. Der naive Charme der frühen 60er Jahre mit allen bedenklichen politischen Tendenzen macht heute noch einen Teil ihres Reizes aus. Auch ein paar deutsche Schauspieler waren in einigen Folgen zu sehen: Helga Kruck Reinhard Kolldehoff und Katrin Schaake. Auf Amazon.fr bekommt man mit etwas Glück die beiden DVD-Boxen mit allen 26 Folgen! Im Grunde wären Wiederholungen plus einem Themenabend (im belgischen Fernsehen sah ich vor ein paar Jahren eine tolle zweistündige Show zur Würdigung von Vernes und seiner Schöpfung) ein tolles Projekt für den Sender Arte.
Übrigens hatte es bereits 1960 einen Morane-Kinofilm gegeben: DER SPION MIT DEN 100 Gesichtern mit Jacques Santi als Morane. Einer der großen verlorenen Filme, denn er wurde nur einmal gezeigt: am 8.Januar 1961 im Scala Kino in Brüssel. Ein Brand in der Produktionsgesellschaft Belgavidéo vernichtete die – man glaubt es kaum – EINZIGE Kopie des Films. Seit 2001 tauchren immer wieder Meldungen über einen großen 30Millionen teuren Morane-Film auf, der von Christoph Gans (Pakt der Wölfe) in Burma gedreht werden sollte. Inzwischen ist wohl sicher, dass auch dieses Morane-Filmprojekt nicht zustande kommt.
1988 gewann eine kanadische Zeichentrickserie, die auch bei uns auf RTL zu sehen war, eine neue Generation für Morane, was sich hoffentlich auch auf den Absatz der Comic-Ausgabe auswirkt.
Henri Vernes
