Road Movies


Am Morgen ein Joint und der Tag ist dein Freund. Am 19. Dezember 1969 Easy Rider in die deutschen Kinos, in Cannes war der Film schon im Mai zu sehen gewesen. Ein Mann suchte Amerika, doch er konnte es nirgends mehr finden, stand auf dem Filmplakat. Ging es darum? Easy Rider ist ein Road Movie, eins der vielen dieses neuen Filmgenres des New Hollywood Kinos. Massenhaft Landschaft, we’ve lulled our audiences with beautiful scenery, hat Peter Fonda gesagt. Und massenhaft ✺Musik. Von Steppenwolfs Born to be Wild bis zu Bob Dylans It’s Alright, Ma (I’m Only Bleeding). Manchmal denke ich, dass der Soundtrack das Beste am Film war. Wäre der Film nicht von Columbia aggressiv vermarktet worden, sondern wie geplant als Roger Corman Produktion erschienen, er hätte nie diesen Erfolg gehabt. Wenn Sie ein wirklich gutes road movie sehen wollen, dann schauen Sie sich Monte Hellmans ✺Two-Lane Blacktop an.

Quentin Tarantino hat über diesen Film gesagt: Wenn es jemals ein Filmregisseur verdient hätte, wiederentdeckt zu werden, dann wäre das Monte Hellman. Sein Film Two-Lane Blacktop, vom eigenen Studio boykottiert, ist an den Kinokassen ein Flop gewesen. Begeisterte aber die →Filmkritiker. Und entwickelte sich so ganz still vom Geheimtip zum Kultfilm. Der New Yorker Buchhändler, der mir vor Jahrzehnten das Drehbuch verkaufte, hatte extra fett scarce auf einen gelben Aufkleber geschrieben. Und natürlich den Preis hochgesetzt. Wahrscheinlich ist es heute wirklich etwas wert (das →Filmscript habe ich hier). Easy Rider ist ja, wie gesagt, eigentlich nur wegen des Soundtrack gut – und weil es der Karrierestart für Fonda, Nicholsonund Hopper war. Aber es ist kein wirklich guter Film. 

Two-Lane Blacktop (der hier schon einen Post hat) ist ein wirklich guter Film. Das Label existentialistisch hatte er bei der französischen Filmkritik von Anfang an bekommen, und das auch wohl zu Recht. Ein Road Movie, das das gerade erfundene Genre transzendiert. Ein Autorennen quer durch Amerika auf den alten Landstraßen, die einmal die echte Route 66 waren. Bis auf Warren Oates (und in einer Nebenrolle Harry Dean Stanton) keine professionellen Schauspieler. Und das war vielleicht auch gut so. Der Film kommt daher wie das wirkliche Leben, und er ist in den letzten vierzig Jahren erstaunlich jung geblieben. Und vielleicht hat sich das Amerika abseits der großen Highways inzwischen auch kaum verändert. 

Vier Jahre nach der Uraufführung von Easy Rider konstatierte ein Filmkritiker: Incidentally, no picture in recent memory has dated so badly as ‚Easy Rider‘, mainly because the characters have no allure beyond 1969, when the movie was released. Dull-witted, drug-pushing hippie motor-cyclists have become as exciting as a midi-skirt. Heroes should have a longer life expectancy. Aber 1969 machte ein jugendliches Publikum (und die Werbeabteilung von Columbia) den Film zu einem Kultfilm. Obgleich Peter Fonda in Interviews ganz klar gemacht hat, dass die beiden Harley Fahrer nicht die Opfer der Gesellschaft werden, sondern Opfer ihres eigenen falschen Freiheitsbegriffes:

 My movie is about the lack of freedom, not about freedom. My heroes are not right, they’re wrong. The only thing I can end up doing is killing my character. I end up committing suicide; that’s what I’m saying that America is doing, hat Peter Fonda in einem Interview mit Rolling Stone gesagt. Pauline Kael konnte sich nur zu dem sibyllinischen Satz the movie’s sentimental paranoia obviously rang true to a large, young audience’s vision. In the late ’60s, it was cool to feel that you couldn’t win, that everything was rigged and hopeless. The film was infused with an elegiac sense of American failure durchringen. Lobte aber die Landschaftsaufnahmen und die Musik.

Man muss schon sehr genau hingucken, dann ist sie schon wieder weg. Aber es ist wahr, Peter Fonda hat die ganze Zeit bei den Dreharbeiten von →Easy Rider seine goldene Rolex getragen. Was der Captain America am Anfang des Filmes wegwirft, ist nur eine billige Timex. Hätte er wirklichen Stil gehabt, hätte er die Rolex weggeschmissen. Die goldene Rolex ist vor Jahren auf einer Auktion verkauft worden. Sie brachte längst nicht so viel wie die amerikanische Flagge, die auf Fondas Lederjacke genäht war. Das wird die Firma Rolex schmerzen. Die Firma Harley-Davison wurde durch diesen Film vor dem Ruin gerettet, und für Jack Nicholson gab es die erste Oscar Nominierung. Mit Hells Angels on Wheels war ihm das zwei Jahre zuvor nicht gelungen. Fünf Jahre nach Easy Rider gab es für den Mythos des Motorradfahrens mit →Zen and the Art of Motorcycle Maintenance: An Inquiry into Valuesnoch ein philosophisches Überbauwerk. Das Buch wurde allerdings von Lederjackenträgern kaum gelesen.

Heute kaufen sich leicht angejahrte übergewichtige Deutsche in der midlife crisis auf dem Hamburger Kiez bei Easy Rider eine Lederjacke, schon auf antik gemacht. Neu darf nicht sein. Tim Mälzer hat da mal in dem Laden gearbeitet. Und dann brettern sie mit ihrer Harley durch Amerika und kommen sich ganz toll dabei vor: Du, ich sag‘ Dir, das war richtig Easy Rider mäßig. So ‚Born to be Wild‘, und Du weißt schon. Ich kann das nicht mehr hören. Meine Standardantwort ist dann, dass ein easy rider im Jazz Slang der Roaring Twenties jemand ist, der seine Nutte nicht bezahlt. Ich habe vor Jahrzehnten, als das Genre der Road Movies noch neu war, einmal etwas über die amerikanischen Road Movies geschrieben, die gleichzeitig mit den Spätwestern in die Kinos kamen. Zehn Jahre später habe ich festgestellt, dass jemand an der Uni Hamburg einen Doktortitel dafür bekommen hat, dass er das Road Movie Kapitel meines Buches beinahe eins zu eins in seine Arbeit transferiert hat. Natürlich mit einigen Umformulierungen. Ich habe mir überlegt, ob ich der Uni Hamburg schreiben sollte, habe es aber dann gelassen. Diese kleinen Guttenbergs werden nie aussterben.

Nebenfiguren

Den Film, den arte letztens sendete, hatte ich schon gesehen, aber ich guckte ihn mir trotzdem an. Weil man einen Film von François Truffaut aus dem Antoine Doinel Zyklus immer wieder sehen kann. Zuerst hatte ich Geraubte Küsse (Baisers Volés) im Kino gesehen, das ist schon ein halbes Jahrhundert her. Aber ich habe den Film, wie beinahe alle Filme von Truffaut, auch auf DVD, ich könnte ihn jeden Abend sehen. Wenn man einen Film schon oft gesehen hat, dann achtet man auf kleine Details und sieht plötzlich Dinge, die man zuvor nicht gesehen hat. Und man hat auch mal Zeit, in die Küche zu gehen, um sich ein Bier zu holen. Als ich zurückkam, sah ich diese Frau hier. Und da fragte ich mich, warum ich diese schöne Frau bisher nicht bemerkt hatte.

Ich meine nicht Delphine Seyrig oder Claude Jade, die hier auf dem Filmphoto sind und die Hauptdarstellerinnen sind. Die sind schon lange in dem Blog. Delphine Seyrig ist in den Posts Henri LangloisBilabonne du so süß, BanjoDon Siegel und Alain Resnais. Claude Jade, in die sich Truffaut sofort verliebte, kommt in dem Post Fanny Ardant und dem Nachruf auf Michel Piccoli vor. Und ich habe für Claude Jade Verehrer hier noch eine schöne→Seite mit allen Filmphotos aus Geraubte Küsse.

Die Frau, die ich meine, arbeitet im Detektivbüro Blady. Sie heißt im Film Madame Catherine. Im wirklichen Leben heißt sie Catherine Lutz. Google präsentiert im Internet ein völlig falsches Photo von ihr. Die Frau, die ihrem Namen zugeordnet wird, ist niemand anders als Anouk Aimée in dem Film ✺Lola, das Mädchen aus dem Hafen. In dem Film spielt Catherine Lutz auch mit, und da sieht sie so aus. Ich habe hier achtundachtzig →Photos aus dem Film, da ist sie mehrfach zu sehen.

Im selben Jahr, in dem sie in Lola, das Mädchen aus dem Hafen zu sehen ist, dreht sie ihren ersten Film mit Truffaut: ✺Schießen Sie auf den Pianisten. Google präsentiert uns auch hier wieder das Bild von Anouk Aimée, wenn im Internet einmal etwas falsch ist, dann bleibt das auch falsch. Da spielt sie Mammy, die Ehefrau des Barbesitzers Plyne. Sie ist in der ersten und der letzten Szene zu sehen und natürlich mitten drin auch noch. Drei französische Filme, drei Nebenrollen. Wenn Sie sie sehen wollen, habe ich hier 94 Bilder, auf Bild 27 und Bild 80 ist sie zu sehen. Und sie sieht nie wie Anouk Aimée aus, das muss sich Google mal sagen lassen.

Was wäre gewesen, wenn sie einmal eine Hauptrolle bekommen hätte? Sie muss kurz nach Geraubte Küsse gestorben sein, denn in einem Interview beklagt Truffaut 1970 ihren Tod. Das tut er auch in einem Brief an Charles Aznavour, wenn er sagt, dass beinahe alle Schauspieler aus Schießen Sie auf den Pianistenschon tot sind. Dass ich die siebenhundertseitige Ausgabe seiner Briefe besitze, habe ich schon in dem Post François Truffaut gesagt. Ich habe auch die Drehbücher aus dem Regal geholt, aber mehr konnte ich über Catherine Lutz nicht finden. Hier ist sie noch einmal im weißen Bademantel mit frisch gewaschenen Haaren.

Truffaut hatte Aznavour kennengelernt, als der Filmkritiker Truffaut gerade zum Regisseur geworden war. Und durch seinen Film Sie küßten und sie schlugen ihn ein bisschen berühmt geworden war. Er wollte einen Dokumentarfilm über Aznavour drehen, aber daraus wurde nichts. Weil Truffaut den Roman Down There des Amerikaners David Goodis gelesen hatte und Aznavour ihm als die perfekte Verkörperung des Romanhelden vorkam. Truffaut liebte die amerikanischen Romane der →serie noir– Romane von Cornell Woolrich hat er mehrfach verfilmt, zum Beispiel Waltz into Darkness mit Deneuve und Belmondo. Oder The Bride Wore Black mit Jeanne Moreau. ✺Schießen Sie auf den Pianisten war Truffauts Hommage auf den amerikanischen Gangsterfilm: Ich wollte die Poesie der Schwarzen Serie nachempfinden. … Die ‚Série noire‘ bestand aus populären amerikanischen Kriminalromanen; Gallimard kaufte die französischen Rechte und veröffentlichte sie in der Sammlung ‚Série noire‘ … Natürlich war ich nicht der erste, der auf die Idee kam, diese Romane zu verfilmen. … Von der Poesie, die man in den Büchern spürte, blieb auf der Leinwand nie etwas übrig. Ich fragte mich, woran das lag, und als meine Antwort auf diese Filme habe ich ‚Tirez sur le pianiste‘ gedreht.

Geraubte Küsse mit der Detektivin Madame Catherine, über die ich nicht mehr herausfinden konnte als was hier steht, ist noch eine Woche bei ✺arte zu sehen. Danach können Sie den Film ✺hier sehen.

Alain Delon ✝

Zum ersten Mal habe ich ihn im Herbst 1960 gesehen. Ein Freund hatte mir gesagt, ich müsse unbedingt den Film ✺Nur die Sonne war Zeuge sehen. Das Beste daran sei der Schluss. Der Schluss war das Beste. Den Hauptdarsteller Alain Delon kannte ich nicht, aber er sah gut aus. Hier ist er 1957 zum ersten Mal in Cannes, er hatte seine Freundin, die Schauspielerin Brigitte Auber, zu den Filmfestspielen begleitet. Das sei ein Initiationserlebnis gewesen, hat er später gesagt. Als ich Delon im Kino später wiedersah, war er schon berühmt. Mit Nur die Sonne war Zeugewar er zum Star geworden. Eigentlich hatte Maurice Ronet, der ein viel besserer Schauspieler als Delon war, die Rolle des Tom Ripley bekommen sollen, doch dann kriegte Delon sie. Nicht wegen der Schauspielkunst, sondern wegen seiner jugendlichen Schönheit. Sein Gesicht wird fortan sein Kapital sein.

1970 spielte er in Vier im roten Kreis (✺Le cercle rouge) einen Gangster. Den Film habe ich damals zweimal im Kino gesehen. Weil mich die Szene in der Nacht am Place Vendôme (wo Yves Montand mit einem Schuss das Türschloss eines Juweliers durchschießt) an meine Nacht in Paris auf dem Place Vendôme im Sommer 1959 erinnerte. Mit dem Sommersternhimmel über dem großen leeren Platz. Und gegenüber die Leuchtreklame mit den Namen der Juweliere: Boucheron, Cartier, Van Cleef & Arpels, Chaumet. Einen Gangster hatte Delon auch in seinem ersten Film Die Killer lassen bitten (Quand la femme s’en mêle) gespielt, auf diese Rollen war er von nun an abonniert. Aber da war er ein kleiner Nebendarsteller gewesen, bei Jean-Pierre Melville (der hier einen langen Post hat) hatte er als eiskalter Engel mit dem Borsalino eine Hauptrolle. Melville wird Robert Warshows einflussreichen Essay The gangster as tragic hero gelesen haben, denn seine ersten Filme Bob le flambeur (1955) und Le doulos (1961) waren eine Hommage an den amerikanischen Gangsterfilm, über den Warshow geschrieben hatte.

Bei Melville hatte Delon gute Rollen, er hätte nicht anfangen sollen, selbst Regie führen zu wollen. Sein Debütfilm Rette deine Haut, Killer (Pour la peau d’un flic) ist ein Kriminalfilm, eine Gattung, die das französische Kino nach den amerikanischen Filmen der zwanziger und dreißiger Jahren perfektioniert hat. Eine Gattung, die Delon inzwischen kannte, er hatte in genügend Filmen dieser Sorte mitgespielt. Wie in den Filmen von Jean-Pierre Melville. Diese Filme (Der eiskalte Engel (✺Le Samourai), Vier im roten Kreis (✺Le cercle rouge) und Der Chef (✺Un Flic), die ich alle hier zum Anklicken bereit habe, gehören auch zu den besten Filmen Delons. Beinahe jeder Nachruf auf Delon in den letzten Tagen zitiert diese Filme.

Er hätte von Melville etwas lernen können, aber er hatte nichts gelernt. Gar nichts. Delon spielt bei seinem Regiedebüt einen Privatdetektiv, der früher einmal bei der Polizei war. Das Motiv ist alt, schon als Raymond Chandler es in The Big Sleep verwandte (ja, Philip Marlowe war einmal im Staatsdienst), war es nicht mehr neu. Privatdetektive brauchen eine Sekretärin, das ist eine Gattungskonvention. 

Wir erinnern uns gerne an Effie Perrine, die die Sekretärin bei Hammetts Detektiv Sam Spade ist. Oder an Hélène Chatelain, die die Sekretärin von ✺Nestor Burma in den wunderbaren kleinen Filmen ist. Léo Malet hat zugegeben, dass er in Bezug auf Detektiv und Sekretärin seine Kollegen Chandler und Hammett ganz schön beklaut habe. Der Privatdetektiv Alain Delon hat eine Sekretärin namens Charlotte, die von Anne Parillaud gespielt wird. Sie war damals einundzwanzig und hatte gleich mit Delon eine Affaire. Das sind die Dinge, die die gute alte Besetzungscouch so mit sich bringt.

Das bleibt bei Delon nicht aus, er hatte Affairen mit vielen Frauen, sein Leben lang: Den Frauen verdanke ich, daß ich überhaupt Schauspieler wurde. All diesen Frauen, die mich wollen, die mich machen, die mir alles geben, die sich unsterblich in mich verlieben. Gewöhnlich sind sie mindestens sechs oder sieben Jahre älter als ich. In ihren Augen möchte ich der Schönste, der Größte, der Stärkste sein – deswegen wurde ich ein Filmstar. Er hatte beinahe fünfzehn Jahre lang eine Beziehung mit Mireille Darc, die hier schon einen Post hat und auch in dem Post Le grand blond zu sehen ist. Das werden Sie anklicken, weil Sie das Kleid von Mireille noch einmal sehen wollen. Elle était la femme de ma vie. Nous avons été si heureux ensemble, et heureux de tout. Aujourd’hui, je préfère avoir l’âge que j’ai plutôt que 40 ans. Je n’aurai pas beaucoup d’années à vivre sans elle, pas trop d’années à souffrir, sagte er Paris Match 2017 nach dem Tod von Mireille. Dass das alles stimmt, können wir hier auf einem kleinen ✺Video aus dem Jahre 2010 sehen. Mireille hat in Rette deine Haut, Killer einen klitzekleinen Cameo Auftritt. Kürzer als die Sache mit Mireille Darcwar Delons Beziehung mit Romy Schneider, die er auch mal die Liebe seines Lebens genannt hat. 

Und dann ist da noch die Beziehung zu Nico, die einen Sohn von ihm hatte. Sie werden diese Christa Päffgen, die sich Nico nannte, vielleicht nicht mehr kennen. Sie war einmal wirklich berühmt, hat hier mit Nico auch einen riesigen Post. Und war letztens in dem Post Anouk Aimée wiederzusehen. Delon hat den Sohn nie anerkannt, obgleich der genau so aussah wie er. Diese beiden jungen Menschen auf dem Photo hatten wohl nie etwas miteinander, aber im Alter sind sie sich näher gekommen: Delon schwärmt wie Brigitte Bardot für die Front National.

Anne Parillaud zeigt viel nackte Haut in Rette deine Haut, Killer. In dieser Szene sagt sie mit dem nettesten Lächeln ihren beiden Rettern gerade, dass das Sexuelle schon stattgefunden hat. Ach, ist das cool. Und lustig. Dies ist ein Film voller Humor. Alain Delons Humor. Ist wahrscheinlich so ähnlich wie Til Schweigers Humor.

Der größte Erfolg von Anne Parillaud war Luc Bessons Actionfilm Nikita, in dem sie eine Killerin spielt. Da brauchte sie auch nicht so viel anzuziehen. Alain Delon hat der Film wahrscheinlich gefallen, mit Rollen als Killer ist er berühmt geworden. Wenn Anne Parillaud als staatliche Auftragsmörderin ein Erfolg war, als Vampir war sie das nicht. Obgleich sie ein Vampir zum Anbeissen war. Ich habe den Film von John Landis ✺Bloody Marie: Eine Frau mit Biß schon in dem Post Fantasy erwähnt. Falls Sie den Post noch nicht gelesen haben, sollten Sie das tun. Der ultimative Artikel zu Vampiren, Zombies, Zeitreisen, Rittern und diesem ganzen Quatsch.

Eine verworrene Handlung, viel Gewalt und Brutalität, Bösewichte aus der Retorte (auch noch ein klein wenig Gestapo Assoziationen), dumme Polizisten, verbrecherische Polizisten und eine Autojagd (die mit Steve McQueen in Bullitt ist besser) zeichnen den Film Rette deine Haut, Killer aus. Und der infantile Humor. Und schlechte, dröhnende Musik. Oscar Bentons ✺Bensonhurst Blues ist ja ganz nett, brauchte aber nicht so laut zu sein. Ich habe hier sechseinhalb Minuten von ✺Rette deine Haut, Killer, ist alles drin, mehr braucht man nicht. Der Film ist offensichtlich jahrelang in Deutschland in einer gekürzten Fassung gezeigt worden, aber das machte überhaupt nichts. Diesen Film kann man beliebig kürzen. Beliebig verlängern kann man dagegen die Aufzählung der erreurs dans le film auf der französischen Wikipedia Seite.

Wenn ich jetzt bösartig wäre, dann würde ich sagen, dass das Beste in dem Film der kurze Auftritt von Brigitte Lahaie ist, der Königin des französischen Pornofilms. Die Actrice war ja immer mal in Spielfilmen des mainstreamKinos zu sehen, wie in I as in Icarus oder mit einem klitzkleinen ✺Auftritt in dem Kultfilm Diva, zu dem es hier einen langen Post gibt. Oder sie verschönte Naziploitation Filme wie ✺Bordel SS und Horrorfilme wie La Nuit des traquées (The Night of the Hunted).

Das ist ein Film, von dem ich sogar eine DVD besitze, lag im Grabbelkasten, hat mich zwei Mark gekostet. Ich war damals dabei, über die schlechtesten und komischsten Filme des Fantasy Genres zu schreiben. Also Filme wie ✺The Lair of the White Worm(hat hier schon einen Post) oder The Hunger mit Catherine Deneuve. Und ähnliche Filme. Man muss dabei aber ganz vorsichtig sein, ich glaube Jean Rollins ✺La Nuit des traquées hat mittlerweile schon Kultstatus. Natürlich habei ich auch diesen Film hier für Sie. Filmisch gesehen ist er auf jeden Fall besser als Delons Rette deine Haut, Killer. Der kleine ✺Nestor Burma Film sowieso.

Arte hatte 2016 einen Delon Schwerpunkt, ich weiß nicht warum. Hätten sie ja im November 2015 machen können, als er achtzig wurde. Was dabei sehr gut und interessant war, war die Dokumentation ✺Alain Delon, persönlich, die jetzt nach dem Tod von Alain Delon wieder in der Mediathek ist. Und die Arte gestern Nacht noch einmal sendete. Damals habe ich auch das Regiedebüt von Delon zum ersten Mal gesehen: arte zeigt den unnahbaren Einzelkämpfer mit stechend kühlem Blick in vier Spielfilmen: ‚Monsieur Klein‘ von Joseph Losey, ‚Rette deine Haut, Killer‘ – Delons Regie-Debüt, in dem er selbst die Hauptrolle spielt. Arte hatte in seinem Delon Schwerpunkt im Jahre 2016 auch gute Delon Filme gezeigt, die gibt es natürlich auch. Aber da hat Delon keine Regie geführt. Für Rette deine Haut, Killer gilt der schöne Satz: Ne sutor supra crepidam!, was auf Deutsch Schuster bleib bei deinen Leisten heißtUnd seien Sie unbesorgt, ich rede jetzt nicht wieder über Schuhe. Aber dass Delon Kunde bei Berluti war, dass darf man ja wohl erwähnen.

Regie zu führen ist eine Kunst, bei der man etwas von dem Handwerk verstehen muss. Davon versteht Delon überhaupt nichts, deshalb die continuity Fehler und die Löcher in der Handlung. Der Drehbuchautor heißt übrigens auch Alain Delon. Der Schriftsteller Christopher Frank hat ihm dabei geholfen. Der hatte zehn Jahre zuvor einen Roman geschrieben, der La Nuit américaine hieß. Ein Titel, den wir kennen, Truffaut hat einen Film mit der schönen Jacqueline Bisset daraus gemacht. Allerdings muss man sagen, dass die Dialoge von Christopher Frank in Rette deine Haut, Killer nicht auf dem Niveau von Truffaut sind. Der übrigens in seinen Filmen für Delon niemals eine Verwendung fand. Von den Vertretern der Nouvelle Vague drehte lediglich Godard 1990 einen Film mit Delon, der aber grottenolmschlechte Rezensionen brachte.

Als der Regisseur Delon den Film Rette deine Haut, Killer dreht, ist er sechsundvierzig Jahre alt. Da hatte er schon mit Joseph LoseysMonsieur Klein seinen letzten großen Film gedreht. Er möchte gerne jünger sein, er möchte auch gerne so tough sein wie sein Konkurrent Belmondo (zu dem es einen kleinen Witz im Film gibt). Ist er aber bei dem ganzen violence is fun Getue nicht. Wenn er einen karierten Anzug tragen würde, wäre dies die perfekte Nick Knatterton Verfilmung. Mit der Kunstform des französischen Kriminalfilms hat dies nichts zu tun.

Delons Filmdebüt erregte nicht das Aufsehen renommierter Kritiker. Zwar finden sich im Internet viele Lobhudeleien, aber die berühmten Cinéasten blieben stumm. Stumm blieb auch Hans Gerhold, ein Kenner des französischen Films. In seinem souveränen Überblick Kino der Blicke: Der französische Kriminalfilm sucht man den Titel Rette deine Haut, Killer vergebens. Bei den in Polar: Französischer Kriminalfilm aufgelisteten fünfzig wichtigen Kriminalfilmen ist er auch nicht dabei. Am besten hat mir aber gefallen, was Jean-Patrick Manchette, dessen Roman Que d’os Delon verfilmte, im Gespräch mit Martin Compart über Alain Delons Film gesagt hat: Egal was die Kritik sagt:Ich halte die Verfilmungen von Chabrol oder Bral nicht für besser als die durch Delon und Deray. Von mir wird man kein schlechtes Wort über Delon hören; er hat mir mein Appartement bezahlt. Und die Seite von Adieu, Monsieur Delon von Martin Compart sollten Sie jetzt unbedingt einmal anklicken.

Delon war ein wirklich großer Schauspieler, wenn er gute Regisseure wie Visconti (hier ist er in Il Gattopardo an der Seite von Claudia Cardinale zu sehen) und Jean-Pierre Melville hatte, dann passte er perfekt in die Rollen. In der Rolle des Baron de Charlus in Volker Schlöndorffs Verfilmung von ✺Eine Liebe von Swann ist er zu outriert, aber gerade noch akzeptabel. Bei seinen achtzig Kinofilmen gibt es viele, viele Filme, die nicht erwähnenswert sind. In die Liga von Schauspielern wie Jean-Paul BelmondoYves MontandPhilippe NoiretJean-Louis Trintignant und Michel Piccoli gehört er nicht hinein. 

Das hat er auch gewusst. In einem Interview hat er gesagt: Meine Karriere hat nichts mit dem Metier eines Schauspielers zu tun. Man ist Schauspieler, weil man sich dazu berufen fühlt. Man möchte Schauspieler werden, wie man Taxifahrer oder Bäcker werden möchte. Man nimmt an Kursen teil, besucht Schulen, geht auf Konservatorien. Und genau das ist der Unterschied zwischen Belmondo und Delon – ich meine das keineswegs abwertend. Ich bin Akteur, Jean-Paul ist Schauspieler; ein Schauspieler spielt, er verbringt Jahre damit, sein Metier zu erlernen, während der Akteur sein Leben lebt. Ich habe immer meine Rollen gelebt. Und nie gespielt. Der Akteur ist ein Zufall. Ich bin ein Zufall. Mein Leben ist ein Zufall. Meine Karriere ist ein Zufall.

Zeitungen und das Internet sind jetzt voll von Nachrufen auf das monstre sacré des französischen Films. Den wohl besten Nachruf auf ein Leben voller Widersprüche schrieb Jürgen Kaube mit Ein Homme fatal in der Frankfurter Allgemeinen. Selten wird in den Nachrufen erwähnt, dass Delonauch einmal in einem wirklich guten Film zu sehen war, wo er keinen Gangster oder Polzisten spielte. Ich meine damit Antonionis Film ✺L’eclisse, der in Deutschland Liebe 1962 hieß. Da spielt er an der Seite der schönen Monica Vitti einen kleinen Börsenmakler, sehr zurückgenommen. Er hat noch keine Starallüren. Der Film war der Abschluss einer Trilogie, die mit L’Avventura und La Notte begonnen hatte. Habe ich damals alle in einem Bremer Filmkunsttheater gesehen. Delon machte auf mich keinen großen Eindruck, ich bewunderte nur seine Anzüge. Das steht schon in dem Post Brioni.Monica Vitti hat hier natürlich auch schon einen Post, und für Michelangelo Antonioni gibt es hier die Posts Antonioni und Steve Cochran.

Alain Delon ist im Alter von achtundachtzig Jahren gestorben. Ein Leben voller Widersprüche, voller Liebesaffären und Schlagzeilen. Der Leutnant Jean-Marie Le Pen, den er als Soldat im Indochinakrieg kennengelernt hatte, blieb für ihn immer ein Freund. Über seine Zeit in Indochina hat Delon gesagt: Das war die glücklichste Zeit meines Lebens. In einer einzigen Nacht habe ich dort die Gesetze des Dschungels und des Tötens gelernt und mich, mit der Waffe in der Hand, als richtiger Mann gefühlt. Sein Vorgesetzter Henri Guy de Vignac hat allerdings über ihn gesagt: Ein Sadist, ein Junge, der Spaß hatte am Töten, ein sexuell Abartiger. Vor wenigen Monaten hat die Staatsanwaltschaft bei dem Waffennarren Delon zweiundsiebzig Waffen und dreitausend Schuss Munition gefunden, so viel Munition hatten nicht mal die Anhänger von Prinz Reuß.

Delons letzte Freunde waren seine Schäferhunde. Neben den Gräbern der Hunde will er begraben werden, das hat er verfügt. Delon war 1991 Chevalier de la Légion d’honneur geworden, kurz vor seinem Tod hatte er noch den Verdienstorden der Ukraine erhalten. Stolz war er darauf, 1985 den César erhalten zu haben: Pour les acteurs, le César du meilleur acteur, c’est très très important parce que c’est vraiment l’expression les gens de la profession qui disent ‚cette année, le meilleur acteur, c’est celui-là‘. Den César hat er nicht nur einmal bekommen, er war auch einmal Julius Caesar, nämlich in einer Asterix Verflmung. Das war einer seiner letzten Filme. Der Film erhielt beim Gérard du cinéma den ersten Preis als schlechtester Film des Jahres. Man muss wissen, wann man aufhören soll.

Jeder hat jetzt etwas über Alain Delon zu sagen, auch seine Kolleginnen Claudia Cardinale und Sophia Loren haben ihr Beileid bekundet. Der französische Staatspräsident Emmanuel Macron hat getwittert: Monsieur Klein ou Rocco, le Guépard ou le Samouraï, Alain Delon a incarné des rôles légendaires, et fait rêver le monde. Prêtant son visage inoubliable pour bouleverser nos vies. Mélancolique, populaire, secret, il était plus qu’un star: un monument français. Das geht jetzt schnell mit den Wörtern wie légendaire und monument français. Wenn man sich Rette deine Haut, Killer und all die schlechten Delon Filme einmal anschaut und an die Waffen und die Marković Affäre denkt, ist das ein Gegengift zur Heroisierung.

Anouk Aimée ✝

Françoise Dreyfus war vierzehn, als sie in dem Film ✺La Maison sous la mer die Rolle eines Mädchens namens Anouk spielte. Sie behielt diesen Vornamen. Die nächste Namensänderung verdankte sie Jacques Prévert, der das Drehbuch von Les amants de Vérone extra für sie geschrieben hatte. Er schlug ihr den Namen Aimée, die Geliebte, vor: Aimée parce que tout le monde l’aime. Der Filmstar Anouk Aimée (hier mit Serge Reggiani) war geboren. 

Im Jahr davor hätte sie schon an der Seite von Arletty berühmt werden können, aber Marcel Carné, der den Klassiker Les Enfants du Paradis gedreht hatte, drehte La Fleur de l’âge nicht zu Ende. Bevor sie Anouk Aimée wurde und so aussah wie hier in La Dolce Vita, wählte sie im Krieg den Namen Françoise Durand. Der Name ihrer katholischen Mutter bewahrte sie vor dem Tragen des gelben Judensterns. Dass man mit dem Namen Dreyfus im französischen Filmgeschäft nichts werden kann, das wusste die Familie. Sie wussten auch, dass sie mit dem mittlerweile rehabilitierten Hauptmann Dreyfus nicht verwandt waren. Der lebte übrigens noch, als Anouk Aimée geboren wurde.

Anouk Aimée ist gerade im Alter von zweiundneunzig Jahren gestorben; in dem Alter starb auch Jean-Louis Trintignant, mit dem sie in Un homme et une femme zu sehen war. Den Film kennen wir alle, und wir lieben sie in diesem Film. Sie war als beste Schauspielerin für den Oscar nominiert, aber es blieb leider bei der Nominierung. Immerhin bekam sie für ihre Rolle 1967 den Golden Globe und 1968 den British Academy Film Award. Mit diesem Bild ist sie 1961 in dem Film Lola, das Mädchen aus dem Hafen von Jacques Demy zu sehen, wo sie in Spitzencorsage so wunderbar ✺C’est moi, c’est Lola singt. Der Film ist ein wenig untergegangen, erst später haben Kritiker erkannt, dass dieser Film auch zur Nouvelle Vague gehörte. Aber die Nouvelle Vague war an der schönen Anouk nicht interessiert. Dabei hätte sie hervorragend in die Filme von François Truffaut gepasst.

Vieles an Filmen vor Un homme et une femme haben wir vielleicht nicht gesehen, also Les Amants de Montparnasse, wo sie die Rolle der Jeanne Hébuterne spielt. Damals ist sie vierundzwanzig, aber zwei Jahre später ist sie ein wirklicher Star. Weltweit weg von einem Film wie Ich suche Dich, wo sie an der Seite von O.W. Fischer 1956 in einem deutsche Melodram mitspielte. Es gab Rezensionen, die grottenolmschlecht waren, aber O.W. Fischer hatte es etwas Nettes über sie zu sagen: Mademoiselle Aimée ist ein Wunder – strahlend schön und eine begnadete Künstlerin. 

Die Filmhistorikerin Ginette Vincendeau hat über Aimées Filme gesagt: they established her as an ethereal, sensitive and fragile beauty with a tendency to tragic destinies or restrained suffering. Wir brauchen uns nur das Photo im oberen Absatz anzuschauen und wissen, dass der Satz stimmt. Aber reicht eine sensitive and fragile beauty with a tendency to tragic destinies or restrained suffering aus, um einen schrottigen Film wie Der goldene Salamanderzu retten? Das Filmplakat spricht doch Bände. Es ist ihr erster englischer Film, sie war achtzehn, sie wollte ins Filmgeschäft. Sie wird in ihrem Leben in siebzig Filmen zu sehen sein, viele dieser Filme sind leider wie Ich suche Dich undDer goldene Salamander.

Der schlechteste Film, in dem sie mitspielte, war wahrscheinlich Justine, der in Deutschland Alexandria – Treibhaus der Sünde hieß. Eine Literaturverfilmung nach Lawrence Durrells Justine aus seinem Alexandria Quartett, das sicher kaum verfilmbar war. Trotz Starbesetzung, zwei Regisseuren und der Anwesenheit des Autors bei den Dreharbeiten, ist an diesem Machwerk nichts zu retten, Anouk Aimée war todunglücklich bei den Dreharbeiten.

Dirk Bogarde, der sie schon als Siebzehnjährige kannte (weil sie beide bei Rank unter Vertrag waren), beschreibt sie bei den Dreharbeiten von Justine als wan and sad for most of the time, since she had suddenly realised, too late, that her decision to accept Justine had most probably been, for one reason or another, a serious error of judgement on her part and was now feeling abandoned. Für ihn bleibt von den Dreharbeiten ein Bild haften: a tiny figure sobbing in the back of a Rolls. Die katastrophalen Dreharbeiten haben auch ein Gutes für Anouk, sie lernt Albert Finney, den sie 1970 heiratet. Es war ihre vierte Ehe. Sie blieb mit ihm fünf Jahre in London, in denen sie keinen Film drehte, sie drängelte sich nicht mehr nach Rollen. Dann lernte sie bei einer Party den elf Jahre jüngeren Ryan O’Neill kennen. Es war Liebe auf den ersten Blick, sie hatte zwischen ihren Ehen immer wieder Affären. Und zwischen Ehe und Affären lagen auch lange Zeiten der Depression. Dirk Bogarde sagt noch etwas Interessantes über die Frau, die bei ihm häufig Gast in seinem Landsitz Bendrose war und topless in seinem Swimming Pool schwamm: She is never so happy as when she is miserable between love affairs. Finney zog ins Dorchester Hotel, Anuk Aimée in die Schickeria Gegend Knightsbridge. Die Ehe wurde 1978 geschieden. Wir kennen Albert Finney aus Tom Jones oder an der Seite von Audrey Hepburn in Two for the Road. Und an der Seite von Julia Roberts in Erin Brockovich.

Für Federico Fellini war Anouk die beste Schauspielerin der Welt, als er ihreine Rolle neben Marcello Mastroianni in La Dolce Vita anbot. Bei den Dreharbeiten war Federico Fellini längst klar, dass er die beiden auch in dem nächsten Film Achteinhalb wieder haben wollte. Mehr oder weniger in den Film gerutscht war Christa Päffgen aus Köln, allerdings nicht unter diesem Namen. Sie nannte sich jetzt Nico (sie hat hier natürlich schon einen Post). War blond, kalt wie Eis. Sie sah aus, als wäre sie am Bug eines Wikingerschiffs über den Atlantik gekommen, hat Andy Warhol, in dessen Band Velvet Underground sie sang, über sie gesagt. 

Nico war jetzt eine Ikone der Popkultur (hier ist sie mit Marcello Mastroianni zu sehen). Während der Dreharbeiten zu La Dolce Vita sagt Anouk Aimée zu Nico: Es ist eigenartig, daß Sie den Namen Nico tragen. Mein Ehemann hieß so. Wir sind jetzt geschieden. Er war Grieche und unterhielt in Paris einen Nachtclub. Das ist der Augenblick, in dem Nico mucksmäuschenstill ist. Denn sie kennt diesen Nico. Der war der Lover von dem Photographen, der sie entdeckte und ihr den Namen seines Ex-Lovers gab. Und eine Affäre hatte sie auch mit dem griechischen Nico. Das klingt jetzt wie eine Szene aus einer schlimmen Schmonzette à la Rosamunde Pilcher, aber solche Drehbücher schreibt das Leben manchmal.  

Claude Lelouch, ein Spätling der Nouvelle Vague, macht das wieder gut, was seine Kollegen verpasst haben. Er holt sie aus dem internationalen Filmgeschäft wieder in den französischen Film zurück und gibt ihr nach Un homme et une femme (1966) auch im Alter noch schöne Rollen. In Filmen wie Si c’était à refaire (1976), ✺Un homme et une femme: Vingt ans déjà (1986), Hommes, femmes: mode d’emploi (1996), Ces amours-là. (2010) und ✺ Les Plus Belles Années d’une vie (2019). Der letzte Film war auch ihr letzter Auftritt vor der Kamera.

Hommes, femmes: mode d’emploi mochte ich sehr, ich habe den Film schon in den Posts Michel Piccoli und Maja Maranow erwähnt. Es ist, wenn man so will, wieder die gleiche Geschichte, die Lelouch in seinem Kino der Gefühle und Emotionen erzählt. Das hat er selbst gesagt, dass er in seinen Filmen nur eine einzige Geschichte erzählt, die aber fünfunddreißigmal. Anouk Aimée a changé ma vie, hat Lelouch nach ihrem Tod gesagt. Und er sagte auch: Elle a été ma compagne de route, mon amie de toujours. Wir werden Anouk Aimée, die Vielgeliebte, nicht vergessen, es gibt ja DVDs. Und ich habe für Sie heute in voller Länge: ✺Lola, das Mädchen aus dem Hafen, ✺Un homme et une femme und ✺hommes, femmes: mode d’emploi 

Françoise Hardy und die Autos

Also, ich hätte es nicht gewusst, aber wozu hat man Freunde, die alles über Autos wissen. Oder alle Autos selbst haben, wie Keith hier mit seinem Jaguar E Type. Ich fand dieses Bild auf einer Seite des Guardian, die Hombre mir geschickt hatte. Lauter Photos von Françoise Hardy. Oben drüber war dieses Photo, wie sie 1960 in London am Piccadilly Circus aus einem Auto steigt. Im Miniskirt, das ist damals große Mode (der Link führt Sie natürlich zu Mary Quant). Schöne Frau, schönes Auto. Aber was war das für ein Auto? Kaum hatte ich die Mails losgeschickt, hatte ich schon die Antwort. Es ist ein Lancia Flaminia Coupé (benannt nach der Via Flaminia) von der Carrozzeria Touring.

Marcello Mastroianni hatte auch einen Lancia Flaminia. Nicht nur das, er machte auch noch für das Auto Reklame.Flaminia, l’altro amore di Marcello, war das betitelt. Wenn das Auto seine zweite Liebe war, wer war dann die erste? War es Catherine Deneuve, mit der er vier Jahre zusammenlebte und mit der er eine Tochter hatte? Wenn Sie Catherine Deneuve im Auto sehen wollen, dazu gibt es hier schon einen Post.

Françoise Hardy hatte mal einen Ferrari 275 GTS. Und auch mal einen Rolls Royce Silver Cloud, zweifarbig, hellblau mit dunkelblauer Motorhaube und dunkelblauem Dach. Irgendwie scheußlich. Viel zu groß für sie. Da fragt man sich, was macht die lütte Deern mit dem großen Auto? Sie ist mal in London mit einem Mini photographiert worden, das sah besser aus. Aber im Showgeschäft muss es irgendwann ein Rolls sein. Michael Caine kaufte sich einen, als er noch nicht mal einen Führerschein hatte. Lesen Sie mehr dazu in dem Post Luxuskutschen

Das einzige Bild, das mich mit einem Bentley (British Racing Green) zeigt, ist leider auf dem Übertragungswege vom I-Phone zum Computer verloren gegangen. Sonst würde ich das hier einstellen. Wem der einzige Bentley in Bremen vor sechzig Jahren gehörte, das weiß ich, weil ich die Familie kannte. Aber wem der weiße Facel Vega vor einer Osterdeich Villa gegenüber vom Weserstadion gehörte, das habe ich nie herausbekommen. Françoise sah in ihrem großen Rolls natürlich viel besser aus als ich mit dem Bentley.

Bei den Dreharbeiten von John Frankenheimers Film Grand Prix hat sie mal in einem Formel 1 Rennwagen gesessen. Hatte eine kleine Nebenrolle als Boxenluder. Hat den Helm von James Garner getragen. Yves Montand gibt hier der jungen Kollegin noch Ratschläge. Aber wirklich ein Rennen ist sie mit dem Boliden nicht gefahren. Yves Montand hatte einen Ferrari, aber im Film sieht er am besten mit einem Facel Vega aus, diesem Auto, in dem Albert Camus gestorben ist. Françoise Hardy soll auch mal einen Facel Vega gehabt haben, aber dafür finde ich keine Beweise. Françoise Sagan verunglückt in dem Film Bonjour Sagan mit einem Facel Vega, im wirklichen Leben fuhr sie andere Autos zu Schrott.

Besser als der Rolls Royce gefällt mir für Françoise der Citroen CX, für den sie mit ihrem Verlobten Jacques Dutronc (der hier zu sehen ist) Werbung machte. Den Text und die Gestaltung hatte Dutronc entworfen. Der übrigens im letzten Jahr wieder eine Werbeaktion für den neuesten Citroen präsentierte. Der niedliche Bobtail ist wohl nur zu Dekoration da, ich habe noch nie ein Photo von ihr und einem Bobtail gesehen. 

Für die Firma Citroen hat Louis Malle mal einen Dokumentarfilm gedreht. Und er hat einmal gesagt: Wenn man in einem Bentley fahren gelernt hat, tritt der Wunsch nach einem Rolls-Royce etwas in den Hintergrund. Er kam aus einer sehr reichen Familie, er kannte die Bourgeoisie, die er in seinen Filmen beschrieb. Alte französische Filme sind ja eine Fundgrube für Nebensächlichkeiten. Also für Cinéasten, die den Film schon x-mal gesehen haben und nicht mehr auf die Handlung achten. Dann achtet man nur noch auf Klamotten und Autos. Und schöne Frauen wie Françoise Hardy. Auch auf ihrer Honda CB750 mit dem Pariser Kennzeichen sah sie sehr gut aus. Zum Thema Frauen und Autos gibt es noch mehr in den Posts: automobiliaMercédèsdie Zukunft: nackt und blindSomewhere West of Laramie und Reste

Apanatschi

Ich habe gelesen, dass viele die Schauspielerin Uschi Glas unter dem Namen Apanatschi kennen. Ich hoffe mal, dass das stimmt, ich habe den Film nie gesehen. Und ein Karl May Leser war ich eh nie. Ich habe dem Talkshow im Fernsehen und der Sonntagsbeilage meiner Zeitung entnommen, dass die Uschi gerade achtzig geworden ist. Sie sieht ja immer noch ganz passabel aus. Manche Frauen schaffen es nicht, die Schönheit der Jugend mit ins Alter zu nehmen. Ingrid Steeger ist das nicht richtig gelungen, Christine Keeler nun ganz und gar nicht. Da ich immer noch unter der Husten, Schnupfen, Heiserkeit leide, die ich am Ende von die blauen Zifferblätter beschrieb, gibt es hier nichts Neues. Aber gleich zwei alte Posts, der erste gratuliert der Uschi zum siebzigsten Geburtstag:

Ach, war sie da niedlich. Hier auf dem Photo ist sie mit Werner Enke und der Regisseurin May Spils zu sehen. May Spils kam aus Twistringen, einem kleinen Kaff bei Bremen. Wenn man da herkommt, will man da raus. Wie May Spils. Oder Reinhold Beckmann. Obgleich es da angeblich so schön ist, es gibt sogar ein Lied auf Twistringen:

Perle, du in Niedersachsen,
Stätte schönster Fröhlichkeit,
Twistringen, ans Herz gewachsen
Bist du mir in aller Zeit.

Aber wir lassen das mal beiseite und konzentrieren uns auf diese junge Dame. Hier ist sie, wie auf dem Photo oben, bei den Dreharbeiten zu dem Spielfilm Zur Sache Schätzchen. Das vierundzwanzigjährige Schnuckelchen und die schnoddrigen Dialoge machten 1968 den Film zu einem Kultfilm. Es war nicht der erste Film von Uschi Glas. Sie hatte schon eine kleine Rolle in Der unheimliche Mönch gehabt. Und war das Halbblut Apanatschi in Winnetou und das Halbblut Apanatschi gewesen. Zu der Zeit hatte Catherine Deneuve schon La Vie de château (lesen Sie hier mehr dazu), Les Demoiselles de Rochefort und Belle de Jour gedreht, das sollte man nicht vergessen. Und 1968 kam auch Truffauts Baisers Volés ins Kino, der Henri Langlois (der hat hier natürlich einen Post hat) gewidmet war, das war ein ganz anderes Kino.

Doch der Film Zur Sache Schätzchen, der ein wenig vom französischen Kino abgekupfert war (und ein klein wenig von À bout de souffle hatte), wurde in Deutschland ein ungeahnter Erfolg, über sechs Millionen Deutsche gingen ins Kino. Ich auch. Sogar zweimal. Es gab drei Bundesfilmpreise, die Goldene Leinwand, ein goldenes BAMBI und die deutsche Nominierung für Cannes. Und Uschi Glas hatte fortan den Spitznamen Schätzchen der Nation.

Gefilmt im Sommer 1967 in München-Schwabing, war „Zur Sache, Schätzchen“ einer der Erfolgsfilme des Jahres 1968 – dem Geist der Zeit entspricht der Film dabei auf so unorthodoxe, spielerische Weise, dass er ihm eigentlich schon wieder zuwider läuft: „Zur Sache, Schätzchen“, das ist der federleichte Traum, die Regeln der Gesellschaft mit nichts außer Kraft zu setzen, als mit ein paar Scherzen und sinnfreien Bemerkungen (von denen es einige, so „Es wird böse enden“ zum geflügelten Wort gebracht haben). Hier kommt zuerst das Wurstbrot (bei dem „die Wurst so richtig überlappt“), dann die Weltrevolution. Schreibt der Spiegel, nun wissen wir Bescheid. Das Photo hier zeigt die beiden Hauptdarsteller im letzten Jahr.

Ein Zeitzeuge hat zu dem Film gesagt: Auf seine Weise hat mich der Film wohl auch deshalb angesprochen , weil er die Ereignisse von 1968 so ganz anders auf den Punkt brachte – eben nicht mit langen Theoriedebatten. Aber alles, was Martin tut oder vor allem nicht tut, ist Auflehnung, und er hat auch noch seinen Spaß dabei. Das war natürlich kein politisches Programm, aber es drückte den Umbruch aus, den wir, die wir damals Mitte 20 waren, verspürten. Der Zeitzeuge, der hier redet, wird Jahre später am Gitterzaun des Kanzleramts rütteln und Ich will da rein brüllen. Auch für ihn gilt einer der Sprüche des Films: Es wird böse enden.

Zur Sache Schätzchen war der beste Film von Uschi Glas, was danach kam, gehört nicht gerade zu den Perlen der Filmkunst: Der Gorilla von SohoImmer Ärger mit den PaukernZur Hölle mit den PaukernDie Tote aus der ThemseVerliebte Ferien in TirolWir tun uns in Deutschland schwer mit komödienhafter Leichtigkeit. Wir haben jemanden wie Curt Goetz gar nicht verdient. Man kann den Film leicht preiswert als DVD bekommen, man kann ihn sich immer noch ansehen. Gut, er hat ein wenig Patina angesetzt. Aber Uschi Glas, Werner Enke und die Filmmusik (und das BMW Cabrio) reißen alles heraus. Man darf sich natürlich zuvor nicht Richard Lester wunderbaren ✺FilmThe Knack …and How to Get It angesehen haben (Sie könnten jetzt noch mal eben den Post Richard Lester lesen). Die DVD enthält auch noch ein sehenswertes Interview mit Werner Enke und zwei Kurzfilme (Das Portrait und Das Manöver), allein diese Extras würden den Kauf der DVD lohnen.

Ich überlasse das letzte Wort zu dem Film Zur Sache SchätzchenElse Buschheuer, die in ihrem Buch Verrückt bleiben! Mein Leitfaden für freie Radikale über Strategien zur Bekämpfung von Depressionen schreibt: Ein frischer Schlafanzug wirkt manchmal Wun­der. Legen Sie eine DVD ein, nichts Neues, lieber einen vertrauten Film, über den Sie lachen oder wenigstens müde lächeln können. Für mich wäre das »Zur Sache, Schätzchen«, der hilft mir immer. Der Film ist auf illusionslose Weise lustig, er ist intelligent, aber nicht oberschlau, er ist sexy, aber frei von Kitsch. Ein kleiner Film für kleine Tage.
          Uschi Glas wird heute siebzig, da gratulieren wir herzlich.

Und dann habe ich noch ein wenig mehr, nämlich einen Post Zur Sache, Schätzchen aus dem letzten Jahr:

Heute vor fünfundfünfzig Jahren hatte der Film Zur Sache, Schätzchen Premiere. Das Publikum liebte den Film, die Kritik auch. Die sprach vom Neuen Deutschen Film, das Pamphlet dazu hatte Joe Hembus mit seinem Buch Der deutsche Film kann gar nicht besser sein geliefert. Das war 1961 in Bremen bei Schünemann erschienen, einem Verlag, der die konservativen Bremer Nachrichten herausgab und nicht für revolutionäre Neuerungen bekannt war. Der sich aber in den sechziger Jahren eine Reihe namens City Buch leistete, in der ganz erstaunliche Bücher erschienen. Wie zum Beispiel das erste Buch über den Western, Jean-Louis Rieupeyrouts Le Western, Ou le cinéma américain par excellence, in deutscher Übersetzung. Oder der Co­mic Bar­ba­rella von Jean-Claude Fo­rest. Und Karl Mickinns Altweibersommer mit einer nackten Schönheit von Paul Wunderlich auf dem Schutzumschlag. Da war Joe Hembus bei Walther H. Schünemann schon richtig aufgehoben. Zwanzig Jahre später schrieb er zusammen mit dem Truffaut Spezialisten Robert Fischer das Buch Der Neue Deutsche Film. Das bei Goldmann erschienene Buch hatte ein Vorwort von Douglas Sirk.

Drei Tage nach Beginn der Dreharbeiten schrieben May Spils und ihr Hauptdarsteller Werner Enke das Drehbuch um. Der Film sollte wie Godards Außer Atem, mit dem er viele Ähnlichkeiten hat, mit dem Tod des Hauptdarstellers enden, aber jetzt war gerade in Berlin der Student Benno Ohnesorg erschossen worden. Soviel Realität wollte man dann doch nicht haben. Denn mit der Realität und den beginnenden Revolutionen auf der Straße hatte der Film wenig zu tun. Es sollte nicht böse enden. May Spils drehte 1968, als alles politisch wurde, einen unpolitischen Film über das Nichtstun

Wenn man sich die Top Ten der erfolgreichsten Filme in Deutschland anschaut, dann muss man sagen, dass die wenig mit dem zu tun haben, was wir 1968 nennen, nichts von Vietnam, dem Prager Frühling oder den Bremer Straßenbahnunruhen. Die deutsche Filmwelt sah an der Kinokasse so aus: 

1.  Das Dschungelbuch (27.394.000)
2.  Zur Sache, Schätzchen (6.500.000)
3.  Oswalt Kolle: Das Wunder der Liebe (6.000.000
4.  Zum Teufel mit der Penne (6.000.000)
5.  Die Nichten der Frau Oberst (5.000.000)
6.  Zur Hölle mit den Paukern (4.000.000)
7.  Immer Ärger mit den Paukern (4.000.000)
8.  Oswalt Kolle: Das Wunder der Liebe II – Sexuelle Partnerschaft (3.500.000)
9.  Die Wirtin von der Lahn (3.000.000)
10 Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung (3.000.000)

Von diesen Filmen habe ich nur Zur Sache, Schätzchen gesehen. Es gab andere Filme in den Kinos. Wie zum Beispiel Baisers volés und La mariée était en noir von Truffaut oder Les Biches von Chabrol, das war eine ganz andere Welt. Werner Enke und Uschi Glas machten den Film zum Kultfilm. Uschi Glas, die einen Nackauftritt verweigert hatte, war gleich in drei Filmen der Top Ten des Jahres 1968, neben Zur Sache, Schätzchen war sie auch in Zur Hölle mit den Paukern und Immer Ärger mit den Paukern zu sehen. Und in dem Edgar Wallace Film Der Gorilla von Soho. Die beinahe gleichaltrige Catherine Deneuve hatte da schon Die Regenschirme von CherbourgEkelLeben im Schloß und Belle de Jour gedreht.

Die deutsche Komödie aus dem Jahre 1968, die mit https://zursacheschaetzchen.de eine eigene Internetseite hat, hat sich gehalten. May Spils und Werner Enke versuchten mit mehreren Filmen an diesen Erfolg anzuknüpfen, das hätten sie lassen sollen. Diese Schwabinger Leichtigkeit konnte man nicht wiederholen. Wenn Sie wollen, können Sie den Film ✺hier sehen. Und wenn Sie noch mehr über den Film wissen wollen, dann klicken Sie den Post Uschi Glas an, den ich zum siebzigsten Geburtstag von Apanatschi geschrieben habe.

Unterhemden

Heute vor neunundachtzig Jahren erhielt der Film It Happened One Night den Oscar in allen fünf Hauptkategorien, der Film war ein Riesenerfolg. Weil da jemand ein bisschen nackt war. Das war nicht Claudette Colbert, das war Clark Gable. Als der im Film sein Oberhemd auszieht, konnte das Publikum sehen, dass er kein Unterhemd trug. Die Verkaufszahlen von Unterhemden sanken in den USA dramatisch. Die romantic comedykam in die Kinos, als der Motion Picture Code noch nicht griff. Sätze wie: Scenes of passion should not be introduced when not essential to the plot. In general, excessive passion should so be treated that these scenes do not stimulate the lower and baser element, und Excessive and lustful kissing, lustful embraces, suggestive postures and gestures, are not to be shown, hatten noch keine Gültigkeit.

Das Oberhemd ohne Unterhemd wird sich in der feinen Welt nicht durchsetzen. Clark Gable trägt im normalen Leben normale Kleidung, Also das, was Eddie Smith für ihn schneiderte. Was manchmal ziemlich exzentrisch war, wie man an diesem extrem taillierten Jackett sieht. Die maskuline Variante der →Wespentaille war damals große Mode. Eddie Smith hat auch all das geschneidert, was Clark Gable in Gone With the Wind trägt. Seine Uniform lässt der Captain Clark sich nicht von Eddie Smith schneidern, er kaufte sie sich bei Saks in der Fifth Avenue.

Der erste Absatz hier oben stand schon einmal in dem Post Nudität, aber man kann das immer wieder zitieren. Dass ein Film die big five erhält, kommt ja nicht so häufig vor. Clark Gable hat schon einen Post, er wird häufig in diesem Blog erwähnt. Unter anderem in dem Post Siegfried Schürenberg. Den kennen wir als den etwas vertrottelten Chef von Scotland Yard aus den Edgar Wallace Filmen, aber Schürenberg war auch ein begehrter Synchronsprecher. Er war die deutsche Stimme von Rhett Butler in Gone with the Wind, und er hat Clark Gable auch noch in The Misfits synchronisiert. Frank Capra hat erstaunlicherweise noch keinen Post in diesem Blog; er wird zwar immer wieder erwähnt, aber es gibt leider keinen Post. Sein Film Lost Horizon hat allerdings einen Post. Ist nicht sein bester Film, ist aber sehr interessant.

Das hier rechts auf dem Bild ist der Regisseur Frank Capra. Auf dem linken Bild ist auch Frank Capra, diesmal als Colonel der US Army. Gleich nach Pearl Harbour hatte er sich freiwillig gemeldet und war als Major eingestellt worden. Die Propaganda Serie ✺Why We Fight war Capras Antwort auf Leni Riefenstahls Film Triumph des Willens. Capras Kollege John Ford hat während des Krieges auch für die Regierung gearbeitet, er hat die Schlacht von ✺Midway mit einer Vielzahl von Kamerateams gefilmt, sozusagen im Livestream. Man hat ihn dafür zum Admiral gemacht.

John Ford und Frank Capra haben viel gemeinsam. Nicht nur, dass sie beide hier in Uniform nebeneinander stehen. Für beide ist Amerika ein neues Land. Capra kam aus Sizilien, Ford wurde zwar in den USA geboren, war in seinem Herzen und seinem Kopf immer noch in Irland. Beide werden in ihren Filmen dem Amerika der Great Depression ihre Vision vermitteln, wie die Welt sein soll. Sein könnte. Filmhistoriker haben dafür den Terminus Cinema of Populism gefunden. Wobei wir bedenken sollten, dass Populismus nicht gleich Populismus ist. Frank Capras Populismus ist nicht der Populismus von Donald Trump.

Als ich den Begriff Cinema of Populism bei Google eingab, stieß ich auf eine 2023 erschienene Dissertation von einem Johannes Pause, die Populismus und Kino: Politische Repräsentation im Hollywood der 1930er Jahrehieß (hier im Volltext). Auf der Seite des Transcript Verlages konnte man lesen: Die 1930er-Jahre gelten als das populistische Jahrzehnt Hollywoods. Regisseure wie Frank Capra, Leo McCarey und John Ford entwerfen in ihren Werken Szenarien geglückter oder gescheiterter politischer Repräsentation, in denen sich demokratische Ideale mit politischer Theologie und amerikanischem Exzeptionalismus verbinden. Die Szenographie dieser Filme hat sich tief in das kulturelle Gedächtnis der USA eingeschrieben und prägt die politische Inszenierung von Repräsentation bis heute. Johannes Pause liest die damals entstandene Bildsprache als eine Typologie populistischer Repräsentation neu und nutzt sie als Folie, um aktuelle politische Tendenzen zu analysieren. Das wusste ich allerdings alles schon. Weil es in dem Buch Vísions of Yesterday von Jeffrey Richards steht, das ein halbes Jahrhundert vor Pauses Werk erschienen war. Und Richards hat natürlich auch ein Kapitel Frank Capra and the Cinema of Populism.

Jeffrey Richards hatte etwas aufgenommen, was Siegfried Kracauer in seinem Buch From Caligari to Hitler (hier im Volltext) angedeutet hatte. Dass man Filme als eine Psychoanalyse einer kranken Gesellschaft lesen könne. Der Gedanke findet sich auch in dem Buch von Martha Wolfenstein und Nathan Leites Movies: A Psychological Study (Volltext) und bei Michael Wood in seinem Buch America in the Movies. Jeffrey Richards, der zu Englands bedeutendstem Filmhistoriker wurde, bekam gute Kritiken für sein erstes Buch. Clive James schrieb im ObserverA work of considerable force and considerable wit und in Focus on Film stand: a work that is original, mentally stimulating and most pleasurable to read. Ich glaube nicht, dass man das über die Doktorarbeit von Johannes Pause sagen kann. Der Richards nicht mal im Original gelesen hat, sondern ihn aus zweiter und dritter Quelle zitiert. Der Transcript Verlag ist kein wirklich seriöser Verlag, der druckt alles, was der Autor bezahlt. Das ist so etwas Ähnliches, wie ich es in Print on Demand beschrieben habe.

Nicht alles im Werk Capras hat etwas mit Ideologie, Politik und Populismus zu tun, es wäre unsinnig, Arsen und Spitzenhäubchen so betrachten zu wollen. Und das Unterhemd von Clark Gable in der Screwball ComedyIt Happened One Night ist auch ziemlich ideologiefrei. Aber in Mr Deeds Goes to Town und Mr Smith Goes to Washington (hier ein Bild mit James Stewart), da hat Capra seinem Publikum etwas zu sagen. Sein filmisches Amerika ist ein Land von Geld, Betrug, Opportunismus und Niedertracht, ein Land ohne Moral. Aber nun kommen die etwas naiven Helden vom Lande, gespielt von Stars wie Gary Cooper und James Stewart, die sich am Ende gegen Korruption und Intrigen durchsetzen. Auf so etwas hoffen wir ja immer, nicht nur im Kino.

James Stewart und Gary Cooper (und John Wayne und Henry Fonda bei John Ford) werden in den dreißiger Jahren zur perfekten Verkörperung amerikanischer Werte: If ever a country got the film heroes it needed, it was the USA in the decade up to the Second World War, sagt Alexander Walker in Stardom. Die amerikanische Kleinstadt, Small Town, USA, ist jetzt wichtig: das sind Bedford Falls (It’s a Wonderful Life), Mandrake Falls (Mr. Deeds Goes to Town) oder Grover’s Corners bei Thornton Wilder, eine sentimentale arkadische Vision eines Amerikas jenseits der Großstädte. So hatte sich Thomas Jefferson einst Amerika vorgestellt.

Capras Filme kommen als Komödien daher, aber sie sind oft viel mehr. Meet John Doe war eine Warnung vor dem auch in Amerika grassierenden →Faschismus; und auch Mr Smith goes to Washington hatte eine Botschaft: I doubt if any government in the world today would allow itself to be so freely criticized in the press, in pictures, and on the air, as does the American. And Capra, Italian-born immigrant who once sold newspapers, is exercising every American’s privilege in lambasting certain phases of life in the country of his adoption. That doesn’t mean, however, that Capra isn’t a thoroughly patriotic American. On the contrary. I’d call ‚Mr. Smith Goes to Washington‘ just about the best American patriotic film ever made. There’s only one that might equal it, if Frank could ever be persuaded to make it, and that is Mr. Capra Goes to America. Der Verfasser dieser Zeilen war kein Gerigerer als James Hilton, dessen Roman Lost Horizon Capra 1937 verfilmt hatte. Als die Nazis 1942 im besetzten Frankreich die Aufführung englischer und amerikanischer Filme verboten, wurde als letzter Film in Paris unter dem Beifall des Publikums Mr Smith goes to Washington gezeigt.

Ein stellungsloser Journalist und eine durchgebrannte Millionenerbin treffen sich, so beginnt der Film ✺It Happened One Night, den sie hier sehen können. Bis dahin hatte Clark Gable, der einen Oscar für seine Rolle erhielt, Gangster und harte Kerle gespielt. Aber Frank Capra hat uns versichert, das Clark Gable in der Wirklichkeit ein ganz anderer war: ‚It Happened One Night‘ is the real Gable. He was never able to play that kind of character except in that one film. They had him playing these big, huff-and-puff he-man lovers, but he was not that kind of guy. He was a down-to-earth guy, he loved everything, he got down with the common people. He didn’t want to play those big lover parts; he just wanted to play Clark Gable, the way he was in ‚It Happened One Night‘, and it’s too bad they didn’t let him keep up with that.

Frank Capra war der wahrgewordene American Dream. Er kam von ganz unten, und er gelangte nach ganz oben. Er war fest davon überzeugt, dass das jederman in Amerika schaffen könnte: My whole philosophy is in my films. People are basically good or can be made good. Sentimental? Of course, but so what ? Let’s not be hard-boiled about this. Happy endings – life is full of them. Auch das würden wir gerne glauben, aber wir wissen, dass das Leben anders ist. 

Viele von Capras Filmen sind zu Klassikern geworden, It’s a Wonderful Life war jahrzehntelang der Weihnachtsfilm für die ganze Famile in den USA. Auch wenn die Kritiker 1946 die Sentimentalität des Films beklagten. Aber ohne die geht es nicht, sagt Jeffrey Richards: Throughout Capra’s work, the tone is unashamedly sentimental, a fact which many critics decry and which calls for some comment. The only comment that one can make is that it is simply not possible to eliminate the sentimentality for it is at the root of his vision. It is this which links him to John Ford. The work of both is permeated by nostalgia for a vanished America, an idealized pre-urban America where a purer, better, freer life was lived. Sentimentality is an integral part of nostalgia and so there is simply no point in decrying it.

La Bonne Année

Ich reiße mal eben einige Sätze aus dem Zusammenhang: Mein zweiter Lieblingsfilm ist ✺La Bonne Année aus dem Jahre 1973. Mit Lino Ventura und Françoise Fabian. Falls Sie mal den Van Cleef & Arpels Laden in Cannes überfallen wollen, sollten Sie sich diesen Film unbedingt vorher ansehen. Lino Ventura ist wieder in Hochform, Françoise Fabian sowieso. La Bonne Année ist wie ✺Ein Mann und eine Frau durchzogen von einer leisen Wehmut, einer Nostalgie, die den schönen Kitsch, den mein Freund Georg das französische Sabbelkino getauft hat, erträglich macht.

Das steht so in dem Post Claude Lelouch, an dessen Ende ganz viele Links zu all den Posts zum französischen Film in diesem Blog sind. In den Posts zum Sabbelkino und Les films de ma vie stehen auch nochmal viele. Wenn ich das alles ausdrucken würde, hätte ich ein kleines Buch zum französischen Film fertig. Den Film ✺La Bonne Année gab es am 31. Januar bei arte, der Film ist noch einige Tage in der Mediathek. Wenn Sie ihn sich anschauen, haben Sie am Anfang das Gefühl, Sie sind im falschen Film. Wir sind in den Schlussszenen von Ein Mann und eine Frau, allerdings in schwarz-weiß. War das nicht eigentlich ein Farbfilm? Aber wir beginnen mal ohne Farbe, wir sind in einem Gefängnis, der Direktor möchte den Gefangenen zu Weihnachten eine Freude machen und zeigt ihnen einen Film von Lelouch. 

Einen der Häftlinge kennen wir, es ist Lino Ventura, der hier schon einen Post hat. Und der auch als der Lieblingsschauspieler von Melville in dem Post Jean Pierre Melville immer wieder erwähnt wird. Hier ist er in Farbe zu sehen, denn der Film besteht aus zwei Teilen, aus der Gegenwart und der Vergangenheit (dazwischen gibt es noch Flashbacks). Die Vergangenheit, die Darstellung des Juwelenraubs bei Van Cleef & Arpels in Cannes, ist in Farbe. Was der Name Van Cleef & Arpels bedeutet, das war mir vor einem halben Jahrhundert klar. Meine Freundin Heidi schwor auf das Parfüm von denen, und in dieser wunderbaren Sommernacht im Juli 1959 hatte ich auf dem Place Vendôme vor dem Laden gestanden. Wer Lino Ventura war, das wusste ich natürlich. Witzigerweise trug ich damals bei meinem Kinobesuch einen grauen Flanellanzug, da ich gerade aus der Uni kam. Graue Flanellanzüge waren immer noch große Mode, ich weiß auch noch, von welcher Firma mein Anzug kam. Lino Ventura (dessen Schneider alle in dem Post Lino Ventura erwähnt werden) liebte die grauen Flanellanzüge. Er sah immer sehr gut damit aus. Ich in meinem auch.

Wer Françoise Fabian war, das wusste ich auch. Mein Freund Peter hatte mir das Drehbuch von Ma Nuit Chez Maud(L’Avant-Scène n°. 98) aus Paris mitgebracht, lange bevor der Film hier in den Kinos zu sehen war. Zwei Jahre, bevor sie in Eric Rohmers Film eine Hauptrole neben Jean-Louis Trintignant übernahm, war sie in Belle de Jour zu sehen gewesen. Françoise Fabian ist jetzt einundneunzig, sie und Claude Lelouch (und Mireille Matthieu, die ganz kurz im Film ist) sind die einzigen aus dem Film, die heute noch leben. Auch Francis Lai, der die ✺Filmmusik schrieb, ist schon tot. Lelouch, der Meister des Liebesfilms, hat im letzten Jahr mit fünfundachtzig Jahren zum vierten Mal geheiratet. Wenn man so oft verheiratet war, dann kann man auch Filme wie ✺Männer und Frauen, eine Gebrauchsanleitung drehen.

1987 hat es ein amerikanisches Re-Make von La Bonne Année gegeben, das ✺Happy New Year hieß. Peter Falk spielte darin die Hauptrolle. Den Film braucht man nicht zu sehen, der Film von Lelouch braucht kein Re-Make, er ist nach fünfzig Jahren immer noch gut. Drei Jahre vor La Bonne Année hatte Lelouch den Kriminalfilm ✺Le Voyou mit Trintignant in der Hauptrolle gedreht, jetzt drehte er einen anderen Kriminalfilm, der eigentlich ein Liebesfilm ist. Das kann er am besten. Für ✺Ein Mann und eine Frau hatte er 1966 einen Oscar und die Goldene Palme von Cannes bekommen. Und der Film ist auch immer noch völlig frisch. Und da ich bei Filmen bin, die vom Autofahren handeln, habe ich noch einen ganz kurzen Lelouch Film hier für Sie. Er heißt ✺C’était un rendez-vous, hat nie einen Filmpreis bekommen. Eine schöne Frau (Gunilla Friden) kommt ganz kurz drin vor, sonst wäre es kein Lelouch Film. Den Satz von François Truffaut Le cinéma c’est l’art de faire de jolies choses à de jolies femmes, den hat er immer beherzigt.

la reine Catherine

Einige Leser haben mich gefragt, warum hier am 22. Oktober nichts zum achtzigsten Geburtstag von Catherine Deneuve stand. Kein Joyeux anniversaire! oder so etwas. Wenn ich ehrlich sein soll: ich hatte das vergessen. Habe dann aber durch die Filme Madame empfiiehlt sich (Originaltitel: Elle s’en va) und Leben im Schloss (La Vie de Chateau) gemerkt, dass da viel Deneuve bei arte war. Ich fand das sehr schön, dass arte La Vie de Chateau zeigte, weil ich den Film liebe. Und auswendig kenne. Und das französische Drehbuch besitze. Ich war genau zwei Jahre im Netz, da gab es hier schon den Post La Vie de Chateau.

Ich fand es auch sehr schön, dass arte mit dem Road Movie Madame empfiiehlt sich eine ganz andere Catherine Deneuve zeigte. In dem Film war sie siebzig, konnte aber noch für sechzig durchgehen. Sie ist ein wenig pulpeuse geworden, aber das steht ihr. In La Vie de Chateau war sie dreiundzwanzig. War ich damals auch. Damals hatte sie beschlossen, für den Rest des Lebens blond sein zu wollen. In Wirklichkeit war sie brünett. Ich habe Jean-Paul Rappeneaus La Vie de Chateau zweimal im Kino gesehen (und habe ihn heute auf DVD), nicht wegen der jungen blonden Frau, sondern wegen der aberwitzigen Inszenierung und Choreographie der Bewegung. Damals gab es noch Filme, die zu recht in Filmkunsttheatern gezeigt wurden. Weil die Filmkunst waren. Heute ist alles Netflix.

Ich habe das mit dem achtzigsten Geburtstag vergessen, weil Catherine Deneuve nicht meine Lieblingsschauspielerin ist.Vor zehn Jahren gab es hier in dem Post Catherine Deneuve Glückwünsche zum Geburtstag. Der Post endete mit den Sätzen: Das Geburtstagskind wird in diesem Blog bisher nicht genügend gewürdigt. Irgendwann mache ich das mal wieder gut. Bis dahin könnten Sie hier natürlich Waltz into Darkness lesen. Und natürlich Joyeux anniversaire! Die forderten einen Leser berechtigterweise zu einem Kommentar auf: Wir hatten das doch schon: IRGENDWANN & DEMNÄCHST… 😉 Was ich mit: Irgendwann kommentierte. Ich mache zu viele Versprechungen. Es ist immer dasselbe.

Sie ist so schön, dass ein Film, in dem sie spielt, auch ohne Geschichte auskommt, hat François Truffaut gesagt. Und deshalb reißt die Deneuve in dem Truffaut Film Waltz into Darkness, den Jeanne Moreau finanziert hatte, alles ‚raus, die Schwächen und Unglaubwürdigkeiten der Handlung. Der Film hatte vor zwölf Jahren hier schon den ganz langen Post Waltz into Darkness. In dem viel über Catherine Deneuve steht. Und auch viel über französische Mode. Mit der war sie ja immer verbunden; sie war Werbeträgerin für Chanel,produzierte ein Werbevideo für Chanel 5 nach dem anderen. Sie trug die Mode von Yves Saint Laurent (mit dem sie befreundet war) und warb für L’Oréal. 1986 brachte sie ihr eigenes Parfüm auf den Markt. In den letzten Jahren war sie auf allen Modeschauen der Pariser Firma zu sehen.

Am Ende des Posts über die Verfilmung des Romans von Cornell Woolrich steht: Als Truffaut an seinen Cornell Woolrich Verfilmungen arbeitet, hat er seine Hitchcock Phase. Denn gleichzeitig mit den Filmen entsteht sein großartiges Interview-Buch ‚Le cinéma selon Hitchcock‘ (Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?). Dort sagt er einmal: it might be said that the texture of your films is made up of three elements: fear, sex and death, und das beschreibt eigentlich auch sehr schön die Textur seiner eigenen Filme in dieser Zeit.Truffauts Hitchcock Verehrung geht so weit, dass er für diesen Film unbedingt diese kühle Blonde braucht, ohne die ein Hitchcock Film nicht funktioniert. 

Diese ‚icy sexuality‘, dieses ‚paradox between the inner fire and the cool surface‘. Und wer könnte das besser spielen als Catherine Deneuve, die so kalt ist wie der Schnee in der letzten Szene des Filmes? Mit oder ohne weiße Unterwäsche. Der Tod beschäftigte Truffaut immer, zwei Jahre nach den Dreharbeiten schreibt er in einem Brief: Il y a beaucoup, beaucoup trop de morts autour de moi, que j’ai aimés, et j’ai pris la décision, après la disparition de Françoise Dorléac, de ne plus assister à aucun enterrement, ce qui, vous le pensez bien, n‘ empêche pas la tristesse d’être là, de tout obscurcir pendant un temps et de ne jamais estomper complètement, même avec les années, car on ne vit pas seulement avec les vivants, mais aussi avec tous ceux qui ont compté dans notre vie. Die Françoise Dorleac, die er hier erwähnt, ist Deneuves Schwester gewesen, die so schrecklich ums Leben kam. 

Die hatte es noch erlebt, dass Catherine mit dem Film ✺Belle de Jour weltberühmt wurde. Das ist der Film, in dem die kühle Arztgattin, die eine Kopie von Hitchcocks Tippi Hedren ist, in einem Bordell arbeitet. Nackt in einem Sarg liegt und von Michel Piccoli mit schmutzigem schwarzen Schlamm beworfen wird. Ich fand das immer die beste Szene des Films. Ich mochte den Film nie. Truffaut drehte bessere Filme, die Deneuve in Waltz into Darknessist lebendiger als die Denueve in ✺Belle de Jour. Truffaut, der mit der Deneuve (wie mit beinahe all seinen Hauptdarstellerinnen) bei den Dreharbeiten eine Affäre hatte, hat einmal angedeutet, dass die Deneuve nur durch ihre Schönheit wirkt, nicht durch ihre schauspielerischen Qualitäten. Aber mit dem ✺Schlamm im Gesicht war sie sehr überzeugend. 

Zehn Jahre nach ihrer Affäre sind sie bei den Dreharbeiten von Die letzte Metro (✺Le Dernier Métro) wieder zusammen, es wird Deneuves berühmtester Film werden. Ein Kassenschlager in Frankreich, zehn von dreizehn möglichen Césars, eine Oscar Nominierung. Für Truffaut war der Film der zweite Teil einer Trilogie über Film, Theater und Musik. Der erste Teil war Die amerikanische Nacht (La Nuit américaine) mit Jacqueline Bisset gewesen. Zu dem dritten Teil L’Agence Magic über eine Pariser Musikertruppe, die es nach Afrika verschlagen hatte, ist Truffaut nicht mehr gekommen. Seinen Drehbuchautoren hatte er geschrieben Je compte sur vous deux pour m’aider à faire un beau film: petits personnages, grands sentiments et surtout des caractères qui vont jusqu’au bout d’eux-mêmes.

Catherine Deneuve hatte sich in jungen Jahren für den Playboy ausgezogen, Thomas Gottschalk hält hier in einer Wetten dass Sendung das Heft in der Hand. Sie hat mit der Sexualität gespielt, in dem Film Begierde ist sie eine lesbische Vampirin. Susan Sarandon hat 1995 in einem Interview zu dem Film gesagt: Man muss nicht betrunken sein, um mit Catherine Deneuve schlafen zu wollen – egal, welche sexuelle Orientierung man vorher hatte.

Von allen Posts, in denen die Deneuve in diesem Blog erwähnt wird (und das sind viele) hat The Vampyre die meisten Leser gefunden. Lesbische Vampire, wahnsinnige Mörderinnen (in Polanskis Ekel) und Freizeitnutten, so etwas kommt immer an. Sie ist im Alter viel besser, wenn sie Odette Swann in der Verfilmung von Prousts ✺Le Temps retrouvé spielt. Oder wenn sie Freuds Prinzessin ist.

Sie hat in mehr als hundert Filmen gespielt, es waren nicht alles gute Filme. An viele wird man sich nicht erinnern. Manchmal genügte es, dass sie da war. Wie in Un Flicvon Jean-Pierre Melville, der über seinen Film sagte: Dans ‚Un flic‘, il y a une femme qui dit en tout et pour tout: ‚Ca va?‘. Et une heure et demie plus tard décroche un téléphone et dit: ‚Oui‘. Et c’est Catherine Deneuve qui a accepté de la faire. Elle a compris qu’étant la seule femme du film tout à coup sa présence devient importante.

Ein Leben auf der Leinwand, so heißt auch die ✺Dokumentation von arte. Ich habe nicht all ihre Filme gesehen, weil ich die blonde kühle Frau nicht so recht mochte. Ich fand ihre Schwester Françoise Dorleac (die hier in dem Post Jean Desailly vorkommt) witziger. Die sprühte vor Leben, hatte nicht vor, reserviert und cool zu sein. Wie alle Menschen, die zurückhaltend sind, fällt es mir schwer, mich zu öffnen. Auch wenn das im Gegensatz zu meinem Beruf steht. Ich gehe nur selten aus mir raus. Viele glauben deshalb, ich sei kühl. Das kann sein. Ich bin eben zurückhaltend, vor allem bei Menschen, die ich nicht kenne, hat Deneuve gesagt. Es ist auch ein Teil von ihrem Image, von ihrem Mythos, an dem sie hart gearbeitet hat. 

Jean-Paul Rappeneau, der die Drehbücher für Zazie dans le métroPrivatleben (mit Brigitte Bardot) und Abenteuer in Rio (mit Françoise Dorleac) schrieb, war durch den Erfolg von La Vie de Chateau verführt, die Deneuve noch einmal in einer Komödie einzusetzten. Die hieß 1975 Die schönen Wilden (✺Le sauvage), man hatte der Deneuve Yves Montand an die Seite gestellt. Sie durfte in dem Film ein klein wenig nackt sein, aber ein wirklich guter Film war das nicht. Ging bei der Verleihung von Preisen auch leer aus. Truffaut hatte schon recht mit der Vermutung, dass die Deneuve mehr durch ihre Schönheit wirkt, als durch ihre schauspielerischen Qualitäten.

Die Dokumentation Deneuve, la reine Catherine vom letzten Jahr sagte in ihrem Ankündigungstext: On la dit froide, secrète et mystérieuse. Elle a la réputation de ne rien laisser percer de ses pensées intimes, de sa vie privée, de ses joies comme de ses tourments. Elle est parvenue à protéger sa famille, ses amours, ses choix de la curiosité des magazines et de son public. Da ist es wieder froide, secrète et mystérieuse. Irgendwie ist das zu häufig strapaziert worden. Meine herzlichen Glückwünsche kommen etwas spät, aber das Joyeux anniversaire! ist nichtsdestoweniger herzlich. Und wenn ich vor zehn Jahren schrieb: Das Geburtstagskind wird in diesem Blog bisher nicht genügend gewürdigt. Irgendwann mache ich das mal wieder gut, dann habe ich das jetzt hingekriegt.

Jane Birkin ✝


Das ist die gerade verstorbene Jane Birkin in ihrem ersten Film. Ich kannte den Film, ohne ihn gesehen zu haben. Weil ich in Bremen das von Peter Zadek übersetzte Theaterstück Was ist an Tolen so sexy? gesehen hatte. Und dieses Theaterstück von Ann Jellicoe, das im Original The Knack hieß, war die Basis für Richard Lesters Film ✺The Knack. Jane Birkin hatte nur eine Nebenrolle in dem Film, die Hauptrolle hatte Rita Tushingham. Aber die machte nicht die Weltkarriere, die die schönen jungen Nebendarstellerinnen machten. 

Und damit meine ich Jacqueline Bisset, Charlotte Rampling und Jane Birkin. Und das Top of the Pops Girl Samantha Juste. Für alle vier war es ihre Filmrolle. Sie tauchen in den credits unter extras auf. Und man weiß kaum, wer wer ist. Zum einen sahen die androgynen jungen Frauen damals sowieso alle gleich aus, zum anderen sind sie hier bis zur Unkenntlichkeit geschminkt, mit viel schwarzem Kajal um die Augen, Wen Jacqueline Bisset in dem Film spielte, das weiß ich nicht mehr, aber Jane Birkin ist die auf dem Moped. Und Charlotte Rampling ist die, die Wasserski läuft.

Jane Birkin war, das versichern uns die Nachrufe in den Feuilletons, eine Stilikone. So wie sie aussah, konnte sie anziehen, was sie wollte. Wir wissen, wer Audrey Hepburn eingekleidet hat, bei Jane Birkin wissen wir es nicht, obgleich sie immer auf den Seiten von Vogue und Paris Match war. Wahrscheinlich konnte sie am Boulevard Haussmann ins Printempsmarschieren und sich bei den Sonderangeboten bedienen. Sie ist einmal mit Twiggy für Modephotos aufgetreten, aber sie hatte als Model nicht die Berühmtheit, die Jean Shrimpton hatte. Die Firma Hèrmes hat eine Tasche nach ihr benannt, die heute secondhand zwischen zehntausend und hunderttausend Euro kostet. 

Das bleibt von den berühmten Schönheiten: die nach Grace Kelly benannte Kelly Bag und die Birkin Bag. Jane Birkin hatte die Firma Hèrmes verklagen wollen, nachdem sie von der Tierschutzorganisation Peta erfahren hatte, wie die Haut der Krokodile auf die Birkin Bag kommt: Ich habe Hermès aufgefordert, die ‚Birkin Croco‘ umzubenennen, bis bessere Praktiken, die internationalen Normen entsprechen, bei der Herstellung dieser Tasche umgesetzt werden können. Man hat sich außergerichtlich geeinigt. Hèrmes ist jetzt nett zu den Krokodilen. Bei Zalando gibt es übrigens eine ganz ähnliche Tasche für neunundsiebzig Euro. Hèrmes wird sowieso überschätzt, ich habe meiner Ex mal eine Hèrmes Aktentasche geschenkt, die sich in wenigen Jahren in ihre Bestandteile zerlegt hat.

Dies Bild stammt aus einem frühen Film von Jane Birkin.: Er hat viele Frauen, aber am Ende kriegt sie ihn, und sie gehen zum Bahnhof, um Eisenbahnen zu gucken. Sie guckt gerne den Eisenbahnen nach. Das ist jetzt eine etwas kryptische Beschreibung des Films Das wilde Schaf (✺Le mouton enragé). Vielleicht spielt Romy Schneider da die Hauptrolle, aber man guckt den Film nur wegen der Nebenrollen. Wegen Jane Birkin und Florinda Bolkan. Und natürlich wegen Jean-Louis Trintignant.

Sie braucht keine großen Rollen, in vielen Filmen spielt sie nur die Nebenrolle, wie das magersüchtige Model in Blow-Up, aber sie ist immer ein eye candy. Für die anonymen Autoren des Wikipedia Artikels ist sie überhaupt keine Schauspielerin, da ist sie nur eine Sängerin von Je t’aime … moi non plus und Ähnlichem. Birkin spielte zudem in zahlreichen, oft seichten Kinofilmen, steht da im Text. Das Lied, das sie mit Serge Gainsbourg aufgenommen hatte, ist bei YouTube verschwunden. Es gibt allerdings im Netz noch die ✺Version, die Gainsbourg mit Brigitte Bardot aufgenommen hatte.

Jane Birkins Erfolg als Sängerin kam mit Serge Gainsbourg, mit dem sie viele Jahre zusammenlebte. Er ist der Svengali, der das Lolita Püppchen an seiner Seite berühmt macht. Mit ihm trat sie in einer Nebenrolle auch in diesem seltsamen Film ✺Le Roman d’un voleur de chevaux auf, in dem Gainsbourg zum erstenmal La Noyée sang. Über den Dokumentarfilm von Agnès Varda Jane B. par Agnès V. sagte Christiane Peitz in der  taz, er mache nur deutlich, dass Birkin eine schlechte Schauspielerin sei. Sie sei nur gut, wenn sie sich selbst spiele. Da ist wahrscheinlich etwas dran. Eine besonders gute Sängerin war sie auch nicht, sie war keine Juliette Gréco, keine Françoise Hardy. Aber sie machte immer weiter mit dem Singen, ihre letzte CD Oh! Pardon tu dormais… ist zwei Jahre alt. Sie wollte jetzt im Frühjahr in Deutschland auftreten, musste die Konzerte aber absagen, Kein anderer Song von Birkin wurde so berühmt wie Je t’aime … moi non plus, sie hat einmal gesagt: When I die, that’ll be the tune they play, as I go out feet first.

Wenn sie sich selbst spielen kann und nicht zu singen braucht, dann kann sie wirklich gut sein. Wenn sie einen guten Regisseur hat. Wie zum Beispiel Bertrand Tavernier, der einmal als Regieassistent bei Jean-Pierre Melville angefangen hatte. Er sei ein schlechter Regieassistent gewesen, hat Tavernier gesagt, aber er wurde ein guter Regisseur. 

Tavernier war mit einer Engländerin verheiratet, die ihm die Drehbücher für seine besten Filme geschrieben hat, wie ✺Un dimanche à la campagne (Ein Sonntag auf dem Lande) oder Daddy Nostalgie (aus dem diese Photos stammen). Ich habe von diesem Film, in dem Jane Birkin neben Dirk Bogarde spielt, eine witzige ✺Kurzfassung mit der Musik von Nat King Coles These Foolish Things. Ich habe aber natürlich auch den Film ✺Daddy Nostalgie für Sie. Und ein langes Gespräch zwischen der Drehbuchautorin ✺Colo Tavernier und Jane Birkin. Wenn Sie noch fünfzig Minuten Zeit haben, dann hätte ich hier noch die arte Dokumentation ✺Jane Birkin – Muse, Sexsymbol, Ikone für Sie. Mehr gibt es heute nicht, ich war nie ein Jane Birkin Fan. Ich weiß auch nicht, ob man ihre Munkey Diaries lesen muss.

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