LiebeLieber Du,
immer wieder möchte ich dir so viel erzählen, dafür reichen die Telefonate und Spaziergänge dann und wann nicht aus und diese Notizen hier auch nur selten. Immer wieder geht mir Wesentliches verloren. Aber ist es dann überhaupt noch wesentlich, wenn es in ein Loch fällt und sich nie mehr zeigt?
Heute muss ich sehen, wie es mit dem Schreiben geht. Mein Körper wartet mit Schmerzen in den Händen auf. Die eine Hand muss der anderen helfen, das gilt für beide. Manches geht nur mit Hilfe von außen. Ich pendel zwischen Akzeptanz, Schmerzvermeidung, Unmut und sinnlosen Mutmaßungen. Es sind wohl Folgen der Borreliose, die mich leider erneut erwischt hat.
Manches lässt sich leichter akzeptieren als anderes. Schenke ich eben meinen Händen eine Ruhepause.
Lassen wir das. Alte Menschen und ihre Malässen sind ja nicht unbedingt das, worüber du und andere etwas lesen möchten.
Manchmal staune ich noch, dass die Themen von Alter, Krankheit und Tod immer noch so ausgegrenzt werden. Ich dachte ja, dass wir als Gesellschaft schon weiter wären. Sind wir aber nicht. Ich merke es allein schon daran, wenn ich von mir als ‚Alte‘ spreche. So viel Protest. Warum?
Warum können die Menschen nicht auch ihr Altwerden lieben?
Ich denke an die Liebe und ihren Kontrapunkt Angst, an die Leichtigkeit und an ihren Gegenpol die Melancholie. Gibt es denn nicht auch eine Melancholie mit weit geöffneten Flügeln? Doch, sowohl Dürer, wie auch Cranach der Ältere haben der Melancholie Flügel verliehen. Und es ist kein Gegensatz!
Kaum neigt sich der Hochsommer dem Spätsommer entgegen tauchen im Netz die ersten Gedanken und Bilder zur Melancholie auf, wird wieder Mörike und Rilke zitiert, als gäbe es Leichtigkeit und Liebe nur im Sommer. Als müsste es immer Sommer sein. Als müsste der Herbst melancholisch und der Winter ganz furchtbar sein.
Warum können die Menschen nicht auch ihren Herbst lieben? Warum nicht ihren Winter?
Es ist die Angst und die Angst gebiert neben dem Hass auch Abwehr, Verdrängung und Blockaden. Ich mag vorbereitet sein, soweit mensch das überhaupt sein kann. Mein Herbst hat schon lange begonnen. Es wird spät und später.
In mir tönt ein tiefes A in moll, von einem Basssaxophon geblasen. Mein Schiff bleibt jetzt erst einmal im Hafen. Die Kapitänin beruhigt ihre Leute und schickt sie in das kleine Häuschen hinter der Rosenpforte. Sie selbst kommt auch mit. Jetzt ist Wartungszeit. Die Reisezeit hat viel gefordert. Ich ahne, dass auch davon meine Hände erzählen. Gerade wollen sie nichts mehr heben, tragen, halten. Zärtlich streichen sie über Stoffe, Haare, Rücken, Fell, über andere Hände und mich selbst.

Versonnen schaue ich auf den Fluss. Du weißt, wie sehr ich ihn liebe! Vielleicht sogar ein bisschen mehr als das Meer mit seiner stetigen Unruhe, seinem unentwegten Vor und Zurück. Ich lasse mich im Fluss des inneren Erlebens treiben, lausche den Strömungen, kreisel im Gestauten, finde einen Durchschlupf zwischen zwei Steinen, ruhig und stetig fließe ich weiter, bis die Geschichten erzählt, die Fragen gestellt sind; noch ist die Mündung nicht in Sicht.

Ich werde nie wissen, wie mich die anderen lesen, auch von dir nicht. Wie ihr meine Bilder seht. Was genau ihr lest, seht, versteht und wie. Wieviel Raum noch gesund ist oder in Labyrinthen endet. Jede=r hundert Prozent. Hundert Prozent Verantwortung für Aktion und Reaktion, fürs Schreiben, wie fürs Lesen, fürs Sprechen wie fürs Hören und die Wahrnehmung. Was immer du mir mitteilst, selbst im Du liegt dein Ich verborgen und umgekehrt. Dieses Ich, das es nicht gibt. Nicht wirklich. Nicht so. Nicht als Konstante, die es doch so gerne für sich einfordert und der Illusion unterliegt im Recht zu sein.
Jetzt lausche ich den Septemberwinden, folgt mein Blick seinem Rascheln in den Bäumen und entdecke ich erste gelbe Blätter im noch grünen Laub. Das Leise, Zärtliche, die Stille, die Tiefe, das Gütige nehmen sich wieder Raum. Kein Aber, kein Zaudern, kein Knirsch. Ein Lächeln. Hier sein.
Hier.
Sein.
Uns halten nicht unsere Herzen fest, es sind die Gedanken.
*
Die Wanderin hat sich auf den Weg gemacht das Haus am See zu finden. Die Alte wartet auf sie. Es wird noch dauern. Geister kennen keine Zeit und kein Warum. Der Weg ist blau im Grün, die Sicht weit, fliehende Schönwetterwolken bis zum Horizont. Sie geht leichten Schrittes, die Hände dürfen schlenkern. Die Närrin lacht. Die Alte sitzt am Feuer. Alle anderen ruhen sich aus.
Möge auch dein Horizont und dein Himmel weit sein. Bis zum Wiedersehen wünsche ich dir einen leichten Schritt und bitte bleib heiter.

*Ursprünglich war dieses Bild eine Zusammenarbeit von Jürgen aka Buchalov und mir im Juni 2018, heute diente es mir als Hintergrund für die neue Gestaltung.
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