(Diese Fotomontage stellte ich am 19.03.2019 hier ein und ich finde, dass sie zum heutigen Text und sowieso zum Tag sehr passend ist.)
‚Bewegung‘
Jetzt sitze ich am Küchentisch, der Blick wandert in den Garten und ich schaue den Vögeln bei ihrer Futtersuche zu. Besonders erfreuen mich die Goldammern, die sich seit dem letzten Jahr deutlich vermehrt haben. Die Singdrossel betört am Morgen und am Abend mit ihrem Gesang. Gleichzeitig weiß ich noch gar nicht wo ich eigentlich heute – hier und jetzt – anfangen soll.
Es beschäftigt mich derzeit so viel. Diese Blicke in den Garten, mit weit geöffneten Ohren dazu, sind die Freuden des Alltags und helfen mir eine gewisse Heiterkeit zu bewahren. Es gibt nicht viel davon in diesen Zeiten!
Die zunehmenden Kriege, die grottenschlechte Regierung in Deutschland, die Despoten, die sich vermehren wie Schmeißfliegen, die verfehlten Entscheidungen, die den Klimawandel befeuern statt zu beschwichtigen, plus Fragen rund um mein Altwerden fördern nicht gerade den leichten Schritt mit Hüftschwung.
Im Mai werde ich siebzig. Für mich ist das eine Ansage. Zeit mir Fragen zu stellen und diese so ehrlich wie ich es vermag zu beantworten. Ich weiß, dass ich mit vielen dieser Fragen nicht alleine bin. Was davon teile ich, was nicht, ist dabei eine wiederkehrende Frage, die gerade jetzt nicht so einfach zu beantworten ist, ist mir doch die verklausulierte Art des Schreibens abhanden gekommen. Meine Kreativität dümpelt oft nur vor sich hin. Neben dem Schreiben, das weniger, das anders geworden ist, gestalte ich auch kaum noch Bilder, fotografiere auffallend weniger. Oftmals knipse ich mit dem Handy ein bisschen dies und das, wenn ich unterwegs bin.
Siebzig zu werden mit all dem, plus den körperlichen Veränderungen waren so nie vorstellbar. Egal, wie oft ich in jüngeren Jahren übers Alter und Altern nachgedacht habe, wie bitte hätte ich mir all das vorstellen können?! Ich lächel mich leicht schief über meine vollmundigen Sätze zu meinen ersten Falten in früheren Jahren an; überhaupt zu meinen vollmundigen Statements zum Altwerden. Immerhin … ich lächel mich an!
Dieses SoSein, dieses Mit-allem-gehen-was-da-kommt-und-ist erzählt in der Regel nichts von Trauer und Scham über Vergangenes.
Je mehr ich über Gewalt an sich und im Speziellen gegenüber Frauen lese, wo sie anfängt und wo sie aufhört, umso schwieriger wird es für mich mit manchen in meinem Leben schamlos einverstanden zu sein. Mitfühlend schon. Unwissenheit darf ich mir zugestehen.
Viele Sätze kommen so leicht verständlich daher, lassen mich und andere nicken, sie uns zitieren, aber die wirkliche Tiefe der Bedeutung erschließt sich oftmals erst, wenn mensch genau dort angekommen ist, wo so ein Satz geschrieben/gedacht wurde. Der Satz von Kierkegaard: ‚Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden‘, ist so ein Satz, wie auch der von Gisèle Pelicot: ‚Die Scham muss die Seite wechseln.“.
Vielleicht willst du mich jetzt fragen, ob ich wehmütig bin, ob ich bedauere. Nun, Unwissenheit ist zwar immer wieder ein Fakt, aber manches hätte ich tatsächlich gerne früher gewusst und verstanden!
Was ich allerdings wirklich bedauer – gesamtgesellschaftlich gesehen – ist die Rückläufigkeit in den Köpfen, in der Politik, in der Ökologie und auch in der Ökonomie und besonders die zunehmend aggressive Haltung von Männern gegenüber Frauen. Als hätte es die letzten fünfzig oder hundert Jahre nicht gegeben! Als wären alle unsere Bemühungen umsonst gewesen.
Das bunte Leben, die Offenheit anderen gegenüber, die Gleichwertigkeit von allen Menschen untereinander, die Achtung vor dem Leben an sich in seiner ganzen Vielfalt, die Freiheiten in der Kunst, die Religionsfreiheiten, die Wahl des eigenen Geschlechts, die Freiheit eine gleichgeschlechliche Partnerin/einen gleichgeschlechtlichen Partner zu wählen, Kinder zu bekommen oder eben nicht, human und sozial zu agieren, all das wird als ‚links‘ beschimpft, wird mies gemacht, wird versucht erneut in Ketten zu legen. Es wird versucht alles Bunte mit grauer Farbe zu übertünchen. Das dürfen ‚wir‘ nicht zulassen!
Was einmal in der Welt an Ideen geboren wurde, geht nicht mehr verloren. Sagt man so. Ist das so?
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