Nachtrag zu Jetzt (6)

Unglückliche Formulierung

In meinen Beitrag Jetzt (6) schrieb ich: „Ich trauere nicht. Ich freue mich. Beide konnten ihre schmerzenden Körper hinter sich lassen. Beide sind nun auf dem Weg auf die andere Seite sind, eine Kerze brennt für sie.“

Das kann ich so nicht stehen lassen. Ja, ich bin froh für die Zwei, dass sie ihre schmerzenden Körper verlassen konnten, aber Freude ist das nicht.

Wir waren lange auf ihren Übergang vorbereitet, die Krankheiten hatten nach ihrem Leben gegriffen und waren nicht aufzuhalten. Das ist das wirklich Traurige daran, dass es – anders wie esoterische Heilsversprechen verkünden – keinen Schutz vor Unheilbarkeit gibt. Es ist auch niemanden Schuld. Es ist was es ist und will akzeptiert werden.

Es entstehen Lücken, wenn Eine=r geht, die lassen sich nicht füllen, es gibt für niemanden einen Ersatz. Es bleibt der Platz im Herzen und damit reißt die Verbindung nicht ab. Aber es wird nie mehr eine Begegnung geben, nur Erinnerungen. Es bleibt ein Vermissen.

Marily Yalom schreibt in dem Buch ‚Unzertrennlich‘:

Dennoch – obwohl ich mich nicht vor dem Tod fürchte, verspüre ich immer noch eine anhaltende Traurigkeit darüber, mich von meinen Liebsten trennen zu müssen. Allen philospophischen Abhandlungen und medizinischen Gewährleistungen zum Trotz gibt es kein Heilmittel für die simple Tatsache, dass wir einander verlassen müssen.

Hier wohnt die Traurigkeit.

Jetzt (6)

Jetzt ist immer persönlich und manchmal auch politisch, da persönlich und politisch (bei mir) zueinander gehören. Und doch sind es zwei verschiedene Ebenen.

Ich bin froh über die zwei Ebenen, so können sich das aufgeregte Herz, der Ärger, die missmutigen Gedanken zur gegenwärtigen Weltlage und der deutschen Politik beruhigen.

Die zweite Ebene heißt atmen, schauen, hören, riechen, verweilen, meditieren, der langsame Schritt, die Freude über all das, was gerade im Garten erscheint.  Jetzt gerade habe ich das Lungenkraut auf einer kleinen Brache entdeckt, die zu ‚meinem‘ Garten gehört, der mehr Gelände, denn ein Garten ist. Ich weiß das Kraut zu schätzen und zu ehren und bin gespannt, ob es sich im Schutz der wilden Himbeeren auf der einen Seite und der schattenspenden Ulme neben und über ihr vermehrt. Der Reigen von wachsen lassen was will und pflegen von dem, was ich gepflanzt habe, was sich selbst ein Plätzchen gesucht hat, geht weiter und ich liebe alles daran.

Jetzt schaue ich dem rasanten Wechsel von Wolken, blauem Himmel und Grauhimmel zu, von Sonne im Wechsel mit Hagel und Regen. Und vor meinem Fenster erstrahlt die Welt in frischem Grün und Bunt.

Es geht nicht ums ‚Spazierengehen‘, dachte ich, als ich letzten Mittwoch aus dem Kino kam. Meine Tochter hatte mich eingeladen mit ihr den Film ‚Das Flüstern der Wälder‘ von Vincent Munier anzuschauen – im Original heißt er: Le chant des forêts = Der Gesang der Wälder, was so viel treffender ist. Wenn ein Hirsch direkt neben einem Unterschlupf losröhrt, wird es niemanden einfallen von Flüstern zu sprechen. Zum Beispiel. Aber zurück zum Spazieren, es geht ums Gehen, ums Schauen, Hören, Wahrnehmen und Verweilen. Wie sonst könnte ich erkennen, was hinter oder in den Bäumen lebt? Wie sonst könnte ich die Lieder von Mutter Erde und ihren Bewohner=innen hören? Wie sonst könnte ich in wirkliche Verbindung gehen?

Auch davon erzählt der Film mit viel weniger Worten als Bildern und Tönen. Er hat mich erinnert und inspiriert den langsamen Schritt zu kultivieren.

All das ist mit dem Themen Leben, Altwerden, Altsein, Sterben und Tod verbunden, womit ich mich noch immer intensiv beschäftige.

Zwei Menschen sind gerade gestorben. Mein/unserer Lehrer der Buddhistischen Gemeinschaft, der ich angehöre und ein alter Bekannter, der mir nicht nah genug war, um ihn Freund zu nennen und doch oft in meinem Leben eine Rolle spielte. Ich trauere nicht. Ich freue mich. Beide konnten ihre schmerzenden Körper hinter sich lassen. Beide sind nun auf dem Weg auf die andere Seite sind, eine Kerze brennt für sie und ihren Übergang.

Es gibt keine Anleitung, die für alle passt; jede und jeder muss selbst herausfinden, was ihm oder ihr am wichtigsten ist.

schreibt Mailyn Yalom in dem Buch ‚Unzertrennlich‘, das sie im Angesicht des eigenen Todes zusammen mit ihrem Mann Irvin D. Yalom geschrieben hat.*

Ich ergänze: Jede und jeder muss erfahren, selbst erspüren, was von all den bestehenden Konzepten über Leben und Tod zu ihr oder ihm spricht, wo sie oder er andocken kann. Wenn es das Nichts ist, ist es das Nichts. Wenn es die Seelenwanderung ist, auch okay, wie auch Himmel und Hölle okay sind, wenn es jemand braucht. Es gibt keine Beweise. Es gibt nur Mutmaßungen, vorwärts wie rückwärts. Das ist das schwindelerregende Bodenlose.


Danke, liebe Myriade, dass du mich an Yalom erinnert hast. ‚Unzertrennlich‘ habe ich ausgelesen, ‚Die Stunde des Herzens‘ lese ich peu à peu.

Jetzt (5)

„Something about space and flying thoughts“ steht als Titel unter dieser Fotomontage, die ich im Dezember 2023 gestaltete.

Ohne Raum können meine Gedanken nicht fliegen. Ohne Raum können sie sich aber auch nicht klären, finden sich die passenden Worte nicht. Im Innen plappern Themen nahezu gleichzeitig, überlagern sich gegenseitig, sowie den einen Gedanken, den es braucht, um in den Fluss zu steigen.

Seitdem ich das Projekt ‚Jetzt‘ gestartet habe, geht es besser. Dem leicht wirren Geplapper steht wieder eine Form gegenüber. Diese Gedanken sind nicht nur klarer, sie sind vor allen Dingen lauter. Im Hintergrund plappert es dennoch weiter. Ein stetiges Rauschen von Gelesenem, Erlebtem, Gesehenem, Gehörtem, Gesprochenem, das noch einen Ausdruck finden möchte oder auch nicht.

Letztens erinnerte ich mich an ‚Die Dame in Blau‘. Unvergessen ist ihr Wiegeschritt, ihr wohl bemessener Druck der Füße beim Aufsetzen, der leicht geneigte Kopf als würde sie auf etwas lauschen. Vielleicht war diese Geschichte eine Erlaubnis meine Langsamkeit zu leben. Ich, die ich oft als zu schnell wahrgenommen wurde und es auch definitiv oft war, durfte wieder die werden, die Mutter einst mit den Worten schimpfte: „Deine Ruhe bringt mich um.“ Arme Mutter!

Mein Gang ist ein Schlendergang geworden. Ob meine Schritte als Wiegeschritte wahrgenommen werden weiß ich freilich nicht. Ich bin auch keine Dame in Blau, eher eine in Grün oder Schwarz und wie mein Enkelsohn vor ein paar Tagen so fein sagte: „Du bist eine moderne, alte Dame.“, was für ein schönes Kompliment! Wie es mich wärmte!

Noch aber lausche ich der Bezeichnung ‚Dame‘ hinterher. Als eine Solche habe ich mich nie empfunden, strebte auch nie an eine zu sein oder zu werden. Für eine Dame – so wie ich die Bezeichnung verstehe – bin ich nicht vornehm genug, die Haare sind noch immer zu strubbelig, ich lache laut – wenn – und das Handtäschchen fehlt auch! Aber vielleicht verhält es sich ja auch ganz anders. Eine Dame weiß sich zu benehmen und das habe ich in all den Jahren dann doch recht gut gelernt. Nur noch selten falle ich aus der Rolle. Tue ich es, mag ich es nicht.

Vor ein paar Tagen hat mich mal wieder Einer versucht zu provozieren. Einer der weiß, dass ich aus der Rolle fallen kann, wenn man mich nur genug reizt. Wie verdutzt er schwieg, als ich ihm ruhig erwiderte und versuchte ihn zurück zum Eigentlichen zu bringen, nämlich seinem Fehlverhalten mit dem er Vertrauen in unserer kleinen Gruppe bricht.

Sein Versuch das Ganze zu drehen, in dem er mich angriff, ist ein altbewährtes Muster, besonders von Männern, die unter anderem nicht gelernt haben zu ihren Fehlern zu stehen, noch eine Kritik von einer Frau anzunehmen. Daran krankt nicht nur unsere kleine Gruppe, daran krankt die Welt. Wäre es nicht mit so viel Leid verbunden, müssten deswegen nicht Tausende und Abertausende sterben oder fliehen, müssten deswegen nicht Tausende und Abertausende Frauen sichere Orte finden, dann könnte ich vielleicht gnädiger sein. Hier und heute aber will und kann ich nicht gnädig sein.

Erinnert ihr euch noch? Schon vor zehn Jahren gestaltete ich das Bild:

‚Die Angst der Frauen in der Nacht ist das Krokodil‘

Gerade machen neueste Ungeheuerlichkeiten eines Mannes gegen seine Frau Schlagzeilen. Die Ungeheuerlichkeiten wachsen ins Uferlose. Ob Epstein, ob Gisèle Pelicot oder jetzt Collien Fernandes, all das macht etwas mit mir. Immer öfter denke ich bei alltäglichen Begegnungen: „Bist du auch so Einer?“ Ich möchte nicht mit solch einer Frage durch mein Leben gehen, aber sie ist da und das lässt mich dann auch in manchen Momenten jegliches Damenhafte vergessen.

Doch zurück zur Dame in Blau, mit der ich doch noch eine Gemeinsamkeit teile: auch ich halte den Kopf oft leicht zur Seite geneigt, als lauschte ich auf etwas. Ja, ich lausche – den Zwischentönen, den klaren Tönen, den ehrlichen Tönen, den klugen Stimmen.

Wie wohltuend es ist, dass es dann eben doch so viele feine und kluge Menschen gibt! Ob ihre Stimmen durchdringen werden, steht auf einem anderen Blatt. Ich versuche zuversichtlich zu bleiben.

Sonntag 22.03.2026

Die stille Weite der Elbe

Wenn ich an der Elbe bin, vermisse ich das Meer nicht.

Freilich ist ein Fluss kein Meer, ein Fluss ist auch kein See, obwohl er manchmal so wirkt, wenn sein Fließen ruhig und gemächlich ist. Wie in diesen Tagen, an denen kein nennenswerter Wind weht und hier sowieso nur sehr selten ein Schiff fährt.

Als ich noch im Südschwarzwald lebte, fuhr ich öfters ins Tal, um am Rhein spazieren zu gehen. Aber der Rhein ist leider laut, umso lauter je näher ich seiner Mündung komme – Freundinnen und Freunde wohnen am sogenannten Mittelrhein – wo ein Frachtschiff nach dem anderen stromaufwärts und stromabwärts fährt, ganz zu schweigen von den vielen Zügen, die durch das Mittelrheintal brausen.

Hier aber, im wendländischen Elbeland, kann ich schlendern, den vielen unterschiedlichen Vögeln lauschen, den Schritten anderer Spaziergänger=innen, dem Rascheln des jetzt noch alten, trockenen Schilfgrases. Hier kann ich Gedanken die Elbe hinunterschicken, auf dass sie sich in der Tiefe des Meeres auflösen können.

Ich wünsche auch euch einen Ort, an dem ihr entspannen könnt, in dem die Stille dem Lärm der Welt noch einen winzigen Raum abgetrotzt hat.

Auf einen entspannten und friedlichen ersten Frühlingssonntag!

Jetzt (4)

(Diese Fotomontage stellte ich am 19.03.2019 hier ein und ich finde, dass sie zum heutigen Text und sowieso zum Tag sehr passend ist.)

‚Bewegung‘

Jetzt sitze ich am Küchentisch, der Blick wandert in den Garten und ich schaue den Vögeln bei ihrer Futtersuche zu. Besonders erfreuen mich die Goldammern, die sich seit dem letzten Jahr deutlich vermehrt haben. Die Singdrossel betört am Morgen und am Abend mit ihrem Gesang. Gleichzeitig weiß ich noch gar nicht wo ich eigentlich heute – hier und jetzt – anfangen soll.

Es beschäftigt mich derzeit so viel. Diese Blicke in den Garten, mit weit geöffneten Ohren dazu, sind die Freuden des Alltags und helfen mir eine gewisse Heiterkeit zu bewahren. Es gibt nicht viel davon in diesen Zeiten!

Die zunehmenden Kriege, die grottenschlechte Regierung in Deutschland, die Despoten, die sich vermehren wie Schmeißfliegen, die verfehlten Entscheidungen, die den Klimawandel befeuern statt zu beschwichtigen, plus Fragen rund um mein Altwerden fördern nicht gerade den leichten Schritt mit Hüftschwung.

Im Mai werde ich siebzig. Für mich ist das eine Ansage. Zeit mir Fragen zu stellen und diese so ehrlich wie ich es vermag zu beantworten. Ich weiß, dass ich mit vielen dieser Fragen nicht alleine bin. Was davon teile ich, was nicht, ist dabei  eine wiederkehrende Frage, die gerade jetzt nicht so einfach zu beantworten ist, ist mir doch die verklausulierte Art des Schreibens abhanden gekommen. Meine Kreativität dümpelt oft nur vor sich hin. Neben dem Schreiben, das weniger, das anders geworden ist, gestalte ich auch kaum noch Bilder, fotografiere auffallend weniger. Oftmals knipse ich mit dem Handy ein bisschen dies und das, wenn ich unterwegs bin.

Siebzig zu werden mit all dem, plus den körperlichen Veränderungen waren so nie vorstellbar. Egal, wie oft ich in jüngeren Jahren übers Alter und Altern nachgedacht habe, wie bitte hätte ich mir all das vorstellen können?! Ich lächel mich leicht schief über meine vollmundigen Sätze zu meinen ersten Falten in früheren Jahren an; überhaupt zu meinen vollmundigen Statements zum Altwerden. Immerhin … ich lächel mich an!

Dieses SoSein, dieses Mit-allem-gehen-was-da-kommt-und-ist erzählt in der Regel nichts von Trauer und Scham über Vergangenes.

Je mehr ich über Gewalt an sich und im Speziellen gegenüber Frauen lese, wo sie anfängt und wo sie aufhört, umso schwieriger wird es für mich mit manchen in meinem Leben schamlos einverstanden zu sein. Mitfühlend schon. Unwissenheit darf ich mir zugestehen.

Viele Sätze kommen so leicht verständlich daher, lassen mich und andere nicken, sie uns zitieren, aber die wirkliche Tiefe der Bedeutung erschließt sich oftmals erst, wenn mensch genau dort angekommen ist, wo so ein Satz geschrieben/gedacht wurde. Der Satz von Kierkegaard: ‚Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden‘, ist so ein Satz, wie auch der von Gisèle Pelicot: ‚Die Scham muss die Seite wechseln.“.

Vielleicht willst du mich jetzt fragen, ob ich wehmütig bin, ob ich bedauere. Nun, Unwissenheit ist zwar immer wieder ein Fakt, aber manches hätte ich tatsächlich gerne früher gewusst und verstanden!

Was ich allerdings wirklich bedauer – gesamtgesellschaftlich gesehen – ist die Rückläufigkeit in den Köpfen, in der Politik, in der Ökologie und auch in der Ökonomie und besonders die zunehmend aggressive Haltung von Männern gegenüber Frauen. Als hätte es die letzten fünfzig oder hundert Jahre nicht gegeben! Als wären alle unsere Bemühungen umsonst gewesen.

Das bunte Leben, die Offenheit anderen gegenüber, die Gleichwertigkeit von allen Menschen untereinander, die Achtung vor dem Leben an sich in seiner ganzen Vielfalt, die Freiheiten in der Kunst, die Religionsfreiheiten, die Wahl des eigenen Geschlechts, die Freiheit eine gleichgeschlechliche Partnerin/einen gleichgeschlechtlichen Partner zu wählen, Kinder zu bekommen oder eben nicht, human und sozial zu agieren, all das wird als ‚links‘ beschimpft, wird mies gemacht, wird versucht erneut in Ketten zu legen. Es wird versucht alles Bunte mit grauer Farbe zu übertünchen. Das dürfen ‚wir‘ nicht zulassen!

Was einmal in der Welt an Ideen geboren wurde, geht nicht mehr verloren. Sagt man so. Ist das so?

Sonntagsbild 15.03.2026

Seit Freitag regnet es immer mal wieder. Es ist so ein richtig feiner Nieselregen, der das Erdreich durchfeuchtet, zur Freude der Natur.

Die Schneeglöckchen und Krokusse verblühen nun, kleine Osterglöckchen und Blausterne treten an ihre Stelle. Jeden Tag drehe ich am Morgen eine Runde im Garten, um zu schauen, wer denn nun dem Himmel entgegen wächst. Und da gibt es doch so einiges. Mir und anderen zur Freude.

Ich bin ja mehr Beobachterin als eine echte Gärtnerin. Natürlich habe ich das eine und andere angesiedelt, manche Blümchen und Kräuter haben sich etabliert, vermehren sich sogar fleißig, wie z.B. der Bärlauch unter der Trauerweide. Oder die Milchsterne, die freilich von alleine gekommen sind, denen ich aber mehr Raum geschenkt habe und jetzt üppig erscheinen; oder die Pfingstrose, die heuer schon fünf rote Triebe hat und nicht mehr nur zwei, die Anemone, die sich wohl zwischen Blausternchen und Winterrose fühlt. Einzig der Rosmarin ist wieder einmal nicht über den Winter gekommen. Es hilft alles nichts, den nächsten muss ich im Flur überwintern lassen, wie den Oleander und den Sommerjasmin auch.

Diese Runde am Morgen ist mein Trostpflaster in diesen (irren) Zeiten. Vor ein paar Tagen schrieb ich: Mein Herz allem Freudigen öffnen und weiter an Vertrauensbrücken bauen, das ist mein Plan und nicht nur heute.

Ich hoffe, dass auch ihr Trostpflaster zur Verfügung habt, dass euch Freudiges am Wegesrand begegnet, dass ihr jemanden habt, der/dem ihr vertrauen könnt.

Ich wünsche euch einen friedlichen Sonntag.

Jetzt (3)

Erinnerungen wabern ins Jetzt

In den späten 1970er und den 1980er Jahren begann ich mich lebendig zu fühlen. Ich wurde selbstbestimmter, mein Rücken erfuhr die ersten Aufrichtungen.

Alles war stimmig – die Musik, der Rhythmus, die Filme, die Freundschaften, die Tage und Nächte. Weniger stimmig waren die Partnerschaften. Selbstbestimmte Frauen erfuhren und erfahren Widerstände, sagten und sagen nach vielen Vergeblichkeiten: Tschüss. SO nicht!

Ab Ende 1979 lernte ich Mutter zu sein. Meine Kinder wuchsen mit dem, was heute ‚Me-Time‘ genannt wird, auf. Meine Zeit begann am Abend, wenn die Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen, und die Gute-Nacht-Küsse verteilt waren. In meiner Zeit widmete ich mich meinen Collagen, meinen Gedankenauffangbüchern, Büchern überhaupt, einen Fernseher hatten wir nicht. Kino- und Konzertgänge waren selten, wurden wieder mehr, je älter die Kinder wurden. Irgendwer war immer da, wenn ich durch die Nächte tanzte.

Mitte der 1980er Jahre wurde ich wieder Schülerin. Ich machte mein Abitur nach. Lernen konnte ich nur am Abend bis tief in die Nächte hinein.

Und dann begrub ich einige Träume. Die Kinder hatten nicht gefragt, sie waren da und ihnen gebührte der erste Platz in meinem Leben. Ich ging also weder zurück zum Theater, noch besuchte ich eine Schauspielschule, noch studierte ich Journalismus. Nach Jahren des Dreigeteiltseins von Mutter, Schule und Arbeit entschied ich mich für Mutter und Arbeit. Ich wurde Kollektivistin, war eine von sieben Frauen, die einen Bioladen in Berlin-Kreuzberg 36 führten.

Alles war stimmig! Herausforderungen, leichte Zeiten, schwierige Zeiten gehören zum Leben dazu, das wusste ich auch damals schon.

Dass ich heute diese Zeit als stimming empfinde, hat viel damit zu tun, dass immer Eine=r da war, für die Kinder und mich; dass ich Freundinnen und Freunde hatte, die zum selben Rhythmus tanzten, dass Solidarität kein Schimpfwort war und Boykotts noch etwas bewirken konnten.

„Wir haben geträumt von einer besseren Welt
Wir haben sie uns so einfach vorgestellt
Wir haben geträumt. Es war ’ne lange Nacht
Ich wünschte wir wären niemals aufgewacht …“ sangen in den 1990er Jahren die Ärzte. Ja. So sah und sehe ich das auch. Alles schien möglich. Wenig hat es bis ins 21. Jahrhundert herüber geschafft.

Wenn ich etwas verändern will, dann muss ich mich dafür einsetzen und bereit für den langen Atem sein. Das galt damals und gilt auch jetzt. Und genau deswegen war ich heute zur Demo in der kleinen Stadt. Heute ist globaler Frauenstreiktag. Solidarisch sein ist meine Motivation. Mysogynie ist auf weiter auf dem Vormarsch. Wir waren schon einmal weiter, als Mütter, als arbeitende Frauen und als Partnerinnen!

Sonntagsbild 08.03.2026

Mit Schneeglöckchen und zwei zarten Zweigen eines Strauchs aus meinem Garten beginnt bei mir der Stubenfrühling. Ich kaufe keine Tulpen, keine Narzissen, keine Primeln, ich warte auf die ersten Blüten im Garten und rundrum. Auch entferne ich noch nicht das Herbstlaub aus meinen Beeten, dazu sind die Nächte noch zu kalt und die Sonne am Tag zu warm. Schon fehlt der Regen. Das Laub schützt die Erde vor dem Austrocknen und die Kleinstlebewesen darunter. Dennoch gab es ein bisschen was zu tun in der letzten Woche, Sträucher wollten beschnitten werden und die Stauden abgeschnitten, viele dünne Äste der Trauerweide wollten zusammengerecht werden. Nun kann ich langsam ans Säen denken, die Topfpflanzen brauchen neue Erde und größere Töpfe.

Aber jetzt ist Sonntag und der Sonntag ist nur zum Stromern und für die Entspannung da.

Morgen, am Montag, werde ich streiken, auch wenn es mit einem bundesweiten Streik von Frauen nicht klappen wird. Wirklich schade, aber ich habe es mir schon von Anfang an gedacht.

Euch wünsche ich einen entspannten Sonntag mit freudigen Momenten.