20260321 Rezension München 1938 Goeschel Hedinger Beck Verlag Buecherherbst Buchblog instabook

Der Moment vor dem Krieg: Was uns München 1938 über heutige Krisen lehrt

Zu den anhaltenden Illusionen politischer Krisen gehört, dass man durch Gesprächsformate, Symbolik und diplomatische Gesten Zeit gewinnen oder gar die Kontrolle über einen eskalierenden Konflikt erlangen kann. In den Wochen vor dem russischen Angriff auf die Ukraine ließ sich diese Hoffnung in symbolträchtigen Bildern beobachten: Staatsoberhäupter nahmen an einem überlangen Tisch in Putins Residenz Platz, bemüht, Gesprächsfäden zu halten, Angebote zu machen und eine Eskalation zu vermeiden. Wenige Tage später begann Russland den Angriffskrieg gegen die Ukraine dennoch. Der reflexhafte Vergleich mit der Appeasement-Politik der 1930er-Jahre liegt nahe – und ist zugleich heikel. Denn er droht, historische Konstellationen vorschnell gleichzusetzen, wobei zunächst strukturelle Parallelen und Unterschiede zu klären wären: Wie reagieren Demokratien auf aggressive Regime und welche Spielräume bleiben ihnen dabei tatsächlich?

An diesem Punkt setzt das Buch „München 38. Die Welt am Scheideweg“ von Christian Goeschel und Daniel Hedinger an. Das Buch rekonstruiert die dramatischen Septembertage des Jahres 1938 nicht als isoliertes europäisches Ereignis, sondern als globalen Krisenmoment, in dem sich politische, militärische und imperiale Spannungen bündeln. Im Zentrum steht die Münchner Konferenz, auf der Großbritannien und Frankreich den Forderungen Hitlers nachgaben und die Tschechoslowakei preisgaben – in der Hoffnung, einen großen Krieg zu verhindern. Die Autoren interessieren sich jedoch weniger für das bekannte Ergebnis als vielmehr für die Bedingungen, unter denen diese Entscheidung zustande kam.

Weiterlesen

Viel Programm bei der lbm19

Leipziger Buchmesse / Leipzig liest vom 21. bis 24. März 2019

Leipziger Buchmesse lbm18 pdlbm18 Buecherherbst Buecherblog Messehalle

Messehalle

In wenigen Tagen, am kommenden Donnerstag, 21. März, startet die Leipziger Buchmesse 2019 mit einem umfassenden Veranstaltungsprogramm Leipzig liest. Bis Sonntag sind dann rund 3.600 Veranstaltungen an 550 Orten in und um Leipzig zu sehen. Drei Tage lang werde ich via Twitter (@buecherherbst) sowie hier auf dem Blog über das Geschehen vor Ort berichten. Dafür habe ich mir ein umfangreiches Programm zusammengestellt. Vorderstes Kriterium war, dass die Veranstaltungen auf dem Messegelände stattfinden, da das Pendeln zwischen Messe und sonstigen Veranstaltungen im Stadtgebiet viel Zeit kostet und man hierdurch zugleich einige spannende Veranstaltungen verpassen würde – was nicht bedeutet, dass ein Blick auf das Programm im sonstigen Stadtgebiet nicht lohnenswert wäre. Einen Überblick über das vollständige Programm findet man im Downloadbereich der Messe. Online bietet sich zudem die Möglichkeit, Leipzig liest nach Datum, Genre oder Veranstaltungsart zu durchsuchen oder aber per Les-O-Mat den Zufall entscheiden zu lassen.

Wer ein paar Inspirationen braucht oder keine Lust hat, sich einen eigenen ausführlichen Zeitplan zusammenzubasteln, hier meine vorläufige Planung für Leipzig liest auf dem Messegelände:

täglich

Weiterlesen

Die Menschlichkeit bewahren

Buchtipp: Ha Jin – Nanking Requiem

Ha Jin Nanking Requiem Buchtipp Ullstein Buecherblog BuecherherbstEin lange Zeit kaum bekanntes, wenig beachtetes Kapitel des Zweiten Weltkrieges (genauer gesagt: des zweiten Japanisch-Chinesischen Krieges) ereignete sich fernab der europäischen Aufmerksamkeit und des Nazi-Holocausts: die Massaker von Nanking 1937. Von diesen menschenverachtenden, bestialischen Gräueltaten der japanischen Besatzer an der chinesischen Bevölkerung erzählt Ha Jin in seinem Roman Nanking Requiem. Der chinesisch-amerikanische Autor berichtet schonungslos und schockierend über die Kriegsverbrechen in der chinesischen Hauptstadt, bei denen vermutlich mehr als 200.000 Menschen ermordet und über 20.000 Frauen und Mädchen vergewaltigt wurden (Conventional War Crimes).

Das Unmögliche tun, das ist die Krönung unseres Daseins.

Ha Jin schildert den müßigen Alltag der flüchtenden Chinesen, der geprägt ist von Angst, Gewalt und Verzicht; und die mutige Geschichte der Amerikanerin Minnie Vautrin, die im amerikanischen College in Nanking eine Sicherheitszone sowie ein gigantisches Flüchtlingslager für Frauen und Kinder aufbaute, um so viele Leben zu retten wie ihr es möglich war. Dieser Antikriegsroman ist ein eindringlicher Aufruf, auch in dunkelsten Zeiten die Menschlichkeit zu bewahren.

Info

Ha Jin – Nanking Requiem

Ullstein Buchverlage, 2014, übersetzt von Susanne Hornfeck, 352 Seiten, ISBN-13 9783548611914

Hätte Hitler gestoppt werden können?

Buchtipp: Robert Harris – München

Robert Harris Muenchen Rezension Buecherblog BuecherherbstEs ist eines der am häufigsten durchgespielten Szenarien der Weltgeschichte: Was wäre gewesen, wenn Adolf Hitler vor Beginn des Zweiten Weltkriegs ermordet worden wäre? Wäre es überhaupt zum Krieg gekommen? Wie hätte Deutschland sich entwickelt, wäre ein Attentäter erfolgreich gewesen? Und genauso wird das historische Drehbuch umgekehrt gerne neu geschrieben: Hätte Deutschland den Krieg früher begonnen, hätte es zu einem siegreichen Ende für die Nazis geführt? Genau an diesem Scheideweg der Geschichte spielt Robert Harris‘ neuester Roman München.

Die Ausgangslage ist historisch verbrieft: 1938 trafen sich die Regierungschefs des Deutschen Reiches, Italiens, Großbritanniens und Frankreichs samt Delegationen in München. Hitler war bestrebt, die Sudetenkrise (Autonomie der Sudetendeutschen in der Tschechoslowakei) schnellstens – und notfalls kriegerisch – zu lösen. Großbritannien wollte auf diplomatischem Wege den kriegerischen Einmarsch der Wehrmacht in der Tschechoslowakei verhindern und war zu weitreichenden Zugeständnissen bereit (Appeasement-Politik).

Entlang dieser geschichtlichen Gegebenheiten strickt Harris eine packende Fiktion aus der Sicht zweier Diplomaten, die an den Verhandlungen teilnehmen und sich seit ihrer gemeinsamen Studienzeit in England kennen. Es gibt gleich mehrere Gelegenheiten auf beiden Seiten, die Geschichte zu beeinflussen und die Gräuel des Weltkrieges vielleicht zu verhindern. Robert Harris gelingt es, Weltgeschichte zu einem soliden und doch auch spannenden Roman zu konstruieren, der die Dramatik jenseits des bevorstehenden Krieges schildert – obwohl man den Ausgang eigentlich ja schon kennt.

Weiterlesen