Es gibt Romane, die die Gegenwart nicht direkt kommentieren, sondern sie durch Resonanzen erschließen: durch das, was aus der Vergangenheit herüberklingt, durch biografische Bruchstellen oder das, was sich in Familiengeschichten abgelagert hat. Sie erzählen nicht nur von politischen Ereignissen, sondern auch von deren Nachhall in einzelnen Leben. Schuld erscheint darin nicht als Schlagwort, sondern als langsame, zähe Bewegung durch Generationen. Daniel Zipfels „Walküre” ist ein solcher Roman: Er stellt historische Verantwortung und aktuelle Konflikte nicht nebeneinander, sondern verschränkt sie miteinander.
Im Zentrum steht Benjamin Weiß, ein Jurist, der in einer Beratungsstelle für Geflüchtete in Österreich arbeitet. Die Handlung spielt in den chaotischen Monaten des Jahres 2015. Während zunächst aus dem Autoradio Nachrichten von Grenzöffnungen und Flüchtlingstrecks dringen, werden sie später entlang der Autobahn leibhaftig sichtbar. In dieser Zeit begleitet Benjamin seine Großmutter nach Wien. Sie wirkt freundlich, zugewandt, beinahe zart, und doch blitzen in beiläufigen Sätzen jene konservativen Gewissheiten auf, die aus einer anderen Zeit stammen. „Wer zu langsam ist, ist selbst schuld“: Solche Bemerkungen sind keine offenen Bekenntnisse, sondern Sedimente einer aus der NS-Vergangenheit herrührenden Haltung, ohne diese explizit zu benennen.
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