Literatur – insbesondere illustrierte Literatur – hat die bemerkenswerte Fähigkeit, Erinnerungsräume zu schaffen. Dabei verbinden sich Bilder und Worte zu einer Form des Erzählens, die weniger argumentiert als suggeriert. Landschaften werden zu Trägern von Geschichten und Naturerscheinungen zu Symbolen von Zeit, Verlust und Wiederkehr. Gerade in Bilderbüchern zeigt sich, wie stark solche Geschichten an Orte gebunden sind – an Berge, Wälder und Flüsse –, die zugleich reale Landschaften und mythologische Räume sein können.
In diesem Spannungsfeld bewegt sich auch „Die tanzende Frühlingsgöttin” von Shu-Nü Yen und Yu-Jan Chang. Das Buch verbindet Naturmythos und Erinnerung in einer leisen, poetischen Erzählung miteinander.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Junge Adi, der mit einem geheimnisvollen Säckchen seiner verstorbenen Großmutter im Gepäck auf den Alishan-Berg reist. Seine Großmutter hatte ihm von einem magischen Kirschblütenfest erzählt, bei dem eine Frühlingsgöttin durch den Wald tanzt und den Frühling zurückbringt. Nach dem Tod seiner Großmutter macht sich Adi auf den Weg, um die silberne Perle zu finden, die diese Göttin zum Erwachen bringen kann. Seine Suche führt ihn durch Wälder und in die Höhlung eines uralten Baumes, wo er schließlich eine mythische Begegnung mit jener Figur hat, die Natur und Erinnerung miteinander verbindet. Der erzählerische Kern bleibt dabei schlicht: Es ist die Geschichte eines Kindes, das versucht, eine Verbindung zu einer verlorenen Person wiederherzustellen.
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Ein lange Zeit kaum bekanntes, wenig beachtetes Kapitel des Zweiten Weltkrieges (genauer gesagt: des zweiten Japanisch-Chinesischen Krieges) ereignete sich fernab der europäischen Aufmerksamkeit und des Nazi-Holocausts: die Massaker von Nanking 1937. Von diesen menschenverachtenden, bestialischen Gräueltaten der japanischen Besatzer an der chinesischen Bevölkerung erzählt Ha Jin in seinem Roman Nanking Requiem. Der chinesisch-amerikanische Autor berichtet schonungslos und schockierend über die Kriegsverbrechen in der chinesischen Hauptstadt, bei denen vermutlich mehr als 200.000 Menschen ermordet und über 20.000 Frauen und Mädchen vergewaltigt wurden (

