20260331 Rezension Susanne Heim Abschottung Welt Nationalsozialismus Juden Verfolgung CH Beck Verlag Buecherherbst Buchblog bookstagram

Verdrängte Geschichte geschlossener Grenzen – das andere Versagen der 1930er Jahre

Zu den hartnäckigsten Selbstbildern moderner Gesellschaften gehört, dass sie aus der Geschichte gelernt hätten – insbesondere, wenn es um Flucht, Schutz und humanitäre Verantwortung geht. Dieses Narrativ hält sich unter anderem deshalb, weil historische Komplexität oft zugunsten moralischer Eindeutigkeit vereinfacht wird. Hier die Verfolgung, dort die rettende Aufnahme. Doch die Wirklichkeit war und ist deutlich widersprüchlicher. Zwischen politischem Kalkül, bürokratischer Praxis und gesellschaftlicher Stimmung entsteht ein Feld, in dem Hilfe möglich wäre, die jedoch selten konsequent gewollt ist.

Susanne Heim konterkariert mit „Die Abschottung der Welt” und einer nüchternen, quellengesättigten Rekonstruktion solche vereinfachten Deutungen. Sie untersucht die internationale Flüchtlingspolitik gegenüber jüdischen Verfolgten zwischen 1933 und 1945 und legt dabei den Fokus weniger auf das Offensichtliche – die Verbrechen des NS-Staates –, sondern vielmehr auf das weniger Sichtbare: die systematische Verweigerung von Aufnahme durch jene Länder, die als Zufluchtsorte hätten dienen können. Ihr Ansatz ist dabei konsequent international und verschiebt die Perspektive von der nationalen Tätergeschichte hin zu einem Geflecht aus politischen Interessen, institutioneller Trägheit und kalkulierter Abschottung.

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20260321 Rezension München 1938 Goeschel Hedinger Beck Verlag Buecherherbst Buchblog instabook

Der Moment vor dem Krieg: Was uns München 1938 über heutige Krisen lehrt

Zu den anhaltenden Illusionen politischer Krisen gehört, dass man durch Gesprächsformate, Symbolik und diplomatische Gesten Zeit gewinnen oder gar die Kontrolle über einen eskalierenden Konflikt erlangen kann. In den Wochen vor dem russischen Angriff auf die Ukraine ließ sich diese Hoffnung in symbolträchtigen Bildern beobachten: Staatsoberhäupter nahmen an einem überlangen Tisch in Putins Residenz Platz, bemüht, Gesprächsfäden zu halten, Angebote zu machen und eine Eskalation zu vermeiden. Wenige Tage später begann Russland den Angriffskrieg gegen die Ukraine dennoch. Der reflexhafte Vergleich mit der Appeasement-Politik der 1930er-Jahre liegt nahe – und ist zugleich heikel. Denn er droht, historische Konstellationen vorschnell gleichzusetzen, wobei zunächst strukturelle Parallelen und Unterschiede zu klären wären: Wie reagieren Demokratien auf aggressive Regime und welche Spielräume bleiben ihnen dabei tatsächlich?

An diesem Punkt setzt das Buch „München 38. Die Welt am Scheideweg“ von Christian Goeschel und Daniel Hedinger an. Das Buch rekonstruiert die dramatischen Septembertage des Jahres 1938 nicht als isoliertes europäisches Ereignis, sondern als globalen Krisenmoment, in dem sich politische, militärische und imperiale Spannungen bündeln. Im Zentrum steht die Münchner Konferenz, auf der Großbritannien und Frankreich den Forderungen Hitlers nachgaben und die Tschechoslowakei preisgaben – in der Hoffnung, einen großen Krieg zu verhindern. Die Autoren interessieren sich jedoch weniger für das bekannte Ergebnis als vielmehr für die Bedingungen, unter denen diese Entscheidung zustande kam.

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20260302 Rezension Walküre Daniel Zipfel Leykam Verlag Buchblog Buecherherbst bookstagram NS Nazis Krieg Kriegsverbrechen

Was tun, wenn der Täter vor dir sitzt? Ein Roman über Schuld, Zweifel und die blinden Flecken der eigenen Familie

Es gibt Romane, die die Gegenwart nicht direkt kommentieren, sondern sie durch Resonanzen erschließen: durch das, was aus der Vergangenheit herüberklingt, durch biografische Bruchstellen oder das, was sich in Familiengeschichten abgelagert hat. Sie erzählen nicht nur von politischen Ereignissen, sondern auch von deren Nachhall in einzelnen Leben. Schuld erscheint darin nicht als Schlagwort, sondern als langsame, zähe Bewegung durch Generationen. Daniel Zipfels „Walküre” ist ein solcher Roman: Er stellt historische Verantwortung und aktuelle Konflikte nicht nebeneinander, sondern verschränkt sie miteinander.

Im Zentrum steht Benjamin Weiß, ein Jurist, der in einer Beratungsstelle für Geflüchtete in Österreich arbeitet. Die Handlung spielt in den chaotischen Monaten des Jahres 2015. Während zunächst aus dem Autoradio Nachrichten von Grenzöffnungen und Flüchtlingstrecks dringen, werden sie später entlang der Autobahn leibhaftig sichtbar. In dieser Zeit begleitet Benjamin seine Großmutter nach Wien. Sie wirkt freundlich, zugewandt, beinahe zart, und doch blitzen in beiläufigen Sätzen jene konservativen Gewissheiten auf, die aus einer anderen Zeit stammen. „Wer zu langsam ist, ist selbst schuld“: Solche Bemerkungen sind keine offenen Bekenntnisse, sondern Sedimente einer aus der NS-Vergangenheit herrührenden Haltung, ohne diese explizit zu benennen.

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20260212 Rezension Czwalina Rückkehr Faschismus Dittrich Verlag Bücherherbst Buchblog bookstagram Daniel engel

Wenn „Nie wieder“ verblasst: Wie der Faschismus erneut gesellschaftsfähig wird

Als Kommunalpolitiker erlebe ich seit der letzten Kommunalwahl eine Verschiebung, die sich nicht mehr abstrakt diskutieren lässt, sondern im politischen Alltag greifbar geworden ist: Die AfD ist nun im Stadtrat vertreten. Nach außen gibt sie sich bürgerlich, beinahe sachlich und bemüht um den Anschein parlamentarischer Normalität. Wer jedoch einen Blick auf die sozialen Medien wirft und die Kommentare unter demokratischen, weltoffenen Beiträgen liest, erkennt schnell, welche Haltung hinter dieser Fassade steht.

Die Demokratie wirkt oft stabil, solange sie nicht sichtbar herausgefordert wird. Ihre größte Gefahr liegt jedoch darin, dass ihre Gegner selten offen auftreten. Sie nutzen ihre Freiheiten, sprechen die Sprache institutioneller Legitimität und verschieben dabei Schritt für Schritt die Grenzen des Sagbaren. Demokratien zerbrechen selten spektakulär, sondern erodieren meist leise dort, wo Widerspruch aus Bequemlichkeit ausbleibt.

Genau an dieser beunruhigenden Gegenwart setzt Johannes Czwalinas „Die Rückkehr des Faschismus” an. Das Buch ist programmatisch angelegt und versteht Faschismus nicht als abgeschlossenes Kapitel europäischer Geschichte, sondern als latente politische Möglichkeit. Autoritäre Denk- und Handlungsmuster seien nie vollständig verschwunden, sondern hätten im Schatten weiter existiert. Dies sei erkennbar an rhetorischen Verschiebungen, der Relativierung historischer Schuld und Strategien politischer Normalisierung. Besonders eindringlich beschreibt Czwalina die Uminterpretation der Geschichte als Machtinstrument: Wer die Vergangenheit neu erzählt, verschiebt die moralischen Koordinaten der Gegenwart. Faschismus erscheint hier weniger als klar identifizierbares Regime, sondern vielmehr als Bündel von Mechanismen – Ausgrenzung, Vereinfachung und populistische Freund-Feind-Schemata –, die Demokratien von innen heraus destabilisieren können.

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20260128 Buchtipps Buecherfrühling Leseempfehlung Buchblog bookstagram Buecherherbst Daniel Engel Verlage Vorschauen Verlagsvorschau

Meine Leseempfehlungen für den Bücherfrühling

Zum Jahresbeginn habe ich mich wieder durch die aktuellen Verlagsvorschauen gearbeitet und eine Auswahl an Neuerscheinungen zusammengestellt, die mich in den kommenden Monaten besonders interessieren. Mein Fokus liegt dabei vor allem auf Sachbüchern sowie Kinder- und illustrierten Büchern, ergänzt durch einzelne Titel aus der Belletristik. Im Folgenden stelle ich meine persönlichen Buchtipps für den Zeitraum bis in den Sommer hinein vor.

Die Titel sind chronologisch von Januar bis August sortiert. Innerhalb der einzelnen Monate stelle ich jeweils einen persönlichen Toptipp an den Anfang. Zu jedem Buch ergänze ich zudem einen kurzen Beschreibungstext aus der jeweiligen Verlagsvorschau, der einen ersten inhaltlichen Eindruck vermittelt. Los geht’s:

Meine Topempfehlung

Cornelia Funke/Pauline Pete – Ayeshas Pinsel | Verlagsinfo: Ayesha malt wunderschöne Bilder: Sie erzählen von Liebe, Freundschaft und der Schönheit der Welt. Doch eines Tages kommt der Krieg in die Stadt. Der Keller von Ayeshas Werkstatt wird zum Schutzraum, in dem das Grau der Wände sich in die Herzen der Menschen schleicht. Bis der kleine Emil der Künstlerin einen Pinsel reicht und schließlich alle gemeinsam beginnen zu malen. Ihre Erinnerungen und das, was der Krieg ihnen bereits gestohlen hat. Bis das Grauen immer näher kommt und Ayesha einen Entschluss fasst: Sie beginnt, ein Fenster zu malen. Ein magisches Fenster, das Hoffnung verheißt. Eine Geschichte über die Macht der Kunst, Trost, Kraft und Verbundenheit zu spenden, selbst in den dunkelsten Zeiten.

06.01.: Magdalena Schrefel – Das Blaue vom Himmel, Suhrkamp Verlag, 330 Seiten | Verlagsinfo: Das Blaue vom Himmel erzählt davon, wie sich Veränderungen von historischer Tragweite im Persönlichen spiegeln. Von Verlusten und Abschieden – und vom Bewahren der Dinge, die uns kostbar sind, von Menschen, die wir lieben.

12.01.: Maksym Butkevych – Am richtigen Platz, Anthea Verlag, 188 Seiten | Was macht ein Friedensaktivist im Krieg? Und was bleibt von einer Stimme, die ein Staat zum Schweigen bringen will? Am richtigen Platz – Ein Friedensaktivist im Krieg erzählt die außergewöhnliche Geschichte von Maksym Butkevych, einem der bekanntesten Menschenrechts- und Friedensaktivisten der Ukraine.

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20260121 Rezension Kramo Ferrada Buechergilde Buchblog bookstagram buecherherbst Daniel Engel

Ein Kind, ein Vater, ein Schraubenkatalog – und der Schatten der Diktatur

Manchmal sind es ausgerechnet die kleinsten Stimmen, die eine Epoche am deutlichsten hörbar machen. Nicht, weil sie mehr wissen, sondern weil sie weniger filtern. Kinder erzählen nicht politisch, sondern konkret: Wer schweigt? Wer verschwindet? Wovor hat man plötzlich Angst, ohne es benennen zu können? In solchen Perspektiven wird Geschichte nicht erklärt, sondern spürbar – als Atmosphäre, als Alltagston. Literatur, die diesen Blick ernst nimmt, kann Diktaturen und Umbrüche oft präziser zeigen als jedes Lehrstück – gerade weil sie das Offensichtliche nicht ausbuchstabiert, sondern in den Lücken stehen lässt.

María José Ferradas „Kramp“ nutzt hierzu die Sicht der siebenjährigen M., die ihren Vater D. beobachtet – mit einer ungeschminkten Ehrlichkeit, die weder naiv noch niedlich ist, sondern radikal genau. D. teilt die Welt in wahrscheinliche und unwahrscheinliche Ereignisse ein. Diese kindlich wirkende Ordnung kann zugleich als Selbstschutz gelesen werden. Alle Figuren bleiben bei ihren Anfangsbuchstaben, als wären Namen bereits zu viel Festlegung. Dies ist nicht nur ein formaler Kniff, sondern eine leise Strategie: Identitäten bleiben beweglich, abgedeckt, geschützt – so, wie es in einer Gesellschaft sein kann, in der nicht alles gesagt werden darf.

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20260117 Rezension Spiel ab Frank Goosen Buchblog Buecherherbst bookstagram Kiwi Verlag Daniel Engel Fußball

Mehr als Fußball: eine lustige und zugleich traurige Ruhrpott-Geschichte

Fußball ist selten das, wofür man ihn ausgibt. Natürlich geht es um Tore, Tabellen und Trainingspläne, aber im Kern ist Fußball ein Ritual, in dem sich der Alltag organisiert. Freundschaften werden gepflegt, Eitelkeiten ausgelebt, Kränkungen verwaltet, kleine Triumphe groß geredet und große Niederlagen heruntergespielt. Gerade im Amateur- und Jugendbereich ist der Platz weniger eine Bühne für den Sport als für verschiedene Milieus. Man steht am Rand, friert, diskutiert über Aufstellungen, erzieht die eigenen Nerven und hört Sätze, die in keinem anderen Lebensbereich so selbstverständlich fallen würden. Wer diese Welt kennt, weiß: Das Komische entsteht nicht durch den großen Witz, sondern durch die Beharrlichkeit, mit der Menschen ihre Rolle als Trainer, Vater, Kumpel, Besserwisser oder stiller Mitläufer spielen. Kaum ein anderer Autor kann diese spezielle Mischung aus Spielfeldrand-Alltag und leiser Komik so treffsicher einfangen, mit einem besonderen Ruhrpott-Ton versehen und literarisch umsetzen wie Frank Goosen.

Mit „Spiel ab!“ setzt Goosen etwas fort, das er besonders gut kann: Er schreibt Figuren so, dass man sie nicht „liest“, sondern wiedertrifft. Förster und die anderen wirken nicht wie erfundene Charaktere, sondern wie Bekannte, die man schon länger begleitet und bei denen man sich sofort wieder einhakt. Der Reiz liegt dabei weniger in der großen Kunst als im guten Erzählen. Goosen vertraut nicht auf die einzelne Pointe, sondern auf das Zusammenspiel von Szene, Tonfall und Timing. Der beste Witz verpufft, wenn der Erzähler ihn verhaut – Goosen hingegen legt ihn hin, statt ihn rauszuhauen. Und genau deshalb sitzt er.

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Zu wenig kulturelle Vielfalt in Kinderbüchern

Rückblende: Presseschau 20. bis 27. Juli

Kinderbuch pixabay buchblog buecherherbstEs ist ein erschreckendes Ergebnis, zu dem britische Forscher nun kamen: Diversität kommt in Kinderbüchern so gut wie gar nicht vor. Das Center for Literacy in Primary Education (CLPE) führte die Studie Reflecting Realities durch und untersuchte 9.115 im Jahr 2017 erschienene Kinderbücher darauf, ob und wie sie kulturelle Vielfalt repräsentieren (Quelle: CLPE). Dabei kam heraus, dass in gerade einmal vier Prozent der Bücher (391) eine Figur einer ethnischen Minderheit angehört. In nur einem Prozent war dies die Hauptfigur. „Vergleichbare Zahlen für den deutschsprachigen Buchmarkt gibt es nicht“, erklärte Barbara Jakob, Fachreferentin beim Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien (SIKJM). Den Befund, dass es in Kinderbüchern wenig kulturelle Vielfalt gebe, könne sie aber aus ihrer Sicht klar bestätigen (SRF). Ein besorgniserregendes Fazit zog CLPE Programme Leader Farrah Serroukh: „[If] children do not see their realities reflected back at them, the impact can be tremendously damaging.“

Weitere Themen der vergangenen Tage:

„‚Ohne euch ist Italien verloren‘: Der Schriftsteller Roberto Saviano prangert das Schweigen in seinem Land an und appelliert an Italiens Intellektuelle, gegen die Angriffe auf Demokratie und Bürgerrechte aufzustehen.“ (Gastbeitrag in Süddeutsche Zeitung)

Mailand gilt als Heimat der italienischen Aufklärung. Später als Hort glänzender Literaten wie Alessandro Manzoni oder Umberto Eco und Sitz bedeutender, linker Verlage wie Feltrinelli.“ (Deutschlandfunk Kultur)

„Sie schrieb Jugendbuchklassiker wie Wir pfeifen auf den Gurkenkönig und die Gretchen Sackmeier-Reihe: Die österreichische Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger ist im Alter von 81 Jahren gestorben.“ (Spiegel Online)

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