20250102 Rezension Genossenschaft Solidarisch Raiffeisen Braumann buecherherbst buchblog bookstagram dg nexolution

Wie aus Armut Solidarität wurde: Die stille Revolution des Friedrich Wilhelm Raiffeisen

Viele Dinge, die heute selbstverständlich wirken, haben eine erstaunlich unspektakuläre, beinah beiläufige Entstehungsgeschichte. Dazu gehören auch genossenschaftliche Strukturen, wie beispielsweise im Bankwesen (oder bei der Büchergilde Gutenberg). Diese Organisationen strahlen Stabilität, Verlässlichkeit und regionale Verwurzelung aus. Dabei fragt man sich im Alltag kaum noch, aus welcher sozialen Not sie eigentlich entstanden sind. Dass diese Systeme nicht am Reißbrett von Ökonomen entworfen wurden, sondern aus konkreter Armut, Hunger und struktureller Ungerechtigkeit heraus gewachsen sind, macht ihre Geschichte umso relevanter für unsere Zeit, in der wieder verstärkt nach solidarischen Wirtschaftsformen gesucht wird.

Genau hier setzt „Rastlos solidarisch” von Franz Braumann an. Das Buch erzählt die Lebensgeschichte von Friedrich Wilhelm Raiffeisen nicht als klassisches Sachbuch, sondern in Form eines erzählerischen Romans. Dieser Ansatz ist klug gewählt: Er erlaubt Nähe, ohne in Heroisierung zu kippen, und macht sichtbar, wie sehr Raiffeisens Denken aus konkreter Erfahrung entstand. Als er 1845 im Vormärz zum Bürgermeister von Weyerbusch ernannt wird, trifft er auf eine Gesellschaft, in der Armut als persönliches Versagen gilt und die staatliche Verwaltung streng hierarchisch organisiert ist. Gehorsam gegenüber der Obrigkeit ist Pflicht, eigenmächtiges Handeln gilt als riskant – selbst dann, wenn es humanitär motiviert ist.

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20251230 Buecher statt Boeller Klemperer Kaestner Buchkauf Nachhaltigkeit Buecherherbst Buchblog bookstagram

Bücher statt Böller

Zum Jahreswechsel wird jedes Jahr dieselbe Frage neu gestellt: Wofür geben wir unser Geld aus – für einen kurzen Knall oder für etwas, das bleibt? Raketen zerlegen für ein paar Sekunden den Himmel, hinterlassen Rauch und Müll und ein leises Unbehagen. Dabei möchte ich gar nicht die ausführliche Diskussion über Umweltaspekte oder Tierwohl führen. Bücher hingegen wirken leiser, aber nachhaltiger. Sie zünden keine Effekte, sondern Denkprozesse.

Aus intellektueller Sicht ist dieser Vergleich eindeutig. Böller verbrennen Geld, während Bücher es investieren. In Sprache, Wissen und Perspektiven. Während ein Feuerwerk nur den Moment beansprucht, wirken Bücher über Tage, Wochen oder sogar ein Leben lang. Sie fordern Konzentration, Geduld und Offenheit – Eigenschaften, die in einer beschleunigten Gegenwart immer knapper werden.

„Bücher statt Böller“ ist kein moralischer Zeigefinger, sondern ein bewusstes Gegenmodell. Wer liest, entscheidet sich gegen Lärm und für Tiefe. Gegen Spektakel und für Substanz. Gegen den reflexhaften Konsum und für etwas, das nicht sofort verpufft. Gerade zum Jahresende, wenn Rückblick und Ausblick ineinanderfallen, ist das Lesen eine Form der Selbstvergewisserung: Was will ich verstehen? Was will ich mir zumuten? Was will ich mitnehmen?

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20251226 Rezension buchblog buecherherbst bookstagram truemmerkinder schweiger ablang Nachkriegszeit dtv Verlag

Zwischen Trümmern und Hoffnung: Nachkriegsgeschichte aus Kindersicht

Gegenwart und Vergangenheit stehen selten so nah beieinander wie dann, wenn Kinder beginnen, Fragen zu stellen. Sie fragen nach Krieg, nach Zerstörung, nach Schuld und danach, wie ein Leben unter Bedingungen aussehen kann, die viele Erwachsene heutzutage nur noch aus Geschichtsbüchern kennen. Bücher, die sich an junge Leser:innen richten und zugleich von den dunkelsten Kapiteln der Geschichte erzählen, stehen deshalb vor einer besonderen Aufgabe: Sie müssen erklären, ohne zu überfordern, und erinnern, ohne zu moralisieren. Genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich Frank Schwiegers „Trümmerkinder. Wie wir die Nachkriegszeit erlebten“.

Das Buch führt mitten hinein in die Endphase des Zweiten Weltkriegs und die unmittelbare Nachkriegszeit. Dafür wählt Schwieger konsequent die Perspektive der Kinder selbst – eine Entscheidung, die den Ton und die Wirkung des gesamten Buches bestimmt. Erzählt wird aus kindlicher Ich-Perspektive. Die Geschichte wird nicht von außen kommentiert oder pädagogisch erklärt, sondern aus einer Innenansicht heraus erfahrbar gemacht. Kinder werden hier nicht als bloße Adressaten betrachtet, sondern als historische Subjekte ernst genommen. Sie erleben Bombennächte, Hunger, Verlust und Angst, aber auch Alltag, Trotz, Hoffnung und manchmal sogar Freude. Diese Perspektive ermöglicht es jungen Leser:innen, sich in die Geschichte hineinzuversetzen, ohne ihnen eine erwachsene Reife zuzuschreiben, die sie in dieser Zeit nicht gehabt hätten.

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Buch des Jahres Buecher Buecherherbst Buchblog 2025 bookstagram

Bücher, die bleiben: Meine Lesehöhepunkte 2025

Kurz vor Weihnachten stellt sich jedes Jahr dieselbe Frage: Was verschenken, wenn es kein Schnellschuss sein soll? Bücher eignen sich dafür besonders gut – vorausgesetzt, man greift zu den richtigen. In den vergangenen Monaten habe ich viele Titel gelesen, besprochen, diskutiert und wieder aus der Hand gelegt. Einige aber sind geblieben. Sie haben überrascht, herausgefordert, getröstet oder den Blick geweitet. Für alle Kurzentschlossenen – und für jene, die Bücher nicht nur verschenken, sondern weiterdenken wollen – habe ich meine persönlichen Bücher des Jahres zusammengestellt. Eine Auswahl jenseits des Offensichtlichen: für Kinder, Erwachsene, Neugierige, Zweifelnde und alle, die zwischen den Jahren gern noch einmal innehalten.

Meine Kategorien:

  • Schönste Illustrationen
  • Bestes Kinderbuch
  • Überraschung des Jahres
  • Bestes Sachbuch
  • Bestes Sportbuch
  • Bestes Debattenbuch
  • Bestes politisches Buch
  • Bester Roman
  • Mein Buch des Jahres
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20251217 Rezension 95 Anschlaege Buenau Hueckstaedt Fischer Verlag Thesen Buecherherbst Buchblog bookstagram

Was wir glauben wollen – und was wir dringend hinterfragen müssen

Gesellschaften verändern sich nur selten durch plötzliche Umstürze. Meist sind es Verschiebungen im Denken, leise Irritationen und neue Begriffe, die alte Gewissheiten porös machen. Wer heute über Freiheit, Verantwortung oder Zusammenhalt spricht, tut dies in einem Klima permanenter Reizüberflutung, moralischer Erschöpfung und politischer Lagerbildung. Überzeugungen sind schnell zur Pose geworden, Zweifel gelten als Schwäche. Umso auffälliger sind Bücher, die nicht versprechen, für Ordnung zu sorgen, sondern für Unruhe – und diese auch auszuhalten wissen.

Die von Friederike von Bünau und Hauke Hückstädt herausgegebene Anthologie „95 Anschläge“ stellt sich bewusst in die Tradition der produktiven Störung. 500 Jahre nach Martin Luthers Thesenanschlag versammelt der Band 95 neue Texte von Autor:innen aus den Bereichen Kultur, Wissenschaft, Politik, Theologie und Wirtschaft. Der historische Bezug ist dabei weniger Folklore als Strukturangebot: Auch hier geht es um Thesen, um Zuspitzung, um öffentliches Widersprechen. Nicht gegen die Kirche, sondern gegen Denkgewohnheiten, politische Bequemlichkeit und moralische Selbstzufriedenheit.

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20251209 Rezension Wert Natur Partha Dasgupta Siedler Verlag Buecherherbst Buchblog bookstagram

Wenn Wohlstand die Welt kostet und was die Natur wirklich wert ist

Wir leben in einer Zeit, in der sich das Verhältnis zwischen Mensch und Natur zunehmend als Rechenfehler entpuppt. Lange galt Wohlstand als etwas, das sich zählen, vermessen und in Tabellen abbilden lässt – bevorzugt in Form der einen Zahl, die Politik und Öffentlichkeit bis heute antreibt: das Bruttoinlandsprodukt. Doch während dieses stieg, schrumpften die Ökosysteme, die diesen Wohlstand überhaupt erst ermöglichen. Dass diese Schieflage kein Betriebsunfall moderner Gesellschaften ist, sondern das Ergebnis eines systematischen Denkfehlers, ist der Ausgangspunkt für Partha Dasguptas Analyse in seinem Buch „Der Wert der Natur”. Seine These ist unmissverständlich: Eine Ökonomie, die die Natur wie eine kostenlose Kulisse behandelt, ist blind für die Grundlagen ihrer eigenen Existenz.

Dasgupta führt zunächst nüchtern in die Grundbegriffe ein, doch der Autor bleibt dabei deutlich zugänglicher, als der Titel vermuten lässt. Er beschreibt Natur nicht als ästhetisches Beiwerk, sondern als ökonomisch wirksames System: Mangrovenwälder, die Küsten schützen, und Böden, die langfristig Produktionskosten senken. Diese Perspektive, die er als „Naturkapital“ bezeichnet, ist kein rhetorischer Trick, sondern der Versuch, ökonomische Blindstellen offenzulegen. Besonders wichtig ist seine Abgrenzung gegenüber menschengemachtem Kapital: Während sich Maschinen reparieren lassen, sind Ökosysteme nicht beliebig regenerierbar. Schäden an der Natur sind häufig irreversibel und ihr Kollaps erfolgt in Sprüngen, nicht in linearen Trends. Diese drei Eigenschaften – begrenzte Regenerationsfähigkeit, Unersetzbarkeit und Kipppunkte – bilden den Kern des Buches. Dasgupta argumentiert wissenschaftlich und faktenorientiert, ohne den Leser mit Jargon zu überfrachten. Die Sprache ist erklärend, nicht belehrend, und immer auf den Punkt.

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20251202 Rezension Lieblingspulli Pauline Pete Kunstanstifter Verlag Buecherherbst Buchblog bookstagram

Ein Pulli, der mehr tröstet als tausend Worte

In Zeiten, in denen vieles flüchtig geworden ist – Beziehungen, Orte und sogar Erinnerungen –, gewinnen jene kleinen Dinge, die Bestand haben, an Wert. Ein Kleidungsstück, ein Geruch oder ein vertrauter Gegenstand können zu Ankern werden, die uns verorten, wenn sich unser Leben verändert oder Menschen, die uns wichtig waren, fehlen. Gerade Kinder spüren solche Bindungen oft besonders stark. Ein Lieblingsspielzeug, ein Tuch oder ein Pullover sind unscheinbare Dinge, die Trost spenden und Geschichten konservieren, wenn Worte fehlen.

Auf dieser Ebene setzt „Lieblingspulli” von Pauline Pete an. Das Buch erzählt nicht spektakulär, nicht laut, sondern ist getragen von einer stillen Wärme. Es geht um ein Mädchen und ihre Großmutter, um Nähe, Verlust und den Versuch, etwas von der gegenseitigen Liebe zu bewahren. Der Pulli, den die Großmutter strickt, wird dabei zum Symbol. Er ist Erinnerung, Schutzraum und Verbindung über die Zeit hinweg. Die Geschichte eignet sich deshalb nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene, die mit ihren Kindern über Trauer, die Weitergabe von Liebe und das Festhalten an Erinnerungen sprechen möchten.

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20251122 Rueckblende Homepage Buchblog Buecherherbst bookstagram Nachrichten Kommentar Buchbranche Verlage

Wenn ein Buchpreis zum Geschäftsmodell wird

In loser Folge werfe ich in der Rubrik „Rückblende” einen Blick auf die wichtigsten Schlagzeilen der vergangenen Wochen und kommentiere Entwicklungen und Nachrichten der Buchbranche. Es geht um Themen, die zeigen, was Literatur, Buchkultur, Öffentlichkeit und Gesellschaft miteinander zu tun haben. Rückblende#53: ein unnötiger Buchpreis, ein Angriff auf die Lesefreiheit, warum Vorlesen so wichtig ist.

„Spiegel“-Buchpreis: Literatur verdient mehr als Marketing-Preise

Der neue Buchpreis des „Spiegel“ wurde nun erstmals vergeben (Spiegel Buchpreis) – schon die offizielle Begründung lässt einen stutzen. Man wolle einen Preis schaffen, der nationale und internationale Bücher gemeinsam auszeichnet, heißt es. Doch wer sich in der literarischen Preislandschaft auskennt, erkennt schnell: Dieses Argument trägt nicht. Beim Blick auf die zwanzig ausgewählten Titel drängt sich vielmehr der Eindruck auf, dass kein konsequent kuratiertes literarisches Profil gesucht wurde, sondern ein Format, das gut mit bestehenden Spiegel-Strukturen harmoniert. Der Marketingcharakter ist nicht zu übersehen.

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20251121 Rezension Emilia Roig Lieber Sohn Kjona Verlag Buecherherbst Buchblog bookstagram

Utopie, Kritik, Zumutung: ein radikaler Brief an die Zukunft

Mittlerweile gehört es zur politischen und kulturellen Routine, vom „Ende der Welt“ zu sprechen. Klimakrise, Kriege, autoritäre Verschiebungen. Für die heute Heranwachsenden ist diese permanente Unsicherheit keine Ausnahme, sondern Alltag. Während ältere Generationen noch von Brüchen sprechen, kennen viele junge Menschen nur einen Dauerzustand der Krise. Dass diese Kinder und Jugendlichen dennoch eine Sprache für ihre Ängste, Sehnsüchte und Hoffnungen brauchen, versteht Emilia Roig – und sie schreibt ihnen (und uns) einen Brief, der weit über die Form eines mütterlichen Appells hinausgeht. Ihr Buch „Lieber Sohn oder So rettest du die Welt“ richtet sich zwar explizit an ihren Sohn, doch gemeint ist eine ganze Generation, die Orientierung sucht. Wer bereit ist, sich mit unbequemen Fragen auseinanderzusetzen und für einige Provokationen offen bleibt, wird in diesem Text reich belohnt.

Konflikte, Ungleichheit und ökologische Verheerungen lassen sich in einer vernetzten Welt nicht einfach wegdelegieren. Damit setzt Roig den Ton für ein Buch, das konsequent fordert: Wir müssten unser Leben, unsere Werte und unsere westlichen Gewohnheiten radikal neu denken. Vieles davon ist überzeugend – etwa ihre Kritik an einem entfesselten Kapitalismus, der Mensch und Natur gleichermaßen verschleißt, oder ihre Analyse des Patriarchats als strukturelles Machtgefüge, das soziale Ordnung vorgibt und Veränderung blockiert. Roigs Sprache ist dabei eindringlich, poetisch und zugleich politisch klar. Sie schreibt mit einer Mischung aus intellektueller Entschlossenheit und mütterlicher Verletzlichkeit, die dem Text emotionale Tiefe verleiht.

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20251119 Rezension Fabel Fausto Oliver Jeffers NordSued Verlag Buecherherbst Buchblog bookstagram

Besitz, Macht, Untergang: eine kleine Fabel über den großen Irrtum der Menschheit

Menschen neigen dazu, ihren Besitz größer zu denken, als er tatsächlich ist. Wir stapeln Dinge, beanspruchen Räume und greifen in Ökosysteme ein, als wären sie Kulissen. Oft merken wir gar nicht, wie selbstverständlich wir uns in den Mittelpunkt setzen und wie tief dieses Muster in unserem Alltag verankert ist. Gleichzeitig wächst das Bewusstsein, dass diese Haltung uns in eine Sackgasse führt – ökologisch, politisch, emotional. Zwischen Bequemlichkeit und Kontrollfantasien verdrängen wir gerne, dass die Natur weder reagiert noch gehorcht, sondern einfach existiert. Und dass sie uns überdauern wird, egal, wie sehr wir sie formen wollen.

Vor diesem Hintergrund wirkt Oliver Jeffers‘ „Die Fabel von Fausto” wie ein vergrößernder Spiegel: Ein scheinbar leichtes Kinderbuch, das eine hartnäckige menschliche Schwäche schonungslos auf den Punkt bringt. Jeffers erzählt eine moderne Parabel, die Prinzipien statt Charaktere verwendet. Fausto ist weniger eine Figur als eine Haltung. Baum, Schaf, Blume, Berg und Meer stehen für Naturformen, die zwar sprechen, aber nie vermenschlicht wirken. Sie sind Grenzen – mal weich, mal absolut. Die Fabel funktioniert, weil sie drastisch reduziert ist. Ein Mensch, eine Natur, ein Konflikt. Kein Beiwerk, keine Ablenkung. Nur der Kern.

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20251113 Rezension Tabelle luegt Christoph Biermann Kiwi Verlag Buecherherbst Buchblog bookstagram Daniel Engel

Wenn das Glück trifft: über Zufall, Können und Kontrolle im Fußball

Als Bayer Leverkusen in der Saison 2023/24 ein Spiel nach dem anderen in der Nachspielzeit entschied, schien es, als stünde ein unsichtbarer Faktor mit auf dem Platz. Tore in der 91. Minute, in der 93. oder manchmal sogar in der 97. Minute – manche dachten, das sei Glück. Können, sagten andere. Und als am Ende das Double stand, blieb die Frage: War das wirklich nur Zufall? Oder steckt in diesem Begriff mehr, als wir Fußballfans gemeinhin glauben wollen?

Christoph Biermann geht in seinem Buch „Die Tabelle lügt immer. Über die Macht des Zufalls im Fußball“ dieser Frage mit einer gleichermaßen journalistisch präzisen wie intellektuell anregenden Akribie nach. Bereits zu Beginn definiert er den Zufall so, dass er sich dem Bauchgefühl entzieht: als ein Ereignis, das nicht beliebig wiederholbar ist. Damit stellt er klar: Zufall ist nicht das Gegenteil von Können, sondern dessen ständiger Begleiter. Selbst die beste Mannschaft kann scheitern, weil ein Ball an den Pfosten geht oder ein Schiedsrichter zur falschen Zeit pfeift. Und genau das ist der Stoff, aus dem die Faszination des Spiels entsteht.

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20251109 Rueckblende Buchblog Buchbranche Nachrichten Notizen Buecherherbst Kommentar

Die Logik des Algorithmus‘

In loser Folge werfe ich in der Rubrik „Rückblende” einen Blick auf die wichtigsten Schlagzeilen der vergangenen Wochen und kommentiere Entwicklungen und Nachrichten der Buchbranche. Es geht um Themen, die zeigen, was Literatur, Buchkultur, Öffentlichkeit und Gesellschaft miteinander zu tun haben. Rückblende#51: Warum bookstagram bunt und vielfältig sein sollte, KI und das literarische Gewissen

Zwischen Hype und Haltung – warum Buchkultur mehr braucht als Bestseller

In einem aktuellen Video hat Marc (@lustaufbuch) angesprochen, dass viele Buchblogs und Bookstagramer vor allem die gehypten Titel besprechen. Ein guter Anlass, dieses Thema einmal genauer zu betrachten:

In den sozialen Medien ist das literarische Gespräch zwar lauter, aber nicht unbedingt vielfältiger geworden. Wer durch seine Feeds scrollt, sieht immer wieder dieselben Cover, Zitate und Neuerscheinungen. Algorithmen lieben Wiederholung. Sie belohnen Sichtbarkeit, nicht Substanz. So entsteht eine paradoxe Situation: Noch nie wurde so viel über Bücher gesprochen, und doch erreichen viele Bücher kaum noch jemanden.

Foto: Jan Michalko/re:publica

Selbstverständlich ist nichts dagegen einzuwenden, wenn viel diskutierte Titel besprochen werden. Bestsellerlisten erfüllen eine Funktion: Sie zeigen, was Menschen bewegt, worüber gesprochen wird und welche Themen aktuell sind. Sie können ein Einstieg sein – für neue Leser:innen, für Menschen, die durch ein Buch erst zur Literatur finden. Das ist besonders wertvoll in Zeiten, in denen Lesen keine Selbstverständlichkeit mehr ist.

Doch Literatur, die relevant sein will, entsteht nicht nur dort, wo der Markt laut ist. Sie entsteht auch – und oft gerade – abseits davon. In kleinen Verlagen, in Sachbüchern, Essays und politischen Publikationen, die selten in der Reichweitenblase von Instagram auftauchen. Diese Bücher erzählen keine Geschichten, die sich in 15 Sekunden zusammenfassen lassen. Sie fordern Konzentration, Haltung und manchmal auch Widerspruch. Genau das ist ihre Stärke – und die Grundlage einer lebendigen Buchkultur.

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20251027 Rezension Nazizeit Buechner Verlag Buecherherbst Buchblog bookstagram

Wie ganz normale Menschen zu Nazis wurden – die erschreckende Wahrheit über Mitläufertum

„Nie wieder ist jetzt“ – dieser Satz taucht regelmäßig in politischen Reden, auf Demonstrationen und in Feuilletons auf. Er klingt entschlossen, moralisch klar und historisch informiert. Doch die unbequeme Frage bleibt: Wüssten wir wirklich, wie wir handeln würden, wenn Freiheit nicht nur ein Wort wäre? Wenn Gehorsam Sicherheit verspricht und Widerspruch existenziell lebensgefährlich wird? Es ist bequem, sich rückblickend auf die richtige Seite zu stellen. Schwerer ist es, die Mechanismen zu verstehen, die eine Gesellschaft überhaupt erst in die Diktatur treiben. Genau dort setzt Milton S. Mayers Buch „Sie hielten sich für frei. Die Deutschen 1933–1945” an – ein Werk, das nicht anklagt, sondern ergründet.

Der amerikanische Journalist mit deutscher Herkunft reiste 1952 nach Marburg, um zehn ganz gewöhnlich wirkende Männer kennenzulernen: Handwerker, Lehrer und Kleinbeamte. Männer, die während der NS-Zeit Parteimitglieder waren, jedoch keine Funktionäre und auch keine Täterkarrieren von historischem Rang hatten. „Die kleinen Nazis“, wie Mayer sie nennt, sind es gerade, die so gefährlich sind. Denn an ihnen zeigt er, wie das Fundament jeder Diktatur beschaffen ist: nicht aus fanatischen Überzeugungstäter:innen, sondern aus Mitläufer:innen. Im Verlauf des Buchs bezeichnet Mayer diese zehn Männer sogar als „Freunde“. Ein bewusst gewählter, irritierender Zugang: Wer verstehen will, muss Nähe zulassen. Distanz schützt das Urteil, verhindert aber Erkenntnis.

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20251025 Rueckblende Buchblog Buchbranche Nachrichten Notizen Buecherherbst Kommentar

Friedenspreisträger spricht offen über Fehlannahmen

In loser Folge werfe ich in der Rubrik „Rückblende” einen Blick auf die wichtigsten Schlagzeilen der vergangenen Wochen und kommentiere Entwicklungen und Nachrichten der Buchbranche. Es geht um Themen, die zeigen, was Literatur, Buchkultur, Öffentlichkeit und Gesellschaft miteinander zu tun haben. Rückblende#51: Karl Schlögel und die Zumutung des Irrtums, Literatur ist mehr als Markt, Leo-Perutz-Preis, Umsätze im Buchhandel, Children’s Booker Prize.

Schlögel und die Zumutung des Irrtums

Karl Schlögel hat sein Leben lang Russland erforscht – als Historiker, Osteuropa-Kenner und präziser Chronist politischer Realitäten. Umso bemerkenswerter ist sein öffentliches Eingeständnis, die Eskalation der russischen Aggression lange unterschätzt zu haben. Ausgerechnet jemand, der als führender Experte gilt, spricht offen über seine Fehlannahmen. Dies ist keine Pose der Demut, sondern ein seltener Akt geistiger Redlichkeit.

Karl Schloegel Rueckblende Friedenspreis
Friedenspreisträger Karl Schlögel. Foto: Amrei-Marie / CC BY-SA 4.0 via Wikimedia

Bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels hat Schlögel dies in aller Deutlichkeit ausgesprochen. Sinngemäß sagte er, er habe die „Rückkehr der Barbarei in Europa“ nicht für möglich gehalten und die Konsequenz, mit der das aktuelle Regime in Russland Gewalt und historische Lügen als politische Mittel einsetzt, unterschätzt. Es wäre wohl üblich gewesen, dass er seine frühere Position verteidigt oder relativiert. Stattdessen tat er das, was heute fast ausgestorben ist: Er korrigierte sich öffentlich.

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20251023 Rezension Nachtwanderung Verlag Laurence King Buchblog Buecherherbst bookstagram

Magie im Dunkeln: Ein stilles Naturabenteuer für Kinder

Für Kinder ist die Nacht oft ein Geheimnis. Tagsüber ist die Welt vertraut, sichtbar und erklärbar. Doch sobald es dämmert, verändert sich alles: Geräusche klingen anders, Schatten werden länger und über Wiesen, Wälder und Gärten legt sich eine andere Welt. Genau hier setzt „Nachtwanderung” von Alice Hemming an. Mit einer bewusst ruhigen Erzählweise beschreibt die Autorin nicht, um zu erklären, sondern um etwas erfahrbar zu machen. Sie führt die Lesenden durch die Nacht, als würde sie sie an der Hand nehmen und sagen: „Schau genau hin – hier passiert mehr, als du denkst.”

Ihre Sätze sind kurz, unaufdringlich und frei von Belehrung. Sie vertraut darauf, dass Neugier von selbst entsteht, wenn man Kindern etwas zutraut. Während viele Naturbücher Wissen in Faktenblöcken stapeln, lässt dieses Buch Erkenntnis aus Beobachtung wachsen. Die Tiere stehen nicht als Lernobjekte im Vordergrund, sondern als Lebewesen mit eigenem Rhythmus. Begegnungen entstehen organisch: Der Fuchs kreuzt den Weg des Dachses, der wiederum in der Nähe der Maus gräbt, die später ins Blickfeld der Eule gerät – ein Netz von Beziehungen, das die Nacht strukturiert.

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20251018 Rueckblende 50 Buchhandlungen Buchbranche Nachrichten Kommentar

Wenn Buchhandlungen verschwinden

Rückblende: Kommentierte Presseschau

Vor einigen Jahren habe ich die Rubrik „Rückblende” bereits geführt, in der ich regelmäßig einen Blick auf die wichtigsten Schlagzeilen der vergangenen Wochen zurückgeworfen habe. Jetzt greife ich das Format wieder auf. In unregelmäßigen Abständen möchte ich Entwicklungen und Nachrichten der Buchbranche kommentieren, die über das übliche Branchengerede hinausgehen. Es geht um Themen, die zeigen, was Literatur, Buchkultur, Öffentlichkeit und Gesellschaft miteinander zu tun haben.

Das langsame Verschwinden der Orte, an denen Denken verkauft wird

Die Zahl der Buchhandlungen in Deutschland ist auf einem historischen Tiefstand (ZEIT Online, 14.10.2025). Was zunächst wie eine Randnotiz im Wirtschaftsteil klingt, ist in Wahrheit eine stille Kulturkrise. Buchhandlungen sind nämlich mehr als nur Läden: Sie sind öffentliche Denkräume. Orte, an denen Menschen auf Geschichten stoßen, die sie nicht gesucht haben. Orte, an denen Sprache, Meinung und Weltverständnis miteinander in Kontakt kommen.

Wenn diese Orte verschwinden, bleibt nur das Internet. Und das ist kein gleichwertiger Ersatz. Algorithmen empfehlen, was sich verkauft, nicht, was bildet. Die digitale Logik kennt keine Zwischentöne, keine Überraschungen und kein kuratorisches Denken. Sie verstärkt lediglich das, was wir ohnehin schon wissen oder glauben. Buchhandlungen öffnen dagegen Horizonte, weil dort Menschen beraten, die lesen statt berechnen.

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20251016 Rezension Cocteau Brief Amerikaner Karl Rauch Verlag Buecherherbst Buchblog bookstagram

Ein Appell an die Menschlichkeit – damals wie heute

In einer Zeit, in der die öffentliche Debatte immer lauter, schneller und polarisierter wird, wächst die Sehnsucht nach Stimmen, die nicht nur reagieren, sondern auch reflektieren. Stimmen, die nicht nach Klicks, sondern nach Klarheit streben. Der französische Künstler Jean Cocteau war eine solche Stimme: ein Intellektueller, der wusste, dass Kultur keine Dekoration, sondern eine Lebensform ist. Als er vor mehr als 70 Jahren einen Brief an die Amerikaner richtete, dann sprach er weniger zu einem Land als zu einer Haltung: zur modernen Welt, die zwischen Fortschrittsglauben und moralischer Erschöpfung taumelt.

Jean Cocteaus „Brief an die Amerikaner“, 1949 auf dem Rückflug von New York geschrieben, ist weit mehr als ein historisches Dokument. Es ist ein leidenschaftlicher Aufruf und ein moralischer Weckruf, der sich heute, im Zeitalter von Social Media, politischer Spaltung und algorithmischer Ablenkung, fast unheimlich aktuell liest. Cocteaus Blick auf den Menschen im Maschinenzeitalter und auf die Gesellschaft zwischen Fortschrittsglauben und innerer Erschöpfung klingt wie eine Diagnose unserer Zeit. Es ist die Stimme eines Künstlers, der früh begriff, dass Kultur nicht nur schmückt, sondern auch mahnt – und dass Freiheit ohne Geist nichts als ein lauter, leerer Raum ist.

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20251011 Rezension Immer unterwegs Forster Kleine Gestalten Verlag Buchblog Buecherherbst bookstagram

Wenn die Natur in Bewegung gerät: Wie Tiere unsere Erde am Leben halten

Wer die Natur beobachtet, stellt schnell fest: Stillstand gibt es nicht. Alles ist in Bewegung – das Wasser in den Meeren, die Wolken und die wandernden Tiere. Manche dieser Wege sind sichtbar, andere ziehen sich unsichtbar durch Luft- und Meeresströmungen, über Kontinente und Generationen hinweg. Wandern gehört zum Wesen des Lebens selbst – es bedeutet Überleben, Anpassung und manchmal auch ein Wunder.

Dieses Prinzip der Bewegung steht im Mittelpunkt des illustrierten Sachbuchs „Immer unterwegs. Die großen und kleinen Wanderungen der Tierwelt“ von Sara und Olivia Forster. Es macht sichtbar, was sonst nur erahnt werden kann: die unaufhörliche Reise des Lebens.

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20251007 Rezension Nava Ebrahimi Federn ueberall Luchterhand dbp25 Buchpreis Buecherherbst Buchblog bookstagram

Im Schatten der Fließbänder: Wenn die Provinz zum Brennglas wird

In der Literatur ist die Provinz schon lange kein Randgebiet mehr. Gerade in den kleinen, auf den ersten Blick überschaubaren Orten lassen sich die großen Konflikte der Gegenwart besonders scharf ausleuchten. Nava Ebrahimi wählt für ihren Roman „Und Federn überall“ die fiktive Kleinstadt Lasseren im niedersächsischen Emsland und zeigt, wie ein einzelner Ort zum Brennglas globaler Fragen werden kann: Themen wie Migration, ökonomischer Druck, gesellschaftliche Spaltungen und das Ringen um Menschlichkeit werden behandelt. Die Provinz wird hier zum Mikrokosmos der Welt – ein Pars pro toto für Strukturen, die weit über Lasseren hinausreichen.

Im Zentrum der Geschichte stehen sechs Charaktere mit äußerst unterschiedlichen Lebensläufen. Was sie alle verbindet, sind die unsichtbaren Fäden eines Ortes, der sie auf unterschiedliche Weise prägt. Zwischen ihnen gibt es zahlreiche Schnittmengen, vor allem ähnliche Hoffnungen und die gleiche Enge der Kleinstadt, auch wenn sie sich nicht alle persönlich kennen. An einem einzigen Tag kreuzen sich ihre Pfade – teils zufällig, teils unausweichlich – und offenbaren, wie eng individuelle Schicksale mit den sozialen und ökonomischen Strukturen ihres Umfelds verwoben sind.

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20251002 Rezension The Woods WemindPublishing Kilian Schönberger Buecherherbst Buchblog bookstagram

Zwischen Nebel, Moos und Zeit – ein monumentales Portrait des Waldes

Bislang haben mich Bildbände kaum interessiert. Nicht, dass ich sie nicht schön fände, aber für mich stand immer das Wort im Vordergrund. Ein gutes Buch riecht für mich nach Sprache, nicht nach Papierfotos. Doch mit „The Woods” könnte sich das ändern, denn es ist fast ein poetisches Denkmal für den Wald. Meine Begeisterung für dieses Buch liegt auch darin begründet, dass die Natur in meinen Lesevorlieben zuletzt ohnehin eine größere Rolle spielt. Und wer häufiger durch die schattigen Wege eines nahegelegenen Forsts streift, weiß, was passiert, wenn man stehen bleibt, tief einatmet und dem Rascheln der Blätter zuhört. Es ist wie ASMR in der Natur: Die Hektik des Alltags fällt ab, man wird ruhig und achtsam.

Schon als Objekt ist das großformatige Buch ein Erlebnis. Das Cover mit der hölzern anmutenden Prägung und der Astloch-Stanze wirkt wie ein haptischer Gruß aus dem Wald. Wer es aufschlägt, spürt sofort: Hier wurde Raum gelassen – für Licht, Stille und den Atem des Waldes. Die Fotografien werden von kurzen, kenntnisreichen Texten begleitet, die wie kleine kulturhistorische Essays wirken. Sie erzählen vom Wandel der Wahrnehmung des Waldes: vom mystischen Ort der Märchen über die wirtschaftliche Ressource der Holzproduktion bis hin zum heutigen Verständnis des Waldes als Schutzraum für Klima und Biodiversität. Der Tonfall ist dabei stets sachlich und informativ, jedoch nie trocken. Es ist diese Verbindung aus naturwissenschaftlicher Präzision und feuilletonistischer Reflexion, die dem Buch seine Tiefe verleiht.

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