Viele Dinge, die heute selbstverständlich wirken, haben eine erstaunlich unspektakuläre, beinah beiläufige Entstehungsgeschichte. Dazu gehören auch genossenschaftliche Strukturen, wie beispielsweise im Bankwesen (oder bei der Büchergilde Gutenberg). Diese Organisationen strahlen Stabilität, Verlässlichkeit und regionale Verwurzelung aus. Dabei fragt man sich im Alltag kaum noch, aus welcher sozialen Not sie eigentlich entstanden sind. Dass diese Systeme nicht am Reißbrett von Ökonomen entworfen wurden, sondern aus konkreter Armut, Hunger und struktureller Ungerechtigkeit heraus gewachsen sind, macht ihre Geschichte umso relevanter für unsere Zeit, in der wieder verstärkt nach solidarischen Wirtschaftsformen gesucht wird.
Genau hier setzt „Rastlos solidarisch” von Franz Braumann an. Das Buch erzählt die Lebensgeschichte von Friedrich Wilhelm Raiffeisen nicht als klassisches Sachbuch, sondern in Form eines erzählerischen Romans. Dieser Ansatz ist klug gewählt: Er erlaubt Nähe, ohne in Heroisierung zu kippen, und macht sichtbar, wie sehr Raiffeisens Denken aus konkreter Erfahrung entstand. Als er 1845 im Vormärz zum Bürgermeister von Weyerbusch ernannt wird, trifft er auf eine Gesellschaft, in der Armut als persönliches Versagen gilt und die staatliche Verwaltung streng hierarchisch organisiert ist. Gehorsam gegenüber der Obrigkeit ist Pflicht, eigenmächtiges Handeln gilt als riskant – selbst dann, wenn es humanitär motiviert ist.
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