20260324 Rezension Florama Lisa Voisard Helvetiq Verlag Buecherherbst Buchblog bookstagram

Blumen sind nicht nur schön: Was in deinem Garten so alles passiert, wenn du genau hinschaust

Es gibt diese Momente, in denen man stehen bleibt, ohne genau zu wissen, warum: ein unscheinbares Blütenblatt am Wegesrand, ein Farbton, der plötzlich ins Auge fällt, oder eine Pflanze, die man schon hundertmal gesehen hat, die man aber zum ersten Mal wirklich wahrnimmt. Die Natur erschließt sich selten auf den ersten Blick. Sie zeigt sich in Details, im genauen Hinsehen – und oft erst, wenn jemand oder etwas den Blick darauf lenkt.

In diese zweite Kategorie gehört „Florama” von Lisa Voisard. Das Buch lädt nicht dazu ein, einmal durchgeblättert und „verstanden“ zu werden, sondern es fordert geradezu dazu auf, immer wieder zur Hand genommen zu werden – im Garten, im Wechsel der Jahreszeiten oder im Urlaub. Es eignet sich, um gemeinsam mit Kindern Pflanzen zu bestimmen, Unterschiede zu erkennen oder überhaupt erst ein Vokabular für das zu entwickeln, was man sieht. Besonders gut gelungen ist dabei die implizite Verbindung von Wissen und Haltung: Die Doppelseiten zum Schutz von Blumen und Natur am Ende des Buches setzen einen Akzent, der in vielen vergleichbaren Büchern oft fehlt. Hier wird nicht nur erklärt, sondern auch vorsichtig in Richtung Verantwortung gelenkt, ohne belehrend zu wirken.

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20260321 Rezension München 1938 Goeschel Hedinger Beck Verlag Buecherherbst Buchblog instabook

Der Moment vor dem Krieg: Was uns München 1938 über heutige Krisen lehrt

Zu den anhaltenden Illusionen politischer Krisen gehört, dass man durch Gesprächsformate, Symbolik und diplomatische Gesten Zeit gewinnen oder gar die Kontrolle über einen eskalierenden Konflikt erlangen kann. In den Wochen vor dem russischen Angriff auf die Ukraine ließ sich diese Hoffnung in symbolträchtigen Bildern beobachten: Staatsoberhäupter nahmen an einem überlangen Tisch in Putins Residenz Platz, bemüht, Gesprächsfäden zu halten, Angebote zu machen und eine Eskalation zu vermeiden. Wenige Tage später begann Russland den Angriffskrieg gegen die Ukraine dennoch. Der reflexhafte Vergleich mit der Appeasement-Politik der 1930er-Jahre liegt nahe – und ist zugleich heikel. Denn er droht, historische Konstellationen vorschnell gleichzusetzen, wobei zunächst strukturelle Parallelen und Unterschiede zu klären wären: Wie reagieren Demokratien auf aggressive Regime und welche Spielräume bleiben ihnen dabei tatsächlich?

An diesem Punkt setzt das Buch „München 38. Die Welt am Scheideweg“ von Christian Goeschel und Daniel Hedinger an. Das Buch rekonstruiert die dramatischen Septembertage des Jahres 1938 nicht als isoliertes europäisches Ereignis, sondern als globalen Krisenmoment, in dem sich politische, militärische und imperiale Spannungen bündeln. Im Zentrum steht die Münchner Konferenz, auf der Großbritannien und Frankreich den Forderungen Hitlers nachgaben und die Tschechoslowakei preisgaben – in der Hoffnung, einen großen Krieg zu verhindern. Die Autoren interessieren sich jedoch weniger für das bekannte Ergebnis als vielmehr für die Bedingungen, unter denen diese Entscheidung zustande kam.

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20260316 Rezension Insekten Superkräfte Marino Pulido Prestel Verlag Buecherherbst Buchblog bookstagram Kinderbuch Illustrattion

Die heimlichen Superhelden unserer Erde

Man sieht sie, ohne sie wirklich zu bemerken: ein Summen hier, ein Krabbeln dort – etwas, das im Garten eben dazugehört. Vielleicht liegt es daran, dass Insekten lange Zeit einfach zum Hintergrund gehörten. Erst wenn sich die Perspektive ändert, treten sie aus dieser beiläufigen Kulisse hervor. Bei mir begann das auf eine ziemlich unspektakuläre Weise: Mein Sohn beschloss eines Tages, im Garten ein „Insektenhotel“ zu bauen. Was zunächst wie eine willkürliche Ansammlung von Stöcken aussah, wuchs bald zu einem etwa einem Meter hohen und gut zwei Meter breiten Haufen aus Zweigen, Rinde, Blättern und allem, was sich an Naturmaterialien finden ließ. Seitdem hat sich mein Blick auf den Garten merklich verändert. Man tritt vorsichtiger zwischen die Pflanzen, schaut genauer hin und entdeckt plötzlich Bewegungen, kleine Wege und winzige Bewohner. Dass diese unscheinbaren Tiere jedoch über Superkräfte verfügen könnten, damit hätte ich nicht gerechnet. Genau das zeigt jedoch das Kinderbuch „Insekten und ihre Superkräfte“ von Soledad Romero Mariño und Sonia Pulido.

Zu den eigentümlichen Leistungen guter Kinderliteratur gehört, dass sie den Blick verschiebt. Nicht durch spektakuläre Wendungen oder dramatische Erzählungen, sondern durch eine kleine Veränderung der Aufmerksamkeit auf das, was ohnehin vorhanden, aber selten wahrgenommen wird. Manchmal genügt schon ein einziger überraschender Gedanke. Ein Beispiel ist die Erkenntnis, dass ein unscheinbarer Falter in der Lage ist, ein ganzes Meer zu überqueren.

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20260311 Rueckblende Nachrichten Notizen Kommentar Buchbranche Buchhandel Buchhandlungspreis Weimer Kritik Ruecktritt Buecherherbst Buchblog bokkstagram

Eklat um Buchhandlungspreis: Muss Wolfram Weimer zurücktreten?

In loser Folge werfe ich in der Rubrik „Rückblende” einen Blick auf die wichtigsten Schlagzeilen der vergangenen Wochen und kommentiere Entwicklungen und Nachrichten der Buchbranche. Es geht um Themen, die zeigen, was Literatur, Buchkultur, Öffentlichkeit und Gesellschaft miteinander zu tun haben. Rückblende#55: wenn ein Kulturpreis politisch korrigiert wird.

Die Affäre um den Deutschen Buchhandlungspreis hat inzwischen eine Dimension erreicht, die weit über drei gestrichene Buchhandlungen hinausgeht. Ursprünglich sollte der Preis das würdigen, was unabhängige Buchhandlungen seit Jahren leisten: kulturelle Arbeit vor Ort, literarische Vielfalt und offene Debattenräume. Stattdessen ist hieraus eine kulturpolitische Grundsatzfrage entstanden. Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat eine Entscheidung der unabhängigen Jury nachträglich korrigiert – gestützt auf ein intransparentes Prüfverfahren und unter Berufung auf angebliche verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse. Das habe ich schon in meiner letzten Rückblende#54 entschieden kritisiert. Die Folge: Die Preisverleihung selbst wurde abgesagt, und die Glaubwürdigkeit des gesamten Preises steht plötzlich zur Debatte.

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20260310 Rezension Fruehlingsgoettin Drachenhaus Verlag Buchblog Buecherherbst bookstagram

Wenn der Frühling tanzt: Ein Bilderbuch über Erinnerung, Verlust und die Kraft der Natur

Literatur – insbesondere illustrierte Literatur – hat die bemerkenswerte Fähigkeit, Erinnerungsräume zu schaffen. Dabei verbinden sich Bilder und Worte zu einer Form des Erzählens, die weniger argumentiert als suggeriert. Landschaften werden zu Trägern von Geschichten und Naturerscheinungen zu Symbolen von Zeit, Verlust und Wiederkehr. Gerade in Bilderbüchern zeigt sich, wie stark solche Geschichten an Orte gebunden sind – an Berge, Wälder und Flüsse –, die zugleich reale Landschaften und mythologische Räume sein können.

In diesem Spannungsfeld bewegt sich auch „Die tanzende Frühlingsgöttin” von Shu-Nü Yen und Yu-Jan Chang. Das Buch verbindet Naturmythos und Erinnerung in einer leisen, poetischen Erzählung miteinander.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Junge Adi, der mit einem geheimnisvollen Säckchen seiner verstorbenen Großmutter im Gepäck auf den Alishan-Berg reist. Seine Großmutter hatte ihm von einem magischen Kirschblütenfest erzählt, bei dem eine Frühlingsgöttin durch den Wald tanzt und den Frühling zurückbringt. Nach dem Tod seiner Großmutter macht sich Adi auf den Weg, um die silberne Perle zu finden, die diese Göttin zum Erwachen bringen kann. Seine Suche führt ihn durch Wälder und in die Höhlung eines uralten Baumes, wo er schließlich eine mythische Begegnung mit jener Figur hat, die Natur und Erinnerung miteinander verbindet. Der erzählerische Kern bleibt dabei schlicht: Es ist die Geschichte eines Kindes, das versucht, eine Verbindung zu einer verlorenen Person wiederherzustellen.

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20260307 Buecherherbst Rueckblende Titelbild Buchhandelspreis Weimar Extremismus Verfassungsschutz Meinungsvielfalt Jury Wikipedia Martin Rulsch

Im politischen Kreuzfeuer: Wenn Kulturpolitik zur Zensurfrage wird

In loser Folge werfe ich in der Rubrik „Rückblende” einen Blick auf die wichtigsten Schlagzeilen der vergangenen Wochen und kommentiere Entwicklungen und Nachrichten der Buchbranche. Es geht um Themen, die zeigen, was Literatur, Buchkultur, Öffentlichkeit und Gesellschaft miteinander zu tun haben. Rückblende#54: ein gefährlicher Präzedenzfall.

Entscheidet künftig Politik über Bücher?

20260307 Buecherherbst Rueckblende Buchhandelspreis Weimar Extremismus Verfassungsschutz Meinungsvielfalt Jury Wikipedia Martin Rulsch
Wolfram Weimer. FOTO: Martin Rulsch, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0, CC BY-SA 4.0 , via Wikimedia Commons

Der Deutsche Buchhandlungspreis ist eine der wenigen kulturpolitischen Auszeichnungen in Deutschland, die nicht auf Bestsellerlisten oder Markterfolg abzielen, sondern kulturelles Engagement belohnen. Seit Jahren würdigt er unabhängige Buchhandlungen, die literarische Vielfalt ermöglichen, Veranstaltungen organisieren und vor Ort Räume für Diskussion und Begegnung schaffen – jenseits großer Ketten. Genau deshalb hat die aktuelle Kontroverse um die diesjährige Preisvergabe eine besondere Brisanz.

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer strich drei von der Jury ausgewählte Buchhandlungen aus Bremen, Göttingen und Berlin nachträglich von der Nominiertenliste – mit dem Verweis auf angebliche verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse. Die Entscheidung erfolgte nach einem Prüfungsverfahren, dessen Kriterien und Ergebnisse weitgehend unter Verschluss bleiben. Für die betroffenen Buchhandlungen ist somit weder nachvollziehbar, worauf sich der Vorwurf konkret stützt, noch haben sie eine realistische Möglichkeit, sich dagegen zu wehren.

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20260302 Rezension Walküre Daniel Zipfel Leykam Verlag Buchblog Buecherherbst bookstagram NS Nazis Krieg Kriegsverbrechen

Was tun, wenn der Täter vor dir sitzt? Ein Roman über Schuld, Zweifel und die blinden Flecken der eigenen Familie

Es gibt Romane, die die Gegenwart nicht direkt kommentieren, sondern sie durch Resonanzen erschließen: durch das, was aus der Vergangenheit herüberklingt, durch biografische Bruchstellen oder das, was sich in Familiengeschichten abgelagert hat. Sie erzählen nicht nur von politischen Ereignissen, sondern auch von deren Nachhall in einzelnen Leben. Schuld erscheint darin nicht als Schlagwort, sondern als langsame, zähe Bewegung durch Generationen. Daniel Zipfels „Walküre” ist ein solcher Roman: Er stellt historische Verantwortung und aktuelle Konflikte nicht nebeneinander, sondern verschränkt sie miteinander.

Im Zentrum steht Benjamin Weiß, ein Jurist, der in einer Beratungsstelle für Geflüchtete in Österreich arbeitet. Die Handlung spielt in den chaotischen Monaten des Jahres 2015. Während zunächst aus dem Autoradio Nachrichten von Grenzöffnungen und Flüchtlingstrecks dringen, werden sie später entlang der Autobahn leibhaftig sichtbar. In dieser Zeit begleitet Benjamin seine Großmutter nach Wien. Sie wirkt freundlich, zugewandt, beinahe zart, und doch blitzen in beiläufigen Sätzen jene konservativen Gewissheiten auf, die aus einer anderen Zeit stammen. „Wer zu langsam ist, ist selbst schuld“: Solche Bemerkungen sind keine offenen Bekenntnisse, sondern Sedimente einer aus der NS-Vergangenheit herrührenden Haltung, ohne diese explizit zu benennen.

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20260226 Rezension Ayeshas Pinsel Cornelia Funke Pauline Pete Buchblog Buecherherbst bookstagram Kunstanstifter Verlag

Wie erklärt man Kindern Krieg – ohne ihnen die Hoffnung zu nehmen?

Kinderbücher, die das Thema Krieg behandeln, stehen vor der doppelten Herausforderung, die Realität ernst zu nehmen, ohne sie zu überwältigend darzustellen. Sie dürfen vereinfachen, aber nicht verharmlosen. Und sie benötigen Bilder – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn –, die Halt geben, ohne eine falsche Sicherheit zu suggerieren. In diesem Spannungsfeld bewegt sich „Ayeshas Pinsel” von Cornelia Funke und Pauline Pete. Das Buch entscheidet sich für eine klare, zugängliche Form und vertraut darauf, dass Reduktion mehr leisten kann als Pathos. Schon als Gegenstand hinterlässt das Buch einen Eindruck: Der leicht geriffelte Bucheinband und die matte Oberfläche vermitteln den Eindruck, dass die physische Qualität nicht dekorativ, sondern konsequent durchdacht ist.

Die Geschichte selbst beginnt in einer namenlosen, bunten Stadt. Ayesha wohnt in einer Welt, die schön und lebendig erscheint und in der Farben allgegenwärtig sind. In Pauline Petes Illustrationen werden warme Aquarellflächen, weiche Konturen und eine leicht gedeckte, aber lebendige Palette verwendet. Die Stadtansichten sind verschachtelt, detailreich und fast verspielt. Häufig wird perspektivisch mit Aufsicht oder leicht gekippter Raumdarstellung gearbeitet, wodurch die Welt formbar, offen und gestaltbar wirkt.

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20260221 Rezension Harald Roth Keine Zeit Apathie Schweigen Texte Demokratie Dietz Verlag Buecherherbst Buchblog instabook

Wenn Demokratien leise kippen: Warum wir uns Einmischen müssen – jetzt

Die Demokratie stirbt selten auf spektakuläre Weise. Sie erodiert leise. Sie verliert an Stabilität, wenn Gleichgültigkeit sich ausbreitet, die Sprache verroht und institutionelle Sicherungen als lästige Hindernisse wahrgenommen werden. Der Druck wächst von außen durch autoritäre Regime und geopolitische Machtverschiebungen sowie von innen durch Polarisierung, soziale Spaltungen und gezielte Diskursverschiebungen. In einer solchen Gemengelage wird politische Müdigkeit selbst zum Risikofaktor. Es ist nicht allein der offene Angriff, der die offene Gesellschaft gefährdet, sondern das schleichende Nachlassen jener Aufmerksamkeit, von der sie lebt.

An diesem Punkt befinden wir uns aktuell. „Keine Zeit für Apathie, keine Zeit zu schweigen“, herausgegeben von Harald Roth, setzt hier an. Der Titel ist Programm und Erwartung zugleich: ein leidenschaftliches Plädoyer gegen politische Müdigkeit und für eine wache Bürgergesellschaft, für die Weltoffenheit kein wohlklingendes Schlagwort, sondern alltägliche Praxis ist. Der Sammelband vereint Beiträge von Gesine Schwan, Heinrich August Winkler, Aleida und Jan Assmann und vielen weiteren Stimmen aus Wissenschaft, Journalismus, Politik und Zivilgesellschaft. Er ist bewusst vielstimmig und kein monolithischer Essay.

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20260217 Rezension Ragnar Aalbu Suche nach Georg Kraus Verlag Buecherherbst Buchblog bookstagram Daniel Engel

Mehr als eine vermisste Katze: wenn Kinder zum ersten Mal Verlust begreifen

Kinder wachsen in einer Welt auf, die Erwachsene gerne als geschützt und geordnet darstellen. Doch früher oder später bricht eine Erfahrung in diese Ordnung ein, die sich weder erklären noch abmildern lässt: der Verlust. Ob ein geliebtes Tier, ein vertrauter Mensch oder schlicht die Gewissheit, dass nichts dauerhaft bleibt – solche Einsichten markieren oft den Moment, in dem die Kindheit ein Stück weit ihre Unschuld verliert. Gute Kinderbücher weichen dieser Zumutung nicht aus. Sie finden Bilder und Worte für das, was sich eigentlich jeder eindeutigen Sprache entzieht, und eröffnen damit Räume für Gespräche, die Familien sonst nur schwer beginnen.

„Auf der Suche nach Georg“ von Ragnar Aalbu gehört in diese Kategorie. Vordergründig erzählt es von einem Jungen, dessen Katze verschwunden ist. Doch schnell wird deutlich, dass diese Suche weit über das Wiederfinden eines Haustiers hinausgeht. Zunächst hält sich der Junge an der beruhigenden Vorstellung fest, dass Katzen manchmal von selbst nach Hause kommen. Erst allmählich drängen sich andere Möglichkeiten auf, unangenehme Gedanken, die kein Kind freiwillig denkt. Aalbu führt seine Leser:innen behutsam an diese Schwelle heran: Der Vater gibt keine endgültigen Antworten, sondern formuliert vorsichtige Hypothesen. So entsteht eine Sprache, die weder beschönigt noch überfordert. Zwar geht die Geschichte gut aus, doch die eigentliche Erkenntnis bleibt bestehen: Nicht alles im Leben wird sich wiederfinden lassen und sowohl Tiere als auch Menschen können eines Tages für immer „verschwinden“.

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20260212 Rezension Czwalina Rückkehr Faschismus Dittrich Verlag Bücherherbst Buchblog bookstagram Daniel engel

Wenn „Nie wieder“ verblasst: Wie der Faschismus erneut gesellschaftsfähig wird

Als Kommunalpolitiker erlebe ich seit der letzten Kommunalwahl eine Verschiebung, die sich nicht mehr abstrakt diskutieren lässt, sondern im politischen Alltag greifbar geworden ist: Die AfD ist nun im Stadtrat vertreten. Nach außen gibt sie sich bürgerlich, beinahe sachlich und bemüht um den Anschein parlamentarischer Normalität. Wer jedoch einen Blick auf die sozialen Medien wirft und die Kommentare unter demokratischen, weltoffenen Beiträgen liest, erkennt schnell, welche Haltung hinter dieser Fassade steht.

Die Demokratie wirkt oft stabil, solange sie nicht sichtbar herausgefordert wird. Ihre größte Gefahr liegt jedoch darin, dass ihre Gegner selten offen auftreten. Sie nutzen ihre Freiheiten, sprechen die Sprache institutioneller Legitimität und verschieben dabei Schritt für Schritt die Grenzen des Sagbaren. Demokratien zerbrechen selten spektakulär, sondern erodieren meist leise dort, wo Widerspruch aus Bequemlichkeit ausbleibt.

Genau an dieser beunruhigenden Gegenwart setzt Johannes Czwalinas „Die Rückkehr des Faschismus” an. Das Buch ist programmatisch angelegt und versteht Faschismus nicht als abgeschlossenes Kapitel europäischer Geschichte, sondern als latente politische Möglichkeit. Autoritäre Denk- und Handlungsmuster seien nie vollständig verschwunden, sondern hätten im Schatten weiter existiert. Dies sei erkennbar an rhetorischen Verschiebungen, der Relativierung historischer Schuld und Strategien politischer Normalisierung. Besonders eindringlich beschreibt Czwalina die Uminterpretation der Geschichte als Machtinstrument: Wer die Vergangenheit neu erzählt, verschiebt die moralischen Koordinaten der Gegenwart. Faschismus erscheint hier weniger als klar identifizierbares Regime, sondern vielmehr als Bündel von Mechanismen – Ausgrenzung, Vereinfachung und populistische Freund-Feind-Schemata –, die Demokratien von innen heraus destabilisieren können.

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20260209 Rezension Spatzen Zihan Tao Drachenhaus Verlag Buchblog Buecherherbst bookstagram China Plage

Als Gehorsam selbstverständlich war: ein Junge, zwei Spatzen und eine gefährliche Gemeinschaft

Kollektives Verhalten besitzt eine eigentümliche Ambivalenz. Einerseits kann es Gemeinschaft stiften, Orientierung geben und das Gefühl erzeugen, Teil von etwas Größerem zu sein. Zugleich birgt es die Gefahr, dass das Individuum im Kollektiv verschwindet und Handlungen nicht mehr hinterfragt werden, gerade weil sie von allen getragen werden. Besonders in historischen Rückblicken wird deutlich, wie schnell sich solche Dynamiken verselbstständigen können – häufig nicht aus offener Überzeugung, sondern aus Gewohnheit, Anpassung oder dem schlichten Wunsch nach Zugehörigkeit. Genau an diesem Punkt setzt das Buch „Spatzen“ von Mei Zihan an: Es nähert sich einem Moment radikal gemeinschaftlichen Handelns aus der Perspektive eines Jungen und zeigt, wie beiläufig sich das Außergewöhnliche in den Alltag einschreiben kann.

Ausgangspunkt ist ein ebenso absurdes wie historisch verbürgtes Szenario: Menschen ziehen mit Töpfen, Pfannen und anderen improvisierten Klangkörpern auf die Straßen. Durch unablässigen Lärm sollen die Spatzen des Dorfes daran gehindert werden, zu landen, bis sie schließlich erschöpft tot vom Himmel fallen. Die Vögel gelten als Schädlinge, als Bedrohung der Ernte, als Gegner eines größeren kollektiven Ziels. Die Tatsache, dass ein derartiges Unterfangen nicht hinterfragt wird, ist dabei vielleicht die eigentliche Verstörung dieses Buches.

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20260206 Rezension Butkevych Richtigen Platz Ukraine Aktivist Krieg Texte Buecherherbst Buchblog Daniel Engel bookstagram

Gefangen, gefoltert, unbeugsam: Die Stimme eines Friedensaktivisten, die der Krieg nicht zum Schweigen bringen konnte

Das Wort „Krieg” lässt sich in deutschen Wohnzimmern erstaunlich geräuschlos aussprechen. Man liest darüber bei Kaffee, scrollt durch Schlagzeilen, schüttelt vielleicht kurz den Kopf und kehrt dann in eine Wirklichkeit zurück, in der die Heizung funktioniert, die Supermärkte gefüllt sind und die Nacht keine Angst kennt. Doch was Krieg tatsächlich bedeutet, entzieht sich dieser komfortablen Distanz bis zur Ukraine. Wer nie erlebt hat, dass Städte zu Trümmerfeldern werden, der Alltag in Alarmzustände zerfällt und selbst Hoffnung zur knappen Ressource wird, kann das Grauen nur abstrakt begreifen. Orte wie Mariupol stehen längst als Chiffren für eine Realität, die sich rational erfassen lässt, emotional jedoch kaum. Gerade deshalb braucht es Stimmen, die nicht über, sondern aus dem Krieg sprechen.

In „Am richtigen Platz“ von Maksym Butkevych kommt genau eine solche Stimme zu Wort. Das Buch zeichnet den Weg eines Friedensaktivisten nach, der angesichts der russischen Invasion freiwillig zu den Waffen griff – nicht aus martialischem Impuls, sondern aus Verantwortung. Die nun vorliegende zweite, erweiterte Ausgabe ergänzt die bereits eindringliche Textsammlung um Briefe aus der Gefangenschaft sowie eine Rede nach der Freilassung. Dadurch verschiebt sich die Perspektive: Was zuvor vor allem als intellektuelles und moralisches Projekt lesbar war, erhält eine zusätzliche existenzielle Tiefe. Der Krieg ist hier nicht nur Hintergrund, sondern Zäsur – auch für das Buch selbst.

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20260128 Buchtipps Buecherfrühling Leseempfehlung Buchblog bookstagram Buecherherbst Daniel Engel Verlage Vorschauen Verlagsvorschau

Meine Leseempfehlungen für den Bücherfrühling

Zum Jahresbeginn habe ich mich wieder durch die aktuellen Verlagsvorschauen gearbeitet und eine Auswahl an Neuerscheinungen zusammengestellt, die mich in den kommenden Monaten besonders interessieren. Mein Fokus liegt dabei vor allem auf Sachbüchern sowie Kinder- und illustrierten Büchern, ergänzt durch einzelne Titel aus der Belletristik. Im Folgenden stelle ich meine persönlichen Buchtipps für den Zeitraum bis in den Sommer hinein vor.

Die Titel sind chronologisch von Januar bis August sortiert. Innerhalb der einzelnen Monate stelle ich jeweils einen persönlichen Toptipp an den Anfang. Zu jedem Buch ergänze ich zudem einen kurzen Beschreibungstext aus der jeweiligen Verlagsvorschau, der einen ersten inhaltlichen Eindruck vermittelt. Los geht’s:

Meine Topempfehlung

Cornelia Funke/Pauline Pete – Ayeshas Pinsel | Verlagsinfo: Ayesha malt wunderschöne Bilder: Sie erzählen von Liebe, Freundschaft und der Schönheit der Welt. Doch eines Tages kommt der Krieg in die Stadt. Der Keller von Ayeshas Werkstatt wird zum Schutzraum, in dem das Grau der Wände sich in die Herzen der Menschen schleicht. Bis der kleine Emil der Künstlerin einen Pinsel reicht und schließlich alle gemeinsam beginnen zu malen. Ihre Erinnerungen und das, was der Krieg ihnen bereits gestohlen hat. Bis das Grauen immer näher kommt und Ayesha einen Entschluss fasst: Sie beginnt, ein Fenster zu malen. Ein magisches Fenster, das Hoffnung verheißt. Eine Geschichte über die Macht der Kunst, Trost, Kraft und Verbundenheit zu spenden, selbst in den dunkelsten Zeiten.

06.01.: Magdalena Schrefel – Das Blaue vom Himmel, Suhrkamp Verlag, 330 Seiten | Verlagsinfo: Das Blaue vom Himmel erzählt davon, wie sich Veränderungen von historischer Tragweite im Persönlichen spiegeln. Von Verlusten und Abschieden – und vom Bewahren der Dinge, die uns kostbar sind, von Menschen, die wir lieben.

12.01.: Maksym Butkevych – Am richtigen Platz, Anthea Verlag, 188 Seiten | Was macht ein Friedensaktivist im Krieg? Und was bleibt von einer Stimme, die ein Staat zum Schweigen bringen will? Am richtigen Platz – Ein Friedensaktivist im Krieg erzählt die außergewöhnliche Geschichte von Maksym Butkevych, einem der bekanntesten Menschenrechts- und Friedensaktivisten der Ukraine.

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20260121 Rezension Kramo Ferrada Buechergilde Buchblog bookstagram buecherherbst Daniel Engel

Ein Kind, ein Vater, ein Schraubenkatalog – und der Schatten der Diktatur

Manchmal sind es ausgerechnet die kleinsten Stimmen, die eine Epoche am deutlichsten hörbar machen. Nicht, weil sie mehr wissen, sondern weil sie weniger filtern. Kinder erzählen nicht politisch, sondern konkret: Wer schweigt? Wer verschwindet? Wovor hat man plötzlich Angst, ohne es benennen zu können? In solchen Perspektiven wird Geschichte nicht erklärt, sondern spürbar – als Atmosphäre, als Alltagston. Literatur, die diesen Blick ernst nimmt, kann Diktaturen und Umbrüche oft präziser zeigen als jedes Lehrstück – gerade weil sie das Offensichtliche nicht ausbuchstabiert, sondern in den Lücken stehen lässt.

María José Ferradas „Kramp“ nutzt hierzu die Sicht der siebenjährigen M., die ihren Vater D. beobachtet – mit einer ungeschminkten Ehrlichkeit, die weder naiv noch niedlich ist, sondern radikal genau. D. teilt die Welt in wahrscheinliche und unwahrscheinliche Ereignisse ein. Diese kindlich wirkende Ordnung kann zugleich als Selbstschutz gelesen werden. Alle Figuren bleiben bei ihren Anfangsbuchstaben, als wären Namen bereits zu viel Festlegung. Dies ist nicht nur ein formaler Kniff, sondern eine leise Strategie: Identitäten bleiben beweglich, abgedeckt, geschützt – so, wie es in einer Gesellschaft sein kann, in der nicht alles gesagt werden darf.

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20260117 Rezension Spiel ab Frank Goosen Buchblog Buecherherbst bookstagram Kiwi Verlag Daniel Engel Fußball

Mehr als Fußball: eine lustige und zugleich traurige Ruhrpott-Geschichte

Fußball ist selten das, wofür man ihn ausgibt. Natürlich geht es um Tore, Tabellen und Trainingspläne, aber im Kern ist Fußball ein Ritual, in dem sich der Alltag organisiert. Freundschaften werden gepflegt, Eitelkeiten ausgelebt, Kränkungen verwaltet, kleine Triumphe groß geredet und große Niederlagen heruntergespielt. Gerade im Amateur- und Jugendbereich ist der Platz weniger eine Bühne für den Sport als für verschiedene Milieus. Man steht am Rand, friert, diskutiert über Aufstellungen, erzieht die eigenen Nerven und hört Sätze, die in keinem anderen Lebensbereich so selbstverständlich fallen würden. Wer diese Welt kennt, weiß: Das Komische entsteht nicht durch den großen Witz, sondern durch die Beharrlichkeit, mit der Menschen ihre Rolle als Trainer, Vater, Kumpel, Besserwisser oder stiller Mitläufer spielen. Kaum ein anderer Autor kann diese spezielle Mischung aus Spielfeldrand-Alltag und leiser Komik so treffsicher einfangen, mit einem besonderen Ruhrpott-Ton versehen und literarisch umsetzen wie Frank Goosen.

Mit „Spiel ab!“ setzt Goosen etwas fort, das er besonders gut kann: Er schreibt Figuren so, dass man sie nicht „liest“, sondern wiedertrifft. Förster und die anderen wirken nicht wie erfundene Charaktere, sondern wie Bekannte, die man schon länger begleitet und bei denen man sich sofort wieder einhakt. Der Reiz liegt dabei weniger in der großen Kunst als im guten Erzählen. Goosen vertraut nicht auf die einzelne Pointe, sondern auf das Zusammenspiel von Szene, Tonfall und Timing. Der beste Witz verpufft, wenn der Erzähler ihn verhaut – Goosen hingegen legt ihn hin, statt ihn rauszuhauen. Und genau deshalb sitzt er.

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20260109 Rezension Traxler Bildergedichte Insel Verlag Buecherherbst Buchblog bookstagram

Leiser Spott, große Wirkung: Warum Hans Traxlers Bildergedichte mehr entlarven als jede Anklage

Seit Jahrzehnten begleitet Hans Traxlers Werk die deutsche Illustrations-, Satire- und Comicgeschichte wie ein leiser, beharrlicher Kommentar. Seine Zeichnungen sind sofort erkennbar und zugleich auffällig unauffällig: Sie sind ruhig komponiert, farblich zurückgenommen und kommen ohne Effekthascherei aus. Traxler interessiert sich weniger für den schnellen Witz als für die kleinen Verschiebungen im Alltäglichen, für die Momente, in denen Autorität, Bedeutung und Selbstbild ins Rutschen geraten. Sein Humor ist nicht laut und nicht aggressiv, sondern geduldig, beobachtend und konsequent menschenbezogen. Wer seine Arbeiten kennt, weiß: Hier wird nicht entlarvt, um zu verletzen, sondern um zu relativieren. Genau in dieser Haltung steht auch der Band „Die Bildergedichte”.

Das Buch versammelt (mehrbildrige) Geschichten, die auf den ersten Blick leicht und spielerisch wirken, bei genauerer Betrachtung jedoch als präzise aufgebaut erkennbar sind. Hans Traxler verbindet hier Humanismus und scharfen Spott auf eine für die „Neue Frankfurter Schule” typische Weise, ohne je ins Polemische zu kippen. Die Bilder lachen nicht von oben herab, sie sind weder zynisch noch moralisch. Selbst dort, wo Trägheit, Eitelkeit, Nacktheit oder Trunkenheit gezeigt werden, bleibt der Blick warm. Der Spott ist kontrolliert und nie grausam, sondern eine Form komischer Solidarität mit menschlichen Schwächen.

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20250102 Rezension Genossenschaft Solidarisch Raiffeisen Braumann buecherherbst buchblog bookstagram dg nexolution

Wie aus Armut Solidarität wurde: Die stille Revolution des Friedrich Wilhelm Raiffeisen

Viele Dinge, die heute selbstverständlich wirken, haben eine erstaunlich unspektakuläre, beinah beiläufige Entstehungsgeschichte. Dazu gehören auch genossenschaftliche Strukturen, wie beispielsweise im Bankwesen (oder bei der Büchergilde Gutenberg). Diese Organisationen strahlen Stabilität, Verlässlichkeit und regionale Verwurzelung aus. Dabei fragt man sich im Alltag kaum noch, aus welcher sozialen Not sie eigentlich entstanden sind. Dass diese Systeme nicht am Reißbrett von Ökonomen entworfen wurden, sondern aus konkreter Armut, Hunger und struktureller Ungerechtigkeit heraus gewachsen sind, macht ihre Geschichte umso relevanter für unsere Zeit, in der wieder verstärkt nach solidarischen Wirtschaftsformen gesucht wird.

Genau hier setzt „Rastlos solidarisch” von Franz Braumann an. Das Buch erzählt die Lebensgeschichte von Friedrich Wilhelm Raiffeisen nicht als klassisches Sachbuch, sondern in Form eines erzählerischen Romans. Dieser Ansatz ist klug gewählt: Er erlaubt Nähe, ohne in Heroisierung zu kippen, und macht sichtbar, wie sehr Raiffeisens Denken aus konkreter Erfahrung entstand. Als er 1845 im Vormärz zum Bürgermeister von Weyerbusch ernannt wird, trifft er auf eine Gesellschaft, in der Armut als persönliches Versagen gilt und die staatliche Verwaltung streng hierarchisch organisiert ist. Gehorsam gegenüber der Obrigkeit ist Pflicht, eigenmächtiges Handeln gilt als riskant – selbst dann, wenn es humanitär motiviert ist.

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20251230 Buecher statt Boeller Klemperer Kaestner Buchkauf Nachhaltigkeit Buecherherbst Buchblog bookstagram

Bücher statt Böller

Zum Jahreswechsel wird jedes Jahr dieselbe Frage neu gestellt: Wofür geben wir unser Geld aus – für einen kurzen Knall oder für etwas, das bleibt? Raketen zerlegen für ein paar Sekunden den Himmel, hinterlassen Rauch und Müll und ein leises Unbehagen. Dabei möchte ich gar nicht die ausführliche Diskussion über Umweltaspekte oder Tierwohl führen. Bücher hingegen wirken leiser, aber nachhaltiger. Sie zünden keine Effekte, sondern Denkprozesse.

Aus intellektueller Sicht ist dieser Vergleich eindeutig. Böller verbrennen Geld, während Bücher es investieren. In Sprache, Wissen und Perspektiven. Während ein Feuerwerk nur den Moment beansprucht, wirken Bücher über Tage, Wochen oder sogar ein Leben lang. Sie fordern Konzentration, Geduld und Offenheit – Eigenschaften, die in einer beschleunigten Gegenwart immer knapper werden.

„Bücher statt Böller“ ist kein moralischer Zeigefinger, sondern ein bewusstes Gegenmodell. Wer liest, entscheidet sich gegen Lärm und für Tiefe. Gegen Spektakel und für Substanz. Gegen den reflexhaften Konsum und für etwas, das nicht sofort verpufft. Gerade zum Jahresende, wenn Rückblick und Ausblick ineinanderfallen, ist das Lesen eine Form der Selbstvergewisserung: Was will ich verstehen? Was will ich mir zumuten? Was will ich mitnehmen?

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20251226 Rezension buchblog buecherherbst bookstagram truemmerkinder schweiger ablang Nachkriegszeit dtv Verlag

Zwischen Trümmern und Hoffnung: Nachkriegsgeschichte aus Kindersicht

Gegenwart und Vergangenheit stehen selten so nah beieinander wie dann, wenn Kinder beginnen, Fragen zu stellen. Sie fragen nach Krieg, nach Zerstörung, nach Schuld und danach, wie ein Leben unter Bedingungen aussehen kann, die viele Erwachsene heutzutage nur noch aus Geschichtsbüchern kennen. Bücher, die sich an junge Leser:innen richten und zugleich von den dunkelsten Kapiteln der Geschichte erzählen, stehen deshalb vor einer besonderen Aufgabe: Sie müssen erklären, ohne zu überfordern, und erinnern, ohne zu moralisieren. Genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich Frank Schwiegers „Trümmerkinder. Wie wir die Nachkriegszeit erlebten“.

Das Buch führt mitten hinein in die Endphase des Zweiten Weltkriegs und die unmittelbare Nachkriegszeit. Dafür wählt Schwieger konsequent die Perspektive der Kinder selbst – eine Entscheidung, die den Ton und die Wirkung des gesamten Buches bestimmt. Erzählt wird aus kindlicher Ich-Perspektive. Die Geschichte wird nicht von außen kommentiert oder pädagogisch erklärt, sondern aus einer Innenansicht heraus erfahrbar gemacht. Kinder werden hier nicht als bloße Adressaten betrachtet, sondern als historische Subjekte ernst genommen. Sie erleben Bombennächte, Hunger, Verlust und Angst, aber auch Alltag, Trotz, Hoffnung und manchmal sogar Freude. Diese Perspektive ermöglicht es jungen Leser:innen, sich in die Geschichte hineinzuversetzen, ohne ihnen eine erwachsene Reife zuzuschreiben, die sie in dieser Zeit nicht gehabt hätten.

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