Sarah Brooks: Handbuch für den vorsichtigen Reisenden durch das Ödland (2024)

Also, wenn dieser Schmöker – von Claudia Feldmann ins Deutsche übertragen – nicht nach einer Verfilmung ruft, dann weiß ich auch nicht. Schon 2019 wurde Sarah Brooks dafür mit dem Lucy Cavendish Fiction Prize ausgezeichnet.

Der Titel, erfreulicherweise endlich mal eng an den Originaltitel The Cautious Traveller’s Guide to the Wastelands angelehnt, bezieht sich auf den (fiktiven) Reiseführer eines Valentin Rostow, der 1880 ein Handbuch für all diejenigen Reisenden veröffentlicht hatte, die wagemutig, verzweifelt oder leichtsinnig genug sind, eine Fahrt mit dem Transsibirien-Express von Moskau nach Peking oder umgekehrt durch das sagenumwobene und höchst gefährliche Ödland unternehmen zu wollen. Merkwürdig nur, dass sich die Spuren Rostows im Dunkel der Gerüchte verlieren und niemand weiß, was aus ihm geworden ist.

‚Vor allem unternehmen Sie diese Reise nicht, wenn Sie nicht über ein ausgeglichenes Gemüt verfügen. […] Es heißt, jeder Reisende durch das Ödland hat einen Preis zu zahlen. Einen Preis, der über die Kosten für die Zugfahrkarte hinausgeht.‘ (S. 22)

Und viel mehr Informationen haben weder die Crew noch die Reisenden, denn die Kompanie, die die Strecke betreibt, ist eher an der Ausbeutung des nahezu unerforschten Landes interessiert als an der Erkundung und Bewahrung des Ödlands. Das ist problematisch, denn die vermehrten Durchquerungen des Ödlands sorgen für immer größere Risiken. Man munkelt, dass bei der letzten Fahrt Menschen ums Leben gekommen seien, da das Glas der Fensterscheiben dem Ödland nicht standgehalten habe und dadurch namenloses Unheil in den Zug habe eindringen können. Die Kompanie jedenfalls lässt jeden Passagier schon mal vorsichtshalber unterschreiben:

Der Passagier ist sich der Risiken der Reise bewusst. Es ist seine Pflicht, den Zugarzt zu informieren, falls er sich zu irgendeinem Zeitpunkt unwohl fühlt. Die Transsibirien-Kompanie übernimmt keinerlei Verantwortung für Krankheit, Verletzungen oder den Verlust des Lebens während des Aufenthalts im Zug. (S. 60)

Das Leben im Ödland funktioniert nach anderen Gesetzmäßigkeiten, es gibt merkwürdige Tiere und Pflanzen dort, Lebewesen, die unseren seltsamsten Träumen entsprungen zu sein scheinen und den Zug und seine Reisenden bedrohen. Nicht umsonst wird der Zug bei der Abfahrt streng verschlossen, niemand darf ihn verlassen, ein Scharfschütze hält Wache und vor der Ankunft in Moskau wird er in einer Art überdimensionalem Überwachungsraum auf Spuren fremden Lebens überprüft. Sollte man dort etwas finden, würde der komplette Zug versiegelt. Kein Passagier würde den Zug verlassen können. Oder wie Rostow schreibt:

Alle darin müssen sich zum Wohle des Reiches opfern. (S. 64)

Die 6000 Kilometer lange Reise beginnt in Peking. Es steigen ein: Eine junge Frau names Maria Petrowna, von der wir aber gleich erfahren, dass dies nicht ihr richtiger Name ist und sie offensichtlich etwas zu verbergen sucht. Eine fröhlich herrschsüchtige Gräfin samt Zofe, ein alter Professor, ein Naturwissenschaftlicher names Henry Grey, der geradezu fanatisch seine wissenschaftliche Reputation durch neue Erkenntnisse über das Ödland wieder herstellen will, selbst wenn er damit alle Mitfahrenden in größte Gefahr bringen sollte. Außerdem wären da noch ein übellauniger Priester und ein reiches französisches Ehepaar, das sich mit dieser Reise einen neuen Nervenkitzel gönnen will.

Vergnügungsreisende, denkt Grey mit leiser Verachtung. Dieser elende Rostow und sein verdammtes Buch! Ohne ihn wäre der Zug den ernsthaften, zielstrebigen Reisenden vorbehalten geblieben, nicht diesen törichten Sensationslustigen, die einen derartigen Überfluss an Zeit und Geld haben, dass sie bewusst die Gefahr suchen müssen. Sie fahren nur mit dem Zug, um eine Erfahrung zu sammeln, wie ein hübsches Souvenir, das sie sich zu Hause an die Wand hängen und mit dem sie gegenüber ihren Freunden prahlen können. Sie werden in ihr komfortables Leben zurückkehren, zu ihren Salons und Kaffeehäusern, kaum berührt von den Wundern, die sie gesehen haben. Er bemitleidet sie und stellt fest, dass es ein angenehmes Gefühl ist. (S. 35)

Dazu kommt die Besatzung: Allen voran die 16-jährige Zhang Weiwei, das sogenannte Zugkind, da sie im Zug geboren wurde und der Zug ihr einziges Zuhause, die Crew ihre Familie ist. Als Kind war sie quasi der Talisman, doch inzwischen muss sie – wie alle anderen – ihren Lebensunterhalt verdienen. Sie ist Mädchen für alles, erledigt Botengänge, hilft überall dort, wo sie bei der Bedienung der Gäste in der ersten und dritten Klasse (eine zweite Klasse gibt es nicht) gebraucht wird.

Weitere Auftritte haben ein junger Bord-Ingenieur namens Alexei sowie der relativ funktionslose Captain, der Chef des Zuges, der sich irgendwann als Frau zu erkennen gegeben hat, und Suzuki, der Kartograph, nebst weiterem Personal wie Köchinnen und Stewarts. Zu erwähnen wären noch die zwei „Krähen“, die Vertreter der Kompanie, die, wo immer sie im Zug auftauchen, in ihrer schwarzen Kleidung eine Atmosphäre der Überwachung, Bedrohung und Einschüchterung um sich verbreiten.

Ihre Ankunft wird durch das Klirren ihrer Schuhe angekündigt, glänzend schwarz und im europäischen Stil, mit Schnallen. Es ist ihre einzige Eitelkeit; oberhalb der Füße sind sie mit ihren dunklen Anzügen, den Drahtgestellbrillen und dem humorlosen Lächeln ebenso unscheinbar wie die übrigen Angestellten der Kompanie. (S. 45)

Mehr zur Handlung zu sagen, wäre schade, vielleicht nur so viel: Die Protagonisten müssen sich alle in irgendeiner Form zu diesem sie umgebenden Ödland mit seinen Schrecken, aber auch mit seinen Schönheiten verhalten: Können sie staunen und wollen sie es schützen? Wollen sie möglichst viel Profit machen, obwohl das unabsehbare Gefahren heraufbeschwört? Wollen sie es erforschen und sezieren? Lassen sie die Jalousien herab oder schließen sie – wie dringend empfohlen wird – die Augen, um sich vor einem Anblick zu schützen, der zu Halluzinationen, Gedächtnisverlust oder Verfolgungswahn führen und Schwachen sogar dauerhaft den Verstand rauben kann? (Die Besatzung hat Beruhigungs- bzw. Betäubungsmittel für diesen Fall an Bord, der von der Ödlandkrankheit Befallene wird dann auf der Krankenstation isoliert. Heilung ungewiss.) Lassen sie gar das Ödland in den Zug hinein? Streng verboten! Oder erweisen sie der ohnehin mächtigeren Natur den nötigen Respekt und lassen sich auf das Besondere ein? Jedenfalls werden alle Entscheidungen die Handlung vorantreiben und uns auch auf buchstäbliche, jahrelang nicht gewartete Nebengleise führen.

Kurzum, keine Weltliteratur, aber eine durchaus unterhaltsame Mischung aus Reisebericht, Abenteuerroman und Fantasy, aber auch „a steampunk climate fiction eco-fable, with a dash of romantasy and an anti-capitalist bent. It could just as easily be a young adult novel as one for older readers“, wie Suzie Feay in ihrer Besprechung im Guardian schreibt.

Ich bin dieser Zugreise gern gefolgt, auch wenn ich mir mehr handfeste Handlungsstränge gewünscht hätte. Die Stärke des Buches liegt in der Beschreibung der fantastischen Ödland-Welt und in der Einladung, über unsere eigene Haltung der Welt gegenüber nachzudenken, weniger in der eher schablonenhaften Charakterisierung der Protagonisten und dem schwachbrüstigen Plot. Manches bleibt sehr in der Schwebe, hätte unterfüttert und ausgemalt werden müssen, wie beispielsweise die Rolle des geheimnisvollen Artemis. Gleichzeitig vermeidet Brooks aber alles übermäßig Belehrende und lässt uns genügend Leerstellen, über die man am Ende nachdenken könnte.

Der große Zug ist stehen geblieben. Mit dem letzten Dampfstoß scheint sich alle Kraft, die sie zu haben glaubten, in Luft aufzulösen. Die Passagiere rühren sich nicht, als fürchteten sie, jede Bewegung könnte die Aufmerksamkeit all der neugierigen, wachsamen, hungrigen Dinge da draußen auf sie lenken. Die Crew lässt die Vorhänge geschlossen. Lieber nichts sehen und nicht gesehen werden. Lieber nicht daran denken, wie klein sie sind und dass der Zug hier draußen in dieser Weite nicht so groß und stark ist, wie sie sich selbst einreden und den Passagieren gegenüber behaupten. Alle Prahlerei ist hier bedeutungslos. (S. 250)

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Schmöker

Der Duden definiert Schmöker als die umgangssprachliche Bezeichnung für ein „dickeres, inhaltlich weniger anspruchsvolles Buch, das die Lesenden oft in besonderer Weise fesselt.“ Der Begriff stamme aus der Studentensprache: Man schmökte sein Pfeife und dazu riss man übermütig aus einem alten oder schlechten Buch Seiten heraus, um daraus seine Fidibusse zum Anzünden zu drehen (siehe auch den Artikel der GfdS).

Für mich ist der Begriff „Schmöker“ nicht negativ besetzt: Ein Schmöker muss spannend sein, uns eine kleine Alltagsflucht ermöglichen – deswegen spielt er vorzugsweise an geografisch von uns entfernten Orten und vielleicht auch in einer anderen Zeit. Außerdem muss er viele, viele Seiten haben. Das aktuelle Weltgeschehen bleibt mal einige Stunden außen vor. Man entspannt wie an einem Kinoabend und ist gefesselt von der Geschichte, der vorwärts eilenden Handlung, man begleitet die Sympathieträger und will unbedingt wissen, wie es weitergeht. Und wenn das Buch zu Ende ist, hätte man gern noch weitergelesen anstatt sich wieder im Alltag einzufinden.

Dabei – und das ist das Entscheidende für mich – darf das Buch keinesfalls trivial, eindimensional oder verkitscht sein. Auch wenn ich mit meinem Stückwerk an Erkenntnissen nicht – wie bei einem anspruchsvolleren Werk – wesentlich in Frage gestellt werde, möchte ich mich nicht für dumm verkauft fühlen oder meine Zeit dabei vergeuden. Das zeigt, dass der Begriff Schmöker ein höchst subjektiver ist: Was für den einen ein Schmöker ist, ist für den anderen gleichzeitig ein Klassiker und am anderen Ende der Skala bereits Trivial- oder einfach Unterhaltungsliteratur.

Hier einige Schmökerempfehlungen von mir:

Die schönste Erklärung, der nichts mehr hinzugefügt werden muss, stammt von e. o. plauen (eigentlich Kurt Erich Ohser), der in der Nacht vor seinem Prozess vor dem Volksgerichtshof 1944 Suizid beging. Seine Bildergeschichte (inzwischen gemeinfrei) trägt den Titel Der Schmöker.

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L. M. Montgomery: Anne of Green Gables (1908)

‘I‘m so sorry for people who live in lands where there are no Mayflowers,‘ said Anne. ‘Diane says perhaps they have something better, but there couldn‘t be anything better than Mayflowers, could there, Marilla? And Diana says if they don‘t know what they are like they don‘t miss them. But I think that is the saddest thing of all. …‘ (S. 132)

Die Erstausgabe dieses kanadischen (Jugendbuch-)Klassikers von Lucy Maud Montgomery (1874 – 1942) erschien 1908.

Montgomery, deren eigenes Leben leider keineswegs so sonnig verlief wie das ihrer berühmten Protagonistin, hatte schon als ungefähr Zwanzigjährige die Grundidee zu  Anne of Green Gables:

Elderly couple apply to orphan asylum for a boy. By mistake a girl is sent them. (Montgomery in einem Tagebucheintrag vom 16. August 1907, S. 284)

1906 war der Roman fertig, doch kein Verlag wollte ihn veröffentlichen. Es hagelte Absagen von vier wichtigen amerikanischen Verlagen und das Buch verschwand zunächst in der Schublade. Erst Page Co. nahm das Manuskript an und knebelte die unerfahrene Montgomery mit unrechtmäßigen Verträgen und verkaufte sogar Rechte, die ihnen die Autorin nie überlassen hatte. Die Keimzelle für spätere, lange Rechtsstreitigkeiten vor Gericht.

Zurück zum Roman: Im Mittelpunkt steht die liebenswerte, elfjährige Vollwaise Anne Shirley, die von einem älteren Geschwisterpaar, der herben Marilla und dem schüchternen und stillen Matthew Cuthbert, adoptiert wird, das auf dem Bauernhof Green Gables lebt. Eigentlich hatten die beiden einen Jungen aus dem Waisenhaus haben wollen, der später dann auch auf dem Hof ordentlich hätte mit anpacken können.

Stattdessen landet aufgrund eines Missverständnisses Anne Shirley bei ihnen, ein zerstreuter Wildfang, naturverbunden, klug, lerneifrig und zur Freundschaft begabt. Aufgrund ihrer Verträumtheit und Impulsivität gerät Anne immer wieder in Schwierigkeiten und die arme Marilla weiß sich angesichts Annes quasi nie versiegenden Redeflusses manchmal nicht anders zu helfen, als ihr ein strenges Redeverbot zu erteilen. Nebenbei bemerkt: Die Figur der Marilla macht für Margaret Atwood das Buch gerade auch für erwachsene LeserInnen interessant.

I cast ‚moral‘ and ‚Sunday school‘ ideals to the winds and made my ‚Anne‘ a real human girl. Many of my own childhood experiences and dreams were worked up into its chapters. […] There is plenty of incident in it but after all it must stand or fall by ‚Anne‘. She is the book. (Montgomery in einem Tagebucheintrag vom 16. August 1907, S. 284)

Und es ist Montgomery wirklich wunderbar gelungen, „a real human girl“ zu schildern. Nichts Süßliches, kein didaktischer Zeigefinger, stattdessen sagt Anne ehrlich, was sie denkt und empfindet. Egal, ob es um ihr kindliches Leiden an peinlicher oder altmodischer Kleidung geht, ihre Loyalität oder um die Aufregungen in der Schule, ihren Sinn für Natur und für Schönheit, alles wird mit einem so unverstellten Blick auf das Empfinden eines sensiblen Mädchens erzählt, dass das Buch auch nach über 100 Jahren wunderbar frisch wirkt.

I did not write Green Gables for children. (S. 293)

Das Buch machte Montgomery auf einen Schlag bekannt. Es dauerte nicht lange, bis Folgebände und erste Übersetzungen erschienen. Verfilmt wurde das Buch natürlich auch. Die Schauplätze ihrer Romane auf P.E.I (Prince Edward Island), der kleinsten der kanadischen Provinzen, wurden zu literarischen (und touristisch ausgeschlachteten) Pilgerstätten, die besonders bei japanischen Touristen beliebt sind.

‘… I wouldn‘t want to be [a Christian] like Mr. Superintendent Bell.‘ ‘It‘s very naughty of you to speak so about Mr. Bell,‘ said Marilla severely. ‘Mr. Bell is a real good man.‘ ‘Oh, of course he‘s good,‘ agreed Anne, ‘but he doesn‘t seem to get any comfort out of it….‘ (S. 140)

Fußnote: Die ausgezeichnete und umfangreiche Norton Critical Edition gibt nicht nur einen guten Überblick zu diversen Aspekten der Entstehung, Wirkung und Rezeption, sondern bietet auch reichhaltiges Quellenmaterial, zum Beispiel Ausschnitte aus L. M. Montgomerys Tagebüchern, in denen sie beispielsweise einander komplett widersprüchliche Kritiken auflistet, was doch sehr hübsch zeigt, dass eben auch professionelle Kritiker oftmals nicht viel mehr als Geschmacksurteile abgeben.

One of the most charming girls in modern fiction.

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Anne is overdrawn and something of a bore. (S. 293)

Halten wir uns also an Mark Twain, der Montgomery’s Anne als „the dearest and most moving and delightful child since the immortal Alice“ bezeichnet haben soll.

Zum 150. Geburtstag der Autorin gab es im November 2024 auf dem Blog von Sarah Emsley einen Monat lang Beiträge zu Montgomery.

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Stella Gibbons: The Swiss Summer (1951)

Das eskapistisch-lockerfluffige The Swiss Summer stand – wie auch die übrigen Werke von Stella Gibbons (1902 – 1989) – immer im Schatten ihres bekanntesten Buches The Cold Comfort Farm. Umso besser vielleicht, dass ich das noch gar nicht kenne. The Swiss Summer jedenfalls macht auch nach über 70 Jahren noch Spaß. Oder wie der Guardian schrieb:

For holiday reading it would be hard to find anything better.

Die 43-jährige Lucy Cottrell lernt zufällig die betagte Lady Dagleish kennen. Deren Gesellschafterin Freda Blandish soll im Auftrag der alten Dame in die Schweiz reisen, um sich dort vor Ort um ein Chalet ihres verstorbenen Mannes zu kümmern. Das hatte die Schweiz vor Jahrzehnten Sir Burton Dagleish in Anerkennung seiner Dienste um die Bergsteigerei geschenkt. Im Grunde soll alles vorbereitet werden, um das Berghaus verkaufen zu können, das nun schon seit Jahren kaum genutzt wird. Nur die alte Utta aus dem Dorf schaut einmal die Woche nach dem Rechten.

Freda wurden von Lady Dagleish Hoffnungen gemacht, dass sie Chalet und Grundstück eines Tages erben werde und sie somit ihren langgehegten Wunsch, dort eine Pension zu eröffnen und dann für immer finanziell unabhängig zu sein, in die Tat umsetzen kann.

Verständlich, dass Freda alles andere als entzückt ist, als Lady Dagleish aus einer Laune heraus und weil sie Lucy Cottrell sympathisch findet, Lucy anbietet, Freda zu begleiten. Lucy ist begeistert, dem schmutzigen und hässlichen London für drei Monate zu entkommen und Urlaub in der bezaubernden Schweizer Bergwelt machen zu dürfen. Auch ihr geliebter Mann gönnt ihr den Aufenthalt von Herzen. Als Gegenleistung soll sie Freda bei der Inventur ein wenig zur Hand gehen, doch diese wittert in ihr eine Nebenbuhlerin auf das erhoffte Erbe.

Die Situation wird nicht einfacher, als Fredas gesellschaftlich unbeholfene Tochter Astra und noch weitere Freunde von Freda im Schweizer Bergdomizil auftauchen und Lucy gebeten wird, in ihren Briefen an Lady Dagleish darüber Stillschweigen zu bewahren. Lucy möchte die alte Dame nicht hintergehen, gleichzeitig mag sie’s harmonisch und geht gern den Weg des geringsten Widerstandes.

Und so nehmen drei erlebnisreiche Monate ihren Lauf, in denen Lucy sich nicht nur mit den halbseidenen Bekannten von Freda herumärgern, sondern sich auch um ihren eigenen Neffen und dessen Freund kümmern muss, die ebenfalls für kurze Zeit auf dem Berghof zu Gast sind. Und über allem wacht Utta, die alte Haushälterin, die sich dem Erbe des verstorbenen Bergsteigers Dagleish verpflichtet fühlt und spürt, dass dort nicht alles mit rechten Dingen zugeht.

Doch Lucy wäre nicht Lucy, wenn sie trotz der Unbill diese Wochen nicht aus tiefstem Herzen – und die LeserInnen mit ihr – genießen würde. Sie ist in den Bergen am rechten Platz, genießt die Natur auf ihren Wanderungen in vollen Zügen, kann dem oberflächlichen Touristentreiben in den Städten wenig abgewinnen und ist immer froh, wenn es wieder zurück auf den Berg geht. Trotz ihrer scheinbaren Passivität geht Lucy ihren Weg und nutzt ihre Spielräume, selbst wenn die zunächst recht begrenzt erscheinen.

The Swiss Summer ist ohne Frage ein Wohlfühlbuch; bereits bei seiner Erstveröffentlichung konnten sich die britischen LeserInnen damit aus den oft noch schwierigen wirtschaftlichen Verhältnissen nach dem Zweiten Weltkrieg wegträumen. Am Ende ist man/frau mit der Auflösung aller Handlungsfäden einverstanden. Gleichzeitig sorgen Ironie, ein unbestechlicher Blick auf menschliche Eigenheiten – allein wie Utta geschildert wird, ist unvergesslich – und Empathie für die verschiedenen Charaktere dafür, dass das Buch nicht in den Kitsch abstürzt.

So muss sich beispielsweise Astra, gerade weil sie nicht hübsch ist, besonders mit der Frage auseinandersetzen, inwieweit sie den gesellschaftlichen Erwartungen und Rollenbildern überhaupt entsprechen will. Nach dem Blättern in den entsprechenden amerikanischen Frauen-Zeitschriften fragt sie sich, ob eine Frau überhaupt noch Zeit für sich habe:

The difficulty of Love: first, with lipstick and foundation cream, permanent wave and nail paint, exercises and hair-brushing, scent and perfectly chosen clothes, you must prepare your body. Next, with a gay, sweet, friendly manner, never showing jealousy or possessiveness, never intruding upon a man‘s private life yet never withdrawing yourself from him so far as to appear cold, and never, oh never, dreaming of hinting that you would welcome the opportunity to perform that task for which Nature had endowed you, you must prepare your personality. And finally, when you had secured a man of your own (but it was quite fatal to believe that you had secured him permanently) you must exercise infinite tolerance, charity, good sportsmanship, intelligence, submission, self-reliance (but not too much of the latter), and tender familiarity combined with wild sweetness in being his wife. It would also help if you could listen, sew, and cook. (S. 95)

Alle menschlichen Wirrungen und kleinen Intrigen sind eingebettet in die beeindruckende Landschaft des Berner Oberlands und nach der Lektüre möchte man – trotz des Kinderbuchcovers der Dean Street Press-Ausgabe – unverzüglich den Koffer packen.

Nachtrag

Bei allem Unterhaltungswert ihrer Werke sollte man nicht übersehen, dass Stella Gibbons in ihren Romanen gesellschaftliche Veränderungen in Großbritannien nachzeichnet und dabei Standesdünkel, Egoismus und Ressentiments, sei es gegen Ausländer oder Angehörige der „niederen Klassen“ mit Witz und Verve aufs Korn nimmt.

Vor allem aber werden Möglichkeiten weiblicher Selbstbestimmung erkundet. Manchmal „nur“ in der Schilderung interessanter Nebenfiguren wie Katy aus A Pink Front Door (1959), einer begabten Chemikerin, die aber nach ihrer Heirat rasch hintereinander drei Kinder bekommen hat und die sich nun wohl alles weitere wissenschaftliche Arbeiten abschminken kann. Als sie sich an ihre Studienzeit erinnert, heißt es:

How they had theorised! Every contemporary problem and every timeless one had been brought out, dissected and prescribed for by herself and the young men whom she had known. Yes, every problem except one – What does a young woman with brains do when she gets caught in a trap? […]

She drank some beer and tried to control this despairing desire for revenge on something or someone. […] she ought to be thankful. She was thankful … only, she didn‘t feel it. She only felt the unceasing aching in her limbs and the unending procession through her tired mind of minute domestic details, and she thirsted for solitude and the pleasures of the intellect. (S. 162)

Angela hingegen, eine Figur aus The Woods in Winter (1970), hat ihren Verlobten im Ersten Weltkrieg verloren und alle gehen wie selbstverständlich davon aus, dass sie ihr restliches Leben nun selbstlos ihrer dominanten Mutter widmen wird. Als ihr ein nicht „standesgemäßer“ Farmarbeiter den Hof macht, wird ihr klar:

It occurred to her that all her life she had been taught to be truthful, but never to be truthful to herself about what she felt and wanted. (S. 170)

In The Woods in Winter (1970), Gibbons letztem zu Lebzeiten veröffentlichten Roman, spielt Ivy Gover, eine fast fünfzigjährige Witwe, die Hauptrolle. Trotz diverser Anträge will sie nicht mehr heiraten und kommt nach der Erbschaft eines kleinen Häuschens auf dem Land so recht in ihr Element. Sie hat schwarze Augen und eine ungewöhnlich enge Beziehung zu Tieren, das wird auf einen Großvater zurückgeführt, der angeblich den Roma angehörte. Gleich zu Beginn des Buches erfahren wir, wie sie einen Collie stiehlt, der von seinen Besitzern nur an der Kette gehalten wurde.

Häusliche Sauberkeit, Smalltalk, regelmäßige Mahlzeiten und gute Manieren werden ihr zunehmend unwichtig und eigentlich will sie nur ihre Ruhe haben und wirkt doch immer wieder, vielleicht gerade deshalb, positiv auf ihre Nachbarn und Nachbarinnen ein.

for the first time in her life, she was living as she had always unknowingly wanted to live: in freedom and solitude, with an animal for close companion. (S. 72)

Charles Dickens: David Copperfield (1850)

Unruhige Zeiten, Bedrückung ob des Angriffskrieges und der unverhohlenen Propagandalügen, dazu viel zu tun, fehlende Konzentration, insgesamt also wenig Ruhe und Muße zum Bloggen. Doch damit mir nicht völlig aus dem Gedächtnis rutscht, was ich gelesen oder auch nur angelesen habe, hier wenigstens ein kurzer und deshalb sicherlich auch unausgewogener Blick auf den über 800 Seiten dicken  Schmöker David Copperfield von Charles Dickens, der 1850 das erste Mal in Buchform erschien und der den Lebensweg Copperfields von der Kindheit bis zu seinen ersten erfolgreichen Gehversuchen als Schriftsteller nachzeichnet. Ähnlichkeiten zu der Biografie des Autors sind dabei kein Zufall und Dickens hat diesen Roman immer das liebste seiner fiktiven Kinder genannt.

Was für ein berührender Anfang, Kinderfiguren sind wirklich eine Stärke des Autors. Die Leiden des jungen David, nachdem seine naive Mutter einen gar gräßlichen Stiefvater ins Haus geholt hat, sind fein beobachtet und erzürnen noch nach 170 Jahren die Leserin. Auch die zunächst fürchterlichen Internatserfahrungen Davids geben einen guten Einblick in mancherlei Untiefen des viktorianischen Schulsystems.

Doch dann wird der Ich-Erzähler immer blasser und nichtssagender, alle anderen Figuren in diesem gesellschaftlichen Panoptikum, die David bei seinem allmählichen sozialen Aufstieg begleiten, sind interessanter. Schließlich verliebt er sich in die süße, leider etwas unerwachsene, dafür aber sehr lebendige Dora. Hier finden sich tatsächlich einige wenige selbstironische Stellen:

If I may so express it, I was steeped in Dora. I was not merely over head and ears in love with her, but I was saturated through and through. Enough love might have been wrung out of me, metaphorically speaking, to drown anybody in; and yet there would have remained enough within in, and all over me, to pervade my entire existence. (S. 474 der Ausgabe der Everyman‘s Library)

Er heiratet Dora und muss nun schmerzhaft erkennen, dass sie niemals seine Seelengefährtin oder wenigstens eine tüchtige Hausfrau werden wird. So wird sie kurzerhand vom Erzähler zu einer tödlichen Krankheit verdonnert, damit David nach angemessener Frist die überirdisch langweilige und unrealistisch brave Agnes, die schon als Zehnjährige den Haushalt des Papas so entzückend im Griff hatte, zum Traualtar führen kann.

Und diese Doppelmoral: Dem schönen und charismatischen Jugendfreund Steerforth, der systematisch eine junge Frau verführt und anschließend an seinen Dienstboten verschachern wollte, trauert Copperfield hinterher, doch die junge Emily muss ihr Leben lang für ihren „Fehltritt“ büßen und emigriert, nachdem ihr Vater sie gerade noch rechtzeitig aus dem Moloch London retten konnte, zusammen mit ihrem Vater nach Australien. Die Frauengestalten bei Dickens sind wirklich nur zum Haareraufen, klischeehaft und von eindimensionalem Wunschdenken geprägt: die schöne Sünderin, die edle Gattin und Hausfrau, die Kindfrau, die treue Dienstbotin, die skurrile Tante.

Letztendlich gab es mir hier von allem ein bisschen zu viel: zu viel Melodramatik, zu viel Sentimentalität und Überzeichnung – man denke nur an Uriah Heep – und zu billige Lösungen: Nachdem Copperfield mit seiner Agnes glücklich der häuslichen Ruhe frönen kann, verschifft der Erzähler, das hat schon Chesterton zu Recht bemängelt, kurzerhand alle, die jetzt noch den ruhigen Lebensgang der Hauptfigur stören könnten, nach Australien.

Christina Hardyment: Heidi’s Alp – One Family’s Search for Storybook Europe (1987)

Bei dem wie üblich nur mäßig erfolgreichen Versuch, meine Buchregale zu entrümpeln, fiel mir dieses unschön vergilbte Secondhandbuch, das schon seit Jahren in meinem Regal herumlungerte, wieder in die Hände. Und was soll ich sagen – ich habe schon lange nicht mehr mit so viel Vergnügen einen Reisebericht gelesen. 

Die britische Autorin Christina Hardyment (*1946) hat im Laufe ihres Lebens zahlreiche Bücher zu den unterschiedlichsten Themen geschrieben. In Heidi’s Alp (1987) geht es um eine siebenwöchige Reise, die sie 1985 mit ihren vier Töchtern Susie, Daisy, Ellie und Tilly durch Europa unternommen hat. Die jüngste Tochter ist fünf, die älteste ist zwölf. Das Gefährt der Wahl ist ein Wohnmobil, das auf den Namen Bertha getauft wird.

Gradually the idea surfaced. Why not steal a summer? Make a journey, part Toadlike, self-indulgent adventure, and part education in the old idiom of the Grand Tour. Take the children right out of school for May and June, the loveliest months, and amble unhurried around Europe well ahead of the August crowds. […] But what sort of approach would appeal to the children? Every parent knows the miseries of trailing round museums and art galleries with unwilling children in tow. No one gets far up the mountain peak with an opinionated five-year-old. (S. 2/3)

Also wird die Reiseroute in groben Zügen anhand literarischer Gesichtspunkte festgelegt. Es sollen Orte und Landschaften besucht werden, die bedeutsam für wichtige Werke der Kinderliteratur waren. Unterwegs werden den Mädchen die Geschichten vorgelesen – manche kennen sie bereits, wie die Geschichten um Heidi von Johanny Spyri -, dazu gibt es Hintergrundinfos der wohlinformierten Mutter, kleine Museen und die dazugehörigen Landschaften.

Die ersten zwei Wochen werden sie ab Holland noch von einer guten Freundin samt Baby Sarah begleitet. Sieben Menschen in einem Wohnmobil, davon ein Baby, das stellt alle auch vor ziemlich unliterarische Herausforderungen. In den letzten Wochen verstärkt Tom, der Vater der vier Mädchen, die Reisetruppe.

Eckpfeiler der Routenplanung:

  • Hans Brinker and the Silver Skates von Mary Mapes Dodge (Holland)
  • Die Märchen – und die Reisen – von Hans Christian Andersen (Dänemark)
  • Lübeck
  • Der Rattenfänger von Hameln (Deutschland)
  • Diverse – auch mir noch unbekannte – Städte und der Brocken im Harz (auch im ehemaligen Gebiet der DDR)

By the time we reached the border it was dusk. The western horizon glowed a welcome home beyond the barriers, but first we had to undergo a search much more thorough than the one on our arrival. The children were amazed to see a large mirror on wheels was rolled out and solemnly passed to and fro under the van to see if anything – or anybody – was attached underneath. The bonnet was opened, the engine inspected, all the drawers emptied, the books reshuffled. Nothing could have contrasted more startlingly with the casual waves given at all the other borders we had crossed. ‚But if people want to leave the country, why don’t they let them?‘ asked Ellie. (S. 133)

Aber genauso werden freie Tage und immer auch ein bisschen Luft für spontane Ausflüge und vom Wetter abhängige Ideen sowie große Vergnügungsparks eingeplant; in Legoland fahren sich die Mädchen in den diversen Fahrgeschäften schwindlig, während sich die zwei Mütter Titanias Palast anschauen.

Bei Museumsbesuchen wird auch mal zu Tricks gegriffen, damit die Töchter nicht vor lauter Langeweile die Galerie sofort wieder verlassen wollen.

Normally our progress through picture galleries and museums is indecently  rapid, but today [Schloss Wilhelmshöhe] was different. We bought the girls each four postcards in the entrance hall and then set them the challenge of finding the originals. Since the gallery is spread over three enormous floors of the palace […] Tom and I very soon lost sight of all four of them, and enjoyed a restful half hour of guessing painters wrongly. (S. 148)

Und so entsteht eine charmante und ehrliche Mischung aus Familienmemoir, Reisebericht (mit all den schönen und chaotischen Seiten, die unerwartet geschlossene Museen und das beengte Leben im Wohnmobil mit sich bringen; kleinen Unfällen inclusive), landeskundlichen Impressionen (holländische Fahrradfahrer und die schweizerische Ordnungsliebe sind der Erzählerin ein echter Dorn im Auge) und literarischer Vor-Ort-Erkundung, bei der ich viel Neues erfahren habe. Hardyment recherchierte akribisch vor, während und nach der Reise zu den AutorInnen und Geschichten, so kann sie mühelos interessante und manchmal auch skurrile Informationen an passender Stelle einflechten. Ihre literarische Entdeckerfreude ist einfach ansteckend.

Das Ganze geschrieben mit Tempo, Wissen, Witz und (mütterlicher) Selbstironie.

Hans-Christian Andersen, auf dessen Spuren die kleine Reisetruppe immer mal wieder wandelt, war 1831 mit dem Schiff von Kopenhagen nach Lübeck gereist. Über die Nacht in seiner Kabine mit zwei weiteren Männern schreibt er:

‚one with his legs against the head of the other. I happened to be in the middle, and now one of them would ask me to move my legs, the other to move my head; I was too long for them.‘ ‚Just like us in Bertha,‘ said Daisy feelingly. ‚I wish Ellie didn’t kick so much.‘ (S. 73)

Manches mutet inzwischen nostalgisch an. Eine Reiseplanung ohne Internet, Kinder ohne Handys, und wenn man liest, dass ihre ungeplante Übernachtung auf „Heidis Almhütte“ oberhalb von Maienfeld zu den Höhepunkten ihrer Tour gehört – auch dank der Gastfreundlichkeit des Senners -, der zwar schon damals von einigen japanischen Touristen berichtet, dann ahnt man, dass derlei Erfahrungen in der heutigen touristisch durchgetakteten Marketingwelt nicht mehr  möglich sind.

Zu gern würde ich wissen, was die Töchter später über diese Reise gedacht haben. Wie war es wohl mit einer so literaturbegeisterten Mutter?

Als ihre beiden älteren Töchter auf der Rückreise Vorschläge machen, wohin die nächste große Tour führen könnte, empfindet Hardyment das als das schönste Kompliment überhaupt.

That assumption that we would be going again, that confidence that they would enjoy it. I felt as pleased as the mother hen in the ‚Ugly Duckling‘ when her brood hatches. I’d hatched a brood, too, a brood of travellers. And romantic ones, at that. Real swans. (S. 247)

Ich jedenfalls bin unglaublich gern mit auf diesen Trip gegangen und war so infiziert, dass ich alle naslang unterbrechen musste, weil ich rasch noch etwas nachlesen wollte. Und natürlich überlege ich jetzt, was ich als nächstes lese: The Wind in the Willows oder Travels with Charley von John Steinbeck? Oder doch Pinocchio?

Next day was positively slovenly – late to rise and late to bed, with much relaxed non-achievement in between. (S. 80)

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Heather Lende: If you lived here, I’d know your name (2005)

If you lived here, I’d know your name ist ein unvergleichliches Buch, das mir nicht nur die Stadt Haines in Alaska mit ihren ca. 2500 EinwohnerInnen auf die innere Landkarte geschrieben hat.

Lende, die ursprünglich aus New York stammt, aber mit ihrem Mann und zwei Hunden nach dem College irgendwie in Alaska hängengeblieben ist und seit 1984 in Haines lebt, hat in der dort einmal wöchentlich erscheinenden Lokalzeitung inzwischen über 400 Nachrufe geschrieben und war ebenfalls verantwortlich für die Duly Noted-Rubrik, wo so dies und das gesammelt wird, was in einer Kleinstadt erwähnenswert erscheint. Beispiele dieser Duly Noted-Kurznachrichten finden sich zu Beginn eines jeden Kapitels.

Die Autorin hat mit ihrem Mann Chip fünf Kinder großgezogen, inzwischen vier Bücher geschrieben und in diversen Publikationen veröffentlicht. Und das, obwohl sie immer nur „around the edges of a busy life“ geschrieben hat. 2021 wurde sie zum Alaska State Writer Laureate ernannt.

Und nun zum Problem dieses hinreißenden Buches: Wie soll man den Inhalt beschreiben? Es geht in großen Kapiteln, die eher locker durch eine jeweilige Überschrift zusammengehalten werden, assoziativ, ziemlich unchronologisch und herrlich chaotisch mäandernd um das Leben in Haines, sehr nah dran an der eigenen Biografie, den Freunden und Nachbarn, aber auch an den Familien, die gerade einen geliebten Menschen verloren haben, die die Autorin dann besucht, um die Nachrufe schreiben zu können.

Überhaupt ist das Leben in Alaska nicht ungefährlich, Menschen sterben auf der Straße, die kleinen Segelflugzeuge zerschellen am Berg; eine befreundete Familie ruft mitten in der Nacht an, das Fischerboot ihres Sohnes ist in einen Sturm geraten. Man möge bitte beten. Drei Menschen können gerettet werden, doch die Leiche des Sohnes wird nie gefunden.  Der Weg durch die Trauer, den die Mutter des jungen Mannes geht, wird auf nur einer halben, aber sehr eindrücklichen Seite erzählt.

Es geht darum, wie man die politischen Querelen zwischen strammen Republikanern und Liberalen aushält, die auch vor einem kleinen Ort wie Haines nicht Halt machen, um Umweltzerstörung und die Frage, ob die Schule nach miesen Mobbingvorfällen einen Workshop zu Homosexualität abhalten sollte, genauso aber auch um die Wunden und Traumata des indigenen Volkes der Tlingit, ihre Bemühungen, ihre Kultur zu leben, sie manchmal sogar erst wieder zu lernen.

Paul tells me he’s learning the Tlingit language so he can believe the stories of his people, not just know the plots. When he was young, missionaries and the government prohibited Alaskan natives from speaking their language and living traditionally. They often took Tlingit children from their homes and families, placing them in boarding schools as far away as Washington and Oregon. Now Paul is a grandfather and is committed to relearning  a way of living that he says is not lost but rather hiding, just below the skin. (S. 38)

Lende liebt ihre neue Heimat, die oft gefährliche und atemberaubend schöne Natur, das Joggen mit ihrem Hund, ihre Familie, das Räuchern der Fische, das Beerensammeln mit den anderen Frauen, bei dem man laute Musik spielt, um die Bären zu vertreiben, das Engagement von so vielen Menschen für das Gemeinwohl und unzählige Aktivitäten, die man hier vermutlich mit dem Etikett Ehrenamt versehen würde, dort aber wohl eher unter normaler Nachbarschaftshilfe verbucht. Sogar die Aufgaben des Bestatters werden von einem Ehepaar unentgeltlich übernommen. Man muss die beiden nur fragen.

Die Haustür wird nicht abgeschlossen, die Autoschlüssel bleiben stecken, die Tageszeitung ist nie aktuell, da sie erst eingeflogen werden muss. Eine Entbindungstation gibt es schon seit Jahren nicht mehr und ein entzündeter Blinddarm kann lebensbedrohlich sein, je nachdem, ob der Pass über die kanadische Grenze aufgrund der Schneefälle noch passiert werden kann.

Ihre zweite Tochter bekommt Lende während eines entsetzlichen Schneesturms. Die zukünftige Großmutter kommt extra angereist.

Mom had arrived from New York a few days earlier on a ferry coated with ice. The usual four-and-a-half-hour trip had taken nearly eight as northern gales kept the boat from moving at full speed. Mom was one of the few passengers who didn’t get sick. She also didn’t know it was dangerous at all. She’d never been on the ferry before and assumed it was always like that.

Nach nur fünf Stunden in der damaligen Krankenstation können Heather und Baby Sarah zurück nach Hause. Am nächsten Morgen moderieren Freunde von Heather eine Radiosendung.

… and they talked on air about the new Lende baby, telling listeners that her name was Sarah […] and her weight was eight pounds, two ounces. As for the state of the mother’s health: „I saw Heather shoveling the driveway today on my way to work,“ Steve said.

I thought my mother woud kill me. „He’s kidding, Mom,“ I told her. „It’s a joke.“ She was not amused. (S. 14)

Ebenso erfahren wir von Wohltätigkeitsbuffets, bei denen jeder mit Begeisterung viel mehr ausgibt, als er eigentlich wollte, um einer Familie finanziell unter die Arme zu greifen, die die teure medizinische Behandlung des Kindes nicht mehr allein stemmen kann. Und die Aufführungen der Laienspielgruppe, bei denen man wirklich alle Mitwirkenden kennt, bleiben Lende länger in Erinnerung als der Besuch des Musicals Cats in New York.

Lendes Arbeit als Verfasserin der Nachrufe, die auch mal zwei Zeitungsseiten lang sein können, bringt sie nicht nur mit den unterschiedlichsten Charakterern, Lebensentwürfen und Schicksalen zusammen, sondern konfrontiert sie natürlich auch mit Frage, wie Menschen auf den Verlust reagieren, worin sie Trost und Halt finden.

Aber genauso sinniert sie darüber, was es bedeutet, wenn ihr zehnjähriger Sohn zum ersten Mal mit seinem Vater auf die Jagd geht, und warum es ihr wichtig ist, dass ihre Töchter als Deckhands auf einem Fischerboot jobben, auch wenn sie weiß, dass das keine ungefährliche Aufgabe ist.

Das Besondere an diesem Buch ist neben der schieren Fülle an Geschichten aber vor allem der Blick der Erzählerin auf die Welt. Zurückgenommen, dezent selbstironisch und humorvoll. Warmherzig, dankbar, im Glauben geerdet, den Menschen zugewandt, bescheiden. Zupackend und hoffnungsvoll.

Da wird mit der gleichen Selbstverständlichkeit davon erzählt, dass man ein Roma-Waisenmädchen adoptiert, wie davon, dass es gar nicht so einfach sei, zu Hause mal in Ruhe ein schönes Ei-Sandwich zu essen, da einem ständig Anrufe, spontane Gespräche und Aufgaben dazwischenkommen.

Wer wissen will, was ein Drache mit einem Feuerlöscher, der mit 25 Kilo Mehl gefüllt ist, mit Weihnachtsstimmung zu tun hat, muss das Buch nun trotz meiner wie immer ausufernden Inhaltsangabe doch noch selbst lesen. Ich jedenfalls, am Ende der 281 Seiten angekommen, könnte gleich wieder von vorn beginnen. Eine Wundertüte von Buch, das sowohl Kritiker als auch LeserInnen beglückt hat und dazu einlädt, unter anderem darüber nachzudenken, wo sich unser Leben fundamental von dem der Einwohner Haines‘ unterscheidet. Vermutlich ist das bei uns oft viel zersplitterter, vereinzelter und ego-bezogener.

Lende hingegen ist sich sicher:

It’s as if we are all moving through this world on a big old ship, holding on to one another as we cruise up the generous river of life. The water that floats us is always new, yet it flows in the same direction, over the same old sand. (S. 44)

Oder wie es an anderer Stelle heißt, an der Lende die Schriftstellerin Annie Dillard zitiert:

How we spend our days, of course, is how we spend our lives. (S. 85)

Einzig das Cover fand ich etwas dürftig, aber gut, das sollte niemanden abhalten.

Wer noch ein bisschen weiterstöbern möchte, könnte beispielsweise dem Hinweis zu Elisabeth Peratrovich nachgehen oder sich gleich auf dem Blog Lendes festlesen.

Miss Read: Village School (1955)

Mit großem Vergnügen schmökere ich mich gerade durch die Reihe um die Erlebnisse einer englischen Dorfschullehrerin, geschrieben von Dora Jessie Saint (1913 – 2013), deren Künstlername auf dem Geburtsnamen ihrer Mutter beruht. In den Neunzigern wurde diese charmante Reihe auch ins Deutsche übertragen. Der erste Band erschien unter dem Titel Dorfschule.

Saint hat selbst Jahrzehnte lang unterrichtet, was man den Büchern anmerkt. Sie bieten Entspannung, viel Idylle, eine sehr überschaubare und (fast) heile Welt, wobei das Unschöne und menschlich Verwerfliche allerdings nicht völlig ausgespart werden. Es gibt vernachlässigte Kinder, untreue Ehemänner und den Vater, der seine Familie verprügelt und dem Nachbarn die Hühner stiehlt.

Doch meist ist das Aufregendste, dass jemand neu ins Dorf zieht, der Kirchenchor einen Ausflug unternimmt oder sich ein Junge auf dem Schulhof verletzt und die anderen brüllen, er sei bestimmt tot, ganz bestimmt, sich die Verletzung aber glücklicherweise nur als oberflächlicher Kratzer herausstellt. Oder wenn die Katze eine Ratte mit ins Haus bringt, die im Gegensatz dazu leider doch noch nicht tot ist.

Gleichzeitig hat Miss Read aber einen klaren Blick auf eine Gesellschaft im Umbruch: Viele können sich die Reparaturen ihrer Strohdächer, bei denen die Städter immer ins ahnungslose Schwärmen geraten, nicht mehr leisten. Die ersten kleinen Dorfschulen werden bereits geschlossen, mehr und mehr Leute ziehen in die Stadt, wollen keine „schmutzige“ Arbeit mehr verrichten und verlieren so den Bezug zu ihrer Herkunft und ihrer Hände Arbeit.

Und es liest sich durchaus interessant, wie doch vor gar nicht langer Zeit der Unterricht in so einer Dorfschule aussah. Was für ein Rundumpaket die Lehrerinnen liefern mussten, um für ihre Klasse – die ja immer mehrere Jahrgänge umfasste – die Grundlagen im Lesen, Schreiben, Rechnen, Naturkunde, Religion, Musik und Sport zu legen, und zwar so ganz ohne mediale Unterstützung.

Dazu erledigten sie die komplette Bürokratie, teilten das angelieferte Mittagessen aus und schlugen sich mit Beamten der Schulaufsichtsbehörde herum, die nun ganz dem neuen Zeitgeist folgend der Meinung waren, dass es nicht gut sein könne, wenn einige Kinder schon mit fünf Jahren fließend lesen könnten. Und da erstaunt es dann doch, wie miserabel die Bezahlung und die spätere Höhe der Rente war. Zwischenduch war ich verblüfft, wie aktuell sich manches las.

There has been much discussion recently on the methods of marking compositions. Some hold that the child should be allowed to pour out its thoughts without bothering overmuch about spelling and puntctuation. Others are as vehement in their assurances that each word misspelt and incorrectly used should be put right immediately. (S. 117)

Las sich der erste Band streckenweise noch zu sehr nach sozialem Kommentar, hat sich die Autorin ab dem zweiten Band freigeschrieben. Es macht Spaß, ihre Kämpfe mit der grimmigen Putzfrau der Schule, ihrer dominanten Freundin oder mit der neuen Hilfslehrerin mitzuverfolgen, die sehr theoretische Ideen zur Kindererziehung mitbringt. Neben den Vorkommnissen in der Schule sind der Wechsel der Jahreszeiten, die Dorfgemeinschaft mit ihrem allgegenwärtigen Tratsch und Klatsch und das Eingebettetsein in Traditionen und Feste wichtige Themen.

Die Ich-Erzählerin zeichnet ein bodenständiger, liebevoller, oft auch ironischer und sehr genauer Blick auf sich, die ihr anvertrauten Kinder und ihre Mitmenschen aus, der viel Vergnügen macht. Ihre Bücher sind keine Axt für das angeblich gefrorene Meer in uns, sondern eher eine Einladung zum Innehalten, Teetrinken und Pausemachen. Zum gelasseneren und entspannteren Blick.

Miss Gray and I had spent a long singing lesson picking our choir. This was not an easy task, as all the children were bursting to take part, but Miss Gray, with considerable tact, managed to weed out the real growlers, with no tears shed.

‚A little louder,‘ she said to Eric, ’now once again,‘ and Eric would honk again, in his tuneless, timeless way, while Miss Gray listened solemnly and with the utmost attention. Then, ‚Yes,‘ she said in a considering way, ‚it’s certainly a strong voice, Eric dear, and you do try: but I’m afraid we must leave you out this time. We must have voices that blend well together.‘

‚He really is the Tuneless Wonder!‘ she said to me later, with awe in her voice. ‚I’ve never known a child quite so tone-deaf.‘ I told her that Eric was also quite incapable of keeping in step to music; the two things often going together. Miss Gray had not come across this before and was suitably impressed. (S. 109)

Und wenn die ersten warmen Sommertage kommen, dann ist es ausnahmsweise auch in Ordnung, wenn man den Kindern am Nachmittag The Wind in the Willows vorliest oder Schüler und Lehrerin mal viel mehr tagträumen, als ganz fürchterlich viel zu schaffen. Falls man nicht ohnehin gleich eine spontane Wanderung durch die Felder und Wälder der Umgebung unternimmt, bei der man so schon wieder Anschauungsmaterial für die nächste Naturkundestunde sammeln kann.

Wem das zu viel Schule ist: Die Autorin hat noch eine zweite Reihe um die Bewohner des fiktiven Dorfes Thrushcross Grange geschrieben. Auch die eher nostalgisch geprägt und ziemlich weit weg von den modernen Tendenzen der Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg. Aber niemals süßlich, niemals platt, dafür konnte Miss Read viel zu gut, zu witzig und zu anschaulich schreiben. Die Leserinnen danken es ihr bis heute.

The book, of which I had read such glowing reports, I hurled from my bed of pain about 11 a.m., when the heroine – as unpleasant a nymphomaniac as it has been my misfortune to come across – hopped into the seventh man’s bed, under the delusion that this would finally make her (a) happy, (b) noble and altruistic, and (c) interesting to her readers. Could have told the wretched creature by page 6, that, spinster though I am, this is not the recipe for happiness. (Village Diary, S. 22)

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Elizabeth Fair: A Winter Away (1957)

Heute gibt es einen schönen kleinen Schmöker, dessen Ton bereits auf der ersten Seite deutlich wird:

Maud had been in the house less than an hour, but she had already made out that Puppy and Wilbraham were alternative names for the same animal. He was Wilbraham to Cousin Alice and Puppy to Miss Conway. She had not seen him yet but she gathered from their talk that he was their joint property and that they had had him for seven years. Puppyhood must be far behind him, but perhaps he was exceptionally skittish for his age; or perhaps Miss Conway disliked being reminded of the passage of time. (S. 1)

Maud Ansdell, die gerade zwanzig geworden ist, zieht also als Untermieterin bei Alice, der älteren Cousine ihres Vaters, und deren 43-jähriger Gesellschafterin Miss Conway ein. Denn Cousine Alice hat Maud ihre erste Arbeitsstelle als Sekretärin bei Nachbar Marius Feniston vermittelt.

Feniston, der hinter seinem Rücken von allen nur „old M.“ genannt wird, ist ein wohlhabender und sehr durchsetzungsfreudiger älterer Herr.

‚My last secretary was thirty-five,‘ old M. said gloomily, ‚and no more sense than a child of ten. Or else she wasn’t all there. You all there?‘ he asked suddenly, giving Maud a searching look. ‚No banging your head on the table? No throwing the china at me? Hey?‘ (S. 18)

Sein prächtiges Herrenhaus lässt er aus Geiz vergammeln, mit seinem gut aussehenden Neffen hat er seit Jahren kein Wort mehr gewechselt und sein Sohn Oliver scheint auf den ersten Blick ein eulenhafter Langweiler zu sein.

Nach und nach gewinnt Maud eine Freundin und lernt mit old M. auszukommen. Sie muss sich nicht nur im komplizierten Geflecht zwischen Cousine Alice und Miss Conway, sondern auch im Durcheinander der kleinen dörflich geprägten Gemeinde zurechtfinden.

Aber das Entscheidende an dem Buch ist ohnehin nicht der Inhalt, sondern die Art und Weise, wie uns hier ein kleines Stückchen Welt präsentiert wird.

Liebenswürdig und mit feinen Charakterschilderungen von Menschen, die wir mit ihren kleinen und größeren Schrullen sofort wiedererkennen. Dabei werden allerdings die Abgründe, die die Protagonisten bei sich selbst nicht wahrhaben wollen, nicht verschwiegen.

Fairs Humor, der nie ins Alberne abrutscht, kommt besonders in den Dialogen zum Tragen und sie hat die Fähigkeit, aus wirklich unbedeutenden Geschehnissen großes Kino zu machen.

Als Maud bei Nachbarn Zeuge eines völlig harmlosen Unfalls wird, entsteht in beinahe loriothafter Zwangsläufigkeit eine Kettenreaktion, die mit den Worten endet:

Explanations must wait till the morning, Cousin Alice had insisted. As it was they had been up half the night, calming Miss Conway, removing thorns from her person and sponging her scratches, and persuading her to accept a hot-water bottle, a glass of hot milk, and three biscuits.
‘I’m perfectly all right.’ Miss Conway had repeated frequently, though even to Maud’s eyes she looked all wrong.

Kurzgesagt: Kein großer gesellschaftskritischer Roman, keine Lektüre, nach der ich die Welt anders sehe. Und selbst in den fünfziger Jahren, in denen Elizabeth Fair ihre sechs kleinen Romane veröffentlichte, dürften ihre Bücher schon ein bisschen provinziell-idyllische Patina gehabt haben.

Also kein Fünf-Gänge-Menü, sondern eher so ein fluffig-luftiger Schokoladenpudding oder wie die Lieblingsstrickjacke. Aber manchmal muss es eben unbedingt ein Schokoladenpudding sein.

Und ich habe es bedauert, als dieser kleine, feine Roman von 221 Seiten, der mich abwechselnd an Jane Austen, Barbary Pym und Alexander McCall Smith erinnerte, schon zu Ende war.

BOOK SNOB ging es anscheinend ganz ähnlich:

…this is a hilarious, witty and wonderfully warm story about a number of misfits whose convergence in a corner of rural Dorset leads to just the sort of trifling yet utterly absorbing events that make up the often ridiculous course of everyday life. This is the perfect antidote to current affairs: it’s light and wonderfully funny, but also very well written and sensitively observed. I adored every moment, and felt quite bereft at leaving the world of the characters behind.

Ich vermute, dass die Autorin, die 1997 verstarb, nach 1960 keinen Roman mehr veröffentlicht hat, weil sich dann Verleger- und Publikumsgeschmack doch grundsätzlich wandelten. Umso schöner, dass ihre sechs Romane nun neu aufgelegt wurden.

Nachtrag

The Native Heath (1954) war mir zu glatt, zu harmlos.

Der letzte Roman der Autorin The Mingham Air (1960) hatte deutliche Schwächen. Nicht alle Figuren waren organisch in die Handlung integriert. Das Buch wirkte wie aus Einzelteilen zusammengeschustert.

Mit Seaview House (1955) und Landscape in Sunlight (1953) gab es aber wieder uneingeschränktes Lesevergnügen.

Im Nachlass der Autorin wurde Jahrzehnte nach ihrem Tod das Manuskript zu The Marble Staircase entdeckt und schließlich 2022 veröffentlicht.

Dorothy Whipple: Greenbanks (1932)

Auch Greenbanks, der dritte Roman von Dorothy Whipple, der ursprünglich 1932 erschienen ist, wurde bei Persephone Books neu aufgelegt. Er beginnt mit den Worten:

The house was called Greenbanks, but there was no green to be seen today; all the garden was deep in snow. Snow lay on the banks that sloped from the front of the house; snow lay on the lawn to the left, presided over by an old stone eagle who looked as if it had escaped from a church and ought to have a Bible on his back; snow lay on the lawn to the right, where a discoloured Flora bent gracefully but unaccountably over a piece of lead piping that had once been her arm. Snow muffled the old house, low and built of stone, and of no particular style or period, and made it look like a house on a Christmas card, which was appropriate, because it was Christmas day.

Greenbanks, das ist also das gediegene Zuhause von Louisa Ashton. Hier hat sie mit ihrem notorisch untreuen Gatten sechs Kinder großgezogen, die inzwischen alle erwachsen und bis auf Laura auch verheiratet sind. Wir folgen nun fast zwei Jahrzehnte dem Alltag, den Ehequerelen und den beruflichen Entwicklungen der Familienmitglieder. Dabei geht es auch um die Frage, ob und wo eine Frau vor, während und kurz nach dem Ersten Weltkrieg ihren Platz in der Gesellschaft finden kann, an dem sie glücklich ist und gleichzeitig von der Gesellschaft akzeptiert wird.

Im Zentrum steht Großmutter Louisa, in finanziellen Angelegenheiten immer von ihrem Ehemann und später ihrem Sohn abhängig, manchmal  naiv, mit wenig Durchsetzungsvermögen, und doch mit einem großen Herzen. Sie mag nicht besonders gebildet oder reflektiert sein, doch hat sie ein untrügliches Gespür für die Menschen um sich herum und kann kaltem Nützlichkeitsdenken wenig abgewinnen. Ihr Lieblingssohn Charles bekommt beruflich kein Bein auf die Erde, doch das Schlimme daran sind für sie nur die sarkastischen Kommentare seines geldgierigen Bruders und seines besserwisserischen Schwagers.

Hat Louisa allerdings erst einmal eine Entscheidung getroffen, wie z. B. die eine Bekannte als Gesellschafterin in ihr Haus aufzunehmen, die von der Gesellschaft wegen eines unehelichen Kindes ausgestoßen worden war, dann setzt sie das mit der Sturheit eines Maulesels durch, egal, was ihr fürchterlicher Schwiegersohn Ambrose davon hält.

Die zweite Person, die mir im Gedächtnis bleiben dürfte, ist Louisas Lieblingsenkelkind Rachel. Ihr kindlicher Blick ist wunderbar gezeichnet. Und ihr beim Erwachsenwerden zuzuschauen, macht große Freude. Sie ist die einzige Frauenfigur, die vermutlich halbwegs unbeschadet ihren Weg finden wird, auch deshalb, weil sie bei ihrer geliebten Großmutter immer einen Raum hatte, an dem sie ganz sie selbst sein durfte.

[Rachel] looked up from the page to her grandmother sitting in the window, her hands empty now that she had no one to knit for. ‚Darling,‘ thought Rachel. Some dim comprehension of the courage, the isolation of each human soul, the inevitable loneliness in spite of love, reached Rachel. The room was quiet, the ticking of the clock the only sound. Rachel was aware, for a moment, of the mystery of herself, her grandmother, eternity before and behind them both. Then she jumped up. Youth will glance at these things, but hates to look long. (S. 247)

Rachels Mutter Letty hingegen langweilt sich zunehmend in der Ehe mit ihrem pedantischen und befehlshaberischen Ehemann Ambrose, den sie als junges Mädchen noch so angehimmelt hatte.

He gave her, more and more frequently, the same flat exhausted feeling she had when she tried to carry a mattress downstairs unaided; that exasperating feeling of not being able to get hold of the thing properly and of wanting to give up at every step. But of course you couldn’t give up; you couldn’t sit down in the middle of the stairs with a great burden like that; you had to carry it the whole way, until you could put it down somewhere final. (S. 48)

Greenbanks ist für mich nicht der stärkste Roman der Autorin, aber im Nachhinein bin ich doch angetan davon, wie aufschlussreich der Roman als Zeitzeugnis ist. Welche gesellschaftlichen Veränderungen brachte der Erste Weltkrieg mit sich? Welchen Rollenzwängen sahen sich die Frauen damals ausgesetzt? Das alles mit einem Figurenensemble, das so durchschnittlich, so alltäglich ist, mit Dialogen und – fast noch wichtiger – mit Gedanken und Verhaltensweisen, die wir auch heute noch mühelos wiedererkennen. Trotz der Verankerung in einem bestimmten Milieu und einer vergangenen Zeit wirken die Figuren überraschend frisch und kein bisschen verstaubt.

Besonders die Männerfiguren sind in ihrer Heuchelei, Engstirnigkeit und Doppelmoral in Bezug auf Ehe, Treue oder Zölibat und Frauenbildung oft unerfreuliche und manchmal auch fast eindimensionale Gestalten, die aber von Whipple nicht verurteilt, sondern einfach geschildert werden. Auch sie haben ihre Gründe, so zu sein, wie sie sind.

Und wie bei jedem guten Schmöker will ich natürlich schon wissen, wie sich die ein oder andere Verwicklung auflösen wird.

Anmerkungen zur Rezeption des Romans

Der Spectator schrieb Ende September 1932:

Greenbanks is a pleasant, quiet, delightful domestic book, lifted head and shoulders above the ranks of pleasant, quiet, delightful domestic books by the uncanny accuracy of the portraiture and the lightness and delicacy of its touch.

Und Hugh Walpole war sich sicher:

I believe Greenbanks will be remembered for a long time to come because of the characters of two people in it, the grandmother Louisa and the granddaughter Rachel. In them Dorothy Whipple has performed splendidly the great job of the novelist, which is to increase for us infinitely the population of the living world.

Hier gibt es noch eine Besprechung auf Tales from the Reading Room.

 

 

 

Dorothy Whipple: The Priory (1939)

Die Romane der englischen Schriftstellerin Dorothy Whipple (1893 – 1966) waren in den dreißiger und vierziger Jahren große Publikumserfolge und zwei ihrer Bücher wurden sogar verfilmt. Doch ab den Fünfzigern wurden ihre Familiengeschichten von vielen als nicht mehr zeitgemäß und interessant genug wahrgenommen. Ihre Bücher wurden als (minderwertige) Frauenliteratur (genre fiction) abgetan.

As Dorothy Whipple’s publisher told her in 1953, ‘editors have got mad about action and passion’, and although both are to be found in Dorothy Whipple’s novels, they are qualities that are presented in such a subtle, such an understated way, that the obtuse miss it altogether and think she is anodyne, simplistic, old-fashioned. (Nicola Beauman)

Inzwischen sind aber dankenswerterweise mehrere ihrer Bücher bei Persephone Books neu aufgelegt worden, u. a. auch ihr fünfter Roman The Priory, der ursprünglich 1939 erschienen ist. Er beginnt mit den Sätzen:

It was almost dark. Cars, weaving like shuttles on the high road between two towns fifteen miles apart, had their lights on. Every few moments, the gates of Saunby Priory were illuminated. Every few moments, to left or to right, the winter dusk was pierced by needle points of light which, rushing swiftly into brilliance, summoned the old gateway like an apparition from the night and, passing, dispelled it.

The gates were from time to time illuminated, but the Priory, set more than an mile behind them, was still dark. To the stranger it would have appeared deserted. It stood in dark bulk, with a cold glitter of water beside it, a cold glitter of glass window when clouds moved in the sky. The west front of the Priory, built in the thirteenth century for the service of God and the poor, towered above the house that had been raised alongside from its ruins, from its very stones. And because no light showed from any window here, the stranger visiting Saunby at this hour, would have concluded that the house was empty.

Man ahnt, das große Herrenhaus ist alles andere als unbewohnt. Saunby ist der Wohnsitz des verwitweten ca. fünfzigjährigen Major Marwood, seiner egozentrischen Schwester Victoria und seiner zwei Töchter Christine und Penelope. Die Zeiten sind hart, auch deshalb, weil Marwood ein miserabler Gutsherr ist, der sich nicht darum schert, dass sein Schuldenberg bald kaum noch abzutragen sein dürfte.

In the summer, while there was cricket, the Major was happy enough. But in the winter he had too much time to think and thinking depressed him. He was depressed today. (S. 17)

Das Einzige, was Marwood wirklich interessiert und wofür er das Geld ausgibt, das er strenggenommen gar nicht hat, ist Cricket.

Aus diesem Grund muss sich auch Thompson, ein guter Cricketspieler und der Schwarm aller Dienstmädchen, trotz der finanziell prekären Lage zunächst keine allzu großen Sorgen um seinen Arbeitsplatz bei Major Marwood machen.

Doch als der Haushalt unter der gleichgültig-exzentrischen Victoria immer mehr zu verwahrlosen droht, beschließt Marwood noch einmal zu heiraten. Anthea, 14 Jahre jünger als der Major, kann ihr Glück zunächst kaum fassen. Doch ihre Illusionen sind nicht von langer Dauer und als Anthea – zum Entsetzen des Majors – schwanger wird, ändert sich ihre mausgraue Unterwürfigkeit. Für ihre Zwillinge fängt sie an zu kämpfen, was das ganze Gefüge auf Saunby ins Wanken bringt.

Die Schwestern Penelope und Christine, beide im heiratsfähigen Alter, haben so eine miserable Schulbildung genossen, dass jeder Versuch, den eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten, zum Scheitern verurteilt wäre. So bleibt ihnen nur, entweder zu heiraten oder für immer in Saunby als ungeliebte Töchter der neuen Stiefmutter zu versauern.

Da kommt zu einem der von Major Marwood organisierten Cricket-Wettkämpfe der hübsche Spieler Nicholas Ashton, Sohn wohlhabender Eltern, und verliebt sich in Christine. Doch wer meint, hier käme nun ein kitschiges Happy-End, der irrt gewaltig. Die Handlung nimmt jetzt noch einmal richtig Fahrt auf.

Besonders gefiel mir, dass der Blick der Erzählerin nicht nur auf den gesellschaftlich Bessergestellten ruht, sondern genauso auf den Bediensteten, wie zum Beispiel der reizenden, aber unglücklich verliebten Bessy, und deren Arbeitsbedingungen.

For half an hour she [Bessy] despised Thompson with fierce joy. She was angry with him and anger is a grand cure for love if you can only keep it up. Bessy kept it up for half an hour, during which she cleaned windows with great vigour. But when they were done, she wept. It didn’t matter whether he was worth bothering about or not. It didn’t matter what he was. She loved him. (S. 130)

Ich habe The Priory unglaublich gerne gelesen. Die Personen kommen so frisch und lebendig daher, die einen mag man, die anderen mag man weniger, dann verschiebt sich das Bild, neue Facetten werden sichtbar. Und ich verstand danach besser, was all die Kritiker meinen, wenn sie sagen, dass Whipple über alltägliche, über durchschnittliche Menschen schreibe. Es gibt keine Helden und Prinzessinen mehr. Fast befürchtete ich, mich für keine der Romanfiguren wirklich erwärmen zu können, was sich im Laufe der Lektüre allerdings änderte. Die Charaktere werden dreidimensional und ihre Entscheidungen, die zum Teil katastrophale Folgen haben, werden nicht einfach durch ein Happy-End glattgebügelt.

Außerdem sind Bücher von Whipple wie eine kleine Zeitreise: Gesellschaftliche Umwälzungen sorgen dafür, dass traditionelle Rollenzuschreibungen brüchig werden, ohne dass neue Modelle sofort an ihre Stelle treten könnten. Und immer geht es auch – ganz ohne erhobenen Zeigefinger – um die zeitlosen Fragen: Was sind die Werte, die einem wichtig sind? Wie will oder sollte man mit seinen Mitmenschen umgehen?

Darüber hinaus war die Lektüre wie bei einem guten Krimi. Ich wollte wissen, wie es weitergeht, und habe abends viel zu lange gelesen. Kurz, anspruchsvoller als ein reiner Schmöker, doch auch keine Weltliteratur. Salley Vickers, die britische Schriftstellerin, hat deshalb diesem Roman die Wiederentdeckung als „a minor classic“ gewünscht.

Anmerkungen zur Rezeption der Autorin

Als in den siebziger und achtziger Jahren Neuauflagen mehr oder weniger vergessener Autorinnen auf ein größeres Interesse hoffen konnten,  stieß Whipple keineswegs überall auf verlegerische Begeisterung. Carmen Calill, die 1973 Virago Press gründete, äußerte sich in einem Artikel im Guardian 2008 sehr abfällig:

For some years I chose all the Classics, but as time went by first Alexandra Pringle and then Lynn Knight […] joined me, to form a trio that read everything. We had a limit known as the Whipple line, below which we would not sink. Dorothy Whipple was a popular novelist of the 1930s and 1940s whose prose and content absolutely defeated us. A considerable body of women novelists, who wrote like the very devil, bit the Virago dust when Alexandra, Lynn and I exchanged books and reports, on which I would scrawl a brief rejection: „Below the Whipple line.“

Doch inzwischen gehört Whipple zu den Bestsellern bei Persephone und Harriet Evans stellt in ihrem Vorwort zu Because of the Lockwoods, einem weiteren Roman Whipples, die Frage, warum Whipple nicht bekannter sei.

Why has she been so neglected, when every time someone picks her up for the first time they almost always become a fan? […] Why is she not acclaimed more widely, when so many of her contemporaries are still in print? […] the case does need to be made for Dorothy Whipple’s entry into the pantheon of great British novelists of the twentieth century. (S. vi)

Schließlich war Whipple in der ersten Hälfe des letzten Jahrhunderts eine auch von der Kritik anerkannte Schriftstellerin, doch soweit mir bekannt ist, gibt es bis heute keine Übersetzungen ins Deutsche, und das, obwohl J. B. Priestley in ihr gar die Jane Austen des zwanzigsten Jahrhunderts sah, womit er recht und unrecht zugleich hat.

Whipples Sprache hat nicht das Leuchtende, das Brillante. Sie wirkt behäbiger und umständlicher, manchmal erklärt der allwissende Erzähler zu viel, anstatt darauf zu vertrauen, dass die Leserin/der Leser auch allein die richtigen Schlüsse aus dem Gesagten ziehen kann.

Gleichzeitig traut sich Whipple viel näher an die egozentrischen, boshaften, ja kriminellen oder sogar gewalttätigen Menschen heran, als dies Austen in ihren Romanen je getan hat. Und das Ende ihrer Geschichten ist viel verhaltener als bei Austen, nicht immer kommen die Liebenden zusammen, manchmal heiraten die Falschen und vor allem: Ihre Hauptpersonen gehören nicht automatisch zu den oberen Zehntausend.

Evans macht nun mehrere Gründe für Whipples Dahindümpeln in der zweiten oder gar dritten Reihe aus: Nicht nur die Titel ihrer Bücher seien heutzutage zu wenig marktschreierisch, auch ihre Sujets, die Geschichten ganz normaler, gewöhnlicher Familien, würden zu rasch als banal, überholt und nicht interessant genug verunglimpft.

Und vermutlich sei es Whipple zum Verhängnis geworden, dass sie so lesbar schreibe, regelrechte Schmökerqualitäten habe:

Then there is the readability factor: perhaps that is what mostly damages her reputation, the fact that she is so damned unputdownable. The thinking is the same as it has been for years: shouldn’t real literature be hard to read? (S. xi)

Dabei werde übersehen, welche Vorzüge gerade diese Autorin auszeichneten, die Romane geschrieben habe, die mit ihrer klaren, eleganten Prosa und dem Blick fürs Detail etwas ganz Eigenständiges und Unverwechselbares seien. Aber vor allem seien ihre Bücher wie ein Spiegel:

showing good and bad, light and dark and, crucially, the lives of normal people, where she makes the ordinary extraordinary. (S. vii)

Selbst Christopher Fowler nahm Dorothy Whipple im Independent in seine Reihe der Forgotten Authors auf, begrüßte die – im Übrigen sehr geschmackvoll gestalteten – Neuausgaben bei Persephone Books und kam zu dem Fazit:

Is it possible to read books like these now and still find pleasure in them? Absolutely, because our emotional centres remain unchanged, so Whipple’s novels and short stories are as valid as they ever were.

Oss Kröher: Das Morgenland ist weit (1997)

Die hinreißenden Erinnerungen von Oss Kröher an eine nie mehr zu wiederholende Reise mit dem Motorrad beginnen mit den Sätzen:

Es war am Vormittag des 15. März 1951 in der Stadt Pirmasens, als vor dem Hause Klosterstraße 29 – unweit der Horebschule – ein kleiner Volksauflauf entstand. Die Menge umringte ein schier vorsintflutliches NSU-Motorrad, Baujahr 1928, das wundersamerweise den Krieg überlebt hatte und auf dem zwei abenteuerlich gewandete Gestalten saßen. Seitlich angekoppelt war ein heillos überladener Beiwagen, auf dessen Bug ein Schild mit der Aufschrift „Germany – India“ prangte. (S. 17)

Oss (eigentlich Oskar) Kröher (1927 – 2019) und sein Freund Gustav Pfirrmann brechen also im Frühjahr 1951 auf, um mit einem alten Motorrad samt Beiwagen bis nach Bombay in Indien zu fahren. Eine Reise, die fast anderthalb Jahre dauern wird.

Ihr Plan, die Haushaltskasse durch Vorführungen zu finanzieren, geht auf, und zwar spektakulärer, als sie das selbst erwartet hätten. Dabei ist Gustav für Zauberkunststücke und das Feuerschlucken zuständig, während Oss Volkslieder und Schlager samt Gitarrenbegleitung zu Gehör bringt. Immer wieder gewünscht vom Publikum wurde übrigens Lili Marleen.

Ich mußte es noch oft anstimmen, aber im ‚Arizona‘ über den Dächern von Damaskus sang ich es erstmals öffentlich. Vielleicht war mein Ausdruck deshalb so überzeugend, weil ich noch als Teenager an die Front gekommen war und nur durch außergewöhnliche Umstände das Kriegsende, wenn auch leicht lädiert, überlebt hatte. (S. 234)

Mit jugendlichem Überschwang nehmen sie es hin, dass sie schließlich sogar vom ersten indischen Premierminister Jawaharlal Nehru eingeladen werden.

Sie „fressen Staub“, „schlachten“ unzählige Wassermelonen, kämpfen mit Läusen, müssen so ziemlich alles reparieren, was an einem Motorrad kaputtgehen kann, schleppen bis zum Schluss zwei Feldbetten mit, freuen sich an der Schönheit der Menschen, der Moscheen und an den überwältigenden Natureindrücken. Sie fahren und spazieren mit offenem Blick durch die Natur, die Basare, Bars, Hurenviertel und Villen.

Mit der aufkommenden Nacht fuhren wir in eine Schlucht hinein, deren Felsblöcke sich zu beiden Straßenseiten die steilen Hänge emportürmten. Acht Kilometer rollten wir durch diese düstere Felsenwildnis aus geborstenen Säulen und Mauerresten der Antike, durch dies Niemandsland. Immer dunkler fiel die Nacht, immer steiler stieg die Straße zwischen den Zyklopenfelsen. Eine Eule flog lautlos vor uns her, und neben uns flüchtete ein Schakal in das Geröllfeld. Da hielten wir an und blickten ihm  nach, bis er auf dem Grat vor dem Nachthimmel noch einmal stehenblieb, zu uns herunterlugte – und dann verschwand. Kurz danach sperrte der syrische Schlagbaum die Straße. Der Grenzpolizist trug Khaki und begrüßte uns auf Französisch. Er hob den Schlagbaum und öffnete uns die Grenze. Wir waren in Syrien. (S. 210)

Sie geraten in Stürme, werden das Opfer von Sabotage, doch genauso werden sie vom Hauslehrer eines Scheichs eingeladen, der ihnen stolz seinen Wagenpark von fünfzehn Luxusfahrzeugen präsentiert, während seine Pächter wie Leibeigene leben.

Die beiden kommen einer Python ziemlich nah, geben in Bagdad Radio-Interviews und bewundern archäologische Kostbarkeiten, wie z. B. Ktesiphon, die Behistun-Inschrift oder die Ruinen von Babylon. Die Reisegefährten werden, wenn auch unbeabsichtigt, Zeuge der Bestattungsriten der Parsen, die die Leichen der Verstorbenen in den Türmen des Schweigens den Vögeln zum Fraß überlassen.

Sie hören Deutsch an den überraschendsten Stellen und ein Afghane überrascht sie mit seinem rheinischen Dialekt. Daneben gewinnen sie Freunde, mit denen sie z. T. Jahrzehnte später noch Kontakt halten, und erleben – gerade auch durch die Musik -, wie Menschen sich über Länder- und Sprachgrenzen hinweg verständigen und respektieren können.

Die lange Reise hatte uns unmerklich aufgeschlossen und bescheiden gemacht. Die Überheblichkeit unserer Jugend war der Achtung vor fremden Verhaltensweisen gewichen, und wir hatten gelernt uns der Ausstrahlung fremder Kulturen bereitwillig hinzugeben. (S. 493)

So sollte man reisen.

Was für ein großartiges Buch (und nein, ich fahre nicht Motorrad). Am liebsten möchte ich gleich wieder mit der Lektüre von vorn beginnen, habe ich doch die Fülle an Geschichten, befremdlichen und herzerwärmenden Eindrücken und skurrilen und gastfreundlichen Begegnungen und Informationen beim ersten Mal wie einen Abenteuerschmöker genossen.

Einmal [kurz vor Delhi] tauchte sogar eine Sänfte auf. Wir hatten uns gerade im Schatten niedergetan, als die vier Träger langsam näherkamen. Einer von ihnen mußte den Passagier darin auf uns hingewiesen haben, denn der Vorhang wurde zurückgezogen, und das Antlitz eines zwölfjährigen Knaben sah uns an. Über den dunklen Augen und der Bronzehaut der Stirn leuchtete der weiße Turban aus Seide, und mit anmutiger Geste hielt die Knabenhand den Vorhang gerafft. So zog die Sänfte fast lautlos an uns vorbei, denn die vier halbnackten Träger gingen barfuß; dann verschwand sie hinter uns im Schatten der dichtbelaubten Alleebäume. (S. 504)

Und – zu meiner Verblüffung – zeigt sich, dass eine solide Kenntnis der Bücher von Karl May damals aus Fremden rasch Vertraute machen konnte.

Daneben kann man das Buch auch zum Anlass nehmen, etwas über die bereisten Länder (Italien, Griechenland, Türkei, Syrien, Irak, Iran, Afghanistan, Pakistan und Indien) zu lernen. Oss Kröher spickt seine Erinnerungen nämlich mit vielen Informationen zur Geschichte, den heiligen Stätten, der Literatur und Kultur.

Dann aber, im Mongolensturm des Jahres 1258, büßte Bagdad seine Macht und Größe ein. Das arabische Reiterheer versank vor den Mauern der Stadt in Blut und Tod, als die mongolischen Bogenschützen auf ihren struppigen Ponies wie ein todbringendes Schicksalsrad das gelähmte Heer der Araber galoppierend  umkreisten und so lange mit Pfeilen überschütteten, bis sich nichts mehr rührte. Dann wurde die ehemals strahlende Märchenstadt von den Steppenreitern geplündert, verwüstet und verbrannt. Aus den Schädeln der Toten bauten sie eine Pyramide zum eigenen Ruhm. In unseren Geschichtsbüchern steht kaum etwas davon geschrieben. (S. 280)

Und während man dieses Zeitzeugnis liest, kann man ganz trübsinnig werden, weil ein Großteil mancher dieser Länder nun in Trümmern liegt, so dass in Vergessenheit zu geraten droht, welch Jahrtausende alte Kultur, Architektur, Literatur etc. da gerade zu einer Mondlandschaft zerbombt wird. Unser eurozentrischer Blick kommt an mehr als einer Stelle ordentlich an seine Grenzen.

In Hochstimmung näherten wir uns der ersten arabischen Stadt – es war Aleppo, im Norden Syriens. […] Ob Eselsgespann, Pferdekutsche oder amerikanische Straßenkreuzer mit Glitzer und Chrom; ob Omnibusse, die mit Landschaftsbildern bemalt waren, aber dafür keine Fensterscheiben hatten – wegen der Tageshitze -, ob tiefverschleierte Frauen oder europäisch gekleidete, sie alle waren offenbar emsig beschäftigt, und die Stadt atmete pulsierendes Leben. (S. 212)

Gleichzeitig zeigen Kröhers Erinnerungen, dass die ungeheuerliche, hoffnungslose Armut und die geringe Alphabetisierungsrate der Massen in Kombination mit dem selbstherrlichen Wüten der Kolonialmächte und den wirtschaftlichen Interessen des Westens schon lange ein explosives Gemisch gewesen sind. Ich war jedenfalls überrascht, wie viele westliche Ingenieure die beiden auf ihren Reisen getroffen haben und wie die zwei jungen Deutschen meist freundlich aufgenommen wurden, eben weil sie nicht zu den verhassten Kolonialmächten gehört hatten.

Heute, im letzten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts, könnten wir unsere bunte und friedliche Motorradreise von damals keinesfalls wiederholen. (S. 224)

Ich wäre auch noch länger mit an Bord geblieben, dabei hat das Buch schon 662 Seiten. Die Informationen über die Vorgeschichte des Unterfangens und über die beiden Freunde selbst hätten gern noch ausführlicher sein können und – ein bisschen Meckern muss erlaubt sein – ich hätte mich über noch mehr Fotos gefreut.

Und nach dem Lesen beziehe ich den Titel nicht mehr nur auf die vielen tausend Meilen zwischen Pirmasens und Bombay, sondern lese ihn auch so: Das Morgenland ist von großer und fast unvorstellbarer Weite und Vielfältigkeit.

Und wer wissen will, was die beiden jungen Männer auf ihrer langen Reise am tiefsten berührt hat, was sie mit Eleanor Roosevelt zu tun hatten, welche Fehler man lieber nicht machen sollte und auf welch geradezu märchenhafte Art und Weise Oss die Heimreise nach Deutschland angetreten hat, der muss das Buch nun doch noch selbst lesen.

Wir ließen die Hafenstadt hinter uns und fuhren in das Amanosgebirge hinauf. Da kamen uns Zigeuner entgegen mit Kind und Kegel, ihre armselige Habe war auf einem Maulesel-Karren verstaut. Pfannen und Töpfe hingen an den Seiten, und die Frauen trugen durchwegs lange, weite Röcke, unter deren rotbunten Falten die Barfüße herauslugten. Die rotznäsige Kinderschar, halbnackt und in zerlumpten Turnhosen, versuchte bei uns zu betteln, aber wir hielten nicht an. Einer der Männer, in längsgestreifter Pyjamahose und ärmelloser Weste, führte einen zottigen Braunbären an einer Nasenkette. (S. 207)

Anmerkungen

Oss Kröher trat übrigens später – zusammen mit seinem Zwillingsbruder Hein – jahrzehntelang als Liedermacher und Volksliedsänger auf. Hannes Wader sagte einmal über die beiden, dass er viele Volkslieder erst durch die Brüder kennengelernt habe.

Ein Literaturtipp, der sich aus dem Buch ableitet, wäre Die vierzig Tages des Musa Dagh (1933) von Franz Werfel.

Den Hinweis auf Das Morgenland ist weit verdanke ich Stefan von Lichtgewimmel. Also Danke für einen wunderbaren Tipp; ich kann jetzt verstehen, weshalb du damals das Buch vor der Buchapokalypse retten wolltest.

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Joseph O’Connor: Star of the Sea (2002)

All night long he would walk the ship, from bow to stern, from dusk until quarterlight, that sticklike limping man from Connemara with the drooping shoulders and ash-coloured clothes. The sailors, the watchmen, the lurkers near the wheelhouse would glance from their conversations or their solitary work and see him shifting through the vaporous darkness; cautiously, furtively, always alone, his left foot dragging as though hefting an anchor.

So anschaulich und an die Erzähltraditionen des 19. Jahrhundert erinnernd beginnt der Roman The Star of the Sea des irischen Schriftstellers Joseph O‘Connor (und Bruders von Sinéad O’Connor). 2004 erschien die Übersetzung der ca. 400 Seiten von Manfred Allié und Gabrielle Kempf-Allié unter dem Titel Die Überfahrt.

Das in die Jahre gekommene Passagierschiff Star of the Sea (= Stella Maris; Bezeichnung für die Jungfrau Maria) ist 1847 unterwegs von Queenstown (Irland) nach New York. An Bord befinden sich laut den akribischen Aufzeichnungen des wackeren Kapitäns Lockwood folgende Personen:

We have thirty-seven crew, 402 1/2 ordinary steerage passengers (a child being reckoned in the usual way as one half of one adult passenger) and fifteen in the First-Class quarters or superior staterooms. Among the latter: Earl David Merredith of Kingscourt and his wife the Countes, their children and an Irish maidservant. Mr G.G. Dixon of the New York Tribune: a noted columnist and man of letters. Surgeon Wm. Mangan, M.D. of the Theatre of Anatomy, Peter Street, Dublin, accompanied by his sister, Mrs Derrington, relict; His Imperial Highness, the potentate Maharajah Ranjitsinji, a princely personage of India; Reverend  Henry Deedes, D.D., a Methodist Minister from Lyme Regis in England (upgraded); and various others. (S. 3)

Was hier zunächst so spröde aufgezählt wird, entfaltet bald eine unglaubliche Wucht, denn die Schicksale mehrerer Passagiere sind miteinander verknüpft oder werden sich im Laufe der Reise miteinander verknüpfen, nicht immer zum Guten. Schließlich geschieht sogar ein Mord.

Im Zentrum stehen mehrere Passagiere der ersten Klasse, während die über 400 Menschen, die ihr letztes Geld für die Überfahrt ausgegeben hatten, ständig Hunger haben und im überfüllten, stinkenden, lauten und Krankheiten befördernden Zwischendeck hausen, bis auf wenige Ausnahmen keine aktive Rolle spielen. Aber indirekt erfahren wir doch viel über sie, z. B. wenn der Kapitän in seinen Aufzeichnungen, die sich mit denen des amerikanischen Reporters Dixon abwechseln, berichtet, welche Passagiere den Tag nicht überlebt haben und dem Meer und der Gnade Gottes anbefohlen werden mussten.

Fast alle Auswanderer – egal ob erste Klasse oder Zwischendeck – müssen ihre Heimat wegen der Großen Hungersnot verlassen. Die Große Hungersnot in Irland zwischen 1845 und 1852 (the Great Famine) wurde ausgelöst durch mehrere Kartoffelmissernten in Folge und die zynische Laissez-faire-Haltung der britischen Regierung, die dafür sorgte, dass gerade während der katastrophalen Hungerjahre so viel Weizen aus Irland exportiert wurde wie nie zuvor (weil die überwiegend britischen Großgrundbesitzer damit gut Geld machen konnten).

Infolge der Hungersnot starben eine Million Menschen, etwa zwölf Prozent der irischen Bevölkerung. Zwei Millionen Iren gelang die Auswanderung (Wikipedia).

Ein weiterer Faktor war die grausame und unbarmherzige Vertreibung der Kleinpächter von ihrem Land, weil sie die Pacht nicht länger aufbringen konnten. Wer „Glück“ hatte, konnte irgendwie noch die Überfahrt nach Amerika bezahlen, wo sie dann keineswegs mit offenen Armen empfangen wurden. Viele andere verhungerten.

Zwischenzeitlich scheint die Handlung  auf der Stelle zu treten, denn in mehreren langen Rückblenden werden uns erst einmal die einzelnen Lebensgeschichten der Hauptpersonen erzählt, bevor wir wieder auf die Star of the Sea zurückkehren, doch das stört überhaupt nicht.

Selbst dass manche Charaktere nicht mit so ganz tolstoifeinem Blick gezeichnet werden, war egal. Ich habe schon lange nicht mehr so einen packenden und bewegenden Roman gelesen, der eine ganze Gesellschaft in den Blick nimmt. Öfter fühlte ich mich an Charles Dickens erinnert (der sogar seinen eigenen Auftritt in der Geschichte hat), nur ohne den Kitsch und ohne den Klamauk. Auch wie das in die Jahre gekommene Schiff selbst zu leben scheint, stöhnt und ächzt, sich durch Stürme kämpft, Ratten, Not und menschliche Schicksale beherbergt, war großes Kino.

Vor allem durch die Einbettung der Geschichte in die Große Hungersnot in Irland öffnet sich der Blick auf einen wichtigen Moment der irischen Geschichte, ja der Menschheit insgesamt. Was für eine Not, was für eine Traurigkeit und – wie leicht das Wegschauen fiel. Was vorher nur ein paar Schlagworte aus der Geschichte waren, bekam plötzlich eine Tiefenschärfe, eine menschliche Dimension. Was für ein Trauma das für Irland bedeutet und welcher Hass sich da entwickelt haben muss, wurde auf einmal sehr nachvollziehbar.

Heute machen sich wieder Menschen auf, um Hungertod und Krieg zu entkommen. Wieder in überfüllten Booten. Skrupellosen Schleusern ausgeliefert. Und falls sie überhaupt irgendwo ankommen und nicht schon unterwegs ertrunken, erstickt oder sonst wie zu Tode gekommen sind, müssen sie sich in Flüchtlingsheimen fürchten und sehen sich u. U. einem pöbelnden Mob gegenüber, der von irrationalen Ängsten und Hass getrieben ist. Wie viel weiter als damals sind wir eigentlich gekommen?

Dixon, der amerikanische Journalist, der selbst von den Einkünften einer Plantage profitiert, will jedenfalls nicht länger dazu schweigen:

Nothing hat prepared him for it: the fact of famine. The trench-graves and screams. The hillocks of corpses. The stench of death on the tiny roads. The sunlit, frosted mornings he had walked alone from the inn at Cashel to the village of Carna – the sun shone, still, in this place of extinguished chances – and found three old women fighting over the remains of a dog. The man arrested on the outskirts of Clifden accused of devouring the body of his child. The blankness on his face as he was carried into the courtroom, not being able to walk with hunger. The blankness when he was found guilty and carried away. […] Dixon had no words for it. Nobody did.

And yet could there be silence? What did silence mean? Could you allow yourself to say nothing at all to such things? To remain silent, in fact, was to say something powerful: that it never happened: that these people did not matter. They were not rich. They were not cultivated. They spoke no lines of elegant dialogue; many, in fact, did not speak at all. They died very quietly. They died in the dark. (S. 130)

Hugh Walpole: Rogue Herries (1930)

A little boy, David Scott Herries, lay in a huge canopied bed, half awake and half asleep. He must be half awake because he knew where he was – he was in the bedroom of the inn with his sisters, Mary and Deborah; they were in the bed with him, half clothed like himself, fast sleeping. Mary’s plum naked arm lay against his cheek, and Deborah’s body was curled into the hollow of his back and her legs were all confused with his own. He liked that because he loved, nay, worshipped his sister Deborah.

So beginnt Rogue Herries (1930), ein Trumm von einem Buch mit schlappen 736 Seiten, der erste von vier Bänden der opulenten Familiensaga des heute kaum noch gelesenen Schriftstellers Hugh Walpole.

Um das Jahr 1730 bezieht die Familie Herries ein altes, vernachlässigtes Gutshaus im Lake District in der Nähe von Keswick, das sich seit Generationen in Familienbesitz befindet und ebenfalls Herries genannt wird. Da wären zum einen der Vater Francis Herries, ein schöner Mann und unverbesserlicher Womanizer, ein Eigenbrötler und Tyrann, und seine ihn vergötternde Gattin Margaret, deren Ergebenheit ihm zuwider ist, auch wenn er ihre Mitgift wie selbstverständlich über die Jahre verschleudert.

Die beiden haben drei Kinder, Mary, Deborah und David. Nur zu dem Jungen hat Francis eine gute Beziehung und auch David liebt seinen wilden und unberechenbaren Vater von ganzem Herzen, obwohl sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Im Gefolge der Familie befindet sich aber – abgesehen von zwei Dienstboten – auch noch Alice Press, die aktuelle Geliebte von Francis. Für den äußeren Schein ist sie offiziell das Kindermädchen.

Als Alice anfängt, Francis auf die Nerven zu gehen, weil er so lange schon nicht mehr mit ihr geschlafen hat, verweist er sie kurzerhand des Hauses. Als sie sich weigert, die Familie zu verlassen, und es zu einem Treffen auf einem Jahrmarkt kommt, verkauft er sie – zumindest symbolisch – kurzerhand an den Meistbietenden. Spätestens da ist allen Leuten sowohl in Rosthwaite als auch in Keswick, wo die feineren Verwandten wohnen, klar, dass man Francis und seiner Familie besser aus dem Weg geht. Fortan heißt er nur noch Rogue Herries und ist ein gesellschaftlich Geächteter.

Allerdings könnte nichts ihm gleichgültiger sein. Francis ist sich selbst genug und erkundet die Täler und Berge und jeden Weg in seiner neuen Heimat, er verfällt der einzigartigen Landschaft des Lake District und weiß, dass er nie wieder woanders leben will.

Gleichzeitig prügelt er seinen Pferdeknecht blutig, treibt sich mit seinen Saufkumpanen herum und vernachlässigt seine Familie. Aber er weiß er um seine Natur, seine Verdorbenheit und ein immer wiederkehrender Traum erinnert ihn an seine Sehnsucht nach etwas Höherem, Reinem, nach etwas, dem sich seine starke Natur hingeben kann.

Und genau das passiert. Er sieht irgendwann die Frau, von der er sofort weiß, dass er sie bis zum Tode lieben wird, Miranda Starr. Diese Liebe wird sein Leben auf eine Art und Weise aus den Angeln heben, die weder er noch die Leserinnen und Leser für möglich gehalten hätten.

So folgen wir nun den Geschicken der einzelnen Familienmitglieder und einiger Verwandter über viele Jahrzehnte, wobei die Fäden immer wieder zurück zu Francis, der Hauptfigur, führen, über den sein eigener Bruder sagt:

‚There is a wild loneliness in his spirit that no one can reach.‘ (S. 182)

Eine für 1930 schon ganz und gar aus der Zeit gefallene Mischung aus Charles Dickens, Wuthering Heights und romantischem Schauer- und Abenteuerroman, der auch die geschichtlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sichtbar macht. Irgendwann sind wir sogar mitten in den Wirren um Charles Edward Stuart (Bonnie Prince Charlie), der mit seinen jakobitischen Anhängern 1745 Carlisle besetzt und versucht, die Krone für die Stuarts zurückzuerobern.

Haarsträubende Wendungen, unmotivierte historische Einsprengsel und Unglaubwürdigkeiten, dazu ein Schreibstil, den selbst ihm wohlgesonnene Kritiker als „sloppy“ bezeichnen. Walpole war bekannt dafür, drauflos zu schreiben und seine Texte nicht mehr zu überarbeiten, weil er viel lieber schon die neuen Geschichten aufschrieb, die ihm im Kopf herumschwirrten.

Und als Leser wünscht man sich dringend, dass er gekürzt, gestrichen, gerafft hätte, es hätte dem Buch und seiner innewohnenden Spannung sicherlich gut getan. Und wie schrieb The Quivering Pen so nett: „and he never turned away an adjective begging to be written.“

Doch wäre das alles, hätte ich wohl kaum die über 700 Seiten durchgehalten. Was also hielt mich bei der  Stange und sorgte letztendlich eben doch für ein großes Lesevergnügen?

Walpole schreibt so herzhaft, dass es eine Freude ist:

With his long protruding chin his face had the shape of a yellowpointed shoe, and his eyebrows looked as though they were made of horsehair and fastenend on with glue. (S. 498)

Und die Beschreibung eines Fußballspiels, bei dem bis zu 200 kampfeslustige Männer aus unterschiedlichen Dörfern gegeneinander antreten, war so anschaulich und aufregend, als wäre Walpole selbst dabei gewesen. Ein Rezensent hat deshalb seine Geschichten als Gute-Nacht-Geschichten für Erwachsene bezeichnet, da Walpole im Grunde ein (mündlicher) Erzähler gewesen sei.

Ich las das Buch während unseres Urlaubs im Lake District. Mit Walpole, der von 1924 bis zu seinem Tod 1941 neben seiner Wohnung in London auch ein Haus sechs Meilen von Keswick entfernt besaß und sich in die Gegend verliebt hatte, fand ich einen Gesinnungsgenossen in der Faszination für diese Landschaft. Mit Rogue Herries ist Walpole eine Hommage an ein Fleckchen Erde gelungen, die diejenigen sofort nachvollziehen können, die ebenfalls von diesem Virus befallen sind.

Der heutige Blick auf die wunderbare Landschaft mit ihren pittoresken Orten wurde durch die im 18. Jahrhundert angesiedelte Handlung nach und nach mit einer weiteren Dimension versehen. Plötzlich sah ich in hinter den – gerade zur Hauptsaison überfüllten und beengten – Marktstädtchen und herausgeputzten Dörfern und den einsam gelegenen Farmen Armut, Menschenleere, Krankheiten, karge und schmutzige Lebensbedingungen hervorschimmern und statt Kino und Bootstouren geisterten mir Hundekämpfe, Wrestling, Hahnenkämpfe und Bullenbeißen durch den Kopf oder Märkte mit allerlei zwielichtigen Gestalten, fahrendem Volk und Aberglaube sowie brutale Klassenschranken.

It was not so much that English society in the middle of the eighteenth century was snobbish, as that the members of it simply felt that those who were not members of it were not human. It was easy enough. A man who was not a gentleman was hanged for stealing a sheep or whipped at the public stocks until the blood ran, or a child would be imprisoned in a jail too filthy for rats for stealing a loaf of bread, or a woman who was not a lady would suffer the grossest of public indignities for no reason other than that she answered her mistress impertinently. (S. 613)

Darüber hinaus ist Walpole tatsächlich ein großartiger Geschichtenerzähler. Er hat selbst gewusst, dass seine Art des Erzählens im Gegensatz zu der zu seiner Zeit modernen Literatur stand, was ihn nicht daran gehindert hat, mit Virginia Woolf, Henry James und anderen gut befreundet zu sein. Trotzdem hat er darauf beharrt, dass eine gute Geschichte eine sei, bei der man unbedingt wissen wolle, wie es weitergeht. Und genau das hat er hier auch geschafft, trotz der Ausuferungen, Melodramatik und mancherlei Unwahrscheinlichkeiten.

Und: Ich glaube ihm seine wilden Geschichten, denn sie werden mir mit so viel Begeisterung erzählt und seine Charaktere sind – in der Welt dieses Romans – trotz allem in sich stimmig.

But the devil was always around the corner with a remarkable knowledge of each individual’s weakness. (S. 644)

Wir verstehen die Unterwürfigkeit Margaretes, der Frau von Herries, und genauso verstehen wir, warum ihn gerade das so abstößt.

It was the most aggravating thing that she could have said. It called up in its train a thousand stupidities, placidities, nervousnesses, follies, that had, in their time, driven him crazy with irritation. Never a mind of her own, always this maddening acquiscence and sentimental fear of him. He drew his hand away. (S. 55)

Walpole schildert Menschen so, wie sie sind, manchmal mit einem freundlichen Schuss Bosheit, aber immer mit viel Anteilnahme. Über Pomfret, einen der Brüder von Francis, heißt es:

He was sixty-seven years of age now, a tun of a man with a floating hulk of a belly, and he was lonely as perhaps were all men of sixty-seven. Only with horses and dogs and a drinking parson and a swearing friend or two, killing, hunting those animals that he yet so dearly loved, only thus might he for a driving hour cheat himself of his loneliness. (S. 263)

Ja, als ich auf Seite 736 angekommen war, war ich froh zu wissen, dass der zweite Ziegelstein aus der Herries-Serie Judith Paris bereits sicher im Urlaubsgepäck verstaut war.

Anmerkung

Hier geht’s lang zu dem Beitrag The Walpole Chronicle von Eric Robson auf BBC 4.

Grevel Lindop bringt es am Ende seiner fairen Besprechung auf den Punkt:

As for Herries, there will be places in these massive blocks of paper where everyone will want to skip. But Walpole’s ham-fisted, messy and eccentric attempt at the Great Lakeland Novel still deserves to be read. The episodes – by turns gracelessly ornate and bleakly brilliant – remain often weirdly enthralling and memorable, their sheer self-indulgence a guilty pleasure for the reader too. In the Herries novels, Walpole confessed, he had allowed himself to be, for the first time in his adult life, ‘what I really am – a little boy telling stories in the dormitory.’

Daphne du Maurier: Rebecca (1938)

Last night I dreamt I went to Manderley again. It seemed to me I stood by the iron gate leading to the drive, and for a while I could not enter, for the way was barred to me. There was a padlock and a chain upon the gate. I called in my dream to the lodge-keeper, and had no answer, and peering closer through the rusted spokes of the gate I saw that the lodge was uninhabited.

Mit diesen sehnsüchtigen Worten beginnt Rebecca von Daphne du Maurier, ein schauerlich-schöner Roman und Schmöker, der seit seinem Erscheinen 1938 ohne Unterbrechung lieferbar ist. Schon 1940 wurde das Buch mit seinen unerwarteten Wendungen und dem geschickten Spannungsaufbau von Hitchcock verfilmt.

In der Ankündigung an ihren Verleger beschrieb du Maurier ihre Romanidee folgendermaßen:

… very roughly the book will be about the influence of a first wife on a second … she is dead before the book opens. Little by little I want to build up the character of the first in the mind of the second … until wife 2 is haunted day and night … a tragedy is looming very close and crash! bang! something happens … it is not a ghost story. (zitiert nach Margaret Forster: Daphne du Maurier, arrow books 1993, S. 132)

Zum Roman

Die Ich-Erzählerin, die inzwischen mit ihrem Mann Maxim irgendwo in einem südeuropäischen Hotel in einem selbstauferlegten Exil lebt, blickt voller Wehmut auf die ersten Monate ihrer Ehe zurück.

I am glad it cannot happen twice, the fever of first love. For it is a fever, and a burden, too, whatever the poets say. They are not brave, the days when we are twenty-one. They are full of little cowardices, little fears without foundation, and one is so easily bruised, so swiftly wounded, one falls to the first barbed word. (S. 37 der schönen Hardcover-Ausgabe von Virago Modern Classics)

Wir erfahren, wie sie als junge mittellose Frau, die ihren Lebensunterhalt als Gesellschafterin einer dümmlich-snobistischen Amerikanerin verdient, den attraktiven Witwer Maximilian de Winter kennenlernt. Maxim ist über 20 Jahre älter, wohlhabend und Besitzer des herrlichen Herrenhauses Manderley irgendwo an der Küste in England. Er scheint Gefallen an der jungen, unerfahrenen und nicht besonders attraktiven Frau zu finden, die zudem schüchtern ist und immer an ihren Fingernägeln kaut, wenn sie nervös ist.

Als sie mit ihrer Arbeitgeberin nach Amerika aufbrechen soll, macht de Winter ihr kurzerhand einen Heiratsantrag, den sie – völlig bezaubert und betört – annimmt. Nach wunderbaren Flitterwochen in Südeuropa kehrt de Winter mit seiner jungen Braut, deren Namen wir nicht erfahren werden, nach Manderley zurück.

Doch mit ihrer neuen Rolle als Herrin eines herrschaftlichen Anwesens ist sie von Anfang an überfordert. Sie weiß nicht, wie sich kleiden, wie mit den Dienstboten umgehen, wie mit ihrem Mann auf Augenhöhe kommunizieren. Alle häuslichen Angelegenheiten werden von der Dienerschaft und der unheimlichen Haushälterin Mrs Danvers mit dem totenkopfähnlichen Schädel geregelt, und zwar im Sinne der verstorbenen Hausherrin Rebecca, die vor knapp einem Jahr bei einem Segelunfall ums Leben gekommen ist. Mrs Danvers hält das Zimmer und die Kleidung Rebeccas wie einen Schrein in perfekter Ordnung. So bleibt der jungen Frau nur ein bisschen zu zeichnen, zu lesen und sich mit dem Cockerspaniel Jasper auf ausgedehnte Spaziergänge zu begeben und sich den afternoon tea unter der großen Kastanie servieren zu lassen.

Scheinbar war Rebecca die Verkörperung aller weiblichen Tugenden: wunderschön, klug, eine charmante Gastgeberin, eine tollkühne Reiterin und erfahrene Seglerin, kurz jemand, der jeden bezauberte, der ihr begegnete. So verstrickt sich die neue Mrs de Winter immer tiefer in Angstfantasien, Eifersucht auf die Tote und die Überzeugung, dass Maxim es bestimmt bereue, sie so überstürzt geheiratet zu haben. Sie spürt genau, dass ihre Ehe nicht auf Ebenbürtigkeit beruht, verhält sich aber genau wie das Kind, als das sie nicht behandelt werden möchte.

I wished he would not always treat me as a child, rather spoilt, rather irresponsible, someone to be petted from time to time when the mood came upon him but more often forgotten, more often patted on the shoulder and told to run away and play. I wished something would happen to make me look wiser, more mature. Was it always going to be like this? He away ahead of me, with his own moods that I did not share, his secret troubles that I did not know? Would we never be together, he a man and I a woman, standing shoulder to shoulder, hand in hand, with no gulf between us? (S. 219 – 220)

Ihre von du Maurier psychologisch feinfühlig gezeichnete Unsicherheit und ihre Ängstlichkeit, auch ihrem Mann gegenüber, verhindern ein offenes Ansprechen ihrer Sorgen, bis es bei einem Maskenball zum Eklat kommt. Danach nimmt die Handlung weiter an Fahrt auf und an (Melo-)Dramatik zu und ich konnte das Buch erst zur Seite legen, als ich wusste, wie es ausgeht.

Du Maurier ist eine überzeugende Balance zwischen der Charakterstudie einer jungen Frau, die erst in der Ehe erwachsen wird, und einer spannenden „gothic romance“ gelungen, die an einigen Stellen sogar dezent witzig ist. Als Beatrice, ihre herzensgute, aber lärmige Schwägerin, ihr von dem Maskenball vorschwärmt, den sie jährlich bei sich zu Hause veranstalten, wird die junge Mrs de Winter leicht nervös:

I had an uneasy feeling we might be asked to spend the approaching Christmas with Beatrice. Perhaps I could have influenza. (S. 201)

Insgesamt sind die Personen eher als Archetypen angelegt: Der Ehemann ein düsterer und – wenn auch nur in seiner Sicht – tragischer Held, die böse Haushälterin, der loyale Butler. Gleichzeitig bleiben Dissonanzen, so dass ich nie das Gefühl hatte, einen eindimensionalen Trivialroman zu lesen. Das liegt vor allem daran, dass die Hauptperson eine Entwicklung durchmacht, die stimmig und glaubwürdig ist.

It seemed incredible to me now that I had never understood. I wondered how many people there were in the world who suffered, and continued to suffer, because they could not break out from their own web of shyness and reserve, and in their blindness and folly built up a great distorted wall in front of them that hid the truth. This was what I had done. I had built up false pictures in my mind and sat before them. I had never had the courage to demand the truth. (S. 309)

SPOILER

Der Leser, die Leserin soll die Perspektive der jungen Frau übernehmen, und es ist verblüffend, wie gut das der Autorin gelingt, bis ich mir die Augen reibe und als Leserin quasi aufwache. Da schimpft das junge Paar auf die Presse und die Journalisten, die die schmutzige Wäsche der de Winters aufdecken und damit den guten Namen Manderley in den Schmutz ziehen, doch hat keinerlei Gewissensbisse, einen Mord unter den Teppich zu kehren.

Kurzum: ein höchst befriedigendes Buch, wenn man gut und spannend unterhalten werden will, auch wenn Sally Beauman in ihrem lesenswerten Nachwort in der Virago Modern Classics-Ausgabe zugibt, dass der Roman von den Kritikern bedauerlicherweise – und zwar zu Unrecht – immer unterschätzt worden sei:

One thing is certain: Rebecca is a deeply subversive work, one that undermines the very genre to which critics consigned it.

Beauman hat übrigens Rebecca’s Tale (2001), eine Fortsetzung zu du Mauriers Buch,  geschrieben. Jetzt müsste man eigentlich gleich im Anschluss mal wieder Jane Eyre von Charlotte Bronte lesen. Und wer den Film sehen möchte, hier geht’s lang.

Zum Weiterlesen

Sabine Friedrich hat in ihrem Beitrag Rebecca: sexistischer Horror eher den Blick auf die Darstellung der verstorbenen Rebecca gerichtet. Und die Besprechung auf schiefgelesen, die den Schwerpunkt auf Maxim de Winter legt, ist großes Kino. Unbedingt lesen.

Zur Biografie du Mauriers von Margaret Forster

Margaret Forster (1938 – 2016), selbst eine renommierte Autorin, hat Daphne du Maurier (1993) geschrieben, eine von der Kritik sehr positiv besprochene Biografie. Diese beleuchtet intelligent und einfühlsam das Wechselspiel zwischen dem Leben der Schriftstellerin und ihren Werken. Interessant beispielsweise die Jugendzeit der Autorin, die in einem sehr begüterten Umfeld aufwuchs. Ihre Familie war u. a. mit Barrie, dem Schöpfer von Peter Pan, und der Familie von Edgar Wallace gut befreundet.

Auch du Maurier hat ihren Mann nach nur drei (!) Monaten des Kennenlernens geheiratet, und war dann – surprise, surprise – verwundert und auch befremdet, dass der Mann einige Seiten hatte, wie z. B. schreckliche Alpträume als Nachwirkungen seiner Zeit als Soldat im Ersten Weltkrieg, von denen sie nichts geahnt hat und die sie auch nicht sonderlich attraktiv fand.

In ihre Werke flossen immer autobiografische Anteile und jeweilige Stimmungen und Fragestellungen ein. In ihrem erfolgreichsten Roman Rebecca beispielsweise hat sie einige ihrer eigenen Eigenschaften auf die zwei weiblichen Hauptfiguren aufgeteilt. Sie war wie Rebecca eine begeisterte Seglerin und sexuellen Erfahrungen gegenüber sehr aufgeschlossen, doch auf der anderen Seite war sie eine so hoffnungslose Hausfrau wie die namenlose Protagonistin. Du Maurier war noch nicht einmal in der Lage, ihrem Baby die Flasche zu geben, als das Kindermädchen Ausgang hatte, und war am Boden zerstört, als sie zum zweiten Mal schwanger wurde. Am liebsten hat sie ihre Kinder bei einem Kindermädchen deponiert. Als ihre Töchter ca. sechs bzw. zwei Jahre alt waren, schrieb sie:

I am not one of those mothers who live for having their brats with them all the time and I sincerely look forward to the time when Flavia and Tessa will be of a decent companionable age. (zitiert nach Margaret Forster, S. 145)

Erst bei ihrem Sohn, dem dritten Kind, empfand sie anders und konnte sich von dem kleinen Kerl kaum trennen. Auch die Repräsentationspflichten, die sie später als Gattin eines hochrangigen Offiziers hatte, haben Daphne mit ähnlichem Abscheu erfüllt wie die zweite Mrs de Winter. Doch gleichzeitig war sie willensstark und vom Luxus verwöhnt wie Rebecca.

Zeitlebens hat du Maurier ihre Bisexualität vor ihrer Familie verschwiegen, an einer immer problematischeren Ehe festgehalten und im Alter unendlich darunter gelitten, dass ihre Kreativität versiegte, da das Schreiben immer auch ein Weg gewesen war, verheimlichte und ungezügelte persönliche Anteile auszuleben.

Der Herrensitz Manderley wurde dem Anwesen Menabilly in Cornwall nachempfunden, den du Maurier aus ihrer Jugend kannte und in dem sie von 1943 bis 1969 lebte. Als sich die Gelegenheit ergab, das Haus Menabilly für zwanzig Jahre zu mieten, und zwar unter der Bedingung, dass sie auch für Reparaturen und die komplette Instandhaltung des riesigen Hauses aufzukommen hatte, hat sie nicht gezögert und sich geradezu wahnwitzig in dieses Projekt gestürzt. Dabei hat sie dann immer verdrängt, dass das Haus ihr gar nicht gehört und die eigentlichen Erben immer in den Startlöchern standen.

Vielleicht sind die fast schon hypnotisierenden Schilderungen Manderleys und der Natur auch der Tatsache geschuldet, dass der Roman zu einem Viertel in Ägypten verfasst wurde, wo ihr Mann für einige Zeit stationiert war. Sie hat sich die ganze Zeit nach England und dem Wetter dort zurückgesehnt und das Leben in Ägypten gehasst und – man kann es nicht anders sagen – sich mit voller Rassismus über die Einheimischen mokiert.

Während ihr Mann im Krieg war, war das Familienleben auf Menabilly gelinde gesagt chaotisch. Ratten liefen nachts durchs Haus, was die Kinder zwar ängstigte, aber Daphne völlig kalt ließ. Genauso wie die Kälte, die Fledermäuse im Zimmer oder die unzureichende Erziehung ihrer Kinder. Das Kindermädchen war immer häufiger krank, die Mahlzeiten oft improvisiert.

Daphne […] very successfully ignored the chaos around her. She was entirely relaxed about any kind of mishap, and also about the state of the house, just so long as she could go on writing. Tessa’s two goats, Freddie and Doris, were allowed to wander wherever they liked, on condition they didn’t actually  sleep on the beds, and the rabbits and bantams, though meant to be outside, were not unwelcome either. On fine days the children roamed the woods and on wet days explored the shut-off north wing which their mother worried about, because it was unsafe, though she did not make much effort to stop them. (Margaret Forster, S. 193)

Vea Kaiser: Blasmusikpop (2012)

Alle Holzfäller schworen, sie hätten jenen Stammrutsch, der Johannes Gerlitzen zu Sommerbeginn 1959 die Schulter ausrenkte und den rechten Arm brach, nicht kommen sehen. Zu Johannes‘ Glück waren es nur fünf gefällte Fichten – Äste und Zweige waren bereits abgeschlagen -, die so schwer auf dem feuchten Waldweg lasteten, dass dieser abrutschte.

So beginnt das aberwitzig-gute Romandebüt Blasmusikpop von Vea Kaiser, die bei Erscheinen des Buches 23 (!) Jahre alt war.

Zum Inhalt

Johannes Gerlitzen wird nun also von den anderen Männern nach Hause gebracht, mit dem ortstypischen Starrsinn lehnt er es ab, einen Arzt aus der Stadt kommen zu lassen. Unter Zuhilfenahme einer kompletten Schnapsflasche wird ihm die Schulter eingerenkt und der Arm geschient. Dabei geraten die Männer in Streit.

Erst als Elisabeth [die Frau Johannes] einen Kübel Brunnenwasser über ihnen ausgoss, ließen sie voneinander ab. Seit sie Kinder waren, ging das so, und Elisabeth hatte, da sie unmittelbar neben den Ötschs wohnten, immer einen Kübel kalten Wassers parat. Am Gartenzaun standen fünf davon. (S. 12)

Johannes ist auf längere Zeit nicht in der Lage, seiner Arbeit als Holzschnitzer nachzugehen und vertieft sich stattdessen in die Bestände der kleinen Gemeindebibliothek in seinem abgelegenen Bergdorf in den Alpen. Diese Lektüre hat ungeahnte Folgen: Er findet seine große Leidenschaft, die Wissenschaft, und beschließt, Frau und Kind zurückzulassen, in die Hauptstadt zu reisen und dort Doktor zu werden.

Für die Dorfbewohner, die ihn davon abhalten wollen, sich in die feindliche Welt der „Hochgeschissnen“ hinauszuwagen, steht fest: Johannes ist verrückt geworden. Doch nichts kann ihn umstimmen, und so marschiert er einfach mal los.

Nun kann eine furiose Familien- und Dorfgeschichte über drei Generationen ihren Lauf nehmen, über die ich gar nichts weiter verraten möchte, weil ich jeden beneide, der diese Fülle an Geschichten, Lebensfreude, Menschenfreundlichkeit, eigenwilligen Figuren und unbekümmerter Situationskomik noch vor sich hat.

Zunächst befürchtete ich, dass das Ganze wie eine hübsche Seifenblase nicht wirklich für fast 500 Seiten reichen und sich in einer launigen Dorfchronik  erschöpfen würde, die über die wenigen traurigen Stellen rasch und nicht wirklich überzeugend hinweg huschte. Auch die quasi-wissenschaftlichen Exkurse des Enkels von Johannes zur Geschichte St. Peters fand ich arg erschöpfend. Dieser hat sich seinen Helden Herodot zum Vorbild genommen, um das Leben der „Bergbarbaren“, wie er seine Mitbürger freundlich-spöttisch nennt, zu erforschen.

Aber dann passiert das Gegenteil: Die lange Vorgeschichte passt am Ende wunderbar zu der Geschichte des Enkels, der seine liebe Not hat, mit seiner Herkunft aus dem Dorf der Barbaren zurande zu kommen; einem Dorf, das sich jedem Kontakt mit höherer Schulbildung, Hochsprache und Zivilisation so weit wie möglich entzieht und seine eigenen Regeln und Gepflogenheiten hat. Und das Ende des Buches ist so köstlich, dass ich selbst als kompletter Fußballmuffel kurz davor war, mein Herz für den Fußball zu entdecken.

Johannes, der Enkel, durchlebt seinen ganz eigenen Bildungsroman und er zeigt, dass wir erst dann sinnvoll in die Zukunft gehen können, wenn wir Frieden mit unserer Herkunft geschlossen haben, vielleicht sogar die Blindheit ablegen können, mit der wir diese bisher betrachtet haben.

Im Gegensatz zu Sigrid Löffler, die dem Buch eine naive Feier des Hinterwäldlertums unterstellt, halte ich den Roman für eine anregende Auseinandersetzung mit der Frage, was Provinz und Heimat für uns bedeuten. Sigrid Löffler schreibt:

Vea Kaiser ist eine opulente Fabuliererin; sie schwelgt in skurrilen Details und kann sich gar nicht genug tun, die Schrullen der kauzigen Dörfler genüsslich und liebevoll auszumalen. Sie ist auch eine begnadete Ausblenderin großer Realitätsbereiche, die ihr nicht ins Harmonisierungskonzept passen. Ihr positives, gänzlich unproblematisches Heimatbild lässt sie sich nicht trüben, auch nicht dadurch, dass ihre Dörfler alle Erscheinungsformen der urbanen Moderne ablehnen. Eine kritische oder auch nur ironische Distanz der Erzählerin zur Zivilisations- und Bildungsfeindlichkeit der Dörfler ist nirgends bemerkbar. Im Gegenteil. Es herrscht ein wohliger Ton heiteren und behaglichen Einverständnisses mit jedem noch so plumpen Zeichen der demonstrativen Rückständigkeit der Dörfler. (Kulturradio vom rbb, 13. August 2012)

Als Beispiel für die Tumbheit der Dorfbewohner führt Löffler ihre angebliche Technikfeindlichkeit an, ihre Ignoranz gegenüber Internet, Facebook und Handys. Sie hat dabei leider übersehen, dass gerade Johannes, der einzige Gymnasiast, der Verehrer Herodots, der Anhänger der „Zivilisation“ in diese Techniken erst durch seine neugewonnenen Freunde im Dorf eingeweiht werden muss.

Überhaupt ist gerade das eine der Stärken des Buches, dass Kaiser Schwarzweiß-Malerei vermeidet. So wenig wie sie das Misstrauen der Dorfbewohner gegenüber der Welt da draußen verschweigt, so offen bleibt am Ende auch, ob die nun denkbare Öffnung z. B. gegenüber dem Tourismus nun wirklich das Gelbe vom Ei sein wird. Und Löfflers Vorwurf der Ironiefreiheit lässt mich zweifeln, ob wir überhaupt das gleiche Buch gelesen haben.

Viel eher könnte man an Kleinigkeiten herummäkeln, am Titel, an sprachlichen Patzern wie „senile Altersbettflucht“ oder Metaphern, die wiederholt werden, oder daran, dass Simona, die im letzten Teil des Romans eine entscheidende Rolle spielt, ein bisschen zusammenkonstruiert wirkt. Aber ehrlich gesagt, das ist völlig unerheblich, ich war nach den 479 Seiten enttäuscht, dass der Roman schon zu Ende war, und wäre auch noch die nächsten dreißig Jahre den Leuten in St. Peter am Anger treu geblieben.

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