Also, wenn dieser Schmöker – von Claudia Feldmann ins Deutsche übertragen – nicht nach einer Verfilmung ruft, dann weiß ich auch nicht. Schon 2019 wurde Sarah Brooks dafür mit dem Lucy Cavendish Fiction Prize ausgezeichnet.
Der Titel, erfreulicherweise endlich mal eng an den Originaltitel The Cautious Traveller’s Guide to the Wastelands angelehnt, bezieht sich auf den (fiktiven) Reiseführer eines Valentin Rostow, der 1880 ein Handbuch für all diejenigen Reisenden veröffentlicht hatte, die wagemutig, verzweifelt oder leichtsinnig genug sind, eine Fahrt mit dem Transsibirien-Express von Moskau nach Peking oder umgekehrt durch das sagenumwobene und höchst gefährliche Ödland unternehmen zu wollen. Merkwürdig nur, dass sich die Spuren Rostows im Dunkel der Gerüchte verlieren und niemand weiß, was aus ihm geworden ist.
‚Vor allem unternehmen Sie diese Reise nicht, wenn Sie nicht über ein ausgeglichenes Gemüt verfügen. […] Es heißt, jeder Reisende durch das Ödland hat einen Preis zu zahlen. Einen Preis, der über die Kosten für die Zugfahrkarte hinausgeht.‘ (S. 22)
Und viel mehr Informationen haben weder die Crew noch die Reisenden, denn die Kompanie, die die Strecke betreibt, ist eher an der Ausbeutung des nahezu unerforschten Landes interessiert als an der Erkundung und Bewahrung des Ödlands. Das ist problematisch, denn die vermehrten Durchquerungen des Ödlands sorgen für immer größere Risiken. Man munkelt, dass bei der letzten Fahrt Menschen ums Leben gekommen seien, da das Glas der Fensterscheiben dem Ödland nicht standgehalten habe und dadurch namenloses Unheil in den Zug habe eindringen können. Die Kompanie jedenfalls lässt jeden Passagier schon mal vorsichtshalber unterschreiben:
Der Passagier ist sich der Risiken der Reise bewusst. Es ist seine Pflicht, den Zugarzt zu informieren, falls er sich zu irgendeinem Zeitpunkt unwohl fühlt. Die Transsibirien-Kompanie übernimmt keinerlei Verantwortung für Krankheit, Verletzungen oder den Verlust des Lebens während des Aufenthalts im Zug. (S. 60)
Das Leben im Ödland funktioniert nach anderen Gesetzmäßigkeiten, es gibt merkwürdige Tiere und Pflanzen dort, Lebewesen, die unseren seltsamsten Träumen entsprungen zu sein scheinen und den Zug und seine Reisenden bedrohen. Nicht umsonst wird der Zug bei der Abfahrt streng verschlossen, niemand darf ihn verlassen, ein Scharfschütze hält Wache und vor der Ankunft in Moskau wird er in einer Art überdimensionalem Überwachungsraum auf Spuren fremden Lebens überprüft. Sollte man dort etwas finden, würde der komplette Zug versiegelt. Kein Passagier würde den Zug verlassen können. Oder wie Rostow schreibt:
Alle darin müssen sich zum Wohle des Reiches opfern. (S. 64)
Die 6000 Kilometer lange Reise beginnt in Peking. Es steigen ein: Eine junge Frau names Maria Petrowna, von der wir aber gleich erfahren, dass dies nicht ihr richtiger Name ist und sie offensichtlich etwas zu verbergen sucht. Eine fröhlich herrschsüchtige Gräfin samt Zofe, ein alter Professor, ein Naturwissenschaftlicher names Henry Grey, der geradezu fanatisch seine wissenschaftliche Reputation durch neue Erkenntnisse über das Ödland wieder herstellen will, selbst wenn er damit alle Mitfahrenden in größte Gefahr bringen sollte. Außerdem wären da noch ein übellauniger Priester und ein reiches französisches Ehepaar, das sich mit dieser Reise einen neuen Nervenkitzel gönnen will.
Vergnügungsreisende, denkt Grey mit leiser Verachtung. Dieser elende Rostow und sein verdammtes Buch! Ohne ihn wäre der Zug den ernsthaften, zielstrebigen Reisenden vorbehalten geblieben, nicht diesen törichten Sensationslustigen, die einen derartigen Überfluss an Zeit und Geld haben, dass sie bewusst die Gefahr suchen müssen. Sie fahren nur mit dem Zug, um eine Erfahrung zu sammeln, wie ein hübsches Souvenir, das sie sich zu Hause an die Wand hängen und mit dem sie gegenüber ihren Freunden prahlen können. Sie werden in ihr komfortables Leben zurückkehren, zu ihren Salons und Kaffeehäusern, kaum berührt von den Wundern, die sie gesehen haben. Er bemitleidet sie und stellt fest, dass es ein angenehmes Gefühl ist. (S. 35)
Dazu kommt die Besatzung: Allen voran die 16-jährige Zhang Weiwei, das sogenannte Zugkind, da sie im Zug geboren wurde und der Zug ihr einziges Zuhause, die Crew ihre Familie ist. Als Kind war sie quasi der Talisman, doch inzwischen muss sie – wie alle anderen – ihren Lebensunterhalt verdienen. Sie ist Mädchen für alles, erledigt Botengänge, hilft überall dort, wo sie bei der Bedienung der Gäste in der ersten und dritten Klasse (eine zweite Klasse gibt es nicht) gebraucht wird.
Weitere Auftritte haben ein junger Bord-Ingenieur namens Alexei sowie der relativ funktionslose Captain, der Chef des Zuges, der sich irgendwann als Frau zu erkennen gegeben hat, und Suzuki, der Kartograph, nebst weiterem Personal wie Köchinnen und Stewarts. Zu erwähnen wären noch die zwei „Krähen“, die Vertreter der Kompanie, die, wo immer sie im Zug auftauchen, in ihrer schwarzen Kleidung eine Atmosphäre der Überwachung, Bedrohung und Einschüchterung um sich verbreiten.
Ihre Ankunft wird durch das Klirren ihrer Schuhe angekündigt, glänzend schwarz und im europäischen Stil, mit Schnallen. Es ist ihre einzige Eitelkeit; oberhalb der Füße sind sie mit ihren dunklen Anzügen, den Drahtgestellbrillen und dem humorlosen Lächeln ebenso unscheinbar wie die übrigen Angestellten der Kompanie. (S. 45)
Mehr zur Handlung zu sagen, wäre schade, vielleicht nur so viel: Die Protagonisten müssen sich alle in irgendeiner Form zu diesem sie umgebenden Ödland mit seinen Schrecken, aber auch mit seinen Schönheiten verhalten: Können sie staunen und wollen sie es schützen? Wollen sie möglichst viel Profit machen, obwohl das unabsehbare Gefahren heraufbeschwört? Wollen sie es erforschen und sezieren? Lassen sie die Jalousien herab oder schließen sie – wie dringend empfohlen wird – die Augen, um sich vor einem Anblick zu schützen, der zu Halluzinationen, Gedächtnisverlust oder Verfolgungswahn führen und Schwachen sogar dauerhaft den Verstand rauben kann? (Die Besatzung hat Beruhigungs- bzw. Betäubungsmittel für diesen Fall an Bord, der von der Ödlandkrankheit Befallene wird dann auf der Krankenstation isoliert. Heilung ungewiss.) Lassen sie gar das Ödland in den Zug hinein? Streng verboten! Oder erweisen sie der ohnehin mächtigeren Natur den nötigen Respekt und lassen sich auf das Besondere ein? Jedenfalls werden alle Entscheidungen die Handlung vorantreiben und uns auch auf buchstäbliche, jahrelang nicht gewartete Nebengleise führen.
Kurzum, keine Weltliteratur, aber eine durchaus unterhaltsame Mischung aus Reisebericht, Abenteuerroman und Fantasy, aber auch „a steampunk climate fiction eco-fable, with a dash of romantasy and an anti-capitalist bent. It could just as easily be a young adult novel as one for older readers“, wie Suzie Feay in ihrer Besprechung im Guardian schreibt.
Ich bin dieser Zugreise gern gefolgt, auch wenn ich mir mehr handfeste Handlungsstränge gewünscht hätte. Die Stärke des Buches liegt in der Beschreibung der fantastischen Ödland-Welt und in der Einladung, über unsere eigene Haltung der Welt gegenüber nachzudenken, weniger in der eher schablonenhaften Charakterisierung der Protagonisten und dem schwachbrüstigen Plot. Manches bleibt sehr in der Schwebe, hätte unterfüttert und ausgemalt werden müssen, wie beispielsweise die Rolle des geheimnisvollen Artemis. Gleichzeitig vermeidet Brooks aber alles übermäßig Belehrende und lässt uns genügend Leerstellen, über die man am Ende nachdenken könnte.
Der große Zug ist stehen geblieben. Mit dem letzten Dampfstoß scheint sich alle Kraft, die sie zu haben glaubten, in Luft aufzulösen. Die Passagiere rühren sich nicht, als fürchteten sie, jede Bewegung könnte die Aufmerksamkeit all der neugierigen, wachsamen, hungrigen Dinge da draußen auf sie lenken. Die Crew lässt die Vorhänge geschlossen. Lieber nichts sehen und nicht gesehen werden. Lieber nicht daran denken, wie klein sie sind und dass der Zug hier draußen in dieser Weite nicht so groß und stark ist, wie sie sich selbst einreden und den Passagieren gegenüber behaupten. Alle Prahlerei ist hier bedeutungslos. (S. 250)







