Es war der glücklichste Augenblick meines Lebens, und ich wusste es nicht einmal. Doch hätte ich es gewusst, wäre dann alles ganz anders gekommen und mein Glück mir erhalten worden? Ja, denn wenn ich begriffen hätte, dass ich nie wieder so glücklich sein würde, dann hätte ich dieses Glück doch nicht ziehen lassen! Jener einzigartige Augenblick, in dem mich eine tiefe innere Ruhe überkam, mag wenige Sekunden gedauert haben, und doch erschien mir dieses Glück wie Stunden, wie Jahre. (S. 9)
Orhan Pamuk (*1952), der bislang als einziger türkischer Autor mit dem Nobelpreis für Literatur (2006) ausgezeichnet wurde, hat mich mit seinem Ziegelstein von Roman Das Museum der Unschuld – ins Deutsche von Gerhard Meier übersetzt – mehr als einmal an den Rand der Ungeduld gebracht. Und dennoch, weiterlesen musste ich unbedingt. Wie würde diese „Liebesgeschichte“ wohl ausgehen? Auf welche Nebenpfade würde der Erzähler noch geraten, welche Abschweifungen dem Leser, der Leserin zumuten?
Doch von vorn:
Die Geschichte wird uns von Kemal erzählt, einem reichen Fabrikantensohn aus Istanbul. Dass die eigentlichen Geschehnisse schon über 30 Jahre zurückliegen, als Kemal 30 war, erschließt sich erst allmählich.
Begonnen hatte alles am 27. April 1975. Da begegnet Kemal zufällig seiner jungen Verwandten Füsun, gerade 18 geworden, die in dem Geschäft arbeitet, in dem Kemal für seine zukünftige Verlobte Sibel eine teure Handtasche kaufen will. Füsun ist wunderschön und schon einen Monat später schlafen die beiden miteinander in einer als Abstellkammer genutzten Wohnung von Kemals Familie. Von diesen nachmittäglichen Treffen, notdürftig kaschiert als Mathematiknachhilfe für Füsuns Aufnahmeprüfung an der Universität, können beide nicht lassen, obwohl Füsun weiß, dass Kemals Verlobung mit der reichen und schönen Sibel unmittelbar bevorsteht. Schon zu diesem Zeitpunkt beginnt Kemal Dinge einzubehalten, die Füsun verloren hat oder ihr gehören, sei es ein Haargummi, ein Ohrring oder Bleistift, ein benutztes Teeglas, selbst Zigarettenstummel werden irgendwann zu kostbaren Objekten, einfach, weil Füsun sie berührt hat.
In meinen acht Jahren bei den Keskins habe ich ingesamt 4213 Zigarettenkippen Füsuns gesammelt. Diese Kippen, denen Enden Füsuns Lippen berührt hatten, in ihren Mund gedrungen waren, von ihrer Zunge angefeuchtet und meist von ihrem Lippenstift herrlich rote Spuren trugen, stellten für mich – wie leicht vorzustellen ist – ganz besonders intime Gegenstände dar. (S. 422)
Diese Obsession wird später zu seinem Museum der Unschuld führen.
Später aber, wenn wir spüren, dass unser Leben so wie ein Roman in seiner letzten Fassung vor uns liegt, können wir, so wie ich jetzt, rückblickend wählen, was nun wirklich unser glücklichster Augenblick war. Um zu erläutern, warum wir aus so unendlich vielen Momenten gerade jenen einen hervorheben, müssen wir unsere Geschichte erzählen wie einen Roman. Dann wissen wir aber, dass jener gekennzeichnete Moment unwiderruflich vergangen ist, und das lässt uns leiden. Erträglich wird dieses Leiden einzig und allein, wenn uns von jenem goldenen Augenblick irgendein Gegenstand erhalten ist. Greifbare Überbleibsel glücklicher Momente rufen uns die Erinnerungen daran, die Farben, die Freuden am Berühren und am Sehen, viel treuer zurück, als die Menschen dies könnten, die uns den Augenblick verschafft haben. (S. 82)
Kemal sieht keinen Grund, die Verlobung abzusagen; eine Heirat mit der mittellosen Füsun kommt ihm gar nicht in den Sinn und er glaubt, sein Leben wie auch andere Männer der reichen Oberschicht einrichten zu können: eine standesgemäße Ehefrau, die er durchaus mag, und daneben die bezaubernde Geliebte, die weiter keine Ansprüche an ihn stellen wird. Was es in der Türkei für ein Mädchen bedeuten konnte, sich vor der Ehe „hingegeben“ zu haben, ist Kemal nicht einen einzigen Gedanken wert. Überhaupt interessiert sich Kemal erschreckend wenig für das, was Füsun möchte. Dass sie genauso viel Freude am Sex mit ihm hat wie umgekehrt, erscheint ihm völlig ausreichend.
Mir erging es wie den meisten türkischen Männern aus meinem Milieu und in meiner Situation, die sich über die Frau, in die sie verliebt sind, in den phantastischsten Vorstellungen ergehen, ohne sich je zu fragen, was sie selbst wohl empfinden mag. (S. 277)
Um Füsun in seiner Nähe zu haben, lädt Kemal sie und ihre Familie sogar zu seiner rauschenden Verlobungsfeier ein. Doch danach bekommt seine Welt Risse, zum ersten Mal bekommt er nicht das, was er will, denn nach der Verlobung erscheint Füsun nicht mehr zu ihren heimlichen Treffen und sie zieht mit ihrer Familie weg. Kemal weiß kaum, wie er mit diesem Schmerz weiterleben kann, und erkennt, dass er Füsun liebt und mit ihr zusammen sein möchte. Seine Beziehung zu Sibel, die unglaublich liebevoll versucht, ihn von seiner Fixierung auf Füsun zu lösen, wird immer unaufrichtiger. Seine Verlobte durchschaut ihn:
‚Du konntest so leicht eine Beziehung mit ihr eingehen, weil das Mädchen arm und ehrgeizig ist. Wenn sie keine Verkäuferin wäre, würdest du dich nicht schämen und sie vermutlich heiraten. Und genau das macht dich krank. Dass du dich nicht traust, sie zu heiraten.‘
Ich war ihr böse, weil ich überzeugt war, dass sie das nur gesagt hatte, um mich zu ärgern. Und erst recht war ich ihr böse, weil ich irgendwie doch ahnte, dass sie recht hatte. (S. 239/240)
Dennoch schläft er ohne schlechtes Gewissen mit seiner Verlobten, da Sibel, die in Paris studiert hat, ja modern sei. Dass aber die türkische Gesellschaft insgesamt keineswegs so modern ist, dass man über außerehelichen Geschlechtsverkehr einer jungen Frau hinwegsieht, blendet Kemal aus. Konnte doch schon die Teilnahme eines Mädchens an einem Schönheitswettbewerb dafür sorgen, dass Verwandte nichts mehr mit der Familie des Mädchens zu tun haben wollten.
Kemal ist aber nicht gewillt, dauerhaft auf Füsun zu verzichten. Und so nimmt die Geschichte noch weitere entscheidende Wendungen, die ich hier nicht vorwegnehmen möchte. Für den großen Bogen, den Pamuk hier aufspannt, braucht man schon Zeit, Geduld und einen langen Atem. Da werden nicht nur Alltäglichkeiten seitenlang und sprachgewaltig beschrieben, die allein deshalb bedeutsam sind, weil sie in einem Zusammenhang mit Füsun stehen, sondern auch der körperlich-seelische Schmerz, als Kemal erkennt, dass Füsun nicht mehr zu ihrem Stelldicheins erscheinen wird.
Das echte Liebesleid nistet sich an der Basis unserer Existenz ein, erwischt uns unerbittlich an unserem schwächsten Punkt, greift von da auf alles andere über und verteilt sich unaufhaltsam über unseren ganzen Körper und unser ganzes Leben. Wenn wir unglücklich verliebt sind, dienen unsere sämtlichen Leiden und Sorgen, vom Tod des Vaters bis hin zum banalsten Missgeschick, wie zum Beispiel einem verlegten Schlüssel, als neuerlicher Auslöser für den Urschmerz, der stets bereit ist, wieder anzuschwellen. Wessen Leben durch die Liebe auf den Kopf gestellt ist, so wie meines, der meint immer, zusammen mit dem Liebesleid würden auch alle anderen Sorgen ein Ende finden, und so rührt er unwillkürlich immer wieder an der Wunde in sich drinnen. (S. 250)
Das liest sich nicht nur faszinierend, es lohnt auch ungemein, nicht nur für den Blick auf eine Gesellschaftsschicht und Generation, die sich irgendwie zwischen im westlichen Ausland kennengelernten Freiheiten und heimischen Traditionen verorten muss. Auch Istanbul wird als Schauplatz wunderbar inszeniert, in dem sich Kemal von seinem treuen Familienchauffeur zu Kinos, Stelldicheins, Stränden, Restaurants und Freunden kutschieren lässt. Politische Unruhen, Bombenanschläge oder der Militärputsch von 1980 mit seinen Ausgangssperren werden nur als Hintergrundrauschen wahrgenommen. Armenviertel wecken in Kemal kein politisches Interesse oder soziales Verantwortungsgefühl, es dient ihm einfach alles als Kulisse für seine überwältigende Liebeserfahrung.
Als ich eines Abends im Yani Füsun gegenübersaß, entdeckte ich das ungeheuer schlichte Glücksrezept, das jedermann kennen sollte, und murmelte es sogar vor mich hin: Glück ist nichts anderes, als dem geliebten Menschen nahe zu sein (man braucht ihn nicht gleich zu besitzen). (S. 280)
War ich fern von Füsun, erschien die Welt mir wie ein Puzzle, dessen Teile ganz durcheinander waren. Beim Anblick von Füsun fanden alle Teile wieder an ihren Platz, und ich erinnerte mich wieder, dass die Welt sinnvoll und schön war. (S. 343)
Und wenn wir die Entstehung seines Museums der Unschuld mitverfolgen, so lässt es sich der Erzähler nicht nehmen, über das Wesen einer Sammlung zu sinnieren und uns mit in die entlegensten Museen der Welt zu nehmen.
Ein Rezensent fühlte sich ab und zu an Adalbert Stifters ermüdenden Stil erinnert, ich hingegen dachte eher an Wuthering Heights. Die Moore Yorkshires werden hier durch die Stadtviertel Istanbuls ersetzt, wir bekommen – neben vielen weiteren Personen, die alle ihren Auftritt haben – näheren Einblick in zwei Familiensysteme und vor allem steht am Ende die Erkenntnis, dass menschliche Liebe doch sehr durchsetzt sein kann von Gleichgültigkeit den Bedürfnissen des anderen gegenüber. Von Illusionen, Selbstmitleid, Besitzstreben, Eitelkeit und Gier sowie einer immerwährenden Suche nach dem Glück und einer großen Erlösungsbedürftigkeit. Ob Kemal am Ende verstanden hat, was er mit seiner Liebe angerichtet hat? Oder war alles doch nur eine gigantische Selbstinszenierung?
PS: 2012 wurde das Museum der Unschuld in Istanbul eröffnet, „das erste Museum der Welt, das einen Roman visualisiert“ (TAZ) und schon zwei Jahre später als Museum des Jahres ausgezeichnet wurde. Hier ein schöner Bericht dazu. Auch zum Museum erschien ein Buch von Orhan Pamuk: Die Unschuld der Dinge. Das Museum der Unschuld in Istanbul.




Stabkirche in Ringebu
Freilichtmuseum Maihaugen, Lillehammer


