Fundstück von Ewald Frie

Ich konnte weit vor der Einschulung lesen und schreiben. Ich verschlang alle Bücher in unserem Vitrinenschrank. Die Frakturschrift einiger Bibelausgaben betrachtete ich eher als sportliche Herausforderung denn als Hindernis. Dann nahm ich mir die Bestände der Katholischen öffentlichen Bücherei vor. Meine Mutter legte eine Obergrenze an Büchern fest, die ich pro Woche lesen durfte. Sie war in Sorge um meine Gesundheit. [… Meine Geschwister] beschwerten sich, ich würde nur deswegen so viel lesen, weil ich zu faul zum Arbeiten sei. […] Immerhin führte mein Lesepensum dazu, dass ich ohne erkennbare Anstrengung mit guten Noten durch die Schule kam. Außerdem konnte ich Theater spielen, lange Gedichte aufsagen und bei Familienfesten den Conferencier geben. In den Augen meines Vaters waren das lauter schöne und beeindruckende, aber auch völlig nutzlose Fähigkeiten. Die üblichen Haus- und Hofarbeiten machte ich nicht gut. Außerdem hatte ich Angst vor Tieren. Nach dem Abitur gab er mir den Ratschlag, reich zu heiraten. Wahrscheinlich konnte er sich einfach keinen Ort vorstellen, an dem meine Fähigkeiten gebraucht würden.

Aus: Ewald Frie: Ein Hof und elf Geschwister – Der stille Abschied vom bäuerlichen Leben, C. H. Beck 2023, S. 151

Nick Hornby: Stuff I‘ve been reading (2013)

Nick Hornby (*1957) ist nicht nur ein erfolgreicher Romanautor, Drehbuchschreiber, Vater eines autistischen Sohnes, musikbegeisterter Fußballfan (Arsenal London), sondern auch ein bücherverschlingender Leser. Das Fazit seiner Lektüren hält er in launigen Kolumnen fest, die dann natürlich wieder als Bücher veröffentlicht werden.

Ich mag seinen frischen, frechen Stil, der so unprätentiös und auf den Punkt daherkommt. Er begründet seine Ansichten und spricht aus, was ich mich manchmal nur zu denken traue. Und trotz Fußballignoranz, anderem Musikgeschmack und null Interesse meinerseits an der Geschichte des Fernsehens gibt es doch kein Nick-Hornby-Buch übers Lesen, das mir nicht mindestens fünf neue Titel auf die Wunschliste setzt. Anbei also einige Fundstücke aus seinem Buch Stuff I‘ve been reading (2013), in dem Kolumnen von August 2006 bis Dezember 2011 versammelt sind.

Zu Thomas Hardy

One thing I knew for sure before I started Claire Tomalin‘s biography of Thomas Hardy: I wouldn‘t  be going back to the work. Hardy‘s prose is best consumed when you‘re young, and your endless craving for misery is left unsatisfied by a diet of The Smiths and incessant parental misunderstanding. (S. 29)

Zu The Road von Cormac McCarthy – fairerweise sollte ich hier vielleicht hinzufügen, dass Hornby noch einiges mehr über diesen Roman schreibt, den er „brilliant“ findet, aber das würde hier den Rahmen sprengen…

As you probably know by now – and more than eight million of you voted for it in the Believer Book Award – The Road may well be the most miserable book ever written, and God knows there‘s some competition out there. As you probably know by now, it‘s about the end of the world. Two survivors of the apocalypse, a man and his young son, wander through the scarred grey landscape foraging for food,  and trying to avoid the feral gangs who would rather kill them and eat them than share their sandwiches with them. The man spends much of the book wondering whether he should shoot his son with their last remaining bullet, just to spare him any further pain. […] Sometimes you feel like begging the man to use his last bullet on you, rather than the boy. The boy is a fictional creation, after all, but you‘re not. You‘re really suffering. (S. 62)

Zum Vater von Charles Dickens

Pretty much all you have to do as a dad is earn some money, stay out of prison and make sure your kids go to school; John Dickens struck out on all three requirements, and is therefore directly responsible for some of the greatest fiction in the English language. (S. 244)

Zu manchen KritikerInnen

‘What we need,‘ one of those scary critics who write for the serious magazines said recently, ‘is more straight talking about bad books.‘ Well, of course we do. It‘s hard to think of anything we need more, in fact. Because then, surely, people, would stop reading bad books, and writers would stop writing them, and the only books that anyone read or wrote would be the ones that the scary critics in the serious magazines liked, and the world would be a happier place, unless you happen to enjoy reading the books that the scary critics don‘t like – in which case the world would be an unhappier place for you. Tough. (S. 21)

Fundstück von Raymond Chandler über Bücher

Guter Gott, was soll ich bloß mit all den Büchern anfangen, die einmal ein großes Haus überschwemmt haben? Ich glaube, mit Besitz muß man erbarmungslos umgehen.

Aus einem Brief Raymond Chandlers an Helga Greene vom 19. Juni 1956, zitiert nach: Frank MacShane: Raymond Chandler – Eine Biografie, Diogenes, Zürich 1984, S. 394, übersetzt von Christa Hotz, Alfred Probst und Wulf Teichmann

In der Übersetzung von Hans Wollschläger klingt das folgendermaßen:

Lieber Gott, was auf Erden soll ich mit den Büchern machen, die schon ein großes Haus völlig überflutet haben? Man wird wohl gegenüber seinen Besitztümern eine gewisse Rigorosität lernen müssen.

Zitiert nach: Frank McShane (Hrsg.): Raymond Chandler: Briefe 1937 – 1959, btb 1990, S. 566

Hier die Originalstelle:

And the books! Dear God, what on earth shall I do with books that overflowed a large house? I guess you have to be ruthless about possessions.

Zitiert nach: Frank McShane: Selected Letters of Raymond Chandler, Columbia University Press, New York 1981, S. 402

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Christopher Fowler: The Book of Forgotten Authors (2017)

Auf Christopher Fowlers Buch bin ich, so ich mich richtig erinnere, zuerst bei Magda aufmerksam geworden. Und wow, dieser Spaziergang mit dem britischen Schriftsteller zu seinen literarischen Wiederentdeckungen macht einfach unglaublichen Spaß. Fowler (1953 – 2023) stöbert, recherchiert und parliert auf seiner Suche nach halb und ganz vergessenen (meist englischsprachigen) Schriftstellerinnen und Schriftstellern, dass es nur so eine Lust ist und ich ausnahmsweise bei all den begeisterten Rezensionsschnipseln auf den ersten Seiten immer nur zustimmend nicken kann.

We tend to think that books, like cockroaches, will survive the Four Horsemen of the Apocalypse, but they won‘t. They disappear, not just in the ravages of war like the Great Library of Alexandria, but through simple neglect, and it is our duty to keep fine novels alive. (S. 182)

Fowler präsentiert uns weit mehr als die auf der Rückseite angekündigten 99 „forgotten authors“. Seine Themenpalette ist ein fröhlicher und komplett subjektiver Mischmasch, gespeist aus – auch abseitigeren – Wiederentdeckungen und seiner Lust des Suchens und Sammelns. Da geht es nicht nur um Bücher, die später u. a. von Disney verfilmt wurden, um vergessene Krimi-SchriftstellerInnen, Horror, zu Unrecht geschmähte Bestseller-Autorinnen, Gruselgeschichten, Klassiker, Booker-PreisträgerInnen, Kinderliteratur und schräge Anekdoten, sondern auch um Comics, Pulp Fiction, Detektivgeschichten, die unbekannten Werke Charles Dickens‘, ein bisschen Weltliteratur, Margaret Millar, William Melvin Kelley oder um die Frage „Where are all the BAME Writers?“.

[Georgette Heyer‘s] narratives were peppered with wicked dukes, hearty knights, feisty ladies and headstrong rakes whose amorous escapades unfurled against colourful historical backdrops. Along the way horses rear, eyes flash, bosoms heave and ladies of quality exhibit a tendency to faint. Her pages are packed with arranged marriages, desperate elopements and abductions, crimes of passion and descriptions of the prevailing fashions. No wonder, then that critics were sceptical […] The gap between popularity and peer respect was created largely by Heyer‘s worldwide readers, who lapped up the romances while failing to notice their favourite author‘s meticulous attention to period detail. (S. 155)

Was für mich dieses Buch von allen anderen mir bekannten „Leseverführern“ unterscheidet, ist dieser selbstironische Ton, diese Belesenheit und die Fähigkeit, auch kritisch auf Punkt und Pointe genau zu formulieren.

It‘s a crime to be talented and die young; the beautiful, glamorous mystery writer Pamela Branch succumbed at forty-seven after years of suffering cancer, and her work was quickly forgotten. She was born on her parents‘ tea estate in Ceylon, went to RADA, married, learned Urdu, trekked the Himalayas, trained racehorses and moved to a twelfth-century Greek monastery. As one does.

Back in post-war London she lived a chaotic existence in tiny, dark flats with a slobbery boxer dog and a husband, Newton, who failed to find his footing as a writer and became an alcoholic film censor. Yet their existence was devil-may-care and full of laughter, which explains the tone of her bizarre, deliciously funny novels. (S. 49)

Bei Fowler gibt es nichts von dieser selbstverliebten Überheblichkeit, mit der andere ihre Bücherlieblinge gleich als „Kanon“ deklarieren. Er stellt nicht sich selbst in den Mittelpunkt, sondern die Literatur, die er mag, und das auf eine sympathische Art und Weise, dass ich mich zwischendurch immer wieder streng zur Zurückhaltung ermahnen muss, denn ihm würde ich nahezu unbesehen auch die Bücher abkaufen, deren Inhalt mich eigentlich überhaupt nicht interessiert. 

Sadly, we live in a time where there is no patience for barmy British sleuths who uncover insanely complex murders, and Dickson Carr wasn‘t remotely interested in offering his readers realism or relevance. (S. 69)

Natürlich hat Fowler auch einen Blick fürs unerwartete, aber anschauliche Detail und den Aha-Effekt, wenn er uns beispielsweise erzählt, dass Peter Fleming, der Bruder des James Bond-Erfinders Ian Fleming, beschloss, Abenteurer zu werden.

… not a career category open to many […] In 1932 Fleming replied to an advertisement in the personal columns of the The Times that read: ‚Room Two More Guns – Exploring and sporting expedition under experienced guidance, leaving England June to explore rivers central Brazil, if possible ascertain fate Colonel Percy Fawcett.‘ […] The resulting travelogue, Brazilian Adventure became regarded as a classic, […]  (S. 120)

Und am Ende – und ich habe zum Glück noch einige Kapitel vor mir – weiß die geneigte Leserschaft wieder ein bisschen mehr, wie viel Spaß Literatur bedeuten kann und wie wenig wir eigentlich von diesem Paralleluniversum kennen. Und um wie viele Bücher meine Wunschliste jetzt wieder angewachsen ist, behalte ich mal lieber für mich …

When I was a child, my father guiltily read Sven Hassel‘s paperbacks, keeping them in his bedside table where the children wouldn‘t find them. Some hope. He thought I wouldn‘t find the key to the cocktail cabinet either. (S. 148)

Hier der Link zu seiner Artikelserie Invisible Ink im Independent.

Mark Hodkinson: No one round here reads Tolstoy (2022)

Der Schriftsteller Mark Hodkinson, der Jahrzehnte für die Times und andere Zeitungen und Bücher zu Fußball(mannschaften) und Musik geschrieben hat, gründete den Pomona Verlag, in dem er nicht nur seinen eigenen Debütroman The Last Mad Surge of Youth (2009), sondern auch eine sehr gelobte Salinger-Biografie herausgebracht hat. Doch damit nicht genug, seit diesem Jahr liegt auch seine spannende Autobiografie mit dem vielsagenden Titel No one round here reads Tolstoy vor. 

The walls are closing in. They used to be over there, a few metres away. Now, if I lean over I can touch them. This is what happens when you collect books and store them on big shelves in a small house. The process occurs imperceptibly, similar to the passing of time, where you think little has changed but then see a picture of yourself from a decade ago and sigh, ‘Bloody Hell!‘ I had no idea that 3,500 books (and ever rising) was an especially large number. The same as I thought having one book in my childhood home wasn‘t particularly unusual either. (Vorwort)

Geboren Mitte der sechziger Jahre, wuchs Mark in Rochdale auf, einer Stadt ca. 16 Kilometer nordöstlich von Manchester, in einem Arbeiterhaushalt, in dem es genau ein Buch gab. Die Wahrscheinlichkeit, eines Tages Vielleser, Schriftsteller, Verleger und Besitzer von über 3500 Büchern zu sein, war also gering.

I had succumbed to what Americans call BABLE: Book Accumulation Beyond Life Expectancy. How did I get here? Asked this on a Friday night after a few pints and I‘m looking for a chair to stand on. Appealing for quiet, please. Amid the chest thuds, quiver in my voice, I‘m telling everyone (two pals and the barmaid) that it‘s because I‘m ambitious and hopeful and ever seeking and each new book bears witness to a restless desire, of wanting, needing more, always more. And, and if I were to divest myself of these books would I not be conceding that my time on earth is finite and that I‘m going to die without everything I own? Who of us can defer so meekly to mortality? (S. 13)

Diesen Weg vom Arbeiterkind aus einem Ein-Buch-Haushalt zum stolzen und manchmal trotzigen Besitzer Tausender von Büchern zeichnet Hodkinson nun in 351 Seiten nach. Am Rande sei erwähnt, dass er sicherheitshalber sogar psychologische Beratung in Anspruch nimmt, um herauszufinden, ob und was mit ihm angesichts seiner Sammelwut möglicherweise nicht stimmt. Lisa erklärt ihm:

On one hand, by having such a collection and planning to read all these books, you are making a fantastic statement of hope and revealing an investment in future self, […] Even if you recognise you probably won‘t have time to read them all, you are already forming a relationship with mortality which we all must do at some point in our lives. The snag is the frustration you say you feel that comes with this realisation. This is something you need to deal with and accept. (S. 313)

Marks Elternhaus ist ganz anders als das in Streulicht von Deniz Ohde, obwohl beide aus einem Arbeiterhaushalt kommen. Der Familienzusammenhalt bei den Hodkinsons ist stark, eher bodenständig mit klar verteilten Geschlechterrollen; Tante, Onkel, Großeltern wohnen um die Ecke.

Parenting wasn‘t a complex issue in the 1970s. They didn‘t fret or read self-help books. The definition of a good parent was feeding and clothing your children, keeping them warm, loving them – what more was there to worry about? (S. 19)

An seiner Gesamtschule gilt er manchen Mitschülern als feiner Pinkel, weil seine Eltern nicht getrennt sind. Niemand aus seinem Bekanntenkreis kommt aus einem Akademikerhaushalt oder arbeitet in einem Büro. Seine Eltern

seldom showed tactile affection but their love and loyalty  to me and my sister was constant, absolute. No one I knew owned or played a musical instrument. […] Outside of visiting cafés while on holiday, we never ate out as a family. At home, we had the same meals depending on the day of the week. […] The television was always on. No original artwork was on the walls. […] Dad went to the pub every night. Mum accompanied him to the pub at least once a week. (S. 17-18)

Our house was noisy, busy, messy, neighbours and family passing through (my uncle and aunty lived next door), doors banging, the dog barking, budgie whistling, Mum and Dad bickering, the telly blaring and Elvis crooning everlasting love (S. 27)

Schon als Kind sammelt er Fußballkarten, Kastanien, Bierdeckel, Briefmarken, eben alles, was er in die Hände bekommen kann.

… to this day, I cannot pass a conker (Kastanie) without picking it up and putting it in my pocket. Sunlight reflected in the deep reddish brown of a fresh-from-shell conker is a handful of heaven. (S. 22)

Seine Freunde am Lesen entwickelt Mark vermutlich, als er mehrere Wochen wegen beginnenden Asthmas die Schule versäumt. Seine Schulerfahrungen sind ohnehin eher trübe, Wissensdurst und die Freude am Lernen müssen getarnt werden, damit man nicht in eine Außenseiterrolle gemobbt wird. Die Lehrkräfte desillusioniert, wenig engagiert und wie selbstverständlich davon ausgehend, dass die Kinder allesamt in die Fußstapfen der Eltern treten werden.

Im Elternhaus wird Mark zunächst nicht unterstützt. Den Vater treibt massiv die Sorge um, dass ein Junge, der auch gern mal allein ist und dann noch ständig liest, vermutlich irgendwann schwul werde und folglich keine Freundin finde. Der Vater sieht Lesen vor allem als eine weibliche Beschäftigung an. Männer arbeiten mit den Händen, bauen ein Haus, reparieren Autos, gehen in die Kneipe, sind gesellig und heiraten jung und seine Mutter will ihm tatsächlich lange nicht glauben, dass er eine Brille braucht.

Besonders die Liebe Marks zu seinem Grandad – damit kriegt man mich immer – ist innig und auch deshalb etwas Besonderes, weil der Großvater zeitlebens zum Teil gravierende psychische Probleme hat. Die Spaziergänge mit ihm durch die öden Industrielandschaften gehören für den Enkel zu den wichtigsten Erinnerungen, wird er hier doch von seinem Großvater auf Augenhöhe angesprochen und erhält wichtige Lektionen fürs Leben. Leider kommt Gran, die Großmutter, in diesem Buch viel zu kurz. Die wenigen Szenen mit ihr machen Lust auf nähere Bekanntschaft mit dieser tapferen und loyalen Frau.

Allerdings haben trostlose Schule und sein bildungsfernes Elternhaus den unerwarteten Vorteil, dass Bücher und Musik (Sex Pistols, The Smiths) für den Teenager etwas Cooles und Erstrebenswertes werden, mit denen man – auch bei Gleichgesinnten – seine eigene Identität findet und definiert, eben weil man sie für sich selbst entdeckt, sich unbedarft, aber voller Neugier seine eigenen Pfade anlegen kann.

Nothing was handed down, from either pupils or teachers; I had to find it myself. Maybe, in a world where books, for example, were shared, recommended, deconstructed, they might have become an easy currency and soon felt ordinary, nothing special. Instead, books became crucial in reinforcing my outsider stance, getting me through and forming my personality. (S. 59)

So lehnt er, während er gerade den Punk für sich entdeckt, The Hobbit von Tolkien aus tiefstem Herzen ab, während  Catcher in the Rye von J. D. Salinger und A Kestrel for a Knave von Barry Hines zwei seiner Lebensbücher werden. 

I opened it [Catcher in the Rye] and read the first page. No book has had the same impact since. I was breathless; within the first few paragraphs it felt like reading a letter sent exclusively to me. I flicked through more pages, unable to believe that a novel could be so consistently truthful and personal. I was unsure at first whether I had enough money to buy it. I decided there and then: if I have to, I will steal this book. (S.81)

Hodkinson entdeckt als Jugendlicher Second-Hand-Läden, den Penguin Verlag, Somerset Maugham, D. H. Lawrence und die Leihbücherei. Von da an ist kein Halten mehr. Und irgendwann verblüfft er seinen Berufsberater mit seinem Wunsch, Schriftsteller zu werden. Und seine zweite große Liebe, die Musik, wird ebenfalls immer wichtiger, vor allem, wenn sie auch noch mit filmischen oder literarischen Verweisen gespickt ist. Besonders Morrissey, ebenfalls aus einem Arbeiterhaushalt, wird sein Idol.

Selbst Familienurlaube, die man als Teenager ja nicht unbedingt immer begrüßt, sind für ihn eine Wonne, vorausgesetzt, es regnet.

I could think of nothing more blissful than seven days in a caravan, rain lashing on all sides and a pile of thirty-one books. (S. 125)

Hodkinson verschweigt nicht, dass eine solche Entwicklung auch bei ihm notgedrungen eine Distanzierung zu seinem Elternhaus bedeutete. Schon als Kind wusste er, dass er ein bisschen anders als seine übrige Familie tickt, doch als er als Siebzehnjähriger für seine Journalisten-Ausbildung am College von zu Hause wegziehen muss, ist das für die ganze Familie, ihn eingeschlossen, ein großer und schmerzhafter Schritt.

An Beziehungen gewinnen vor allem die zu seinem Großvater und zu seinem guten Freund Pete an Farbe. Man bekommt darüberhinaus einen Einblick in die massiven Veränderungen der britischen Gesellschaft unter Margaret Thatcher. Dazu gibt es manchmal etwas wahllos eingestreute Informationen und Meinungen zu den unterschiedlichsten Themen, wie zu Klappentexten, dem Standesdünkel bei der Beurteilung von Literatur, zu Autorenfotos, zum Niedergang der Zeitungen, zur Rolle des Internets und zur Schließung zahlreicher Büchereien – in nur 10 Jahren wurden 20 % aller britischen Büchereien geschlossen. Die Entwicklung der verbleibenden Büchereien zu sogenannten „community hubs“, bei denen es um alles Mögliche geht, aber nicht ums Lesen, findet er übrigens grundfalsch.

Sehr schön fand ich seine Liste an Adjektiven auf S. 100, die ihm schon jeden Klappentext verleiden. Ich musste mich sehr zurückhalten, um die hier nicht auch noch zu zitieren. 

Seine Kindheits- und Jugenderinnerungen und seine Auseinandersetzung mit einzelnen Büchern sowie mit den Angry Young Men fand ich besonders prägnant und gelungen. Die weiteren Stationen auf dem Weg zum Journalisten und Schriftsteller waren dann – für mich – nicht mehr ganz so wichtig.

Natürlich erfahren wir, welche Schriftsteller – meist sind es Männer – seine Lesebiografie geprägt haben – nicht ungefährlich, weil man sich dann gleich wieder einige Bücher auf die eigene Leseliste setzen möchte – und eine Antwort auf seine Ausgangsfrage gibt es auch. 

I knew it as a child, as I do an adult – why I collect. I wanted to store up sufficient stuff, my stuff, so that tomorrow, next week or at some point in the future, near or distant, I could surround myself with it, submerge myself, become it. I am suspicious of anyone who doesn‘t feel the same way. How can they live so much in the now with no regard to a better, quieter, reflective, rainy day tomorrow – which is what a collection guarantees.  (S. 23)

Nachdem Hodkinson spaßeshalber ausgerechnet hat, dass er anscheinend seit seinem 13. Lebensjahr durchschnittlich 1,5 Bücher pro Woche gekauft hat, was ja dann doch gar nicht so viel sei, ist er mit sich und der Welt wieder im Reinen.

In fact, I am mystified how anyone can go through life and manage not to bring home 1.5 books per week. (S. 270)

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Fundstück von Kafka

Auch wenn mir das Zitat von Franz Kafka (1883 – 1924) mit der Axt und dem Meer viel zu dramatisch, einseitig und apodiktisch ist, freue ich mich, den Brief gefunden zu haben, aus dem es stammt.

Kafka schrieb am 27. Januar 1904 an Oskar Pollak (1883 – 1915):

Lieber Oskar!

Du hast mir einen lieben Brief geschrieben, der entweder bald oder überhaupt nicht beantwortet werden wollte, und jetzt sind vierzehn Tage seitdem vorüber, ohne daß ich Dir geschrieben habe, das wäre an sich unverzeihlich, aber ich hatte Gründe. Fürs erste wollte ich nur gut Überlegtes Dir schreiben, weil mir die Antwort auf diesen Brief wichtiger schien als jeder andere frühere Brief an Dich – (geschah leider nicht); und fürs zweite habe ich Hebbels Tagebücher (an 1800 Seiten) in einem Zuge gelesen, während ich früher immer nur kleine Stückchen herausgebissen hatte, die mir ganz geschmacklos vorkamen. Dennoch fing ich es im Zusammenhange an, ganz spielerisch anfangs, bis mir aber endlich so zu Mute wurde wie einem Höhlenmenschen, der zuerst im Scherz und in langer Weile einen Block vor den Eingang seiner Höhle wälzt, dann aber, als der Block die Höhle dunkel macht und von der Luft absperrt, dumpf erschrickt und mit merkwürdigem Eifer den Stein wegzuschieben sucht. Der aber ist jetzt zehnmal schwerer geworden und der Mensch muß in Angst alle Kräfte spannen, ehe wieder Licht und Luft kommt. Ich konnte eben keine Feder in die Hand nehmen während dieser Tage, denn wenn man so ein Leben überblickt, das sich ohne Lücke wieder und wieder höher türmt, so hoch, daß man es kaum mit seinen Fernrohren erreicht, da kann das Gewissen nicht zur Ruhe kommen. Aber es tut gut, wenn das Gewissen breite Wunden bekommt, denn dadurch wird es empfindlicher für jeden Biß. Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? Damit es uns glücklich macht, wie Du schreibst? Mein Gott, glücklich wären wir eben auch, wenn wir keine Bücher hätten, und solche Bücher, die uns glücklich machen, könnten wir zur Not selber schreiben. Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder verstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. Das glaube ich.

Aber Du bist ja glücklich, Dein Brief glänzt förmlich, ich glaube, Du warst früher nur infolge des schlechten Umgangs unglücklich, es war ganz natürlich, im Schatten kann man sich nicht sonnen. Aber daß ich an Deinem Glück schuld bin, das glaubst Du nicht. Höchstens so: Ein Weiser, dessen Weisheit sich vor ihm selbst versteckte, kam mit einem Narren zusammen und redete ein Weilchen mit ihm, über scheinbar fernliegende Sachen. Als nun das Gespräch zu Ende war und der Narr nach Hause gehen wollte – er wohnte in einem Taubenschlag -, fällt ihm da der andere um den Hals, küßt ihn und schreit: danke, danke, danke. Warum? Die Narrheit des Narren war so groß gewesen, daß sich dem Weisen seine Weisheit zeigte.-

Es ist mir, als hätte ich Dir ein großes Unrecht getan und müßte Dich um Verzeihung bitten. Aber ich weiß von keinem Unrecht.

Dein Franz

Zitiert nach: Hans Jürgen Balmes (Hrsg.): Mein Erstes Buch – Autoren erzählen vom Lesen, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2002, S. 139 – 140

Aus: Franz Kafka: Briefe 1900 – 1912. Hg. Von H. G. Koch, Fischer Verlag 1999

Fundstück von Hans Jürgen Balmes

Jeder von uns hat irgendwann diese Liste [der Bücher, von denen man annimmt, sie in seinem Leben leider nicht mehr lesen zu können] im Kopf, trotzdem darf man die Ruhe nicht verlieren und die Lektüre fahrig werden lassen.

aus: Hans Jürgen Balmes (Hrsg.): Mein Erstes Buch – Autoren erzählen vom Lesen, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2002, S. 87

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Fundstück von Dieter Forte

Ich kann mich so sehr in einer Lesewelt verlieren, daß mir die wirkliche ganz fremd wird – was ja gefährlich sein kann, wenn man zum Beispiel aus einem Roman kommt, in dem es keine Autos gibt, und man über die Straße muß.

aus: Hans Jürgen Balmes (Hrsg.): Mein Erstes Buch – Autoren erzählen vom Lesen, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2002, S. 39

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Fundstück von Gerhard Roth

Jeder Leser und jeder wirklich leidenschaftlich Reisende empfindet das Lesen oder eben das Reisen als eine Art Desertieren aus seinen Lebensumständen. Ist man ein guter Reisender, verläßt man sein Zuhause mit dem winzigen Hintergedanken, nie mehr zurückzukehren. […] Die Würze einer Reise ist doch, irgendwohin zu gehen, wo Rückkehr keine Rolle mehr spielt. Sie ergibt sich ja automatisch, aber beim Aufbruch muß sie einem gleichgültig sein.

aus: Hans Jürgen Balmes (Hrsg.): Mein Erstes Buch – Autoren erzählen vom Lesen, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2002, S. 21

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Elke Heidenreich: Hier geht‘s lang (2021)

Das ausnehmend schön gestaltete Buch Hier geht‘s lang von Elke Heidenreich (*1943), erschienen im Eisele Verlag, trägt den Untertitel Mit Büchern von Frauen durchs Leben.

Auch Heidenreich geht – wie Nicole Seifert – davon aus, dass der Begriff der Frauenliteratur automatisch eine Abwertung, ein Abstempeln bedeute; er beinhalte, wenn etwas von und für Frauen geschrieben wurde, könne es sich dabei nicht um Kunst handeln. Doch für Heidenreich steht fest, dass erst über die in Büchern verdichtete Erfahrung anderer Frauen ihr ein Zu-Sich-Selbst-Finden möglich gewesen ist. Sie schreibt:

Literatur ist ein Geschenk, Bücher sind ein Glück. Geschichten sind lebensnotwendig, um die eigene Verwirrung zu ordnen. Ob wir Bücher von Männern oder von Frauen lesen, das spielt keine Rolle. Wenn sie denn gut sind, und das heißt: gute Story, sprachlich adäquat umgesetzt. Was aber eine Rolle spielt, ist in den Jahren des Erwachens, Zweifelns, Selbstfindens den richtigen Ton für das eigene Leben zu finden. Und da waren für mich Bücher von Frauen hilfreicher als Bücher von Männern, sehen wir von den fürchterlichen Mädchenbüchern meiner Kindheit ab. (S. 182)

Was sie dabei außer Acht lässt, ist die Gefahr, dass Leserinnen bei der Übermacht männlicher Literatur die Wertvorstellungen und Rollenbilder männlicher Autoren verinnerlichen und dass Jungen und Männern selten zugemutet wird, sich in weibliche Sichtweisen einzufinden, wenn in Schule und Studium überwiegend Autoren gelesen werden.

In den Kapiteln, die sich chronologisch an ihren Lebensstationen entlang hangeln, gibt Heidenreich kurzweilig und lebhaft Einblick in ihre Lesebiografie, in die Bücher, die ihr wichtig geworden sind. Literatur sei ihr immer wie ein Geländer gewesen, an dem sie sich habe festhalten und orientieren können.

In den ersten Kapiteln werden sich vermutlich viele Leserinnen, die ihre Kindheit in den Fünfzigern und Sechzigern des vergangenen Jahrhunderts erlebt haben, wiederfinden. Die Mädchenbücher, die man verschlungen hat und die ein doch sehr angepasstes, sehr artiges Frauenmodell propagierten. Der didaktische Zeigefinger unüberhörbar. Dann die Bedeutung der Fließbandschreiberin Enid Blyton. Die Entdeckung Karl Mays, den auch ein Mädchen spannend fand. Dass ein Junge wiederum Mädchenbücher gelesen hätte – undenkbar.

Über die Kindheit Heidenreichs erfährt man, ohne dass auf Details eingegangen wird, nur so viel: Das Geld war knapp, die Hand saß locker, der Vater glänzte durch Abwesenheit, das Kind war einsam, aber es las. Dass man sich mit Bildung, Büchern und dem daraus resultierenden gesellschaftlichen Aufstieg der Ursprungsfamilie unwiderruflich entfremdet, ist der Preis, der dafür zu zahlen ist. Die Parallelen zu Ulla Hahns Kindheit sind frappierend, die interessanterweise nirgendwo erwähnt wird.

Kurz vor der Konfirmation kommt die junge Elke in eine Pflegefamilie. Dort gibt es Bücher. Das Abitur. Das Studium, in dem es hauptsächlich um männliche Autoren ging. Die Schriftstellerinnen musste man sich selbst zusammensuchen.

Und so flaniert Heidenreich an den Regalen ihrer Vergangenheit entlang, oft ist es nur ein freundliches und dankbares Name Dropping, dann wieder gibt es kurze Einblicke in die Texte und Biografien der von ihr verehrten DichterInnen und SchriftstellerInnen. Sie bleibt dabei immer in der Tonlage, die man von ihr kennt: zutiefst bewegt und begeistert von dem, was Bücher können, von dem, was man aus ihnen lernen kann, dabei aber auch manchmal fürchterlich oberflächlich: Bei vom Vom Winde verweht kein Wort davon, dass man das Buch als Erwachsene heute doch anders lesen sollte als damals als Teenager. Es wird abgefrühstückt mit dem Satz:

… aber unterschwellig bekam ich eine Menge mit von den politischen Gegebenheiten jener Zeit und begriff, dass Literatur auch Zeitgeschichte sein kann. (S. 74)

Da fiel mir spontan der Beitrag Birgit Böllingers auf ihrem Blog ein, die sich die Mühe gemacht hat, Margaret Mitchell noch einmal zu lesen.

Die Gestaltung des Buches ist fein, mit vielen Fotos aus ihrem eigenen Bücherbestand oder Porträts der von ihr verehrten Dichterinnen und Schriftstellerinnen. Auch die Fotos von Heidenreich selbst veranschaulichen sehr schön den Gang eines Leserinnenlebens, vom Schulkind zur alten Frau. Dazu kommen zahlreiche Zitate zum Lesen.

Heidenreichs Stärke liegt in ihrer Authentizität, ihrem Selbstverständnis, sich nicht als Kritikerin zu verstehen, sondern stets als Literaturvermittlerin, die Menschen ans Lesen bringen will. Das schimmert immer durch. Und wer wollte ihrer Feststellung widersprechen, dass in der Literaturkritik oft Hochmut stecke und eine Verachtung der LeserInnen, die Bestseller lesen.

Im Hinterkopf hatte ich bei der Lektüre Heidenreichs Äußerungen zu Sarah-Lee Heinrich und zum Gendern. Die haben ihr einen Shitstorm und viel Kritik eingetragen. Dabei hat sie – und das fand ich fast noch betrüblicher als ihre wenig reflektierten Aussagen – die Chance aufs Zuhören und Dazulernen abgeschmettert und auf alle Kritik, alle berechtigten Einwände nur mit Trotz, Widerwillen und einer Ist-mir-egal-Haltung reagiert. Da misst sie, was Lernfähigkeit und Hochmut angeht, mit zweierlei Maß.

Das Charmanteste des Buches war für mich die implizite Einladung, selbst mal innezuhalten und zu überlegen, wie das so gelaufen ist mit der eigenen Lesebiografie in Schule, Studium und Privatleben. Leider weiß ich so viele Titel nicht mehr, aber sich auf die Suche zu machen, das wäre eine schöne Beschäftigung. Und wie könnte es anders sein: Man möchte sich sofort den ein oder anderen von Heidenreich gerühmten Titel wieder vornehmen.

Ich erinnere mich an ein Regalbrett über dem Sofa, darauf ein Lexikon, ein Buch mit ärztlichen Ratschlägen […], der Roman Brot von Heinrich Waggerl, 1930 erschienen und dem Geist der Blut-und-Boden-Ideologie durchaus nahe, und Die Feuerzangenbowle von Heinrich Spoerl aus dem Jahr 1933, elf Jahre später mit Heinz Rühmann verfilmt. Dann gab es noch Gute Nacht, Jakob. Ein heiterer Roman aus verklungenen Tagen von Hans-G. Bentz, ein liebenswerter Roman über einen Jungen und seine zahme Dohle, die Memoiren des Arztes Ferdinand Sauerbruch, Das war mein Leben, und zwei Bände Trygve Gulbranssen, Und ewig singen die Wälder und Das Erbe von Björndal. Das war‘s schon beinahe zu Hause auf dem Regal überm Sofa. (S. 70)

Dazu kamen noch Mein Kampf von Hitler, das Geschenk des Standesbeamten für Heidenreichs Eltern zur Hochzeit 1934, und ein Band “mit Shakespeares Sonetten, weiß der Himmel, wo die herkamen.“ (S. 70)

 

Nicole Seifert: FRAUENLITERATUR – Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt (2021)

Ein erhellendes, wenn auch etwas deprimierendes Buch, falls man gehofft hatte, bei dem Thema der Geschlechtergerechtigkeit im Literaturbereich schon weiter zu sein.

Die Übersetzerin und Literaturwissenschaftlerin Nicole Seifert greift gleich zu Beginn ihrer lesenswerten Abhandlung ein Zitat von Margaret Atwood auf:

Könnte es sein, dass Frauen furchtlos Bücher lesen, die unter Umständen als ‚Männerromane‘ gelten könnten, während Männer immer noch glauben, ihnen fiele etwas ab, wenn sie ein paar Sekunden zu lange auf bestimmte, von Frauen sicher hinterlistig miteinander kombinierte Wörter blicken? (S. 11)

Nun, es ist längst erwiesen, Männer lesen viel viel seltener Literatur, wenn diese von Frauen verfasst wurde, während Frauen umgekehrt wesentlich seltener Berührungsängste haben. Selbst die Leserschaft weltbekannter Autorinnen wie Margaret Atwood besteht nur zu 20 % Prozent aus Männern (siehe den Artikel von MA Sieghart im Guardian). Dies Missverhältnis findet sich übrigens auch bei  Sachbüchern.

Neben dieser fehlenden Bereitschaft, Autorinnen wahrzunehmen, gibt es auch aktive Abwertung, wie sie schon in der Tatsache zum Ausdruck komme, dass es kein Äquivalent zu dem Begriff ‚Frauenliteratur‘ gibt. Seifert würde lieber von einem „weiblichen Schreiben“ sprechen, da Autorinnen über Jahrhunderte von eingrenzenden Lebensbedingungen beeinflusst waren, daraus ergäben sich bestimmte Themen und Motive, die überdurchschnittlich oft verwendet werden:

Zum Beispiel das Ausgeschlossensein aus der Gesellschaft, das Eingeschlossensein im Haus und die Erwartungen, die an Frauen gestellt wurden und werden. Autorinnen beschreiben über Jahrzehnte und Jahrhunderte, wie ­Prota­gonistinnen krank werden, weil sie versuchen diese Erwartungen zu erfüllen. Und das zieht sich bis heute durch. (Interview mit der taz am 2.10.2021)

Und damit ist Seifert auch schon mitten in ihrem Thema und ich habe mich durch die verschiedenen Kapitel nur so durchgefräst.

Seifert geht den Gründen nach, wie es dazu kommen konnte, dass sich in ihrem Bücherregal lange Zeit mehr Autoren als Autorinnen getummelt haben, was man ja gern mal bei sich persönlich überprüfen kann. In diesem Zusammenhang wird untersucht, wie Autorinnen in der Geschichte behindert, lächerlich gemacht oder eingeschränkt wurden.

Wie ihre Werke anders beurteilt wurden und werden, sobald herauskam, dass eine Frau das Buch geschrieben hatte. Wie sie – bis heute – seltener im Feuilleton rezensiert werden und wie andere Maßstäbe, zum Teil gänzlich unliterarischer Art, an ihr Schreiben gestellt werden (siehe den Artikel auf der Seite des Deutschlandfunk von Samira El Quassil).

Die amerikanische Autorin Catherine Nichols 

schickte einen Probetext an Literaturagenturen – fünfzigmal mit ihrem eigenen Namen und fünfzigmal mit einem männlichen Pseudonym. Der vermeintliche Autor wurde siebzehnmal um das vollständige Manuskript gebeten, die Autorin ganze zweimal. (S. 155/156)

Zudem wird beleuchtet, wie die Inhalte ihrer Werke für Männer als uninteressant und irrelevant dargestellt wurden und werden, während die Interessen der Männer als allgemeingültig und universell verstanden werden.

Diese Linien ziehen sich bis in die Gegenwart. Man untersuche nur einmal die Leselisten für die Oberstufe oder untersuche das Geschlechterverhältnis in diversen Literaturgeschichten, Lesebiografien oder Kanones. 

Es geht aber auch u. a. um „Autorinnen und die Literaturgeschichte“, weibliches Schreiben und das fadenscheinige Argument, dass ausschließlich die Qualität darüber entscheide, ob ein Werk besprochen oder in einen Kanon aufgenommen werde.

Darüber hinaus wird in dem Kapitel „Von Klassikern und vom Vergessen“ auf weitere Beispiele und die Kanondiskussion eingegangen (Effie Briest von Fontane im Vergleich zu Aus guter Familie von Gabriele Reuter). Dazu gehört auch die Überlegung des amerikanischen Literaturwissenschaftlers Todd McGowan, der die Theorie aufgestellt hat, dass Werke von Frauen, Schwarzen und PoC eigentlich nicht vergessen, sondern eher aktiv ignoriert und verdrängt wurden, da sie sich nicht „in die Weltsicht des bestehenden Kanons integrieren ließen.“ (S. 96)

… weil andernfalls eine Auseinandersetzung mit diesen Bereichen der Geschichte hätte stattfinden müssen. Und das wiederum hätte bedeutet, dass eine ethische Verantwortung hätte übernommen werden müssen. Vor dem Hintergrund der Sklaverei, der Kolonialgeschichte und der jahrhundertelangen Unterdrückung der Frau war der Ausschluss dieser ‚anderen‘ Stimmen demnach immer schon politisch begründet, ist die ästhetische Begründung stets eine politische. (S. 97)

Spannend – und darüber hätte ich gern noch mehr gelesen – waren auch die Ausführungen zu den historischen Wurzeln des Problems, nämlich der Ansicht, dass die Frau dem Mann grundsätzlich unterlegen sei, ihre natürliche Sphäre ausschließlich in Haus und Hof liege und sie ihr Glück in Kindererziehung, Gefühl und Sorge für den Ehegatten zu finden habe.

Und selbstverständlich haben auch Reich-Ranicki, Denis Scheck, Karl Ove Knausgård, Harald Martenstein und der Begriff des „Fräuleinwunders“ ihren nicht immer rühmlichen Auftritt.

Aber es gibt auch Hoffnung: Das Problembewusstsein nimmt zu, es gibt tolle Initiativen und die Freude an Neuentdeckungen sowie an Wiederentdeckungen weiblicher Autorinnen wächst.

Meinetwegen hätte das Buch auch gern länger als die 178 Textseiten (dazu kommt ein ausführliches Quellenverzeichnis) sein dürfen. Auf einige Appelle hätte ich gut und gern verzichten können und manches ist mir – vielleicht aufgrund der Kürze – auch zu plakativ geraten. Als ein Beispiel dafür sei der Absatz über die einigen Trubel auslösende Besprechung von Martin Ebel zu Sally Rooneys Roman Gespräche unter Freunden genannt.  Da wird dann für die Pointe – den Vorwurf des Sexismus – eben verschwiegen, dass Ebel sich bei seiner Äußerung, dass Rooney auf einem Foto aussehe wie ein aufgescheuchtes Reh, auf die Vermarktungsmaschinerie bezieht, bei der AutorInnenfotos natürlich auf eine Wirkung hin inszeniert werden.

Da scheint mir das zweite Beispiel, das Seifert aufgreift, doch wesentlich überzeugender: So schreibt – und ich reibe mir verstört die Augen – Peter Lückemeier in der FAZ allen Ernstes über Laura Karasek:

Das Gesicht mit dem Näschen, dem gepflegten Mund, den regelmäßigen Zügen hätte beinahe etwas Puppenhaftes, wären da nicht diese Augen: hellgrün und hellwach. Überhaupt scheint Laura Karasek viele Gegensätze in sich zu vereinigen. Sie sieht aus wie ein Mädchen, ist aber gerade 37 geworden und verheiratete Mutter vierjähriger Zwillinge. Sie wird manchmal für eine Spielerfrau oder Charity-Lady gehalten, schaute aber bis vor kurzem als Anwältin bei der Frankfurter Großkanzlei Clifford Chance aus dem 36. Stock auf die Frankfurter Skyline.

Hier noch einige Interviews mit der Autorin

Die Thematik ist sicherlich in einen größeren Zusammenhang eingebettet, da muss die Leserin – so sie die Zeit hat – dann noch mal selber ran, zum Beispiel mit folgenden Büchern und Verlagen:

Frauen in einer von Männern geprägten Welt

  • Caroline Criado-Perez: Unsichtbare Frauen: Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert (2020)
  • Evke Rulffes: Die Erfindung der Hausfrau – Geschichte einer Entwertung (2021)
  • Carel van Schaik, Kai Michel: Die Wahrheit über Eva (2020)
  • Mary Ann Sieghart: The Authority Gap (2021)
  • Deutschsprachige Verlage

Englischsprachige Verlage

Deutsch

  • Barbara Becker-Cantarino: Der lange Weg zur Mündigkeit – Frauen und Literatur in Deutschland von 1500 bis 1800 (1989)
  • Stefan Bollmann: Frauen und Bücher (2013)
  • Hiltrud Gnüg, Renate Möhrmann (Hg.): Frauen Literatur Geschichte – Schreibende Frauen vom Mittelalter bis zur Gegenwart (1999)
  • Ruth Klüger: Frauen lesen anders (1996)
  • Isabelle Lehn: Weibliches Schreiben in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur
  • Ina Schabert: Englische Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts – Eine neue Darstellung aus der Sicht der Geschlechterforschung, Kröner 2006
  • Gerhart Söhn: Die stille Revolution der Weiber – Frauen der Aufklärung und Romantik: 30 Porträts (1998)

Englisch

  • Mary Beard: Women and Power (2017)
  • Nicola Beaumann: A Very Great Profession: The Womans’ Novel 1914-39, Persephone Books (2008)
  • Lennie Goodings: A Bite of the Apple: A Life with Books, Writers and Virago, Oxford University Press (2020)
  • Joanna Russ: How to Suppress Women‘s Writing (1983)

Anthologien 

  • Verena Auffermann, Julia Encke, Gunhild Kübler, Ursula März, Elke Schmitter: 100 Autorinnen in Porträts, Piper (2021)
  • Verena Auffermann, Gunhild Kübler, Ursula März, Elke Schmitter: Leidenschaften: 99 Autorinnen der Weltliteratur, Bertelsmann (2009)
  • Gisela Brinker-Gabler: Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart – Gedichte – Lebensläufe (1978)
  • Lyndall Gordon: Five Women Writers who Changed the World (2017)
  • Katharina Herrmann: Dichterinnen & Denkerinnen: Frauen, die trotzdem geschrieben haben (2020)

Lesebiografien

  • Maureen Corrigan: Leave me alone, I‘m reading, Vintage Books (2005)
  • Samantha Ellis: How to be a Heroine – or what I‘ve learned from reading too much, Vintage Books (2014)
  • Deborah G. Felder: A Bookshelf of Our Own (2005)
  • Brenda Knight: Wild Women and Books (2006)
  • Nina Sankovitch: Tolstoy and the Purple Chair, Harper (2011)

Biografien und Autobiografien

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Frank Günther: Unser Shakespeare (2014)

Über dieses alte Buch [Shakespeares Werkausgabe] werden derzeit an jedem Tag, den der Herr Licht werden lässt, weltweit ca. 15 wissenschaftliche Studien veröffentlicht – und 1 Buch. Täglich. Ergibt im Jahr 365 x 15 = 5475 wissenschaftliche Studien und 364 Bücher. (S. 7)

Und nun hat auch noch Frank Günther, der 1947 geborene Shakespeare-Übersetzer, dieser ohnehin nicht zu bewältigenden Menge ein weiteres Buch hinzugefügt. Musste das sein?

Und ob! Das Buch ist überbordend informativ, spöttisch, belesen, meinungsstark und verständlich; es macht Spaß und gleichzeitig Lust, sich die Werke des englischen Nationalheiligen mal wieder aus dem Regal zu holen.

Es macht u. a. den Reiz dieses Buches aus, dass Günther zunächst einmal davon ausgeht, dass uns diese Werke eben nicht automatisch zugänglich sind, da 400 Jahre zwischen uns und diesem erfolgreichen Unterhaltungsschriftsteller liegen und demzufolge einige Hinweise hilfreich sein könnten, die als Brücke zwischen uns und Shakespeares Werken fungieren. Oder anders ausgedrückt: Wir sollten „ihre widerständige historische Fremdheit nicht übersehen.“ (S. 16)

So zeichnet Günther als erstes nach, wie Shakespeare überhaupt nach Deutschland gekommen ist; dass er nämlich von Lessing als großes Vorbild für deutsche Dramen in Stellung gebracht wurde, so ganz im Widerspruch zu Gottsched und dessen pedantischer Nacheiferung französischer Dramen.

Dreißig Jahre lang beherrschte Literaturpapst Gottsched die deutsche Szene. Ein anderer, 30 Jahre jüngerer deutscher Aufklärer fand’s dann gräßlich… (S. 23)

Es folgen Exkurse zu den unterschiedlichen Übersetzungen, die oft genug den Interessen der Übersetzer untergeordnet wurden, indem beispielsweise derbe oder nicht jugendfreie Stellen schlicht übergangen wurden, oder zu der dann zügig einsetzenden Vergöttlichung, die Shakespeare in deutschen Landen erfuhr. Goethe stammelte, als sei ihm ein religiöses Erweckungserlebnis zuteil geworden:

Die erste Seite, die ich in ihm las, machte mich auf zeitlebens ihm eigen, und wie ich mit dem ersten Stücke fertig war, stund ich wie ein Blindgeborner, dem eine Wunderhand das Gesicht in einem Augenblicke schenkt. (Zitat, S. 33)

Shakespeare wird von den Stürmern und Drängern vereinnahmt, als Vorbild gepriesen. Götz von Berlichingen und Schillers Räuber entstehen. Und ehe man sich versieht, versteigt sich August Wilhelm Schlegel – einer der entscheidenden Übersetzer – in einem Brief an Ludwig Tieck zu der Bemerkung:

Ich hoffe, Sie werden in Ihrer Schrift unter anderm beweisen, Shakespeare sey kein Engländer gewesen. Wie kam er nur unter die frostigen, stupiden Seeln auf dieser brutalen Insel? (Zitat, S. 49)

Günther geht aber auch den politischen Vereinnahmungen des Dichters nach, bis hin zu der betrüblichen Tatsache, dass Adolf Hitler ein großer Shakespeare-Anhänger gewesen sei.

Es ist immer wieder verblüffend zu entdecken, dass man die Liebe zu Shakespeare auch mit den widerwärtigsten Menschen der Welt teilt. (S. 55)

In weiteren Kapiteln untersucht Günther die Sprache und das Menschenbild der damaligen Zeit oder was z. B. Hamlet zu so einer herausragenden und bahnbrechenden Figur am Beginn der Moderne macht.

Ein Individuum, das sich seiner selbst bewusst wird, wir schauen dabei zu – man denke auch an die Theaterszenen im Hamlet -, wie sich dieses Individuum nach außen anders gibt, verstellt, als es innen empfindet. Und da sind wir plötzlich mitten im Selfie-Wahn unserer Tage, in dem die Außenwahrnehmung des einzelnen die Innenwahrnehmung beeinflusst, vielleicht gar mit ihr verwechselt wird …

Natürlich erfahren wir auch eine Menge über die elisabethanische Gesellschaft, die Wertvorstellungen und das gesellschaftlich Anrüchige der Theater, ihre (räumliche) Nähe zu Tierkampf und Bordellen, ihre Beliebtheit bei Adel und unteren Bevölkerungsschichten. Theater – übrigens wurden alle Frauenrollen grundsätzlich von Knaben gespielt -,  das war nichts Edles, im Gegenteil, Hunderte von Menschen, dichtgedrängt, keine Toiletten, gönnten sich ein günstiges Nachmittagsvergnügen, anstatt ordentlicher Arbeit nachzugehen.

Für Verfechter des gewaltfreien Bildschirms ist Shakespeares Trivialliteratur nicht das Richtige. So waren die Theater auch keine Feierstätten für ein bildungsbürgerliches Publikum. Sie wurden im Gegenteil vom protestantisch-puritanischen Bürgertum, das den Londoner Magistrat stellte, nach besten Kräften verfolgt – als Stätten des gottlosen Müßiggangs, als Brutstätten der Unzucht und als Herde des Aufruhrs und der Anarchie… (S. 120)

So kann Günther die erfolgreichen Theater der damaligen Zeit mit den Musical-Produzenten von heute vergleichen. Es ging ums Geschäft.

Interessant auch die Kapitel zu Shakespeares Schulbildung, den sehr unterschiedlich gewichtenden Shakespeare-Biografien oder zu dem Stück Othello. Ist das nun rassistisch oder eher nicht und was ist eigentlich mit dem Untertitel „Moor von Venedig“ und der Frage, ob ausschließlich PoC (people of colour) diese Rolle spielen dürfen?

Den anscheinend unausrottbaren Fragen, ob Shakespeare schwul war (Sonette), ob Shakespeare gebildet genug war und ob die Stücke deshalb wirklich von ihm geschrieben wurden, werden weitere, sehr unterhaltsame und immer lehrreiche Kapitel gewidmet.

Manche dieser Leute weihen dem Thema ihr ganzes Leben. Und das alles, obwohl es kein einziges Fitzelchen, kein klitzekleines Zettelchen eines auch nur andeutenden historischen Hinweises auf eine andere Verfasserschaft gibt. Es ist eine rein aus Luft konstruierte Wahnwelt. Aber mit Methode, geradezu hamletisch: Hinter dem Schein der Weltoberfläche liegt eine tief verborgene andere Wahrheit. Es ist faszinierend: Was treibt diese Leute an? Warum machen die so was? Könnte es ein bislang unbekanntes Virus sein? (S. 291)

Also, wer seine Bekanntschaft mit Shakespeare vertiefen will, hat mit Frank Günther einen kompetenten und erfrischend unstaubigen Reiseführer an der Hand.

Fundstücke von Martin Luther

Doktor Martinus Luther riet allen Studenten, gleich welcher Fakultät, bestimmte gute Autoren beständig zu lesen. Einen guten Schriftsteller aber solle man sich durch immer erneutes Lesen so vertraut machen, daß  man gleichsam in sein Fleisch und Blut verwandelt werde. Denn vielerlei Verschiedenes lesen bringt mehr Verwirrung, als daß man wirklich etwas daraus lernt. Denn wenn einer überall zu Hause ist, der erreicht damit nur, daß er nirgends richtig zu Hause ist. Und wie wir in der menschlichen Gesellschaft nicht an jedem Tag alle Freunde um uns zu haben brauchen, sondern nur einige wenige, dafür aber auserlesene, so soll man sich auch an die besten Bücher, und zwar an wenige und auserwählte halten.

aus: Martin Luther: Tischreden, Reclams Universalbibliothek Nr. 1222, 1981, S. 12/13

Und auf S. 13 heißt es außerdem:

Luther beklagte einmal die Menge der Bücher und Schriftsteller, weil uns ein unendliches Meer von Büchern bevorstehe. Denn jeder beliebige schreibe seiner Anmaßung entsprechend ein Buch, andere förderten solch Übel um der Gewinnsucht willen.

Das ist also kein neues Phänomen …

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Fundstück von C. S. Lewis

In 1905, my seventh year, the first great change in my life took place. We moved house. My father […] decided to build himself a much larger house, further out into what was then the country. The „New House“, as we continued for years to call it, was a large one even by my present standards; to a child it seemed less like a house than a city. My father, who had more capacity for being cheated than any man I have ever known, was badly cheated by his builders, the drains were wrong, the chimneys were wrong, and there was a draught in every room. None of this, however, mattered to a child. To me, the important thing about the move was that the background of my life became larger. […] I am a product of long corridors, empty sunlit rooms, upstair indoor silences, attics explored in solitude, distand noises of gurgling cisterns and pipes, and the noise of wind under the tiles.

Also, of endless books. My father bought all the books he read and never got rid of any of them. There were books in the study, books in the drawing-room, books in the cloakroom, books (two deep) in the great bookcase on the landing, books in the bedrooms, books piled as high as my shoulder in the cistern attic, books of all kinds reflecting every transient stage of my parents’s interests, books readable and unreadable, books suitable for a child and books most emphatically not. Nothing was forbidden me. In the seemingly endless rainy afternoons I took volume after volume from the shelves. I had always the same certainty of finding a book that was new to me as a man who walks into a field has of finding a new blade of grass. Where all these books had been before we came to the New House is a problem that never occurred to me until I began writing this paragraph. I have no idea of the answer.

aus der Autobiografie Surprised by Joy (1955) von C. S. Lewis (1898-1963)

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Pieter Steinz: Der Sinn des Lesens (OA 2015)

Anscheinend war der niederländische Originaltitel Lezen met ALS. Literatuur als levensbehoefte dem Reclam Verlag nicht schmissig genug, dabei ist er präziser und schickt die Leser nicht so in die Irre wie der deutsche Titel.

Denn es geht weniger um den Sinn des Lesens, sondern darum, dass der an ALS erkrankte Pieter Steinz, umtriebiger Journalist, Autor zahlreicher Werke und eine Instanz der niederländischen Literatur, seine noch verbleibende Zeit zwischen Diagnose und Lebensende u. a. den Menschen und Bedürfnissen widmen wollte, die ihm wertvoll waren. Und eines dieser Lebensbedürfnisse war die Literatur.

Für mich waren meine kleinen Essays in erster Linie ein guter Grund, um noch einmal eine Reihe meiner Lieblingsbücher lesen zu können. Außerdem bot das Schreiben eine wunderbare Möglichkeit, meinen körperlichen Verfall und den dazugehörigen Marsch durch die medizinischen Institutionen mit einer gewissen Distanz zu betrachten. Das Buch, das so entstanden ist, gibt vielleicht keine definitive Antwort auf die Frage, ob Literatur in schwierigen Situationen Trost bieten kann, für mich hat sich auf jeden Fall erwiesen, dass zumindest das Schreiben über Literatur sehr tröstlich ist. (S. 8)

Und so stellt Steinz (1963 – 2016) in diesen anrührenden, traurigen, witzigen, selbstironischen kurzen Texten 52 Bücher und Textausschnitte in Bezug zu seiner Krankheit, deren körperliche Verwüstungen er nicht unter den Teppich kehrt und von der er weiß, dass er an ihr sterben wird.

Die Bandbreite der angesprochenen Bücher reicht dabei von Karlsson vom Dach bis Sokrates, von Autoren, die bisher noch nicht ins Deutsche übersetzt wurden, bis zu Thoreau, Orwell, Oblomow und Dem Grafen von Monte Christo.

Hier schreibt einer hinreißend klug, dankbar und unsentimental über sein Leben, seine Ehefrau, seine Bücher, über die Folgen seiner Krankheit und unsere Endlichkeit. Wenn man am Ende des Buches angelangt ist, kann man gleich wieder von vorn beginnen, um von Steinz zu lernen.

Natürlich, niemand möchte sterben. Wenn man glücklich ist, möchte man ewig weiterleben, so wie man auch möchte, dass ein tolles Buch niemals aufhört und ein perfekter Urlaub endlos weitergeht.  Aber sterben muss man trotzdem, und vielleicht ist es besser, dass es geschieht, wenn man mitten im Leben steht und umgeben ist von seinen Liebsten, als wenn man alt und pflegebedürftig ist und seine Tage in Einsamkeit verbringt. Mein Bestreben ist es, meine Augen zufrieden zu schließen und mich so dem Glücksideal von Solon und Herodot anzunähern. (S. 60)

Den Hinweis auf dieses faszinierende Buch verdanke ich der Besprechung auf Peter liest.

 

Fundstück von Petra Gust-Kazakos

Mit großem Vergnügen schmökere ich mich gerade durch Gefahren des Lesens von Petra Gust-Kazakos. Allerdings ist auch die Lektüre selbst nicht ganz ungefährlich, kann es einem doch passieren, dass man immer wieder – genau wie auf Philea’s Blog – auf Titel stößt, die man unbedingt der eigenen Leseliste hinzufügen möchte.

Und Petras Stil ist, wie könnte es anders sein, charmant-belesen. Ich jedenfalls habe schon jetzt viel Freude an Stellen wie diesen, die mir nachdrücklich vor Augen führen, dass es eigentlich Zeit für ein Artenschutzprogramm wäre. Nachdem die Autorin belegt hat, dass nur ca. drei Prozent der Bevölkerung zu den sogenannten Viel-Lesern (mehr als 50 Bücher pro Jahr) gehören, schreibt sie:

Erfreut sich der gewöhnliche Leser (Lector communis) noch weitgehend allgemeiner Munterkeit, so sieht es für den belesenen Viel-Leser (Lector multiplex) trüb und trüber aus. Das glauben Sie nicht? Nun, natürlich, da Sie dies lesen, gehören Sie vielleicht selbst zu seltenen Art der Viel-Leser – wer sonst interessiert sich schon für Bücher über Bücher und das Lesen. Sie lieben Bücher, sprechen gern mit anderen darüber und kommen sich dabei keineswegs gefährdet vor. Das ist übrigens typisch für den Viel-Leser: Unter Artgenossen fühlt er sich wohl, anerkannt und ganz in seinem Element. Doch außerhalb dieser kleinen Gemeinschaft gilt er als Exot, seine natürlichen Lebensräume schwinden und seine Arterhaltung steht nicht im Mittelpunkt des Interesses, weder gesellschaftlich noch politisch noch sonstwie. (S. 55)

aus: Petra Gust-Kazakos: Gefahren des Lesens: Essays zu Risiken und Nebenwirkungen, adson fecit 2016.

Was ist ein Klassiker?

Als ich auf diesem Blog die Kategorie „Klassiker“ einfügen wollte, schien mir das ein guter Moment, um noch einmal zu überdenken, welche Merkmale ein literarischer Klassiker für mich erfüllen sollte. Beim Stöbern fand ich das folgende Zitat von Charles Augustin Sainte-Beuve (1850):

A true classic, as I should like to hear it defined, is an author who has enriched the human mind, increased its treasure, and caused it to advance a step;

who has discovered some moral and not equivocal truth, or revealed some eternal passion in that heart where all seemed known and discovered;

who has expressed his thought, observation, or invention, in no matter what form, only provided it be broad and great, refined and sensible, sane and beautiful in itself;

who has spoken to all in his own peculiar style, a style which is found to be also that of the whole world, a style new without neologism, new and old, easily contemporary with all time. (aus: Literary and Philosophical Essays. 1909-14, Vol. 32. The Harvard Classics)

Ein bisschen trockener formuliert: Ein Klassiker der Literatur widmet sich zeitlosen Themen wie Kindheit, Abenteuer, Sinnsuche, Identität und Liebe oder dem Kampf zwischen Gut und Böse, Recht und Unrecht oder der Auseinandersetzung zwischen dem Individuum und der Gesellschaft. Dabei sollte das Werk:

  • über Generationen und oft genug auch über Ländergrenzen hinweg Menschen ansprechen, unabhängig von Moden und Zeitgeist
  • etwas Allgemeingültiges in neuer, so bisher noch nicht da gewesener Weise darstellen
  • Qualitätsmaßstäbe für kommende Generationen setzen
  • der Leserin, dem Leser die Augen öffnen und ihr oder ihm einen tieferen Blick auf die Natur des Menschen und die ihn umgebende Welt ermöglichen
  • unaufdringlich und ohne erhobenen Zeigefinger die Welt menschlicher machen

Mark Twain hat in einer Rede am 20. November 1900 das daraus entstehende Dilemma für den Leser auf den Punkt gebracht: A classic is

something that everyone wants to have read but no one wants to read.

Nun, wir wollen bestimmte Bücher gelesen haben, weil sie Teil eines wie auch immer entstandenen und von wem auch immer aufgestellten Kanons sind, weil wir wissen, sie sind ein wesentlicher Bestandteil der Kultur und Geschichte.

Auf der anderen Seite haben heutzutage die wenigsten die Zeit oder den Anspruch, solche Klassikerlisten (siehe die Kanondiskussion) abzuarbeiten. Und Italo Calvino tröstet die, die sich schämen, ein bestimmtes Werk noch nicht gelesen zu haben:

Um sie zu beruhigen, reicht es anzumerken, daß, so umfangreich die ‚Bildungslektüre‘ eines Individuums auch sein mag, immer eine riesige Anzahl grundlegender Werke übrigbleibt, die man nicht gelesen hat. (Calvino: „Warum Klassiker lesen?“)

Der heutige Leser ist selbstbewusst und weiß, dass das persönliche Interesse, die persönliche Betroffenheit ohnehin dazukommen müssen. Chris Cox  hat im Guardian vom 8. Dezember 2009 in Anspielung auf Mark Twain noch einmal klargestellt:

There are two kinds of classic novel. The first are those we know we should have read, but probably haven’t. These are generally the books that make us burn with shame when they come up in conversation: from Crime and Punishment to Jane Eyre, we know they would do us good if only we could get around to reading them. For me, embarrassingly, this category includes not just individual books, but entire oeuvres: I’ve yet to pick up a single Dickens novel, for example, and when someone mentions Proust, I actually have to make an excuse and leave the room. The second kind, meanwhile, are those books that we’ve read five times, can quote from on any occasion, and annoyingly push on to other people with the words: ‚You have to read this. It’s a classic.‘

Trotzdem sollte man das Kind nicht gleich mit dem Bade ausschütten und die Diskussion um Klassiker nicht einfach für obsolet erklären, trotz der damit verbundenen Schwierigkeiten. Wer zum Beispiel legt fest, was als Klassiker zu werten ist, wenn sich doch schon die Fachleute – meist weiße, ältere Herren, westlich geprägt – keineswegs immer einig sind.

Auch Calvino geht in seinem Essay „Warum Klassiker lesen?“ (zuerst 1981 veröffentlicht) in immer wieder neuen Definitionsversuchen der Frage nach, was denn nun einen Klassiker ausmache. Er hat dabei die folgenden Formulierungen gefunden, die die Balance zwischen der überindividuellen Bedeutung eines Werkes und der Notwendigkeit des persönlichen Zugangs veranschaulichen:

Ein Klassiker ist ein Buch, das nie aufhört, das zu sagen, was es zu sagen hat.

Wenn der Funke nicht überspringt, ist nichts zu machen: die Klassiker liest man nicht aus Pflicht oder Respekt, sondern nur aus Liebe.

Und so nehme ich also die Bücher in meine Kategorie der Klassiker auf, die eine nachweisbare, Jahrzehnte überdauernde überindividuelle Bedeutung haben und zu denen ich gleichzeitig einen persönlichen Zugang gefunden habe. Wenn der Funke übergesprungen ist.

Wer sich noch ein wenig mit der Entstehung des Klassikerkanons beschäftigen möchte, sei auf den Beitrag Vergangen und gegenwärtig – Was ist ein literarischer Klassiker? hingewiesen.

Ach, und natürlich wird diese Frage immer wieder neu verhandelt, hier begründet Denis Scheck, warum er einen neuen Kanon der Meisterwerke aufstellen möchte.

Auch Michael Sommer, ja, der mit den Playmobilfiguren, hat sich an einer Definition von Weltliteratur versucht.

Fundstück von Michael Ellis DeBakey

Der damals 95-jährige weltweit anerkannte Herzchirurg Michael Ellis DeBakey (1908-2008) erzählte A. J. Jacobs folgende Geschichte:

Als ich ein kleiner Junge war, durften wir uns nur ein Buch pro Woche aus der Bibliothek leihen. Eines Tages kam ich nach Hause und erzählte meinen Eltern,  dass ich in der Bibliothek ein wunderbares Buch gesehen hätte – das man jedoch leider nicht ausleihen dürfe. Meine Eltern fragten: ‚Was für ein Buch?‘ Und ich sagte: ‚Die Encyclopaedia Britannica‘. Kurz darauf stand sie bei uns im Regal. Ich war damals zehn oder zwölf, das muss also um 1919 gewesen sein. Als ich mit dem Studium anfing, hatte ich sie durch. Ich hatte vier Geschwister, und nach der Schule konnten wir es kaum erwarten, nach Hause zu kommen und die Britannica zu lesen. (S. 281)

Schöner kann man für Nachschlagewerke nicht werben.

P1120052.JPGPrunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek

Fundstück von Comenius über Büchersammler

Indessen sah ich wieder andere, welche die Bücher weder in sich aufnahmen noch auch in die Tasche steckten, sondern auf ihre Stube trugen; und als ich ihnen nun auch dahin folgte, bemerkte ich, wie sie dieselben in sehr schöne Futterale taten, mit verschiedenen Farben bemalten, bisweilen sogar mit Gold und Silber schmückten; dann stellen sie dieselben in einem Kasten in Reihen auf, nahmen sie bald wieder heraus und unterzogen sie einer erneuten Prüfung, reihten sie nochmals ein und wiederholten diesen Vorgang mehrmals, traten bewundernd zur Seite und wieder vor, wobei sie nicht wenig stolz darauf waren, wie prächtig sich dieselben von außen ausnahmen. einige pflegten von Zeit zu Zeit die Titel zu besehen, um sie gelegentlich hersagen zu können. Ich fragte: ‚Was treiben denn die Leute da für Narrenpossen?‘ ‚Lieber Freund‘, entgegnete mein Führer, ‚eine schöne Bibliothek zu besitzen ist ein köstliches Ding.‘ ‚Auch wenn man sie gar nicht benützt?‘ bemerkte ich; er gab zur Antwort: ‚Auch den, der eine schöne Bücherei besitzt, zählt man zu den Gelehrten.‘ Ich aber dachte: ‚Beiläufig so, wie einer, der viele Zangen und Hämmer hat, sie aber nicht zu gebrauchen weiß, unter die Schmiede zu zählen ist.‘ (S. 54)

Und uns LeserInnen ins Stammbuch: Nur „jene, welche ihre Weisheit wohlverwahrt in ihrer Seele mit sich“ tragen, müssen sich nicht vor Dieben oder Feuern fürchten, in denen Bücher verbrennen.

Johann Amos Comenius: Das Labyrinth der Welt und das Paradies des Herzens (1631)

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Andy Miller: The Year of Reading Dangerously (2014)

Auf Millers Homepage kann man, wenn man das denn möchte, sicherheitshalber genauer aufdröseln, mit welchen der zahlreichen und z. T. berühmten Namensverwandten er NICHT identisch ist. Auch verbittet er sich jegliche Verwechslung mit jenem „Andy Miller on Facebook who counts ‚Women bringing me sandwiches‘ amongst his activities and interests. I am not on Facebook. I make my own sandwiches.“

Let me begin on the back foot and linger there awhile. This book is entitled The Year of Reading Dangerously. It is the true story of the year I spent reading some of the greatest and most famous books in the world, and two by Dan Brown. I am proud of what I achieved in that year and how the experience changed my life – really altered its course – which is why I am about to spend several hundred pages telling you about it.

Mit diesen einleitenden Worten wäre der Inhalt des biografisch verankerten Lektürerückblicks des Journalisten und Schriftstellers Andy Miller bereits umrissen. Auslöser war zunächst seine Situation als berufstätiger und ständig übermüdeter Papa eines dreijährigen Sohnes. Dabei kommt Miller irgendwann zu dem ernüchternden Ergebnis:

I assume we are happy. Certainly we love each other. We have been working parents for three years. In that time I have, for pleasure, read precisely one book – ‚The Da Vince Code‘ by Dan Brown. (S. 23)

Irgendetwas Entscheidendes fehlt jedoch, Bücher hatten bisher immer zu seinem Leben gehört, nicht umsonst hat Miller Literatur studiert. Doch jetzt fehlen Zeit und Energie für anspruchsvollere Literatur. Und selbst die Zeit, die er in öffentlichen Verkehrsmitteln auf dem Weg zur Arbeit zum Lesen verwenden könnte, verbringt er eher mit Sudoko oder irgendwelchen Zeitschriften.

Und überhaupt befindet er sich gerade in seiner eher mittelmäßigen Midlife-Crisis, in der ihm nicht nur Literatur, sondern auch Musik und gute Filme abhanden gekommen sind:

Now, however, like many people on the threshold of middle-age, out there in the jungle somewhere I could discern a disconcerting drumbeat; and I realised that at some point in the aforementioned Not Too Distant Future, closer now, the drumming would cease, leaving a terrible silence it its wake. And that would be it for me. Immediately, we produced a child. But if anything, this only made matters worse. I had heard that other people dealt with this sort of problem by having ill-advised affairs with schoolgirls, or dyeing their hair a ‚fun‘ colour, or plunging into a gruelling round of charity marathon running, ‚to put something back‘. But I did not want to do any of that; I just wanted to be left alone. My sadness for things undone was smaller and duller, yet maybe more undignified. It seemed to fix itself on minor letdowns, everyday stuff I had been meaning to do but somehow, in half a lifetime, had not got round to. I was still unable to play the guitar. I had never been to New York. I did not know how to drive a car or roast a chicken. Roasting a chicken – the impossible dream! Even my mid-life crisis was a disappointment. (S. 39)

Als er mit Sohn und Kinderwagen auf der Flucht vor einem Regenguss ist, findet er zufällig in einem Buchladen den Roman Der Meister und Margarita des russischen Schriftstellers Michail Bulgakow. Miller kommt auf den Geschmack und beschließt, auf den Genuss anspruchsvoller Literatur nicht länger verzichten zu wollen.

Eine Bücherliste muss her, die im Laufe der Zeit auf 50 Titel anwächst und die er in einem Jahr „abgearbeitet“ haben will. Die Auswahl erfolgt streng subjektiv. Es werden Bücher ausgewählt, die er tatsächlich gerne kennen würde und von denen er hofft, dass sie das erfüllen, was Henry Miller einmal so ausgedrückt habe:

They were alive and they spoke to me. (S. 8)

Schließlich stehen auf der „List of Betterment“ so ganz unterschiedliche Titel, wie z. B.:

  • Middlemarch (George Elliot)
  • Post Office (Charles Bukowski)
  • The Ragged Trousered Philanthropists (Robert Tressell)
  • The Sea, The Sea (Iris Murdoch)
  • The Communist Manifesto (Marx/Engels)
  • Moby-Dick (Herman Melville)
  • Anna Karenina (Leo Tolstoy)
  • Of Human Bondage (Somerset Maugham)
  • The Odyssey (Homer)
  • Absolute Beginners (Colin MacInnes)
  • Krautrocksampler (Julian Cope)
  • The Leopard (Giuseppe Tomasi di Lampedusa)
  • Beloved (Toni Morrison)
  • Atomised (Michel Houellebecq)

An Houellebecq schreibt er einen enthusiastischen Brief, den er zwar nie abgeschickt hat, der hier aber abgedruckt wird. Das letzte Buch auf seiner Liste, das übrigens seine Frau aussuchen musste, war The Code of the Woosters von P.G. Wodehouse.

Doch das Buch, das sowohl ihn als auch seine Frau komplett von den Socken gehauen hat, war Krieg und Frieden von Tolstoi. Hier schließt sich dann auch der Kreis zum Titel. Krieg und Frieden war nach Aussage Millers tatsächlich der letzte Anstoß, sein Leben noch einmal komplett zu ändern. Er reicht seine Kündigung ein und beschließt selbst zu schreiben. Eines der Resultate ist das vorliegende Buch.

Nun schreibt Miller aber nicht einfach fünfzig Besprechungen. Viele der von ihm gelesenen Titel spielen im Buch gar keine Rolle, stattdessen wählt er aus, erzählt, welche Bücher ihm aus welchen Gründen besonders gefallen, welche ihn schier zur Verzweiflung gebracht haben und welche Bücher in seiner Biografie, beim Erwachsenwerden, wichtig waren.

Und vor allem beschäftigt ihn die Frage, wie man die Lektüre der Klassiker mit einem Vollzeitjob und einem Familienleben unter einen Hut bringen kann. Dazu gibt es mal mehr, mal weniger interessante Exkurse zum Lesen im einundzwanzigsten Jahrhundert, zum Verschwinden der örtlichen Buchhandlungen und den ständigen Budgetkürzungen bei allem, was mit Literatur oder (Schul-)Büchereien zu tun hat.

Gleichzeitig macht er sich so seine Gedanken über eine weitere Veränderung:

Meanwhile, the last decade has given us blogs, book groups, festivals, all the chatter of the social network, developments which, while they may indeed be progress, are not the thing itself. They are not reading. (S. 12)

Ich selbst fand meist die Hintergrundinformationen zu den Büchern am interessantesten. Wie Melville, einer der ganz Großen, von seinen Zeitgenossen keineswegs als Literat anerkannt wurde und schließlich einem Brotberuf nachgehen musste und unbeachtet starb. Oder dass Bulgakovs Roman erst 26 Jahre nach seinem Tod erschien – und es somit keineswegs selbstverständlich war, dass Miller dieses Buch in der Auslage einer kleinen Buchhandlung in Broadstairs entdeckte.

Dass er mit Jane Austen nicht warm wird, ist natürlich unverzeihlich, dafür scheitert er an Romanen des Magischen Realismus genauso grandios wie ich …

Das Buch ist ein ehrliches und über weite Strecken vergnügliches Plädoyer für Kultur, wenn auch nicht immer ganz so knackig und hübsch auf den Punkt gebracht, wie ich das von Nick Hornbys Buchkolumnen in Erinnerung habe. Köstlich jedoch, als er beispielsweise planlos Rezepte aus Murdochs The Sea, The Sea nachkocht, weil er keinen Zugang zum Buch findet. Das muss kulinarisch eine ziemliche Katastrophe gewesen sein. Seine Frau bat ihn jedenfalls, von solcherlei Experimenten in Zukunft abzusehen.

Auch das Kapitel, in dem er Gemeinsamkeiten zwischen Dan Brown und Melville sucht – und findet, macht Spaß.

The Year of Reading Dangerously ist letztlich nicht nur das Buch mit dem scheußlichsten Cover (gebundene Ausgabe), das mir seit langem untergekommen ist, sondern vor allem eine dringende Einladung, (wieder) Bücher zu lesen, die einen fordern, die einem etwas abverlangen und bei denen man eben auch mal zugeben muss, vielleicht nicht alles verstanden zu haben.

Culture could come in many forms, high, low or somewhere in-between: Mozart, The Muppet Show, Ian McEwan. Very little of it was truly great and much of it would always be bad, but all of it was necessary to live, to be fully alive, to frame the endless, numbered days and make sense of them. (S. 40)

Und diese Kultur kann unerwartete Nebenwirkungen mit sich bringen: Tina, seine Frau, kauft nach ihrer Lektüre von Tolstoi wesentlich weniger Bücher, da die meisten ohnehin nicht so gut sein können wie Krieg und Frieden. Da stecke schließlich schon fast alles drin. (Ich habe den Fehler gemacht, diese Anekdote meinem Mann zu erzählen, woraufhin es keine fünf Minuten dauerte, bis er mir freundlich lächelnd seine alte Ausgabe des ersten Bandes von Krieg und Frieden in die Hand drückte.)

Hier gibt es ein Interview mit Miller.        

Fundstück von Andy Miller über moderne Lesekreise

Werbeanzeige in einer englischen Zeitung für einen Lesekreis:

If YOU have ever been tempted by the idea of joining a book club but put off by the thought of highbrow discussions, the town’s latest group could be for you. A club meets at the Umbrella Centre each month to discuss literature – but you don’t even have to read the book to take part. Organiser Liz W. said the idea was to have fun and make new friends. ‚We choose books that are easy to read, and that have been made into films so you don’t even have to read if you don’t want to,‘ she said. ‚It should be fun and it’s as much about socialising as it is about the books.‘ The group was set up after people complained they felt intimidated by groups held in people’s houses. It particularly welcomes male members.

At the end of the piece there was a contact phone number. Fortunately, I was already a member of a book group otherwise I might have been tempted to join. It sounded mindboggling yet somehow inevitable: a book group where you didn’t have to read the book. Wherever she lies, Virginia Woolf must be punching herself in the face.

zitiert nach: Andy Miller: The Year of Reading Dangerously, 2014, S. 194/195

Fundstück von Iris Murdoch

Dem Blog Dovegreyreader verdanke ich den Hinweis auf das Interview mit der britischen Schriftstellerin Iris Murdoch (1919 – 1999), das in der Paris Review erschien.

Das folgende Zitat findet sich gegen Ende des Interviews:

INTERVIEWER: What effect would you like your books to have?

MURDOCH: I’d like people to enjoy reading them. A readable novel is a gift to humanity. It provides an innocent occupation. Any novel takes people away from their troubles and the television set; it may even stir them to reflect about human life, characters, morals. So I would like people to be able to read the stuff. I’d like it to be understood too; though some of the novels are not all that easy, I’d like them to be understood, and not grossly misunderstood. But literature is to be enjoyed, to be grasped by enjoyment.

INTERVIEWER: How would you describe your ideal reader?

MURDOCH: Those who like a jolly good yarn are welcome and worthy readers. I suppose the ideal reader is someone who likes a jolly good yarn and enjoys thinking about the book as well, thinking about the moral issues.

Fundstück von Carlos María Domínguez

Was für ein erster Satz:

Im Frühjahr 1998 kaufte Bluma Lennon in einer Buchhandlung in Soho eine alte Ausgabe der Gedichte von Emily Dickinson und wurde an der nächsten Straßenecke, als sie gerade beim zweiten Gedicht angelangt war, von einem Auto überfahren.

Carlos María Domínguez: Das Papierhaus (2002)

Nach so einem Einstieg waren meine Erwartungen hoch, doch um ehrlich zu sein, trotz begeisterter Empfehlungen allerorten habe ich die Lektüre irgendwann abgebrochen. Nicht mein Ding.

Aber ein Besuch bei Flattersatz lohnt sich, der hat’s zu Ende gelesen und auch gleich einige interessante Links zusammengetragen.

Fundstück von Victoria

Heute ein Zitat – mit freundlicher Erlaubnis der Blogbetreiberin – aus dem schönen Blog Tales from the Reading Room.

Victoria hat zwar einen wunderbaren Ehemann, der ihr sogar Bücherregale zimmert, aber hin und wieder äußert er doch Bedenken, was die sich ansammelnde Büchermenge im Haushalt angeht.

Victoria schreibt:

For the last couple of months, Mr Litlove has been busy making me new bookcases. It will probably not surprise you to know that we have been experiencing a bit of a book crisis once again. Mr Litlove has been rumbling darkly to the effect that rather than live in a house with a lot of books, we have now veered into the territory of hoarders and eccentrics, and are living in a library that happens to have beds in it. I’m not sure why this should be an issue, but he seems to think it is.

Manches kann man nur auf Englisch so nett ausdrücken. Thanks, Victoria!

 

 

 

 

Fundstück von Harold Bloom

Reading well is one of the great pleasures that solitude can afford you, because it is, at least in my experience, the most healing of pleasures. It returns you to otherness, whether in yourself or in friends, or in those who may become friends. Imaginative literature is otherness, and as such alleviates loneliness. We read not only because we cannot know enough people, but because friendship is so vulnerable, so likely to diminish or disappear, overcome by space, time, imperfect sympathies, and all the sorrows of familial and passional life.

Harold Bloom: How to read and why (2000)

In der deutschen Übersetzung von Angelika Schweikhart

Das richtige Lesen ist eines der großen Vergnügungen des Alleinseins, denn es ist meiner Erfahrung nach das heilsamste Vergnügen. Es gibt den Zustand des Andersseins wieder, sei es in einem selbst oder in Freunden oder jenen, die zu Freunden werden können. Die imaginative Literatur bedeutet Anderssein und mildert als solche die Einsamkeit. Wir lesen nicht nur, weil wir nicht genug Menschen kennen können, sondern auch weil die Freundschaft so verletzlich ist, weil es so wahrscheinlich ist, dass sie abnimmt oder schwindet, bezwungen durch Raum, Zeit, unvollkommene Sympathien und all die Sorgen des Familien- und Liebeslebens.

Fundstück von SylvainTesson

Hinweis zu der auf längeren Reisen mitzunehmenden Literatur:

Wenn man vor der Dürftigkeit seines Innenlebens Angst hat, muss man gute Bücher mitnehmen – so kann man die eigene Leere immer füllen. Falsch wäre es, ausschließlich schwierige Lektüre mitzunehmen, weil man sich vorstellt, das Leben in den Wäldern würde die geistige Temperatur auf einer sehr hohen Stufe halten. Die Zeit wird lang, wenn man für verschneite Nachmittage nur Hegel hat. (S. 28)

aus: Sylvain Tesson: In den Wäldern Sibiriens (2011) 

Fundstück von Joseph Freiherr von Eichendorff

Und das sind die rechten Leser, die mit und über dem Buche dichten. Denn kein Dichter gibt einen fertigen Himmel; er stellt nur die Himmelsleiter auf von der schönen Erde. Wer, zu träge und unlustig, nicht den Mut verspürt, die goldenen, losen Sprossen zu besteigen, dem bleibt der geheimnisvolle Buchstab ewig tot, und er täte besser, zu graben oder zu pflügen, als so mit unnützem Lesen müßig zu gehn.

aus: Joseph Freiherr von Eichendorff: Ahnung und  Gegenwart (1815)

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Fundstück von Sam Savage

Wenn das keine Liebeserklärung an Literatur ist:

Ich reiste in meinen Büchern durch Raum und Zeit […] Von Daniel Defoe ließ ich mir London zeigen, in der Zeit der Pest. Ich hörte des Glöckners Ruf: ‚Bringt heraus eure Toten!‘, es roch nach verbrannten Leichen. Diesen Geruch habe ich noch heute in der Nase. […] Nach ein paar Stunden brauchte ich einen Szenenwechsel und reiste nach China, stieg einen steilen Pfad durch Bambus und Zypressen hinauf und setzte mich für eine Weile in die offene Tür einer kleinen Berghütte, zu dem alten Tu Fu. Schweigend betrachteten wir den weißen Nebel, der in Schwaden aus dem Tal aufstieg, lauschten dem Fächeln des Windes, der durch die Schilfmatten hauchte, vernahmen die leisen Schwingungen entfernter Tempelglocken und waren, jeder für sich, ‚allein mit den zehntausend Dingen‘. Anschließend versetzte ich mich zurück nach England […] wo ich neben einem Feldweg ein Feuerchen anzündete, damit die arme, verstoßene Tess, die auf einem kahlen, windigen Acker Steckrüben ausgrub, ihre spröden Hände wärmen konnte. […] Als Nächstes fuhr ich mit Marlow an Bord eines verrosteten Dampfers einen afrikanischen Fluss hinauf und suchte einen Mann namens Kurtz. Wir fanden ihn tatsächlich. Besser wäre es gewesen, wir hätten ihn nicht gefunden! Ich brachte Leute zusammen. Baudelaire setzte ich auf das Floß neben Huck und Jim. Das ist ihm gut bekommen. (S. 57-58)

Sam Savage: Firmin – ein Rattenleben, 2006

Fundstück von Neil Gaiman

Fiction has two uses.

Firstly, it’s a gateway drug to reading. The drive to know what happens next, to want to turn the page, the need to keep going, even if it’s hard, because someone’s in trouble and you have to know how it’s all going to end … that’s a very real drive. And it forces you to learn new words, to think new thoughts, to keep going. To discover that reading per se is pleasurable. Once you learn that, you’re on the road to reading everything. And reading is key.

There were noises made briefly, a few years ago, about the idea that we were living in a post-literate world, in which the ability to make sense out of written words was somehow redundant, but those days are gone: words are more important than they ever were: we navigate the world with words, and as the world slips onto the web, we need to follow, to communicate and to comprehend what we are reading. People who cannot understand each other cannot exchange ideas, cannot communicate, and translation programs only go so far.

Neil Gaiman in seinem Artikel Why our future depends on libraries, reading, and daydreaming aus dem Guardian (2013)

Fundstück von John Sutherland

Every week now more novels are published than Samuel Johnson had to deal with in a decade. If you had the riches of Croesus (or Bill Gates) you could, with a few hours‘ key-stroking, order up from Amazon.com some half-million novels to be Fedexed, rush delivery, in thirty-six hours. You would, of course, need a disused airplane hangar to keep the books in and a small army of forklifting stackers and fetchers to move the things. Given a reading career of fifty years, a 40-hour reading week, a 46-week working year and three hours per novel, you would, as I calculate, need 163 lifetimes to read them all. And very dull lifetimes they would be. More fun on the forklifts. […] Where to start? Is there any point in starting, or shaping one’s reading experiences? How can one organise a curriculum?

So umreißt der emeritierte Professor John Sutherland das Problem, für das er mit seinem Buch How to Read a Novel (2006) eine Hilfestellung geben will.

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Fundstück von Doris Lessing

Da musste ich an die Seminare im Studium denken, in denen wir monatelang einzelne Klassiker auseinanderklamüsert haben…

Wie jeder andere Schriftsteller bekomme ich ständig Briefe von jungen Leuten, die in verschiedenen Ländern – aber besonders in den Vereinigten Staaten – Examensarbeiten und Aufsätze über meine Bücher schreiben. Sie alle sagen: „Bitte schicken Sie mir ein Verzeichnis der Artikel über Ihr Werk, der Kritiker, die über Sie geschrieben haben, der Autoritäten.“ Sie fragen mich nach tausend Einzelheiten, die völlig irrelevant sind, die aber als wichtig zu betrachten sie gelehrt wurden und die schließlich ein Dossier ergeben wie das eines Einwanderungsbüros.

Diese Anfragen beantworte ich wie folgt: „Lieber Student, Du bist verrückt. Warum Monate und Jahre damit zubringen, Tausende von Wörtern über ein einziges Buch oder selbst einen einzigen Schriftsteller zu schreiben, wenn es Hunderte von Büchern gibt, die darauf warten, gelesen zu werden. Du begreifst nicht, daß Du das Opfer eines schädlichen Systems bist. Und wenn Du Dir mein Werk als Thema ausgesucht hast und wenn Du eine Examensarbeit schreiben mußt […], warum liest Du dann nicht, was ich geschrieben habe, und wirst Dir klar über das, was Du denkst, und prüfst  es anhand Deines eigenen Lebens, Deiner eigenen Erfahrung. Kümmere Dich nicht um Professor Schwarz und Weiß.“

Doris Lessing, in ihrem Vorwort zu Das Goldene Notizbuch (1962)

Fundstück von Nikolas Lezard

Über das Wiederlesen von Büchern

There are people, though, who cannot see the point of rereading, who consider it the very definition of a waste of time. (I never imagined such people existed until my wife announced this opinion herself.) They are, I regret to say, philistines with an atrophied response to literature who shouldn’t (with the possible exception of my wife) be allowed near a book in the first place. It’s like saying you don’t want to listen to a work of music because you’ve already heard it. Of course life is too short to go back to every book you have liked or loved – but to rule it out absolutely? That is to ignore the fact that a book is not the same when you come back to it. You never step in the same river twice, if you’re looking properly.

Nikolas Lezard, 9. November 2007 im Guardian

Fundstück von Jakob Wassermann

Ihr lest ein schönes Buch, ihr seht ein ergreifendes Theaterstück und seid erschüttert von diesen nur eingebildeten Leiden […] Ein trauriges Lied kann die Tränen entlocken […] Du konntest eine Nacht lang nicht schlafen, als man uns erzählte, drüben in Weinberge habe eine Mutter ihr eignes Kind verhungern lassen. Warum ist es immer nur das Unwirkliche oder das Ferne, woran ihr eure Teilnahme verschwendet? Warum immer nur dem Wort, dem Klang, dem Bild glauben und nicht dem lebendigen Menschen, dessen Not handgreiflich ist? Ich versteh‘ es nicht, versteh‘ es nicht, das quält mich, daran, ja daran verbrenn‘ ich.

Clara von Kannawurf in Jakob Wassermann: Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens (1908)

Fundstück von Joseph Joubert

Man verlangt ohne Unterlass nach neuen Büchern, dabei liegen in denen, die wir schon haben, unermessliche Schätze der Wissenschaft und Heiterkeit, die uns unbekannt sind, weil wir versäumt haben, ihnen nachzugehen. Es ist der Nachteil der neuen Bücher, dass sie uns hindern, die alten zu lesen.

Joseph Joubert (1754 – 1824)

Harold Bloom: How to read and why (2000)

Reading well is one of the great pleasures that solitude can afford you, because it is, at least in my experience, the most healing of pleasures. It returns you to otherness, whether in yourself or in friends, or in those who may become friends. Imaginative literature is otherness, and as such alleviates loneliness. We read not only because we cannot know enough people, but because friendship is so vulnerable, so likely to diminish or disappear, overcome by space, time, imperfect sympathies, and all the sorrows of familial and passional life.

Mit diesen Worten beginnt die Einladung zum Lesen des vermutlich einflussreichsten, wenn auch nicht unumstrittenen Literaturprofessors und Literaturkritikers in den USA, Harold Bloom (1930 – 2019), dessen Werke in über 40 Sprachen übersetzt wurden.

Zunächst einige Hinweise zum Standpunkt des Autors

Er sagt:

It matters, if individuals are to retain any capacity to form their own judgements and opinions, that they continue to read for themselves. (S. 21)

Wenn man sich die Fähigkeit, eigene Urteile und Meinungen zu bilden, erhalten will, ist es wichtig, dass man weiter für sich selbst liest. (S. 15 in der deutschen Übersetzung)

Seiner Meinung nach lesen wir nicht nur, um zu begründeten Standpunkten zu kommen, sondern auch, um uns zu wappnen:

One of the uses of reading is to prepare ourselves for change, and the final change alas is universal. (S. 21)

Ein Nutzen des Lesens liegt darin, uns selbst auf Veränderungen vorzubereiten, und die letzte Veränderung wird leider allumfassend sein. (S. 15)

Diese existentielle Bedeutung des Lesens nimmt nicht wunder bei jemandem, der sich schon als Kind jüdischer Einwanderer in einer Bibliothek in der Bronx in New York in englische Gedichte verliebt und dieser Liebe stets treu geblieben ist. Zunächst einmal ist mir dieser Mann überaus sympathisch, weil sein Faible für Shakespeare, seine Kritiken, sein Eintreten für einen Literaturkanon, auch seine Ablehnung marxistischer, feministischer oder anderer politisch motivierter Literaturtheorien von seiner Liebe zur Literatur getragen werden, seiner Grundüberzeugung, dass Literatur wichtig sei für unser Leben.

So erklärt sich auch sein erbitterter Verriss, als Stephen King 2003 mit der Medal for Distinguished Contribution to American Letters für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde:

THE DECISION to give the National Book Foundation’s annual award for „distinguished contribution“ to Stephen King is extraordinary, another low in the shocking process of dumbing down our cultural life. I’ve described King in the past as a writer of penny dreadfuls, but perhaps even that is too kind. He shares nothing with Edgar Allan Poe. What he is is an immensely inadequate […] By awarding it to King they recognize nothing but the commercial value of his books, which sell in the millions but do little more for humanity than keep the publishing world afloat. If this is going to be the criterion in the future, then perhaps next year the committee should give its award for distinguished contribution to Danielle Steel, and surely the Nobel Prize for literature should go to J.K. Rowling. […] Later I read a lavish, loving review of Harry Potter by the same Stephen King. He wrote something to the effect of, „If these kids are reading Harry Potter at 11 or 12, then when they get older they will go on to read Stephen King.“ And he was quite right. He was not being ironic. When you read „Harry Potter“ you are, in fact, trained to read Stephen King.

Zum Inhalt

Das Buch enthält fünf große Kapitel: Short Stories,  Poems, Novels Part I, Plays und Novels Part II. Aus diesen Gattungen greift Bloom jeweils einige Beispiele heraus und versucht zu erklären, warum und wie man diese Werke lesen sollte.

Im Bereich der Short Stories, in der deutschen Ausgabe fälschlicherweise einfach mit Kurzgeschichten übersetzt, geht er ein auf Erzählungen von Turgenjew, Tschechow, de Maupassant, Hemingway, O’Connor, Nabokov, Borges, Landolfi und Calvino. Selbstredend muss dann die Leserin, der Leser diese Geschichten auch lesen, um den eigenen Lektüreeindruck mit den Anmerkungen Blooms abgleichen zu können. Das ist manchmal lehrreich und durchweg anregend und ein bisschen so, als ob man mit dem amerikanischen Literaturpapst in einen Dialog eintritt. Geübte Leser wissen allerdings ohnehin:

Short stories favor the tacit; they compel the reader to be active, and to discern explanations that the writer avoids. The reader […] must slow down, quite deliberately, and start listening with the inner ear. Such listening overhears the characters, as well as hearing them; think of them as your characters, and wonder at what is implied, rather than told about them. […] short story writers refrain from moral judgements. […] You, as reader, are to decide if moral judgement is relevant, and then the judgement  will be yours to make. (S. 66)

Kurzgeschichten bevorzugen das Schweigen; sie zwingen den Leser dazu, aktiv zu sein und sich Erklärungen auszudenken, die der Autor vermieden hat. Der Leser muss […] sich ganz willentlich verlangsamen und mit dem inneren Ohr lauschen. Solches Lauschen hört bei den Figuren mit, es hört ihnen aber auch zu; man stelle sie sich als die eigenen Figuren vor und frage sich, was impliziert ist, und nicht, was über sie erzählt wird. […] enthalten sich die Autoren von Kurzgeschichten eines moralischen Urteils. […] Der Leser soll entscheiden, ob ein moralisches Urteil angebracht ist, und dann ist es an ihm, es zu fällen. (S. 67)

Da beißt sich die Katze dann doch in den Schwanz, denn vielen dürfte der Ratschlag, mit dem inneren Ohr zu hören, doch sehr abgehoben und wenig hilfreich erscheinen. Zum Abschluss dieses Kapitels stellt er die These auf:

It is useful to consider modern short stories as dividing themselves into rival traditions, Chekhovian and Borgesian. (S. 65) We want them for different needs; if the first gratifies our hunger for reality, the second teaches us how ravenous we still are for what is beyond supposed reality. Clearly, we read the two schools differently, questing for truth with Chekhov, or for the turning-inside-out of truth with the Kafkan-Borgesians. (S. 67)

Das Kapitel zur Lyrik finde ich für einen deutschen Muttersprachler dann allerdings extrem mühsam, die Auswahl der Gedichte orientiert sich willkürlich an seinen Vorlieben, hier wären weitere Hintergrundinformationen doch angebracht und hier konnte ich auch die Kritik einer amerikanischen Bloggerin nachvollziehen, die Bloom pompöses Getöne unterstellte. Anders ausgedrückt, hier ist er ein schlechter Lehrer, der zu viel an Kenntnissen voraussetzt, aber den Leser*innen eben nicht ermöglichst, einen Zugang zu finden. An einer Stelle sagt er selbst, dass der normale Leser wohl Unterstützung brauche, wenn er Miltons Paradise Lost lesen wolle, doch von Bloom wird er sie an dieser Stelle nicht bekommen.

I have acknowledged that the common reader now requires mediation to read Paradise Lost with full appreciation, and I fear that relatively few will make the attempt. This is a great sorrow, and true cultural loss. Why read so difficult and so erudite an epic poem? One could make the merely historical plea; Milton is as much the central Protestant poet as Dante is the central poet-prophet of Catholicism. Our culture and sensibility, even our religion, in the United States are in many subtle respects more post-Protestant than Protestant, yet hardly to be comprehended without some clear sense of the Protestant spirit. That spirit achieved its apotheosis in Paradise Lost, and an adventurous reader would be well counseled to brave the difficulties. (S. 120)

In den Kapiteln zum Roman widmet er sich dann den großen Namen de Cervantes, Stendhal, Austen, Dickens, Dostojewskij, James, Proust, Mann, Melville, Faulkner, West, Pynchon, McCarthy, Ellison und Morrison und gibt einige wenige, nicht immer hilfreiche Hinweise, was für ihn das Wesentliche bei deren Werken ist. Und obwohl Shakespeare sein literarischer Leitstern ist, widmet er auch Ibsen und Wilde einige Seiten im Kapitel „Stücke“.

Fazit

Das wird immer unbefriedigender, ja nachgrade sinnlos, denn wenn man wirklich etwas über die Romane erfahren möchte, wird man sich an ausführliche Nachschlagewerke wenden oder einzelne Werkinterpretationen und Lektürehilfen  zu Rate ziehen.

Terry Eagleton, ein wichtiger britischer Literaturtheoretiker, bringt seine Meinung am 20. August 2000 im Observer sehr uncharmant auf den Punkt:

How to Read and Why takes us on a Cook’s tour of some of its author’s favourite poems, plays and novels, boring the reader with plodding plot summaries or ludicrously long quotations and then adding a few amateurish, undemanding comments. Thus, Maupassant is ‚marvellously readable‘, the pleasures of great poetry are ‚many and varied‘, while ‚Shelley and Keats were very different poets, and were not quite friends‘. We are exhorted to chant a particular poem out loud repeatedly, and advised in an arresting flash of moral insight that ‚in Raskolnikov’s Petersburg, as in Macbeth’s bewitched Scotland, we, too, might commit murders‘.

Und boshaft kommentiert Eagleton den oben zitierten Beginn des Buches:

‚We read,‘ he suggests, ’not only because we cannot know enough people, but because friendship is so vulnerable, so likely to diminish or disappear, overcome by space, time, imperfect sympathies and all the sorrows of familial and passional life.‘ It sounds as though Harold is a bit short of mates and reads to make up for it. Perhaps he alienates them by his repeated chanting of excessively long poems.

Fundstück von Harold Bloom

Sir Francis Bacon […] famously gave the advice:

Read not to contradict and confute, nor to believe and take for granted, nor to find talk and discourse, but to weigh and consider.

zitiert nach: Harold Bloom: How to read and why (2000)

Auf Deutsch: Sir Francis Bacon […] gab den Rat, zu

lesen, nicht um zu widersprechen und zu widerlegen, noch um zu glauben und für selbstverständlich zu nehmen, noch um ein Gespräch und eine Unterhaltung zu führen, sondern um abzuwägen und zu betrachten.

Fundstück von Seneca

Die Lektüre ist aber für mich, wie ich glaube, unbedingt notwendig: erstens, um mich nicht mit mir allein begnügen zu müssen, zweitens, um mit den Erkenntnissen anderer bekannt zu werden, drittens, damit ich mir über das, was sie herausgefunden haben, ein Urteil bilden und über die noch zu lösenden Fragen nachdenken kann.

L. Annaeus Seneca

Fundstück von Jeanette Winterson

Books, for me, are a home. Books don’t make a home – they are one, in the sense that just as you do with a door, you open a book, and you go inside. Inside there is a different kind of time and a different kind of space. There is warmth there too – a hearth. I sit down with a book and I am warm. I know that from the chilly nights on the doorstep. (S. 61)

Aus: Jeanette Winterson: Why be happy when you could be normal (2011)

A. J. Jacobs: Britannica & ich (2006)

Ich weiß, wie die führende türkische Avantgarde-Zeitschrift heißt. Ich weiß, dass John Quincy Adams seine Frau allein des Geldes wegen ehelichte. Ich weiß, dass Bud Abbott ein Lügner und Betrüger war, dass die Briefwahl in Irland äußerst populär ist und dass Zwerge einen kugelrunden Hintern haben.

Mit diesen Sätzen beginnt der amerikanische Journalist Arnold Stephen Jacobs seine Geschichte „von einem, der auszog, der klügste Mensch der Welt zu werden“. Das englische Original erschien unter dem Titel: The Know-It-All (2004) und wurde von Thomas Mohr ins Deutsche übersetzt.

Jacobs (*1968) beschließt, etwas gegen seine drohende Verblödung zu unternehmen und deshalb die komplette Ausgabe der Encyclopaedia Britannica (32 Bände, also insgesamt 33.000 Seiten) zu lesen. Bei diesem Selbstversuch begleiten wir ihn nun.

Ich liebäugele schon seit Jahren mit dem Gedanken, die Britannica zu lesen. Da ich – außer meiner beeindruckenden Kotztütensammlung aus Kindertagen – bislang eigentlich nichts Nennenswertes zustande gebracht habe, schien mir das ein geeigneter Prüfstein zu sein. Der höchste Berg der Erkenntnis. Mein Everest. Bei dessen Besteigung mir zum Glück weder die Ohren abfrieren werden noch der Sauerstoff ausgehen wird… Ein enzyklopädischer Crashkurs. Mit dessen Hilfe ich all meine Bildungslücken schließen werde. In diesem unserem Zeitalter extremer Spezialisierung werde ich der letzte universalgelehrte Amerikaner sein. Wenn nicht gar der klügste Mensch der Welt. (S. 9)

Zwischendurch ging mir der penetrant „witzige“, immer schön locker-flockige  Kolumnenton auf die Nerven und dann schien mir der Autor nur ein Parasit zu sein, der sein Buch ohne allzu viel Mühe aus den für ihn interessantesten Fundstücken zusammengebastelt hat.

Dance (Tanz)

Bei einem Stamm auf Santa Maria hielten die alten Männer mit Pfeil und Bogen Wache und erschossen jeden Tänzer, der einen Fehler machte. Davon sollten sich die Castingshows mal eine Scheibe abschneiden. (S. 66)

Im Original lautet die Passage:

In a tribe on the island of Santa Maria, old men used to stand by with bows and arrows and shoot every dancer who made a mistake. The perfect way to raise the stakes on American Idol.

Das zeigt, dass manchmal leider auch die Übersetzung an dem nervtötend-heiteren Ton schuld ist.

Dass dem Übersetzer auch richtig dicke Fehler unterlaufen, ist ebenfalls nicht hübsch: Im amerikanischen Original heißt es, dass Binet seinen Intelligenztest „in the early 1900s“ entwickelte. Das ist korrekt. In der Übersetzung wird daraus „Anfang des neunzehnten Jahrhunderts“. Binet wurde leider erst 1857 geboren.

Wenn Jacobson ausgerechnet ein paar Sätze von Robert Ardrey, einem Anthropologen und Dramatiker, als Sätze bezeichnet, „bei denen ich in Ohnmacht sinken könnte wie die Frau bei der Lektüre von Montaignes Essays“ (S. 271), dann stimmt mich das schon ein bisschen trübsinnig. Ardrey war als Anhänger der ‚hunting hypothesis‘ und der ‚killer ape theory‘ der Meinung, dass der Mensch vor allem seiner Aggression und Gewaltbereitschaft seinen evolutionären Erfolg verdanke. Eine These, die von diversen Forschern heute angezweifelt wird. Das Zitat, für das Jacobs glatt seine vier Jahre Studium der Philosophie eintauschen würde, lautet:

Doch nicht von gefallenen Engeln wurden wir geboren, sondern von emporgestiegenen Affen, die noch dazu bewaffnete Mörder waren. Worüber also sollen wir uns wundern? Über unser Morden, unsere Bomben und Raketen und unsere kriegslüsternen Truppen? […] Das Wunder der Menschheit ist nicht, wie tief sie gesunken, sondern wie hoch sie emporgestiegen ist. Unsere Gedichte, nicht unsere Toten machen uns unsterblich. (S. 271)

Der letzte Satz lautet im Original: ‚We are known among the stars by our poems, not our corpses.‘

Unzählige Opfer von Kriegen und Gräueln einfach als unvermeidliche Begleitschäden der Evolution abzutun, das muss man auch erst mal schaffen.

Ja, wir sind zu schrecklichen Dingen imstande. Wir haben Armut, Krieg und Sommerzeit erfunden. Aber alles in allem […] haben wir uns durch unsere Leistungen und Errungenschaften rehabilitiert. Immerhin gehen auch die Fontana die Trevi, Blinden-Scrabble, Dr. DeBakeys Kunstherz und das Frequenzwahltelefon auf unser Konto. (S. 390)

Die Geschichte sei auch ‚eine Ansammlung derart verblüffender Meisterleistungen und Heldentaten, dass ich es als Ehre empfinde, die DNA-Struktur der übrigen Menschheit zu teilen.‘ (S. 398)

Aber dennoch ist das Buch an vielen Stellen auf charmante Weise informativ.

Vor seinem Britannica-Projekt hatte Jacobs vermutlich noch nie von dem Taiping-Aufstand gehört. Doch dieser Lexikoneintrag zeigt ihm, wie sehr das, was wir wissen, von unserem Umfeld abhängt und der Kultur, in der wir uns bewegen:

This was a Chinese upheaval in the mid-nineteenth century that “took an estimated 20,000,000 lives.” I read that sentence again. And again. It took 20 million lives. Holy shit. I try to process that enormous number. That’s four hundred stadiums full of human beings. That’s more than ten times the population of Manhattan. The Taiping Rebellion occurred about the same time as our own Civil War, which was horrible and bloody – and took less than seven hundred thousand lives. About 4 percent of the Taiping total. And I’ve barely even heard of this rebellion.
I feel like an ignorant Westerner. Even with my liberal education, I learned next to nothing about the other side of the world, so that doesn’t feel good. But I also have another, stranger reaction. I feel angry at the Britannica. The Britannica just states that 20 million died in its typical deadpan tone. Shouldn’t there be three exclamation points after it? Shouldn’t it say, “took an infuckingsane 20 million lives”? There’s a disconnect. The Britannica is completely dispassionate, which I’ve always thought was one of its strengths. But how can you be dispassionate with crazy information like this? How can you try to deal with the horrors of human behavior as if you’re talking about tectonic plates? The Britannica’s tone lulls you into thinking that the world is rational, but entries like this one just stop you cold.

Alphabetisch geordnet beschreibt er seine Leseeindrücke und garniert sie mit Geschichten aus seinem Alltag (seine Frau und er wünschen sich dringend Nachwuchs) und seiner Umwelt, die seine Besserwisserei nun ertragen muss. Und das ein oder andere Stichwort habe ich dann selbst in einem Lexikon nachgeschlagen, weil er mich neugierig gemacht hat. Ganz offensichtlich scheint die Britannica, das älteste noch erscheinende Nachschlagewerk – seine bescheidenen Anfänge lassen sich bis zum Jahr 1768 in Schottland zurückverfolgen – auch eine Fundgrube bizarrer „human interest“ Anekdoten zu sein.

Einen richtig wütenden Verriss gab es von Joe Quennan in der New York Times am 3. Oktober 2004:

The Know-It-All: One Man’s Humble Quest to Become the Smartest Person in the World is mesmerizingly uninformative. […] Facts absorbed without context merely magnify the intellectual deficiencies of the autodidact, because a poorly educated person does not know which facts are important.

A case in point: Jacobs refers to Absalom as a “biblical hero“ (wrong!), and reports that he was killed by his enemy Joab after his hair (yuk! yuk!) got caught in a tree branch. Absalom, as anyone who has read the Scriptures knows, was a son of David; the story of the son who raises his hand against his father is one of the most famous, heart-rending episodes in the Bible. A generation ago, everyone knew this tale; William Faulkner even wrote a book called “Absalom, Absalom!“ (Faulkner, for the uninformed, won the Nobel Prize in Literature.) With similar lack of sophistication, Jacobs brays on about the Aztecs, apparently unaware that the people known as the Aztecs actually called themselves the Mexica. And even after allegedly reading the encyclopedia, Jacobs still doesn’t know who Samuel Beckett is, an admission that is almost criminally stupid, even for someone who has written for Entertainment Weekly.

A graduate of the prestigious Dalton School in Manhattan and Brown University, Jacobs is a prime example of that curiously modern innovation: the pedigreed simpleton. […] Jacobs’s biggest problem isn’t that he doesn’t know much; it’s that he doesn’t realize how much educated people do know. There’s just no two ways about it — people who read Marcel Proust and Bertrand Russell instead of Entertainment Weekly actually do learn stuff. Deluded into believing that his enterprise has made him smarter, Jacobs constantly seeks to bedazzle the reader with his latest shocking discoveries, unaware that things he perceives as riveting arcana are common knowledge in many quarters.“

Das finde ich dann doch arg arrogant, denn Quennan scheint ein Problem damit zu haben, wenn Menschen, die nicht so gebildet sind wie er, ein Werk wie die Britannica zur Hand nehmen. Soll er sich doch freuen, dass der Autor einen deutlichen Informationszuwachs zu verzeichnen und vielleicht sogar ein bisschen Werbung für gewichtige Lektüre gemacht hat. Im Übrigen schreibt Jacobs am Ende seines Projekts selbst:

Ich weiß um die geradezu ozeanischen Ausmaße des Menschheitswissens. Ich weiß, dass ich von diesem Ozean sehr wenig weiß. (S. 398)

Zum Abschluss

Britannica & I hängt für mich ein wenig in der Luft, da kein existenzielles Bedürfnis hinter dem Projekt steht. Die Grundidee, die ich durchaus reizvoll finde, wird eher als launiger Gag behandelt und dadurch verschenkt der Autor  die Gelegenheit, auch mal tiefer zu schürfen und zu überlegen, was wir überhaupt unter Wissen verstehen, ob und wie es uns nützt, was uns antreibt, es zu erwerben und welche Rolle Enzyklopädien dabei gespielt haben. Und wie hängen Informationen und Wissen überhaupt zusammen?

Manchmal fehlt dem Autor einfach das Vertrauen in sein Buch und er meint, den Leser mit albernen Späßchen und Schwänken aus seinem eigenen Leben bei Laune halten zu müssen. Und das ist das wirklich Ärgerliche an dem Buch, dass die schöne Grundidee an vielen Stellen gnadenlos auf bloßes Entertainment eingedampft wird. Nichts ist mehr wichtig genug, um auch als wichtig oder ernsthaft behandelt zu werden. Info-Häppchen als Pausenfüller. Garniert mit Einblicken ins Jacobsche Familienleben. Am besten, das Ganze würde noch mit einem launigen Jingle unterlegt.

Nur hin und wieder schimmert auch eine andere Ebene durch, z. B. als ihm sein Bekannter Bob folgende Geschichte erzählt:

Kennen Sie die Geschichte von dem Herrscher aus dem Morgenland? Besagter Herrscher zitierte alle Gelehrten in sein Reich und sagte: ‚Ich möchte, dass ihr das gesamte Menschheitswissen an einem Ort zusammentragt, damit meine Söhne es lesen und lernen können.‘ Die Gelehrten gingen davon und kehrten nach einem Jahr mit 25 Bänden voller Wissen zurück. Der Herrscher sah sie sich an und sagte: ‚Nein. Das ist zu lang. Fasst euch kürzer.‘ Und so gingen die Gelehrten davon und kehrten nach einem weiteren Jahr mit einem einzigen Band zurück. Der Herrscher sah ihn sich an und sagte: ‚Nein. Immer noch zu lang.‘ Wieder gingen die Gelehrten davon. Als sie nach einem weiteren Jahr zurückkehrten, reichten sie dem Herrscher ein Stück Papier, auf dem ein Satz geschrieben stand. Ein einziger Satz. Wissen Sie, wie der Satz lautete?‘ Bob sieht mich an. Ich schüttele den Kopf. ‚Der Satz lautete: Alles geht vorüber.‘ (S. 110)

Jacobs ist übrigens ein Fan solcher Großprojekte. 2007 erschien sein Werk The Year of Living Biblically, in dem er beschreibt, wie er ein Jahr lang versucht, nach allen Regeln der Bibel zu leben. Sein neuestes Werk heißt: Drop Dead Healthy: One Man’s Humble Quest for Bodily Perfection (2012).

John Sutherland: How to Read a Novel (2006)

Every week now more novels are published than Samuel Johnson had to deal with in a decade. If you had the riches of Croesus (or Bill Gates) you could, with a few hours‘ key-stroking, order up from Amazon.com some half-million novels to be Fedexed, rush delivery, in thirty-six hours. You would, of course, need a disused airplane hangar to keep the books in and a small army of forklifting stackers and fetchers to move the things. Given a reading career of fifty years, a 40-hour reading week, a 46-week working year and three hours per novel, you would, as I calculate, need 163 lifetimes to read them all. And very dull lifetimes they would be. More fun on the forklifts. (S. 1)

Where to start? Is there any point in starting, or shaping one’s reading experiences? How can one organise a curriculum? (S. 57)

So umreißt John Sutherland, der emeritierte Professor für englische Literatur, das Problem, für das er mit seinem Buch How to read a Novel (2006) eine Hilfestellung geben will.

Eine begeisterte Empfehlung auf einem inzwischen eingestellten britischen Blog hatte mich an einem meiner Schwachpunkte erwischt: Auch ich kann Büchern übers Lesen nur schwer widerstehen.

Doch jetzt muss ich ernüchtert feststellen, die Begeisterung teile ich nicht. Zwischendurch fragte ich mich, für welche Zielgruppe dieses Buch denn wohl sein soll, denn wenn man sich mit Literatur schon im Studium beschäftigt hat oder – auch ohne Studium – keine Angst vor anspruchsvolleren Romanen hat, wird es doch – egal, wie ansprechend er schreibt – ab und an langweilig, ja geradezu banal. Man weiß dann einfach, dass man auch auf das Erscheinungsdatum achtet, dass die Einteilung in bestimmte Genres in der Buchhandlung – surprise, surprise – eine Hilfestellung sein kann und dass Buchcover manchmal so gar nicht zum Inhalt passen, dass man über den Titel des Buches nachdenkt, dass Schriftsteller sich oft, wenn auch unterschwellig, auf andere Werke und Autoren beziehen und dass Romane die Möglichkeit bieten, „hot-button issues“ zu behandeln, wie beispielsweise Rassendiskriminierung, Fundamentalismus oder Pädophilie.

Jede „echte“ Leserin, jeder „echte“ Leser weiß selbst:

The more fiction you read, and the more intelligently you do so, the richer your experience will be. Those readers who read most get most out of it. (S. 130)

Und alle anderen Leserº, die ausschließlich Genres wie Horror oder Chick Lit bevorzugen, werden um dieses Buch ohnehin einen großen Bogen machen.

Natürlich kann Sutherland (geb. 1938), emeritierter Professor für moderne englische Literatur, der Leserschaft des Guardian durch seine Rezensionen bekannt und 2005 Mitglied der Jury für den Booker Prize, aus einem reichen Fundus an Leseerfahrungen und Wissen schöpfen und so gibt es immer wieder auch Informationen und interessante Details, die mir vorher unbekannt waren (vermutlich der erste Autor, der ein Paralleluniversum entworfen hat, war Ward Moore in seinem Roman Bring the Jubilee von 1953). Aber die konnten mich auch nicht mehr wirklich für das Buch erwärmen. Und mit dem am Anfang genannten Phänomen, dass es für uns heute eine schier unüberschaubare Menge an Büchern gibt, allein über 10.000 Neuerscheinungen jedes Jahr, aus denen wir auswählen müssen, bleibt der Leser letztlich doch allein. Oder wie hilfreich ist der folgende Tipp?

For the unprofessional searcher for the best novel to read, word-of-mouth, intuition, powerful browsing and McLuhan’s page 69 test remain the soundest first moves. At the very least you will make your own mistakes. (p. 62)

Marshall McLuhan hatte wohl empfohlen, bei unbekannten Büchern die S. 69 zu lesen, um so herauszufinden, ob man den Rest des Buches auch lesen möchte.

Gerade bei einem Professor, der doch Tausende von Studentinnen und Studenten an Literatur herangeführt haben muss, hätte ich mir das Ganze tiefgründiger vorgestellt. Oder hat er an der Universität ganz einfach eine Leseliste vorgelegt, die abgearbeitet werden musste? Und manche Fragen werden nur scheinbar beantwortet, so beispielsweise die Frage, wie viel Hintergrundwissen über die Welt des Romans und sein Setting notwendig oder empfehlenswert sei. Er zitiert Beispiele, bei denen selbst gestandenen Rezensenten offensichtliche Fehler bei der Interpretation passieren. Doch ohne jede weitere Begründung und aus völlig heiterem Himmel zieht er das Fazit:

It can be done. It is possible to reach across time and space to converse, intelligently, with Tolstoy, Sterne, Thomas Mann, Nick Hornby – or even Ian McEwan. (S. 212)

Das ist zwar richtig, hilft aber dem Leser natürlich kein bisschen weiter. Und auch die irritierende Tatsache, dass der eine Rezensent ein Buch am liebsten für den nächsten Booker Prize vorschlagen möchte, während sein Kollege bedauert, dass es überhaupt einen Verlag gefunden hat, wird einfach konstatiert, aber nicht näher beleuchtet.

Belassen wir es bei folgenden „Erkenntnissen“:

Two more humble assumptions are constant: 1) novels are things to be enjoyed; 2) the better we read them, the more enjoyment we will derive from them. A clever engagement with a novel is, in my opinion, one of the more noble functions of human intelligence.  (S. 12)

Und:

Know yourself (not, I hasten to add, know what you like, which leads to sadly impoverished reading habits). And, if you do not know yourself, look at the genre fiction on your shelves. The reflection there is you. (S. 142)

Sutherlands Fazit, mehr als dürftig:

Novels can do many things. They can instruct, enlighten, confuse, mislead, soothe, excite, indoctrinate, misinform, educate and waste time. […] And, at their highest pitch of achievement, novels can indeed be the one bright book of life. The trick is finding which, among the millions now accessible, fits that bill. For you, that is. And that, as Virginia Woolf told us, is something no one can tell you. Or, if they do, ignore them. (S. 243)