Nachdem ich momentan anscheinend zu unkonzentriert bin für die überbordend belesene Erzählfreude von The Hakawati – den neuesten Roman von Rabih Alameddine – und die Lektüre auf irgendwann verschoben habe, werde ich das Jahr mit Heute bedeckt und kühl von Michael Maar beenden, ein anregender Streifzug durch berühmte und auch weniger bekannte Tagebücher. Da geht‘s querbeet und kunterbunt und mit unzähligen Zitaten versehen um die Fragen, warum Menschen Tagebücher schreiben und lesen.
Tagebücher, wenn sie nicht heucheln, zeigen uns, wie wir als Sündensäcke doch alle Brüder und Schwestern sind. (S. 227)
Manchmal sind mir die Abschnitte über einzelne Autorinnen und Autoren allerdings zu kurz: Die acht Tagebücher Viktor Klemperers werden auf gerade einmal zwei Seiten abgefrühstückt, davon entfällt allein schon über eine Seite auf ein Zitat. Dennoch möchte man sich nach Maars Buch natürlich gleich einige weitere Titel auf die unendliche Wunschliste setzen.
Weiter in den Tagebüchern von Pepys. Der Vormarsch der Türken in Ungarn, die Pest in London. Ich las die ganze Nacht. Die Alltäglichkeiten sind es, die diese Aufzeichnungen so interessant machen. „Kaufte mir heute eine grüne Brille.“ Das ist es. Das macht unser Leben aus. (Zitat aus dem Tagebuch Walter Kempowskis, S. 205)
Passend zum Jahresende scheint mir der Beitrag auf Buch-Haltung, dessen Gedanken zu KI-Slop und der Wichtigkeit von Literaturblogs ich alle nur unterschreiben kann. Und Letusreadsomebooks stellt die hoffnungsvolle Frage, ob der Trend zum bewussteren Medienkonsum vielleicht auch den Buchblogs zugute kommen könnte. So ganz kann ich diesen Optimismus nicht teilen, hier auf dem Blog gehen jedenfalls die Zugriffszahlen weiterhin sanft nach unten. Und für eine bessere Sichtbarmachung, z. B. über Instagram, fehlt mir einfach die Zeit, aber wir werden sehen …
Ich weiß, I’m late to the party, dennoch: Meine Lieblingsentdeckung in den unendlichen Weiten der Blogs ist Buddenbohm & Söhne. Allein für den Post am 6. Dezember möchte ich am liebsten sofort ein Schreibseminar bei ihm buchen.
Nun aber zum schon traditionellen kurzen Rückblick auf die Bücher der letzten zwölf Monate, bevor mich dann wieder spontan und unsortiert frage, was ich als nächstes aus den diversen Bücherstapeln hier im Haus fische.
Briefe
- Harry Rowohlt: Der Kampf geht weiter – Nicht weggeschmissene Briefe I (2005)
Krimis
Die folgenden englischsprachigen Krimis haben mir einfach Spaß gemacht und der Ausflug nach Japan mit Inspector Imanishi war eine besondere Entdeckung.
- Joan Coggin: Who killed the Curate (1944)
- Norbert Davis: The Mouse in the Mountain (1943)
- Mignon G. Eberhart: Murder by an Aristocrat (1932)
- Seichō Matsumoto: Inspector Imanishi Investigates (1989)
- Josephine Tey: The Franchise Affair (1948)
Zur Geschichte des britischen Sklavenhandels
- Paula Byrne: Belle – The True Story of Dido Belle (2014)
Reisen
- Chris Broad: Abroad in Japan (2023)
- John Steinbeck: Travels with Charley (1962)
Witzige Fantasy über Aliens und ihre seltsamen Pläne
- Connie Willis: The Road to Roswell (2023)
Freundliche Bücher
- Elizabeth Fair: The Marble Staircase (2022)
Romane über Einsamkeit, Liebe und Illusionen
- Margaret Laurence: A Jest of God (1966)
- Orhan Pamuk: Das Museum der Unschuld (2008)
Noch lange nach der Lektüre hat mich The Hopkins Manuscript (1939) von R. C. Sherriff beschäftigt. Große Empfehlung. Hat sich möglicherweise Ian McEwan für seinen Roman What we can know von der großen Katastrophe bei Sherriff inspirieren lassen?
(Auto-)Biografien und Erinnerungen
- Tony Davidson: Confessions of a Highland Art Dealer – a journey in art, a glen and changing times (2022)
- Frank B. Gilbrecht, Jr. & Ernestine Gilbrecht Carey: Cheaper by the Dozen (1948) – eine vergnügliche Familiengeschichte über einen der Pioniere des Scientific Management
- Alexander Solloch: Harry Rowohlt – ein freies Leben (2025)
Wiedergelesen und nicht enttäuscht gewesen
- Mary O‘Hara: My Friend Flicka (1941) – kann man auch lesen, wenn man dem Alter für Pferdebücher seit Jahrzehnten entwachsen ist.
Ließ mich ratlos zurück
- Matias Faldbakken: The Hills (OA 2017) handelt von einem Kellner, dem allmählich alles zu entgleiten droht.
Sachbuch, das mir und euch gleich vier Beiträge abforderte
- Isabella Beeton: Mrs Beeton‘s Household Management (1861) – dieser Einblick in längst obsolete gesellschaftliche Spielregeln (und Rezepte) hat mir viel Freude gemacht.
Lieblingscover
- Seichō Matsumoto: Mord am Amagi-Paß
Bleibt mir noch, euch Dankeschön zu sagen für alle Besuche, Likes und Kommentare und selbstredend auch für all eure Anregungen und Empfehlungen, denen ich nur zu gern nachgehe. Euch allen einen hoffnungsvollen Jahresanfang und natürlich immer das passende Buch anbei.








