Bereits 2010 erklärte Charlotte Philby in einem Artikel des Independent:
In the past 10 years or so, McCall Smith has become – in his own words – ‘one of the biggest literary enterprises in the world‘; his is now a brand involving 50 publishers across the globe. His books – which are translated into 46 languages, with particularly high readerships in Sweden, Singapore and the United States – have sold more than 40,000,000 copies to date. Maintaining this position involves a mind-boggling schedule of literary events, dinners, talks, signings and social events both here and abroad, while responding to a constant barrage of readers‘ letters. And all that alongside the small matter of churning out an average of four to five books a year.
Ganz offensichtlich hat der vielfach ausgezeichnete, mit Preisen und Ehrendoktorwürden bedachte Rodney Alexander Alasdair McCall Smith (*1948 im heutigen Zimbabwe) in Deutschland nicht die Anerkennung erfahren, die ihm in anderen Ländern zuteil wurde. 2005 hängte er seine akademische Karriere als Professor der Rechtswissenschaft mit dem Schwerpunkt auf Medizinrecht und Ethik an den Nagel. Seitdem hat er selbst längst den Überblick darüber verloren, wie viele Bücher er ingesamt geschrieben oder an denen er mitgewirkt hat; seine Verleger sagen, es seien inzwischen über 110.
Der britische Autor, der mit 17 zum Studium nach Schottland kam, lebt seit 1984 in Edinburgh, in direkter Nachbarschaft zu Ian Rankin. Ich habe keine Ahnung, wie er das macht, aber anscheinend braucht McCall Smith nicht so viel Schlaf. Jedenfalls hat er bisher sieben Romanserien, diverse Einzelbände, Anthologien und unzählige Kinderbücher veröffentlicht. Er reist ganz furchtbar viel, hat das mir außerordentlich sympathische Really Terrible Orchestra mitbegründet, gibt Lesungen und Interviews und erfreut sich an maßgeschneiderten Anzügen und edlen Schuhen aus Straußenleder. Und die Idee zu dem Gemeinschaftsprojekt The Great Tapestry of Scotland, dem Wandteppich, der die Geschichte Schottlands zeigt, stammt ebenfalls von ihm. McCall Smith engagiert sich für mehrere wohltätige Einrichtungen und hat nebenher noch eine Insel gekauft, um sie vor dem Einfluss des Menschen zu bewahren. Im Sommer 2024 wurde er von King Charles für seine Verdienste um Literatur, Lehre und Wohltätigkeit zum Ritter ernannt.
Am bekanntesten sind vermutlich seine Bücher um die Detektivin Mma Precious Ramotswe, die inzwischen auch verfilmt wurden. Seit 1998 sind 25 Bände um die sympathische Hauptfigur, die ihre kleine Detektei in Botswana betreibt, erschienen, die allein in der englischen Fassung über 20.000.000 Mal verkauft wurden.
Ebenfalls sehr erfolgreich ist seine Reihe 44 Scotland Street (benannt nach dem ersten Band der Reihe), die inzwischen auch schon 17 Bücher umfasst und wahlweise als „Saga“, „Soap Opera“ oder als „work of art“ bezeichnet wird. Die Meinungen gehen also weit auseinander. Mindestens vier davon gibt es inzwischen auf Deutsch. Die ersten Bände erschienen zunächst als Fortsetzungsromane in der Zeitung The Sotsman. In einem Interview erklärt der Autor, wie es zu diesem Projekt gekommen ist:
The series arose from a conversation I had in San Francisco last July [2005]. Amy Tan had a party for me – it was very nice, very generous of her – and I bumped into Armistead Maupin there and talked to him about his Tales of the City, which I thought was a very entertaining book.
When I got back to Scotland, one of the papers asked me to write about this trip to San Francisco and Los Angeles, and I mentioned the conversation. I said, ‘What a pity that newspapers are no longer doing serial novels.‘ This was a 19th century thing with Dickens, and indeed Flaubert did Madame Bovary in a similar fashion. The editor of the Scotsman read this and asked me to lunch. He said, ‘You’re on.‘ It had been a very generous lunch, so I said yes.
Ihren geografischen Ursprung hat die Reihe in der fiktiven Adresse 44 Scotland Street in Edinburgh. In diesem Mehrparteienhaus leben die rüstige Anthropologin Domenica MacDonald, der attraktive, aber völlig narzisstische Endzwanziger Bruce Anderson und seine Untermieterin, die zwanzigjährige (und leider etwas fad geratene) Pat, die einen Job in einer kleinen Kunstgalerie annimmt. Die Galerie wiederum gehört Matthew, dem geschäftlich hoffnungslos unterambitionierten, aber freundlichen Sohn eines reichen Edinburgher Geschäftsmannes.
To love that which one cannot attain. It‘s terribly sad, really. But people persist in doing it. (S. 76)
Weitere wichtige Orte sind noch Big Lou‘s Café, in dem insbesondere Matthew gern seine ausgedehnten Pausen verbringt, und die Cumberland Bar, in der sich einige der Protagonisten abends treffen, so zum Beispiel der Porträtmaler Angus Lordie. Lordie ist jemand, der davon träumt, diejenigen Reinigungskräfte zu rehabilitieren,
who threw expensive installations out in the belief that they were rubbish. (Band 5, S. 21)
Angus erscheint stets in Begleitung seines Border Collies Cyril und erteilt – als eingefleischter Junggeselle – Pat Ratschläge in Sachen Liebeskummer:
‘Oh yes, you can,‘ said Angus Lordie, his voice raised slightly. ‘You can stop yourself from loving somebody perfectly well. You simply change the way you look at them. People do it all the time.‘ Domenica now joined in. ‘[…] I feel that I must agree with Angus. Of course you can change the way you feel about something or somebody. But it requires an effort of the will – a conscious decision to recognise what you have missed.‘ ‘Precisely,‘ said Angus. ‘And this is exactly what the Professor of Aesthetics at Harvard did. She decided that she found palm trees beautiful – before that she thought them an unattractive sort of tree. Then she discovered that she liked the way that their fronds made striped light. And after that, palm trees were beautiful.‘ (S. 269)
Dieses Zitat zeigt, wie Alexander McCall Smith vorgeht: Eigentlich erkunden Angus, Domenica und Pat gerade einen der unterirdischen Gänge, die unterhalb ihrer Straße verlaufen. Und eher nebenbei wird in dem Rat für Pat, die sich dummerweise in ihren WG-Partner Bruce verliebt hat, eine Harvard Professorin erwähnt. Googelt man ein bisschen, stellt man fest, dass sich die Anspielung auf Elaine Scarry bezieht, die sich in ihrem Essay On Beauty and Being Just mit Fragen der Schönheit beschäftigt. Wer McCall Smiths Bücher liest, sollte also gerade diesen lohnenden Nebenwegen, Abzweigungen und scheinbaren Nebensächlichkeiten folgen.
Pats Vater kann den Kummer seiner Tochter über den schönen, aber eitlen Gecken Bruce nachvollziehen und tröstet sie:
Falling out of love is every bit as painful as falling out of a tree – and the pain lasts far longer. (S. 297)
Der heimliche Held und Liebling der Serie ist für viele Leserinnen und Leser aber zweifellos der sechsjährige Bertie Pollock. Er lebt mit seinem phlegmatischen Vater Stuart und seiner unerträglich verblendeten Mutter Irene ebenfalls in 44 Scotland Street. Irene geht mit ihrer Obsession für die Schriften der Psychoanalytikerin Melanie Klein allen auf die Nerven und sie streicht Berties Kinderzimmer immer wieder rosa, um seine weibliche Seite zu fördern. Die anderen Mitbewohner hören Bertie oft Saxophon spielen, der Junge ist hochbegabt und wird von Mutter Irene nicht nur zum Musizieren gedrängt, er muss auch Italienisch lernen und Kinderyoga besuchen. Darüberhinaus wird Bertie nach einigen Vorkommnissen zu regelmäßigen Therapiestunden bei Psychoanalytiker Hugo Fairbairn verdonnert. Berties unerschütterliche Freundlichkeit und seine gleichzeitigen Versuche, nicht nur der Knute seiner Mutter zu entkommen, sondern auch seinen Platz zwischen den rabiaten Mitschülern in der Rudolf Steiner Schule zu finden, haben ihn – zur Überraschung des Autors – zum absoluten Sympathieträger gemacht, an dessen Wohlergehen Menschen weltweit Anteil nehmen. So erklärt es sich wohl auch, dass Bertie in den ersten Bänden gar nicht älter wird, während für andere Protagonisten mehrere Jahre vergangen sind.
Im Vorwort zum sechsten Band der Reihe schreibt McCall Smith:
Bertie‘s situation is as difficult as ever; his is a hearth from which freedom seems for ever excluded. And that, alas, is true for so many of us. How many of us are really free of our past, of the things we have to do that we do not want to do, of the furniture of our life that is never really in quite the right place? Perhaps that is why Bertie is so popular. He reminds us of a yearning that many of us instinctively recognise within ourselves.
In kurzen Kapiteln, die ständig zwischen den Hauptpersonen wechseln, erfahren wir, was sie den ganzen Tag über so tun, mit welchen Ärgernissen, Sorgen, Sehnsüchten, Fragen und Freuden beruflicher oder privater Art sie sich herumschlagen.
The prosaic, the quotidian are infused with a new gentleness, a new loveliness, by the fact that one senses that there is love in the world and that one has glimpsed it; been given one‘s share. (Band 5, S. 37)
Das ist manchmal dezent humorvoll, manchmal langweilig und manchmal schüttelt man den Kopf – es gab Kapitel, die habe ich nur quergelesen -, und manchmal anrührend und dabei ausnahmslos menschenfreundlich.
For a few moments neither spoke, as each felt sympathy for the other, as the same conclusion – quite remarkably – occurred to each: here is a person, another, who is so important to himself, to herself, and so weak, and ordinary, and human as we all are. (S. 210)
Hin und wieder erlaubt sich der Erzähler aber auch kleine Spitzen, die das Ganze vor dem Abdriften ins allzu Süßliche bewahren:
The trouble with The Prophet [by Kahil Gibran] was that it all sounded so profound when you first encountered it, and yet it was the sort of thing that one grew out of – just as one grew out of Jack Kerouac. It was entirely appropriate to have The Prophet on one‘s shelves in one‘s early twenties, but not, he thought, in one‘s forties, or beyond. One must be prepared to let go of The Prophet. (Band 2, S. 5)
There are many women whose lives would be immeasurably improved by widowhood, but one should not always point that out. (Band 2, S. 6)
McCall Smith gibt seinen Figuren sicherlich viel von sich mit, wenn er Aggression, Hetze und Uniformität sowie die Gleichförmigkeit der Geschäfte und Bars beklagt, die infolge der Globalisierung ihre Individualität verlieren. Und wenn seine Figuren plötzlich innehalten, weil ihnen in einem besonderen Moment die Schönheit Edinburghs deutlich wird, dann wird die Verbundenheit des Autors mit seiner Stadt deutlich. Sein Credo der gegenseitigen Rücksichtnahme, der Toleranz und der Freundlichkeit hat fast etwas aus der Zeit Gefallenes, was McCall Smith natürlich bewusst ist, aber seine Leserinnen und Leser mögen genau das. In einem Interview aus dem Jahr 2006 heißt es:
I was discouraged in the past in that I didn’t meet with a great deal of success. My children’s books were moderately successful as were some of my short stories, but I really felt frustrated, as many writers do. I’m old fashioned. I may as well admit it. Certainly my writing didn’t fit the received notions of what Scottish literature in the eighties and nineties was at all. I was regarded as a bourgeois writer when everybody was being very aggressive, in-your-face. That was clear to me. I was resigned to that. People had said to me, „Your writing is probably too gentle, too whimsical, to fit the zeitgeist.“ What gave me confidence was this confirmation from readers.
Das Hässliche, wie die maroden Hochhäuser der Randgebiete, taucht in 44 Scotland Street nur ganz am Rande auf. Soziale Probleme werden zwar in den Gesprächen erwähnt, in der Handlung aber weitgehend ausgeblendet oder sie tauchen höchstens in Form des aus Glasgow stammenden Kriminellen Lard O‘Connor auf, dessen Sympathie für Bertie später sogar sinnvoll genutzt werden kann, um Big Lou, der Café-Besitzerin, aus der Patsche zu helfen.
What is that corny line from the musical? I let my golden chances pass me by. Yes, that was it; sentimental, but absolutely true. We all let our golden chances pass us by – all the time. (Band 2, S. 169)
Das mag mancher als betulich oder weichgespült empfinden, so wird Alexander McCall Smith von der deutschen Kritik ja auch weitgehend ignoriert. In anderen Ländern sieht das anders aus. Stellvertretend für viele andere sei hier ein Zitat aus der Times genannt:
… with a mastery of comic understatement and a powerfully evident sympathy for his subjects and their milieu, Alexander McCall Smith sets out a world where the old rituals of politeness and respect hold sway. His unassuming, carefully voiced tour of the small things that make life worth loving is a quiet delight.
Die Stärke dieser Bücher liegt sicherlich nicht in ausgereiften Charakterschilderungen, aber insgesamt sind sie ein unterhaltsamer und liebenswürdiger Kosmos mit interessanten und leicht schrulligen Charakteren. Und was mich immer wieder an McCall Smith fasziniert, das sind diese vielen kleinen und treffenden Beobachtungen und die unzähligen in die Dialoge eingesponnenen Anspielungen auf Geschichte, Ethik, Psychologie, Kunst, Malerei und Dichter wie Robert Garioch. Selbst obskure Wissenschaftler werden gestreift, wie z. B. Rupert Sheldrake. Und selbstverständlich warte auch ich, wie alle, die diese Reihe lesen, auf den endgültigen Befreiungsschlag des kleinen Bertie.
We‘re all looking for something, of course, even if we don‘t know what it is. And most of us don‘t know, do we? (Band 6, S. 179)
Jedenfalls würde ich jetzt gern nach Edinburgh reisen, die Buchläden unsicher machen und alle Museen und Galerien besuchen, mich zu W. H. Auden belesen und die Gemälde von Henry Raeburn, Elizabeth Blackadder, S. J. Peploe, Francis Cadell und all den anderen Malerinnen und Maler anschauen, die da so im Vorübergehen gestreift werden.
Hier noch einige Autoren und Titel, die Alexander McCall Smith selbst gern liest:
- Somerset Maugham
- E. F. Benson: Mapp and Lucia
- John Murray: A Few Short Notes on Tropical Butterflies
- Marcel Proust
- Brian Moore
- Gustave Flaubert: Madame Bovary
- William Dalrymple: From the Holy Mountain
Und hier noch ein Interview mit ihm aus dem Jahr 2008.
Komplett nebensächliche Fußnote: Mccall Smiths Lektoren haben nicht bemerkt, dass der Autor im vierten Band Antonin Artaud und Alphonse Allais verwechselt. 🤓 Und dabei verdanken wir Allais so beeindruckend betitelte Werke wie das das komplett in Weiß gehaltene Erstkommunion chlorotischer (bleicher) Mädchen bei Schneefall (1883) und das rote Werk Tomatenernte durch apoplektische Kardinäle am Roten Meer (1884).
