Michael Frank: One Hundred Saturdays (2022)

Michael Frank, selbst preisgekrönter Schriftsteller und Publizist, hatte 2015 das Glück, die damals 92-jährige Stella Levi bei einem Vortrag an der New York University kennenzulernen, bei dem es um Fragen der Erinnerungskultur ging.

Aus diesem Zufallskontakt entstand Jahre später dieses Buch, das auf Deutsch 2023 unter dem Titel Einhundert Samstage – Stella Levi und die Suche nach einer verlorenen Welt erschienen ist, übersetzt von Brigitte Jakobeit.

In den folgenden sechs Jahren trifft Michael Frank die alte Dame an einhundert Samstagen in ihrer New Yorker Wohnung und taucht mit ihr ein in deren Lebensgeschichte. Manchmal dauert es, bis Levi besondere oder besonders schmerzhafte Erinnerungen mitzuteilen bereit ist, die oft genug nicht einmal ihr eigener Sohn kennt. Irgendwann treffen Frank und Levi sich sogar auf Rhodos, wo Stella Levi mit ihrer Familie im jüdischen Viertel aufgewachsen ist.

Lange hat sich Levi, die 1923 geboren wurde, geweigert, ihre Geschichte zu erzählen, da sie sich niemals ausschließlich über ihr Leiden während der Zeit des Nationalsozialismus hatte definieren wollen. Sie wollte gerade nicht von Schulklasse zu Schulklasse tingeln, um dort Vorträge zu halten, da sie ihr langes Leben schließlich auch vor Auschwitz und nach Auschwitz  gelebt habe.

Doch sie erkennt, dass sie allmählich zu den letzten Überlebenden gehört, die überhaupt noch die Geschichte ihrer Herkunft, die Geschichte einer untergegangenen, nein, sinnlos vernichteten Welt erzählen können. Aus diesem Grund wird der Kindheit und der Jugend Stellas ein Drittel des Buches eingeräumt, und das ist wahrlich faszinierend.

Stella Levi wuchs in La Juderia auf, dem alten jüdischen Viertel im Ostteil der Altstadt von Rhodos. Dort lebten sie als die Nachfahren sephardischer Juden, die Ende des 15. Jahrhunderts aus Spanien vertrieben worden waren. Es ist eine lärmige, eine enge, aber auch liebevolle Welt zwischen Aberglaube, alten Wundermittelchen, strenger Nachbarschaftskontrolle, jüdischen Traditionen und Feiertagen, den ersten Anzeichen der Moderne, zwischen relativer Armut und reichen Verwandten, engen Familienbindungen, Bildungshunger und dem meist friedlichen Neben- und Miteinander verschiedener Sprachen, Religionen und Milieus.

… Stella reminds me that the Rhodes of her youth was undergoing a multifaceted transition toward modernity. While her grandmothers‘ generation was still alive, yes, they continued to respect their beliefs and embrace their treatments, but even then there was an understanding that other choices, other ways, might be called for. (S. 26)

So wird nach dem Tod ihrer Großmutter Sara ihre Tante Tia Rachel rüde von ihrem Bruder zurück ins Haus beordert, als diese den traditionellen Klagegesang vor dem Haus anstimmen wollte.

… it wasn‘t fitting, it was almost unseemly, Mazliah whispered, to have the dead woman‘s daughter standing outside, ululating in public. ‚Not today,‘ Mazliah told his sister. ‚We‘ve moved beyond this sort of thing now.‘ Tia Rachel turned around and sat down, quietly humiliated, and that was the end of los lloros in Stella‘s family … (S. 35)

Ganz selbstverständlich gehen die Frauen der Familie einmal die Woche ins türkische Bad, man picknickt mit griechischen Freunden, zu denen man sein eigenes kosheres Essen mitbringt, und die Kinder sprechen Judäo-Spanisch, Griechisch und lernen Französisch und später auch Italienisch in der Schule. Stella hat zwei Brüder und vier Schwestern, von denen besonders Felicie als intellektuell gilt. Sie liest Thomas Mann und Freud und schämt sich für althergebrachte Heilmethoden und abergläubische Praktiken, doch Levi erklärt, dass vieles davon funktioniert habe bzw. früher einen ganz praktischen Sinn erfüllt habe. Wenn die Großmutter mit dem Kind, das auf der Straße gefallen und sich wehgetan hat, zu genau der Stelle ging und dort Salz auf die Straße streute, dann sei das nicht einfach dumpfes Mittelalter gewesen:

The salt or sugar being thrown down into the street where people fell, or were afraid to fall, and the prayer recited afterwards? This, Stella points out, is connected to the topography of the Juderia and its history. Before the Italians came, before there was electricity, after nightfall, the narrow streets of the Juderia were indeed verifiably dangerous, and people were afraid of falling and not being found until morning, so someone devised a response using the tools at hand (salt, sugar, a prayer). (S. 26)

Schwester Renée hingegen geht noch ganz in den alten Traditionen auf und bestickt mit Hingabe ihre Aussteuer für die Hochzeit mit einem Bräutigam, den sie sich nicht selbst aussuchen wird.

Doch vor allem ist es eine bunte, eine menschliche und quicklebendige Welt.

The Juderia was such an alive place. It was alive with scent, color, taste, movement, sound – so much sound, for so many hours of the day. When Stella wasn‘t sleeping over at Nisso‘s house she would often be awakened even earlier, by the first call to prayer in the morning, which boomed out from the minaret that towered over the mosque nearby. If she drifted back to sleep, and even if she didn‘t, the next thing Stella would hear was the gurgle of coffee being put up downstairs, which was quickly followed by the whisking and mixing and kneading and banging about that started as her mother, or her neighbors‘ mothers, with all their windows and doors flung open to the bright morning light, would get an early start on the day‘s cooking. Next came the housemaids – for those who had them – who while they worked would sing to, and with, one another across the kortijos in Judeo-Spanish […] in a call-and-response that seemed to stand out of time. As the morning advanced, along came the broom-maker hawking his wares, the Turkish vendors with the vegetables and their yogurt. […] Next: the men reciting the morning prayers from the courtyard of the synagogue. After that, and threaded all through the day, singing: as children walked to school and back, as babies were put down for their naps, as young people gathered, and as women cooked or, later, as they embroidered deep into the night. (S. 30-31)

Stella erzählt nicht nur vom Frauen- und Männerbild, von der Nahrungszubereitung, ihren ersten Freundschaften zu Männern, den sich ändernden Trauerritualen, sondern auch vom nachbarschaftlichen Zusammenhang und den verwandtschaftlichen Beziehungen (bei denen ich schon früh den Überblick verloren habe).

Bemerkenswert fand ich dabei, dass es schon immer Verwandte und Bekannte gab, die außerhalb Europas ihr Glück gesucht haben. Stellas Bruder Morris wanderte zwei Jahre vor Stellas Geburt mit Verwandten nach Amerika aus. Über einen Heiratsvermittler wird Selma, ihre ältere Schwester, mit einem Mann in New York verheiratet, der ihr gerade einmal bis zur Schulter reichte. Und ihr Bruder Victor verließ Rhodos 1939, um nach Belgisch-Kongo auszuwandern. Schwester Felicie schafft es 1940, mit dem letzten Dampfer von Rhodos aus nach Amerika zu flüchten.

Noch unter italienischer Besatzung nimmt die antisemitische Gesetzgebung Fahrt auf. Stellas Vater, der als Kaufmann gearbeitet hat, wird quasi enteignet und De Vecchi lässt den Jahrhunderte alten jüdischen Friedhof verlegen, um Platz für einen öffentlichen Park zu schaffen. 1938, Stella ist 15 und eine Musterschülerin, wird jüdischen Kindern der Schulbesuch untersagt. Eine traumatische Erfahrung, die auf ihr ganzes weiteres Leben abfärbt. Einer Schulklasse erklärt sie später:

It would take you a lifetime to understand what that meant to your sense of who you are, what you deserve in life. I am what I am today because of what happened to me in 1938. I took it very personally. It felt like my family and I were being treated like animals – animals don’t need to work or study, do they? (S. 76)

Einige couragierte italienische Lehrer bieten noch ein paar Jahre Nachmittagsunterricht für interessierte jüdische Schüler und Schülerinnen an. Doch trotz aller Einschränkungen und selbst nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Herbst 1943 können oder wollen sich die meisten Juden nicht vorstellen, dass es noch schlimmer kommen könnte.

Im Frühjahr 1944 beginnen die britischen Bombardierungen der Insel.

Doch die Nazis halten ihre Vernichtungsmaschinerie nicht an. Am 19. Juli 1944 sollen sich die jüdischen Männer einfinden, am nächsten Tag die Frauen einschließlich all ihrer Wertgegenstände. Täten sie das nicht, würden die Männer erschossen.

‚We still – still – had no idea why they were collecting us,‘ Stella says. ‚We thought they were taking us to a camp, maybe another island, to work. And that we would need money to pay for our food. It‘s amazing how the human mind tries to make sense out of —‘. She pauses. ‚Anyway we did as we were told. We went home, and we packed our bags. (S. 115)

Am Morgen des 23. Juli, einem Sonntag, lassen die Nazis die Sirenen heulen, die vor einem Luftangriff warnen, damit sich niemand auf die Straße traut. Die über 1.700 Juden von Rhodos werden durch die Stadt getrieben, auf Boote verfrachtet und auf entsetzliche Art und Weise dann später mit Zügen nach Auschwitz gebracht. Über 90 Prozent werden die Lager nicht überleben.

Die Frage, wie es möglich war, dass innerhalb nur weniger Tage eine Handvoll SS-Offiziere die komplette jüdische Bevölkerung identifizieren, zusammentreiben und verschiffen konnte, ließ sich nach Durchsicht der Aktenberge klären, die Jahrzehnte später, nämlich 2011, in der Polizeistation von Rhodos entsorgt werden sollten, um Platz zu schaffen. Historiker konnten nach diesem Fund nachweisen, dass die italienischen Behörden nach polizeilicher Aufforderung bereits im April eine Liste aller Juden auf Rhodos angefertigt und diese Liste an die Deutschen weitergeleitet hatten. Es gab auf anderen griechischen Inseln auch Proteste und Solidarität mit den Juden, die man beispielsweise versteckte oder mit gefälschten Papieren ausstattete, doch nicht auf Rhodos.

Stella Levi erzählt auch von ihrem Erleben in Auschwitz, dem herzzerreißenden Erkennen, dass ihre Eltern, Onkel und Tante vergast worden sind, ihrem Überlebenswillen, den traumatischen Erlebnissen und dem Glück, dass sie und ihre Schwester Renée überlebt haben, dem endgültigen Verlust der Heimat und dem langen Warten auf gültige Papiere in Italien, dessen Staatsbürger sie ja noch waren, bis sie endlich zu ihren Geschwistern in die USA reisen konnten. Frank zeichnet dabei ebenfalls den beruflichen und privaten Lebensweg dieser beeindruckenden und hellwachen Frau bis ins hohe Alter nach, doch der Schwerpunkt liegt auf ihrer Jugendzeit und den Erfahrungen während des Krieges.

Ein Buch, das – das schreibt sich so leicht und ist doch so bedeutsam – den Jüdinnen und Juden auf Rhodos ein Denkmal setzt, das uns eine Welt zeigt, die die Nazis vernichtet haben, und das uns sehr schlicht und gänzlich unpathetisch mahnt.

Mich beunruhigt es zutiefst, dass wir wieder Politiker in unserem Land haben, die alles tun, um derlei Menschenverachtung und völkische Herrenmenschenfantasien wieder an die Macht zu bringen, und dass wir Wähler und Wählerinnen haben, die genau das wollen und gutheißen. Oder in Stellas Worten:

In the end we are all similar, everyone with differences and defects. What‘s essential is to value humanity. (S. 199)

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In Lärbro auf Gotland in Schweden wurden seit 1942 in einem Kriegslazarett auch Opfer des Nazi-Regimes und Überlebende aus Auschwitz behandelt. Nicht alle konnten gerettet werden. Und so finden sich – ungewöhnlich für einen christlichen Friedhof – auch neun jüdische Gräber auf dem Friedhof an der Kirche.

Usama Al Shahmani/Bernadette Conrad: Die Fremde – ein seltsamer Lehrmeister (2016)

Nachdem ich In der Fremde sprechen die Bäume arabisch gelesen hatte, wollte ich mehr von dem Schriftsteller, Übersetzer und Literaturwissenschaftler Usama Al Shahmani lesen. Und so geht es heute um den 2016 in Zusammenarbeit mit der Journalistin Bernadette Conrad (*1963) entstandenen Band Die Fremde – ein seltsamer Lehrmeister, der im Limmat Verlag veröffentlicht wurde. Das Buch handelt schwerpunktmäßig von den Erfahrungen und Erinnerungen Al Shahmanis, der 2002 in die Schweiz flüchtete und sich seitdem dort ein Leben und ein Zuhause aufgebaut hat, auch wenn Conrad ebenfalls einige Kapitel und Interviewfragen beisteuert.

Es ist wieder ein berührendes Buch und ein wichtiges Buch. Ganz zu Beginn zitiert Conrad einen Satz von Al Shahmani:

Und manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich Dich durch meine Geschichten aus dem Irak traurig mache. (S. 8)

Conrad ist sich jedoch sicher:

Ich denke, dass nicht nur nichts verkehrt daran ist, dass wir uns von denen, die Krieg, Folter, Diktatur erlebt haben, traurig machen lassen, sondern dass dies im Gegenteil wichtig ist. Nicht nur, weil Entsetzen und Trauer die angemessenen Gefühle sind, um auf menschengemachtes Grauen zu reagieren. Diese Trauer zuzulassen ist auch eine Reverenz; ein Minimum, dass man als jemand, der von diesen Erfahrungen verschont geblieben ist, beitragen kann gegen eine Spaltung der Welt. (S. 8)

Al Shahmani schildert seine Kindheit und Jugend unter einem rigiden Vater und die brutalen Schulerfahrungen, die Angst, die eine ganze Gesellschaft zermürbt, lähmt und vergiftet. Die erste Flucht – noch im Irak – in die Literatur.

Ich war kaum zwanzig, als Frischs Roman ‚Mein Name sei Gantenbein‘ auf Arabisch veröffentlicht wurde, übersetzt von einem Ägypter. Ich hatte es von meinem alten Schulfreund Riad ausleihen können. (S. 131)

Dann erzählt Al Shahmani von seinem regimekritischen Theaterstück, das der Auslöser für seine lebensgefährliche Flucht war.

Die ersten keineswegs guten Jahre in der Schweiz, die Monotonie und Einsamkeit in den verschiedenen Flüchtlingsunterkünften, sein beharrliches Lernen der deutschen Sprache, Erinnerungen an Freunde und Studienkollegen, die kurzzeitige Hoffnung, nach dem Sturz Saddams wieder zurückkehren zu können. Familienangehörige, wie die Onkel und Bruder Ali, die Krieg und Diktatur zum Opfer fielen. Der gefolterte Freund, den er nach dessen Haftentlassung erst nicht erkennt.

Aber auch die Freude über das Kennenlernen seiner späteren Frau Nada, die Geburt ihrer beiden Kinder, das allmählich Heimischwerden in der Schweiz, neue Freundschaften und die Desorientierung, als er viele Jahre später zurück in den Irak reist, um seine Familie zu besuchen.

Es wäre müßig, hier noch viel zum Inhalt zu sagen. Ich möchte es so ausdrücken: Al Shahmani erzählt uns, verschont uns nicht. Er zeigt sowohl die widerwärtige Fratze des Saddam-Regimes und dessen Auswirkungen auf die Zivilgesellschaft, die allmählich verroht und abstumpft, als auch die Widersprüche und Brüche und Traumata eines Menschen, der die ersten 30 Jahre in Krieg und unter dieser Diktatur gelebt hat und der die seelischen Narben nicht mit dem Grenzübertritt nach Europa hinter sich gelassen hat.

Eines Tages zeigte das irakische Fernsehen einen Vater, der seinen Sohn der Sicherheitsbehörde eigenhändig auslieferte, weil er den Waffendienst an der Front ablehnte, um anschließend zu flüchten. Nachdem der Sohn von den Sicherheitskräften verfolgt wurde, um anschließend auf der Flucht erschossen zu werden, erschien dessen Vater im Fernsehen in Begleitung von Saddam. Saddam verlieh ihm zu Ehren eine Auszeichnung und nannte ihn ‚den wahrhaftigsten und rechtschaffensten irakischen Bürger.‘ (S. 112)

Die Einblicke in seine Herkunftskultur und seine irakische Familie, die Al Shahmani uns gestattet, helfen uns ebenfalls, ein wenig besser zu verstehen. Sehr vielsagend dabei die zwei Familienfotos, die Usama mit seinen Eltern einmal in den Siebzigerjahren und einmal 1998 zeigen. Ein kompletter gesellschaftlicher Wandel, illustriert mit nur zwei Bildern.

Dennoch strahlt auch dieses Buch eine zarte Hoffnung aus, ist es doch von einem geschrieben, der seine persönliche Antworten auf das Grauen in der Flucht, der Sprache und der Literatur gefunden hat. Er hat einen Weg gefunden, fremd und doch heimisch zu sein und seine Fremdheit als neuen Raum zu begreifen, den es zu gestalten gilt. Und der nun als ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer seine Erfahrungen an andere Geflüchtete weitergibt.

Al Shahmani erzählt uns das so, als säße er bei uns in der Küche, er nimmt einen quasi an die Hand und schafft etwas ganz Seltenes: Er erweitert meine mentale Landkarte um ein Land namens Irak, dessen Leid ich mir bisher gut auf Abstand halten konnte. Ein Land, für das keine Hoffnung auf Besserung besteht, solange es unter der Fuchtel religiöser Hardliner bleibt.

Dass jeder Geflüchtete eine Geschichte mitbringt, ist eine Binsenweisheit, sollte aber dennoch nachdenklich machen, auch wenn sie kaum jemand so wie Al Shahmani wird erzählen können.

Für mich ist die Sprache die einzige Sache, die ich als meine absolute Heimat bezeichne. Ich habe meine Heimat nicht verloren, weil ich meine Muttersprache behielt. (S. 37)

Ich selbst habe mich erst dann willkommen gefühlt, als ich die Sprache konnte. Diese Tür muss man selbst öffnen. (S. 150)

Usama Al Shahmani: In der Fremde sprechen die Bäume arabisch (2018)

Usama Al Shahmani ist mir erst seit dem Literaturclub vom 31. Mai 2022 ein Begriff. Der 1971 in Bagdad geborene Literaturwissenschaftler, Schriftsteller und Übersetzer flüchtete 2002 in die Schweiz, lebte fast zwei Jahre in Flüchtlingsheimen, brachte sich selbst Deutsch bei und lebt heute mit seiner Familie in Frauenfels. Und jetzt möchte ich jedes seiner Bücher lesen.

Doch zunächst zu dem nur 189 Seiten umfassenden zweiten Buch, das Al Shahmani auf Deutsch veröffentlicht hat, das zuerst im Limmat Verlag erschien, später auch im Unionsverlag.

Es ist ein leises, sehnsüchtiges, ein widerständiges, trauriges und hoffnungsvolles Buch über Flucht, Verlust, Bäume und Heimat von einem, der lernen musste, die aberwitzigsten Gegensätze, die ein Menschenleben ausmachen können, auszubalancieren. Dass man sich während und nach der Lektüre mit Schrecken die Eckdaten der neueren irakischen Geschichte in Erinnerung ruft, wird wohl nicht ausbleiben.

Al Shahmani erzählt schlicht, ohne die große Geste, ohne den Leser*innen eine Bewertung oder Beurteilung aufzuzwingen, vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb sein Buch so eindrücklich ist.

In der Fremde sprechen die Bäume arabisch beginnt mit einer im Nachhinein witzigen Szene kurz nach seiner Ankunft in der Schweiz. Die schon seit Jahrzehnten in der Schweiz lebende Tante seines ebenfalls im Flüchtlingsheim untergebrachten Freundes fragt die beiden Männer, ob sie Lust haben, mit ihr einmal wandern zu gehen. Die beiden sind entsetzt. Wandern ist allenfalls noch als Bestandteil einer Pilgerreise vorstellbar, ansonsten fährt man lieber mit dem Auto oder bleibt daheim.

Es war für mich unbegreiflich zu hören, dass die Leute in der Schweiz einfach so zu Fuß gehen – in den Wäldern, Bergen, Tälern, auf schwierigen Wegen, um einfach nur zu wandern. Ich dachte, sie erzählt uns einen Witz, als sie uns berichtete, dass sie mit ihrem Mann fast jedes Wochenende wandern gehe. (S. 7, Taschenbuchausgabe des Unionsverlages)

Nun, bei dieser reflexhaften Ablehnung wird es nicht bleiben. Al Shahmani probiert es dann doch irgendwann aus und findet, was er vermutlich nicht erwartet hat. Das Wandern, genauer gesagt die Natur und vor allem die Bäume, trösten ihn. Ihnen kann er auf Arabisch erzählen, was ihn bedrückt, besorgt, beglückt und ängstigt. Seine große Freude, als er unvoreingenommenen SchweizerInnen begegnet, die ihm vertrauen und versuchen, ihm zu helfen und Mut zu machen, aber auch die Erfahrung, fremd zu sein, ausgebeutet zu werden, seine Verzweiflung, die Probleme beim innerlichen Ankommen in einem fremden Land und vor allem sein Heimweh.

Wenn ich das Wort ‚Heimat‘ ausspreche, steht vor meinem inneren Auge eine Dattelpalme. […] Dass die Dattelpalme aus meinem Leben verschwunden ist, seit ich in der Schweiz lebe, hat bei mir eine Lücke hinterlassen. (S. 124)

Seine ersten Arbeitserfahrungen als Hilfsarbeiter in verschiedensten Jobs bis hin zu der Tätigkeit in einem Beschäftigungsprogramm, bei dem forstwirtschaftliche Arbeiten im Wald erledigt werden müssen.

Ein Tauchgang in den Wald hilft mir immer wieder, die Vergangenheit ruhen zu lassen und an einen neuen Anfang zu denken. Neige dich und schwanke, sei wie die Bäume im Wind, verhalte dich wie ein Baum und lass alles fließen, denn alles wird vergehen. Auch das, womit du dich jetzt beschäftigst, ist vergänglich, sagte ich mir und betrachtete die Knospen an den Zweigen. (S. 80)

Dann die Erinnerungen an seine Kindheit und seine Geschwister. Besonders an seinen Bruder Ali, der sich weigert, Bagdad zu verlassen, wo er Französisch studiert und seine Freunde hat. Unter anderem deshalb will er nicht zu seiner Familie zurück in den Südirak, auch wenn es dort weniger gefährlich ist. Niemand in der Familie hat das notwendige Geld, um Ali ebenfalls zur Flucht ins Ausland zu verhelfen. Doch dann erfährt Al Shahmani im April 2006 von Naser, seinem zweiten Bruder, dass Ali verschwunden ist. Wie so viele im Irak, vermutlich direkt von der Straße weg verhaftet, verschleppt. Ein Trauma, mit dem nun die Familie im Irak und Al Shahmani in der Schweiz umgehen müssen.

Auf einem meiner Fotos steht der junge Ali in einer unermesslichen Wüste namens hemade. Der weite Horizont verleiht dem Bild eine große Tiefe, und der Horizont zwischen dem Blau des Himmels und der hemade sieht aus wie eine Linie zwischen Traum und Wahrheit. Er war im ersten Jahr seines Studiums. Sein ganzes Wesen strahlte eine bedingungslose Liebe zum Leben aus. Er freute sich, die französische Sprache und Literatur zu studieren. Einmal im Leben wollte er nach Paris reisen. (S. 176)

Alle Versuche, das Schicksal Alis in diesem vom Bürgerkrieg zerrissenen und korrupten Land aufzuklären, scheitern. Egal, wie häufig Naser die Gefängnisse, Krankenhäuser, Polizei, den Geheimdienst oder die Leichenhäuser aufsucht, in denen Menschen nach ihren zu Tode gefolterten Angehörigen suchen. Egal, ob man wertvolles Land verkauft, um Geld für einen Scharlatan zu haben, der sich brüstet, mit seinen guten Kontakten vielleicht doch etwas über den Verbleib des Verschwundenen herauszufinden. Die Mutter Alis wird über dem ungeklärten Schicksal ihres Sohnes fast verrückt.

Nicht nur der Regen, der Schnee und die Sonne, auch die Zeit hat im Wald eine andere Dimension. Den Regen im Wald zu erleben, hat meine Seele erfüllt, ich kam wie neugeboren heraus und fühlte mich erleichtert. Viele Schichten meines Leidens hat dieser Regen weggewaschen. (S. 110)

Die vernünftige Erkenntnis, dass man als Exiliraker nicht mehr davon träumen kann, irgendwann zurück in die Heimat zu gehen, da das Land so tiefgreifend zerstört ist. Dennoch sehne sich die Seele nach der Heimat. In den Worten eines irakischen Künstlers:

Meine Beziehung zum Irak habe ich für immer beendet – wie wenn man ein Grab zuschüttet. Frag mich nicht wieso, du musst selbst dorthin gehen. Die Diktatur lebt weiter in der Politik wie im sozialen Gewebe, und der Krieg hat die Menschen bis einem Grad verstümmelt, dass selbst der Gedanke, eine Reform zu versuchen, eine Art Verrücktheit geworden ist. (S. 106)

Weder hat Al Shahmani die Angst vor dem irakischen Sicherheitsdienst oder den schwarzen Regen vergessen, der 1991 fiel, als Saddams Truppen beim Rückzug aus Kuweit die Ölquellen in Brand stecken ließ, noch den Fundamentalismus im Irak. Sein guter Freund Meran musste seine Geige immer bei den Nachbarn verstecken, da dessen Vater so religiös war, dass er weder Musik noch Instrumente duldete. Aber es geht auch um die Dankbarkeit und Hoffnung, mit der er sein Leben in der Schweiz gestaltet.

Ich bin der Fremde.
Ich habe Hoffnung
und einen Koffer voller Geheimnisse.
Beides trage ich und gehe,
wie ein Sufi, der geduldig
zu blühen versucht, wo immer
der Herr ihn hingepflanzt hat.
(S. 17)
Hier lang zu einem Interview mit Usama Al Shahmani.

Min Jin Lee: Pachinko (2017)

History has failed us, but no matter.

Die Geschichte hat uns im Stich gelassen, aber was macht das schon.

Mit diesem Satz beginnt der ca. 500 Seiten starke Roman der Amerika-Koreanerin Min Jin Lee – von Barack Obama für seine Schilderung von Resilienz und Mitgefühl hochgelobt und einer der National Book Award Finalists von 2017. Das Buch erzählt über mehrere Generationen hinweg die Geschicke einer koreanischen Immigrantenfamilie in Japan. Lesenswert, wenn auch nicht das vollkommene Meisterwerk, das manche amerikanische Kritiker aus ihm machen wollten.

Die deutsche Übersetzung Ein einfaches Leben von Susanne Höbel erschien 2018. Anscheinend war den deutschen LeserInnen der englische Titel, dessen Bedeutung sich erst später erschließt, aber dadurch doch auch reizvoll und letztlich wesentlich treffender ist, nicht zuzumuten.

Die Handlung umfasst die Jahrzehnte von 1910 bis 1989 und beginnt mit der 16-jährigen Südkoreanerin Sunja, die nie ein freies Korea erlebt hat. Seit 1905 galt Korea als Protektorat Japans, 1910 wurde es als Kolonie eingegliedert. Sunjas Familie ist arm und hält sich mit einer kleinen Herberge über Wasser. Das junge Mädchen verliebt sich in einen reichen älteren Landsmann, den Fischhändler Koh Hansu, der dem naiven, aber willensstarken Mädchen Geschenke mitbringt und ein wenig Aufmerksamkeit widmet. Sie ist sicher, er wird sie ehelichen, doch Hansu ist längst mit der Tochter eines – freundlich formuliert – einflussreichen Mannes in Japan verheiratet, ein Umstand, den er zu erwähnen vergaß. Als Sunja schwanger wird, ist Hansu durchaus erfreut und will sie irgendwo als Mätresse unterbringen und sich um ihren Lebensunterhalt und die Erziehung des Kindes zumindest finanziell kümmern. Doch das kommt für die stolze Sunja nicht in Frage.

Gleichzeitig würde aber ein uneheliches Kind unauslöschliche Schande über sie und ihre Mutter bringen, deshalb willigt sie ein, den freundlichen Prediger Isak zu heiraten, der auf dem Weg nach Japan ist, um dort in einer kleinen christlichen Gemeinde zu arbeiten. Die Ehe der beiden wird wider Erwarten glücklich und Sohn Noa hält Isak lange für seinen leiblichen Vater.

Ihr Leben in Japan ist hart. Sie sind arm und auf die Unterstützung von Isaks Bruder und Schwägerin angewiesen, in dessen Häuschen sie auch leben. Der Familienzusammenhalt ist enorm, gleichzeitig steht Sunja öfter vor dem Dilemma, ihrem Schwager gehorchen zu müssen, auch wenn sie seine Entscheidungen nicht immer gutheißen kann. Überhaupt, die Rolle der Frau, ein Sprichwort besagt, das Los der Frau sei es zu leiden, was eigentlich nur bedeutet, das auszulöffeln, was die Männer eingebrockt haben. Hansu, der Vater von Sunjas Sohn Noa, wird ebenfalls noch eine Rolle spielen.

Das war spannend, anrührend und interessant, wusste ich bis dahin doch so gut wie nichts über Korea im 20. Jahrhundert und über den (institutionalisierten) Rassismus und die Diskriminierung, der koreanische Einwanderer, Zwangsarbeiter oder gar Christen in Japan ausgesetzt waren. Gleichzeitig zeigt der Roman, wie sich Stück für Stück die Lebenswelt der nachfolgenden Generationen verändert. Durch die Entbehrungen, die unfassbare Arbeit und Beharrlichkeit der Elterngeneration kann die nächste Generation dann schon zur Schule geschickt werden und versuchen, aus dem Hamsterrad von nicht enden wollender körperlicher Arbeit auszusteigen.

Die beiden Söhne, Noa wissbegierig, intelligent und fleißig, Mozasu eher praktisch veranlagt und schnell mit den Fäusten, schlagen deshalb schon ganz andere Wege ein als Mutter, Tante und Onkel. Und erst für Noa und Mozasu öffnen sich Entscheidungsspielräume und stellen sich Identitätsfragen. Gleichzeitig wird die emotionale Bindung an die ursprüngliche Heimat der Eltern geringer, irgendwann wird nicht mehr von Rückkehr gesprochen. Der gesellschaftlich verankerte Rassismus und die Diskriminierungserfahrungen bleiben, aber sie sehen anders aus. Passt man sich an und ist vielleicht sogar besser als die Einheimischen, wird man beneidet und angegiftet. Geht man beruflich in die Bereiche, mit denen ein „anständiger“ Japaner nichts zu tun haben will, ist man ein Krimineller. Der eine kommt damit zurecht und sieht nicht ein, sich davon sein Leben verleiden zu lassen, ein anderer geht daran zugrunde.

So verkörpert diese Familie fast schon prototypisch das Schicksal ungeliebter Immigranten überall auf der Welt.

Der erste Teil des exzellent recherchierten Romans war wie aus einem Guss, ein traditionell erzählter und detailreicher Familienschmöker mit unvergesslichen Szenen, der ab und an an die Romane des 19. Jahrhunderts erinnert und trotz gewisser Süßlichkeiten nicht ohne Anspruch ist.

Es ist unmöglich, nicht an Sunjas Familie und ihrem Ergehen Anteil zu nehmen oder die aktuellen Bezüge zu unserer Gegenwart wahrzunehmen. Es gefiel mir auch, dass nicht alle Emotionen und Gedanken ausbuchstabiert wurden. Das passte zu dieser schlichten, doch würdevollen und sturen Frau und die großen politischen Umwälzungen werden hier ausschließlich anhand ihrer Auswirkungen auf die einfachen Leute erzählt. Das ist stimmig und schockierend zugleich.

Doch irgendwann zerfaserte die Geschichte; die Autorin Min Jin Lee (*1968 in Südkorea) wollte einfach zu viel. Ihre Absicht, alle möglichen denkbaren Lebenswege der nachfolgenden Generationen und damit auch alle nur denkbaren Immigrationserfahrungen zur Sprache kommen zu lassen, war zu offensichtlich. Lee verzettelt sich in Namen und Schicksalen, die zum Teil auf maximale Dramatik gebürstet werden, mich dann aber kalt gelassen haben. Hätte die Autorin Sunja und ihre direkten Nachkommen als Zentrum der Handlung zwischendurch nicht so aus den Augen verloren, kurzum das Buch um 150 Seiten gekürzt, wäre ein wirklich beeindruckendes Werk entstanden.

PS: Manche Rezensenten erklären gleich zu Beginn, woher der englische Titel Pachinko kommt. Ich fand viel interessanter, das erst zu klären, als der Begriff das erste Mal im Roman auftaucht.

Eine Verfilmung ist geplant.

Der Sidney Morning Herald bringt es auf den Punkt:

Is Pachinko a masterpiece? No. But it is one of those books that takes a mighty bite of big-time subject matter and has its own kind of grandeur.

Sigrid Nunez: A Feather on the Breath of God (1995)

Nachdem ich The Friend von Nunez gelesen hatte, wollte ich mehr von dieser Autorin lesen und landete bei ihrem Debütroman A Feather on the Breath of God, der 1999 auch auf Deutsch erschien.

Das schmale Werk von 180 großzügig gesetzten Seiten ist stark autobiografisch und erkundet die dauerhaften Beschädigungen, die eine Immigrantenkindheit aus – wie wir heute sagen würden – bildungsfernen Verhältnissen mit sich bringen kann. Auch Nunez‘ Mutter war – wie die der Ich-Erzählerin – Deutsche, ihr Vater hatte chinesisch-panamaische Wurzeln. Die Eltern hatten sich in Deutschland kennengelernt, waren dann gemeinsam nach Amerika gegangen und haben sich und den drei Töchtern dann ein maximal dysfunktionales Familienleben beschert.

Nunez selbst hat das Buch als ihr „real hybrid genre book“ bezeichnet.

Even though there are parts that are based on my parents, with little distance between author and narrative, it isn’t really a memoir, because there’s a sufficient amount of distortion and invention. (Renée H. Shea: The Secret Facts of Fiction: A Profile of Sigrid Nunez, 2006)

Der erste große Abschnitt Chang geht den Erinnerungen an die Vaterfigur nach, der entweder abwesend ist, weil er sieben Tage die Woche den kärglichen Lebensunterhalt mit mies bezahlten Jobs verdient oder abends stumm in der Küche sitzt, während die anderen sich im Wohnzimmer aufhalten. In der Wohnung gibt es nichts, was auf die Heimat des Vaters hindeutet, er spricht zeit seines Lebens schlecht Englisch, doch es kommt auch niemand auf die Idee, dass es eine gute Idee sein könnte, den Kindern Chinesisch beizubringen.

We must have seemed as alien to him as he seemed to us. To him we must always have been „others“. Females. Demons. No different from other demons, who could not tell one Asian from another, who thought Chinese food meant chop suey and Chinese customs were a matter for joking. I would have to live a lot longer and he would have to die before the full horror of this would sink in. And then it would sink in deeply, agonizingly, like an arrow that has found its mark. (S. 23)

Das zweite Kapitel Christa beschäftigt sich mit der Mutter, die seit ihrer Ankunft in Amerika heimwehkrank und unglücklich ist, sie lässt das an den drei Töchtern, doch auch vor allem an ihrem Mann aus, dem sie vorwirft, zu wenig zu verdienen, den sie klein und verächtlich macht, weil er die deutschen Namen der Töchter nicht richtig aussprechen kann, dem sie die Trennung androht, nur um dann doch alles beim Alten zu lassen. Im Laufe ihres Lebens sagt sie schreckliche Dinge, von denen die Tochter sagt:

Some things it would be death to forgive. (S. 180)

Aus dieser wenig Halt gebenden und unberechenbaren Atmosphäre flüchtet die Tochter lange in die Traumwelt des Balletts –  A Feather on the Breath of God – bis sie erkennt, dass ihr die wirkliche Begabung dazu fehlt. Im Nachhinein ist sie möglicherweise auch froh gewesen, ihrem Körper nicht länger die Schmerzen und den Hunger zufügen zu müssen, nur damit dieser den männlich geprägten Schönheitsvorstellungen des Balletts entspricht.

Now, of course, I can say precisely what it was that was happening to me. I had discovered the miraculous possibility that art holds out to us: to be a part of the world and to be removed from the world at the same time. (S. 101)

Lange fragte ich mich, wozu ich als Leserin die nüchtern und fast klinisch sachlich geschilderte Ehehölle, diese Kindheit und Jugend überhaupt kennenlernen musste, in der die Kinder außerdem damit zurechtkommen mussten, als „half-breeds“ beschimpft zu werden.

The last thing I would have believed back then was that one day it would be fashionable to be Chinese; or that I had only to wait a few years, till I reached adolescene, to hear people say that they envied me my exotic background. (S. 85)

Doch im vierten und letzten Teil Immigrant Love beantwortet sich das. Die Ich-Erzählerin erzählt von einer Affäre, die sie als gestandene Sprachlehrerin mit einem ihrer Schüler, einem verheirateten 37-jährigen Ex-Junkie aus Russland eingeht.

Und hier – gegen Ende – bindet Nunez mit nur einem Satz plötzlich das ganze Werk zusammen, man sieht, wie alles zusammenhängt, dass niemand von uns seinen Kindheitskatastrophen und -versehrungen unbeschadet entkommt, die im Falle einer missglückten Immigration der Eltern umso tiefgreifender sind.

Doch obwohl besonders der Schluss, ja ein einziger Satz, mich mit der Kunst von Nunez versöhnte, bin ich überrascht, wie wenig nach zwei drei Wochen mir noch erinnerlich ist, wie wenig der Roman nachhallt. Vermutlich waren es mir dann doch zu viele assoziativ aneinandergereihte Erinnerungen, wie Bilder aus einem fremden Familienalbum, wobei die Gefühle und Gedanken der Beteiligten über weite Strecken verborgen blieben.

Der poetische Titel verdankt sich übrigens einem Zitat Hildegard von Bingens.

End of the semester. It is very late and I am alone in my room. A narrow desk by the window, overlooking the courtyard that is slowly filling up with snow. Books open on the desk, bright lamp, cigarettes, a boyfriend’s photograph. I will sit there all through the night, I will smoke all the cigarettes, and in the morning I will cross the courtyard to answer questions about literature and the tragic sense of life. The sound of a pen scratching in the night ist a holy sound. I want to get down something T. S. Eliot said: Human beings are capable of passions that human experience can never live up to. (S. 118)

Sam Selvon: The Lonely Londoners (1956)

Einundsechzig Jahre hat es gedauert, bis nun endlich The Lonely Londoners – der britische Klassiker um Immigranten in London, erschienen 1956 – ins Deutsche übersetzt wurde.  Das englische Original von nur 139 Seiten beginnt mit den Worten:

One grim winter evening, when it had a kind of unrealness about London, with a fog sleeping restlessly over the city and the lights showing in the blur as if is not London at all but some strange place on another planet, Moses Aloetta hop on a number 46 bus at the corner of Chepstow Road and Westbourne Grove to go to Waterloo to meet a fellar who was coming from Trinidad on the boat-train.

Selvon (1923 – 1994) verarbeitet darin eigene Erfahrungen, auch er wanderte in den 1950er Jahren aus Trinidad nach Großbritannien ein, als es für die Einwohner der ehemaligen Kolonien des Empire noch keine Einwanderungsbeschränkungen gab.

Zusammengehalten wird das Werk durch die Figur des Moses Aleotta, ebenfalls aus Trinidad, der schon seit zehn Jahren in London lebt und sich als widerwillig-hilfsbereiter Genosse zeigt, wenn es darum geht, den immer zahlreicher werdenden Neuankömmlingen mit Informationen zur Seite zu stehen. So begleitet er auch Henry, den er am Bahnhof abgeholt hat, zum Ministry of Labour.

It ain’t have no place in the world that exactly like a place where a lot of men get together to look for work and draw money from the Welfare State while they ain’t working. Is a kind of place where hate and disgust and avarice and malice and sympathy and sorrow and pity all mix up. Is a place where everyone is your enemy and your friend. (S. 27)

Jeden Sonntagmorgen treffen sich in Moses‘ kleinem schäbigen Zimmer – zu mehr hat er es in all den Jahren nicht gebracht – seine Freunde und Bekannten und tauschen Neuigkeiten über Arbeit, Zimmersuche, Frauen und die Heimat aus.

Moses ist auch derjenige, der sich keinen Illusionen mehr hingibt, er weiß um den Rassismus, der ihnen unvermutet überall entgegenspringen kann, auch wenn er sich höflicher tarnt als der in Amerika. Er weiß, welche Probleme es gibt, wenn ein Einwanderer ein weißes Mädchen heiraten will: Entweder wird er vom Vater des Mädchens aus dem Haus geworfen oder, wenn das Mädchen standhaft ist, werden die Kinder des Paares später als Darkies beschimpft.

Moses ist ein interessanter Charakter, der seine Situation in ihrer Widersprüchlichkeit reflektiert, z. B. wenn er versucht, sich darüber Rechenschaft zu geben, warum er nie zurückgegangen ist, obwohl sich die Träume auf Wohlstand und Anerkennung nicht erfüllt haben.

‚Sometimes I look back on all the years I spend in Brit’n,‘ Moses say, ‚and I surprise that so many years gone by. Looking at things in general life really hard for the boys in London. This is a lonely miserable city, if it was that we didn’t get together now and then to talk about things back home, we would suffer like hell. Here is not like home where you have friends all about. … (S. 126)

Er fungiert gleichsam als Klammer für viele andere Geschichten und Schicksale, von denen er hört, die er miterlebt und kommentiert. Dabei nimmt er geradezu stoisch zur Kenntnis, dass einzelne kiffende Faulpelze und Sozialleistungen-Schnorrer die Vorurteile gegenüber allen Farbigen befördern und dass harte Arbeit kein Garant fürs Vorwärtskommen ist.

Oft genug ist Moses die Stimme der Vernunft, doch er hat sich damit abgefunden, dass kaum jemand auf ihn hört. Und Henry Oliver, den er am Bahnhof abholen soll, wird von ihm nur „Galahad“ genannt, weil der sich weigert, die Dinge so nüchtern-abgeklärt wie Moses zu sehen.

Things does have a way of fixing themselves, whether you worry or not. If you hustle, it will happen, if you don’t hustle, it will still happen. Everybody living to dead, no matter what they doing while they living, in the end everybody dead. (S. 52)

Wir erfahren nicht nur von Lewis, der seine Frau so lange verprügelt, bis sie ihn verlässt, sondern auch von der hinreißenden Tanty, die zu stolz ist, zuzugeben, wie viel Angst ihr U-Bahn und Busfahren machen. Wir erfahren von Einwanderern, die so hungrig sind, dass sie eine Taube im Park fangen und dann als Monster beschimpft werden.

Und fast unbemerkt von der Öffentlichkeit eröffnen Einwanderer die ersten Geschäfte, z. B. mit bestimmten Lebensmitteln, und tragen so zu einer bunteren britischen Gesellschaft bei. Das liest sich unglaublich spannend, so als säße jemand bei uns im Zimmer und würde uns erzählen, wie das damals war, auch wenn zwischenzeitlich mal der rote Faden ein bisschen verloren geht und man von einer Episode zur nächsten hüpft.

The Lonely Londoners handelt aber nicht nur von Tristesse, Armut und Problemen, es ist auch eine Liebeserklärung an London, eine Stadt, die auf viele Einwanderer wie ein Zauber, ein Versprechen wirkt, dem sie sich selbst nach Jahren nicht entziehen können. Irgendwann wird die Fremde quasi notgedrungen zur – wenn auch nicht unbedingt geliebten – Heimat.

The changing of the seasons, the cold slicing winds, the falling leaves, sunlight on green grass, snow on the land, London particular. Oh what it is and where it is and why it is, no one knows, but to have said: ‚I walked on Waterloo Bridge,‘ ‚I rendezvoused at Charing Cross,‘ ‚Piccadilly Circus is my playground,‘ to say these things, to have lived these things, to have lived in the great city of London, centre of the world. […] Why is it, that although they grumble about it all the time, curse the people, curse the government, say all kind of thing about this and that, why is it, that in the end, everyone cagey about saying outright that if the chance come they will go back to them green islands in the sun? (S. 133 – 134)

Und das Buch zeigt eine unbändige Lebensfreude, der kleinste Anlass wird genutzt, um zu feiern, zu trinken, zu tanzen, sich schöne Anzüge schneidern zu lassen, hübsche Frauen abzuschleppen, sich wie verrückt auf den Sommer zu freuen, wenn man wieder in die Parks geht und sich mit seiner Freundin verabredet, zu einer Party, einem Theater- oder Kinobesuch. Doch manchmal schimmert hinter all den Vergnügungen auch die Verzweiflung auf, nicht wirklich zur englischen Gesellschaft zu gehören.

Am Ende öffnet der Autor in den Überlegungen Moses das Buch sogar auf eine ganz andere Dimension hin:

Under the kiff-kaff laughter, behind the ballad and the episode, the what-happening, the summer-is-hearts, he could see a great aimlessness, a great restless, swaying movement that leaving you standing in the same spot. (S. 139)

Zur literaturgeschichtlichen Bedeutung und Sprache des Romans

Das Buch ist in zweierlei Hinsicht etwas Besonderes:

Its publication marked the first literary work focusing on poor, working-class blacks in the beat writer tradition following the enactment of the British Nationality Act 1948. (Wikipedia)

Zum anderen hat Selvon hier eine Sprache gefunden, die seinen Protagonisten entspricht: ein Dialekt, der den Redegewohnheiten der Einwanderer abgelauscht ist und damit authentisch und ganz lebendig klingt. Selvon hat dazu in einem Interview Folgendes gesagt:

When I wrote the novel that became The Lonely Londoners, I tried to recapture a certain quality in West Indian everyday life. I had in store a number of wonderful anecdotes and could put them into focus, but I had difficulty starting the novel in straight English. The people I wanted to describe were entertaining people indeed, but I could not really move. At that stage, I had written the narrative in English and most of the dialogues in dialect. Then I started both narrative and dialogue in dialect and the novel just shot along. (Michel Fabre, „Samuel Selvon: Interviews and Conversations“, in Susheila Nasta, ed., Critical Perspectives on Sam Selvon, Washington, Three Continents Press, 1988; p. 66, zitiert nach der englischen Wikipedia)

Für den deutschen Leser erschließen sich unbekannte Ausdrücke aber fast immer durch den Kontext. Allerdings gibt es auch eine Stelle, da geht ein Satz über mehrere (!) Seiten, und zwar ohne ein einziges Komma. Das ist beim Lesen schon reichlich mühsam, fängt aber möglicherweise das Gefühl des traumartigen, ungeordneten und manchmal haltlosen Lebens ganz gut ein.

Das Buch ist nun über 60 Jahre alt und doch zeitlos, denn für Einwanderer, Flüchtlinge und Asylsuchende gilt – egal wo – sicherlich noch immer:

When Moses did arrive fresh in London, he look around for a place where he wouldn’t have to spend much money, where he could get plenty food, and where he could meet the boys and coast a old talk to pass the time away – for this city powerfully lonely when you on your own. (S. 29)

Wer ein paar kurze Informationen zum geschichtlichen Hintergrund sucht, wird hier fündig und hier geht’s lang zu einer treffenden Rezension von Helon Habila aus dem Guardian vom 17. März 2007. Die Folgebände heißen Moses Ascending (1975) und Moses Migrating (1983).

Und hier ein Gespräch mit der Übersetzerin Miriam Mandelkow.

Ungelöst bleibt allerdings noch die Frage, wie und warum aus den „Lonely Londoners“ des Originaltitels plötzlich die harmlosen oder nichtsnutzigen „Taugenichtse“ wurden …

Hisham Matar: The Return (2016)

Early morning, March 2012. My mother, my wife Diana and I were sitting in a row of seats that were bolted to the tiled floor of a lounge in Cairo International airport. Flight 835 for Benghazi, a voice announced, was due to depart on time. Every now and then, my mother glanced anxiously at me. Diana too seemed concerned. She placed a hand on my arm and smiled. I should get up and walk around, I told myself. But my body remained rigid. I had never felt more capable of stillness.

Mit diesen Sätzen beginnt The Return, ein Buch des libyschen Autors, das mich in einer Weise beschäftigt, wie das nur sehr wenigen Büchern gelingt. Wie passend der Untertitel ist – Fathers, sons and the land in between -, wird sich dem Leser später erschließen. Auf Deutsch erschien das Werk im Luchterhand Verlag unter dem Titel Die Rückkehr.

Vielleicht zunächst etwas zum Hintergrund: Hisham Matar wurde 1970 in New York geboren, dann ging die Familie zurück nach Libyen, doch als sein Vater – im aktiven Widerstand gegen das Gaddafi-Regime – immer mehr um seine Sicherheit und um die seiner Familie fürchten musste, emigrierte die Familie zunächst nach Kenia, dann nach Ägypten. Da war Hisham gerade einmal sieben Jahre alt. Hisham und sein Bruder Ziad absolvierten ihre schulische Ausbildung in Großbritannien und Hisham studierte anschließend in London. 1990 wurde der Vater durch den Verrat des ägyptischen Geheimdienstes an Libyen ausgeliefert. Ein paar Jahre später verliert sich in dem berüchtigten Folterknast Abu Salim seine Spur endgültig. Weitere Verwandte des Autors, Onkel und Cousins, saßen ebenfalls zum Teil über 20 Jahre in diesem  Gefängnis.

Schon sein zweiter Roman Anatomy of a Disappearance (2011), in Deutsch unter dem Titel Geschichte eines Verschwindens erschienen, beinhaltete die Entführung des Vaters des Ich-Erzählers aus der Schweiz. Doch dort bleibt dieses familiäre Trauma, das Matar in eine durchaus spannende Geschichte mit diversen familiären Wirrungen einbettet, noch seltsam blass.

Ganz anders in seinem dritten Werk The Return; hier gelingt Matar ein autobiografisches Meisterwerk, das ihm 2017 sogar den Pulitzer-Preis für Biografie oder Autobiografie eingebracht hat.

Die erstmalige Rückkehr Hisham Matars in sein Heimatland nach 33 Jahren im Exil im Jahr 2012 bildet die Rahmenhandlung oder eher die Handlung des Romans, mit der unzählige andere Geschichten, Rückblenden, Betrachtungen und Exkurse verwoben sind.

Hier schreibt einer, der geradezu traumwandlerisch weiß, was er tut. Herausgekommen ist so viel mehr als eine biografische Nabelschau. Es geht um die richtig großen Themen: Heimat, Entwurzelung, um den Mut, in einer Diktatur Widerstand zu leisten, das Wüten der italienischen Kolonialmacht in Libyen nach dem Ersten Weltkrieg, um die Liebe eines Sohnes und seine Erinnerungen an seinen Vater, die Liebe einer Familie zueinander, um Trauer und um das Gesicht des abgrundtief Bösen, das immer auch so unglaublich zynisch ist. Wie ähnlich sich doch die Diktatoren sind. Und wie rasch westliche Demokratien den Diktatoren die Hand reichen. Und es geht um den Kampf Matars, durch Öffentlichkeitsarbeit Informationen zum Verbleib seines Vaters zu bekommen. Selbst ein Treffen mit einem der Söhne Gaddafis mutet er sich und seinem Bruder Ziad zu.

Und es geht um Kunst, um Bilder, um Literatur, die einem dabei helfen kann, nicht den Verstand zu verlieren.

Ein Beispiel, wie Matar arbeitet: Er schildert eine Tizian-Ausstellung in Rom und vor allem das Gemälde Martyrium des heiligen Laurentius zieht ihn völlig in seinen Bann. Als jemand, dessen Verwandte gefoltert und dessen Vater im Nichts einer Diktatur verschwunden ist, hat Matar einen ganz anderen Zugang zu diesem Bild als irgendein beliebiger Kunstflaneur. Doch von dem Gedanken ausgehend, dass sich die Folterknechte, die man im Gemälde sehen kann, richtig Mühe geben, ihre Arbeit „gut“ zu machen, geht Matar über zu der Frage, wie das Foltergefängnis Abu Salim architektonisch geplant worden ist.

Es gibt Autoren, die mir Fenster in andere Bereiche aufgestoßen haben. Doch Matar macht etwas anderes: Er macht mir klar, dass das, was er erzählt, in der Welt passiert, in der ich, in der wir gemeinsam leben. Libyen ist auf einmal gar nicht mehr weit weg.

Was ebenfalls frappiert: Kein Hass, keine Bitterkeit, stattdessen eine große Weite und Klarheit, und zwar ganz ohne Pathos.

Natürlich habe ich auch in diesem Buch Stellen angestrichen, die ich normalerweise hier zitiere. Doch diesmal sind es zu viele, die ich nicht aus ihrem Zusammenhang herauslösen möchte, zu dicht verschränkt sind die Ebenen, die Themenbereiche. Die Struktur des Buches ähnelt dem Haus seines Großvaters:

For a young boy it was as mysterious and magical as a maze. And I cannot separate its various surprising turns, its seeming endlessness, its modest and somewhat austere aesthetic, from my grandfather’s life and character. I often lost my way in its endless rooms, corridors and courtyards. Some windows looked out on the street, some on to one of the courtyards, yet others, strangely, looked into other rooms. It was never clear whether you were indoors or outdoors. Some of its halls and corridors were roofless or had an opening through which a shaft of light leant in and turned with the hours. Some of its staircases took you outside, under the open sky, before winding back in. (S. 147)

Kurzum: Große Literatur.