Robert Cedric Sherriff: Greengates (1936)

Nachdem mich R. C. Sherriffs (1896 – 1975) zwei Romane A Fortnight in September (1931) und The Hopkins Manuscript (1939), die unterschiedlicher ja kaum hätten sein können, schon so in ihren Bann gezogen hatten, war es nur eine Frage der Zeit, bis sein Roman Greengates von 1936 hier einziehen würde. In Deutsch erschien die erste Ausgabe 1936 unter dem Titel Grüne Gartentüren. Eine zweite Ausgabe Das neue Leben oder das Haus mit der grünen Gartentür wurde 1961 veröffentlicht. 2026 schließlich erschien im Unionsverlag eine neue Übersetzung von Rainer Moritz unter dem Titel Vor uns die Zeit.

Beim nächsten Mal würde ich die drei Bücher tatsächlich in der Reihenfolge ihres Erscheinens lesen. Immer dunkler und pessimistischer wird Sherriffs Sicht auf die Welt und die menschliche Natur. Ging es in A Fortnight in September noch um das kleine Glück im letzten gemeinsamen Urlaub einer Familie, bevor die zwei ältesten Kinder ihre eigenen Wege gehen werden, so ist der Protagonist von Greengates nicht länger der zufriedene Familienvater aus A Fortnight in September, der über das Vergehen der Zeit sinniert, sondern frisch pensionierter Versicherungsangestellter, der trotz bester Vorsätze an seinem Ruhestand und dem ständigen Zusammensein mit seiner Frau in ihrem alten und mit dunklen Möbeln vollgestellten Haus zu verzweifeln droht. 

Und in The Hopkins Manuscript erweist sich das Gespür des Autors für die Katastrophen, die noch kommen sollten, geht es doch darin um nichts weniger als die Ankündigung, dass der Mond seine Umlaufbahn verlassen hat und auf die Erde stürzen wird. Doch zurück zu Greengates.

Die Handlung beginnt damit, dass der 58-jährige Versicherungsangestellte Mr. Baldwin nach 41 Jahren in Rente geht. Zum Abschied bekommt er von seinen Kollegen eine Uhr, wie jeder der vor ihm verabschiedeten Mitarbeiter.

Auf die mehr oder weniger interessierten Nachfragen, wie er denn nun seine Zeit als „gentleman of leisure“ zu verbringen gedenke, weiß er nichts zu antworten.

Freedom – leisure: they were words for inspiration, and he was like an old canary with its cage door open, crouching on the furthest end of its perch. He had made no plans. If had thought of it at all he had rarely planned anything beyond an extra half hour in bed and a morning in the garden, but mostly he had put the matter uneasily from its mind. Retirement, he had told himself, could take care of itself when it came. It meant decay: the beginning of the end and he had no desire to premeditate it. (S. 18)

Kurzzeitig gibt sich Mr. Baldwin, dieser so unscheinbare Durchschnittsmensch, wilden Illusionen hin und sieht sich in Gedanken bereits als berühmter Hobby-Archäologe oder Vortragsredner zum Thema, wie man aktiv sein Alter gestalte.

He would show people that there was more to it than armchairs, slippers and memories. […] He would take stock of himself: then make his plans. ‘I‘ve a sound, clear brain: a tough, steady health, and no illusions. I know quite well that I am not a genius, but that is all to the good. If genius were to flame out at fifty-eight I would probably be certified. (S. 22)

Doch die Wirklichkeit sieht so aus, dass er die alten Werke zur Geschichte, die Jahrzehnte lang unbeachtet im Regal standen, gar nicht wirklich versteht und er und seine Frau Edith schon bald Schwierigkeiten haben, Gesprächsstoff zu finden, der für mehr als die wenigen Stunden Feierabend reichen muss.

Ohne es zu bemerken, stört er Ediths jahrelange Routinen und beansprucht den einzig bequemen Sessel im Wohnzimmer schon am Nachmittag, in dem seine Frau jeden Tag ihr Mittagsschläfchen gehalten hatte. Auch ihre Haushaltshilfe Agatha, die schon 67 ist, kann sich nur schwer mit den Veränderungen im Tagesablauf anfreunden und alle fangen an, sich gehörig auf die Nerven zu gehen. 

Es ist Sherriffs genau beobachtende, liebevoll-ironische und gleichzeitig wertschätzende Art und Weise, mit der er auf seine Allerweltsfiguren blickt, die uns so sehr hoffen lassen, dass Mr. Tom Baldwin und seine Edith doch noch aus ihre Rentnertristesse hinausfinden. Und ja, das tun sie. Und zwar mit Wumms.

Vielleicht ist ihr (Aus-)Weg nicht der unsere, aber ihr Mut, in ihrer für sie bedeutsamen und ja dennoch alltäglichen Situation im entscheidenden Augenblick alles auf eine Karte zu setzen, hat mir gefallen. Sehr sogar. 

Kleinere Längen fielen da nicht ins Gewicht, ärgerlicher waren da schon zwei maximal rassistische Aussagen eines Bekannten der Baldwins, die allerdings auch zeigten, wessen Geistes Kind dieser Mr. Van Doon ist. 

Kjersti Anfinnsen: Letzte zärtliche Augenblicke (OA 2019/2021)

Um ehrlich zu sein, mich hat der Roman der Norwegerin Kjersti Anfinnsen (*1975) – von Hause aus Zahnärztin -, um eine bissige, einsame alte Dame nicht besonders beeindruckt.

Die Leute hören gar nicht zu, wenn alte Leute ihnen etwas erzählen, sondern sie nicken, setzen eine empathische Miene auf und tun so, als ob, während sie dabei an ganz andere Dinge denken. Ich habe es satt, für sie unsichtbar zu sein und unterschätzt zu werden. Ich habe es satt, dass niemand mehr auf mich hört. Ich habe auch keine Lust mehr, noch länger so allein zu sein. Ich spreche es laut aus und merke, dass es stimmt. (S. 36)

Die knapp 180 Seiten des Romans Letzte zärtliche Augenblicke wurden im Norwegischen ursprünglich in zwei Bänden veröffentlicht (2019/2021), von denen der erste Teil 2019 mit dem Havmannpreis für das beste nordnorwegische Buch ausgezeichnet wurde.

Die Ich-Erzählerin Brigitte Solheim, eine ehemals erfolgreiche Herzchirurgin in den USA, schaut nun einsam in ihrer Pariser Wohnung sich und den wenigen Bekannten, die ihr noch bleiben, beim Älter- und Gebrechlichwerden zu. Sie giftet in den regelmäßigen Videoanrufen ihre ebenfalls betagte Schwester an und ist schockiert, als der Besitzer ihres Lieblingscafés stirbt und dort ein Beerdigungsinstitut einzieht. Brigitte erinnert sich an ihre berufliche Karriere, die gläserne Decke, die sie als Frau immer wieder in einer Männerdomäne zu spüren bekam. An ihre lieblose Kindheit. 

Ich werde älter, mein Leben beginnt, den Wänden eines verlassenen Zimmers zu gleichen, in dem die Bilder entfernt worden sind, eines nach dem anderen. Ihre aufdringliche Abwesenheit verblasst und spricht deutlich von den Bildern, die dort gehangen haben, von der Liebe, die ein Ende nahm, von bekannten Gesichtern, die verschwanden, und von Zimmern, in die einmal andere einziehen und Namen rufen werden, die weder dir noch mir gehören. (Zitat von Stein Mehren, S. 103)

Aber in einer letzten Liebe zu Javier, einem ehemaligen Architekten, erlebt sie noch einmal schöne Momente der Zweisamkeit, doch auch Javier wird den Heimsuchungen des Alters nicht entgehen.

Mir war das alles ein bisschen dünn, ein bisschen aufgesetzt, zu sehr ausgedacht und auf grelle Effekte getrimmt, allein die seltsamen Telefonate mit ihrer Schwester … 

Wir riechen alle nach Sterblichkeit und können es nicht abwaschen. Wir können nichts dagegen tun, außer vielleicht ein Lied anzustimmen. (Zitat von Siri Hustvedt, S. 165)

Und die ständigen Erwähnungen ihrer vielen Perücken, nun gut. Aber die Lebensfreude ihres Friseurs Michel gefiel mir. Doch selbst er wirkte eher wie eine klischeebeladene Figur aus einem Hollywoodfilm.

Das schönste Zitat findet sich übrigens ganz am Ende:

Der unmögliche Augenblick

Ich möchte am liebsten in den Armen eines anderen Menschen sterben. Ich möchte am liebsten allein sterben. Ich möchte am liebsten nicht so viel mitbekommen. Ich möchte, dass mein letzter Gedanke wahrhaftig ist – und das scheint schier unmöglich. […] Ich möchte kein Drama, keine Atemnot, blutiges Blubbern in meinem Mund, keine Herzprobleme oder Sirenen. […] Und ich möchte definitiv keine Schmerzen oder eine alles umfassende Angst.

Nein.

Ich möchte in der Welt bleiben. Ich möchte Teil des Geruchs, der Töne und des Geschmacks in der Welt sein. Ich möchte, dass Mohnblumen über mich gehäuft werden. Ich möchte von Magnolien umgeben sein, ich möchte in einen unerwarteten Platzregen geraten. Ich möchte den Duft englischer Rosen und des ersten frischen Herbstlaubs einatmen. Ich möchte Austern hinunterschlucken und Karamellbonbons lutschen. Ich möchte jemanden umarmen und umarmt werden. 

Ich möchte.

Doch es bleibt nicht mehr viel Zeit.

Bald ist alles vorbei und dann hoffe ich, das Ende gleicht einem stillen Augenblick, in dem ich erlösche – ganz behutsam, ganz zärtlich.

Wie viel verdichteter waren da beispielsweise An Unnecessary Woman von Rabih Alameddine oder auch Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an von Mely Kiyak.

Die Skulptur Metamorphose stammt von dem Künstler Arne Ranslet (1983) und steht vor der Kirche in Allinge auf Bornholm.

Elizabeth Fair: The Marble Staircase (2022)

Elizabeth Fair (1908 – 1997) veröffentlichte zwischen 1952 und 1960 sechs durchaus erfolgreiche Romane, die ihr sogar Vergleiche mit Trollope, Angela Thirkell oder Jane Austen einbrachten. Doch in den sechziger Jahren bekam sie – wie auch Barbara Pym – den sich rasant verändernden Verleger- und Publikumsgeschmack zu spüren. Zeitgleich nahm das Geschäft mit den sogenannten circulating libraries (Leihbibliotheken) ab, bei denen man gegen eine Gebühr Bücher ausleihen konnte und die zuvor einer der Hauptabnehmer für diese Frauenromane waren.

2022 dann die große Überraschung: Bei Dean Street Press erschien The Marble Staircase, ein bisher unveröffentlichter Roman, den Fair vermutlich Ende der fünfziger Jahre geschrieben hatte und den ihr Literaturagent Innes Rose bei keinem Verleger mehr hatte unterbringen können.

The typescript was then destined to lie undisturbed in a black tin trunk for another 60 years until Elizabeth‘s heir, intrigued by the interest generated by the reissue of her six published novels by Dean Street Press, thought to take it out and read the story of Mrs Charlotte Moley, her Italian holidays, taken in the 1930s, and the house at Nything that she had, as a result, 25 years later inherited. (Vorwort von Elizabeth Crawford)

Doch zurück zu The Marble Staircase:

Charlotte Moley, eine Witwe in den Vierzigern, erbt überraschend eine ziemlich heruntergekommene Doppelhaushälfte in dem fiktiven Seestädtchen Nything. Das Haus ist das Vermächtnis ihrer verstorbenen Freundin, Mrs. Gamalion, die Charlotte als junge Frau am Comer See kennengelernt und mit der sie dann viele weitere wunderbare Ferien in Italien verbracht hat. Charlotte war damals Anfang zwanzig, gerade Mutter geworden, ihr 18 Jahre älterer Ehemann kürzlich an einer Lungenentzündung verstorben.

Sie blüht in diesen Urlauben regelrecht auf und kann für kurze Zeit den Erwartungen der Gesellschaft und besonders den Erwartungen ihrer eigenen Mutter entfliehen. Diese kann sich für Charlotte nun nichts anderes mehr vorstellen als die Rolle einer fürsorglichen Mutter, einer fügsamen Tochter und ewig trauernden Witwe.

As a young widow it had positively expected of her that she should cherish the past; her own mother would have thought her very heartless if she had thrown away the things that had belonged to Gabriel [Charlotte‘s husband who had died of pneunomia]. […] And she looked back at the young Charlotte, so blinkered and obedient and timid, and thought that but for Mrs. Gamalion she would be like that today, only more so. She would be encased in a shell harder than any glass, and by now she wouldn‘t even know it was there. (S. 4)

Nun, fast 25 Jahre später, bietet die unverhoffte Erbschaft des Hauses Charlotte die Möglichkeit, sich in Ruhe darüber klarzuwerden, ob sie auch weiterhin mit ihrer inzwischen erwachsenen und berufstätigen Tochter Alison in einer zu kleinen Wohnung weiterleben und ihr den Haushalt führen will.

Charlotte erinnert sich vergnügt und dankbar an die Urlaube in Florenz, die zupackende Freundlichkeit und Lebenslust ihrer älteren Freundin Mrs. Gamalion.

Waves of energy radiated from her, waves of enjoyment of life, enthusiasm, absurd but endearing skittishness. They beat on the glass shell and it splintered into fragments. (S. 29)

An ihrem ersten Abend in Nything lernt sie auf einem Spaziergang die ältere Mrs. Bateman kennen, die ihr später zu einer guten Freundin werden wird.

Außerdem versucht Charlotte allmählich etwas Ordnung in das renovierungsbedürftige Häuschen zu bringen, das mit Erinnerungsstücken an die Vergangenheit und an Italien zum Bersten vollgestopft ist.

The world of English ladies abroad; of English ladies escaping from dull winter loneliness and hurrying south to the sun; the world of English ladies living in pensiones, meeting one another annually in Bordighera or Alassio, discussing the rate of exchange and the churchmanship of the new British chaplain, frequenting the tea-rooms run by other, more adroit English ladies and the library run by a genial but uncommendable lady who had taken to drink. The world in which English ladies were allowed, and even expected, to be cultured, to have at least a smattering of knowledge about the Guelphs and Ghibellines and to know the great names of the Renaissance and where the masterpieces were to be seen. (S. 35)

Und so begleiten wir Charlotte auf dieser Reise zu einem neuen Selbstverständnis und einer neuen Unabhängigkeit.

Das ist zwar keine Weltliteratur, kommt aber gleichzeitig so freundlich, unverbittert und sympathisch daher, dass man Charlotte gern in ihrem neuen Alltag folgt, was auch daran liegt, dass Charlotte hinter ihrer bescheidenen und unsicheren Art durchaus einen Blick für das Witzige und Absurde hat und mehr durchschaut, als ihre Mitmenschen ihr zutrauen.

Auch A Winter Away (1957) von Fair hat mir gut gefallen.

Das Einzige, mit dem ich mich nicht mehr anfreunden werde, ist die Covergestaltung bei DSP, aber das tut dem Lesevergnügen ja keinen Abbruch.

Tommie Goerz: Im Schnee (2025)

Der letzte Abschnitt im Leben eines einfachen alten Mannes, in dem Rückschau und Einkehr gehalten wird, das hatten wir bereits in Ein ganzes Leben (2014) von Robert Seethaler und in dem wunderbaren Tage mit Felice (2018) von Fabio Andina. 

In diese Reihe passt auch der ruhig dahinfließende Roman Im Schnee von Tommie Goerz (*1954), den mir Barbara auf die Leseliste gesetzt hat und von dem Bernd Noack in der NZZ schreibt, dass er eine „ungemein fein gesponnene Momentaufnahme vom Ende der vormodernen Zeiten“ sei.

Unter den Apfelbäumen lag Schnee. Der Max stand am Fenster und sah hinaus in den Garten. Es war längst Vormittag. Er hatte seinen Küchenherd eingeschürt, sich einen Kaffee gemacht – und jetzt war nichts mehr zu tun. Es schneite, und er musste nicht nach draußen. Er hatte alles, und niemand wartete auf ihn. Es hätte ein so schöner Tag werden können. (S. 9)

[Max hatte] dem Fallen des Schnees zugesehen. Lange. Immer wieder, seit dem Morgen schon. Wie der Schnee, wenn er hochschaute in das unendliche Grau des Himmels, aus schwarzen Punkten bestand, und wie diese Punkte unaufhörlich auf ihn zuströmten. Bis ihn dieser Sog erfasste, den er immer spürte, wenn er das länger tat. Das war als Kind schon so gewesen. Als ob die Flocken nicht auf ihn zuschwebten, sondern er zu den Flocken hinauf. […] Nichts machte die Welt so ruhig wie der fallende Schnee. Und so friedlich, so sanft. (S. 10)

Schon auf der ersten Seite erfahren wir, warum es dann doch kein schöner Tag werden konnte. Der Schorsch, der beste Freund des alten Max, ist gestorben. Auch wenn Max mit dem Begriff ‚Freund‘ nicht viel anzufangen weiß.

Der Schorsch hat alles reparieren gekonnt. Aber ein Freund? Der war halt immer da gewesen. Und jetzt war er weg. Gestorben. Tot. Da würden sie vieles zu erzählen haben nachher bei der Wacht. (S. 29/30)

Der Schorsch war immer gerne zu ihm gekommen, und er hatte es gern gehabt, wenn der Schorsch kam. Der große Schorsch mit den breiten Schultern, den so warmen Augen und dem freundlichen Blick unter seinen wilden Brauen. […] Wie oft hatten sie zusammen gearbeitet, der Max und der Schorsch. Waren in den Wald zum Holzmachen oder hatten den alten Fendt repariert, Meterholz gespaltet und geschnitten, ein Sägeblatt geschliffen oder Dachziegel ausgetauscht. Wie oft hatten sie auf dem Bänkchen im Hof gesessen und nichts gemacht. Vielleicht eine Flasche Bier getrunken, die Katze gestreichelt, den Spatzen zugesehen, die im Sand badeten, und nur aufs alte Scheunenholz geschaut. Oder im Winter hier beim Max auf dem Chaiselongue, wo es schön warm war. Und manchmal auch gelegen, nebeneinander, und ein Schläfchen gemacht, das Chaiselongue war ja breit genug. Über Jahrzehnte war das so gegangen. Es war etwas zwischen ihnen gewesen. Auch wenn sie schwiegen. (S. 15)

Max ist erleichtert, dass Maicherd, die Frau vom Schorsch, noch eine traditionelle Totenwache abhalten lässt. In dieser Nacht ist dann Raum für viele Geschichten und gemeinsames Trauern, Nachsinnen und Abschiednehmen.

Bei den letzten dreien, die gestorben waren, hatte es keine Totenwacht gegeben. Da haben sie die Verstorbenen noch am selben Tag abholen lassen. […] Aber so kann man doch nicht richtig Abschied nehmen. Bei der Totenwacht war das viel schöner. Da hatte man eine ganze Nacht Zeit zum Plaudern und zum Weinen, und es gab was zum Trinken, einen Schnaps oder zwei, das ein oder andere Bier. Was immer half. Auch dass man zu mehreren war und nicht allein. (S. 18)

Und so werden uns nun aus der Sicht von Max diese Nacht und die Tage bis zur Trauerfeier erzählt.

Der alte Mann zieht dabei Bilanz und verliert sich – zusammen mit den anderen Wachenden – in Vignetten und Erinnerungen, nicht nur an seinen Freund, sondern an ganze Familien, an Bigotterie und Hilfsbereitschaft, an harte Arbeit, an Züchtigungen in der Kindheit, aber auch an den Stammtisch im Gasthaus, an dem Zugezogene aus dem Neubaugebiet selbst nach vielen Jahren noch unerwünscht sind.

Und dazu kommen die zahlreichen Veränderungen, die das Dorf im Laufe der Jahre durchgemacht hat.  

Max lachte leicht auf. ‚Hier? Hier gibt es gar nichts mehr. Keinen Laden, keinen Bäcker, keinen Metzger. Haben wir früher alles gehabt. Sogar mal einen Schmied, einen Schuster, drei Wirtshäuser, einen Wagner, einen Daubner und einen Korbflechter ganz früher und was weiß ich. […] Ein einziges Wirtshaus ist noch da, der Stangl. Der macht aber nur zweimal die Woche auf… ‘ (S. 28)

Er erinnert sich an die Verstorbenen des Dorfes und die verwandtschaftlichen Beziehungen, bei denen ich allerdings irgendwann den Überblick verloren habe.

Goerz gelingt eine wunderbar zwiespältige Balance. Da ist auf der einen Seite die Verwurzelung in einer engen Gemeinschaft, in der man, wenn man das wollte, früher alles finden konnte, einen Ehepartner, Arbeit, Tradition und klare Regeln, Geschäfte, Zusammenhalt und die Hilfsbereitschaft der handwerklich Versierten, die die Besen fürs Dorf herstellten oder Maschinen reparierten. Autoritäten wurden nicht hinterfragt. Das Ganze eingebettet in einen einfachen, wir würden heute sagen einen nachhaltigen Lebensstil. Da ist man wahrlich geerdet und pflückt die Kräuter für den Tee noch selbst, von denen der Städter noch nie gehört hat.

Sein Blick wanderte vom Herd rüber zum doppelten Spülbecken, wo der Wasserhahn über dem Rost tropfte, weiter zum wackeligen Tisch an der Wand, zum Küchenbüfett, von dem der vergilbte Lack überall abplatzte oder schon abgestoßen war, über das Fenster mit dem Stuhl davor, hinüber zu den Spinnweben im Herrgottswinkel und dem verstaubten Blumenbuschen, zur tickenden Pendeluhr an der Wand, dem gerahmten Alpenbildkunstdruck auf der gemusterten Tapete … (S. 27)

Aber gleichzeitig hält man auch den Mund, wo man ihn mal hätte aufmachen sollen. Wo man nichts gesagt hat, wenn eine Bäuerin schon wieder blaue Flecken hatte, weil sie „die Treppe heruntergefallen war“.

Je weiter man in der Zeit zurückging, desto mehr Verbindungen fanden sich zwischen den Höfen. Da war der eine mit der anderen verheiratet worden und die mit dem, der hatte die verstoßen oder Streit mit denen gehabt, die ein Kind von dem bekommen, der hatte dorthin verkauft und weiß der Himmel was. Besser, man rührte dort nicht hinein und ließ alles, wie es war. (S. 19)

Zusätzlich zu oder unter dieser engen Idylle gibt es immer noch etwas anderes; halsstarrige Patriarchen, die ihren Kindern vorschreiben, wen sie heiraten dürfen, Aberglaube, Tratsch und soziale Kontrolle, festgefügte Rollenbilder und eine Abneigung und Verachtung gegenüber Zugezogenen und dann gar der Aufruhr, als das Gerücht umgeht, dass in der ehemaligen Schule Flüchtlinge aus Afrika untergebracht werden sollen. Da wird dann einfach mal das Schulgebäude in einer nächtlichen Aktion von den alten Bauern demoliert und die Pläne sind vom Tisch.  – Die Sinneswandlung, die die alten Dörfler später dann angeblich durchmachen, wurde vom Autor leider nur behauptet, glaubwürdig fand ich sie nicht. 

Ein großes Schweigen über wesentliche Fragen deckt viele Wunden und eine ungemein zarte Liebesgeschichte.

Die weißen Rauchfahnen über den Kaminen kündeten von Wärme, von Heimeligkeit, von Wohligkeit. Und von vielen Geschichten. Doch auch von manchem Winkel, der im Zwielicht lag. (S. 162)

Man sprach nur über die Arbeit und das Vieh. Über die Liebe? Die war ein Teufelszeug, schon immer gewesen. Ein Leben lang hatte der Max dagegen angekämpft und sie verborgen. Nur im Verschweigen und Vergessen lag das Heil. (S. 163)

Max schafft es am Ende, diese Doppelbödigkeit seiner Heimat auszuhalten und anzunehmen.

Der Max nahm einen Schluck, längst schneite es heftiger. Das Dorf, ein ruhiger See, eine Idylle? Es war ein Rattennest. Wohin man sah, stieß man auf Komisches und Fragen, manchmal auf Dreck und Müll, so bei beim Höflers Adde. Und trotzdem war es schön da. (S. 164)

Um noch einmal Noack zu zitieren:

Kein Heimatroman, weil Heimat auch hier ein auslaufendes Lebensmodell ist. Goerz’ Liebe zu den Menschen, deren letzte Geheimnisse er nie aufstöbert, die er diskret verschweigt, ist zart und in einem poetischen Sinn aufrichtig.

May Sarton: The House by the Sea (1977)

An einer Stelle zitiert die amerikanische Schriftstellerin May Sarton (1912 – 1995) einen Kritiker, der in einem Verriss ihres Buch Crucial Conversations Folgendes über sie schreibt:

‚May Sarton is an American lady of 63 who has been writing novels for 36 years without anyone paying very much attention.‘ This is the truth; yet it made me laugh, it is such a caricature of how I see myself. (S. 193)

Sarton, hierzulande tatsächlich eher unbekannt, veröffentlichte Duzende Bücher, darunter Romane und Gedichtbände, doch vor allem mit ihren Tagebüchern sicherte sie sich eine vorwiegend weibliche Leserschaft. Da sich ihre Bücher – obwohl durchaus mit Preisen bedacht – keineswegs wie geschnitten Brot verkauften, besserte sie ihre Einkünfte durch Vorlesungsreihen und Seminare auf, was sie keineswegs so toll fand, musste sie doch für ihre Reisen immer wieder ihre zurückgezogene Lebensweise unterbrechen.

Auch das Tagebuch The House by the Sea, das von November 1974 bis August 1976 reicht, war von Anfang an für eine Veröffentlichung vorgesehen. Sarton hatte 1973 ein großes Haus an der Küste von Maine von Freundinnen gemietet, von dem aus sie das Meer sehen konnte. Gesellschaft leisten ihr Tamas, ein Sheltie, und Bramble, eine Katze. Sarton bekommt oft Besuch, besucht ihrerseits Freunde und Freundinnen. Menschen, mit denen sie sich über das ihr Wesentliche austauschen kann, sind ihr enorm wichtig. Dazu zitiert sie die letzte Strophe des Gedichts The Lost Tribe von Ruth Pitters:

I know not why I am alone, / Nor where my wandering tribe is gone, / But be they few, or be they far, / Would I were where my people are! (S. 173)

Mindestens einmal im Monat holt sie Judith Matlack, eine ehemalige langjährige Lebensgefährtin, für ein paar Tage zu sich. Allerdings leidet Judith an fortschreitender Demenz und lebt ansonsten in einem Pflegeheim. Dort, in ihrem „House by the Sea“ lebt Sarton bis zu ihrem Tod 1995. Sie liebt den großen Garten und arbeitet unzählige Stunden in ihm.

Doch besonders wichtig ist Sarton das Alleinsein, die „solitude“, für die man schon etwas erlebt und gelebt haben müsse und die sie vehement verteidigt. Nichts macht sie ärgerlicher und bockiger, als wenn unangemeldet irgendwelche Frauen an der Tür klingeln, die ihre Bücher gelesen haben und gerade „in der Gegend waren“ und sie so in ihrer Erholung oder gar in ihrer Arbeit stören, der sich doch schließlich alles andere unterzuordnen habe.

Without long periods here alone, especially in winter, when visits are rare, I would have nothing to give, and would be less open to the gifts offered me. […] Solitude, like a long love, deepens with time, and, I trust, will not fail me if my own powers of creation diminish. For growing into solitude is one way of growing to the end. (S. 14)

Aber sie sieht auch der Kehrseite dieses Alleinseins ins Gesicht:

When I am depressed I realize very well that everything I do, such as tending the flowers, talking to the animals, walking with them, is a kind of wall against woe. A substitute, for what? For one person who would focus this beautiful world for me … and I think that that will not happen again. In some ways I do not want it to happen. I am beginning a new phase. Perhaps one must always feel absolutely naked and abandoned and desolate to be ready for the inner world to open again. Perhaps one has to dare that. This morning I feel better for having let the woe in, for admitting what I have tried for weeks to refuse to admit – loneliness like starvation. (S. 203)

Sie hütet sich, plumpe Antworten zu geben auf die Fragen, die uns alle irgendwann umtreiben. Wie mit der Sorge umgehen, was passieren würde, wenn man im Haus stürzt und niemand da wäre, der Hilfe holen könnte? Was mit der Erkenntnis tun, dass nicht nur die geliebte Katze stirbt, sondern dass man von immer mehr Freunden Abschied nehmen muss? Dass der Zustand der Welt kein tröstlicher ist.

In what do we believe? Can we believe? On what to stand firm? There has to be something greater than each individual – greater, yet something that gives him the sense that his life is vital to the whole, that what he does affects the whole, has meaning. (S. 168)

Sarton schreibt, beispielsweise kurze Porträts anderer schöpferisch tätiger Frauen, erinnert sich an ihre Eltern, ehemalige Liebhaber*innen und erkennt:

Because I am thinking so much about the past these days I have come to see that the past is always changing, is never static, never ‘placed‘ forever like a book on a shelf. As we grow and change, we understand things and the people who have influenced us in new ways. (S. 95)

The people we love are built into us. Every day I am suddenly aware of something someone taught me long ago – or just yesterday … (S. 135)

Es stimmt sie hoffnungsvoll, dass immer mehr berufstätige oder künstlerisch tätige Frauen ihre Tätigkeit mit einem erfüllten Familienleben vereinbaren können und wollen, indem sie eben nicht einfach die alten Rollenzuschreibungen fortsetzen, sondern mit den Männern um die ihnen zustehenden Räume kämpfen. Gleichzeitig hat sie wenig Verständnis für Jody, eine Zufallsbekanntschaft, die sich „finden will“, indem sie plan- und ziellos nur den eigenen Wünschen und Impulsen nachgeht.

One does not ‘find oneself‘ by pursuing one‘s self, but on the contrary by pursuing something else and learning through some discipline or routine (even the routine of making beds) who one is and wants to be. (S. 180)

Sarton erfreut sich an Büchern, an Sprache, z. B. an der wörtlichen Bedeutung der Redewendung „growing old“, da sie die Möglichkeit beinhalte, in das Altern hineinzuwachsen, aber vor allem an der Natur, die sie umgibt. An den Spaziergängen mit ihrem Hund, an den frischen Blumen im Haus, am Anblick des Meeres. An der Stille des Schnees, wenn man gänzlich eingeschneit ist. Überhaupt, das Wetter wird nahezu in jedem Eintrag akribisch protokolliert.

… and what opens out is the inner world […] How beautiful the white field is in its blur of falling snow, with the delicate black pencil strokes of trees and bushes seen through it! And, of course, the silence, the snow silence, becomes hypnotic if one stops to listen. (S. 52)

Dabei ignoriert sie keineswegs ihre Umwelt oder die Hungerkatastrophen in der Welt. Besonders erschütternd findet sie die Jugendgewalt in den amerikanischen Innenstädten, bei der sie überlegt, ob die amerikanische Gesellschaft mit ihrem Verhalten, beispielsweise im Vietnamkrieg, sich nicht gerade selbst ihre eigenen Monster heranzieht.  Die Untätigkeit der Regierung, die nichts unternehme, um die Situation in den Innenstädten zu verbessern, macht sie fassungslos. Sie zitiert aus einem Bericht des The Listener vom  26. Juni 1975:

Crime in the American schools begins at about the age of eight. Last year, there were over 8,000 rapes: young women teachers are often the targets; nearly 12,000 armed robberies; a quarter-of-a-million burglaries and 200,000 major assaults on teachers and pupils. Drugs, alcohol, extortation rackets, prostitution are all found in today‘s American classroom. And knives, clubs, pistols and sawn-off shotguns are more often taken to school these days, either for attack or self-defense, than an apple for the teacher. […] And in Los Angeles where there are 150 recognized school gangs, the biggest call themselves the Cripps because they are dedicated to crippling their victims. There are also girl Crippettes and the junior Cripps for eight- to eleven-year-olds. (S. 125/126)

Manchmal findet sie ihre Gedanken tiefer und bedeutender, als ich das tue, z. B. wenn sie schreibt, dass sie nachts nicht schlafen könne, denn

there is so much that is happening again in my head. (S. 136)

Doch dann erfahren wir nur, wer gestern zu Besuch gekommen ist und dass sie mit den Essensvorbereitungen zum Glück rechtzeitig fertig war.

Ich überlege noch, ob Sarton ihren eigenen Anspruch an ein Tagebuch selbst eingelöst hat, und finde es auch eine sehr verengte Sichtweise, wenn sie einfach mal so verallgemeinert, dass junge Menschen zum Führen eines Tagebuchs quasi ungeeignet seien.

I do not believe that keeping a journal is for the young. There is always the danger of bending over oneself like Narcissus and drowning in self-indulgence. If a journal is to have any value either for the writer or any potential reader, the writer must be able to be objective about what he experiences on the pulse. For the whole point of a journal is this seizing events on the wing. Yet the substance will come not from narration but from the examination of experience, and an attempt, at least, to reduce it to essence. Secondly – and this is curious – what delights the reader in a journal is often minute particulars. Very few young people observe anything except themselves very closely. (S. 79)

Doch vor allem fehlt mir etwas von der erfrischenden Selbstironie und dem Humor, den beispielsweise Alec Guinness in seinen Tagebüchern so wunderbar einsetzen konnte. Dafür nahm sie sich möglicherweise auch zu wichtig. Ihre ehemalige Friseurin berichtet jedenfalls, dass Sarton einmal ohne Voranmeldung in den Salon gekommen sei und verlangt habe, sofort bedient zu werden. Als die  Friseurin sagte, sie komme so rasch wie möglich zu ihr, habe Sarton herumgetobt, ob die Friseurin denn nicht wisse, wer sie sei, ob sie denn nicht wisse, wie wichtig sie sei.

Das Haus, das diesem Tagebuch seinen Namen gab, wurde übrigens inzwischen abgerissen, da das Grundstück, auf dem es stand, einer gemeinnützigen Organisation vererbt wurde, die entsprechend dem Vermächtnis der Vorbesitzerin dort ein Refugium für Künstler eingerichtet hat. Diese Organisation sah sich finanziell nicht in der Lage, die Kosten für die Renovierung des über 100 Jahre alten Gebäudes zu stemmen.

Hier geht‘s lang zu einem Artikel über May Sarton, der auch ihre arrogante und aufbrausende Art nicht verschweigt.

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Elke Heidenreich: Altern (2024)

Ach ja, die Jugend wäre schön, wenn sie etwas später käme und wir schon etwas klüger wären, oder? An die Jungen ist sie ja geradezu verschwendet! (S. 19)

Ob man auch einer anderen Autorin diesen schmalen Band (111 Seiten für 20 Euro) so hätte durchgehen lassen? Zugegeben, Elke Heidenreichs Büchlein mit dem uns irgendwann alle angehenden Thema „Altern“ liest sich locker weg, das Adjektiv „schnoddrig“ wird ja nicht umsonst in mindestens jeder zweiten Besprechung für ihren Stil verwendet.

Man erkennt in dem komplett unsortierten Gedankenstrom sicherlich das ein oder andere von sich selbst wieder: Man sucht seine Brille, schläft nachts schlechter und wo bitte kommen so plötzlich die Falten am Hals her? Wieso sterben auf einmal Menschen, die man doch kannte? Wie gestaltet sich der Abschied von den eigenen Eltern? Was macht man mit all dem Krempel, den man in den letzten Jahrzehnten angesammelt hat und den vermutlich später niemand mehr haben will?

Die Bücher, tausende von Büchern, auf drei Etagen, und der Keller ist auch noch voll. Dabei schenke ich so viele Bücher weg, aber es kommen immer neue. Will die irgendwann irgendwer haben? […] Wird jemand die Schönheit meiner über hundert Jahre alten Gläser begreifen, oder kommt das alles in die Entrümpelung? (S. 47)

Doch schaut man genauer, bleibt so vieles an der Oberfläche. Kein Gedanke wird ausgeführt, in die Tiefe gedacht. Ist es wirklich so aufregend oder hilfreich, wenn sie feststellt, dass eine finanzielle Absicherung im Alter die Angelegenheit doch wesentlich angenehmer gestalte? Dass es sinnvoll sei, so lange wie möglich das zu tun, was man liebt? Dass man einer eventuellen Vereinsamung vorbeugen müsse? Dass viele Ältere von und bei der Digitalisierung abgehängt werden? Man könne ja nicht einmal mehr ein Ticket für das Van Gogh Museum in Amsterdam ohne Handy erstehen.

Heidenreich ist natürlich bewusst, dass sie aus einer privilegierten Stellung heraus schreibt: finanziell sorgenfrei, körperlich keine wesentlichen Einschränkungen, noch klar im Kopf, mit einem fast 30 Jahre jüngeren Partner, sich oft Jahrzehnte jünger fühlend, als sie eigentlich ist. Doch ob ihre Überlegungen deshalb zu verallgemeinern wären, bezweifele ich. Dazu stellt sie unbelegt Behauptungen auf:

Alten Menschen werden […] Führerscheine vorsichtshalber schon mal abgenommen, als wären wir Idioten (S. 71)

Es gibt Vereinfachungen, die manchmal schon an Wunschdenken grenzen:

Ich bin davon überzeugt, dass unser Bewusstsein, unser Denken unseren Alterungsprozess beeinflusst. Das Bewusstsein altert ja nicht, nur der Körper. Und wenn ich geistig beweglich bleibe, kann ich damit ganz gut fertigwerden. (S. 38)

Schön, dass Heidenreich anscheinend noch nie ehemals kluge und geistig bewegliche Menschen hat dahinsiechen sehen.

Dass sie das Tabu „Ältere Frau liebt wesentlich jüngeren Mann“ abschaffen möchte und dazu just Macron und seine Frau oder eine brasilianische Komponistin anführt, die sich mit 52 Jahren in einen 16-Jährigen verliebt und mit ihm bis zu ihrem Tod zusammenlebt, ist vielleicht auch noch nicht ganz durchdacht, aber bitte schön.

Sie hat keinerlei Probleme damit, kluge Worte zu zitieren, die einander widersprechen. Fanny Ardant antwortete beispielsweise auf die Frage, ob sie das Altwerden als schwierig empfinde:

‚Ja, wir sind zum Tode verurteilt. Aber wir wollen uns doch nicht zur Guillotine hinschleppen lassen. Sondern stolz und aufrecht hingehen.‘ (S. 30)

Zwei Seiten später zitiert Heidenreich aus Hugo von Hofmannsthals Der Tor und der Tod:

‚Wirf dies ererbte Graun von dir. / Ich bin nicht schauerlich, bin kein Gerippe! / Aus des Dionysos, der Venus Sippe, / Ein großer Gott der Seele steht vor dir.‘

Der Satz von Voltaire, der beschlossen habe, glücklich zu sein, weil es der Gesundheit sehr förderlich sei, findet sich auf derselben Seite wie ein Zitat aus Warten auf Godot:

Die Tränen der Welt sind eine konstante Größe: für jeden, der aufhört zu weinen, fängt woanders jemand an. (S. 54)

Was kann man aus dem Potpourri mitnehmen? Vielleicht Heidenreichs Mahnung, sich nicht in Passivität und Selbstmitleid einzugraben, sondern dankbar zu sein und über Verpasstes und Nicht-mehr-zu-Änderndes nicht zu verbittern, stattdessen zu tun, zu leben und das Glas Wein zu genießen, solange man noch die Möglichkeit dazu hat, denn:

Wir werden geboren, wir werden sterben, und lange verorten wir dieses Sterben in unendlich weiter Ferne, wir sind viel zu beschäftigt, um wahrzunehmen, wie es immer näher rückt. Wie wir immer älter werden. […] Plötzlich ist Sommer, plötzlich ist man alt, plötzlich stirbt man. Alles kommt letztlich unerwartet. […] Im Roman Die Reinheit des Mörders von Amélie Nothomb fand ich diesen Satz: ‚Man wird nicht jeden Tag älter. Es können zehn, zwanzig Jahre vergehen, ohne dass man älter wird, und dann treffen einen die zwanzig Jahre mit einem Schlag in zwei Stunden.‘ (S. 55)

Allerdings ist das ansonsten furchtbar sprunghafte Buch eine schöne Fundgrube an bedenkenswerten Zitaten, doch die fehlenden Quellenangaben machen mich ganz wuschig. Soll ich jetzt etwa den ganzen Tolstoi lesen, um folgende Stelle zu finden?

Lesen Sie lieber Tolstoi, der geschrieben hat: ‚Wirf deine Seele wie edle Samenkörner hinter dich ins Erdreich, wo es auch sei, und blicke dich nicht ängstlich um, ob es auch aufgehe.‘ (S. 25)

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Margaret Forster: The Seduction of Mrs Pendlebury (1974)

Im Nachruf des Guardian heißt es über die 1938 geborene britische Schriftstellerin und Biografin Margaret Forster, die 2016 an Krebs starb:

She had a singular gift, an ability to take ordinary lives and transform them into fiction of the highest order, sometimes to almost uncanny effect…

Das gilt ganz sicher auch für ihren Roman The Seduction of Mrs Pendlebury, der – warum auch immer – nie ins Deutsche übersetzt wurde.

Die titelgebende Rose Pendlebury, 69, lebt mit ihrem Ehemann seit 26 Jahren in Islington, einem Londoner Stadtteil, in ihrem viel zu großen Haus und schimpft darüber, dass sich der Charakter der Straße und die Nachbarn immer weiter zum Schlechten wandeln würden. Kann man ihren Ärger über laute Wochenendpartys der jüngeren Nachbarn zunächst noch nachvollziehen, so stutzt man doch bereits auf den ersten Seiten, wenn es heißt, dass es Jahre gedauert habe, bis Rose wusste, wer in welchem Haus der Straße wohnt. Das freundliche Angebot einer ehemaligen Nachbarin, deren Telefon im Notfall benutzen zu dürfen, will Rose nicht einmal dann annehmen, als sie sich bei Glatteis ein Bein gebrochen hat. 

It had taken several years of delicate inquiries to establish that they [the neighbours] never had had any [children]. (S. 10)

Ihr Ehemann Stanley ist da unkomplizierter. Einmal die Woche besucht er seinen heißgeliebten Club und spielt Bingo mit seinen Freunden. Versuche, Rose dorthin mitzunehmen, hat er längst aufgegeben. In Gesellschaft fühlt sie sich unsicher und sofort herabgesetzt. Und so geht sie von vornherein in den Angriffsmodus und wittert hinter allem nur üble Motive.

Rose kann wirklich garstig sein. Die Kommunikation mit ihrem Mann besteht eigentlich nur aus Vorwürfen, Angriffen, Beleidigungen und Befehlen. 

Doch Stanley lässt das alles – meist – an sich abperlen und nur in absoluten Ausnahmefällen geht er zur Gegenwehr über. Er ist derjenige, der hinter Roses anti-sozialen Tiraden und Vermeidungsstrategien die Ängste und unüberwindlichen Hürden sieht, die menschliche Kontakte für Rose bedeuten.

He never thought of Rose as a hen-pecker or a shrew. He never even thought of her as bad-tempered because he understood her. She only shouted when she was upset or frightened and he saw it as his duty to console her by his calm. He was rock-like. She could hurl herself against him and he wouldn‘t break. (S. 16)

Anything new panicked her. Any journey, even out to Hackney to see his sister, had her in hysterics. She was timid to the point of hiding herself away rather than meet anyone. Frank had said it was an illness and that there was a name for it and that she ought to be treated, but he [Stanley] had poo-poohed the idea. There was nothing wrong in being timid. Rose liked a quiet life, that was all. (S. 28)

Doch in dieser liebevollen Akzeptanz steckt auch ein gehöriger Teil an Bequemlichkeit. Als sich Roses Zustand so verschlimmert, dass selbst das junge Nachbarspaar alarmiert ist, weigert sich Stanley in einer verknäulten Mischung aus Liebe, Fürsorglichkeit und Blindheit den Zustand seiner Frau beim Namen zu nennen. 

Der einzige Sohn Frank ist mit 19 nach Australien emigriert. Dass er so weit weg lebt, hat durchaus auch mit seiner schwierigen Mutter zu tun, auch wenn Rose das niemals erkennen würde. Inzwischen hat Frank geheiratet und drei Kinder. Er und seine Frau versuchen seit Jahren, seine Eltern von einem Besuch in Australien zu überzeugen, den er ihnen gern spendieren würde. 

Nur in ihrem Garten und in den Parks Londons kann Rose sie selbst sein, ohne von ihren Gedanken zerfressen zu werden.

She wasn‘t going to let any irritation spoil this lovely park. She was going to sit on a seat with her eyes feasting on all the greenery and the lake and the ducks and the flowers and not be bothered by anything. People were the trouble – if only there were no people, she would be happy. (S. 35)

Dieses empfindliche Alltagsgefüge kommt nun aus dem Tritt, als eine junge Familie nebenan einzieht und Rose, die kleine Kinder über alles liebt, sich allmählich mit der kleinen Amy und dann auch mit deren Mutter Alice anfreundet. Irgendwann steht Rose dann vor der Frage, ob sie ihren Vorurteilen und Angstdämonen zumindest so weit Einhalt gebieten kann, dass dieser Kontakt, der sie so sehr beglückt, nicht wieder zerbricht und sie noch einsamer als vorher zurücklässt.

Einige englische Rezensentinnen haben das Buch als zu deprimierend empfunden. Ehrlich gesagt, ich fand sowohl die Charakterisierungen als auch die Entwicklung der einzelnen Handlungsstränge unglaublich spannend – obwohl von außen betrachtet natürlich wenig passiert – und manchmal sogar komisch, wenn Stanley mit all den Tricks, die er so auf Lager hat, versucht, den Haussegen wieder geradezubiegen. 

Forster gelingt es tatsächlich, uns hier auf geradezu unheimliche Weise das Innere einer zutiefst verletzten Frau zu zeigen, die für ihre Umwelt schier unerträglich ist und bei der wir wohl alle versuchen würden, möglichst viel Abstand zwischen sie und uns zu bringen. Und die uns nach der Lektüre garantiert doch noch länger im Kopf herumspukt. Genauso wie die Frage, ob Stanley am Ende nun alles richtig oder alles falsch gemacht hat. 

Hier noch ein Interview mit Margaret Forster aus der Reihe der BBC-Interviews Desert Island Discs.

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Elizabeth Taylor: Mrs Palfrey at the Claremont (1971)

Anlässlich der Übersetzung ins Deutsche noch einmal ein Blick zurück auf einen sprachlich besonders feinen Roman. Mrs Palefrey at the Claremont (1971) stellt sich unerschrocken, kühl, manchmal ironisch und immer unsentimental den Themen Alter und Einsamkeit. Sehr gern gelesen. Das Buch zwickt und zwackt auch dann noch, wenn man es längst ausgelesen hat. Es beginnt mit den Sätzen:

Mrs Palefrey first came to the Claremont Hotel on a Sunday afternoon in January. Rain had closed in over London, and her taxi sloshed along the almost deserted Cromwell Road, past one cavernous porch after another, the driver going slowly and poking his head out into the wet, for the hotel was not known to him. This discovery, that he did not know, had a little disconcerted Mrs Palefrey, for she did not know it either, and began to wonder what she was coming to. She tried to banish terror from her heart. She was alarmed at the threat of her own depression.

Dieses Buch ist der elfte und damit letzte Roman der britischen Autorin Elizabeth Taylor (1912 – 1975), der noch zu ihren Lebzeiten veröffentlicht wurde. Taylor wurde zwar schon immer von ihren SchriftstellerkollegInnen geschätzt, doch von der Öffentlichkeit erst in den letzten Jahren wirklich entdeckt. Robert McCrum nahm den Roman Mrs Palefrey at the Claremont sogar in seine Liste der 100 besten englischsprachigen Romane auf, die 2015 im Guardian veröffentlicht wurde und – wie immer bei solchen Listen – zu munteren Diskussionen und alternativen Vorschlägen führte.

Im Februar 2021 erschien unter dem Titel Mrs Taylor im Claremont im Dörlemann Verlag die Übersetzung von Bettina Abarbanell. Endlich – kann man da nur sagen; das war längst überfällig. Doch zurück zum Inhalt.

Da Mrs Palefrey, Witwe eines kolonialen Verwaltungsbeamten, nicht mehr besonders gut zu Fuß ist, überlegt sie, ob es nicht vernünftiger wäre, ihr Haus Rottingdean aufzugeben, in dem sie mit ihrem Mann Arthur nach dessen Pensionierung mehrere glückliche Jahre verbracht hat.

Und so beschließt sie, für ihre letzte Lebensetappe, die sie noch bei halbwegs guter Gesundheit verbringen kann, ein Hotel zu ihrem Wohnsitz zu machen. Ihre Wahl fällt auf das Londoner Claremont Hotel, das mit verbilligten Wintertarifen wirbt. Ein Wechsel, der verständlicherweise schmerzhaft ist.

She thought of Rottingdean, imagined it, with the leaves coming down – or down already – on the lawns, and this softness in the air; but at the very idea of ever going back there, her heart heeled over in pain. (S. 189)

Doch mit einer „stiff upper lip“-Haltung versucht sie vom ersten Tag an, ihre Traurigkeit über die neue Situation unter Kontrolle zu halten, was ihr nicht immer so recht gelingt, zumal die Beziehung zu ihrer in Schottland lebenden Tochter recht kühl und nichtssagend ist und ihr Enkel es kaum für nötig erachtet, sie überhaupt einmal im Hotel zu besuchen, obwohl er ebenfalls in London lebt.

The silence was strange – a Sunday-afternoon silence and strangeness; and for the moment her heart lurched, staggered in appalled despair, as it had done once before when she had suddenly realised, or suddenly could no longer not realise that her husband at death’s door was surely going through it. Against all hope, in the face of all her prayers. (S. 4)

Wir lernen auch die anderen Dauergäste kennen, einsame alte Menschen, nach Kontakten und Neuigkeiten dürstend, nahezu vergessen von der Welt, abhängig von den Launen der Verwandtschaft, die ab und an zur Gewissensberuhigung ihre Pflichtbesuche absolviert.

So kämpfen alle einen Kampf gegen die Verengung des eigenen Handlungsspielraums und gegen die Langeweile, in der sogar das Studieren des eintönigen Speiseplans eine willkommene Abwechslung darstellt.

… Mrs Palefrey considered the day ahead. The morning was to be filled in quite nicely; but the afternoon and evening made a long stretch. I must not wish my life away, she told herself; but she knew that, as she got older, she looked at her watch more often, and that it was always earlier than she had thought it would be. When she was young, it had always been later.

I could go to the Victoria and Albert Museum, she thought – yet had a feeling that this would be somehow deferred until another day. (S. 8)

Ein weiterer Feind ist die drohende körperliche Hinfälligkeit, denn alle wissen, dass sie das Hotel verlassen müssen, sobald sie gebrechlich oder gar inkontinent werden. Schon das Überqueren der Straße kann dabei ein Angst auslösender Vorgang sein, weil da kein Arm ist, der einen stützen könnte.

Eines Tages stürzt Mrs Palefrey auf einem ihrer Spaziergänge und lernt so den jungen mittellosen Schriftsteller Ludo kennen. Da sie sich schämt, dass ihr eigener Enkelsohn sie noch nicht besucht hat, gibt sie Ludo den anderen Mitbewohnern kurzerhand als ihren Enkel Desmond aus. Ludo spielt das Spiel in einer Mischung aus Langeweile und Mitleid mit, zumal er immer wieder Zitate und Situationen aus dieser Bekanntschaft als Material für sein Romanprojekt verwenden möchte.

Für Mrs Palefrey ist Ludo allerdings unwahrscheinlich wichtig, da er außerhalb der Hotelwelt der einzige ist, mit dem sie ab und an Kontakt hat.

Sprachlich superb. Als Ludo ihr ein Küsschen auf die Wange gibt, heißt es:

At the same time, he registered the strange, tired petal-softness of her skin, stored that away for future usefulness. And the old smell, which was too complex to describe yet. (S. 35)

Falls meine Notizen zum Inhalt ein bisschen dröge wirken, täuscht das, denn auch wenn der Roman natürlich kein Action-Thriller ist, lebt das Buch von einer inneren Spannung. Es ist fast unmöglich, sich der Einsamkeit des Alters, die hier ganz kühl und scheinbar beiläufig seziert wird, zu entziehen.

When she was young, she had had an image of herself to present to her new husband, whom she admired; then to herself, thirdly to the natives (I am an Englishwoman). Now, no one reflected the image of herself, and it seemed diminished … (S. 3)

Symptomatisch ist, dass nur an einer Stelle der Vorname der Hauptfigur genannt wird. Es gibt einfach niemanden mehr, der so vertraut mit Mrs. Palefrey ist, dass er sie mit ihrem Vornamen anreden könnte.

Und die Mitbewohner, mit denen Mrs Palefrey nun ihre Tage verbringt, werden ja nicht deshalb zu Freunden, nur weil man ihnen dauernd nahe ist. Im Gegenteil, spitze Bemerkungen werden ausgetauscht, Denkweisen und Temperamente, die früher nicht kompatibel gewesen wären, sind es auch jetzt nicht.

Manche kommen besser mit der Situation zurecht – dabei ist es hilfreich, wenn man geistig eher schlicht gestrickt ist -, andere schlechter. Der eine sieht einen Ausweg in der Illusion einer späten Ehe, der andere im Trinken. Die dritte in einer unablässigen Neugier.

Der ganze Handlungsstrang um Ludo, der ebenfalls einsam ist, hat mich persönlich weniger angesprochen. Viel interessanter fand ich die kühlen und genauen Beobachtungen, mit denen uns der Erzähler Mrs Palefrey nahebringt.

Although she felt too old to do so, she knew that she must soldier on, as Arthur might have put it, with this new life of her own. She would never again have anyone to turn to for help, to take her arm crossing a road, to comfort her; to listen to any news of hers, good or bad. She was helplessly exposed – to the idiosyncrasies of other old people, the winter coming on, her aches and pains and loneliness … (S. 189)

Aber wir sehen auch ihre Sehnsucht nach Gesehenwerden und ihre Herzlichkeit, mit der sie Ludo beschenkt. Ihr so menschlicher Wunsch nach Zuwendung. Manchmal finde ich ihre Fähigkeit zur Selbstreflektion und ihre – seltenen – Anflüge von Heiterkeit, in denen sie sich völlig unsentimental Rechenschaft über ihre Situation gibt, geradezu altersweise.

Als sie überlegt, dass sie – als ihr Mann noch lebte – das Glück ihrer langen Ehe als selbstverständlich ansah, ohne damals überhaupt verstanden zu haben, dass sie glücklich war, heißt es am Ende:

People are sorry for brides who lose their husbands early, from some accident, or war. And they should be sorry, Mrs Palefrey thought. But the other thing is worse. (S. 64)

Und am Ende habe ich auch verstanden, warum sie dann tatsächlich nie das Victoria and Albert Museum besucht hat.

Wer sich nun fragt, wer Elizabeth Taylor war und ob man noch mehr von ihr lesen sollte, der möge hier weiterlesen.

Katja Oskamp: Marzahn Mon Amour – Geschichten einer Fußpflegerin (2019)

Den ZEIT-LeserInnen dürften Katja Oskamps wunderbare Texte, die sie über ihre Kundschaft in einem Berliner Fußpflegesalon schreibt, bereits bekannt sein. Die waren ein wenig an mir vorbeigegangen, doch das Buch dazu lag zufällig bei Freunden auf dem Küchentisch. Zum Glück.

Die Autorin (*1970 in Leipzig) beschließt mit 45 Jahren, als der Partner erkrankt, die Tochter aus dem Haus und die Schriftstellerinnenkarriere gerade etwas unbefriedigend dahindümpelt, noch mal etwas ganz Neues zu beginnen. Auf den Rat einer Freundin belegt sie einen achtwöchigen Kurs für Fußpflege.

Zu Hause lernte ich die Namen der achtundzwanzig Fußknochen auswendig, den Aufbau des Nagels, die Fußdeformitäten und wie eine Thrombose entsteht. Ich prägte mir die Materialien für Fräserknöpfe ein, die Wirkungen pflanzlicher Stoffe, die Hautkrebsarten, den Unterschied zwischen Viren, Bakterien und Pilzsporen. Die Besonderheiten des diabetischen Fußes und die Definition von Fissuren, Rhagaden und Krampfadern. Mein Mann fragte mich ab, wenn wir abends im Bett lagen, begraben unter Zetteln voller Mitschriften und Fußskizzen. (S. 11)

Seitdem arbeitet sie zweimal die Woche in einem Marzahner Salon, hört ihren KundInnen zu, lacht und schäkert mit ihnen und erfährt so im Laufe der Zeit viel über deren Leben. Und all den Witz, die Stille, Einsamkeit und Liebe, die Erinnerungen, das Unsentimentale der meist älteren und oft gebrechlichen Menschen, die da zu ihr, der Kollegin und der Chefin kommen, wird von Oskamp in berührenden, komischen, peppigen, erschreckenden und sehr anschaulichen Kurzporträts verdichtet. Mal schnoddrigaufdenpunkt, mal poetisch und ruhig.

Der Parkfriedhof Marzahn abends um acht, fern des Lärms der Stadt. Am Ende eines heißen, staubigen Tages singen die Vögel ihr Abendlied. Die Sonne steht schräg, letzte Strahlen streichen wie Flügel über einzelne Namen auf Steinen. Geharkte Wege. Gegossene Gräber. Brennende Kerzen. Lärchen, Eichen, Kiefern. Ich streife durch Farne, über Wiesen im Schatten. Kühle, Ruhe und Platz. Eine Birke. Eine Bank. Es ist schön, den Tag auf einem menschenleeren Friedhof zu beenden. (S. 136)

Unglaublich gern gelesen. So mit großzügiger Menschenfreundlichkeit betrachtet, quasi von den Füßen her, wird jedes Leben gewürdigt, wahrgenommen. Und die Tätigkeit der Fußpflegerin ist für mich ab sofort gesellschaftlich bedeutsam, was sich nicht nur in Anerkennung, sondern auch in entsprechender Vergütung niederzuschlagen hätte.

Zwei Fragen, deren Widersprüchlichkeit mir bewusst ist, bleiben:

Ist es eigentlich in Ordnung, so aus den Geschichten, die einem ja im Vertrauen und der Abgeschlossenheit eines Behandlungszimmers erzählt werden, ein Buch zu machen?

Wann erscheint die Fortsetzung? Ich möchte weiterlesen.

Ach, und gegen die Midlifecrisis der Autorin hat die Arbeit als Fußpflegerin übrigens auch geholfen.

Du bist fast fünfzig und hast begriffen, dass du Dinge, die du tun willst, jetzt tun solltest, nicht später. Alte Ratgeber-Binse, stimmt aber wirklich. Du bist fast fünfzig und noch unsichtbarer geworden, die beste Voraussetzung, diese Dinge zu tun, seien sie schrecklich, wundervoll oder abseitig. (S. 137)

Hier noch ein Interview mit Oskamp aus der Berliner Morgenpost und hier eins auf der Seite des Deutschlandfunk.

Anne Griffin: When All is Said (2019)

Der Debütroman When All is Said der irischen Autorin Anne Griffin soll irgendwann auch auf Deutsch erscheinen. Recht so!

Das Buch mit dem Untertitel Five Toasts – Five People – One Lifetime hätte sogar das Zeug zum Klassiker gehabt, hätte die Autorin bloß auf ein paar Mätzchen a la Wie-mache-ich- das-Buch-massenkompatibel verzichtet.

Doch noch mal von vorn. Um was geht es überhaupt?

Das Buch beginnt mit den Worten:

Is it me or are the barstools in this place getting lower? Perhaps it’s the shrinking. Eighty-four years can do that to a man, that and hairy ears.

Der 84-jährige Maurice Hannigan sitzt allein an der Bar des Rainsford Hotels in seiner kleinen Heimatstadt und wird im Laufe des Abends im Juni 2014 fünf Toasts auf die Menschen aussprechen, die ihm im Laufe seines Lebens besonders wichtig geworden sind.

Das wären zum einen sein älterer Bruder, seine Frau Sadie, sein Sohn und zum anderen seine Schwägerin und seine Tochter. Die Erinnerungen von der Kindheit bis zu den Geschichten aus der Gegenwart, die sich gegenseitig erhellen, aufeinander verweisen und letztlich alle von urmenschlichen Glücks- und Verlusterfahrungen handeln, springen einen als Leser förmlich an.

Man hört diesem alten Sturkopf, der es von einem einfachen Farmer zum reichen Mann gebracht hat und trotzdem seiner geliebten Sadie bei einem Restaurantbesuch nicht mal ein Eis zum Nachtisch gönnt, fasziniert zu und glaubt ihm jedes Wort. Genauso wie die Tatsache, dass er sich lieber die Zunge abgebissen hätte, als all das den ihm nahe stehenden Menschen zu sagen.

Auch der Schauplatz, die Bar dieses Hotels, ist von Hannigan bewusst gewählt worden, wie sich im Laufe der Geschichte herausstellt.

Hätte Griffin bloß mal auf ihren knorrigen Protagonisten, seinen unbändigen Wunsch nach Selbstbestimmtheit und seine tolle Erzählstimme vertraut, was hätte das für ein wuchtiges – und auch berührendes – Buch werden können. Aber nein, die an den Haaren herbeigezogene Geschichte rund um einen Münzdiebstahl und einige kleinere alberne Dramenmomente stutzen das Buch leider an vielen Stellen wieder auf Normalmaß zurück.

Das ändert allerdings nichts daran, dass sich, auch wenn ich Griffin ein bisschen böse bin, Maurice Hannigan in meine innere Bibliothek wohl dauerhaft einschreiben wird.

 

Tarek Leitner; Peter Coeln: Hilde & Gretl (2018)

Es ist herausfordernder denn je, täglich zu entscheiden, was aufzuheben, was wegzuwerfen ist. Was hat einen funktionellen Wert, was zumindest einen ideellen? Was hat seinen Wert verloren, und wird auch in keinem anderen Zusammenhang mehr einen bekommen? Es ist eine Kulturtechnik zu unterscheiden, wovon man sich zu trennen hat, was seinen Platz im Haus behält. Diese Kulturtechnik wird uns aber nicht gelehrt. Sie ist auch einem Wandel unterworfen, so rasch, wie sich auch die uns umgebenden Dinge ändern. Wir müssen sie uns ein Leben lang erarbeiten. Oft braucht es einen Schritt zurück, um aus einiger Entfernung einen Blick auf das Alleralltäglichste, das was uns ständig umgibt, zu werfen. Die meiste Zeit ist es zu nah, um es sehen und erkennen zu können. Es geht uns doch meistens so, dass wir die eigene Einrichtung nicht mehr bewusst wahrnehmen. Wir werden blind dafür … (S. 17)

Peter Münch beschreibt in der Süddeutschen, wie der Fotograf Peter Coeln dazu kam, ein altes Haus zu kaufen, was wiederum zur Entstehung dieses Buches geführt hat:

Es ist eine dieser Ideen gewesen, die aus dem Bauch heraus kommen. Ein Freund hat von einem Haus im niederösterreichischen Waldviertel erzählt, denkmalgeschützt und voller Gerümpel, leer stehend schon seit geraumer Zeit. Und Peter Coeln, der Wert darauf legt, kein Sammler zu sein, sondern Jäger, beschließt spontan, das Haus zu kaufen. Ungesehen, für 32 000 Euro, mit allem, was dazugehört. Einen Plan hat er nicht, aber als die Nachbarn fragen, was denn nun werden soll aus diesem Haus, da sagt er: „Ein Buch“.

Coeln und Leitner finden, dass sich im ehemaligen Schuhhaus Höfler in Gars, Niederösterreich, im dem Jahrzehnte lang die zwei Cousinen Hilde und Gretl gelebt haben, sehr schön studieren lasse,

was sich im Leben eines Menschen, oder – wie in diesem Fall – im Leben zweier Menschen alles ansammelt. Sie sammelten nichts. Es sammelte sich. Und sie ordneten dann. (S. 18)

Und genau dem gehen die beiden mit zahlreichen Fotos und in großzügig formatierten Essays nach.

Doch ginge es meines Erachtens nicht nur darum, was sich an Gegenständen, Kleidung, Dokumenten und selbst an Müllabfahrtsplänen ansammeln kann, wenn man Jahrzehnte lang nichts wegwerfen mag. Es müsste auch um die Frage gehen, warum man Dinge erwirbt – warum sonst die unzähligen Engelfiguren, die sich im ganzen Haus verteilt finden?

Mein Eindruck zu den vielen Fotos von Coeln ist gespalten. Ist es nicht voyeuristisch, anhand der Fotos in zwei Leben hineinzublicken, obwohl man doch gar nicht zur Wohnungsbesichtigung eingeladen war?

Und doch habe ich die Fotos sehr gern angeschaut, weniger aufgrund der Möglichkeit, Zeuge dieser zwanghaften und wunderlichen Sammeleien zu sein, sondern vielmehr deshalb, weil derlei „altmodische“ Einrichtung im Verschwinden begriffen ist. Noch heute bedauere ich, dass meine Großmutter in den siebziger/achtziger Jahren ihren wunderschönen Küchenschrank aus Holz gegen einen gesichtslosen, hässlichen, aber ach so modernen grauweißen Kunststoffschrank eingetauscht hat.

Geld und moderne Einrichtung sind nicht die Dinge, die einer Wohnung, einem Haus etwas sehr Eigenes geben und etwas über die Persönlichkeit der Bewohner verraten.

Was mich zum einen an diesem Buch gestört hat, war, wie wichtig sich die beiden Autoren zu nehmen scheinen. Zwischendurch geraten die ehemaligen Bewohnerinnen da arg aus dem Blick. Bis hin zu den albernen Momenten, in denen sich die beiden Männer Kleidung der Verstorbenen anziehen, um so noch ein wenig mehr der Aura nachspüren zu können. Und dass sich neben den über 100 Paar Frauenschuhen im Haus genau zwei Paar Männerschuhe befanden, die dem Autor und dem Fotografen wie angegossen gepasst haben sollen, ja, dass das Haus geradezu auf sie gewartet habe, nun, das mag man sehen, wie man mag.

Es brauchte für dieses Unterfangen einen Sichtungshut und einen Räumrock. Der Sichtungshut war der ideale, weil er im Thomas Bernhardschen Sinne ein Denkhut war, der gleichzeitig vor dem Spinnwebenhimmel schützte und durch seine Strohkrempe gute Sicht bot. […] Und der Räumrock ließ uns der Sache näher kommen, weil er das Eindringen kaschierte. Der Räumrock umhüllte uns wie Kutten die Mönche, die in diesem reduzierten, nicht ablenkenden Gewand, hochkonzentriert ihren Verrichtungen nachgehen können. Nichts Fremdes, Aktuelles, gar Modisches, war an uns zu sehen. (S. 48)

Wer wissen möchte, wie er sich das vorzustellen hat, kann sich das auf YouTube anschauen.

Zum anderen werden die Biografien der beiden Frauen leider nur sehr spärlich und in Ausschnitten beleuchtet. Ich erfahre weder, von wann bis wann die Frauen gelebt haben, noch wieso irgendwann die Cousine mit ins Haus gezogen ist, was genau passiert ist, dass das Haus gerade zum Weihnachtsfest in einen Dornröschenschlaf fiel, selbst die Geschenke auf dem Tisch waren noch nicht ausgepackt.

Nur der nebulöse Hinweis auf die Pflegebedürftigkeit der betagten Damen, der zu dem Auszug der beiden geführt habe:

Wer solch ein Leben führt, kann das nicht plötzlich an einem anderen Ort, schon gar nicht an einem anderen Ort in hohem Alter wieder beginnen. Es war ein kurzer Versuch, eine Entscheidung, die andere über die beiden getroffen haben, aber der Versuch musste scheitern. (S. 127)

Der im Klappentext vollmundig formulierte Anspruch, dass sich in den abertausenden Dingen „kunstvoll eine Inventur des Alltags im 20. Jahrhundert“ schreibe, kann jedenfalls nicht eingelöst werden.

Am stärksten ist das Buch da, wo der Autor sich Fragen stellt:

Das „Wozu“ bleibt trotzdem unbeantwortet. Wozu schreibt man das alles auf? Was bedeutet schon eines, oder in unserem Falle zwei dieser Milliarden Leben, die es gibt, und noch mehr, die es allein im 20. Jahrhundert gegeben hat, mit all ihren kleinsten Verzweigungen, ihren Erlebnissen, ihren Einstellungen, Zufällen, Gefühlen, Motiven, Beweggründen, Erklärungen und Entschuldigungen? Wozu hebt man eigentlich seine Schulbücher auf? Nur weil sie vielleicht so viel Mühe gemacht haben oder Zeugnis von Qualen sind? […] Aber vielleicht wollen wir gar nicht die Vergangenheit konservieren, sondern bei all den Gedanken über diese Alltagsgegenstände Ordnung und Struktur in unser eigenes Leben bekommen, und die Wertigkeiten unserer Dinge und Tätigkeiten überprüfen. (S. 132/133)

Zum Abschluss empfehle ich noch die kritischen Anmerkungen auf dem Blog Stars in Gars sowie die Besprechung auf Vielfalten.

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Lioba Happel: dement (2015)

Wenn wir alles vergessen haben, zum Beispiel, dass man, wenn die Sonne scheint, sagt, es sei schönes Wetter, und dass man, wenn es regnet, sagt, es sei schlechtes Wetter; wenn wir vergessen habe, wie unser Ehepartner von uns gerufen wurde, der auf Fotos auf der Wand hängt und ob das überhaupt unser Ehepartner gewesen ist; wenn wir vergessen haben, wie unsere Kinder und Kindeskinder einmal von uns genannt wurden, die sich auf Stellbildern und allen Flächen um uns herum zeigen; wenn wir schließlich sogar vergessen haben, wie wir selber heißen, dann sind wir angekommen in der reinen Gegenwart. Es regnet heute in der reinen Gegenwart, aber wir behaupten, es sei schönes Wetter.

So beginnt eine schmale Erzählung von nur 117 Seiten, veröffentlicht im Rimbaud Verlag, in der Lioba Happel den Versuch unternimmt, sich den Gedanken einer demenzkranken älteren Frau anzunähern, sich in ihre Welt hineinzufühlen.

All die Jahre, die über uns hinweggegangen sind und wir, tief versunken in uns, wir halten es in unseren schmerzenden Körpern aus. Wir halten es aus auf dem Meer, bei Tag und bei Nacht, seekrank vor Erinnerung an die, die wir einmal gewesen sind und jetzt nicht mehr sind. (S. 105)

Dabei geht es um die Schreckmomente, in denen sich die alte Frau plötzlich in einem der Fotos von früher wiedererkennt, oder um den Besuch, der „nur mal eben“ hereinschauen wolle, um zu sehen, wie es ihr gehe, „um zu sehen, ob wir noch leben“, wie die Ich-Erzählerin trocken vermerkt. Um das unvermittelte Einschlafen tagsüber, um die Fragen des Besuchers, die man nicht so richtig deuten kann.

Ich habe es so empfunden: Die Geschichte zeigt keinen Kampf, keine Verzweiflung. Was für einen Sinn hätte es auch, gegen die Einsamkeit zu rebellieren. Im Großen und Ganzen liegt die Traurigkeit bereits hinter der Erzählerin. Das Auf-Sich-Zurückgeworfen-Sein wird leise angenommen.

In einer der Lyrik sehr nahen Sprache wird von einem allmählichen Loslassen erzählt, was beim Lesen auf mich trotz aller Wehmut wundersam ruhig und akzeptierend wirkte.

Gern gelesen.

Ihr habt „keine Zeit“ mehr, ihr sagt „wir müssen“.
„Was?“
„Wir müssen wirklich.“
„Wohin?“
„Eine Weltreise vorbereiten.“
Da zieht doch hinaus zu euren Abenteuern. Meldet euch gleich auch zur Fahrt
auf den Mond an. Hier bei uns, wenn ihr es eine Weile aushieltet, könntet ihr
einmal kopfüber durchs Weltall und quer wieder zurück. (S. 45)

 

Rabih Alameddine: An Unnecessary Woman (2013)

You could say I was thinking of other things when I shampooed my hair blue, and two glasses of red wine didn’t help my concentration. Let me explain. First, you should know this about me: I have but one mirror in my home, a smudged one at that. I’m a conscientious cleaner, you might even say compulsive – the sink is immaculately white, its bronze faucets sparkle – but I rarely remember to wipe the mirror clean. I don’t think we need to consult Freud or one of his many minions to know that there’s an issue here.

So beginnt der aufregend gute Roman An Unnecessary Women (2013) des libanesisch-amerikanischen Autors Rabih Alameddine (*1959). Die deutsche Übersetzung von Marion Hertle erschien im Louisoder Verlag unter dem Titel Eine Überflüssige Frau.

Die Ich-Erzählerin, die 72-jährige Aaliya Saleh, kinderlos und seit 52 Jahren ledig, lebt allein in ihrer Wohnung in Beirut. Bis vor wenigen Jahren hat sie in einem Buchladen gearbeitet. Die meiste Zeit hat sie dort vermutlich gelesen, denn es gab nur wenige Kunden, die das anspruchsvolle Programm des Ladens zu würdigen wussten. Mal ganz abgesehen davon, dass sie oft neben den Büchern für das Geschäft oft noch ein Zweitexemplar für daheim geordert hat. Sie hat das immer in Ordnung gefunden, da ihr Lohn ohnehin zu gering gewesen sei.

I long ago abandoned myself to a blind lust for the written word. Literature is my sandbox. In it I play, build my forts and castles, spend glorious time. It is the world outside that box that gives me trouble. […] Transmuting that metaphor, if literature is my sandbox, then the real world is my hourglass – an hourglass that drains grain by grain. Literature gives me life, and life kills me. Well, life kills everyone. (S. 5)

Nun aber macht sich allmählich das Alter bemerkbar und unliebsame Gedanken und Erinnerungen kommen zu Besuch, gerade jetzt, gegen Jahresende. An ihre Kindheit, ihre Mutter – die noch lebt -, ihre ausgesprochen freudlose Ehe, die zu ihrer Erleichterung nur vier Jahre dauerte, ihre einzige Freundin und vor allem an die Bücher, die sie in ihrer Freizeit übersetzt hat.

Da sie neben Arabisch nur Englisch und Französisch beherrscht, hat sie das System entwickelt, nur Bücher ins Arabische zu übersetzen, die vorher ins Englische und Französische übersetzt worden waren. Anhand dieser zwei Übersetzungen hat sie dann sozusagen eine Übersetzung der Übersetzung angefertigt. Das hat ihr immer wieder Momente des Glücks gegeben und ihre Tage strukturiert. Außer ihr hat niemand diese Übersetzungen je zu Gesicht bekommen. Doch diesmal fällt ihr die Entscheidung schwerer als sonst, welches Buch soll sie im neuen Jahr übersetzen?

Diese belesene, ein bisschen schrullige und misanthropische Frau, die ihr ganzes Leben in Beirut verbracht hat, will in Ruhe gelassen werden, auch den Kontakt mit den Mitbewohnerinnen ihres Mietblocks möchte sie weiterhin auf ein Minimum beschränken, doch das erweist sich als zunehmend schwierig.

Hier spricht eine Ich-Erzählerin mit einer so dichten, bissigen, auch selbst-ironischen Stimme, die dann wieder so anrührend einsam daherkommt, dass ich mir immer klarmachen musste, dass hier eine fiktive Figur spricht. Und überhaupt der Schauplatz: Beirut, auch so eine Stadt in einem geschundenen Land. Aaliya hat das Grauen und den Schrecken des Bürgerkrieges miterlebt.

Ein Buch, in dem Autoren (von Pessoa über Bruno Schulz bis Sebald) und Titel und kluge Gedanken sich die Klinke in die Hand geben, ohne dass das ein versnobtes oder fassadenhaftes Namedropping wäre; jedes Zitat sitzt, wird von der Erzählerin organisch in ihren Gedankenfluss integriert. Hier sitzen die Schriftsteller sozusagen mit am Tisch, auch dann, als sich Aaliya überlegt, was wohl mal auf ihrem Grabstein stehen wird. Dabei erinnert sie sich beispielsweise an die Grabinschrift von Malcolm Lowry oder an eine römische Grabinschrift:

Non fui, fui, non sum, non curo.

I was not, I was, I am not, I don’t care. (S. 172)

Vielleicht wird deshalb in vielen Rezensionen das Buch als ein Lobgesang auf die Literatur beschrieben. Das greift zu kurz bzw. ist viel zu süßlich. Der Roman ist das Intelligenteste, was ich bisher über das Lesen in Romanform gelesen habe. Und zwar nicht nur über die Frage, wozu wir überhaupt lesen und was Literatur vermag, sondern auch über die Gefahren, die Weltflucht und die Illusionen, die wir uns übers Bücherlesen machen.

Und gleichzeitig ein wunderbares Porträt einer nur von außen unscheinbaren alten Frau.

Und wenn wir dann denken, dass nun die Handlung gemählich und leise dem Ende entgegenplätschert, macht uns der Autor eine lange Nase und ich halte vor lauter Spannung für einen Moment die Luft an.

Anmerkungen

2014 war das Buch auf der Shortlist für den National Book Award.

Aminatta Forna schreibt im Independent:

An Unnecessary Woman is a story of innumerable things. It is a tale of blue hair and  the war of attrition that comes with age, of loneliness and grief, most of all of resilience, of the courage it takes to survive, stay sane and continue to see beauty. Read it once, read it twice, read other books for a decade or so, and then pick it up and read it anew. This one’s a keeper.

Barbara Pym: Some Tame Gazelle (1950)

The new curate seemed quite a nice young man, but what a pity it was that his combinations showed, tucked carelessly into his socks, when he sat down. Belinda hat noticed it when they had met him for the first time at the vicarage last week and had felt quite embarrassed. Perhaps Harriet could say something to him about it. Her blunt jolly manner could carry off these little awkwardnesses much better than Belinda’s timidity. Of course he might think it none of their business, as indeed it was not, but Belinda rather doubted whether he thought at all, if one were to judge by the quality of his first sermon.

Schon die ersten Sätze des Buches zeigen diesen für Barbara Mary Crampton Pym (1913 – 1980) so typischen Sound, diese Erzählstimme, die nur auf den ersten Blick naiv und altjungfernhaft daherkommt und sich dann doch als ironisch, intelligent und eigenwillig entpuppt. Doch worum geht es in Pyms Debütroman, den sie bereits als 21-Jährige Studentin begonnen hatte?

Die nicht besonders durchsetzungsfreudige und der englischen Lyrik zugetane Belinda lebt zusammen mit ihrer Schwester Harriet und hat sich längst damit abgefunden, dass ihre große Liebe, der Erzdiakon Henry Hoccleve, ihr vor dreißig Jahren den Laufpass gegeben hat und nun schon lange mit Agatha verheiratet ist. Doch ihre Zuneigung und Loyalität Henry gegenüber sind unerschütterlich – und auch reichlich betriebsblind, denn der ist mit seiner eitlen und selbstbezogenen Art alles andere als ein Sympathieträger.

Belinda, having loved the Archdeacon when she was twenty and not having found anyone to replace him since, had naturally got into the habit of loving him, though with the years her passion had mellowed into a comfortable feeling, more like the cosiness of a winter evening by the fire than the uncertain rapture of a spring morning. (S. 17)

Ihre Schwester Harriet hingegen mag gutes Essen, die Komplimente eines alten Verehrers, Klatsch und Tratsch – da werden die Nachbarn auch schon mal mit dem Fernglas bespitzelt – und vor allem die Hilfspriester, die den nicht eben arbeitssamen Erzdiakon unterstützen. Diese jungen Männer werden von ihr bekocht, mit selbstgestrickten Socken versorgt, bemuttert und ein bisschen als ihr persönliches Eigentum betrachtet.

Unruhe in das eigentlich so gemächliche Leben der beiden Schwestern bringen der Besuch gemeinsamer Freunde aus Studientagen und die Ankunft eines Afrika-Missionars, der – das nur nebenbei – bei seinem Lichtbildvortrag über Mbawawa davon ausgeht, dass ausschließlich westliche Lebensweise und Kleidung als christlich gelten können:

‚We have since introduced a form of European dress which is far more in keeping with Christian ideas of morality,‘ he said. (S. 177)

Schließlich kommt es sogar zu diversen Heiratsanträgen. Die beiden Schwestern haben also allen Grund, sich Gedanken über das angemessene Essen für ihre jeweiligen Gäste und die passende Kleidung zu machen und dabei zu beklönen, wie die jeweiligen Entwicklungen im Beziehungsgefüge zu bewerten sind.

Manchmal las sich das Buch ein bisschen wie Jane Austen in Zeitlupe. Irgendwann hat man einfach begriffen, welche Personen eher als Karikaturen ihrer selbst angelegt sind und wie die beiden Protagonistinnen ticken. Für Belinda und Harriet ist schon die Frage, ob man dem jungen Hilfspfarrer nun die leckere Ente vorsetzt oder nicht, durchaus entscheidend.

Und wenn der Alltag nicht durch Arbeit oder Familie ausgefüllt ist, muss man eben sehen, wie man sich die Zeit vertreibt, die nach Staubwischen, Kochen, Backen und Gärtnern noch übrigbleibt. So ist es den Schwestern ein großes Vergnügen, als sie beispielsweise Agatha Hoccleve durchs Fernglas beobachten können, als diese zu einer Kur nach Karlsbad aufbricht.

To watch anyone coming or going in the village was a real delight to them, so that they had looked forward to this morning with an almost childish excitement. And yet it was understandable, for there were so many interesting things about a departure, if one could watch it without any feeling of sorrow or regret. What would Agatha wear? Would she have a great deal of luggage or just a suitcase and a hat-box? Would the Archdeacon go with her to the station in the taxi, or would he be too busy to spare the time? If he did not go to the station would he kiss Agatha goodbye before she got into the taxi, or would he already have done that in the house? (S. 71)

Aber aller scheinbaren Trutschigkeit und der Ironie, die hier hin und wieder noch etwas ungelenk daherkommt, zum Trotz ist es beeindruckend, wie es einer 21/22-jährigen Autorin (ungeachtet der später noch vorgenommenen beträchtlichen Umarbeitungen) gelingt, anhand der beiden Schwestern enttäuschte Lebenshoffnungen und den schier ununterdrückbaren Wunsch, jemanden liebzuhaben, darzustellen.

And perhaps we are all silly over something or somebody without knowing it. (S. 83)

Dementsprechend gibt der Titel schon den Hinweis auf das eigentliche Thema. Er stammt aus einem Gedicht von Thomas Haynes Bayly (1797 -1839), aus einer 1930 veröffentlichten Gedichtsammlung mit dem hübschen Titel The Stuffed Owl: An Anthology of Bad Verse.

Some tame gazelle, or some gentle dove:
Something to love, oh, something to love!

Und auch wenn sich die beiden Schwestern eher ungern mit ihren eigenen blinden Flecken auseinandersetzen, achten sie doch aufeinander und passen auf, dass keine von ihnen gänzlich den Bezug zur Realität verliert. So gut sie können, meistern sie zusammen die Aufgabe, mit ihrem Ledigsein und Älterwerden zurechtzukommen.

If only one could clear out one’s mind and heart as ruthlessly as one did one’s wardrobe… (S. 220)

Zum Buch

Das Besondere an diesem Debüt ist, dass Pym den Roman 1934 begonnen hat, als sie gerade einmal 21 Jahre alt war.  Dabei katapultiert Barbara sich und ihre Schwester Hilary über 30 Jahre in die Zukunft und schildert den Alltag zweier Schwestern, Belinda und Harriet, Mitte fünfzig, als „respectable spinsters“ in einem kleinen englischen Dorf. Auch Studienfreunde und Barbaras große Liebe ihrer Studentenzeit in Oxford, Henry Stanley Harvey, werden im Buch verewigt.

Das fiktive Pfarrhaus der Hoccleves bildet dabei das Zentrum und Rückgrat der gesellschaftlichen Aktivitäten, so wie es auch Pym und ihre Schwester in ihrer Kindheit auf dem Dorf erlebt hatten. Hilary Pym schrieb später über ihre Kindheit:

Church was a natural part of our lives because our mother was assistant organist at the parish church of St. Oswald, and her family had always been on social terms with the vicar, curates and organists. Having curates to supper was a long-established tradition; and for Barbara and me there were children’s parties at the vicarage. Our father, too, sang bass in the church choir. (Barbara Pym: A Very Private Eye: An Autobiography in Letters and Diaries, edited by Hazel Holt and Hilary Pym, 1984, S. 4)

Doch es sollte noch fünfzehn Jahre dauern, bis Pym einen Verleger für ihren ersten Roman fand. Das war vermutlich eine glückliche Fügung, denn die ursprüngliche Fassung zeigte doch, gelinde gesagt, sehr deutlich Pyms anfängliche Naivität gegenüber dem Nationalsozialismus.

Zum autobiografischen Hintergrund des Romans

Barbara Pyms Romanidee, sich und Hilary als gemeinsam lebende, ledige Frauen vorzustellen, sollte später Realität werden. Die beiden Schwestern lebten über 30 Jahre zusammen. Hierzu noch einmal Hilary:

In 1946, when I left my husband Sandy Walton, we started sharing a flat in London, then in 1961 we bought a house, and eventually, in 1972, a country cottage in Oxfordshire. We didn’t necessarily do everything together – our different jobs after the war (Barbara worked at the International African Institute and I was already in the BBC) gave us a variety of interests and friends and holidays – but the bond between us was strong enough to keep us always on good terms. (Barbara Pym: A Very Private Eye, S. 6)

Liest man das von Hazel Holt und Hilary Pym herausgegebene Buch A Very Private Eye: An Autobiography in Letters and Diaries, erkennt man, wie sehr ihr Erstlingswerk Some Tame Gazelle auch eine Auseinandersetzung mit ihrer  Liebe zu dem etwas älteren Mitstudenten Henry Stanley Harvey war, der im Buch wenig schmeichelhaft als Archdeacon Hoccleve porträtiert wird.

Von Januar 1933 bis 1938  zieht sich Lorenzo, wie sie Henry zunächst nennt, als schmerzhaftes Leitmotiv durch ihr Tagebuch. Sie rennt ihm buchstäblich hinterher, lauert ihm auf, spielt die Überdreht-Kokette und lässt sich von ihm in kompromittierende Situationen bringen, doch Henrys Liebe lässt sich nicht erzwingen. Im März 1934 lesen wir in ihrem Tagebuch:

I am beginning to feel the weest bit hostile towards Henry, and to think that the glamour of being his doormat is wearing off. (S. 52)

Aber diese Ernüchterung ist nicht von langer Dauer. Im März 1935, als Henry längst eine Stelle in Finnland angetreten hat, besucht sie ‚Jock‘ Robert Liddell, der sich mit Henry eine Wohnung in Oxford geteilt hatte, und schreibt:

I went to see Jockie at the flat and yearned for Henry, as that atmosphere always makes me. Henry had left behind his grey overcoat and I sat in it sentimentally the whole evening. (S. 66)

Und immer, wenn Henry zurück in Oxford ist, geht das Drama von vorne los.

He will never talk about him and me and always gives evasive answers that are unsatisfying to me, as I want so much to know how things really are between us. Is it any use hoping even for his friendship – and is this enough? Is it not rather worse than nothing? At present I can’t decide. Barnicot thinks I have no hope at all and that his friendship would be of no use to me. But I think somehow that I’d like it. I don’t mind being part of the furniture of his background or even hanging over him like a gloomy cloud, as he said at tea one day. (S. 68)

Im Mai 1935 heißt es dann:

Barnicot thinks I have absolutely no hope at all, and it’s a waste of time me hanging around. Naturally this wasn’t really news to me, but I couldn’t help being a little cast down when he told me that Henry found me boring because I always agreed with him. […] Henry was rude about my teeth, which always makes me unhappy. (S. 72)

Der Biografie von Paula Byrne lässt sich genauer entnehmen, wie widerlich Henry sich Barbara gegenüber verhalten hat. Doch diese lässt sich fast alles gefallen.

Noch am 24. Juli 1936 schreibt sie:

Naturally I’ve ceased to miss Henry so agonizingly, but I still hope – though faintly – to hear from him. When I think of him apologizing for being irritable with me, and standing in the room in the early hours of the morning, looking like an unshaven Russian prince with a turquoise coloured scarf round his waist – of course I love him. (S. 84)

Die Nachricht, dass Henry im Dezember 1937 Elsie Godenhjelm in Helsingfors (Finnland) geheiratet hat, kommentiert sie im Tagebuch mit:

So endete eine grosse Liebe. (S. 87)

In den zunächst recht überdrehten Briefen, die sie dem Ehepaar oder auch nur Elsie schreibt, nennt sie sich mit Vorliebe „the old spinster“ und es finden sich – selbst zehn Jahre später – immer mal wieder Anspielungen auf ihre (ehemaligen) Gefühle für Henry.

Als sie im Frühjahr 1943 sehr unter der endgültigen Trennung von ihrem Geliebten Gordon Glover leidet, schreibt sie an Henry:

Of course I should have written to you yesterday as May 10th is the anniversary of the first time I ever spent an evening with you! What’s more it is the tenth anniversary, a solemn thought! Yes, it was in 1933 and we went to the Trout and played pingpong and ate mixed grill and the wisteria was out. (S. 181)

Did I tell you that I was in love and that it was hopeless? […] Dear Henry, I don’t know why I’m telling you all this – but I have a feeling that as we have known each other so long and you were once so much to me that it doesn’t matter. Like some comfortable chair and everything turned to mild, kindly looks and spectacles. (S. 182/183)

Barbara Pym hat sich noch mehrmals in ihrem Leben verliebt, doch von Dauer war keine der Beziehungen.

Emma Healey: Elizabeth is missing (2014)

Mit folgenden Sätzen beginnt Elizabeth is missing, der Debütroman der 1985 geborenen Autorin Emma Healey:

‚You know there was an old woman mugged around here?‘ Carla says, letting her long black ponytail snake over one shoulder. ‚Well, actually it was Weymouth, but it could have been here. So you see, you can’t be too careful. They found her with half her face smashed in.‘ This last bit is said in a hushed voice, but hearing isn’t one of my problems. I wish Carla wouldn’t tell me these things; they leave me with an uneasy feeling long after I’ve forgotten the stories themselves. I shudder and look out of the window.

Die deutsche Übersetzung Elizabeth wird vermisst von Rainer Schumacher erschien 2014. Die Autorin hat für dieses Buch den Costa Book Award in der Kategorie Debütroman gewonnen.

Die verwitwete 82-jährige Maud, die uns ihre Geschichte erzählt, lebt zwar noch in ihrem eigenen Haus, doch so richtig gut läuft das nicht mehr, denn sie leidet an Demenz und vergisst schon mal zu trinken, den Gasherd abzustellen oder was sie nun eigentlich im Laden kaufen wollte.

Ihre Tochter und diverse Pflegekräfte tun, was sie können, doch oft weisen sie die alte Dame zurecht, sind genervt und überfordert. Und vor allem können sie die alte Leier nicht mehr hören, dass Elizabeth, die einzige gute Freundin Mauds, angeblich verschwunden sei. Doch Maud gibt nicht auf und versucht verzweifelt Hinweise auf den Verbleib Elizabeths zu finden, was nicht so einfach ist, wenn man nicht mal mehr weiß, wann man seine Freundin eigentlich das letzte Mal gesehen hat. Die Zettel, die sie sich selbst schreibt, sind auch nicht wirklich hilfreich, da sie nie weiß, welcher Zettel der aktuelle ist.

Die Suche nach Elizabeth löst immer wieder Assoziationen an die Vergangenheit aus, denn als Schülerin musste Maud miterleben, wie ihre ältere, frisch verheiratete Schwester Sukey über Nacht spurlos verschwand. Ein Trauma, das die Familie nie verwunden hat. Elizabeths Erinnerungen an früher sind – im Gegensatz zu den Erinnerungen an die letzte Stunde, die letzten Tage – glasklar. Und der Schmerz von damals ist sicherlich einer der Gründe, weshalb Maud sich mit dem Verschwinden Elizabeths nicht abfinden kann. Und so folgen wir Maud bei ihren mühsamen, manchmal skurrilen, manchmal traurigen Bemühungen, Licht ins Dunkel dieser zwei Vermisstenfälle zu bringen.

Zwar wurde das Geheimnis der verschwundenen Freundin Elizabeth überstrapaziert, denn es blieb offen, weshalb die Lösung sich nicht auf einem der vielen Zettel finden sollte, die Maud doch dauernd schreibt, um Wichtiges nicht zu vergessen. Dadurch entstanden einige Längen, die vermeidbar gewesen wären.

Doch davon abgesehen, ist der Autorin ein spannender und berührender Roman gelungen. Spannend, weil ich wissen wollte, wo Elisabeth ist – auch wenn die Auflösung enttäuscht – und vor allem, was damals mit Sukey, Mauds Schwester, passiert ist.

Berührend, weil einer jungen Autorin gelingt, so einfühlsam und glaubwürdig aus Sicht einer verwirrten alten Dame zu schreiben, der die Orientierung in der Gegenwart allmählich abhanden kommt. Die sich einsam und unverstanden fühlt, deren Welt unübersichtlich und bedrohlich wird, denn was soll man von Menschen halten, die behaupten, sie seien die eigene Tochter oder Enkeltocher, dabei erkennt man sie manchmal gar nicht mehr.

Und vor allem zeigt es, dass die Welt und Denkweise eines dementen Menschen eine Welt ist, die vielleicht nur dem Außenstehenden unlogisch, chaotisch und verwirrt vorkommt. Und es zeigt, wie wichtig Geduld, Liebe, Humor, Würde und Fürsorge im Alter sind, auch wenn gerade das so schwierig zu gewährleisten ist…

Die englischen Verlage haben sich übrigens um die Rechte am Buch gerissen und in den wichtigen britischen Zeitungen erschienen Rezensionen. In Deutschland ging das Buch – veröffentlicht im Bastei Lübbe Verlag – anscheinend unter. Dabei halte ich es für wesentlich besser als Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau von Dimitri Verhulst, in dessen Roman ebenfalls eine (vorgespielte) Demenz eine tragende Rolle spielt.

Mely Kiyak: Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an (2013)

Man stirbt.
Man steht morgens auf, macht seine Arbeit und stirbt.
Man träumt und stirbt.
Man gießt Blumen, geht einkaufen, schüttelt Decken aus und stirbt.
Man liest. Man liebt. Man stirbt.
Vögel zwitschern, Narzissen springen mit einem leisen Rascheln auf – was folgt ist Sterben.
Ob man es brauchen kann oder nicht, zwecklos sich damit anzulegen, man stirbt.
Man stirbt. Man stirbt.

Diese Worte sind dem Buch der Journalistin  Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an vorangestellt.

Die Journalistin und Kolumnistin, die u. a. für die ZEIT, taz und die Frankfurter Rundschau schreibt, bekommt immer wieder Besuch von ihrem Vater, der als ehemaliger Gastarbeiter nun seinen Ruhestand in der Türkei genießen möchte, denn er gehört zu denen, die

… sich nach ihrer Heimat sehnen, sie aber mit einem Bein in Deutschland leben müssen, weil ihre vollen Rentenbezüge verloren gehen, wenn sie länger als sechs Monate nicht in Deutschland waren … (S. 140)

Bei einem seiner Deutschlandaufenthalte, bei denen er seine inzwischen erwachsenen Kinder besucht, geht er ins Krankenhaus, um nur eben einen hartnäckigen Husten abklären zu lassen. Doch die Diagnose lautet Lungenkrebs.

Was folgt, ist zum einen die Beschreibung der Krankenhausodyssee mit all der deutschen Regularienwut, den quälenden und schmerzhaften Behandlungsmethoden, der fehlenden menschlichen Anteilnahme. Möchte Herr Kiyak am liebsten in Ruhe gelassen werden und manches vielleicht gar nicht so genau wissen, so ist seine Tochter das Gegenteil: Sie will kämpfen, kämpfen, kämpfen, ihren Vater aufmuntern, ihm seine Tränen verbieten, bis der Krankenhauspsychologe sie ermahnt, dass sie bitte schön ihren Vater respektieren und ihm nicht noch Energie rauben solle, indem er meint, für sie Gefühle vorspielen oder unterdrücken zu müssen.

Auch das Leben der Tochter gerät aus den Fugen, sie kann nicht mehr so wie bisher arbeiten, fährt täglich ins Krankenhaus, wäscht die Wäsche ihres Vaters, kocht für ihn, stellt sich Ärzten in den Weg, trauert, organisiert und beherbergt zahlreiche Verwandte, die ihren Vater im Krankenhaus besuchen.

Dazwischen streut Mely all die Geschichten, die ihr Vater ihr schon in der Vergangenheit erzählt hat und nun auch im Krankenhaus erzählt, von früher, von Anatolien, den Tanten und dem kriminellen Onkel oder dem Großvater der Autorin, der noch Analphabet war, von Familienfesten und Bräuchen, wie z. B. der Entführung der Geliebten:

Einer „entführten“ Frau kann man keinen Vorwurf machen, im Gegensatz zu einer Frau, die mit ihrem Liebsten durchbrennt. Mein Vater brauchte ein Fluchtfahrzeug. Er bat seinen Cousin Hüseyin, ihm einen Esel für die Geiselnahme zu überlassen. […] Dein Opa setzte seine Oma auf den Esel und lief hinterher. So entführte er sie. Als Gegenleistung für den Esel überließ mein Vater Hüseyin seinen Anteil an den Feldern. Daraufhin hieß es, mein Vater sei vor lauter Liebe verarmt. Was natürlich nicht stimmt. Er war keineswegs arm geworden. Die Liebe macht einen Menschen immer reich. (S. 50)

Da gibt es Geschichten vom Militärdienst des Vaters, bei dem er zum ersten Mal die Benachteiligung der Kurden begriff. Geschichten vom Leben in der Fremde, in Deutschland, von langen 12-Stunden-Nachtschichten und den besprochenen Kassetten, die die Gastarbeiter in die Türkei schickten und die dann von Familienmitgliedern überspielt und wieder besprochen wurden.

Fazit

Ich habe das Buch sehr, sehr gern gelesen. Aus mehreren Gründen. Es ist traurig, schnoddrig, witzig, bedenkenswert und ehrlich, man sieht und spürt die Verzweiflung – und den Lebenstrotz – der Tochter und wird an die eigene Sterblichkeit und die seiner Lieben erinnert:

Es scheint zu stimmen. Der Mensch ist sterblich. Gewusst habe ich es immer, aber nicht begriffen. Ich dachte, Kranksein sei eine Ausnahme. Es scheint vielmehr die Ausnahme zu sein, friedlich im Schaukelstuhl mit einer Kaschmirdecke auf den Knien einzuschlafen. (S. 61)

Man fragt sich doch, worin der Sinn des Lebens besteht, wenn am Ende gestorben wird. Und wie ich mich gefreut hatte auf das Leben. (S. 113)

Natürlich ist es scheußlich, von der Krankenhausmentalität zu lesen, wenn kaum jemand Zeit hat, dem Patienten und den Angehörigen zu erklären, was mit einem passiert, so dass man im Stillen hofft, nie dort sterbenskrank sein zu müssen. Der Mensch an sich wird – aus Zeitmangel, Überarbeitung, Gleichgültigkeit – nicht mehr wahrgenommen und die Tochter muss um ein Arztgespräch betteln, nachdem der Vater mal eben – eher so im Vorübergehen – die Diagnose Krebs erhalten hat. Das Krankenhaus wird so zum Spiegelbild unserer Gesellschaft.

Dem Leser dämmert, dass die Gastarbeiter von damals immer noch nicht als vollwertige Mitglieder unserer Gesellschaft wahrgenommen werden, im Krankenhaus so gar nicht auf ihre manchmal so kleinen, aber für das Sich-nicht-völlig-fremd-Fühlen so wichtigen Wünsche reagiert wird, z. B. einen ordentlichen Tee zu bekommen. Der Speiseplan ist komplett auf deutsche Essgewohnheiten abgestellt, gleichzeitig sieht man es ungern, wenn Familienmitglieder Essen mit ins Krankenhaus bringen.

Und wir lesen von einer Vater-Tochter-Beziehung, in der vermutlich jeder wirklich alles für den anderen geben und tun würde. Ich war manchmal schon fast entsetzt über die Respektlosigkeiten, die sie und ihre Geschwister sich ihrem Vater gegenüber als Kinder erlaubt haben, über die Rabiatheit, die die Tochter ihrem Vater gegenüber an den Tag legt, und doch schimmert jetzt hinter allem Liebe und ein unglaublicher Zusammenhalt durch. Als Mely einmal so losweinen muss, dass sie gar nicht mehr aufhören kann,

nützt [er] das als Freibrief und legt dermaßen los und weint mit und das macht mich schlagartig nüchtern, dass ich mich gar nicht erst beruhigen muss, ich bin in solcher Weise klar im Kopf, dass ich ihn anschaue und sage: Papa, bloß weil ich ein Nervenbündel bin, heißt das noch lange nicht, dass du mitmachen darfst! (S. 202)

Herr Miyak ist ein so liebenswürdiger, stiller aber dabei so tapferer Mann, dass er mein Leserinnenherz im Fluge für sich eingenommen hat. Dabei gelingen der Autorin Momentaufnahmen von großer Innigkeit. Und manchmal muss man auch einfach lächeln.

Gern gelesen habe ich auch die Geschichten aus der Türkei, so bunt und fabulierfreudig, ganz das Gegenteil des Krankenhauslebens. Mir wurde bewusst, wie wenig ich eigentlich über die Türkei weiß. Und: Wie viele Geschichten hat Deutschland möglicherweise versäumt?

Wo sind alle diese Kassetten geblieben? Wer archiviert die Erinnerungen? (S. 126)

Meinetwegen hätte das Buch dreimal so dick sein können.

Und das schreibt Mely Kiyak über Literatur:

All die Schmerzensliteratur, die es gibt und die man zitiert nicht erträgt, wenn man sich nicht auf dem gleichen Level der Traurigkeit wie der Zitierte befindet, bekommt im Moment der eigenen Traurigkeitsauflösung eine solche Wucht, eine solch monströse Kraft, man traut sich gar nicht mehr, ins Buchregal zu greifen. (S. 229)

Ein großes Dankeschön an Sabine von Binge Reading, die mich überhaupt erst auf das Buch aufmerksam gemacht hat.

Kyung-Sook Shin: Please look after Mother (2008)

Mit dem bewegenden Roman Please look after Mother (2008) gewann die 1963 in Südkorea geborene Autorin Kyung-Sook Shin 2011 den Man Asian Literary Prize. Das Buch hat sich inzwischen millionenfach verkauft und wurde bereits für die Bühne adaptiert. Die englische Fassung stammt von Chi-Young Kim, die deutsche Übersetzung von Cornelia Holfelder-von der Tann erschien unter dem Titel Als Mutter verschwand (2012).

Das Buch beginnt mit den Sätzen:

It’s been one week since Mom went missing. The family is gathered at your eldest brother Hyong-chol’s house, bouncing ideas off each other. You decide to make flyers and hand them out where Mother was last seen.

Die Handlung ist rasch erzählt: Eine 69-jährige Frau vom Land, die mit ihrem Mann die erwachsenen Kinder in Seoul besuchen will, steigt am Hauptbahnhof in Seoul nicht schnell genug in die U-Bahn ein. Als ihr Mann merkt, dass er ohne sie losgefahren ist, ist es bereits zu spät. Als er an der nächsten Station anhält und zurückfährt, ist seine Frau schon nicht mehr auffindbar.

Die Familie unternimmt nun panisch die zu erwartenden Schritte, um Hinweise auf den Verbleib der Mutter zu bekommen. Flyer, Vermisstenanzeigen in der Zeitung, die Polizei; sie gehen allen Hinweisen nach und suchen in der ganzen Stadt nach ihr.

Mit dieser Rahmenhandlung werden die Erinnerungen der einzelnen Familienmitglieder, der Kinder und des Ehemannes, verwoben. Keiner von ihnen hat die Frau je losgelöst von ihrer Rolle als Mutter gesehen:

You don’t understand why it took you so long to realise something so obvious. To you, Mother was always Mother. It never occured to you that she had once taken her first step, or had once been three or twelve or twenty years old. Mother was Mother. She was born as Mother. (S. 27)

Vor uns setzt sich nach und nach – beinahe hätte ich gesagt, ein Bild, aber das ist falsch, denn die alte Frau wird sozusagen vor unseren Augen lebendig, als ob sie bei uns im Zimmer sitzen würde – das Leben dieser Frau zusammen. In fast schon shakespearischer Wucht, und zwar aus ganz unterschiedlichen Perspektiven.

Trotz der kulturellen Unterschiede und der Verortung nicht nur auf einem anderen Kontinent und in einem ganz spezifischen Zeitraum finde ich einen so direkten Zugang zu den Figuren, dass es fast schmerzt. Die Mutter: eine hart arbeitende Frau auf dem Land ohne jegliche Schulbildung, die den Ehemann noch von den Eltern ausgesucht bekam, die ihren einzigen Ring verkauft, um die Schulgebühren für ihre Tochter zu bezahlen, mit einem lieblos-egozentrischen Klotz von Ehemann geschlagen. Eine Frau, die sich zeitlebens in ein geradezu archaisches Frauenbild gefügt hat.

‚Mother, do you like being in the kitchen?‘ When you asked this once, your mother didn’t understand what you meant. (S. 63)

Doch sie hat erreicht, dass jedes ihrer Kinder eine „ordentliche“ Ausbildung bekommen und den Sprung nach Seoul, in die Moderne geschafft hat. Doch was ist der Preis, den jeder dafür zahlen muss?

Gegen Ende des Buches findet sich ein Kapitel, in dem der Autorin kurzzeitig das Vertrauen in ihr eigenes Werk abhanden gekommen ist. Der Brief, den eine Schwester an die andere schreibt, ist überflüssig, denn die LeserInnen haben sicherlich das Wesentliche verstanden, ohne dass ihnen eine Romanfigur das noch einmal erklären müsste. Und über den Schluss könnte man trefflich diskutieren, aber mehr darf man zum Inhalt nicht verraten. Es wäre schade für den, der den Roman noch lesen möchte.

Im Buch geht es nicht nur um Mutterschaft unter schwierigsten Bedingungen, sondern auch um familiäre Kommunikation oder eben das Scheitern derselben. Shin geht dabei außerdem den Fragen nach, wie wir Tag für Tag leben wollen und was mit all den winzigen Versäumnissen passiert, die sich in einem Menschenleben eben so ansammeln.

Dem Roman ist ein Gedichtanfang von Ferdinand Freiligrath vorangestellt:

O love, so long as you can love.

(im Deutschen: O lieb‘, solang du lieben kannst!)

Anmerkungen

Ein Interview mit der Autorin lässt sich hier nachlesen.

Prof. David Parker, Vorsitzender des Man Asian Literary Prize Komitees, fasst zusammen:

Please Look After Mom is a deeply moving, humane and intricately wrought book, at once culturally specific and universal. It is a book that will be loved everywhere.

Das Buch stieß allerdings auch auf heftige Ablehnung: Manche bemängelten die angebliche Heiligsprechung der Mutterfigur, andere wollten den Roman am besten gleich in die Mottenkiste der Trivialliteratur werfen:

If there’s a literary genre in Korean that translates into „manipulative sob sister melodrama,“ Please Look After Mom is surely its reigning queen. I’m mystified as to why this guilt-laden morality tale has become such a sensation in Korea and why a literary house like Knopf would embrace it. (Although, as women are the biggest audience for literary fiction, Please Look After Mom must be anticipated to be a book club hit in this country.) But, why wallow in cross-cultural self-pity, ladies? (Maureen Corrigan, 5. April 2011, NPR)

Eine Besprechung, die Corrigan nicht nur massiven Protest, sondern auch den Vorwurf des Rassismus eingebracht hat.

Hilfreicher ist da vielleicht der Hintergrundartikel aus The Daily Beast, April 2012.

Dimitri Verhulst: Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau (OA 2013)

Ich gehe über den Styx und packe ein: eine Tube Zahnpasta (kleiner Scherz am Rande) …

Obwohl die Tat selbst vollkommener Absicht entspringt, geht es mir sehr gegen den Strich, dass ich jede Nacht wieder ins Bett scheiße. Mich zu dieser entwürdigenden Aktion zu erniedrigen ist wahrlich die unangenehmste Konsequenz des ziemlich verrückten Wegs, den ich auf meine alten Tage gewählt habe. Doch ich würde das Pflegepersonal misstrauisch machen, wenn ich mein Nachtzeug unbeschmutzt ließe.

So beginnt der Roman Der Bibliothekar, der lieber dement war als zu Hause bei seiner Frau (2014) des flämischen Schriftstellers Dimitri Verhulst (*1972), der im Original 2013 erschien und von Rainer Kersten ins Deutsche übersetzt wurde.

Der über siebzigjährige ehemalige Bibliothekar Désiré Cordier erträgt die Vorstellung nicht, Garten und Eigenheim aufzugeben, um mit seiner nervtötenden Gattin in eine kleine und pflegeleichtere Stadtwohnung zu ziehen. Denn dort wäre es noch viel schwieriger, einander aus dem Weg zu gehen.

Ich reagiere schon lange nicht mehr auf die endlosen Tiraden meiner Frau; einer von vielen, möglicherweise Millionen schweigender Männer, die sich gegen die Launen ihrer Gattin mit einem Panzer von Gleichgültigkeit wappnen. Jahrelange Übung hat mich das gekostet. […] Gegen ihre Giftigkeit bot ich meine Gleichgültigkeit auf. Störrisch gruben wir uns in unsere Stellungen ein und wurden zusammen unromantisch alt, überlebten sogar befreundete Paare, die wirklich liebevoll miteinander umgegangen waren. (S. 16/17)

Also erarbeitet er sich zielstrebig die Einweisung in ein Altenpflegeheim. Er macht einen auf dement und hat diebische Freude daran, es mal so richtig krachen zu lassen und sich damit an seiner Frau zu rächen für all ihre Gemeinheiten, Bevormundungen und Taktlosigkeiten. Statt des Kuchens bringt er zum Nachmittagskaffee einen Toaster mit aus der Stadt, beim Einkaufen „vergisst“ er in einer Boutique zu zahlen und wird zur Schmach seiner Frau von der Polizei nach Hause eskortiert. Und er „erkennt“ schließlich weder Frau noch Kinder.

Er erreicht sein Ziel und kann nun Pflegenotstand und Trostlosigkeit im Heim am eigenen Leib erleben. Wie alte Menschen nur noch ein „Sack Knochen“ sind, niemand Zeit für sie hat, mit ihnen wie Kindern geredet wird, ihnen jegliche Persönlichkeit abhanden kommt.

Die Hauptbeschäftigung eines Demenzkranken ist Flüchten. Immer und überall will, muss er davon. Aus diesem Grund hat man im Garten unseres Heims eine Bushaltestelle gebaut. Reiner Schwindel natürlich. Ich meine: Nie wird dort ein Bus abfahren oder anhalten. Doch die Haltestelle ist eine perfekte Kopie, komplett mit Wartehäuschen und Sitzen, aushängendem Fahrplan und Informationen, für die sich übrigens kein Heiminsasse interessiert, die das Ganze aber besonders glaubwürdig machen. […] Seit diese Geisterhaltestelle im Garten von Winterlicht steht, müssen die Pfleger weniger Zeit mit der Suche nach ausgebüchsten Patienten verplempern. (S. 60)

Sogar seine Jugendliebe trifft er dort wieder, doch sie erkennt ohnehin niemanden mehr. Er – geistig noch hellwach und beieinander – erzählt uns nun von seinen Tagen im Heim, seiner Ehe, den Besuchen seiner Tochter. Letztlich ist das natürlich alles die Vorbereitung auf den finalen Abschied, den er sich ebenfalls nicht aus der Hand nehmen lassen will.

Was steht noch auf dem Wagen, dem letzten, der zu uns ins Zimmer gerollt wird? Die berühmten Swash-Tücher natürlich, dazu bestimmt, die sterblichen Überreste zu säubern, ohne die Talgschicht der Haut anzugreifen. Nur der Schambereich wird mit Seife gewaschen, damit die Leichenfeier nicht geruchsbedingt auf einem Fischmarkt stattfinden muss.  (S. 126)

Schade, dieser Plot trägt kaum durch die 140 Seiten und die Grundidee des Romans weist fußballfeldgroße Logiklöcher auf. Wer würde sich bei halbwegs guter Gesundheit freiwillig den ganzen Tag vor sich hinstierend in einen Rollstuhl setzen und sich vorsätzlich in die Hose machen? Warum hat er seine Frau nicht vor Jahrzehnten verlassen? Warum hat er pantoffelheldenhaft all ihre Demütigungen ertragen?

Zum Glück habe ich wenigstens schon früher – und ohne Monieks Wissen – testamentarisch festlegen lassen, dass es mir absolut wurst ist, wo meine sterblichen Überreste mal hinkommen, Hauptsache, nicht neben sie. Lange genug haben sie und ich wie zwei Leichen nebeneinander gelegen, dass wir das nicht auch noch im Tod fortsetzen müssen. (S. 89)

Wie schafft er es fast ungerührt, seiner Tochter in die Augen zu schauen, die so traurig über ihren angeblich dementen Vater ist, und ihr weiter dieses Schauspiel vorzumachen? Letztendlich ist Cordier gar nichts wirklich wichtig. Nichts freut ihn oder macht ihn dankbar. Er ist ein Zyniker, der sein Leben als verfehlt ansieht, ohne dem näher auf den Grund zu gehen. Ohne Pause kreist er nur um sich und verschwendet keinen Gedanken daran, dass er auch etwas für andere sein oder tun könnte.

Dennoch hat Verhulst hier einen Ich-Erzähler geschaffen, der so schnoddrig ehrlich von einer völlig verpatzten Ehe erzählt, Missstände des Alterns offenlegt und dem Sterben geradezu pietätlos entgegensieht, dass es immer wieder Stellen gab, die mich zumindest ein bisschen mit dem Buch versöhnt  haben.

Ich musste einen Moment nicht aufgepasst haben – unversehens war ich alt. (S. 65)

Fundstück von Urs Widmer

… den einzigen Gewinn, den das Altwerden dir bieten kann: zu fühlen, dass du das Leben tatsächlich gelebt hast. Nicht als Luftschloss, von einem Schimärenzimmer ins andere stolpernd, sondern so lustvoll wie möglich und so schmerzhaft wie nötig. Es ist nahezu vorbei, das Leben, aber es war und ist immer noch. Hier, konkret, jetzt. Ich war jung, ich bin alt. Die Erkenntnis, notwendig einem Gesetz unterworfen zu sein, das keine Ausnahmen kennt, schenkt mir in kostbaren Augenblicken ein Gefühl des Glücks. Ich auch, wie alle.

Urs Widmer: Reise an den Rand des Universums (2013)

Will Schwalbe: The End of your Life Book Club (2012)

We were nuts about the mocha in the waiting room at Memorial Sloan-Ketteridge’s outpatient care center. The coffee isn’t so good, and the hot chocolate is worse. But if, as Mom and I discovered, you push the „mocha“ button, you see how two not-very-good things can come together to make something quite delicious. The graham crackers aren’t bad either.

Mit diesen Sätzen beginnt The End of Your Life Book Club, das Buch, in dem der Amerikaner Will Schwalbe die letzten zwei Jahre seiner an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankten Mutter Mary Anne verarbeitet, die 2009 im Alter von 75 Jahren verstarb. Die deutsche Übersetzung von Henriette Zeltner erschien unter dem Titel An diesem Tage lasen wir nicht weiter.

Zum Inhalt

Das Buch ist der Tribut eines Sohnes an seine außergewöhnliche Mutter. Mary Anne Schwalbe war berufstätig, als das noch unüblich war, und schließlich in der Universitätsverwaltung in leitender Stellung tätig. Nach einem dreimonatigen Aufenthalt in einem Flüchtlingslager in Thailand engagierte sie sich in ihren letzten zwei Jahrzehnten vor allem für die Belange von Flüchtlingen weltweit. Sie war u. a. Gründungsdirektorin der Women’s Refugee Commission und Wahlbeobachterin in Bosnien. Nebenbei organisierte sie das Leben der eigenen Familie mit drei Kindern, gründete den britischen Ableger des International Rescue Commitee und setzte sich bis kurz vor ihr Lebensende noch für die Gründung von mobilen Bibliotheken in Afghanistan ein.

If our family was an airline, Mom was the hub and we were the spokes. You rarely went anywhere nonstop; you went via Mom, who directed the traffic flow and determined the priorities: which family member was cleared for takeoff or landing. Even my father was not immune to Mom’s scheduling, though he was given more leeway than the rest of us. (S. 10)

Im Sommer 2007 kommt sie nach einer ihrer zahlreichen Reisen nach Pakistan und Afghanistan nicht wieder richtig auf die Füße, doch erst im Oktober wird eine unheilbare Bauchspeicheldrüsenerkrankung diagnostiziert. Ihr Sohn Will erfährt das, während er beruflich bedingt in Frankfurt auf der Buchmesse ist.

I realize now that all of us had reached a mad, feverish pitch of activity in the days leading up to Mom’s diagnosis. Dinners, drinks, visits, benefits, meetings, scheduling, picking up, dropping off, buying tickets, yoga, going to work, cardio at the gym. We were terrified to stop, stop anything, and admit that something was wrong. Activity, frenzied activity, seemed to be the thing we all felt we needed. […] Everything would be all right, everything would be possible, anything could be salvaged or averted, as long as we all kept running around. (S. 23)

Später erzählt er seiner Mutter, dass er sich in dieser Nacht nur noch durch die Fernsehprogramme gezappt hat. Sie findet das höchst merkwürdig:

Throughout her life, whenever Mom was sad or confused or disoriented, she could never concentrate on television, she said, but always sought refuge in a book. Books focused her mind, calmed her, took her outside of herself; television jangled her nerves. (S. 25)

Eigentlich ist auch Will, sowohl aufgrund der familiären Prägung als auch durch seine langjährige Arbeit im Verlagswesen, begeisterter Leser. Und immer, wenn Will in den kommenden Monaten seine Mutter bei den mehrstündigen Aufenthalten im Krankenhaus begleitet, bei denen sie ihre Chemo-Infusionen bekommt, tauschen sie sich aus über die Bücher, die sie gelesen haben und noch lesen wollen. Das wird dann als „End of your Life Book Club“ mit nur zwei Mitgliedern hochstilisiert.

Diese Gespräche über Bücher haben den beiden sicherlich viel gegeben und in einem Interview erläutert Will Schwalbe die Bedeutung, die das gemeinsame Lesen für die beiden hatte:

… for as long as I can remember, we always talked with each other about books. So the main thing the book club did was kept our relationship the way it always had been. When we were reading, we weren’t a sick person and a well person but a mother and son exploring books together. The book club also allowed us to tackle painful and difficult subjects—big topics like death and courage and loneliness. Books gave us a way to talk about those subjects obliquely, not head-on. We could talk about them by talking about characters in books who were dealing with similar issues. Finally, the book club was a source of pleasure—while we were reading, we were discovering new writers, new voices, new characters, new worlds. Reading was one of the ways Mom continued to live even as she was dying, and our discussions about books gave me new memories not directly connected to her illness that I would be able to have and share as long as I live.

Ich selbst fand die Abschnitte, in denen sie über Bücher gesprochen haben, nicht immer sehr tiefsinnig. Manchmal ging das Ganze über Name Dropping nicht hinaus. Mary Anne war beispielsweise der Meinung, dass man durchs Lesen lernen könne, Grausamkeit schneller zu erkennen.

… when you read about it, it’s easier to recognize. […] But people can be cruel in lots of ways, some very subtle. I think that’s why we all need to read about it. […] You need to learn to recognize these things right from the start. Evil always starts with small cruelties. (S. 151)

Will Schwalbe schreibt ehrlich über seinen anfänglichen Aktionismus, das Gefühl, irgendetwas tun zu müssen, um so dem Unausweichlichen nicht ins Gesicht zu sehen, hatte man ihnen doch mitgeteilt, dass die durchschnittliche Lebenserwartung nach der Diagnose drei bis sechs Monate betrage, da der Krebs schon gestreut hatte.

Will ist es auch, der seiner Mutter vorschlägt, einen Blog zu betreiben, um so ihre vielen Freunde, ehemaligen Kollegen und Schüler in aller Welt auf dem Laufenden zu halten, da eine individuelle Korrespondenz sicherlich bald zu anstrengend würde. Sie stimmt dem zu, doch unter dem Vorbehalt, dass Will den Blog schreiben solle. Das führt dann zu der merkwürdig Verrenkung, dass sie zwar die Posts schreibt, jedoch aus der Perspektive Wills.

Mal ganz abgesehen vom Stil, der manchmal schlicht und anrührend, manchmal aber auch nur simpel und weitschweifig war, hat das Buch eine große Schwäche. Es krankt ab und zu an Heldenverehrung, die hart an der Kitschgrenze vorbeischrammt. Man sieht den Sohn dann förmlich zu Füßen seiner Mutter sitzen und ihr die letzten Fragen stellen. Dabei stilisiert er sich als jemand, der vorher noch nie über bestimmte Fragen nachgedacht hat, was ich kaum glauben mag. Dürfe man – wenn man sich denn sozial engagiere – überhaupt noch ein teures Restaurant besuchen? In einem anderen Gespräch versucht er beispielsweise, sie dazu zu bewegen zuzugeben, dass sie eine mutige Frau sei, was sie aber völlig unbeeindruckt verneint. Stattdessen nennt sie Beispiele von Menschen, die ihrer Meinung nach mutig gewesen sind.

Ihre eigenen Ängste und die Trauer, vom Leben Abschied nehmen zu müssen, werden nur kurz gestreift, allerdings gibt ihr der christliche Glaube existenziellen Trost und Gewissheit:

‚I do know that there is life everlasting.‘ Usually Mom said believe. Recently, I noted, she said know. (S. 170)

Das ist zwar ein Punkt, den der Sohn nicht nachvollziehen kann, doch beide akzeptieren sich in ihren jeweiligen Sichtweisen.

Die Ecken und Kanten der Hauptperson dürfen nur sehr dezent durchschimmern, dabei hätten gerade sie dem Buch mehr Tiefe verliehen. Wie zum Beispiel Wills Erinnerung daran, dass Mary Anne gerade das Lieblingsstofftier ihres sechsjährigen Sohnes spendet, als eine ihrer Studentinnen Spielzeug für ein Waisenhaus sammelt. Als er sie nun Jahrzehnte später auf den „Tod“ von Turtle, der Riesenschildkröte, anspricht, gibt sie ehrlich zu: „You had so many stuffed animals! I didn’t really think about it. But I also didn’t give any thought to what we were going to tell you.“ (S. 87)

Vielleicht wollte der Autor auch noch nach dem Tod der Mutter ihre Privatsphäre respektieren, das sorgt aber leider für eine gewisse Beliebigkeit, wenn man eben kein begnadeter Biografienschreiber ist, zumal er sich sicherlich oft nur noch auf seine Erinnerungen berufen kann, da er nicht jedes Wort mitprotokolliert haben dürfte.

Mom went on to tell me, as we sat there, that she really believed your personal life was personal. Secrets, she felt, rarely explained or excused anything in real life, or were even all that interesting. People shared too much, she said, not too little. She thought you should be able to keep your private life private for any reason or no reason. (S. 58)

Das Buch hat aber auch eine große Stärke: Eine zweifelsohne faszinierende Hauptperson: Nicht nur ihr beruflicher Lebenslauf und ihre vielfältigen sozialen Engagements, ihre Reisen in die Flüchtlingslager der Welt, ihre Rolle als Ehefrau und Mutter und nicht zuletzt auch Leserin wären allein schon Stoff genug für ein Buch.

Vor allem eines hat mich aber beeindruckt und nachdenklich gemacht: Weder lamentiert sie, nachdem sie die Diagnose erhalten hat, noch verfällt sie in Selbstmitleid. Weder hadert sie pausenlos mit dem Schicksal noch kreiselt sie nur noch um sich und ihren Gesundheitszustand. Stattdessen kümmert sie sich um ihre Projekte, pflegt ihre zahlreichen Freundschaften, gewinnt neue Freunde, nimmt Anteil am Leben ihrer Kinder und Enkelkinder, ist dankbar für das, was sie hat, betet, liest, reist, solange es eben geht, und bis zum Schluss bleibt ihr Horizont herrlich weit. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, weshalb ich das Buch keinesfalls als auf „die Tränendrüse drückend“ empfunden habe. Ganz im Gegenteil.

Aus literarischer Sicht hätte ich mir so ein Buch als Autobiografie oder von einem Außenstehenden gewünscht, sodass ihre eigene Stimme deutlicher zu hören gewesen wäre. So bleibt das Buch eine merkwürdige Mischung aus sorgfältig ausgewählten Erinnerungsstücken, Nabelschau des Sohnes und einer Biografie, die bewusst wesentliche Teile ausklammert. Wills Geschwister und der Ehemann der Verstorbenen spielen nur am Rande eine Rolle. Und auch wie Mary Anne als Christin mit dem eigenen Sterben zurande kommt, erschließt sich eher indirekt, indem wir z. B. erfahren, welche Bücher und Menschen ihr geholfen und gut getan haben. Nur an den wenigen Stellen, an denen wir glauben, sie direkt zu hören, gewinnt das Buch eine Eindrücklichkeit, die mir den Menschen Mary Anne Schwalbe wirklich näher gebracht hat. So heißt es bei der ersten Präsidentschaftskandidatur Obamas:

She told all of us that if Obama didn’t win, she was leaving the country, cancer or no. (S. 190)

Sie geht vorbereitet: Selbst den Text für die Karten hat sie bereits formuliert, mit denen ihre Familie sich für die zu erwartende Kondolenzpost bedanken soll, und benutzen möge die Familie dazu bitte blaue Tinte, keine schwarze.

‚The black is too somber.‘ (S. 171)

Anmerkungen

Am Ende findet sich eine Liste mit all den Titeln, die Mutter und Sohn gelesen haben. Darunter sind natürlich eine Reihe von Büchern, die man sich selbst sofort auf die Wunschliste setzen kann.

Schließen möchte ich mit einem Fazit Will Schwalbes:

We’re all in the end-of-your-life book club, whether we acknowledge it or not; each book we read may well be the last, each conversation the final one. (S. 281)

Eine faire, aber zu Recht kritische Rezension von Christopher R. Beha findet sich in der New York Times.

Deborah Moggach: The Best Exotic Marigold Hotel (2004)

Muriel Donnelly, an old girl in her seventies, was left in a hospital cubicle for forty-eight hours. She had taken a tumble in Peckham High Street and was admitted with cuts, bruises and suspected concussion. Two days she lay in A & E, untended, the blood stiffening on her clothes. It made the headlines. TWO DAYS! screamed the tabloids.

So beginnt der doch sehr kitschbehaftete Roman These Foolish Things (2004) von Deborah Moggach, der später auch unter dem Titel der Verfilmung The Best Exotic Marigold Hotel wurde.

Eine Reihe britischer Pensionäre macht sich – aus den unterschiedlichsten Gründen – auf den Weg nach Indien, um dort in einem ehemaligen Hotel statt in heruntergewirtschafteten englischen Altersheimen ihren Lebensabend zu verbringen.

Muriel, die zwei Tage ohne Behandlung in einem Londoner Krankenhaus ausharren musste (weil sie sich weigerte, sich von einem „Darkie“ behandeln zu lassen), hofft, dort ihren Sohn zu finden, der wegen krimineller Machenschaften untergetaucht ist. Andere wiederum glauben, dass in Indien das Klima angenehmer und vor allem wärmer sei. Manch einem ist das England der Gegenwart auch fremd und bedrohlich geworden, während ein weiterer seinen Kindheitserinnerungen nachgehen möchte.

Und nicht zuletzt: Die Lebenshaltungskosten sind in Indien wesentlich günstiger als in Großbritannien, auch wenn man dann dafür in Kauf nehmen muss, dass die angebliche Krankenschwester eigentlich nur eine medizinische Fußpflegerin ist.

Letztendlich führt sie alle auch die Einsamkeit so weit weg von ihrem bisherigen Zuhause. Den erwachsenen Kindern will  man nicht zur Last fallen oder sie leben in der ganzen Welt verstreut, falls man überhaupt welche hat, doch die meisten der alten Herrschaften sind verwitwet oder geschieden, fühlen sich ungeliebt, nicht mehr gebraucht, ja unsichtbar.

Fazit

Das Buch stellt einem zwar die unbequeme Frage, wie man wohl selbst seinen Lebensabend verbringen wird. Doch für die meisten von uns wird die Antwort wahrscheinlich nicht so zuckersüß ausfallen.  Und dass sich viele Fragen lösen, neue Lieben entstehen und der vermisste Sohn dann ausgerechnet durch unglaubwürdige Handlungsverrenkungen just an Weihnachten vor der Tür steht, ist wirklich nur für hartgesottene Kitschfans zu ertragen.

Allerdings gibt es einige durchaus treffende Seitenhiebe auf die unerfreulichen Entwicklungen in der britischen Gesellschaft: Rassismus, fehlende Integration, Kriminalität, die Einsamkeit im Alter. Leider werden die indischen Protagonisten entweder als fremdartig, unverständlich oder als kindlich und alles Britische anhimmelnd gezeichnet.

Doch auch wenn die Charaktere blass bleiben, selbst die zaghafte Ironie ändert daran nichts – als Film ist das vielleicht eher zu ertragen, zumal sie erstklassige Schauspieler engagiert haben, so ein Gute-Laune-Film, bei dem es wahrscheinlich nicht schlimm ist, dass man sich nicht immer streng an der Handlung des Buches orientiert hat.

Übrigens hat die Autorin ganz ernsthaft dafür plädiert, die Alten „outzusourcen“, z. B. nach Indien, da das einfach günstiger sei und wir schließlich alle so fürchterlich lange leben. Erste Projekte in diese Richtung gibt es inzwischen.

Fundstück aus der ZEIT

Ein Fundstück aus der ZEIT

London. U-Bahn-Haltestelle Westminster. Ein altes Ehepaar betritt das Abteil. Beide mindestens 90, sie gebückt und am Stock gehend, er zitternd und mit Hut. Sie halten sich an den Händen. Wie auf Kommando erheben sich alle Leute von ihren Plätzen. Die Alten nicken dankend und setzen sich mühsam. Er nimmt den Hut ab. Schaut versonnen lächelnd in die Runde. Dann beugt er sich zu seiner Frau, küsst sie auf die Wange und sagt seufzend: „We must look old, my dear.“

Leserzuschrift von Hannah Ruhm, 12. Mai 2010

Kjersti A. Skomsvold: Je schneller ich gehe, desto kleiner bin ich (OA 2009)

Ich habe schon immer gern Dinge zu Ende gebracht. Ohrenwärmer, Winter, Frühjahr, Sommer, Herbst. Epsilons Berufsleben. Die Sachen erledigt. Diese Ungeduld hatte Folgen, als Epsilon mir einmal eine Orchidee zum Geburtstag schenkte. Sie war nicht gerade mein größter Wunsch gewesen, ich habe nie verstanden, was die Leute an Blumen finden, die ohnehin eines Tages verwelken. Am meisten wünschte ich mir, dass Epsilon in Rente ginge.

Mit diesen Sätzen beginnt Je schneller ich gehe, desto kleiner bin ich, der Debütroman der Norwegerin Kjersti A. Skomsvold (*1979). Ins Deutsche übertragen wurde er von Ursel Allenstein.

Ein kleiner Roman von 142 Seiten um die ältere, leicht verschroben wirkende Mathea, die nach dem Tod des geliebten Mannes vor Einsamkeit schier vergeht und sich fragt, wie sie die Angst vor dem Sterben loswerden kann.

Nach der Lektüre bin ich mir unschlüssig, ob ich über Alterseinsamkeit so einen skurril verbrämten Text lesen möchte. Ob das nicht doch wieder trivial und zu zuckrig ist.

Aber ein erstaunliches Debüt ist das allemal:

Ich muss mich schrittweise mehr und mehr mit dem Tod konfrontieren, allerdings ohne zu weit zu gehen. Mir ist sehr wohl bewusst, dass es ein feiner Balanceakt ist, aber am Ende möchte ich damit leben können, sterben zu müssen.