Einer dieser Zufälle beim Lesen: Nachdem ich The Spring Begins von Katherine Dunning von 1934 gelesen hatte, in dem es u. a. um das Leben zweier Dienstmädchen ging, deren Leben sich in engen finanziellen und sozialen Rahmenbedingungen abspielte, erstand ich eine gebrauchte Ausgabe von Dienstmädchen für ein Jahr der norwegischen Autorin Sigrid Boo (1898 – 1953).
In den fünfziger Jahren erschien eine deutsche Ausgabe unter dem Titel Wir die den Küchenweg gehen, später kam das Buch dann als Die Diamantenwette heraus.
Die dritte deutsche Ausgabe erschient 2025 in der von Magda Birkmann und Nicole Seifert herausgegebenen Reihe rororo Entdeckungen im Rowohlt Verlag in der Übersetzung von Gabriele Haefs. Im Vorwort dieser Ausgabe heißt es, dass das Buch bei seinem Erscheinen in Norwegen gleich ein großer Erfolg war. In den ersten drei Monaten wurden bereits 60.000 Exemplare verkauft. Verfilmt wurde der Roman ebenfalls, sogar in Amerika.
Die Ich-Erzählerin, die junge Helga aus reichem Fabrikantenhaushalt, lässt sich von ihrem Quasi-Freund zu einer Wette provozieren:
‚Ich wette einen Diamantring, dass du es nicht schaffst, ein Jahr lang für andere zu arbeiten und von deinem Lohn zu leben!‘
‘Abgemacht!‘, sagte ich mit einem Nachdruck, der zum Ernst des Augenblicks passte. ‚Die Wette gilt!‘ (S. 18)
Dabei sind ihre Voraussetzungen denkbar ungünstig, hat die lebenslustige und verwöhnte junge Frau doch bisher die Haushaltsführung ihrer Tante überlassen und sich ansonsten auf ihr Hausmädchen verlassen, das hinter ihr hergeräumt hat.
Helga ging mir mit ihrem Ton, den andere Leserinnen vermutlich als charmant und keck empfanden, sehr zügig auf die Nerven:
Ganz ehrlich – ich war in einer absolut unterirdischen Stimmung. So eine Stimmung erlaubte ich mir nicht gerade häufig. Meine Güte, man hatte schließlich gelernt, lächelnd durchs Leben zu gehen. Das Leben ist ein Jammertal – diese Tatsache darf man nicht zu schwer nehmen. Aber irgendwo muss auch mal Schluss sein! Wenn sich das Dasein dermaßen ärgerlich gestaltet wie an diesem Tag, ist es komplett unmöglich, sich nichts anmerken zu lassen.
Es fing beim Frühstück damit an, dass Vater erklärte, ich müsse meine geplante Reise nach Paris erst einmal aufschieben und mir etwas Billigeres suchen, eine so große Ausgabe komme ihm gerade ungelegen.
‚An Paris können wir dann im Frühling denken‘, sagte er. Über den nächsten Frühling sprechen, wenn doch gerade mal Juli war? Ist das nicht typisch für verknöcherte Väter? Nächstes Jahr – da wäre ich doch uralt! […]
Tatsächlich hatte Vater es sich in letzter Zeit zur Gewohnheit gemacht – ich würde es Unsitte nennen -, über Geld und Ausgaben und darüber zu reden, was man sich leisten kann und was nicht. Das war überaus anstrengend und wie jetzt im Fall meiner Reise nach Paris absolut irritierend. Ich weiß auch, dass Geld nicht auf den Bäumen wächst – ich habe nicht umsonst eine hervorragende Abiturarbeit zum Thema ‚Die Wirtschaftskrise nach dem Krieg‘ geschrieben -, aber ich wäre doch, ehrlich gesagt, nie auf die Idee gekommen, dass ausgerechnet ich mich jemals mit einer Wirtschaftskrise befassen müsste! Und nie hätte mir eine solche Beschäftigung weniger willkommen sein können als jetzt, wo ich nach überstandenem Abitur ins Ausland reisen wollte, wie es doch Sitte ist, um mich zu amüsieren und zugleich irgendein kleines künstlerisches Talent zu entwickeln. (S. 7/8)
Als Helga sich am selben Tag mit ihren Freundinnen und Freunden trifft, kommt es also zu besagter Wette und tatsächlich tritt sie kurz darauf unter falschem Namen ihre erste Stelle in Oslo an. In langen Briefen an ihre Freundin Grete erzählt sie, wie es ihr bei der Ausübung ihrer neuen und ungewohnten Pflichten ergeht. Doch Familie Lisby erweist sich als eher ungeeigneter Arbeitgeber und mehr als einmal muss Helga mit ihrem eigenen Notgroschen den Lisbys aushelfen, andernfalls wären einige Mahlzeiten einfach komplett ausgefallen. Schon nach wenigen Wochen kündigt sie.
Ihre zweite Stelle führt sie auf das Gut Vinger der Familie Bech. Am Bahnhof wird sie von Hans, dem Chauffeur, abgeholt.
Der Chauffeur sah fast so gut aus wie das Auto. Er sah so gut aus, dass er eigentlich gar nicht frei herumlaufen dürfte. Aber redselig war besagter Herr nicht. […] Man kann sich durchaus ein bisschen ärgern, wenn man dasitzt und die bezauberndsten Seitenblicke und das ebenso bezaubernde Silberlachen vergeudet, ohne die Aufmerksamkeit des anderen auch nur für einen Augenblick vom Lenkrad losreißen zu können. Eigentlich wäre es für mich schmeichelhafter gewesen, wenn wir im Straßengraben gelandet wären. […] Vermutlich haben die Frauen ihn verdorben, ein Mann wandelt nicht ungestraft mit meerblauen Augen in einem Gesicht aus echter Bronze durch das Leben! (S. 49/50)
Und so geht die Geschichte ihren erwartbaren Gang, Helga lernt täglich Neues, besonders von der dicken Köchin Laurense.
Wir haben nun langsam mit den Weihnachtsvorbereitungen begonnen. Ein ganzes Schwein ist bereits geschlachtet worden. Ich wusste rein gar nichts über die Dinge, die mit Schweinefleisch zu tun haben, aber jetzt weiß ich fast zu viel darüber, um überhaupt noch Appetit zu entwickeln. Der Geruch der frischen Bratwürste verfolgt mich noch immer. Nächste Woche fangen wir mit dem Backen an. (S. 76)
Zwischendurch hat sie natürlich immer mal wieder Angst, dass ihre wahre Herkunft auffliegt, z. B. wenn sie zufällig in Kleidung ertappt wird, die für ein Dienstmädchen viel zu fein und viel zu teuer ist. Oder wenn ein Bekannter ihrer Familie plötzlich als Gast auf Gut Vinger weilt. Da muss dann rasch gehandelt bzw. in Ohnmacht gefallen werden.
Eigentlich ist aber alles, selbst die gemeinsame Schlafkammer mit Laurense unter dem Dachboden, ein großer Spaß für sie, der ja von vornherein zeitlich begrenzt ist und den sie jederzeit beenden kann.
Ich finde, das macht alles durchaus Spaß. Bei körperlicher Arbeit ist es so, dass man das lebhafte Gefühl hat, eine Kraft zu sein, die die Dinge verändern kann. Da komme ich zum Beispiel am Morgen nach einer Abendgesellschaft nach unten. Die Zimmer könnten kaum ungemütlicher sein, stickig, schmutzig, aber es steht in meiner Macht, sie in den einladendsten Aufenthaltsort zu verwandeln, den man sich überhaupt nur vorstellen kann. Es ist geradezu das Werk einer Schöpferin. […] Ach, man entwickelt eine solche Zuneigung zu dem Boden, den man eigenhändig putzt! […] Natürlich ist es immer und immer wieder dasselbe, aber das merkt man nur, wenn man schlechter Laune ist, was also nicht zu häufig der Fall sein sollte. (S. 76)
Die Verdächtigungen, denen die Bediensteten schnell ausgesetzt sind, oder die körperliche Anstrengung, die die harte Arbeit beispielsweise für Laurense bedeutet, dienen Helga einfach als nettes Material für ihre Briefe an Grete.
Das erste, was Laurense tut, nachdem sie abends die vielen Treppen hochgekeucht ist, ist, sich von Bändern und Panzern und Zwängen zu befreien. Die Schuhe werden von den Füßen gestreift, das Kleid aufgeknöpft und das Korsett aufgehakt. Dann schnauft sie wie ein Wal, erleichtert und froh. (S. 59)
Sie findet es nicht besonders ungehörig, als ein amerikanischer Geschäftsfreund des Gutsbesitzers ihr, als sie zufällig allein irgendwo sind, in die Haare greift, vermutlich weil sie sich, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen, ein solches Verhalten sofort hätte verbitten können.
Ich finde es abenteuerlich, einen Mann zu kennen, der in Kansas City geboren ist und jetzt in Tampa, Florida, wohnt. Ob ich wohl eines Tages etwas von der Welt sehen werde? Es ist jedenfalls ein schöner Gedanke, dass die so groß und vielfältig ist. Aus dieser Perspektive gesehen, scheint die eigene Person fast zu verschwinden, und das tun auch unsere Sorgen und Kümmernisse. (S. 77)
Selbstverständlich ist auch Gut Vinger von einem großen Park und Garten umgeben:
Die fremden Bäume sind von schöner Form, sie haben eine prachtvolle Silhouette, aber sie stehen düster und bewegungslos da, während Birke und Ahorn und Linde und Traubenkirsche und Buche mit Sonne und Wind spielen und mit ihrem Laub das Licht sieben. (S. 163)
Helga wird nachdenklicher, aufmerksamer und erwachsener und baut allmählich eine Beziehung zu dem schönen Hans auf, der – was für ein Glück – eigentlich nur deshalb als Chauffeur arbeitet, um sich so sein Ingenieursstudium finanzieren zu können.
Oberflächlich betrachtet, sind wir so verschieden wie Nacht und Tag, aber diese Unterschiede reichen nicht sehr tief. Wir haben so ungefähr die gleichen Einstellungen, lachen über dasselbe, sind gerührt von demselben, ärgern uns über dasselbe. (S. 194)
Sie öffnet sich für besondere Momente und legt in diesem Jahr den Grundstein dafür, eine gute Hausfrau zu werden, die sich deshalb aber sicherlich nicht ihre Lebenslust nehmen lässt.
Wenn ich in die Hocke gehe, sehe ich durch die Blätter in die kleine Welt [einer ahornblättrigen Platane], und jedes Mal habe ich das Gefühl, an einem glücklichen Wissen teilzuhaben. Die Zweige zeichnen sich kräftig ab, die Blätter elfenleicht, vor einem blassblauen Himmelsboden, und über das Ganze ergießt sich ein rosafarbenes Licht. Ab und zu brausen die Blätter im Sonnenwind, ein Brausen, das an das Meer erinnert, und für einen Moment verstehe ich gewissermaßen alles. Es ist eine Verzückung, die nur den Bruchteil einer Sekunde anhält, aber sie bedeutet auch den Höhepunkt aller Empfindungen und Gefühle. Im nächsten Augenblick ist es vorbei, und man begreift eigentlich nicht, was man eben noch begriffen hat. […] Es ist bestimmt allgemein menschlich und kann von tausend anderen Dingen als einer ahornblättrigen Platane in der Morgensonne hervorgerufen werden. Aber ach – ach ist ein hoffnungslos altmodisches Wort, aber in diesem Zusammenhang muss ich es benutzen! -, ach, dass man dieses wunderbare Wissen, das man fast schon im Griff hatte, niemals erreichen kann! (S. 187)
Gegen Ende, nachdem Helga nicht mehr so überdreht ist und das Universum nicht mehr ausschließlich als Garant für ihr persönliches Vergnügen sieht, wird sie mir fast noch sympathisch. Aber einen dauerhaften Regalplatz wird dieser Unterhaltungsroman bei mir wohl nicht bekommen, dafür ist dann alles doch ein wenig zu vorhersehbar.
Es sind keine quälenden Gefühle, aber ab und zu, wenn ich allein bin, kann ich eine vage Trauer um das empfinden, was für immer fort ist. Es wird sicher wieder einen Frühling geben, aber der Frühling, der vergangen ist, kehrt niemals zurück, die Zukunft kann vieles in ihrem Schoß bergen, aber ich werde nie wieder zwanzig sein, der Fluss fließt und fließt ohne Unterlass, und man selbst ist wie die kleine Welle, die sich für eine Zehntelsekunde erhebt, um dann unter anderen Wellenkämen zu verschwinden. (S. 251)

























