Sigrid Boo: Dienstmädchen für ein Jahr (1930)

Einer dieser Zufälle beim Lesen: Nachdem ich The Spring Begins von Katherine Dunning von 1934 gelesen hatte, in dem es u. a. um das Leben zweier Dienstmädchen ging, deren Leben sich in engen finanziellen und sozialen Rahmenbedingungen abspielte, erstand ich eine gebrauchte Ausgabe von Dienstmädchen für ein Jahr der norwegischen Autorin Sigrid Boo (1898 – 1953).

In den fünfziger Jahren erschien eine deutsche Ausgabe unter dem Titel Wir die den Küchenweg gehen, später kam das Buch dann als Die Diamantenwette heraus.

Die dritte deutsche Ausgabe erschient 2025 in der von Magda Birkmann und Nicole Seifert herausgegebenen Reihe rororo Entdeckungen im Rowohlt Verlag in der Übersetzung von Gabriele Haefs. Im Vorwort dieser Ausgabe heißt es, dass das Buch bei seinem Erscheinen in Norwegen gleich ein großer Erfolg war. In den ersten drei Monaten wurden bereits 60.000 Exemplare verkauft. Verfilmt wurde der Roman ebenfalls, sogar in Amerika.

Die Ich-Erzählerin, die junge Helga aus reichem Fabrikantenhaushalt, lässt sich von ihrem Quasi-Freund zu einer Wette provozieren:

‚Ich wette einen Diamantring, dass du es nicht schaffst, ein Jahr lang für andere zu arbeiten und von deinem Lohn zu leben!‘

‘Abgemacht!‘, sagte ich mit einem Nachdruck, der zum Ernst des Augenblicks passte. ‚Die Wette gilt!‘ (S. 18)

Dabei sind ihre Voraussetzungen denkbar ungünstig, hat die lebenslustige und verwöhnte junge Frau doch bisher die Haushaltsführung ihrer Tante überlassen und sich ansonsten auf ihr Hausmädchen verlassen, das hinter ihr hergeräumt hat.

Helga ging mir mit ihrem Ton, den andere Leserinnen vermutlich als charmant und keck  empfanden, sehr zügig auf die Nerven:

Ganz ehrlich – ich war in einer absolut unterirdischen Stimmung. So eine Stimmung erlaubte ich mir nicht gerade häufig. Meine Güte, man hatte schließlich gelernt, lächelnd durchs Leben zu gehen. Das Leben ist ein Jammertal – diese Tatsache darf man nicht zu schwer nehmen. Aber irgendwo muss auch mal Schluss sein! Wenn sich das Dasein dermaßen ärgerlich gestaltet wie an diesem Tag, ist es komplett unmöglich, sich nichts anmerken zu lassen. 

Es fing beim Frühstück damit an, dass Vater erklärte, ich müsse meine geplante Reise nach Paris erst einmal aufschieben und mir etwas Billigeres suchen, eine so große Ausgabe komme ihm gerade ungelegen. 

‚An Paris können wir dann im Frühling denken‘, sagte er. Über den nächsten Frühling sprechen, wenn doch gerade mal Juli war? Ist das nicht typisch für verknöcherte Väter? Nächstes Jahr – da wäre ich doch uralt! […]

Tatsächlich hatte Vater es sich in letzter Zeit zur Gewohnheit gemacht – ich würde es Unsitte nennen -, über Geld und Ausgaben und darüber zu reden, was man sich leisten kann und was nicht. Das war überaus anstrengend und wie jetzt im Fall meiner Reise nach Paris absolut irritierend. Ich weiß auch, dass Geld nicht auf den Bäumen wächst – ich habe nicht umsonst eine hervorragende Abiturarbeit zum Thema ‚Die Wirtschaftskrise nach dem Krieg‘ geschrieben -, aber ich wäre doch, ehrlich gesagt, nie auf die Idee gekommen, dass ausgerechnet ich mich jemals mit einer Wirtschaftskrise befassen müsste! Und nie hätte mir eine solche Beschäftigung weniger willkommen sein können als jetzt, wo ich nach überstandenem Abitur ins Ausland reisen wollte, wie es doch Sitte ist, um mich zu amüsieren und zugleich irgendein kleines künstlerisches Talent zu entwickeln. (S. 7/8)

Als Helga sich am selben Tag mit ihren Freundinnen und Freunden trifft, kommt es also zu besagter Wette und tatsächlich tritt sie kurz darauf unter falschem Namen ihre erste Stelle in Oslo an. In langen Briefen an ihre Freundin Grete erzählt sie, wie es ihr bei der Ausübung ihrer neuen und ungewohnten Pflichten ergeht. Doch Familie Lisby erweist sich als eher ungeeigneter Arbeitgeber und mehr als einmal muss Helga mit ihrem eigenen Notgroschen den Lisbys aushelfen, andernfalls wären einige Mahlzeiten einfach komplett ausgefallen. Schon nach wenigen Wochen kündigt sie.

Ihre zweite Stelle führt sie auf das Gut Vinger der Familie Bech. Am Bahnhof wird sie von Hans, dem Chauffeur, abgeholt.

Der Chauffeur sah fast so gut aus wie das Auto. Er sah so gut aus, dass er eigentlich gar nicht frei herumlaufen dürfte. Aber redselig war besagter Herr nicht. […] Man kann sich durchaus ein bisschen ärgern, wenn man dasitzt und die bezauberndsten Seitenblicke und das ebenso bezaubernde Silberlachen vergeudet, ohne die Aufmerksamkeit des anderen auch nur für einen Augenblick vom Lenkrad losreißen zu können. Eigentlich wäre es für mich schmeichelhafter gewesen, wenn wir im Straßengraben gelandet wären. […] Vermutlich haben die Frauen ihn verdorben, ein Mann wandelt nicht ungestraft mit meerblauen Augen in einem Gesicht aus echter Bronze durch das Leben! (S. 49/50)

Und so geht die Geschichte ihren erwartbaren Gang, Helga lernt täglich Neues, besonders von der dicken Köchin Laurense.

Wir haben nun langsam mit den Weihnachtsvorbereitungen begonnen. Ein ganzes Schwein ist bereits geschlachtet worden. Ich wusste rein gar nichts über die Dinge, die mit Schweinefleisch zu tun haben, aber jetzt weiß ich fast zu viel darüber, um überhaupt noch Appetit zu entwickeln. Der Geruch der frischen Bratwürste verfolgt mich noch immer. Nächste Woche fangen wir mit dem Backen an. (S. 76)

Zwischendurch hat sie natürlich immer mal wieder Angst, dass ihre wahre Herkunft auffliegt, z. B. wenn sie zufällig in Kleidung ertappt wird, die für ein Dienstmädchen viel zu fein und viel zu teuer ist. Oder wenn ein Bekannter ihrer Familie plötzlich als Gast auf Gut Vinger weilt. Da muss dann rasch gehandelt bzw. in Ohnmacht gefallen werden.

Eigentlich ist aber alles, selbst die gemeinsame Schlafkammer mit Laurense unter dem Dachboden, ein großer Spaß für sie, der ja von vornherein zeitlich begrenzt ist und den sie jederzeit beenden kann.

Ich finde, das macht alles durchaus Spaß. Bei körperlicher Arbeit ist es so, dass man das lebhafte Gefühl hat, eine Kraft zu sein, die die Dinge verändern kann. Da komme ich zum Beispiel am Morgen nach einer Abendgesellschaft nach unten. Die Zimmer könnten kaum ungemütlicher sein, stickig, schmutzig, aber es steht in meiner Macht, sie in den einladendsten Aufenthaltsort zu verwandeln, den man sich überhaupt nur vorstellen kann. Es ist geradezu das Werk einer Schöpferin. […] Ach, man entwickelt eine solche Zuneigung zu dem Boden, den man eigenhändig putzt! […] Natürlich ist es immer und immer wieder dasselbe, aber das merkt man nur, wenn man schlechter Laune ist, was also nicht zu häufig der Fall sein sollte. (S. 76)

Die Verdächtigungen, denen die Bediensteten schnell ausgesetzt sind, oder die körperliche Anstrengung, die die harte Arbeit beispielsweise für Laurense bedeutet, dienen Helga einfach als nettes Material für ihre Briefe an Grete.

Das erste, was Laurense tut, nachdem sie abends die vielen Treppen hochgekeucht ist, ist, sich von Bändern und Panzern und Zwängen zu befreien. Die Schuhe werden von den Füßen gestreift, das Kleid aufgeknöpft und das Korsett aufgehakt. Dann schnauft sie wie ein Wal, erleichtert und froh. (S. 59)

Sie findet es nicht besonders ungehörig, als ein amerikanischer Geschäftsfreund des Gutsbesitzers ihr, als sie zufällig allein irgendwo sind, in die Haare greift, vermutlich weil sie sich, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen, ein solches Verhalten sofort hätte verbitten können.

Ich finde es abenteuerlich, einen Mann zu kennen, der in Kansas City geboren ist und jetzt in Tampa, Florida, wohnt. Ob ich wohl eines Tages etwas von der Welt sehen werde? Es ist jedenfalls ein schöner Gedanke, dass die so groß und vielfältig ist. Aus dieser Perspektive gesehen, scheint die eigene Person fast zu verschwinden, und das tun auch unsere Sorgen und Kümmernisse. (S. 77)

Selbstverständlich ist auch Gut Vinger von einem großen Park und Garten umgeben:

Die fremden Bäume sind von schöner Form, sie haben eine prachtvolle Silhouette, aber sie stehen düster und bewegungslos da, während Birke und Ahorn und Linde und Traubenkirsche und Buche mit Sonne und Wind spielen und mit ihrem Laub das Licht sieben. (S. 163)

Helga wird nachdenklicher, aufmerksamer und erwachsener und baut allmählich eine Beziehung zu dem schönen Hans auf, der – was für ein Glück – eigentlich nur deshalb als Chauffeur arbeitet, um sich so sein Ingenieursstudium finanzieren zu können.

Oberflächlich betrachtet, sind wir so verschieden wie Nacht und Tag, aber diese Unterschiede reichen nicht sehr tief. Wir haben so ungefähr die gleichen Einstellungen, lachen über dasselbe, sind gerührt von demselben, ärgern uns über dasselbe. (S. 194)

Sie öffnet sich für besondere Momente und legt in diesem Jahr den Grundstein dafür, eine gute Hausfrau zu werden, die sich deshalb aber sicherlich nicht ihre Lebenslust nehmen lässt.

Wenn ich in die Hocke gehe, sehe ich durch die Blätter in die kleine Welt [einer ahornblättrigen Platane], und jedes Mal habe ich das Gefühl, an einem glücklichen Wissen teilzuhaben. Die Zweige zeichnen sich kräftig ab, die Blätter elfenleicht, vor einem blassblauen Himmelsboden, und über das Ganze ergießt sich ein rosafarbenes Licht. Ab und zu brausen die Blätter im Sonnenwind, ein Brausen, das an das Meer erinnert, und für einen Moment verstehe ich gewissermaßen alles. Es ist eine Verzückung, die nur den Bruchteil einer Sekunde anhält, aber sie bedeutet auch den Höhepunkt aller Empfindungen und Gefühle. Im nächsten Augenblick ist es vorbei, und man begreift eigentlich nicht, was man eben noch begriffen hat. […] Es ist bestimmt allgemein menschlich und kann von tausend anderen Dingen als einer ahornblättrigen Platane in der Morgensonne hervorgerufen werden. Aber ach – ach ist ein hoffnungslos altmodisches Wort, aber in diesem Zusammenhang muss ich es benutzen! -, ach, dass man dieses wunderbare Wissen, das man fast schon im Griff hatte, niemals erreichen kann! (S. 187)

Gegen Ende, nachdem Helga nicht mehr so überdreht ist und das Universum nicht mehr ausschließlich als Garant für ihr persönliches Vergnügen sieht, wird sie mir fast noch sympathisch. Aber einen dauerhaften Regalplatz wird dieser Unterhaltungsroman bei mir wohl nicht bekommen, dafür ist dann alles doch ein wenig zu vorhersehbar. 

Es sind keine quälenden Gefühle, aber ab und zu, wenn ich allein bin, kann ich eine vage Trauer um das empfinden, was für immer fort ist. Es wird sicher wieder einen Frühling geben, aber der Frühling, der vergangen ist, kehrt niemals zurück, die Zukunft kann vieles in ihrem Schoß bergen, aber ich werde nie wieder zwanzig sein, der Fluss fließt und fließt ohne Unterlass, und man selbst ist wie die kleine Welle, die sich für eine Zehntelsekunde erhebt, um dann unter anderen Wellenkämen zu verschwinden. (S. 251)

Katherine Dunning: The Spring Begins (1934)

Seit der Neuauflage des Romans The Spring Begins von Katherine Dunning (1900 – 1975) wird der Roman auf englischsprachigen Blogs begeistert besprochen. Er erschien ursprünglich 1934 und wurde, nachdem er Jahrzehnte lang vergriffen war, 2025 in der Reihe British Library Women Writers veröffentlicht. Eine deutsche Ausgabe ist mir nicht bekannt und bisher hat die Autorin noch nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag. 

Dabei wirkt das Werk, bedenkt man seine Entstehungszeit, überraschend modern. In den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts gab es in Großbritannien fast zwei Millionen mehr Frauen als Männer; eine der Folgen des Ersten Weltkrieges. Dabei waren viele Frauen von Erziehung und (fehlender) Ausbildung her oft kaum in der Lage, ihren eigenen Lebensunterhalt zu verdienen. Fand die Frau keinen Ehemann, blieb nur der Weg, als Küchenhilfe, Dienstmädchen, Köchin oder – bei besserer Bildung – als Lehrerin oder Gesellschafterin zu arbeiten. Und so sind es auch drei ledige Frauen, die im Mittelpunkt von Dunnings Roman stehen.

Da ist zum einen Lottie, das bezaubernd schöne Kindermädchen der reichen Kellaways, die ein standesgemäßes Haus in einem riesigen Grundstück mit angrenzendem Park und privatem Strandzugang besitzen. Neben ihr haben die Kellaways fünf weitere Indoor-Angestellte, dazu kommen noch Maxwell, der Chefgärtner, seine Untergebenen, Stallburschen und ein Chauffeur. Lottie kommt aus dem Waisenhaus und wird von „Nurse“, der verbitterten Amme des jüngsten Kellaway-Sprosses, tyrannisiert und mit Schauergeschichten über männliche Brutalität in Angst und Schrecken versetzt. 

Auch Maggie, das Küchenmädchen, gehört sozusagen zum Inventar dieses Haushalts, doch wo Lottie versucht, sich unsichtbar zu machen und ihren eigenen Körper zwischen Hals und Knien möglichst zu ignorieren, geht Maggie auf die Annäherungsversuche des Macho-Gärtners Maxwell ein, was für beide unerwartete Folgen mit sich bringt.

Bliebe als dritte ledige Frau noch Hessie Price, die einer „besseren“ Gesellschaftsschicht angehört und deshalb ein karges Auskommen als Gesellschafterin und Kindermädchen im Hause des Pfarrers findet. Sie lebt mit Schwester und Mutter in finanziell angespannten Verhältnissen. Mit einer Heirat als ihrem einziges Lebensziel, um dem trostlosen Leben mit ihrer fürchterlich bevormundenden Mutter endlich entfliehen zu können, steht sie sich selbst im Weg und füttert nur ihre zunehmende Verbitterung.

“I’ve got to go out, too. I promised Rosie Bates I’d call at her house this evening. She’s got a book…”

“What book, Hessie?”

“Oh, just a book.”

“Don’t read anything that isn’t nice, Hessie,” Mother said.

“Rosie said it was good.”

“Where did she get it – from the Young Women’s Library? Can you remember its title?”

Supposing she screamed now. Just dropped the plates and opened her mouth and screamed. Hessie bit her under lip as she ran out into the kitchen. She laid the plates with a clatter onto the draining-board by the sink, and pressed her hands to her head. How could she live through Hilda’s wedding, and afterwards, too? Evenings alone with Mother, while Hilda sat with her husband, and afterwards Hilda and Albert went upstairs together. Hilda would be a wife, a married woman. (S. 145/146)

Doch ihre Hoffnung auf eine eigene Hochzeit und das Ansehen, das ihr die Stellung als verheiratete Frau geben würde, wird ein Traum bleiben. Sie ist schon 36, sieht nicht besonders gut aus und hat auch kein Geld, das einen Mann vielleicht über ihr Aussehen hinwegtrösten könnte. Im Gegenteil, ihre verzweifelt-illusionären Versuche, Kontakte mit dem anderen Geschlecht zu knüpfen, sind so offensichtlich, dass alle vor ihrer Zudringlichkeit nur die Flucht ergreifen oder sie gleich ganz verachten.

Perhaps if there had been no war to rob the world of lovers for women of her age, she would not be living this lonely unnatural spinster life now. For all her plainness, her unloveliness she would have made some man a good wife. She would have cooked for him, she would have borne children gladly, she would habe been normal and happy, but instead of all that she was growing sick and perverted from years and years of repressing all the natural hungers of her mind and body. (S. 223)

Besonders schlimm für Hettie wird es, als ihre Schwester Hilda sich tatsächlich verlobt, die Hochzeitsvorbereitungen an Fahrt aufnehmen und Hilda auf einmal von ihrer Mutter mit ganz neuem Respekt behandelt wird.

In diesem Frühling, der dem Buch seinen Namen gab, begleiten wir also diese drei so unterschiedlichen Frauen, die bei Jane Austen und anderen Autorinnen sozusagen immer nur kurz den Gang entlang huschen, hier aber ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit gerückt werden. Das liest man mit Anteilnahme, besonders deshalb, weil wir ihren unzensierten Gedanken und Selbstgesprächen zuhören können; auch wenn mir die Blumen, das Wasser, die Bäume, der Wind und das Licht manchmal ein wenig viel der Poesie waren.

Every window in the nursery was open and the sunblinds were out – fine green rush blinds that rolled and unrolled with a gentle rustle. A narrow strip of sunlight lay on the floor, it lay there with a strong smooth complacency. The green of the blinds shone yellow. (S. 67)

Die Männerfiguren waren – im Gegensatz zu den fein gezeichneten Frauen – überraschend eindimensional.

She was late bringing the children in for lunch and they had to hurry across the hot still garden where the flowers stood dignified and resigned in the intense sunshine. The garden had changed a lot lately, such different flowers were blooming there. The roses were out again, but their blooms had the air of experienced people now, they had lost that look of lovely startled surprise at their own fresh magnificence which had given their beauty such an intense, arresting quality earlier in the year. (S. 207)

Gegen Ende ihres Romans hatte Dunning dann wohl ein bisschen Angst vor ihrer eigenen Courage und so musste für alle drei Frauen ein Happy End oder zumindest eine akzeptable Wendung herbeigeschrieben werden, nicht alle davon waren schlüssig. 

Scott schreibt auf seinem Blog Furrowed Middlebrow sehr zutreffend:

These women, though acted upon by employers, neighbors, family members, and the sometimes degrading situations of their work, are, if not in control of their own destinies (surely no one is really that), at least primarily driven by their own desires and needs, which is unbelievably refreshing in a novel of this period. All three women, though completely different in their experiences, are allowed their dignity and their sense of themselves, even while frightened or threatened or driven nearly to hysteria. We know them, and know how they have come to where they are. Even Hessie, whose mind is the most agonizing to see inside, as she delusionally convinces herself of the desire and admiration of every man she meets, is fighting a rather noble battle to free herself from her mother’s repressive prudishness and class sensibility. 

Darüber hinaus spiegelt The Spring Begins eine Zeit, in der mittellose Frauen meist noch keine Ausbildung hatten oder, wenn sie arbeiten gingen, doch zu wenig verdienten, um davon in Würde leben zu können. Das ganze System war auf die finanzielle Versorgung durch Familie, Vater oder Ehemann ausgerichtet. Doch spätestens nach dem Ersten Weltkrieg begann das System, das ja auch in den Köpfen der Frauen verankert war, zu bröckeln und Abhilfe war noch nicht in Sicht.

From their different perspectives, Lottie, Maggie and Hessie all hope to find happiness in loving and being loved. All the perils of such a quest are here – vulnerability, disappointment, self-consciousness, lack of judgement – as well as the joys and fulfilment. (Alison Bailey in ihrem Vorwort)

 

 

Fundstück von John von Düffel

Dieses Buch beginnt

Mit einem Bild von diesem Buch

Wie es vor mir liegt

Ungeschrieben

Auf einem Holztisch

Neben einem Glas Wasser

In einer Kammer

Mit nichts als einem Stuhl

Und einem Bett

In aller Frühe

Die Seiten für die Stunden dieses Tages

Sind noch weiß

Es ist das Wenige, denke ich

Ich will mit dem Wenigen anfangen

Aus: John von Düffel: Das Wenige und das Wesentliche – ein Stundenbuch,Dumont, Köln 2022, S. 5

 

Robert Cedric Sherriff: Greengates (1936)

Nachdem mich R. C. Sherriffs (1896 – 1975) zwei Romane A Fortnight in September (1931) und The Hopkins Manuscript (1939), die unterschiedlicher ja kaum hätten sein können, schon so in ihren Bann gezogen hatten, war es nur eine Frage der Zeit, bis sein Roman Greengates von 1936 hier einziehen würde. In Deutsch erschien die erste Ausgabe 1936 unter dem Titel Grüne Gartentüren. Eine zweite Ausgabe Das neue Leben oder das Haus mit der grünen Gartentür wurde 1961 veröffentlicht. 2026 schließlich erschien im Unionsverlag eine neue Übersetzung von Rainer Moritz unter dem Titel Vor uns die Zeit.

Beim nächsten Mal würde ich die drei Bücher tatsächlich in der Reihenfolge ihres Erscheinens lesen. Immer dunkler und pessimistischer wird Sherriffs Sicht auf die Welt und die menschliche Natur. Ging es in A Fortnight in September noch um das kleine Glück im letzten gemeinsamen Urlaub einer Familie, bevor die zwei ältesten Kinder ihre eigenen Wege gehen werden, so ist der Protagonist von Greengates nicht länger der zufriedene Familienvater aus A Fortnight in September, der über das Vergehen der Zeit sinniert, sondern frisch pensionierter Versicherungsangestellter, der trotz bester Vorsätze an seinem Ruhestand und dem ständigen Zusammensein mit seiner Frau in ihrem alten und mit dunklen Möbeln vollgestellten Haus zu verzweifeln droht. 

Und in The Hopkins Manuscript erweist sich das Gespür des Autors für die Katastrophen, die noch kommen sollten, geht es doch darin um nichts weniger als die Ankündigung, dass der Mond seine Umlaufbahn verlassen hat und auf die Erde stürzen wird. Doch zurück zu Greengates.

Die Handlung beginnt damit, dass der 58-jährige Versicherungsangestellte Mr. Baldwin nach 41 Jahren in Rente geht. Zum Abschied bekommt er von seinen Kollegen eine Uhr, wie jeder der vor ihm verabschiedeten Mitarbeiter.

Auf die mehr oder weniger interessierten Nachfragen, wie er denn nun seine Zeit als „gentleman of leisure“ zu verbringen gedenke, weiß er nichts zu antworten.

Freedom – leisure: they were words for inspiration, and he was like an old canary with its cage door open, crouching on the furthest end of its perch. He had made no plans. If had thought of it at all he had rarely planned anything beyond an extra half hour in bed and a morning in the garden, but mostly he had put the matter uneasily from its mind. Retirement, he had told himself, could take care of itself when it came. It meant decay: the beginning of the end and he had no desire to premeditate it. (S. 18)

Kurzzeitig gibt sich Mr. Baldwin, dieser so unscheinbare Durchschnittsmensch, wilden Illusionen hin und sieht sich in Gedanken bereits als berühmter Hobby-Archäologe oder Vortragsredner zum Thema, wie man aktiv sein Alter gestalte.

He would show people that there was more to it than armchairs, slippers and memories. […] He would take stock of himself: then make his plans. ‘I‘ve a sound, clear brain: a tough, steady health, and no illusions. I know quite well that I am not a genius, but that is all to the good. If genius were to flame out at fifty-eight I would probably be certified. (S. 22)

Doch die Wirklichkeit sieht so aus, dass er die alten Werke zur Geschichte, die Jahrzehnte lang unbeachtet im Regal standen, gar nicht wirklich versteht und er und seine Frau Edith schon bald Schwierigkeiten haben, Gesprächsstoff zu finden, der für mehr als die wenigen Stunden Feierabend reichen muss.

Ohne es zu bemerken, stört er Ediths jahrelange Routinen und beansprucht den einzig bequemen Sessel im Wohnzimmer schon am Nachmittag, in dem seine Frau jeden Tag ihr Mittagsschläfchen gehalten hatte. Auch ihre Haushaltshilfe Agatha, die schon 67 ist, kann sich nur schwer mit den Veränderungen im Tagesablauf anfreunden und alle fangen an, sich gehörig auf die Nerven zu gehen. 

Es ist Sherriffs genau beobachtende, liebevoll-ironische und gleichzeitig wertschätzende Art und Weise, mit der er auf seine Allerweltsfiguren blickt, die uns so sehr hoffen lassen, dass Mr. Tom Baldwin und seine Edith doch noch aus ihre Rentnertristesse hinausfinden. Und ja, das tun sie. Und zwar mit Wumms.

Vielleicht ist ihr (Aus-)Weg nicht der unsere, aber ihr Mut, in ihrer für sie bedeutsamen und ja dennoch alltäglichen Situation im entscheidenden Augenblick alles auf eine Karte zu setzen, hat mir gefallen. Sehr sogar. 

Kleinere Längen fielen da nicht ins Gewicht, ärgerlicher waren da schon zwei maximal rassistische Aussagen eines Bekannten der Baldwins, die allerdings auch zeigten, wessen Geistes Kind dieser Mr. Van Doon ist. 

Jane Duncan: My Friends the Miss Boyds (1959)

1959 sorgte der Verlag MacMillan für eine Sensation, denn er kaufte auf einen Schlag die ersten sieben Romane der bis dahin ja völlig unbekannten Elizabeth Jane Cameron (1910 – 1976), die unter ihrem Pseudonym Jane Duncan Furore machte.

My Friends The Miss Boyds war das erste der von MacMillan verlegten Bücher und wurde ein großer Erfolg. Die deutsche Ausgabe Meine Freundinnen die Miss Boyds erschien 1961 im Paul Zsolnay Verlag (wobei die Übertragungen der schottischen Dialekteinsprengsel sicherlich eine Herausforderung waren).

Doch irgendwann änderte sich anscheinend der Lesegeschmack, Duncans Bücher wurden nicht länger aufgelegt und sind heute meist nur noch teuer oder abgeramscht in Antiquariaten zu bekommen. Ihr Erstling, der stark autobiografisch inspiriert ist, wurde allerdings anlässlich ihres 100. Geburtstags 2010 wieder aufgelegt und fiel mir – ohne dass ich wusste, was mir da der Zufall für ein Schätzchen in die Hände spielte – in einem winzigen Secondhand-Laden in Cromarty in die Augen.

In My Friends The Miss Boyds erzählt uns die zu Beginn der Geschichte achtjährige Janet Sandison von ihrem Leben auf Reachfar, dem abgelegenen Hof ihrer Eltern und Großeltern, auf der schottischen Halbinsel Black Isle. Das Ganze spielt gegen Ende des Ersten Weltkrieges.

Wir tauchen völlig ein in dieses Kinderleben, mit seinen Beobachtungen, Freundschaften und ersten Verunsicherungen, bei denen im Grunde die ganz großen Fragen verhandelt werden.

Janets Leben ist übersichtlich und sehr weit weg von der heutigen Reizüberflutung. Vater und Onkel arbeiten als Verwalter auf benachbarten Höfen, der Großvater ist neben Janets liebevoller Mutter der einzige, von dem sich die resolute Familienpatriarchin, Janets Großmutter, im Zweifelsfall etwas sagen lässt. Alle wichtigen Fragen erörtert die vorwitzige Janet mit ihren Freunden, ihrem jungen Onkel George und dem Arbeiter Tom. Begleitet wird sie meist von Fly, ihrem Border Collie.

Ihre Familie käme nie auf die Idee, der kleinen Janet Spielzeug zu schenken.

…. the view taken was that a normal child would play, anyhow, and that it was no more necessary to provide things for it to play with than it was to provide special equipment to make the lambs, calves and foals skip about the fields. The way to deal with a child, my family thought, was to stop it playing to excess and try to turn its energies into sensible, useful channels. My family found this quite difficult enough, without any special playing equipment. I cut a piece of the plough reins to make a skipping-rope and skipped when I was supposed to be cleaning the hen house; and I dressed Chickabird, my pet hen, in my grandmother‘s sun-bonnet and let her walk about the yard in it, so that my uncle said: ‚It made a fair ruination of the Ould Leddy‘s bonnet but you couldna but laugh when she wasna looking.‘ (S. 5)

Statt Spielzeug bekommt Janet aber etwas anderes, was ihr viel mehr bedeutet: Schreibwaren und Bücher, denn (Schul-)Bildung wird im Haushalt hochgehalten.

Von klein auf wird von ihr erwartet, dass sie zuverlässig und verantwortungsbewusst handelt.

Instead of being given toys, then, I was given animals, which carried with them a responsibility from me to them. My nursemaid was my dog Fly, and as soon as I could carry her dish I had to feed her myself every dinner-time. […] If a thing was mine I had to look after it or it was mine no longer. (S. 6)

Dennoch bringen sie ihre Tagträumereien und ihr naiver Wissensdurst öfter in Schwierigkeiten.

I did What I Was Told, mostly, and when I did not I got into Bother. As I remember it all, Bother in a variety of different forms caught up with me fairly often. (S. 9)

Es ist ein Leben in engem Kontakt mit den Tieren, wie z. B. den Schafen, Hühnern und den Arbeitspferden, die als eigenständige Individuen angesehen werden, oder Angus, dem Frettchen, mit dem Janet im Dorf bei Miss Tulloch auf Rattenjagd geht. Und wenn es tagelang geregnet hat, muss nach dem mehrere Kilometer langen Fußmarsch zur Schule schon mal irgendwo im Dorf trockene Kleidung für Janet deponiert werden.

Überhaupt eine klar geordnete Welt: Da gibt es sowohl den allseits verachteten Kleinganoven Jock Skinner, der keinen Zutritt zu den Häusern der Anständigen hat, als auch den paternalistischen Sir Torquil Daviot of Poyntdale. Sir Torquil ist zusammen mit seiner Gattin nicht nur der Gastgeber beim großen Erntedankfest, bei dem jede und jeder seinen Beitrag leistet, damit es für alle ein unvergessliches Fest wird. Er sorgt außerdem dafür, dass einmal im Jahr das Kohlenschiff kommt, um die Bewohner mit dem kostbaren Brennstoff zu versorgen (ein Höhepunkt im  Jahr, für den es sogar zwei Tage schulfrei gibt).

The coal boat did not bring coal alone. Indeed, it was one of these miracles of country organisation, in which, probably Sir Torquil had been the leading brain. The boat was a little tramp steamer […] her main cargo being the coal for the community, but she also carried the winter stocks for the grocer and general merchant, who was Miss Tulloch; for the drapery and general warehouse, who was Mrs Gilchrist, and for the ironmonger and seed merchant, who was Mr Dickson. In addition to this she would have some barrels and cases of bottles for the Plough Inn; maybe a new binder or some other piece of equipment for one of the farms; and one time she brought a beautiful brass bedstead, with the mattress, pillows and blankets done up in a waterproof bale, which was a present to old Granny Macintosh from her son who was doing very well in the police force in Glasgow. (S. 19/20)

Die eigentliche Handlung setzt ein, als Janet das erste Mal zu den neu hinzugezogenen Miss Boyds, ledigen Schwestern aus der Stadt, geschickt wird, um ihnen Eier zu bringen. Diese Miss Boyds machen so ziemlich alles falsch, was man als Neuankömmling in einer festen Dorfstruktur nur falsch machen kann. Nicht nur stellen sie allen ledigen Männern im Dorf nach, sie reden und kichern zu viel, wissen nicht, wie man sich bei Besuchen und Gegenbesuchen zu verhalten hat, und setzen durch ihr leichtsinniges Verhalten auch noch einen Schuppen in Brand. Sie werden eher ertragen und bespöttelt als wirklich integriert. Als eine der Boyd-Schwestern ungewollt schwanger wird, erweist sich, aus welchem Holz die Bewohner geschnitzt sind. Viele führen die Religion ins Feld, nach der angeblich nur schlechte Frauen ein uneheliches Kind bekommen. Doch die Menschenfreundlichkeit, mit der Sir Torquil und Janets Großmutter versuchen, der jungen Frau zu helfen, zeigt einen beeindruckend intakten Wertekompass. Überhaupt ist Janets Granny eine der beeindruckendsten Figuren in dieser Geschichte, die für das, was sie als richtig erachtet, auch ihren nicht unbeträchtlichen Einfluss im Dorf geltend macht.

Zwar versteht die kleine Janet noch längst nicht alles, was sie in der oft genug auch traurigen Erwachsenenwelt beobachtet, doch sie ist neugierig und nach und nach beantwortet Janets Familie ihre Fragen, damit sie allmählich erwachsen werden kann. 

I did as I Was Told, but although my family could stop a person from talking they could never stop a person from listening, and all adult people should remember that even to cease talking and go into a Trappist silence is not an effective method of stopping a child hearing something, especially a child brought up in a lonely place, whose whole world is concentrated in the persons of the few people sitting round the Sunday dinner table. I knew every shade of expression on their faces, could interpret every glance of their eyes, could identify to hairbreadth precision the meaning of every inflection of their voices. (S. 59)

Es handelt sich hier um alles andere als um süßlich verzuckerte Kindheitserinnerungen. In seinem lesenswerten Artikel – der auch auf die Biografie dieser interessanten Schriftstellerin eingeht – anlässlich der Wiederauflage von 2010 schreibt der Scotsman:

But this is no fey depiction of Highland life. There is warmth and humour but the themes are poignant and, for their time, surprisingly frank. Duncan writes of mental illness, of sexual relationships and illegitimacy, but also of a changing world shadowed by war. There is that tinge of darkness that often marks the best of writing, a hint of fear and impermanency, a present shivering in the shadow of an uncertain future.

Die ganz eigene und oft genug auch altklug-witzige Erzählstimme lässt uns mühelos über ein Jahrhundert zurückgehen und eine Lebensweise kennenlernen, die es so nicht mehr gibt. Wir sind sogar dabei, als das erste Auto lärmend und stinkend durchs Dorf fährt und Janet einen enormen Schreck einjagt.

Und man sollte genießen, wie Janet immer wieder von Hölzchen auf Stöckchen kommt und mit ihrem Freund Tom ihre großen und kleinen philosophischen Fragen erörtert.

Am Ende glaube ich verstanden zu haben, weshalb das Buch nach den Miss Boyds benannt wurde, und am liebsten hätte ich das Buch am Ende glatt von vorn begonnen. Diese 278 Seiten sind eine kleine Wundertüte und die Neuauflage von 2010 war mehr als überfällig, daran hat auch der wirklich lieblos zusammengeklöppelte Schluss nichts mehr geändert.

There is always a prevailing belief that to be romantic or interesting in any way at all a thing or a person has to be unusual or different, but, in my opinion, this is a mistaken belief. The commonest, most everyday thing becomes interesting and even romantic if you take the time to look into it. (S. 4)

Sollte also jemand von euch zufällig im Regal eurer Eltern oder in britischen Secondhand-Läden ein Buch aus der Reihe der insgesamt 19 My Friends-Bücher finden und es mir verkaufen wollen, meldet euch …

 

 

 

 

 

 

 

 

Anthony Horowitz: The Word is Murder (2017)

Mir war nach sehr viel Eskapismus und da bot sich der Griff ins Krimiregal an. Nach diversen Flops in diesem Bereich war The Word is Murder von Anthony Horowitz (*1955) eine schöne Entschädigung. Auf Deutsch erschien der Roman in der Übersetzung von Lutz-W. Wolff unter dem Titel Ein perfider Plan.

Horowitz, der keinen Hehl aus seiner grässlichen Kindheit in einem der britischen Internate macht und bekannt – und sehr erfolgreich – geworden ist durch Krimis, Drehbücher und die Jugendbuchreihe um Alex Rider, beginnt seinen Roman quasi klassisch: Diana Cowper, eine ältere wohlhabende Frau sucht, ohne einen Termin vereinbart zu haben, den Bestatter Robert Cornwallis auf und regelt minutiös die Details ihrer eigenen Trauerfeier. 

Diana Cowper had planned her funeral and she was going to need it. She was murdered about six hours later that same day. At the time of her death, I had never heard of her and I knew almost nothing about how she was killed. (S. 5)

Der Ich-Erzähler entpuppt sich als Anthony Horowitz, glücklich verheirateter Schriftsteller und Drehbuchautor, der eines Tages einen Anruf von Daniel Hawthorne bekommt. Hawthorne, ein ehemaliger Polizist, der gefeuert wurde, nachdem in seinem Beisein ein pädophiler Täter, dem aber nichts nachzuweisen war, eine Treppe im Polizeigebäude heruntergestürzt ist, schlägt sich inzwischen als freiberuflicher Detektiv und Berater der Polizei bei eigenartigen Mordfällen durch. Um seine Finanzen aufzubessern, schlägt Hawthorne nun dem Erzähler Horowitz vor, ihn bei seinen Ermittlungen zu begleiten und darüber dann ein Buch zu schreiben. 

In ihrem ersten gemeinsamen Fall (2026 wird der sechste Band um das ungleiche Ermittlerduo erscheinen) geht es also um den Tod der reichen Witwe Diana Cowper, die einen erfolgreichen Schauspielersohn in Amerika hat, sich fürs Theater interessiert und möglicherweise vor vielen Jahren in einen folgenschweren Unfall verwickelt war. Die Ermittlungen gestalten sich komplex und auch wenn die Leser  fairerweise immer über die neuesten Erkenntnisse auf dem Laufenden gehalten werden, staunt man trotzdem, wie die verschiedenen Puzzleteile abschließend ein großes Ganzes ergeben. 

Ein Reiz der Reihe liegt aber besonders in der keineswegs immer harmonischen Zusammenarbeit der beiden Protagonisten. Horowitz, der seinen literarischen Doppelgänger als einen ausgesprochen unwilligen Watson für den genialen Hawthorne darstellt, gerät häufiger ins Plaudern über seine (realen) Arbeiten als Schriftsteller und Drehbuchautor, sinnt über Probleme des Krimigenres nach, gibt Bücherempfehlungen ab und überschätzt dabei grandios seine kriminalistischen Fähigkeiten.

Hawthorne‘s remark had annoyed me. It was unfair to say that I‘d never noticed anything when I‘d followed him on his investigations. I noticed and described lots of things; it‘s just that I wasn‘t always aware of their significance. Yes, I did make mistakes. Getting a senior police officer to arrest the wrong person was certainly one of them. My questions did sometimes have unintended consequences: an old man‘s house got burned down, for example. And I‘d been stabbed twice. Even so, I‘d say that I was often quite helpful, especially considering that […] I had never been in the police force. (Close to Death, S. 192)

Mehr als einmal droht einer der beiden, die Zusammenarbeit zu beenden. Besonders die Weigerung Hawthornes, ihm etwas über sein Privatleben zu erzählen, ist Horowitz ein Dorn im Auge. Hawthorne wiederum ist entsetzt, dass der Schriftsteller Szenen ausschmückt, sich ganze Dialoge ausdenkt oder Details erfindet. Ihm schwebt eher so etwas wie ein karger sachlicher Polizeibericht vor. Ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten sorgen daher auch für den ein oder anderen witzigen Moment. 

Gelesen habe ich die ersten fünf Bände gern und an einem Stück, auch wenn ich die Sprache als eher glatt und wenig bemerkenswert empfand. Hier liegt der Schwerpunkt ganz klar auf der Handlung, den Ermittlungen und einer ungewöhnlichen Protagonistenkombination. Hier die Titel der weiteren Bände:

  • The Sentence is Death (2019); auf Deutsch: Mord in Highgate
  • A Line to Kill (2021); auf Deutsch: Wenn Worte töten
  • The Twist of a Knife (2022); auf Deutsch: Mord stand nicht im Drehbuch
  • Close to Death (2024)
  • A Deadly Episode (2026)

 

Ahmet Altan: Ich werde die Welt nie wiedersehen – Texte aus dem Gefängnis (2018)

Ahmet Altan (*1950), einer der bekanntesten Journalisten, Schriftsteller und (ehemaliger) Zeitungsverleger der Türkei, wurde zusammen mit seinem ebenfalls bekannten Bruder 2016 verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Der Vorwurf lautete, er habe mit unterschwelligen Botschaften in einer Fernsehsendung (gemeint war seine deutlich geäußerte Kritik an Erdoğan) seine Komplizenschaft mit der Gülen-Bewegung und dem einen Tag später stattfindenden Putschversuch zu erkennen gegeben. Später wurden die abstrusen Anschuldigungen noch abenteuerlicher, er habe gar seit 2010 an den Putschvorbereitungen mitgearbeitet. 

Wie alle Oppositionellen in meinem Land ging ich jede Nacht zu Bett in der Erwartung, dass im Morgengrauen an meiner Tür geläutet würde. Ich wusste, dass sie kommen würden. Nun waren sie gekommen. Die Kleidung für den Polizeiüberfall und die Zeit danach hatte ich bereits parat … (S. 7)

Sein Bruder Mehmet Altan – Professor und Journalist – wurde zwei Jahre später aus der Haft entlassen. 2019 wurde auch Ahmet Altan auf einen Gerichtsbeschluss hin im November aus dem Gefängnis entlassen, die Generalstaatsanwaltschaft klagte dagegen und nur acht Tage später wurde er – wegen angeblicher Fluchtgefahr – erneut festgesetzt. Altan selbst wurde mehrmals vor Gericht gestellt. Im zweiten Prozess wurde er zu lebenslanger Haft mit verschärften Bedingungen verurteilt. Beim dritten Prozess wurde die Strafe auf zehn Jahre festgelegt.

2021 wurde er nach mehr als vier Jahren im Gefängnis freigelassen. Als sein Buch über die Haft Ich werde die Welt nie wiedersehen 2018 erschien (wenn auch nicht in der Türkei), musste Ahmet Altan also tatsächlich damit rechnen, niemals mehr als seine Zelle und den winzigen Gefängnishof sehen zu können.

Momente der Schwachheit werden eher weniger mit der Leserschaft geteilt. Nur zu Beginn seiner – literarisch durchkomponierten – Aufzeichnungen erlaubt er sich, sich auszumalen, was er nun wohl nie wieder werde tun können.

Nie mehr sollte ich die Frau, die ich liebte, küssen, meine Kinder umarmen, mich mit meinen Freunden treffen, in den Straßen herumlaufen können. Ein Arbeitszimmer, eine Maschine, an der ich schreiben könnte, eine Bibliothek gäbe es für nicht mehr für mich; einem Violinkonzert zu lauschen, auf Reisen zu gehen, Buchläden zu durchstöbern oder Brot vom Bäcker zu holen sollte mir nicht mehr möglich sein; nie mehr würde ich das Meer sehen, einen Baum betrachten, den Duft der Blumen, des Rasens, des Regens und der Erde einatmen können; ins Kino gehen, noch einmal Spiegeleier mit Knoblauchwurst zu verspeisen, ein Glas Wein oder einen Drink zu mir zu nehmen, in einem Fischrestaurant meine Bestellung aufzugeben, auch das sollte es für mich nicht mehr geben; ich könnte niemanden mehr anrufen, und auch mich könnte niemand am Telefon erreichen, niemals mehr könnte ich selbst eine Tür öffnen und niemals mehr in einem Zimmer mit Vorhängen aufwachen. (S. 12)

Als er noch darauf wartet, dass die Polizisten, die ihn verhaften, die Durchsuchung der Wohnung beenden, bietet er ihnen einen Tee an. So wie angeblich auch schon sein Vater dies vor 45 Jahren getan hat, als dieser morgens von der Polizei abgeholt wurde. Sein trockenes Fazit: So viel habe sich in der Türkei in den letzten Jahrzehnten also nicht verändert. Und als ihm einer der Polizisten im Polizeiauto eine Zigarette anbietet, steigt aus irgendwelchen Tiefen seiner kämpferischen Persönlichkeit die Antwort: 

‚Ich rauche nur, wenn ich nervös bin.‘ (S. 14)

Dieser Satz gibt bereits die Haltung vor, mit der Altan dieser Justizfarce, der gedankenlosen Bösartigkeit, der Monotonie, seinen Mithäftlingen, den Richtern und der Haft begegnen will: Er wird kämpfen, die Menschen beobachten, aufrecht und mitfühlend bleiben, weiterhin Schriftsteller sein – auch in dieser Situation – und nicht um Mitleid betteln. 

So gern ich normalerweise meine Leserinnen und Leser mit Mengen an Zitaten traktiere, die mich in einem Buch angesprochen haben; diesmal sind es zu viele, als dass ich sie hier alle nennen könnte. Müsst ihr also selbst noch lesen und das lohnt sich zweifellos.

Entstanden ist ein überraschenderweise hoffnungsvolles, klares und dabei völlig unsentimentales literarisches Werk, für das er in Abwesenheit 2019 mit dem Geschwister-Scholl-Preis in München geehrt wurde. In der Begründung der Jury heißt es:

Ahmet Altans Texte zeigen auf eine ruhige, klare Weise, wie es im Augenblick um die Türkei bestellt ist. Vor allem aber zeugen die Berichte von einer großen Standhaftigkeit, vom Entschluss, trotz allen Entbehrungen stärker zu sein als die Vernehmer, Ankläger und Richter. In der Situation größter Unfreiheit behauptet Ahmet Altan auf eine bewegende und mutige Weise seine innere Freiheit. Die Texte, geschrieben immer wieder auch im Dialog mit der Weltliteratur, sind ein Dokument des Widerstehens und der geistigen Unabhängigkeit. Nach der Urteilsverkündung, beschließt er, er werde kämpfen wie Odysseus. Und er erklärt, mit der Zaubermacht des Schriftstellers könne er mühelos auch durch die Wände des Gefängnisses gehen.

Die Literatur ist am Ende stärker als alle Willkürjustiz, als jede Despotie. Ahmet Altans Buch Ich werde die Welt nie wiedersehen erinnert uns, die wir in Freiheit leben, an seine Stimme. Es mahnt uns darüber hinaus aber auch dazu, all die Menschen nicht aus dem Blick zu verlieren, die wie der Schriftsteller, in Haft sitzen, weil sie mundtot gemacht werden sollen. Ahmet Altan spricht für alle die, die für die Wahrheit eintreten und die Freiheit verteidigen, gerade unter schwierigsten Bedingungen. Auf diese Weise verteidigt er selbst die Freiheit und erinnert an das Vermächtnis der Geschwister Scholl.

Zur Einordnung des Schriftstellers hier ein kurzer, aber hilfreicher Artikel aus der Süddeutschen Zeitung von 2018.

Wieder einmal begriff ich, dass bei der Begegnung mit Tatsachen, die unser Leben völlig aus der Bahn werfen können, diese uns nur in ihrem Strudel mitzureißen vermögen, wenn wir uns so verhalten, wie sie es erwarten, wenn wir uns ohne Widerstand ergeben. (S. 15)

 

Fundstück von Rainald Goetz

Montag, 16.3.98, Berlin

Beim Blättern in der Zeitung, da ist die Seite mit den Todesanzeigen. Mal kucken, ob ich schon tot bin. Das war aber kein Witz, sondern ein völlig ernst gemeinter Gedanke, ganz kurz. Dann kam er mir ein bißchen komisch vor. 

Aus: Michael Maar: Heute bedeckt und kühl – Große Tagebücher von Samuel Pepys bis Virginia Woolf, rororo, Hamburg 2023,  S. 212

Fundstück von George Steiner

Wissen Sie, es gibt zwei Arten von Menschen. Die, die sich selbst interessant finden, die Armen. Und die anderen, die etwas da draußen interessanter finden. Man kann sich spezialisieren auf Nachttöpfe der Ming-Dynastie, dann ist man glücklich. Man lernt, man arbeitet daran, man sammelt. Es kann alles sein, Sport oder Kunst. Wichtig ist, dass man sich ganz klein fühlt im Vergleich zu der objektiven Phänomenologie da draußen. 

George Steiner, aus: Iris Radisch: Die Letzten Dinge – Lebensendgespräche, Rowohlt, Hamburg 2015, S. 246

Fundstücke von Amos Oz

Wenn die Eltern sterben, bücken wir uns, heben sie auf, stecken sie irgendwo in uns hinein und sind für den Rest unseres Lebens mit ihnen schwanger. Jeder Mensch ist eine Art Matroschka und trägt die Traumata, die Sehnsüchte und die Enttäuschungen der vorangegangenen Generationen mit sich herum. (S. 273)

Zitat aus seinem Roman Judas:

Fast alle Menschen gehen mit geschlossenen Augen durchs Leben, von ihrer Geburt bis zu ihrem Tod. (S. 279)

Amos Oz, aus: Iris Radisch: Die Letzten Dinge – Lebensendgespräche, Rowohlt, Hamburg 2015

Fundstücke von Julien Green

Es liegt etwas Entsetzliches in diesen Provinzexistenzen, in denen sich nichts zu verändern scheint, alles dasselbe Aussehen bewahrt, wie tief die Umwälzungen in der Seele auch sein mögen. Nichts ist äußerlich wahrzunehmen von der Angst, der Hoffnung und der Liebe, und das Herz schlägt geheimnisvoll weiter bis zum Tod, ohne daß man es einmal gewagt hätte, die Geranien an einem Freitag statt samstags zu pflücken oder eher um elf Uhr morgens durch die Stadt zu spazieren als nachmittags um fünf. (S.73)

So ist nun einmal das Menschenherz. Es läßt lange Jahre verstreichen und denkt keine Minute daran, gegen sein Schicksal aufzubegehren, aber dann kommt ein Augenblick, in dem es mit einem Schlage spürt, daß es nicht mehr weiterkann und daß sich noch in derselben Stunde alles verändern muß, und es fürchtet, alles zu verlieren, wenn dieses Vorhaben, von dem es noch einen Tag zuvor nicht die leiseste Ahnung hatte, sich auch nur um einen einzigen Tag verzögert. (S. 94)

aus: Julien Green: Adrienne Mesurat, Hanser Verlag, München Wien 2000

Die französische Originalausgabe erschien 1927.

Fundstücke von Ilse Aichinger

Auch wenn man spricht, die Währung müsste gedeckt sein durch Stille. Früher hatte man dieses altmodische Wort Betrachtung, das meint: genau hinschauen und lange hinschauen. (S. 43)

Man ertappt sich oft selbst dabei, Banalitäten zu sagen. Es ist schon falsch, zu jemandem zu sagen: ‚Wie geht es Ihnen?‘, wenn  man es nicht wirklich wissen will. Und wer will wirklich wissen, wie es dem anderen genau geht? Und wer will wirklich sagen, wie es ihm genau geht, oder wer kann es? (S. 44)

Die äußerste Liebe ist die äußerste Einsamkeit … (S. 47)

Ilse Aichinger, aus: Iris Radisch: Die Letzten Dinge – Lebensendgespräche, Rowohlt, Hamburg 2015

Erle Stanley Gardner: The Bigger They Come (1939)

In der letzten Zeit wurde mir mehrmals der amerikanische Autor Erle Stanley Gardner (1889 – 1970) in die Timeline gespült, der erst lange für die damaligen Pulp-Magazine schrieb und schließlich unter verschiedenen Pseudonymen so erfolgreich Krimis schrieb (allein Dutzende Romane um den Strafverteidiger Perry Mason), dass er seinen Job als Anwalt an den Nagel hängen konnte. Gardner kokettierte gern mit der Selbststilisierung als „fiction factory“, die er mit eiserner Disziplin aufgebaut hatte. Zu seinen besten – oder sagen wir lieber zu seinen schnellsten Zeiten konnte er einen Krimi in sechs Wochen beenden, er stand sehr früh auf und schließlich beschäftigte er sechs Sekretärinnen, denen er seine Bücher diktierte.

Unter dem Namen A. A. Fair veröffentlichte er zwischen 1939 und 1970 30 Krimis um den Detektiv Donald Lam und seine Chefin Bertha Cool.

The Bigger They Come von 1939 ist nun der erste der Krimis, in denen dieses ungleiche Duo seinen Auftritt hat. Donald Lam – vor kurzem wegen unethischen Verhaltens aus der Anwaltskammer ausgeschlossen – ist ziemlich erleichtert, als er endlich einen Job ergattert, und zwar bei Bertha Cool, der älteren Betreiberin einer Detektei. Sein erster Auftrag besteht darin, einem untergetauchten Ganoven die Scheidungspapiere zukommen zu lassen. Wie zu erwarten, geht das nicht so ganz reibungslos vonstatten, einschließlich attraktiver Frauen, fürchterlicher Prügel für Donald, wenig zimperlichen Gangstern, einer filmreifen Verfolgungsjagd und einem Toten, dessen Ermordung gleich von zwei – dummerweise unschuldigen – Personen gestanden wird. Mehr muss hier zum Inhalt gar nicht gesagt werden.

Liest man ab und an ganz gern einen solchen Krimi, ist man vermutlich entweder Anhänger der Rex Stout-Partei oder der Erle Stanley Gardner-Fraktion. Und da ist ganz klar Nero Wolfe mein Favorit. Ich bin überhaupt überrascht über die ähnliche Ausgangslage in beiden Krimireihen, in denen jeweils der Sidekick des in beiden Fällen schwergewichtigen Chefs uns die Geschichte erzählt: 

Bei Rex Stout haben wir Nero Wolfe, den übergewichtigen Gentleman-Detektiv und feinsinnigen Orchideenfreund, der sich gern verbale und oft zitierwürdige Scharmützel mit seinem Angestellten Archie Goodwin liefert, der wiederum die ganze gefährliche Ermittlungsarbeit außer Haus erledigen muss, während Nero Wolfe hauptsächlich hinter seinem Schreibtisch sitzt und seine grauen Zellen betätigt.

Wolfe lifted his head. I mention that, because his head was so big that lifting it struck you as being quite a job. It was probably really bigger than it looked, for the rest of him was so huge that any head on top of it but his own would have escaped your notice entirely. (Fer-De-Lance, S. 2)

Gardner, der seinen ersten Krimi um Cool und Lam fünf Jahre NACH dem ersten Auftritt von Nero Wolfe veröffentlicht, hat mit Bertha Cool ebenfalls eine raumgreifende Hauptfigur geschaffen, während Lam sich hauptsächlich um die gefährliche Arbeit außerhalb des Büros kümmern muss.

Mrs. Cool, perfectly at ease, continued to hold down the desk with her elbows. She had that motionless immobility which characterizes the very fat. Thin people are constantly making jerky motions to alleviate the nervous pressure which possesses them. Mrs. Cool didn‘t have a fidget in her system. When she sat down, she was placed. She had the majesty of a snow-capped mountain, the assurance of a steam roller. (S. 11)

Allein der Output von Gardner zeigt schon, dass literarischer Anspruch und die Charakterzeichnungen nicht an erster Stelle standen. Seine zahlreichen Fans wollten spannende, leicht verdauliche und schnelle Unterhaltung und das bekamen sie, einschließlich eines korrekten juristisches Backgrounds. Zum Zeitpunkt seines Todes war Gardner – laut Albin Krebs in einem Artikel der New York Times -, was Verkaufszahlen anging, der erfolgreichste Schriftsteller Amerikas.

His paperback publishers alone, in the mid‐1960’s, were selling 2,000 Gardner books an hour, eight hours a day, 365 days a year. Translated into 30 languages and dialects, Gardner novels sold at a rate of about 20,000 a day abroad.

Gardner hat oft betont, dass er nicht wirklich ein Schriftsteller sei. Die Kritiker waren da geteilter Meinung:

Book critics who specialized in crime stories, such as Anthony Boucher, writing in The New York Times Book Review, consistently praised Mr. Gardner for his intricate plotting and his simple narrative style. Other critics, however, dismissed his novels as “mere entertainments” or “pap.”

Allerdings war Gardner die Ansicht der Kritiker herzlich egal, er schrieb für seine Leser, die ihm ein finanziell sorgenfreies Leben ermöglichten.

“I write to make money, and I write to give the reader sheer fun,” he said. “People derive moral satisfaction from reading a story in which the innocent victim of fate triumphs over evil. They enjoy the stimulation of an exciting detective story.

“Most readers are beset with a lot of problems they can’t solve. When they try to relax, their minds keep gnawing over these problems and there is no solution. They pick up a mystery story, become completely absorbed in the problem, see the problem worked out to final and just conclusion, turn out the light and go to sleep. If I have given millions that sort of relaxation, it is reward enough.”

Fazit: Unterhaltsam und als Vergleichslektüre zu Rex Stout gern gelesen, aber dennoch empfehle ich stattdessen den ersten Krimi um Nero Wolfe und Archie Goodwin mit wesentlich schlagfertigeren Protagonisten, hübscherem Orchideenbackground und guter Küche.

Mein 14. Rückblick auf‘s vergangene Lesejahr

Nachdem ich momentan anscheinend zu unkonzentriert bin für die überbordend belesene Erzählfreude von The Hakawati – den neuesten Roman von Rabih Alameddine – und die Lektüre auf irgendwann verschoben habe, werde ich das Jahr mit Heute bedeckt und kühl von Michael Maar beenden, ein anregender Streifzug durch berühmte und auch weniger bekannte Tagebücher. Da geht‘s querbeet und kunterbunt und mit unzähligen Zitaten versehen um die Fragen, warum Menschen Tagebücher schreiben und lesen.

Tagebücher, wenn sie nicht heucheln, zeigen uns, wie wir als Sündensäcke doch alle Brüder und Schwestern sind. (S. 227)

Manchmal sind mir die Abschnitte über einzelne Autorinnen und Autoren allerdings zu kurz: Die acht Tagebücher Viktor Klemperers werden auf gerade einmal zwei Seiten abgefrühstückt, davon entfällt allein schon über eine Seite auf ein Zitat. Dennoch möchte man sich nach Maars Buch natürlich gleich einige weitere Titel auf die unendliche Wunschliste setzen.

Weiter in den Tagebüchern von Pepys. Der Vormarsch der Türken in Ungarn, die Pest in London. Ich las die ganze Nacht. Die Alltäglichkeiten sind es, die diese Aufzeichnungen so interessant machen. „Kaufte mir heute eine grüne Brille.“ Das ist es. Das macht unser Leben aus. (Zitat aus dem Tagebuch Walter Kempowskis, S. 205)

Passend zum Jahresende scheint mir der Beitrag auf Buch-Haltung, dessen Gedanken zu KI-Slop und der Wichtigkeit von Literaturblogs ich alle nur unterschreiben kann. Und Letusreadsomebooks stellt die hoffnungsvolle Frage, ob der Trend zum bewussteren Medienkonsum vielleicht auch den Buchblogs zugute kommen könnte. So ganz kann ich diesen Optimismus nicht teilen, hier auf dem Blog gehen jedenfalls die Zugriffszahlen weiterhin sanft nach unten. Und für eine bessere Sichtbarmachung, z. B. über Instagram, fehlt mir einfach die Zeit, aber wir werden sehen …

Ich weiß, I’m late to the party, dennoch: Meine Lieblingsentdeckung in den unendlichen Weiten der Blogs ist Buddenbohm & Söhne. Allein für den Post am 6. Dezember möchte ich am liebsten sofort ein Schreibseminar bei ihm buchen.

Nun aber zum schon traditionellen kurzen Rückblick auf die Bücher der letzten zwölf Monate, bevor mich dann wieder spontan und unsortiert frage, was ich als nächstes aus den diversen Bücherstapeln hier im Haus fische. 

Briefe

  • Harry Rowohlt: Der Kampf geht weiter – Nicht weggeschmissene Briefe I (2005)

Krimis

Die folgenden englischsprachigen Krimis haben mir einfach Spaß gemacht und der Ausflug nach Japan mit Inspector Imanishi war eine besondere Entdeckung.

Zur Geschichte des britischen Sklavenhandels

  • Paula Byrne: Belle – The True Story of Dido Belle (2014)

Reisen

Witzige Fantasy über Aliens und ihre seltsamen Pläne

Freundliche Bücher

Romane über Einsamkeit, Liebe und Illusionen

Noch lange nach der Lektüre hat mich The Hopkins Manuscript (1939) von R. C. Sherriff beschäftigt. Große Empfehlung. Hat sich möglicherweise Ian McEwan für seinen Roman What we can know von der großen Katastrophe bei Sherriff inspirieren lassen? 

(Auto-)Biografien und Erinnerungen

Wiedergelesen und nicht enttäuscht gewesen

  • Mary O‘Hara: My Friend Flicka (1941) – kann man auch lesen, wenn man dem Alter für Pferdebücher seit Jahrzehnten entwachsen ist. 

Ließ mich ratlos zurück

  • Matias Faldbakken: The Hills (OA 2017) handelt von einem Kellner, dem allmählich alles zu entgleiten droht. 

Sachbuch, das mir und euch gleich vier Beiträge abforderte

  • Isabella Beeton: Mrs Beeton‘s Household Management (1861) – dieser Einblick in längst obsolete gesellschaftliche Spielregeln (und Rezepte) hat mir viel Freude gemacht.

Lieblingscover

Bleibt mir noch, euch Dankeschön zu sagen für alle Besuche, Likes und Kommentare und selbstredend auch für all eure Anregungen und Empfehlungen, denen ich nur zu gern nachgehe. Euch allen einen hoffnungsvollen Jahresanfang und natürlich immer das passende Buch anbei.

J. C. Masterman: An Oxford Tragedy (1933)

Für Krimileserinnen und -leser ist An Oxford Tragedy (1933) vielleicht schon deshalb interessant, weil mit diesem Buch Sir John Cecil Masterman (1891 – 1977) das Genre der Krimis begründete, die im akademischen Milieu der Oxford Colleges spielen. J. C. Masterman wusste, wovon er redete, war er doch selbst „senior tutor“ und Vize-Präsident der Universität – so wie auch sein Ich-Erzähler. 

Der Doerlemann Verlag hat 2025 unter dem Titel Die Oxford-Tragödie eine Neuauflage der ehemals im ECON Verlag erschienenen Übersetzung von Antje Kaiser herausgebracht.

Insgesamt fand ich das Buch nicht wirklich rund. Zwar gefiel mir, wie uns der Erzähler Francis Wheatley Winn auf den ersten Seiten als eine glaubwürdige, selbstzufriedene und etwas umständliche Watson-Figur vorgestellt wird.

… es liegt in der Natur der Sache, dass Sie alles mit meinen Augen – beziehungsweise genauer gesagt durch meine Brille – sehen müssen. Und hier liegt auch schon, bevor wir überhaupt begonnen haben, eine Schwierigkeit. Denn Sie müssen es entweder durch diese Brille sehen oder ganz darauf verzichten, und zweifellos ist der Blick durch meine Brille ein wenig verschwommen aufgrund von Vorurteilen und getrübt durch meine altmodische Sentimentalität. […] und Sie müssen Sie sich Ihrerseits damit zufriedengeben, diese [Wahrheit] durch eine Brille zu sehen, die Sie weder putzen noch abnehmen können. 

Ich bin Universitätslehrer, sechzig Jahre alt und bilde mir ein, weltoffen und mit einer überdurchschnittlichen Intelligenz begnadet zu sein, wobei ich vermute, dass ich eher ein Kritiker als schöpferisch veranlagt bin. Mitunter, in Augenblicken der Selbstreflexion, gestehe ich, zu Hektik und Handlungsunfähigkeit zu neigen. Ich bekenne, dass ich selbst für mich einen Gegenstand größten Interesses darstelle, denn die Erforschung meiner eigenen Gedankengänge ist für mich eine nie versiegende Quelle unendlichen Genusses. […]

Vielleicht wird meine eigene Person im Laufe der Erzählung deutlicher, als wenn ich ein ganzes Kapitel mit der Beschreibung derselben verbrächte. Vielleicht wird sie sogar deutlicher, als mir lieb ist. (S. 7 – 9)

Francis sieht zunächst dem College-Gast Ernst Brendel, einem Anwalt aus Österreich, mit etwas Unbehagen entgegen, da er schon einige Langweiler aus dieser Richtung erlebt hat, die zu seinem Leidwesen noch nicht einmal immer des Englischen mächtig waren.

Brendel soll einige Vorlesungen halten und entpuppt sich zu Francis’ großer Erleichterung als sympathischer Amateurdetektiv, mit dem die Dozenten nach einem guten Abendessen noch ein wenig ins Plaudern kommen. 

Kurz nach 22 Uhr sind Francis und Brendel die einzigen, die noch im Klubzimmer sind. Die übrigen Dozenten sind entweder nach Hause, noch mal ins Labor oder in ihre College-Wohnungen entschwunden. Doch dann stürmt der Dekan Maurice Hargreaves herein und berichtet, dass er Shirley, einen allseits unbeliebten, ja geradezu verhassten Kollegen, mit dem Hargreaves noch verabredet war, in seinem eigenen Büro tot aufgefunden habe. Erschossen mit der Waffe, die einem aufmüpfigen Studenten am Tag zuvor abgenommen worden war. 

Relativ rasch ist klar, dass höchstwahrscheinlich nur einer der Dozenten, die an dem Abendessen teilgenommen haben, als Täter in Frage kommt. 

Was mich an diesem Krimi gestört hat, war, dass hier quasi gar nicht ermittelt wurde. Brendel ahnt schon sehr früh, wer der Täter sein müsse, und sammelt dann noch einige Indizien, die er auch nicht immer mit Francis erörtert, und am Ende gibt es ein langes schriftliches Geständnis. 

Manche Figuren blieben so blass, dass ich mich ab und an vergewissern musste, von wem da gerade die Rede war. Und wichtige Protagonisten waren so schrecklich einseitig gezeichnet, dass ich wenig Interesse an ihrem Ergehen aufbringen konnte. Als einziger greifbarer Charakter tritt Francis hervor, der am Ende erkennt, dass dieser Mord sein geliebtes College verändert und seine behagliche Junggesellenruhe für immer zerstört hat. 

Meine Freunde sind alle weg, und ich bin einsam. … Wie wenig sich das Leben an einem großen College wie diesem doch um jeden Einzelnen kümmert und wie einfach es ohne ihn weitermacht! Würde es ihnen überhaupt etwas ausmachen, wenn ich morgen ginge? Wie lange würden sie sich an mich erinnern? Der Einzelne ist vergänglich, doch das College macht weiter … Aber ich kann mich nicht mit neuen Gedanken beschäftigen. Ich muss immer nur an die unheilvolle Vergangenheit denken. Sie ist vollkommen falsch, vollkommen tragisch, und das Leben ist voller Sinnlosigkeit und Versagen und Enttäuschungen … (S. 237)

Der Great British Book Club hat weitere Empfehlungen zum Krimi-Schauplatz Oxford.

Fundstück von Iris Radisch

Das Lebensende erzwingt einen Wechsel der Blickrichtung. Während man sich bislang im Fortschrittsmodus bewegt und nur nach vorne gestarrt hat, sieht man jetzt zurück. Das Vorsorgeprinzip hat seinen Sinn verloren. Man kann nicht mehr darauf bauen, demnächst mit dem Leben anzufangen, wenn man gerade damit aufhören muss. […] Wozu die kostbare Lebenszeit an Überflüssiges verschwenden? Wozu Kompromisse machen? […] Martin Heidegger, dessen Philosophie ihre existenzielle Kompromisslosigkeit aus dem Nachdenken über das Lebensende bezieht, nennt diese letzte Klarsicht eine ‚von den Illusionen des Man gelöste, ihrer selbst gewisse Freiheit zum Tode.‘ Daraus folgt: Verzettele dich nicht in den zahllosen Nebenumständen deines Daseins, sondern kümmere dich um den ‚Grund‘, um die ‚Eigentlichkeit‘ deiner Existenz. 

aus: Iris Radisch: Die Letzten Dinge – Lebensendgespräche, Rowohlt, Hamburg 2015, S. 10

Mignon G. Eberhart: Murder by an Aristocrat (1932)

In der letzten Zeit gab es einige Flops im Cosy Crime-Bereich.

Da gab es beispielsweise Murder at Mistletoe Manor (2025) von F. L. Everetts, das eigentlich ganz vielversprechend anfing. Der frischgebackene Vater Nick Caldwell, der als Journalist arbeitet, entschließt sich auf dem Heimweg zu seiner kleinen Familie in letzter Minute, doch lieber den Wagen im Schneesturm am Straßenrand stehen zu lassen. Er findet – obwohl es nur noch wenige Tage bis Heiligabend ist – ein Zimmerchen in der Herberge Mistletoe Manor. Hier trifft er auf die übrigen acht Gäste, zwei Angestellte und eine junge Frau, die ebenfalls ungeplant, leicht verpeilt und nur mit Hausschuhen an den Füßen um eine Notunterkunft bittet. Es dauert nicht lange, da wird der erste Gast mit dem goldenen Stern, der eigentlich die Spitze des Weihnachtsbaums schmücken sollte, erstochen. Nick versucht nun mehr schlecht als recht herauszufinden, wer der Täter ist. Doch schon nach der Hälfte der Seiten war mir der größte Teil der an den Haaren herbeigezogenen Auflösung klar und zu viele Tote gab es außerdem. Vermutlich ist die Wahrscheinlichkeit, dass aktuelle Cosy Crime-Bücher für mich funktionieren, die versuchen, einen auf Agatha Christie zu machen, doch eher gering.

Dann lieber gleich ein wirklich altes Schätzchen zur Hand nehmen, wie zum Beispiel Murder by an Aristocrat (1932) von Mignon G. Eberhart. Insgesamt schrieb die sehr sehr erfolgreiche amerikanische Krimi-Schriftstellerin Eberhart (1899 – 1996) sieben Bände um die alleinstehende Krankenschwester Sarah Keate, die auch alle schon mal ins Deutsche übersetzt worden sind. 

Murder by an Aristocrat wurde 1936 verfilmt und erschien in Deutsch unter den Titeln In einer kühlen Sommernacht oder auch Keiner will‘s gewesen sein.

Krankenschwester Sarah wird von Dr. Bouligny nachts um halb drei aus dem Schlaf geschreckt, mit der Bitte, sofort zu einem Patienten zu kommen, der sich vor einer halben Stunde beim Reinigen seines Revolvers versehentlich selbst angeschossen habe. 

I resisted an impulse to tell him I would far rather get my sleep out, scrambled some things into a bag, caught a suburban train, and was presently walking along the turf path, raised a little, and so velvety thick with close-cropped grass that my feet made no sound at all, which led diagonally from the crossroads across the spacious lawns surrounding the Thatcher house. It was that cool, lovely gray hour before the sun, and I recall very clearly but with some incredulity the feeling of peace and tranquility and serenity induced in me by the wide green lawn, spreading into misty gray, the dim outlines of the shrubbery, the sleepy twitter of the birds in the great old trees, and the house itself, which loomed half clear, half shadowy ahead of me. (S. 4)

Sarahs Patient ist der Unsympath Bayard Thatcher, der zu Gast bei seinen reichen Verwandten weilt. Die Wunde ist nicht schlimm, aber Sarah fragt sich schon, wie man auf die Idee kommen kann, mitten in der Nacht seinen Revolver zu reinigen. Auch zeigt sich Bayard eher belustigt über das, was man der Krankenschwester erzählt hat.

Schließlich vertraut er ihr an, dass man versucht habe, ihn umzubringen. Etwas, was die bodenständige Sarah reichlich absurd findet, zumal Bayard sich weigert, das Haus zu verlassen. Allerdings zweifelt sie nur so lange an seinen Anschuldigungen, bis Bayard tatsächlich erschossen aufgefunden wird.

Sarah bemerkt nun einige Ungereimtheiten, die sich nicht mit dem decken, was die ihr eigentlich sympathische Familie als offizielle Lesart der Polizei verkauft, dass nämlich Bayard einen Einbrecher dabei ertappt habe, wie dieser den Safe mit den Familienjuwelen ausgeplündert habe, und deshalb vom Täter erschossen worden sei. 

Nach einem kleinen Durchhänger nimmt dann der Roman richtig Fahrt auf und Eberhart schickt ihre Leserinnen und Leser ganz wunderbar in ein Familien-Labyrinth mit immer neuen Wendungen. Das war spannend und außerdem von einer Ich-Erzählerin mit Wiedererkennungswert erzählt, von der ich gern noch mehr lesen möchte.

But I couldn‘t sleep. I turned and twisted. I took off my cap, and the hairpins out of my hair, but the cushion under my head was just as hard. I was too cool and fumbled for and drew over my feet a soft eiderdown. I was too warm and tossed it off again. I was thirsty and tiptoed to the bathroom, turning on the faucet with care so as not to wake my patient, but the drink did not satisfy me. I tried counting sheep, I tried making my vision a blank. I tried thinking of the virtues of my family, as someone advised me to do as a cure for insomnia. The latter expedient was almost my undoing. My accumulating rage reached a small climax with the thought of my cousin‘s gift to me last Christmas – six pairs of gray woolen bed socks, knitted and inexpressibly spinsterish – and I found myself farther from sleep than ever. 

Dass sich diese Schlaflosigkeit für Sarah auszahlen wird, versteht sich von selbst.

Arthur Miller: Zeitkurven (1987)

Nach den ersten 360 Seiten verließ mich leider der Schwung und nun werde ich nie erfahren, was der amerikanische Dramatiker Arthur Miller (1915 – 2005) in den noch verbleibenden 450 Seiten seiner Autobiografie Zeitkurven von 1987 noch zu erzählen hatte. Das Original erschien unter dem Titel Timebends und wurde von Manfred Ohl und Hans Sartorius ins Deutsche übertragen.

Dabei waren mehrere Aspekte durchaus interessant: Arthur Asher Millers Vater und seine Großeltern mütterlicherseits waren polnische Einwanderer, deren Identität durch ihr Judentum geprägt war. Was für eine Katastrophe dann später, als Arthur Miller eine Katholikin heiratete, deren Verwandte geradezu schockgefroren waren, plötzlich einen Juden in der Familie zu haben. Antisemitismus und Rassismus sind also Motive, die sich durch seine Erinnerungen ziehen.

Anfang der vierziger Jahre wußte die Welt, daß die Juden von den Deutschen in Massen verfolgt, und spätestens 1942, daß sie vergast und verbrannt wurden. Aber so groß war die antisemitische Scheinheiligkeit im amerikanischen und im englischen Außenministerium, daß selbst die offiziellen Einwanderungsquoten, so klein sie auch waren, durch die man zumindest einige tausend Juden hätte retten können, nie voll ausgeschöpft werden durften. Und die Bahnlinien, die in die Vernichtungslager führten, wurden nie bombardiert.[…] Die amerikanische jüdische Gemeinde wagte aus Furcht, die Feindseligkeit der Amerikaner nicht nur gegenüber den Juden, sondern den Ausländern im allgemeinen zu verschärfen, nicht, Rettungsaktionen zu fordern. (S. 88)

Auch Millers pro-kommunistische Sympathien und Aktivitäten, seine jahrelange Weigerung, die Verbrechen im stalinistischen Russland zur Kenntnis zu nehmen, sowie die Tatsache, dass er dadurch – wie so viele andere auch – in die Mühlen der Bespitzelung und anti-kommunistischen Hetze unter Senator McCarthy geriet, gehören zu seiner Geschichte.

Ebenso seine Erfahrungen als Arbeiter in verschiedensten Branchen und Fabriken, zunächst, weil er einfach Geld brauchte, später dann auch, um den Kontakt zum „einfachen Volk“ nicht zu verlieren. Um seinem Anspruch, mit seiner Kunst die Gesellschaft zu verändern, besucht er u. a. monatelang ein Gefängnis, um mit den dortigen Insassen ins Gespräch zu kommen.

Das Jackson State Penitentiary stand im Ruf, das progressivste Gefängnis im ganzen Land zu sein, aber wenn ich von dort nach Ann Arbor zurückkehrte, konnte ich nie einschlafen. Ich mußte zuerst diese Stadt der eingesperrten Männer aus meinen Gedanken verbannen: den dumpfen, scharfen Zoogeruch der heißen, feuchten Zellen, in denen Menschen saßen, insgesamt mehr als achttausend, den Widerhall des hohlen, tiefen Dröhnens, das nie verstummte; das wilde, irre Gelächter und das bedrohliche Lärmen, das in regelmäßigen Abständen ausbrach. Kein Wärter wagte es, in Armeslänge vor den Zellen vorbeizugehen, weil er fürchten mußte, von Händen erwürgt zu werden, die blitzartig zwischen den Gitterstäben hervorschossen. Das Schlimmste war für mich das Wissen, daß ich unfähig gewesen wäre, die Situation zu verändern, wenn man mir die Verantwortung für das Gefängnis übertragen hätte. (S. 125)

Und geradezu unglaublich lesen sich beispielsweise seine Rechercheergebnisse, als er nachforscht, warum ein mutiger junger Hafenarbeiter 1939 in New York plötzlich verschwunden, d. h. ermordet wurde. Dieser Peter Panto hatte es gewagt, gegen die mafiösen Strukturen, die inzwischen in der Gewerkschaft der Hafenarbeiter herrschten, aufzubegehren. Wie auf einem mittelalterlichen Tagelöhnermarkt wurden die Arbeitslosen Tag für Tag für anstehende Arbeiten angeheuert.

[Beim Auftauchen des Heuerbosses morgens um vier Uhr dreißig liefen die Hafenarbeiter] herbei und stellten sich in einem Halbkreis um ihn auf. Sie hofften, seinen Finger auf sich zu lenken und die nummerierten Messingmarken zu bekommen, die ihnen Arbeit für diesen Tag garantierten. Der Boss verteilte die Marken an seine Günstlinge, die ihn insgeheim bestachen. Oft blieben ein paar Marken übrig, und die warf er gönnerhaft über der Gruppe in die Luft. Es entstand eine wilde Balgerei; die Männer rissen sich die Marken aus den Händen, und manchmal kam es zu schlimmen Schlägereien. Ich empfand es als eine Schande, daß sie alle diese demütigende Prozedur wie Vieh akzeptierten. (S. 195)

Doch spätestens nach seinem Erfolg mit dem Stück Alle meine Söhne viele Jahre später wird Millers Identifikation mit der Arbeiterklasse eine Farce. 

Es kann lange dauern, ehe man sich damit abfindet, daß Berühmtheit nur eine andere Form von Einsamkeit ist. […] ich wollte zunächst nicht wahrhaben, daß sich an meinem Leben überhaupt etwas ändern könnte. Deshalb nahm ich ein oder zwei Monate nach der Broadwaypremiere von Alle meine Söhne eine Arbeit in der Fabrik in Long Island City an, als könnte ich dadurch die Kontinuität mit der Vergangenheit aufrechterhalten. […] Mein Stück spielte pro Woche etwa zweitausend Dollar ein, und hier bekam ich den Mindestlohn – vierzig Cent in der Stunde. Nach wenigen Tagen hatte die Irrealität meiner Flucht vor mir und zu mir meine Energie völlig erschöpft, und ich kündigte. Ich kann nur vermuten, daß ich damals […] versuchte, Teil einer Gemeinschaft zu sein, anstatt die Isolation zu akzeptieren, die der Ruhm mit sich zu bringen schien. Aber es gab auch dort eigentlich keine Gemeinschaft: die Arbeiter waren noch nie im Leben in einem Theater gewesen und würden vermutlich auch nie eines betreten. Wenn ich auf irgendeiner hehren Ebene glaubte, für sie zu sprechen, dann war das eine reine Illusion, und sie hätten mich wohl auch kaum verstanden. (S. 364/365) 

Was meinem Interesse dann allmählich den Garaus machte, war zum einen eine wachsende Ungeduld mit den ständigen Zeitsprüngen. Nachdem eher beiläufig seine erste Ehefrau erwähnt wurde, befindet man sich plötzlich in einem Kapitel, in dem er von seiner Frau Marilyn Monroe spricht.

Nur wenn das Gespräch um Marilyn kreiste, vergaß [Clifford Odets] seine abwehrende Haltung, und seine natürliche Wärme kam zum Vorschein. Er stellte seine Fragen, die Fragen eines Fans, mit großen staunenden Augen. ‚Sie liest, nicht wahr?‘, als wäre Marilyn eine preisgekrönte Gazelle oder ein genialer Schimpanse. Ich bestätigte, daß sie las und ließ es dabei bewenden. Mit der möglichen Ausnahme von Colettes Chéri und einigen Kurzgeschichten hatte ich jedoch bisher noch nicht erlebt, daß sie etwas von Anfang bis zum Ende gelesen hätte. Das mußte sie auch nicht: sie glaubte, das Wesentliche eines Buches nach ein paar Seiten erfaßt zu haben, was oft auch der Fall war. Die meisten Bücher, die sie aufschlug, hielt sie für unnötig oder nach ihrer Erfahrung für unwahr. (S. 318)

Dann liest man von Millers phänomenalen Theatererfolgen, nur um wieder zu seinen Anfängen als Arbeiter auf einer Schiffswerft zurückkatapultiert zu werden. Dieses assoziative Erzählen machte es mir oft schwer, den chronologischen Faden nicht völlig zu verlieren.

Darüber hinaus setzt Miller inhaltliche Schwerpunkte, die seiner Arbeit als Theaterautor geschuldet sind, da erfahren wir über viele Seiten hinweg, unter welchen Umständen und mit welchen Intentionen seine Stücke entstanden, wie sich die Zusammenarbeit mit (berühmten) Regisseuren und Schauspielern entfaltete und wie er die Entwicklung des amerikanischen Theaters beurteilt.

Wie bei manchen späteren Vorstellungen gab es bei der ersten Aufführung [des Handlungsreisenden] nach dem Schlußvorhang keinen Applaus. Unter den Zuschauern ereigneten sich merkwürdige Dinge. Als der Vorhang fiel, standen einige auf, zogen ihre Mäntel an und setzten sich wieder; andere, besonders Männer, saßen vorgebeugt und vergruben das Gesicht in den Händen, einige weinten unverhohlen. Zuschauer gingen quer durch das Theater, um sich mit jemandem leise zu unterhalten. Eine Ewigkeit schien zu vergehen, ehe jemand daran dachte zu applaudieren. (S. 253)

Aber – abgesehen von den wunderbar anschaulichen Szenen aus seiner Kindheit – erfahren wir in den ersten 360 Seiten wenig über sein Privatleben und seine Ehen.

Man kaufte nicht einfach ein Huhn, sondern ging zum Metzger und betrachtete prüfend die lebenden Tiere in den Lattenkäfigen und deutete auf ein unglückliches Opfer. Wenn der Metzger dann in die gefiederte Hysterie griff, das Huhn mit einer Hand an beiden Beinen herauszog, ihm mit dem Messer blitzschnell die Halsschlagader aufschnitt und es zum Rupfen aufhängte, war das für einen kleinen Jungen eine fesselnde Unterhaltung. […] Abgesehen von den Lichtschaltern funktionierte nichts auf Knopfdruck. Das Grammophon mußte aufgezogen werden; bei vielen Autos gehörte zum Anlassen das Ankurbeln; Kaffee wurde in der Kaffeemühle gemahlen, und es gab noch andere Verwendungsmöglichkeiten für die Hände, als den richtigen Geldschein aus der Geldbörse zu ziehen und auf etwas zu zeigen. Es grenzte immer ans Wunderbare, etwas von Hand zu verwandeln. Ich verbrachte in der Schule Monate damit, Zigarrenkisten mit dem amerikanischen Adler zu verschönern, den ich vom Wappen auf der Titelseite der Hearst-Zeitung abpauste. […] Und als Sechsjähriger baute ich mir einen Wagen, indem ich die Räder eines Kinderwagens unter einer hölzernen Seifenkiste befestigte. Mit diesem Wagen konnte ich fahren, wenn auch nicht steuern. (S. 90/91)

Allerdings widmet er sich im zweiten Teil des Buches, wie ich beim Querlesen festgestellt habe, ausführlich der Beziehung zu Marilyn, deren Schönheit immer dafür sorgte, dass sie von Männern als beliebig verfügbar angesehen wurde und deren Heirat mit einem „Kommunisten“ wie Miller ausgesprochen ungnädig aufgenommen wurde. Schon damals war die Klatschpresse brutal und weder die Paparazzi noch wildfremde Menschen kannten da Skrupel. Es gab Männer, die nur wenige Meter von ihr onanierten.

Als sie nach ein paar Wochen nach unserer Ankunft [in Großbritannien] Marks and Spencer besuchte, mußten alle Kunden das Kaufhaus verlassen, und die Eingänge wurden geschlossen, da man einen unkontrollierbaren Menschenauflauf fürchtete, weil alle versuchten, sie wenigstens einmal zu sehen. Marilyn zerstörte tausend Jahre englischen Gleichmuts. (S. 546)

In der ersten Hälfte seiner Autobiografie ist es jedoch oft eher ein essayistisches Erzählen, bei dem Miller versucht, sich über bestimmte Fragestellungen Klarheit zu verschaffen. 

Sein Sohn Daniel (*1966 oder nach anderen Quellen *1967), der mit dem Down-Syndrom geboren wurde, wird in der kompletten Autobiografie nicht ein einziges Mal erwähnt. Er wurde damals – auf das zeittypische Anraten der Ärzte – in der Nähe in einem Heim untergebracht und wohl eher von seiner Mutter, der Fotografin Inge Morath, besucht.

Vermutlich sollte ich jetzt einfach mal zu Arthur Millers Theaterstücken greifen. Und falls jemand von euch diesen Ziegelstein von Autobiografie zu Ende gelesen hat: Was habe ich versäumt?‘

‚Ich hab das Gefühl, als wär mein Leben immer noch – irgendwie provisorisch‘, sagt Willy Loman zu seinem Bruder Ben. Ich lächelte, als ich diesen Satz im Frühjahr 1948 schrieb, denn ich begriff noch nicht, daß er mein Dasein damals und mein ganzes Leben zusammenfaßte. Das Hier und Jetzt zerrann immer vor einem Traum, dessen Anfang auf mich zukam oder dessen Ende gerade entschwand. Ich mußte zwanzig oder dreißig werden, ehe ich lernte, fünfzehn zu sein, dreißig, ehe ich wußte, was es heißt, zwanzig zu sein, und heute, mit zweiundsiebzig, muß ich mich zwingen aufzuhören, wie ein Mann von fünfzig zu denken, der noch viele Jahre vor sich hat. (S. 93)

Kjersti Anfinnsen: Letzte zärtliche Augenblicke (OA 2019/2021)

Um ehrlich zu sein, mich hat der Roman der Norwegerin Kjersti Anfinnsen (*1975) – von Hause aus Zahnärztin -, um eine bissige, einsame alte Dame nicht besonders beeindruckt.

Die Leute hören gar nicht zu, wenn alte Leute ihnen etwas erzählen, sondern sie nicken, setzen eine empathische Miene auf und tun so, als ob, während sie dabei an ganz andere Dinge denken. Ich habe es satt, für sie unsichtbar zu sein und unterschätzt zu werden. Ich habe es satt, dass niemand mehr auf mich hört. Ich habe auch keine Lust mehr, noch länger so allein zu sein. Ich spreche es laut aus und merke, dass es stimmt. (S. 36)

Die knapp 180 Seiten des Romans Letzte zärtliche Augenblicke wurden im Norwegischen ursprünglich in zwei Bänden veröffentlicht (2019/2021), von denen der erste Teil 2019 mit dem Havmannpreis für das beste nordnorwegische Buch ausgezeichnet wurde.

Die Ich-Erzählerin Brigitte Solheim, eine ehemals erfolgreiche Herzchirurgin in den USA, schaut nun einsam in ihrer Pariser Wohnung sich und den wenigen Bekannten, die ihr noch bleiben, beim Älter- und Gebrechlichwerden zu. Sie giftet in den regelmäßigen Videoanrufen ihre ebenfalls betagte Schwester an und ist schockiert, als der Besitzer ihres Lieblingscafés stirbt und dort ein Beerdigungsinstitut einzieht. Brigitte erinnert sich an ihre berufliche Karriere, die gläserne Decke, die sie als Frau immer wieder in einer Männerdomäne zu spüren bekam. An ihre lieblose Kindheit. 

Ich werde älter, mein Leben beginnt, den Wänden eines verlassenen Zimmers zu gleichen, in dem die Bilder entfernt worden sind, eines nach dem anderen. Ihre aufdringliche Abwesenheit verblasst und spricht deutlich von den Bildern, die dort gehangen haben, von der Liebe, die ein Ende nahm, von bekannten Gesichtern, die verschwanden, und von Zimmern, in die einmal andere einziehen und Namen rufen werden, die weder dir noch mir gehören. (Zitat von Stein Mehren, S. 103)

Aber in einer letzten Liebe zu Javier, einem ehemaligen Architekten, erlebt sie noch einmal schöne Momente der Zweisamkeit, doch auch Javier wird den Heimsuchungen des Alters nicht entgehen.

Mir war das alles ein bisschen dünn, ein bisschen aufgesetzt, zu sehr ausgedacht und auf grelle Effekte getrimmt, allein die seltsamen Telefonate mit ihrer Schwester … 

Wir riechen alle nach Sterblichkeit und können es nicht abwaschen. Wir können nichts dagegen tun, außer vielleicht ein Lied anzustimmen. (Zitat von Siri Hustvedt, S. 165)

Und die ständigen Erwähnungen ihrer vielen Perücken, nun gut. Aber die Lebensfreude ihres Friseurs Michel gefiel mir. Doch selbst er wirkte eher wie eine klischeebeladene Figur aus einem Hollywoodfilm.

Das schönste Zitat findet sich übrigens ganz am Ende:

Der unmögliche Augenblick

Ich möchte am liebsten in den Armen eines anderen Menschen sterben. Ich möchte am liebsten allein sterben. Ich möchte am liebsten nicht so viel mitbekommen. Ich möchte, dass mein letzter Gedanke wahrhaftig ist – und das scheint schier unmöglich. […] Ich möchte kein Drama, keine Atemnot, blutiges Blubbern in meinem Mund, keine Herzprobleme oder Sirenen. […] Und ich möchte definitiv keine Schmerzen oder eine alles umfassende Angst.

Nein.

Ich möchte in der Welt bleiben. Ich möchte Teil des Geruchs, der Töne und des Geschmacks in der Welt sein. Ich möchte, dass Mohnblumen über mich gehäuft werden. Ich möchte von Magnolien umgeben sein, ich möchte in einen unerwarteten Platzregen geraten. Ich möchte den Duft englischer Rosen und des ersten frischen Herbstlaubs einatmen. Ich möchte Austern hinunterschlucken und Karamellbonbons lutschen. Ich möchte jemanden umarmen und umarmt werden. 

Ich möchte.

Doch es bleibt nicht mehr viel Zeit.

Bald ist alles vorbei und dann hoffe ich, das Ende gleicht einem stillen Augenblick, in dem ich erlösche – ganz behutsam, ganz zärtlich.

Wie viel verdichteter waren da beispielsweise An Unnecessary Woman von Rabih Alameddine oder auch Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an von Mely Kiyak.

Die Skulptur Metamorphose stammt von dem Künstler Arne Ranslet (1983) und steht vor der Kirche in Allinge auf Bornholm.

Robert Cedric Sherriff: The Hopkins Manuscript (1939)

R. C. Sherriff, dessen menschenfreundliche Geschichte A Fortnight in September von 1931 um einen Familienurlaub Kritiker, Schriftsteller und Leserinnen und Leser gleichermaßen überzeugte, schrieb mit The Hopkins Manuscript einen geradezu verstörend anderen Roman, der mich aber trotzdem wieder völlig in seinen Bann gezogen hat. 

Die deutsche Übersetzung von Maria von Schweinitz erschien 1955 unter dem Titel Der Mond fällt auf Europa.

Der Roman beginnt mit einem Vorwort, in dem man erfährt, dass die Royal Society of Abyssinia vor zwei Jahren – also ungefähr im Jahr 2743 – zufällig ein Manuskript aus den feuchten und nahezu unbewohnten Ruinen Notting Hills gefunden hat, aus dem man sich Aufschluss über die letzten Tage Londons während der großen, fast alles zerstörenden Katastrophe erhofft hatte. 

But a careful study of the manuscript has proved these hopes to have been raised in vain. Edgar Hopkins, its author, was a man of such unquenchable self-esteem and limited vision that his narrative becomes almost valueless to the scientist and historian … 

The damp British climate has not attracted the peoples of the East, and for nearly a thousand years, since its last wretched inhabitants starved to death amidst the ruins of their once noble cities, the Island has remained a deserted, ghost-haunted waste, its towns and villages buried ever deeper beneath encroaching forests and swamp.

Wir wissen also von Anfang an, dass eine geradezu unvorstellbare Katastrophe den westlichen, „weißen“ Kulturkreis hinwegfegen wird, und Edgar Hopkins, dieser freundlich-spießige Durchschnittstyp, wird durch seine Aufzeichnungen der letzte Zeuge dessen, was geschehen ist, denn die wenigen Artefakte, die von seiner Kultur noch geborgen werden konnten, haben für die Historiker der Zukunft eine doch eher geringe Aussagekraft.

An extremely rusted iron tablet was found twelve miles south-west of London. Its inscription has been deciphered by Dr Shangul of Aduwa University as ‘KEEP OFF THE GRASS‘ and is now lodged in the Royal Collection of Addis Ababa. 

Hopkins findet ein letztes bisschen Glück in dem Plan, seine Geschichte aufzuschreiben.

I alone, of all these hopeless people, shall die with the knowledge that I leave something behind that one day may be found and valued as highly as the Rosetta Stone or the priceless manuscripts of Egypt. (S. 3)

Er, ein 53-jähriger Junggeselle, hat 23 Jahre als Mathematiklehrer gearbeitet, bis ihm eine Erbschaft 1940 ermöglichte, der Schule den Rücken zu kehren und in einem Dorf in Hampshire ein kleines Anwesen zu kaufen, um dort seiner großen Leidenschaft, der Geflügelzucht, nachzugehen.

Keine Frage, er ist ein Snob, der seiner Umgebung mit seinen Hühnern vermutlich schrecklich auf die Nerven fällt, dennoch mag man ihn, weil seine Selbstzufriedenheit und -täuschungen uns so fremd vielleicht doch nicht sind. Und gleichzeitig nimmt er auf andere Rücksicht und geht dem älteren Briefträger entgegen, um ihm den steilen Weg zu seiner Haustür zu ersparen.

Nature has provided me with a happy gift for friendship, a witty but not unkind tongue and, I think, a restful, pleasant personality. I soon became well acquainted with my neighbours, from whom I selected Dr Perceval and Colonel John Harrison as my most intimate friends. I spent many happy evenings with these two gentlemen, discussing my poultry until long past midnight, and it was a great regret to me when both of them decided to go and live farther away. (S. 5)

Dr Perceval ist es, der Hopkins an die Astronomie heranführt. Und schon nach einigen Monaten wird er Mitglied der British Lunar Society, einer Vereinigung von interessierten Laien und Fachleuten, die sich der Erforschung des Mondes verschrieben haben. Sie treffen sich einmal im Monat in London, um zu debattieren, Erkenntnisse auszutauschen, Vorträge zu hören und um leckere Hühnchen-Sandwiches zu essen.

Upon one occasion I engaged Professor Rolleston-Mills of Greenwich Observatory in conversation for nearly twenty minutes. I explained to him that the unusual whiteness of the chicken meat in the sandwiches and their exceptionally delicate flavour was due to a deliberate inbreeding of a selected strain of Wyandotte. (S. 6)

Doch 1945, also sieben Jahre, bevor Hopkins mit seiner Niederschrift beginnt, mischen sich die ersten Misstöne in die Idylle. Ihm und auch anderen fällt auf, dass der Sonnenuntergang eine andere Färbung angenommen hat. 

There was no difference in the actual appearance of the sun, nor in the shape of the little clouds that surrounded it as it sank gently behind the trees. But, as it passed, it left a great sombre tarnish in the sky, a feverish glow of poisoned blood that had no beauty in it – that oppressed and disturbed me. (S. 8)

Sein besorgter Leserbrief an die Times wird nicht abgedruckt, doch die Himmelsphänomene werden immer merkwürdiger. Schließlich lädt die Royal Lunar Society ihre Mitglieder zu einem Treffen ein, bei dem alle zur Verschwiegenheit verpflichtet werden. Sie werden von Professor Hartley darüber informiert, dass der Mond seine Umlaufbahn verlassen habe und sich auf Kollisionskurs mit der Erde befinde. Es blieben der Menschheit noch sieben Monate. Hartley erläutert den Plan der Regierung:

‘It was recognized by all that the publication of what could only mean the destruction of the world would lead to a condition of affairs to horrible to contemplate. The number of people in the world with the strength of character to accept the news with calmness and philosophy would be in the minority, and the last months of human existence would become a welter of anarchy, debauchery and famine. It was of vital importance to keep the truth a secret until the last possible moment and only then to publish the facts by means best calculated to allay panic.‘ (S. 32)

Und nun öffnen sich vor den Leserinnen und Lesern verschiedene Fragen: Wie gehen die Mitglieder der Mondgesellschaft mit ihrem Wissen um, das sie nicht weitergeben dürfen? Was wird passieren, wenn die bevorstehende Kollision mit dem Mond nicht länger geheimgehalten werden kann? Wie werden sich Menschen und unser Geflügelzüchter auf das Ende vorbereiten? Wie unterschiedlich und in welchen Phasen gehen Menschen mit ihrer Endlichkeit um? Mit welchen Selbsttäuschungen gehen sie der Wahrheit aus dem Weg? Und ist das Ende tatsächlich das Ende?

Der Kritiker John Clute schreibt in der SF-Encyclopedia:

The science of The Hopkins Manuscript is derisory, and Sherriff’s failure to anticipate the nature of the real world war about to break out materially lessened the impact of his tale on publication; but its elegy for a world that was in truth disappearing as Sherriff wrote his tale remains potent.

Du liebe Güte, es war doch offensichtlich, dass es hier kaum um nachvollziehbare oder wissenschaftliche Theorien ging, sondern um die Frage, wie Menschen sich angesichts existenzieller Fragen verhalten, sowohl als Individuen als auch als Gemeinschaften.

It took me a long time to get to sleep. The bigness of the whole thing ahead of us was bewildering. It prevented one applying normal common sense to anything. (S. 206)

Und wenn man an die Klimakatastrophe denkt, kann ich mir kaum eine aktuellere Stelle denken als die folgende:

My belief that the whole ‘moon business‘ was nothing but an absurd scare upon the part of a few super-clever ‘experts‘ was growing firmer every day. I called to mind the numberless ‘experts‘ who had predicted hard winters that had turned out warm: ‘experts‘ who had predicted Stock Exchange slumps which turned out to be booms. I despised the ‘experts‘: I snapped my fingers at them. Fur the future I would trust my own common sense that told me the moon was temporarily misplaced and would find its proper course again without trouble. (S. 72)

Muss ich noch extra erwähnen, dass ich das Buch – trotz kleinerer Längen bei seinen immerhin über 400 Seiten – spannend, bitter, witzig, psychologisch fein und außerordentlich nachdenkenswert fand? Mir jedenfalls ist Edgar Hopkins ein geschätzter Regalmitbewohner geworden, dieser eitle Hühnerzüchter, der, als alle Dorfbewohner beim Bau eines Schutzbunkers mithelfen, sich dagegen entscheidet, dem Schreiner das Du anzubieten.

I decided upon reflection not to do so, for if nothing fatal happened on the 3rd of May he might fail to appreciate his duty to call me ‘sir‘ again. (S. 136)

Gleichzeitig ist Hopkins so einsam, dass er auf einem weihnachtlich überfüllten Bahnsteig so tut, als ob er nach jemandem Ausschau hält, damit die anderen um ihn herum glauben, dass er auch einen Sohn, eine Nichte oder eine Tochter hat, die nun zu Weihnachten heimkommt. Und der dann in der Katastrophe doch über sich selbst hinauswächst … 

Und was das Buch mit der Europäischen Union zu tun hat, muss man sich dann noch selbst erlesen. Sherriff jedenfalls verblüfft seine Leserinnen und Leser mit einem Ende, das man nicht hat kommen sehen und dessen Bezüge zur Gegenwart frappierender nicht sein könnten.

It is remarkable how quickly a fine sunlit day can dissolve one‘s cares. As the morning drew on and the sun grew warmer, and the bracing wind blew away the remnants of my headache, I found the trouble about the moon receding right into the background. For ten minutes at a time I completely  forgot about it, as a man working in the sunlight of a garden around a haunted house might forget the ghost within until the shadows lengthen across the lawn. (S. 56)

Seicho Matsumoto: Mord am Amagi-Paß (OA 1960)

Erzählungen lese ich eher selten, aber nach Inspector Imanishi Investigates, dem 1989 erschienenen Kriminalroman von Matsumoto Seichō, habe ich doch ein bisschen gestöbert, was von diesem Autor noch so greifbar ist. Dabei bin ich auf den nur noch antiquarisch erhältlichen Band Mord am Amagi-Paß gestoßen, der vier Kriminalerzählungen aus einem ursprünglich 1960 erschienenen Band enthält. Ins Deutsche wurden die Geschichten von Heinz Haase und Barbara Sparing übertragen.

Die Erzählungen sind zwischen 32 und 90 Seiten lang und haben mich nicht alle gleichermaßen in den Bann gezogen. Matsumoto erzählt kühl, ohne große Innensichten, aber wir sind sofort in der Geschichte.

Schon dreißig Jahre ist es her, daß ich das erstemal über den Amagi-Paß gewandert bin. ‚Ich war zwanzig Jahre alt, trug die Schildmütze eines Obergymnasiums, über dem gemusterten, dunkelblauen Kimono eine Hakama-Rockhose und über meiner Schulter an einem breiten Band die übliche Schulmappe aus grobem Leinen. Die erste Nacht hatte ich in Bad Shuzenji übernachtet, die beiden folgenden Nächte in Bad Yugashima, und nun bestieg ich auf hohen Holzschuhen den Amagi.‘ So heißt es in Yasunari Kawabatas bekannter Novelle ‚Die Tänzerin von Izu‘ aus dem Jahre 1926.

Zu ebenjener Zeit wanderte auch ich über den Amagi, nur daß ich nicht der Schüler einer höheren Schule, sondern der sechzehnjährige Sohn eines Schmiedes war. (S. 5)

Die Auflösung der meisten Fälle erfolgt fast lakonisch und nicht immer kann der Täter zur Rechenschaft gezogen werden.

In der ersten Geschichte, die der Sammlung den Namen gab, erzählt uns ein Druckereibesitzer von seinem letzten Auftrag, alte Polizeiberichte zu ungeklärten Mordfällen zu drucken. Mehr aus Langeweile fängt er an, ein wenig darin zu lesen. In einem der Berichte geht es um einen ermordeten Erdarbeiter, den man vor 30 Jahren auf einem einsamen Bergpass gefunden hatte. Die letzten, die ihn gesehen haben, sind ein Teenager, der von zu Hause ausgebüxt ist, und eine Prostituierte, die aus guten Gründen rasch in Verdacht gerät.

In der zweiten Geschichte Die Tatwaffe ist der 61-jährige Rokuemon das Opfer. Er wird erschlagen auf einem Feld gefunden. Am Tag zuvor hatte er noch Geschäfte im Dorf gemacht. Als Kreditgeber und Zwischenhändler, der den armen Dorfleuten ihre Waren abkaufte, war er ein eher unbeliebter Zeitgenosse. Dass er der über 30 Jahre jüngeren Witwe Shimako nachstellte, war ein offenes Geheimnis. Diese war in dem Zwiespalt, ihn nicht zu sehr verärgern zu dürfen, da sie auf sein Entgegenkommen in geschäftlichen Dingen angewiesen war, und ihn gleichzeitig möglichst auf Distanz zu halten, denn als Mann war er ihr zuwider. Shimako wird dann auch schnell verdächtigt, den alten Mann umgebracht zu haben, da sie die einzige ist, bei der ein Motiv auf der Hand liegt. Doch weder Tatwaffe noch Beweise sind zu finden.

In der längsten Geschichte Die Nylonschnur ahnt man lange vor der Auflösung wie die Dinge zusammenhängen könnten.

Die letzte Erzählung hingegen Der Unfall – sie wurde wohl aus dem Tschechischen übersetzt – fand ich unglaublich spannend und wunderbar in den japanischen Alpen in Szene gesetzt. Ein stellvertretender Filialleiter lädt zwei Arbeitskollegen zu einer Bergtour ein. Einer der beiden hat schon etwas Klettererfahrung, der andere ist ein absoluter Neuling. Dabei kommt es zu einem Unglück, wie es in den Bergen bei schlechten Wetterverhältnissen ja durchaus passieren kann. Oder war hier mehr im Spiel als Nebel und sich ein wenig zu verlaufen?

Und erst das Cover der Ausgabe aus dem Jahr 1983 vom Verlag Volk und Welt, das von Hannelore Teutsch gestaltet wurde.

Das möchte man sich doch glatt einrahmen. Ganz weit weg von tristen und komplett ununterscheidbaren KI-Plastikbildchen (siehe auch Bettina Schnerrs Artikel auf dem Blog Bleisatz).

 

 

Bill Steigerwald: Dogging Steinbeck (2013)

Der amerikanische Journalist Bill Steigerwald (*1947) reiste 2010 auf den Spuren John Steinbecks entlang der Route, die Steinbeck in seinem Werk Travels with Charley (1962) beschrieben hatte. Arg vollmundig lautet denn auch der Untertitel seines im Selbstverlag erschienenen Buches Discovering America and Exposing The Truth About ‘Travels with Charley‘.

Steigerwald nimmt sich als Protagonist seines Reiseberichtes sehr sehr wichtig, dabei interessiert es mich wahrlich wenig, wo er wie lange im Stau gestanden hat, von wildgewordenen Trucks bedrängt wird oder dass er gern auf den hellbeleuchteten Parkplätzen der Walmart-Supermärkte nächtigt. Erst im vierten Kapitel nennt er einige Zahlen, Fakten und Daten zu Amerika in den Sechzigern, die ich ganz interessant fand: 

Despite the ideals of the Declaration of Independence and protections of the U.S. Constitution, about 18 million black Americans were humiliated, dehumanized or blatantly or subtly denied their civil rights by law or custom above and below the Mason Dixon line. Almost all black women who worked were domestics. Only 20 percent of blacks graduated from high school, compared to 43 percent for whites. One in a thousand marriages was between a white and black, compared to 1 in 60 today. […]

1 percent of drivers used seat belts. America‘s highways were criminally lethal. About 36,000 of the country‘s 180 million people were killed in or by cars in 1960. In 2010, when there were three times as many autos and trucks on the road and 310 million Americans riding around in them, the annual death toll had fallen to 32,708. (S. 35/36)

Hin und wieder verliert er sich in Erbsenzählerei, beispielsweise wenn er moniert, dass Steinbecks Zeit- und Streckenangaben nicht immer mit der Realität übereinstimmten. 

Angesichts des um sich greifenden Irrsinns in der amerikanischen Politik scheint mir Steinbecks Skepsis bezüglich seines Landes wesentlich weitsichtiger als der seltsam verklärende Ton, den Steigerwald ab und an anschlägt, wenn er über die Vereinigten Staaten schreibt (in der inzwischen mehr Jugendliche durch Schusswaffengewalt als durch Autounfälle sterben):

… I also didn‘t get shot in the boondocks or mugged in the cities. Of course, I never expected to have any trouble from my fellow countrymen and didn‘t plan for it. Long after I was home, someone asked what I had taken with me for protection. […] It was a shocking question. Maybe it was I had traveled around the USA so much. Maybe it was because as a journalist I was used to being among strangers in strange rural and urban places. Maybe it was because I knew how badly the news media sensationalize and distort reality, exaggerating the level and scope of crime and making an incredibly safe country seem much more dangerous than it really is. (S. 215)

Entscheidender ist da sicherlich Steigerwalds Behauptung, dass viele Begegnungen, von denen Steinbeck erzählt – so sie nicht gleich erfunden seien, wie die mit dem Shakespeare-Rezitator in der tiefsten Provinz oder die mit dem gemeinen Tierarzt – zu den angegebenen Zeitpunkten gar nicht hätten stattfinden können. Zumal er für viele Personen, die im Buch ihren Auftritt haben, weder Belege noch Zeitzeugen habe ausfindig machen können. 

Ein anderer Kritikpunkt ist, dass aus der Endfassung von Travels with Charley alle Stellen entfernt wurden, die zeigen, dass Steinbeck keineswegs als einsamer Held drei Monate lang durchs Land gereist sei.

Steinbeck being alone all the time is the most laughable part of the Charley myth. […] Steinbeck traveled with and slept with his beloved wife on about 43 days of his 75-day trip. They stayed together in hotels, motels, resorts, family homes, Adlai Stevenson‘s house and a fancy Texas cattle ranch. (S. 239)

Der Qualität des Buches war die Streichung der Stellen, in denen Elaine erwähnt wurde, vermutlich nicht abträglich, aber die Leserschaft hätte es vielleicht doch gutgeheißen, wenn auf diese massiven Änderungen hingewiesen worden wäre … 

Steigerwald stellt Steinbeck schon fast in die Betrügerecke, wenn er Greg Mortenson und dessen erfundenen Geschichten in dem Bestseller Three Cups for Tea zum Vergleich heranzieht.

Switching two nights around or combining two nights into one, which Steinbeck also did later in Charley, are petty literary crimes in a nonfiction book. So is inventing a character – or two. So is creating a composite character from two real people. Honest journalists never want to see facts fiddled with for any reason. But fudging reality for the sake of drama is not rare and it‘s not new. […] And it‘s been done in nonfiction books since they were invented. Most of the time these fictional tricks don‘t matter. But at some point they can squeeze reality and truth from a nonfiction book, leaving readers deceived or forced to guess which ‘facts‘  to believe and which to discount. And at some point ‘literary fraud‘ can escalate into charges of actual legal fraud. (S. 61)

Wie vermutlich die meisten Leserinnen und Leser, so empfindet auch Steigerwald die Kapitel, in denen Steinbeck seine Erfahrungen in New Orleans beschreibt, als gelungenen Höhepunkt des Buches, als den einzigen Teil, in dem Steinbeck aus journalistischer Perspektive geschrieben habe.

Im ersten Entwurf hatte Steinbeck die Rassisten, die vor der William Frantz Elementary School herumgepöbelt hatten, noch wörtlich zitiert, doch er habe von Anfang an nicht damit gerechnet, dass es diese Stellen in die Druckausgabe schaffen würden:

I don‘t know how the sick sadness of this morning can be felt without these words. I am going to write down the exact expressions screamed in a banshee voice, a voice in which hysteria was very near the surface. These words will go to the publisher on the manuscript and there is not a chance in the world that my readers will see them. But the texture of the morning can not be expressed without them. (S. 206)

Dass die Gespräche, die Steinbeck rund um die abgrundtief hässlichen Vorfälle in New Orleans geführt haben will, vermutlich seiner Fantasie entsprungen sind, sieht Steigerwald zu Recht kritisch.

Even more improbable are the four stock characters Steinbeck conveniently bumps into as he flees New Orleans. The men – two whites, two blacks – just happen to represent a full spectrum of the Jom Crow South‘s positions on integration. […] Knowing Steinbeck‘s modus operandi, the likelihood that he actually met the four Southerners in 24 hours in somewhere between pretty slim and no way in hell. (S. 209)

Übrigens schrieb Steinbecks eigener Sohn:

Thom and I are convinced that he never talked to any of those people in Travels with Charley. He just sat in his camper and wrote all that shit. He was too shy. He was really frightened of people who saw through him. He couldn‘t have handled that amount of interaction. So, the book is actually a great novel. (S. 238)

Im Anschluss zeigt Steigerwald, wie die Geschichte der schulischen Integration weitergegangen ist.

Whites in New Orleans lost their fight to preserve the Jim Crow public school system, but they ducked the bullet of integration. They quickly resegregated their children‘s education and themselves. They started their own private schools, sent their kids to Catholic schools or abandoned white city neighborhoods like the Ninth Ward and fled to the suburbs.

New Orleans, a city of 630,000 in 1960, was transformed. William Frantz Elementary quickly became an all-black school. Within 10 years, as the city hemorrhaged people, almost three-fourths of the students in New Orleans public schools were African American. By 2010, the population […] had flipped, switching from 63 percent white in 1960 to 60 percent black. In 2010 the city‘s integrated public school system was almost as black – more than 90 percent – as its segregated system was white in 1960. (S. 206)

Erhellend fand ich noch, wie Steigerwalds Recherche in den Medien und bei den universitären Steinbeck-Expertinnen und Experten aufgenommen wurde: Sie reagierten ausgesprochen ungnädig, als sie erfuhren – was sie ja längst selbst hätten wissen können und müssen -, dass vieles bei Travels with Charley erfunden war und somit keineswegs in den Bereich der non-fiction gehört. Auch die begeisterten zeitgenössischen Rezensionen haben seltsamerweise nie den Wahrheitsgehalt von Steinbecks Buch in Frage gestellt. Und als die Fakten längst auf der Hand lagen, hat man so getan, als ob der Unterschied zwischen Fakt und Fiktion ganz unerheblich sei.

Als Fazit lässt sich festhalten, dass mir Steigerwalds Buch zwar einige Hintergrundinformationen geliefert hat, doch mit seinem Anliegen, Steinbecks Klassiker zu entzaubern, ist der Autor – zumindest bei mir – gescheitert.

Trouble was, his [trip] was largely a 50 mph blur interrupted by luxurious vacations with his wife. And when his journey ended, he had to sit down and make up a nonfiction book about a real country he never found, never really looked for and didn‘t like much. (S. 229) 

Steinbeck selbst hat schon in Travels with Charley ganz entspannt festgestellt:

[I’ve] always admired those reporters who can descend on an area, talk to key people, ask key questions, take samplings of opinions, and then set down an orderly report very like a road map. I envy this technique and at the same time do not trust it as a mirror of reality. I feel. That there are too many realities. What I set down here is true until someone else passes that way and rearranges the world in his own style. (S. 247)

John Steinbeck: Travels with Charley (1962) – Teil 3/3

Der bedrückendste und für mich eindrücklichste Teil seiner Reise steht Steinbeck in New Orleans bevor.

While I was still in Texas, late in 1960, the incident most reported and pictured in the newspapers was the matriculation of a couple of tiny Negro children in a New Orleans school. Behind these small dark mites were the law‘s majesty and the law‘s power to enforce – both the scales and the sword were allied with the infants – while against them were three hundred years of fear and anger and terror of change in a changing world. I had seen photographs in the papers every day and motion pictures on the television screen. What made the newsmen love the story was a group of stout middle-aged women who, by some curi