Naturwissenschaften im Allgemeinen und Physik im Besonderen sind ein eher trockenes Thema für Romane. Wie man daraus dennoch mitreißende Geschichten strickt, zeigt der 1987 geborene Autor Daniel Mellem, selbst promovierter Physiker, mit seinen beiden Büchern »Die Erfindung des Countdowns« und – ganz frisch erschienen – »Einstein im Bade«.

Nobelpreisträger im Hotel
Es hat schon bessere Zeiten gesehen als im September 1920, das Kurhotel »Rastender Kranich« in Bad Nauheim, Schauplatz von »Einstein im Bade«. Einst ein Hort von gediegenem Luxus und Ruhe, was bereits der alte Bismarck zu schätzen wusste, ist das Haus inzwischen arg in die Jahre gekommen. Immer öfter bleiben Zimmer leer, und sogar die treuen Stammgäste haben an allem etwas herumzumäkeln.
Doch nicht nur das Hotel selbst, sondern auch Direktor Kleeberger ist mit seinen 68 Jahren nicht mehr in der allerbesten Form. Die neue Zeit mit ihren veränderten Ansprüchen an Hotellerie und Gastlichkeit ist ihm fremd, Annehmlichkeiten wie elektrische Lifts hält er für unnützes Zeug.
Und nun steht Bad Nauheim mit der 86. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte auch noch ein Großereignis mit mehr als 2000 teilnehmenden Wissenschaftlern bevor. Anspruchsvolle Gäste, die von der Kurverwaltung unentgeltlich in den Hotels und Pensionen des Städtchens untergebracht werden wollen – natürlich auch im »Rastenden Kranich«. Eine höchst unwillkommene Herausforderung für Direktor Kleeberger, der auf Anraten des exzentrischen Dauergastes Madame Hunderbrock aus der Not eine Tugend zu machen versucht.
Immerhin sind in seinem Hause die zerstrittenen Physik-Koryphäen Philipp Lenard und Albert Einstein einquartiert, die sich als einer der Höhepunkte der Versammlung eine öffentliche Diskussion über Einsteins Relativitätstheorie liefern sollen. Wäre es also nicht eine wunderbare Reklame für den »Rastenden Kranich«, wenn er, Kleeberger, die beiden Wissenschaftler schon vorab zusammenbringen und einen »Friedensschluss« erreichen könnte?
Über weite Strecken ist Daniel Mellems zweiter Roman eine vergnüglich zu lesende Komödie über ein angejahrtes Hotel und seinen Direktor, der sich verzweifelt gegen den Niedergang seines Lebenswerks stemmt. Viele eigenwillige Charaktere treten auf, es gibt launige Dialoge und viel Situationskomik. Unter anderem begegnen wir Max Planck im »Adamskostüm«, nehmen am ungeschickten Versuch, eine Maus zu fangen, teil und erleben, wie sich nach dem Bruch eines Abwasserrohres ein infernalischer Gestank im »Rastenden Kranich« ausbreitet.
In seinem dramatischen Höhepunkt, dem Aufeinandertreffen der Nobelpreisträger Lenard und Einstein, ändert sich der Tonfall des Buches jedoch merklich. Direktor Kleeberger findet nämlich erst viel zu spät heraus, dass der national gesinnte, stramm antisemitische Lenard seinen Kollegen Einstein keineswegs nur wegen dessen wissenschaftlicher Erkenntnisse ablehnt, sondern vielmehr wegen der jüdischen Abstammung:
Aber die Zeit für eine deutsche Physik wird kommen. Seien Sie da versichert.
Wenige Jahre später soll Lenards Prophezeiung zwar schreckliche Wahrheit werden, doch im Herbst 1920 findet Direktor Kleeberger – vielleicht seine letzte Großtat – noch genau die richtige Reaktion auf das Gewäsch des Physikers.
Eine große Empfehlung!
Ein Genie mit Schwächen
Nicht um die Ereignisse weniger Tage wie im neuen Roman, sondern um ein ganzes Leben geht es in Daniel Mellems Debüt »Die Erfindung des Countdowns«. Im Zentrum steht der »Raketenpionier« Hermann Oberth, den das Buch von den letzten Tagen des 19. Jahrhunderts als kleiner Junge im siebenbürgischen Schäßburg, wo er Jules Verne liest und von Flügen zum Mond träumt, bis zum Start der Apollo-11-Mission begleitet, wo der inzwischen über Siebzigjährige der Vollendung seines Lebenswerks beiwohnt.
Bei allen Leistungen und Verdiensten, die sich Oberth im Laufe seines langen Lebens erworben hat, ist Mellems Buch keineswegs ein Heldengesang, sondern das vielschichtige Porträt eines Mannes voller Widersprüche und mit vielen Schwächen. Auf seinem Gebiet war Hermann Oberth zweifellos ein visionäres Genie, aber letztlich eben auch ein Kind einer Zeit voller Umbrüche, Verwerfungen und Katastrophen. Schon beim strengen Vater, einem erfolgreichen Mediziner, stieß der verträumte junge Hermann mit seinem Interesse für Physik auf wenig Gegenliebe. Auch als Student rannte er mit seiner Innovationsfreude und Tüfteleien bei den verknöcherten Professoren keine offenen Türen ein. Zuspruch kam zunächst vor allem von Spinnern oder Künstlern wie dem Regisseur Fritz Lang, für dessen Film »Frau im Mond« er die Mondrakete konstruieren durfte (übrigens mit dem Abiturienten Wernher von Braun als Assistenten).
Auf seiner Suche nach Anerkennung diente sich der – zumindest im Buch – oft etwas naiv und sorglos wirkende Oberth sogar den Nazis und Adolf Hitler persönlich an. Kein Glanzlicht war sicher auch die Neigung, sein Lebenswerk über die Interessen seiner Familie, besonders der seiner fast grenzenlos geduldigen Ehefrau Tilla, zu stellen.
Dank Daniel Mellems Darstellung aller Widersprüchlichkeiten kommt man dem Protagonisten in »Die Erfindung des Countdowns« sehr nahe – das ist die große Stärke dieses lesenswerten, eher konventionell erzählten Romans.
- Daniel Mellem: Einstein im Bade; Kein & Aber, 272 Seiten, 26 Euro.
- Daniel Mellem: Die Erfindung des Countdowns; dtv, 288 Seiten, 12 Euro.