Zu Beginn des vergangenen Wochenendes sah es noch wunderbar frühlingshaft aus (auf dem Bild die Zierkirschen am Nürnberger Klarissenplatz), der Auftakt zur Karwoche brachte dagegen neben den üblichen Scheußlichkeiten in den Nachrichten viel Tristesse, Kälte sowie gemischten Niederschlag von unterschiedlicher Intensität.
In den Kommentaren zum Video bei Youtube heißt es über Michael Stipe: „His voice is like a beacon in the darkness“ – dem ist nichts hinzuzufügen.
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Mit dem Südstaaten-Drama „In der Glut des Südens“ (zu sehen in der arte-Mediathek bis zum 28. April) von Terrence Malick mit Richard Gere, Brooke Adams und Sam Shepard aus dem Jahr 1978 wurde eine weitere filmische Bildungslücke geschlossen. Wikipedia weiß, dass Regisseur Malick und Kameramann Néstor Almendros beim Filmen weitgehend auf künstliches Licht verzichteten und die Außenaufnahmen vor allem in der Morgen- und Abenddämmerung bzw. in der Nacht drehten. Das verleiht dem Film eine ganz besondere Stimmung – kein Vergleich zu dem sterilen, KI-optimierten Mist, mit dem wir heutzutage allzu oft gequält werden.
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Eine Schlagzeile, die auch ein Songtitel von Element of Crime sein könnte: „Wolf beißt Frau in Altona“ („In der Alster, da schwimmen die Wölfe / Aber ich denk‘ immer nur an dich“, dann Trompetensolo Sven Regener)
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Wieder etwas gelernt: In der „Lesart“ wird erklärt, was sich hinter dem vorwiegend aus Japan und Südkorea stammenden Buchtrend „Healing Fiction“ verbirgt. Zu dem Genre gehören zum Beispiel Titel wie „Der Briefladen, in dem die Zeit stillstand“ – was genau man sich unter einem „Briefladen“ vorzustellen hat, wird hoffentlich im Laufe der Handlung erklärt.
(Insgesamt ist das aber wohl kein Genre für mich.)
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Dieser Beitrag wird im Laufe der Woche ergänzt und aktualisiert.
Die Zeit fliegt in dieser Woche mit den verschiedensten Ärgernissen des Alltags nur so dahin. Aber im Großen und Ganzen hält es sich gerade noch im Rahmen.
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Gerne weise ich noch einmal auf Christopher Kloebles lesenswerten, musikalischen Roman »Durch das Raue zu den Sternen« hin – HIER ausführlich vorgestellt.
Apropos Musik (die der Protagonistin des besagten Romans wohl eher nicht gefallen hätte, weil Popmusik im weitesten Sinne): Mumford & Sons waren samt Streichquartett und Songs vom neuen Album »Prizefighter« zu Gast bei den immer wunderbaren Tiny Desk Concerts von NPR. Die schönste Viertelstunde der Woche!
Länger als eine Viertelstunde dauern die »Filmgrößen«-Porträts in der arte-Mediathek, die ich mir zur Zeit sehr gerne ansehe. Zuletzt mit Christoph Waltz (mit dem ich neben dem Vornamen auch die ersten vier Buchstaben des Nachnamens gemein habe) und Wim Wenders.
In seinem vierten Roman »Durch das Raue zu den Sternen« erzählt der 1982 geborene Autor Christopher Kloeble von einem eigensinnigen Mädchen, dem Mikrokosmos Knabenchor, Beethoven und nicht zuletzt von seiner eigenen Vergangenheit.
Kloeble selbst war von 1988 bis 1994 Mitglied im berühmten Tölzer Knabenchor und erhob später den Vorwurf der seelischen Misshandlung gegen dessen Gründer und langjährigen Leiter. Dieser wird ebenso wie der Chor selbst und andere zentrale Figuren im Roman nicht namentlich erwähnt, aber die Parallelen sind mehr als offensichtlich. Wer genau liest, wird in einer Szene sicher auch den jungen Christopher Kloeble entdecken.
Aber das nur am Rande, denn die Hauptfigur des Romans ist – ungewöhnlich für ein Buch, in dem ein Knabenchor eine zentrale Rolle spielt – ein Mädchen. Die 13 Jahre alte Arkadia Fink, genannt »Moll«, verfügt nicht nur über ein großes Gesangstalent, sondern auch über ein entsprechendes Selbstbewusstsein:
Ich werde eines Tages zu den überragenden Persönlichkeiten der Musikgeschichte zählen.
Mit ihrer altklugen, oft wenig sensiblen Art kommt sie in ihrem kleinen Dorf im Oberland nicht unbedingt gut an. Nicht in der Schule bei Lehrern und Klassenkameraden, aber auch nicht immer bei ihrem Vater, einem eher praktisch als musikalisch veranlagtem Schreiner, der »Liebe mit den Händen ausdrückt«.
Eine Verbündete hat sie in der ehemaligen Musiklehrerin Bernhardina, die in einem Altenheim lebt, und vor allem in ihrer Mutter, einer exzentrischen, mäßig erfolgreichen »Tondichterin«, die überzeugt ist, dass Beethoven eine Frau war.
Dummerweise ist die Mutter vor beinahe einem Jahr »kurz weggegangen«, weshalb »Moll« einen Plan fasst, um sie zurückzuholen. Sie möchte unbedingt in den berühmten Knabenchor aufgenommen werden und eine Rolle als Edelknabe im »Tannhäuser« übernehmen – den Besuch bei dieser grandiosen Aufführung kann sich die Mutter schließlich unter keinen Umständen entgehen lassen…
Ein Hauch von magischem Realismus
Mit seinen schrulligen Figuren, dem melancholischen Humor, seinem leichten Hang zum magischen Realismus und seiner in den frühen 1990ern angesiedelten Handlung erinnert »Durch das Raue zu den Sternen« ein wenig an Mariana Lekys »Was man von hier aus sehen kann«. Das ist die eine Stärke des sprachlich gelungenen Romans.
Die andere ist die aus persönlichen Erfahrungen gespeiste, großartige Beschreibung des Mikrokosmos Knabenchor. Eine eigene Welt, in der auf der einen Seite Zusammenhalt, die Schönheit der Musik und gemeinsame Erlebnisse eine zentrale Rolle spielen, die auf der anderen Seite aber auch aus pubertären Streichen, Demütigungen und einer Atmosphäre von Angst und Drill besteht. Der Romantitel bzw. die lateinische Entsprechung »per aspera ad astra« darf durchaus wörtlich genommen werden. Das mit Arkadia Fink ein Mädchen in diese ihr eigentlich verschlossene Welt eindringt, verleiht der Handlung eine zusätzliche Dimension.
Etwas schwächer ausgefallen ist die Beantwortung der Frage nach dem Verbleib der Mutter. Obwohl es gegen Ende eine durchaus überraschende und dramatische Wendung gibt, ist schon lange vorher klar, dass sie nicht nur einmal »kurz weggegangen« ist.
Tröstlich und hoffnungsvoll ist der Schluss dieses lesenswerten, musikalischen Romans aber allemal.
Hier noch ein kleiner Nachtrag zum #indiebookday: Bevor Ewald Arenz bei Dumont zum Bestseller-Autor wurde, veröffentlichte er seine Bücher beim ars vivendi Verlag, der nun die früheren Werke in hübsch gestalteten Taschenbuch-Ausgaben neu herausbringt. So auch »Ehrlich & Söhne«, das erstmals 2009 erschien. Der Leichenwagen auf dem Cover hat mich an die hübsche Serie »Der Bestatter« aus der Schweiz erinnert, weshalb mir die Wahl im Buchladen nicht schwer fiel.
Bis ich diese Neuerwerbung in Angriff nehme, dauert es aber noch ein wenig. Zuerst mag ein anderer Roman zu Ende gelesen werden, außerdem warten die meisten Artikel der Literaturbeilage aus der Wochenend-SZ auf mich. Dazu bin ich bisher nicht gekommen, weil ich zuerst das großartige, umfangreiche Interview mit Siri Hustvedt (€) lesen musste.
Und dann will natürlich auch noch das aktuelle »Literarische Quartett« nachgehört werden, wo Siri Hustvedt ebenfalls Thema ist. Das habe ich mittlerweile erledigt, wobei ich die Sendung diesmal in der Mediathek im Bewegtbild angeschaut habe. Seit wann sitzen die denn alle um einen Tisch herum?!
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Am 17. März jährt sich der Geburtstag von Siegfried Lenz zum 100. Mal. Grund genug, überall ausführlich an den großen Nachkriegsschriftsteller zu erinnern. Sehr ansprechend ist die Auswahl bei 3sat, wo es neben einer Dokumentation auch allerlei Verfilmungen zu entdecken gibt.
Die meisten davon habe ich im Laufe der Zeit schon einmal gesehen. Neu war mir allerdings »Die Flut ist pünktlich« von 2013 nach der gleichnamigen Erzählung. Eine vielschichtige Mischung aus Familiendrama und Kriminalgeschichte, behutsam erzählt und mit Ina Weisse, Bernadette Heerwagen, August Zirner, Jürgen Vogel und der damals noch sehr jungen Leonie Benesch exzellent besetzt. Mochte ich gerne.
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Der verehrte Wiener Musiker Voodoo Jürgens veröffentlicht dieser Tage sein viertes Album »Gschnas« und der Standard feiert die Platte (€) als »nachdenkliches Glanzstück« und als »hochkonzentriertes Brechen mit diversen Klischees«:
Hurra, ein neuer Voodoo Jürgens ward geboren.
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Traurige Nachrichten bei der samstäglichen Zeitungslektüre: Tommie Goerz ist bereits am 14. März nach längerer Krankheit im Alter von 72 Jahren gestorben.
Der Traueranzeige der Familie ist ein Zitat des Autors vorangestellt, dem nichts hinzuzufügen ist:
Sprachlos werden wir geboren. Dann wird ein Leben lang gequasselt. Und am Ende fehlen die Worte.
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Es ist ja nicht alles nur schlecht in der »Causa Buchhandlungspreis«: Die Inhaberin des »Buchladens zur schwankenden Weltkugel« in Berlin spricht im Tagesspiegel (Artikel €) von derzeit »sehr guten Umsätzen«, die Buchhandlung »Rote Straße« in Göttingen verzeichnet den »umsatzstärksten März seit Gründung« und hat Wolfram Dingens gar zum »Mitarbeiter des Monats« gekürt.
Am Samstag, 14. März, ist #indiebookday. Also der Tag, der die unabhängigen Buchverlage feiert. Damit es nicht nur beim Feiern bleibt, sondern damit für die Verlage und zugleich den unabhängigen Buchhandel auch etwas herumkommt, empfiehlt es sich, an dem Tag tatsächlich ein Buch zu kaufen. Nur welches?
Ich rate entweder zu Daniel Mellems hier schon ausführlich gewürdigtem neuen Roman »Einstein im Bade« (Kein & Aber) oder zu Knut Cordsens bei Kunstmann erschienenem »Stand jetzt«. In gut zwei Dutzend kurzen Kapiteln macht sich der BR-Kulturredakteur kluge Gedanken zu sprachlichen Auffälligkeiten und Verirrungen der Gegenwart. Schon der Titel verweist auf eine dieser Schrecklichkeiten aus dem Sprachgebrauch von Politik, PR und Führungskräften. Außerdem begegnen uns beim Lesen (selbstverständlich mit geradem Rücken) dieses schmalen, ergebnisoffenen Bandes allerlei Helden und verlockende, womöglich sogar armutsfesteAngebote. Ferner werden wir an verschiedene Orte mitgenommen, etwa zu äußerst kreativen Brotmanufakturen, die sich viel vom Friseurhandwerk abgeschaut haben. Das macht was mit einem!
Nicht alle der Miniaturen sind gleichermaßen gelungen (wer erinnert sich zum Beispiel noch an den glücklosen Thorsten Schäfer-Gümbel?), aber wer grundsätzlich Freude an Sprache und heiteren, geistreichen Kolumnen hat, darf es sich mit dem schön aufgemachten Büchlein gerne im Kaffeehaus oder, während einer kurzen Pause beim Flanieren, auf einer Parkbank bequem machen.
Einen höchst charmanten und natürlich völlig ernst gemeinten Alternativvorschlag zu den viel diskutierten Social-Media-Verboten macht Moritz Hürtgen in der Süddeutschen Zeitung (€): Öffnungszeiten!
Ganz wunderbar:
Gerade in Deutschland brächten Schließzeiten für Social Media allerlei heitere Sonderfälle mit sich. Beispiel Mariä Himmelfahrt: Nur in bayerischen Gemeinden mit einer nach Zensus überwiegen katholischen Bevölkerung ist der 15. August ein gesetzlicher Feiertag. Während die Münchner einen Sommertag lang offline wären, könnten die Nürnberger auf Bluesky ungestört Schmähungen gegen die Landeshauptstadt posten. Dieses Jahr allerdings nur von 10 bis 13 Uhr, denn Mariä Himmelfahrt fällt 2026 auf einen Samstag.
Gelesen habe ich in dieser Woche für eine Rezension anderswo »Prachtliebe & Wunderfakten« von Dominik Eulberg, seines Zeichens Techno-DJ, Ökologe, Naturschützer und Autor. Wenn Ihr Euch für die heimische Tierwelt und Umweltschutz interessiert, ist dieses lehrreiche, grandios illustrierte und aufwändig aufgemachte Werk (es gibt sogar QR-Codes, dank derer Tierstimmen und Vogelrufe bequem abgerufen werden können) genau das Richtige. Ein schöneres Buch hatte ich in diesem Jahr noch nicht in der Hand!
Naturwissenschaften im Allgemeinen und Physik im Besonderen sind ein eher trockenes Thema für Romane. Wie man daraus dennoch mitreißende Geschichten strickt, zeigt der 1987 geborene Autor Daniel Mellem, selbst promovierter Physiker, mit seinen beiden Büchern »Die Erfindung des Countdowns« und – ganz frisch erschienen – »Einstein im Bade«.
Nobelpreisträger im Hotel
Es hat schon bessere Zeiten gesehen als im September 1920, das Kurhotel »Rastender Kranich« in Bad Nauheim, Schauplatz von »Einstein im Bade«. Einst ein Hort von gediegenem Luxus und Ruhe, was bereits der alte Bismarck zu schätzen wusste, ist das Haus inzwischen arg in die Jahre gekommen. Immer öfter bleiben Zimmer leer, und sogar die treuen Stammgäste haben an allem etwas herumzumäkeln.
Doch nicht nur das Hotel selbst, sondern auch Direktor Kleeberger ist mit seinen 68 Jahren nicht mehr in der allerbesten Form. Die neue Zeit mit ihren veränderten Ansprüchen an Hotellerie und Gastlichkeit ist ihm fremd, Annehmlichkeiten wie elektrische Lifts hält er für unnützes Zeug.
Und nun steht Bad Nauheim mit der 86. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte auch noch ein Großereignis mit mehr als 2000 teilnehmenden Wissenschaftlern bevor. Anspruchsvolle Gäste, die von der Kurverwaltung unentgeltlich in den Hotels und Pensionen des Städtchens untergebracht werden wollen – natürlich auch im »Rastenden Kranich«. Eine höchst unwillkommene Herausforderung für Direktor Kleeberger, der auf Anraten des exzentrischen Dauergastes Madame Hunderbrock aus der Not eine Tugend zu machen versucht.
Immerhin sind in seinem Hause die zerstrittenen Physik-Koryphäen Philipp Lenard und Albert Einstein einquartiert, die sich als einer der Höhepunkte der Versammlung eine öffentliche Diskussion über Einsteins Relativitätstheorie liefern sollen. Wäre es also nicht eine wunderbare Reklame für den »Rastenden Kranich«, wenn er, Kleeberger, die beiden Wissenschaftler schon vorab zusammenbringen und einen »Friedensschluss« erreichen könnte?
Über weite Strecken ist Daniel Mellems zweiter Roman eine vergnüglich zu lesende Komödie über ein angejahrtes Hotel und seinen Direktor, der sich verzweifelt gegen den Niedergang seines Lebenswerks stemmt. Viele eigenwillige Charaktere treten auf, es gibt launige Dialoge und viel Situationskomik. Unter anderem begegnen wir Max Planck im »Adamskostüm«, nehmen am ungeschickten Versuch, eine Maus zu fangen, teil und erleben, wie sich nach dem Bruch eines Abwasserrohres ein infernalischer Gestank im »Rastenden Kranich« ausbreitet.
In seinem dramatischen Höhepunkt, dem Aufeinandertreffen der Nobelpreisträger Lenard und Einstein, ändert sich der Tonfall des Buches jedoch merklich. Direktor Kleeberger findet nämlich erst viel zu spät heraus, dass der national gesinnte, stramm antisemitische Lenard seinen Kollegen Einstein keineswegs nur wegen dessen wissenschaftlicher Erkenntnisse ablehnt, sondern vielmehr wegen der jüdischen Abstammung:
Aber die Zeit für eine deutsche Physik wird kommen. Seien Sie da versichert.
Wenige Jahre später soll Lenards Prophezeiung zwar schreckliche Wahrheit werden, doch im Herbst 1920 findet Direktor Kleeberger – vielleicht seine letzte Großtat – noch genau die richtige Reaktion auf das Gewäsch des Physikers.
Eine große Empfehlung!
Ein Genie mit Schwächen
Nicht um die Ereignisse weniger Tage wie im neuen Roman, sondern um ein ganzes Leben geht es in Daniel Mellems Debüt »Die Erfindung des Countdowns«. Im Zentrum steht der »Raketenpionier« Hermann Oberth, den das Buch von den letzten Tagen des 19. Jahrhunderts als kleiner Junge im siebenbürgischen Schäßburg, wo er Jules Verne liest und von Flügen zum Mond träumt, bis zum Start der Apollo-11-Mission begleitet, wo der inzwischen über Siebzigjährige der Vollendung seines Lebenswerks beiwohnt.
Bei allen Leistungen und Verdiensten, die sich Oberth im Laufe seines langen Lebens erworben hat, ist Mellems Buch keineswegs ein Heldengesang, sondern das vielschichtige Porträt eines Mannes voller Widersprüche und mit vielen Schwächen. Auf seinem Gebiet war Hermann Oberth zweifellos ein visionäres Genie, aber letztlich eben auch ein Kind einer Zeit voller Umbrüche, Verwerfungen und Katastrophen. Schon beim strengen Vater, einem erfolgreichen Mediziner, stieß der verträumte junge Hermann mit seinem Interesse für Physik auf wenig Gegenliebe. Auch als Student rannte er mit seiner Innovationsfreude und Tüfteleien bei den verknöcherten Professoren keine offenen Türen ein. Zuspruch kam zunächst vor allem von Spinnern oder Künstlern wie dem Regisseur Fritz Lang, für dessen Film »Frau im Mond« er die Mondrakete konstruieren durfte (übrigens mit dem Abiturienten Wernher von Braun als Assistenten).
Auf seiner Suche nach Anerkennung diente sich der – zumindest im Buch – oft etwas naiv und sorglos wirkende Oberth sogar den Nazis und Adolf Hitler persönlich an. Kein Glanzlicht war sicher auch die Neigung, sein Lebenswerk über die Interessen seiner Familie, besonders der seiner fast grenzenlos geduldigen Ehefrau Tilla, zu stellen.
Dank Daniel Mellems Darstellung aller Widersprüchlichkeiten kommt man dem Protagonisten in »Die Erfindung des Countdowns« sehr nahe – das ist die große Stärke dieses lesenswerten, eher konventionell erzählten Romans.
Kurzer Monat, wenig Zeit zum Lesen. Der Faustregel »ein Buch pro Woche« bin ich nahezu treu geblieben, wobei ich mich schon sehr ranhalten müsste, um noch vor dem Monatswechsel mit Daniel Mellems »Die Erfindung des Countdowns« fertig zu werden. Ein Schaltjahr käme da durchaus gelegen, aber es geht beim Lesen ja um Freude und nicht um das Abarbeiten von Listen oder das Erfüllen von wie auch immer gearteten Zielen.
Gekauft habe ich in diesem Monat zwei Bücher. Entsprechend meines Neujahrsvorsatzes aus unabhängigen Verlagen und in unabhängigen Buchhandlungen.
Bernhard Jaumann: Caravaggios Schatten
Auch der zweite Fall für die »Kunstdetektei von Schleewitz« dreht sich wieder um ein berühmtes Werk der Kunstgeschichte, nämlich Caravaggios »Der ungläubige Thomas«, das zunächst von einem alten Internats-Freund Rupert von Schleewitz‘ in einem Moment geistiger Verwirrung mit einem Messer beschädigt und wenig später auf dem Weg zum Restaurieren geraubt wird.
Wie diese beiden Ereignisse zusammenhängen, soll hier natürlich nicht verraten werden. Nur so viel: ein wenig verwirrend und konstruiert ist die ganze Geschichte schon.
Stimmung und Figurenzeichnung sind ähnlich wie beim Vorgänger gut gelungen, den geschichtlichen Hintergrund fand ich bei »Der Turm der blauen Pferde« allerdings interessanter.
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Heinz Strunk: Kein Geld Kein Glück Kein Sprit
Mit seinen Kurz- und Kürzestgeschichten über die Unglücklichen, Einsamen, Randständigen und Ausgestoßenen ist Heinz Strunk bei aller Absurdität und Abgründigkeit, die den Texten innenwohnt, näher an den Menschen und dem wirklichen Leben als der überwiegende Teil der hiesigen Gegenwartsliteratur.
Die Qualität der Geschichten in »Kein Geld Kein Glück Kein Sprit« ist recht unterschiedlich und erreicht im Schnitt nicht ganz die Klasse des älteren Bandes »Das Teemännchen«, aber in den besten Momenten gelingt Heinz Strunk auch diesmal eine brillante Mischung aus bitterem Humor, feiner Beobachtungsgabe und großer Melancholie. Etwa dann, wenn sich ein gefeierter, aber außerhalb von Konzerthäusern eher unbeholfener Jungdirigent wünscht, die scheinbar unerreichbare Frau aus dem Café möge ihn einmal in »seinem Zusammenhang« erleben. So etwas kennen wir doch alle …
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Daniel Mellem: Einstein im Bade / Die Erfindung des Countdowns
Ausführliches zum »doppelten Mellem« findet Ihr HIER.
Im Münchner Feuilleton wurde Daniel Mellems Roman kürzlich gemeinsam mit »Grand Hotel Avalon« von Maggie Stiefvater vorgestellt. Eine ganz andere Geschichte, die allerdings ebenfalls in einem luxuriösen Hotel in Bad Nauheim spielt. Auf die Wunschliste ist natürlich auch dieses Buch gewandert.
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Apropos »unabhängige Buchhandlung«: In einer RBB-Doku über den Berliner Savignyplatz wird (ungefähr ab 1:10:00) die Buchhandlung Knesebeck Elf vorgestellt, die man danach dringend besuchen möchte. Zum Beispiel am kommenden Freitag, 20. Februar, zum »Literarischen Schmähquartett«.
Sehr ruhig verläuft der Februar bisher. Deshalb keine aufregenden Neuigkeiten, sondern nur zwei kleine Hinweise vor dem Wochenende:
Im September (gefühlt noch eine Ewigkeit hin, aber wie schnell werden Frühling und Sommer wieder vorbei sein) erscheint »The Gruffalo Granny«, das erste neue Grüffelo-Abenteuer von Julia Donaldson und Axel Scheffler seit 2005. Angesichts der wahren Flut an Grüffelo-Produkten aller Art bin ich etwas überrascht, dass das kommende Buch tatsächlich erst das dritte der Reihe ist. Gute Dinge brauchen eben ihre Zeit.
Ähnlich ist es auch mit Colm Bairéads Verfilmung von Claire Keegans kurzem Roman »The Quiet Girl«, die noch bis zum 5. März in der arte-Mediathek zu sehen ist. Bis sich die junge Cáit (Catherine Clinch) richtig gewöhnt an Eibhlín (Carrie Crowley), die Cousine ihrer Mutter, und deren Mann Seán (Andrew Bennett), bei denen sie die Sommerferien verbringt, dauert es eine ganze Weile. Dafür nimmt sich der ruhige, wortkarge Film in zumeist stimmungsvollen Bildern sehr viel Zeit. Als das Mädchen aus einer Familie, in der Geld ebenso Mangelware ist wie Wärme und Zuneigung, dann aber Vertrauen aufgebaut hat zu dem auf einer schmucken Farm lebenden, liebevollen und vermeintlich kinderlosen Ehepaar (hier schlummert noch ein trauriges Geheimnis) und die Zeit des Abschieds naht, wird es sehr ergreifend. Taschentücher bereithalten – am besten welche aus Stoff mit Blümchenstickerei und Monogramm.