Das Problem mit Religion ist: Diejenigen Gruppen, die den stärksten Glauben haben, werden überleben. Nicht unbedingt deshalb, weil sie die besten Voraussetzungen besitzen oder die größten technologischen Fortschritte erzielen, sondern weil alle anderen weniger Nachkommen haben werden. Die anderen Gruppen sterben aus, weil sie nichts haben, worauf sie sich stützen können, um ein Leben zur Freude ihrer Nachkommen zu gestalten.
Regelmäßig bestätigen sich etablierte Personenkreise gegenseitig die Gemeinsamkeiten ihrer Auffassungen und Zielsetzungen, sei es bei der Bambi-Verleihung oder dem Kosmologenkongress. Sie vergewissern sich damit wechselseitig ihrer Unterstützung. Einen starken Verband zu etablieren zählt seit je her zu den Kernaufgaben elitärer Gruppen in allen Gesellschaften. Durch Verhaltenskontrollen werden zukünftige Spitzenkräfte und potenzielle Konkurrenten identifiziert. Zugangsbeschränkungen sollen verhindern, dass Kritiker und Ketzer das Ansehen beschädigen.
Damit wird in Kauf genommen, dass Fehlentwicklungen bis hin zur Existenzbedrohung unerkannt bleiben. Dramatische Beispiele gaben unlängst der ADAC, die FIFA, der DFB, die katholische Kirche und der Einstein-Club in der theoretischen Physik. Öffentliche Kritik ist in diesen Fällen ein aussichtsloses Unterfangen. Sie wird durch Ignoranz bestraft und nur selten, dann jedoch durch offen vorgetragene Polemik bekämpft. Die offene Kritik birgt für jeden, der zum Club zählen möchte das Risiko, ein Außenseiter in der eigenen Herde zu werden.
Die Herde folgt bekanntlich denjenigen, die den Herdenglauben als Mainstream glaubhaft etablieren können und nicht etwa denjenigen, die kritisch oder pragmatisch die Probleme angehen. Alle Follower beziehen ihr Selbstbewusstsein aus der Herde. Ihnen bleibt keine andere Wahl als dem Mainstream zu folgen, um überhaupt ein Gefühl von Bedeutsamkeit und Relevanz ob ihrer eigenen Taten zu entwickeln. Das primäre Ziel der Follower ist jedoch, die eigene Existenz innerhalb der Gruppe abzusichern.
Ob in allergrößten Krisen die Reform als Aufgabe benannt oder anerkannt wird, muss für die Wissenschaft viel stärker bezweifelt werden als für Glaubensgemeinschaften. Die Wissenschaft wird durch die öffentliche Hand allein wegen ihres Versprechens unterhalten, die eigenen Potenziale in nützliche Anwendungen umzusetzen. Anders als bei Glaubensgemeinschaften wird allen Wissensgebieten, bis hin zur Soziophysik, eine potenzielle Bedeutsamkeit zugebilligt, sodass erst das Konkurrenzverhalten der Wissenschaftler untereinander über die Verteilung der Fördertöpfe entscheidet.
Die Greedy-Falle
Mit Beginn des 20. Jahrhunderts geriet die Leitdisziplin der Wissenschaften, die Kosmologie und Ätherphysik, in größere Schwierigkeiten. Weil man keine Antworten auf brennende Fragen wie z.B. die Lichtausbreitung im Vakuum, fand, streute man Annahmen anstelle von Begründungen ein. Solche Ad-hoc-Hypothesen konnten keinen Hinweis auf Wirkungszusammenhänge geben, sie waren durch und durch spekulativ.
Hendrik Antoon Lorentz machte es 1892 mit seiner Hypothese der körperlichen Kontraktion vor, wie man spekuliert. Er gab sie allein mit formalen Mitteln an, ein Gleichungssystem genügte. Ihm folgte Max Planck um 1900 mit der spekulativ entwickelten Quantenhypothese und im Jahr 1905 setzte Albert Einstein eine Zeitveränderlichkeitshypothese oben drauf. Einsteins Theorie kam vollständig ohne erprobte Grundlagen aus und bestand ausschließlich aus hypothetischen Spekulationen. Einsteins erste Hypothese beschränkte die Gültigkeit universeller Maße und Referenzen, auf jeweils einen einzigen Beobachter und eliminierte damit die experimentelle Überprüfbarkeit all seiner Thesen. Seine zweite Hypothese besagte, dass die Lichtausbreitung unabhängig von allen Bewegungszuständen sei, sowohl von der Geschwindigkeit des Senders als auch von der des Empfängers.
Das Problem war nun, dass all diese Theorien ohne empirische Belege auskommen mussten. Die Möglichkeit, sie durch experimentelle Analysen zu widerlegen, war nicht vorgesehen, man konnte sie aber auch nicht ergänzen.
- Wie kann man die Quantelung der Energieübertragung widerlegen, die auf die Messung einer Mindestreaktionsdauer für den Austausch von Ladungen hinausläuft, die im Bereich von 1 geteilt durch 10 hoch 44 Sekunden liegt?
- Wie kann man die Zeitanpassungshypothese widerlegen, wenn man nur mehr oder weniger ungenau funktionierende Uhren zur Verfügung hat?
So entstand, ohne dass man es in der wissenschaftlichen Physik ernsthaft als problematisch empfunden hätte, eine Spekulationsblase, die bis heute hält. Im Jahr 1927 veröffentlichte Werner Heisenberg seine Unschärfepostulate, nachdem ein Jahr zuvor Erwin Schrödinger die Gültigkeit einer Wellengleichung postulierte, um die Zustandsübergänge in quantenmechanischen Systemen zu beschreiben.
Als erfolgreich wird heute die Forschung schon dann bejubelt, wenn zufällig eine von unzähligen Formelprodukten eine Anwendung findet. In dieser Tradition wurde bereits 1919 die von Arthur Eddington bemerkte Lichtablenkung in Sonnennähe interpretiert und als Beweis für Einsteins Theorie behauptet. Später wurde versucht, den erfolgreichen Bau der Atombombe und den Beginn der industriellen Kernspaltung auf eine Formel zurückzuführen, die in wild spekulativer Weise entwickelt worden war. Die Anwendungen, so die heutige Auffassung von förderungsfähiger Wissenschaft, können sich erst spät zeigen, daher dürfe man keine Wissenschaft durch den Abzug von Fördermitteln unterdrücken.
Im Gegensatz zu einer konstruktiven Wissenschaftslehre, die nur gesicherte Erkenntnisse aufeinander setzt, versuchte die spekulative Ausrichtung der Wissenschaft, in einem Wettlauf um die kühnsten Ideen und aufregendsten Gedankengänge neue Anwendungen für Formeln zu entdecken, ohne sich zu vergewissern, dass die Formeln Wahrheit tragen. Die Physik zur Erforschung der Grundlagen entwickelte sich zu einem Anbieter von Beschreibungsmitteln. Die letzten Exemplare in dieser Reihe des Physikregals tragen die Label „Urknall“, „Stringtheorie“ und „dunkle Energie“.
Die moderne Physik steht auf tönernen Füßen. Das ist eine Folge ihres antikonstruktiven Aufbaus und der naiven Verwendung eines speziellen Wahrheitsbegriffs. Der Begriff Wahrheit wurde in der modernen Physik durch das Attribut „erfolgversprechend“ ersetzt. Im Einklang mit einer Theorie der Konsistenz, die alles für wahr erachtet, was sich nicht selbst widerspricht, steht man heute vor einer unlösbaren Aufgabe: Es werden weltweit unzählige konsistente Theorien angeboten, von „Gottesteilchen“ bis zum „Zeitteilchen“ ist fast alles vertreten, während es weder einen Markt dafür gibt noch ein Entscheidungsverfahren, um aus den vielen konsistenten Theorien (‚Modellen‘) die nützlichen oder die wahren herauszufiltern.
An die Stelle der Wahrheit und der experimentellen Überprüfbarkeit wurde schon längst die Konformität, die willfährige Übereinstimmung mit dem Mainstream gesetzt, um in letzter Instanz über die Veröffentlichungswürdigkeit in den vielbeachteten Fachzeitschriften zu richten.
Während die von Kurt Gödel entwickelten Beweise für die Unvollständigkeit bestimmter Aussagesysteme die Zielsetzung der formalen Modelltheorie (eines David Hilbert) korrigieren konnten, zog die gesamte philosophische Entwicklung des letzten Jahrhunderts an der theoretischen Physik vorbei, ohne die geringste Veränderung des Forschungsansatzes zu bewirken. Selbst anerkannte philosophische Größen wie C.F.v. Weizsäcker zogen es vor, sich von dem formalen Beschreibungsapparat und seinen Möglichkeiten, wie z.B. der Tensorrechnung, faszinieren zu lassen, anstatt ihren Beitrag zur Wahrheitsfindung zu hinterfragen. Die Mahnungen des Karl Popper, ein Falsifikationskriterium in der Forschung durchgängig zu etablieren, wurden nicht gehört, nicht etwa falsch verstanden.
Die Anhänger Einsteins versammeln sich inzwischen wie eine Glaubensgemeinschaft, um ihren Meister zu loben. Das ist deshalb eine so skurrile Beobachtung, weil das Verhalten der Menschen, nämlich Schutz zu suchen in der Herde, für die Wissenschaft grundsätzlich keine Rolle spielen darf. Die Wahrheit muss sich belegen lassen. Behauptungen von der Machart einer Spekulation sind keine Wissenschaft, sondern Science Fiction. Wenn die spekulative Leistung das Kriterium für Wissenschaftlichkeit werden soll, scheitert der Name Einstein schon an der Nominierung, denn der größte Physiker der Moderne ist Gene Roddenberry, schon wegen der Zahl seiner Follower. Spekulationen werden nicht durch positive Belege wahr, sondern können allenfalls durch Ergebnisse vernünftig durchgeführter Experimente widerlegt werden.
