„So ein Hutscha“, sagte der Vater.
Das zarte Kleid aus Tüll sackte zusammen. Es hing hinunter wie ihre Zottelhaare über den dicken Hintern bis auf die Quadratlatschen. Sie schlurfte aus dem Wohnzimmer.
„Lächle“, rief der Vater. „Niemand mag deine saure Miene.“
In ihrem Zimmer zwang sie sich, in den Spiegel zu sehen.
Wie ein Schmetterling zur Raupe hatte sich das elegante Kleid in einen formlosen Hutscha, einen Fetzen verwandelt. Der Kajalstrich zeichnete Trauerränder um die Augen und der Lippenstift stand grell im Gesicht.
Sie wischte mit dem Handrücken den Lippenstift ab und ließ sich auf das Bett fallen. Das Kleid knitterte in tausend Falten. Doch wen kümmerte es. Sie würde nicht zur Feier gehen.
Sie löschte das Licht. Aus den Kopfhörern dröhnte düstere Musik. Sie grub das Gesicht ins Kissen und heulte sich in den Schlaf.
Der Mond schob sich in den frühen Morgenstunden ins Fenster. Die junge Frau schlief wie eine Fee in leuchtenden Tüll gehüllt. Der Mond tastete zur Zimmertür, zur Klinke, die sich senkte. Durch den Türspalt drängten Putzlappen. Sie schimmerten in Nuancen von Weiß, Blau und Grau. Sie strömten über den Fußboden. Sie formierten sich zum Tanz. Eine wilde Melodie ließ sie schneller und schneller wirbeln.
Das Tüllkleid auf dem Bett zitterte und zuckte. Die Frau erwachte und strich verwirrt über das schwirrende, flackernde Kleid. Das Kleid hob sie empor und sie tanzte.
Ihre Haare wogten wie eine Wolke aus blauer Seide. Ihre Füße trommelten den Takt. Sie blickte in den Himmel. Ihre Augen spiegelten den Mond.
„Hutscha, Hutscha“, sangen die Putzlappen.
Sie feierten, bis der Morgen anbrach. Dann schlüpften die Lumpen zurück in die Küche und ins Bad, die Frau zog das Tüllkleid aus, drapierte es über der Stuhllehne und legte sich schlafen. Der Rhythmus pulsierte noch in ihren Fußsohlen.
Nebenan schnarchte der Vater.
Dies ist eine ABC-Etüde. Drei Wörter mussten in einen Text von maximal 300 Wörtern eingefügt werden. Ludwig Zeidler, dem Etüdenerfinder, hat sie gespendet. Sie lauten: Putzlappen, elegant und schlafen.
Christiane stellt auf ihrem Blog “Irgendwas ist immer” regelmäßig eine neue Schreibaufgabe: Sie präsentiert eine Wortspende, die in einen Text zu integrieren ist, und sammelt die entstandenen ABC-Etüden. Ein vergnügliches Spiel, offen für alle, die Lust darauf haben.
Herzlichen Dank für die Inspiration, Ludwig und Christiane!

“Na, Froschkönig”, sagte die Hexe.
