Grenzen erinnern sie an Stau. In jeder Richtung lagen früher bewachte Grenzen. Davor bildeten sich lange Kolonjen, wie sie als Kind gesagt hatte. Autokolonjen zogen sich wie bunte Perlenketten über die Straßen.
Sie hatte sie mit Wachsmalkreiden gemalt. Grüne Berge, hellblauer Himmel mit Wölkchen und eine Sonne am oberen Blattrand, wie es sich gehörte. Über das strahlende Grün schlängelte sich eine prächtige Kolonje.
Die Erwachsenen hassten Kolonjen. Der Vater fluchte, die Mutter schimpfte über die verstreichende Zeit, den Vater, ihre unnütze Familie, die zur Strafe festhing in dieser Autoschlange, während jenseits der Grenze die Kaffeetafel fertig gedeckt war und die Onkel am Gartentisch Schnaps tranken und über die lachten, die zu spät kommen würden.
Der Tag war aus den Fugen, die Welt quoll aus den Nähten. Die Stimme der Mutter presste sich Wort für Wort auf der Tonleiter nach oben.
Die älteren Schwestern tuschelten über dem Kopf der Kleinen in ihrer Mitte. Der Vater schaute aus dem Fenster.
Die Kleinste sagte mutig: „Ich mag Kolonjen. Schau Mutti, wie schön die Autos glänzen.“
Die Mutter schlug zu.
„Muss das sein“, sagte der Vater, ohne den Blick von den Bergen zu wenden.
Die Schwestern strichen der Kleinen über den Rücken.
„Heul bloß nicht“, flüsterten sie.
Die Kleine hakte die Ohrfeige ab. Der Schmerz ließ nach. Sie hatte keinen Grund zur Scham. Es tat nicht Not, zum Drama beizutragen. Bald würde die Grenzerfahrung vergangen sein. Sie würden über den Kontrollpunkt gewinkt und die Autos würden sich über das Land verstreuen.
Was vorbei war, setzte sich ab auf dem wachsenden Berg aus Momenten, die sie hinter sich gelassen hatte. Vor ihr wartete die Straße, die Landschaft mit grünem Gras, Kühen, manchmal sogar ein paar Pferden und einem hellblauen Himmel mit einer Sonne am oberen Rand. Wie es sich gehörte.
Dies ist eine ABC-Etüde. Drei Wörter mussten in einen Text von maximal 300 Wörtern eingefügt werden. Diesmal hat Christiane, die zu den Etüden einlädt, die Wort selbst gespendet. Sie lauten: Grenzerfahrung, mutig und abhaken.
Christiane stellt auf ihrem Blog “Irgendwas ist immer” regelmäßig eine neue Schreibaufgabe: Sie präsentiert eine Wortspende, die in einen Text zu integrieren ist, und sammelt die entstandenen ABC-Etüden. Ein vergnügliches Spiel, offen für alle, die Lust darauf haben.
Herzlichen Dank für die Worte und die Einladung zum Spiel damit, Christiane!




