Es ging ihr gut. Keine dramatischen Vorfälle, keine unerwarteten Betriebskostenabrechnungen, keine aggressiven Wadenbeißer in Sicht, selbst nicht bei der Arbeit. Hätte sie jemand gefragt, sie hätte nicht gewusst, worüber sie sich beschweren sollte. Also seufzte sie im Stillen.
Ihr Leben plätscherte dahin. Sie absolvierte die Wochen wie Kilometermarken bei einem Dauerlauf. Wenn sie zurückblickte auf die letzte Zeit, hatte sie Krisen bewältigt, Streits beigelegt und Aufgaben erfolgreich zu Ende gebracht. Sie hatte spannende Bücher gelesen, gute Filme gesehen und ein paar anregende Gespräche geführt. Sie konnte zufrieden sein. Sie sollte zufrieden sein.
Das Leben ist nicht dazu da, Spaß zu haben, hatte ihr Vater gesagt. Sie hatte ihm vehement widersprochen. Doch jetzt fühlte sich ihr Leben nicht nach Spaß an, nicht nach Begeisterung. Es war ok. Ok, wie ein Bad im lauwarmen Wasser, das Herz und Haut schonte und den Reinigungseffekt vollkommen erfüllte.
Hätte sie jemand gefragt, sie hätte ein leidenschaftliches Plädoyer für das heiße Bad gehalten. Es ging darum, das Leben mit Händen zu greifen, es auszukosten und zu erkunden. Das hätte sie gesagt. Doch saß sie im lauwarmen Wasser und betrachtete ihre verschrumpelnden Fingerkuppen.
Nur metaphorisch natürlich, erinnerte sie sich. Nicht einmal ihre existentiellen Krisen zelebrierte sie angemessen. Sie saß im Sessel und sinnierte bei einer Tasse Yogitee. Würde sie in zehn Jahren immer noch hier sitzen und beobachten, wie die Tage verstrichen?
Sie wollte ausbrechen oder, um im Bild zu bleiben, aus der Wanne steigen. Sie wollte, dass ihr Leben mehr war als ein stufenloses Altern. Es fehlte ihr nicht an Mut und Entschlossenheit, nur am Elan und an der Hoffnung. Vielleicht sollte sie für den Anfang ein wenig heißes Wasser zulaufen lassen, dachte sie.
Sie würde darüber nachdenken.
Dies ist eine verspätete ABC-Etüde. Drei Wörter mussten in einen Text von maximal 300 Wörtern eingefügt werden. Die Wörter für Juni 2025 wurden von Myriade und ihrem Blog la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée gespendet. Sie lauten Begeisterung, lauwarm und greifen.
Christiane stellt auf ihrem Blog “Irgendwas ist immer” regelmäßig eine neue Schreibaufgabe: Sie präsentiert eine Wortspende, die in einen Text zu integrieren ist, und sammelt die entstandenen ABC-Etüden. Ein vergnügliches Spiel, offen für alle, die Lust darauf haben.
Ich war irgendwie raus aus dem Etüdenfluss, wollte aber wenigstens als Nachzüglerin wieder einsteigen.
Herzlichen Dank für die Worte, Myriade, und für die Einladung zum Schreiben, liebe Christiane!




