Ein Grundton von Lenz vor allem

Zeitchen zuvor begann mein diesjähriger Herbst, ich weiß nicht mehr sein genaues Datum. Und jede kalendarische Relation wird ohnehin immer unerheblicher. Meine innere Uhr tickt nicht, sie richtet sich unruhend aus. Mal im Puls beschleunigt und dann wieder sinnig konform. Jeden Moment kann die Waagschale zitternd ein ungefähres Gleichgewicht halten, um just in Höhe zu schnellen oder in Tiefen abzugleiten. Jedem Menschen wird nur aufgelegt, was er ertragen kann, daran glaube ich fest. Meine Traglast ist noch lange nicht ausgelobt, der Rücken begradet sich. Der Kopf ebenso, denn die Freude macht ihn leicht.

Erst war es nur ein wohlbekanntes Pfeifen, ein Grundton von Lenz vor allem. Während ich in der Küche stand und letzte Tomaten aus dem Garten hackte, zeugte mein Lächeln von erlebten Frühlingsabenden, an denen ich die Pflänzchen hegte. Die wohltemperierte Begleitmusik: Unser Star! Der, der jedes Jahr sein Brutplatz hier behauptet unterm Dach und den ich so gerne bei seinen Clownerien beobachte! Saß auch in diesem Frühjahr auf dem First und machte einen auf dicke Backe. Plusterte sich auf, wackelte wild mit den Flügen und sang sämtliche Arien nach, die er nur hören konnte: Den Amselmann, natürlich nicht so virtuos, die emsigen Meisen und mehrfach suchte ich den azulnen Himmel nach Greifen ab um dann den avesinischen Onomatopoetiker zu entdecken..

…. /// halt, es war ja Herbst inzwischen! Und draußen ein Abgesang…

Es müssen hunderte gewesen sein, nein, eher tausende; einen solchen Abschied habe ich noch nie genossen. Sie saßen auf sämtlichen Dächern ringsrum, den wenigen verbliebenen Bäumen und in Scharen bei unserem Garten. Arien wurden zelebriert und Elogien vertont. Augendwassernd schaute ich nach meinem gefiederten Favoriten in der Starenschar. Ein unmögliches Unterfangen und doch fühlte ich ihn. In diesem Moment leuchteten die geflügelten schwarzgrundierten Sangesdiamanten noch einmal vor dem blassblauen Spätsommerabend auf, ein tönendes Rauschen erklang und dann schwieg der Himmel einen endlos kurzen Moment. Der Herbst hielt seinen Atem an.

Inzwischen sind einige Zeitchen mehr vergangen, fast fassen sie eine gemeinsame Zeit. Eine kleine Schar Stare fällt jubilierend in unseren Feigenbaum ein und frisst sich krakeelend satt. Ich ernte keine Früchte mehr, lausche begeistert dem belebenden Getöse. Auch der Rückschnitt wird verschoben, manchmal hält der eigene Atem lieber inne. Bleiben die jungen Stare womöglich da? Eine Mönchsgrasmücke gibt mir heute die Antwort: Ja. Es bleibt ein Grundton von Lenz vor allem.