Blumen säen am 08.10.2023

(K)ein schöner Sonntag

Kein Wecker zerschnitt die Morgenruhe, erst die steigende Sonne weckte uns friedvoll. Müßig begannen wir den Tagesgang. Ein schöner Sonntag skizzierte seine feinen Linien. Morgenroutine, Aufregung wegen des Ehrenamtes, dann doch ein etwas ausgedehnter Spaziergang durch den Ort. Am Rande der Wahrnehmung Wahlplakate in allen Ausprägungen und von Protest kündenden Zuständen. Zerknickt, beschmiert oder komplett zertreten. Rot, schwarz, grün oder bunt, ein System der Zerstörung war nicht zu erkennen. Vielleicht am ehesten noch das Untergangsmotto des Endkapitalismus: Jeder gegen jeden. Und doch war das Licht das eines schönen Tages.

Zuhause ein üppigeres Frühstück als gewohnt, wir aßen und sprachen von Erwartungen und Wünschen. Die letzten Wochen hatten ein großes Loch in unseren Glauben an die Vernunft gefressen. Dem mit scharfen Zähnen gespickten Maul namens Protest hatten wir einmal zu oft in den Rachen gesehen. Unser friedvolles Bürgerbegehren wollten zu viele Höllenhunde sabbernd flankieren. Ein weiterer Grund, unsere bestehende Demokratie zu stärken. Wir gingen nochmal einen kleinen Umweg zu unserem Einsatzort am nachmittäglichen Wahlsonntag. Kurze Gespräche mit Nachbarn und Bekannten. Freundlichkeit und Vernunft beglitten unsere Wege. Wohlgemut traten wir unser Ehrenamt an. Ein schöner Tag zum Wählen und wählen lassen.

Die nächsten fünf Stunden waren hochkonzentriertes Arbeiten mit wahrlich entspannten kurzen Pausen. Jedwede parteipolitischen Vorurteile ruhten ihren berechtigten Schlaf. Die Gespräche mit den Wählern angenehm, die meisten durch den kleinen Wahlbezirk ohnehin bekannt. Die wenigen unfreundlichen Begegnungen haben wir tatsächlich gemeinsam ertragen und jedwede Eskalation unterbunden. Punkt 18:00 Uhr beendeten wir den Wahlvorgang. Und freuten uns auf die Auszählung. Nach stundenlangem Sitzen und Abhaken endlich etwas tun. Zunächst sortieren. Blätter rascheln, Zahlenkolonnen murmeln sich durch den Raum. Beide Stimmen Übereinstimmung auf einen Haufen. Noch fühlt es sich nach einem guten Tag an.

Das Entsetzen schleicht sich leise heran. Meine Augen treffen die des mir Liebsten, wir zählen an verschiedenen Tischen. Andere Blicke kreuzen unsere Fassungslosigkeit und verlieren sich darin. Zeitchen später werden wir nochmal und nochmal zählen. Es bleibt dabei. Es wird nie wieder ein schöner Sonntag gewesen sein.

Auf dem Weg nach Hause schweigen wir. Schnell noch ein karges Nachtmahl, eine Flasche französischer Wein löst die bittere Schwere der Gedanken. Sag mal, hast du hier irgendwo im Ort ein Plakat der Protofaschisten gesehen? Nein, aber denk mal an das Ausmaß der Zerstörung, die wir sahen. Hauptsache dagegen. Ist das der neue Protest? Hauptsache rechts? Wir haben noch viel mehr Fragen an diesem Abend und keine einzige Antwort. Vermutlich finden wir diese nie. Protestfaschisten sind nun wieder überall aktiv und deren Antworten entstehen aus Hass. Was setzen wir dem entgegen? Verständnis, Freundlichkeit und vielleicht langes Reden? Nicht nur, sage ich unter Tränen. Aber lass uns Blumen säen, weil nur darin Frieden herrscht.