Carsten Gansel skandalisiert – Wie ist die flächendeckende Schließung von öffentlichen Bibliotheken der ehemaligen DDR zu bewerten?
Die flächendeckende Schließung von öffentlichen Bibliotheken der ehemaligen DDR in der Wendezeit war kein Ruhmesblatt der Kulturpolitik des vereinigten Deutschlands. Zu spät hatte man erkannt, dass die Übergabe der einst zentralistisch verwalteten Einrichtungen in kommunale Verantwortung existenzbedrohend sein würde. Die Gemeinden erhielten das Recht, ihre Angelegenheiten im Rahmen der Gesetze in eigener Verantwortung zu regeln. Aber bei dem enormen Spardruck konnten sie die Bibliotheken als nunmehr freiwillige Aufgabe oft nicht absichern.

Zu den insgesamt 16.850 öffentlichen Bibliotheken zählten auch rund 3.305 Betriebs- und Gewerkschaftsbibliotheken, die nahezu alle mit der Privatisierung oder Schließung der Volkseigenen Betriebe aufgelöst wurden.1 Während die Betriebs- und Gewerkschaftsbibliotheken nahezu völlig untergingen, existierten 2005 auf dem Gebiet der neuen Bundesländer noch 1.893 öffentliche Bibliotheken. Das ist eine Reduktion um 86 Prozent.2
Bei der Abwicklung der öffentlichen Bibliotheken der ehemaligen DDR spielten jedoch noch andere Faktoren eine Rolle. Die Interessengebiete der ehemaligen Bibliotheksbenutzer hatten sich fundamental verschoben und konnten mit den alten Angeboten nicht mehr befriedigt werden. Das Medienverhalten der Menschen veränderte sich grundlegend. Hinzu kam der Trend einer Erosion der ländlichen Sozialstrukturen, der sich nach der Wende beschleunigt fortsetzte. Das Arbeits- und Konsumleben verschob sich vom Land immer mehr zur Stadt hin.
Die Gemeinden wehrten sich durchaus gegen diese starken Tendenzen. Die einstmals oft ehrenamtlich geführten Ausleihstellen in Dörfern konnten zum Teil durch Bücherbus-Angebote ausgeglichen werden. Die Vielzahl der dezentralen kleinen Stadtteilbibliotheken wurde durch zentrale Bibliotheken der Städte versucht zu kompensieren, die saniert oder neu errichtet und aufgewertet wurden. Die Bibliotheken insgesamt wurden in der Zahl reduziert, erhielten aber als hauptamtlich geleitete Stadt- und Kreisbibliotheken das Ansehen eines Standortfaktors und Integrationsorts der Kommunen. Heute sind die öffentlichen Bibliotheken in Bad Salzungen, Gera, Gotha, Heiligenstadt, Jena, Leipzig, Rudolstadt oder Triptis attraktive Begegnungs- und Bildungsstätten ihrer Kommunen, um nur ein paar Beispiele aus Thüringen aufzuzählen. Die erste Welle der Bibliotheksschließungen kann also nicht nur als Untergangsgeschichte gelesen werden, sondern ist Teil eines komplexen Transformationsprozesses.
In einem gerade erschienenen Buch über DDR-Literatur wird die Geschichte der öffentlichen Bibliotheken nach der Wende so erzählt:
Diese Aussonderung betraf keineswegs nur Schriften, die man als ideologisch ansah oder die die Grundlagen des Marxismus-Leninismus vermitteln sollten, sondern ebenso DDR-Literatur, einschließlich vielgelesener Kinder- und Jugendbücher. Das Aussondern von DDR-Literatur und damit ihre Ausradierung setzte sich über Jahre fort von den Bezirks- und Stadtbibliotheken über die Betriebsbüchereien, die Bestände in Kultur- und Klubhäusern bis hin zu dem breiten Netz von öffentlichen Bibliotheken, die es in Dörfern und Gemeinden gab. Eine Erhebung aus dem Jahr 1984 erfasst immerhin 32.000 Büchereien; am Ende der DDR existierten in 97 Prozent der 753 Gemeinden Bibliotheken. (S. 26) … In den darauffolgenden Jahren [nach 1990, M.K.] kam es zur Auflösung – oder sollte man Zerstörung sagen? – des flächendeckenden Bibliotheksnetzes der überkommenen DDR. Die kleinen Stadtteil-, Gemeinde- und Dorfbibliotheken wurden geschlossen. (S. 27)
Autor ist Carsten Gansel, lange Zeit der einzige Ostdeutsche auf einer Professur für Deutsche Literatur an einer westdeutschen Universität (Gießen). Sein neues Buch, streckenweise im anklagenden Oschmann-Ton geschrieben, insinuiert, dass die DDR-Literatur nach der Wende „ausradiert“ worden sei. Dazu passt die übertriebene und unbelegte Zahl der Bibliotheken, die es angeblich gegeben hat (32.000 statt 16.850), ebenso wie die verkürzte Erzählung von der „Zerstörung“ der öffentlichen Bibliotheken – so als ob finstere Akteure aus Westdeutschland am Werk gewesen wären, um den Untergang des Leselands DDR herbeizuführen. Ist das etwas anderes als eine Opfer-Ost-Obsession? Gehts noch grobschlächtiger?

Carsten Gansel: Ausradiert? Wie die Literatur der DDR verschwand. Ditzingen: Reclam 2026. 383 S.
- Statistisches Jahrbuch der DDR für 1989. [↩]
- Da aber viele öffentliche Bibliotheken keine Meldung an die Deutsche Bibliotheksstatistik abgeben, dürfte die Zahl der öffentlichen Bibliotheken im Jahr 2005 höher gewesen sein und der Rückgang wohl nur 75 Prozent betragen haben. So rechnet jedenfalls Petra Kasch: Der Aufbau öffentlicher Bibliotheken nach 1989 in den neuen Bundesländern? Berlin: Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin, 2008, S. 29 (Berliner Handreichungen zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft; 228 [↩]
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Michael Knoche (23. März 2026). Carsten Gansel skandalisiert – Wie ist die flächendeckende Schließung von öffentlichen Bibliotheken der ehemaligen DDR zu bewerten? Aus der Forschungsbibliothek Krekelborn. Abgerufen am 16. April 2026 von https://doi.org/10.58079/15xjo

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