Welche Bibliothek in Europa erhielt als erste ein Zweckgebäude?
In der Antike eigenständige Bibliotheksbauten im typengeschichtlichen Sinn nachzuweisen, ist schwierig. Die Bibliotheken waren stets Teil eines größeren funktionalen Ensembles (Palast, Tempelbezirk, Gymnasion, Forum, Thermen). Die Bibliothek von Alexandria etwa war Teil des Museion, eines Forschungs- und Kultkomplexes. Am ehesten käme noch die Celsus-Bibliothek in Ephesos als eigenständiges Bibliotheksgebäude in Betracht (ca. 114–117 n. Chr.). Der zentrale Saal war 178 Quadratmeter groß, das Fassungsvermögen der Schränke wird auf 14.000 Buchrollen geschätzt. Aber das Gebäude wurde auch als Mausoleum für Tiberius Iulius Celsus Polemaeanus errichtet, und es ist fraglich, welcher Zweck überwog. So wird man wohl sagen müssen: Die Antike kannte große Bibliotheken, aber keinen Bibliotheksbau als selbständige Bauaufgabe.

Im Mittelalter entstanden Bibliotheken in den Palästen, Klöstern und Universitäten, aber immer in diesen Funktionszusammenhängen. Sehr früh ist z. B. die Bibliothek des Merton College in Oxford (1378) entstanden. Die Räume im Erdgeschoss des Gebäudes hatten andere Zwecke, die Bibliothek nahm also nur eine Etage ein.
Es dauerte bis ins 15. Jahrhundert, bis in Cesena (Italien/Emilia Romagna) die Biblioteca Malatestiana errichtet wurde (1452). Dabei handelte es sich nicht um einen Annex oder Teil eines Klosters, Palastes oder einer Universität, vielmehr wurde der Bau allein für bibliothekarische Zwecke errichtet. Architektur, Lichtführung, Möblierung (Pultreihen mit Kettenbüchern) und Raumorganisation wurden funktional auf die Nutzung als (semi-) öffentliche Bibliothek abgestimmt. Initiator war der vom Papst eingesetzte Stadtherr Malatesta Novello dei Malatesti, der auch Handschriften-Sammler und Förderer eines großen Scriptoriums war. Mit dem Neubau ging er zugleich auf entsprechende Wünsche der gelehrten Mönche des Minoritenklosters ein, in dessen unmittelbarer Nachbarschaft das Gebäude gelegen war. Der Ursprungsbestand der Bibliothek umfasste neben der Sammlung Malatesta (150 handgeschriebene Codices) und der eines mit ihm befreundeten Arztes auch 50 Codices des Klosters.
Die Malatestiana kann als erster ausdrücklich als Bibliothek geplanter eigenständiger Bau in Europa gelten. Die Pultbibliothek mit den originalen Kettenbüchern ist bis heute nahezu unverändert erhalten – von welcher historischen Bibliothek lässt sich das sonst noch sagen? Eine Besichtigung ist unbedingt zu empfehlen. Mit der Malatestiana ist die heutige Öffentliche Bibliothek der Stadt Cesena räumlich verbunden.

Danach dauerte es wiederum mehr als 250 Jahre, bis der nächste Zweckbau entstand, und zwar für den damals umfangreichsten und qualitativ besten Bibliotheksbestand in ganz Europa: Wolfenbüttel. Baumeister der sogenannten Rotunde (kreisrund war sie jedoch nicht) war Hermann Korb im Auftrag des Herzogs Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel. 1711 wurde das Gebäude fertiggestellt, 1723 bezogen, 1887 wegen Baufälligkeit (Fachwerk) und Brandgefahr abgerissen und durch das heute noch bestehende Gebäude im Stil des Wilhelminismus ersetzt. Doch der ovale Grundriss Korbs, durch 12 Doppelpilaster markiert, war für eine Bibliothek singulär, die Lichtführung dank der Fenster in der Kuppel vielbewundert, das Erlebnis des Raumes mit seinen vier Geschossen – laut Zeitzeugnissen – außerordentlich. Ingrid Recker-Kotulla bezeichnet dieses Bauwerk als den ersten selbständigen profanen Bibliotheksbau der Neuzeit in Europa.1 Vor wenigen Wochen ist ein neuer Sammelband über den Bau erschienen.2)

In der Barockzeit entstanden in den Klöstern oft architektonisch selbständige Bibliotheksräume, z.B. in St. Gallen, Admont, Melk, Wiblingen oder Ottobeuren, aber immer als Teil der Klosteranlage. Auch die Herzogliche Weimar könnte man zu den frühen eigenständigen Bibliotheksbauten zählen. Die Übersiedlung der Bibliothek im Jahr 1766 vom Residenzschloss in das freistehende und stadtnähere „Grüne Schloss“ eröffnete ein neues Kapitel der Weimarer Bibliotheksgeschichte. Das Haus wurde für Bibliothekszwecke grundlegend umgebaut und erhielt mit dem „Rokokosaal“ einen repräsentativen Mittelpunkt. Dadurch dass die Bibliotheksbenutzer aus der Stadt nicht mehr um Einlass ins Schloss bitten mussten, wenn sie die Bibliothek aufsuchten, sondern das Gebäude ungehindert betreten konnten, war die Voraussetzung für eine breitere öffentliche Wirksamkeit gegeben. Einschränkend muss man sagen: Die Weimarer Bibliothek besaß zwar eines der ersten eigenständigen Gebäude, aber es wurde nicht eigens als Bibliothek errichtet.
Abgesehen von der Malatestiana und Wolfenbüttel – diese Fälle sind eindeutig – ist es durchaus diskutabel, was man unter eigenständigem „Zweckgebäude“ verstehen will.
- Ingrid Recker-Kotulla: Zur Baugeschichte der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel, in: Wolfenbütteler Beiträge. Aus den Schätzen der Herzog August Bibliothek 6 (1983), S. 1-73, hier S. 9 [↩]
- Das Oval der Bücher. Die Wolfenbütteler Bibliotheksrotunde. Hrsg. von Achim Ilchmann und Hole Rößler. Wiesbaden: Harrassowitz 2025. 232 S. (Wolfenbütteler Forschungen Bd. 182. [↩]
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Michael Knoche (30. März 2026). Welche Bibliothek in Europa erhielt als erste ein Zweckgebäude? Aus der Forschungsbibliothek Krekelborn. Abgerufen am 18. April 2026 von https://doi.org/10.58079/15z1u

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