Ein neuer Ort der Kunst und des Wissens – der Erweiterungsbau der Württembergischen Landesbibliothek
Die Württembergische Landesbibliothek Stuttgart zeigt noch bis zum 24. Januar die reizvolle Ausstellung Kunst als Buch. Sammlung Lucius. Zu sehen sind Werke deutscher Künstler ab den 1960er Jahren, darunter beeindruckende Künstlerbücher von Günther Uecker, Horst Antes und Heinz Mack. Besonders herausragend: das Werk Kein Fehler im System von Günther Uecker und Eugen Gomringer (1978) mit Blindprägedrucken von Nägeln. Die Exponate stammen aus der Sammlung von Wulf D. und Akka von Lucius, die seit über einem halben Jahrhundert kunstvoll gestaltete Bücher zusammengetragen haben. Ein Besuch der Ausstellung bietet zugleich Gelegenheit, den neuen Erweiterungsbau der Bibliothek zu erkunden.

Das renommierte Stuttgarter Architekturbüro Lederer Ragnarsdóttir Oei entwarf das 2020 eröffnete Gebäude. Zwei Jahre später wurde das Hauptgebäude, ein Bau im Stil des Brutalismus von Horst Linde aus den 1960er Jahren, geschlossen und wird seither umfassend saniert. Ein Steg im ersten Obergeschoss verbindet die beiden Gebäude. Zur Zeit konzentriert sich der Nutzungsbetrieb ausschließlich auf den Erweiterungsbau.
Der Ausstellungsbereich liegt im Erdgeschoss des Neubaus, gut erreichbar neben dem Informationstresen, der automatischen Buchrückgabe, dem Abholbereich für Entleihungen und einem Vortragssaal. Die Säle für Ausstellungen und Vorträge lassen sich durch flexible Trennwände verbinden. Sie erstrecken sich entlang der Straßenseite und wirken mit geschwungener Decke und Eichenparkett elegant. Das Foyer hingegen enttäuscht durch seine niedrige Raumhöhe, und die Treppenaufgänge, besonders in den oberen Stockwerken, wirken beengt. Offenbar zwang die vorgegebene Kubatur des Gebäudes zu Kompromissen im Raumkonzept.

Der Neubau umfasst sechs Ebenen mit einer Hauptnutzfläche von 7215 Quadratmetern. In den vier Obergeschossen befinden sich frei zugängliche Ausleihbestände und rund 310 Leseplätze. Im Untergeschoss liegen eine separat zugängliche Cafeteria, Garderobenschränke und Sanitäreinrichtungen. Technikräume, ein weiteres Bibliotheksmagazin und eine Tiefgarage sind unterirdisch an der Hangkante untergebracht.
Im hellen Obergeschoss fallen die Materialien Beton, weißes Holz und mintgrüner Teppichboden angenehm ins Auge. Licht dringt durch die teilweise verglasten Dachflächen und den offenen, wenn auch zu klein dimensionierten Schacht bis in die unteren Bereiche. Die Lesetische stehen entlang der Außenseiten und sind in die 45-Grad-Winkelnischen der Fenster eingepasst. Diese Plätze sind begehrt, denn wenn man träumen will, schweift der Blick von dort über Landtag und Oper bis zur Uhlandshöhe. Die monströse Konrad-Adenauer-Straße mit ihrer neunspurigen Fahrbahn blendet man besser aus. Zumindest während der Sanierung des Hauptgebäudes reichen die Arbeitsplätze nicht aus und müssen vorab reserviert werden. Entsprechend lebhaft geht es zu. Pro Öffnungstag betreten etwa 1600 Besucher das Haus.
In der Gebäudemitte lagern 330.000 Bände gedruckter Literatur. Ursprünglich war ein Großteil der Flächen als Freihandmagazin mit Numerus-currens-Beständen geplant, sogar Kompaktregalanlagen wurden installiert. Glücklicherweise hat man sich in letzter Sekunde während der Corona-Epidemie dafür entschieden, diese skurrile südwestdeutsche Notlösung aufzugeben – die Freihandmagazine in Heidelberg und in Karlsruhe sind eine Zumutung für die Benutzer – und den Mehraufwand für eine systematische Ordnung in Kauf zu nehmen. Die blockartige Regalanlage blieb, doch der Freihandbestand, nach RVK geordnet, wirkt gepflegt und aktuell.

Die Außenanlagen bestechen durch einen einladenden Vorplatz mit breiter Treppe, die zum Verweilen einlädt, und ein großes Wasserkunstwerk des Bildhauers Hanspeter Fitz. Ursprünglich für den Schlossgarten geschaffen, musste es dem neuen Hauptbahnhof im Zuge von “Stuttgart 21” weichen. So ansprechend der Brunnen zwischen alter und neuer Bibliothek wirkt, so berechtigt ist die Sorge, ob die Sicherheitsvorkehrungen für die sehr viel Wasser bewegende Anlage ausreichend sind, um das darunterliegende Büchermagazin nicht zu gefährden. Laut Bibliotheksdirektor Rupert Schaab fand keine Abstimmung mit der Bibliothek über die Verlagerung statt.
Matthias Alexander beschrieb den Erweiterungsbau in der FAZ vom 18. Januar 2021 als „freundliche Fabrik für Geistesarbeiter“. Diese Einschätzung teile ich: Der Bau ist eine markante Produktionsstätte, schwäbisch und durchdacht – gelegentlich auf Kosten der Eleganz, doch stets mit einem aufmerksamen Blick für die Bedürfnisse der Nutzer. Ein abschließendes Urteil lässt sich erst nach der Sanierung des Hauptgebäudes fällen, wenn die Funktionalität des Gesamtkonzepts sichtbar wird.
Zurück zur Kunst: Sie begegnet einem nicht nur im Ausstellungsraum, sondern auch an den Betonwänden im Inneren. Dort zieren 16 Typografien des Künstlers Andreas Uebele mit Gedichten aus aller Welt die Flächen. Die Württembergische Bibliotheksgesellschaft ermöglichte diese außergewöhnliche Arbeit. Sie lässt sich als Hommage an Josua Reichert lesen, dessen großformatige Druckwerke das Hauptgebäude schmücken.
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Michael Knoche (19. Januar 2026). Ein neuer Ort der Kunst und des Wissens – der Erweiterungsbau der Württembergischen Landesbibliothek. Aus der Forschungsbibliothek Krekelborn. Abgerufen am 16. April 2026 von https://doi.org/10.58079/15iv6

Neueste Kommentare