Punk is dead, Punk is not dead: Zwischen Avantgarde und Museum

„The hardest years, the darkest yrs, the roarin‘ yrs, the fallen yrs
These should not be forgotten yrs“

(Midnight Oil)

Das Chaos ist aufgebraucht, es war die beste Zeit!
(Bert Brecht, Im Dickicht der Städte)

Sic aetatis ver humanae
juventutis primo mane
reflorescit paululum.
Mane tamen hoc excludit
vitae vesper, dum concludit
vitale crepusculum.
Cujus decor dum perorat
ejus decus mox deflorat
aetas in qua defluit.

(Alain de Lille, Omnis mundi creatura)

Punk wird 50 und feiert, feiert nicht, feiert Antiparty vielleicht. Verschwende deine Zeit, verschwende deine Jugend! Wir taten es – wobei ich mich als Randgänger sah, denn mein Interesse lag nicht bei Live-Konzerten und wüstem Pogo. Und wie das so ist, wenn einer in die Jahre kommt, die dann nicht mehr die wilden, sondern die sentimentalen sind, entstehen die Rückblicke. „Immer wieder sonntags kommt die Erinnerung, dibidibidibdi …“, so sang es das fröhliche Duo Cindy und Bert 1973, während wir noch Kinder waren und abends bettfertig zur ZDF-Hitparade vorm Fernseher hockten. Kitsch, Camp oder auch Punk, wenn man die Kontexte und die Singsituation ändert. (siehe nur „Der wahre Heino“.) Ein in formvollendeter Banalität so dahingesungener Satz, in einer fröhlichen Melodie. Über eine intrikate Angelegenheit. Proust schrieb über die Erinnerung einen Roman von sieben Bänden.

Nein, keine Geschichte des Punk hier, ob das nun in New York mit Television, den Ramones, The Stooges, The New York Dolls oder gar früher in Detroit mit MC5 oder aber in London mit The Damned, den Sex Pistols, The Clash und vor allem mit Vivienne Westwood und Malcolm McLaren began: the Great Rock ’n‘ Roll Swindle. Was früher einmal war, wie es bei den Toten Hosen in ihrem „Wort zum Sonntag“ hieß. Öfters jetzt hier im Blog, dieses Früher, das Einstmals in vergangener Zeit …

„Wenn“; so schrieb, der Meister Hegel in seinen „Grundlinien der Philosophie des Rechts“, „die Philosophie ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden, und mit Grau in Grau lässt sie sich nicht verjüngen, sondern nur erkennen; die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.“ So ist es! Und das ist auch sinnvoll.

Wer im Moment lebt und in dieser Zeit der Jugend, die eben genau dieses Leben ist, erinnert nicht, sondern lebt, liebt, feiert, trinkt, tanzt, diskutiert und schläft manchmal auch. Oder steht im Karo-Viertel in Hamburg herum – so wie diese jungen Leute oben in dem von KI erzeugten Photo. Wir waren jung und lebensunerfahren und wußten es nicht, wie einer dieser Standardsätze lautet. Genau darin liegt der Zauber der Jugend. Truman Capotes legendäres Zitat aus „Die Grasharfe“ auch von den wunderbaren Jahren. Aber um das Memento mori sogleich einzuwerfen, folgt die Übersetzung des obigen Gedichts von Alain de Lille/Alanus ab Insulis (geboren um 1120 in Lille, gestorben um 1202 in Cîteaux, Frankreich):

Auch des Menschen Lebensfrühling
und der Jugend erster Morgen
blüht für eine kurze Zeit
Doch im Lebensabend endet
dieser Morgen bald, und bald naht sich
jedes Lebens Dämmerung,
Noch ehʼ aller Glanz entfaltet
ist die Schönheit schon vorüber
und die Zeit fließt drüber hin.“

Die Zeit fließt über alles und am Ende auch über unser Leben so dahin. Man kann es aber auch mit einer Zeile aus „Kasimir und Karoline“ von Ödon von Horvath sagen (nach einem Gedicht und Lied von Anton von Klesheim und einer Melodie von Josef Kreipl, 1846).

Und blühn einmal die Rosen
Ist der Winter vorbei
Nur der Mensch hat alleinig
Einen einzigen Mai
Und die Vöglein, die ziehen
Und fliegen wieder her
Nur der Mensch
bald er fortgeht
Nachher
kommt er nicht mehr.

Punk war, zumindest in Deutschland, eine Jugendbewegung, wo wohl zum ersten Mal in der Geschichte eine ganze Generation ohne größere Entbehrungen aufwuchs, nicht in Reichtum zwar, aber doch mit einem gewissen bescheidenem Wohlstand, sozialer Absicherung und – trotz mancher Krisen – des Versprechens von Aufstieg. Die Welt in Europa und in den USA war in Ost und West eingeteilt. Eine Generation trat in der BRD auf die Bühne, die den Krieg nicht mehr kannte und die nicht mehr in der Nachkriegszeit geboren wurde. Die Eltern dieser Kinder aus den unteren Schichten, jene Arbeiter, die es immer weniger gab, samt den einfachen Angestellten, wollten, anders als die 68er es annahmen, sich keineswegs befreien lassen, sie probten und inszenierten nicht den Aufstand der Plebejer, sondern den sozialen Aufstieg. Reihenhaus, Einbauküche, Möbel Kraft, Ford-Taunus oder VW-Käfer waren erwünschte und erarbeitete Annehmlichkeiten und eine goldene Kette, an die man möglicherweise zwar gefesselt war, auf die jene Arbeiter und Angestellten jedoch nicht gerne verzichteten. Aus der fesselnden Kette wurde Schmuck. Vom Eisen zum Gold und zum Golde drängt es bekanntlich den Menschen. Es entstand in der BRD das, was der Soziologe Helmut Schelsky die nivellierte Mittelstandsgesellschaft nannte. Dazu gesellte sich in den ausgehenden 1970er Jahren eine Rebellion gegen diese Normalität: „Es liegt ein Grauschleier über der Stadt, den meine Mutter noch nicht weggewaschen hat“, so sangen es Fehlfarben im Jahre 1980. In der deutschen Rock-Musik fand dafür bereits neun Jahre zuvor die Band Ton Steine Scherben einen musikalischen und textlichen Ausdruck. „Ich will nicht werden, was mein Alter ist.“

Hinsichtlich der gesellschaftspolitischen Lage, die je nach Perspektive unterschiedlich ausfallen konnten, sowie der geschichtsphilosophischen Sonnenuhr samt ihrem Telos im Blick auf eine „Assoziation freier Individuen“, wie es die 68er im Blick auf Marx und Freud propagierten, konstatierte Heinz Bude in seinem Buch „Adorno für Ruinenkinder“ für die 1970er Jahre eine politische Ernüchterung. Es war der „Sinnhorizont von teleologischer Geschichtsphilosophie und befreiter Gesellschaft auf einmal ziemlich inhaltsleer geworden […], und das ist parallel gelaufen mit dem Auftreten des Punk, der ist bei uns voll zum Zuge gekommen, sodass wir um 1975 herum den Marxismus aufgegeben haben. Das war für uns einfach eine Dezision, eine Entscheidung, Hegel, Marx, Freud, dafür interessieren wir uns nicht mehr, uns interessiert die Gegenwart.“

Das mag verkürzt dargestellt sein, beschreibt aber einen Wechsel in der Tendenz. Bude und die Zeitgenossen jener Anfangsjahre des Punk, darin der Aufbruch und das Neue nicht mehr in teleologischen Geschichtskonzepten und Befreiungsideen im marxschen Vokabular bestand (jenen Kindern von „Marx und Coca-Cola, so Jean Luc Godard), feierten die reine Gegenwart, das Zelebrieren des Moments, aus dem womöglich sogar der Kairos entsteht. Nur eben kein geschichtsphilosophischer mehr, der vom Fortschrittsoptimismus getragen wird. Wobei das dann auch wieder nicht für die Polit-Punks und die damit assoziierten diversen Gruppen galt samt der in diesem Kontext sich herausbildenden Bewegung der Autonomen.

Dennoch läßt sich mit dem Punk vom Aufkommen eines neuen Polit-Hedonismus sprechen. Einer als krisenhaft und gar dem Untergang geweihten Welt ließ sich nur beikommen, indem Teile der Jugend nicht mehr auf die Zukunft setzten: Deutscher Herbst, Nato-Nachrüstung, Angst vor der Atomkraft, ein Fortschritt, der sein schmutziges Gesicht zeigte, indem er eine ramponierte und teils auch zerstörte Natur hinterließ, die Hoffnungen der Hippie-Bewegung und die Aufbruchstimmung der 1960er Jahren waren verbraucht. Es entstanden neue Alternativbewegungen. (Siehe etwa Markus Brauckmann, „Die Erste Generation. Wie der Kampf für die Umwelt begann“, DVA 2025)

Was kam, war die bleierne Zeit – obgleich auch das nur eine selektive Perspektive ist. Die meisten nahmen diese 1970er Jahre als geradezu goldene Jahre wahr: man hatte sich eingerichtet, im wahsten Sinne des Wortes, es gab sozialen Wohnungsbau, es gab in Deutschland in vielen Bundesländern eine Bildungsoffensive und zum ersten Mal konnten auch die Kinder der unteren Mittelschicht ein Gymnasium besuchen und dann in den 1980er Jahren die Universitäten – was freilich die kalten Massenuniversitäten zur Folge hatte und nicht unbedingt nur zur Steigerung der Bildung beitrug -, Fernreisen waren mit einem Mal möglich, in Hamburg entstanden etwa dank der SPD Kindertagesstätten, die human und freundlich waren, auch von den Erzieherinnen her, so etwa die im Sturmvogelweg in Billstedt. Es ging voran. (Von unserere Gegenwart her ist diese Katastrophenstimmung sowieso schwer nachvollziehbar: denn seit 2022 und mit Putins blutigem Überfall auf die Ukraine steht zum ersten Mal in der Geschichte der letzten 75 Jahre für Deutschland ein realer Krieg im Raume, da in Rußland ein brutaler und blutiger Diktator nach Ost- und Mitteleuropa ausgreift und auch das Bündnis mit den USA unter Trump und Vance fragil geworden ist.)

In den 1970ern jedoch wurde von der jungen Generation, die gerne auch in politischen Apokalypsen dachte, eine tiefe Krisenstimmung ausgemacht. (Und zugleich entstand das, was Philipp Felsch in seinem Buch den „langen Sommer der Theorie“ nannte.) Bei Bude heißt es weiter:

„Der Punk brachte den Riss auf den Punkt. ‚No Future!‘ war weder als geschichtsphilosophische Trauer noch als gesellschaftspolitische Anklage gemeint. Es ging um die Behauptung einer Gegenwart, in der sich die Frage des Daseins stellt. The Clash, The Ramones oder die Sex Pistols klangen gemessen an den Beatles oder den Rolling Stones wie wüste Barbaren, die einfache Akkorde wiederholten, die sich nie auflösten. Im SO36 in der Oranienstraße tanzte man dazu mit kurzem und heftigem Körperkontakt Pogo und trank, bis die Nacht am tiefsten und der Tag am nächsten war. Wenn im Morgengrauen in der Adalbertstraße der Blick auf die Mauer am Ende der Sackgasse fiel, erschien die Dialektik, nach der immer und überall der Widerspruch die Dinge nach vorne bringt, mit einem Mal als eine Neurose des Geistes.“

Auch hier überwiegt sicherlich die anekdotische Evidenz. Andere erzählen anderes, nach einer durchzechten Nacht im SO36 ging mancher die Staatsmacht angreifen oder in der Politgruppe debattieren – trotz oder gerade wegen Punk. Und man muß zudem die verschiedenen Biotope unterscheiden. Berlin lieferte einen anderen Film als etwa Hamburg, Düsseldorf oder Bremen. Punk ist immer auch ein Lokalphänomen: und was in der Provinz für einen Jugendlichen Erhebliches kostet und wo es aufs Maul auch gab, das mochte in Hamburg oder in Berlin anders ausfallen.

Zudem muß man im Blick auf Budes Ausführungen beim Punk zwei Alterskohorten unterscheiden: Jene, die 1975/1976 in ihren Jugendjahren dabei waren und sei es auch die verlängerte Jugend mancher 68er und die also diese Entstehungszeit aktiv miterlebten – eben jene Generation der Ruinenkinder, die Bude in seinem Buch beschreibt. (Schon aus diesem Grunde ist die von einigen getroffene Boomer-Einteilung von 1946-1964 viel zu grobschlächtig gezogen.) Und jene späten Boomer 1963, 1964, die eigentlich als Alterskohorte anders heißen müßte, bzw. die ersten der Generation X, die 1976 noch Kinder oder Heranwachsende waren und die erst um 1980 und später als Nachzügler auf den Plan traten: eine Phase nebenbei, wo in Deutschland eine Vielzahl an Bands entstanden, die erhebliche Bekanntheit erlangen sollten, seien es die Einstürzenden Neubauten, die Toten Hosen, Slime oder Die Ärzte. Jene wilden Jahre, darin sich Punk und New Wave durchdrangen: Neonbabies ist hinsichtlich dieser Ästhetik und Mode ein treffender Bandname gewesen und die 1980er Jahre hatten in diesem Kontext und in der Durchmischung verschiedener Musikstile nochmal ein ganz anderes Innovationspotential, gerade was deutschsprachige Musik betraf.

So war das damals. Und wenn eine Gestalt des Lebens also alt geworden ist, kommt zugleich die Zeit der Bücher. In einer Neuauflage erschien letztes Jahr im Ventil Verlag Alexander Hackes Biographie jener Jahre: „Krach. Verzerrte Erinnerungen“. Hacke gehört zu den Einstürzenden Neubauten und war in Berlin wesentlich in jenen Epoche dabei. Der Titel ist also im Sinne der Rückkopplungen gut gewählt. Ob der Text sein Versprechen einlöst, muß ich sehen.

Ähnliches Rückblicken auch auf die Hamburger Schule, wo 2024 ein Jubiläumsbuch zum Dreißigsten erschien: „Der Text ist meine Party. Eine Geschichte der Hamburger Schule“. Sogar eine, freilich heftig debattierte Dokumentation beim NDR gab es zu sehen. (Eine Kritik dazu findest sich hier auf AISTHESIS.)

Im Blick auf Musik- und Lifestyle-Magazine der 1980er Jahre kam, ebenfalls 2025, im Verlag Schöffling & Co von der Medienwissenschaftlerin und Literaturkritikerin Erika Thomalla ein Buch mit dem Titel „Gegenwart machen. Eine Oral History des Popjournalismus“ heraus – interessant für alle, die jene Jahre erlebten und mit Tempo, Szene Hamburg, Tango, Prinz, Oxmox, Sounds und Spex aufwuchsen, welche die journalistischen Begleitakkorde dieser Phase lieferten. Die Anekdoten der Akteure zu hören, war schon in Jürgen Teipels Buch „Verschwende deine Jugend. Ein Doku-Roman über den deutschen Punk und New-Wave“ im Jahr 2001 ein nostalgisches Vergnügen und natürlich auch immer ein Stück weit Voyeurismus.

Und es wird nun, passend zum Punk-Jubiläum 1976 im Ventil Verlag im März das Buch „Bored Teenagers. Ein Punk-Mixtape“ erscheinen, herausgegeben von Jonas Engelmann. Dieses Buch werde ich mir sicherlich kaufen, zumal diese frühen 1980er Jahre meine Jugendzeit waren und mich erheblich prägten: musikalisch, aber auch intellektuell, um sich neue Bezirke und Denkräume zu erschließen. Als ich das erste Mal die Einstürzenden Neubauten hörte, war die Welt eine andere. Ähnliches bei den Ramones. Die auf der Ventil-Facebookseite verlinkten Descendents mit ihrem Song „Suburban Home“ und ihre kurzen, schnellen, rauen Stücke habe ich damals ebenfalls gerne gehört und es war eine meiner Lieblingsbands.

Aber auch solche lustigen Formen von Punk wie die Toy Dolls fanden mein Gefallen. Irritierend freilich, als der junge Mann 1984 beim Skifahren mit einer eher poppermäßig orientierten und gekleideten Frau sich unterhielt und sie erzählte, wie geil sie die Toy Dolls fände. Da stieg Verwunderung auf. Und wir sangen zusammen „Nellie the Elephant“, was ihre sie begleitende Freundin seltsam fand. Aber es gab ja eben auch Punkbands wie Palais Schaumburg, die wie Popper aussahen, zumindest anders als jene klassischen Rotzkotz-Punks, weshalb es auf Konzerten von Palais Schaumburg zuweilen von den Hardcore-Crass-Punks Randale gab. Aber dieses Schicksal ereilte auch die Neubauten, da die Rotzkotz-Punks eine kraß andere Musik erwarteten als das schrille Kreischen einer Elektrosäge auf Eisen und hämmernde Schläge auf Stahlblech, ausgeübt mit einem riesigen Vorschlaghammer. „Es ist Krieg in den Städten und das ist gut so“, tönte, röhrte und zischte es von den Blixa Bargeld. Aber solche Dystopien waren für diese Punks jenseits ihres Horizonts. Im Grunde waren dies Jugendliche, die ansonsten auf Dorffesten zu schmissigem Akkordeon- und Blasmusiksound auch getanzt hätten.

Was mir an einem bestimmten Punk dieser Jahre – gepaart mit meinen Lektüren – immer einleuchtete, waren die Schnittmengen hin zur Kunst wie auch zum Kitsch (Gus Backus‘ „Da sprach der alte Häuptling der Indianer“ war bei uns ein großer Erfolg) und damit also auch hin zu den politischen Häresien in alle möglichen Richtungen. Heidegger lesen. Und zugleich Adorno. Benn und Brecht. Hegel und Kierkegaard. Proust und Bataille. Sartre und Gide. Raymond Queneau und Georges Bernanos. Vor allem die Entdeckung der Romane und Erzählungen von Boris Vian war ein wahrer Segen, was die wilde Phantasie und diese Mischung aus Surrealismus und Hedonismus betraf. Leben wollen.

Im Sinne eines rebellierenden, mal konservativen, mal progressiven Bewußtseins waren auch die Autoren der Neuen Frankfurter Schule und die damals Anfang der 1980er Jahre noch geniale „Titanic“ Teil dieser Sammlung, da zur Revolte unabdingbar der Humor als Waffe mit dazugehörte. (Jean Paul entdeckte ich freilich erst viel später.) Es ging nicht nur gegen rechts, sondern auch gegen linkes Spießertum, linken Dogmatismus und lächerliche Sektierer. Das halte ich bis heute so. Diese Art von Konfrontation, um Eingeschliffenes zu verlassen, ist auch der Aspekt, der mich dann an einem Autor wie Karl Kraus faszinierte: sich keine Freunde machen, Streit anfangen, beharrlich seinen Weg gehen. Oder wie das Motto der „Fackel“ lautete: „kein tönendes ‚Was wir bringen‘, aber ein ehrliches ‚Was wir umbringen‘ hat sie sich als Leitwort gewählt.“

Genau diese Haltung ist Punk – oder kann Punk sein, denn Punk ist sicherlich vieles. Für mich hatte es vor allem mit Kultur, mit Avantgarde und mit einem bestimmten Lebensstil zu tun, der sich nicht festlegt. Auch politisch nicht. Anderes zu machen. Das Moment des Schocks, wie das auch Walter Benjamin im Blick auf Baudelaire und das Paris des 19. Jahrhunderts formulierte. Der Punk des jungen Mannes war ein ästhetisch-philosophisches Phänomen vor allem, das sich auch in der Musik ausdrückte.

Aber wie bei jeder Avantgarde gibt es ein Ende, Effekte nutzen sich ab und Avantgarde wird museal: daß man sich im Alter die alten Geschichten erzählt – so wie das in dem witzig-wunderbaren Song „Hamburg 75“ von „Gottfried & Lonzo“ gesungen wurde und wie es „Element of Crime“ auf großartige Weise wieder ins Bewußtsein brachten.

Aufgrund solcher Rebellionen – „Rebellion der Träumer“ nannte eine Bloggerin einstmals vor über einem Jahrzehnt ihren literarisch-essayistischen Blog – entsteht Neues. Wichtig war am Ende eben doch, daß die Phantasie nicht an die Macht kam, sondern genau in ihrem Reich wirkte: versponnen, auch politisch zuweilen, vor allem aber fabulierend und nicht dogmatisch und belehrend, sondern jene Pfade abzuschreiten, die wir sonst nicht gehen wollen.

Die Phantasien gerade des politischen Punks waren leider oft abgedroschen. Auch wenn sie vielleicht nicht die Naivität vieler „68er“ mehr teilten. Was es bedeutet, wenn Phantasie an die Macht kam, konnte jeder, der sehen wollte, spätestens an Maos Experimenten in China sich betrachten. Praktisch umgesetzt schwante manchem, daß nichts Gutes herauskommt, wenn die Gegenstandsbereiche verwechselt werden. Die linken Plena, die ich einstmals besuchte, haben mich schnell von jeglichem politischen Idealismus geheilt. Der Mensch ist aus krummen Holz gemacht und vor allem aus viel viel leerem Gequatsche. Das scheint mir vom Heute her denn doch eine anthropologische Konstante und der junge Beobachter von damals ahnte es. Insofern doch lieber ästhetische Avantgarde, wildes Denken, ästhetische Bricollage und eine literarische Logik des Assoziierens und Erzählens, traumgängerisch.

Solche Literatur der Avantgarde, solch literarisch Avanciertes, wie etwa bei Jean Paul oder André Breton, läßt sich zudem nicht wirklich eingemeinden. (Louis Aragons „Le paysan de Paris“ ist bis heute eines der unterschätzten Romane.) Bei Musik, Kleidung, Habitus ist es immer möglich, daß die Werbung die Szene aufspürt und in ihr Reich zieht, denn solche Subkultur ist zugänglich und konsumierbar. Und es textete der Kaufhof in den 1980er Jahren: „Prunk mit Punk bei Kaufhof“. Das Rotzkotzpunk-Outfit gab es nun auch im Kaufhaus oder zum Fasching. „Mit Danone kriegen wir euch alle!“.

Aber wie es freilich im Lauf der Geschichte, der Geschichten mit dem Neuen und mit der Avantgarde so passiert und wie Fontane in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg feststellte: „Das Wachsende, gut oder nicht gut, tritt an die Stelle des Fallenden, um über kurz oder lang selber ein Fallendes zu sein. Das ist ewiges Gesetz.“ Im Blick aufs Neue ließe sich Schillers Wallenstein bemühen, so in Attinghausens Rede: „Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit/ Und neues Leben blüht aus den Ruinen.“ Freilich fehlt bei Schiller einerseits das aktivistische Element, daß das Alte zugleich auch gestürzt wird von jenen Subjekten, die es zum Neuen drängt. Und es fehlt vor allem die weise Fontane-Einsicht, daß auch dieses Neue bald ein Altes ist. (Die Ruine freilich war, besonders in Berlin, immer auch der Ort von Punk.)

Man könnte in solchen Überlegungen ebenfalls und was das Avancierte und Neue betrifft, das ankunftshaft geschichtsteleologisch erhofft wird, Walter Benjamins destruktiven Charakter in Anschlag bringen, den er im gleichnamigen Text proklamiert,: „Der destruktive Charakter kennt nur eine Parole: Platz schaffen; nur eine Tätigkeit: räumen. Sein Bedürfnis nach frischer Luft und freiem Raum ist stärker als jeder Haß.“ Beim Punk kamen freilich oftmals Haß und Wut und Aggressivität mit hinzu, wie auch Polemik, Härte und Ironie: Zurück zum Beton gleichsam, wie ein schöner Song der Band S.Y.P.H. ging.

Dabei sehe ich freilich, gerade im Blick aufs Schreiben, den Haß durchaus als produktive Energie. Wie P.I.L. es Mitte der 1980er sangen: „Anger is an energy.“ Wut und Haß sind eine Quelle, die kreativ machen kann: das Hingerotzte im Punk, die Frechheiten und Provokationen. In der Literatur sowieso bekannt, man denke nur 1966 an Peter Handkes provanten Auftritt der Gruppe 47 in Princeton in den USA, wo er in einer scharfen Rede der deutschsprachigen Literatur und den dort versammelten Großkopfeten Beschreibungsimpotenz vorwarf. (Handkes Einwand kann man hier auf Youtube nachsehen, ab Minute 0.59) Punk ist zugleich eine Haltung, lange bevor es Punk gab.

Mein Faible für Kleist ebenfalls: das brutal Eruptive. Sei es im Blick auf die Liebe in Kleists „Penthesilea“, darin der von Penthesilea geliebte Achilles auf bestialische Weise zu Tode kommt: erst mit Pfeil und Bogen erlegt und sodann reißt Penthesilea den Achilles in einem Blutrausch in Stücke, zerfleischt und zerfetzt ihn zusammen mit ihren Hunden. Eine ähnliche eruptiv ausbrechende Gewalt findet sich in „Das Erdbeben in Chilli“, hier in einem philosophisch-politischen Kontext. Viva la muerte!

Für die Literatur untersuchte solchen seit Jahrhunderten existierenden Punk der Literaturwissenschaftler Karl Heinz Bohrer in seiner Studie „Mit Dolchen sprechen. Der literarische Hass-Effekt“, dort ebenjenen Kleist als Referenz nennend. (Meine Rezension dazu siehe hier: „Poesie des Hasses“) Aber auch der Publizist und Cioran-Experte Jürgen Große nennt in seinem Buch „Die kalte Wut“ manchen Grund, weshalb Wut und Ressentiment sich lohnen können. (Meine Rezension findet sich auf ebenfalls bei AISTHESIS.) Auch Wut ist ein Gericht, das kalt gegessen werden will, wenn sie ästhetisch produktiv sein soll. Punk hatte oft etwas von jener wilden Wut, was selbst noch durch die berauschende Melodie in jenem wunderbaren Tote-Hosen-Song über die „Jungs von der Opelgang“ zum Ausdruck kam. Gepaart mit Lust. Punk war immer auch Hedonismus.

In all den Rückblicken, Erinnerungen und Erzählungen wird Punk meist als links interpretiert. Das stimmt einerseits zwar und die meisten in dieser Jugendbewegung und noch ins Alter hin fühlen sich politisch solcher Linken zugehörig: ein Linkssein nebenbei, was heute aufgrund des Marschs durch die Institutionen und durch die Besetzung zentraler Stellen in den Medien und im Kulturbetrieb, vermittels der kulturellen Hegemonie gewissermaßen, den neuen Mainstream bedeutet. Dennoch ist diese Annahme des Linksseins zugleich ein Irrtum, wenn man einen eher philosophisch-ästhetischen und weniger einen aktivistischen Blick auf Punk wirft und ihn sich auch als strukturelles Phänomen betrachtet.

Punk hat etwas damit zu tun, Konventionen infragezustellen. Das war damals ein linkes Projekt, weil die Regeln und Normen der 1970er und 1980er Jahre konservative waren – bis tief in die SPD hinein. Punk war widerständisch. Doch auch und gerade innerhalb dieser Subkulturen war das regressive Element immer zu beobachten, insbesondere beim politischen Punk. Insofern war gelungener Punk Kritik am Punk. Und auch aus diesem Grunde geht mir die in diesem Kontext sich zutragende Kultursubvention gehörig auf den Senkel. Unappetitlich fand ich im Deutschen Schauspielhaus Ende der 1990er Jahre bereits das Heranwanzen der Goldenen Zitronen an den Kulturbetrieb und an die Futtertröge.

Was Avantgarde, Kunst und Kulturförderung betrifft, so halte ich es nach wie vor mit Hans Magnus Enzensbergers Sätzen in seinem Essay „Aporien der Avantgarde“ aus dem Jahr 1962. Avantgarde, die sich von einem Staat subventionieren läßt, ist keine:

„Das Gesetz der zunehmenden Reflexion ist unerbittlich. Wer sich ihm zu entziehen versucht, endet im Ausverkauf der Bewußtseins-Industrie. Jede heutige Avantgarde ist Wiederholung, Betrug oder Selbstbetrug. Die Bewegung als doktrinär verstandenes Kollektiv, vor fünfzig oder dreißig Jahren erfunden, um den Widerstand einer kompakten Gesellschaft gegen die moderne Kunst zu sprengen, hat die historischen Bedingungen, die sie hervorgerufen haben, nicht überlebt. Konspiration im Namen der Künste ist nur möglich, wo sie unterdrückt werden. Eine Avantgarde, die sich staatlich fördern läßt, hat ihre Rechte verwirkt.“

Dadaisten, die an Kulturförderprogrammen teilnehmen und Revolte rufen, sind lächerlich.

Rebellion und Widerstand heute sind konservativ. Freilich nicht in der Weise, daß sie etwas Altes wiederherstellen oder etwas Vergangenes bewahren wollte, sondern als Protest gegen die bestehende Gesellschaft und gegen einen linken Zeitgeist, so wie dies Teile des Punk in den 80er Jahren und davor auch der 1968er-Bewegung gegen den Zeitgeist ihrer Jahre praktizierten – gegen eine deutlich konservativere Gesellschaft. Heute geht es darum, gegen einen progressivem Mainstream im Kulturbetrieb und als politischer Überbau mitsamt seinem Journalismus zu rebelllieren. Einer der wenigen Punks, die genau das verstanden haben und solches zelebrieren, ist John Lydon (ehemals Jonny Rotton von den Sex Pistols und Initiator von P.I.L.) und es ist Morressey vom Wave her. Nur eben: für solche Rebellion gibt es im Grunde keinen Ort. Die politische Rechte und die „Abende von Schnellroda“ und ähnliches sind keine wirkliche Option. Vielleicht teils noch der Alt-68er Frank Böckelmann mit „Tumult. Vierteljahreszeitschrift für Konsensstörung“. (Aber das ist ein anderes Thema, das separat abgehandelt werden muß.)

Womöglich bleibt als eine der wenigen Optionen Ernst Jüngers Waldgänger übrig – als Position eines radikalen und anarchisch-konservativen Individualismus. „Jetzt und Hier“, so ist der Text zum Anfang hin überschrieben, und dieses Hic et nunc gilt überzeitlich:

„Der Waldgang – es ist keine Idylle, die sich hinter dem Titel verbirgt. Der Leser muß sich vielmehr auf einen bedenklichen Ausflug gefaßt machen, der nicht nur über vorgebahnte Pfade, sondern auch über die Grenzen der Betrachtung hinausführen wird.

Es handelt sich um eine Kernfrage unserer Zeit, das heißt, um eine Frage, die auf alle Fälle Gefährdung mit sich bringt.“

„Wir, Wachsam, Waffen, Wölfe, Widerstand. Es könnte auch heißen: Waldgänger.

Das wäre ein erster Schritt aus der statistisch überwachten und beherrschten Welt. Und sogleich erhebt sich die Frage, ob denn der Einzelne auch stark genug zu solchem Wagnis ist.“ (Ernst Jünger, Der Waldgang)

Grenzgänge wagen!

Zum Tod von Alfred Hilsberg und jenen Existenzen im Fragment als Sound jener Jahre als der Betreiber dieses Blogs noch filterlose Zigaretten rauchte

Mit Namen aus der Welt der Kunst und auch des Pop – manchmal überlappt sich das – sind oftmals veritable Lebensszenen verbunden. Jene 1980er Jahre, jene 1990er Jahre. Jugendliche Maßlosigkeit. Gerd-Peter Eigner beschrieb es in seinem wunderbaren autobiographischen Roman „Der blaue Koffer“ [Rezension bei AISTHESIS hier], dem ich viel mehr Leser wünsche, aber für solch große Literatur ist in der Welt des Pop keinerlei Zeit und solche Formen komplexen Schreibens sind durch die Welt des Pop totgewalzt:

„Er setzte wieder – und wie nie auf Briefe. Die ihr, wie sie zurückschrieb, gefielen und sogar, so schrieb sie, ergötzten. Obwohl sie, schrieb sie, sie auch unsicher machten. Und erschreckten. Die Gewalt! So eine Gewalt! So eine Maßlosigkeit! Das halte sie, schrieb sie, nicht aus. Worauf er zurückschrieb, um zu erklären, daß es allein darauf ankomme. Auf die, ja, vielleicht nicht Gewalt, aber doch die Intensität, auf das Gefühl. Wenn man nicht in allem, was man tue, aufs Ganze gehe, dann sei es das Leben nicht wert.“

Es ist jener Intensitätsstrom und auch das Brachiale, das Umstoßende, welches wir mit Pop verbinden. Und dazu zählte ganz sicher ebenso jene Punkmusik, die sich Ende der 1970er Jahre und in den frühen 1980ern in Deutschland ausbreitete. Der gestern nach schwerer Krankheit verstorbene Alfred Hilsberg gehörte zu jenen Avancierten, die solchem Neuen ein Forum gaben. Hilsberg – das ist aber auch ein Stück Hamburg und also Lokalgeschichte. Im wahrsten Sinne des Wortes, sozusagen. „Unser“ Hamburg der 1980er und auch der 1990er Jahre. NDW und Punk, Industrial und deutsche Texte.

Selbst wenn man nicht Teil dieser Hamburger Wave, Punk- und Postpunk-Szene war, sondern nur Zaungast, bleibt doch manche Wehmut zurück: Es ist vorbei, und wie die 1980er Jahre, darin wild die Jugend verschwendet wurde, in immer weitere Ferne rücken und alles nur noch Geschichte, Erinnerung und Legende ist. Vielleicht auch Altersheim irgendwann. Von wilden Erlebnissen aus den unendlich scheinenden Abenden heraus zu zehren – das auch, was zwischen Mann und Frau läuft und frei nach den Lassie Singers aus Berlin: „Gib mir endlich einen Abend, einen kriminellen Abend“. Um dann zu münden in jenes wunderschöne „einen Abend wie Harald Juhnke“ – voll von Rausch und von Lust. Liebesschmerz, Liebesgeschichten und poststrukturalisierte Existenz im Fragment.

Hilsberg lieferte mit seinem Label den Ton zu diesen Daseins-Ekstasen. Man sagte ihm eine sehr schlechte Zahlungsmoral im Blick auf die von ihm promoteten Bands nach. Das mag wohl stimmen. Aber als einer, der einem Zeitalter den entsprechenden Sound lieferte, ist es dann eine List der Vernunft, daß auch das Unvernünftige sich durchsetzte.

Keine Musik aber ohne ihre Orte. Das Pilgern ins Karo-Viertel, verschollen im Bermuda-Dreieck zwischen Reeperbahn-Kiez und Schanzenviertel, die Bar Central, das Subito, Markthalle und Fabrik; und für mich vor allem das Café unter den Linden in der Juliusstraße, ein magischer Ort, darin ich mich mit Hefeweizen manches Mal betrank – nicht weil ich dieses Bier so sehr mochte, sondern weil es in Zeiten des leeren Portemonnaies das günstigste war. Beim Biertrinken, beim Debattieren schön Zigaretten rauchend, ohne Filter. [„…, und jede dieser Zigaretten ist das Versprechen, noch fünf Minuten zu bleiben, den anderen noch fünf Minuten seiner Zeit zu schenken.“ Tonio Schachinger, Echtzeitalter] Die Bernstorffstraße herunter, die Thaddenstraße. Namen, die wie Prousterweckungen wirken: daß einem da plötzlich Erinnerungen aufblitzen und eine andere Zeitordnung sich installiert. Wobei der Kiez niemals mein Ort war: zu schrill, zu laut. Und ich fand es zudem abstoßend, wie manche der Szenegänger die Armut dort übersahen oder gar glorifizierten. Der Underdog dort und die Nutten und ihre brutalen Zuhälter sind nicht die Zeichen wilden Lebens, sondern ein gehöriges Elend. Zum Glorifizieren und für einen möglichst wilden, szenigen und kunstsinnigen Lifestyle in Underground-Pop der Bürgerkinder aus den Hamburger Vorstädten oder aus Eppendorf eignete sich dieser Ort keineswegs. Auch dies gehört zu jenen Jahren. Und ebenso der Wandel des Kiezes, seit dem Ende der 1980er und in den 1990er Jahren.

Wie weit einen doch die Assoziationen tragen können, die man an einen Namen knüpft, der mit Musik verbunden ist und einer ganzen Generation die Platten lieferte! Denn dies muß man zu dieser Art von teils hedonistischem, teils politischem Lebensgefühl sagen: Es ist vor allem mit Musik verbunden, die die Stimmungen und die Denkhorizonte lieferte und eine ganze Lebenswelt betimmte. Im Grunde seit Ende des Zweiten Weltkrieges, als zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit Musik in großem Stil auf Medien wie der Schallplatte und auch im Radio reproduziert werden konnte. Mit der Geschichte des Pop ist auch die Geschichte der Elektrizität verbunden. Mit der Geschichte des Pop ist die der Medienentwicklung verbunden, ohne die sich solche Musik in dieser Form niemals verbreitet hätte. Und ebenso koppelt sich an den Pop ein gewisser Wohlstand. Man konnte sich in den 1950er Jahren ein Radio leisten und später dann Plattenspieler und vor allem Kassettenrekorder, die noch einmal eine völlig neue Form von Vervielfältigung boten: Das Musik-Tape war geboren, das man unter Freunden herumreichte oder das man der Geliebten schenkte, darin sich Gefühle in Musik kristallisierten. Einmalig, ein Unikat und Anlaß später dann für viele journalistisch-feuilletonistische Abhandlungen.

Damals wurde aber unter den Musiknerds vor allem über und mit Platten kommuniziert. Sie waren teils ein erhebliches Distinktionsmerkmal. Wer meint, Pop sei der große Gleichmacher, der irrt. Bestimmte Musik nicht zu kennen, konnte zuweilen zu heftigsten Ausbrüchen und Abstoßungen führen. Bestimmte Musik zu mögen, konnte Anlaß zu manchem Spott und zu Streit sein. Mit meiner Vorliebe für den frühen Marius Müller Westernhagen war ich nicht überall beliebt – dabei halte ich „Das erste Mal“, „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“, „Sekt oder Selters“ und „Stinker“ für gute Alben. Auch wenn sie, was die musikalische Punk-Avanciertheit betrafen, sicherlich nicht auf Alfred Hilsbergs Liebe gestoßen wären. Schon Extrabreit, die ich ebenfalls mochte, waren eine kommerzialisierte, ausverkaufshafte Form von neuer Musik. Der Kampf zwischen Ausverkauf und Avanciertheit. Für viele war bereits die geniale und zugleich eingängig hörbare Band Ideal ein solcher Abstieg in die Niederungen des Kommerz. Genau das waren die Diskursschlachten der frühen 1980er Jahre. Was geht? Was geht nicht? Je abgefahrener und seltener desto erlesener. Das Privileg der Jugend: brutal die Distinktion zu pflegen und die eigene Ästhetik durchzuboxen. Oder aber, auch das gehörte zum Punk, den Schunkelschlager derart zu ironisieren und ernsthaft zugleich zu betreiben: Ich erinnere noch, als wir Gus Backus‘ wunderbares „Da sprach der alte Häuptling der Indianer“ auf einer Party auflegten. Wir waren wohl die einzigen, die daran wirklich Spaß hatten und fröhlich mitsangen.

Die erste Neubautenplatte freilich – das war für mich eine Erweckung aus dem dogmatischen Schlummer. So mußte es wohl Kant nach der Lektüre von Hume gegangen sein: daß danach nichts mehr wie vorher war. „Kollaps“ und die ZickZack-EP „Kalte Sterne“ liegen noch heute in meiner eher kleinen Plattensammlung. Mich faszinierte diese Art von romantisch-melancholisch-brutaler Destruktion, die mich bereits in der Bildenden Kunst und vor allem in der Literatur in den Bann zog – in der Philosophie freilich weniger: da waren es nicht primär Nietzsche und Heidegger oder später dann Deleuze und Derrida, sondern Kant, Hegel – mit Schopenhauer allerdings dazu, wegen Ästhetik – und natürlich Adorno: denn auch bei ihm gab es jenes Denken des Fragments, das Favorisieren der Montage als ästhetisches Prinzip und die freie Tonalität. Der große Bruch ist im Anfang eines Neuen immer schon angelegt. So heißt es im Blick auf die Kunst zum Anfang von Adornos „Ästhetische Theorie“:

„Das Meer des nie Geahnten, auf das die revolutionären Kunstbewegungen um 1910 sich hinauswagten, hat nicht das verhießene abenteuerliche Glück beschieden. Statt dessen hat der damals ausgelöste Prozeß die Kategorien angefressen, in deren Namen er begonnen wurde. Mehr stets wurde in den Strudel des neu Tabuierten hineingerissen; allerorten freuten die Künstler weniger sich des neu gewonnenen Reiches der Freiheit, als daß sie sogleich wieder nach vorgeblicher, kaum je tragfähiger Ordnung trachteten. Denn die absolute Freiheit in der Kunst, stets noch einem Partikularen, gerät in Widerspruch zum perennierenden Stande von Unfreiheit im Ganzen. In diesem ist der Ort der Kunst ungewiß geworden.“

„Es geht durch die Welt ein Geflüster?“ Ein romantisierendes, ästhetisierenes allenfalls. Oder vielmehr, nein, ein Riß geht durch die Welt. Und das war für uns damals Anfang der 1980er Jahre gut spürbar.

Und auch das Politische: die meisten waren irgendwie links, aber es geriet nicht derart dogmatisch wie heute. Wobei sich, das muß man eben auch hinzufügen, all die Tendenzen mit Sprachpolizei und was man sagen darf und was nicht, schon damals abzeichneten. Die Hafenstraße war eben auch ein Ort von Intoleranz, sofern man nur um einen Milimeter abwich und die Polizei nicht in Bausch und Bogen verdammen wollte, sondern weil man ihre gesellschaftliche Notwendigkeit durchaus sah: Eben deshalb wurde sie ja von jenen Bäckerburschen dort bekämpft. Der linke Dogmatiker ist insofern nichts Neues. Und genauso die unterschiedlichen Fraktionen, die sich bildeten.

Und es gab spätestens seit Ende der 1980er in bestimmten Kreisen, die Kunst und Politik in eine Paarung bringen wollten, diesen verfaselten Poststrukturalistensound, wo immer alles irgendwo eingeschrieben war, samt der verschredderten Sätze mit vielen Wörtern, die auch die Benutzer meist nur halb verstanden, und der sich gewitzt dünkte, aber meist nur übertünchen sollte, daß die, die so sprachen und schrieben, in der Philosophie nicht wirklich sattelfest waren. Man kann es aber auch als die Pose und Posse der Jugend abtun. Auch um Mädchen herumzukriegen sicherlich. Wer wollte das nicht. Die Postmoderne ist eben doch eine ziemlich moderne Angelegenheit. „Eingeschrieben biste an der Uni“, pflegte ich immer zu sagen, „und nicht in irgendwelche Diskurse“.

„Während mancher Schulstunden dachte ich daran, wie wunderbar es sein müsste, ein Mädchen, am besten eines aus der vorderen Reihe, eines jener Mädchen mit Brille und langem Pferdeschwanz, in eine Statue zu verwandeln – nicht in eine aus Stein, sie sollte lediglich bewegungsunfähig sein, die Augen von mir aus geschlossen und ohne Kleider. Was man alles mit so einem Mädchen anstellen könnte, alles, einfach alles …“ (Clemens J. Setz, Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes)

So aber waren wir natürlich nicht. Eher verbal und unendliches Jungsdozieren.

Bei allem aufgeladenen Pathos von prismatischen Konstellationen und der „Existenz im Fragment“, wie Susanne und ich es damals formulierten, irgendwo hatten wir, im Kontext von Ingeborg Bachmann vermutlich, diese Wendung aufgeschnappt: Fragmente sind sinnvoll nur zu konstatieren, wenn es auch ein Ganzes gibt, dessen Teil die Fragmente sind. Das Fragment ist eine von vielen möglichen Formen im Plural der Erscheinungsweisen von Kunst und Leben. Neben dem Punk gab es ebenso die Musik von Palais Schaumburg, die viele für Popper hielten und vor allem von FSK, die in ihrer Musik nie eindeutig irgendwie zuzuordnen waren und genau damit die strikten Genregrenzen auch in der ästhetischen Form bereits unterliefen.

Jene „wunderbaren Jahre“, eine Zeit, die inzwischen zu Literatur oder zum Sachbuch geronnen ist: jene, die dabei waren und es nun aufschreiben. In meinem Bücherschrank steht, freilich noch ungelesen, von Christof Meueler „Das ZickZack-Prinzip. Alfred Hilsberg – ein Leben für den Underground“. Auch in Jürgen Teipels „Verschwende Deine Jugend. Ein Doku-Roman über den deutschen Punk und New Wave“ kommt Hilsberg vor. Ein lesenswertes Buch über jene Jahre, bei denen ich freilich eher ein Zaungast war. Nicht Musik, sondern Literatur und Philosophie waren meine Medien. Warum vier Stunden auf einem Konzert harren, wenn man in dieser Zeit genauso Proust oder Baudelaire lesen konnte?

„Der Jugend muß zuerst das Sehen und Hören vergehen, sie muß vom konkreten Vorstellen abgezogen, in die innere Nacht der Seele zurückgezogen werden, auf diesem Boden sehen, Bestimmungen festhalten und unterscheiden lernen. Ferner, abstrakt lernt man denken durch abstraktes Denken.“ (G. W. F. Hegel, Über den Vortrag der Philosophie auf Gymnasien)

Eine schöne Würdigung für Alfred Hilsberg gibt es in der ZEIT von Jens Balzer und ebenso im Hamburger Abendblatt:

„Geld hatte er nie, dafür umso mehr Energie. Auf seinen Labels ZickZack und What‘s So Funny About hat er hunderte von Vinyl-Alben, Kassetten und CDs veröffentlicht. Sein Credo war immer, lieber zuviel als zu wenig herauszubringen. Doch jetzt ist der Lebensweg dieses außergewöhnlichen Mannes, der schon zu Lebzeiten zur Legende geworden ist, zu Ende gegangen: Alfred Hilsberg ist im Alter von 77 Jahren in Hamburg gestorben.

Wie kein anderer hat er die Geschichte der alternativen Rockmusik in der Bundesrepublik vorangetrieben. Angefangen hat Hilsberg als Journalist beim legendären Magazin „Sounds“, das bis 1983 das Leitmedium der deutschen Popkultur war. Doch die Schreibmaschine ließ er schnell hinter sich. […]

1980 gründete er dann das ZickZack-Label und gab Bands ein Sprungbrett, die die deutsche Sprache für ihre Texte benutzen. Dabei waren Punkbands wie Abwärts und die Krupps, Avantgardisten wie die Einstürzenden Neubauten und Die Tödliche Doris, aus der Hamburger Szene kamen unter anderem Palais Schaumburg und Die Zimmermänner bei ihm unter. […]

Innerhalb von fünf Jahren brachte Hilsberg mehr als 100 Platten und Kassetten heraus, darunter so wichtige Alben wie „Kollaps“ von den Neubauten. Sein Label hat den Begriff Neue Deutsche Welle (NDW) geprägt, die kurze Zeit später riesige kommerzielle Erfolge feierte. Aber Hilsberg profitierte nicht davon, weil eine Band wie Extrabreit auf seinem Label undenkbar war. „Alfred war immer interessiert an Gegenentwürfen zur vorherrschenden Popmusik“, beschreibt Tobias Levin diesen Untergrund-Kurator.

Zeit seines Lebens war der Mann, der auch schon mal als „Papst des Punk“ betitelt wurde, auf der Suche nach anderen Stimmen: „Man konnte sich schon etwas darauf einbilden, wenn Alfred angerufen hat. Er ist ein Entdecker gewesen, der kommerziell aber völlig desinteressiert war“, beschreibt Levin den Label-Betreiber. Der Musiker und Produzent kam selbst mit seiner Band Cpt. Kirk & bei Hilsbergs späterem Label What‘s So Funny About unter.

In der zweiten Hälfte der 80er-Jahre prägte Hilsberg gemeinsam mit der Konkurrenz vom Label L‘Age D‘Or die sogenannte Hamburger Schule. Er veröffentlichte die ersten Alben von Blumfeld und brachte andere Gruppen wie Mutter, Die Haut oder 39 Clocks auf den Weg. Es gehört auch zu Hilsbergs Verdiensten, wichtige US-amerikanische Underground-Künstler lizensiert zu haben wie Jeffrey Lee Pierce und seinen Gun Club und Henry Rollins.

[…]“

Mit Dank an Moritz Brettschneider, der mich auf dieses Stück brachte. Denn genau dieses Lied hatte ich im Blick auf Hilsberg die ganze Zeit im Kopf gehabt, als ich meine Erinnungen schrieb. Leider wußte ich den Bandnamen nicht mehr. Nun weiß ich ihn wieder. Ein geiles Stück Hamburg-Punk.

If the kids are united – Punks in der DDR

Kurz nur möchte ich auf eine Ausstellung in der „Staatsgalerie Prenzlauer Berg“  hinweisen, die besucht werden sollte. Und zwar fand gestern die Vernissage zu einer kleinen, feinen Photoschau statt, die bis zum 29.11 im Rahmen des Monats der Photographie unter dem Titel „East End – Punks in der DDR“ läuft. Die von unterschiedlichen Photographinnen und Photographen getätigten Bilder aus den Jahren 1982 bis 1984 verdichten eine Szene, die es, anders als in der BRD, nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch im kleinsten Kreise schwer hatte. Punks in der DDR: das war dem auf Ordnungswahn und auf zwangsneurotischer Eigensicherung bedachten System mehr als nur ein Dorn im Auge und mehr als nur ein Schönheitsfehler, der mittels Subversion an der faulen Fassade kratzte. Die Maßnahmen gegen Punks erfolgten prompt und auf den Fuß. Mochte die Ästhetik des Punks sich in Ost und West ähneln – von den Fanzines, über die Art der Musikverbreitung bis hin zum Stil des Lebens, so unterschieden sich die Weisen der Vermittlung und Verbreitung von Musik und Text wesentlich. Waren manche der BRD-Punks damals auf eine unbestimmte ästhetizistisch-politische Weise Müßiggänger-Punks mit Attitüde, die dem Überdruß frönten, dem Ennui huldigten, Dada mit anderen Mitteln fortlebten und -dachten, ohne daß es etwas kostete, außer mal ein böses Wort oder einen bösen Blick, so ging es in der DDR ums Ganze und um die Existenz. Eine Zeit in Bautzen, bloß weil das sozialistische Subjekt optisch und innerlich abwich, ist keine große Freunde. „Sag mir wo Du stehst“, mithin der Beichtzwang der DDR, war bei den Punks nicht mehr erforderlich: Punks zeigten, wo sie standen – egal ob gewollt und ungewollt politisch.

Ich will hier aber nicht die eine Weise von Punk gegen die andere ausspielen, da Punk in der BRD und in der DDR in ganz verschiedenen Referenzrahmen stattfand, und ich schreibe keine Kurz-Geschichte der Ostpunks, weil ich mich damit viel zu wenig auskenne, sondern empfehle vielmehr diese Ausstellung in der „Staatsgalerie Prenzlauer Berg“ mitsamt ihren eindringlichen Photographien. Es werden nur wenige Bilder gezeigt, aber diese wenigen Photographien verdichten die Punk-Szene derart, daß sie pars pro toto stehen. Daß der Ausstellungsmacher (im Kunstbetrieb sprechen wir hochtrabend vom Kurator – heute sind wir alle die Kuratoren unsere selbst und erfinden uns auch beständig selbst: der Markt braucht‘s, der Markt nimmt‘s), daß also der Galeriebetreiber die Auswahl derart reduziert, macht diese Schau spannend und ist wohlgetan. Die Bilder treffen eine Szene auf den Punkt, sie zeugen von jenem „Live fast, die young“ und zugleich vom Geist der Rebellion, von jenem Prinzip Hoffnung, das nur wenig Hoffnung kennt oder zumindest mit dem Mangel an selbiger kokettiert und die Gesellschaft in die Destruktion bringt.

Dieses Moment von Hoffnung, Widerstand, Destruktion und einem ganz anderen, für das es keinen Begriff mehr gibt, verdichtet sich in vielen der Photographien.

 

Photographie: Rudolf Schäfer

X

Photographie: Hans Praefke

X

Es ist der Dreck, die Wüste, die zum Leben einzig noch verbleibt, und es sind die Abbruchhäuser, die Brachen, in denen sich die Feuer entfachen lassen – und seien dies bloß die Flammen des Moments, der im nächsten Takt der Zeit verschwunden ist. Ein Phänomen wie der Punk, der sich geradezu antiästhetizistisch begriff und in Rotz, Bier, Sperma und Fotzensekret, aber auch in Dada und der Theorie Walter Benjamins (welch eine Reihung!) sich wundervoll delektierte, kommt in der Photographie vermittels der ästhetischen Form zu sich selber: die Photographien sind unprätentiös-dokumentierend und folgen doch – obwohl von unterschiedlichen Photographinnen und Photographen geschossen, einer Ästhetik, die sich als dokumentarisch bezeichnen läßt. Die meisten der Bilder gehen nahe an die Menschen heran, portraitieren. Und diese macht die Stärke dieser Photographien aus. Wenngleich die Photographien nur dann sich erschließen, wenn Betrachterin und Betrachter den Subtext der Bilder mitdenken, der ihnen zugrunde liegt. Die Photographie als solche genommen, sagt wenig über den Raum, den Ort aus, in dem sie entstand. Viele der Bilder hätten auch in Berlin/West, in Hannover oder Hamburg geschossen sein können. Insofern handelt es sich zugleich um eine Ausstellung für Eingeweihte. (Oder aber um eine universale Bildsprache.) Doch dieser Charakter des Abgezirkelten, sich gegen eigene Fraktionen abgrenzend, und das Arkanum innerhalb der Destruktion und des Wilden machte bereits seinerzeit den Punk und seine Fraktionen aus. Und darin zeigte sich wiederum – zumindest im Westen – das Spiel des Pop: das Prinzip der Abgrenzung und des Crossover.

Als Fazit sei soviel geschrieben: Diese Ausstellung dürfte sich für diejenigen lohnen, die bereits mit Hintergrundwissen ausgestattet sind oder aber für solche Wesen, welche sich ohne viel Hintergrundwissen – so wie der geschätzte und verehrte Betreiber dieses Blogs – an einer reinen Bildästhetik laben, erfrischen und an reiner Form und reinem Ausdruck ihre Freunde finden.

Die Photographien in der „Staatsgalerie Prenzlauer Berg“ bringen Aspekte dieser Ästhetik und Politik des Ostpunk ins Bild. Der Blogbetreiber rät zu, dort hinzugehen, sich ein Bier zu kaufen und dann durch den Prenzlauer Berg zu flanieren, um zu schauen.

Wolfgang Niedecken zum 60. Geburtstag

Ja, das müssen Sie sich erst einmal langsam auf Ihrer Zunge zergehen lassen: diese Zeile! Sie halten die Überschrift womöglich für eine Satire, meinen gar, ich sei Opfer des Kältewinters, der Überarbeitung oder hätte mich irgendwie verschrieben, vertippt, verheddert, denn dieser Geburtstag als Thema ist – sicherlich – nicht ganz passend für den Blog hier. Aber nichts dergleichen. Der Leser mag es, jedoch und durchaus, als eine Überleitung zum nächsten Text zu R. D. Brinkmanns Lyrik lesen und begreifen. Brinkmann lebte schließlich auch in Köln – Köln, eine Stadt, in der ich mir durchaus vorstellen könnte zu wohnen. Zumindest für eine Weile. Berlin, Lübeck, Hamburg, Köln, Leipzig oder Duisburg, das ist so eine magische Achse. Und den Kölschen Dialekt mag ich auch ganz gerne hören, überhaupt haben es mir Rheinland und Ruhrgebiet sehr angetan.

Ich halte die Band BAP musikalisch zwar für eher unbedeutend, aber dieses Lied berührte damals auf eigentümliche Weise beim Blogbetreiber etwas.

X

x

Und auch heute noch kann ich dabei ein wenig sentimental werden, weil es mich an jene Zeiten der 80er erinnert: Hausbesetzerszene, Anti-AKW-Bewegung, der Protest gegen den NATO-Doppelbeschluß, Anti-Reagen-Protest, die vielen Demos, zu zahlreichen Anlässen, das Palästinensertuch, das schwarze Halstuch, die Wildlederjacke, die Lederjacke, das gerissene, zerrissene Jackett, die schwarze Lederweste, auf der hinten in Deckweißfarbe „Teenagers from Mars“ stand, 1986 die Cowboystiefel, in die ich meine weiße Jeans steckte, und ein Freund sagte beim Trampen „So werden wir nie mitgenommen!“ Nach langem Warten hielt ein Auto an, der Freund murrte nur: „Du kannst Dich nach vorne setzten!“ und schob mich dahin. Der Fahrer war sehr, sehr erzählfreudig, und ich mußte das ausbaden. Ich kannte seine Familiengeschichte von vorne und wieder zurück und kam mir vor, als sei ich mit seiner Frau verheiratet und führte ein grausames Leben. Ich war aber nur der Beifahrer auf dem Beifahrersitz, der Freund, leicht lümmelnd auf dem Rücksitz, grinste verhalten.

Diese 80er Jahre stellte der Film „23“ gelungen und in eindringlichen Bildern dar. Und es paßte zu diesem Film sogar das ansonsten fürchterliche Stück „Sweet child in time“ von Deep Purple. Es gibt sicherlich Menschen, die mögen dieses Lied aus Gründen, die sich anderen Menschen entziehen. So ging es mir damals mit diesem Bap-Stück. Meinen Punk-Freunden habe ich das kurz verraten. Danach brach eine schwere Zeit für mich an: „Willst Du wirklich immer Hippie bleiben?“, sozusagen antizipierend das Lied der „Goldenen Zitronen“. Wir hatten viel Spaß damals. Wir waren die rote und die schwarze Front, und wußten zugleich, alle Zustände blieben so, wie sie sind. Daß es wenige Jahre später sehr viel schlimmer als ausgemalt kommen würde, dachten wir in unserem naiven Glauben nicht.

Und ich muß an dieser Stelle einen Mut zur Schwäche zeigen: ich las ja in meiner Jugend schließlich nicht nur Adorno, Hegel, Benjamin, Marx, Sartre und den halben Kanon der Literatur der klassischen Moderne; nein, nein, wir haben in der Jugend zuweilen sogar Schund gehört. Und ich zeige mich jetzt und hier von einer peinlichen Seite: mit schlechtem Musikgeschmack präsentiere ich mich über dieses BAP-Stück. Das ist für alle Seiten in gewissen Sinne sehr unangenehm, sowohl für Sie, weil Sie nun betreten zu Boden blicken und bei sich denken, über Monate und Jahre doch den falschen Blog gelesen zu haben, als auch für mich, der diese Dinge in einem perversen Beichtzwang eingesteht, aber irgendwann hätte ich es ja doch aussprechen müssen, und die Wahrheit kommt immer ans Licht, in der Version von Heidegger als Aletheia, im Sinne der Unverborgenheit.

Ja, dieses Stück mochte ich damals, trotz allem und ich weiß nicht wieso, ganz gerne. Klar, zu den Hippies riefen wir „Verdammt lang Haar“, aber ich machte das nur, um mich von dem eigenen Hippie in mir zu lösen. Irgend etwas berührte mich an dem Lied, obwohl es sowohl objektiv als auch subjektiv eher schlecht als gut ist. Ich weiß eigentlich nichts über Wolfgang Niedecken, lediglich dieses Jahr auf der Leipziger Buchmesse kam er mir am 3sat-Sendestand entgegen. Niedecken wirkte wie ein freundlicher Mensch, der in sich ruht. Ich habe wohl hundert Jahr lang kein Stück mehr von BAP gehört, einzig an „Kristallnacht“ erinnere ich mich, doch heute auf „Kulturzeit“ kam dann ein Bericht zu Niedeckens 60. Geburtstag. Da dachte ich bei mir: schreib doch mal was dazu! Das ist eine Herausforderung: einen Geburtstagstext für jemanden zu verfassen, mit dem Dich nichts verbindet. Über Kafka kannst Du schreiben, über Benn, Adorno, Bernhard, Beckett, aber nicht über Niedecken. Schreib doch – einmal nur, als Aufgabe des Abends – etwas über Dinge, die Dich nicht interessieren. Was ich hiermit pflichtgemäß getan und erledigt habe. Alles Gute zum 60. Geburtstag.

Ansonsten schaffen wir für den Rest des Abends einen musikalischen Ausklang der anderen Richtung. Nämlich zum einen noch eine weitere legendäre Kölsche Band mit dem bestem Cover eines Ramones-Stückes

X

X

Und dann noch dies hier, was für sich selbst steht.

X