Von einem, der auszog, mit einem Flixbus zu reisen: Rezensionsauftakt zu einem Roman von John Williams

Es gibt solche Bücher, die stehen über die Jahre in einer Bibliothek, genauer geschrieben in meiner, ungelesen, unberührt. Man weiß irgendwie von ihnen, daß sie da harren, sie sind vorhanden, sie könnten gelesen werden, aber sie werden am Ende doch nicht gelesen. Sie stehen, sie stauben, sie warten, sie sind sicherlich bedeutsam, weil das Feuilleton diese Werke beim Erscheinen euphorisch lobte. Und hier mache ich jetzt einen kleinen Umweg, bevor ich auf jenes Buch weiter eingehe und ich schreibe an dieser Stelle vielmehr, weshalb ich von meiner Meinung ablasse, daß Flixbusfahren schlecht und von übel sei. Es ist nicht grundsätzlich schlecht, wenn auch in vielen Hinsichten dann doch. Freilich reist es sich nicht sonderlich bequem in solchen Überlandbussen. Die Sitze sind eng, die Gänge schmal, mit Pech ißt einer Tilsiterstullen. Aber wenn man mit den richtigen Leuten reist, dann macht es doch Spaß. Es war dies eine Rückreise aus Südtirol, ein Meisterklassen-Seminar über Umberto Ecos „Der Name der Rose“, hoch in der Berglandschaft über Leifers bei Bozen, interdisziplinär: Literaturwissenschaft (postmoderner Roman), Theologie (Apokalypse, Hohelied Salomon, Armutsstreit), Kunstgeschichte und vor allem natürlich Philosophie, mithin im Blick auf Ecos Roman, der im Jahre 1327 im November in einem mittelalterlichen Kloster irgendwo in Norditalien spielt: Antike samt Aristotelesʼ Poetik samt Mittelalter mit dem Universalienstreit: „Est ubi gloria nunc Babylonia?“ [Wo ist nun Babylons Ruhm?] „Stat rosa pristina nomine, nomina nuda tenemus. [Die Rose von einst steht nur noch als Name, uns bleiben nur nackte Namen.] (Bernhard von Cluny, De contemptu mundi)

Sieben wunderbare wie arbeitsreiche Tage auf einem architektonisch modernen und vor allem ästhetisch ansprechenden Berghof mit Lektüren, Vorträgen, Debatten wie auch den herrlichen wein- wie bierseligen Abenden mit Blick auf Bozen by night und bei köstlichem Essen, das uns zubereitet wurde, dazu abends mit Lesungen, Filmen und einem kleinen Theaterspiel.

Die Rückreise ging – gezwungenermaßen freilich – mit dem Bus, da die Trenitalia für den Abreisetag streikte. Deus vult! So standen wir am Samstag frühmorgens nach Abstieg vom Berg und Linienbusfahrt von Leifers aus samt gehörigem Fußmarsch mit Gepäck dann in Bozen in einem unwirtlichen Gewerbegebiet zu zwölft wie die Jünger Jesu in wunderbarem Südtiroler Sonnenschein und warteten auf den Flix-Bus, plaudernd und voll von Euphorie noch und zugleich melancholischem Abschied: So wird es niemals mehr sein: nach jenen so schönen Tagen hoch über dem Etschtal unter blauem Italien- und Ideenhimmel jeden Tag, in der Ferne und besonders nachts ansprechend: die Lichter des Tals. Der Flix-Bus kam, wir stiegen ein. Wir fuhren, machten nach gerade einmal zwanzig Minuten die erste lange Pause an einer dieser Tankstellen, wo noch der schlechteste italienische Kaffee besser schmeckt als alles, was man in Deutschland serviert bekommt.

Ich war relativ weit hinten im Bus plaziert, vorletzte Reihe, hinter mir die Fünferbank, auf der zwei unserer Studenten saßen, eine junge Frau und ein junger Mann, neben mir ein gemütlich-freundlicher Mitdozent, und hinten links in der Ecke auf der Rückbank eine uns unbekannte Italienerin, der wir mit unserem Gequassel vermutlich gehörig auf die Nerven gegangen sind: Deutsche, die sich wie Italiener benehmen. Denn wenn die Bamberger Philosophencrew versammelt ist, dann ist es so als ob Italien Länderspiel hat. In Brixen dann, am Autobahnhaltepunkt, stieg eine junge Italienerin zu, die sich in die Hinterbank auf ihren Platz in der Mitte setze.

Für Südtirol – um dieser Geschichte eine weitere Volte zu geben – muß man wissen, daß es sich um eine dreisprachige autonome Region in Italien handelt. Einen Exkurs in die Geschichte von Südtirol und was dies im Blick auf das Ende des verlorenen Ersten Weltkriegs für diese einst zu Habsburg gehörende Region bedeutete, spare ich aus. Kurz nur: Flucht, Vertreibung der Österreicher 1918, da Italien sich wetterwendisch, bauernschlau und geschickt auf die Seite der Entente schlug und damit zu den Siegern des Krieges gehörte, und so hatte diese Niederlage ethnische Umsiedlungen, genauer gesagt Vertreibungen zur Folge – in der Geschichte nichts Neues, nur nebenbei – und in den 1960ern gab es harte Kämpfe in Südtirol bis hin zu Gewalt, damit die deutschsprachige Minderheit anerkannt würde. Was dann auch geschah. Nur soviel: die katholischen Gottesdienste in Südtirol dauern sehr lange, weil sie dreisprachig abgehalten werden. Dieses Recht hat sich die deutschsprachige Minderheit tapfer erkämpft und das ist gut so.

Schnell kamen die beiden Studenten neben ihr, da die junge Italienerin zur deutschsprachigen Minderheit gehörte, ins Gespräch. So auch ich dann irgendwann, zumal es um Kunst, Film, Philosophie und Ästhetik ging und auch etwas ums Skifahren – teils waren am Brenner die Pisten noch weiß und so fabulierte und schwärmte ich von meinen einstigen Ski-Abfahrtskünsten in Österreich in Kaprun. Wir gelangten vom Hölzchen aufs Stöckchen, es ging auch um Literatur und Intensitäten in Kunst. Und da kam diese Romanempfehlung plötzlich von ihr: ob ich John Williams mit seinem Roman „Stoner“ kenne? Nein, das tat ich nicht. Es stünde der Roman aber bei mir in der Regalreihe. Begeistert erzählte sie. In München trennten sich unsere Weg und auch die Wege der Reisegruppe, der Bamberger Gefährten. Denn für mich ging es von München weiter nach Berlin, für die anderen nach Bamberg und für die junge Frau ins Schwäbische. Als ich dann am Ende einer zwölfstündigen Reise zurück in Berlin eintraf, nahm ich nach einer kleinen Stärkung mit Pasta und Wein das Buch aus dem Regal und begann die ersten Seiten zu lesen. Erschöpft von der Reise zwar, aber es zog mich diese Prosa sofort in einen Bann. Diese ersten Sätze, welche über die Güte einer Dichtung entscheiden:

„WILLIAM STONER BEGANN 1910, im Alter von neunzehn Jahren, an der Universität von Missouri zu studieren. Acht Jahre später, gegen Ende des Ersten Weltkriegs, machte er seinen Doktor der Philosophie und übernahm einen Lehrauftrag an jenem Institut, an dem er bis zu seinem Tode im Jahre 1956 unterrichten sollte. Er brachte es nicht weiter als bis zum Assistenzprofessor, und nur wenige Studenten, die an seinen Kursen teilnahmen, erinnern sich überhaupt mit einiger Deutlichkeit an ihn. Als er starb, spendeten seine Kollegen der Universitätsbibliothek ihm zu Ehren ein mittelalterliches Manuskript, das man dort vermutlich noch heute in der Abteilung für seltene Bücher findet. Es enthält die Widmung: ›Der Bibliothek der Universität Missouri überreicht zur Erinnerung an William Stoner, Fachbereich Englisch. Von seinen Kollegen.‹

Der ein oder andere Student, der den Namen William Stoner liest, mag sich fragen, wer er war, doch geht die Neugier selten über müßige Spekulationen hinaus. Stoners Kollegen, die ihn zu seinen Lebzeiten nicht besonders schätzten, erwähnen ihn heutzutage nur noch selten: Den Älteren bedeutet sein Name eine Erinnerung an das Ende, das sie alle erwartet, für die Jüngeren ist er bloß ein Klang, der ihnen weder die Vergangenheit näherbringt noch eine Person, die sich mit ihnen oder ihrer Karriere verbinden ließe.“

Was für ein Anfang! Am Sonntag und Montag las ich nach diesem Auftakt wie in einem Rausch weiter. Eine Romanfigur, die den Leser in ihrer behäbigen wie passiven und doch zugleich so weisen Art am Ende doch das richtige zu tun, nicht mehr losläßt.

Dieser Stoner ist eine der seltsamsten und zugleich sympathischsten Menschen seiner Zeit. Einer dieser heldischen Antihelden, die man niemals mehr vergißt, nachdem der Leser mit ihm zusammen durch dessen bewegtes, armes und doch reichhaltiges Leben geschritten ist, das sich, bis auf eine Hochzeitsreise nach St. Louis und eine Liebesreise in winterliche Einsamkeit vor der Stadt mit einer wunderbaren Geliebten, lediglich an der Universität von Missouri in der Stadt Columbia abspielte.

Ein Campus-Roman, so könnte man denken, aber das ist falsch. Es ist ein Roman von existentieller Wucht, der jeden Leser, der nicht tumb ist, rührt. Denn es geht darin um die Möglichkeiten, sein eigenes Leben zu ergreifen (oder eben auch nicht zu ergreifen) und es trotz widrigster Umstände zu gestalten. Selbst noch durch Fatalismus und Passivität und Duldsamkeit hindurch: sehenden Auges in ein Unglück zu schlittern: das einer Ehe, darin keine Liebe herrscht. Da wird uns einer dieser seltsamen Lebenswege erzählt. Eine Art von Bartleby, ein Josef K., einer, dem Geschehnisse widerfahren, die er hinnimmt, immer wieder und der sein Dasein in einer stoischen Gelassenheit dennoch trägt. Die existentiale Wucht eines Lebens, das auch den Leser erfaßt. Dabei aber bleibt dieser Stoner, nomen est omen, doch beharrlich und in einigen wenigen Fällen sogar auch stur, wenn er sich gegen alle Widerstände der Fakultät und zu seinem eigenen Nachteil vehement weigert, beim Rigorosum einen unfähigen Doktoranden bestehen zu lassen, weil eine solche Person niemals als Hochschullehrer auf Studenten losgelassen werden dürfe. Nicht aus Prinzip, sondern um des Ethos willen opponiert Stoner, mithin eine grundsätzlich sittliche Haltung, was den akademischen Betrieb betrifft und die man sich auch für die Gegenwart vielfach wünschen würde.

Der Rezensent möchte seitenlang aus diesem Roman zitieren, um den Drive und den Sog dieser Dichtung erfahrbar zu machen, doch es ist nun einmal die Aufgabe einer Rezension, daß solches in der Sprache des Rezensenten geleistet werden muß. Ich will dies im zweiten Teil dieses Berichts tun, wenngleich ich es nicht versprechen mag. Um aber der werten Leserin und dem geneigten Leser die Zeit bis dahin ein wenig zu versüßen, gebe ich einige Bilder aus dem schönen Südtirol. (Bei Riesling o’clock in the evening extrapoliert. Time of your life. Golden Years.)

Nachtrag zu den Photographien: Das erste Photo ist in Berlin-Südkreuz aufgenommen, die nächsten acht auf der Fahrt von Berlin nach Bamberg, von Bamberg nach München und dann von München nach Bozen. Die Kirchenbilder sind aus Bozen, nämlich derdortige Dom die Dominikanerkirche sowie die Johannes- und die Katharinenkapelle, die Bilder mit dem Blick in die Berge sind oberhalb von Leifers vom Buchnerhof her aufgenommen.

Kleine Weihnachtsgabe: Rolf Schulten „A 100“. Samt einem Bericht zu Chat GPT

Rolf Schultens’ Fotobildband „A 100“ ist ein Buch über eine Autobahn, die mitten durch Berlin führt. Die A 100 und ihre Abzweigungen sind die Verkehrsadern der Stadt und ein Ausbund an Beton und Schauerlichkeit, aber sie bieten zugleich Mobilität. Bleibt die Frage, wie man einem solchen funktionalem Netz mit den Mitteln der Photographie dennoch ein Maß an Schönheit entlocken kann. Schulten gelingt das, indem er zeigt, was ist. Er vermeidet explizite Kritik, und im Grauen des Grau-in-Grau-Betons verstecken sich zuweilen Anflüge von Schönheit. Darin liegt die Stärke des Buches, es wedelt mit keinem Zeigefinger und der Ästhetiker kann noch diesem kalten Klotz Stadtautobahn einiges an Ausdruck, aber auch skurrile Momente ablauschen – so etwa den Luisenkirchfriedhof nahe der Anschlußstelle Spandauer Damm: Menschengräber und ein Ort der Stille an einer der verkehrsreichsten und am dichtesten befahrenen Straßen Deutschlands. Schultens Photographien sind kühl, schon qua Sujet, aber sie klagen nicht unmittelbar an. Dennoch springen auch die schlimmen Momente ins Auge, etwa jene Wohnhäuser direkt an der Autobahn Ecke Kaiserdamm und Messedamm Nord – der Blick auf die Autobahn und eine Geräuschpegel, der niemals abreißt -, samt den Unwirtlichkeiten von Beton und Asphalt.

Unter diesem Pflaster liegt sicherlich nicht der Strand, sondern vielfach nur kaputte Erde und Überbleibsel aus dem letzten Krieg, aber doch gebiert dieses Asphalts- und Betonszenario eine eigene Form von Schönheit, etwa die 70er Jahre-Ästhetik des Tunnels unter dem Innsbrucker Platz, wenn Kacheln und Fliesen schimmern, dazu die Architektur des Betonbrutalismus. Faszinierend auch die Durchfahrt unter dem Degewo-Hochhaus in der Schlangenbader Straße, der A 104, die inzwischen wegen Tunnelschäden auf unabsehbare Zeit gesperrt ist. Wer Berlin kennt, liest aus solchen Photographien zugleich die Berlin-Misere und die Dysfunktionalität dieser Stadt heraus: ein Teilstück der Autobahn, das auf unabsehbare Zeit in genau diesem Zustand bleibt, in dem es gerade ist und was mit den Jahren sich also zu einer Ruine entwickeln wird. Eine Ruinie immerhin unter staatlicher Beobachtung.

Fast nie sind Menschen auf den Bildern zu sehen. Und auch jene Objekte, für welche die A 100 eigentlich gemacht wurde, fehlen komplett: nämlich die Autos. Wir blicken auf eine Autobahn ohne Automobilität, kein Fahrzeug nirgends – fast wie 1973 zur Zeit der Ölkrise und der Fahrverbote. Diese Leere gerade macht den Reiz der Photographien aus.

Die Fotografien zeigen zudem, was sonst nicht zu sehen ist, wenn der Fahrer mit seinen 90 km/h über die Autobahn braust und sich auf den Verkehr konzentrieren muß, ohne Sinn für die Ästhetik dieses langgestreckten sich über Kilomenter hinziehenden Bauwerks, ohne Blick für die Architektur und all die Details, die eine solche Autostraße ausmachen: Brückenpfeiler, Lärmschutzwände, Vegetationsreste, Lichtflächen, Kacheln, Wände, Beton, Häuser. Schultens’ Kamera bleibt dort haften, wo der Blick des Autofahrers zwangsläufigerweise längst weitergezogen ist. Die Autobahn, derart festgehalten, erscheint als eine Landschaft eigener Ordnung, als eine Art negatives Stadtzentrum, ja, im Sinne des Ethnologen Marc Augé als ein Nicht-Ort von ganz eigener Ordnung, nach der Logik von Beschleunigung und Transport, am Modus von Reise und Fortbewegung ausgerichtet. Auf der A 100 existieren keine Räume zum Verweilen, weil es keine Raststätten dort gibt. Außer vielleicht im Auto selbst, wenn der Pendler einmal wieder in einem der vielen Staus festhängt und genügend Muße haben könnte, die eigene Umgebung mit dem Augen eines Fremden, eines Ethnologen gar, zu studieren.

Was dem normalen Betrachter in seinem flüchtigen Blick zunächst als bloßes Phänomen der Infrastruktur scheint, verwandelt sich Seite für Seite in eine Zone des Schwebens: ohne Autos steht plötzlich die Zeit plötzlich. Die A 100 ist bei Schultens kein Ort des Ankommens, sondern ein Zwischen-Ort, eben im Sinne Augés auch. Durch den Blick der Kamera sehen wir Betrachter die Stadt und ihre Verkehrsachsen und Schneisen plötzlich mit einem anderen Auge. Schultens Bilder verweigern den spektakulären Gestus der urbanen Fotografie ebenso wie die nostalgische Verklärung. Stattdessen operieren sie mit Distanz, mit Wiederholung, mit dem leichten Versatz des Blicks. Es sind stille und ruhige, zuweilen fast meditative Photographien, die in ihrer Zurückhaltung diesem Bildband seine Intensität verleihen.

Daß bisher niemand auf die eigentlich naheliegende und geniale Idee gekommen ist, die Berliner Stadtautobahn und ihre Abzweigungen und Zubringerstraßen zum Photo-Sujet zu machen und in eine Serie bzw. in ein Buch zu bringen, verwundert. Um so besser, daß Rolf Schulten auf diese Idee verfiel und uns einen schönen Bildband fertigte.

Rolf Schulten: A 100, Kettler Verlag März 2025, 32,00 € (leider vergriffen, aber Restbestände sind noch beim Photographien bestellbar)
Weitere Photographien sind auf der Verlagshomepage an dieser Stelle zu sehen.

Hinweis: Ich habe mir den kleinen Vorweihnachtsspaß gemacht, bei Chat GPT eine Anfrage zu starten: „Schreibe mir eine positive Rezension von Rolf Schultens Fotobildband A 100. Im Stil eines intellektuellen Blogartikels wie etwa dem Blog AISTHESIS von Bersarin.“ Ganz zufrieden war ich allerdings mit dem Text, den Chat GPT auswarf, leider nicht. Ich habe ihn erheblich überarbeitet und nur wenige Sätze und Formulierungen direkt übernommen. Insofern tat ich mit meinem „eigenen“ Artikel genau das, was eigentlich Redakteure machen: nämlich redigiert und komplett umgeschrieben, wenn ein Redakteur mit seinem Autor nicht zufrieden ist..

Was mir allzu waghalsig oder in den Formulierungen zu steil schien, habe ich herausgenommen. So diese Passage:

„In der scheinbar nüchternen Dokumentation der Berliner Stadtautobahn entfaltet sich ein leiser, insistierender Essay über Zeit, Blick und die eigentümliche Ästhetik der funktionalen Moderne. Man könnte sagen: Schultens fotografiert nicht die A 100 – er denkt sie.“

Irgend etwas stört mich an diesem Satz, vielleicht die Aufladung, auch wenn ich die Tendenz nicht ganz falsch finde. Und auch mit diesem Satz bin ich nicht wirklich zufrieden:

„‚A 100‘ ist damit ein Fotobuch, das sich der schnellen Konsumierbarkeit entzieht. Es verlangt Langsamkeit, Wiederlektüre, das geduldige Verweilen beim scheinbar Nebensächlichen. Ganz im Sinne eines Blogs wie AISTHESIS ist Schultens’ Arbeit weniger eine visuelle Aussage als ein Denkraum: ein Angebot, die Autobahn nicht nur zu sehen, sondern sie wahrzunehmen – und sich dabei selbst ein Stück weit zu verlieren.“

Denn das, was Chat GPT mir vorschlägt, sollte eigentlich für jeden Bildband gelten. Photographien wollen langsam, sehr langsam zuweilen, erschlossen werden, selbst jene die in schrillem, wilden Sound von Bewegtheit und Aktion daherkommen, wie etwa William Kleins sehr genialen Photographien aus dem New York der 1950er Jahre. Erst beim intensiven Sehen erschließt sich jegliche (gelungene) Photographie: der Blick fällt auf Details und wir entdecken bei solchem Schauen Weiteres, was unserem Auge beim ersten Betrachten entging. Die Idee mit dem Denkraum aber hat mir zugleich auch wieder gut gefallen. Der Bezug freilich weniger: den jeder Bildband ist trivialerweise eine visuelle Aussage, mag sie auch ausfallen, wie sie will.

Und auch hinsichtlich der philosophischen Aufladung war diese Passage mir ein wenig zu viel überschießende Interpretation:

„Dabei liegt dem Band eine eigentümliche Zeitlichkeit zugrunde. Die Bilder scheinen aus der Zeit gefallen, ohne ins Historische zu kippen. Sie erinnern an Benjamins Idee des dialektischen Bildes: ein Moment, in dem sich Gegenwart und Geschichte kurzschließen, ohne sich aufzulösen. Die A 100 wird zum Archiv einer Moderne, die nie ganz neu war und nie ganz veraltet sein wird.“

Die Überlegung zum Archiv ist in der Tat gut, aber Archiv – im Sinne des Alltagsverständnisses – und Gedächtnis sind Photographien fast immer und insofern erscheint mir diese Formulierung als Allgemeinplatz. Richtig ist allerdings, daß wir in solchen Bildern die (Auto-)Moderne der 1960er Jahre wiedererwecken und zur Anschauung bringen: Der kalte Funktionalismus, die autogerechte Stadt, auch auf Kosten der Natur. Ein wenig wie in den 1970er Jahren jene bunten Bildserien-Drucke, die wir im Kindergarten zu sehen bekamen und darauf erst das gemütliche kleine Dorf mit den schönen Bäumen, den alten Häusern, dem Dorfweiher, den Enten und Tieren zu sehen war, dann die ersten Erweiterungen, eine neue Straße, neue Häuser, immer ein Stück mehr Moderne und im letzten Bild schließlich ein Betonklotzeinkaufszentrum samt einer Autobahn sehen, über die ein unendlicher Verkehr sich ergeht. Kritik des Fortschrittsparadigmas. Schultens Buch macht das freilich subtil, denn man kann diese Bilder auch rein ästhetisch betrachten, so wie ich es tue. Chat GPT sieht das derart:

„In dieser Geste der Ausstellung liegt eine subtile Form der Reflexion: Die Bilder laden dazu ein, die eigene Beziehung zu urbanen Räumen, zu Mobilität und zu Wahrnehmungsroutinen zu befragen. Man liest – oder besser: betrachtet – den Band wie einen stillen Kommentar zur spätmodernen Stadt, in der Funktionalität zur zweiten Natur geworden ist.“

Das ist nicht falsch und eigentlich schön formuliert. Das hätte ich ruhig in die Rezension aufnehmen können. Auch wenn es nicht von mir stammt.

Weihnachtlicher Gabentisch (2): Felix Heidenreich „Der Diener des Philosophen“

Ich weiß nicht, wie häufig der Philosoph Immanuel Kant in der deutschsprachigen Literatur auftaucht, aber immerhin wurde dem Leben Kants zuweilen literarisches bzw. essaiistisch-literaritsches Interesse entgegengebracht, wenn ich an Thomas de Quinceys „Die letzten Tage des Immanuel Kant“ denke. Und mir fällt dazu weiterhin die Szene in Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“ ein, als der Mathematiker Gauß die kantische Stube in Köngisberg betrat und den schon hoch betagten und mithin alten, ja gar greisen Philosophen besuchte:

„Er ging in die Hocke, so daß sein Gesicht auf gleicher Höhe mit dem des Männchens war. Er wartete. Die kleinen Augen richteten sich auf ihn.
Wurst, sagte Kant.
Bitte.
Der Lampe soll Wurst kaufen, sagte Kant. Wurst und Sterne. Soll er kaufen.'“
(Kehlmann, Die Vermessung, der Welt)

Jetzt ist im Wallstein Verlag ein kurzer, gerade einmal 149 Seiten umfanfassender Roman von Felix Heidenreich mit dem Titel „Der Diener des Philosophen“ erschienen. Heidenreich wirkt an der Universität Stuttgart als Politikwissenschaftler, 2022 debütierte er mit seinem Roman „Ich erinnere mich noch“. Nun also ein Roman über Kant, seinen Diener Lampe, der, nachdem er im preußischen Heer diente, Kants Haushalt besorgte und dann, als er mit dem Trinken anfing, von Kant entlassen wurde, sowie Kants späterem Sekretär, dem Königsberger Theologen und Kantor Ehregott Andreas Christoph Wasianski. Im Klappentext, den ich hier gerne wiedergebe, weil es mir eine Zusammenfassung erspart, so daß ich meine Originalität auf andere Dinge verschwenden kann, liest sich das so:

„Als der ehemalige Soldat Martin Lampe in den Dienst des jungen Philosophen Immanuel Kant tritt, beginnt ein Kampf zwischen Herr und Knecht. Lampe entwickelt eine eigenwillige Form des subtilen Widerstands: Nach außen gibt er den Trottel, doch in Wirklichkeit versucht er mit hinterhältigen Mitteln den Meisterphilosophen vorzuführen und treibt ihn allmählich in den Wahn. Schon bald werden der Diener Lampe und sein Herr zu einem skurrilen, stadtbekannten Paar. Doch auch Kants guter Freund Ehregott Wasianski, der später als erster Biograf Kants berühmt werden wird, hat seine Pläne. Diese zielen vor allem darauf ab, die Gefahr einer Verheiratung Kants abzuwehren, denn dies würde das Ende der genialischen Arbeit Kants bedeuten. Der Autor inszeniert ein Verwirrspiel, bei dem historische verbürgte Fakten und intertextuelle Überblendungen ineinander übergehen. Und so liefert dieser Roman nicht nur Unterhaltung, sondern zugleich einen philosophisch informierten Blick in die Abgründe der Aufklärung.“

Eine Art Herr-Knecht-und-Intrigen-Geschichte, wie sie auch in den Komödien des 18. Jahrhunderts üblich war. Vom Tonfall und den teils absurden Szenen erinnert diese Geschichte zuweilen an die Prosa von Robert Gernhardt, der ebenfalls gerne solche komplexen philosophisch-alltagspraktischen Verwicklungen konstruierte – etwa in seinem Band „Kippfigur“ die Erzählung „Das Buch Ewald“. Der Humor darin ist bei Gernhardt wie auch Heidenreich ein heiterer – kein böser, bitterer, galliger. Doch auch bei diesem wird es zuweilen ernst. Neben dem heiterem Ton findet sich manch melancholische Wendung, wenn es um die endlichen Dinge geht, sowie eine profunde Kantkritik, die diese Erzählung begleitet: nämlich in der Figur des legendären Dieners Lampe. Während ein Teil des Romans in der personalen Erzählweise aus der Sicht Wasianskis erzählt wird, läuft der andere Teil aus der Ich-Perspektive Lampes und wie er Kant nicht etwa als seinen Herren, sondern als Feind betrachtet. Lampe unterläuft und sabotiert die im zugeschriebene Aufgabe.

„Die Rolle, die er mir zugewiesen hatte, spielte ich ihm vor. Doch der trottelige Diener, den er in mir sehen wollte, sollte ihm zugleich die empfindlichsten Niederlagen auf dem Felde der Philosophie zufügen.“

Und an anderer Stelle:

„Ich wollte nicht mehr dumm sein, ich wollte lernen, sprechen, denken können, genau wie jene, die ich bediente.“

Das hat schon auch etwas Anrührendes. Das Herr-Knecht-Ding bekommt insofern noch eine besondere Dialektik, als daß Lampe sich in den scheinbar dummen Kriteleien an Kant, die er in Kants Gesellschaften als vermeintlich einfältiger Diener von sich gibt, einer Kritik bedient, wie sie später dann Hegel an Kants Erkenntnistheorie üben sollte. Das vermeintlich Triviale ist ganz und gar nicht trivial. Die Wahrheit des Herren ist der Knecht: Hinsichtlich der Grenzen der menschlichen Vernunft hat Lampe, als Kant mit einem weitgereisten Gast im Gespräche über solche Fragen dozierte, jene Hegelsche Antwort aus seiner „Wissenschaft der Logik“ parat und er warf:

„aus der dunklen Ecke des Raumes die Frage ins Gespräch, ob man denn, wenn man eine Grenze ziehe, nicht zugleich etwas über die andere Seite der Grenze wissen müsse, ganz so, wie man ja auch über den Gartenzaun blicke, worauf der Gast mir Recht gab und zugleich beipflichtete, dass ja die These, der Mensch könne Unendliches nicht erkennen, nur sinnvoll zu denken sei, wenn wir zugleich eine klare Vorstellung von Unendlichkeit hätten. Überhaupt, gab ich zu bedenken, seien Grenzen ohnehin eine recht fließende Sache, schon ein Blick auf den Strand von Königsberg zeige, dass die Grenze zwischen Land und Meer eine recht sumpfige Angelegenheit sei. Worauf Kant in etwas gereiztem Ton erklärte, dass unser Denkvermögen nach Möglichkeit mehr Präzision aufweisen sollte als der Schlick an der Ostsee, ja dass unsere Begriffe doch wohl messerscharf, absolut messerschaft zu sein hätten, wollte man man nicht in einer ganz und gar versumpften Philosophie enden, zumal er doch genau die soeben geäußerte Ansicht in seinem Hauptwerk widerlegt habe, mich mit einem Seitenblick voller Verachtung streifend – woraufhin wiederum der Gast mich ungläubig anblickte, ganz so, als läge ihm die Frage auf der Zunge, ob Kant sein Hauptwerk geschrieben habe, um seinen Diener zu widerlegen.“

Eine Grenze setzen, heißt bereits, sie zu überschreiten. Einerseits verkörpert Lampe den Typus des gesunden Menschenverstandes (wahlweise als sensus communis übersetzt, wie er auch in Kants „Kritik der Urteilskraft“ auftaucht), andererseits aber entfaltet sich in solcher Kritik bereits jene dialektische Subtilität:

„Kann man denn das Schwimmen lernen, bevor man ins Wasser geht?, fragte ich [Lampe] ihn beiläufig, nachdem er gerade seine Kritik der reinen Vernunft veröffentlicht hatte, in der er es unternahm, die menschliche Erkenntnisfähigkeit zu untersuchen, …“

Hegel formulierte diesen scheinbar schlichten Gedanken in seiner Enzyklopädie derart:

„Ein Hauptgesichtspunkt der kritischen Philosophie ist, daß, ehe daran gegangen werde, Gott, das Wesen der Dinge usf. zu erkennen, das Erkenntnisvermögen selbst vorher zu untersuchen sei, ob es solches zu leisten fähig sei; man müsse das Instrument vorher kennenlernen, ehe man die Arbeit unternehme, die vermittels desselben zustande kommen soll; […] – Dieser Gedanke hat so plausibel geschienen, daß er die größte Bewunderung und Zustimmung erweckt […]. Aber die Untersuchung des Erkennens kann nicht anders als erkennend geschehen; bei diesem sogenannten Werkzeuge heißt dasselbe untersuchen nichts anderes, als es erkennen. Erkennen wollen aber, ehe man erkenne, ist ebenso ungereimt als der weise Vorsatz jenes Scholastikus, schwimmen zu lernen, ehe er sich ins Wasser wage.“

Solche philosophischen Späße wie auch der Ernst, der darin steckt, machen „Der Diener des Philosophen“ anregend: jene zentrale Passage etwa, als in Kants Haus ein Buch aus England eintrifft und es fällt der Skeptiker David Hume in Kants Denken ein, versetzt ihm einen Faustschlag, weil Hume die überkommene dogmatische Schulmetaphysik ihres Fundaments beraubte, so daß ein für allemal der dogmatische Schlummer, in dem die deutsche Schulphilosophie steckte, bei Kant gebrochen ist. Und mit solcher Wende gerät auch der Roman in ein melancholisches Fahrwasser – gerade im Blick auf Kants letzte Lebensjahre.

Vor allem ist es aber auch die Konkurrenz zwischen Lampe und Wasianski, die das Buch reizvoll macht: Lampe, der Kant entlarven will, um zu zeigen, daß Scharfsinn und Dummheit dicht beieiander liegen und daß womöglich der Scharfsinn Kants zugleich einer hohen Portion Dummheit geschuldet war. Und da ist der sich an Kant anbiedernde Wasianski. Er hat zwar Kant Größe begriffen: das eben, was die Königsberger Gesellschaft nicht zu erfassen in der Lage war, die Kant als einen liebenswerten Zeitgenossen und auch klugen Gelehrten sah und für die „Philosophie nur eine andere Form der Tafelmusik“ war: „Aber sie verstanden nicht, dass Kant im Begriff war, die Welt aus den Angeln zu heben und ein völlig neues Zeitalter zu beginnen. Das verstand nur er, …“ Doch auch Wasianski spielt ein ganz eigenes Spiel: Kants Bild sollte ins rechte Licht gerückt werden, Kant mußte von einer Ehe abgehalten werden, weil diese bürgerliche Institution die Denkarbeit nur stört. Wasianski aber wollte mehr: er gedachte „Kants Philosophie auf eine unmerkliche Weise zum Abschluss zu bringen, indem er Kants Leben, vor allem Kants Freundschaft mit ihm selbst, Wasianski, als dessen letztes und bedeutendstes philosophische Werk zu verewigen suchte.“  Und so galt es, die Nachlaßschriften des gealterten Kants, die in den Augen Wasianskis verworren und wirr waren – im Grunde hätte Kant nach der „Kritik der praktischen Vernunft“ aufhören sollen, so Wasianski – zu beseitigen. Jener über die „Kritik der Urteilskraft“ vermittelte Brückenschlag zwischen theoretischer und praktischer Vernunft ist hier im Spiel. Etwa wenn es bei Kant in seinen späten Notizen um eine Art ätherisches Ich geht, das die verschiedenen, auseinandergerissenen Sphären wieder verbinden sollte, und dieses Ich, hier stockte Wasianski beim Lesen in Kants Notizen der Atem, solle

„selbst der Urheber der Erscheinungen sein. Dasss noch etwas außer mir sei, ist ein Produkt von mir selbst. Ich selbst mache mich selbst …, entzifferte Wasianski.
Was für ein Unsinn!, dachte er. Du törichter Greis!
Einen solchen Unfug vom sich-selbst-setzenden ich mochte bei der Jugend in Berlin für Applaus sorgen. Aber Wasianski würde diesen Rückfall in den blanken Idealismus niemandem durchgehen lassen,  auch Kant selbst nicht.“

Eine schöne Passage fürwahr, als Wasianski die Morgenröte einer neuen Philosophie wahrnahm, die für ihn jedoch nur eine Irrsinnswendung ist. Und es geschieht noch mehr: es galt gar, Kants Philosophie umzuschreiben, sie fürs Volk anschaulich zu machen: „Bilder brauchen wir, Geschichten“. Sozusagen eine Art „Ältestes Systemprogramm“: die Versinnlichung der Ideen und einen biographisch gut veränderten Kant – nach Wasiansiks Bild geformt. Was für eine feine Hybris!

Wasianski ist eine jener mediokren Figuren, die sich in narßistischem Größenwahn zu Besserem berufen fühlen und die Nachlaßverwalter und Schreibautotma ihres Herrn sein wollen.Getragen wird dieser Roman, von Seite zu Seite mehr, von einem grundsätzlichen Zweifel und einem alles durchdringenden Skeptizismus:

„Wasiansik hatte immer geglaubt, es sei ein besonderes Glück in seinem Leben gewesen, diesen Menschen  kennenlernen, ihm dienen zu dürfen. Nun [nach Kants Tod] erschien ihm der Name wie ein Fluch. Vielleicht gibt es gar keine synthetischen Urteile al priori? Vielleicht sind Kategorien einfach nur Worte.“

Wasianski und Lampe: zwei Diener eines Herren. Lampe mag dabei grobschlächtig sein und am Ende des Buches flieht er mit seiner Familie und den beim verstorbenen Kant gestohlenen Manuskripten – eine letzte Rache gleichsam -, aber dennoch wird er als eine Person dargestellt, die sich mit den Mitteln der Aufklärung aus einer nicht immer nur selbst, sondern auch durch die Gesellschaft verschuldeten Unmündigkeit herauswindet.

Am Ende nützen die gestohlenen Manuskripte jedoch auch Wasianski:

„Kant hatte ihn  immer nur benutzt. Aber nun, so dachte Wasiansik plötzlich, werde ich dich benutzen! Ohne Notizen aus dem Nachlass würde er seine Phantasie engültig von der Kette lassen können wie ein Hund. Die Menschheit sollte einen Kant kennenlernen, den er allein sich ausdachte. Wasiansik und Kant – diese Namen sollten für immer verbunden sein.“

Erzählt wird all dies in einem oft heiteren Ton, darin sich aber zunehmend Melancholie und eine Trauer über die Endlichkeit der Dinge mischt. Wir können zwar Unendliches zuweilen schauen, bleiben aber dabei doch endliche Wesen und können damit das Unendliche nicht erkennen, wenn man darin denn Kant folgen will. Dies ist das Drama und der Streitplatz der Philosophie, darin das Ich, der Tod, die Unendlichkeit und das Leben eine zentrale Rolle spielen.

Vielleicht ist dieses in vielen Passagen heitere und anspielungsreiche Buch ein guter, weil lockerer Auftakt fürs Kantjahr 2024. Denn was die Krisen und die Bedrohung durch Rußland betrifft, wird es die nächsten Jahre sicherlich nicht besonders angenehm, und da kann ein wenig Kant guttun, auch wenn wir vom ewigen Frieden weit entfernt sind. Spaßige Anekdote nebenbei, gleich im Auftakt des Buches, als die Reisegruppe mit Kant, Green, Wasianski und Lampe einen Ausflug aufs Land tätigt:

„Sie machten Rast in einem Gasthaus, wo Wein im Garten serviert wurde. Zum ewigen Frieden stand auf einem großen Holzschild. Der Name verwies auf den angrenzenden  Friedhof.“

Felix Heidenreich: Der Diener des Philosophen, ISBN 978-3-8353-5530-9, € 22,00
Wallstein Verlag 2023

Weihnachtlicher Gabentisch (1)

Schauen wir einmal, wie viele Empfehlungen ich hier parat habe, die dann unter dem guten alten deutschen schönen und hoffentlich prächtig mit Lametta, Kerzen und Kugeln geschmückten Weihnachtsbaum liegen oder die man sich im voraus selber oder anderen schon schenkt.

Da ist einmal: „Erinnern als höchste Form des Vergessens? (Um-)Deutungen des Holocaust und der ‚Historikerstreit 2.0‘“, herausgegeben von Andreas Stahl, Jakob Hoffmann, Marc Seul, Stephan Grigat, erschienen im Verbrecher Verlag  für 29 Euro mit 470 Seiten.

Und da ist zum anderen „Probleme des Antirassismus. Postkoloniale Studien, Critical Whiteness und Intersektionalitätsforschung in der Kritik“; herausgegeben von Ingo Elbe, Robin Forstenhäusler, Katrin Henkelmann, Jan Rickermann, Hagen Schneider und Andreas Stahl, erschienen in der Edition Tiamat, ebenfalls für 29 Euro.

In beiden Büchern gibt es eine Kritik an einer intersektionalistischen und postkolonialen Linken, und zwar von links her. Die Resultate solcher Intersektionalität sehen wir im Augenblick teils an den Universitäten und auch auf den Straßen in Neukölln und anderswo, wenn dort die Hamas abgefeiert wird oder wenn nicht nur klandestin, sondern ganz offen dazu geschwiegen wird, wenn Juden wieder ins Gas gewünscht werden oder wenn intersektionalistische Feministinnen einen großen Internet-Aufschrei hinbekommen, weil mutmaßlich ein Rockstar bei Aftershowpartys Grenzen überschreitet oder weil seinerzeit vor wenigen Jahren eine schwarze Aktivistin sich auf der Frankfurter Buchmesse von rechten Verlagen angeblich bedroht fühlte. Wenn aber israelische Frauen von arabischen Terroristen unter Allahu-Akbar-Rufen geschändet, bespuckt, vergewaltigt, blutig gefickt und dann im Internet demütigend zu Schau gestellt werden und zahlreiche Menschen dies bejubeln und sich an solcher Demütigung von Frauen beteiligen, dann herrscht mit einem Mal ein großes und laut vernehmbares Schweigen. All das aber ist nicht vom Himmel gefallen und kommt ganz plötzlich.

Das, was in diesen Büchern thematisiert wird, so scheint es mir nach dem Überfliegen des Inhaltsverzeichnisses und nach losem Blättern, ist das Resultat einer seit Jahrzehnten sich zutragenden nicht nur verhängnisvollen, sondern auch unsäglichen Entwicklung bei Teilen der Linken. Ein Denken, das mittlerweile nicht nur in US-Hochschulen Fuß gefaßt hat, sondern ebenso an deutschen. Und das hat auch – oder zu einem großen Teil – etwas mit dem Theorieüberbau zu tun.

„Keine Ferne macht dich schwierig“ – Dirk von Petersdorff „Romantik. Eine Einführung“

RR_126_PetersdorffZur Romantik gibt es zahlreiche Publikationen, wissenschaftliche wie auch populärwissenschaftliche Bücher. Das neueste Buch stammt von Stefan Matuschek und trägt den Titel  „Der gedichtete Himmel. Eine Geschichte der Romantik“. Das bekannteste Buch dürfte von Rüdiger Safranski verfaßt sein: „Romantik. Eine deutsche Affäre“, erschienen 2007. Beim ersten Lesen damals fand ich dieses Buch hilfreich und inspirierend, der Leser bekam Lust auf die dort vorgestellten Autoren und Texte, und vor allem reichte diese Romantik hin bis zu Kleist und Hölderlin und darüber hinaus noch bis zu Wagner. Safranski schreibt locker und doch nicht banal, so daß Anfänger einen guten Überblick bekommen und eine komplexe Epoche, die man vom Jahr 1795 bis hin zur Mitte des 19. Jahrhunderts und wenn man es weiter fassen will gar bis zum Gesamtkunstwerk Wagners einordnen kann. Einerseits. Erkauft freilich ist dieser Blick damit, daß der Leser zuweilen die Interpretation und die Zuschreibungen Safranskis und nicht die Sicht von Autoren wie Novalis, Wackenroder, Tieck, Schelling oder den Gebrüdern Schlegel geliefert bekommt. Solche Festschreibung und Interpretationsartefakte etablierende Lektüre freilich ist ein häufig anzutreffendes Problem von Einführungen – weshalb es geboten ist, möglichst zeitnah dann auch, nach der Lektüre einer solchen Einführung, die Originaltexte zu lesen, um selber zu urteilen und zu schauen, was geschrieben steht. Dennoch macht Safranskis Buch Lust auf jene Epoche sowie ihre Autoren, es regt zu eigenen Lektüren an und es wirft die Leser mit Emphase und Lust in jene Zeit. Safranski ist ein wunderbarer Stilist und Autor.

Das Grundproblem von solchen Einführungen bleibt freilich bestehen: erst wenn man über den Status des Anfängers hinaus ist, kann man überhaupt die Qualität eines solchen Buches beurteilen; und dann eben benötigt man im Grunde keine Einführung mehr, sondern wundert sich vielmehr über manche Einführung. Und wer auf die Einführung als Anfänger angewiesen ist, kann nicht recht beurteilen, ob das, was dort steht, auch stimmt, gegebenenfalls erfährt man Unsinn und hält solchen Unsinn gar für eine gelungene Sichtweise, die man dann auch noch nachplappert – wie das bei Leuten wie Richard David Precht der Fall ist, wenn sie Einführungen zur Philosophie verfassen. Insofern ist der Leser am Ende auf die Redlichkeit des Autors angewiesen, daß er nicht allzu viele einseitige Zuspitzungen, Interpretationskonstrukte und verengende Lektüren einbaut.

Nun ist im letzten Jahr in der Roten Reihe von Klostermann eine Einführung in die literarische und philosophische Romantik erschienen, und zwar von dem Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Dirk von Petersdorff, gegenwärtig – und passend zum Sujet – wie sein Kollege Stefan Matuschek in Jena lehrend. Und damit sind wir topographisch mitten in der literarischen Romantik, ihren Mythen und Anekdötchen von der wilden Wohngemeinschaft der Gebrüder Friedrich und August-Wilhelm Schlegels in der Leutragasse 5, mit ihren Weibern, Dorothea Friederike Schlegel (geborene Brendel Mendelsohn) und Caroline Schlegel-Schelling, einem Leben jenseits der üblichen bürgerlichen Konventionen, dem Besuch von Novalis, Tieck und Schelling dort, Debatten- und Leseabenden sowie, wie es die Legende will, einem freien Leben und Lieben. Und gar fleißig parodierte der Kreis Schillers Pathos, so etwa tat es August-Wilhelm Schlegel in „Schillers Lob der Frauen“

„Ehret die Frauen! Sie stricken die Strümpfe,
Wollig und warm, zu durchwaten die Sümpfe,
Flicken zerrißene Pantalons aus;
Kochen dem Manne die kräftigen Suppen,
Putzen den Kindern die niedlichen Puppen,
Halten mit mäßigem Wochengeld Haus.“

Später, 1828 beschrieb Ludwig Tieck jene wunderbare Jahre in einer Widmung seines „Phantasus“. An August Wilhelm Schlegel dediziert,  formulierte Tieck:

„Jene schöne Zeit in Jena ist […] eine der glänzendsten und heitersten Perioden meines Lebens. Du und Dein Bruder Friedrich – Schelling mit uns, wir alle jung aufstrebend, Novalis-Hardenberg, der oft zu uns herüber kam: diese Geister bildeten gleichsam ununterbrochen ein Fest von Witz, Laune und Philosophie.“

Doch es ging in Jena um mehr als ein Lebensprojekt, wenn denn Ortsnamen auch für Denkbewegungen stehen sollen. Jena war mit Johann Gottlieb Fichte, Friedrich Schiller und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling ein Zentrum des Denkens der Philosophie und der Kunst, dezentral-zentral gleichsam und eine Pferdereise entfernt lag Weimar. (Hegel kam erst hinzu, als der Zauber vorüber und eine Gestalt des Lebens alt geworden.) Das Szenario Jena um 1800 beschreibt Peter Neumann in seinem Buch „Jena. Republik der freien Geiser“. (Freilich sehr an der Oberfläche geschrieben. Mir hat es nicht besonders gut gefallen. Aber es ist unterhaltsam zu lesen und wer einen schnellen Blick auf jene Jahre werfen möchte, ist halbwegs gut bedient.)

Pointiert und im Sinne der Philosophie und also als gescheite Einführung zu empfehlen ist das Buch die beiden französischen Philosophen und Derrida-Schüler Philppe Lacoue-Labarthe und Jean-Luc Nancy, und zwar „Das Literarisch-Absolute. Texte und Theorie der Jenaer Frühromantik“. In Frankreich damals 1978 ein Standardwerk, zumal darin Texte der Gebrüder Schlegel, Schellings und Novalisʼ sich befinden. Beide Autoren beschreiben diese Szene der Literatur-Philosophie wie folgt:

„Die Personen, die sich in Jena versammeln werden, sind auf unmittelbarste Weise an dieser dreifachen Krise [die soziale und moralische des Bürgertums, die politische Krise der Französischen Revolution und die Kantische Kritik bzw. die Antwort Johann Gottlieb Fichtes in seiner Wissenschaftslehre von 1794, Hinw. Bersarin] beteiligt. Ihr Projekt wird deshalb kein literarisches Projekt sein, es wird keine Krise in der Literatur, es wird vielmehr eine allgemeine (soziale, moralische, religiöse, politische: all diese Aspekte lassen sich in den Fragmenten auffinden) Krise und Kritik eröffnen, die ihren bevorzugten Ausdrucksort in der Literatur oder in der Literaturtheorie findet.“ (Lacoue-Labarthe/Nancy, Das Literarisch-Absolute)

Wenn es um eine Text-Kommentar-Einführung in die literarische und philosophische Frühromantik und um das Studium dieser Zeit geht, ist jenes Buch unbedingt zu empfehlen. Um aber überhaupt erstmal einen schönen und auch gut geschriebenen und klugen Einstieg zu bekommen, greife man zu von Petersdorffs Buch. Es ist im Blick auf die Facetten der Romantik weiter gefaßt und kommt insofern auch unserem Alltagsverständnis entgegen, was wir im gewöhnlichen Gebrauch unter Romantik verstehen: etwa ein romantischer Abend zu zweit. Wer eine schnelle, aber dennoch präzise Einführung lesen möchte, um ein wenig die Kontexte und Zusammenhänge zu erfassen, der greife zu diesem Buch. Von Petersdorff schrieb eine originelle Einführung, die sich in Ton und Stil von den üblichen Einführungen abhebt. Nicht so sehr in dem Sinne, daß darin eine Vielzahl philosophischer Bezüge frühromantischer Ästhetik entfaltet werden: von Kants „Kritik der Urteilskraft“, vom Spinoza-Streit, von Friedrich Jacobi, Schillers „Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen“, Fichtes Wissenschaftslehre von 1794/95, dem sogenannten ältesten Systemprogramm des deutschen Idealismus von 1797 (von Schelling, Hölderlin, Hegel, ganz genau ist die Verfasserschaft bis heute nicht geklärt) bis hin zu Hölderlins Philosophie samt seiner Dichtung und Hegels Kritik der Romantik – die ironischerweise genau aus dem Geist der Romantik erfolgte, weswegen man zu recht auch Hegel einen Philosophen der Romantik nennen kann. Denn was sie alle gemeinsam verbindet, ist die Frage nach dem Absoluten und wie es in der Sprache und als Denken in eine Darstellung zu bringen ist. All diese philosophischen Voraussetzungen fehlen zwar in dem Buch, und man hätte sie durchaus einbauen können, doch da von Petersdorffs Methode – mithin sein Weg – ein anderer ist, kann man dieses Fehlen zugleich entschuldigen. Und damit sind wir, frei nach Hegels Kapitel aus der „Wissenschaft der Logik“ bei der Frage, womit der Anfang gemacht werden muß. Am besten mit dem Anfang, und das heißt, daß wir zunächst einmal anfangen, ohne die Präliminarien zu prüfen. „Der romantischen Anfänge um 1800“, so von Petersdorff, „fanden in Wohngemeinschaften statt.“ Das würde ich als Auftakt nicht ganz so sehen, eher schon, daß an bestehende Probleme und Fragen der Philosophie und der Literatur angeknüpft wurde und daß sich, um in die Debatten und Live-Gespräche zu treten, eben auch jene Lebensform des gemeinsamen Denkens und Wohnens anbot, sei es in Jena oder die Gemeinschaft von Friedrich Schlegel und Friedrich Schleiermacher in Berlin. Nicht das Wohnen per se, sondern bestimmte Fragen und Probleme des Denkens bildeten das Zentrum, von dem alles ausging und woran jene Autoren anknüpften.

Um dabei in jene „wilden Jahre der Philosophie“ (R. Safranski) und auch der Literatur und überhaupt einer speziellen Form des ästhetischen Denkens zu gelangen, bietet von Petersdorffs Buch dennoch einen guten Zugang. Stichpunktartig greift er Ansätze dieses Denkens der Romantik heraus, so von Novalis die Überlegungen zum Unendlichen und Friedrich Schlegels Konzept von Ironie, dem Romantisieren, um dem eigenen Leben eine Bedeutung zu verleihen. Petersdorff macht Szenarien auf, die den Lesern die für die Romantik wesentlichen Begriffe, wie etwa Unendliches und Gewöhnliches, Ironie, Fragment, veranschaulichen – immer wieder mit einem Ausflug in die Texte, sei es von Novalis oder Schlegel, und durch Zitate, die von Petersdorff erläutert und qua Auslegung in einen Kontext bringt. Oft auf eine unterhaltsame Weise, ohne dabei trivial zu sein. Zuweilen liest sich das Buch wie eine Vorlesung, der man gerne zuhört und wo niemand auf dem iPhönchen sich textend-tindernd ablenkt. Das ist die Stärke dieses Buches. Der Leser steckt nach der Lektüre sofort in einem Denkszenario und bekommt – ganz romantisch gesprochen – ein Gespür für das, was Romantik bedeutet. Es geht von Petersdorff also mehr um die Erfahrung der Bedeutung eines Begriffes und weniger um philosophische Problemhorizonte, wie dies etwa bei Lacoue-Labarthe und Nancy im Titel „Das Literarisch-Absolute“ entfaltet wird. Es soll das Spezifische dieses doch weit gefaßten Begriffes „Romantik“ gegenwärtig gemacht werden.

Das passiert auch durch Petersdorffs Ausgriffe auf die Gegenwart, die er immer wieder in seine Darstellung einbaut: so zum Beispiel in die Welt des Pop: sei das ein Song von Ed Sheeran („Castle on the Hill“ von 2017) oder James Camerons Titanic-Verfilmung mit Kate Winslet und Leonardo DiCaprio von 1997 oder aber die Gedichte von Rolf Dieter Brinkmann, die Songs von Bob Dylan und von Tocotronic. Zentral in diesem Kontext des Ausschweifens in die Welt ist auch Wolfgang Herrndorf und das von Eichendorffs „Taugenichts“ romantisch inspirierte Reisemotiv im „Tschick“, auf das Gustav Seibt in einer Rezension hinwies und das Petersdorff im Sinne von Eichendorff und Novalis‘ „Heinrich von Ofterdingen“ aufgreift. Es werden hier also durch unterschiedliche Texte Bezüge und Verbindungen auch zu unserer Gegenwart erzeugt, die den Lesern bestimmte Motive verdeutlichen. Diese Motive sowie die Form ihrer Darstellung sind für die Frühromantik und darüber hinaus spezifisch und machen den Begriff aus. Insofern finden wir in diesem Buch nicht nur den Blick in eine Epoche der deutschen und englischsprachigen Geistesgeschichte (die französische Romantik kommt in dem Buch leider kaum vor), nämlich jener Zeit zwischen 1795 und 1850, sondern ebenso aktualisiert Petersdorff jenes romantische Gefühl nach Unendlichkeit und jenes Sehnen auch zur Gegenwart hin. Das Unendliche, die unendliche Reflexion sollen die Empfindungen und all unsere Sinne berühren und nicht bloß den Verstand – schließlich ging es nicht nur der Romantik darum, das Verstandesdenken zu überwinden – zugunsten einer umfassenden, vielfältigen Vernunft. Das Absolute wäre nicht absolut, umfaßte es nicht auch diesen Bereich des Empfindens und der Affekte. In diesem Sinne ist es konsequent, daß ins Denken der Romantik auch lebens- und existenzphilosophische Aspekte Einzug halten: „‚Romantisieren‘: dem eigenen Leben Bedeutung verleihen“ heißt eines der Kapitel. Die Frage nach dem Verhältnis von Unbedingtem und Bedingtem und wie dieses in eine Sprache und damit auch in eine Anschauung gebracht werden kann, ist für das endliche Leben und die Weise des Reflektierens sterblicher Lebewesen zentral. Oder wie es in Novalis‘ „Blüthenstaub“-Fragement – veröffentlicht 1798 in der Zeitschrift „Athenäum“ der Gebrüdern Schlegel –  schrieb: „Wir suchen überall das Unbedingte und finden immer nur Dinge.“ So bereits taktet die Fragmentsammlung im ersten Satz auf.

Solche philosophischen Bezüge wie auch die unterschiedlichen Phasen der Romantik, von Jena bis hin nach Heidelberg, verfolgt von Peterdorff. Fein auch, daß Autoren wie Clemens von Brentano zu Wort kommen. So etwa dessen wilder Roman „Godwi oder Das steinerne Bild der Mutter“ von 1801, und darin der Wechsel der Erzähler und die Auflösung konventioneller Erzähl-Muster stattfinden und auch der Einschlag eines selbstreflexiven Erzählens, in dem immer einmal wieder die eigene Erzählhaltung kommentiert wird. Ebenso das Geschlechter-, Liebes- und Reflexionsspiel, das in Fr. Schlegels wunderbarem Roman „Lucinde“ durchdekliniert wird. Ebenfalls von Petersdorff erwähnt, doch weniger schön und ästhetisch anregend, ist der bei Achim von Arnim und bei Brentano wirkende Antijudaismus bzw. Antisemitismus, so etwa in Brentanos „scherzhafter Abhandlung“ „Der Philister vor, in und nach der Geschichte“. Die spätere Romantik, gerade in der Zeit der Befreiungskriege gegen Napoleon und der Besetzung deutscher Gebiete durch Frankreich ist eben auch durch einen gesteigerten Nationalismus gekennzeichnet. Und hier tritt der Begriff der politischen Romantik in eine verhängnisvollere Konstellation. Was in Novalis‘ fast unschuldig-politischen Schrift „Glauben und Liebe“ noch eine freundliche, idealische Note besaß und in „Die Christenheit oder Europa“ als gewaltlose soziale Utopie eines einigen Europas auftrat, ohne Nationalismus, nimmt im Laufe der Zeit zunehmend politisch-praktischere Züge an, so etwa bei Adam Müller. Die Frage der Französischen Revolution nach einer neuen Form von Gemeinschaft ist Ende des 18. Jahrhunderts und nur wenige Jahre nach dem Terror der Revolution und einer ungeheuren Staatsmaschine bei Novalis, bei Schiller und im Schlegelkreis weiter virulent. Allerdings geht Novalis einen anderen Weg als die Gebrüder Schlegel und auch Friedrich Schiller, dem das Blut der Revolution ebenfalls ein Grauen war, der aber in seinen „Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen“ über den Gedanken der ästhetischen Bildung, daß der Mensch durch die Schönheit hindurch zur Freiheit wandere, eine andere Komponente enthielt als den Glauben und die alle Menschen in einer Gemeinschaft vereinende Religion. Solche Szenarien, bereits in der frühen Romantik angelegt, weisen darauf, daß es sich bei der Romantik nicht nur um eine ästhetische Bewegung handelt, sondern daß darin auch ein politischer, gesellschaftlicher Aspekt steckte. Petersdorff schreibt:

„Die Romantik wählte einen dritten Weg zwischen der alten absolutistischen Ordnung und der neuen Idee der Demokratie, denn sie will den Staat und die Gesellschaft über ‚Glaube und Liebe‘ integrieren, wie es der Titel der Sammlung ankündigt. ‚Uneigennützige Liebe im Herzen und ihre Maxime im Kopf‘ sei die Basis der Staatsverbindung, behauptet Novalis, und damit der Staat das Herz der Bürger erreiche, muss er sichtbar und erlebbar sein – daher die zitierten Vorschläge zum Bild der Königin in den Wohnzimmern und zum Marmorstandbild Schadows. Novalis hält damit an der Monarchie fest. Ein wahrhaftes Königspaar erreiche ‚den ganzen Menschen‘ während die abstrakte Republik mit ihrer Verfassung ‚für den bloßen Verstand‘ gemacht sei. Wenn sich die Bürger an den Herrschern als Idealmenschen orientieren, könne man auf eine Veredelung der ‚öffentlichen Gesinnung‘ hoffen. Der romantische Staat greift also weit aus, will die Gesellschaft formieren und den Einzelnen erziehen, in dessen Privatbereich er mit seinen Zeichen und Symbolen hineinreicht.“

Doch mit Napoleon stand plötzlich ein anderes Europa auf der politischen Tagesordnung. Die europäische Einheit war nicht mehr über eine Kombination aus Gefühl, Glaube und Vernunft zu bewerkstelligen, sondern über die imperiale Politik der Eroberung und Landnahme, wenn auch im Zeichen der französischen Aufklärung und des Code Civil. Und der Staat erwies sich als eine funktionale Angelegenheit. Was eine gewisse postmetaphysische Zerrissenheit nach sich zog, für die Hegel im Kontext der heraufziehendne ästhetischen und sozialen Moderne den Begriff der Entzweiung fand. (Wer diese Zusammenhänge politischer Theorie und Philosophie im Kontext mit Hegels Denken nachlesen will, der greife unbedingt zu der großartigen Studie von Joachim Ritter „Hegel und die französische Revolution“. Das Buch hat mir damals während meines Studiums zahlreiche Bereiche des hegelschen Denkens aufgetan.) Bei von Petersdorff heißt es in bezug auf Novalis weiter:

„Mit ‚Glaube und Liebe‘ liegen die Grundideen der politischen Romantik vor. Sie waren als Antwort auf die Französische Revolution und die Krise der alteuropäischen Ordnung entwickelt worden, aber um 1800 bestand noch kein unmittelbarer Handlungsdruck, und Friedrich von Hardenberg musste auch keine direkten Kriegserfahrungen machen. Dies änderte sich mit den Napoleonischen Kriegen und der Auflösung des ‚Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation‘ (1806). Für den utopischen, auch ein wenig spielerisch-idyllischen Charakter von ‚Glaube und Liebe‘ war kein Platz mehr.“

So leuchtet von Petersdorff die unterschiedlichen Konstellationen und Felder der Romantik aus und schlägt immer wieder den Bogen in die Gegenwart. So etwa über Richard Rortys liberale Ironikern aus „Kontingenz, Ironie und Solidarität“; und auch im letzten Kapitel des Buches „Verjüngungen. Romantik im 20 Jahrhundert und in der Gegenwart“ werden aktuelle Phänomene des Pop, von Bob Dylan bis Tocotronic und auch der Literatur genannt. Ebenso gestreift wird das Thema der romantischen Liebe – bis heute uns beschäftigend. Im Gegensatz aber zur Neubestimmung der Ironie in der Frühromantik, zur Neubestimmung des Fragments, der Etablierung einer Transzendentalpoesie sowie zum Romantisieren und der Suche nach dem Unbedingten kommt es bei der romantischen Liebe nicht zu einer Eigenentwicklung, sondern es werden bereits im frühen 18. Jahrhundert etablierte Kulturformen lediglich aufgenommen. Der Vorstellungskomplex der romantischen Liebe ist in diesem Sinne nicht romantisch, sondern liegt zeitlich vor der Romantik, so von Petersdorff. Dennoch kommen, insbesondere in Friedrich Schlegels „Lucinde“, freiere Formen der Liebe ins Spiel. Unendliche Gespräche und gar ein Spiel mit den Geschlechterrollen, indem sich per Phantasie jeder der Akteure ins andere Geschlecht versetzt. Auch die Briefkultur als Ausdruck ästhetischer und lebensweltlicher Subjektivität gewinnt an Bedeutung und wird ästhetisch fruchtbar gemacht. Petersdorff nennt hier Clemens von Brentanos Korrespondenz mit Sophie Mereau. Ebenso aber kommt auch im heiligen Bezirk inniger heiliger Liebe die Ironie wieder ins Spiel, wie von Petersdorff an einem Gedicht von Heine zeigt.

Was in diesem Buch im Blick auf die Ästhetik, die Kunst, die Philosophie und auch das Spazieren und Reisen freilich fehlt, und das halte ich für eine erhebliche Lücke dieser Einführung, sind die Bezüge zu Wilhelm Heinrich Wackenroder, nämlich die „Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders“, jenes Buch, das man als eines der „Gründungsdokumente“ der Romantik ansehen kann – zusammen zwar mit Ludwig Tieck verfaßt, aber wesentlichen Passagen stammen aus der Feder Wackenroders. Jener Kontrast und doch zugleich das Zusammenspiel zwischen der Kunst Albrecht Dürers und der von Raffael. Nürnberg und Italien. Mit Hölderlin gesagt und wie er im Dezember 1801 in jenem berühmten Brief an den Schriftstellerfreund Casimir Ulrich Boehlendorf schrieb: „Wir lernen nichts schwerer als das Nationelle frei gebrauchen.“ Wesentlich scheint mir dieser Wackenrodertext auch deshalb, weil darin im Feld der Kunst wie auch der Betrachtungen von Welt der Gegensatz zwischen Eigenem und Anderem, zwischen Nationalem und Fremden aufgelöst wurde und hier ein Modell des Miteinanders von Verschiedenem aufschien, das im Laufe der Zeiten und der Zuspitzungen verlorenging. Diese Kurve der Romantik und der Bezug auch zu Hölderlins Denken fehlen leider. Und das Adjektiv „romanisch“ als Beschreibung eines angenehmen Szenarios und einer Stimmung kommt meines Wissens ebenfalls zum ersten Mal bei Wackenroder vor. So im Brief an die Eltern vom 24. Juni 1793: „Nürnberg ist eine Stadt, wie ich noch keine gesehen habe, u hat ein ganz besonderes Interesse für mich. Man kann sie ihres Äußeren wegen in der Art romantisch nennen.“

Nun ist es in einer Rezension zwar immer bequem zu schreiben, was der Rezensent vermißt und was er haben will, zumal ein Autor kaum gehalten ist, den Wünschen des Rezensenten entgegenzukommen. Da es sich in diesem Falle jedoch, aus den oben gerade genannten Gründen, nicht bloß um eine subjektive Präferenz handelt, Wackenroder einen Abschnitt zu widmen, scheint mir dieser Einwand doch gewichtig. Allerdings schmälert er nicht das Buch selbst und die Leistungen von Petersdorffs, eine ansprechende Einführung geschrieben zu haben, die einen Blick auf den Gefühls- und Denkhorizont der Romantik liefert, und zwar in der Weise, daß darin nicht bloß eine Epoche mit ihren unterschiedlichen Ausprägungen beschrieben wird, sondern ein Gefühls- und Denklage, die bis in die Gegenwart des Pop und der Kunst hinein in unterschiedlichen Formen immer wieder zum Tragen kommt und wirkmächtig ist.

Der Schluß des Buches freilich, daß von Petersdorff ausgerechnet mit Dirk von Loetzow den romantischen Sänger wieder auftreten und auferstehen läßt, scheint mir bei aller Liebe zu Tocotronic, die der Rezensent hegt (und dies hat er an vielen Stellen dieses Blogs bewiesen), doch ein wenig weit hergeholt – auch philosophisch genommen. Wenn man es böse wollte, könnte man die Texte von Tocotronic als Slogan- oder Protokollsatz-Dichtung benennen. Aber gut: es geht dem Buch um Gefühlslagen, die einen Teil der Romantik ausmachen und dazu gehört dann eben auch der romantisch inspirierte Pop-Sänger (und die vorletzte Platte hieß ja auch „Die Unendlichkeit“): Keine Ferne macht dich schwierig, kommst geflogen und gebannt und zuletzt des Lichts begierig bist du Schmetterling verbrannt. Das eben ist die selige Sehnsucht, der nur die wenigsten entkommen und das ist es, was wir begehren. Das Absolute steckt zugleich im Augenblick und im Detail. Im Küssen, im unendlichen Gespräch, am Strand der Elbe, gemeinsam auf einer Englandjacke sitzend, während seine Hand zum ersten Mal durch ihr blondes Haar strich. Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren … Und dieses Gedicht eben, von Novalis, aus dem „Heinrich von Ofterdingen, ist neben einiger Dichtung Eichendorffs, eines der schönsten Stücke der romantischen Lyrik:

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freye Leben
Und in die Welt wird zurück begeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu ächter Klarheit werden gatten,
Und man in Mährchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor Einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort

Jenes geheime Reich müssen wir uns erlesen. Und ganz im Sinne der Phänomenologen bleibt dann im Blick auf die Romantik nur zu sagen: Zu den Texten, citoyens!

Dirk von Petersdorff: Romantik. Eine Einführung, Klostermann Verlag 2020 (Klostermann Rote Reihe 126), 162 Seiten, mit farbigen Abbildungen. Kt 16,80 €, ISBN 978-3-465-04394-2

Heiliger Abend und dritter Weihnachtsbuchtip

Während meines Studiums der Literaturwissenschaft Anfang der 1990er Jahre belegte ich einige Seminare auch zum Theater. Unter Theater, zumindest im europäischen Sinne, so dachte ich mir bis zu diesem Zeitpunkt, stellte ich mir ein Geschehen vor, wo Menschen auf einer Bühne stehen und etwas aufführten und in irgendeiner Form eine Geschichte oder Szenen darboten. In diesem Seminar nun begegnete mir eine schon etwas betagtere Studentin aus Persien. In meinen Augen eine alte Frau, vielleicht 60 Jahre, und sie erzählte uns vom Puppentheater. Ich fand das zunächst – auch im Zusammenhang der Texte von Erika Fischer-Lichte, die wir bearbeiteten –, seltsam und dachte, dies sei irgendeine spinnerte Alte, die sich auf ihre alten Tage an der Universität als Student noch einmal verwirklichen wollte. Doch wie sie von diesem persischen Puppentheater erzählte, von den Figuren, dem Spiel der Puppen, den Kostümen, der Bühne, der Inszenierung: da wurde all das plötzlich ganz lebendig und anschaulich und wo ich zunächst dachte „Was für ein Quatsch und Kinderkram!“, da bemerkte ich einen hohen Ernst und eine Schönheit der Sache und wurde neugierig – nur aus der Erzählung der Alten heraus und wie sie dieses Theater und dessen Idee schilderte. Das ist Kunst, dachte ich, und eine höhere vielleicht als all unsere selbstzufriedenen Bühnenaufführungen, wo oftmals Jungregisseure unnütz Geld verprassen und dabei doch das seit Jahren bekannte Einerlei darboten. Die 10.000ste Provokation, die lange schon nicht mehr provoziert. Oder wie es Hans Magnus Enzensberger bereits 1962 schrieb: „Eine Avantgarde, die sich staatlich fördern läßt, hat ihre Rechte verwirkt.“ Man ist angekommen, man ist arriviert. Nicht so dieses herrliche Puppentheater.

Diese Geschichte fiel mir ein, nachdem ich vor einigen Wochen Thomas Hettches Roman „Herzfaden“ gelesen hatte. Er handelt von der Geschichte der Augsburger Puppenkiste, von ihrer Gründung in den Kriegsjahren und zugleich wird aus der Gegenwart eine Geschichte parallel geführt. Wer Urmel, Lukas, Jim Knopf, Kalle Wirsch und all die anderen Puppen mag und wer überhaupt diese Augsburger Puppenkiste schätzt, wird in diesen Roman verliebt sein. Er ist stellenweise berührend schön in seiner Sprache und der Art, wie diese Geschichte erzählt wird. Hettche schafft es, eine Intensität herzustellen und wie ein guter Marionettenspieler erreicht er eben genau jenes Herz des Lesers bzw. des Zuschauers, so daß die Marionette ganz und gar lebendig erscheint. Eben jener Herzfaden, der zentral ist, weil er der Marionette Leben einhaucht. Ganz und gar große Literatur – auch deshalb weil sie nicht nur von Puppen, sondern von uns Menschen und von der Welt des Theaters handelt. Solche Poesie und Intensität paßt vorzüglich auch zum Heiligen Abend. Da wird in Augsburg Hänsel und Gretel aufgeführt, Geschichten werden für die Puppenbühne adaptiert. All das in ganz und gar finsteren Jahren: Krieg nämlich und auch die Auslöschung der Juden in Augsburg. Da ist der ehemalige Theatermann und der neue Gründer der Puppenkiste Walter Oehmichen, dem das Theaterspielen verboten ist und vor allem seine ganz und gar begeisterte, von der Idee der Puppenstube angefixte Tochter Hatü (Hannelore Oehmichen), die nicht nur die Puppen spielt, sondern sich auch zur Marionettenschnitzerin ausbilden läßt. Von klein auf an ist diese Welt der Marionetten Hatüs Welt.

Ein schöner, ein stiller und doch eindringlicher Roman. Vor allem schafft Hettche es – wie schon in „Pfaueninsel“ – eine Zeit anschaulich zu machen: hier die des Nachkriegsdeutschlands und die Zeit des deutschen Faschismus. Frei nach Faulkners berühmten Satz „Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen“ ragt all das Geschehene – auch mittels unserer Fernseherinnerungen – bis in die Gegenwart und daß diese deutsche Geschichte und diese Geschichten, die zugleich unseren Vorrat an Kindheitserinnerungen ausmachen, nicht vergessen werden, dafür sorgt Hettches Puppengeschichte mit Hatü, dem Mädchen, und Hatü als alte, aber bereits tote Frau auf dem Dachboden des Puppentheaters, mit all den Marionetten, dem Hänsel und Gretel, Jim Knopf, Kalle Wirsch, Urmel, dem Storch und vor allem dem armen, traurigen und böse gewordenem Kasper. Auch die Gestaltung des Buches ist klug gemacht. Zwei Geschichten werden parallel erzählt: eine aus der Vergangenheit, die ist in blauer Schrift gedruckt, und eine aus der Gegenwart in roten Lettern. Rot steht dabei für den Vorhang des Menschentheaters; rot ist das Blut der lebensechten Schauspieler. Blau dagegen steht für die wunderbare Welt der Marionetten: der Vorhang eines Marionettentheaters darf nicht rot sein, so Hatüs Vater. Und dazu ein blauer Umschlag und darunter ein roter Leineneinband. Das tote Holz ist und soll in der Erinnerung lebendig werden.

Von solchem Theater der Puppen und ihrer Welt und ebenso von der Menschenwelt, die diesem Reiz erliegt, handelt „Herzfaden“. Es gibt Bücher über die Nazizeit, den Weltkrieg und die Nachkriegszeit, die können vielleicht erst aus gehörigem Abstand heraus geschrieben werden. Thomas Hettches Roman „Herzfaden“ ist solch ein Buch.. Assonanzen zu Kleists Schrift vom Marionettentheater und der Frage der Anmut sind dabei gewollt. Ein wunderschönes Buch, auch um sich daraus an den Weihnachtsfeiertagen vorzulesen.

Thomas Hettche, Herzfaden. Roman der Augsburger Puppenkiste, Kiepenheuer und Witsch Verlag 2020, gebunden 288 Seiten, ISBN 9783462052565, EUR 24,00 EUR

Im übrigen wünsche ich den Leserinnen und Lesern von AISTHESIS ein frohes Weihnachtsfest sowie angenehme Weihnachtsfeiertage, und zwar diesmal mit einem der schönsten und mir liebsten Advents- und Weihnachtlieder. 

Drei Weihnachtsbuchtips für die stillen Tage: Sebastian Ostritsch „Hegel. Der Weltphilosoph“ (2)

Gar nicht groß soll hier zum Ausklang des Hegeljahres dessen Philosophie noch einmal gewürdigt und auch nicht gezeigt werden, weshalb dieses Denken und die mit ihm verbundene Dialektik als Beweglichkeit und Liquidwerden einer Sache wie auch des Denkens selbst und damit als Autoreflexivität wichtig sind. Sondern es stellt sich, wie so oft bei der Lektüre von scheinbar komplexen philosophischen Texten, die alte Frage: Wie anfangen? Wie mit Hegel anfangen, wie kann man als Neuling beginnen? Dem Aspekt also, dem Hegel in seiner „Wissenschaft der Logik“ ein ganzes Kapitel widmete: „Womit muß der Anfang der Wissenschaft gemacht werden?“ Die Frage nach dem Prinzip und dem Grund also, die Frage des Anfangs.

Diese Frage nach dem Prinzip und dem Anfang greift auch einen Hinweis Friedrich Wilhelm Joseph Schellings auf, den er in einem Brief vom 6. Januar 1795 an Hegel schrieb und darin die ganze philosophische Bewegung eines kommenden Zeitalters bereits angedeutet liegt: „Die Philosophie ist noch nicht am Ende. Kant hat die Resultate gegeben: die Prämissen fehlen noch. Und wer kann die Resultate verstehen ohne die Prämissen?“ Diese Prinzipien zu finden, darin bestand fortan die  Arbeit des sogenannten Deutschen Idealismus. Fichtes erste Wissenschaftslehre von 1794, die nach der kantischen einer weiteren Revolution gleichkam, kann als einer der ersten Versuche gelten. Es sollten sich viele weitere anschließen. Über Schelliings Frühschriften bis zur ersten großen Syntheseleistung Hegels in seiner sogenannten Differenzschrift: „Differenz des Fichteschen und Schellingschen Systems der Philosophie in Beziehung auf Reinhold’s Beiträge zur leichteren Übersicht des Zustands der Philosophie zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts“. Eine weitere Auftaktschrift gleichsam in einem an Denk- und Tathandlungsrevolutionen nicht gerade armen Zeitalter des ausgehenden 18. und des aufgehenden 19. Jahrhunderts, wo Hegel Zeitgenosse war. Und so konnte Friedrich Schlegel 1798 im Athenäumfragment 216 schreiben:

„Die Französische Revolution, Fichtes Wissenschaftslehre, und Goethes Meister sind die größten Tendenzen des Zeitalters.“

Um in seiner Vorlesung zur Transzendentalphilosophie im Jahre 1800 in Jena zu sagen:

Die Fichtische Philosophie geht auf das Bewußtseyn. Die Philosophie des Spinoza geht auf das Unendliche.“
 
Dies in etwa ist eine der Konstellationen der Zeit, in der Hegel wirkte.

Wer zum ersten Mal vor Hegels Werk steht und nicht das Glück hatte, in einem guten Philosophieunterricht an der Schule in die Texte geführt zu werden, hockt meist stumm und überwältigt vorm Bücherblock. Denn es türmt sich ein Gebirge vor einem, das die Wucht nicht etwa der Alpen, sondern des Himalaya besitzt. Lesen benötigt nicht nur Kraft und die Fähigkeit zum Verständnis, sondern ebensosehr Zeit, wenn man sich denn auf die Wanderung begeben will, und es ist zugleich so, daß kein Sekundärtext die Lektüre der Primärtexte ersetzen kann, so wie der beste Bergfilm eines Arnold Fanck einem nicht die Erfahrung einer Bergwanderung nahebringt. Wer die Primärtexte nicht versteht wird auch die Sekundärtexte am Ende nicht begreifen, wie mein Lehrer Gerhard Kleining es uns Studenten damals beibrachte. Dennoch gibt es Philosophen, wo es angeraten sein kann, sich nicht sogleich und alleine in den Text zu stürzen – etwas anderes sind Lesekreise und Arbeitsgruppen, wo Menschen sich gemeinsam einen Text erschließen, am besten unter Anleitung eines kompetenten Lesemeisters. Zen oder Katholizismus lernt man auch nicht, wenn man vor sich hin auf den Boden starrt oder sich in eine Kreuzigungsszene versenkt.

Philosophische Einführungen zu Hegel gibt es unzählige. Von Dietmar Dath stellenweise lesenswert und gewitzt der 100-Seiten-Band zu Hegel (bei Reclam erschienen). Kann man nehmen, das Buch macht Lust auf Hegel, bietet aber weniger eine systematische Einführung in Hegels Philosophie und in die Probleme der Zeit, auf die, siehe das Schelling-Zitat, Hegel unmittelbar reagierte, sondern eher geht das Buch von Daths eigener Leseerfahrung aus und schlägt von dieser her den Bogen zu Hegel. Und von Patrick Eiden-Offe ist jüngst bei Matthes & Seitz erschienen „Hegels Logik lesen“. Darin beschreibt Eiden-Offe ein Experiment, nämlich eine Lektüre-Erfahrung und ein Exerzitium: als Nicht-Hegel-Kenner und als Novize im trüben Berliner Winter jeden Morgen eine Stunde in Hegels Logik zu lesen, ohne Sekundärtexte und irgendwelche Kommentare und alles zu vergessen, was man so an Doxographischem über Hegel gelesen und gehört hat. Eine rein textimmanente Lektüre also. Ob solche konstruierte Immanenz eines Wissenschaftlers, der am Ende eben doch mit Vorwissen aus dem Außen kommt, wirklich funktioniert, sei dahingestellt.

Ebenfalls in diesem Jahr erschienen ist Sebastian Ostritschs Buch „Hegel. Der Weltphilosoph“. Ich empfehle es nicht nur Anfängern eindringlich, sondern auch Fortgeschrittenen. In Ostritschs Darstellung von Hegels Philosophie wie auch seines Lebens bekommen nicht nur jene, die noch nicht viel mit Hegel in Berührung kamen, sofort bei der Lektüre des Buches Lust, Hegel selbst zu lesen, sondern auch die, die lange nicht mehr sich mit Hegel beschäftigten. Barthesʼ Wendung von der „Lust am Text“ trifft auf Ostritschs Buch unbedingt zu: selbst für Hegelkenner ist das Buch noch mit Gewinn zu lesen.

In einem gewissen Sinne geht auch Ostritsch – wie Dath und Eiden-Offe – von seiner eigenen Leseerfahrung aus: Ostritsch schreibt voll Emphase und man merkt dem Buch die Freude an, die der Autor an Hegel hat. Ostritsch würde vielleicht nicht so weit gehen wie Klaus Vieweg in seiner Hegel-Biographie, der sich gleichsam als Hegels Bruder sieht, aber auch bei Ostritsch bemerkt man, wie wichtig Hegel als Denker ist – und zwar nicht bloß historisierend, sondern genauso auf die Gegenwart bezogen. Denn Philosophie ist immer auch das Erfassen der eigenen Zeit im Denken und dabei kommt man um Hegel nicht herum – was im Umkehrschluß nicht bedeutet, Hegelianer zu werden. Wer Hegelianer ist, hat Hegel nicht verstanden, könnte man ebenso als Sentenz in den Aphorismus bringen.

Ostritsch setzt dabei in seinem Buch Wegmarken und Orientierungen, ohne eine doxographische Lesart zu etablieren, Hegel sei nun dies oder er sei nun das. Er bemüht sich nicht um eine künstliche Aktualisierung Hegels, indem er auf Aspekte gepreßt wird, aber er unterschlägt auch nicht, wie bedeutsam bis heute eine Philosophie ist, die auf das Ganze und damit auch auf das eigene Denken abzielt, das es zu denken gilt – freilich ohne, daß Hegels Philosophie dabei, wie ihr unterstellt wird, abschlußhaft sei. Gerade weil sie die Geschichte und damit das Geschichtliche am Menschen mitdenkt, entstehen immer wieder neue Weisen des Wissens, die Gegenstand der Philosophie werden können, und zwar nicht einfach nur als Bindestrichsoziologie oder als Genitivphilosophie.

Ostritsch erklärt in den jeweiligen Kontexten die hegelschen Begriffe wie Verstand, Vernunft, Wissen, Dialektik, Kunst, Glauben, Geist, Absolutes, Spekulatives. Es werden die einzelnen Hauptwerke wie „Phänomenologie des Geistes“, „Wissenschaft der Logik“, die Enzyklopädie und die Rechtsphilosophie wie auch Hegels Vorlesungen erläutert und ebenso die zeitgeschichtlichen Umstände, in denen Hegel wirkte.  Auch wenn der Umfang eines Buches kein Kriterium für selbiges abgeben sollte: aber diese niemals sich in den Jargon ergehende Einführung geschieht auf einem übersichtlichen Format, so daß, wer Lust hat, sich mit Hegel zu befassen, rasch eine Orientierung bekommt. [Für alle, die dann ins Detail, also in Hegel selbst, einsteigen wollen und parallel zur Hegellektüre sich weiter in Hegels Denken vertiefen wollen, sei von Thomas Sören Hoffmann empfohlen „Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Eine Propädeutik“ (matrix Verlag). Eine ebenfalls vorzügliche Einführung, die sehr detailreich Hegels Philosophie nahebringt, ohne in einen kruden Hegelianismus zu gleiten oder hagiographischen Bestrebungen zu huldigen. Und wer es spannend erzählt haben möchte über Hegels Leben, der greife zu Klaus Viewegs und Jürgen Kaubes Hegelbiographien.]

Es gibt eine Vielzahl an Einführungen zu Hegel. Doch Ostritschs in diesem Frühjahr erschienenes Buch ist die bisher beste Einführung, die ich in Hegels Denken gelesen habe. Sie ist geistreich und doch an der Sache orientiert geschrieben; und es ist der ideale Einstieg in Hegel, um dann freilich sofort mit Hegel selbst zu beginnen. Oder vielleicht umgekehrt: Einfach als Hegel-Test mit der Vorrede und der Einleitung der „Phänomenologie des Geistes“ (1807 erschienen) beginnen – ich halte diese beiden Texte immer noch für den besten Einstieg – und vielleicht dazu den Aufsatz „Wer denkt abstrakt?“ lesen: ein teils literarischer und teils hoch komischer Text, der unter anderem auf dem Marktplatz von Bamberg spielt, wenn da die Hökers- und Eierfrau auftaucht:

„Alte, ihre Eier sind faul, sagt die Einkäuferin zur Hökersfrau. Was, entgegnet diese, meine Eier faul? Sie mag mir faul sein! Sie soll mir das von meinen Eiern sagen? Sie? Haben ihren Vater nicht die Läuse an der Landstraße aufgefressen, ist nicht ihre Mutter mit den Franzosen fortgelaufen und ihre Großmutter im Spital gestorben, – schaff sie sich für ihr Flitterhalstuch ein ganzes Hemd an; man weiß wohl, wo sie dies Halstuch und ihre Mützen her hat; wenn die Offiziere nicht wären, wär jetzt manche nicht so geputzt, und wenn die gnädigen Frauen mehr auf ihre Haushaltung sähen, säße manche im Stockhause, – flick sie sich nur die Löcher in den Strümpfen! – Kurz, sie läßt keinen guten Faden an ihr. Sie denkt abstrakt und subsumiert sie nach Halstuch, Mütze, Hemd usf. wie nach den Fingern und anderen Partien, auch nach [dem] Vater und der ganzen Sippschaft, ganz allein unter das Verbrechen, daß sie die Eier faul gefunden hat; alles an ihr ist durch und durch mit diesen faulen Eiern gefärbt, dahingegen jene Offiziere, von denen die Hökersfrau sprach – wenn anders, wie sehr zu zweifeln, etwas daran ist -, ganz andere Dinge an ihr zu sehen bekommen mögen.“ (Hegel, Wer denkt abstrakt)

Hegel lebte zu der Zeit, als er diesen Text 1807 schrieb, in Bamberg und arbeitete als Redakteur bei der „Bamberger Zeitung“, aus Jena kommend, der Stadt der Philosophie damals. Der Aufsatz Hegels aus Bamberg beginnt übrigens wie folgt und er beginnt mit der Sache selbst, mit dem nämlich, was wir alle unterschiedslos tun und beständig machen:

„Denken? Abstrakt? – Sauve qui peut! Rette sich, wer kann! So höre ich schon einen vom Feinde erkauften Verräter ausrufen, der diesen Aufsatz dafür ausschreit, daß hier von Metaphysik die Rede sein werde. Denn Metaphysik ist das Wort, wie abstrakt und beinahe auch Denken, ist das Wort, vor dem jeder mehr oder minder wie vor einem mit der Pest Behafteten davonläuft.“

Diese vermeintliche Abstraktheit nicht nur philosophischer Begrifflichkeit aufzubrechen, sondern auch die Hegelsche Philosophie einsichtig zu machen, dazu trägt Ostritschs wunderbare Einführung einiges bei. Abstrakt ist eben auch das, was allzu konkret an die Sachen sich klammert und nicht über den eigenen unmittelbaren Horizont hinauszublicken und die eigene Bestimmtheit noch mitzudenken vermag, wie das Beispiel der Hökersfrau zeigt. 

Sebastian Ostritsch: Hegel. Der Weltphilosoph, Propyläen Verlag 2020, 320 Seiten, ISBN 9783549100158, EUR 26,00

Drei Weihnachtsbuchtips für die stillen Tage: Ute Cohens „Poor Dogs“ (1)

Wer einen Blick in die Welt des modernen Shareholder Value-Kapitalismus der 1990er Jahre werfen will und wer dazu noch über die besinnlichen Tage sich etwas Aufregung gönnen über die Verwerfungen von Macht, Sex, Liebe und Einfluß, nicht nur wirtschaftlicher, sondern auch erotischer Natur lesen will, der greife zu Ute Cohens zweitem Roman „Poor Dogs“. Der Roman taktet gleich zum Anfang mit Konkurrenz auf: zwei Weiber, ein Typ, André nämlich, Protagonist des Romans, und Eva, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird, sowie die blonde Tschechin Dana. Man begegnet sich pikanterweise in einem Hotelzimmer, darin Eva nackt in einem Bett liegt und darin jene Dana hereinstürmt. Nun sind alle drei gleichermaßen pikiert und peinlich berührt, jeder auf seine Art.

Aber wie das so ist, wenn man rational die Dinge strukturiert oder sich zumindest den Schein des Rationalen inmitten der Verzweiflung geben will: Eva reagiert mit einer sogenannten paradoxen Intervention und ruft alle Beteiligten, wie das in der Wirtschaft üblich ist, zu einem gemeinsamen Meeting, um die Angelegenheit zu klären. Und genau in diesem Milieu solcher Unternehmenskultur, die alles Menschliche und auch das Nichtmenschliche der Warenwelt als eine Sache der Verhandlung und Verwertung sieht, spielt der Roman „Poor Dogs“. Es ist die Welt der Wirtschaft und der großen Unternehmensberatung, es ist der Finanzkapitalismus jener Jahre vor dem großen Crash 2008: gleichsam wie wir wurden, was wir sind. Oder wie es in dem Roman heißt: „Ficken oder gefickt werden, das ist hier die Frage!“ Und das ist durchaus im doppelten Sinne zu verstehen. Die „Poor Dogs“ sind dabei in der Sprache dieser Art von Wirtschaft die Verlierer. Und wer will in diesem Leben schon ein poor Dog sein? „Hammer oder Amboß?“ so pflegten früher die Revolutionäre zu sagen. Und das gilt erst recht für die andere Seite. Keine Schwäche zeigen.

Vor allem André will ganz und gar kein Verlierer sein, André ist rational – auf seine Weise, so wie es Narzißten sein können, die die Dinge zu ihrem persönlichen Vorteil abmessen und deren Lebensprojekt einem einzigen großen Plan folgt: dem großen Ich. Seine Rationalität ist instrumentell. André taxiert Menschen und Dinge nach ihrem Wert, dem Wert für ihn nämlich. Der Begriff der Wertschätzung erhält hier gleichsam eine weitere Wendung:

„Eva, Ariane und Swetlana fügten sich in ein Portfolio, das sich perfekt zur Gewinnmaximierung eignete. Evas Labilität verhinderte zwar, dass er sie längerfristig als stabilen Faktor einkalkulieren konnte. Zumindest aber gelang es ihr, sich vom Poor Dog zum Question Mark aufzuschwingen. Sie musst sich jedoch noch bewähren als Ehefrau und Mtter. Ariane wiederum war die Cash Cow par exellence.“

Menschen werden zunächst eingeteilt und dann erst geliebt. Wenn überhaupt. Und passen sie nicht mehr ins Portfolio, werden sie entsorgt, wie Dana. Oder benutzt wie Ariane und Eva. Frauen als Aktienpakete und Anlagemöglichkeit, um gegebenenfalls die eigenen Skills zu steigern. Ob Frau oder Unternehmen: es müssen die Zahlen stimmen. Verdinglichtes Denken par excellence.

André stammt aus gutem jüdischem Hause, der Vater ein glühender Mitterand-Sozialist und ein Laizist, und der Sohn wechselte ins andere Lager: das des Shareholder Value- Kapitalismus, der Unternehmensberatungen, der Rating-Agenturen und er versteckt seine jüdischen Herkunft nicht – anders als sein Vater, der von seinen Eltern den Namen Jean erhielt. „Der Name des Täufers, Jean, sollte hinwegtäuschen über den jüdischen Ursprung, Anpassung, die perfekte Assimilation vorspiegeln.“ Aber was die Eltern wollen, gelingt selten. Kein Laizismus, kein Mitterand-Sozialdemokratismus.

Die Figur des André: Pure Ökonomie, ökonomisches Denken als Kalkül von Zweck und Nutzen, von Einsatz und dem erzielten Profit. Und mit der Wertsteigerung soll auch die  Lustmaximierung einhergehen. Sex belebt das Leben, Sex ist für André wie das Geld ein Lebenselixier, und in dieser Art von Verdinglichung und Verquickung, die André vornimmt, denke ich beim Lesen auch an jene Houellebecq-Figuren, die ebenso die Frauen nach der Art eines Portfolios auswählen und bemesse: was gerade in der Anlagestrategie gut zu einem paßt und was an der Frau den Nutzen für den Mann optimiert. Nur daß dies bei Cohen alles viel weniger schrill und grell ausfällt, sondern in einer subtilen und darum um so gefährlicheren Tonlage daherkommt.

Diese Kombination freilich – Ökonomie, Lust, Judentum – ist, wenn man an die gegenwärtigen Falschwortschnüffler aus der Twitter-Literaturbubble denkt, nicht ganz ohne und kann schnell heikel geraten. (Im Augenblick sind die Flimsen aus der Blase aber am Wimmern und Betteln für ihren Buchblog, um Geld einzutreiben. Ich sage da nur: gebt solchen Leuten keinen einzigen Cent!) Zu häufig wird mittlerweile Literatur daran gemessen, ob sie Vorurteile produziert oder gar „rassistische“ Strukturen den Unterton bilden – dabei übersehend, daß es in der Literatur einen Modus des uneigentlichen Sprechens gibt und daß Figurenrede oder Figurendarstellung nicht eins sind mit der Meinung des Autors.Und nun ausgerechnet das: ein Jude, der das Geld liebt und auch noch Sex und der Frauen benutzt, und das gerne. Als hätte da eine Autorin einen jener ziemlich guten und eben gerade kritischen Witze der Lisa Eckhart über Vorurteilsstruktur und Charakter in ein literarisches und komplexes Bild umgesetzt und eine verdichtete Pointe zu einer Erzählung gedehnt und dann verarbeitet. Nur eben, daß Cohens Roman vor der Skandalisierung des Kabaretts von Eckhart durch die deutsche Gesinnungwacht am Rhein erschien. Aber dennoch eine interessante Gleichzeitigkeit, die den meisten entgangen zu sein scheint. Ein wenig wunderte es mich, daß da der Skandal oder zumindest das Thematisieren dieser Frage ausblieb. Daß André Jude ist, daraus macht Cohen keinen Hehl, und sie zeigt uns einen solchen von seiner hoch unangenehmen Seite und zugleich als einen ungeheuer einnehmenden, interessanten Menschen, der eben sein Ding macht, ohne daß diese Geschichte auch nur eine Quäntchen Antisemitismus enthält oder daß da Klischees reproduziert würden. Ambiguitätstoleranz. Und dieser Umstand macht die Geschichte spannend und auch gut lesbar. Cohen agiert als Autorin mit Witz und mittels Darstellung und nicht mit dem Zeigefinger. Es gibt keinen Schonraum. Ethnien und Herkunft gelten gleichermaßen als Spielmasse:

„Eine tschechische Herkunft hatte kein Renommee. Eine deutsche wäre definitiv besser. […] Es war mehr als ein Spiel. Er musste sie haben! Sie war perfekt für ihn. Und was gab es Prestigeträchtigeres als die französisch-deutsche Freundschaft samt jüdisch-christlicher Versöhnung? Eine Bayerin! War die bayerische Flagge nicht auch hellblau und weiß? Die Bayern ein semitischer Stamm! Er nahm den Montblanc-Füller, parfümierte das handgeschöpfte Papier mit ‚Land‘ von Lacoste und begann zu schreiben.“

Eine Deutsche zu heiraten, Karriere und Aufstieg im Unternehmen. Wir geraten in Cohens Roman in die Welt von Kapital, Intrige und eine bestimmte Form von Unternehmenskultur – sofern man in diesem Sinne von einer Kultur denn sprechen mag. Eine gelungene Parodie auch auf Erinnerungskitsch oder der Instrumentalisierung des Judentums. Das ist auf eine schöne Weise böse und dieses Maliziöse kommt ganz sanft daher, daß man es fast überliest. Was auch daran liegt, daß der Leser (die Leserin auch? Eva auf alle Fälle) von der Figur des André bei allem Abscheu doch auch in den Bann gezogen wird. Lauter gute und liebe Menschen, die einander nur gute und liebe Dinge tun: das ist für die Kunst in der Regel ein langweiliger Fall. Nicht umsonst zeigt etwa David Lynch in „Blue Velvet“ jene freundliche Vorstadtidylle, um sodann, nachdem der Rasen wässernde Vater einen Herzinfarkt erlitt, mit der Kamera ins Erdreich zu gleiten, wo das Gewimmel von Insekten herrscht. In Cohens Roman sind die Abgründe subtil.

Eva und André arbeiten in einer Unternehmensberatung namens McCrowly, was sicherlich nicht zufällig an den Okkultisten Aleister Crowley denken läßt, der sich ebenfalls mit Sexualmagie befaßte und zudem ein Buch mit dem Titel „The Book of Lies“ schrieb. Okkultismus sei die Metaphysik der dummen Kerls, so schrieb Adorno in den „Minima Moralia“, und das gilt in gewissem Sinne auch für den Begriff des freien Marktes als Mantra und Illusion, den all diese Gestalten aus dieser Agentur vor sich her tragen. Nur sind dies jene dummen Kerls und Kerlinnen, die sich schlau und smart vorkommen. Alles ist käuflich, alles handelbar. Und ein Narzißt wie André zieht aus alledem seine Bedeutung und bezieht alles das, was da ist, auf sich. Der Roman schildert und beschreibt. Er bewertet nichts, es werden all die Phrasen und Hohlsätze, die in dieser Welt ihre Anwendung finden, dem Leser präsentiert. Eine Art fröhlicher Positivismus. Teils düster, aber oft auch komisch. Von dieser Welt erzählt Ute Cohen in einer unangestrengten und ziemlich anschaulichen Weise. Menschen in Funktionen, noch im Privaten.

Sie denken, sie führen mit dem Aufzug gesellschaftlich nach oben, wenn sie im Team eines solchen Unternehmens wirken: Eva dünkt sich autonom, sie hat sich von unten nach oben hochgearbeitet, anders als André stammt sie nicht aus dem sogenannten guten Haus, doch sie glaubt an sich, und es lädt die Arbeit im Unternehmen zur Projektion ein: „McCrowly war nur ein Bühnenhintergrund, auf den sie die rauschhaften Bilder ihrer Zukunft projizierte.“ Man reist um die Welt, wird in fremde Länder versetzt, wie eben bei Eva, und denkt, der Glanz des Unternehmens färbe auch auf die eigene Person hab. Bedeutung wird aus dem Habitus gezogen: man liest, man ist gebildet, man kann parlieren. Lauter man. Aber all das hat zugleich seinen Preis, und wie die Protagonistin über sich selbst weiß: „Den diskreten Charme der Bourgeoisie hatte sie sich schließlich in geduldiger Nachahmung und natürlicher Mimesis erworben. Die Doppelbödigkeit einer Chabrol-Figur verkörperte sie mühelos, mit Vergnügen sogar …“ Am Ende ahnt Eva ziemlich genau, daß dieses Leben nicht stimmt und nicht lebt. Der Schluß des Romans, das Ende dieser Geschichte ist seltsam-mysteriös-offen. Da ist André, da ist Eva, beide sind bereit zu einem neuen Projekt in Transnistrien. Man verkauft dem Osten dummes Zeug. Geht die Reise in eine herrliche Utopie oder in eine Art Gemetzel und es wird die Rache Evas an ihrem Adam furchtbar sein? Die Protagonisten sind auf ihre Weise grausam. Jeder auf seine Art. Auch die am Schluß ums Leben kommende Eva-Konkurrenz Ariane. Sinnlos wäre es, von Eva bloß von einem Opfer zu sprechen. Sie macht mit und sie weiß das.

In diesem Sinne könnte dieser zweite Roman ebenfalls „Satans Spielfeld“ heißen, wie schon Cohens Debütroman über den sexuellen Mißbrauch eines Kindes in einem bayerischen Dorf. Ebenfalls agieren hier wie auch dort Menschen, die nur für eines einen Blick haben: das eigene Ich als Kraftfeld von Begehren und Aneignung.

Zwar fand ich „Satans Spielfeld“ vom Erzählen und von der Geschichte her eindringlicher und bewegender, was sicherlich auch am Thema lag. Aber auch mit „Poor Dogs“ liefert Cohen einen genauen Blick auf Menschen, die in einer Welt leben, in der ebenfalls ein großes Stück Besessenheit nötig ist. „Poor Dogs“ ist ein psychologischer Roman über einen Narzißten, der sein Ich gespiegelt sehen will, und es ist ebenso ein Roman über eine von diesem Narzißten in den Bann gezogene Frau. Und wenn diese Ichsucht als Selbsterfüllung und Selbstoptimierung zum Wohl eines Unternehmens geschieht, so nimmt diesen Effekt gerne auch das Unternehmen mit. Zwischen Manager und Verbrecher bestehen, so eine gängige These, zuweilen nur graduelle Unterschiede – zumindest gilt dies für jenen Shareholder- und Brutalo-Kapitalismus, dem es um die Dividende für seine Kunden geht. Von diesem, aber auch von Menschen, die kläglich scheitern, gerade weil sie gar nicht mehr bemerken, daß sie scheitern, erzählt dieser Roman. Er macht vergnügliche Festtage, denn er ist über weite Strecken auch komisch.

Ute Cohen: Poor Dogs. Roman. Septime Verlag 2020, 240 Seiten. EUR 22,90, ISBN 978-3902711878

Und als Ergänzung ließe sich vielleicht noch bei Matthes & Seitz erschienen von Georg Bataille lesen „Der Fluch der Ökonomie“,ebenfalls dieses Jahr erschienen.

Turn on, tune in, drop out, stay home: die metaphysischen Lesetips im Grandhotel Abseits

In meiner Nebenstraße hier irgendwo im Südwesten von Berlin, in einem der ruhigen und friedlichen Viertel, auf die Monika Herrmann Gott sei Dank keinen Zugriff hat, ist es die Tage deutlich ruhiger, kaum Verkehr, wenige Menschen. Das ist gut so, genau wie ich es schätze, die Menschen tun das, was sie am schwersten können: Zu Hause bleiben. Was macht man da? Netflix, Serien, Kinder – schauen wir auf die Geburtenraten in neun Monaten. Kann aber auch sein, daß die Leute sich einfach mit Messern die Kehle durchschneiden. Besser ist es da, das Für-sich-sein zu pflegen und um zum An-und-für-sich-Sein zu gelangen, kann man  ein Buch in die Hand nehmen oder die Texte dieses Blogs hier lesen. Ich gebe also für diese sonnigen Tage ein paar Lesetips zum Besten: Bücher zur Sache, Bücher, die man immer mal wieder zur Hand nehmen sollte. (Nein, Camus „Die Pest“ und Boccaccios wunderbares „Decamerone“ oder bei Reclam erschienen und leider vergriffen „Novellino /Das Buch der hundert alten Novellen“ in italienischer und deutscher Sprache empfehle ich nicht, wenngleich allesamt lesenswert. Die ersten beiden Bücher wurden in diesen Tagen immer einmal wieder genannt. Das letztere sei dazu gegeben.)

Mein metaphysischer Lesetip des Hausherrn vom Grandhotel Abseits für diese Tage ist Martin Heideggers Buch „Die Grundbegriffe der Metaphysik“, und daraus insbesondere die Kapitel zur Langeweile, und zwar aus dem ersten Teil, das zweite, dritte und vierte und fünfte Kapitel, sowie das erste Kapitel des dritten Teils, die da tragen folgende Titel: „Die erste Form der Langeweile: das Gelangweiltwerden von etwas“,

„Die zweite Form der Langeweile: das Sichlangweilen bei etwas und der ihr zugehörige Zeitvertreib“,

„Die dritte Form der Langeweile: die tiefe Langeweile als das ‚es ist einem langweilig‘“, „Die Frage nach einer bestimmten tiefen Langeweile als der Grundstimmung unseres heutigen Daseins“

und schließlich der Höhepunkt des dritten Teils: „Das wirkliche Fragen der aus der Grundstimmung der tiefen Langeweile zu entwickelnden metaphysischen Fragen. Die Frage: Was ist Welt?“

Zeit und Dasein dazu dürfte bei vielen vorhanden sein, vielleicht ja auch die Gestimmtheit. Diese Gedanken zur Langeweile sind insofern interessant, weil Heidegger hier von einer (alltäglichen, lebensweltlich gut präsenten) Erfahrung ausgeht, die jeder Mensch in seiner Weise kennt und bereits einmal gemacht hat: Wenn einem die Zeit lang wird. Und diese Langeweile empfinden viele als eine Sache, die zu betäuben ist – Netflix, Serien, Kinder machen – statt sich ihr einmal ästhetisch auszusetzen und zu schauen: Was passiert? Was geschieht?

Heidegger, Martin: Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt – Endlichkeit – Einsamkeit hrsg. von Friedrich-Wilhelm von Herrmann,
Heidegger Gesamtausgabe Band 29/30
Klostermann Verlag, 3. Auflage 2004; XX, 544 Seiten.
Ln 59,00 €, ISBN 978-3-465-03311-0