Andreas Schäfer erzählt in „Letzter Akt“ von der „Wahrheit, die uns die Lüge der Kunst begreifbar macht“
»Sie sind Agnes, die Tochter eines indischen Gottes in August Strindbergs Traumspiel. Agnes kommt vom Himmel auf die Erde und muss begreifen, wie leidvoll und schmerzhaft das Leben sein kann. Ihr Mantra wird der fatalistische Satz: Es ist schade um die Menschen! Ziemlich desillusionierend. Was hat Sie an der Rolle fasziniert?“
„Die Hoffnung.“ Ihre Antwort kam schneller als beabsichtigt. Vivian legte erstaunt den Kopf zur Seite. „Auch wenn Agnes während ihrer Odyssee ernüchtert wird, verliert sie nie ihr Staunen. Sie bewahrt sich die Fähigkeit, alles, was sie durchlebt, neugierig von außen zu betrachten. Wie eine Zeugin. Und darin liegt für mich ihre Freiheit – und ein Moment von Hoffnung.“
Ein Lächeln auf Vivians Lippen.
„Strindberg ist berühmt für den Krieg zwischen den Geschlechtern, für ein geradezu tragisches Unverständnis zwischen Mann und Frau. (…).«
[…]
»Ich habe mich ständig verwandelt und mich schon als Modedesignerin in Paris gesehen. Ich habe mir die Welt immer anders vorgestellt.«
Auf dem Theater wie in der Malerei spielen Illusionen eine nicht unbedeutende Rolle. Dies gilt für jede Kunst, auch die der Literatur und erst recht die des Lebens, denn die Illusion scheint meist viel schöner als die Realität.
Als Schauspielerin ist Dora, die Protagonistin in Andreas Schäfers Roman „Letzter Akt“, gewohnt, sich ständig zu verwandeln, Rollen einzunehmen und fremde Persönlichkeiten zu verkörpern. Diese Kunst beherrscht sie als Star ihrer Branche perfekt. Auf der Bühne gibt sie eine Göttin, die das irdische Leben entsetzt, ist es doch so ganz anders als sie es sich vorgestellt hat. Eine Erkenntnis, gegen die sich auch Dora lange Zeit mit ganz eigenen Mitteln wehrt. Andreas Schäfer zeichnet diesen Weg in seinem klug konstruierten Roman nach.
Bereits der Titel „Letzter Akt“ weist auf die beiden für den Roman maßgeblichen Künste, das Theater und die Malerei. Die Einstiegs-Szene spielt in einem Atelier, in dem sich Dora auf die ihr ungewohnte Rolle eines Akt-Modells vorbereitet. Der erste Satz dieses dreiseitigen Prologs zeigt, daß die beiden anwesenden Personen sich mehr bedeuten als Modell und Maler, Künstler und Kunstgegenstand. Dora, die Schauspielerin, und Victor, der Maler, sind seit kurzem ein Paar. Zufällig sind sie sich eines Abends als Unbekannte begegnet. Anscheinend weiß Victor nichts von Doras Ruhm, was dieser die Möglichkeit schenkt, von aller Erwartung befreit die neue Beziehung zu beginnen. Als Victor schließlich erfährt, wer sie ist ‑es gilt, sich vor der Meute der Fotografen zu verstecken- , verspricht er, „ich möchte mit dir zusammen sein, nicht von dir profitieren“.
Was in meinem spärlichen Anriss wie eine vorhersehbare Liebesgeschichte klingen mag, entwickelt sich zu einer spannenden psychologischen Konstellation. Im Sinn des Lesevergnügens darf nicht mehr verraten werden, bis auf eines vielleicht, die eingangs vorbereitete Szene wird „Das Leben — eine Illusion“ weiterlesen



